Flüssigkeitsrestriktion bei Herzinsuffizienz ohne positiven Effekt

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Polypharmazie

1. Einführung

Die Guideline (GL) Ā«PolypharmazieĀ» des Departements für Innere Medizin (DIM) des UniversitƤtsspitals Zürich (USZ) soll Hilfestellung geben, um die Behandlung von Ƥlteren und multimorbiden Patienten zu verbessern. Die GL mƶchte praktische Anleitungen für den optimierten Umgang mit Polypharmazie in dieser vulnerablen Patientenpopulation bereitstellen. Das Vorgehen kann in einen logischen Ablauf von fünf Schritten ( Kap. 2.1. bis 2.5.) gebracht werden.

Für die kritische Evaluation jedes einzelnen Medikamentes mit der Frage, ob es nicht besser abgesetzt oder reduziert werden soll, stellt diese GL einen einfachen Algorithmus vor ( Kap. 3) sowie VorschlƤge für die GesprƤchsführung rund um Ā«DeprescribingĀ» inklusive der Entscheidungsfindung.

In der GL wurde die aktuelle Evidenzlage bei Definition, Epidemiologie, Folgen/Risiken und beim Umgang mit Polypharmazie/Deprescribing berücksichtigt. Zusammenfassend zeigen die Studien, dass durch kritisches Überprüfen von Medikationslisten die Anzahl Medikamente leicht reduziert werden kann. Allerdings ist der Evidenzgrad der Studien weiterhin gering. Der Nutzen solcher Interventionen auf klinisch relevante Endpunkte kann weiterhin nicht zuverlässig nachgewiesen werden. Dies soll aber nicht dazu verleiten, dem individuellen Patienten eine kritische Medikamentenüberprüfung vorzuenthalten.

Die vorliegende DIM-GL verwendet die S3-Leitlinie Ā«MultimedikationĀ» der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (1) als Quell-Leitlinie und weist für ihre Vorgehensweisen bei Polypharmazie die EmpfehlungsstƤrke (Tab. 1) und Evidenzlevels (QualitƤt der wissenschaftlichen Grundlage, Tab. 2) analog deren Klassifizierungssystem aus (zum Beispiel: [A/IIIa] ). Zur Definition, für welche Patientenpopulation die Empfehlungsgrade und Evidenzlevels gelten, siehe ( Kap. 2.1.).

Weitere Informationen zur Methodik der Guideline-Ā­Erstellung des DIM finden sich auf der Homepage www.guidelines-schweiz.ch.

Ausgangslage

• Mit steigendem Alter steigt die Anzahl chronischer Krankheiten, und es resultiert MultimorbiditƤt.
• Wenn multimorbide Patienten unkritisch nach krankheitsspezifischen Guidelines behandelt werden, resultiert daraus eine Polypharmazie (2).
• Im Sinne von evidence-based medicine soll für die Behandlung Ƥlterer und multimorbider Menschen nicht nur die krankheitsspezifische Evidenz, sondern auch die klinische Erfahrung und die individuellen Bedürfnisse der Patienten wegweisend sein (3).
• Um eine bestmƶgliche LebensqualitƤt der multimorbiden Patienten zu erreichen, ist eine Nutzen-Risiko-Bewertung der Behandlung erforderlich, inklusive Priorisierung von Zielen und Massnahmen.

Polypharmazie

Definition
Es gibt keine international anerkannte Definition. Zumeist wird als Polypharmazie die gleichzeitige Einnahme von ≄ 4 oder 5 Medikamenten bezeichnet, wenn sie lƤngerfristig eingenommen werden. Neuere Arbeiten ergƤnzen die numerische Definition mit dem Begriff Ā«problematische PolypharmazieĀ», die sich an der Unangemessenheit und dem Schadenspotenzial orientiert (2).

Epidemiologie
Angesichts der UnschƤrfe bei der Definition erstaunt es nicht, dass auch die Zahlen zur HƤufigkeit (PrƤvalenzen) stark variieren. Weltweit gehen die SchƤtzungen von einem Polypharmazie-Anteil zwischen rund 20 % und 65 % für Ƥltere Menschen ab 65 aus (4).

