Integrative Medizin: Die «Extended toolbox» für Klinik und Praxis macht beachtliche Fortschritte

«Integrative Medizin» war am SGAIM Frühjahrskongress 2024 in Basel Gegenstand sowohl einer Keynote Lecture (Brent Bauer von der Mayo Clinic, Rochester, NY) als auch einer interaktiven «Beyond Guidelines»-Session (Pierre-Yves Rodondi, Fribourg & Brent Bauer). Das perfekt zum Kongressmotto «Creative Medicine: Renew & transmit» passende Thema stiess beim Publikum auf viel Resonanz, und die Fülle der präsentierten Studiendaten und Erfahrungen war beeindruckend. Genau der Anspruch der Evidenz ist es, die die Integrative Medizin begrifflich von der komplementären und alternativen Medizin abgrenzt, auch wenn viele ihrer therapeutischen Zusatzangebote genau in diesen Bereichen angesiedelt sind.

Prof. Brent Bauer von der Mayo Clinic, Rochester (NY) berichtete am Freitagmorgen vor vollem Plenarsaal über das vor über 30 Jahren ins Leben gerufene «Integrative Medicine Program» der Mayo Clinic. Das Forschungsprogramm basiert auf einer evidenzbasierten Methodik, die wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse aus der Schulmedizin mit den besten verfügbaren Daten aus der komplementären und alternativen Medizin kombiniert.

So definiert das Academic Consortium for Integrative Medicine & Health (ACIMH) zur Fƶrderung integrativer Medizin die integrative Medizin als ā€ždie Praxis der Medizin, die die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt und Patient bekrƤftigt, den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellt, sich auf Evidenz stützt und alle geeigneten therapeutischen AnsƤtze, Gesundheitsfachleute und Disziplinen einsetzt, um optimale Gesundheit und Heilung zu erreichenā€œ (1).

Laut Brent Bauer wurden im Rahmen des Integrative Medicine-Programms der Mayo Clinic bis heute 175 klinische Studien mit Patienten, gesunden Probanden und Angehörigen von Gesundheitsberufen durchgeführt und mehr als 400 peer-reviewte Publikationen im Bereich integrative Medizin veröffentlicht: zur Wirkung von Akupunktur, von Mind-Body-Verfahren, von Phytotherapie und natürlichen Nahrungsergänzungsmitten, tiergestützten Therapien, Yoga oder medizinischen Massagen bei Krebs-, Schmerz oder kardiologischen Patienten. Ein aktuelles Pilotprojekt befasst sich mit Roboter- und KI-gestützter Tuina-Massage bei Rückenschmerzen.

AnsƤtze der integrativen Medizin neu in Onkologie-Leitlinien

Der Einsatz von Integrativen Therapien während und nach der Brustkrebsbehandlung hat mit Unterstützung der ASCO mittlerweile auch Einzug in die in Praxis-Leitlinien der Gesellschaft für Integrative Onkologie (SIO) für das Management von Brustkrebs oder das Schmerzmanagement bei Krebspatienten gehalten (2, 3). So werden beispielsweise Musiktherapie, Meditation, Stressmanagement und Yoga Massage zum Abbau von Angst- und Stresszuständen empfohlen, Meditation, Entspannungsübungen, Yoga, Massagen und Musiktherapie oder gegen Depression und Stimmungsstörungen. Auch zeigen sich Effekte bei der Milderung von Nebenwirkungen von Krebstherapien wie Müdigkeit, Schmerz und Übelkeit.
Im Alltag kommen Methoden der integrativen Medizin als erweitertes Instrumentarium an den verschiedenen Standorten der Mayo Clinic mittlerweile bei jƤhrlich mehr als 100ā€˜000 Patienten pro Jahr zum Einsatz. Auch Pflegehunde sind Teil des Engagements für die Heilung von Kƶrper, Geist und Seele. Die gut ausgebildeten Tiere werden zum Beispiel eingesetzt, um Patienten mit Depressionen durch Erfahrung von WƤrme und bedingungsloser Liebe von einem Tier Mut zu machen. Wie Prof. Pierre-Yves Rodondi in der interaktiven Session berichtete, sollen Therapiehunde ab 2025 auch am CHUV eingeführt werden.

Brent Bauer hob in seinem Vortrag auch die Bedeutung des am Institut für komplementƤre und integrative Medizin des UniversitƤtsspitals Zürich und der UniversitƤt Zürich ansƤssigen Schweizer Cochrane-Satelliten ā€žCochrane Complementary Medicineā€œ hervor. Dessen Ziel ist es, zu systematischen Übersichten über komplementƤr- und integrativmedizinische Therapien beizutragen und einen evidenzbasierten Ansatz in der KomplementƤr- und Integrativmedizin zu fƶrdern (4).

Nutzung komplementƤrer Medizin und SARS-CoV-2-Impfung

Die ebenfalls erwƤhnte CoviCare-Studie der von Mayssam Nehme, Olivia Braillard, Pierre-Yves Rodondi und Idris Guessous (5) zeige nicht nur, dass ein signifikanter Anteil der Schweizer Bevƶlkerung komplementƤre und alternative Medizin (CAM) wƤhrend der Pandemie nutzte, sondern dass Teilnehmer/-innen, die komplementƤre Medizin nutzten, eine hƶhere Bereitschaft zur SARS-CoV-2-Impfung aufwiesen – vermutlich aufgrund eines hƶheren Gesundheitsbewusstseins. Die longitudinale Studie ist ein bedeutender Beitrag zur Forschung im Bereich der integrativen Medizin und zeigt, wie alternative AnsƤtze die ƶffentliche Gesundheit und das individuelle Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen kƶnnen.

Das SGAIM-Kongress-Komitee lag recht in der Annahme, dass das Integrative Medicine Program der Mayo Clinic Vorbild und Inspirationsquelle sein kƶnnte, wie eine Kombination aus traditionellen und komplementƤren Therapien zur Optimierung des Wohlbefindens vieler Patient/-innen beitragen kƶnne. Das Interesse der Teilnehmer in der von Pierre-Yves Rodondi und Brent Bauer gestalteten interaktiven Session war aufgrund des Plenarvortrags am Morgen so gross, dass aufgrund der vielen Fragen an die beiden Referenten nur einer von den vier geplanten PatientenfƤllen besprochen werden konnte.

In der Schweiz integrieren Ƅrztinnen und Ƅrzte KomplementƤrmedizin in ihre Facharztausbildung, und es gibt zunehmend stationƤre Abteilungen für integrative Medizin. Trotz wachsender Angebote übersteigt die Nachfrage nach komplementƤrmedizinischen Behandlungen das verfügbare Angebot erheblich. Auch die Kostenübernahme der Leistungen der integrativen Medizin ist ein offener Punkt.

Fest steht jedoch, dass alle gefragt sind, im Sinne der Patientinnen und Patienten auch dieses Feld der Gesundheitsversorgung aus ärztlicher bzw. allgemeininternistischer Sicht mit zu gestalten. Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang, die entsprechenden Wünsche der Patient/-innen ernstzunehmen.

Dr. sc. nat. Winfried Suske

1. Academic Consortium for Integrative Medicine and Health, https://imconsortium.org/
2. Lyman GH, et al. Integrative Therapies During and After Breast Cancer Treatment: ASCO Endorsement of the SIO Clinical Practice Guideline. J Clin Oncol. 2018 Sep 1;36(25):2647-2655. doi: 10.1200/JCO.2018.79.2721. Epub 2018 Jun 11.
3. Mao JJ, et al. Integrative Medicine for Pain Management in Oncology: Society for Integrative Oncology-ASCO Guideline Summary and Q&A. JCO Oncol Pract. 2023 Jan;19(1):45-48. doi: 10.1200/OP.22.00622. Epub 2022 Oct 19.
4. Institut für komplementäre und integrative Medizin, Universitätsspital Zürich, https://www.usz.ch/en/department/complementary-and-integrative-medicine/research/
5. Nehme M, et al. Use of complementary medicine and its association with SARS-CoV-2 vaccination during the COVID-19 pandemic: a longitudinal cohort study. Swiss Med Wkly. 2023 Dec 18;153:3505. doi: 10.57187/s.3505

Behandlung und langfristiges Management des Ā­Vitamin-B12-Mangels bei Erwachsenen

