Kardiale Resynchronisationstherapie

Obwohl es grosse Fortschritte der medikamentösen Herzinsuffizienz-Therapie in den letzten Jahrzehnten gab, weist diese Erkrankung weiterhin eine hohe Mortalität auf und führt zu einer schwerzen Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen. Bei gut ausgewählten Patienten ist die kardiale Resynchronisationstherapie eine etablierte zusätzliche therapeutische Option, welche eine Chance zur Verbesserung von einerseits Prognose und anderseits Lebensqualität gibt.

Bien qu’il y ait eu de grands progrĆØs dans la pharmacothĆ©rapie de l’insuffisance cardiaque au cours des derniĆØres dĆ©cennies, la maladie continue d’ĆŖtre associĆ©e Ć  une mortalitĆ© Ć©levĆ©e et Ć  une dĆ©tĆ©rioration grave de la qualitĆ© de vie. Chez des patients bien sĆ©lectionnĆ©s, la thĆ©rapie de resynchronisation cardiaque est une option thĆ©rapeutique supplĆ©mentaire Ć©tablie, qui permet d’amĆ©liorer le pronostic d’une part et la qualitĆ© de vie d’autre part.

Die Herzinsuffizienz bleibt trotz bemerkenswerter Fortschritte in der Therapie in den letzten Jahrzehnten mit einer hohen MortalitƤt assoziiert. Darüber hinaus ist die dekompensierte Herzinsuffizienz der hƤufigste Grund für Hospitalisationen in Europa bei Pateinten Ƥlter als 65 Jahre.(1, 2). Pumpversagen und ventrikulƤre Arrhythmien sind die hƤufigsten Ursachen für das Versterben von Patienten mit linskventrikulƤrer Auswurffraktion (LVEF) ≤ 35% (3). Für gut ausgewƤhlte Patienten, stellt die Device-Therapie eine wertvolle Option dar: eine kardiale Resynchronisationstherapie (CRT) kann zur Verbesserung von Symptomen und Auswurffraktion führen; die Implantation einer CRT mit Defibrillatorfunktion (CRT-D) kann einen plƶtzlichen Herztod verhindern (1).

Funktionsweise

Kardiale Dyssynchronie durch einen Linksschenkelblock (LSB) ist bei Patienten mit Herzinsuffizienz hƤufig (PrƤvalenz zwischen 15 und 25%) und geht mit einer schlechten Prognose einher (4, 5). Mechanisch Ƥussert sich die Dyssynchronie bei LSB mit verzƶgerter Erregung der lateralen Wand des linken Ventrikels. Daraus folgend kontrahiert sie erst zu einem Zeitpunkt, zu dem das Septum bereits wieder relaxiert ist (6–8). Die mechanische Dyssynchronie führt zu BeeintrƤchtigungen der Funktion des linken Ventrikels: dazu zƤhlen die Verminderung der LVEF, Erhƶhung des linksventrikulƤren Füllungsdruckes, Dilatation des Ventrikels und Zunahme einer Mitralinsuffizienz (8). Elektrisch manifestiert sich die Dyssynchronie als Verbreiterung des QRS-Komplexes im EKG (9). Eine CRT kann die elektrische und somit mechanische Koordination im Herzzyklus wiederherstellen. Dies erfolgt durch simultane elektrische Stimulation des linken und des rechten Ventrikels. Die für die Stimulation des linken Ventrikels notwendige Elektrode wird via Koronarsinus meist in eine posterolaterale Vene implantiert und ist dadurch maximal von der rechts-apikal gelegenen ā€žklassischenā€œ Elektrode entfernt (Abb. 1). Durch eine entsprechende Programmierung mit einer an sich unphysiologisch kurz gewƤhlten AV-Überleitungszeit kƶnnen danach entweder beide Ventrikel oder mit komplexen Algorithmen nur der linke Ventrikel bei intrinsischer Überleitung über den rechten Tawaraschenkel rein technisch stimuliert werden (10).
Weil die CRT-Implantation nicht bei allen Patienten den gleichen Erfolg erzielt, ist eine sorgfƤltige Patientenauswahl entscheidend (7). Im folgenden Abschnitt werden die Evidenz und einige Herausforderungen bei der Indikationsstellung vorgestellt.

Evidenz und Indikationsstellung

Die ersten grossen randomisierten Studien, die das Nutzen einer CRT zeigten, waren Comparison of Medical Therapy, Pacing, and Defibrillation in Heart Failure (COMPANION) und Cardiac Resynchronization – Heart Failure (CARE-HF). In COMPANION wurden 1520 Patienten im Zeitraum zwischen 2000 und 2002 eingeschlossen. Einschlusskriterien waren LVEF ≤ 35% unter optimaler medikamentƶser Therapie, NYHA-Stadium III oder IV und QRS-Breite > 120 ms. Die Randomisierung wurde in drei Gruppen durchgeführt: für Placebo, konventionelle CRT (CRT-P) und CRT-D. Den primƤren Endpunkt, eine Kombination aus GesamtmortalitƤt oder Hospitalisationen, erreichten signifikant weniger Patienten beider Device-Gruppen. Bemerkenswert ist, dass der Unterschied beim sekundƤren Endpunkt, GesamtmortalitƤt alleine, nur zwischen den Placebo- und CRT-D-Gruppen signifikant war (11). In der CARE-HF Studie wurden 813 Patienten mit Ƥhnlichen Einschlusskriterien wie in COMPANION in zwei Gruppen randomisiert: für das Fortführen der optimalen medikamentƶsen Therapie alleine oder für die zusƤtzliche Implantation eines CRT-Ps (12). Weil in CARE-HF keine CRT-D implantiert wurden, erklƤrte sich die beobachtete tiefere GesamtmortalitƤt in der Device-Gruppe unter anderem auch durch verhinderte FƤlle von plƶtzlichem Herztod aufgrund der Verbesserung der LVEF (8). CARE-HF und COMPANION beeinflussten massgeblich die ursprünglichen Leitlinien zur CRT-Implantation (13).
SpƤtere randomisierte CRT-Studien schliessen Patienten mit milderer Herzinsuffizienz-Symptomatik ein (hauptsƤchlich NYHA-Stadium II). In den einzelnen Studien zeigte sich ein Vorteil für die CRT-Patienten hinsichtlich Hospitalisationen (14). Erst in einer Metaanalyse dieser Daten konnte auch ein Überlebensvorteil durch die CRT-Implantation demonstriert werden (14, 15). Die aktuellen Leitlinien beschrƤnken entsprechend die CRT-Indikation nicht nur auf Patienten im NYHA-Stadium III oder IV – diese Intervention kommt auch für diejenigen im NYHA-Stadium II in Frage.
Die Studien nach COMPANION und CARE-HF trugen auch zu weiteren relevanten VerƤnderungen der Leitlinien mit Betonung auf der QRS-Breite und -Morphologie bei der CRT-Indikationsstellung bei (Abb. 2) (1). Am bedeutendsten unter ihnen ist die Multicenter Automatic Defibrillator Implantation Trial with Cardiac Resynchronization Therapy (MADIT-CRT) Studie. In dieser Studie wurden 1820 NYHA II Patienten mit LVEF ≤ 30% und QRS-Breite > 130 ms eingeschlossen. Der primƤre Endpunkt wurde als eine Kombination aus GesamtmortalitƤt oder Verschlechterung der Herzinsuffizienz festgelegt (16). Dieser wird bei der Interpretation der Ergebnisse kontrovers diskutiert: Obwohl signifikant weniger Patienten der CRT-Gruppe den kombinierten Endpunkt erreichten, konnte kein Unterschied im harten Endpunkt GesamtmortalitƤt demonstriert werden. Somit trug der ausgewƤhlte weiche Endpunkt Verschlechterung der Herzinsuffizienz, durch gesteigerten Diuretika-Gebrauch definiert, massgeblich zum positiven Studienergebnis bei (17). Eine weitere wichtige Erkenntnis konnte aus den MADIT-CRT Ergebnissen gewonnen werden: In den Subgruppenanalysen zeigte sich, dass nur die Patienten mit einem typischen LSB von der Intervention profitierten (Tab. 2) (6). Hingegen bekamen diejenigen mit RSB oder unspezifischer QRS-Verbreiterung keinerlei Vorteil durch die CRT (1, 10, 16, 17).

Faktoren für ein Ansprechen

Der Einfluss der Device-Implantation auf den natürlichen Verlauf der Herzinsuffizienz wird als Ansprechen auf die CRT bezeichnet. Eine universelle Definition und Quantifizierung diesbezüglich gibt es nicht: in 26 relevanten CRT-Studien wurde die Ā«ResponseĀ» auf 17 verschiedene Arten festgelegt. Sie umfassen eine Reihe von klinischen und echokardiographischen Parametern wie NYHA-Stadium, LebensqualitƤt, 6-Minuten-Gehtest oder LVEF-Ƅnderung. Bemerkenswert ist, dass in den CRT-Studien konsistent 25-30% der Patienten die jeweilig definierten Kriterien für Ansprechen nicht erreichen konnten (18).
Eine gute Patientenselektion ist somit entscheidend, um ein Ansprechen auf die CRT erzielen zu kƶnnen und unnƶtige Interventionen mit den damit verbundenen Kosten und Risiken zu vermeiden. Einer der am besten untersuchten AnsƤtze dafür ist die Echokardiographie. Aufgrund der jedoch tiefen prƤdiktiven Werte der ausgewerteten Dyssynchronie-Parameter eignet sich diese ModalitƤt aktuell nicht, um die optimalen Patienten für eine CRT zu identifizieren (abgesehen von der LVEF-Bestimmung) (19). Als hilfreich zeigen sich bei der Patientenselektion Überlegungen zu extrakardialen Faktoren wie Adipositas, COPD oder PAVK, welche eine Verbesserung der kƶrperlichen LeistungsfƤhigkeit trotz echokardiographischem Ansprechen verunmƶglichen. Für das bessere Ansprechen relevante, aber nicht beeinflussbare Faktoren sind das weibliche Geschlecht und die nicht-ischƤmische Kardiomyopathie. Des Weiteren kƶnnen technische Schwierigkeiten bei der Implantation oder Device-Programmierung im Follow-Up eine Rolle spielen, wie z.B. die Unmƶglichkeit, die Koronarsinuselektrode an einem günstigen Ort zu platzieren (Narbenregion, apikale Position - zu nahe bei der RV-Elektrode), oder weil die Eigenüberleitung wie beim Vorhofflimmern zu rasch erfolgt und somit keine Resynchronisation stattfinden kann (s. Tab. 1 und Abb. 3) (7, 8, 10, 20). Für den positiven Krankheitsverlauf bleibt auch nach der Device-Implantation das Fortführen der optimalen pharmakologischen Therapie im Follow-Up weiterhin notwendig (7, 8).

Patienten mit Vorhofflimmern

Bei Vorhofflimmern kann eine zu schnelle intrinsische Eigenüberleitung in den Ventrikel zum Verringern des Anteils der biventrikulƤren Stimulation führen. Der Anteil der biventrikulƤren Simulation sollte über 98% aller SchlƤge betragen. Somit ist auf der einen Seite diese Rhythmusstƶrung mit schlechterem Ansprechen auf die CRT assoziiert. Auf der anderen Seite wurden leider nur wenige Patienten mit Vorhofflimmern in den grossen, bereits hier vorgestellten CRT-Studien eingeschlossen (21). Jedoch ist das Vorhofflimmern auch eine hƤufige KomorbiditƤt in der Herzinsuffizienz und findet sich bei über 25 % der Patienten in NYHA-Stadium III und IV (22). CRT stellt aber auch hier eine IIa Indikation dar sofern bei den Patienten eine biventrikulƤre Stimulation entweder durch Ablation des Vorhofflimmers oder des AV-Knotens erreicht werden kann. In randomisierten Studien konnte auch für diese Population eine Verringerung der Hospitalisationsrate (für Herzinsuffizienz) bzw. sogar der MortalitƤt und Hospitalisationsrate gezeigt werden. Dies wird mit den kürzlich publizierten Ergebnissen der Ablate and Pace in Atrial Fibrillation plus Cardiac Resynchronization Therapy (APAF-CRT) Studie verdeutlicht: In ihr wurden 102 Patienten mit permanentem VHF und QRS-Dauer < 110 ms für medikamentƶse Frequenzkontrolle oder CRT-Implantation mit anschliessender AV-Knoten-Ablation 1:1 randomisiert (23). Ebenso wurde ein positives Ergebnis beim selben Endpunkt in der Catheter ablation versus standard conventional treatment in patients with left ventricular dysfunction and atrial fibrillation (CASTLE-AF) Studie demonstriert. In CASTLE-AF wurden 179 VHF-Patienten mit CRT-D oder ICD für medikamentƶse Therapie oder VHF-Ablation randomisiert. Die Randomisierung wurde u.a. danach stratifiziert, ob der Patient CRT-TrƤger ist. Somit konnte gezeigt werden, dass auch diese Subgruppe von der Intervention profitierte (24).

