Schützt Nachholungsschlaf am Wochenende vor Demenzerkrankung?
Schlafmangel wird mit einem hƶheren Demenzrisiko in Verbindung gebracht (1), aber die Rolle des Erholungsschlafs am Wochenende (weekend recovery sleep ā WRS) bei der Minderung dieses Risikos ist noch unklar. Ziel einer prospektiven Kohortenstudie der UK-Biobank (2) ist es, dies zu untersuchen.
Methoden
Diese prospektive Kohortenstudie verfolgte 88ā592 Ādemenzfreie Erwachsene im Alter von 40 bis 79 Jahren aus der UK Biobank und verwendete Handgelenk-Beschleunigungsmesser, um die durchschnittliche Schlafdauer an Wochentagen und Wochenenden zu messen. Das Auftreten von Demenz (Demenz aller Ursachen, ĀAlzheimer-Krankheit [AD], vaskulƤre Demenz [VaD] und unspezifische Demenz) wurde anhand von Krankenakten ermittelt. Die ZusammenhƤnge wurden unter Verwendung von Cox-Proportional-Hazards-Modellen und eingeschrƤnkten kubischen Splines (RCS) geschƤtzt.
Ergebnisse
Von den 88ā592 Teilnehmern (Durchschnittsalter [SD]: 61.9 [7.9] Jahre) entwickelten 735 (0.83ā%) eine Demenz, darunter 308 (0.35ā%) FƤlle von AD, 137 (0.15ā%) FƤlle von VaD und 319 (0.36ā%) FƤlle von unspezifischer Demenz. RCS-Analysen ergaben optimale Schlafdauern an Wochentagen, die mit dem geringsten Demenzrisiko verbunden waren: 8.38 Stunden (HR, 0.73; 95ā% CI 0.64ā0.84) für Demenz aller Ursachen, 8.33 Stunden (HR, 0,72; 95ā% CI 0.58ā0.89) für AD und 9.07 Stunden (HR, 0.59; 95ā% CI 0.40ā0.88) für VaD. In der Gruppe mit suboptimalem Schlaf (Schlafdauer an Wochentagen unter der optimalen Dauer) war eine lƤngere WRS mit Āeinem verringerten Risiko für Demenz aller Ursachen (HR, 0.801; 95ā% KI 0.717ā0.893) und VaD (HR, 0.747; 95ā% KI 0.612ā0.91) verbunden. In der Gruppe mit verlƤngertem Schlaf (Schlafdauer an Wochentagen über der optimalen Dauer) war eine lƤngere WRS jedoch mit einem erhƶhten Risiko für unspezifische Demenz verbunden (HR, 1.291; 95ā% KI 1.087ā1.533)
Schlussfolgerung
Eine angemessene WRS kann das Demenzrisiko, insĀbesondere für VaD, nach unzureichendem Schlaf an ĀWochentagen verringern, was die Bedeutung einer angemessenen WRS für die kognitive Gesundheit unterstreicht.
1. Müller, T. Langzeitstudie: Wenig Schlaf, erhöhtes Alzheimer-Risiko. InFo Neurologie 2021; 23: 58 https://doi.org/10.1007/s15005-021-2071-9
2. Zhao, B., Zhou, S., Chang, J. et al. Association between weekend recovery sleep and risk of incident dementia: a prospective cohort study in the UK Biobank. J Neurol 2025;272: 612. https://doi.org/10.1007/s00415-025-13363-y
Die Alzheimer-Krankheit steht exemplarisch für die grossen Herausforderungen ā und zunehmend auch für die neuen Chancen ā der modernen Altersmedizin.
Ćber Jahrzehnte war unsere therapeutische Rolle im Wesentlichen symptomlindernd, wƤhrend Pathophysiologie und Krankheitsverlauf nur begrenzt beeinflussbar schienen. Mit den neuen Anti-Amyloid-Therapien zeichnet sich nun ein echter Paradigmenwechsel ab, der auch für die hausƤrztliche Versorgung von hoher Relevanz ist.
Der vorliegende Beitrag von Marc Aurel Busche und Kolleginnen und Kollegen ordnet diesen Wandel präzise, differenziert und praxisnah ein. Er zeigt, dass krankheitsmodifizierende Therapien wie Lecanemab und Donanemab weder Wundermittel noch ferne Zukunftsmusik sind, sondern einen klar definierten Platz im frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit einnehmen. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Substanz als das dahinterliegende Prinzip: frühe Erkennung, präzise Diagnostik und strukturierte Zusammenarbeit.
Gerade Hausärztinnen und Hausärzte spielen in diesem neuen Versorgungspfad eine Schlüsselrolle. Sie sind meist die ersten Ansprechpersonen bei subtilen kognitiven Veränderungen und damit die entscheidenden «Gatekeeper», damit das therapeutische Zeitfenster nicht verpasst wird. Das Motto «time is brain» gilt heute nicht mehr nur für den Schlaganfall, sondern zunehmend auch für die Alzheimer-Diagnostik und -Therapie.
Der Artikel vermittelt nicht nur den aktuellen Stand der Evidenz, sondern auch die notwendige klinische Nüchternheit: Nutzen und Risiken müssen sorgfältig abgewogen, Patientinnen und Patienten gezielt ausgewählt und eng begleitet werden. Die Schweiz ist mit ihrem dichten Netzwerk an Memory Clinics und klaren nationalen Empfehlungen dafür hervorragend positioniert.
Als Herausgeber des Geriatrie Forums ist es mir ein besonderes Anliegen, solche BeitrƤge einzuordnen, die Brücken schlagen ā zwischen Grundlagenforschung und klinischem Alltag, zwischen Spezialdisziplinen und Hausarztmedizin, zwischen internationaler Evidenz und nationaler Umsetzung.
Dieser Beitrag leistet genau das und bietet Ihnen eine fundierte, verlässliche Orientierung für Gespräche mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen in einer Phase, in der sich die Demenzmedizin grundlegend weiterentwickelt.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Herausgeber Geriatrie Forum
PD Dr. med. Mathias Schlƶgl, MPH, EMBA HSG
Chefarzt Geriatrie
Stv. Leiter Department Innere Medizin
5017 Barmelweid
Demenzen werden in der Schweiz immer hƤufiger und zƤhlen zu den führenden Todesursachen. Sie gehƶren zu den wichtigsten Erkrankungen hinsichtlich verlorener Lebensjahre, da sie reduzierte Lebenserwartung und krankheitsbedingten Verlust an LebensqualitƤt kombinieren. Die Alzheimer-Krankheit ist mit rund zwei Dritteln aller FƤlle die hƤufigste Ursache einer Demenz. Mit Lecanemab und Donanemab stehen erstmals krankheitsmodifizierende Therapien zur Verfügung, die pathologisches Amyloid-β ā ein Protein, das sich bei Alzheimer krankhaft im Gehirn ablagert ā gezielt entfernen und den Krankheitsverlauf verlangsamen. Dieser Wandel von rein symptomatischer zu ursƤchlich wirksamer Behandlung rückt die Früherkennung und prƤzise Patientenselektion noch stƤrker in den Vordergrund. HausƤrzt/-innen spielen dabei eine entscheidende Rolle, indem sie früheste kognitive Stƶrungen erkennen und Betroffene bei Verdacht auf eine Alzheimer-Krankheit rasch an eine Memory Clinic überweisen. Ein dichtes Netz spezialisierter Memory Clinics sowie einheitliche nationale Empfehlungen sichern in der Schweiz eine koordinierte und leitliniengerechte Einführung dieser neuen Therapien, sobald eine Zulassung auch in der Schweiz erfolgt ist. Die neuen monoklonalen Antikƶrper stellen einen echten Fortschritt in der Alzheimer-Therapie dar. Sie erƶffnen Patient/-innen im Frühstadium erstmals die Mƶglichkeit, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen. Damit gewinnt das Prinzip Ā«time is brainĀ» auch in der Alzheimer-Diagnostik und -Therapie an Bedeutung.
Dementia is becoming increasingly common in Switzerland and is one of the leading causes of death. It is one of the most significant diseases in terms of years of healthy life lost, as it combines reduced life expectancy with a disease-related loss of quality of life. Alzheimerās disease is the most common cause of dementia, accounting for around two-thirds of all cases. Lecanemab and donanemab are the first disease-modifying therapies available that specifically remove pathological amyloid-Ć ā a protein that accumulates abnormally in the brain in Alzheimerās disease ā and slow the progression of the disease. This shift from purely symptomatic to causally effective treatment places even greater emphasis on early detection and precise patient selection. Family doctors play a crucial role in this by recognizing the earliest cognitive disorders and quickly referring those affected to a memory clinic if Alzheimerās disease is suspected. A dense network of specialized memory clinics and uniform national recommendations ensure the coordinated and guideline-compliant introduction of these new therapies in Switzerland as soon as they are approved there. The new monoclonal antibodies represent a real advance in Alzheimerās therapy. For the first time, they offer patients in the early stages the opportunity to influence the course of the disease. This means that the principle of Ā«time is brainĀ» is also gaining importance in Alzheimerās diagnosis and therapy. Keywords: Alzheimer-Krankheit, Anti-Amyloid-Antikƶrper (Lecanemab/Donanemab), ARIA und MRT-Monitoring
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache einer Demenz. Sie nimmt auch in der Schweiz weiter zu und verursacht bereits heute Kosten in Milliardenhöhe. Angesichts der schweren Belastung von Patient/-innen und Angehörigen durch den fortschreitenden Verlust von Selbstständigkeit, Pflegebedürftigkeit und verminderter Lebensqualität besteht ein enormer Bedarf an neuen Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen. Was bei Multipler Sklerose oder Krebserkrankungen längst selbstverständlich ist, wird nun auch in der Therapie der Alzheimer-Krankheit Realität: krankheitsmodifizierende Behandlungen. Erstmals stehen monoklonale Antikörper zur Verfügung, die pathologisches Amyloid-β (Aβ) gezielt entfernen und den Krankheitsverlauf nachweislich verlangsamen. Das markiert einen Paradigmenwechsel und rückt die Früherkennung sowie die präzise Patientenauswahl stärker in den Fokus.
Diagnostik und Therapie der Alzheimer-Krankheit in der Schweiz
Die Schweiz verfügt im internationalen Vergleich über ein hervorragendes Netzwerk an Memory Clinics, welche in Zusammenarbeit mit den HausƤrzt/-innen sowie weiteren Fachspezialist/-innen die Versorgung der Menschen mit Demenz auf hohem Niveau sicherstellen. Im Verein Swiss Memory Clinics (SMC) sind alle grƶsseren Memory Clinics der Schweiz (aktuell: 54) organisiert. Alle Mitglieder folgen den gleichen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie, so dass schweizweit ein hoher einheitlicher Standard gewƤhrleistet werden kann, wobei die regionalen Besonderheiten dennoch sehr gut berücksichtigt werden kƶnnen. Mit der Verfügbarkeit krankheitsmodifizierender Therapien verschiebt sich die Schwelle für eine Ćberweisung. Ein abwartendes Vorgehen mit Kontrolle nach mehreren Monaten kann heute dazu führen, dass das therapeutische Zeitfenster verpasst wird. Bei neuen kognitiven Beschwerden im Frühstadium sollte daher die zeitnahe AbklƤrung in einer Memory Clinic niedrigschwellig erfolgen.
Unter der Leitung von SMC wurden in den vergangenen Jahren diverse Empfehlungen publiziert, welche in übersichtlicher Form im Internet frei zugƤnglich sind (https://www.swissmemoryclinics.ch/qualitaetsentwicklung/qualitaetsstandards/). Es existieren Empfehlungen für die Diagnostik von Demenzerkrankungen in der Schweiz (1,ā2), ergƤnzt durch spezialisierte Empfehlungen für den Einsatz von Biomarkern (3) und PET-Diagnostik (4). 2024 wurden im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) Empfehlungen für die Therapie der Demenz in der Schweiz publiziert (5), zudem unter der Führung der Schweizerischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie (SGAP) spezifische Empfehlungen für die Therapie von Verhaltenssymptomen (BPSD) (6) und zuletzt auch Anwendungsempfehlungen für die neuen Anti-Amyloid-Antikƶrper (7).