Ein Mangel an Vitamin B12 (Cobalamin) kann verschiedene Organe wie das Knochenmark sowie das periphere und zentrale Nervensystem beeinträchtigen [1]. Die Anzeichen und Symptome eines Mangels sind unterschiedlich und meist unspezifisch. Nahrungsquellen für Vitamin B12 sind Lebensmittel tierischen Ursprungs wie rotes Fleisch, Leber, Fisch und Milchprodukte. Eine unzureichende Zufuhr von Vitamin B12 über die Nahrung (<4-5 µg/Tag) kann einen Vitamin-B12-Mangel verursachen. Die intestinale Absorption von Vitamin B12 erfordert außerdem die Freisetzung von Vitaminen aus Nahrungsproteinen, eine normale Sekretion und Funktion des intrinsischen Faktors sowie einen angemessenen Säuregehalt des Magens. Die Malabsorption von Vitamin B12 ist die Hauptursache für einen klinisch manifestierten Vitamin-B12-Mangel bei Erwachsenen. Perniziöse Anämie (Mangel an Intrinsic-Faktor oder Antikörper gegen Intrinsic-Faktor), atrophische Gastritis und andere Magen-Darm-Erkrankungen können eine B12-Malabsorption verursachen. Menschen mit einem durch Malabsorptionsstörungen verursachten Vitamin-B12-Mangel zeigen gastrointestinale Symptome (Episoden von Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit und Durchfall) [2], zusätzlich zu Symptomen wie Neuropathie, die durch den Mangel selbst verursacht wird [3]. Die Serumkonzentration von Vitamin B12 ist ein häufig verwendeter Marker für den Vitamin-B12-Status. Der größte Teil des Vitamin B12 im Blut ist an Haptocorrin gebunden, das für B12-abhängige enzymatische Reaktionen in den Zellen nicht verfügbar ist. Holotranscobalamin ist an Transcobalamin gebundenes Vitamin B12 und macht einen kleinen Teil des gesamten Serum-B12 aus, der biologisch aktiv ist. Ein Mangel an Adenosylcobalamin und Methylcobalamin führt zu erhöhten Plasmakonzentrationen von Methylmalonsäure bzw. Homocystein. Das zirkulierende Vitamin B12 ist möglicherweise nicht bei allen Patienten mit B12-Mangel erniedrigt (4). Die Verwendung von Stoffwechselmarkern für den B12-Status wie Methylmalonsäure und Homocystein zur Unterstützung der Diagnose eines klinisch manifesten Vitamin-B12-Mangels hat Vorteile, aber auch Nachteile (4, 5), wie z. B. die hohen Kosten der Messungen, die begrenzte Verfügbarkeit und die Auswirkungen der Niereninsuffizienz auf die Konzentrationen. Die Symptome eines Vitamin B12-Mangels können irreversibel sein, wenn sie nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden. Das Ziel einer kürzlich veröffentlichten Arbeit (6) war es, einen weithin akzeptierten Expertenkonsens als Leitfaden für die Praxis der Diagnose und Behandlung von B12-Mangel zu entwickeln.

Methoden

Die Autoren führten eine Übersicht über die seit Januar 2003 in PubMed veröffentlichte Literatur durch. Die Daten wurden für eine zweistufige Delphi-Befragung verwendet, um den Grad der Übereinstimmung unter 42 Experten zu untersuchen.

Ergebnisse

Die Erkennung der klinischen Symptome sollte bei der Diagnosestellung oberste Priorität haben. Es besteht Einigkeit darüber, dass die B12-Konzentration im Serum als Screening-Marker nützlich ist und Methylmalonsäure oder Homocystein die Diagnose unterstützen können. Der Lebensstil des Patienten, seine Krankheitsgeschichte und seine Medikation können Hinweise auf die Ursache des B12-Mangels geben. Unabhängig von der Ursache des Mangels wurde die anfängliche Behandlung mit parenteralem B12 als erste Wahl für Patienten mit akuten und schweren Manifestationen des B12-Mangels angesehen. Für die Langzeitbehandlung kann eine hochdosierte orale B12-Gabe in unterschiedlicher Häufigkeit in Betracht gezogen werden. Eine prophylaktische B12-Supplementierung sollte für bestimmte Risikogruppen in Betracht gezogen werden.

Schlussfolgerungen

Die vorliegende Studie gibt einen Überblick über konsistente Daten zur Diagnose und Behandlung von Vitamin-B12-Mangel. Im Rahmen der Delphi-Studie wurde ein solider Konsens zu verschiedenen Aspekten der Diagnose und Behandlung erzielt, um die medizinische Praxis zu unterstützen. Die Experten waren sich einig, dass die derzeitige Praxis in Bezug auf Ausbildung und Organisation geändert werden muss. Obwohl klinischen Symptomen mehr Gewicht beigemessen werden sollte, erkannten die Diskussionsteilnehmer die Notwendigkeit, die Serum-Vitamin-B12-Konzentration als kosteneffektiven Screening-Marker zu verwenden und zusätzlich einen Stoffwechselmarker zu messen. Die B12-Dosis und die Behandlungsschemata müssen je nach Schwere der Symptome und der Ursache des Mangels angepasst werden. Mehrere Themen bedürfen noch eingehender Untersuchungen, wie z. B. der klinische Nutzen einer prophylaktischen B12-Supplementierung bei einigen Risikogruppen.

Quelle: Obeid R et al. Diagnosis, Treatment and Long-Term Management of Vitamin B12 Deficiency in Adults: A Delphi Expert Consensus. J Clin Med. 2024 Apr; 13(8): 2176. Published online 2024 Apr 10. doi: 10.3390/jcm13082176

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

1. Healton E.B. et al. . Neurologic aspects of cobalamin deficiency. Medicine. 1991;70:229–245. doi: 10.1097/00005792-199107000-00001.
2. Miceli E. et al. Common features of patients with autoimmune atrophic gastritis. Clin. Gastroenterol. Hepatol. 2012;10:812–814. doi: 10.1016/j.cgh.2012.02.018.
3. Misra U.K., Kalita J. Comparison of clinical and electrodiagnostic features in B12 deficiency neurological syndromes with and without antiparietal cell antibodies. Postgrad. Med. J. 2007;83:124–127. doi: 10.1136/pgmj.2006.048132.
4. Herrmann W., Obeid R. Utility and limitations of biochemical markers of vitamin B12 deficiency. Eur. J. Clin. Investig. 2013;43:231–237. doi: 10.1111/eci.12034.
5. Green R., et al. Vitamin B(12) deficiency. Nat. Rev. Dis. Primers. 2017;3:17040. doi: 10.1038/nrdp.2017.40
6. Obeid R et al. Diagnosis, Treatment and Long-Term Management of Vitamin B12 Deficiency in Adults: A Delphi Expert Consensus. J Clin Med. 2024 Apr; 13(8): 2176. Published online 2024 Apr 10. doi: 10.3390/jcm13082176

Wer entscheidet über die Zumutbarkeit einer Therapie?

Die PrƤimplantationsdiagnostik ist ein noch junges, spannendes Gebiet. Auf den ersten Blick scheinen die gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf die Fortpflanzungsmedizin (FMedG) klar und sind doch beim nƤheren Betrachten unscharf.

Eine junge Frau ist heterozygote TrƤgerin einer MLH1-Mutation. Solche Mutationen sind für ein hochpenetrantes Lynch-Syndrom verantwortlich, welches mit einem Lebenszeitrisiko von über 75–85 % für Kolon- und/oder Endometriumkarzinom, sowie einem relevant erhƶhten Risiko für weitere Karzinome einhergeht. Die Mutter der Patientin ist mit 46 Jahren an einem metastasierenden Kolonkarzinom verstorben; die Krankheitsgeschichte und der Verlust der Mutter sind für die Patientin prƤgend. Die empfohlenen hƤufigen Surveillance-Untersuchungen und die prƤsente Tumorangst bei einem ungewissen Restrisiko sind belastend. Diese Belastung mƶchte sie ihren Nachkommen mƶglichst nicht zumuten und entscheidet sich für eine In-vitro-Fertilisation (IVF) und eine gezielte Testung der Embryonen auf die für das Lynch-Syndrom bekannte Genmutation MLH1. Dieser Entscheid ist gut nachvollziehbar und international besteht ein breiter Konsens, dass P/LP-MLH1-Mutationen für eine PGT-M (PrƤimplantations-Gentest zur Erkennung von monogenen Krankheiten) qualifizieren. Wo liegt also das Problem?

Die gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz verlangen für eine PGT-M, dass es sich um eine vererbbare und schwere Krankheit handelt und diese vor dem 50. Altersjahr auftritt. Diese Bedingungen werden mit einem Lynch-Syndrom sicher erfüllt. Weiter verlangt das Gesetz, dass für die Krankheit keine wirksamen und zweckmƤssigen Therapieoptionen vorliegen. Dieser Punkt kann kontrovers diskutiert werden und zeigt die UnschƤrfe der gesetzlichen Vorgaben. GrundsƤtzlich gibt es wirksame und zweckmƤssige Vorsorgeuntersuchungen und Therapieoptionen für Tumorerkrankungen, allerdings wissen wir auch, dass diese aufwƤndig, für die Patienten belastend und leider nicht immer erfolgreich sind. Ƅhnlich verhƤlt es sich mit den BRCA1/2-Mutationen, welche mit einem im Vergleich zur Normalbevƶlkerung massiv erhƶhten Brust- und Ovarialkarzinom einhergehen. Mit dem Argument, dass eine sorgfƤltige Vorsorgeuntersuchung und rechtzeitige bilaterale Mast-/Salpingo-Ovarektomie eine wirksame und zweckmƤssige Therapieoption darstellt, wird teilweise dem Wunsch nach einer PGT-M aus rechtlicher und medizinethischer Sicht nicht entsprochen.

