Swiss Prevention Summit 2025

Ā«Vorbeugen ist besser als heilenĀ» gilt mehr denn je. Die kardiovaskulƤre PrƤvention konzentriert sich auf die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Nierenversagen, Schlaganfall und frühem Tod. Aufgrund der weltweiten Adipositas-Epidemie und der steigenden Lebenserwartung gewinnen Bluthochdruck, HypercholesterinƤmie, Diabetes und in der Folge chronische Nieren- und Herzinsuffizienz zunehmend an Bedeutung. Neben einem gesunden Lebensstil stehen uns heute neue, sehr wirksame und gut vertrƤgliche Arzneimittel zur Verfügung: Glukagon-like-Peptid-1-Agonisten, Hemmer des Natrium-Glukose-Transporters, PCSK9-Hemmer und nichtsteroidale Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten. Die RNA-Interferenz ist zudem eine Revolution in der Pharmakotherapie: Zur Lipidsenkung und bald auch zur Behandlung der Hypertonie sind nur zwei Injektionen pro Jahr nƶtig – fast wie eine Impfung. So beschrieben es die Organisatoren Prof. T. F. Lüscher, F. Mahfoud, S. Windecker und F. Mach in ihrer Einführung. Im Folgenden wird über einige Referate dieser Veranstaltung berichtet.

Das Mikrobiom und seine Metabolite: Ein verkannter Risikofaktor


Prof. Thomas F. Lüscher, Brompton/London und Zürich, erläuterte die noch wenig bekannte Beziehung zwischen dem Darmmikrobiom, seinen Metaboliten, dem Körpergewicht und dem Risiko kardiovaskulärer Ereignisse.

Welche Rolle einzelne Darmmikroben bei der Regulation der Körperzusammensetzung spielen, ist weiterhin unklar. In einer Studie wurde das Darmmikrobiom erwachsener weiblicher Zwillingspaare, die sich hinsichtlich ihres Adipositas-Status unterschieden, in keimfreie Mäuse transplantiert. Die Tiere erhielten entweder fettarmes Standardfutter oder Diäten mit unterschiedlichen Anteilen gesättigter Fette sowie Obst und Gemüse, wie sie für die US-amerikanische Ernährung typisch sind. Eine Zunahme von Gesamtkörper- und Fettmasse sowie adipositasassoziierte metabolische Phänotypen liessen sich durch unkultivierte fäkale Mikrobengemeinschaften und entsprechende Bakterienkulturen übertragen. Wurden Mäuse, die das Mikrobiom eines adipösen Zwillings (Ob) trugen, gemeinsam mit Mäusen gehalten, die das Mikrobiom des schlanken Zwillings (Ln) trugen, blieb bei den Ob-Tieren eine Zunahme der Körpermasse und die Entwicklung adipositasassoziierter metabolischer Phänotypen aus. Dieser Effekt korrelierte mit der Übertragung spezifischer Bacteroidetes-Mitglieder aus dem Ln-Mikrobiom in das Ob-Mikrobiom und war ernährungsabhängig. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Mikrobiom rasch eintreten, übertragbar sind und sich modifizieren lassen.

Auch klinisch wird die Modulation des Mikrobioms untersucht: Eine hochdosierte fäkale Mikrobiota-Transplantation aus mehreren Spenden kann bei aktiver Colitis ulcerosa zu klinischer Remission und endoskopischer Besserung führen. Gleichzeitig werden deutliche mikrobielle Veränderungen beobachtet, die mit dem Therapieansprechen zusammenhängen. Künftige Arbeiten sollten insbesondere die optimale Behandlungsintensität sowie die Bedeutung der Spender-Empfänger-Übereinstimmung anhand mikrobieller Profile definieren.

Das Darmmikrobiom steht zudem in einem mechanistischen Zusammenhang mit physiologischen Prozessen, die die Herz-Kreislauf-Gesundheit beeinflussen. Nahrungsbestandteile prägen die Zusammensetzung des Mikrobioms und den Metabolismus des Wirts. Als Beispiel nannte der Referent den Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem und weissem Fleisch und der Bildung von TMAO (Trimethylamin-N-oxid). TMAO entsteht durch mikrobiellen Abbau von Nährstoffen wie Cholin und L-Carnitin. Erhöhte TMAO-Spiegel im Blut wurden mit einem höheren Risiko kardiovaskulärer Ereignisse (z. B. Myokardinfarkt, Schlaganfall) assoziiert und könnten proinflammatorische Prozesse sowie bestehende Erkrankungen wie Arteriosklerose, Hypertonie und Diabetes ungünstig beeinflussen.