CRT bei Herzinsuffizienz und hƶhergradigen AV-Blockierungen

Eine bedeutende CRT-Studie, deren Studienpopulation zur HƤlfte aus VHF-Patienten bestand, ist Biventricular versus Right Ventricular Pacing in Heart Failure Patients with Atrioventricular Block (BLOCK-HF). In ihr wurden 691 Patienten mit LVEF ≤ 50% und Schrittmacherindikation aufgrund eines AV-Blocks eingeschlossen. Die Randomisierung erfolgte zur CRT- oder konventionellen Schrittmacher-Implantation. Die CRT-Patienten hatten ein besseres Outcome hinsichtlich des kombinierten Endpunktes GesamtmortalitƤt, Notwendigkeit für intravenƶse Diuretika oder ≄ 15% Zunahme des indexierten endsystolischen Volumens. Mit hƶherem Anteil von biventrikulƤrer Stimulation profitierten die VHF-Patienten mehr (25). Bei Patienten mit LVEF < 40% und ICD-Indikation konnte in The Dual Chamber and VVI Implantable Defibrillator (DAVID) Studie gezeigt werden, dass mit Zunahme der rechtsventrikulƤren Stimulation das Sterbe- oder Hospitalisationsrisiko zunehmen (26). Basierend auf den Daten aus BLOCK-HF und DAVID wird der Einsatz von CRT statt konventioneller Schrittmacher empfohlen, wenn bei Patienten mit reduzierter LVEF ein grosser Anteil rechtsventrikulƤrer Stimulation zu erwarten ist (1, 25).

CRT Implantationen in der Schweiz

Im kürzlich publizierten Vergleich vom CRT Implantationsverhalten in der Schweiz mit Europa zeigte sich, dass die Schweizer Patienten mit 71 Jahren im Schnitt älter waren und geringere Herzinsuffizienzsymptome aber vermehrt eine chronische Niereninsuffizienzsymptome aber vermehrt eine chronische Niereninsuffizienz aufwiesen. In der Schweiz ist mit 37% der Anteil an CRT-Schrtittmachern höher als im europäischen Schnitt. Einen kompletten LSB wiesen zwei Drittel der Patienten auf, 38% hatten Vorhofflimmern und rund ein Viertel höhergradige AV-Blockierungen (27).

Spezielle Aspekte bei der Defibrillator-Indikation bei CRT-Patienten

HƤufig liegt eine gleichzeitige ICD- und CRT-Indikation vor (Abb. 4) (1, 20, 28, 29). Dies resultiert darin, dass in der Schweiz doppelt so viele CRT-D als CRT-P implantiert werden. Wiederum ist CRT-D im Vergleich zu CRT-P mit hƶheren Kosten und potenziell belastenden Komplikationen behaftet. Dazu zƤhlen unter anderem Infektionen, Elektrodendysfunktion und inadƤquate Schockabgaben (10). Die Entscheidung für oder gegen einen Defibrillator-Back-Up bei der CRT soll ausführlich mit dem Patienten diskutiert werden. Dies ist insbesondere bei der kontroversen Datenlage in der nicht-ischƤmischen Kardiomyopathie wichtig, gilt aber auch bei den KHK-Patienten (1, 30-32). Ein robuster und vielversprechender prognostischer Faktor für das Nutzen der CRT-D-Implantation erscheint das Loate Gadolinium Enhancement (LGE) im Herz-MRI zu sein (30, 31, 33). Es bedarf weiterer randomisierter Studien, um die Auswahlkriterien für die CRT-D-Indikation zu optimieren – wichtige Erkenntnisse in dieser Hinsicht wird die Re-evaluation of Optimal Re-synchronistion Therapy in Patients With Chronic Heart Failure (RESET-CRT) Studie bringen (NCTO3494933).
Das Ziel des Defibrillator-Back-Ups bei der CRT-D ist es, den plƶtzlichen Herztod zu verhindern. Mit Fortschreiten der Herzinsuffizienzm^, aber auch dem Auftreten von KomorbiditƤten, muss dieser Punkt vom Arzt erneut angesprochen werden. Eine Deaktivierung der Defibrillatorfinktion des CRT-Ds auf Wunsch des Patienten ist mƶglich.

Dr. med. Nikola Kozhuharov

Kardiologie UniversitƤtsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Prof. Sticherling hat Referentenhonorare von Microport, Medtronic, Biotronik und Boston Scientific erhalten.
Prof. SchƤr hat Referentenhonorare von Microport und Medtronic erhalten.
Dr. Madaffari und Dr. Kozhuharov haben keine Interessenskonflikte anzugeben.

  • Die Device-Therapie ist eine wertvolle Option für gut ausgewƤhlte Patienten mit symptomatischer Herzinsuffizienz, typischem LSB und einer QRS-Breite > 130 ms.
  • Die primƤrprophylaktische CRT-D-Implantation solll auch sorgfƤltig zusammen mit diesen Patienten evaluiert werden.
  • Es besteht solide Evidenz für die Steigerung der LebensqualitƤt und Lebenserwartung mit dem Einsatz der CRT in dieser vulnerablen Patientenpopulation.

Messages Ć  retenir

  • La thĆ©rapie par appareil est une option intĆ©ressante pour les patients bien sĆ©lectionnĆ©s souffrant d’insuffisance cardiaque symptomatique, avec une largeur LSB et QRS typique de > 130 ms.
  • L’implantation prophylactique primaire d’un CRT-D doit Ć©galement ĆŖtre soigneusement Ć©valuĆ©e avec ces patients.
  • Il existe des preuves solides de l’amĆ©lioration de la qualitĆ© de vie et de l’espĆ©rance de vie grĆ¢ce Ć  l’utilisation de la CRT chez cette population de patients vulnĆ©rables.

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Perioperative Antikoagulation

Die natürliche Hämostase befindet sich in einem Gleichgewicht der Wirkung von prokoagulatorischen und antikoagulatorischen Faktoren. Eine Entgleisung endet oft entweder in Blutung oder in Thrombose. Der operative Eingriff ist eine Intervention, welche trotz kontrollierter blutstillender Verhältnisse eine prothrombotische Wirkung induziert. Bestimmende Faktoren dafür sind die Lokalisation des chirurgischen Traumas, die Dauer des Eingriffs, die Lädierung grosser Gefässe.

Lā€™ā€ŠhĆ©mostase naturelle se situe dans un Ć©quilibre de facteurs procoagulatoires et anticoagulatoires. Le dĆ©raillement se termine souvent par un saignement ou une thrombose. Lā€™ā€Šintervention chirurgicale est une intervention qui induit un effet prothrombotique malgrĆ© une hĆ©mostase contrĆ“lĆ©e. Les facteurs dĆ©cisifs Ć  cet Ć©gard sont lā€™ā€Šemplacement du traumatisme chirurgical, la durĆ©e de lā€™ā€ŠopĆ©ration et la lĆ©sion des gros vaisseaux.

Die postoperative Thromboseneigung wurde bereits in den 70er Jahren erkannt und systematisch mit Heparinen behandelt. Die niedermolekularen Heparine (LMWH) waren Produkte, welche an der Handhabung, Effizienz und Sicherheit dem älteren unfraktionierten Heparin überlegen waren und sich deswegen schnell als indizierte Mittel zur postoperativen Thromboseprophylaxe durchgesetzt haben. Mittlerweile haben die Vielfalt der Operationen, die Verfeinerung der operativen Techniken und die Entwicklung neuer Antikoagulantien die Planung der Thromboseprophylaxe, sowohl für eine bestehende Antikoagulation wie auch für den rein postoperativen Thromboseschutz zur Herausforderung gemacht.

Perioperative Überbrückung einer vorbestehenden Antikoagulation («Bridging»)

Vorhofflimmern und venöse thromboembolische Ereignisse treten mit zunehmendem Lebensalter häufiger auf. Auf Grund der Alterung der Gesellschaft ist es somit wahrscheinlich, dass immer mehr Menschen mit einer längerfristigen Antikoagulation behandelt werden. Wenn bei antikoagulierten Patienten ein invasiver Eingriff ansteht, stellen sich 3 Schlüsselfragen:

  • Wie hoch ist das Risiko für den Patienten, wenn die Antikoagulation nicht unterbrochen wird?
  • Wie hoch ist das Risiko für den Patienten, wenn die Antikoagulation unterbrochen wird?
  • Wie hoch ist die Sicherheit und Wirksamkeit, wenn ein alternatives Antikoagulans zur Überbrückung (Ā«BridgingĀ») eingesetzt wird?

Das klassische Konzept der Bridging-Therapie war die Überbrückung einer Antikoagulatin mit einem Vitamin-K Antagonisten (VKA; z.B. Phenprocoumon) mit einem unfraktionierten Heparin mit Dosisanpassung anhand der aktivierten Thromboplastinzeit (aPTT). In den letzten 20 Jahren wurde jedoch das unfraktionierte Heparin (LMWH) ersetzt. Diese können bei normaler Nierenfunktion in therapeutischer Dosierung subkutan und ohne Laborkontrolle in einem ambulanten Setting verabreicht werden und beinhalten zudem ein eindeutig kleineres Risiko für die Entwicklung einer Heparin-induzierten Thrombopenie. Mit der Einführung der noch neueren direkten oralen Antikoagulanzien (DOACs; z.B. Dabigatran, Apixaban, Edoxaban, Rivaroxaban) hat sich das Management der perioperativen Antikoagulation nochmals deutlich verändert.

Blutungsrisiko
Nicht jeder operative Eingriff geht mit dem gleich grossen Blutungsrisiko einher. Bei einigen Eingriffen ist das Blutungsrisiko so klein, dass eine orale Antikoagulation gar nicht unterbrochen werden muss. Daher handelt es sich vor allem um kleine zahnärztliche, dermatologische oder ophthalmologische Eingriffe (Tab 1). Bei diesen Eingriffen lassen sich Blutungen in den meisten Fällen auch bei antikoagulierten Patienten mit lokalen Massnahmen bestens beherrschen. Das Blutungsrisiko muss jedoch selbstverständlich für jeden Patienten individuell abgeschätzt werden.

Thromboembolierisiko
Die häufigsten Gründe für eine zeitliche unlimitierte Antikoagulation sind die Schlaganfallprophylaxe beim Vorhofflimmern, die unprovozierte und/oder rezidivierte venöse Thromboembolie und der mechanische Herzklappenersatz. Wird die Antikoagulation mit einem VKA durchgeführt, so ist bei einem präoperativen Absetzen des VKA eine überbrückende Antikoagulation nur bei einem relevanten Thromboembolierisiko notwendig. Dieses Risiko ist sowohl von der Indikation der Antikoagulation als auch vom Patienten selber abhängig. Gemäss den ACCP Guidelines von 2012 werden die Patienten bezüglich ihres jährlichen  Thromboembolierisikos in der 3 Risikokategorien stratifiziert (Tab. 2). Während die Guidelines für Patienten mit einem hohen Risiko grundsätzlich ein Bridging empfehlen, kann bei Patienten mit einem niedrigen Risiko die Antikoagulation in den meisten Fällen ohne Bridging mit einer alternativen Substanz unterbrochen werden. Bei Patienten mit intermediärem Risiko müssen sowohl die Risiken des jeweiligen Eingriffs als auch die individuellen Risiken des Patienten zur Festlegung der Strategie einbezogen werden.

Praktisches Vorgehen bei Marcoumar und anderen VKA
GrundsƤtzlich ist das periprozedurale Blutungs- und Thromboembolie-Risiko eines invasiven Eingriffs bei allen Patienten mit dauerhafter Antikoagulation hƶher als bei Patienten ohne Antikoagulation. Diese Tatsache ist unabhƤngig von den ModalitƤten der überbrückenden Antikoagulation und muss mit den Patienten in einem AufklƤrungsgesprƤch besprochen werden. Die publizierten Leitlinien zur Überbrückung einer Antikoagulation beziehen sich meistens auf Warfarin, welches eine deutlich kürzere Halbwertszeit als das Pheprocoumon (MarcoumarĀ®) hat. Beispielsweise wird in den ACCP Guidelines empfohlen, eine VKA-Therapie etwas 5 Tage vor einem invasiven Eingriff mit relevantem Blutungsrisiko zu stoppen und dann falls notwendig auf eine Bridging-Substanz umzusteigen. In der Praxis bewƤhrt es sich jedoch, Phenprocoumon schon mindestens 7 Tage vor einem geplanten Eingriff zu pausieren. Sobald die INR unter 2.0 abgefallen ist, muss in AbhƤngigkeit des Risikos (Tab. 2) die Bridging-Therpie gestartet werden. Die aktuellen Guidelines sehen UFH und LMWH als gleichwertig an, enthalten jedoch keine genauen Angaben über die zu verwendende LMWH-Dosierung. In der Praxis werden heutzutage vorwiegend LMWH zum Bridging verwendet und es hat sich bewƤhrt, die Dosierung Risiko-adaptiert zu wƤhlen: bei hohem Thromboembolierisiko LMWH in therapeutischer Dosis (200 E/kg Kƶrpergewicht/Tag); bei moderatem Thromboembolierisiko LMWH in (hoch-) prophylaktischer Dosis (100 E/kg Kƶrpergewicht/Tag). GemƤss den ACCP Guidelines soll das UFH 6h vor einem invasiven Eingriff gestoppt werden, die letzte Dosis LMWH soll nicht spƤter als 24h vorher appliziert werden. Es muss unbedingt sichergestellt werden, dass zum Zeitpunkt des Eingriffs keine relevante VKA-Wirkung mehr vorliegt. Dehalb empfiehlt es sich, die INR 24h vor dem Eingriff nochmals zu kontrollieren. Sollte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter 1.5 abgefallen sein, kann eine Dosis Vitamin K (z.B. 2-10ā€Šmg KonakionĀ® p.o. oder i.v.) appliziert werden, um eine Korrektur bis zum Zeitpunkt des Eingriffs herbeizuführen (INR am Morgen des Eingriffs nochmals messen!). Nach erfolgtem Eingriff soll 48-72h bis zur Wiederaufnahme einer therapeutischen Antikoagulation in jedem Fall erst dann erfolgen, wenn klinisch kein relevanted Blutungsrisiko mehr besteht. Bei Patienten mit hohem Thromboembolierisiko kann postoperativ die Zeit bis zum Einsetzen einer therapeutischen Antokoagulation mit LMWH in prophylaktischer Dosierung überbrückt werden. Sobald postoperativ die HƤmostase gesichert ist, darf auch der VKA wieder begonnen werden. DIe Bridging-Substanz sollte so lange gegeben werden, bis ein therapeutischer INR an zwei aufeinander folgenden Tagen dokumentiert ist.