In den 2022 verfassten Richtlinien zur PGT-M der NEK (Nationale Ethikkommission) steht, dass eine Therapie zweckmässig ist, wenn die Risiken und Belastungen der Therapie für die von der schweren Krankheit betroffene Person und für das Paar zumutbar sind. Wer bestimmt, was und für wen und in welcher Situation zumutbar ist?

Aus meiner langjährigen internistischen Tätigkeit weiss ich, dass ein Mammakarzinom oder Colonkarzinom nicht immer langfristig beherrscht werden kann, dass häufige Vorsorgeuntersuchungen wie z.B. beim Lynch-Syndrom grosse Sorgen und Unsicherheiten auslösen können und dass eine elektive bilaterale Mastektomie für die betroffene Frau eine massive emotionale Belastung darstellt. In der Schweiz wird jeder einzelne Fall in einem individuellen PGT-M-Board behandelt und gegebenenfalls auch über den Aspekt der Zumutbarkeit einer Therapie entschieden. In den UK wird von der Human Fertilization and Embryology Authority (HFEA) eine Liste mit über 600 Krankheiten/Mutationen geführt, welche für eine PGT-M qualifizieren, so dass vergleichbare Fälle gleich beurteilt werden. Und selbstverständlich gibt es auch Länder ohne jegliche Regulationen in Bezug auf die genetische Testung von Embryonen.

Die genetische Testung von Embryonen muss ein unbedingt wichtiges gesellschaftliches und politisches Thema bleiben. Eine Selektion von Embryonen mittels polygenetischer Testung (PGT-P) und Risikoscores sind bereits in diversen Ländern Realität und lassen aufhorchen. Auch mit der in der Schweiz erlaubten monogenetischen Testung müssen mit dem Wunschpaar sorgfältige Gespräche geführt werden und immer die Option offengelassen werden, dass nicht gleichzeitig auch eine Testung auf Aneuploidie (Abweichung der Chromosomenzahl) erfolgen muss. Aber es liegt mir sehr am Herzen, dass auch Gynäkologen, Onkologen und Internisten, welche die Belastung betroffener Patienten z.B. Lynch-Syndrom oder BRCA1/2-Mutation kennen, in die medizinethische Diskussion rund um Wirksamkeit und Zumutbarkeit einer Therapie miteinbezogen werden und möglichst eine einheitliche, transparente und rechtsgleiche Praxis in Bezug auf PGT-M in der Schweiz erreicht werden kann.

Dr. med. Vera Stucki-Häusler, Zürich

Dr. med.Vera Stucki-HƤusler

Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Vera Stucki-HƤusler
Seestrasse 141
8703 Erlenbach

stucki@medinfo-verlag.ch

Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom

Das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKH) ist eine einschneidende Diagnose für Jugendliche mit weitreichenden Konsequenzen. Das MRKH-Syndrom wird meist entdeckt durch das Ausbleiben der Menstruation in der Pubertät und wird in zwei Formen eingeteilt. Als Therapie gibt es die konservativen Dehnungsbehandlungen sowie chirurgisch-minimal invasive Techniken, welche unabhängig des operativen Ansatzes einer intensiven Nachsorge bedürfen.

Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser syndrome (MRKH) is a drastic diagnosis for young people with far-reaching consequences. MRKH syndrome is usually discovered due to the absence of menstruation during puberty and is categorised into two forms. There are conservative stretching treatments as well as surgically minimally invasive techniques, which require intensive aftercare regardless of the surgical approach.

Key words: Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom, Vecchietti Operation, Shears Operation, Dilatation nach Frank, Amenorrhoe

Krankheitsbild

Das MRKH-Syndrom ist eine Anomalie der Müller’schen GƤnge. Diese zeichnet sich durch eine angeborene Aplasie des Uterus und der oberen 2/3 der Vagina aus bei einer phƤnotypisch weiblichen Person mit den Geschlechtschromosomen XX (1). Diese Malformation wurde bereits im 11. Jahrhundert von Albucassis und Avicenna beschrieben, jedoch ist das vollstƤndige MRKH-Syndrom erst seit etwa 150 Jahren bekannt. Der Name wurde 1961 nach der PrƤzisierung der Definition durch Hauser und Schreiner von Ā«uterus bipartitus solidus rudimentarius cum vagina solidaĀ» in Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom geƤndert, benannt nach den Erstbeschreibern (2). Das MRKH-Syndrom hat eine Inzidenz von 1:5’000, welche in zwei gross angelegten, europƤischen epidemiologischen Studien erhoben wurde (3, 4).

GemƤss der ESHRE/ESGE-Klassifikation von 2013 wird die Anomalie als U5 C4 V4 klassifiziert (5). Die ESHRE/ESGE-Guidelines lassen alle Kombinationen von Müller’schen Anomalien klassifizieren (Abb. 1).

Embryologie und Genetik

In der Embryologie bildet sich der paramesonephrische Duct (Müller’scher Gang) ab der 5. / 6. Schwangerschaftswoche aus. FamiliƤre Konstellationen deuten auf eine monogenetische Ursache hin. Im Weiteren gibt es aber auch Hinweise auf polygenetische und multifaktorielle Faktoren als auch Umgebungsfaktoren sowie regulatorische Mechanismen, wo epigenetische und somatische Ereignisse eine Rolle spielen (6). In Tiermodellen wurden verschiedene Faktoren nachgewiesen. Die sich stƤndig entwickelnden Mƶglichkeiten genetischer AbklƤrung sind mit den Betroffenen zu besprechen und dürften das Wissen um mƶgliche Faktoren in Zukunft erweitern. Dies dürfte auch von Bedeutung sein, falls die Uterus-Transplantation in Zukunft für Betroffene zur Verfügung stehen wird.

Beim MRKHS werden zwei Formen unterschieden: Typ I, das isolierte Fehlen von Vagina und Uterus (ca. 60 % der Betroffenen) und Typ II, das atypische MRKHS mit asymmetrischer Hypoplasie einer oder beider Uterusknospen sowie Tubendysplasie zusƤtzlich zur Vaginalaplasie (ca. 40 % der Betroffenen). Diese Form ist mit weiteren Fehlbildungen verbunden, insbesondere im oberen Harntrakt und Skelettsystem. Eine schwerwiegende Form ist die MURCS-Assoziation (Müllerian-Renal-Cervicalthoracic-Somite abnormalities), bei der auch Herzanomalien und Hƶrverlust auftreten kƶnnen.

Diagnostisches Work-up und Transition

Die meisten MRKH-Diagnosen werden zwischen dem Alter von 15 und 17 Jahren gestellt, wenn der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin stattfindet. Die diagnostischen Schritte können von jugend-gynäkologisch geschulten PädiaterInnen oder GynäkologInnen eingeleitet werden (Tabelle 1). Nach einer wegweisenden Anamnese folgen Blutuntersuchungen zum Hormonstatus und die Bildgebung. In der Bildgebung hat sich das MRI etabliert, da es mögliche Zusatzanomalien oder kranialisierte Ovarien, welche bei fehlender Vagina sonographisch nicht einfach erhoben werden können, visualisieren lässt (7). Differentialdiagnostisch ist an XY DSD (disorder of sex differenciation) zu denken. Es handelt sich dabei um eine seltene angeborene Genitalfehlbildung beim männlichen Geschlecht. Eine ebenfalls XY-assoziierte Ausprägung kann das CAI-Syndrom sein (CAIS = complete androgen insensitivity syndrome, auch Morris Syndrome genannt), wo eine Mutation im Androgenrezeptor Gen vorliegt. Phänotypisch sind die Personen weiblich mit blind endender kurzer Vagina und wenig Schambehaarung.

Die Diagnose MRKH trifft die jungen Frauen in der Adoleszenz, einer vulnerablen Lebensphase. Die Diagnose kann Betroffene in eine ernsthafte Krise stürzen, sind doch die IdentitƤt, die SexualitƤt und die Reproduktion betroffen. Eine sensible psychologische Begleitung durch eine hierzu geschulte Person ist anzusprechen und zu empfehlen. Es liegen bei MRKH-Betroffenen hƤufiger Ƅngste, Depression und Minderwertigkeitsprobleme vor (8).

Therapie des MRKH

Der optimale Zeitpunkt für die Durchführung einer Neovaginoplastik liegt nach Abschluss der PubertƤtsentwicklung vor, sofern eine ausreichende Ɩstrogenproduktion gewƤhrleistet ist und die Patientin den Wunsch nach sexuellen AktivitƤten Ƥussert. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Therapie erfordert die EinwilligungsfƤhigkeit und das VerstƤndnis der Patientin, bei den Therapien einen aktiven Part einzunehmen, speziell was die Nachbehandlung mit Dilatationen betrifft. Auf diesen wichtigen Teil der Behandlung wird untenstehend weiter eingegangen. Die OP soll auf expliziten Wunsch der Betroffenen durchgeführt werden, denn eine vorzeitige Operation auf Wunsch der Eltern erhƶht das Risiko von Misserfolgen, traumatischen Erfahrungen für die Patientin sowie die Notwendigkeit wiederholter Eingriffe zur Aufrechterhaltung der VaginalintegritƤt, welche für ein spƤteres zufriedenstellendes Sexualleben ein entscheidender Faktor ist. UnabhƤngig davon, ob konservative oder operative Verfahren angewendet werden, erfordert die Durchführung der Vaginaldilatation im Verlauf betrƤchtliche Anstrengungen, insbesondere bei jüngeren Frauen, und eine mal-compliance kann den Therapieerfolg erheblich schmƤlern. Ziel ist eine VaginallƤnge von mindestens 6.6 cm zu bekommen, da ab dieser LƤnge die sexuelle Zufriedenheit hoch war (9).

