Herzlich willkommen Frau Prof. Dr. med. Cornelia Betschart!

Als Herausgeber/-innen dieser Zeitschrift ist es unser dezidiertes Kredo, dass wir einen wichtigen Teil in der Weiter- und Fortbildung in unserem Fach der Frauenheilkunde beitragen dürfen. Dafür garantieren unsere kompetenten Autorinnen und Autoren, die Advisory-Board-Mitglieder und nicht zuletzt auch wir als Herausgeber/-innen.

Vielleicht ist Ihnen ein neues Gesicht unter den oben dargestellten Herausgeber/-innen aufgefallen. Mit grosser Freude darf ich mitteilen, dass wir eine neue Herausgeberin in unserem Team aufgenommen haben. Frau Prof. Dr. med. Cornelia Betschart ist nun Mitglied unseres Herausgeber-Teams. Ich durfte mit ihr zuerst als Leitende Ƅrztin und dann als meine Stellvertreterin in der Klinik für GynƤkologie am UniversitƤtsspital Zürich zusammenarbeiten. Ihre medizinische Kompetenz, ihr Interesse an der Aus-, Weiter-, und Fortbildung und ihre Menschlichkeit durfte ich so aus nƤchster NƤhe kennen und schƤtzen lernen. Wir sind froh, dass Cornelia, trotz ihrer vielen beruflichen Pflichten, ihre Kompetenzen auch unserer Zeitschrift und unseren Leserinnen und Lesern zur Verfügung stellt. Herzlich willkommen Cornelia!

Gebs-Führerschein!

Kürzlich war ich im Auftrag des SIWF an einer Klinikvisitation zur Rezertifizierung einer Weiterbildungsstätte. Ich bin immer sehr neugierig, wie die visitierten Frauenkliniken die Weiterbildung ihrer Facharzt-Anwärter organisieren und welche Kreativität sie in der Führung und Ausbildung der Mitarbeitenden entwickeln. Nicht selten werden unserem Visitationsteam wunderbare Ideen präsentiert.

So wurde uns der «Gebs-Führerschein» vorgestellt. In Form einer Checkliste werden wichtige Themen in der Einführungsphase erarbeitet. Auf der Neun-Punkte-Liste zur Geburt müssen im Selbststudium etwa die Richtlinien zur physiologischen Geburt, zum vorzeitigen Blasensprung, zur Terminüberschreitung und zur Zwillingsgeburt gelesen werden. Das «erledigt-Visum» erhält die Assistenzärztin, wenn die Inhalte mit der Oberärztin besprochen worden sind. Und so geht es weiter mit neun peripartalen Komplikationen, fünf Problemen in der Schwangerschaft und sieben Wochenbett-Themen. Die «Frischlinge» müssen möglichst schnell dienstfähig gemacht werden. Eine exponentielle Wissensvermehrung ist gerade zu Beginn einer ärztlichen Karriere erwünscht und Haftpflichtfälle gilt es, möglichst zu verhindern. Die Klinik muss die permanente Schulung von Krisensituationen, wie zum Beispiel der Schulterdystokie ausweisen können.

Bei unseren Klinikvisitationen freue ich mich immer am meisten, wenn ich eine umfassende Begeisterung für die Vielfältigkeit unseres Berufes, die qualitativ hochstehende Patientenbetreuung und die fundierte Aus- und Weiterbildung unseres Nachwuchses feststellen darf. Wenn es dann noch gelingt, dass das ganze Team dahintersteht und dies so sichtbar ist, wie ich das kürzlich erlebt habe, dann fördert das meine Zuversicht in das zukünftige Wohlergehen unseres Faches.

Prof. Dr. med. Gabriel SchƤr

Aarau

gabriel.schaer@usz.ch

Komplikationsmanagement bei urogynƤkologischen Operationen

Das Management postoperativer Komplikationen nach urogynäkologischen Operationen stellt eine bedeutende Herausforderung dar, da Komplikationen die funktionellen Ergebnisse und die Lebensqualität der Patientinnen erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel fokussiert sich insbesondere auf Komplikationen nach der Behandlung der Belastungsurininkontinenz sowie nach Deszensusoperationen. Trotz hoher Heilungsraten sind Organverletzungen, Miktionsstörungen, Banderosionen und Netzkomplikationen häufige Herausforderungen. Eine frühzeitige Diagnostik und ein individualisiertes Management sind essenziell. Sowohl konservative als auch chirurgische Therapieansätze werden erläutert, zudem wird die Bedeutung einer multidisziplinären Betreuung bei komplexen Fällen betont.

The management of postoperative complications following urogynecological procedures represents a considerable challenge, as such complications can significantly impair patients’ functional outcomes and quality of life. This article specifically addresses complications arising from the treatment of stress urinary incontinence and pelvic organ prolapse surgeries. Despite high success rates, organ injuries, voiding dysfunction, tape erosions and mesh-related complications remain prevalent concerns. Early diagnosis and individualized management strategies are paramount. Both conservative and surgical treatment modalities are discussed, alongside the critical role of multidisciplinary care in the management of complex cases.
Keywords: Belastungsurininkontinenz, Genitaldeszensus, Komplikationen, Erosion, Dyspareunie

Inkontinenz – Eingriffe

Zu den etablierten chirurgischen Verfahren zur Behandlung der Belastungsharninkontinenz bei Frauen zƤhlen Suburethralschlingen (retropubisch – TVT-exact und transobturatorisch – TVT-O), die Injektion von Bulking Agents sowie die Kolposuspension (z. B. nach Burch oder MMK). Letztere wird in der Schweiz heutzutage jedoch nur noch selten angewendet, da das TVT – bei vergleichbaren Kontinenzraten – mit einer geringeren Inzidenz von Harnretention sowie Entero- und Rektozelen verbunden ist. Zudem erfolgt die TVT-Einlage minimal-invasiv und meist in LokalanƤsthesie. Suburethralschlingen gelten somit mit Heilungsraten von bis zu 97 % über einen Beobachtungszeitraum von 5 bis 10 Jahren als sehr effektiv und stellen in LƤndern, in denen der Einsatz von Netzmaterial zugelassen ist – darunter auch die Schweiz – den Goldstandard in der Therapie der Belastungsharninkontinenz dar. Vor diesem Hintergrund liegt der Fokus dieses Artikels auf den mit der TVT-Band-Einlage assoziierten Komplikationen.
Komplikationen nach TVT-Einlage lassen sich wie folgt klassifizieren:

• Intraoperativ: Verletzungen der Blase, Urethra, Vagina, innerer Organe oder BlutgefƤsse (1).
• Früh postoperativ: Blutungen/HƤmatome, Miktionsstƶrungen (einschliesslich Harnverhalt), Schmerzen sowie Infektionen.
• SpƤt postoperativ: chronische Miktionsstƶrungen, de-novo Urge-Inkontinenz (OAB), chronische Schmerzen, Dyspareunie sowie Erosionen des Bandmaterials in Vagina, Blase oder Harnrƶhre (2, 3).

Die Gesamtkomplikationsraten sind gering, spezifische Risiken variieren jedoch je nach Verfahren. So zeigte sich bei der retropubischen Schlinge mit zunehmender Verbreitung der Technik eine Zunahme der Komplikationen aufgrund der Passage der Nadel durch das kleine Becken, allen voran Blasenperforationen in etwa 3 % der FƤlle (1, 2). Allerdings variiert die Komplikationsrate von Operateur zu Operateur und ist seltener bei Chirurgen mit einer Mindesteinlagezahl von 40 Schlingenoperationen pro Jahr (4). Zur Vermeidung von Blasenverletzungen wurde der transobturatorische Zugang entwickelt, der – Ƥhnlich wie das TVT – eine midurethrale Stabilisierung bezweckt. Hier zeigte sich jedoch eine erhƶhte Rate an Banderosionen in den lateralen Sulci, bedingt durch den operativen Zugang, insbesondere bei Frauen mit hohen lateralen vaginalen Sulci. Zudem ist die Machbarkeit einer operativen Revision zu berücksichtigen (Abb. 1 und Abb. 2).

Da sich retropubische und transobturatorische Schlingen hinsichtlich der Kontinenz praktisch nicht unterscheiden, ist das Augenmerk auf die Komplikationen zu richten. Stehen beim TVT die perioperativen Komplikationen im Vordergrund, so sind beim transobturatorischen Zugang die mittel- und langfristigen Beschwerden, wie Dyspareunie wegen lateraler Banderosionen, relevant.

Intraoperative Blasenverletzungen nach retropubischer Bandeinlage lassen sich unkompliziert beheben, sofern sie intraoperativ erkannt werden. Hierfür ist die intraoperative Zystoskopie essenziell. Bei Nachweis einer Blasenperforation sind das Zurückziehen des Bandes und die erneute Einlage im gleichen Eingriff möglich. Da die Blasenverletzung meist nur wenige Millimeter gross ist, genügt in der Regel eine Dauerkathetereinlage bis zum ersten postoperativen Tag.