Aβ als therapeutisches Ziel bei Alzheimer
Amyloid (Aβ) und Tau sind die zentralen pathologischen Proteine der Alzheimer-Krankheit. Ihre Ablagerungen in Form von extrazellulƤren Aβ-Plaques und intrazellulƤren Tau-Neurofibrillenbündeln schƤdigen Synapsen und Nervenzellen und treiben die Neurodegeneration voran (8). Diese beiden typischen Proteinablagerungen (AβāPlaques und TauāNeurofibrillenbündel) sind in Abb.ā1 dargestellt. Die zentrale Rolle von Aβ wird durch genetische Befunde gestützt. Mutationen in den Genen, die an der Aβ-Produktion beteiligt sind, führen zu familiƤren, früh einsetzenden Formen der Erkrankung, wƤhrend Varianten, die die Bildung von Aβ verringern, das ErkrankungsĀrisiko senken (9,ā10).
Monoklonale Antikƶrper gegen Aβ ā Wirkprinzip und klinische Bedeutung
Lecanemab ist ein humanisierter monoklonaler Antikƶrper, der gezielt lƶsliche protofibrillƤre Aβ-Spezies bindet. Diese lƶslichen Aggregate gelten als besonders neurotoxisch, da sie früh synaptische Dysfunktion auslƶsen und zur Aktivierung von Mikroglia beitragen (11,ā12). Neuere Daten zeigen zudem, dass Lecanemab auch fibrillƤres (plaquegebundenes) Aβ bindet (13). Donanemab bindet bevorzugt N-terminal pyroglutamat-modifiziertes Aβ, eine besonders stabile Spezies, die in reifen Plaques angereichert ist. Durch die Bindung fƶrdert Donanemab die Mikroglia-vermittelte Plaque Clearance, was zu einer Reduktion der Plaquelast führt (14).
Lecanemab und Donanemab sind inzwischen in zahlreichen Ländern zugelassen, teils beide, teils nur eine der Substanzen. Die Entscheidung der Swissmedic für die Schweiz steht aktuell (Stand Dezember 2025) noch aus. Diese neuen Therapien markieren einen wichtigen Fortschritt, ersetzen jedoch nicht die bestehenden symptomatischen Behandlungen (Cholinesterasehemmer und Memantin), die weiterhin konsequent angewendet werden sollten. Sie bilden nach wie vor die Grundlage einer modernen, ganzheitlichen Alzheimer-Therapie.
Lecanemab
In der Phase-3-Studie Clarity-AD wurde Lecanemab bei 1795 Personen mit früher Alzheimer-Krankheit, definiert als leichte kognitive Störung oder milde Demenz bei nachgewiesener Aβ-Positivität, untersucht (15). Die Teilnehmenden erhielten 10 mg/kg Lecanemab intravenös alle zwei Wochen oder Placebo über 18 Monate. Lecanemab reduzierte die Aβ-Plaques im Gehirn deutlich, im PET war bei vielen Patient/-innen eine nahezu vollständige Entfernung nachweisbar.
Der primƤre klinische Endpunkt, die VerƤnderung der Clinical Dementia Rating ā Sum of Boxes (CDR-SB), einer Skala zur Bewertung kognitiver und alltagspraktischer FƤhigkeiten, zeigte eine 0.45-Punkte geringere Zunahme als unter Placebo (p < 0.001), entsprechend einer Verlangsamung der Krankheitsprogression um 27ā%. Dies entspricht grob einer Verzƶgerung um fünf bis sechs Monate über 18 Monate, also einem spƤteren Ćbergang in ein schwereres klinisches Stadium. Die Number Needed to Treat (NNT, bezogen auf Verschlechterung im CDRāGlobal über 18 Monate) lag bei rund 13 (17). Das heisst: Von 100 vergleichbaren Patient/-innen zeigen über 18 Monate etwa 8 weniger eine solche Verschlechterung als unter Placebo. Auch die sekundƤren Endpunkte, die die GedƤchtnisleistung, die Denkgeschwindigkeit und die Alltagsfunktionen abbilden (z.āB. ADAS-Cog14, ADCOMS, ADCS-MCI-ADL), fielen konsistent zugunsten von Lecanemab aus. In einigen Analysen zeigten sich zudem Vorteile in von Patient/-innen und Angehƶrigen berichteten Endpunkten zur LebensqualitƤt und Belastung (EQ 5D, QoL AD und das Zarit Burden Interview) (16). Biomarkeranalysen zeigten eine Abnahme von p-Tau181 (CSF und Plasma) und des glialen Aktivierungsmarkers GFAP, wƤhrend NfL unverƤndert blieb.
Langzeitdaten über 48 Monate aus einer offenen VerlƤngerungsphase (18) deuten auf einen anhaltenden klinischen Vorteil hin. Im Vergleich zur unbehandelten ADNI- Kohorte war das Risiko, in ein fortgeschritteneres Krankheitsstadium überzugehen, um 34ā%, und das Risiko, von einer leichten kognitiven Stƶrung in eine Alzheimer-Demenz überzutreten, um 56ā% reduziert. Etwa die HƤlfte der Behandelten zeigte über vier Jahre keinen messbaren kognitiven Abfall.
Donanemab
In der Phase-3-Studie TRAILBLAZER-ALZ-2 wurde Donanemab bei 1736 Personen mit früher Alzheimer-Krankheit (leichte kognitive Stƶrung oder milde Demenz) über 18 Monate untersucht (19). Die Teilnehmenden erhielten Donanemab intravenƶs einmal monatlich oder Placebo; in den ersten drei Zyklen wurden 700āmg verabreicht, danach 1400āmg bis Studienende. Die Teilnehmenden wurden anhand der Tau-Pathologie im Tau-PET in Gruppen mit niedriger/mittlerer und hoher Tau-Belastung eingeteilt. Donanemab reduzierte die Aβ-Plaques im Gehirn deutlich. Bereits nach 24 Wochen war bei über einem Drittel der Behandelten keine Plaques mehr nachweisbar, nach 18 Monaten bei mehr als 80ā%.
In der Gruppe mit niedriger/mittlerer Tau-Belastung verlangsamte Donanemab die Krankheitsprogression hinsichtlich des primƤren Endpunktes (iADRS, kombiniert Kognition und Alltagsfunktionen) um 35ā% gegenüber Placebo. Dies entspricht einer Verzƶgerung der Krankheitsprogression um rund fünf bis sechs Monate über 18 Monate sowie einer NNT (bezogen auf Verschlechterung im CDRāGlobal über 18 Monate) von etwa 10 (17). Das heisst: Von 100 vergleichbaren Patient/-innen zeigen über 18 Monate etwa 10 weniger eine solche Verschlechterung als unter Placebo. Der Nutzen war am grƶssten bei niedriger oder mittlerer Tau-Belastung; bei fortgeschrittener Tau-Pathologie fiel er geringer aus. Auch die sekundƤren Endpunkte (CDR-SB, ADCS-iADL, ADAS-Cog13) zeigten eine konsistente Verlangsamung kognitiver und funktioneller Einbussen unter Donanemab. Begleitende Biomarkeranalysen belegten eine deutliche Abnahme von Plasma-p-Tau217 sowie eine stabile oder rücklƤufige Tau-PET-SignalintensitƤt, was auf eine reduzierte Tau-Propagation hindeuten kƶnnte.
Hervorzuheben ist der treat-to-target-Ansatz. Donanemab wird dabei so lange gegeben, bis im Amyloid-PET keine oder nur noch eine minimale Plaquelast nachweisbar ist, und kann dann pausiert oder beendet werden. In den bisherigen Verlaufsdaten blieb der klinische Vorteil nach Erreichen dieses Ziels über den beobachteten Zeitraum erhalten. Langzeitdaten über bis zu 36 Monate deuten darauf hin, dass sich der Abstand zu unbehandelten Beobachtungskohorten (z.āB. ADNI) weiter vergrƶsserte (20); der Unterschied im CDR-SB nahm von 0.6 nach 18 Monaten auf 1.2 Punkte nach 36 Monaten zu. Eine frühe Behandlung reduzierte damit das Risiko einer klinischen Progression um 27ā%.
Wirksamkeit in der Praxis
Lecanemab und Donanemab verlangsamen somit den klinischen Verlauf von Alzheimer um etwa ein Viertel bis ein Drittel, was einem Zeitgewinn von rund sechs Monaten über 18 Monate entspricht. Der grƶsste Nutzen wird bei Patient/-innen im Frühstadium einer Alzheimer-Krankheit erzielt, weshalb eine biomarkerbasierte Frühdiagnostik entscheidend ist. Mit einer NNT von etwa 10 bis 13 und einer Verzƶgerung des klinischen Verlaufs um 27ā36ā% liegen die EffektstƤrken dieser Antikƶrper in einer Ƥhnlichen Grƶssenordnung wie jene etablierter Biologika bei anderen chronischen Erkrankungen, etwa bei Multipler Sklerose, Rheumatoider Arthritis oder onkologischen Erkrankungen (25). Angesichts der hohen gesellschaftlichen und pflegerischen Belastung durch Demenz dürfte eine Verzƶgerung der Krankheitsprogression auch ƶkonomisch relevant sein. Gleichzeitig wird nur ein Ākleiner Anteil der Patient/-innen die Kriterien für eine Antikƶrpertherapie erfüllen (22). Zu beachten ist, dass ein Ārelevanter Teil der Patient/-innen, die aktiv eine Antikƶrpertherapie anstreben, bei Erstkontakt bereits zu weit fortgeschritten und damit nicht mehr geeignet ist. (26). Für die grosse Mehrheit bleibt eine strukturierte postdiagnostische Versorgung mit Beratung, Behandlung von Begleiterkrankungen und Angehƶrigenunterstützung zentral. Das Krankheitskontinuum und das derzeitige (internationale) Zulassungsfenster der AntiāAmyloidāAntikƶrper sind in Abb.ā2 schematisch dargestellt.
Indikation, Durchführung und Monitoring
Lecanemab und Donanemab sind in der Schweiz derzeit noch nicht zugelassen (Stand Dezember 2025). Für die klinische Vorbereitung dienen die europƤischen Zulassungen, internationale Appropriate Use Criteria (22, 23) und die Empfehlungen der Swiss Memory Clinics (7) als Orientierung. Beide Therapien sind für Menschen im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit vorgesehen, das heisst bei leichter kognitiver Stƶrung oder milder Demenz im Rahmen einer Alzheimer-Krankheit, wenn eine Aβ-Pathologie nachgewiesen ist und das zerebrale MRT keine relevanten Blutungen, keine superfizielle Siderose und keine ausgeprƤgte Mikroangiopathie zeigt. Der Nachweis einer Aβ-Pathologie kann über Liquorbiomarker (Aβ42/40-Ratio, p-Tau) oder ein Amyloid-PET erfolgen. Bluttests wie p-Tau217 gewinnen an Bedeutung, sind derzeit aber nur als ergƤnzende Nachweismethode geeignet. In der Praxis sind grenzwertige Befunde und Unterschiede zwischen Testplattformen zu berücksichtigen, weshalb Blutmarker derzeit vor allem zur gezielten Triage und zur ErgƤnzung, nicht als alleinige BestƤtigung dienen sollten. Da das Risiko für Nebenwirkungen vom APOE-Genotyp abhƤngt, sollte dieser vor Therapiebeginn bestimmt und besprochen werden. In der EU und in Grossbritannien sind homozygote APOE-ε4-TrƤgerinnen und -TrƤger wegen des hƶheren ARIA-Risikos derzeit nicht zugelassen. Dabei ist zu beachten, dass die ApoE-Genotypisierung lebenslange Risikoinformationen berührt und auch für Angehƶrige relevant sein kann. Patient/-innen unterscheiden sich deutlich in ihrer PrƤferenz, genetische Risikoinformationen zu kennen, weshalb eine strukturierte AufklƤrung und bei Bedarf genetische Beratung wichtig ist. Eine orale Antikoagulation sowie mehr als vier Mikroblutungen oder eine superfizielle Siderose im MRT schliessen die Therapie aus. Eine Monotherapie mit Thrombozyten-aggregationshemmern (z.āB. ASS) ist in der Regel mƶglich; für eine duale PlƤttchenhemmung liegen bislang zu wenige Daten vor.