Folgen/Risiken/Mƶglichkeiten
• Ein Fünftel bis zwei Drittel polypharmazierter, gebrechlicher Ƥlterer Menschen zwischen 65 und 90 erleiden einen Schaden durch die Medikation, der in rund der HƤlfte der FƤlle vermeidbar gewesen wƤre (5).
• Polypharmazie führt zu Nebenwirkungen, die wiederum weitere Medikamente nach sich ziehen (Verordnungskaskaden).
• Polypharmazie verursacht hƤufig unspezifische Beschwerden, z. B. Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, VerwirrtheitszustƤnde, Tremor.
• Mit der Anzahl der Medikamente und der KomplexitƤt der Einnahmevorschriften sinkt die PatientenadhƤrenz (6).
• Polypharmazie verursacht vermehrt Spitaleinweisungen wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW, engl. adverse drug reaction, ADR) von > 10 % der Einweisungen (7).
• Über 50 % der Hospitalisationen von Polypharmazierten wegen UAW sind auf orale Antikoagulantien (OAK)/Thrombozytenaggregationshemmer und Antidiabetika zurückzuführen (8). Allerdings haben diese Substanzen auch ein hohes Nutzenpotenzial. Es geht also darum, bei der Medikationsbewertung das Nutzen-Schaden-Potenzial sorgfƤltig abzuwƤgen ( Kap. 2.3.).

2. Umgang mit Polypharmazie

Eine Vielzahl von randomisiert-klinischen Trials, Reviews und Metaanalysen (9–19) zeigt, dass mittels kritischen Überprüfens von Medikationslisten aufgrund definierter Kriterien und patientenzentrierter Kommunikation, sei es durch eine Ƅrztin/einen Arzt oder durch eine Apothekerin/einen Apotheker ausgeführt, die Anzahl Medikamente leicht reduziert werden kann. Die Sicherheit solcher Interventionen (kein vermehrtes Auftreten adverser Ereignisse) scheint gegeben. Der Evidenzgrad (certainty) ist allerdings gering, und ein Nutzen solcher Interventionen auf klinische Endpunkte wie Hospitalisationen, Stürze oder die MortalitƤt konnte bisher nicht zuverlƤssig nachgewiesen werden.
Dasselbe Bild ergibt sich auch für einzelne Substanzgruppen wie Protonenpumpenblocker (PPI), Benzodiazepine, nicht steroidale Antirheumatika, Opioide, Antidepressiva, Neuroleptika und kardiovaskulƤre Medikamente, insbesondere Antihypertensiva. Eine Reduktion oder ein Absetzen scheint sicher, allerdings ist der Nutzen davon schwierig nachzuweisen. Laufende randomisiert-klinische Studien zu Ā«DeprescribingĀ» ( Kap. 3) von PPI und Statinen mit Schweizer Patienten sollten hinsichtlich Sicherheit und Nutzen mehr Klarheit bringen (20, 21).

Aktuelle Expertengruppen, zum Beispiel die «Special Interest Group» zu Polypharmazie der Europäischen Gesellschaft für Geriatrische Medizin, empfehlen für den Umgang mit Polypharmazie die Kombination aus den folgenden Elementen (22):
• RegelmƤssiges Überprüfen der Medikationslisten, besonders bei gebrechlichen Patienten
• Einsatz validierter Vorgehensweisen und Instrumente
• Einbezug der Lebenssituation der Patienten, ihrer PrƤferenzen, Ziele und Erfahrungen bzw. ihrer Haltung zum Ā«DeprescribingĀ»
• Interprofessionelles Zusammenarbeiten, besonders zwischen Ƅrztinnen/Ƅrzten und Apotheken
In den folgenden Abschnitten stellen wir solche Vorgehensweisen und Instrumente vor.

2.1. Definition der Zielpopulation für die ­nachfolgenden Interventionen

Grundsätzlich sind die nachfolgenden Empfehlungen für alle Patienten mit Polypharmazie sinnvoll. Am meisten lohnen sich die nachfolgenden Interventionen bei Patienten mit hohem Risiko für medikamentenassoziierte Nebenwirkungen, namentlich:

• hƶheres Lebensalter
• besonders hohe Anzahl von Medikamenten (sowie Medikamente mit enger therapeutischer Breite und/oder hohem Interaktionspotenzial)
• Übergangssituationen wie kürzliche Hospitalisation
• Gebrechlichkeit bezüglich kƶrperlicher Funktionen, kognitiver KapazitƤt oder sozialer Situation (Einsamkeit)
Die verschiedenen Leitlinien positionieren sich dazu unterschiedlich (23). Unsere Quell-Leitlinie der DEGAM (1) bezieht ihre Empfehlungen auf Patienten mit Polypharmazie (fünf oder mehr Medikamente dauerhaft) und gleichzeitig drei oder mehr chronischen Erkrankungen und bildet damit diese Risikozielpopulation ab. Dementsprechend gelten die in dieser GL aufgeführten Empfehlungsgrade und Evidenzlevels für diese Patientenpopulation. Es gibt auch andere Definitionen von Multimorbidität, die akute Erkrankungen miteinbeziehen, die wir hier nicht adressieren.