Gewichtsverlust und kardiovaskuläres ­Outcome: Was kann mit GLP1 und GIP/GLP1-RA erreicht werden?


Ā«Weltweit ist das Leben der Menschen zwar lƤnger geworden, aber nicht gesünderĀ», sagte Prof. John Deanfield aus London zu Beginn seines Vortrags. Im Jahr 1960 betrug die mittlere Lebenserwartung weltweit 54 Jahre, im Jahr 2019 waren es 73 Jahre – ein Zuwachs von 19 Jahren. Der Anteil des Lebens, der bei schlechter oder mƤssiger Gesundheit verbracht wird, hat sich jedoch nicht geƤndert.

KrankheitsprƤvention – das sich wandelnde Gesicht der Medizin

Rauchen, Alkohol, ungesunde ErnƤhrung und Bewegungsmangel prƤgen das Leben in den Industriestaaten. Entsprechend zƤhlen kardiovaskulƤre Erkrankungen, Nierenversagen und Typ-2-Diabetes zu den hƤufigsten Ursachen für eingeschrƤnkte Gesundheit und TodesfƤlle. Die PrƤvalenz von Übergewicht hat aus mehreren Gründen zugenommen. Im Jahr 1950 litt weniger als 1 % der britischen Bevƶlkerung an Adipositas. Heute sind es ca. 30 %.

Ist dies Ausdruck eines kollektiven Verlusts an Willenskraft? Der Referent verneinte: Die Menschen hätten sich nicht verändert, wohl aber das Nahrungsangebot und die Ernährungsumgebung. Übergewicht resultiert aus einer anhaltenden positiven Energiebilanz, und jede Person, die mit Übergewicht lebt, weiss bereits, dass sie weniger essen und sich mehr bewegen sollte. Lebensstiländerungen, beispielsweise Diät und mehr Bewegung, werden zwar immer empfohlen, sind aber selten allein erfolgreich.

Übergewicht gilt inzwischen als chronische, multifaktorielle und rückfällige Krankheit, die mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergeht. Es ist eine Krankheit, bei der die besten verfügbaren Behandlungen ohne Schuldgefühle eingesetzt werden müssen. Wir behandeln LDL, Blutdruck und HbA1c direkt. «Die Adipositas-Biologie verdient denselben Ansatz», so der Referent.

Medikamente würden helfen, das Problem jedoch nicht vollständig lösen. Eine zentrale Stellschraube sei weniger die «Umgebung», sondern die Regulation des Appetits.
Eine wirksame Behandlung der Adipositas wäre ein Wendepunkt für das Gesundheitswesen. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RAs) gelingt erstmals eine zuverlässig signifikante und nachhaltige Gewichtsabnahme.

SELECT-Studie

Bei Patienten mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht oder Adipositas, jedoch ohne Diabetes, war die wƶchentliche subkutane Gabe von 2.4 mg Semaglutid gegenüber Placebo wirksamer, um die Inzidenz von TodesfƤllen aufgrund kardiovaskulƤrer Ursachen, nicht tƶdlichen Myokardinfarkten oder nicht tƶdlichen SchlaganfƤllen zu verringern. Dies wurde bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 39.8 Monaten festgestellt. Der Nutzen der Therapie mit Semaglutid war grƶsstenteils unabhƤngig vom Gewichtsverlust.

Pleiotrope Effekte von GLP-1-RAs bei Typ-2-DM

In einer Studie wurden 215 970 Patienten mit Diabetes, die GLP-1 RAs erhielten, mit einer entsprechenden Kontrollgruppe verglichen. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für Atemversagen, COPD und Suizidgedanken verbunden. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für 34 (19.43 %) Ergebnisse verbunden, darunter Lungenentzündung, Alkoholmissbrauch, Atemversagen, COPD und Suizidgedanken. Ein erhƶhtes Risiko wurde für 17 Ergebnisse (9.71 %) gefunden, darunter Übelkeit und Erbrechen, GERD, Bauchschmerzen, Nephrolithiasis und Schlafstƶrungen.