Lecanemab wird alle zwei Wochen als intravenöse Infusion verabreicht (10 mg/kg Körpergewicht, über etwa eine Stunde).
Donanemab wird einmal monatlich über etwa 30 Minuten intravenƶs infundiert. In der Phase-3-Studie (TRAILBLAZER-ALZ-2) erhielten die Teilnehmenden 700 mg Donanemab für die ersten drei Gaben und anschliessend 1400 mg alle vier Wochen bis Woche 72. In der nachfolgenden TRAILBLAZER-ALZ-6-Studie wurde ein langsames Titrationsschema getestet (350 ā 700 ā 1050 ā 1400 mg), das die HƤufigkeit von ARIA-E deutlich senkte bei unverƤnderter Aβ-Reduktion (24).
In den ersten Zyklen ist bei beiden Therapien eine etwas lƤngere Ćberwachung vorgesehen, da zu Beginn bei 20ā30ā% milde Reaktionen auftreten kƶnnen (z.āB. Kopfschmerz, Schüttelfrost, Blutdruckanstieg). Die Behandlung wird beendet, wenn die Erkrankung in eine Demenz mittleren Schweregrades übergeht.
Für beide AntiāAmyloidāTherapien ist ein strukturiertes MRTāMonitoring zur ARIA-Früherkennung obligat; die empfohlenen Zeitpunkte sind jedoch substanzspezifisch. Vor Therapiebeginn ist ein BaselineāMRT (in der Regel innerhalb der letzten 6 Monate) erforderlich, um vorbestehende Mikroblutungen (insbesondere >4), eine superfizielle Siderose oder relevante Leukoenzephalopathie Āauszuschliessen. Unter Lecanemab sind gemƤss EUāFachinformation KontrollāMRTs vor der 3., 5., 7. und 14. Gabe vorgesehen; bei Symptomen, die an ARIA denken lassen, sollen jederzeit zusƤtzliche MRTs erfolgen. Unter Donanemab erfolgen neben dem Baseline-MRT weitere Kontrollen vor der 2., 3., 4. und 7. Gabe; ein zusƤtzliches MRT nach einem Jahr Therapie (vor der 12. Infusion) ist bei erhƶhtem ARIAāRisiko (z.āÆB. ApoE ε4āHeterozygotie) und/oder nach vorausgegangenen ARIAāEreignissen empfohlen. Die Verlaufskontrollen sollten mƶglichst am gleichen Scanner und mit identischem Sequenzprotokoll (wenn verfügbar 3āTesla) erfolgen, um subtile VerƤnderungen zuverlƤssig zu erkennen. Donanemab kann im Rahmen des treatātoātarget-Ansatzes nach dokumentierter AmyloidāClearance pausiert oder beendet werden; gemƤss EUāZulassung soll die Behandlungsdauer 18 Monate nicht überschreiten.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die neuen krankheitsmodifizierenden Therapien gelten insgesamt als gut verträglich, erfordern jedoch ein strukturiertes Monitoring. Die Aufklärung und Einwilligung sind im Frühstadium nicht trivial, weil Nutzen und Risiken moderat bis relevant sind und die Behandlung für Patient/-innen und Angehörige durch regelmässige Infusionen und MRT-Monitoring belastend sein kann. Zusätzlich kann fehlende Krankheitseinsicht die gemeinsame Entscheidungsfindung erschweren, weshalb eine besonders personenzentrierte Kommunikation und die Einbindung von Angehörigen wichtig sind. Die klinisch wichtigsten Nebenwirkungen sind Infusionsreaktionen und Amyloid-bezogenen Bildgebungsanomalien (amyloid-related imaging abnormalities, ARIA).
Infusionsreaktionen treten vor allem zu Beginn der Behandlung auf, insbesondere in den ersten Infusionszyklen. In den PhaseāIIIāStudien wurden akute Infusionsreaktionen unter Lecanemab bei etwa 1 von 4, unter Donanemab bei etwa 1 von 13 Behandelten beobachtet; schwere Reaktionen waren selten (~1.2ā% unter Lecanemab, 0.3ā% unter Donanemab). Real-World-Daten bestƤtigen diese HƤufigkeit und zeigen, dass Infusionsreaktionen auch ausserhalb von Studien meist mild bis moderat verlaufen (Kopfschmerz, Schüttelfrost, Ćbelkeit oder Blutdruckanstieg) und gut beherrschbar sind (21, 26). Sie bessern meist nach kurzzeitiger Unterbrechung der Infusion oder symptomatischer Behandlung (z.āB. Paracetamol, Antihistaminikum). Eine Standard-PrƤmedikation mit Antihistaminikum und Paracetamol kann das Risiko zusƤtzlich senken. Schwere Reaktionen oder Anaphylaxien sind selten (~ 1ā%).
ARIA entstehen durch vorübergehende Flüssigkeitseinlagerungen oder Mikroblutungen im Gehirn. Diese sind im MRT gut zu erkennen, weshalb im Verlauf der Behandlung regelmƤssige MRT-Kontrollen erforderlich sind. Man unterscheidet ARIA-E (Ā«EĀ» für edema), die auf vasogene Schwellungen hinweist, und ARIA-H (Ā«HĀ» für haemorrhage), die Mikroblutungen oder HƤmosiderinablagerungen im MRT beschreibt. ARIA kƶnnen in EinzelfƤllen Symptome wie z.āB. Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstƶrungen oder Gangunsicherheit verursachen und sind in den meisten FƤllen reversibel; seltene schwere VerlƤufe sind jedoch klinisch relevant und müssen konsequent behandelt werden. Die Ā«80ā80ā80āRegelĀ» ist für die AufklƤrung hilfreich: Rund 80ā% der ARIA treten innerhalb der ersten vier Monate auf, etwa 80ā% verlaufen ohne Symptome, und etwa 80ā% bilden sich innerhalb von vier Monaten vollstƤndig zurück (17). Das Risiko ist erhƶht bei ĀTrƤger/-innen des APOE-ε4-Gens, insbesondere bei homozygoten Personen, weshalb diese Gruppe in Europa und Grossbritannien derzeit nicht behandelt wird. In einer US-Kohorte lag die ARIA-HƤufigkeit bei 44ā% der homozygoten, 24ā% der heterozygoten und 15ā% der nicht-TrƤger (21). Daher sollte der APOE-Genotyp vor Therapiebeginn bestimmt und mit den Patient/-innen besprochen werden.
In ersten Real-World-Analysen zeigte sich ein vergleichbares Sicherheitsprofil. In einer israelischen Kohorte (n = 86) trat ARIA bei rund 19ā% der Behandelten auf, überwiegend mild und asymptomatisch; nur eine Patientin benƶtigte eine kurzfristige Steroidtherapie (27). In einer Kohorte der Washington University (n = 234) lag die HƤufigkeit bei etwa 22ā%; die meisten FƤlle waren leicht ausgeprƤgt, 5ā6ā% symptomatisch, 1ā% schwer, ohne TodesfƤlle oder Makroblutungen (21). Schwere ARIA-VerlƤufe oder Hirnblutungen >1 cm erfordern den dauerhaften Therapieabbruch. Bei milden oder moderaten VerƤnderungen kann die Behandlung hingegen nach deren Abklingen in der Regel fortgesetzt werden.
Für die Praxis entscheidend ist die Unterscheidung zwischen ARIA und einem Schlaganfall. Wenn ein Patient unter Antikörpertherapie plötzlich fokal-neurologische Symptome zeigt, wie etwa eine Sprachstörung, Lähmung oder Sehstörung, sollte umgehend ein zerebrales MRT veranlasst werden, nicht nur ein CT, da frühe ARIA-Veränderungen sonst übersehen werden können. Eine intravenöse Thrombolyse ist während einer Antikörpertherapie mit hohen Risiken verbunden, da das Blutungsrisiko deutlich erhöht ist; eine mechanische Thrombektomie ist die Methode der Wahl, sofern eine Gefässokklusion gesichert ist.
Eine Antikoagulation sollte vermieden werden, da sie das Risiko schwerer Hirnblutungen erhƶht. Eine einfache Thrombozytenhemmung (z.āB. ASS) ist in der Regel mƶglich, eine duale sollte jedoch nach Mƶglichkeit unterbleiben. Hypertonie ist ein relevanter modifizierbarer ARIAāRisikofaktor (mittlerer arterieller Druck >107 mmHg), daher trƤgt eine konsequente Blutdruckkontrolle wesentlich zur Reduktion des ARIA-Risikos bei (17, 23). Patient/-innen sollten stets eine patient alert card mitführen, die in Notfallsituationen auf die laufende Therapie hinweist.
Zuletzt wird in der Bildgebung gelegentlich eine scheinbare Hirnvolumenabnahme beobachtet (amyloid-related pseudoatrophy). Diese gilt als Folge des Amyloid-Abtransports und der Rückbildung lokaler Entzündungsreaktionen und wird derzeit nicht notwendigerweise als Ausdruck zusätzlicher Schädigung interpretiert (28).
Fazit für die Praxis
Für die Ƥrztliche Praxis ist entscheidend, mƶgliche Warnzeichen einer ARIA früh zu erkennen und bei Verdacht sofort Kontakt mit der behandelnden Memory Clinic oder dem neurologischen Notfalldienst aufzunehmen. Neu auftretende Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Gangunsicherheit, Sehstƶrungen, Sprachstƶrungen oder KrampfanfƤlle erfordern umgehend ein MRT, da ein CT frühe VerƤnderungen hƤufig nicht erfasst. Patient/-innen und Angehƶrige müssen darüber aufgeklƤrt sein, bei solchen Symptomen unverzüglich die Memory Clinic oder die Notfallambulanz zu kontaktieren. In den bislang publizierten RealāWorldāErfahrungen zeigten sich keine neuen Sicherheitssignale; die ARIAāRaten lagen nicht über den in den Zulassungsstudien beobachteten.
Antikoagulation sollte vermieden werden, und eine konsequente Blutdruckkontrolle senkt das Risiko für ARIA deutlich. Bei akuten Schlaganfallsymptomen sollte keine i.v.-Thrombolyse erfolgen, wƤhrend eine mechanische Thrombektomie bei gesicherter GefƤssokklusion in Betracht gezogen werden kann. Patient/-innen sollten stets eine patient alert card mitführen, und die laufende Therapie sollte in der Praxisdokumentation vermerkt sein, damit im Notfall rasch reagiert werden kann. ARIA treten unter AntiāAmyloidāTherapien in der Grƶssenordnung von ~20ā% auf; in Zulassungsstudien lagen die Raten je nach Antikƶrper und Dosierung hƶher, wƤhrend frühe RealāWorldāKohorten bislang um ~20ā% berichten. Meist sind ARIA asymptomatisch/mild und reversibel, selten schwer. Infusionsreaktionen sind in der Regel ebenfalls mild und lassen sich durch eine PrƤmedikation mit Antihistaminikum und Paracetamol gut vermeiden. Real-World-Daten sprechen dafür, dass die Therapien bei Ākonsequentem Monitoring insgesamt sicher und gut handhabbar sind.
