PolyzythƤmie oder Erythrozytose – Ursachen und diagnostisches Vorgehen

Polyzythämie wird durch einen Anstieg der Hämoglobinwertes (Hb), des Hämatokrits (Hkt) oder Anzahl der roten Blutkörperchen (RBC) über dem Referenzbereich definiert und ist abhängig vom Alter, Geschlecht und Wohnhöhe (üblicherweise ab >1500 m ü.M.). Polyzythämie wurde bei ca. 0.2% aller hospitalisierten Patienten beschrieben (1) und wird in JAK2-mutierte (JAK2-positive) Polyzythämie, welche Polyzythämia vera (PV) genannt wird, sowie JAK2-unmutierte (JAK2-negative) Polyzythämie, welche sekundär, hereditär oder idiopathisch sein kann, eingeteilt.

Polycythaemia is defined by an increase in haemoglobin (Hb), haematocrit (Hct) or red blood cell (RBC) count above the reference range, and is dependent on age, gender and altitude (usually >1500 m above sea level). Polycythaemia has been described in approximately 0.2% of all hospitalised patients (1) and is divided into JAK2-mutated (JAK2-positive) polycythaemia, which is called polycythaemia vera (PV), and JAK2-unmutated (JAK2-negative) polycythaemia, which can be secondary, hereditary or idiopathic.
Key Words: Polycythaemia, haemoglobin, haematocrit, red blood cellĀø JAK2

JAK2-mutierte (JAK2-positive) PolyzythƤmie: PolyzythƤmia Vera (PV)

Die PV ist eine hƤmatologische, klonale Erkrankung, welche zu der Gruppe der myeloproliferativen Neoplasien (MPN) gehƶrt. Die PV-Patienten haben ein deutlich erhƶhtes Risiko für venƶse und arterielle thromboembolische (auch lebensbedrohliche) Ereignisse. Zudem besteht bei ihnen ein Risiko für die Entwicklung einer Myelofibrose, einer Form der MPN mit einer ungünstigeren Prognose. In seltenen FƤllen kann die Erkrankung auch in eine akute myeloische LeukƤmie (AML) fortschreiten. GemƤss der Klassifikation der Tumorerkrankungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie dem Internationalen Consensus der Klassifikation (ICC) der MPN aus dem Jahr 2022 gibt es klare diagnostische Kriterien für die PV (Tab. 1).

Die JAK2-Mutationen können primär aus dem peripheren Blut getestet werden. Ein erniedrigter Epo-Spiegel ist für PV typisch.

Eine Knochenmarkpunktion (KMP) ist hilfreich, um den Typ der MPN zu charakterisieren und das Vorliegen einer Fibrose, die prognostische Relevanz hat, zu prüfen. Mittels KMP werden Knochenmarkaspirat und Biopsie gewonnen. Wichtige Aspekte bei der Beurteilung sind die gesteigerte Zellularität, eine trilinäre Myeloproliferation, die Morphologie der Megakaryopoese, das Vorhandensein einer Fibrose, sowie eventuelle Vermehrung der Blasten. Die Flowzytometrie ist nicht zwingend nötig, könnte aber dazu beitragen, eine Zunahme der Blasten auszuschliessen. Die konventionelle Zytogenetik ist bei der Diagnosestellung empfohlen, das Material kann jedoch eventuell für spätere Testung asserviert werden. Aufgrund des im Allgemeinen indolenten Verlaufs der PV gehört eine erweiterte molekulare Untersuchung derzeit nicht zur Routine einer Abklärung. Dies ist jedoch in den Fällen mit grenzwertigem Erscheinungsbild, bei denen die Unterscheidung zu anderen MPN schwierig ist, oder bei denen der Verdacht auf ein Fortschreiten der Krankheit besteht, angezeigt. Die erweiterte Charakterisierung erfolgt mittels Next Generation Sequencing (NGS). Es wird ein der Fragestellung entsprechendes Panel eingesetzt. Diese Untersuchung ist jedoch in der Regel mit höheren Kosten verbunden und bedarf einer Zustimmung der Krankenkasse mit einer Kostengutsprache. Der Nachweis zusätzlicher Mutationen kann prognostisch wichtig sein.

Ein Thrombophilie-Screening bei stattgehabter Thrombose kann erwogen werden. Die Testung für Cholesterin (LDL und HDL), Triglyceride, Glucose sowie HbA1c, zur Einschätzung nicht-MPN-bedingter kardiovaskulärer Risikofaktoren sollte erfolgen. Die Optimierung dieser Risikofaktoren ist strikt empfohlen.
Die Diagnose einer PV hat erhebliche therapeutische Konsequenzen, da aufgrund des erhƶhten thromboembolischen Risikos der Hkt <45% gehalten werden soll. Die Behandlung hƤngt vom Alter und der Vorgeschichte stattgehabter Thrombosen ab, die das Risiko für weitere thromboembolische Komplikationen und die richtige Behandlung der Krankheit bestimmen. Die Behandlung umfasst AderlƤsse, Thrombozytenaggregationshemmer d.h. AcetylsalicylsƤure (ASS) und zytoreduktive Therapie mit Hydroxyurea oder pegyliertem Interferon alpha (Peg-IFN-alpha) (Tab. 2).

Die Hauptziele der Behandlung sind:
1. Reduktion des thromboembolischen Risikos
2. Kontrolle der klinischen Symptome
3. Vermeidung der spƤten Komplikationen wie
Myelofibrose oder AML

JAK2-unmutierte (JAK2-negative) PolyzythƤmie: sekundƤr, hereditƤr, idiopathisch

Mit der Entdeckung von JAK2-Treibermutationen im Jahr 2005 und breit verfügbaren Methoden zur Testung stellt die PV meist keine diagnostische Schwierigkeit mehr dar. Eine diagnostische Herausforderung ist dagegen die JAK2-unmutierte d.h. JAK-2 negative Polyzythämie, welche eine heterogene Gruppe von Entitäten umfasst.

In der UniversitƤtsklinik der HƤmatologie des Inselspitals Bern wurde eine Studie durchgeführt, in welcher die Epidemiologie, Ursachen und die Komplikationen der JAK2-unmutierten PolyzythƤmie analysiert wurden (1). In dieser Studie wurden alle Patienten, d.h. ca. 730’000, welche am Inselspital über fast 11 Jahre (Oktober 2008 – Juli 2019) in Behandlung waren, untersucht, und davon ca. 1’400 Patienten, welche die Hb/Hkt WHO Kriterien für PV erfüllt haben, identifiziert. Hiervon wurden 95 FƤlle der JAK2-mutierten PolyzythƤmie d.h. PV, und 294 FƤlle mit JAK2-unmutierter PolyzythƤmie festgestellt. Die Resultate der Studie werden in diesem Artikel diskutiert.

SekundƤre und idiopathische, JAK2-unmutierte PolyzythƤmie

Prinzipiell treten die erworbenen Formen der JAK2-unmutierten Polyzythämie am häufigsten im klinischen Alltag auf. Sie entstehen als Folge von übermässiger Epo-Produktion, entweder als physiologischer Ausgleich für unzureichende Sauerstoffversorgung des peripheren Gewebes (Lunge), Schlafapnoe, Rechts-Links-Herz-Shunts, Rauchen, inklusive Shisha (2), Höhenlage, Nierenarterienstenose und polyzystische Nierenerkrankung, oder als autonome Produktion von Epo durch Tumore oder die Einnahme von Anabolika (3).

Unsere Studie zeigt, dass die Männer der Kohorte der JAK2-unmutierten Polyzythämie stark überrepräsentiert waren (n=242, 82%).