2.2. Bestandsaufnahme und MedikationsĀ­abgleich (Medication Reconciliation)

Erfassung der Medikamente
• Notwendige Voraussetzung für eine Analyse und Optimierung der Arzneitherapie sind die Erfassung/der Abgleich aller eingenommenen Medikamente bei PaĀ­tienten mit Multimedikation. Die Erfassung soll systematisch mindestens 1 × pro Jahr [B/V] oder bei Auftreten von Problemen oder nach Hospitalisation stattfinden, letztere ist eine kritische Schnittstelle für Medikationsfehler (23).

Vorgehen: Der Patient (ggf. eine Bezugsperson) bringt alle Arzneimittel (inkl. Selbstmedikation) und Packungsbeilagen von zu Hause mit (Brown-Bag-Methode) [B/V]. Erfassung in der Patientenakte, anschliessend Medikationsplan (s. u.) aktualisieren. Hinweis: Kann auch durch MPA gemacht werden, je nach Praxisorganisation.
• Die Patienten sollen ihren Hausarzt unverzüglich informieren, wenn andere medizinische Institutionen (Spital, Spezialisten, Notfallarzt) diesen Medikationsplan abgeƤndert haben (z. B. zusƤtzliche Medikamente oder Medikamentenstreichungen).

2.3. Medikamentenbewertung (Medication Review)

Instrumente
Nach der Erfassung aller Medikamente kann gemƤss DEGAM-Leitlinie Ā«MultimedikationĀ» (1) der für die praktische Anwendung modifizierte Medication Appropriateness Index (MAI) (24) als Instrument zur Bewertung deren Angemessenheit eingesetzt werden ( Appendix 1). Die MAI-Leitfragen sind auch relevant für den Prozess des Deprescribing ( Kap. 3).

Es gibt eine Vielzahl von Listen potenziell inadƤquater Medikamente (PIM) für Ƥltere Menschen, welche als InĀ­strumente im Rahmen der kritischen Medikamentenbewertung berücksichtigt werden sollten [A/V]. Die PIM-Listen unterscheiden sich deutlich, z. B. in der Anzahl Medikamentenklassen, welche als PIM klassifiziert werden, oder bei der Berücksichtigung von weiteren Kriterien wie Dosis, Dauer der Einnahme, Nierenfunktion und Medikamenteninteraktionen (25). In einer hausƤrztlichen Patientenpopulation im Alter 65+ waren folgende 5 Medikamentenklassen für die Mehrheit (63.5 %) aller PIM-Verschreibungen verantwortlich (25): Analgetika (26.9 %), PPI (12.1 %), Benzodiazepine- und Z-Substanzen (11.2 %), Antidepressiva (7 %) und Neuroleptika (6.3 %). Für den praktischen Gebrauch im deutschen Sprachraum empfehlen wir die PRISCUS-Liste (https://www.priscus2-0.de/priscus-2.html), die dadurch besticht, dass sie nicht nur von bestimmten PIM abrƤt, sondern auch Alternativen vorschlƤgt.

Interaktionen und Risiko der QT-Zeit-VerlƤngerung
Eine Leitlinie zu Polypharmazie hat nicht den Anspruch, alle Situationen der Medikationssicherheit abzudecken. Dazu gehƶren beispielsweise klinisch relevante Interaktionen oder spezifische Risiken wie die QT-Zeit-VerlƤngerung.

Eine Software zur Überprüfung des Interaktionspotenzials von Medikamenten ist sinnvoll, wenn darin auch Aussagen zur klinischen Relevanz und Empfehlungen zum Management gemacht werden. Die meisten Praxissoftwareanbieter stellen eine Interaktionssoftware zur Verfügung. Wir empfehlen die Aktivierung dieser Software. Alternativ stellt Medscape Reference einen kostenlosen «Interaction Checker» online zur Verfügung (https://reference.medscape.com/drug-interactionchecker).

Für die Einschätzung des Risikos einer QT-Zeit-Verlängerung kann das Suchtool «Crediblemeds» der US-Website For Healthcare Providers nützlich sein (https://crediblemeds.org/healthcare-providers); einmalige Registrierung nötig; kostenfrei).