Bei vermuteter postoperativer Komplikation sind eine gründliche Anamnese und kƶrperliche Untersuchung essenziell. Die Perinealsonographie gilt als Goldstandard der Bildgebung zur Diagnostik postoperativer Komplikationen. Besteht der Verdacht auf eine Erosion in Blase oder Harnrƶhre, sollte eine Zystoskopie durchgeführt werden. In unklaren FƤllen kann zusƤtzlich eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Beckenbodens zur weiteren AbklƤrung eingesetzt werden. Ein prƤzises VerstƤndnis des ursprünglichen Eingriffs sowie der Lage des Bandes ist entscheidend für die Therapieplanung (3, 4) (Abb. 3 und Abb. 4).

Eine innovative Behandlungsoption für eine nicht erkannte intravesikale TVT-Banderosion stellt der minimalinvasive kombinierte transurethrale und suprapubische Zugang dar. Hierbei werden zwei 3 mm Trokare suprapubisch in die gefüllte Blase eingeführt, um das Band unter Spannung zu halten, wƤhrend die Resektion des Bands transurethral mittels Zystoskop erfolgt (5) (Abb. 5 und Abb. 6).

Sollte eine Miktionsstörung bzw. Harnverhalt postoperativ vorliegen, so erfolgt die Erstbehandlung in der Regel mittels intermittierendem Selbstkatheterismus (ISC). Alternativ kann zur Durchführung eines Blasentrainings ein suprapubischer Katheter gelegt werden. Führt diese konservative Massnahme nicht zum Erfolg, wird eine Mobilisierung der Schlinge bevorzugt, da sie den Harnverhalt bei gleichzeitig geringerem Risiko eines Rezidivs der Belastungsharninkontinenz beheben kann. Eine Mobilisierung ist jedoch nur innerhalb der ersten sieben Tage nach Implantation möglich.

Die Bandspaltung bleibt therapieresistenten FƤllen vorbehalten, ist jedoch mit einem erheblichen Rezidivrisiko der Belastungsharninkontinenz von bis zu 80 % verbunden (6, 7). Schmerzen und Dyspareunie bessern sich nur bei etwa 50 % der Patientinnen vollstƤndig, ein erheblicher Anteil berichtet weiterhin über persistierende oder neu aufgetretene Schmerzen bzw. sexuelle Funktionsstƶrungen (7, 8, 9).

Autologe Faszienschlingen (AFS) werden zunehmend als alternative Behandlungsmethode nach Entfernung von Netzmaterial eingesetzt. Bei Patientinnen mit vorangegangenen Netzkomplikationen liegen die subjektiven und objektiven Heilungsraten zwischen 67 % und 91 %, mit einer nachgewiesenen Haltbarkeit von bis zu 17 Jahren. Durch den Verzicht auf synthetisches Material vermeiden AFS netzspezifische Komplikationen wie Erosionen und chronische Schmerzen (10). Auch offene oder laparoskopische Kolposuspensionsverfahren Modus Marshall-Marchetti-Krantz oder Burch werden durchgeführt, um die Rezidivinkontinenz nach Bandentfernung zu beheben (11).

Für Patientinnen, die weitere operative Eingriffe vermeiden mƶchten, kƶnnen Bulking Agents in Betracht gezogen werden. Die kombinierten Heilungs- und Verbesserungsraten liegen zwischen 75 und 85 %, allerdings sind die Versagens- und Reoperationsraten mit 25 bis 32 % hoch, und hƤufig sind wiederholte Injektionen erforderlich (12). Die LangzeiteffektivitƤt ist im Vergleich zu autologen Faszienschlingen oder synthetischem Netzmaterial geringer. Dennoch bieten Bulking Agents ein günstiges Sicherheitsprofil und vermeiden Komplikationen, die mit Fremdmaterial assoziiert sind (12).

Bei de-novo Urge-Inkontinenz stellt die Verhaltenstherapie, bestehend aus Blasen- und Beckenbodentraining, die Therapie der ersten Wahl dar. Führt diese nicht zu einer Besserung, können neuromodulative Verfahren wie tibiale Nervenstimulation oder sakrale Neuromodulation sowie medikamentöse Therapien mit Anticholinergika, Mirabegron oder Botulinumtoxin in Erwägung gezogen werden. Immer vorausgesetzt, dass die Diagnostik eine normale midurethrale Bandlage und Restharnfreiheit ergeben hat.

Deszensus – Eingriffe

Die hƤufigsten Komplikationen nach einer Operation zur Behebung eines Genitaldeszensus bei Frauen sind postoperative Infektionen, Blutungen oder HƤmatome, Harnwegsinfektionen, Schmerzen (einschliesslich Beckenschmerzen und Dyspareunie), Miktionsstƶrungen sowie netzbedingte Komplikationen (falls ein Netz verwendet wird). Die hƤufigste einzelne Komplikation ist die Harnwegsinfektion, insbesondere nach vaginalen Eingriffen, mit Raten von bis zu 15 % in einigen Kohorten (6). Blutungen oder HƤmatome treten in etwa 2–3 % der FƤlle auf. Auch Schmerzen und Dyspareunie sind hƤufig, wobei schwere Dyspareunie je nach Operationstechnik und Einsatz von Netzmaterial in 3–13 % der FƤlle berichtet wird. Netzbedingte Komplikationen wie Erosion oder Exposition treten in bis zu 12 % der FƤlle auf und erfordern in manchen FƤllen einen chirurgischen Eingriff (13, 14). Organverletzungen (Blase, Darm, Harnleiter) sind zwar selten, kommen jedoch hƤufiger bei netzunterstützten oder abdominalen Verfahren vor. Ein Rezidiv des Prolapses, das eine erneute Operation erforderlich macht, tritt je nach angewendeter Technik bei 1–7 % der Frauen auf. Die Gesamtinzidenz schwerwiegender Komplikationen (Clavien-Dindo-Grad III oder hƶher) ist niedrig und liegt typischerweise unter 5 % in grossen Kohorten- und Registerstudien.

Patientengruppen mit einem höheren Risiko für schwere postoperative Komplikationen sind insbesondere ältere Frauen. Auch Patientinnen mit relevanten Begleiterkrankungen (wie Herzinsuffizienz, chronischer Nierenerkrankung, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung und Vorhofflimmern), eingeschränktem funktionellen Status und mehreren vorangegangenen abdominalen Operationen weisen ein erhöhtes Risiko auf.

Intraoperative Komplikationen

Relevante intraoperative Blutungen (> 300 ml) werden in der Literatur mit etwa 1 % angegeben (13). Arterielle Blutungen kƶnnen in der Regel koaguliert werden. Venƶse Blutungen lassen sich oft besser durch Umstechung beheben. Bei stƤrkeren Sickerblutungen im paravesikalem bzw. pararektalem Raum kƶnnen blutstillende Gazen eingesetzt oder die Einlage einer Drainage in ErwƤgung gezogen werden (14).

Verletzungen von Hohlorganen (Harnblase oder Rektum) treten bei netzunterstützten Verfahren häufiger auf (15) und sollen zweischichtig übernäht werden. Während eine Netzimplantation bei intraoperativen Blasenverletzungen als unkritisch angesehen wird, sollte die Netzeinlage bei Darmverletzungen aus forensischer Sicht vermieden werden.

Direkt postoperative Komplikationen

Harnblasen- und Darmentleerungsstörungen können auch im postoperativen Verlauf nach Deszensuskorrekturen auftreten. Eine transurethrale Blasenkatheterisierung wird sowohl bei laparoskopischen als auch vaginalen Operationsverfahren für die ersten 24 Stunden postoperativ empfohlen, insbesondere bei Anwendung von Scheidentamponaden. Die Messung des Restharns nach Entfernung des Dauerkatheters ermöglicht eine frühzeitige Diagnostik von Blasenentleerungsstörungen. Analog zum Management nach Inkontinenzoperationen kann in diesem Kontext ein intermittierender Selbstkatheterismus oder eine suprapubische Blasenentleerung initiiert werden (3, 4). Zusätzlich können Cholinergika zur Tonisierung des Detrusormuskels eingesetzt werden.

Bis zu 17 % der Patientinnen nach Sakrokolpopexie leiden unter obstipationsassoziierten Beschwerden, die bis zu drei Monate postoperativ persistieren kƶnnen. Eine postoperative Unterstützung der DarmmotilitƤt ist in diesen FƤllen dringend zu empfehlen. Darüber hinaus sollte intraoperativ auf die Schonung der Fasern des Plexus hypogastricus geachtet werden. (nerve-sparing bzw. nerve-respecting surgery).