Praktisches Vorgehen bei DOAC
Das perioperative Procedere bei Patienten, die mit einem DOAC antikoaguliert sind, ist auf Grund der relativ kurzen Halbwertszeit dieser Substanz denkbar einfach. In der Regel sollen DOAC 24h vor einem invasiven Eingriff mit Blutungsrisiko gestoppt werden, bei hohem Blutdruckrisiko schon 48h vorher. Sobald nach erfolgtem Eingriff die lokale Hämostase wieder gewährleistet ist, kann dann die Antikoagulation mit dem DOAC wieder aufgenommen werden, oft schon ab dem ersten postoperativen Tag. Bei hohem Blutungsrisiko ist es auch möglich, kurzzeitig prophylaktische Dosen zu verwenden. Bezüglich der Details für die einzelnen Substanzen ist auf www.swissmedicinfo.ch verwiesen. Ein eigentliches Bridging mit LMWH entfällt also bei den DOACs, weil die Pharmakokinetik dieser Medikamentenklassen identisch ist. Gelegentlich kann es aber notwendig sein, postoperativ beispielsweise bei nicht möglicher peroraler Medikamenteneinnahme vorübergehend auf eine parenterale Substanz auszuweichen.

Postoperative Thromboseprophylaxe ohne vorbestehende Antikoagulation

Das Risiko für postoperative Thrombosen wurde in verschiedenen Studien bereits früher vor 15 Jahren abgeschƤtzt, z.B. bei der totalen Hüft- oder Knieprothese lag die Rate der postoperativen Thrombosen zwischen 25-40%. Die prophylakrische postoperative Behandlung mit LMWH konnte diese Rate auf < 20% reduzieren. Neuere Operationstechniken und Materialien haben aktuell dieses Risiko auf 4-5% reduziert. Dem entsprechend besteht eine Tendenz das postoperative Risiko genauer zu gewichten und die Patienten demnach in Risikogruppen für Thrombosebildung zu stratifizieren. Dafür werden detaillierte Score-Systeme verwendet (z.B. Caprini-ScoreĀ  oder Rodgers-Score, Tab. 5), welche verschiedene klinische, anamnestische und medikamentƶse Parameter, die mit Thrombosen assoziiert sind, festhalten. Die Stratifizierung kategorisiert die Patienten in 4 Stufen (sehr niedrig, niedrig, mittel, hoch). Die geschƤtzte Thromboserate je nach Stufe wird in Tabelle 4 angegeben. Je nach Risikokategorie wird ebenfalls die Auswahl der Form der Prophylaxe empfohlen, mechanische oder pharmakologische (Tab. 5). Je nach Operationstyp kann diese Empfehlung auch variieren.
In der Literatur sind verschiedene Richtlinien für die Handhabung der perioperativen Thromboseprophylaxe bekannt (Tab. 6). Alle münden in die gleiche Richtung ein, eine Risikostratifizierung z.B. nach Caprini-Score wird prƤoperativ verlangt, je nach Risikokategorie wird die Art der Prophylaxe ausgewƤhlt. Bei den nicht-orthopƤdischen Eingriffen mit sehr niedrigem oder niedrigem Thromboserisiko werden konservative oder mechanische Massnahmen empfohlen, für mittleres oder hohes Thromboserisiko ist die pharmakologische Prophylaxe die bessere Auswahl. In der Schweiz sind die Empfehlungen der ACCP 2012 breiter bekannt. Die pharmakologische Prophylaxe wird mit niedermolekularen Heparinen appliziert (Dalteparin, Enoxaparin, Nadroparin), die Dosierung bleibt bei den allermeisten FƤllen fixiert auf ca. 75 E/ā€ŠKg KG/ā€ŠTag als subkutane Gabe einmal pro Tag. Einige EinschrƤnkungen sind hier zu berücksichtigen (kleines Gewicht < 50ā€ŠKg, Niereninsuffizienz GFR < 30 ml / min), welche zur Dosisadaptation führen. Die Herstellerangaben der Produkte sind hier zu befolgen.
Je nach Operation und Gewichtung der Blutungskonsequenzen kann diese Dosierung reduziert werden (z.B. ZNS-Operationen initial mit halbierter Dosis der LMWH).

Dauer der Thromboseprophylaxe
Lange sahen die Empfehlungen vor, die Thromboseprophylaxe nur während der Hospitalisation zu verabreichen. Neuere Studien insbesondere bei den orthopädischen Eingriffen empfehlen eine Dauer von 5 Wochen postoperativ, bzw. bei persistierenden Risikofaktoren für Thrombosen (Beinimmobilisation, Bettlägerigkeit) auch länger.

Start der Prophylaxe prƤoperativ oder postoperativ
Die offizielle Zulassung der LMWH in Europa schreibt vor, dass die erste Gabe der Prophylaxe 12h präoperativ verabreicht werden soll. Die Rationale dafür liegt Jahrzehnte zurück, als man festgestellt hatte, dass die meisten postoperativen Thrombosen bereits intraoperativ initiiert wurden. Mit der präoperativen Gabe wollte man allfällige thrombogene Herde im Gefässnetz Stunden vor der Provokation unterdrücken, sodass intraoperativ keine Thrombusbildung aktiviert wird. Mittlerweile haben Vergleichsstudien aus den USA mit Enoxaparin, wie auch die Vergleichsstudie mit den neuen direkten Antikoagulantien in der orthopädischen Chirurgie gezeigt, dass die präoperative Gabe eines LMWH keine Vorteile bedeutet. Demzufolge erlaubt die Empfehlung der ACCP 2012 die erste Gabe sowohl 12h präoperativ wie 12h postoperativ zu planen. Kürzeres postoperatives Fenster war mit mehr Blutungskomplikationen assoziiert.

Aspirin zur postoperativen Thromboseprophylaxe
Bereits seit den 90er Jahren war es bekannt, dass Aspirin einen Schutz gegen Thrombosen ausüben könnte, allerdings mit einer Effizienz von nur 50-60%. Im Vergleich zu den LMWH war die eindeutig ungenügend und daher war Aspirin nie für diese Indikation empfohlen. Neuere Daten signalisieren hier eine Wende. Eine kürzlich publizierte Vergleichsstudie zwischen Aspirin 100 mg/Tag und Rivaroxaban 10mg/Tag in einer selektionierten Patientenkohorte mit totaler Hüft- oder Knieprothese hat gezeigt, dass Aspirin gleich effizient und sicher war wie Rivaroxaban. Die Europäische Gesellschaft für Anästhesie hat dies bereits in den offiziellen Empfehlungen aufgenommen, allerdings für Patienten mit niedrigem Thromboserisiko oder für Patienten mit hohem Blutungsrisiko (1). Diese Empfehlung kann leider nicht auf Patienten mit nicht-orthopädischen Eingriffen übertragen werden.

Dr. med. Lukas Graf

Zentrum für Labormedizin, Hämostase- und Hämophiliezentrum St. Gallen
Frohbergstrasse 3
9001 St. Gallen

lukas.graf@zlmsg.ch

Prof. Dr. med. Dimitrios Tsakiris

Klinik für Hämatologie
HƤmatologische Diagnostik Labormedizin
UniversitƤtsspital Basel und Blutspendezentrum beider Basel SRK
Petersgraben 4
4031 Basel

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

  • Ein Bridging der therapeutischen Antikoagulation mit Vitamin K-Antagonisten kann mit einem LMWH je nach Thromboserisiko in therapeutischer (200 E/Kg KG / d) oder subtherapeutischer (100 E / Kg KG / d) Dosierung erfolgen.
  • Ein eigentliches Bridging der DOAC mit LMWH entfƤllt aufgrund der identischen Pharmakokinetik.
  • Postoperativ sind 2018 niedrigere Thromboserisiken zu beobachten als vor 15 Jahren.
  • Die Risikostratifizierung für Thrombosen (Caprini- o. Rodgers-Score) postoperativ definiert die Art (mechanisch oder pharmakologisch) und die Dauer der Thromboseprophylaxe.
  • Aspirin kann neu bei orthopƤdischen Eingriffen (Total-Knie- oder Hüftprothese) bei Patienten mit niedrigem Thromboserisiko postoperativ zur Thromboseprophylaxe eingesetzt werden (100 mg/d p.o.)

Messages Ć  retenir

  • Le pontage de lā€™ā€Šanticoagulation thĆ©rapeutique avec des antagonistes de la vitamine K peut ĆŖtre effectuĆ© avec un LMWH Ć  des doses thĆ©rapeutiques (200 E / Kg KGā€Š/ j) ou sous-thĆ©rapeutiques (100 Eā€Š/ Kg KGā€Š/ j), selon le risque de thrombose.
  • En raison de la pharmacocinĆ©tique identique, il nā€™ā€Šest pas nĆ©cessaire d’Ć©tablir un pontage entre le DOAC et le LMWH
  • En postopĆ©ratoire, le risque de thrombose est plus faible en 2018 quā€™ā€Šil y a 15 ans.
  • La stratification du risque de thrombose (score Caprini ou Rodgers) post-opĆ©ratoire dĆ©finit le type (mĆ©canique ou pharmacologique) et la durĆ©e de la prophylaxie thrombotique.
  • L’aspirine peut maintenant ĆŖtre utilisĆ©e en postopĆ©ratoire pour prĆ©venir la thrombose (100 mg / j p.o.) dans les procĆ©dures orthopĆ©diques (prothĆØse totale du genou ou de la hanche) chez les patients prĆ©sentant un faible risque de thrombose.

Literatur
1. Jenny J-Y, Pabinger I, Samama CM. European guidelines on perioperative venous thromboembolism prophylaxis: Aspirin. Eur J Anaesthesiol. England; 2018 Feb;35(2):123–9.
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3. Caprini JA. Risk assessment as a guide for the prevention of the many faces of venous thromboembolism. Am J Surg. United States; 2010 Jan;199(1 Suppl):S3-10.
4. Falck-Ytter Y, Francis CW, Johanson NA, Curley C, Dahl OE, Schulman S, et al. Prevention of VTE in orthopedic surgery patients: Antithrombotic Therapy and Prevention of Thrombosis, 9th ed: American College of Chest Physicians Evidence-Based Clinical Practice Guidelines. Chest. United States; 2012 Feb;141(2 Suppl):e278S–e325S.
5. Murphy PB, Vogt KN, Lau BD, Aboagye J, Parry NG, Streiff MB, et al. Venous Thromboembolism Prevention in Emergency General Surgery: A Review. JAMA Surg. United States; 2018 May;153(5):479–86.

Die kabellose Revolution

Konventionelle Herzschrittmacher besitzen Elektroden, die über lange Kabel mit dem Schrittmacheraggregat verbunden sind. Diese Kabel stellen die Achillesferse herkömmlicher Systeme dar und können Komplikationen verursachen. Die Implantationsrate von kabellosen Schrittmachern nimmt daher rasch zu. Der folgende Beitrag gibt eine Übersicht über Vor- und Nachteile kabelloser Systeme, Indikationen, Implantationsablauf, Patientennachsorge und mögliche Zukunftsperspektiven.

Les stimulateurs cardiaques conventionnels ont des Ć©lectrodes qui sont reliĆ©es Ć  l’unitĆ© du stimulateur cardiaque par de longs cĆ¢bles. Ces cĆ¢bles sont le talon d’Achille des systĆØmes conventionnels et peuvent causer des complications. Le taux d’implantation des stimulateurs cardiaques sans fil augmente donc rapidement. L’article suivant donne un aperƧu des avantages et des inconvĆ©nients des systĆØmes sans fil, des indications, de la procĆ©dure d’implantation, du suivi des patients et des perspectives d’avenir possibles.

Konventionelle Schrittmacher – sind wir am Ende einer Erfolgsgeschichte?