Medikationssicherheit ist auch ein Bestandteil der Qualitätssicherung und findet sich dementsprechend in einem Modul der Stiftung EQUAM (Stiftung für Qualität und Patientensicherheit) wieder: Mit einer Zertifizierung in diesem Modul können die Praxen ein systematisches Vorgehen bei potenziell gefährlicher Medikation nachweisen (https://www.equam.ch/medikationssicherheit/).

Unterbehandlung
Polypharmazie birgt – paradoxerweise – auch die Gefahr der Unterbehandlung (26). Um dieses Problem bei der Medikamentenbewertung adƤquat zu berücksichtigen, wurde in Irland die sogenannte STOPP/START-Liste entwickelt (27). Die START-Liste weist dabei auf Medikamente hin, die bei vorhandener Indikation eingesetzt werden sollten, sofern keine Kontraindikation besteht. Eine Übersicht dazu findet sich im ( Appendix 2).

2.4. Entscheidungsfindung

Priorisierung [A/IIIa]
• Was ist für den Patienten zurzeit das Wichtigste?
• Welche Beschwerden schrƤnken den Patienten zurzeit im Alltag besonders ein?
• Ā«Was wƤre Ihr grƶsster Wunsch, wenn Sie frei wünschen kƶnnten?Ā»
• Ā«Was ist Ihr konkretes Ziel für die Behandlung?Ā»
• Lebenserwartung und Gebrechlichkeit sollen berücksichtigt werden. Letztere lƤsst sich auf einfache Weise nach dem Schema der Ā«Clinical Frailty ScaleĀ»
(https://www.dggeriatrie.de/images/Bilder/PosterDownload/200331_DGG_Plakat_A4_Clinical_Frailty_Scale_CFS.pdf) (28) einschätzen, welche «Frailty» auf einer Skala von 0 (sehr fit) bis 9 (terminal erkrankt) in 9 Kategorien einteilt. Die Einschätzung der «Frailty» spielt eine wesentliche Rolle beim Festlegen von Zielwerten, zum Beispiel bei der Blutdruck- oder Blutzuckereinstellung. Um weniger streng gesetzte Zielwerte zu erreichen, braucht es oft weniger, niedriger dosierte oder gar keine Medikamente.

Kommunikation (Shared Decision Making)
• Behandlung ausführlich erklƤren (nicht nur auf Nachfragen reagieren) und sich vergewissern, dass der Patient es verstanden hat [A/V]
• ErklƤren, welcher Nutzen zu erwarten ist, welche Risiken bestehen. Welche Probleme/Nebenwirkungen kƶnnen auftreten, und was ist dann zu tun?
• Gemeinsam Nutzen und Risiken einer Behandlung entlang der PrƤferenzen und Werte des Patienten abwƤgen
• Gemeinsam eine Entscheidung treffen
• Gemeinsam einen konkreten Plan zur Umsetzung entwickeln
• Medikationsplan aktualisieren und ausdrucken [A/V]
• Kontrolltermin vereinbaren, mit der Zusicherung, abgesetzte/reduzierte Medikamente wieder starten zu kƶnnen, falls nƶtig (vermittelt Sicherheit) [B/V]
• Hinweise geben, welche Medikamente nicht eigenstƤndig abgesetzt, pausiert oder in der Dosierung verƤndert werden sollen

Ein «Shared Decision Making»(SDM)-Gespräch lässt sich zwanglos in nachfolgende drei Phasen strukturieren (29). Eingangs sollte jedoch geklärt werden, ob seitens des Patienten überhaupt der Wunsch nach SDM besteht. SDM ist kein «Allheilmittel» für alle Patienten.

1. Schritt «team talk»: Der Arzt ermutigt den Patienten, zusammenzuarbeiten und gemeinsam eine Entscheidung zu finden, die auf die individuellen Bedürfnisse und Ziele zugeschnitten ist. Dies gilt in den Fällen, in denen grundsätzlich mehrere Therapieoptionen bestehen.
2. Schritt «option talk»: Die verschiedenen Optionen werden mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen vorgestellt und erörtert.
3. Schritt «decision talk»: Entscheidungsgespräch, bei dem Patientenpräferenzen erhoben und verwendet werden, um die bevorzugte Option auszuwählen.
In der Krankenakte sollte dokumentiert werden, wenn sich Arzt und Patient im gemeinsamen Entscheidungsprozess bewusst gegen eine nach Leitlinien für den Patienten empfohlene Massnahme entschieden haben (z. B. im Hinblick auf die Multimedikation, VertrƤglichkeit oder individuelle PrƤferenz).