Zusammenfassung
Neue krankheitsmodifizierende Therapien markieren einen Wendepunkt in der Alzheimer-Behandlung. Der Weg dahin war lang und von RückschlƤgen geprƤgt. Abb.ā3 ordnet die heutigen Anti-Amyloid-Therapien in die wichtigsten Meilensteine ein, von der Erstbeschreibung der AlzheimerāKrankheit über die Identifikation von Aβ bis zum prƤklinischen Proofāofāconcept einer anti-AβāĀImmunisierung (29) und den zuletzt erfolgreichen PhaseāIIIāStudien mit ersten internationalen Zulassungen. Zwischen dem ersten PlaqueāClearing im Tiermodell und der klinischen Anwendung beim Menschen lagen demnach über zwei Jahrzehnte. Erste Erfahrungen aus LƤndern mit bereits zugelassenen Antikƶrpern zeigen, dass die Anwendung in spezialisierten Memory Clinics sicher und effektiv mƶglich ist, bei gleichzeitig Ƥhnlichen oder sogar geringeren Nebenwirkungsraten als in den Zulassungsstudien (21). Entscheidend bleiben die sorgfƤltige Patientenselektion, die enge interdisziplinƤre Zusammenarbeit und ein strukturiertes Monitoring. Direkte HeadātoāHeadāVergleichsstudien fehlen; die derzeitigen Sicherheitsā und Wirksamkeitsvergleiche zwischen Lecanemab und Donanemab beruhen auf indirekten Vergleichen und sind daher mit methodischer Unsicherheit behaftet. Für die Umsetzung sind neben den Medikamentenkosten vor allem Infrastruktur und Personal relevant, etwa für regelmƤssige Infusionen, hƤufige MRT-Kontrollen, BiomarkerbestƤtigung, ApoE-Testung und Beratung. Diese Investitionen müssen so geplant werden, dass andere zentrale Bereiche der Demenzversorgung nicht verdrƤngt werden. Je früher eine geeignete Therapie bei passenden Patient/-innen beginnt, desto grƶsser ist der potenzielle Nutzen ā Ā«time is brainĀ» gewinnt damit auch bei der AlzheimerāVersorgung zusƤtzlich an Relevanz. Diese Therapien erƶffnen reale Chancen für Betroffene im Frühstadium, vergleichbar mit dem Beginn der modernen MS-Therapie vor 25 Jahren, die heute mehr als 20 hochwirksame Optionen umfasst. Jetzt gilt es, Erfahrungen zu sammeln, Strukturen zu schaffen und offene Fragen zu klƤren, insbesondere zu Langzeitnutzen, optimaler Patientenselektion und Sicherheit im Versorgungsalltag.
Copyright
Aerzteverlag medinfo AG
Prof. Dr. Dr. med. Marc Aurel Busche
– Departement für Demenzielle Erkrankungen, UniversitƤre Altersmedizin Felix Platter, UniversitƤt Basel
– Departement Biomedizin, UniversitƤt Basel
– Departement Klinische Forschung, UniversitƤt Basel
– UK Dementia Research Institute at University College London
Departement für Demenzielle Erkrankungen
UniversitƤre Altersmedizin Felix Platter
UniversitƤt Basel
Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Die monoklonalen Antikörper Lecanemab und Donanemab entfernen pathologisches Amyloid-β aus dem Gehirn und verlangsamen den Krankheitsverlauf von Alzheimer im Frühstadium nachweislich; sie bewirken jedoch keine Heilung oder einen Stopp der Erkrankung.
Geeignet sind Patient/-innen mit leichter kognitiver Stƶrung oder milder Demenz, nachgewiesener Amyloid-Pathologie und ohne relevante vaskulƤre oder hƤmorrhagische LƤsionen im Gehirn.
Therapien entfalten den grössten Nutzen in frühen Krankheitsstadien. Offene Verlängerungsdaten und Beobachtungsdaten deuten darauf hin, dass ein klinischer Vorteil mit längerer Behandlungsdauer erhalten bleiben kann. Daher sind das frühzeitige Erkennen von Gedächtnis- und anderen kognitiven Störungen und die enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzt/-innen und Memory Clinics entscheidend, um Betroffene rasch einer spezialisierten biomarkergestützten Abklärung zuzuführen.
Bei klarer Indikation und regelmƤssigem MRT-Monitoring sind die Therapien sicher anwendbar; erste Real-World-Daten legen eine gute Sicherheit und Handhabbarkeit im klinischen Alltag nahe.
Memory Clinics entwickeln sich von rein diagnostischen und supportiven Angeboten zu einem aktiven therapeutischen Setting. Das ist ein Paradigmenwechsel in der klinischen Versorgung von Alzheimer, der auch Impulse für Diagnostik und Therapie bei anderen Demenzursachen geben dürfte.
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Die korrekte Einordnung von Kopfschmerzen im klinischen Alltag gestaltet sich aufgrund der Vielzahl an DifferenzialdiaĀgnosen oft als herausfordernd. Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen den hƤufigeren primƤren Kopfschmerzen, bei denen der Kopfschmerz die eigentliche Erkrankung darstellt, und den sekundƤren Kopfschmerzen, die teilweise lebensbedrohliche Ursachen haben kƶnnen. Die diagnostischen Entscheidungswege beginnen daher mit der Identifizierung von sekundƤren Kopfschmerzen.
In clinical practice, correctly diagnosing headaches can be challenging due to the many differential diagnoses. It is particularly important to differentiate between the more common primary headache types, where the headache itself is the main condition, and secondary headaches, which may have potentially lifethreatening causes. The diagnostic approach initially focuses on identifying secondary headaches. Keywords: Secondary headaches, primary headaches, red flags, green flags
Ćberblick
Viele Erkrankungen kƶnnen sich durch Kopfschmerzen Ƥussern. Kopfschmerzen zƤhlen zu den hƤufigsten Beschwerden, die zur Vorstellung beim Arzt führen. Epidemiologisch gesehen, liegt in der EuropƤischen Union die Ein-Jahres-PrƤvalenz von Kopfschmerzen bei 79ā% (1). Neben der erheblichen psychischen Belastung und der BeeintrƤchtigung der LebensqualitƤt kƶnnen Kopfschmerzen auch die Arbeitsleistung deutlich mindern (2). Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) unterscheidet in der aktuellen Kopfschmerzklassifikation 276 verschiedene Kopfschmerzerkrankungen (3). MigrƤne ist eine der hƤufigsten Erkrankungen. Etwa 1.1 Milliarden Menschen weltweit sind von MigrƤne betroffen (4). Unter den neurologischen Erkrankungen lƶst sie die hƶchste Erkrankungslast aus (5). Viele Patienten mit MigrƤne stellen sich notfallmƤssig vor, v.āa. bei erstmaligem Auftreten einer Aura.
PrimƤr versus sekundƤr
Bei der Vorstellung von Kopfschmerzpatienten steht oft die Frage nach der Ursache der Beschwerden im Mittelpunkt. Viele Betroffene erhoffen sich durch die Behandlung nicht nur eine Linderung der Symptome, sondern auch die vollstƤndige Beseitigung der Ursache und damit eine Heilung ihrer Erkrankung. TatsƤchlich stellt die Unterscheidung zwischen primƤren und sekundƤren Kopfschmerzen eine grosse Herausforderung dar, da Kopfschmerzerkrankungen heterogen sind. Das Ziel ist zunƤchst, einen potenziell bedrohlichen sekundƤren oder symptomatischen Kopfschmerz mit einer hohen SensitivitƤt zu identifizieren (6). WƤhrend primƤre Kopfschmerzen wie MigrƤne eine eigenstƤndige Erkrankung darstellen, ist bei sekundƤren oder symptomatischen Kopfschmerzen eine andere Erkrankung zugrunde liegend. Die WHO schƤtzte im Jahr 2021, dass bis zu 18ā% der Patienten, die sich mit Kopfschmerzen vorstellen, an einem sekundƤren Kopfschmerz leiden (6). In einer norwegischen populationsbasierten Studie betrug die Ein-Jahres-PrƤvalenz von sekundƤren Kopfschmerzen in der Altersgruppe zwischen 30 und 44 Jahren hingegen nur 2.14ā%. Der überwiegende Anteil dieser Patienten hatte einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz, welcher keinen Notfall darstellt und rein durch die Anamnese diagnostiziert werden kann (7). Dementsprechend ist davon auszugehen, dass nur wenige Menschen, die sich in dieser Altersspanne mit Kopfschmerzen vorstellen, tatsƤchlich an einem potenziell gefƤhrlichen sekundƤren Kopfschmerz leiden. Da die Ursache von sekundƤren Kopfschmerzen eine hohe MorbiditƤt oder gar MortalitƤt haben kann, müssen sie zuverlƤssig und ggf. schnell erkannt werden. Besteht aufgrund der Anamnese und klinischen Untersuchung bereits der Verdacht auf einen sekundƤren Kopfschmerz, erhƶht sich auch die Wahrscheinlichkeit, eine relevante Pathologie zu finden (sog. Vortest-Wahrscheinlichkeit) (8). Die Identifizierung der zugrunde liegenden Pathologie ist zudem entscheidend, da auch die erfolgreiche Behandlung der Kopfschmerzen oft erst durch die gezielte Therapie der verursachenden Erkrankung mƶglich wird.
«Red Flags»
In der Konsultation mit Kopfschmerzpatienten ist es empfehlenswert, von Beginn an auf Warnzeichen, die auf sekundƤre Kopfschmerzen hinweisen, sogenannte Red Flags, zu achten. Das Akronym SNNOOP10 aus dem ĀEnglischen umfasst 15 wichtige Punkte, die als Gedankenstütze bei der Identifikation von Ā«Red FlagsĀ» für sekundƤre Kopfschmerzen hilfreich sind (9). In der strukturierten Anamnese gibt die Kopfschmerzdynamik bereits wichtige Hinweise, wie akut der Kopfschmerz auftritt, und hilft, einen vorbestehenden von den aktuellen, neuartigen Kopfschmerzen zu unterscheiden. BegleitphƤnomene, Medikation und Vorerkrankungen kƶnnen zudem wichtige Informationen für die Genese der Kopfschmerzen liefern. Im nƤchsten Schritt kann der KopfschmerzphƤnotyp dann genauer analysiert werden.
Kurzkasuistik
Eine 45-jährige Patientin mit einer bekannten Migräne ohne Aura stellt sich notfallmässig mit stärksten Kopfschmerzen vor, welche plötzlich begonnen hätten. Sie kommt gerade aus dem Skiurlaub zurück. Während des Urlaubes sei es ihr sehr gut gegangen. Ein Trauma wird verneint. Der Kopfschmerz habe sich nicht, wie sonst üblich, nach Einnahme eines Triptans gebessert. Da sich die Kopfschmerzen wie die bekannte Migräne präsentieren, wird die Patientin nach unauffälligem CT-Schädel und regredienten Schmerzen unter Analgesie wieder nach Hause entlassen. Wenige Tage später stellt sie sich erneut mit einem Donnerschlagkopfschmerz vor. Nun zeigen sich bildgebend nicht nur eine Subarachnoidalblutung in der Konvexität, sondern auch Gefässspasmen. Klinisch finden sich eine leichte linksseitige Armschwäche, Wortfindungsstörungen und eine Abduzensparese. Es wird die Diagnose eines reversiblen zerebralen Vasokonstriktionssyndroms (RCVS), eines sekundären Kopfschmerzes, gestellt. Während der intensivmedizinischen Behandlung kommt es rezidivierend zu Kopfschmerzexazerbationen. Die fokal neurologischen Defizite sind im Verlauf vollständig regredient.
Diese Kasuistik zeigt, dass es schwierig sein kann, anhand des PhƤnotyps einen primƤren und vorbestehenden Kopfschmerz von einem sekundƤren, potenziell bedrohlichen Kopfschmerz zu unterscheiden (10). Bei dieser Patientin Ƥusserte sich der sekundƤre Kopfschmerz im Rahmen eines reversiblen zerebralen Vasokonstriktionssyndroms (RCVS) Ƥhnlich wie eine schwere MigrƤneattacke. Auffallend waren der schnelle Beginn ā bei der MigrƤne gibt es in der Regel eine Vorphase ā, die hohe IntensitƤt (Donnerschlagkopfschmerz) und das fehlende Ansprechen auf die gewohnte Akutmedikation. Die Kopfschmerzdynamik, IntensitƤt und Medikation lieferten hier genauere Informationen als die Analyse des PhƤnotyps. Es ist nicht ungewƶhnlich, dass sekundƤre Kopfschmerzen Merkmale eines MigrƤne- oder Spannungskopfschmerzes aufweisen. Dieser Fall zeigt auch, dass die meist auf dem Notfall durchgeführte Bildgebung eines CT die Pathologie nicht immer aufzeigt.
Ausschlaggebend für die Differenzierung von primären und sekundären Kopfschmerzen ist das Gesamtbild, das sich aus gezielter Anamnese und klinischer Untersuchung ergibt.
Anamnese
Im Folgenden sind die wichtigsten Punkte für eine strukturierte Anamnese von Kopfschmerzpatienten aufgelistet (Abb.ā1) (11,12). Die Punkte sind aktiv zu erfragen (Holprinzip). Jeder Punkt, der nicht vorbestehend ist, sollte zunƤchst als Ā«Red FlagĀ» gewertet werden.