Bereits wenige Jahre nach der Erstimplantation eines voll implantierbaren Herzschrittmachers 1958 hatte sich die Schrittmachertherapie als Methode der Wahl zur Behandlung bradykarder Rhythmusstörungen etabliert. Technische Neuerungen in den kommenden Jahren verbesserten die therapeutischen Möglichkeiten rasch. Die aufgrund der beschränkten Energiespeicherkapazität initial noch kurze Lebensdauer der Geräte vergrösserte sich mit Lithium-basierter Batteriechemie. Mikroprozessor-basierte elektronische Schaltungen und drahtlose Programmierbarkeit erlaubten patientenspezifische Optimierungen. Beschleunigungssensoren und andere Sensoren ermöglichten mit der «rate-response» eine physiologischere Stimulation des Herzens. Die Implementierung eines zusätzlichen Kabels im Rahmen der Resynchronisationstherapie gestattete auch die Stimulation des linken Ventrikels in Patienten mit Herzinsuffizienz. Moderne Aggregate verfügen über vielfältigste Funktionen. Automatische Optimierungen von Stimulationsoutput (zum Energiesparen), Herzinsuffizienz- und Schlafapnoemonitoring oder Fernüberwachung der Gerätefunktion zuhause repräsentieren nur einen kleinen Teil der heute verfügbaren Möglichkeiten.
Trotzdem besitzen heutige konventionelle Systeme gewichtige Nachteile. Nebst der endlichen Lebensdauer der GerƤte aufgrund limitierter Batteriereserven sind insbesondere die Schrittmacherkabel eine Achillesferse. Die Komplikationsrate nach Schrittmacherimplantation ist erheblich. Bereits zwei Monate nach Implantation erleiden mehr als 10% aller Patienten eine Komplikation, am hƤufigsten bedingt durch die Schrittmacherkabel (1). Initial handelt es sich oft um Kabeldislokationen, im Laufe der Zeit mehren sich Isolationsdefekte und Kabelbrüche (vgl. auch Fallbeschreibung zu Abb. 2). Es liegt daher auf der Hand, durch Vermeidung von Kabeln und Entwicklung von kabellosen Schrittmachern diese Komplikationen zu umgehen. Der Grundgedanke besteht darin, dass das ganze Schrittmachersystem in den rechten Ventrikel eingeführt wird und somit keine Kabel mehr notwendig sind (Abb. 1).

Kabellose Schrittmacher – die aktuelle Studienlage

Die ersten Patienten, bei denen kabellos der Herzmuskel stimuliert wurde, waren Empfänger eines Gerätes zur kardialen Resynchronisation (CRT). Es handelte sich bei den implantierten Geräten nicht um eigentliche Schrittmacher, sondern lediglich um einen kleinen piezoelektrischen Wandler. Dieser konvertierte im linken Ventrikel einen von aussen zugeführten Ultraschallpuls in einen elektrischen Stimulationspuls (2). Der Ultraschallpulsgenerator wird dabei zusätzlich zum CRT-Generator subkutan implantiert. Im Rahmen der WiSE-CRT-Studie wurde dieses Gerät 13 von 17 Patienten erfolgreich implantiert. Es kam jedoch zu drei Perikard-
ergüssen, einer der betroffenen Patienten verstarb (3). Die Studie wurde daher vorzeitig gestoppt. Auch die spƤter publizierte SELECT-LV-Studie zeigte mit 8.6% eine hohe Anzahl an Akutkomplikationen nach Implantation des GerƤtes (4). Der Hersteller des WiSE-CRTĀ®-Systems (EBR Systems) modifizierte daraufhin das Implantat – konklusive Resultate zu diesem Device stehen aus.
Die erste Implantation eines kompletten kabellosen Schrittmachers im Menschen wurde 2012 durchgeführt. 2014 wurden im Rahmen der LEADLESS-Studie Resultate zu 33 Patienten publiziert (5). Sicherheit und Implantationserfolg des ersten kabellosen Schrittmachers (NanostimĀ®, Abbott) wurden dabei untersucht. In 32 von 33 Patienten war die Implantation erfolgreich, bei einem Patienten kam es zu einer Myokardperforation, an deren Komplikationen der Patient verstarb. In der nachfolgenden multizentrischen LEADLESS II-Studie wurden 526 Patienten nach NanostimĀ®-Implantation untersucht. Nach sechs Monaten konnten bei 6.7% der Patienten schwerwiegende Komplikationen beobachtet werden (darunter u. a. 1.6% kardiale Perforationen, 1.1% Dislokationen, 1.2% vaskulƤre Komplikationen, und 0.8% interventionsbedürftige Reizschwellenerhƶhungen) (6). Nach mehreren TodesfƤllen wurde die weitere Implantation des GerƤtes zunƤchst kurzzeitig gestoppt. Im weiteren Verlauf wurden dann Batterieprobleme mit komplettem Deviceversagen beobachtet, was im Herbst 2016 zu einem weltweiten Implantationsstopp dieser GerƤte führte.
LEADLESS I und II hatten gezeigt, dass kabellose Schrittmacher funktionieren und die Implantation einfach mƶglich ist, das GerƤt hatte aber ernsthafte Probleme verursacht. Eine grƶssere Studie zu einem kabellosen Schrittmacher eines anderen Herstellers wurde 2016 publiziert. Es handelte sich dabei um eine prospektive multizentrische Studie, welche die Sicherheit des Micra TPSĀ® (Medtronic) in 725 Patienten untersuchte (7). Auch dieses GerƤt schien einfach implantierbar zu sein und gute Stimulationsparameter zu erzielen. 25 Patienten (3.4%) entwickelten akute Komplikationen (ein Todesfall, 1.6% kardiale Perforationen, keine Dislokationen). Verglichen mit einer historischen Kontrollgruppe mit konventionellen Schrittmachern war die Komplikationsrate der kabellosen GerƤte signifikant geringer. Die Resultate dieser Studie konnten im Rahmen einer weltweiten Registerstudie bestƤtigt werden (8). Das Micra TPSĀ® konnte in 99.6% der Patienten erfolgreich implantiert werden. Im ersten Monat nach Implantation wurden in 1.51% der Patienten ernste Komplikationen beschrieben (darunter 0.13% Perforationen, 0.13% Dislokationen). Die Rate an schwerwiegenden Komplikationen lag damit tendenziell sogar leicht tiefer als in den initialen Studien zum Micra TPSĀ®. Dieser kabellose Schrittmacher ist derzeit als einziger frei erhƤltlich und in Europa zugelassen. Weltweit haben mittlerweile gegen 20 000 Patienten diesen Schrittmacher erhalten. Einen Überblick über die technischen Spezifikationen des Micra TPSĀ® und NanostimĀ® liefert (Tab. 1).

Ā 

Kabellose Schrittmacher – Implantationsablauf und Besonderheiten in der Nachsorge

Im Gegensatz zu konventionellen Schrittmachern werden kabellose Aggregate ganz in den rechten Ventrikel eingeführt. Dazu wird in LokalanƤsthesie (ggf. Sedation) die V. femoralis punktiert, nach einer kleinen Hautinzision der Zugangsweg schrittweise aufgedehnt und schliesslich eine 27-F-Schleuse (Aussendurchmesser) in der Vene platziert. Dadurch wird anschliessend unter Durchleuchtung das ganze Schrittmachersystem mittels eines steuerbaren Katheters via V. cava inferior in die rechte Herzkammer eingeführt (Abb. 2A und 2B). Nach prƤferenziell septaler Platzierung – allenfalls unter Zuhilfenahme von Kontrastmittel zur RV-Ventrikulografie (Abb. 2C) – wird der Schrittmacher durch ein Fixationssystem (Haken oder Schraubmechanismus) am Myokard fixiert. Die mechanische Fixierung wird mittels sanftem Zug überprüft. Nach Kontrolle der üblichen Stimulationsparameter kann der immer noch am Katheter fixierte Schrittmacher definitiv freigelassen oder umplatziert werden (Abb. 2D). Die femoral eingeführte Schleuse wird schliesslich entfernt und die Hautinzision mit einer Z-Naht verschlossen.
Nach Implantation kann der Patient auf einer intermediate care unit oder einer Normalstation mit geschultem Personal weiter überwacht werden. Einer ambulanten Implantation stehen wir sehr zurückhaltend gegenüber, da es auch Stunden später noch zu einer lebensbedrohlichen Perikardtamponade kommen kann. Einige Stunden nach Implantation kann der Patient mobilisiert werden. Üblicherweise führen wir am Folgetag eine Optimierung der Frequenzadaptierung durch Anpassung des Beschleunigungssensor-Vektors durch. Auch die Z-Naht kann meist bereits entfernt und durch einen Verband ersetzt werden. Auf das Heben schwerer Lasten und Benetzen der Wunde sollte in den Folgetagen verzichtet werden, ansonsten sind keine spezifischen Vorsichtsmassnahmen er-forderlich. Wie üblich erfolgt nach Einheilung des Schrittmachers nach ca.
2 Monaten die erste ambulante Kontrolle, die spƤter in jƤhrlichem Abstand wiederholt wird. Patienten mit kabellosem Schrittmacher lassen sich nach Abheilung der inguinalen Punktionsstelle nicht mehr klinisch identifizieren. Das GerƤt kann im Thoraxrƶntgenbild jedoch noch ausgemacht werden (Abb. 2d). SƤmtliche bislang in den Menschen implantierbaren Schrittmacher sind bedingt MRI-kompatibel. Sie müssen aber wie konventionelle Schrittmacher vor und nach der Bildgebung umprogrammiert werden. Auch ist ein MRI erst 6 Wochen nach Implantation zulƤssig.

Kabellose Schrittmacher – für welchen Patienten?

Bei welchen Patienten sollte nun – bei bestehender Schrittmacherindikation – die Implantation eines kabellosen Schrittmachers erwogen werden? Die 2013 publizierten Guidelines der EuropƤischen Gesellschaft für Kardiologie machen noch keine Aussagen dazu (9). Werden sie sinngemƤss angewendet, stellen kabellose Schrittmacher in erster Linie eine Option dar bei Patienten mit AV-Block und Vorhofflimmern. GemƤss einer multinationalen Umfrage ist dies nebst venƶsen Zugangsproblemen (z.B. Verschluss der Vv. subcaviae, Dialysekatheter) und Komplikationen nach konventioneller Schrittmachereinlage tatsƤchlich die hƤufigste Implantationsindikation (10). Eine mechanische Trikuspidalklappe, ein V. cava-Filter und morbide Adipositas mit einem erwarteten Abstand des GerƤtes zum Programmierkopf > 12.5 cm stellen Kontraindikationen zur Implantation dar.

Kabellose Herzschrittmacher – Limitationen und Zukunftsperspektiven

Bei den derzeitig verfügbaren kabellosen Schrittmachern handelt es sich nur um 1-Kammerschrittmacher zur Implantation in den rechten Ventrikel. Die Indikationen zur Implantation solcher Systeme sind limitiert (9), die überwiegende Zahl der heute implantierten konventionellen Schrittmacher sind 2-Kammerschrittmacher oder Resynchronisationsgeräte. Entsprechend werden grosse Anstrengungen unternommen, kabellose Geräte mit VDDR- oder DDDR-Modi zu entwickeln. Diese Programmiermodi erlauben die Detektion der Vorhofaktion und eine entsprechend darauf abgestimmte Schrittmacherstimulation des Ventrikels. Im DDDR-Modus würde sogar eine Vorhofstimulation ermöglicht. Zur Entwicklung genannter Modi werden verschiedene Ansätze verfolgt. Eine Wahrnehmung der aktiven mechanischen Vorhofaktion (A-Welle) scheint theoretisch mit einem Beschleunigungssensor des im rechten Ventrikel sitzenden kabellosen Geräts möglich. Dieser Ansatz wurde im Rahmen der MASS- und MARVEL-Studien untersucht. Es zeigt sich, dass das Konzept grundsätzlich funktioniert, sich damit aber derzeit während lediglich 87% aller Herzschläge eine gewisse VDD-Stimulation erzielen lässt (11). Sollte zusätzlich auch eine Vorhofstimulation gewünscht sein, müsste auch dort noch ein Gerät implantiert werden. Aufgrund der teilweise äusserst geringen Wanddicke des rechen Vorhofs stellt die sichere und komplikationsarme Verankerung eines Gerätes ebendort eine grosse Herausforderung dar. Schliesslich müssten zwei (oder sogar mehrere) kabellose Geräte im Herzen drahtlos miteinander kommunizieren können. Konventionelle Radiofrequenz-Telemetrie scheint dazu aufgrund des relativ hohen Energieverbrauchs nicht geeignet. Eine mögliche Alternative stellt die «intra-body-communication» dar, die die elektrische Leitfähigkeit von Gewebe und Blut nutzt. Dabei werden kurzzeitige hochfrequente Wechselstromimpulse an Myokard und Blut abgegeben, was eine sehr energiesparende, schnelle und bidirektionale Kommunikation erlaubt (12). Kürzlich konnten in Tierversuchen mit dieser Technologie erstmals erfolgreich kabellose Zweikammerschrittmacher implantiert werden.

Dr. med. Dr. phil. Andreas HƤberlin

Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
3010 Bern
UniversitƤt Bern

andres.haeberlin@artorg.unibe.ch

MScLukas Bereuter

Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
3010 Bern

Prof. Dr. med. Hildegard Tanner

Leitende Ƅrztin Rhythmologie und Elektrophysiologie
Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
Freiburgstrasse
3010 Bern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel.

  • Kabellose Schrittmacher stellen bei Patienten mit Schrittmacher-Indikation eine potentielle Alternative zu herkƶmmlichen Systemen dar.
  • Die kabelbedingten Komplikationen konventioneller Schrittmacher kƶnnen durch diese GerƤte vermieden werden. Es besteht schwache Evidenz, dass die Overall-Komplikationsrate kabelloser GerƤte geringer als diejenige konventioneller Systeme sein kƶnnte.
  • Speziell geeignet zur Implantation eines kabellosen Schrittmachers scheinen Patienten mit venƶsen Zugangsproblemen oder AV-Block mit Vorhofflimmern.
  • Kabellose 2-Kammerschrittmacher sind derzeit noch nicht kommerziell erhƤltlich, hierzu müssen zunƤchst technische Herausforderungen bewƤltigt werden (z.B. energiesparende Kommunikation, Verankerung eines GerƤtes im rechten Vorhof).