Nicht-invasive Therapie

Bei Patientinnen mit prƤsentem Scheidengrübchen und einem zentral gelegenen Meatus urethrae externus kann eine Dilatationstherapie angeboten werden. Die erste Beschreibung eines solchen Verfahrens erfolgte 1938 durch Frank und wurde dann durch Ingram weiterentwickelt. Die Therapie dauert 4–6 Monate, bis eine suffiziente VaginallƤnge erreicht wird, welche penetrative Kohabitationen ermƶglicht.
TƤglich sollte für mindestens 30 Minuten ein Druck bzw. eine Dilatation des Vaginalgrübchens erfolgen. Hierzu sollte das Vaginalgrübchen nicht vernarbt sein. Dieses lange dauernde Verfahren hat Erfolgsquoten von bis zu 95 % und aufgrund der nicht-invasiven Natur der Methode wird sie z.B. in den USA als Methode der ersten Wahl angesehen (10). Es muss aber beachtet werden, dass die Therapie in ungefƤhr 15 % nicht erfolgreich ist, resp. abgebrochen wird.

In Studien zur sexuellen Zufriedenheit zeigte die Dilatationsmethode zwar die niedrigsten Werten im FSFI-Score (25.7 Punkte) bei gleichzeitig kürzester mittlerer VaginallƤnge von 6.7 cm (11, 12). Der Female Sexual Function Index (FSFI) misst die sexuelle Zufriedenheit anhand eines Scores mit Werten zwischen 0–36. Je hƶher die Punktzahl, umso grƶsser ist die sexuelle Zufriedenheit. Dabei ist zu erwƤhnen, dass bei den in diesem Artikel diskutierten Methoden die FSFI-Werte in Studien Ƥhnlich waren, nƤmlich zwischen 25.7 und 29.9 Punkten. Bei der Dilatationsmethode wird die Neovagina mit normalem Vaginalepithel ausgekleidet und bietet ein normales vaginales Milieu.

Operative Techniken

Das Verfahren nach Wharton-Shears-George basiert auf dem schrittweisen Dilatieren der rudimentƤr vorliegenden Müller-GƤnge mit Hegarstiften bis auf Grƶsse 14 in jedem Kanal. Dann wird durch Inzision zwischen beiden Hegarstiften und PrƤparation in die Tiefe eine Neovagina im Spatium vesikorektale kreiert. Begrenzende Strukturen sind die hintere Blasenwand und die vordere Rektumwand, welche auf IntegritƤt am Ende des Eingriffs kontrolliert werden müssen. Ein perinealer Hautlappen kann in die Neovagina transplantiert werden, um die Epithelialisierung zu verbessern. Ein Vaginalstent beschichtet mit ƖstrogencrĆØme wird für ungefƤhr eine Woche eingelegt und danach durch grƶssere Dilatatoren ersetzt.

Im Verlauf wird empfohlen tƤglich zu dilatieren, da das Gewebe zu schrumpfen neigt. Dies auf alle FƤlle, bis regelmƤssige Kohabitationen aufgenommen werden. Die Neovagina wird innerhalb von mehreren Monaten vom Introitusbereich aus mit physiologischem nicht-verhorntem Vaginalepithel epithelialisiert und erreicht im Mittel eine LƤnge von 8.3 cm (13). Diese Methode hatte in Studien einen hohen FSFI-Score von 29.9 Punkten bei 289 Frauen.

Eine Kombination aus operativer Anlage einer Neovagina mit einem Dehnungsverfahren bietet die Methode nach Vecchietti. Hierbei wird ein Phantom in die Vaginalgrube eingelegt und daran angebrachte FƤden auf Hƶhe des Bauchnabels mittels Laparoskopie ausgeführt. Mit Hilfe einer Spannungsapparatur wird jeden Tag der Zug auf die FƤden erhƶht und somit eine Vaginaldehnung von bis zu 1 cm/Tag erreicht. Ziel ist, eine VaginallƤnge von 10-12 cm zu erhalten. Die Phase der raschen Vaginaldehnung erfolgt unter stationƤren Bedingungen bei liegender EpiduralanƤsthesie (EDA) zur Vermeidung von Schmerzen. Heutzutage werden walking-EDAs angelegt, um eine lƤngere ImmobilitƤt zu vermeiden. Wie bei der Wharton-Shears-George-Methode erfolgt die Epithelisierung vom Introitus aus mit normalem Vaginalepithel.

Es wird nach Entfernung des Spannapparates in den ersten 3 postoperativen Monaten empfohlen, 24 Stunden pro Tag mit reichlich östrogenhaltiger Creme ein Phantom zu tragen. Sollte nach der Abheilungs-/Epithelialisierungsphase keine regelmäßige Kohabitation möglich sein, sollte das Phantom zumindest nachts für einige weitere Monate getragen werden, da sonst ein Risiko für eine sekundäre Schrumpfung der Neovagina besteht. Die Länge und Breite des Dobbies lassen wir am Universitätsspital Zürich nach Entfernung des Spannapparates individuell anpassen.

Auch zeigten Studien zur sexuellen Zufriedenheit normale Werte im FSFI-Score von 29.8, bei einer mittleren VaginallƤnge 7.9 cm. Urologische Komplikationen bei der Anlage des Spannapparates traten in 2 % der FƤlle auf (11).

Bei der Darmscheidenanlage wird ein Darmabschnitt (in der Regel Sigma oder Ileum) isoliert und für die Konstruktion eines Vaginalkanals verwendet. Die Darmscheidenanlage ist unter den bisher vorgestellten Methoden die aufwƤndigste Operation. Diese Technik ist besonders in der Kinderchirurgie eine etablierte Methode. Das Darmsegment wird sorgfƤltig vorbereitet, um die Blutversorgung und die IntegritƤt der Schleimhaut sicherzustellen. Anschliessend wird es chirurgisch in die Beckenhƶhle implantiert, um die Neovagina zu bilden. Im Laufe der Zeit heilt die Neovagina und passt sich der Funktion eines natürlichen Vaginalkanals an, wobei Studien die lƤngste VaginallƤngen zeigten im Vergleich zu den anderen beschriebenen Techniken von 12.9 cm mit einem FSFI-Score von 27.8 (12). Zu beachten ist, dass diese Technik die hƶchsten Dyspareunieraten aufweist und Stenosen in knapp 10 % der FƤlle im Verlauf vorkommen. Vor geplanter Uterus-Transplantation sollten diese Verfahren nicht angewandt werden.

Komplikationen oder unerwünschte Begleiterscheinungen reichen von mukösem, teils übelriechendem Ausfluss bis hin zu Strikturen oder Nekrosen im Anastomosenbereich. Darmkrebsfrüherkennungsuntersuchungen sind nach dieser Methode empfohlen.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Sƶren Lange

Oberarzt Klinik für Gynäkologie
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

PD Dr. med. Cornelia Betschart Meier

Stellvertretende Klinikdirektorin
Klinik für Gynäkologie, USZ
Frauenklinikstrasse 10
8006 Zürich

cornelia.betschart@usz.ch

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte angegeben.

Das MRKH-Syndrom ist eine seltene Anomalie der Müller’schen GƤnge mit Anlagestƶrungen von Uterus und Vagina ohne chromoĀ­somale Anomalien.
Die Diagnose MRKH trifft die Patientinnen meist in einer vulnerablen Lebensphase und kann ernsthafte psychologische Folgen haben, weshalb eine sensible psychologische Begleitung essenziell ist.
Operative Verfahren ermöglichen die Rekonstruktion der Vagina, u.a. durch Dissektion des Spatium vesikorektale, durch kontinuierliche Dilatation des residuellen Vaginalgrübchens oder durch Anlage einer Darmscheide.
Gut angelegte Studien zum Vergleich verschiedener operativer Methoden fehlen.