Trotz der Verfügbarkeit molekularer Untersuchungen und anderer diagnostischer Methoden sind idiopathische Formen nach wie vor die hƤufigste Ursache in dieser Krankheitsgruppe, sodass bei 30 % dieser Patienten keine Ursache festgestellt wurde, gefolgt von Schlafapnoe und Rauchen (Tab. 3).

Bei jungen Patienten (< 30 J., n=56), liess sich eine Ursache der Polyzythämie nur bei ca. der Hälfte eruieren. Bei diesen Patienten blieb die Polyzythämie, trotz extensiver Diagnostik, unklar. Darüber hinaus sind bei jungen Patienten die Schlafapnoe (n=6, 11% aller jungen Patienten) und Rauchen (n=6, 11% aller jungen Patienten) die am häufigsten diagnostizierbaren Ursachen für JAK2-unmutierte Polyzythämie. Aus diesem Grund sollte die Schlafapnoe auch bei jungen Patienten aktiv gesucht werden.

Die sekundäre und die idiopathische Polyzythämie benötigen aus hämatologischer Sicht keine Therapie, da diese Patienten prinzipiell kein klar erhöhtes Risiko für Thromboembolien oder Transformation in eine andere Erkrankung haben. Die Ursache sollte therapeutisch angegangen werden.

Kongenitale Erythrozytose

Angeborene sekundƤre Erythrozytosen sind selten und werden meist durch Keimbahnmutationen verursacht, einschliesslich Mutationen in Genen, die am Sauerstoff-Sensorweg und Hb-Bildung beteiligt sind, unter anderem abnormale SauerstoffaffinitƤt (4). Es sind mehrere Mutationen bekannt, welche eine kongenitale Erythrozytose verursachen kƶnnen (Tab. 4).

Parameter, die für die Kategorisierung dieser Art von Polyzythämie wegweisend sind, umfassen den Epo-Spiegel im Serum und den P50-Wert. Ein niedriger P50-Wert (PO2 bei 50% Sättigung) in der Blutgasanalyse spiegelt eine hohe Hb-Sauerstoffaffinität wider (5). In unserer Erfahrung ist jedoch die Testung für Epo und P50 in der arteriellen (oder venösen) Blutgasanalyse, selten hilfreich in der Feststellung der Ursache der kongenitalen Erythrozytose, da die bestimmten Mutationen mit verschiedenen Mustern der Epo und P50 Werte verbunden sind (1).

Um die Mutation, welche für die kongenitale Erythrozytose verantwortlich ist, zu untersuchen, muss eine molekulare Testung durchgeführt werden. Diese kann vom peripherenBlut erfolgen und mit NGS durchgeführt werden. NGS ist eine molekulardiagnostische Methode, die erlaubt, mehrere Gene gleichzeitig zu untersuchen und auch vor einer KMP durchgeführt werden kann.

Am Inselspital wurde bereits im Jahr 2018, ein 13-Gen-NGS-Panel für die kongenitale Erythrozytose entwickelt (6). Dieses Panel wurde über die letzten Jahre um weitere Gene erweitert und aktuell werden 24 Gene untersucht (Tab. 5).

Es werden nur Genvarianten untersucht, die gemäß den internationalen Richtlinien als pathogen, wahrscheinlich pathogen oder als Varianten unbekannter Signifikanz (VUS) gelten.

Diese Untersuchung ist vor allem bei jungen Patienten oder Patienten mit positiver Familienanamnese indiziert und benƶtigt eine Kostengutsprache der Krankenkasse.

Die kongenitalen Erythrozytosen benötigen aus hämatologischer Sicht ebenfalls meistens keine spezifische Therapie und sind nicht mit erhöhtem Risiko für Thrombosen oder Transformation in eine andere Erkrankung verbunden. Die Ausnahme ist die Chuvah Erythrozytose (VHL-mutiert), da diese für eine Thrombosetendenz bekannt ist. Aktuell gibt es jedoch keine klare Therapieempfehlung. Mit der Zunahme der Testung für die kongenitalen Erythrozytosen sowie einer besseren Datenlage, können hoffentlich zukünftig die klaren Managementstrategien etabliert werden.

Diagnostisches Vorgehen bei Patienten mit Erythrozytose

Die Schrittempfehlungen für die Abklärung bei Patienten mit Erythrozytose/ Polyzythämie, die negativ für JAK2-Mutationen in Exon 14 und 12 ist, sind:
1. Genaue Anamnese und Vorgeschichte: Vorerkrankungen? Allgemeine Symptome? Rauchen? Medikamente (Androgen-, Epo-Einnahme)? Gezielte Anamnese bzg. Tumorerkrankungen? Nierentransplantation? Überprüfung früherer Blutbild-Werte: Hatte der Patient jemals normale Hb-/Hkt-Werte?
2. Zuweisung in die Pneumologie zur Abklärung der Schlafapnoe oder anderen Lungenerkrankungen (auch bei beschwerdefreien Patienten). Röntgenuntersuchung des Thorax, Lungenfunktionsprüfung erwägen. Messung von COHb.
3. Screening der kardialen Erkrankungen mit Echokardio­gramm sowie Elektrokardiogramm (EKG), wenn noch nicht erfolgt. Zuweisung Kardiologie erwägen.
4. Ultraschall Abdomen (Frage nach Hepatosplenomegalie, Lymphadenopathie, Tumormasse, Nierenarterien­stenose, Nierenzysten) und/oder gezielte Bildgebung zur Tumorabklärung je nach Symptomatik.
5. Altersentsprechendes Tumorscreening gemƤss Standard.
In fast einem Drittel der Patienten bleibt jedoch die Ursache einer JAK2-unmutierten PolyzythƤmie trotz erweiterter Suche nach sekundƤren oder kongenitalen Ursachen unklar und wird als idiopathisch klassifiziert.

Unser vorgeschlagener Diagnosealgorithmus für JAK2-unmutierte Polyzythämie bei Erwachsenen ist in Abbildung 1 dargestellt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Poly­zythämie und Erythrozytose wichtige Laborbefunde sind, welche eine weitere Abklärung triggern sollten.

Danksagung: Herzlichen Dank an die Jacques und Gloria Gossweiler Stiftung (www.jggf.ch), welche die Forschung über JAK2-unmutierte Polyzythämie im Rahmen des Fellowship-Preises 2020 für K. A. Jalowiec unterstützt hat.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Katarzyna Aleksandra Jalowiec, MSc
Dr. sc. nat. Naomi Porret
Prof. Dr. med. Sara Christina Meyer, PhD
Prof. Dr. med. Alicia Rovó
Universitätsklinik für Hämatologie und
HƤmatologisches Zentrallabor
Inselspital, UniversitƤtsspital Bern, Freiburgstrasse, 3010 Bern

Dr. med. Katarzyna Aleksandra Jalowiec, MSc

Universitätsklinik für Hämatologie und
HƤmatologisches Zentrallabor
Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern

Dr. sc. nat. Naomi Porret

Universitätsklinik für Hämatologie und
HƤmatologisches Zentrallabor
Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern

Prof. Dr. med. Alicia Rovó

Universitätsklinik für Hämatologie und
HƤmatologisches Zentrallabor
Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern

Die Autorinnen haben keine InteressensĀ­konflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