Messages Ć  retenir

  • Les stimulateurs cardiaques sans fil sont une alternative potentielle aux systĆØmes conventionnels pour les patients ayant des indications de stimulateur cardiaque.
  • Les complications liĆ©es aux cĆ¢bles des stimulateurs cardiaques conventionnels peuvent ĆŖtre Ć©vitĆ©es grĆ¢ce Ć  ces dispositifs. Il y a peu de preuves que le taux de complication global des dispositifs sans fil pourrait ĆŖtre infĆ©rieur Ć  celui des systĆØmes conventionnels.
  • Les patients prĆ©sentant des problĆØmes d’accĆØs veineux ou un bloc AV avec fibrillation auriculaire semblent particuliĆØrement appropriĆ©s Ć  l’implantation d’un stimulateur cardiaque sans fil.
  • Les stimulateurs cardiaques sans fil Ć  2 chambres ne sont pas encore disponibles dans le commerce, pour cela, il faut d’abord maĆ®triser les dĆ©fis techniques (p. ex. communication Ć©conome en Ć©nergie, ancrage d’un appareil dans l’oreillette droite)

Literatur
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Intrakardiale Raumforderung: differentialdiagnostische Überlegungen aufgrund der Lokalisation und Morphologie

FallprƤsentation

Eine 85-jƤhrige Patientin klagt seit zwei Monaten über Müdigkeit, einen ungewollten Gewichtsverlust sowie eine unter Belastung auftretende Nausea. Ebenfalls berichtet sie über einen belastungsunabhƤngigen Druck im Epigastrium. Klinisch prƤsentiert sie sich in gutem Allgemeinzustand, kardiopulmonal kompensiert, mit hypertensiven Blutdruckwerten. Laborchemisch finden sich leich erhƶhte Entzündungszeichen sowie eine erhƶhte Lactatdehydrogenase (LDH 440 IU/L, Norm <214 IU/L). Bei ebenfalls deutlich erhƶhtem proBNP (2393pg/ml, Norm <300pg/ml) wird eine kardiologische AbklƤrung veranlasst.Ā  In der transthorakalen Echokardiographie zeigt sich im rechten Vorhof eine 4.8×3.2 cm grosse, inhomogene Raumforderung (Abb. 1 und 2), welche in der subcostalen Darstellung bis in die V. cava inferior hineinragt und sich zur Leber hin nicht abgrenzen lƤsst (Abb. 3). Es kann weder eine AdhƤrenz zum Vorhofseptum, noch zur lateralen Vorhofwand dargestellt werden. Computertomographisch zeigt sich ein max. 7cm langer Tumor, welcher sich von der Leber bis zum rechten Vorhof und bis in die Vena cava inferior erstreckt (Abb. 4). Es finden sich keine weiteren Malignom-suspekten LƤsionen.
Welche Differentialdiagnosen muss man bei intrakardialen Tumoren bedenken?

Kommentar

Intrakardiale Tumoren sind grundsätzlich eine Rarität (1). Über 75% der primären kardialen Tumoren sind benigner Natur, wobei es sich in der Mehrzahl der Fälle um Vorhofmyxome handelt. Diese finden sich typischerweise im linken Vorhof, gehen vom interatrialen Septum aus und weisen gehäuft einen Stiel auf. Seltener sind Myxome auch im rechten Vorhof zu finden (nur ca. 10% aller Myxome) und haften auch dort typischerweise dem Septum an (2). Bei den malignen primären kardialen Tumoren handelt es sich meistens um Sarkome (ca. 75% aller malignen primären kardialen Tumoren), welche charakteristischerweise ein schnelles und invasives Wachstum aufweisen. Diese Tumoren können in allen Herhöhlen zu finden sein, haben aber gehäuft ihren Ursprung im rechten Vorhof (insbesondere Angiosarkome) (3). Kardiale Metastasen sind wesentlich häufiger als primäre maligne kardiale Tumoren. Klassische solide Tumoren, welch ins Herz metastasieren sind das Nierenzell- und das Bronchuskarzinom (4). Ein Tumor, welcher per continuitatem von einem angrenzenden Organ, im vorliegenden Fall der Leber, ins Herz einwächst, ist selten.
Aufgrund der Mophologie des sich uns prƤsentierenden soliden Tumors, welcher echokardiographisch bis in die Vena cava inferior zu verfolgen war und keine klare Begrenzung zur Leber zeigte, sind wir von einem malignen Prozess ausgegangen. Bei fehlenden anderweitigen Malignom-suspekten LƤsionen in der Computertomographie des Thorax und des Abdomens war eome Metastase unwahrscheinlich. Histologisch wurde letztlich ein hepatisches Leiomyosarkom diagnostiziert.
Die Echokardiographie erlaubt, wie im vorliegenden Fall, nicht nur eine Aussage hinsichtlich der Präsenz eines intrakardialen Tumors. Die echokardiographische Beurteilung seiner Morphologie und seines Bezuges zu den Herzhöhlen sowie den dem Herzen angrenzenden Strukturen in mehreren Schnittebenen ist auch für differentialdiagnostische Überlegungen sehr hilfreich.

pract. med. Daniela Babic

Klinik für Kardiologie
Stadtspital Triemli
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Daniela.Babic@usz.ch

PD Dr. med. Alain M. Bernheim

Stadtspital Triemli
Klinik für Kardiologie
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Alain.Bernheim@triemli.stzh.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel.

Literatur:
1. Reynen K. Frequency of primary tumors of the heart. Am J Cardiol 1996;77:107
2. Pucci A, Gagliardotto P, Zanini C, Pansini S, di Summa M, Mollo F. Histopathologic and clinical characterization of cardiac myxoma: review of 53 cases from a single institution. Am Heart J 2000;140:134-8.
3. Burke AP, Cowan D, Virmani R. Primary sarcomas of the heart. Cancer 1992;69:387-95.
4. Silvestri F, Bussani R, Pavletic N, Mannone T. Metastases of the heart and pericardium. G Ital Cardiol 1997;27:1252-5.

Prevention Summit 2018, Teil 2

Am 14. Juni fand der Prevention Summit unter der Organisation des Ā«Zurich Heart HouseĀ» im Careum statt. Das Ziel des ausserordentlich gut besuchten Symposiums war es, einen aktuellen Überblick über wirkungsvolle prƤventive Massnahmen in der Kardiologie – mit einem speziellen Fokus auf die Lipide – zu verschaffen. Dabei wurden die Themen Lipidstoffwechsel und Behandlungsrichtlinien, Lipidmanagement und neue Therapien, sowie Neues in der kardiovaskulƤren PrƤvention behandelt. Der folgende Bericht stellt eine Auswahl der entsprechenden Themen dar.

PCSK9 Inhibitoren: ODYSSEY Outcomes-Studie und klinische Evidenz

Die pharmakologische Senkung von LDL-Cholesterin senkt das Risiko für kardiovaskulƤre Ereignisse, wie in zahlreichen Studien vor allem mit Statinen gezeigt wurde. Diese Studien dauerten gewƶhnlich nur ca. 5 Jahre. Die lebenslange Senkung oder Erhƶhung durch genetische Mutationen verstƤrken diese Wirkung aber um ein Mehrfaches, wie Prof. Dr. med. FranƧois Mach, Genf, erklƤrte. Der Referent zeigte zunƤchst die Resultate von Ā«Loss of FunctionĀ»-Mutationen im PCSK9 Gen auf LDL-Cholesterin, welches um 16% gesenkt wird, was sich in einer 60%-igen Senkung des Myokardinfarktrisikos Ƥussert. Das Prinzip der Inhibition von PCSK9 wurde von der Industrie aufgenommen und innerhalb von 10 Jahren konnten 2 Medikamente auf der Basis von monoklonalen Antikƶrpern gegen PCSK9 entwickelt werden (Alirocumab von Sanofi-Aventis und Evolocumab von Amgen). Prof. Mach erinnerte an die im letzten Jahr verƶffentlichte FOURIER-Studie mit Evolocumab, eine Studie mit mehr als 27 000 Patienten, die randomisiert mit der hƶchsten vertrƤglichen Statindosis mit oder ohne Zusatz von Evolocumab behandelt wurden. Nach 36 Monaten Behandlungsdauer wurde der primƤre Endpunkt (kardiovaskulƤrer Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Hospitalisierung wegen instabiler Angina oder koronare Revaskularisierung) in der Evolocumabgruppe um relative 15% gesenkt (absolute Risikosenkung 2%). Der sekundƤre Endpunkt (kardiovaskulƤrer Tod, Myokardinfarkt und Schlaganfall) wurde um 20% gesenkt. 1400 Patienten erreichten LDL-Werte unterhalb 0.4mmol/l. Diese Patienten hatten sogar eine grƶssere Risikosenkung (LDL-C ≄ 2.6 mmol / l: HR 0.69, LDL <0.26 mmol / l: HR 0.59). Die Sicherheit unterschied sich unter den 2 Patientengruppen nicht. Der Referent zeigte zusƤtzlich Daten zur kognitiven Funktion mit Statinen und mit Evolocumab. In beiden FƤllen zeigte sich kein Unterschied zur Placebogruppe. Prof. Mach erinnerte auch an die SPIRE-Studie mit Bococizumab, einem humanisierten, nicht vollhumanen Antikƶrper. In SPIRE 1 mit LDL-C-Ausgangswerten > 70 mg / dl wurde kein Unterschied im primƤren Endpunkt beobachtet, in PIRE-2 bei Ausgangswerten > 100mg / dl eine 21%- ige Reduktion. Die Behandlung mit Bococizumab ging aber mit dem Auftreten von Anti-Medikamenten-Antikƶrpern einher, die zu einer EinschrƤnkung der LDL-Senkung führten.
In diesem Jahr erfolgte die PrƤsentation der ODYSSEY Outome-Studie mit Alirocumab, die bislang noch nicht publiziert ist. In ODYSSEY Outcome wurden Patienten mit kürzlich erlittenem ACS mit 75 mg oder 150 mg Alirocumab behandelt, wobei Zielwerte zwischen 25-50 mg / dl angestrebt wurden. Werte unter 15 mg / dl wurden auftitriert auf mindestens 25 mg/dl. Alirocumab reduzierte den primƤren Endpunkt MACE ebenfalls relativ um 15% wie in FOURIER gezeigt. Alirocumab senkte auch die GesamtmortalitƤt signifikant, weil aber die kardiovaskulƤre MortalitƤt nicht signifikant gesenkt wurde, kann das Resultat aus statistischen Gründen nicht als signifikant gelten. Wichtig ist, dass auch in dieser Studie trotz der sehr tiefen LDL-Cholesterinwerte keine Sicherheitssignale beobachtet wurden. Abschliessend stellte der Referent die Studie PACMAN, eine Studie in verschiedenen Schweizer Zentren mit Prof. Lorenz RƤber als Studienleiter vor, die die PlaqueverƤnderung mit OCT, IVUS und NIRS bei Behandlung mit Alirocumab on Top von Rosuvastatin untersucht und die Studie EVOPACS ebenfalls in verschiedenen Schweizer Zentren mit Evolocumab, die die frühe Reduktion von LDL-C bei Patienten mit Akutem Koronarsyndrom (Injektion von Evolocumab bereits im Katheterlabor) vor. Die zukünftige lipidsenkende Strategie zur Senkung kardiovaskulƤrer Ereignisse umfasst 3 KonzeptƤnderungen:
1. Nutze Kombinationstherapie (Statin + Ezetimibe + PCSK9 m Ab induziert LDL-C Senkung und reduziert kardiovaskulƤre Ereignisse)
2. Beginne früh (weniger LDL-Exposition wirkt präventiv auf die Bildung von Läsionen)
3. Behandle (viel) aggressiver (vom wünschenswerten LDL-Ziel zur LDL-C Eliminierung)
Abschliessend erinnerte der Referent an die Limitatio des BAG für die Anwendung der PCSK9 Inhibitoren: Patienten mit klinischem ASCVD (KHK, symptomatische PAVK, ischƤmischer Schlaganfall) unter max. tolerierter Statintherapie + Ezetimibe, wenn LDL - C > 3.6 mmol / l oder bei zusƤtzlichen Risiko-Anzeichen 2.6 mmol / l. Bei Patienten mit familiƤrer HypercholesterinƤmie in der PrimƤrprƤvention wird ein Wert > 4.5 mmol / l ohne Indizien für zusƤtzliches Risiko, bei zusƤtzlichen Risikofaktoren ein Wert > 3.6 mmol / l als Indikation für einen PCSK9 Hemmer vorausgesetzt.

Einsatz der PCSK9-Hemmer: Haltung des BAG

Die diskrepante Haltung zwischen Swissmedic, die sagt für welche Patienten bei Behandlung mit PCSK9 Hemmern ein Nutzen dokumentiert ist und dem BAG, welches beurteilt für welche Patienten die Kassen heute zahlen, war Gegenstand der Ausführungen von Prof. Dr. med. Christian Müller, Basel. Der Referent stellte Patientenbeispiele vor, bei denen die Krankenkasse nach Antrag die Kosten vergütete bzw. ablehnte. Die Ablehnung erfolgte beispielsweise weil die Dosierung von Atorvastatin nur 40 mg statt der Maximaldosis von 80 mg (schlecht ertragen wegen Muskelproblemen) entsprach oder weil das LDL-Cholesterin 3.44 mmol / l statt der geforderten 3.5 mmol / l betrug.