1. Herlin MK, Petersen MB, Brannstrom M. Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser (MRKH) syndrome: a comprehensive update. Orphanet journal of rare diseases. 2020;15(1):214.
2. Hauser GA, Schreiner WE. (Mayer-Rokitansky-Kuester syndrome. Rudimentary solid bipartite uterus with solid vagina). Schweiz Med Wochenschr. 1961;91:381-4.
3. Herlin M, Bjorn AM, Rasmussen M, Trolle B, Petersen MB. Prevalence and patient characteristics of Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser syndrome: a nationwide registry-based study. Hum Reprod. 2016;31(10):2384-90.
4. Aittomaki K, Eroila H, Kajanoja P. A population-based study of the incidence of Mullerian aplasia in Finland. Fertil Steril. 2001;76(3):624-5.
5. Grimbizis GF, Gordts S, Di Spiezio Sardo A, Brucker S, De Angelis C, Gergolet M, et al. The ESHRE/ESGE consensus on the classification of female genital tract congenital anomalies. Hum Reprod. 2013;28(8):2032-44.
6. Cunha GR, Robboy SJ, Kurita T, Isaacson D, Shen J, Cao M, et al. Development of the human female reproductive tract. Differentiation. 2018;103:46āˆ’65.
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Hormonanalytik in der gynƤkologischen Sprechstunde

Zyklusstƶrungen sind hƤufige Anliegen in der gynƤkologischen Praxis und kƶnnen auf hormonelle Dysregulationen wie das polyzystische Ovarialsyndrom hinweisen. Die Hormonanalyse dient dazu, verschiedene Hormone wie die Gonadotropine (FSH, LH) Ɩstradiol, Testosteron, Sexualhormon-bindende Globuline (SHBG), Dihydroepiandrosteron (DHEAS), Thyroidea-stimulierendes Hormon (TSH), Prolaktin und das Anti-Müller-Hormon (AMH) zu bewerten. Diese Parameter ermƶglichen Einblicke in die ovarielle Funktion, den Menstruationszyklus und das endokrine Gleichgewicht der Patientin. Insbesondere bei Hinweisen auf Androgenisierung oder Hyperandrogenismus ist eine differenzierte Hormonanalyse von grosser Bedeutung. Die Identifizierung von Zyklusstƶrungen und Hormonungleichgewichten erƶffnet die Mƶglichkeit zur gezielten Therapie, die von der hormonellen Regulation bis zur Behandlung spezifischer Symptome reichen kann. Ein umfassendes VerstƤndnis der zugrunde liegenden Pathophysiologie und eine individualisierte Herangehensweise sind entscheidend, um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen mit Zyklusstƶrungen und Androgenisierung effektiv zu managen.

Menstrual disorders are common concerns in gynecological practice and can signal hormonal dysregulations such as polycystic ovary syndrome. Hormone analysis serves to assess various hormones including gonadotropins (FSH, LH), estradiol, testosterone, sex-hormone-binding globuline (SHBG), dehydroepiandrosteron (DHEAS), prolactine, thyroidea stimulating hormone (TSH) and anti-mullerian hormne (AMH). These parameters offer insights into ovarian function, the menstrual cycle, and the patient’s endocrine balance. A detailed hormone analysis is particularly crucial when there are indications of androgenization or hyperandrogenism. Identifying menstrual disorders and hormonal imbalances provides the opportunity for targeted therapy, ranging from hormonal regulation to treating specific symptoms. A comprehensive understanding of the underlying pathophysiology and an individualized approach are essential for effectively managing the health and well-being of women experiencing menstrual disorders and androgenization.
Key words: Menstrual disorders, hormonal dysregulations, hormonal analysis

Hormonanalytik in der Praxis

Die Hormonanalytik spielt während der reproduktiven Phase einer Frau in der Diagnosestellung eine entscheidende Rolle. Sie ist unverzichtbar sowohl für das Monitoring des Menstruationszyklus als auch für die differenzierte Diagnose von Zyklusstörungen. Weitere häufige Anliegen wie Androgenisierungserscheinungen können oft nur durch endokrinologische Diagnostik geklärt werden.

Der vorliegende Artikel vermittelt die grundlegenden Prinzipien der Hormonanalytik, die in der tƤglichen Arbeit der gynƤkologischen Praxis Anwendung finden.

Der weibliche Hormonhaushalt ist komplex und sollte nicht einseitig betrachtet werden. Daher sollten auch die LebensumstƤnde, ErnƤhrungsgewohnheiten und die Einnahme von Medikamenten in die Diagnose miteinbezogen werden (1).

Physiologie

Die übergeordnete Funktionseinheit zur Steuerung des weiblichen Zyklus besteht aus dem Hypothalamus und der Hypophyse. Das Ovar fungiert als Zielorgan und bewirkt unter anderem durch die Produktion weiblicher Geschlechtshormone die charakteristischen Effekte des weiblichen Zyklus. Die Gonadotropine LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) erfüllen bei beiden Geschlechtern eine zweifache Funktion: Sowohl die Produktion der Keimzellen als auch die Bildung und Ausschüttung von Sexualhormonen aus den Eierstöcken und Hoden werden durch die beiden Gonadotropine gesteuert.

Die Voraussetzung für einen normalen ovulatorischen Zyklus ist die pulsatile Sekretion von LH, die unter anderem durch die Ausschüttung von GnRH (Gonadotropin Releasing Hormone) und die Rückkopplung des Ɩstradiols beeinflusst wird. FSH vermittelt die Umwandlung zu Ɩstrogenen in den Granulosazellen. Gonadotropine werden ihrerseits durch positive und negative Feedback-Mechanismen der Steroide reguliert (2).
Vor dem Einsetzen einer regulƤren Menstruation und dem Beginn eines neuen Menstruationszyklus, falls keine Schwangerschaft eingetreten ist, erfolgt die Luteolyse des Gelbkƶrpers, gefolgt von einem darauffolgenden Abfall der Ɩstradiol- und ProgesteronĀ­spiegel.

Das Anti-Müller-Hormon und die Ovarreserve

Die Bedeutung des Anti-Müller-Hormons (AMH) im Zusammenhang mit der ovariellen Reserve nimmt eine besondere Stellung ein. Der Höchstwert im Lebensverlauf wird etwa im 25. Lebensjahr erreicht. AMH verringert die Anfälligkeit der Granulosazellen für FSH und blockiert somit die Rekrutierung von Follikeln aus dem Pool der primordialen Follikel sowie die Sekretion des dominierenden Follikels. AMH bestimmt in erheblichem Masse somit den Verbrauch von Follikeln (2).

Die AMH-Konzentration sinkt mit abnehmendem Follikelpool und somit mit einer altersbedingten Reduktion der Gesamtmasse an Granulosazellen. Eine AMH-Bestimmung ist daher sinnvoll, wenn Zyklusstƶrungen auftreten und das FSH auffƤllig hoch ist oder wenn eine Stimulation mit FSH-Medikamenten im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung geplant ist.

Basierend auf den Erkenntnissen lässt sich feststellen, dass die AMH-Werte nur dann eine valide Einschätzung der ovariellen Reserve und der Fertilität ermöglichen, wenn eine Subfertilität vorliegt, also wenn über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten aktiv eine Schwangerschaft angestrebt wurde. Die Messung von AMH bei Frauen ohne Kinderwunsch liefert keinen verlässlichen Hinweis darauf, ob der spätere Zeitpunkt für eine Schwangerschaft eher unter-, überdurchschnittlich oder altersgemäss sein wird (3,4).

Zur Beurteilung der ovariellen Reserve sind FSH, Ɩstradiol (in der frühen Follikelphase) und das AMH geeignet. AMH wird als der aussagekrƤftigste Parameter für die EinschƤtzung der ovariellen Reserve betrachtet. Mit zunehmendem Alter nimmt der Follikelvorrat ab, was zu einem Rückgang des AMH-Werts führt. Ein AMH-Wert unterhalb der Nachweisgrenze bedeutet jedoch nicht zwangslƤufig, dass bereits die Wechseljahre eingetreten sind.

Selbst bei AMH-Werten unter-halb der Nachweisgrenze kƶnnen noch ovulatorische Zyklen auftreten. Untersuchungen haben gezeigt, dass im Durchschnitt 5–6 Jahre nach dem Verlust der Nachweisbarkeit das Einsetzen der Menopause beobachtet wurde (3).

Zyklusdiagnostik

Für die Basisdiagnostik kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ein ovulatorischer Zyklus vorliegt, wenn die Patientin einen regelmässigen Menstruationszyklus angibt.

Eine Hormonanalyse kann dennoch im Rahmen des Zyklusmonitorings durchgeführt werden. Hierbei erfolgt die Basisbestimmung zur Erfassung der ovariellen Funktion zu Beginn des Menstruationszyklus in der Follikelphase (2.–5. Zyklustag). In dieser Phase sind üblicher-weise niedrige Ɩstradiol- und Gonadotropinspiegel festzustellen.

Ein erhöhter FSH-Serumspiegel im Frühfollikelstadium (>12 U/l) deutet auf eine ovarielle Störung hin, deren Gründe weiter untersucht werden sollten.

Die Detektion eines LH-Peaks, der der Ovulation 18-24h vorausgeht, ist mƶglich, jedoch sind mƶglicherweise mehrere LH-Messungen erforderlich (5).