2.5. Erstellen eines Medikationsplanes

Medikationsliste
Die Medikamentenliste soll mindestens enthalten
• Name und Alter
• Medikament (Handelsname) und Dosierung
• Einnahme (Mo–Mi–Ab–Na)
• Zu jedem Arzneimittel sollte ein Hinweis in verstƤndlicher Sprache stehen, für welche Erkrankung es eingesetzt wird [A/V]
• Vermerk: Bitte bei jedem Arztbesuch mitbringen!

Optional sind folgende Informationen
• Allergien/UnvertrƤglichkeiten
• Generikaname
• Identa-Abbildung
• Name und Kontaktdaten des Verschreibers
• Besondere EinnahmemodalitƤten (vor/wƤhrend/nach Mahlzeiten, welche Medikamente nicht gleichzeitig einnehmen etc.)
• Besondere Einnahmedauer (v. a. Datum des geplanten Absetzens)
• QR-Code und digital hinterlegte Informationen

3. Deprescribing

Garfinkel hat einen AbklƤrungsalgorithmus entwickelt, anhand dessen sich Polypharmazie bei Hochbetagten reduzieren lƤsst (30). Eine Arbeitsgruppe am Institut für Hausarztmedizin der UniversitƤt Zürich hat eine vereinfachte Version für die Anwendung in der Hausarztpraxis entwickelt und getestet (31) (Abb. 1).

Beachte: Ablehnung/Skepsis gegenüber Deprescribing
Nicht alle Patienten sind ohne Weiteres einverstanden mit dem Absetzen oder Reduzieren ihrer «gewohnten» Medikamente: In der oben erwähnten Studie (31) lehnte rund ein Viertel der Patienten den Deprescribing-Vorschlag ihres Arztes ab. Eine Vielzahl von Gründen für diese ablehnende Haltung ist beschrieben, wobei sich die Argumente und Sorgen hausärztlicher Patienten in der Schweiz im Vergleich zum internationalen Kontext nicht wesentlich unterscheiden (32, 33). Die wichtigsten davon sind:
• Eine konservative Grundhaltung mit Angst vor VerƤnderungen, in diesem Fall vor der VerƤnderung der Medikation
• Konfirmations-Bias: Das Weiterführen der Medikation bestƤrkt mich in der Wahrnehmung, dass die Medikation gut ausgewƤhlt wurde und die richtige für mich ist. Eine VerƤnderung stellt diese bisherige positive Wahrnehmung infrage.
• Angst vor Entwertung: der Eindruck, dass die Reduktion der Medikamente Ausdruck davon ist, dass es sich nicht mehr lohne, für mich Geld auszugeben
• Fragmentierte Betreuung mit verschiedenen Verschreibern und entsprechenden LoyalitƤtskonflikten: Wenn mir Medikamente von Arzt A verschrieben wurden und jetzt ein anderer Arzt diese infrage stellt, dann wird damit gleichzeitig die Kompetenz von Arzt A angezweifelt. Diesen Zweifeln mƶchte ich als Patient ausweichen.
• Angst vor Rationierung: die Sorge, dass die Reduktion der Medikamente aus rein finanziellen Gründen motiviert ist und nun ausgerechnet bei mir gespart wird

Ƅrztliche Kommunikation bei ablehnender Ā­Haltung des Patienten

Die Kenntnis solcher Hindernisse ist nützlich, um sie bei zögerlichen Patienten anzusprechen und offen zu diskutieren. Oft helfen dabei folgende organisatorische Elemente und Gesprächsinhalte:
• Die Zusicherung, dass ein abgesetztes Medikament jederzeit wieder eingesetzt werden kann, sollte es ohne dieses Medikament schlechter gehen
• Es vermittelt den Patienten Sicherheit, wenn ein kurzfristiger Kontrolltermin vereinbart wird, bei dem die Situation nach Deprescribing nochmals evaluiert wird.
• Eine Medikation, die bisher richtig war, muss nicht unbedingt in Zukunft auch die richtige sein: Das Alter steigt, und neue/mehrere Krankheiten kommen hinzu. Mit der VerƤnderung des Menschen macht auch eine VerƤnderung der Medikation Sinn!
• Die Zusicherung, dass nicht die Kosten, sondern der Schutz vor den gefƤhrlichen Auswirkungen der Überbehandlung/Fehlbehandlung das Ziel der Bemühungen ist
• Die Bereitschaft, mit anderen Verschreibern zu kommunizieren, um einen Konsens zur Behandlung (und speziell zum Absetzen eines Medikamentes) zu finden