Nachblutungen und HƤmatome treten selten auf und kƶnnen meistens konservativ behandelt werden, insbesondere bei einer HƤmatomgrƶsse < 5 cm, sofern die klinische Symptomatik dies zulƤsst. Bei der laparoskopischen Sakrokolpopexie werden HƤmatome meist durch die Peritonealisierung eingeschlossen, wƤhrend sie bei vaginalen Eingriffen durch die endopelvine Faszie umschlossen werden. Daher sind Resorptionszeiten von bis zu 8 Wochen nicht ungewƶhnlich (13, 14).

SpƤte postoperative Komplikationen

Nach wie vor ungelƶst sind Defektheilungen, welche je nach Netztyp und Operationsmethode in etwa 12 % der FƤlle auftreten, wobei Netzexpositionen oder -erosionen mit Raten von bis zu 10 % und Reoperationsraten von circa 2–3 % in tertiƤren Zentren beschrieben werden (15, 16, 17). Diese Komplikationen führen hƤufig zu Becken- oder Dammschmerzen, Dyspareunie, Miktionsstƶrungen oder Infektionen (16, 17, 18). Transvaginale Netze sind dabei mit hƶheren Raten vaginaler Erosionen und Schmerzen verbunden als netzgestützte Sakrokolpopexien (17, 18). Die niedrige Erosionsrate bei der laparoskopischen bzw. roboter-assistierten Sakrokolpopexie ist darauf zurückzuführen, dass die Netzeinlage meist mit einer subtotalen (suprazervikalen) Hysterektomie kombiniert wird, womit die Vaginalhaut intakt bleibt.

Bei Verdacht auf eine Netzerosion ist eine ausführliche Anamnese essenziell, die den ursprünglichen Eingriff, die Symptome sowie die Ziele der Patientin berücksichtigt (19, 20). Die klinische Untersuchung sollte eine Spekulum- und bimanuelle Untersuchung sowie eine Beckenbodensonographie zur Beurteilung von Lage und Ausdehnung des Netzes umfassen. ErgƤnzende diagnostische Verfahren wie Zystoskopie, Proktoskopie, Koloskopie oder MRT sind angezeigt, wenn der Verdacht auf Netzerosion in Blase oder Darm besteht oder die Symptomatik unklar ist (19, 20). (Abb. 7 und Abb. 8)

Das Management von Netzkomplikationen sollte individualisiert erfolgen und kann konservative Massnahmen wie Beobachtung, Physiotherapie und medikamentƶse Therapie sowie chirurgische Interventionen umfassen (20). Asymptomatische vaginale Netzexpositionen kƶnnen in der Regel abwartend behandelt werden. Bei kleinen, symptomatischen vaginalen Expositionen kann eine lokale Behandlung mit vaginalem Ɩstrogen die Schleimhautheilung fƶrdern; die empfohlene Dosierung betrƤgt typischerweise 0.5 g vaginal, zwei- bis dreimal pro Woche (20).

Ein chirurgischer Eingriff ist bei symptomatischen oder ausgedehnten Erosionen, Schmerzen, Infektionen oder Netzkontrakturen indiziert (17, 21). Je nach Symptomschwere, Netzlokalisation und Rezidivrisiko kommen partielle oder vollstƤndige Netzentfernungen in Betracht. WƤhrend partielle Entfernungen bei lokal begrenzten Erosionen ausreichen kƶnnen, ist eine vollstƤndige Entfernung bei therapierefraktƤren Beschwerden oder ausgedehnten Komplikationen erforderlich (16, 21). Die Symptomlinderung ist in beiden FƤllen hoch, jedoch zeigen sich nach vollstƤndiger Entfernung hƶhere Rezidivraten eines Beckenorganprolapses (29–31 %) im Vergleich zur partiellen Entfernung (5–15 %) (21).

Es fehlen belastbare, langfristige Vergleichsdaten zur partiellen versus vollständigen Entfernung, und die Ergebnisse hinsichtlich Schmerz, sexueller Funktion und Prolapsrezidiv bleiben unvorhersehbar (6). Eine individualisierte Beratung ist essenziell, wobei der Ausgleich zwischen Symptomlinderung und Rezidivrisiko im Vordergrund stehen sollte. Für komplexe Fälle wird eine Überweisung an erfahrene Zentren empfohlen (6, 16, 21).
Rekto- und vesikovaginale Fisteln nach Deszensus-Chirurgie werden in der Literatur nur kasuistisch beschrieben und kƶnnen in der Regel einseitig operativ, teilweise mittels Martius-Plastik, korrigiert werden (24).

Postoperative Schmerzen und de-novo-Dyspareunie nach Netzeingriffen stellen komplexe klinische Herausforderungen dar und kƶnnen in manchen FƤllen trotz vollstƤndiger Netzentfernung persistieren (18, 20, 22). Ein multidisziplinƤres Therapiemanagement wird dringend empfohlen und sollte idealerweise physikalische Massnahmen wie Beckenbodenphysiotherapie, interventionelle Schmerztherapie mittels Triggerpunkttherapie sowie eine individuell angepasste medikamentƶse Schmerztherapie umfassen (20). Hierzu zƤhlen auch gezielte LokalanƤsthetika-Infiltrationen zur gezielten Schmerzreduktion. Obwohl eine chirurgische Entfernung des implantierten Materials eine Besserung der Schmerzen und der Dyspareunie bewirken kann, sind die klini

schen Ergebnisse heterogen, und eine vollständige Remission der Beschwerden wird häufig nicht erreicht (22). Patientinnen mit isolierter Netzexposition zeigen bessere Outcomes als solche mit Schmerzen als Hauptindikation für die Netzentfernung (23).

Ein Prolapsrezidiv kann eine Reoperation erforderlich machen, wobei frühere Beckenbodenoperationen zu den Risikofaktoren für peri- und postoperative Komplikationen zählen. Rekonstruktionen mit körpereigenem Gewebe gehen mit geringeren schweren Komplikationen, jedoch höheren Rezidivraten einher, während netzgestützte Verfahren niedrigere Rezidivraten, aber höhere Komplikationsraten aufweisen (15).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Elisaveta Gerova

Frauenklinik Kantonsspital Aarau
Tellstrasse 25
5000 Aarau

Prof. Dr. med. Gabriel SchƤr

Aarau

gabriel.schaer@usz.ch

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Zusammenfassend ist zur Vermeidung von Komplikationen eine sorgfƤltige und individualisierte Auswahl des operativen Eingriffs essenziell, bei der sowohl die anatomischen als auch die funktioĀ­nellen Besonderheiten der Patientin berücksichtigt werden müssen.
  • Die Entscheidung für das jeweilige Verfahren sollte auf einer Ā­ausführlichen AbwƤgung der individuellen Erwartungen, Beschwerden und LebensqualitƤtsaspekte der betroffenen Frauen basieren. Ā­Hierfür ist ein differenziertes VerstƤndnis der jeweiligen Operationsmethoden und deren kurz- sowie langfristigen Ergebnisse unerlƤsslich.
  • Zudem setzt eine optimale Patientenversorgung die Beherrschung verschiedener Operationstechniken sowie die FƤhigkeit voraus,
    diese situationsgerecht anzuwenden, um bestmƶgliche funktionelle Resultate bei minimalen Komplikationsraten zu erzielen.

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4. Committee Opinion No. 694: Management of Mesh and Graft Complications in Gynecologic Surgery. Obstetrics and Gynecology. 2017;129(4):e102-e108. doi:10.1097/AOG.0000000000002022.
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19. Committee Opinion No. 694: Management of Mesh and Graft Complications in Gynecologic Surgery. Obstetrics and Gynecology. 2017;129(4):e102-e108. doi:10.1097/AOG.0000000000002022.
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23. Symptomatic Improvement After Mesh Removal: A Prospective Longitudinal Study of Women With Urogynaecological Mesh Complications. Pace N, Artsen A, Baranski L, et al. BJOG : An International Journal of Obstetrics and Gynaecology. 2021;128(12):2034-2043. doi:10.1111/1471-0528.16778.
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Schwangerschaftsverlust im 1. Trimenon

Als früher Schwangerschaftsverlust wird eine nicht lebensfƤhige Schwangerschaft mit einem leeren Fruchtsack oder einem Fruchtsack mit Embryo ohne Herzaktion in den ersten 12 Schwangerschaftswochen mit Lokalisation innerhalb oder ausserhalb des Uterus definiert. Dazu gehƶrt auch die ExtrauteringraviditƤt. Die Inzidenz eines Abortes liegt bei 10–15% aller klinisch erkannten Schwangerschaften (1–4). Mit unserem Artikel wollen wir die wichtigsten Aspekte der aktuellen diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweise sowie die psychischen Folgen gemƤss der neuen S2k-Leitlinie zum Schwangerschaftsverlust im 1. Trimenon beleuchten (1–4).