Klinisch hat sich die Einzelmessung von LH und Ɩstradiol in der Zyklusmitte sowie die gleichzeitige sonographische Beurteilung der Endometriumdicke mit Grƶsse und Anzahl der Follikel als gƤngige Vorgehensweise etabliert. Als Alternative besteht die Mƶglichkeit, den LH-Peak durch den Gebrauch handelsüblicher, urinbasierter Ovulationstests mit akzeptabler Genauigkeit zu erfassen (6).
Die Lutealphase setzt nach der Ovulation ein, die durch den mitt-zyklischen Anstieg von LH ausgelƶst wird. Durch die Freisetzung der Oozyte aus dem dominierenden Follikel entsteht das Corpus luteum. Neben Ɩstrogenen, weiteren Hormonen und Wachstumsfaktoren sezerniert es vor allem Progesteron, das als Schlüsselhormon der zweiten HƤlfte des Menstruationszyklus fungiert.

Etwa 4-6 Tage nach der Ovulation wird im weiblichen Zyklus als der optimale Zeitpunkt für die Rezeptivität des Endometriums und eine erfolgreiche Implantation angesehen.

Gegen Ende der zweiten Zyklushälfte ist die Sekretion von Progesteron verstärkt mit der LH-Pulsatilität verbunden, was zu einer zunehmenden Schwankungsbreite der gemessenen Serumwerte für Progesteron führen kann. Aufgrund der variablen Ausschüttung von Progesteron im pulsierenden Rhythmus scheint ein einzelner, zu niedrig bestimmter Wert nicht geeignet zu sein, um eine Lutealphaseninsuffizienz zu dokumentieren.

Ein grundlegendes Problem in Bezug auf die Definition einer Lutealphaseninsuffizienz liegt daher in der fehlenden verlässlichen und validen diagnostischen Methode zur Beurteilung der Sekretionsleistung des Corpus luteum. Rein klinisch kann eine verkürzte zweite Zyklushälfte oder das Auftreten prämenstrueller Schmierblutungen sowie Spotting auf die Lutealphaseninsuffizienz hinweisen (2).

Hormonanalyse bei Zyklusstƶrungen

Die Beschreibung einer normalen Menstruation umfasst eine moderate Blutung von 3 bis 7 Tagen Dauer mit einem Blutverlust von unter 80 ml. Die Eumenorrhoe geht in der Regel mit minimalen Beschwerden einher und folgt einem Zyklus von 24 bis 35 Tagen.

Die Ursachen für Zyklusstörungen sind vielfältig. Hormonelle als auch organische Ursachen, (Stress, Polypen, Myome, Asherman-Syndrom, Essstörungen und Leistungssport) können unregelmässige Zyklen verursachen.

Eine eindeutige Indikation für eine umfassendere hormonelle Diagnostik liegt vor, wenn Zyklusstörungen auftreten, die sich als Unregelmässigkeiten im Menstruationsrhythmus oder im Menstruationstypus manifestieren können.

Diese Diagnostik sollte idealerweise zwischen dem 2. und 5. Zyklustag oder wƤhrend der ovariellen Funktionsruhe (Amenorrhoe) durchgeführt werden. Relevante Parameter zur Untersuchung von Zyklusstƶrungen umfassen LH, FSH, Ɩstradiol, Gesamttestosteron, Sexualhormon-bindendes-Globulin (SHBG), Dehydroepiandrosteron-Sulfat (DHEAS), Prolaktin und (Thyroidea stimulierendes Hormon) TSH, sowie den Ausschluss einer Schwangerschaft (6).

PrƤanalytik

Die Verwendung hormoneller Kontrazeptiva führte in verschiedenen Studien zu einer Senkung der AMH-Werte im Vergleich zu Frauen, die keine solchen PrƤparate einnehmen (bis zu 30 % niedrigere Werte) (7). Die Dosierung von Ethinylestradiol in den PrƤparaten hatte dabei keine Auswirkung. Nach dem Absetzen der hormonellen Kontrazeptiva wurde jedoch eine signifikante Zunahme der AMH-Spiegel festgestellt (8).
Auch andere Medikamente können einen Einfluss auf die Hormondiagnostik haben. Prolaktin ist ein typisches Beispiel eines hormonellen Parameters, der durch Medikamenteneinnahme beeinflusst wird. Insbesondere die Einnahme von Neuroleptika, Antidepressiva, Gastroprokinetika, aber auch einige Antihypertensiva führen zu erhöhten Prolaktinwerten im Serum und können so auch klinische Symptome (z. B. Galaktorrhö, Oligo-/Amenorrhö) bewirken (9) (siehe Tab. 1).

Diagnostik der Androgenisierung

Der Ausdruck Androgenisierung bezeichnet die serologischen oder phänotypischen Veränderungen einer Frau, die typischerweise zu männlich orientierten Merkmalen führen.

Zeichen der Androgenisierung, wie zum Beispiel vermehrter Haarwuchs im männlichen Muster (Hirsutismus), Akne, und androgenetische Alopezie (männlicher Haarausfall), mit oder ohne Zyklusstörungen gehören zu den häufigsten Gründen für eine gynäkologische Konsultation. Differenzialdiagnotisch müssen die funktionelle Androgenisierung (polyzystisches Ovarialsyndrom PCOS, Adrenogenitales Syndrom AGS), androgen produzierende Tumore und die pharmakologisch bedingte Androgeniserung (z.B. Anabolika) in Betracht gezogen werden.
Um eine HyperandrogenƤmie oder einen Hyperandrogenismus differenzialdiagnostisch zu untersuchen, werden insbesondere folgende Hormone bestimmt:

– Gesamt-Testosteron
– DHEAS
– Androstendion
– SHBG

Testosteron ist ein lipophiles Steroidhormon, das im Blutplasma zu etwa 60 % an SHBG und zu etwa 30–40 % an Albumin gebunden wird. Obwohl bisher kein guter Assay für die direkte Messung des freien Testosterons verfügbar ist, wird empfohlen, neben der Bestimmung des Gesamttestosterons auch den SHBG-Spiegel zu messen. Dies ermƶglicht die Ableitung des Anteils des freien, also wirksamen Testosterons. Der freie Androgenindex (FAI) kann auf diese Weise ermittelt werden. Bei einem Anstieg der adrenalen Androgene wie DHEAS und Androstendion wird im Rahmen der differenzialdiagnostischen Untersuchung, insbesondere bei entsprechender klinischer Symptomatik, ein Cushing-Syndrom als mƶgliche Ursache für die Hyper-androgenƤmie ausgeschlossen. Hierfür erfolgt die Bestimmung von Cortisol. Bei nachgewiesener Erhƶhung des Cortisols wird ein Dexamethason-Kurztest durchgeführt.

Auch sollte bei einem Anstieg der adrenalen Androgene ein möglicher Enzymdefekt in der Nebenniere durch eine frühzyklische Überprüfung von 17-Hydroxyprogesteron (17-OHP) ausgeschlossen werden. Bei erhöhten 17-OHP-Spiegeln (>2 ng/ml) wird ein ACTH-Stimulationstest durchgeführt. Bei auffälligem ACTH-Test erfolgt eine anschliessende molekulargenetische Diagnostik zur Präzisierung des Enzymdefektes.
Ein Testosteronspiegel von >1,5–2 ng/ml oder ein DHEAS-Spiegel von >7 μg/ml, zusammen mit schnell fortschreitenden Androgenisierungssymptomen, kƶnnen auf das Vorliegen eines androgenbildenden Tumors hinweisen.

Wenn die Hyperandrogenämie oder der Hyperandrogenismus auf das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) zurückzuführen ist, wird in der Grunddiagnostik zusätzlich ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT) empfohlen. Dies dient dazu, eine Insulinresistenz auszuschliessen, die bei mehr als 30% der Betroffenen nachgewiesen werden kann (6).

Zyklusstörungen spielen eine führende Rolle bei unerfülltem Kinderwunsch.

Ein unregelmƤssiger Zyklus oder eine Amenorrhoe deuten auf mƶgliche Stƶrung der Follikelreifung oder Ovulation hin. HormonverƤnderungen kƶnnen auch die Lutealphase beintrƤchtigen.

Etwa 15% der Frauen mit einer PaarsterilitƤt haben ihre Ursache in Anovulation oder einer Stƶrung der Follikulogenese. Klinisch kann dies als primƤre oder sekundƤre Amenorrhoe auftreten.

Normogonadotrope Anovulationen werden sehr hƤufig durch PCOS verursacht.

Hypogonadotrope Anovulationen werden häufig durch eine hypothalamisch-hypophysäre Dysfunktion verursacht, die zum Beispiel auf einen niedrigen Body-Mass-Index (BMI) oder starke körperliche oder psychische Belastungen zurückzuführen sein kann.

Hypergonadotrope Anovulationen sind häufig ein Merkmal der prämaturen Ovarialinsuffizienz (9). Häufig gehen Zyklusstörungen mit Störungen des Prolaktinhaushalts einher. Ein erhöhter Prolaktinspiegel hemmt die Progesteronsekretion, was letztlich zu Zyklusstörungen und dem Ausbleiben der Ovulation führen kann.

Frauen mit PCOS haben ein erhöhtes Risiko für Endometriumhyperplasie aufgrund unregelmässiger oder fehlender Menstruationszyklen. Unbehandelte Zyklusstörungen bei PCOS können zu verschiedenen Komplikationen führen, darunter Sterilität, metabolische Störungen wie Insulinresistenz und Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das Endometriumkarzinom.