Deprescribing-Algorithmen

Für einige Substanzklassen, bei denen der unangemessene Einsatz ein Thema ist, hat eine kanadische Gruppe Deprescribing-Algorithmen entwickelt, beispielsweise zu Protonenpumpenblockern, blutzuckersenkenden Medikamenten, Antipsychotika, Benzodiazepinen oder Antidementiva: (https://deprescribing.org/resources/deprescribing-guidelines-algorithms/)

Stefan Neuner-Jehle 1, Andrea Rosemann 2, Oliver Senn 1

1 Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich, Schweiz
2 Departement für Innere Medizin, Universitätsspital Zürich, Schweiz

Abkürzungen
ACE Angiotensin Converting Enzyme
ADR adverse drug reaction
ARB Angiotensin-Rezeptor-Blocker
CFS Clinical Frailty Scale
DEGAM Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin
DMARD Disease-Modifying Anti-Rheumatic Drug
eGFR geschƤtzte glomerulƤre Filtrationsrate
FRID Fall Risk Inducing Drugs (sturzinduzierende Medikamente)
GERD gastrointestinale Refluxerkrankung i. v. intravenƶs
KHK koronare Herzkrankheit
LABA langwirksamer Beta-2-Agonist
LAMA langwirksam muskarinerger Antagonist
MRA Mineralocorticoid-Rezeptor-Antagonist
OAK orale Antikoagulantien
PIM potenziell inadƤquate Medikamente
PPI Protonenpumpenblocker
NSAR nicht steroidale Antirheumatika
SDM Shared Decision Making
SGLT2-Inhibitoren Sodium glucose linked transporter 2-Hemmer
SNRI selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
SSRI selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
VHF Vorhofflimmern
UAW unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Historie
Manuskript eingegangen: 06.11.2025
Angenommen nach Revision: 20.01.2026

Appendix

Stefan Neuner-Jehle (1), Andrea Rosemann (2), Oliver Senn (1)

1 Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich, Schweiz
2 Departement für Innere Medizin, Universitätsspital Zürich, Schweiz

Dr. med. Andrea Rosemann

Leiterin Guidelines |
OberƤrztin, FachƤrztin Kardiologie,
Angiologie, Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Institut für Hausarztmedizin
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

andrea.rosemann@usz.ch

Prof. Dr. med. MPHStefan Neuner-Jehle

Institut für Hausarztmedizin
Universität und UniversitätsSpital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

Prof. Dr. med. MPHOliver Senn

Institut für Hausarztmedizin
Universität und UniversitätsSpital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

oliver.senn@usz.ch

Die Autorenschaft hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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(Chemo-)Präventive Strategien beim Hautkrebs: Wissensstand und Konsequenzen für die Praxis

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Moderne Therapie des Diabetes Typ 2: 3 Medikamente und 3 Ziele

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Der etwas andere Nackenschmerz

Anamnese

Ein 77-jähriger Patient präsentierte sich in der Notaufnahme aufgrund von seit mehreren Tagen bestehenden, atraumatischen Nackenschmerzen auf der linken Seite, welche bei Anhebung des linken Arms in die linke Schulter ausstrahlten. Zwei Tage vor der Vorstellung bemerkte der Patient eine leichte Schwellung im Bereich des linken M. pectoralis major und supraclavikulär links. Des Weiteren fiel ihm eine dezent prominentere Venenzeichnung am linken Arm auf. Der Patient verneinte das Vorliegen anderer Symp­tome (inkl. B-Symptome). In Bezug auf Risikofaktoren berichtete der Patient von einem vor 40 Jahren sistierten Nikotinkonsum (insgesamt 20 Pack Year). Weitere relevante Vorerkrankungen waren nicht bekannt.

Befunde

Die klinische Untersuchung ergab im linken Hals- und Armbereich eine dezente Schwellung des supraclavicularen Weichteilgewebes sowie eine leicht vermehrte Venenzeichnung der V. cephalica links. Laboranalytisch war einzig der CRP-Wert von 100 mg/l auffƤllig.

Zur weiteren AbklƤrung wurde eine Ultraschalluntersuchung der linken Halsregion durchgeführt. Hierbei zeigte sich im Bereich der linken Vena jugularis eine intravasale, echoreiche Struktur, die sich unter Druck des Schallkopfes nicht komprimieren liess (Abb. 1).