Early pregnancy loss is defined as a non-viable pregnancy with an empty gestational sac or a gestational sac containing an embryo without cardiac activity in the first 12 weeks of pregnancy, located inside or outside the uterus. This also includes ectopic pregnancy. The incidence is 10–15% of all clinically diagnosed pregnancies (1–4). With our article, we aim to highlight the most important aspects of current diagnostic and therapeutic procedures, as well as the psychological consequences, according to the new S2k guideline on pregnancy loss in the first trimester (1–4).
Keywords: Früher Schwangerschaftsverlust, Abort, gestörte Frühgravidität, EUG

Einleitung

Ein Schwangerschaftsverlust ist hƤufig. UngefƤhr 80% aller Aborte treten im ersten Trimenon auf. Der Abort tritt zumeist unerwartet auf und kann psychisch sehr belastend sein (1–4).

Abortformen und Epidemiologie

Es werden verschiedene Abortformen unterschieden (Frühstabort, Abortus imminens, Abortus incipiens, Abortus incompletus, septischer Abort, missed abortion), wobei auch die ektope Schwangerschaft zu den gestörten Frühschwangerschaften zählt. Risikofaktoren für Aborte sind mütterliches Alter sowie die Anzahl vorausgegangener Fehlgeburten (5). Zu den häufigsten Ursachen gehören Chromosomenanomalien, Uterusanomalien, ein tiefer Progesteronspiegel, mütterliche Erkrankungen sowie Infektionen oder Umwelt- und Lebensstilfaktoren (6, 7). Sexuell übertragbare Erkrankungen, die Anwendung assistierter Reproduktionstechnologien und das Rauchen werden mit einem erhöhten Risiko für eine Eileiterschwangerschaft gesehen (8, 9).

Diagnostik

Bei V.a. einer gestƶrten Frühschwangerschaft (Unterbauchschmerzen, vaginalen Blutungen) gilt es die Allgemein-Anamnese mit speziellem Augenmerk auf ZyklusunregelmƤssigkeiten, STD und Voroperationen zu erheben. Neben der gynƤkologischen Spekulumuntersuchung kommt der Transvaginalsonographie eine überragende Bedeutung bei der Diagnostik und Therapiekontrolle zu. Eine intrauterine Schwangerschaft sollte ab einem b-HCG Wert von 1500 IU/l darstellbar sein. Eine Blutgruppenbestimmung, ein HƤmatogramm und das Infektlabor sind bei starken Blutungen oder Infektzeichen indiziert. Bei unklarer Schwangerschaftslokalisation (Pregnancy of unknown location – PUL) ist eine serielle, quantitative ß-hCG-Kontrolle hilfreich. Ein Anstieg der ß-hCG-Konzentration um mindestens 53 % nach zwei Tagen wurde bei 99 % der Frauen festgestellt, die im Verlauf eine lebensfƤhige, intrauterine Schwangerschaft hatten (10). 21 % der ektopen Schwangerschaften wiesen ebenfalls einen adƤquaten ß-hCG-Anstieg auf (11).

Zur Vorhersage des Schwangerschaftsverlaufs wurden verschiedene Modelle entwickelt, basierend auf der hCG-Ratio (M1), den mittleren (0/48h) Serum–Progesteronwerten (logProg) (M2) bzw. hCG-Ratio, logProg und Alter zusammen (M3). Den besten Vorhersagewert birgt das M6-Modell, entwickelt durch das Imperial College London und KU Leuven, das anhand von Progesteron- und b-hCG-Werten in ein bis zwei Schritten die Schwangerschaft in risikoarm und risikoreich einteilt (12, 13). Details zum Modell findet man unter: https://tinyurl.com/mw2awm43

Ebenfalls hilfreich sind die Entscheidungskriterien gemƤss der ACOG (2, 14). Eine Scheitel-Steiss-LƤnge von ≄ 7 mm ohne Herzaktion oder ein Gestationssack von ≄ 25 mm ohne Embryo sind ebenfalls beweisend für eine gestƶrte Frühschwangerschaft (z.B. Windmole).

Therapieoptionen und Beratung

Nach der Diagnosestellung einer gestörten Frühgravidität werden die Therapieoptionen (abwartendes, medikamentöses und operatives Vorgehen), deren Vor- und Nachteile sowie die Risiken und Komplikationen im Sinne eines Shared decision making mit der Patientin besprochen (Tab. 1).

Abwartendes versus medikamentƶses Vorgehen zeigen in randomisierten Studien vergleichbare Erfolge bis zu 80 % (15, 16). Das operative Vorgehen führt am schnellsten zur Uterusentleerung, bei 11 % der konservativ behandelten Frauen kann dies bis zu 6 Wochen dauern (1, 2).

Beim medikamentƶsen Vorgehen steigert die Kombination aus Mifepriston (200 mg) und Misoprostol (800 µg vaginal) die Erfolgsrate auf 83,8 % gegenüber 67,1 % mit Misoprostol allein. Zudem wird eine niedrigere Rate operativer Eingriffe benƶtigt (17). Dabei ist die vaginale Applikation wegen geringerer Nebenwirkungen zu bevorzugen (18). Eine sonographische Kontrolle nach 7–14 Tagen wird empfohlen. Liegt das Endometrium > 30 mm, kann Misoprostol erneut verabreicht werden; die Erfolgsrate liegt dann bei über 98 % (19).

Eine primƤr operative Therapie wird empfohlen bei Wunsch der Patientin, kreislaufrelevanter oder anƤmisierender Blutung, Gerinnungsstƶrungen, Kontraindikation gegenüber Mifepriston/Misoprostol, septischem Abort, Trophoblasterkrankung oder heterotoper Schwangerschaft. Nur 4 % benƶtigen einen Wiederholungseingriff (20). Die Saugcurettage ist dabei schonender als die Kürettage und reduziert das Perforationsrisiko (21, 22). Ein vorgƤngiges Zervixpriming mit Misoprostol reduziert Zervixverletzungen (23). Eine Antibiotikagabe ist nur bei septischem Abort indiziert und ist mƶglichst 12–24 Stunden prƤoperativ zu starten (24).

Komplikationen (uterine Perforation, intrauterine AdhƤsionen, Verletzungen des GebƤrmutterhalses, Infektionen, Asherman-Fritsch-Syndrom) oder anƤsthesiologische Risiken sind sehr selten (25, 26). Nachteile des exspektativen Vorgehens sind ein erhƶhtes Blutungsrisiko (27, 28). Das Risiko für eine Infektion ist für alle Vorgehen vergleichbar, zwischen 1–3 % (27). Die Abort- und Frühgeburtsrate zukünftiger Schwangerschaften scheint unabhƤngig vom Therapieverfahren erhƶht zu sein (29).

Für eine Ursachenklärung wird die histopathologische Untersuchung des Abortmaterials empfohlen. Dies kann für die Beratung bei offenem Kinderwunsch und zur psychologischen Aufarbeitung des Verlustes hilfreich sein.

Anti-D-Prophylaxe

Das Risiko einer Rhesus-Sensibilisierung vor der 10. Schwangerschaftswoche ist höchstwahrscheinlich äusserst gering, die Folgen für die Folgeschwangerschaft können jedoch erheblich sein (30). Gemäss den NICE-Richtlinien soll eine Anti-D-Prophylaxe nur im Falle eines Aborts nach der 9+0. Schwangerschaftswoche verabreicht werden (31). Unabhängig vom Schwangerschaftsalter sollen im Falle eines abwartenden Vorgehens, einer Abortcurettage oder einer ektopen Schwangerschaft eine Anti-D-Prophylaxe erfolgen.

Verhaltensempfehlungen für die Patientin

Patientinnen sollen über den variablen Verlauf von Blutungen und Schmerzen sowie über die Mƶglichkeit einer analgetischen und antiemetischen Therapie aufgeklƤrt werden. Eine Wiedervorstellung bei übelriechendem Ausfluss, Unterbauchschmerzen, Fieber > 38°C oder allgemeinem Krankheitsgefühl ist indiziert.

Hygieneartikel wie Binden, Menstruationstassen, Tampons u.a. können verwendet werden. Entgegen früheren Empfehlungen muss aufgrund fehlender Evidenz auf Geschlechtsverkehr, körperliche Anstrengung oder Sport nicht verzichtet werden.

Die Ovulation tritt in EinzelfƤllen schon 8 bis 10 Tage und bei 90 % der Frauen innerhalb eines Monats nach dem Abortgeschehen ein (32). Patientinnen ohne Kinderwunsch kƶnnen nach dem bestƤtigten Abgang der Frühschwangerschaft mit der medikamentƶsen Antikonzeption beginnen. Entgegen früheren Empfehlungen kann die Patientin eine weitere Schwangerschaft unmittelbar anstreben (33, 34).