In der Regel strebt man an, mindestens alle drei Monate eine Menstruation zu haben, um das Risiko einer Endometriumhyperplasie zu reduzieren. Dies kann durch LebensstilƤnderungen, Medikamente zur Regulation des Menstruationszyklus und andere therapeutische AnsƤtze erreicht werden.

Auch bei postmenopausalen Frauen besteht eine Verbindung zwischen hohen Androgenspiegeln, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes mellitus (10).

Das nicht-klassische adrenogenitale Syndrom (AGS) mit einer Minderung der Enzymaktivität von CYP21A2 manifestiert sich nicht mit offensichtlichen Genitalauffälligkeiten, Kortisol- oder Aldosteronmangel, wie es bei der klassischen Form des AGS der Fall ist. Stattdessen treten die Symptome des Androgenüberschusses normalerweise erst im späteren Alter auf.

Bei Frauen mit geringen Anzeichen von Androgenisierung kƶnnen die Verwendung von oral kombinierten Kontrazeptiva gewƤhlt werden. Als erste Wahl kƶnnen Ethinylestradiol (EE)/Levonorgestrel (LNG) und als zweite Wahl antiandrogene Gestagene in Betracht gezogen werden.
Aufgrund der Zeit, die bis zum sichtbaren Therapieerfolg benƶtigt wird, empfiehlt es sich bei ausgeprƤgtem Hirsutismus, neben einer hochdosierten antiandrogenen Therapie auch eine gleichzeitige mechanische Haarentfernung wie Laserbehandlungen in Betracht zu ziehen.
Nach einer mechanischen Haarentfernung im Gesichtsbereich kann die Anwendung von Efflornithin (Vaniqua 11,5 % Creme) dazu beitragen, das Nachwachsen der Haare zu verlangsamen (11). Insgesamt unterstreicht die gezielte Hormondiagnostik die Bedeutung einer umfassenden und differenzierten Herangehensweise an die Untersuchung und Behandlung von Zyklusstƶrungen, insbesondere im Zusammenhang mit Androgenisierung und PCOS. Dies ermƶglicht eine verbesserte Betreuung und optimale Gesundheitsergebnisse für betroffene Frauen.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Hülya Gülmez

Abteilung für Reproduktionsmedizin und
gynƤkologische Endokrinologie
Frauenklinik Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

Prof. Dr. med. Alexandra Kohl Schwartz

Frauenklinik Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

alexandra.kohlschwartz@luks.ch

Die Autorinnen haben keine Interessenskonflikte im Ā­Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

ā—† Die Hormondiagnostik sollte idealerweise zwischen dem 2. und 5. Zyklustag durchgeführt werden oder wƤhrend der ovariellen Ruhephase (Amenorrhoe).
ā—† Zu den bedeutenden Parametern für die AbklƤrung von Zyklusstƶrungen gehƶren TSH, LH, FSH, Ɩstradiol, Testosteron, DHEAS, SHBG, Prolaktin und DHEAS.
ā—† Die Messung des AMH bei Frauen ohne aktuellen Kinderwunsch gibt keine verlƤssliche Auskunft darüber, ob der spƤtere Zeitpunkt für eine Schwangerschaft eher unter-, über- oder altersgemƤss sein wird.
ā—† AMH ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass die Bestimmung eines Hormonspiegels nur dann sinnvoll ist, wenn das Ergebnis direkte Konsequenzen für die folgende Diagnostik oder Therapie hat.
ā—† Frauen mit PCOS (Ausschlussdiagnose ) haben aufgrund unregelmƤssiger oder ausbleibender Menstruationszyklen ein erhƶhtes Risiko für Endometriumhyperplasie. Es wird generell angestrebt, alle drei Monate mindestens eine Menstruation zu haben.

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11. Ludwig M. GynƤkologische Endokrinologie, 3. Auflage, 2019

Myome – so hƤufig und doch hƤufig nicht so einfach

Die Schweiz führt am meisten Hysterektomien im deutschsprachigen Europa durch. Weitaus am häufigsten ist der Uterus myomatosus als Hauptindikation zu erwähnen. Hauptsymptom ist die Abnorme Uterine Blutung nebst den Volumen-assoziierten Beschwerden abdominal. Um Hysterektomien zu vermeiden, gibt es neuere Therapie-Optionen, welche den Patientinnen aufgezeigt werden sollten. Dazu sollte neben der FIGO-Klassifikation, Grösse, Anzahl und Lokalisation berücksichtig werden. Ebenso macht es Sinn über eine «Prophylaxe» des (noch) asymptomatischen Uterus myomatosus nachzudenken.

Switzerland performs the most hysterectomies in German-speaking Europe. By far the most common indication is uterine myomatosus. The main symptom is abnormal uterine bleeding in addition to volume-associated abdominal complaints. In order to avoid hysterectomies, there are newer treatment options that should be explained to patients. In addition to the FIGO classification, size, number and localisation should be taken into account. It also makes sense to consider „prophylaxis“ of the (still) asymptomatic uterus myomatosus.
Key words: Myoma, hysterectomy, abnormal uterine bleeding, FIGO classification, asymptomatic uterus myomatosus

PrƤvalenz

Obwohl die PrƤvalenz von Myomen bei Schweizer Frauen und somit in einem mehrheitlich kaukasischen Kollektiv, nicht klar dokumentiert ist, wissen wir Folgendes.
– Leiomyome sind die hƤufigsten gutartigen Raumforderungen im weiblichen Becken (1, 2, 4).
– In einer Studie von 2010, Gruppe von Downes, welche in Spanien/Frankreich/UK/Deutschland/Italien bei über 1’700 Frauen durchgeführt wurde, zeigte sich eine PrƤvalenz von Myomen von 12–24 % (5).
– In einer weiteren Transvaginalsonographie-Studie fürs deutschsprachige Europa wurden bei 2’296 Patientinnen in 40.5 % der FƤlle Myome diagnostiziert. Die hƶchste PrƤvalenz von 62.8 % wurde in der Altersgruppe 46–50 Jahren gefunden. In der Altersgruppe von 30–35-JƤhrigen fand man jedoch bereits eine PrƤvalenz von 21.3 % (20, 21).
– Leiomyome nehmen mit zunehmendem Alter der Patientin an Anzahl und auch an Grƶsse zu (1, 6, 7). Ein Wachstum nach der Menopause ohne Hormontherapie ist jedoch nicht mit einem Myom vergesellschaftet und sollte als neu entstandene Neoplasie abgeklƤrt und behandelt werden.
– Obwohl die Hysterektomierate im deutschsprachigen Europa in den letzten Jahren gesunken ist, führt die Schweiz im Vergleich zu Deutschland und Ɩsterreich am meisten Hysterektomien pro 100’000 Frauenjahre durch (Tabelle 1) (22). In der Schweiz ist die Hysterektomierate in den letzten Jahren nicht wesentlich gesunken.
– GemƤss Bundesamt für Statistik sind die folgenden Indikatio- nen die hƤufigsten für eine Hysterektomie (Abbildung 1, Abbil- dung 2.1). Myome sind somit die weitaus hƤufigste Ursache in der Schweiz für eine Hysterektomie (Abbildung 2.2).

Symptome

Die Zunahme des symptomatischen Uterus myomatosus ist erklƤrbar mit Zunahme von Anzahl und Grƶsse der Myome. Der Symptomatische Uterus myomatosus wird bei 54.3 % der Myom-Patientinnen gefunden, wobei die Abnorme Uterine Blutung (=AUB) mit 40.7 % DAS Hauptsymptom des Uterus myomatosus ist (20, 21). Daneben sind Dysmenorrhoe, Volumenprobleme abdominal, unerfüllter Kinderwunsch, Sarkom-Angst als zusƤtzliche Symptome zu erwƤhnen.

Diagnostik

Heutzutage stellen wir mit dem Transvaginalem Ultraschall sehr schnell die Diagnose Uterus myomatosus (8). Was einfach tönt, ist nicht immer so einfach. Schon nur die Einteilung in die FIGO-Klassifikation (Abbildung 3), ohne korrekte Darstellung des Endometriums, kann in gewissen Fällen schwierig sein. Hier hilft eine simple Hydrosonographie weiter. Schnell ist das Verhältnis von Myom zur Uteruswand ersichtlich und korrekt kann in die FIGO-Einteilung klassifiziert werden. Natürlich macht ein MRI in komplexen Fällen mit multiplen und/oder grossen Myomen Sinn, da die Eindringtiefe des Transvaginalen Ultraschalls seine Grenzen hat. Die FIGO-Klassifikation berücksichtigt jedoch nur die Lage des Myoms im Verhältnis zur Uteruswand. Grösse/Volumen, Anzahl und Lokalisation werden nicht berücksichtigt. Diese Kriterien sind jedoch wichtig zur Wahl der geeigneten Therapie.

Von Vorteil ist es nebst der FIGO-Klassifikation daher auch Lokalisation (z.B. Vorderwand, Tubenwinkel rechts, …) sowie Grƶsse/Volumen und Anzahl der Myome zu dokumentieren.