1. Jalowiec, K.A. et al. (2022) JAK2 Unmutated Polycythaemia—Real-World Data of 10 Years from a Tertiary Reference Hospital. Journal of Clinical Medicine [online]. 11 (12), p. 3393.
2. Agbariah, N. and Rovó, A. (2022) Breaking Stereotypes: Polycythemia Secondary to Shisha Smoking in a Middle-Age Swiss Woman. Acta Haematologica [online]. 145 (6), pp. 650–654.
3. Gangat, N., Szuber, N., Pardanani, A. and Tefferi, A. (2021) JAK2 unmutated erythrocytosis: current diagnostic approach and therapeutic views. Leukemia [online]. 35 (8), pp. 2166–2181.
4. McMullin, M.F. (2016) Investigation and Management of Erythrocytosis. Current Hematologic Malignancy Reports [online]. 11 (5), pp. 342–347.
5. Perroud, C., Porret, N. and Rovó, A. (2023) ā€˜The Long Journey of Unexplained Erythrocytosis’: Erythrocytosis due to High-Oxygen Affinity Hemoglobinopathy – Hemoglobin Variant Little Rock (HBB: c.432C&gt;A) – A Report of a Swiss Family and Review of the Literature. Acta Haematologica [online]. 146 (4), pp. 326–330.
6. Jalowiec, K.A., Vrotniakaite-Bajerciene, K., Capraru, A., Wojtovicova, T., Joncourt, R., Rovó, A. and Porret, N.A. (2021) NGS Evaluation of a Bernese Cohort of Unexplained Erythrocytosis Patients. Genes [online]. 12 (12), p. 1951.
7. Marchetti, M. et al. (2022) Appropriate management of polycythaemia vera with cytoreductive drug therapy: European LeukemiaNet 2021 recommendations. The Lancet Haematology [online]. 9 (4), pp. e301–e311.
8. Barbui, T. et al. (2018) Philadelphia chromosome-negative classical myeloproliferative neoplasms: revised management recommendations from European LeukemiaNet. Leukemia [online]. 32 (5), pp. 1057–1069.

Gelenkpunktion und Infiltration – Pro und Contra

Die Gelenkpunktion bzw. -Infiltration ist eine häufige medizinische Prozedur, die insbesondere von Rheumatologen durchgeführt wird. An Nummer eins steht das Kniegelenk, da es gross und gut erreichbar ist bzw. häufig von rheumatischen oder mechanischen Erkrankungen betroffen ist. Daneben werden die Schulter, Handgelenk, Hüfte, Sprunggelenk, aber auch kleinere Gelenke wie Fingergelenke am häufigsten punktiert bzw. infiltriert. Im folgenden Artikel soll auf einige Grundlagen sowie Kontroversen der Gelenkpunktion und Infiltration eingegangen werden.

Joint punctures and infiltrations are frequent medical procedures, particularly carried out by rheumatologists. First and foremost is the knee, due to its large size and accessibility, as well as its frequent involvement in rheumatic or mechanical diseases. The shoulders, wrists, hips, ankles and small joints such as the finger joints are also often punctured or infiltrated. This article will look at some of the basic principles and controversies surrounding joint puncture and infiltration.
Key Words: joint infiltration, arthrocnetesis, arthritis

Technische Aspekte

Wir unterscheiden zwischen der diagnostischen Punktion, die am häufigsten durchgeführt wird, und der therapeutischen Punktion. Bei einem klaren klinischen Bild wie z.B. einer Chondrokalzinose und gutem Allgemeinzustand erfolgt die diagnostische Punktion und therapeutische Infiltration hier von Glucocorticoiden gleichzeitig. Der Ultraschall hat die Gelenkpunktion entschieden vereinfacht. Ein gut punktiertbarer Gelenkerguss ist gut durch eine hypoechogene Struktur erkennbar. In den wenigsten Fällen (z.B. im Hüftgelenk, bei bestimmten Bursae oder wenig Erguss) muss die Gelenkpunktion unter sonographischer Beobachtung erfolgen. Meist reicht eine entsprechende Markierung aus. Bei wenig Erguss kann übrigens die nicht-schallende oder nicht-punktierende Hand dazu genutzt werden, die Gelenkflüssigkeit von kontralateral in Richtung Schallkopf bzw. Nadel zu drücken. Ein willkommener Nebeneffekt ist die so durchgeführte «Gate Control», d.h. der Druck der Hand sendet schmerzhemmende Afferenzen in Richtung Rückenmark. Man kennt dies vom Reiben einer Körperstelle bei Schmerzen. Natürlich müssen die sterilen Kautelen eingehalten werden, zumindest die empfohlene No-touch Technik. Generell empfehlen wir, die Nadel mit einer Hand zu halten und damit während der Punktion einen Unterdruck zu erzeugen, um das Aspirat möglichst schnell und atraumatisch zu erhalten.

Pro Gelenkpunktion und Infiltration

1. Diagnostischer Nutzen

Klare Nummer eins ist der Ausschluss einer septischen bzw. bakteriellen Arthritis. Cave: Das GramprƤparat hat eine SensitivitƤt von nur 50%. Der Goldstandard ist die Kultur. Bei bestimmten Fragestellungen, wie z.B. beim Nachweis der Borreliose oder Tropheryma whipplei wird eine PCR durchgeführt (1). Als hƤufige Ursache der Arthritis kƶnnen in der Polarisationsmikroskopie Kristalle (z.B. Urat, Calciumpyrophosphat) nachgewiesen werden (Abb. 1). Die Zellzahl differenziert zwischen einem entzündlichen Status (>2000 Zellen pro mm3) und einem nicht entzündlichen Status, wie meistens bei der Arthrose. Eine aktivierte Arthrose sollte aus unserer Sicht zumindest einmal diagnostisch mittels Punktion abgeklƤrt werden. Durch die Injektion von LokalanƤsthetika (oft gemischt mit Steroiden) kann abgeklƤrt werden, ob die Schmerzursache tatsƤchlich intraartikulƤr liegt und nicht extraartikulƤr. Letzteres ist in ca. 10% die Schmerzursache bei der Gonarthrose (z.B. Bursitiden).

2. Zielgerichtete Behandlung

Da das Medikament direkt in das betroffene Gelenk injiziert wird, kann es gezielt auf den problematischen Bereich wirken, ohne den Rest des Körpers zu beeinflussen und weniger mit anderen Medikamenten zu interagieren. Bei einer Monarthritis, z.B. reaktiv, bei einer rheumatoiden Arthritis oder auch bei einer aktivierten Arthrose kann die Entzündung so gezielt durch die Infiltration von Glucocorticoiden behandelt werden. Dies ist zwar nicht krankheitsmodifizierend, kürzt aber Schmerzen und Immobilität entschieden ab. In einer neuen Studie hat ein lang wirksames intraartikulär appliziertes Steroid eine signifikante Wirkung bei der Arthrose über 52 Wochen gezeigt (2). Bei der RA können Steroide auch adjuvant zur Basistherapie verwendet werden (3). Noch gibt es keine wirklichen «Disease-modifying Osteoarthritis Drugs». Die Hyaluronsäure wirkt über Ihren CD44-Rezeptor anti-entzündlich, dieser Effekt ist vielleicht sogar stärker als der rheologische Effekt als «Gelenkschmiere» (4). Das Platelet Rich Plasma (PRP) wird ebenfalls aufgrund der anti-entzündlichen und regenerativen Effekte eingesetzt. Allerdings fehlen für beide Medikamente nachhaltige Daten, um diese in die Routine einzusetzen. Bei Patienten mit kardiovaskulären, gastroenterologischen oder anderen Komorbiditäten kann die Gelenkinfiltration mit Glukokortikoiden oder Hyaluronsäure eine Alternative zu systemisch verabreichten Medikamenten sein, um Nebenwirkungen oder Interaktionen zu vermeiden.

Contra Gelenkinfiltration

1. Risiko von Infektionen:

Zwar ist das Risiko sehr gering, aber jede Gelenkinfiltration birgt die Gefahr einer septischen Arthritis. Risikofaktoren hierfür sind u.a. wiederholte Infiltrationen am selben Gelenk, Immunsuppression und mangelnde Hygiene. Dies muss immer in Abwägung mit dem möglichen Nutzen gestellt werden. Bei der diagnostischen Punktion stellt sich diese Frage meist nicht.