Psychische Aspekte

Ein früher Schwangerschaftsverlust kann für viele Patientinnen und deren Partner eine Belastung darstellen. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Fehlgeburten und psychischen Symptomen wie Trauer, depressiven Symptomen, Angst und posttraumatischen Belastungsreaktionen (35, 36). Mit zunehmendem zeitlichem Abstand nehmen die Symptome in der Regel ab (35). ZusƤtzliche Risikofaktoren für schwere psychische Belastung sind rezidivierende Aborte, junges Alter, psychiatrische Vorerkrankungen, Beziehungsprobleme, belastende soziale UmstƤnde oder niedriger sozioƶkonomischer Status (36–38).

Die Mitteilung der Diagnose kann als traumatisch erlebt werden. Das medizinische Personal sollte eine empathische, sensible und situationsangepasste Kommunikation wƤhlen und die Partnerperson miteinbeziehen.

Auf die psychische Befindlichkeit sollte in jeder Kontrolle eingegangen werden und entsprechend auf die Möglichkeit einer psychologischen Unterstützung hingewiesen werden.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Livia Schuler

OberƤrztin
Luzerner Kantonsspital Frauenklinik
Kantonsspital 37
6004 Luzern

Gülseven Gül

OberƤrztin mbF
Zuger Kantonsspital
Landhausstrasse 1
6340 Baar

Die Autorinnen haben keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Frühe Schwangerschaftsverluste sind hƤufig. Die Inzidenz liegt bei 10–15%
  • Das M6-Modell zeigt die beste Vorhersage des Schwangerschaftsverlaufs bei PUL, Windei, Blasenmole, Termindiskrepanz und EUG.
  • Therapeutisch stehen konservative, medikamentƶse und chirurgische Verfahren zur Verfügung.
  • Eine Rhesusprophylaxe wird ab der 10. Schwangerschaftswoche sowie im Falle eines abwartenden Vorgehens, einer Abortcurettage oder einer ektopen Schwangerschaft empfohlen.
  • Eine Folgeschwangerschaft kann nach einem Abort sogleich geplant werden und erhƶht das Risiko von perinatalen Komplikationen nicht.

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Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab bei HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs

Trastuzumab Deruxtecan hat sich bei Patientinnen mit zuvor behandeltem HER2-positivem fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs als wirksam erwiesen. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Trastuzumab Deruxtecan bei Patientinnen ohne vorherige Therapie für HER2-positiven fortgeschrittenen oder metastasierten Brustkrebs ist jedoch unklar.

Methoden

Studienleiterin Sara Tolaney und ihre Mitarbeiter führten eine Phase-3-Studie mit Patientinnen durch, die an HER2-positivem, fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs litten und zuvor noch keine Chemotherapie oder HER2-gerichtete Therapie gegen metastasierte Erkrankungen erhalten hatten. Die Patientinnen wurden im Verhältnis 1:1:1 randomisiert und erhielten entweder Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab, Trastuzumab Deruxtecan plus Placebo oder die Kombination aus Taxan, Trastuzumab und Pertuzumab (THP). Der primäre Endpunkt war das progressionsfreie Überleben, das durch eine verblindete, unabhängige, zentrale Überprüfung bewertet wurde. Sekundäre Endpunkte waren das objektive Ansprechen, die Ansprechdauer und die Sicherheit.

Ergebnisse

Für diese vorab festgelegte Zwischenanalyse werden Daten zu Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und zu THP berichtet. Die Daten zu Trastuzumab Deruxtecan plus Placebo bleiben bis zur endgültigen Analyse des progressionsfreien Überlebens verblindet. Zum Stichtag (26. Februar 2025) betrug das mediane progressionsfreie Überleben 40.7 Monate unter der Kombination aus Trastuzumab Deruxtecan und Pertuzumab (383 Patienten) sowie 26.9 Monate unter THP (387 Patienten) (Hazard Ratio für Progression oder Tod: 0.56; 95 %-Konfidenzintervall [KI]: 0.44 bis 0.71; p < 0.00001 [p-Wert-Grenze für Überlegenheit: 0.00043]). Die Inzidenz eines bestƤtigten Ansprechens betrug 85.1 % unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und 78.6 % unter THP (vollstƤndiges Ansprechen bei 15.1 % bzw. 8.5 %), mit einer medianen Ansprechdauer von 39.2 Monaten bzw. 26.4 Monaten. Die Sicherheit entsprach den bekannten Profilen der einzelnen Behandlungen. Die Inzidenz von unerwünschten Ereignissen des Grades 3 oder hƶher betrug 63.5 % unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und 62.3 % unter THP. Am hƤufigsten traten unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab Neutropenie, HypokaliƤmie und AnƤmie sowie unter THP Neutropenie, Leukopenie und Diarrhoe auf. Eine bestƤtigte, arzneimittelbedingte interstitielle Lungenerkrankung oder Pneumonitis trat bei 12.1 % der Patienten unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab (Grad 1 oder 2 bei 44 Patienten und Grad 5 [Tod] bei zwei Patienten) auf, wƤhrend es unter THP nur 1.0 % waren (alle Grad 1 oder 2).

Schlussfolgerungen

Bei der Erstlinienbehandlung von HER2-positivem, fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs führte Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab zu einem signifikant geringeren Risiko für Progression oder Tod als THP, ohne dass neue Sicherheitssignale auftraten. (Finanziert von AstraZeneca und Daiichi Sankyo, DESTINY-Breast09, ClinicalTrials.gov-Nummer NCT04784715).

Kommentar

Das sind sehr eindrucksvolle Zahlen zur Wirksamkeit von Trastuzumab-Deruxtecan. Die entscheidende Frage für die Praxis ist, wie wir dieses Medikament am besten einsetzen. Dazu gehören folgende Fragen: Welche Patientinnen sollen Trastuzumab-Deruxtecan als Erstlinienbehandlung erhalten? Wie lange soll das Medikament gegeben werden, wenn die Krankheit gut kontrolliert ist? Wohl nicht so, wie es in dieser Registrier-Firstline-Studie gemacht wurde, die ein Modell darstellt, um die Wirksamkeit bestmöglich und am sichersten zu beweisen. In der Studie wurde Trastuzumab-Deruxtecan + Pertuzumab offenbar über im median dreieinhalb Jahre kontinuierlich verabreicht. Das ist sicher keine gängige Praxis, zumindest nicht in unserer Umgebung. Zudem warten wir auf die Beantwortung der Frage, ob Pertuzumab bei dieser Behandlung essentiell und relevant ist. Es darf daran erinnert werden, dass Trastuzumab-Deruxtecan ohne Pertuzumab in der zweiten Therapielinie (Destiny-Breast03) ein medianes progressionsfreies Überleben von 29 Monaten erreichte. Diese Patientinnen erfreuten sich während der langen Zeit der Antikörpererhaltungstherapie ohne Chemotherapie einer sehr guten Lebensqualität. Und last but not least müssen auch die Kosten berücksichtigt werden.

Um den optimalen Einsatz dieses sehr wirksamen Medikaments bei fortgeschrittenem Brustkrebs zu bestimmen, müssen diese Fragen untersucht und beantwortet werden.

Quelle
Tolaney et al.Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab for HER2-Positive Metastatic Breast Cancer. New Engl J Med. Published October 29, 2025.
DOI: 10.1056/NEJMoa2508668.

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

Behandlung chronischer Wunden in der Praxis

Die Behandlung chronischer Wunden in der Praxis ist ein häufiges aber oft frustrierendes Unterfangen. Entscheidend ist es, die Wunde als Symptom einer Grunderkrankung zu sehen. Diese zu behandeln, ist eine absolute Bedingung für eine erfolgreiche Wundheilung. Die lokale Wundbehandlung erfolgt meist interdisziplinär und folgt dem «TIME»-Konzept, wobei das Débridement von Nekrosen und Fibrinbelägen und die Gewährleistung einer die Wundheilung unterstützenden Umgebung mit Hilfe von Wundauflagen im Vordergrund stehen. Bei insuffizientem Ansprechen auf die konservative Lokaltherapie kommen plastisch-chirurgische Massnahmen zum Einsatz, wobei auch eindrückliche komplexe rekonstruktive Massnahmen nur funktionieren, wenn die Grundvoraussetzungen für eine Wundheilung gewährleistet sind.

Treatment of chronic wounds in outpatient practice is a common but often frustrating undertaking. It is crucial to view the wound as a symptom of an underlying disease. Identifying and treating that disease is an absolute prerequisite for successful wound healing. Local wound care is usually interdisciplinary and follows the ā€œTIMEā€ concept, whereby debridement of necrosis and fibrin deposits and creating a supportive environment for wound healing using appropriate dressings are key. If there is insufficient response to conservative local therapy, plastic surgical interventions are often necessary. However even the most complex reconstructive procedures will only be successful, if the basic conditions for wound healing are ensured.
Keywords: Chronische Wunden, Wundtherapie, Wundheilung, TIME-Konzept

Phasen der Wundheilung

Die physiologische Wundheilung verläuft über drei überlappende Phasen: Entzündungs-, Proliferations- und Remodellierungsphase.