Wie lƤuft es normalerweise?
Der medizinische Nutzen einer Therapie wird durch eine Zulassungsstudie (Phase III) bewiesen und die Therapie durch Swissmedic zugelassen. Die Kostenübernahme durch BAG (Krankenkasse) erfolgt. Die Patienten profitieren von einer optimalen Versorgung, die Ƅrzte haben Behandlungsfreiheit und keinen administrativen Zusatzaufwand. Die Pharmaindustrie hat Planungssicherheit.

Was ist schief gelaufen?
Swissmedic hat die Behandlung mit PCSK9 Hemmern für Patienten mit KHK / PAVK, die trotz optimaler Therapie nicht auf Zielwert (< 1.8 mmol / l) sind, angenommen. Das BAG verlangt zusƤtzlich einen Antrag, zudem dürfen nur Kardiologen, Angiologen, Endokrinologen und Nephrologen das Medikament verordnen. Eine weitere EinschrƤnkung ist, dass die Medikamente erst nach optimaler Therapie (> 3 Monate mit der maximal vertrƤglichen Dosierung von 2 verschiedenen Statinen) und einem LDL-C > 3.5 mmol / l bzw. 2.6 mmol / l bei 2 klinischen Ereignissen wƤhrend der vergangenen 5 Jahre, vergütet werden. Das Ziel ist die Mengen/KostenbeschrƤnkung. Diese Limitatio kommt einem bedeutsamen Eingriff in die Behandlungsfreiheit gleich. Sie bedeutet eine Diskrepanz zwischen Ā«was ist medizinisch sinnvollĀ» und Ā«was zahlt die KasseĀ». In der Schweiz ist dies sehr selten, es kommt aber hƤufig in weniger gut finanzierten Gesundheitssystemen vor (z.B. NOAKs in Osteuropa).

Wie kam es dazu?
2014 - 2016 gab es einen wahrhaftigen Hype: Sehr hohe Erwartungen an klinische Wirksamkeit (In einer Publikation im NEJM wird die CV-MortalitƤt um 50% gesenkt), grosses Gewinnpotential für Pharmaindustrie. PCSK9-Inhibitoren sind sehr teuer (> 7000.- CHF pro Jahr). Die FOURIER-Studie hat dagegen Ā«nurĀ» 15-20%-ige MorbiditƤts- und keine MortalitƤtsreduktion gezeigt. Die Daten von ODYSSEY Outcomes zeigten ebenfalls Ā«nur 15% MorbiditƤtssenkungĀ» (sie standen bei der Beschlussfassung des BAG noch nicht zur Verfügung). Wie viel ist dieser Behandlungseffekt wert? Die BAG hat sich in seiner Limitatio an eine Konsensuspublikation EuropƤischer Experten gehalten. Diese Publikation erfolgte allerdings bevor die Phase-III-Outcome-Studien erschienen und wurde entsprechend konservativ gehalten.

Wie kann es weitergehen?
1. Neubewertung: Wir müssen zunächst, dort wo diese Behandlung indiziert ist, sie auch anwenden. Derzeit wird nur ein Bruchteil der Patienten, die für die Behandlung mit einem PCSK9 Hemmer qualifizieren, damit behandelt. Wie viel ist dieser Behandlungseffekt wert?
2. Der Preis für die PCSK9 Inhibitoren muss gesenkt werden. Wahrscheinlich wir die Diskrepanz zwischen Swissmedic und BAG bleiben: KHK/PAVK > 2.6 mmol / l trotz optimaler Therapie
3. Falls der für die PCSK9-Inhibitoren substanziell gesenkt wird, ist eine Übereinstimmung
BAG = Swissmedic denkbar: KHK/PAVK > 1.8 mmol / l trotz optimaler Therapie.
Der Referent ist diesbezüglich optimistisch, weil weitere Medikamente in Studien untersucht werden, wie die langwirksame inhibierende RNA, die einmal in 6 Monaten appliziert werden muss und über diese Zeit eine über 50%-ige LDL-C Senkung bewirkt. Diese Konkurrenzsituation wird zu einer Preissenkung der heutigen PCSK9-Inhibitoren führen.

RNA-Interferenz zur Cholesterinsenkung: Die Zukunft der Pharmakotherapie?

Nachdem wir gehƶrt haben, wie man PCSK9, ein offenbar schƤdliches Protein im Hinblick auf kardiovaskulƤre Erkrankungen, effizient inhibieren kann, soll eine andere wirksame Therapieform, die auch für andere Krankheiten potenziell wichtig werden kƶnnte, besprochen werden, so Prof. Dr. med. Ulf Landmesser, Berlin. Lange hat man geglaubt, dass es nur eine interessante Form von RNA gibt, die Messenger-RNA. Nun hat man aber in den letzten Jahren festgestellt, dass es ganz viele sogenannter nicht-kodierender RNAs gibt, die eine entscheidende regulatorische Funktion im Kƶrper haben. Die RNAs, die man auch als Therapie entwickelt hat, sind die sogenannten SiRNAs, interference RNAs, die mit sehr kleinen Mengen ein Protein praktisch ausschalten kƶnnen, so der Referent. Um diese RNAs in den Kƶrper zu bringen muss man sie so verƤndern, dass sie nicht gleich von den RNAs abgebaut werden kƶnnen. Man muss zudem das RNA Molekül derart verƤndern, dass keine Immunreaktion stattfindet. Ferner muss die RNA in die Zelle kommen. Der entsprechende Mechanismus erfolgt über Rezeptoren die prƤferentiell ein Protein, das sich GalNac nennt erkennen. Entsprechend wurde GalNac an die RNA gekoppelt. Dadurch wird das Konjugat RNA-GalNac spezifisch anerkannt und in die Leberzelle aufgenommen. Der Referent wandte sich nun dem ORION-Programm zu, einem Programm, das zum Ziel die Blockierung der PCSK9-Synthese hat, das bislang am weitesten in der Medizin fortgeschritten ist. Das entsprechende Molekül umfasst ein 23 Basenpaare langes Stück, welches ein kleines GalNac Molekül vorne dran hat, welches die Aufnahme in die Leberzelle ermƶglicht. Dieses RNA-Molekül bindet dann in der Zelle an einen sogenannten RISC Komplex (RNA –induced silencing complex), der die mRNA degradiert, sodass das PCSK9 Protein nicht mehr entstehen kann. Das kleine modifizierte RNA-GalNac Molekül bleibt immer aktiv, was die lange Wirkungsdauer dieser Therapie erklƤrt und sie entsprechend attraktiv macht. Prof. Landmesser zeigte erste Phase-I-Studien mit dem PCSK9-siRNA Inclisiran. Mit einer Injektion von Inclisiran konnte der LDL-Spiegel am 180. Tag um 35.5–52.6 % gesenkt werden. In einer Phase-II-Studie wurde die Wirkung von 2 Startdosen von Inclisiran 300 mg untersucht. Dabei zeigte sich nach 270 Tagen eine LDL-Senkung von 40%, die mittlere Senkung über 6 Monate betrug 51%. Inclisiran wird nun im ORION Programm in insgesamt 12 Studien an verschiedenen Populationen weiter untersucht.

Antisense Therapien
Eine weitere interessante und zukunftstrƤchtige Therapie sind die Antisense Oligonukleotide. Der Referent erinnert zunƤchst an die verschiedenen Lipid-Biomarker, die Genetik und die koronare Herzkrankheit. Beim LDL-Cholesterin wurde gezeigt, dass die Blockierung der HMG CoA Reduktase, die Blockierung des NPC1L1 Rezeptors und die Inhibition der PCSK9 Synthese das LDL-Cholesterin senken, dass genetische Mutationen im HMG CoA Reduktase Gen, im NPC1L1 Gen und im PCSK9 Gen mit niedrigerem koronarem Risiko einhergehen und dass in klinischen Studien durch
LDL-Senkung das koronare Risiko ebenfalls gesenkt werden konnte. Bei Lp(a) weiss man, dass es ein kardiovaskulƤrer Risikofaktor ist, klinische Studien zur Senkung von Lp(a) gibt es derzeit allerdings noch keine.
Bei den Triglyzerid-reichen Proteinen sind es Apo CIII und ANPTL3 / 4, die mit erhƶhtem koronarem Risiko verbunden sind. HDL  hat in genetischen Studien keinen Einfluss auf das Risiko für koronare Erkrankung gezeigt. Studien mit entsprechenden Antisense Olionukleotiden haben Senkungen von Apo B um 30% (Mipomersen), der Triglyzeride (Apo CIII) um fast 80% (Volanesorsen), von ANGPTL3 um 60% und von Lp(a) um 90% gezeigt. Der klinische Nutzen dieser Medikamente wurde aber in Studien noch nicht bewiesen.

Antikoagulation als Prävention: Bedeutung von COMPASS für die Praxis

Orale Antikoagulation in der SekundƤrprƤvention? Früher wurde die arterielle Seite mit Aspirin, mit PlƤttchenhemmern behandelt und die andere Seite, im Niederdrucksystem, auf der venƶsen Seite, musste antikoaguliert werden. Dies geht bis in den linken Vorhof, wo die Antikoagulation bei Vorhofflimmern eingesetzt wird. Dieses Konzept soll nun geƤndert werden, stellte Prof. Dr. med. Michael Kühne, Basel, fest. Aus den verschiedenen Studien und Metaanalysen zum Vorhofflimmern wissen wir, dass wir die Schlaganfallrate um ca. 60% im Vergleich zu Placebo und um ca. 40% im Vergleich zu Aspirin senken kƶnnen. Heute erfolgt die Standardtherapie der Antikoagulation mit NOAKs. Dies aufgrund der Megatrials mit Rivaroxaban, Dabigatran und Apixaban. Dabei sind 3 Punkte für den Referenten wichtig: einmal haben wir eine bessere Wirkung. Sie ist nicht massiv aber relevant besser. Wir haben aber vor allem eine deutlich bessere Sicherheit. Das dritte geht in Richtung Gesamtbenefit: Wir haben auch eine Reduktion der GesamtmortalitƤt. Frühe Erfahrungen mit Stents haben gezeigt, dass Aspirin zur PrƤvention der Stentthrombosen nicht genügt. Die zusƤtzliche Antikoagulation zeigte, dass damit auch im arteriellen Bereich eine positive Wirkung erzielt wird. In den 90iger Jahren kam das Konzept der dualen PlƤttchenhemmung mit Aspirin und Ticlopidin. Ticlopidin wurde etwas spƤter durch Clopidogrel ersetzt. Clopidogrel ergab eine deutliche Reduktion der kardiovaskulƤren Ereignisse gegenüber Aspirin allein. Danach kamen die besseren PlƤttchenhemmer, beginnend mit Prasugrel und fast gleichzeitig Ticagrelor, welche gegenüber Aspirin deutlich weniger kardiovaskulƤre Ereignisse zeigten. Prasugrel hatte gewisse Blutungskomplikationen, weshalb es heute nicht mehr so hƤufig eingesetzt wird. Die zusƤtzliche Gabe von NOAKs beim akuten Koronarsyndrom ergab aber in der APPRAISE-Studie mit Apixaban, welches zusƤtzlich zu Clopidogrel und Aspirin gegeben (oder nicht gegeben) wurde, keinen Unterschied bezüglich Wirksamkeit, aber massiv mehr Blutungen. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen. Der zweite Versuch wurde mit Rivaroxaban in tiefer Dosierung (5 mg) oder sehr tiefer Dosierung (2.5 mg), allerdings 2 x tƤglich in der ATLAS ACS 2 - TIMI 51-Studie unternommen. Die Rivaroxaban-Gruppe hatte ein tieferes kardiovaskulƤres Risiko, vergleichbar mit den früheren Daten der PlƤttchenhemmer. Die Antikoagulation Ā«spƤterĀ» nach Infarkt ergab ein signifikant lƤngeres ereignisloses Überleben unter Warfarin plus Aspirin vs. Warfarin allein, wobei Warfarin allein besser war als Aspirin allein. Es gab massiv mehr Blutungen, aber der INR Zielwert lag zwischen 2.8 und 4.2 und man weiss, dass Blutungen ab INR 3. 4 exponentiell zunehmen. Die Studie hat aber gezeigt, dass grundsƤtzlich auch im arteriellen System die PrƤvention mit Antikoagulation funktioniert. Dies führte zur Anwendung von Rixaroxaban 2. 5 mg bid + Aspirin 100 mg od vs. Rivaroxaban 5 mg bid vs. Aspirin 100 mg od in der COMPASS Studie bei stabiler KHK bzw. PAVK. Die Studie wurde wegen der überlegenen Wirksamkeit von Rivaroxaban + Aspirin gegenüber den beiden anderen Armen vorzeitig abgebrochen. Der Effekt war dabei vor allem auf Schlaganfall. Es wurden in dieser Studie etwas mehr Blutungen in der Kombinationsgruppe aber auch in der Warfaringruppe gegenüber Aspirin beobachtet. Der Ort der Blutungen war vor allem gastrointestinal. Der netto klinische Benefit dieser Kombinationstherapie bei stabiler KHK ist indessen eine relative Risikoreduktion des Komposit-Endpunkts kardiovaskulƤrer Tod, Schlaganfall, tƶdliche Blutung oder symptomatische Blutungen in kritische Organe betrƤgt 20% (p < 0.001). Das Risiko für GesamtmortalitƤt wurde um 18% gesenkt (p 0.01). Die Autoren hatten aber eine prƤspezifizierte Signifikanz von 0.025 gefordert.
Bei der PAVK-Subgruppe wurden die Major Adverse Limb Events um 37% gesenkt (p 0.005). Die Amputationen wurden ebenfalls signifikant um 54% gesenkt (p 0.01). Dies ist das einzige Medikament, welches zur Reduktion von Amputationen geführt hat, so der Referent. NOAKs für alle? Beim kryptogenen Schlaganfall ergab die Therapie mit Rivaroxaban keinen Nutzen, aber mehr Blutungen. Auf entsprechende Daten mit andern NOAKs darf man gespannt sein. Der Referent schloss mit der Feststellung, dass das Konzept der SekundƤrprophylaxe mit NOAK bei KHK und PAVK funktioniert (Ā«dual pathway inhibitionĀ»), die Dosis in der Schweiz aber bis jetzt noch nicht erhƤltlich ist, dass die Patientenselektion wichtig ist und dass diese Therapie eine Konkurrenz zur DAPT darstellt. Therapiedauer und Umsetzung in die Praxis sind noch nicht gelƶst.