2. Mƶgliche Nebenwirkungen:

Bei der Infiltration von oberflƤchlichen Gelenken wie Fingergelenke kann es durch Steroide zu Hautatrophien und Depigmentierungen kommen (Abb. 2). Meist trifft dies 2-3 Monate nach der Infiltration auf und normalisiert sich innerhalb von bis zwei Jahren selbststƤndig (5). Dies kann auch bei tiefen Gelenken wie den Facettengelenken an der LendenwirbelsƤule passieren.

Nicht nur die orale, sondern auch die wiederholte intra­artikuläre Gabe von Depot-Steroiden kann zu einem Cushing, bzw. anderen Kortison-induzierten Schäden führen wie Osteoporose, Pergamenthaut, etc. Allerdings muss beachtet werden, dass die Alternative zur Gelenksinfiltration oft orale Entzündungshemmer sind, die bekannterweise auch Nebenwirkungen haben, die in den Kontext gestellt werden müssen.

3. Kurzfristige Lƶsung:

Oftmals bietet die Gelenkinfiltration nur eine temporäre Linderung, z.B. Steroide bei der aktivierten Arthrose oder Kristallarthritis. Die Ursache wird, abgesehen von der Harnsäuresenkung bei der Gicht, bislang nicht behandelt. Für den einzelnen Patienten kann aber bereits die kurzfristige Schmerzlinderung einen sehr grossen Wert haben.

4. Potentielle SchƤdigung des Gelenkgewebes:

HƤufige Gaben von Glukokortikoiden, aber auch LokalanƤsthetika kƶnnen das Knorpelgewebe schƤdigen. Manche Zentren infiltrieren generell keine LokalanƤsthetika mehr in das Gelenk (6). Allerdings beruhen diese Daten v.a. auf in vitro Experimenten und sind in klinischen Studien so nicht unbedingt nachvollziehbar.

5. Fragliche Evidenz für Viscosupplementation bei der Arthrose

Verschiedene Fachgesellschaften wie z.B. ACR raten aufgrund der Datenlage nicht zur intraartikulären Behandlung mit Hyaluronsäure (7). OARSI spricht sich für eine solche Behandlung bei Patienten mit Komorbiditäten aus, die nicht für eine NSAR-Behandlung oder intraartikuläre Steroide in Frage kommen (8).

Zusammenfassung und Ausblick

Die Gelenkinfiltration ist ein wichtiges diagnostisches Tool bei Gelenkerkrankungen und kann für viele Patienten mit Arthritis eine effektive Methode zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung sein. Dies gilt für kristallinduzierte Arthritiden, Arthrose, aber auch bei Arthritiden aus dem rheumatischen Formenkreis. Es ist jedoch wichtig, die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen zu berücksichtigen und diese mit dem Patienten zu besprechen.
Bei der Behandlung der Arthrose sollte immer ein ganzheitliches Konzept vorliegen. Das heisst, biomechanische Faktoren müssen berücksichtigt werden und gleichzeitig, z.B. bei Malalignment, durch eine Orthese behandelt werden. Besonders bei chronischen Schmerzsyndromen und der Fibromyalgie ist bei der (repetitiven) Gelenkinfiltration Vorsicht geboten. Dies gilt insbesondere auch für die Infiltration der Wirbelsäule, z.B. der Facettengelenke. Neuere Therapieansätze bei der Arthrose einzelner Gelenke zielen durchaus auf eine intraartikuläre und nicht systemische Gabe ab. Es ist zu hoffen, dass aus diagnostischer Sicht neben der Zellzahl, Kristallanalyse und Bakteriologie auch neuere Biomarker der Synovialflüssigkeit erhältlich sind, z.B. um eine reaktive Arthritis von einer rheumatoiden Arthritis abzugrenzen oder die Prognose und das Ansprechen bei der rheumatoiden Arthritis besser vorherzusagen.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Thomas Hügle

HƓpital orthopƩdique CHUV
Avenue Pierre Decker
1011 Lausanne

Der Autor hat keine InteressensĀ­konflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

ā—† Die Gelenkpunktion ist der direkteste Weg zur Diagnose einer
Kristall-induzierten Arthritis und zur Unterscheidung einer degenerativen von einer entzündlichen Arthrose.
ā—† Insbesondere Monarthritiden kƶnnen mit Glukokortikoiden anstelle einer systemischen Behandlung infiltriert werden.
ā—† Bei Osteoarthritis sind Infiltrationen mit Glukokortikoiden bzw. von HyaluronsƤure von symptomatischer Bedeutung, obwohl sie den
radiologischen Verlauf nicht beeinflussen.

1. Aguero-Rosenfeld ME, Wang G, Schwartz I, Wormser GP. Diagnosis of lyme borreliosis. Clin Microbiol Rev. Jul 2005;18(3):484-509. doi:10.1128/CMR.18.3.484-509.2005
2. Spencer-Green G, Hunter D, Schnitzer T, et al. A Phase 3 Study of Repeat Injection of TLC599 in Osteoarthritis of the Knee: Benefits to 52 Weeks. ABSTRACT NUMBER: L19. ACR Convergence 2023 San Diego.2023.
3. Mueller RB, Spaeth M, von Restorff C, Ackermann C, Schulze-Koops H, von Kempis J. Superiority of a Treat-to-Target Strategy over Conventional Treatment with Fixed csDMARD and Corticosteroids: A Multi-Center Randomized Controlled Trial in RA Patients with an Inadequate Response to Conventional Synthetic DMARDs, and New Therapy with Certolizumab Pegol. J Clin Med. Mar 3 2019;8(3)doi:10.3390/jcm8030302
4. Wang CT, Lin YT, Chiang BL, Lin YH, Hou SM. High molecular weight hyaluronic acid down-regulates the gene expression of osteoarthritis-associated cytokines and enzymes in fibroblast-like synoviocytes from patients with early osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. Dec 2006;14(12):1237-47. doi:10.1016/j.joca.2006.05.009
5. Dhinsa H, McGuinness AE, Ferguson NN. Successful treatment of corticosteroid-induced cutaneous atrophy and dyspigmentation with intralesional saline in the setting of keloids. JAAD Case Rep. Oct 2021;16:116-119. doi:10.1016/j.jdcr.2021.08.022
6. Jayaram P, Kennedy DJ, Yeh P, Dragoo J. Chondrotoxic Effects of Local Anesthetics on Human Knee Articular Cartilage: A Systematic Review. Pm r. Apr 2019;11(4):379-400. doi:10.1002/pmrj.12007
7. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC, et al. 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Rheumatol. Feb 2020;72(2):220-233. doi:10.1002/art.41142
8. Bannuru RR, Osani MC, Vaysbrot EE, et al. OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. Nov 2019;27(11):1578-1589. doi:10.1016/j.joca.2019.06.011

Update für Allgemeinmediziner/-innen: Eisen und hämatologische Parameter

Der folgende Bericht behandelt den Vortrag ‚Fer et paramĆØtres hĆ©matologiques‘, der im Rahmen des FOMF-Webinars am 6. Februar 2024 von Dr. med. Sophie Waldvogel, Genf, gehalten wurde.