Hinweise auf einen breiteren klinischen Nutzen

Zunehmend wird ein potenziell breiterer Nutzen von GLP-1-basierten Therapien diskutiert. Als Beispiele nannte der Referent Publikationen zu unterschiedlichen Indikationen (u. a. kolorektale Neoplasien, Morbus Parkinson, obstruktive Schlafapnoe, MASH sowie chronische Nierenkrankheit).

Beispiellose Akzeptanz in der Ɩffentlichkeit

Trotz begrenzter Zahl verfügbarer Präparate ist die Akzeptanz in der Bevölkerung hoch. Zum Vergleich: Rund zehn Jahre nach Markteinführung hatten Statine etwa eine Million Anwender; selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer lagen in ähnlicher Grössenordnung. Für Wegovy wurde bereits nach fünf Jahren eine deutlich höhere Nutzerzahl berichtet.
Und was kommt als NƤchstes?

Neue Moleküle und Indikationen für GLP-1-basierte Wirkstoffe

Zu den in Entwicklung befindlichen Substanzen zƤhlen:
• Retatrutid: Triple-Agonist (GLP-1-, GIP- und Glukagonrezeptor)
• Survodutid: dualer Agonist (GLP-1- und Glukagonrezeptor)
• Insulin degludec/Liraglutid (Fixkombination)
• Insulin glargin/Lixisenatid: Kombination aus Basalinsulin und GLP-1-RA
• Amycretin: dualer Agonist (GLP-1- und Amylinrezeptor)
• Semaglutid/Cagrilintid: Kombination aus GLP-1-RA und Amylin-Analogon

Bei neue Indikationen wurde folgendes diskutiert:
• metabolisch dysfunktionsassoziierte Steatohepatitis (MASH)
• periphere Erkrankungen
• polyzystisches Ovarialsyndrom
• Arthritis
• Krebs
• neuropsychiatrische Krankheiten (z. B. Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit, Substanzmissbrauch, Depression, Schizophrenie, MigrƤne, intrakranielle Hypertonie).

Richtlinien

Die GLP-1-RA-Leitlinien betonen die Anwendung von Semaglutid und Cagrilintid bei Typ-2-Diabetes (T2D) und zur chronischen Gewichtsregulierung (BMI ≄30 oder ≄27 mit gewichtsbedingten Problemen wie Bluthochdruck oder einem hohen Cholesterinspiegel) in Verbindung mit Ƅnderungen des Lebensstils. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Vorteilen für Herz und Nieren. Es sind jedoch auch Vorsichtsmassnahmen zu beachten: das Medikament muss vor Operationen abgesetzt werden, es ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, mƶgliche Pankreatitis-Symptome sind zu überwachen und eine Schwangerschaft ist zu vermeiden. Zu den wichtigsten Aspekten gehƶren die AufklƤrung der Patienten über Nebenwirkungen (Magen-Darm-Probleme), Verhütung und die ordnungsgemƤsse Entsorgung von Injektionsmaterial.

Arterielle Erkrankungen, die Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen, lassen sich durch eine nachhaltige, frühzeitige Reduktion des Risikofaktors (RF) weitgehend verhindern, mahnte der Referent.

Trennung von Verhaltenseffekten und Gewichtsverlust

Es wurden Hinweise auf zwei unterschiedliche neuronale Mechanismen diskutiert: einerseits Gewichtsverlust durch Appetit- und Stoffwechselregulation, andererseits Nahrungsaversion. Semaglutid reduziert Hunger und fördert den Fettabbau, indem es auf Adcyap1+-Neuronen im dorsalen Vaguskomplex wirkt. Werden diese Zellen blockiert, ist Semaglutid weniger wirksam in der Reduktion von Appetit und Fettmasse. Eine Abneigung gegen Nahrung blieb hingegen bestehen. Dies spricht dafür, dass einzelne Semaglutid-Effekte über unterschiedliche neuronale Bahnen vermittelt werden. Perspektivisch könnte dies die Entwicklung wirksamerer und besser verträglicher Adipositas-Therapien unterstützen.

Durchbruch und Evidenz bei der Behandlung von Adipositas

Im Kontext der zunehmenden Verfügbarkeit medikamentöser Therapien stellte sich die Frage, welche Rolle Lebensstiländerungen künftig noch spielen. Sind Lebensstiländerungen im Zeitalter der Adipositas-Medikamente notwendig?