Kopfschmerzspezifische Anamnese
⢠Dynamik
ā Seit wann besteht der aktuelle Kopfschmerz?
ā Wie hat er beim ersten Mal begonnen?
ā Wie hƤufig trat der Kopfschmerz zu Beginn auf?
ā Wie hat sich die Kopfschmerzfrequenz im Verlauf
verƤndert?
ā Wie hƤufig tritt der Kopfschmerz aktuell auf?
⢠Phänotyp
ā Lokalisation, IntensitƤt, QualitƤt und Dauer der einzelnen Attacken
ā Begleitbeschwerden wie Photophobie, Phonophobie, Osmophobie, Ćbelkeit und Erbrechen
ā Zunahme bei kƶrperlicher Anstrengung, RuheĀbedürfnis, psychomotorische Unruhe
ā Kranioautonome Symptome, z.āB. AugentrƤnen,
Nasenlaufen, verstopfte Nase, gerƶtetes Auge, Lidƶdem, verstopftes Ohr, Schwitzen auf der Stirn, einseitige Ptose
ā Aura (visuell, sensibel, motorisch), Dauer und Zeitpunkt des Auftretens
ā Nicht-Kopfschmerz-Symptome, z.āB. Konzentrationsstƶrungen, Reizbarkeit, Müdigkeit oder Hungergefühl
ā Vorboten, z.āB. Müdigkeit, hƤufiges GƤhnen, Gereiztheit, Euphorie
ā Triggerfaktoren, z.āB. LageabhƤngigkeit, Husten, Niesen, Pressen, Trauma
Allgemeine Anamnese
⢠Aktuelle Medikation
ā Akut- und Basistherapie (Dosis, Dauer, Effekt, Nebenwirkungen)
ā Weitere Medikation
⢠Frühere Kopfschmerzmedikation (getrennt nach Akut- und Basistherapie)
ā Dosis, Dauer, Effekt, Nebenwirkungen
⢠Vorerkrankungen, z.āB. Tumor, Immundefizite
⢠Systemanamnese inkl. Schlaf, Stimmung, B-Symptomatik etc.
⢠Familienanamnese
⢠Sozialanamnese inkl. Auswirkungen der Kopfschmerzen
⢠Bisher erfolgte Untersuchungen
Untersuchung
Bei jeder Erstvorstellung sowie bei neuen anamnestischen Aspekten sollte eine umfassende kƶrperliche Untersuchung mit besonderem Fokus auf neurologische Defizite, Meningismus, Schmerzlokalisation und systemische Zeichen, die auf einen sekundƤren Kopfschmerz hinweisen kƶnnen, erfolgen.
Die kƶrperliche Untersuchung sollte folgende Aspekte umfassen:
⢠Erhebung der Vitalparameter
⢠VollstƤndige neurologische Untersuchung mit Beurteilung der Hirnnerven, fokal neurologischer Defizite, ĀMeningismus
⢠Untersuchung der Austrittspunkte des Nervus trigeminus
⢠Prüfung auf bulbären Druck- oder Bewegungsschmerz
⢠Inspektion der Schleimhäute und des Zahnstatus
⢠Beurteilung der Beweglichkeit der Halswirbelsäule
⢠Erfassung einer möglichen Druckschmerzhaftigkeit der perikranialen Muskulatur
⢠Untersuchung auf Schmerzen bei Kieferöffnung oder -okklusion
⢠Palpation der Arteria temporalis superficialis
⢠Systemische Auffälligkeiten wie Hautveränderungen
Diagnostisches Work-up
Auf Basis der erhobenen Anamnese und klinischen Untersuchung kann eine erste Arbeitshypothese zur Kopfschmerzursache erstellt werden. Wenn Ā«Red FlagsĀ» vorliegen, sollte abhƤngig von der Verdachtsdiagnose ein gezieltes diagnostisches Work-up durchgeführt werden. Dabei unterscheidet sich die AbklƤrung eines akuten, neu aufgetretenen Kopfschmerzes wesentlich von einem seit Monaten bestehenden chronischen Kopfschmerz. WƤhrend bei Ersterem eine sofortige Bildgebung und ggf. Lumbalpunktion erforderlich sein kƶnnte, ist zur weiteren AbklƤrung systemischer Ursachen beispielsweise eine Blutuntersuchung zunƤchst ausreichend. So kann Kopfschmerz z.āB. auch als Symptom von Elektrolytstƶrungen, beispielsweise im Rahmen einer Dialyse, auftreten. Darüber hinaus kƶnnen Kopfschmerzen bei rheumatologischen Erkrankungen, endokrinologischen Stƶrungen oder autoimmunen Enzephalitiden auftreten (13). Je nach klinischer Symptomatik sind daher spezifische Laboruntersuchungen indiziert, um mƶgliche systemische Ursachen zu identifizieren. Die Diagnostik und Therapie komplexer Kopfschmerzerkrankungen erfolgen hƤufig in interdisziplinƤrer Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachrichtungen, u.a. der Radiologie, Kardiologie, Ophthalmologie, HNO, Schlafmedizin, Psychosomatik, Infektiologie, Endokrinologie und Zahnmedizin.
«Smarter Medicine»
Im klinischen Alltag ist es teilweise schwierig zu entscheiden, bei welchen Patienten eine ausführliche Diagnostik erfolgen sollte und bei welchen beispielsweise auf eine wiederholte Bildgebung verzichtet werden sollte. Im Rahmen des Expertenkonsens «Smarter Medicine» wurden Situationen definiert, in denen auf weiterführende Diagnostik verzichtet werden kann (14).
Diese 5 Empfehlungen sind im Folgenden aufgelistet:
⢠Keine Wiederholung der zerebralen Bildgebung bei unverändertem Kopfschmerzphänotyp
⢠Keine Computertomographie des Schädels zur Diagnostik nicht akuter Kopfschmerzen
⢠Keine Zahnextraktion zur Behandlung eines anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzes
⢠Keine Migränechirurgie
⢠Keine Entfernung von Amalgamfüllungen zur Kopfschmerzbehandlung
«Green Flags»
Um mit hoher Sicherheit einen primƤren Kopfschmerz diagnostizieren zu kƶnnen, ist das Konzept Ā«Green FlagsĀ» entwickelt worden. Ā«Green FlagsĀ» sind Symptome und Befunde, die nach Ausschluss von Ā«Red FlagsĀ» mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen primƤren Kopfschmerz hindeuten (15). Dieses Konzept beruht auf einem Expertenkonsens. Eine Validierung der Ā«Red FlagsĀ» nach der SNNOOP10-Liste und der Ā«Green FlagsĀ» steht noch aus (6). ZusƤtzlich wird in der Forschung weiter nach Biomarkern für primƤre Kopfschmerzerkrankungen, wie z.āB. der MigrƤne, die im klinischen Alltag eingesetzt werden kƶnnen, gesucht.
Entscheidungswege bei Kopfschmerzpatienten
Das Vorgehen im klinischen Alltag zeigt Abb.ā1. Stellen sich Patienten mit Kopfschmerzen vor, wird in Anamnese und klinischer Untersuchung auf Ā«Red FlagsĀ» und Ā«Green FlagsĀ» geachtet. Bei fehlenden Ā«Red FlagsĀ» sollte geprüft werden, ob der berichtete Kopfschmerz mit den ICHD3-Diagnosekriterien für primƤre Kopfschmerzen übereinstimmt. Ist dies nicht der Fall, sind die Ā«Green FlagsĀ» Hinweise auf das wahrscheinliche Vorliegen eines primƤren Kopfschmerzes. Beim Vorliegen von Ā«Red FlagsĀ» wird weitere Diagnostik veranlasst. Zeigen sich hier unauffƤllige Befunde, ist ebenfalls mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von dem Vorliegen eines primƤren Kopfschmerzes auszugehen.
Therapie sekundƤrer Kopfschmerzen
Bei sekundären Kopfschmerzen sollte primär die zugrunde liegende Ursache therapiert werden. Die Schmerzbehandlung erfolgt dabei durchaus nach WHO-Stufenschema, wobei Opiate in der Kopfschmerztherapie aufgrund des Gewöhnungseffektes und des Risikos der Entwicklung eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes zurückhaltend eingesetzt werden sollten. Aus praktischer Sicht empfiehlt sich vielmehr die Wahl der Akut- und Basistherapie anhand des Kopfschmerzphänotyps. Für die primären Kopfschmerzerkrankungen gibt es Therapieempfehlungen der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (www.headache.ch).
Differenzialdiagnosen sekundƤrer ĀKopfschmerzen
Mƶgliche Ursachen sekundƤrer Kopfschmerzen sind in der Tab.ā1 aufgeführt.
Chronische sekundƤre Kopfschmerzen
Zu den chronischen sekundƤren Kopfschmerzformen, die im klinischen Alltag zwar selten sind, aber leicht mit ĀprimƤren Kopfschmerzen verwechselt werden kƶnnen und eine spezifische Diagnostik benƶtigen, zƤhlen die idiopathische intrakranielle Hypertension (IIH) und die spontane intrakranielle Hypotension (SIH). An beide sollte bei Patienten mit unklaren chronischen Kopfschmerzen gedacht werden, da eine effektive Therapie zwingend die Ursache behandelt.
Die idiopathische intrakranielle Hypertension weist eine erhƶhte KomorbiditƤt mit MigrƤne auf, stellt aber gleichzeitig auch eine Differenzialdiagnose zur chronischen MiĀgrƤne dar. Zu den Ā«Red FlagsĀ», die für IIH sprechen, gehƶren u.āa. lageabhƤngige Kopfschmerzen, die im Liegen zunehmen. Das Auftreten von Sehstƶrungen, welche sich in Form von kurz anhaltendem, wolkenartigem Verschwommensehen (visuellen Obskurationen), Photopsien oder Diplopie Ƥussern und für ein Papillenƶdem sprechen, werden von etwa zwei Dritteln der Patienten berichtet. Seltener treten auch Gesichtsfelddefekte oder Abduzensparesen auf. Etwa die HƤlfte der Patienten leidet an einem pulsatilen Tinnitus, der sich typischerweise im Liegen verstƤrkt. Auch Schwindel ist ein hƤufiges Symptom. IIH betrifft überwiegend Frauen im gebƤrfƤhigen Alter und ist mit Adipositas assoziiert. Eine Gewichtsreduktion kann zu einer Besserung der Symptomatik führen. Bei Verdacht auf IIH sollte eine Bildgebung vor Lumbalpunktion mit Liquordruckmessung durchgeführt werden. Die MRT spielt eine entscheidende Rolle bei der Diagnosestellung der IIH. Typische bildgebende Indikatoren für IIH sind eine Empty Sella, gewundene Sehnerven, eine Erweiterung der Sehnervenscheide, eine Abflachung des hinteren Augapfels, eine Vorwƶlbung des Sehnervenkopfes sowie eine Stenose des transversalen Sinus. Zur medikamentƶsen Behandlung gibt es nur Off-label-Optionen. Es werden Acetazolamid und Topiramat eingesetzt, insbesondere bei milden Verlaufsformen. Auch für die Therapie mit GLP-1-Agonisten zeigten sich in Bezug auf Kopfschmerzen und Gewichtsabnahme gute Ergebnisse (16). Bei schweren Verlaufsformen, die auf die medikamentƶse Therapie nicht ausreichend ansprechen, oder bei Patienten mit Papillenƶdem wird neben der Optikusscheidenfenestrierung und der Anlage eines ventrikuloperitonealen Shunts auch eine Stentimplantation evaluiert, wenn eine Stenose des Sinus transversus vorliegt (17, 18). Wenn die Kopfschmerzen persistieren, nachdem sich der Liquordruck normalisiert hat, kommen CGRP-Antikƶrper ins Spiel (19).
Das Leitsymptom der spontanen intrakraniellen Hypotension (SIH) ist ein orthostatischer Kopfschmerz, der im Stehen stƤrker ausgeprƤgt ist und im Tagesverlauf zunimmt. Charakteristisch ist ein plƶtzlicher Beginn, wobei viele Betroffene den genauen Tag des Auftretens der Beschwerden benennen kƶnnen. Die Diagnose wird meist anhand der Anamnese und der bildgebenden Befunde gestellt. Dabei kƶnnen unspezifische Beschwerden auftreten. Typisch für SIH sind neben lageabhƤngigen Kopfschmerzen Nackenschmerzen, Tinnitus, Ćbelkeit und Sehstƶrungen. Der neurologische Status ist in der Regel unauffƤllig. Gelegentlich treten jedoch Doppelbilder infolge von Hirnnervenparesen auf.