Akute Wunden entstehen infolge eines zeitlich begrenzten Traumas, beispielsweise durch Schnitt-, Platz- oder Operationsverletzungen. Bei adäquater Versorgung heilen sie in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen ohne weitere Intervention ab. Fehlen jedoch die Grundvoraussetzungen, dass dieser Prozess reibungslos abläuft, verbleibt die Wunde in der Entzündungsphase.

Von einer chronischen Wunde spricht man, wenn innerhalb von acht Wochen keine Heilungstendenz erkennbar ist. Sie muss vielmehr als Symptom einer Grundproblematik und nicht als eigene Erkrankung gesehen werden.

Stƶrfaktoren der Wundheilung

Die hƤufigsten Stƶrfaktoren einer physiologischen Wundheilung sind vordergründig eine unzureichende Gewebeoxygenierung, bakterielle Belastung, Biofilmbildung, sowie eine gestƶrte Zellmigration. Klinisch werden diese durch arterielle und venƶse Durchblutungsstƶrungen, Druck- und ScherkrƤfte, Infektionen, Ɩdeme, Diabetes mellitus, MangelernƤhrung, Nikotinabusus, sowie die Einnahme immunsuppressiver oder zytotoxischer Medikamente verursacht. Ohne eine Behandlung oder zumindest Optimierung dieser Faktoren wird jede, noch so aufwƤndige (und teure) lokale Behandlung einer chronischen Wunde fruchtlos bleiben.

Differentialdiagnose chronischer Wunden

Im klinischen Alltag überwiegen das Ulcus cruris venosum, arterielle und gemischt-arterielle Ulzera, das diabetische Fusssyndrom, sowie der Dekubitus. Oft ist die Anamnese chronischer Wunden jedoch uneindeutig. So kƶnnen einige Krankheitsbilder den Aspekt und eine suggestive Anamnese für eine chronische Wunde haben, jedoch eine komplett andere Behandlung verlangen. Zur Differentialdiagnose jeder chronischen Wunde, insbesondere bei fehlendem Therapieansprechen innerhalb von 2–4 Wochen, gehƶren:
• Autoimmunerkrankungen (Vaskulitiden, Lupus etc.),
• Pyoderma gangraenosum,
• maligne Entartungen (z. B. Marjolin-Ulkus),
• seltene Infektionen (z. B. Tropical ulcer),
• Drug-induced Skin Reactions (z. B. Marcoumar oder Steroide)
• faktitiƶse Wunden

Diagnostik in/aus der Praxis

Die meisten Abklärungen für die Erstdiagnostik einer chronischen Wunde können gut in der Praxis durchgeführt oder veranlasst werden.
Für die klinische Wundbeurteilung ist die Dokumentation von Grösse, Tiefe, Exsudat, Wundrand, Wundumgebung und allfällig exponierte tiefere Strukturen (Knochen, Sehnen, Muskelfaszie) relevant. Hilfreich ist auch eine gute Fotodokumentation zur Verlaufsbeurteilung.

Zur weiteren BasisabklƤrung gehƶren:
– GefƤssstatus (ABI, Duplex), ev. Angiographie
– Labor: HƤmatogramm, Infektparameter, HbA1c,
Proteinhaushalt (Albumin/PrƤalbumin), Vitamine/Spurenelemente (Zink, Selen, B12, FolsƤure)
– Wundabstrich (aus dem Wundgrund)
– Biopsie (immer aus dem Wundrand und nicht dem
Zentrum der Wunde)
– Rƶntgen/MRI (Frage nach Osteomyelitis)
– Vorliegen von Druck-/ScherkrƤften (schlechtes Schuhwerk, Lagerung/Sitzpolster bei Rollstuhlpatienten etc.)

Kausale Therapie als Voraussetzung der Heilung

Wurden die Grundursachen der Wunde identifiziert, ist deren Behandlung oder zumindest Optimierung vordergründig. Dazu zählen die Verbesserung der arteriellen Durchblutung (gegebenenfalls interventionell), die konsequente Druckentlastung (Spezialschuhe/Einlagen, Druckpolster), die Kompressionstherapie und die manuelle Lymphdrainage, die Optimierung der Stoffwechsellage (Einstellung des Blutzuckerspiegels, Ernährungsberatung, Substitution von Mängeln) sowie die Behandlung lokaler oder systemischer Infektionen.

Lokale Behandlung chronischer Wunden in der Praxis

Die lokale Behandlung chronischer Wunden ist oft pflegerisch sehr aufwƤndig und fordert sowohl vom Patienten als auch von den Fachpersonen viel Geduld. Entsprechend ist eine Ā«ArbeitsteilungĀ» mit einem interdisziplinƤren Team, bestehend aus Ƅrzten (Grundversorger, Chirurgen oder andere Fachspezialisten), Wundexperten/Pflegefachperson und Physiotherapeuten, unumgƤnglich.

Die moderne Wundtherapie orientiert sich am TIME-Konzept: Tissue (DƩbridement), Infection/Inflammation (Keimkontrolle), Moisture (Exsudatmanagement) und Edge (Fƶrderung der Epithelisierung) (1).

Insbesondere beim DĆ©bridement wird oft zu zƶgerlich vorgegangen. Allgemein gilt: sƤmtliches infiziertes und/oder nekrotisches Gewebe muss entfernt werden. Dies auch wenn es sich hierbei um eine grundsƤtzlich relevante anatomische Struktur handelt (z. B. Haut, Sehne oder Muskel). WundbelƤge, beispielsweise Fibrin, sowie feuchtes, nekrotisches Gewebe sind ein ausserordentlich guter NƤhrboden für Bakterien, weshalb ein radikales, manchmal auch wiederholtes DĆ©bridement für die Heilung entscheidend ist. Kleinere Nekrosen oder FibrinbelƤge kƶnnen gut ohne AnƤsthesie oder nur in LokalanƤsthesie in der Praxis entfernt werden.

Ablauf einer typischen Wundbehandlung: (Tab. 1)

1. Beurteilung und Dokumentation
2. Spülung/Nassphase (keine Angst vor Leitungswasser!)
3. DƩbridement
4. Wundrandschutz
5. Auflage
6. Fixation

Wundauflagen

Die Infektionskontrolle, das Exsudatmanagement und die Fƶrderung der Epithelisierung kƶnnen durch die korrekte Wahl von Wundauflagen wesentlich gefƶrdert werden. Die Plethora an Wundauflagen auf dem Markt ist überwƤltigend, was darauf hinweist, dass es keine Ā«besteĀ» Wundauflage gibt. Je nach Wundsituation kommen SchaumverbƤnde, Alginate, Hydrogele, Hydrokolloide oder antimikrobielle Auflagen (z. B. Silber, Iod) zum Einsatz. Die Auswahl richtet sich nach der Wundphase und der Exsudatmenge (Tab. 2).

«Neuere» alternative Wundauflagen

Moderne dermale Matrizes bzw. DermisƤquivalente für chronische Wunden umfassen heute vor allem Kerecis, azellulƤre dermale Matrizes und kollagenbasierte, proteasemodulierende Systeme. Kerecis ist eine azellulƤre Fischhautmatrix (Kabeljau) mit natürlichem Kollagen und Omega-3-FettsƤuren. Sie dient als biologisches 3-D-Gerüst zur Zellmigration und GefƤssneubildung. Ƅhnlich funktionieren auch azellulƤre dermale Matrizes aus humaner Spenderhaut wie AlloDermĀ® oder DermaGraftĀ® (dezellularisierte ECM), die bei diabetischen Fussulzera und komplexen chronischen Wunden genutzt werden. Xenogene Matrizes wie OasisĀ® (Schweinedarm-Submukosa), IntegraĀ® oder MatridermĀ® (Kollagen-/ECM-Gerüste) fƶrdern Ā­insbesondere die Granulation und spƤtere Epithelisierung bei venƶsen und arteriellen Ulzera.

ErgƤnzend kommen Kollagen- bzw. proteasemodulierende Matrizes wie Promogran PrismaĀ® oder SuprasorbĀ® C zum Einsatz, die überschüssige Proteasen binden und so das gestƶrte Wundmilieu chronischer, vor allem diabetischer und venƶser Ulzera stabilisieren. Alle diese Ā«Advanced MethodsĀ» sind sehr teuer und in der Schweiz streng reguliert. Sie werden deshalb erst eingesetzt, wenn die Ursachenbehandlung erfolgt ist und unter optimaler Standardtherapie über mindestens 6–8 Wochen kein ausreichender Heilungsfortschritt erzielt wurde.

Wann soll die Überweisung zum Chirurgen erfolgen?