Ischämie-Prävention nach ACS: DAPT für wen und wie lange?

Pathophysiologisch ist der auslƶsende Faktor eines Myokardinfarkts die Freisetzung von Tissue Factor durch eine oberflƤchliche Endothelverletzung. Dies führt zu 2 Mechanismen, einerseits zu einer Fibrinaktivierung also eine Aktivierung des Thrombinmechanismus und andrerseits der Aktivierung der PlƤttchen und diese beiden Mechanismen verstƤrken sich gegenseitig und führen dann zur Bildung des Thrombus, hielt Prof. Dr. med. Stephan Windecker, Bern, fest. Die Hemmung der BlutplƤttchenaggregation kann klassischerweise durch Aspirin geschehen, welches zu einer milden Aggregation führt oder durch die neueren P2Y12 Inhibitoren Clopidogrel, Prasugrel und Ticagrelor. Zwischen diesen Medikamenten bestehen wichtige Unterschiede im Wirkmechanismus. Clopidogrel braucht typischerweise 4-6 Stunden bis es seine volle therapeutische Wirkung entfaltet, wƤhrend Prasugrel und Ticagrelor wesentlich schneller anfluten. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die IrreversibilitƤt bei Prasugrel und Clopidogrel, wƤhrend Ticagrelor reversibel ist. Die Geschichte der dualen PlƤttchenhemmung (DAPT) umfasst mittlerweile 2 Jahrzehnte, ihr Einsatz ist in Leitlinien festgelegt. In verschiedenen kleineren Studien hat sich gezeigt, dass diese Medikamente in der Risikosenkung für einen Mykoardinfarkt gegenüber dem damaligen Stand der dualen Antikoagulation und gegenüber der Monotherapie mit Aspirin effizienter sind.

Antiaggregation
GemƤss den Guidelines gibt es 2 Medikamente, die man diesbezüglich einsetzen kann, einerseits Ticagrelor zusƤtzlich zu Aspirin unabhƤngig von der initialen Behandlungsstrategie (I/B), andererseits Prasugrel. In diesem Fall sollte der Patient formal nicht mit einem P2Y12-Hemmer vorbehandelt sein (I / B). Sowohl Prasugrel als auch Ticagrelor sind mit einem erhƶhten Blutungsrisiko vergesellschaftet. Wenn man aber die Number Needed to Treat (NNT) der Number Needed to Harm (NNH) gegenüberstellt ergibt sich für Prasugrel vs. Clopidogrel eine NNT von 46, für Ticagrelor eine NNT von 53 gegenüber einer NNH von 167 für Prasugrel und 167 für Ticagrelor und damit ein eindeutiger Benefit für beide Madikamente.
Die generelle Dauer der DAPT nach einem ACS wurde ebenfalls in den Guidelines (2017) festgelegt.
Bei Patienten, die wegen einem ACS mit einer Stentimplantation behandelt wurden, ist eine DAPT mit einem P2Y12 Inhibitor zusƤtzlich zu Aspirin wƤhrend 12 Monaten empfohlen ausser bei Kontraindikationen wie einem exzessiven Blutungsrisiko (z.B.
PRECIS-DAPT ≄ 25) (I/A). Dies gilt auch für Patienten, die einer aortokoronaren Bypassoperation unterzogen werden (I/C). Auch die Patienten, die konservativ behandelt werden, sollten eine DAPT wƤhrend 12 Monaten erhalten. Der Wechsel von Clopidogrel auf Ticagrelor wird von den Guidelines ganz klar befürwortet, es sei denn es besteht eine Blutungskomplikation (I/B). Die Vorbehandlung beim NSTE-ACS mit Ticagrelor oder Clopidogrel ist ein kontroverses Thema, weil die entsprechenden Studien fehlen. Prasugrel wird aufgrund der ACCOAST-Studie nicht empfohlen. In dieser Studie wurde kein Unterschied in Bezug auf das kardiovaskulƤre Risiko gesehen, aber das Blutungsrisiko war erhƶht unter Prasugrel. Bei geplanter konservativer Behandlung wird Ticagrelor prƤferentiell empfohlen sobald die Diagnose bestƤtigt ist und keine Kontraindikationen vorhanden sind.
Nach einem Jahr Behandlung mit DAPT stellt sich die Frage nach der Fortführung oder Einstellen der Therapie. Eine VerlƤngerung ist bei hohem ischƤmischem Risiko angezeigt, eine Verkürzung der Therapiedauer dagegen bei hohem Blutungsrisiko, bei aktiver Blutung und bei nicht-kardialer Chirurgie. Wichtig ist die Beurteilung nach der Stentimplantation aber dann auch nach der Therapiedauer von einem Jahr. Jedes Mal sollte man sich die Frage stellen, welches Risiko überwiegt, das Blutungs- oder das IschƤmierisiko? Eine Metaanalyse zeigt, dass man etwa 8 Myokardinfarkte vermeidet, aber etwa 6 schwere Blutungen produziert. Auch im PEGASUS-Trial mit Ticagrelor 90 mg und 60 mg halten sich Wirksamkeit und Blutungsrisiko die Waage. Dabei gilt es die Schwere der Blutung zu beachten. Bei geringfügigen Blutungen überwiegt der prognostische Einfluss des Myokardinfarkts (HR 5.35 vs. 1.70), wogegen bei schweren Blutungen der prognostische Einfluss des Myokardinfarkts und der schweren Blutung sehr Ƥhnlich sind (HR 5.36 vs. 5.73).
Die Charakteristika von Patienten mit hohem Blutungsrisiko sind fortgeschrittenes Alter, Behandlung mit oraler Antikoagulation oder NOAK, früheres Bluten, Anämie und andere hämatologische Störungen, Gerinnungsstörungen, chronische Steroid- oder NSAID Behandlung und Niereninsuffizienz. Das sind etwa 40-50% der Alltagspatienten.
Die Verwendung von Risikoscores zur Evaluation von Nutzen und Risiko von DAPT unterschiedlicher Dauer sollte gemƤss Guidelines in Betracht gezogen werden (IIb / A). Der Referent betonte nochmals, dass man das ischƤmische Risiko zweimal festlegen sollte: einmal zum Zeitpunkt der PrƤsentation und dann nach 12 Monaten. Der erste Score ist der PRECIS-DAPT-Score. Er beinhaltet Hb, WBC, Alter, CrCl und vorheriges Bluten. Der Score-Range umfasst eine Spanne von 0-100 Punkten. Über 25 überwiegt das Blutungsrisiko. Sie haben keinen Nutzen von einer ischƤmischen Protektion durch eine verlƤngerte Therapie und werden die Dauer verkürzen auf 6 Monate oder vielleicht sogar auf 3 Monate. Der zweite Score, der nach einem Jahr bestimmt werden sollte ist der DAPT-Score. Er beinhaltet das Alter, das Zigarettenrauchen, Diabetes mellitus, MI bei PrƤsentation, vorherige PCI oder vorheriger MI, Paclitaxel Drug eluting Stent, Stent Diameter < 3 mm, CHF oder LVEF <30%, Venentransplantat-Stent. Ein niedriger DAPT Score (< 2 bedeutet dass Sie einen Schaden anrichten, wenn Sie die Therapie über 1 Jahr fortsetzen, ein hoher DAPT Score (≄ 2) bedeutet entsprechend einen Nutzen bei Fortführen der DAPT Therapie über ein Jahr hinaus. Dieses Verfahren ist auch in die Guidelines eingeflossen. Man untersucht bei Patienten mit ACS das Blutungsrisiko. Wenn dieses nicht erhƶht ist, gibt man die DAPT wƤhrend eines Jahres. Umgekehrt wenn es erhƶht ist, gibt man sie nur wƤhrend 6 Monaten.
Zum Abschluss prƤsentierte der Referent eine Patientin mit ACS und gleichzeitig Vorhofflimmern mit CHA2DS2-VASc Score von 5 Punkten. Wie soll bei dieser Patientin mit der Antikoagulation verfahren werden? Bei einer Triple-Therapie ist das Blutungsrisiko besorgniserregend, stellte der Referent fest. In der PIONEER AF-PCI-Studie wurden 3 Gruppen einander gegenübergestellt: Rivaroxaban + P2Y12, Rivaroaxabn + DAPT und VKA + DAPT. PrimƤrer Endpunkt waren schwere und geringfügige Blutungen und solche die eine medizinische Betreuung erforderten. SekundƤrer Endpunkt waren kardiovaskulƤrer Tod, MI und Schlaganfall. Die Gruppe mit der Zweiertherapie schnitt bezüglich Blutungen erwartungsgemƤss besser ab als die Gruppe mit der Dreiertherapie. Bezüglich der Effizienz also bezüglich ischƤmischer Ereignisse ergab sich aber erfreulicherweise kein Unterschied. Allerdings ist dies nicht konklusiv, weil es eine Blutungsstudie war. Eine Ƥhnliche Studie wurde auch mit Dabigatran durchgeführt. Dabei wurde in einem Arm auch die niedrige Dabigatrandosis verwendet. Auch hier waren die Blutungen mit der Triple-Therapie hƤufiger als mit der DAPT. Bezüglich Effizienz zeigte sich ebenfalls kein Unterschied. Allerdings wiesen die Patienten in der Gruppe mit der niedrigen Dabigatrandosierung eine Hazard Ratio von 1.3! auf. Die Leitlinien sagen in dieser relativ unklaren Situation, dass man je nach Blutungsrisiko die Wahl einer sehr kurzen Triple Therapie von einem Monat hat, gefolgt von einer Zweiertherapie für die restlichen 11 Monate, gefolgt von einer Antikoagulation. Es gibt aber auch die Mƶglichkeit von Clopidogrel kombiniert mit einem NOAK für die Dauer von 12 Monaten. In einem Jahr werden wir die Daten von AUGUSTUS haben und dieses Schema mƶglicherweise adaptieren müssen, so der Referent.

Schlüsselpunkte sind:
DAPT nach ACS

  • Generell Aspirin + Ticagrelor oder Aspirin + Prasugrel wƤhrend 12 Monaten unabhƤngig von konservativem Management, PCI oder CABG.
  • Kürzere (6 Monate) Dauer in FƤllen mit hohem Blutungsrisiko (PRECISE-DAPT ≄ 25 Punkte).
  • LƤngere DAPT Dauer (30 Monate) bei DAPT Score ≄ 2 in FƤllen mit hohem ischƤmischem und niedrigem Blutungsrisiko:
    Aspirin + reduzierte Dosis Ticagrelor (2 x 60 mg / d).
    Bei Patienten mit Vorhofflimmern, die eine Stentimplantation haben oder ein Koronarsyndrom
  • Dauer der Triple-Therapie abhƤngig vom IschƤmie- vs. Blutungsrisiko: mƶglichst kurz halten, 1-12 Monate
  • Nach 12 Monaten: orale Antikoagulation allein
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Cannabis mĆ©dicalā€Š: indications gĆ©riatriquesā€Š?

Le cannabidiol (CBD) est de plus en plus consommĆ© en Suisse mais son effet est peu connu, en particulier dans la population Ć¢gĆ©e. Cet article vise Ć  dĆ©terminer le rationnel, lā€™ā€ŠefficacitĆ© et les potentiels effets secondaires du cannabis mĆ©dical dans la population Ć¢gĆ©e. Une revue de la littĆ©rature pour lā€™ā€Šusage du CBD dans les troubles du sommeil a Ć©tĆ© rĆ©alisĆ©e. Lā€™ā€ŠĆ©vidence actuelle, reposant sur peu dā€™ā€ŠĆ©tudes, est encore trop faible pour encourager la prescription de cannabis mĆ©dical en gĆ©riatrie.

MĆŖme si la gĆ©nĆ©ration des Ā«ā€Šbaby-boomersā€ŠĀ», souvent sensibilisĆ©e de longue date aux produits dĆ©rivĆ©s du chanvre, a atteint lā€™ā€ŠĆ¢ge de la retraite, lā€™ā€Šutilisation du cannabis mĆ©dical (CM) chez le sujet Ć¢gĆ© peut paraĆ®tre incongrue et ĆŖtre restĆ©e taboue. Une Ć©tude hollandaise randomisĆ©e contre placebo (Nā€Š=ā€Š24) a toutefois franchi le Rubicon et testĆ© du delta-9-tĆ©trahydrocannabinol (THC) faiblement dosĆ© pour lutter contre les troubles du comportement chez le patient dĆ©mentā€Š: aucun effet nā€™ā€Ša Ć©tĆ© constatĆ© en dĆ©pit dā€™ā€Šune bonne tolĆ©rance (1). Cependant, il est avĆ©rĆ© que, chez la souris, le THC amĆ©liore les capacitĆ©s cognitives et a un effet protecteur in vitro sur les plaques amyloĆÆdes (2).
Une synthĆØse rĆ©cente sur ce sujet dans le Journal de la SociĆ©tĆ© amĆ©ricaine de gĆ©riatrie par Briscoe et Casarett rĆ©vĆØle les faibles Ć©vidences scientifiques de lā€™ā€Šeffet de ces substances sur lā€™ā€Šhumain (3). En Suisse, il semble que le Cannabidiol (CBD) soit consommĆ© par lā€™ā€Šā€Šadulte Ć¢gĆ© dans diffĆ©rentes indications, telle que les troubles du sommeil, lā€™ā€ŠanxiĆ©tĆ© et les douleurs chroniques. Cet article vise Ć  dĆ©terminer le rationnel, lā€™ā€ŠefficacitĆ© et les potentiels effets secondaires du CM dans la population Ć¢gĆ©e.