Da der Liquordruck bei etwa zwei Drittel der Patienten mit SIH normal ist und eine Lumbalpunktion das Krankheitsbild durch ein zusätzliches postpunktionelles Syndrom verschlechtern kann, ist die Lumbalpunktion primär nicht indiziert. Zur Sicherung der Diagnose kommt die zerebrale und spinale Magnetresonanztomographie zum Einsatz. Mithilfe eines Scores kann die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines Liquorlecks errechnet werden. Folgende typische MRT-Befunde werden hierbei berücksichtigt: subdurale Flüssigkeitsansammlung, pachymeningeales Enhancement, Vergrösserung der Sinus durae matris, Distanz der suprasellären Zisterne, pontomamilläre Distanz und präpontine Zisterne (20). Die häufigste Ursache für SIH sind ventrale Duralecks, die vorwiegend im thorakalen Bereich auftreten und durch Mikrosporne oder Verkalkungen verursacht werden. Weniger häufig sind meningeale Divertikel, Ektasien, Schwachstellen der Dura an den spinalen Nervenwurzeln oder direkte Fisteln zwischen dem Liquorraum und den epiduralen Venen als Auslöser anzutreffen (21). Symptomatische Therapien mit Koffein, Theophyllin, Gabapentin und Hydrokortison können versucht werden. Bei fehlendem Effekt sollte rasch eskaliert werden. Neben dem epiduralen Blutpatch, der ggf. auch wiederholt werden muss, muss das Liquorleck oftmals mikrochirurgisch verschlossen oder endovaskulär, transvenös embolisiert werden. Zu beachten ist, dass der SIH-Kopfschmerz sich oft über Jahre bessern kann und seine Lageabhängigkeit verliert. Da das Leck aber oft doch nicht verschlossen ist, kann es zu schwerwiegenden Komplikationen wie zerebraler Siderose und bibrachialer Atrophie kommen.
Wann überweise ich Patienten zu ĀKopfschmerzspezialisten?
Eine Ćberweisung zu Neurologen oder Kopfschmerzspezialisten ist zu jedem Zeitpunkt richtig. Insbesondere in folgenden Situationen ist eine Mitbeurteilung indiziert:
⢠Neuartige Kopfschmerzen und «Red Flags». Ausnahme ist der Verdacht auf einen dringend zu behandelnden sekundären Kopfschmerz, bei dem eine unmittelbare Zuweisung auf einen Notfall notwendig ist.
⢠Unklare Kopfschmerzen
⢠Beginnende Chronifizierung mit Zunahme der Kopfschmerzfrequenz oder -intensität
⢠Chronische Kopfschmerzen
⢠Fehlendes Ansprechen auf Basistherapien wie BetaĀblocker oder Amitriptylin
⢠Komorbiditäten
Fazit
Bei der Vorstellung von Patienten mit Kopfschmerzen gelingt die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen durch eine strukturierte und kopfschmerzspezifische Anamnese und neurologische Untersuchung. Hilfreiche Instrumente in der Differenzialdiagnostik sind «Red Flags» und «Green Flags». Je nach Verdachtsdiagnose kann dann entschieden werden, welche Diagnostik und Therapie für den individuellen Kopfschmerzpatienten gewählt werden sollten.
– Zentrum für MigrƤne und Kopfschmerzen
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Die Autorenschaft hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
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Der Fuss des Menschen stellt ein hochkomplexes, biomechanisches System dar, das im Alltag ā etwa beim Gehen oder Stehen ā erheblichen Belastungen ausgesetzt ist und hƤufig ursƤchlich für Beschwerden im Fuss- und Sprunggelenksbereich ist. OrthopƤdische Schuheinlagen gelten als bedeutendes konservatives Therapieverfahren zur Korrektur von Fehlstellungen, Schmerzlinderung sowie zur gleichmƤssigeren Verteilung von BelastungskrƤften. Sie wirken primƤr über drei Mechanismen: Unterstützung des Fussgewƶlbes, DƤmpfung von Stossbelastungen und Korrektur der Fussmechanik. Indikationen hierfür finden sich u.a. bei Erkrankungen wie Metatarsalgie, Plantarfasziitis, Knick-Senk-Fuss, Hohlfuss, Arthrose oder Stressfrakturen sowie Sehnenbeschwerden. Massgefertigte Einlagen bieten die individuell beste Anpassung, sind aber mit hƶheren Kosten verbunden. Demgegenüber ist die Anwendung von Einlagen weniger sinnvoll bei kleinen Kindern mit wachsendem Skelett oder bei strukturellen Fehlstellungen, die primƤr horizontal oder komplex verlaufen (z.āB. Hallux valgus), da hier eine dauerhafte Korrektur meist nicht realistisch ist. OrthopƤdische Einlagen stellen ein wirksames Werkzeug zur Korrektur, Entlastung und PrƤvention, v.a. bei flexiblen Fussfehlstellungen, dar. Ihre Anwendung sollte jedoch gezielt, individuell und in den Kontext des gesamten Bewegungsapparates eingebettet erfolgen.
The human foot is a highly complex biomechanical system that is exposed to considerable stress in everyday life ā for example, when walking or standing ā and is often the cause of discomfort in the foot and ankle area. Orthopedic shoe inserts are considered an important conservative therapy method for correcting misalignments, relieving pain, and distributing stress forces more evenly.They work primarily through three mechanisms: supporting the arch of the foot, cushioning impact loads, and correcting foot mechanics. Indications for this include conditions such as metatarsalgia, plantar fasciitis, flat feet, high arches, osteoarthritis, stress fractures, and tendon problems. Custom-made insoles offer the best individual fit, but are associated with higher costs. In contrast, the use of insoles is less useful for small children with growing skeletons or for structural malpositions that are primarily horizontal or complex (e.g., hallux valgus), as permanent correction is usually not realistic in these cases. Orthopedic insoles are an effective tool for correction, relief, and prevention, especially in cases of flexible foot deformities. However, their use should be targeted, individualized, and embedded in the context of the entire musculoskeletal system. Keywords: OrthopƤdische Schuheinlagen, Fussgewƶlbe-Fehlstellungen (Hohlfuss, Knick-Senk-Fuss), Indikationen und Wirkmechanismen
Einleitung
Der menschliche Fuss wird hƤufig als ein Meisterwerk natürlicher Ingenieurskunst betrachtet ā ein Bild, das bereits von Leonardo da Vinci aufgegriffen wurde.
Die komplexe Architektur aus Knochen, BƤndern, Gelenken, Sehnen und Muskeln bildet ein Netzwerk, das geradezu prƤzise koordiniert wird: Es gewƤhrleistet sowohl FlexibilitƤt als auch StabilitƤt für Stand und Gang. Dennoch bleibt dieses System empfindlich gegenüber einer Vielzahl von Stƶrungen. Lokal oder global auftretende Beschwerden im Bereich des Fuss- und Sprunggelenks sind in der haus- und fachƤrztlichen Praxis hƤufig. In vielen FƤllen ist initial keine Operation indiziert ā konservative AnsƤtze führen nicht selten zum Erfolg. In diese Behandlungskategorie fƤllt auch die Versorgung mit Schuheinlagen, deren Einsatz und Wirkungsweise im Verlauf dieses kurzen Artikels nƤher beleuchtet werden sollen ā mit besonderem Augenmerk auf Indikationen, Wirkmechanismen und Grenzen.
Schuheinlagen und das Fussgewƶlbe
Der gesunde Fuss besitzt ein longitudinales (LƤngs-) sowie ein transversales (Quer-)Gewƶlbe. Diese Strukturen sind nicht nur für die Formgebung des Fusses verantwortlich, sondern übernehmen wesentliche Funktionen: Kƶrpergewichtsverteilung, StossdƤmpfung sowie Gleichgewichtssicherung. VerƤnderungen dieser Gewƶlbe treten z.āB. beim Hohlfuss oder Knick-Senk-Fuss deutlich hervor.
Hohlfuss
Beim Hohlfuss ist das LƤngsgewƶlbe markant überhƶht, die Ossa metatarsalia stehen steil. Dies führt zu einem hohen Rist und einer vermehrten Druckbelastung unter den Mittelfusskƶpfchen ā oft initial mit Beschwerden in Form von Metatarsalgien. Zudem liegt hƤufig eine Varusfehlstellung des Rückfusses vor (Ā«O-StellungĀ»), was zusƤtzliche Probleme wie laterale InstabilitƤt oder eine Ćberbelastung der Peronealsehnen nach sich ziehen kann.
Knick-Senk-Fuss
Im Gegensatz dazu fƤllt beim Knick-Senk-Fuss das LƤngsgewƶlbe ab, in ausgeprƤgteren FƤllen ist auch das Quergewƶlbe reduziert oder aufgehoben. Folglich erfolgt eine breite Belastung der Mittelfusskƶpfchen ā auch hier kann eine Metatarsalgie entstehen. Der Rückfuss zeigt typischerweise eine Valgusstellung (Ā«X-StellungĀ»), wodurch auf Dauer die medialen Strukturen geschƤdigt werden kƶnnen und sich degenerative VerƤnderungen bis hin zur Arthrose entwickeln kƶnnen.
Grundlegende Effekte orthopƤdischer ĀEinlagen
OrthopƤdische Schuheinlagen gibt es in zwei Grundvarianten: handelsübliche (Over-the-Counter) und massgefertigte (custom) Einlagen. Massgefertigte Einlagen Āwerden meist auf Ƥrztliche Verordnung und in Zusammenarbeit mit orthopƤdischen Schuhmachermeister/-innen hergestellt. Dabei werden diese exakt auf die zu behandelnde Pathologie abgestimmt.
Die Wirkung von Einlagen auf Fuss- und Sprunggelenk ist vielseitig: 1. Mechanische Unterstützung und Korrektur
Fehlstellungen kƶnnen durch Einlagen unterstützt oder teilweise korrigiert werden. Eine solche Anpassung beeinflusst die Fussfunktion gezielt und kann bestimmte Regionen entlasten. 2. MaterialabhƤngige Wirkungen ā StabilitƤt vs. Komfort
Das eingesetzte Material bestimmt den Fokus der Einlage: Carbon z.āB. bewirkt Stabilisierung, wƤhrend Materialien wie Schaumstoff, Gel oder Gummi eine weichere Bettung und besseren Komfort bieten. HƤufig werden Materialkombinationen eingesetzt, um eine Balance zwischen geforderter, fokaler HƤrte und Weichheit zu erreichen. 3. DƤmpfung und Komfort
Weiche Materialien steigern die Stossabsorption («Shock Absorption»), erhöhen den Gehkomfort und können potenziell das Verletzungsrisiko im Fuss- und Sprunggelenksbereich reduzieren. Zudem lassen sich biomechanische Fehlstellungen wie Hyperpronation oder -supination beeinflussen, was das Gangbild verbessern kann.
In der Summe führen diese Effekte zu einer Entlastung von Fuss- und Sprunggelenk, einer Schmerzreduktion, einer Verbesserung des Gangbildes und einer PrƤvention von Ćberlastungsverletzungen. Die Einlage dient somit nicht nur der Korrektur, sondern erfüllt ein multifunktionales therapeutisches Profil.
Indikationen ā Wann und bei welchen ĀProblemen sind Schuheinlagen sinnvoll?
Nach Darstellung der Wirkmechanismen stellt sich die Frage, wann der Einsatz von Einlagen adƤquat ist ā insbesondere mit Blick auf die anfallenden Kosten (ein massgefertigtes Paar kostet typischerweise CHF 400ā600) und auf mƶgliche Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat (Knie, Hüfte, WirbelsƤule). Entscheidend ist, dass Einlagen vor allem dort Wirkung entfalten, wo ein mechanischer Eingriff auch mechanisch eine Verbesserung ermƶglichen kann.