Der Gesamtgehalt an Eisen beträgt bei Männern etwa 4 g und bei Frauen etwa 3 g. Die Mindestaufnahme über die Nahrung beträgt 10-15 mg Eisen, von denen 10% absorbiert werden, was etwa 1-2 mg der Eisenaufnahme ausmacht. Der Verlust über den Darm beträgt 1 bis 2 mg pro Tag. Eisen wird über den Blutverlust verloren. Der Menstruationsverlust beträgt etwa 30 mg pro Monat und 15 bis 20 mg Eisen werden für die Erythropoese verwendet (recycelt), wie Frau Dr. med. Sophie Waldvogel, Genf, feststellte. Eisen verteilt sich im Körper auf das zirkulierende Hämoglobin, das Knochenmark, das Myoglobin und andere Gewebe, das Transferrin, die Leber und das retikuloendotheliale System. Es werden ca. 180 x 109 Erythrozyten, ca. 5,4 g Hämoglobin und ca. 20 mg Eisen gebildet. Zwei Drittel des Eisens befinden sich in den Erythrozyten. Eisen kommt in geringeren Mengen auch in den Muskeln vor, im Myoglobin, und es wird in der Leber gespeichert. Die Leber kann in pathologischen Situationen mehrere Gramm Eisen speichern.

Hepcidin

Hepcidin, das 2001 entdeckt und in der Leber synthetisiert wird, bindet an Ferroportin, das normalerweise Eisen aus dem Zellinneren transportiert – Wenn Hepcidin an Ferroportin gebunden ist. Diese Zellen kƶnnen das Eisen nicht mehr exportieren und geben es im Blut an das Transportprotein Transferrin ab. Hepcidin wird bei Entzündungen stark exprimiert. In der Routine wird Hepcidin nicht gemessen.

Erythroferron

Es wurde 2014 entdeckt und wird von den erythroiden Progenitoren synthetisiert. Es hemmt
die Expression von Hepcidin und steigt bei Hypoxie, AnƤmie und ineffektiver Erythropoiese an. Es wird ebenfalls nicht routinemƤssig bestimmt.
→ Wer hat das Sagen? Bei AnƤmie wird Erythroferron erhƶht, Hepcidin gesenkt. Erythroferron trƤgt zur Erholung von der AnƤmie bei, indem es Hepcidin unterdrückt und die Verfügbarkeit von Eisen erhƶht.
→ Wer hat das Sagen? Bei Entzündungen wird das Hepcidin erhƶht und Eisen kann nicht mehr aus den Zellen exportiert werden.

Ferritin

Es ist eine Nanokapsel aus 24 Untereinheiten (schwer, leicht) und kann 4500 Eisenatome einschliessen. Es schützt die Zelle vor der Bildung von freien Radikalen. Ferritin ist ein intrazelluläres Molekül, das im Plasma zur Bestimmung des Eisenmangels verwendet wird.

EisenmangelanƤmie

Sie ist definiert als Hämoglobin <12g/dl (Frau), <13g/dl (Mann (WHO)), Hypochromie, Mikrozytose, Retikulozyten <50g/L, Ferritin <30ng/ml, Sideropenie. Warum Frauen einen tieferen Referenzwert für Hämoglobin und Ferritin haben, bleibt kontrovers (Rushton DH et al. im BMJ: Why should women have lower reference limits for haemoglobin and ferritin concentrations than men. BMJ 2001;322:1355-1357).

Hypochromie

Eine kleine hypochrome Zelle kann uns einiges verbergen, so die Referentin. Erworben: Entzündungen, Nierenversagen, Hämoglobinurie nach Hämolyse. Angeboren: Matriptase-Mangel (IRIDA), sideroblastische Anämie, Hämoglobinopathie.

Differentialdiagnose: ThalassƤmie

VerhƤltnis MCV/MCH<1, Anisozytose: Verteilungsindex der roten Blutkƶrperchen <15%.
Diagnostische Tests: HbA2(β), HbF, Hb-Isoelektrofokussierung (HbC und E), Molekularbiologie (α), Ferritin (Hepcidin vermindert).
Mangel an TMPRSS6 IRIDA. Refraktäres Eisen, Eisenmangel, Anämie. Mutation von TMPRSS6 mit fehlender Kontrolle über den Hepcidintransport: konstitutive Expression.
Diagnostische Tests: ↑ Serumhepcidin, ↓ TransferrinsƤttigung und Molekularbiologie PrƤvalenz: ā‰ˆ 1 x104

Differentialdiagnose: ThalassƤmie

Eisen unterliegt zirkadianen Schwankungen. Sein Spiegel scheint in der Mitte des Tages ein Maximum und in der Mitte der Nacht ein Minimum zu erreichen. Sein intraindividueller biologischer Variationskoeffizient liegt bei 27%. Bei einer starken HƤmolyse, sei sie intravasal in vivo oder in vitro, steigt der Eisenblutspiegel an. Die isolierte Messung des Serumeisens wird vor allem zur Berechnung der TransferrinsƤttigung (Serumeisen/Transferrin) verwendet.
Ferritin ist immer noch der beste Marker für die Diagnose einer Eisenmangelanämie, betonte die Referentin. Der Eisenstoffwechsel ist abhängig von Entzündungen und dem Leberstoffwechsel.

Ferritin erniedrigt ≤30ng/ml: Eisenmangel
30-50ng/ml: Funktioneller Eisenmangel. Zusätzliche Bestimmung von CRP(Entzündung) und ASAT (Leberstoffwechsel) ist gerechtfertigt.

Differenzialdiagnose: Entzündliche Anämie
Mechanismen: Lebensdauer der Erythrozyten, Proliferation der erythroiden Vorläuferzellen, Wirksamkeit von Erythropoietin, Anstieg des Hepcidins: Hypochromie und Mikrozytose (umgeleitetes verfügbares Eisen).

Eisenstatus

Es gibt verschiedene Muster der Eisenakkumulation, die von Alter, Geschlecht und Rasse abhƤngen. Laut der NHANES-Studie spiegeln die Serumferritin-Werte graduelle, bevƶlkerungsbezogene Unterschiede in den Eisenspeichern des Kƶrpers wider. Bei MƤnnern steigt Ferritin bis zum Alter von 60 Jahren an und sinkt danach, wƤhrend bei Frauen ein Anstieg nach dem Alter von 40 Jahren zu verzeichnen ist.

Die Sprecherin zeigte, dass der Ferritinwert bei Blutspendern sinkt, was in der Gesamtpopulation keine Probleme bereitet.

HƤmolyse:

ā–ŗ Intravasale HƤmolyse: HƤmoglobinurie und Eisenverlust (Defizit).
ā–ŗ IntramedullƤre HƤmolyse: (z. B. unwirksame Erythropiese bei ThalassƤmie): Anstieg von Erythroferron, Abnahme von Hepcidin, Anstieg der Eisenaufnahme.
Zur Erinnerung: 1 Transfusion = 250mg Eisen.

Vergleich der Methoden zur Messung von Ferritin

Alle gängigen Bestimmungsmethoden werden mit Hilfe von immunologischen Tests durchgeführt. Je nach Methode ist es möglich, dass bei ein und demselben Test ein Unterschied von bis zu 40ng/ml zwischen zwei Methoden (zwischen zwei akkreditierten Labors) besteht.

Daher: Bearbeiten Sie die Analysen im selben Labor. Vor allem die Wirksamkeit einer Behandlung für einen Patienten (Follow-up) sollte im selben Labor beurteilt werden, empfahl die Referentin.

Unerklärliche Müdigkeit und Anämie, Eisenzufuhr und kognitive Funktionen

Laut einer Studie aus dem Jahr 2003 (Verdon F et al. BMJ 2003;326(7399):1124) können nicht anämische Frauen, die unter unerklärlicher Müdigkeit leiden, von einer Eisensupplementierung profitieren. Die Wirkung kann auf Frauen mit niedrigen oder grenzwertigen Serumferritin-Konzentrationen beschränkt sein. Die Zufuhr von 260 mg elementarem Eisen über einen Zeitraum von 8 Wochen verbesserte das verbale Lernen und das Gedächtnis bei Mädchen im Teenageralter.

Transferrin

Der Transporter für Eisen3+- im Plasma. Es wird in der Leber synthetisiert und hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Es ist zusammen mit der Sättigung nützlich, um eine Eisenüberladung (Hämochromatose) zu diagnostizieren.