Aufgrund des Verdachts auf eine TVT der Vena jugularis erfolgte eine CT-Bildgebung der Hals- und Thoraxregion mit venƶser Kontrastmittelphase. Die CT-Untersuchung bestƤtigte die Diagnose einer Thrombose im distalen Abschnitt der V. jugularis interna links. ZusƤtzlich wurde eine TVT der V. subclavia links, der V. axillaris links sowie der V. brachiocephalica links nachgewiesen, ohne Anhaltspunkte einer externen Kompression (Abb. 2 und Abb. 3).

Differenzialdiagnostische Überlegung

Die Differenzialdiagnose der Symptomatik einer einseitigen Schwellung im lateralen Halsbereich und vermehrter Venenzeichnung am Oberarm umfasst mehrere Erkrankungen, die berücksichtigt werden müssen. Eine häufige Ursache ist die Thrombose der Vena jugularis interna (VJI), bei der es zu einer lokalen Schwellung im Halsbereich kommt und die Nackenschmerzen auslösen kann. Die Schwellung kann simultan mit einer vermehrten Venenzeichnung am Oberarm auftreten, insbesondere wenn die TVT den venösen Rückfluss in die obere Hohlvene beeinträchtigt. Ebenso kann eine TVT der V. subclavia ähnliche Symptome hervorrufen, da ebenfalls der Blutrückfluss im Arm behindert wird.

Eine weitere Differenzialdiagnose stellt das obere Hohlvenensyndrom (Vena-cava-superior-Syndrom) dar, das durch die Kompression oder Obstruktion der oberen Hohlvene verursacht wird. Eine solche Kompression, beispielsweise durch einen Pancoast-Tumor, der am oberen Rand der Lunge wächst, kann ebenfalls zu einer Schwellung und verstärkten Venenzeichnung im Halsbereich führen.

ZusƤtzlich sollte das Thoracic-outlet-Syndrom (TOS) in Betracht gezogen werden, eine muskulƤr/knƶchern bedingte Kompression von Nerven oder GefƤssen im Bereich des Plexus brachialis. Bei der venƶsen Form des TIS (Thoracic-inlet-Syndrom) kann die V. subclavia oder die V. jugularis interna komprimiert werden, was sich in einer Schwellung und vermehrten Venenzeichnung im oberen Thorax und an den Armen Ƥussern kann.

Ein weiteres Krankheitsbild, das in die Differenzialdiagnostik einbezogen werden muss, ist das Lemierre-Syndrom. Hierbei handelt es sich um eine seltene, oft durch eine Pharyngitis oder Tonsillitis ausgelöste bakterielle Infektion, die zu einer Thrombose der V. jugularis interna führt.

Weitere AbklƤrungsschritte und Verlauf

Zur weiteren AbklƤrung und Therapie wurde der Patient stationƤr aufgenommen. Die initiale antithrombotische Therapie erfolgte mit niedermolekularem Heparin für drei Tage. Eine Indikation für eine Thrombolyse bestand bei der nur leichten Symptomatik nicht (siehe Diskussion). Nach drei Tagen wurde die Therapie auf Rivaroxaban umgestellt (initial 2 × 15 mg/d für drei Wochen, anschliessend 1 × 20 mg/d). Geplant wurden angiologische Folgekontrollen nach sechs Wochen sowie nach drei und sechs Monaten.

Zur Ursachenabklärung wurden während des Krankenhausaufenthalts sowie in den Monaten nach der Diagnosestellung umfassende Untersuchungen zur Malignomsuche und Thrombophilieabklärung durchgeführt. Die hämatologischen Tests zeigten keine Anzeichen einer erhöhten Thromboseneigung. Ebenso wiesen die durchgeführten bildgebenden Verfahren, darunter eine ergänzende CT-Untersuchung der Hals- und Beckenregion, die Protein-elektrophorese, Immunfixation, Leichtkettenbestimmung, Gastroskopie, Koloskopie und der Schilddrüsenultraschall, keine Hinweise auf eine maligne Erkrankung auf.

Sechs Monate nach Erstvorstellung stellte sich der Patient erneut auf dem Notfall vor, jedoch aufgrund einer Ma­krohämaturie. Im Rahmen der weiteren urologischen Abklärungen wurde beim Patienten ein nicht muskelinva­sives Urothelkarzinom (pTis/pTa) ohne Nachweis von Lymphknoten- oder Fernmetastasen gefunden. Das lokal wachsende Urothelkarzinom wurde zweimalig mittels transurethraler Resektion der Blase (TUR-B) operiert, und eine adjuvante BCG-Immuntherapie wurde eingeleitet.