Introduction

La plante de cannabis contient plus de 100 cannabinoïdes. La majorité des effets est toutefois attribuée au THC pour les propriétés psychoactives. Le CBD, quant à lui, aurait de multiples propriétés, à la fois sédatives, anxiolytiques, antiémétiques, antidystoniques et anti-inflammatoires, sans effet psychotrope néfaste.
Depuis 2017, le CBD a Ć©tĆ© autorisĆ© en Suisse (4). DĆØs lors, les points de vente se sont multipliĆ©s. Les produits, prĆ©sentĆ©s parfois comme thĆ©rapeutiques, doivent contenir moins de 1% de THC. On les trouve sous diffĆ©rentes formesā€Š: feuilles ou poudre de chanvre Ć  haute teneur en CBD, extraits sous forme dā€™ā€Šhuiles ou de pĆ¢tes, ainsi que produits prĆŖts Ć  lā€™ā€Šemploi tels que gĆ©lules, complĆ©ments alimentaires, liquides pour cigarettes Ć©lectroniques, succĆ©danĆ©s de tabac, huiles parfumĆ©es, chewing-gums et pommades. Le marchĆ© du CBD Ć©tant encore mal rĆ©gulĆ©, les dosages restent incertains. Le CBD nā€™ā€Šest en effet pas un principe actif autorisĆ© pour les prĆ©parations magistrales.

PropriƩtƩs pharmacologiques

Le CBD a une mauvaise biodisponibilitĆ© de lā€™ā€Šordre de 10%. Son absorption est lente et erratique. Il est liĆ© aux protĆ©ines plasmatiques, il est lipophile et sa demi vie est de 25-36h. Il est mĆ©tabolisĆ© par le CYP 3A4 (5).
A priori ses caractĆ©ristiques pharmacocinĆ©tiques sont donc dĆ©favorables en gĆ©riatrie en raison dā€™ā€Šune augmentation du stockage dans le tissu adipeux et dā€™ā€Šun risque Ć©levĆ© dā€™ā€Šinteractions mĆ©dicamenteuses.
Au niveau pharmacodynamique, il existe deux types de rĆ©cepteursā€Š: le CB1 (effet marijuana), prĆ©sent dans tous le SNC et modulant les neurotransmetteurs, et le CB2, retrouvĆ© principalement sur les cellules immunitaires. Le THC lie les 2 rĆ©cepteurs avec la mĆŖme affinitĆ©, alors que le CBD semble agir en augmentant lā€™ā€ŠactivitĆ© de lā€™ā€Šanandamide, un cannabinoĆÆde endogĆØne.

Indications gƩnƩrales du cannabis mƩdical

La revue de Briscoe et Casarett concernant les Ć©vidences scientifiques pour la prescription du CM sont pauvres (3). Il y aurait ainsi une certaine Ć©vidence (some evidence) pour amĆ©liorer lā€™ā€Šinsomnie dans le syndrome dā€™ā€ŠapnĆ©e du sommeil (cf. infra) et dans la fibromyalgie (id.), dans le traitement des douleurs chroniques principalement neurogĆØnes. Il existe une indication au niveau limitĆ© de preuve (limited evidence) pour le syndrome de stress post-traumatique et lā€™ā€ŠanxiĆ©tĆ© sociale avec une Ć©tude montrant une diminution de lā€™ā€ŠanxiĆ©tĆ© Ć  la suite dā€™ā€Šune exposition anxiogĆØne (prĆ©sentation devant public) Ć  la suite dā€™ā€Šun traitement de CBD (400 mg). Il nā€™ā€Šy a en revanche pas dā€™ā€ŠĆ©vidence dans la SclĆ©rose latĆ©rale amyotrophique, la maladie de Huntington ou de Parkinson.

Indications reconnues

En Suisse, le SativexĀ®, une combinaison Ć©quidosĆ©e de THC et de CBD (2.5 mg), est disponible depuis 2014 pour le traitement des douleurs chroniques Ć  titre Ā«ā€Šcompassionnelā€ŠĀ» et pour la lutte contre la spasticitĆ© en lien avec la sclĆ©rose en plaque, en cas de non rĆ©ponse aux autres traitements mĆ©dicamenteux (5).
Aux Ɖtats-Unis, le Dronabinol (THC synthĆ©tique) est disponible pour les nausĆ©es secondaires aux chimiothĆ©rapies et en cas de cachexie lors dā€™ā€Šatteinte sidĆ©enne. Le Nabilone (cannabinoĆÆde synthĆ©tique proche du THC) est, quant Ć  lui, utilisĆ© pour les nausĆ©es aprĆØs chimiothĆ©rapies (3).

Cannabis mƩdical et troubles du sommeil

Nous avons rĆ©alisĆ© une revue de la littĆ©rature relative Ć  lā€™ā€Šutilisation du CM et en particulier du CBD dans les troubles du sommeil. Il sā€™ā€Šagit en effet dā€™ā€Šune problĆ©matique frĆ©quente en gĆ©riatrie et les traitements pharmacologiques traditionnels sont grevĆ©s dā€™ā€Šeffets secondaires majeurs. Il se trouve que le cannabis est utilisĆ© de longue date pour induire le sommeil, le systĆØme endocannabinoĆÆde (complexe) intervenant dans le sommeil et dans le rythme veille-sommeil (6).
Une Ć©tude brĆ©silienne de 1981 chez le volontaire sain avec insomnie a montrĆ© une augmentation de la durĆ©e du sommeil et une diminution des rĆ©veils prĆ©coces aprĆØs prise de CBD (160 mg) (7). Ces rĆ©sultats nā€™ā€Šont pas Ć©tĆ© rĆ©pliquĆ©s en 2018 sur 26 sujets sains sans insomnie, avec contrĆ“le par polysomnographie (CBD 300 mg 2h avant le sommeil)ā€Š: absence dā€™ā€Šeffet sur le sommeil et son architecture, mais bonne tolĆ©rance et absence dā€™ā€Šeffets rĆ©siduels cognitifs (8).
Une revue narrative a conclu que le CM pourrait avoir un effet plutĆ“t indirect sur le sommeil, qui se traduirait par la diminution de la douleur. Ceci est illustrĆ© notamment par une Ć©tude (Nā€Š=ā€Š29) avec le Nabilone (proche du THC) dans la fibromyalgie qui sā€™ā€Šest avĆ©rĆ©e positive (9).
MalgrĆ© cela, les Ć©tudes (Nā€Š=ā€Š37) montrent des rĆ©sultats variables et de nombreux biais (10).
Une revue plus rĆ©cente de 2017 conclu que le CM peut amĆ©liorer lā€™ā€Šendormissement et agir sur lā€™ā€Šarchitecture du sommeil en augmentant la phase N3 (slow wave sleep) mais Ć  court terme, avec une habituation et des effets rebonds (11).
Indications potentielles en gƩriatrie
Deux Ć©tudes semblent prometteuses. Un rapport de cas de 4 patients avec maladie de Parkinson a montrĆ© une diminution des troubles du sommeil REM avec le CBD (75 ou 300 mg) (12). Une autre Ć©tude de 73 patients (Ć¢ge moyen 54) atteints de syndrome obstructif du sommeil, traitĆ©s par Dronabinol, a montrĆ© une diminution du nombre dā€™ā€ŠapnĆ©es, une amĆ©lioration subjective du sommeil ainsi quā€™ā€Šune diminution du score dā€™ā€ŠEpworth (13).
Toutefois, il nā€™ā€Šexiste Ć  ce jour pas dā€™ā€ŠĆ©tude spĆ©cifiquement gĆ©riatrique chez des patients polymorbides de plus de 65 ans, mĆŖme si la tolĆ©rance du CM dans cette population semble bonne (14).
Finalement, beaucoup dā€™ā€ŠĆ©tudes sont en cours dans des domaines variĆ©s. Pour le CBD par exemple, qui semble ĆŖtre une nouvelle panacĆ©e, pas moins de 150 Ć©tudes sont enregistrĆ©es sur le site ClinicalTrials.gov.

Conclusion

Le CBD ne peut pas ĆŖtre recommandĆ© actuellement, en raison de lā€™ā€Šabsence de preuve de son effet et de la paucitĆ© des donnĆ©es sur sa toxicitĆ©. Le SativexĀ® (THC et CBD) peut ĆŖtre utilisĆ© en Suisse dans la douleur et en seconde intention dans la spasticitĆ©.
Ces molĆ©cules Ā«ā€Šnaturellesā€ŠĀ» sont potentiellement grevĆ©es de moins dā€™ā€Šeffets secondaires, et pourraient trouver leur place dans lā€™ā€Šarsenal thĆ©rapeutique du gĆ©riatre comme sĆ©datifs/hypnotiques ou antalgiques. Lā€™ā€ŠĆ©vidence actuelle – reposant sur peu dā€™ā€ŠĆ©tudes scientifiques – est encore trop faible pour encourager la prescription de CM en gĆ©riatrie.

Dr Lucien Weiss

Service de gƩriatrie
Avenue de la fusion 27
1920 Martigny

lucien.weiss@hopitalvs.ch

Dr Martial Coutaz M.D.

Service de gƩriatrie
Avenue de la fusion 27
1920 Martigny

martial.coutaz@hopitalvs.ch

Les auteurs nā€™ā€Šont aucun conflit dā€™ā€ŠintĆ©rĆŖt en relation avec cet article.

  • Les principaux effets du cannabis sont mĆ©diĆ©s par le THC et le CBD qui nā€™ā€Ša pas dā€™ā€Šeffet psychoactif.
  • Le systĆØme cannabinoĆÆde agit Ć  large Ć©chelle dans le corps humain, il est complexe et peu compris mais devrait intĆ©resser le mĆ©decin gĆ©nĆ©raliste du fait de la commercialisation rĆ©cente du CBD sous diverses formes.
  • Les seules indications actuelles du cannabis mĆ©dical en Suisse sont la douleur en cas dā€™ā€ŠĆ©chec de tous les autres traitements et pour la spasticitĆ© en cas de SEP.
  • Le CBD ne peut pas ĆŖtre recommandĆ© actuellement dans les troubles du sommeil chez le sujet Ć¢gĆ© du fait de lā€™ā€Šabsence prouvĆ©e dā€™ā€ŠefficacitĆ©.

RĆ©fĆ©rencesā€Š:
1. Van den Elsen GA et al. Tetrahydrocannabinol for neuropsychiatric symptoms in dementia: A randomized controlled trial. Neurology 2015;84:2338-46
2. Nau JY. Du cannabis contre les altƩrations cognitives du vieillissement? Rev Med Suisse 2018;14:546-7
3. Briscoe J, Casarett D. Medical Marijuana Use in Older Adults. J Am Geriatr Soc 2018;66:859-63
4. ConfĆ©dĆ©ration suisse : 27.2.2017 : Produits contenant du Cannabidiol (CBD). Vue dā€™ā€Šensemble et aide Ć  lā€™ā€ŠexĆ©cution. https://www.swissmedic.ch
5. Ing Lorenzini K, Broers B. Cannabinoïdes médicaux dans les douleurs chroniques : aspects pharmacologiques. Rev Med Suisse 2015;11:1390-4
6. ProspƩro-Garcia O et al. Endocannabinoids and sleep. Neurosci Biobehav Rev 2016;71:671-9
7. Carlini EA. Cunha JM. Hypnotic and antiepileptic effects of cannabidiol. J Clin Pharmacol 1981;21:417-27
8. Linares IMP et al. No Acute Effects of Cannabidiol on the Sleep-Wake Cycle of Healthy Subjects: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Crossover Study. Front Pharmacol 2018;9:315
9. Ware MA, Fitzcharles MA. The effects of nabilone on sleep in fibromyalgia: results of a randomized controlled trial. Anesth Analg 2010;110:604-10
10. Gates PJ et al. The effects of cannabinoid administration on sleep: a systematic review of human studies. Sleep Med Rev 2014;18:477-87
11. Babson KA et al. Cannabis, Cannabinoids, and sleep: a Review of the Literature. Curr Psychiatry Rep 2017;19:23
12. Chagas MH, Eckeli AL. Cannabidiol can improve complex sleep-related behaviours associated with rapid eye movement sleep disorder in Parkinsonā€™ā€Šs disease patients: a case series. J Clin Pharm Ther 2014;39:564-6
13. Carley DW et al. Pharmacotherapy of Apnea by Cannabimimetic Enhancement, the PACE Clinical Trial: Effects of Dronabinol in Obstructive Sleep Apnea. Sleep 2018;41
14. MacCallum CA, Russo EB. Practical considerations in medical cannabis administration and dosing. Eur J Intern Med 2018;49:12-9