Schlussfolgerungen And the winner is …

Ferritin bleibt der beste Indikator für den Gesamteisenspeicher, muss aber mit der gleichen Methode (gleiches Labor) gemessen werden.
Ferritin muss im Hinblick auf den Entzündungszustand sowie im Abstand zur intravenösen Behandlung interpretiert werden.

Bei Eisenmangel: Die Anämie ist ein Indikator für den Schweregrad des Mangels.

Bei Verdacht auf eine Eisenüberladung: Eine Eisenüberladung wird anhand der Transferrinsättigung interpretiert.
Achtung: Es gibt seltene Fälle eines erblichen Hepcidinüberschusses.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Differenzialdiagnose und medizinische Innovation – Teil 2

Am 4.12.2023 veranstaltete die Zurich Academy of Internal Medicine (ZAIM) ein Symposium zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Walter Siegenthaler am UniversitƤtsspital Zürich. Der von Medworld AG (Steinhausen) hervorragend organisierte Anlass zog ein Ƥusserst zahlreiches Publikum bestehend aus ehemaligen Schülern, Kollegen und Freunden von Walter Siegenthaler an den Ort seines ehemaligen Wirkens. Der erste Teil erschien in der Januar-Ausgabe von Ā«der informierte arztĀ». In diesem 2. Teil gibt Dr. Lorenzo KƤser einen Rückblick über 100 Jahre Differenzialdiagnostik Zürich, PD Lukas Zimmerli beschƤftigt sich mit Check-up und Differenzialdiagnose und Prof. Lutz JƤncke entführt uns in das Unbewusste und zeigt, wie wir richtige und falsche Entscheidungen treffen und wie unser GedƤchtnis funktioniert.

100 Jahre Differentialdiagnose in Zürich

Die Entwicklung der Inneren Medizin in Zürich – die Direktoren der medizinischen Klinik und der medizinischen Poliklinik, Standorte und wichtige Publikationen – Einordnung von Siegenthalers Vita waren Gegenstand der PrƤsentation von Dr. Lorenzo KƤser, Ressort Lehre, Direktion Forschung und Lehre USZ. Der Referent erinnerte zunƤchst an den weltbekannten Botaniker, Internisten und Lehrer Prof. Otto NƤgeli, der von 1918 bis 1921 Direktor der Medizinischen Poliklinik und von 1921 bis 1937 Direktor der Medizinischen Klinik am damaligen Kantonsspital Zürich war. Otto NƤgeli verƶffentlichte im Jahre 1917 das Buch Differenzialdiagnose in der Inneren Medizin im Georg Thieme Verlag. Seine Nachfolger waren Wilhelm Lƶffler 1937-1957 und Paul H. Rossier 1957-1969.

Das Buch zur Differenzialdiagnose innerer Krankheiten wurde 1952 von PD Dr. Robert Hegglin neu herausgegeben. 1972 erfolgte die erste Mehrautoren-Ausgabe unter Prof. Walter Siegenthaler. 2012 wurde die Ā«Differenzialdiagnose innerer Krankheiten – vom Symptom zur DiagnoseĀ» unter Prof. Edouard Battegay neu herausgegeben.

Von der Situation zur Differenzialdiagnose


Bedeutung, Formen und Elemente der Check-up Untersuchung, Differenzialdiagnose schützt vor Über- und Unterversorgung, Check-ups oder Sprechstunde, dies die Themen, über welche PD Dr. Lukas Zimmerli, Chefarzt Medizinische Klinik Kantonsspital Olten, referierte.
Check-ups werden häufig verlangt. Die Top 10 Gründe für Visiten in Kanada im Jahre 2019 sind in Tabelle 1 dargestellt, die Angebote der «Check-u-Industrie» in Tabelle 2.

Platinum Check-up/Detaillierte Leistungen
Anamnese-GesprƤch zum persƶnlichen Gesundheitszustand
Umfassende Ƥrztliche Untersuchung
Impfkontrolle
Besprechung der Untersuchungsergebnisse
Ausführliche altersangepasste Laboruntersuchungen
(Blut, Urin)
Ruhe-EKG
Belastungs-EKG
Messung der Kƶrperzusammensetzung
Lungenfunktionstest
Kraft- und Beweglichkeitsmessungen, WirbelsƤulen-Check
Überprüfung des Sehvermögens
Augendruckmessung
Prostata bei Männern über 45
Massnahmenplan mit praktischen Übungsbeispielen inkl. Beratung
MRI-Ganzkƶrper
Echokardiografie und Carotis-Sonografie
Gastroskopie und Kolonoskopie
Alle Untersuchnungen an einem Tag
2 Jahre Premium-Mitgliedschaft

… zur Selbstoptimierung
Krankheiten früh erkennen und deine Gesundheit optimieren. Buche deinen ersten Health Check-up und profitiere von einer professionellen Beratung sowie personalisierten Empfehlungen von unseren renommierten Ƅrzt/-innen und Health Coaches. Gratisberatung.

Der Referent präsentierte anschliessend die häufigsten Todesursachen nach Altersklassen mit wenigen Todesfällen wegen Unfällen oder «übrigen» bei den 0-24 Jährigen und einem guten Drittel an Herz-Kreislauferkrankungen, gefolgt von Demenz und Krebs bei über 85-Jährigen.

Die Elemente des Check-ups
RegelmƤssige Gesundheitsuntersuchung
Beratung und VerhaltensƤnderung
Impfungen

Screening
Bei symptomfreien Personen EinschƤtzung des persƶnlichen Risikoprofils

Case Finding
Spezifisches identifizieren von Risikofaktoren → individuelle Beurteilung von Risikofaktoren.

Hidden Agenda
Nicht deklarierte Beweggründe für einen Arztbesuch (Ƅngste, Befürchtungen, Erwartungen…)

Differenzialdiagnostisches Denken ist zentral für Case Finding
Case Finding ist das identifizieren von asymptomatischen Erkrankungen resp. deren Risikofaktoren während einer (Routine-)Konsultation. Individuelle Risikobeurteilung der Patient:innen je nach Vorhandensein weiterer Risikofaktoren, Symptomen, Begleiterkrankungen (z.B. chronisch entzündliche Darmerkrankung) und Familienanamnese (z.B. prämature KHK).
→ differenzialdiagnostisches Denken ist zentral für individuelle Risikobeurteilung

Hidden Agenda
Hidden Agenda bezeichnet seitens der Patint/-innen nicht deklarierte Beweggründe für einen Arztbesuch. Hierzu gehƶren auch Erwartungen, Gefühle, Ƅngste, der Patient:innen, welche dem Ƅrzt:innen nicht ohne weiteres preisgegeben werden.

Patient/-innen verlangen Check-up nicht nur wegen PrƤvention
Prospektive Studie an der Medizinischen Poliklinik Basel: 66 Patient:innen (35% w), mittleres Alter 45±16 Jahre, 66% der Patient:innen in regelmässiger hausärztlicher Kontrolle, Patient:innen hatten 4.7±3.1 Symptome, jede/r 3. Patient:in hatte noch «versteckte Gründe» für eine Check-up-Untersuchung.