Diskutiert wurden mehrere Entwicklungen und AnsƤtze:
• Weiterbehandlung nach initialem Gewichtsverlust: Tirzepatid kann Patientinnen und Patienten nach bereits erzieltem Gewichtsverlust weiter unterstützen.
• Ultralang wirksame GLP-1-basierte Wirkstoffe: LƤnger wirksame PrƤparate kƶnnten gegenüber kürzer wirksamen Substanzen Vorteile bieten.
• Therapie von Nebenwirkungen: Ein neuer Ansatz zielt darauf ab, Nebenwirkungen der Gewichtsabnahme bzw. der Therapie zu lindern.
• Duodenales Mukosa-Resurfacing (DMR): Das Verfahren basiert auf der Hypothese, dass eine fett- und zuckerreiche ErnƤhrung die Funktion der Duodenalschleimhaut beeintrƤchtigen kann. Dies kƶnnte abnorme metabolische Signale und Insulinresistenz begünstigen. DMR soll diese Signalwege funktionell Ā«zurücksetzenĀ».
• Amylin-Analoga: Eloralintid zeigte in einer Phase-2-Studie eine Gewichtsreduktion.
• Orale Therapieoptionen: Mit dem Abschluss der Phase 3 schreitet die Entwicklung einer Adipositas-Pille (Orforglipron) voran.
• Deeskalation/Erhaltung: Eine Deeskalation von GLP-1-basierten Therapien (z. B. alle zwei Wochen) wurde als mƶgliche Option zur Erhaltungstherapie diskutiert.

Sind GLP1Ras die bahnbrechendste VerƤnderung im Gesundheitswesen aller Zeiten?

Provokativ wurde ein Bonmot zitiert: «Die häufigsten Instrumente für Selbstmord sind Messer und Gabel.»
(Dr. Martin Fischer)
Adipositas wurde als eine der grƶssten Bedrohungen für Gesundheit und Wohlstand beschrieben. Sie verƤndert die kardiometabolische Landschaft, indem sie Typ-2-Diabetes, chronische Nierenkrankheit und kardiovaskulƤre Erkrankungen fƶrdert, mit negativen klinischen Folgen. GLP-1-RAs kƶnnten zwar einen entscheidenden Beitrag zur Behandlung der Adipositas leisten, werden jedoch nicht als alleinige Lƶsung verstanden. Über die Gewichtsreduktion hinaus kƶnnten sie mehrere altersassoziierte Erkrankungen beeinflussen und langfristig VerhaltensƤnderungen unterstützen. Damit besteht das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verƤndern, indem Ursachen kardiometabolischer Erkrankungen adressiert werden – mit Konsequenzen nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Gleichzeitig wurde betont, dass GLP-1-RAs den Wandel nicht allein bewirken, jedoch das Spektrum ernƤhrungsbedingter Erkrankungen beeinflussen kƶnnten, indem sie Betroffene dabei unterstützen, weniger zu essen und sich gesünder zu ernƤhren.

Ist Lipoprotein(a) ein Risikofaktor oder ein therapeutisches Ziel?


«Lipoprotein(a) besteht aus einem Molekül Apolipoprotein B, das kovalent an Apolipoprotein(a) gebunden ist. Apolipoprotein(a) ist ein Plasminogen-ähnliches Protein, das aus einer variierenden Anzahl von sogenannten Kringles aufgebaut ist. Diese bestimmen seine Grösse und auch seine biologischen Eigenschaften», erklärte Prof. Arnold von Eckardstein (USZ) einleitend.

Lp(a) weist sowohl proatherosklerotische Eigenschaften wie eine verstƤrkte Proteoglykanbindung, eine Aufregulation von AdhƤsionsmolekülen, eine Proliferation von glatten Muskelzellen, eine Schaumzellbildung, die Bildung eines nekrotischen Kerns oder eine Kalzifizierung von LƤsionen auf. Es verfügt jedoch auch über prothrombotische Eigenschaften wie Plasminogen-Aktivierung, Fibrindegradation, PAI-1-Expression, TFPI-AktivitƤt und Thrombozyten-ReaktivitƤt. Hohe Plasmakonzentrationen von Lp(a) erhƶhen das Risiko für kardiovaskulƤre MorbiditƤt und MortalitƤt. Lp(a)-Werte ≄30 mg/dl sagen unabhƤngig vom Baseline-ASCVD-Status unerwünschte kardiovaskulƤre Ergebnisse voraus. Erstgradige Verwandte von Personen mit erhƶhten Lp(a)-Werten haben ein erhƶhtes Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskulƤre Ereignisse. Ein hoher Lp(a)-Spiegel erhƶht das Risiko für kardiovaskulƤre Ereignisse, unabhƤngig von traditionellen Risikofaktoren.