Im Folgenden typische Indikationen (bei relevanter Symptomatik) im Ćberblick:
Metatarsalgie
Belastungsabhängige Vorfussschmerzen, meist unter den Mittelfussköpfchen. Eine individuell angepasste Einlage mit retrokapitaler Abstützung hebt die Köpfchen geringfügig an und entlastet die schmerzhaften Areale.
Plantarfasziitis (Fersensporn)
Entzündung am Ansatz der Plantarfaszie, begünstigt z.āB. durch eine verkürzte Wadenmuskulatur. Klassisch ist der morgendliche Anlaufschmerz. Neben Dehnübungen kann eine weich gepolsterte Ferseneinlage die Beschwerden deutlich lindern. Daten zeigen: Konturierte Ganz-LƤngen-Inlays sind wirksamer als reine Fersenkissen ā etwa bei 12-Wochen-Follow-up eine signifikante Reduktion des Ā«First-Step-PainĀ» (1).
Flexibler Knick-Senk-Fuss
Absenkung des Längsgewölbes mit valgischer Fersenstellung. Eine Einlage mit medialer Längsgewölbeunterstützung kann die Fehlstellung korrektiv beeinflussen und den Rückfuss teilweise in eine neutralere Stellung bringen (2).
Hohlfuss
Der hohe Rist führt hƤufig zu rigiden Fehlstellungen, die nur begrenzt korrigierbar sind. Eine angepasste Einlage kann allerdings Komfort schaffen und Druckstellen lindern. Bei flexiblen AusprƤgungen kann z.āB. eine laterale Fussranderhƶhung eine Teilkorrektur ermƶglichen.
Angeborene Fehlstellungen / Missbildungen
Bei strukturellen Pathologien ā z.āB. bei Koalitionen oder dem Müller-Weiss-Syndrom ā dienen Einlagen primƤr der Schmerzlinderung und Steigerung des Komforts.
Arthrosen
Degenerative GelenkverƤnderungen verursachen mechanische Schmerzen. Einlagen mit CarbonverstƤrkung kƶnnen die Belastung gezielt verringern. Die Carbonanteile werden dabei entsprechend komponentiert.
Stressfrakturen
Ermüdungsbrüche im Vorfussbereich kƶnnen mit Carboneinlagen für 4ā6 Wochen stabilisiert werden ā dies fƶrdert die Ausheilung.
Sehnenerkrankungen
Bei Peronealsehnenbeschwerden etwa kann eine Einlage mit lateraler Randerhƶhung (Heben des Aussenfussrandes) hilfreich sein.
Studien zur Wirksamkeit orthopƤdischer Einlagen Āzeigen ein differenziertes Bild: So konnten Einlagen zur ĀPrƤvention von Stressfrakturen bei Sportlern eine signifikante Risikoreduktion aufzeigen (RR 0.59 für Stressfrakturen) ā hingegen war der Nachweis bei Weichteilverletzungen weniger überzeugend (3). Bei flexiblen Knick-Senk-Füssen sowie Hohlfussformen ist die Evidenz hingegen begrenzter: Eine systematische Ćbersichtsarbeit fand insbesondere bei Erwachsenen mit Plattfuss keine klare Empfehlung. Zwar ist eine Schmerzlinderung und Korrektur mƶglich, aber eine klare Aussage über die lƤngerfristige, generelle Wirksamkeit bleibt offen (4). Dies hat wahrscheinlich mit der progressiven Tendenz einer Knick-Senkfuss-Fehlstellung zu tun, deren Ursachen multifaktoriell sind (z.B. im Rahmen der peritalare InstabilitƤt).
Wann sind Schuheinlagen weniger sinnvoll?
Gleichsam wichtig ist, die Grenzen und Kontraindikationen für Einlagen zu kennen:
⢠Over-the-Counter («von-der-Stange») Einlagen, die ohne individuelle Anpassung bei Fehlstellungen mit Korrekturbedarf eingesetzt werden, führen häufig zu unzureichender Wirkung und mitunter zu ungünstigen Effekten.
⢠Kinder mit wachsendem Skelett
Bei Kindern ohne angeborene Fehlbildung (z.āB. ohne Koalition oder schwere Dysplasie) ist der Nutzen von Einlagen meist gering: Das rasche Wachstum modifiziert die Fussstellung fortlaufend und fordert hƤufige Neuanfertigungen ā ohne entsprechenden therapeutischen Gewinn. Eine systematische Ćbersichtsarbeit kam hier zu dem Schluss, dass sich Einlagen bei flexiblen Plattfüssen im Kindes- und Erwachsenenalter nicht zuverlƤssig bewƤhren (4). Der Rat lautet daher: Verlaufskontrolle und symptomorientiertes Vorgehen, insbesondere bis zum Wachstumsabschluss.
⢠Horizontale oder primƤr nicht in vertikaler Richtung verlaufende Fehlstellungen, z.āB. bei strukturellen VerƤnderungen wie Hallux valgus: Da Einlagen primƤr vertikale KrƤfte beeinflussen, ist ihre Wirkung auf horizontale DeformitƤten begrenzt. Zwar kann subjektiver Komfort entstehen, die tatsƤchliche DeformitƤt oder ihr Fortschreiten werden jedoch kaum beeinflusst.
⢠Schwere Fussprobleme (z.āB. bei Diabetes, Durchblutungsstƶrungen)
In solchen FƤllen ist erhƶhte Vorsicht geboten: Hier sollten Einlagen immer durch Fachleute abgestimmt und zuvor eine umfassende Ƥrztliche AbklƤrung erfolgen.
Zusammengefasst: Die Auswahl der Einlage-Therapie sollte kritisch erfolgen ā ein pauschaler Einsatz ist nicht indiziert. Vielmehr gilt es, für jede Patientin bzw. jeden Patienten die individuelle Situation sorgfƤltig zu prüfen.
Wesentliche Punkte bei der EinlagenĀversorgung
In der Praxis sollten bei der Versorgung mit Einlagen folgende Fragen berücksichtigt werden: 1. Ist eine individuell angepasste Einlage notwendig?
Oder reicht eine handelsübliche Lösung? Die Entscheidung hängt ab von Ausmass der Fehlstellung, symptomatischer Belastung und Kosten-Nutzen-Abwägung. 2. Passt die Einlage zum Schuh bzw. zur Alltagssituation?
Eine Einlage muss in die gewƤhlte Schuh- und Nutzungsumgebung (Beruf, Freizeit, Sport) integriert werden. 3. Behandelt die Einlage die ursƤchliche Problematik? Die Einlage sollte Teil eines umfassenden Konzeptes sein ā nicht isoliert ohne Betrachtung von Muskulatur, Gelenken und Statik. 4. Treten neue oder verstƤrkte Beschwerden auf? Eine engmaschige Kontrolle ist unerlƤsslich: Einlagen werden eingeführt, dann langsam eingetragen und beobachtet. Erfolgt keine Besserung oder treten neue Beschwerden auf, sind Ćberprüfung und ggf. Ćnderung notwendig.
Weitere Hinweise:
⢠Eingewƶhnung: Neue Einlagen sollten schrittweise eingeführt werden ā z.āB. zu Beginn nur wenige Stunden pro Tag. ⢠Therapeutischer Kontext: Einlagen ersetzen nicht andere Massnahmen wie Physiotherapie, aktive Ćbungsprogramme, Medikation oder gegebenenfalls Schienung.
Fazit
OrthopƤdische Schuheinlagen dienen primƤr der dynamischen Korrektur variabler Fussfehlstellungen und entlasten dabei nicht nur Fuss und Sprunggelenk, sondern kƶnnen auch Knie, Hüfte und WirbelsƤule beeinflussen. Flexible Fehlstellungen bieten deutlich bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einlagenversorgung als rigide, da das Korrekturpotenzial hier grƶsser ist. Bei wachsenden Skeletten empfiehlt sich Zurückhaltung ā statt sofortiger Versorgung steht zunƤchst die Kontrolle des Verlaufs und ein symptomorientiertes Vorgehen im Vordergrund.
Die Evidenzlage zeigt, dass Einlagen durchaus Wirkung erzielen kƶnnen ā insbesondere kurzfristig bei z.āB. Plantarfasziitis oder Stressfrakturen ā jedoch nicht bei allen Indikationen. Die langfristige Wirkung bei bestimmten Fehlstellungen kann limitiert bleiben. Massgefertigte Einlagen bieten potenziell Vorteile gegenüber Standardlƶsungen, doch auch hier ist der Effektumfang moderat (5).
In der hausƤrztlichen Praxis empfiehlt sich daher ein differenziertes Vorgehen: Eine sorgfƤltige Diagnostik, klare Indikationsstellung, engmaschige Ćberprüfung und Integration in ein multimodales Therapiekonzept stellen die Voraussetzung dar, um den Einsatz von Einlagen sinnvoll und wirksam zu gestalten.
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FussInstitut Zürich AG
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Immunkontrollpunkt-Inhibitoren haben die Behandlung vieler Krebsarten revolutioniert. Diese Immuntherapie ermƶglicht bei bestimmten Patienten mit fortgeschrittenem Krebs eine potenzielle langfristige Kontrolle oder sogar Heilung. Trotz der bemerkenswerten Fortschritte profitieren jedoch nur etwa 20ā% der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung davon, und langfristig sind es sogar noch weniger. Die manchmal spƤt auftretenden und potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen erfordern Wachsamkeit und eine schnelle Behandlung in einem Fachzentrum. Eine der grƶssten Herausforderungen besteht darin, resistente Tumore für die Immuntherapie empfindlicher zu machen. Die Optimierung der Anwendung ā in Bezug auf Dosierung, Dauer usw. ā ist ein weiteres wichtiges Ziel.
Immune checkpoint inhibitors have transformed the management of many cancers. Immunotherapy can lead to prolonged disease control, and even cure, in some patients with advanced cancer. However, despite these notable advances, only about 20ā% benefit from immunotherapy in the advanced setting, and even fewer in the long term. Adverse events, sometimes occurring late and potentially severe, require close monitoring and rapid management in expert centers. Among future challenges is the need to make resistant tumors more sensitive to immunotherapy. Optimizing its use – in terms of dose, duration, etc. – is another important goal. Keywords: Immune checkpoint inhibitors; anti-tumoral immunity; oncology; PD1; CTLA-4
Einleitung
Obwohl der Begriff Immuntherapie verschiedene AnsƤtze umfasst, bezieht er sich meist auf Immun-Checkpoint-Inhibitoren, die wir hier beschreiben werden. Diese Immun-Checkpoint-Inhibitoren sind sicherlich der wichtigste Fortschritt in der Onkologie der letzten zwei Jahrzehnte. Bei bestimmten Patienten ā beispielsweise bei Lungenkrebs oder Melanomen ā hat sie dazu beigetragen, dass ehemals unheilbare metastasierende Erkrankungen langfristig kontrolliert werden kƶnnen und manchmal sogar von einer Heilung gesprochen werden kann, selbst in ursprünglich extrem fortgeschrittenen Stadien. Diese günstigen Situationen gehƶren zwar mittlerweile zur tƤglichen Praxis, sind jedoch auf eine begrenzte Anzahl von Tumorarten beschrƤnkt. Bei fortgeschrittener Erkrankung profitiert nur eine Minderheit der Patienten tatsƤchlich von der Immuntherapie. Darüber hinaus dürfen die Nebenwirkungen, die durch immunvermittelte Mechanismen praktisch jedes Organ betreffen kƶnnen, nicht unterschƤtzt werden. Es ist für den Arzt von entscheidender Bedeutung, diese zu erkennen und zu behandeln. In dieser Arbeit gehen wir auf die biologischen Grundlagen, die klinischen Daten zur Wirksamkeit und VertrƤglichkeit der Immuntherapie sowie die für die Zukunft der Immuntherapie in Betracht gezogenen Richtungen ein.
Biologische Grundlagen
Jeder Mensch verfügt über eine natürliche Anti-Tumor-Immunität, deren Ziel es ist, abnormale Zellen zu eliminieren. Diese Immunität wird fein reguliert, damit sie weder übermässig noch unzureichend ist, insbesondere dank sogenannter Immun-Checkpoints. Es hat sich gezeigt, dass diese Kontrollpunkte von Krebszellen umgangen werden können, um sich der Immunüberwachung zu entziehen (1).