Hidden Agenda bei 23 Patient:innen wƤhrend der zweiten Konsultation:
Psychosoziale Belange der Patient:innen 8
KrankheitsverstƤndnis der Patient:in 6
Krankheiten im sozialen Umfeld 3
Gesundheitliche Bedenken
– Krebs 4
– HIV 3
– Herzkrankheit 3
– Lifestyle (Rauchen, DiƤt, Trinksucht) 2
– Hypertonie 2

Differenzialdiagnose schützt vor Fehl- und Überversorgung
Patient/-innen überschätzen den Nutzen von Interventionen und unterschätzen das Risiko (z.B. Krebs-Früherkennung) Patient:innen dürfen nicht durch unnötige Interventionen gefährdet werden
→ Schutz vor Überdiagnosen
→ Subjektives Wohlbefinden muss zentral sein
→ Shared Decision Making ist zentral

Check-ups oder Sprechstunde?
…the PHE (Periodic Health Evaluation) may provide clinicians time to consider preventive care more fully, thusleading to their instituting preventive measures more frequently.
… PHE has a stronger effect on improving the delivery of preventive services that are performed by clinicians at the time of the office visit.
Check-up as a vehicle to develop meanungful long-term relationship with patients: «Time for the physician to get to know the patient as a person and vice versa» (Boulware LE et al. Ann Intern Ned 2007;146:289-300/Brett AS. JMA 2021;325:2259-2261).

Check-ups zur Burnout-Prophylaxe von Ƅrzt/-innen?
Die American Medical Association hat festgestellt, dass es wichtig ist, die Beziehungen zwischen Patienten und Ƅrzten zu verbessern, um eine qualitative hochwertige Pflege zu gewƤhrleisten und Burnout vorzubeugen. Allgemeinmedizinische Vorsorgeuntersuchungen, die zumindest teilweise darauf ausgerichtet sind, solche Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, kƶnnten jungen Ƅrzten helfen, ihre Berufswünsche zu erfüllen, die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit zu ateigern und die Wahrscheinlichkeit eines Burnout zu verringern (Brett AS JAMA 2021;325:2259-2261).

Take Home Message

ā–ŗ Individuelle Risikokomponenten beachten (Case finding)
ā–ŗ Patient/-innen verlangen Check -up Untersuchungen oft wegen Symptomen und Sorgen (Open Agenda)
ā–ŗ An mƶgliche nicht-deklarierte Beweggründe einer Check-up-Untersuchung denken (Hidden Agenda)
ā–ŗ PrƤvention, falls mƶglich, in Grundversorgung der Patient/-innen einbauen

Entscheiden: ist das Gehirn vernünftig.

Wir alle denken, dass wir als Menschen rationale Entscheidungen treffen. Funktioniert unser Hirn tatsƤchlich wie eine Art Supercomputer, mit dessen Hilfe wir streng logisch die Dinge gegeneinander abwƤgen?


Der Neuropsychologe Prof em. Dr. rer. nat. Lutz Jäncke, Psychologisches Institut der Universität Zürich, zeigte, wie das Unbewusste uns beeinflusst, wie wir richtige und falsche Entscheidungen treffen und wie unser Gedächtnis funktioniert. Mit vielen Beispielen aus seiner Praxis als weltbekannter Forscher stellte er unser Hirn als beeindruckendes Denkorgan dar und zeigte, dass es keine reine «Vernunftsmaschine» ist. Er verwies auf René Descartes «cogito ergo sum! Ratio vs. Irratio, der bis heute unsere Denkweise beeinflusst. Das Gehirn des Menschen ist ein Lern- bzw. Anpassungsgehirn. Es verbraucht im Ruhezustand 20% des gesamten Energiehaushalts des Körpers!

Unbewusste Wahrnehmung: LƤchle und die (halbe) Welt lƤchelt mit dir, runzle die Stirn und du bist allein!

Kognitive Dissonanz: Ein psychologischer Zustand, der entsteht, wenn eine Person widersprüchliche Informationen, Einstellungen oder Überzeugungen hat, die miteinander in Konflikt stehen. Dies führt zu Unbehagen und einem inneren Konflikt, der durch Strategien wie Anpassung, Rationalisierung oder Vermeidung gelöst werden kann.

Entscheidungen und Zukunft: Die Zukunft kann man nicht vorhersagen, man kann sie lediglich gestalten! Die Zukunft ist immer mit Risiko behaftet! Wie sollen wir uns dann mƶglichst optimal entscheiden? Mit Logik oder Intuition?

Bei bekannten Risiken: Wie trifft man Entscheidungen, wenn alle Alternativen, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bekannt sind? Mit Logik, Statistik, Mathematik.

Und wie trifft man Entscheidungen, wenn nicht alles bekannt ist, also bei unbekannten Risiken? Mit Intuition, und Heuristik.

Der Referent wies abschliessend auf seine Buchveröffentlichungen hin: «Ist das Gehirn vernünftig?» Erkenntnisse eines Neuropsychologen und «Von der Steinzeit ins Internet».

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Strategien für HIV-1-Impfstoffe, die breit neutralisierende Antikörper induzieren

HIV-1 wurde 1983 entdeckt (1) und anschließend als Ursache des erworbenen Immunschwächesyndroms (AIDS) (2-4) nachgewiesen. Eine wirksame antiretrovirale Arzneimitteltherapie hat AIDS von einer durchweg tödlich verlaufenden Krankheit in eine chronische Erkrankung mit nahezu normaler Lebenserwartung verwandelt (5). Dennoch infizieren sich jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen mit HIV-1 (6). Daher besteht trotz der antiretroviralen Arzneimitteltherapie zur Vorbeugung oder Behandlung (7,8) ein dringender Bedarf an einem sicheren und wirksamen HIV-1-Impfstoff.

Die Entwicklung eines wirksamen HIV-1-Impfstoffs ist aufgrund der außergewöhnlichen und zunehmenden genetischen Vielfalt des HIV-1-Lentivirus (9,10), seiner komplexen Mechanismen zur Umgehung des Immunsystems (11-14) und der Fähigkeit von HIV-1, sich in Immunzellen des Wirts zu integrieren, um gegen die Immunität des Wirts und die Behandlungsmethoden resistent zu werden (15,16), eine besondere Herausforderung.

Nach fast vier Jahrzehnten der Forschung ist ein sicherer und wirksamer HIV-1-Impfstoff noch immer nicht in Sicht. Es gibt viele Gründe, warum die Entwicklung eines wirksamen und dauerhaften HIV-1-Impfstoffs eine Herausforderung darstellt, darunter die außerordentliche genetische Vielfalt von HIV-1 und seine komplexen Mechanismen zur Umgehung des Immunsystems. Die Hüllglykoproteine von HIV-1 werden vom Immunsystem nur schlecht erkannt, was bedeutet, dass wirksame breit neutralisierende Antikörper (bnAbs) nur selten im Rahmen einer HIV-1-Infektion oder durch eine Impfung gebildet werden. Die Biologie der HIV-1-Wirt-Interaktionen erfordert daher neuartige Strategien für die Impfstoffentwicklung, die darauf abzielen, seltene bnAb-produzierende B-Zelllinien zu aktivieren und zu expandieren sowie auf den Erwerb kritischer, unwahrscheinlicher bnAb-Mutationen zu selektieren. Im Folgenden werden Strategien für die Induktion potenter und breit angelegter HIV-1-bnAbs erörtert und die für den endgültigen Erfolg erforderlichen Schritte skizziert.

Ein schützender HIV-1-Impfstoff wird wahrscheinlich der komplexeste Impfstoff sein, der je entwickelt wurde, wobei neuartige Impfstoffplattformen wie modifizierte mRNAs in LNPs oder neuartige Vektoren eingesetzt werden. Schon früh nach der Infektion kann sich das HIV-1-Provirus als latentes Virus in das Wirtsgenom integrieren, ohne virale Proteine zu produzieren1 (17,18) und wird so für das Immunsystem praktisch unsichtbar. Aus diesem Grund muss ein wirksamer HIV-1 bnAb-Impfstoff, der die Übertragung durch eine sterilisierende ImmunitƤt verhindern soll, im Wesentlichen zu 100 % wirksam sein, und zwar sowohl bei einer Exposition über das Blut als auch über die SchleimhƤute – eine außerordentliche Hürde, die bisher noch kein Impfstoff genommen hat16,181. Schließlich wird die Herstellung von Mehrkomponenten-Proteinimpfstoffen eine Herausforderung darstellen, da die Herstellung mehrerer Proteine unter GMP-Bedingungen schwierig und zeitaufwƤndig ist und die Kosten für einen solchen Impfstoff hoch sind. Die modifizierte mRNA- und LNP-Technologie, die für COVID-19-Impfstoffe (19,20) so erfolgreich war, kƶnnte sich für die Herstellung von Mehrkomponenten-Impfstoffen besser eignen als für proteinbasierte Impfstoffe (21-27) 127,184-189.