Der Verlauf chronischer Wunden ist auch unter besten Voraussetzungen, wie der Name impliziert, langwierig. Entsprechend kann es schwierig sein, den adƤquaten Zeitpunkt für einen Strategiewechsel oder eine Strategieerweiterung zu identifizieren. Generell sollte – unter der Voraussetzung, dass allfƤllige Grunderkrankungen behandelt sind/werden – innerhalb von 3–4 Wochen nach Einleitung einer lokalen Behandlung eine sichtbare Verbesserung zu erkennen sein. Hierzu ist, wie erwƤhnt, die regelmƤssige Fotodokumentation sehr hilfreich. Ist dies nicht der Fall, ist eine konsiliarische Beurteilung durch einen (plastischen) Chirurgen empfehlenswert.

Zu den chirurgischen Massnahmen gehört an oberster Stelle das scharfe Débridement von sämtlichem nekrotischem Gewebe und die Drainage von allfälligen Abszessen, sowie gegebenenfalls die Entnahme von Gewebe-/Knochenbiopsien. Nicht selten wird zur sogenannten Wundkonditionierung vorübergehend eine NPWT-Therapie angewendet. Diese stimuliert die Perfusion und Neovaskularisation sowie die Bildung von Granulationsgewebe. Zudem wird Exsudat direkt abtransportiert, die Keimfreiheit gefördert und tägliche Verbandswechsel vermieden, was insbesondere bei ambulanten Behandlungen von Vorteil ist. Kleinere Wunden können mit NPWT oft ohne weitere Intervention zur Heilung gebracht werden. Bei grösseren Wunden kommen bei oberflächlichen Wunden Hauttransplantate und bei tieferen Wunden, insbesondere mit exponierten tieferen Strukturen wie Knochen oder Sehnen, gestielte oder freie Lappenplastiken zum Einsatz.

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Dr. med. Natasha Forster

Swissparc – Klinik für Plastische Chirurgie
und Dermatologie
Steinentischstrasse 5
8002 Zürich

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Chronische Wunden sind als Symptom einer Grunderkrankung zu verstehen
  • Kausale Therapie steht vor der lokalen Wundbehandlung
  • Bei ungenügendem Therapieansprechen innerhalb 4 Wochen: Differentialdiagnosen ausschliessen, ggf. Chirurgen involvieren
  • Behandlung im Team (Ƅrzte, Wundexperten, PflegefachĀ­personen, Physiotherapie)

1. AWMF S3-Leitlinie Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden aufgrund von peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Diabetes Mellitus oder chronischer venƶser Insuffizienz (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/091-001)
2. European Wound Management Association – The EWMA wound care resource library (https://ewma.org/resource-library)

PrƤkonzeptionsberatung

Die PrƤkonzeptionsberatung (PCC) ist ein strukturierter, mehrstufiger Prozess zur Optimierung der mütterlichen Gesundheit vor Eintritt einer Schwangerschaft. Ziel ist es, durch frühzeitige Erkennung und Modifikation von Risikofaktoren die mütterliche und fetale MorbiditƤt zu reduzieren. Zentrale Elemente sind die Beurteilung des Gesundheitsstatus, die Optimierung von Lebensstil und ErnƤhrung, das Management von Vorerkrankungen sowie die Überprüfung von Impfungen, Medikamenten und Laborparametern. Evidenzbasiert empfohlen sind die Supplementation von FolsƤure, Vitamin D, Jod und – bei Risikokonstellationen – Vitamin B12 sowie ein Screening auf Eisenmangel und AnƤmie. Adipositas, Untergewicht, Bewegungsmangel und Substanzkonsum beeinflussen FertilitƤt und Schwangerschaftsausgang wesentlich. Der Impfstatus (MMR, Varizellen, Hepatitis B, COVID-19) sollte prƤkonzeptionell überprüft werden. Frauen mit chronischen Erkrankungen profitieren von interdisziplinƤrer Beratung; psychosoziale, genetische und arbeitsplatzbezogene Risiken sind ebenso zu berücksichtigen. PCC ist somit ein zentrales Element prƤventiver Frauenmedizin und sollte integraler Bestandteil jeder gynƤkologischen Betreuung sein.

Preconception care (PCC) is a structured, multi-step process designed to optimize maternal health before conception. Its aim is the early identification and modification of risk factors to reduce maternal and fetal morbidity. Core components include assessment of general health, optimization of lifestyle and nutrition, management of pre-existing conditions, and review of vaccinations and medications. Evidence supports supplementation with folic acid, vitamin D, iodine, and—where indicated—vitamin B12, alongside screening for anemia and iron deficiency. Obesity, underweight, physical inactivity, and substance use substantially affect fertility and pregnancy outcomes. Vaccination status (MMR, varicella, hepatitis B, COVID-19) should be reviewed prior to conception. Women with chronic diseases benefit from interdisciplinary and individualized counseling. Psychosocial, genetic, and occupational risks must be addressed. PCC thus constitutes a cornerstone of preventive women’s health and should be embedded in routine gynecologic care.
Keywords: PrƤkonzeptionsberatung, maternale und fetale PrƤvention, reproduktive Risiken, interdisziplinƤre Betreuung

Kürzlich erschien der SGGG-Expertenbrief «Präkonzeptionsberatung». Dieser ist deutlich umfangreicher als andere Expertenbriefe, da er sehr viele Gesundheitsthemen umfasst.

Die Präkonzeptionsberatung hat eine hohe Relevanz für die Gesundheit von Mutter und Kind und reicht thematisch über die Gynäkologie und Geburtshilfe hinaus. Erstaunlicherweise gibt es kaum vergleichbare Leitlinien in der Literatur.

Der Erstautor stellt hier den neuen Expertenbrief vor und fasst die wichtigsten Punkte zusammen. Details und eine ausführlichere Literatursammlung finden sich im Original-Expertenbrief.

Bedeutung der PrƤkonzeptionsberatung

Eine PrƤkonzeptionsberatung sollte idealerweise beginnen, bevor eine Schwangerschaft konkret geplant oder die Kontrazeption beendet wird. Da rund die HƤlfte aller Schwangerschaften ungeplant ist und ungeplante VerlƤufe mit erhƶhter maternaler und fetaler MorbiditƤt assoziiert sind, sollte die Beratung frühzeitig erfolgen. Zahlreiche Interventionen – etwa ErnƤhrungsanpassung, Gewichtsnormalisierung oder Impfungen – benƶtigen Wochen bis Monate, um wirksam zu werden. Eine einfache Leitfrage (Ā«Mƶchten Sie im kommenden Jahr schwanger werden?Ā») kann den Einstieg in die Beratung erleichtern.

Modifizierbare Risikofaktoren und prƤventive Massnahmen

Das Alter spielt eine wesentliche Rolle: Ab etwa 30 Jahren nimmt die FertilitƤt allmƤhlich ab, nach 35 Jahren deutlich stƤrker. Gleichzeitig steigen die Raten von Aborten und Aneuploidien signifikant. Im Alter von 25–29 Jahren betrƤgt das Fehlgeburtsrisiko etwa 12 %, mit 40–44 Jahren rund 50 % (1). Auch hƶheres vƤterliches Alter ist mit lƤngerer Konzeptionszeit, erhƶhter Abortrate und genetischen Mutationen assoziiert. Frauen sollten unabhƤngig vom aktuellen Kinderwunsch darüber informiert sein, dass sich die FertilitƤt nach 35 Jahren deutlich verringert und eine AbklƤrung bei unerfülltem Kinderwunsch nach 12 Monaten (< 35 J.) bzw. 6 Monaten (> 35 J.) empfohlen ist (2). Wenn die Frau unter 40 Jahre alt ist und das Paar regelmƤssig ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, werden 80 % aller Paare innerhalb eines Jahres schwanger.

Ein normales Kƶrpergewicht ist bereits vor Eintritt der Schwangerschaft wünschenswert, da sowohl Adipositas als auch Untergewicht mit einer erhƶhten maternalen und fetalen MorbiditƤt assoziiert sind. Übergewichtige und adipƶse Frauen (BMI ≄ 25 bzw. ≄ 30 kg/m²) haben ein deutlich erhƶhtes Risiko für InfertilitƤt, Aborte, Gestationsdiabetes, PrƤeklampsie, Makrosomie und Frühgeburt. Schon eine Gewichtsreduktion um zehn Prozent kann diese Risiken senken. Bei sehr hohem BMI kƶnnen bariatrische Verfahren oder GLP-1-Rezeptoragonisten erwogen werden, wobei letztere in der Schwangerschaft kontraindiziert sind und daher eine sichere Kontrazeption erfordern. Aufgrund des erhƶhten Risikos für unerkannten Diabetes ist ein HbA1c-Screening (Ziel < 5,7 %) sinnvoll. Nach bariatrischer Operation sollte eine Schwangerschaft frühestens nach zwƶlf Monaten geplant und interdisziplinƤr betreut werden. Untergewicht (BMI < 18,5 kg/m²) ist ebenfalls mit MangelzustƤnden, InfertilitƤt und Fehlgeburten assoziiert; hier sollte gezielt nach Essstƶrungen gefragt und ein BMI > 18,5 kg/m² angestrebt werden.