Unter diesen Kontrollpunkten haben vor allem die Interaktion zwischen PD-1 und PD-L1 sowie die zwischen CTLA-4 und Antigen-präsentierenden Zellen die Onkologie revolutioniert (2). Andere Kontrollpunkte wie LAG-3, TIGIT oder TIM-3 sind Gegenstand jüngster Entwicklungen, werden jedoch in diesem Manuskript nicht behandelt (3). Tab. 1 beschreibt die Namen der Moleküle und ihre Zielstrukturen, die in der Schweiz verfügbar sind.
Nehmen wir das Beispiel der Interaktion zwischen PD-1, das auf der OberflƤche von T-Lymphozyten exprimiert wird, und PD-L1, das von Tumorzellen exprimiert wird: Diese Interaktion hemmt die Lymphozyten und verhindert, dass sie ihre zytotoxische Anti-Tumor-Wirkung entfalten. Der Krebs kann sich so, insbesondere durch eine Ćberexpression von PD-L1, der Immunantwort entziehen und weiter wachsen. Dieser Mechanismus ist in Abb.ā1 dargestellt.
Genau an dieser Stelle setzt die Immuntherapie an: Monoklonale Antikƶrper (monoclonal antibodies ā Ā«mabĀ») blockieren diese Interaktion und stellen so die FƤhigkeit der T-Lymphozyten wieder her, Krebszellen zu erkennen und zu zerstƶren. Die Immuntherapie wirkt also nicht direkt gegen den Tumor, sondern indirekt, indem sie die Hemmnisse für die Immunantwort aufhebt (Immun-Checkpoint-Inhibitoren).
Daten zu metastasierten Erkrankungen
Eine umfassende Ćbersicht über die Daten zur Immuntherapie der letzten zwanzig Jahre würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es gibt jedoch eindrucksvolle Beispiele, die das Potenzial dieses neuen Therapieansatzes veranschaulichen.
Das Melanom war früher mit einer sehr schlechten Prognose verbunden, mit einer Lebenserwartung von nur wenigen Monaten in vielen metastasierten FƤllen. In diesem Zusammenhang war die Immuntherapie am revolutionƤrsten. Mittlerweile liegen die 10-Jahres-Ergebnisse der CheckMate 067-Studie vor, in der eine Kombination aus Immuntherapie (Anti-CTLA-4 und Anti-PD-1), Anti-PD-1 allein und Anti-CTLA-4 allein als Erstlinientherapie bei Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung verglichen wurde (4). Bei den Strategien mit Anti-PD-1 (allein oder in Kombination) sind etwa 40ā% der Patienten nach 10 Jahren noch am Leben. Bei diesen Patienten kann man wirklich von einer Heilung sprechen.
Auch bei anderen Krebsarten hat die Immuntherapie zu einer radikalen Veränderung der Behandlung geführt.
Beispielsweise wird Lungenkrebs, abgesehen von SonderfƤllen, heute bei Metastasen bereits in der Erstlinienbehandlung mit Immuntherapie behandelt, wobei auch hier bei einem Ansprechen des Tumors ein sehr langfristiger Nutzen zu erwarten ist (5, 6, 7).
Das Beispiel des Melanoms verdeutlicht aber auch die Grenzen der Immuntherapie: Es handelt sich um eine im Vergleich zu anderen Krebsarten relativ seltene Krebsart im fortgeschrittenen Stadium. Dies erklƤrt, warum bis heute unter Berücksichtigung der HƤufigkeit der einzelnen Krebsarten nur etwa 20ā% der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung von einem Ansprechen des Tumors auf die Immuntherapie profitieren (8). Darüber hinaus wird nur ein Bruchteil dieser Patienten einen dauerhaften Nutzen daraus ziehen. Die Entwicklung der Anzahl der Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung, die für die Therapie in Frage kommen, d. h. bei denen eine Indikation für die Therapie vorliegt, und derjenigen, die auf die Therapie ansprechen, ist in Abb.ā2 dargestellt. Mit anderen Worten: Obwohl die Immuntherapie für bestimmte Patienten eine Revolution darstellt, kommt sie bisher nur einer Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung zugute.
In neoadjuvanter und adjuvanter Situation
Nach den beeindruckenden Ergebnissen, die in bestimmten Situationen bei fortgeschrittener Erkrankung beobachtet wurden, war es logisch, die Auswirkungen der Immuntherapie in früheren Stadien zu untersuchen, insbesondere in neoadjuvanter (vor der Operation) und/oder adjuvanter (nach der Operation) Situation (9, 10).
Bei Lungenkrebs beispielsweise hat eine betrƤchtliche Anzahl von Phase-3-Studien einen Vorteil hinsichtlich des krankheitsfreien Ćberlebens gezeigt, und mehrere davon haben auch einen Vorteil hinsichtlich des Gesamtüberlebens aufgezeigt, der mit der ErgƤnzung der konventionellen perioperativen Chemotherapie durch eine Immuntherapie zusammenhƤngt (11, 12, 13). Heute kann die Immuntherapie bei vielen Tumorarten perioperativ angeboten werden.
Allerdings sind gewisse Nuancen zu berücksichtigen: TatsƤchlich wurden mehrere Studien durchgeführt, die den frühzeitigen Einsatz der Immuntherapie unterstützen, darunter auch in einigen LƤndern mit begrenzten Ressourcen. In diesen LƤndern hatten die Patienten der Kontrollgruppe, bei denen ein Rezidiv auftrat, nach der klinischen Studie keinen optimalen Zugang zu Behandlungen (10). In diesen FƤllen ist es schwierig zu sagen, ob der beobachtete Ćberlebensvorteil tatsƤchlich auf die frühzeitige Verabreichung der Immuntherapie zurückzuführen ist oder ob er das Ergebnis einer suboptimalen Behandlung in der Kontrollgruppe zum Zeitpunkt des Rückfalls ist. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die ToxizitƤt, die in einer Situation, in der die Patienten mƶglicherweise bereits von ihrer Krankheit geheilt sind, im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung noch sorgfƤltiger bewertet werden muss.
ToxizitƤt und LebensqualitƤt: Erkennen und nicht herunterspielen
Die potenziellen Toxizitäten der Immuntherapie dürfen nicht unterschätzt werden. Obwohl sie nur in wenigen Fällen schwerwiegend sind und oft medizinisch kontrolliert werden können, können bestimmte Toxizitäten zu langfristigen Schäden (14) mit potenziellen Auswirkungen auf die Lebensqualität (15) oder sogar zu tödlichen Nebenwirkungen (16) führen.
Für den Arzt lauten die wichtigsten Botschaften wie folgt:
1. Immuninduzierte Toxizitäten sind Organschäden, die andere Erkrankungen imitieren können, was ihre Diagnose manchmal schwierig macht. Beispielsweise kann eine immunvermittelte Pneumonitis wie eine infektiöse Lungenentzündung erscheinen. Am häufigsten sind die endokrinen Drüsen (Thyreoiditis), die Lunge (Pneumonitis), der Dickdarm (Colitis), die Leber (Hepatitis), die Haut sowie eine ausgeprägte Asthenie betroffen.Seltenere, aber schwerwiegendere Beeinträchtigungen wie Herzmuskelentzündungen oder neurologische Beeinträchtigungen können ebenfalls auftreten (17).
2. Im Gegensatz zur Chemotherapie kƶnnen die Nebenwirkungen der Immuntherapie erst spƤt auftreten, mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn oder sogar nach Beendigung der Behandlung (18).
3. Eine schnell eingeleitete hochdosierte Kortikosteroidtherapie bildet die Grundlage der Erstbehandlung und zielt darauf ab, eine übermässige Immunreaktion zu bremsen. Bei Resistenz können andere Immunsuppressiva erforderlich sein, wie Anti-IL6, Anti-TNF-alpha oder andere Moleküle (19) (20).
4. Die optimale Behandlung dieser Toxizitäten erfordert spezielle Fachkenntnisse. Die frühzeitige Einbeziehung des behandelnden Onkologen ist unerlässlich, um Verzögerungen bei der Diagnose oder Behandlung zu vermeiden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Immuntherapie zwar im Allgemeinen gut verträglich ist, aber schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen kann. Ihre schnelle Erkennung, ihre Behandlung in einem Fachzentrum und eine klare Information des Patienten und seines Umfelds sind Schlüsselelemente, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten.
Herausforderungen für die Zukunft
In Bezug auf die Wirksamkeit bleibt eine zentrale Frage offen: Ist es möglich, dass die Immuntherapie nicht mehr nur einer Minderheit, sondern einer Mehrheit der Patienten zugute kommt? Derzeit werden verschiedene Strategien untersucht, um dieses Ziel zu erreichen, insbesondere durch die gezielte Beeinflussung anderer Immun-Kontrollpunkte oder durch den Versuch, sogenannte «kalte» Krebsarten (die gegen die Immuntherapie resistent sind) in «heisse», d. h. empfindlichere Krebsarten umzuwandeln.
Gleichzeitig besteht eine weitere grosse Herausforderung darin, bereits zugelassene Behandlungen mit einem patientenzentrierten Ansatz zu optimieren (21). Zum Beispiel:
ā Sind die derzeit verwendeten Dosierungen wirklich optimal? Einige Studien deuten darauf hin, dass mit deutlich niedrigeren Dosierungen eine vergleichbare Wirksamkeit erzielt werden kƶnnte (22).
ā Spielt der Zeitpunkt der Verabreichung eine Rolle? Mehrere vorlƤufige Daten deuten darauf hin, dass die Verabreichung am Morgen wirksamer sein kƶnnte als am Nachmittag, aber diese Hypothese muss durch strenge randomisierte Studien validiert werden (23).
ā Ist die Behandlungsdauer gerechtfertigt? Viele Protokolle sehen eine Immuntherapie über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren vor. Eine Bewertung, ob kürzere Behandlungsdauern eine gleichwertige Wirksamkeit bieten kƶnnen, würde es ermƶglichen, die ToxizitƤt zu begrenzen und gleichzeitig die Kosten für die Gesellschaft erheblich zu senken (24).
Fazit
Immun-Checkpoint-Inhibitoren haben eine echte Revolution in der Onkologie ausgelöst und ermöglichen einigen Patienten eine dauerhafte Kontrolle der Krankheit oder sogar eine Heilung, während ihre Prognose ohne diese Behandlung schnell tödlich gewesen wäre. Dennoch betrifft dies immer noch nur eine Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung. Es bleibt eine grosse Herausforderung, zu verstehen, wie der Nutzen der Immuntherapie auf eine grössere Anzahl von Patienten ausgeweitet werden kann. Toxizitäten, also immunvermittelte Organschäden, die mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn der Behandlung auftreten können, müssen frühzeitig erkannt und unverzüglich behandelt werden (die Kortikosteroidtherapie ist die Behandlung der ersten Wahl), wobei der Onkologe schnell hinzugezogen werden muss. In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen müssen diese Toxizitäten sowie bestimmte methodische Verzerrungen, die manchmal in klinischen Studien auftreten, im Rahmen einer optimalen gemeinsamen medizinischen Entscheidung umfassend berücksichtigt werden.
Die Immuntherapie ermƶglicht bei bestimmten Krebsarten, einschliesslich in sehr fortgeschrittenen oder metastasierten Stadien, eine dauerhafte Kontrolle oder sogar Heilung ā dies ist jedoch auf eine Minderheit der Patienten beschrƤnkt
Immunvermittelte Nebenwirkungen können spät auftreten und verschiedene Organe betreffen; sie müssen schnell identifiziert und in einem Fachzentrum behandelt werden, wobei eine Kortikosteroidtherapie die erste Wahl ist.
In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen wird die Immuntherapie zunehmend angeboten, erfordert jedoch eine strenge Bewertung des Nutzen-Risiko-VerhƤltnisses im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung.
Um den Nutzen auf mehr Patienten auszuweiten, werden Mƶglichkeiten untersucht, resistente Tumoren in Krankheiten umzuwandeln, die empfindlicher auf eine Immuntherapie ansprechen.
Die Optimierung der Dosis, der Verabreichungsdauer und anderer Faktoren im Zusammenhang mit der bereits angewendeten Immuntherapie kƶnnte mƶglicherweise deren ToxizitƤt und Kosten reduzieren.
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