Quelle: Hayes BF et al. Strategies for HIV-1 vaccines that induce broadly beutralizing antibodies. Nat Rev Immunol. 2023; 23(3): 142–158.
Published online 2022 Aug 12. doi: 10.1038/s41577-022-00753-w

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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1. BarrĆ©-Sinoussi F, et al. Isolation of a T-lymphotropic retrovirus from a patient at risk for acquired immune deficiency syndrome (AIDS) Science. 1983;220:868–871. doi: 10.1126/science.6189183.
2. Gallo RC, et al. Frequent detection and isolation of cytopathic retroviruses (HTLV-III) from patients with AIDS and at risk for AIDS. Science. 1984;224:500–503. doi: 10.1126/science.6200936.
3. Popovic M et al.. Detection, isolation, and continuous production of cytopathic retroviruses (HTLV-III) from patients with AIDS and pre-AIDS. Science. 1984;224:497–500. doi: 10.1126/science.6200935.]
4. Sarngadharan MG, et al.. Antibodies reactive with human T-lymphotropic retroviruses (HTLV-III) in the serum of patients with AIDS. Science. 1984;224:506–508. doi: 10.1126/science.6324345.
5. Saag MS, et al. Antiretroviral drugs for treatment and prevention of HIV infection in adults: 2020 recommendations of the International Antiviral Society-USA panel. JAMA. 2020;324:1651–1669. doi: 10.1001/jama.2020.17025.]
6. UNAIDS. Fact sheet 2021. UNAIDShttps://www.unaids.org/sites/default/files/ media_asset/ UNAIDS_FactSheet_en.pdf (2021).
7. Kumi Smith M et al.. Treatment of HIV for the prevention of transmission in discordant couples and at the population level. Adv. Exp. Med. Biol. 2018;1075:125–162. doi: 10.1007/978-981-13-0484-2_6.
8. Cohen MS et al. Prevention of HIV transmission and the HPTN 052 study. Annu. Rev. Med. 2020;71:347–360. doi: 10.1146/annurev-med-110918-034551.
9. Fischer W, et al. HIV-1 and SARS-CoV-2: patterns in the evolution of two pandemic pathogens. Cell Host Microbe. 2021;29:1093–1110. doi: 10.1016/j.chom.2021.05.012. []
10. Korber B et al. Polyvalent vaccine approaches to combat HIV-1 diversity. Immunol. Rev. 2017;275:230–244. doi: 10.1111/imr.12516
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12. Kelsoe G, Haynes BF. Host controls of HIV broadly neutralizing antibody development. Immunol. Rev. 2017;275:79–88. doi: 10.1111/imr.12508.
13. Kirchhoff F. Immune evasion and counteraction of restriction factors by HIV-1 and other primate lentiviruses. Cell Host Microbe. 2010;8:55–67. doi: 10.1016/j.chom.2010.06.004.]
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20. Polack FP, et al. Safety and efficacy of the BNT162b2 mRNA COVID-19 vaccine. N. Engl. J. Med. 2020;383:2603–2615. doi: 10.1056/NEJMoa2034577.
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Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die durch Zecken übertragene Enzephalitis in Europa

Die durch Zecken übertragene Enzephalitis (FSME) ist eine Infektionskrankheit, die durch das Zeckenenzephalitis-Virus (FSMEV) verursacht wird und bei Patienten zu Entzündungen des zentralen Nervensystems (ZNS) führt. In mehr als 25 europäischen Ländern gibt es eines oder mehrere FSME-endemische Gebiete. Obwohl zwei FSME-Impfstoffe, FSME-IMMUN® und Encepur®, in Europa häufig verwendet werden, gibt es keine veröffentlichten Untersuchungen über die tatsächliche Wirksamkeit von FSME-Impfstoffen in Europa oder anderswo.

Eine kürzlich erschienene Studie untersuchte PubMed nach Artikeln über die Wirksamkeit von FSME-Impfstoffen (WI) und Extrahierte Informationen über Land, Studiendesign, Studienzeitraum, Studienpopulation, Anzahl der FSME-Infizierten, Anzahl der Teilnehmer und WI gegen FSME-Infektionen und -Ergebnisse.
Die Autoren identifizierten 13 Studien, die in Ɩsterreich, der Tschechischen Republik, Lettland, Deutschland und der Schweiz durchgeführt und zwischen 2003 und 2023 verƶffentlicht wurden. Bei einer Studie handelte es sich um eine Kohorten-Untersuchung eines durch Milch verursachten Ausbruchs. In den anderen Studien wurde in 11 FƤllen (91,7 %) die Screening-Methode und in zwei FƤllen (16,7 %) ein Fall-Kontroll-Design angewandt (in einer Studie wurde beides verwendet). FSME-Impfstoffe waren in allen Altersgruppen hochwirksam (WI-SchƤtzungen >92%) gegen FSME-Infektionen. Die Impfstoffe boten auch einen hohen Schutz gegen leichte Infektionen (d. h. Infektionen bei Patienten ohne Symptome einer ZNS-Entzündung) und gegen Infektionen, die zu FSME und Krankenhausaufenthalt führten. Die Impfstoffe boten auch einen hohen Schutz vor den schwerwiegendsten Folgen wie Krankenhausaufenthalten von mehr als 12 Tagen. Die produktspezifischen VE-SchƤtzungen waren ebenfalls hoch, obwohl nur begrenzte Daten verfügbar waren. Studien in Ɩsterreich, der Tschechischen Republik, Lettland und der Schweiz schƤtzten, dass FSME-Impfstoffe in diesen LƤndern zusammen mehr als 1.000 FSME-FƤlle pro Jahr verhinderten und viele Krankenhausaufenthalte und TodesfƤlle vermieden.

Die veröffentlichten WI-Studien belegen eine hohe reale Wirksamkeit der kommerziell erhältlichen FSME-Impfstoffe in Europa. Obwohl die Zahl der verhinderten Fälle nur für vier Länder geschätzt wurde, verhindert die FSME-Impfung jedes Jahr Tausende von Fällen in Europa. Um lebensbedrohliche FSME-Erkrankungen zu verhindern, sollten die FSME-Impfung und die Einhaltung des Impfplans bei Bewohnern von und Reisenden in FSME-endemischen Ländern in Europa verbessert werden.

Fazit

Die nationalen Impfquoten lagen unter den empfohlenen Schwellenwerten, und die Analyse zeigte, dass Anstrengungen zur Erhöhung der nationalen Impfquoten erforderlich sind. Die Autoren bewerteten die Identifizierung von chronischen Krankheiten anhand von Medikamentenansprüchen und die Berechnung von nationalen Impfquoten auf der Grundlage von Daten der jeweiligen Saison als einen wirksamen Ansatz zur Durchführung der Impfüberwachung. Eine Überwachung auf der Grundlage von Anspruchsdaten kann die nationale Überwachung vervollständigen.

Quelle: Angulo FJ et al. A systematic literature review of the effectiveness of tick-borne encephalitis vaccines in Europe.Vaccine 2023;41):6914-6921.
doi: 10.1016/j.vaccine.2023.10.014. Epub 2023 Oct 17.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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