Die «International Declaration on Lipoprotein(a) Testing and Management» von Brüssel empfiehlt:
• Lp(a)-Werte von über 50 mg/dl (105 nmol/L) sollten bei allen Erwachsenen als kardiovaskulƤrer Risikofaktor betrachtet werden. Dabei gilt: Je hƶher der Lp(a)-Wert, desto hƶher das Risiko (Klasse IIa/Niveau B). Lp(a) sollte einmal im Leben gemessen werden und auch Familienmitglieder (Kinder) sollten getestet werden.

Medikamentƶse Senkung von Lp(a)

Statine senken Lp(a) unwesentlich (–0.19 mg/dl, p = 0.58), BempedoinsƤure erhƶht Lp(a) um +0.01 mg/dl (p = 0.99), Ezetimib senkt es um –0.21 mg/dl (p = 0.77), Omega-3-FettsƤuren senken Lp(a) um –0.28 mg/dl, Fibrate um –0.61 mg/dl (p = 0.14), Niacin um –706 mg/dl (p < 0.01), CETP-Inhibitoren um –0.77 mg/dl (p = 0.01), Inclisiran um –4.76 mg/dl (p < 0.01) und PCSK9-Antikƶrper um –6.37 mg/dl.

Take Home Messages

• Lp(a) ist ein LDL-Ƥhnliches Lipoprotein, das als zusƤtzliches Protein das Apolipoprotein(a) trƤgt und mit oxidierten Phospholipiden angereichert ist.
• Die Anzahl der Kringle-IV-DomƤnen ist genetisch determiniert und bestimmt wesentlich die Plasmakonzentration von Lp(a).
• Lp(a) wirkt wegen seiner Ƅhnlichkeit mit LDL und Plasminogen sowie aufgrund seiner oxidierten Phospholipide atherogen, thrombogen und proinflammatorisch.
• Hohe Plasmaspiegel von Lp(a) und Allele für geringe Anzahlen von Kringle-IV-Repeats erhƶhen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Aortenklappenverkalkung (genetisch kausaler Risikofaktor!).
• Hohes Lp(a) und traditionelle Risikofaktoren interagieren, weswegen bei hohem Lp(a)-Spiegel das geschƤtzte Risiko hƶhergestuft werden sollte. Traditionelle Risikofaktoren sollen konsequent behandelt werden.
• Lp(a) trƤgt zum residuellen Risiko nach intensiver LDL-Cholesterinsenkung bei.
• Antisense-Oligonukleotide und siRNAs gegen LPA-mRNA senken den Lp(a)-Spiegel um 80–90 %. Ergebnisse klinischer Endpunktstudien werden ab 2026 erwartet.

Was gibt es Neues zum Thema Lipide? Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS


Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS wurden von einer Task Force unter dem Vorsitz von Prof. Mach, Prof. Koskinas und Prof. Roeters van Lennep entwickelt. «Alle neuen Empfehlungen, die in der fokussierten Aktualisierung 2025 enthalten sind, ergänzen die Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019 zur Behandlung von Dyslipidämien. Alle geänderten Empfehlungen ersetzen die entsprechenden Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019», stellte Prof. François Mach einleitend fest.

Empfehlungen zur kardiovaskulƤren RisikoabschƤtzung

Bei scheinbar gesunden Personen unter 70 Jahren ohne etablierte ASCVD oder Diabetes mellitus wird SCORE2 zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliches oder nicht tödliches kardiovaskuläres Risiko bei CKD, genetischen/seltenen Lipid- oder Blutdruckerkrankungen (Klasse I, Evidenzgrad B) empfohlen.

SCORE2-OP wird bei Personen ≄70 Jahren ohne etablierte ASCVD, Diabetes mellitus, chronische Nierenerkrankungen, genetische/seltene Lipid- oder Blutdruckerkrankungen zur AbschƤtzung des 10-Jahres-Risikos für tƶdliches oder nicht-tƶdliches kardiovaskulƤres Risiko empfohlen (Klasse I/Evidenzgrad B). Es werden drei Risikokategorien unterschieden.