Regelmässige körperliche Aktivität wirkt präventiv gegenüber Gestationsdiabetes und trägt zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands bei. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten Bewegung mittlerer Intensität pro Woche, vorzugsweise bereits vor der Schwangerschaft. Sportarten mit hohem Verletzungs- oder Sturzrisiko sowie Tauchen sind in der Schwangerschaft zu vermeiden. Auch die Zahngesundheit sollte überprüft und gegebenenfalls vor der Schwangerschaft optimiert werden, da eine Parodontitis mit Frühgeburt und intrauteriner Wachstumsrestriktion assoziiert ist.
Es wird die tƤgliche Einnahme von mindestens 400 µg FolsƤure ab einem Monat vor Konzeption empfohlen, bei Risikokonstellationen (z. B. nach Neuralrohrdefekt, positiver Familienanamnese, unter Antiepileptika, bei Diabetes oder Adipositas) 5 mg tƤglich bis zur 12. SSW (3). Nach bariatrischer Operation sind 800 µg/d angezeigt. ZusƤtzlich sollten Vitamin D (600–800 IE), Jod (250 µg) und – bei vegetarischer oder veganer ErnƤhrung – Vitamin B12 supplementiert werden. Bei Risiko für Eisenmangel sind eine Ferritin- und eine Hb-Bestimmung indiziert; eine generelle Eisensubstitution wird nicht empfohlen. Vegane und vegetarische Kostformen sind grundsƤtzlich mƶglich, erfordern jedoch besondere Aufmerksamkeit für die Zufuhr von Folat, Vitamin B12, Eisen, Omega-3-FettsƤuren (DHA), Calcium, Jod und Zink. Von ketogenen DiƤten oder intermittierendem Fasten wird abgeraten, da diese zu NƤhrstoffmƤngeln und instabiler Blutzuckerregulation führen kƶnnen.

Substanzkonsum sollte bereits prƤkonzeptionell thematisiert werden. Rauchen erhƶht das Risiko für Aborte, Frühgeburtlichkeit und Plazentakomplikationen; ein Rauchstopp kann das Risiko nahezu auf Basisniveau senken. Alkohol gilt als teratogen, eine sichere Dosis existiert nicht, daher wird vƶlliger Verzicht empfohlen. Cannabiskonsum kann die kindliche Entwicklung beeintrƤchtigen und sollte vermieden werden. Für Koffein werden bis zu 200 mg tƤglich – entsprechend etwa ein bis zwei Tassen Kaffee – als unbedenklich angesehen.

Eine präkonzeptionelle Überprüfung des Impfstatus ist obligat. Nach Schweizer Impfplan sollten MMR und Varizellen vollständig dokumentiert (je zwei Dosen bzw. Immunität) und Hepatitis B gemäss Schema oder Serologie gesichert sein; fehlende Impfungen sind vor Konzeption nachzuholen. Je nach aktueller Lage wird auch eine COVID-19-Impfung empfohlen. Bei Frauen mit engem Kontakt zu Kleinkindern sind eine CMV-Serologie bzw. Serothek sinnvoll; zugleich sollten konsequente Hygienemassnahmen zur Transmissionsprophylaxe besprochen werden.

Spezielle Risikokonstellationen

Vorbestehende Erkrankungen (kardio-, nephro-, hämatologisch, rheuma-, endokrin-, neuro-, psychologisch) erfordern eine frühe, interdisziplinäre Präkonzeptionsberatung. Ziele sind: Risikoabschätzung der Grunderkrankung für die Schwangerschaft, Bewertung des Einflusses der Schwangerschaft auf den Langzeitverlauf sowie eine medikationsbezogene Nutzen-Risiko-Abwägung mit ggf. Umstellung auf schwangerschaftskompatible Präparate (z. B. Antihypertensiva, Antiepileptika). Spezifische Konstellationen umfassen u. a. Diabetes (strikte Stoffwechselkontrolle), chronische Hypertonie (Wechsel von ACE-Hemmer/Angiotensin-Rezeptor-Blocker), Schilddrüsenerkrankungen (TSH-Zielbereiche), Epilepsie (Valproat vermeiden; Folsäure 5 mg/d), Thrombophilie (peri-/postpartale Prophylaxe), Multiple Sklerose und Organtransplantation (engmaschige Abklärung, Impfstatus). Retinoide sind wegen Teratogenität strikt zu meiden; bei kosmetischer Anwendung ist aktiv nachzufragen und eine sichere Kontrazeption sicherzustellen.

Eine belastete Schwangerschaftsanamnese lenkt die PrƤvention: Nach Sectio ist ein Intervall von 12–24 Monaten sinnvoll (4). Nach PrƤeklampsie steigt das Rezidiv- und Langzeitrisiko für kardiovaskulƤre Erkrankungen; ein PrƤeklampsie-Screening nach Empfehlung der Fetal Medicine Foundation und eine Aspirin-Prophylaxe je nach Risiko sind zu erwƤgen. Nach einem Gestationsdiabetes ist ein frühes Diabetes-Screening in der Folgeschwangerschaft, entsprechend Expertenbrief 81, indiziert. Nach SpƤtabort/Frühgeburt kommen Progesteron bzw. (situationsĀ­abhƤngig) Cerclage in Betracht. Bei habituellen Aborten ist eine strukturierte AbklƤrung (genetisch, anatomisch, endokrin, Antiphospholipid-Syndrom (APS)) angezeigt; Heparin/Aspirin nur bei APS. Nach einer Wachstumsrestriktion (FGR) oder einem intrauterinen Fruchttod (IUFT) richtet sich die Prophylaxe nach der Ursache (u. a. Aspirin bei uteriner Perfusionsstƶrung).

Gynäkologische Besonderheiten wie Uterusmalformationen, submuköse Myome, Endometriose oder Zervixdysplasie können die Fertilität und den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen; Interventionen erfolgen indikations- und risikobasiert, Übertherapie ist zu vermeiden; HPV-Impfstatus prüfen. In der Familienanamnese rechtfertigen Konsanguinität oder spezifische Ethnien u.U. ein Carrierscreening (v. a. Hämoglobinopathien); bei genetischen Risiken lohnt sich eine genetische Beratung vor einer geplanten Schwangerschaft.

Schliesslich sind Arbeitsplatzexpositionen (physisch, chemisch, infektiologisch) individuell zu beurteilen und Schutzmassnahmen umzusetzen. Psychosoziale Risiken (z. B. Gewalt, psychische Erkrankungen, Substanzabusus, prekäre Lebenslagen, Migration) sollen früh erkannt und adressiert werden, um Mutter und Kind bestmöglich zu schützen.

Dr. med. et MPH Benedict Krischer

Oberarzt Geburtshilfe
Luzerner Kantonsspital Frauenklinik
Spitalstrasse
6000 Luzern

Der Autor hat keine Interessenskonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • PrƤkonzeptionsberatung ist ein wesentlicher Baustein der reproduktiven Gesundheit. Sie beginnt vor Eintritt der Schwangerschaft, adressiert Lebensstil, ErnƤhrung, Impfungen, chronische Erkrankungen sowie psychosoziale und genetische Risiken. Die Beratung ist kein Einzeltermin, sondern ein fortlaufender Prozess im Rahmen jedes Ƥrztlichen Kontaktes.

1. Andersen AMN. Maternal age and fetal loss: population based register linkage study. BMJ [Internet]. 2000 Jun 24;320(7251):1708–12. Available from: https://www.bmj.com/lookup/doi/10.1136/bmj.320.7251.1708
2. Toth B, Baston-Büst DM, Behre HM, Bielfeld A, Bohlmann M, Bühling K, et al. Diagnosis and Therapy Before Assisted Reproductive Treatments. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k Level, AWMF Register Number 015-085, February 2019) – Part 1, Basic Assessment of the Woman. Geburtshilfe Frauenheilkd. 2019 Dec 11;79(12):1278–92.
3. Hanson MA, Bardsley A, De-Regil LM, Moore SE, Oken E, Poston L, et al. The International Federation of Gynecology and Obstetrics (FIGO) recommendations on adolescent, preconception, and maternal nutrition: ā€œThink Nutrition Firstā€ #. International Journal of Gynecology & Obstetrics [Internet]. 2015 Oct 8;131(S4). Available from: https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1016/S0020-7292%2815%2930034-5
4. Hutcheon JA, Nelson HD, Stidd R, Moskosky S, Ahrens KA. Short interpregnancy intervals and adverse maternal outcomes in high‐resource settings: An updated systematic review. Paediatr Perinat Epidemiol [Internet]. 2019 Jan 12;33(1). Available from: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ppe.12518