Wahl der Therapie-Optionen

Da nicht jedes Myom Symptome macht, sollte nur der Symptomatische Uterus myomatosus therapiert werden. Ohne Symptome macht in der PrƤmenopause eine sonographische Kontrolle 1–2/y Sinn. Ebenso kƶnnten prophylaktische Optionen mit der Patientin besprochen werden (siehe weiter unten). Die Symptome kƶnnen hauptsƤchlich in die Gruppen AUB und Volumen-assoziierte eingeteilt werden.

Therapie-Optionen der Myom-assoziierten AUB

In der AUB-Gruppe sollte nach Ausschluss einer Schwangerschaft und therapierter mƶglicher AnƤmie die PALM COEIN Klassifikation (Abbildung 3) beachtet werden; diese soll helfen, die Ursache der AUB abzuklƤren (28). Myome, welche eine AUB verursachen sind meist in den FIGO-Gruppen 0, 1, 2, 3 und 2–5 zu finden, da sie in direktem Kontakt mit dem Endometrium stehen.
Bevor eine operative oder interventionelle Therapie gewählt wird, sollten die medikamentösen und phytotherapeutischen Option angeboten werden. Sie können als präoperative Überbrückungs-Therapie oder langfristig angewendet werden, bis die Patientin in die Menopause eintritt (24).
– Eine Reservemedikation an starken Blutungstagen, wie die TranexĀ­amĀ­sƤure stellt eine gute Option dar, bei nicht stark stƶrender AUB. 1 g per os alle 2 h bis die BlutungsstƤrke reduziert ist, max. 4g/Tag.
– Die Phytotherapie kann als nicht-hormonelle Therapie besprochen werden; hier an vorderster Front sind sicher die Mƶnchspfefferfrüchte zu erwƤhnen.
– Progesteron only PrƤparate und kombinierten Kontrazeptiva haben eine direkte Wirkung aufs Endometrium und kƶnnen so die BlutungsstƤrke und Frequenz positiv beeinflussen; sie haben jedoch kaum direkte Wirkung auf das Myom selbst.
– Die GnRH-Analoga werden meist kurzfristig angewendet, aufgrund des Nebenwirkungsprofils mit klimakterischen Beschwerden; sie kƶnnen mit einer Add-Back-Therapie kombiniert werden. Bei lƤngerer Anwendung, mehr als 6 Monate, müssen sie zwingend mit einer solchen kombiniert werden (29). Zu den neueren GnRH-Antagonisten fehlen aktuell noch die Daten zur Langzeitanwendung, sie scheinen jedoch die AUB suffizient zu reduzieren (30, 31).
– Ist jedoch ein Myom FIGO 0/1/2 und kleiner als 5 cm die AUB-Ursache, lohnt es sich diese operativ anzugehen, bevor eine jahrelange medikamentƶse Therapie die Lƶsung ist. Auf Grund der mechanischen Komponente, mit welcher diese Myome die AUB und/oder Dysmenorrhoe verursachen, ist die Entfernung dieser Myome schnell, zielführend und nachhaltig. Heute durch moderne Techniken wie die Bipolare Resektion oder die intrauterine Morcellation kann dieser Eingriff auch risikoƤrmer als früher durch-geführt werden (23). Bis 3 cm Grƶsse des intrauterin liegenden Myoms ist die Entfernung auch einzeitig mƶglich (23, 24). Sind diese Myome grƶsser als 3 cm sollte ein zweizeitiges Vorgehen in Betracht gezogen werden. Die medikamentƶse Therapie mittels LNG-IUD macht bei diesen Myomtypen wenig Sinn, da die Einlage erschwert sein kann und die Expulsionsrate hoch ist.
– FIGO 2/3/4/2–5, welche eine AUB verursachen, kƶnnen nebst den medikamentƶsen Therapien mit folgenden organerhaltenden Therapien behandelt werden: Radiofrequenzablation, UAE oder MRIgHIFU. Hier hat die transcervicale sonographisch kontrollierte Radiofrequenzablation (Sonata) sicher einen grossen Stellenwert, da sie als schnelle, sichere und suffiziente Methode gegenüber den anderen beiden Methoden Vorteile bietet (25, 26, 27). Die thermische Ablation dauert nur wenige Minuten pro Myom. Durch einen live-Ultraschall kann die Serosa identifiziert werden, sodass keine thermischen SchƤden an Nachbarorganen entstehen (32). Durch diese Methode entsteht kein Postembolisationssyndrom, ist somit schmerzarm und die Patientin kann sofort ihre AlltagsaktivitƤten aufnehmen. Die Sonata-Methode ist jedoch nur bei Myomen kleiner als 9 cm suffizient anzuwenden.

Therapie-Option der Myom-assoziierten Volumenbeschwerden

Handelt es sich um mehrere und grƶssere Myome, v.a. Typ 2–5, 4, 5, 6 und 7 steht die Volumenkomponente, und nicht die AUB, im Vordergrund. Mƶchten wir suffizient medikamentƶs das Volumen reduzieren, wƤren da nur die GnRH-Analoga oder Antagonisten zu erwƤhnen. Wegen des Nebenwirkungsprofils der GnRH-Analoga fallen sie als Langzeitbehandlung weg. Phytotherapeutika, welche suffizient Volumen reduzieren, sind kaum bekannt. Was die GnRH-Antagonisten bzgl. Volumenreduktion in der Langzeitbehandlung bringt, wird die Zukunft zeigen.

Bei den Myomen FIGO 5/6/7 ist die laparoskopische Myomenukleation meistens mƶglich, jedoch stellen grƶssere und mehrere Myome ein Problem dar, v.a. wenn das Cavum uteri nicht erƶffnet werden sollte. In dieser Gruppe wƤren als weitere organerhaltende Therapien noch die UAE und das MRIgHIFU zu erwƤhnen. Die Sonata-Therapie passt gut zu den FIGO 2/3/4/2–5, bei welchen nebst der AUB, die Volumenkomponente im Vordergrund steht.

Zusammengefasst ist somit ersichtlich, dass es nebst der Hysterektomie verschiedene weitere Therapie-Optionen zur Behandlung des symptomatischen Uterus myomatosus gibt; es somit keinen Grund mehr geben sollte, dass auch in der Schweiz die Hysterektomierate zu sinken beginnt.

Mƶgliche Prophylaxe

In der Ā«wait and seeĀ» Phase bei (noch) asymptomatischen Myomen oder nach Behandlung kann Folgendes als Prophylaxe in der PrƤmenopause verwendet werden. Die Progesteron-only PrƤparate scheinen einen protektiven Schutz gegen Myomwachstum zu sein (10, 14 – 16). Dazu gehƶren auch die LNG-IUD (17), falls diese korrekt eingelegt werden kƶnnen. IUD sind sicher eine gute Wahl bei FIGO > 2, da sonst die Expulsionsrate steigt bei eher intracavitƤr liegenden Myomen.

Gut zu wissen:

MHT kƶnnte ein Myom-Wachstum in der Postmenopause unter-stützen, jedoch sind Myome keine Kontraindikationen zum Start einer MHT (18, 19). Jedoch ist ein Myomwachstum in der Menopause ohne MHT sicher abklƤrungsbedürftig. Kombinierte Kontrazeptiva mit < als 35 mcg Ethinylestradiol/Tag scheinen keinen Einfluss auf Wachstum oder Entstehung von Myomen zu haben. Somit sind die kombinierten Kontrazeptiva keine Kontraindikation bei Myomen (9–13). Myome FIGO 5/6/7 berühren das Endometrium per definitionem nicht und verursachen kaum eine AUB. Also Vorsicht bei ErklƤrung der AUB mit einem Typ 5/6 oder 7 Myom. Ebenso machen diese Myome kleiner als 5 cm kaum Volumenbeschwerden im kleinen Becken; sind somit asymptomatisch.

Abkürzungen:
AUB = Abnorme Uterine Blutung
MHT = Menopausale Hormontherapie
UAE = Uterusarterienambolisation
MRIgHIFU = MRI guided HIFU
HIFU = High intensive focused Ultrasound

Dr. med. Ladina Christoffel, EMBA HSG

Medizinische Leitung
Chesa Sana
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7503 Samedan
www.chesasana.ch

happyuterus@chesasana.ch

Verbindung zu Gynesonics und Gedeon Richter bzgl. Wissenschaftliche TƤtigkeit, Fortbildungen, Kongresse; jedoch keine Tantiemen oder Patente.

ā—† Die Schweiz führt im deutsprachigen Europa am meisten Hysterektomien durch. Hauptindikation dafür sind Myome.
ā—† Myome sind die hƤufigsten gutartigen Raumforderungen im weiblichen Becken.
ā—† FIGO-Klassifikation ist nicht genug als Dokumentation von Myomen. Grƶsse/Volumen und Lokalisation gehƶren dazu.
ā—† Myom ist nicht gleich Myom.
ā—† Eine Hysterektomie kann hƤufig umgangen werden.

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