Hohes Risiko
• Personen mit einem der folgenden Befunde: stark erhƶhter einzelner Risikofaktor, insbesondere Gesamtcholesterin >8 mmol/l, LDL-C >4,9 mmol/l oder Blutdruck ≄ 180/110 mmHg).
• FamiliƤre HypercholesterinƤmie (FH) ohne weitere wichtige Risikofaktoren.
• Patienten mit Diabetes mellitus ohne ZielorganschƤden mit einer Diabetesdauer von ≄10 Jahren oder einem anderen zusƤtzlichen Risikofaktor.
• Moderate CKD (eGFR 30–59 ml/min (1.73 m²)).
• Ein kalkuliertes SCORE2- oder SCORE2-OP-Risiko von 10–20 % für das 10-Jahres-Risiko für tƶdliche oder nicht-tƶdliche kardiovaskulƤre Erkrankungen (CVD).

Mittleres Risiko
Personen mit einem der folgenden Merkmale:
• Junge Patienten mit T1DM (Diagnose vor dem 35. Lebensjahr) oder T2DM (Diagnose vor dem 50. Lebensjahr) mit einer Diabetesdauer von weniger als 10 Jahren ohne andere Risikofaktoren und einem berechneten SCORE2 oder SCORE2 OB ≄2 % und <10 % für das 10-jƤhrige Risiko für tƶdliche oder nicht tƶdliche kardiovaskulƤre Erkrankungen (CVD).

Niedriges Risiko
• Berechneter SCORE2 oder SCORE2-OP von <2 % für das 10-Jahresrisiko für tƶdliche oder nicht tƶdliche kardiovaskulƤre Erkrankungen (CVD).

Wichtige Botschaften

Das ESC/EAS Focus Update zu Dyslipidämien betont die Bedeutung einer frühzeitigen, personalisierten und aggressiven lipidsenkenden Therapie. Es werden die Integration von SCORE2/Scores 2-OP, die Berücksichtigung von Lp(a) und der lebenslangen LDL-C-Exposition, die Erweiterung der Behandlungsoptionen (vermehrte Kombination mit Ezetimib und Bempedoinsäure) sowie die Einführung neuer Präventionsstrategien bei HIV und Kardio-Onkologie thematisiert.

Was wissen Patienten über kardiovaskuläre Prävention?


Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit einer hohen Krankheitslast verbunden und die hƤufigste Todesursache. Die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck, HyperlipidƤmie und Diabetes, kƶnnen mit Medikamenten wirksam behandelt werden. Eine gute Therapietreue setzt auch ausreichendes Wissen der Betroffenen voraus. Prof. Thomas Rosemann aus Zürich berichtete über eine Publikumsumfrage zur kardiovaskulƤren PrƤvention. Über ein Gesundheitsmagazin wurde ein anonymer Fragebogen an die Leser verteilt, den 3166 Personen beantworteten. Neben demografischen Daten wurden der Gesundheitszustand, die Kenntnis der persƶnlichen Werte (z. B. Blutdruck, Cholesterin) und die EinschƤtzung der Risikofaktoren erfasst. Die Ergebnisse wurden ausführlich in der Zeitschrift Ā«PRAXISĀ» verƶffentlicht. Die Mehrheit der Befragten war sich der HƤufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Mƶglichkeit ihrer Behandlung bewusst. Kƶrperliche Bewegung und ErnƤhrung wurden als besonders wichtige Faktoren angesehen. Am bekanntesten waren der Blutdruck und der Body-Mass-Index. Als die stƤrksten Risikofaktoren wurden Rauchen, Cholesterin, Bluthochdruck und Bewegungsmangel eingeschƤtzt.

Die Ergebnisse zeigen einerseits erfreuliche Grundkenntnisse, andererseits aber auch Defizite. So unterschƤtzte ein erheblicher Anteil das mit dem Rauchen verbundene Risiko. Ein grosser Teil der Patientinnen und Patienten erreicht die für ihre Risikokategorie empfohlenen Zielwerte für Blutdruck und Lipide nicht. Ƅrzte sind in Bezug auf Lipide als Risikofaktor und medikamentƶse Therapien teilweise skeptischer als Patienten. Die Mehrheit der Befragten lehnte die Aussage ab, Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien in erster Linie eine Erfindung der Pharmaindustrie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Alkoholkonsum in moderatem Ausmass: riskant oder doch gesund?

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