Diagnosen

Thrombose im distalen Abschnitt der V. jugularis interna links.

Kommentar

Der vorliegende Fall beschreibt eine atypische Lokalisation einer venƶsen Thrombose, die sich initial hauptsƤchlich als Nackenschmerzen prƤsentierte. Die jƤhrliche Inzidenz einer TVT liegt bei etwa 1–2 pro 1000 Personen (1), wobei Thrombosen der oberen ExtremitƤten und der Vena jugularis etwa hundertmal seltener sind als TVT der unteren ExtremitƤten (2). Die Symptomatik bei TVT der oberen ExtremitƤten und der Jugularvenenregion ist hƤufig Ā­unspezifisch. In der Literatur werden Nacken- und Kopf-, aber auch Armschmerzen beschrieben. Seltener treten ƶdematƶse VerƤnderungen im Bereich des M. sternocleidomastoideus sowie eine verstƤrkte Venenzeichnung als Zeichen eines Umgehungskreislaufs auf (3).

Im AbklƤrungsalgorithmus der TVT der unteren ExtremitƤten sind D-Dimere fixer Bestandteil des AbklƤrungsalgorithmus. Je nach Vortestwahrscheinlichkeit, die mit Scores wie dem Wells-Score berechnet werden kann, werden D-Dimere laboranalytisch bestimmt (bei tiefer/mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit). Sind diese erhƶht, wird eine Duplexsonographie durchgeführt. Bei hoher Vortestwahrscheinlichkeit wird die D-Dimere-Untersuchung weggelassen und direkt die sonographische Bildgebung durchgeführt (Abb. 5).

Bei Thrombosen der oberen ExtremitƤten erweisen sich D-Dimere als weniger aussagekrƤftig, insbesondere da Patienten mit Thrombosen der oberen ExtremitƤten hƤufig KomorbiditƤten aufweisen, die mit erhƶhten D-Dimeren einhergehen kƶnnen. Eine Studie von 255 Probanden mit vermuteter Thrombose der oberen ExtremitƤt zeigte, dass die D-Dimer-Diagnostik eine SensitivitƤt von 92 % und eine SpezifitƤt von 60 % aufwies. Die American Society of Hematology (ASH) führt in ihren Leitlinien aus, dass die Vortestwahrscheinlichkeit mithilfe des Constans-Scores berechnet werden kann. In den deutschen Leitlinien der Angiologie wird jedoch relativiert, dass der Verzicht auf bildgebende Verfahren bei niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit (Constans-Score ≤ 1) und normwertigen D-Dimeren nur unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll ist. Diese betreffen nicht hospitalisierte Patienten unter 75 Jahren ohne aktive Tumorerkrankung und ohne Verdacht auf eine TVT der oberen ExtremitƤten, bei denen keine intravenƶse Sonde oder kein intravenƶser Katheter kürzlich eingelegt wurde. Da solche Konstellationen im klinischen Alltag eher selten sind, sollte bei Verfügbarkeit rasch ein Duplexultraschall durchgeführt werden.

Diagnostisches Mittel der Wahl bei Vd. auf eine Thrombose der oberen Extremität bzw. Jugularisvene ist die Duplexsonographie, identisch zur Diagnostik der TVT der unteren Extremität (4). Ergänzend kann zur Beurteilung der Thrombuslast eine venöse CT-Angiographie oder MRT durchgeführt werden.

In der Literatur werden Thrombosen der Vena jugularis sowie Armthrombosen (V. subclavia, V. axillaris, V. brachialis) in primƤre und sekundƤre Thrombosen unterteilt, wobei diese Einteilung international nicht einheitlich definiert ist (4). PrimƤre Thrombosen der oberen ExtremitƤten entstehen entweder im Rahmen eines Thoracic-outlet-Syndroms (TOS) oder idiopathisch. Bei unserem Fall waren weder anamnestische noch radiologische Hinweise auf ein TOS zu finden. Nach aktuellen Studien wird bei etwa 25 % der Patienten mit idiopathischer Thrombose innerhalb eines Jahres eine maligne Neoplasie diagnostiziert, und bei 25–42 % wurde eine HyperkoagulabilitƤt festgestellt (5). Diese Zahlen unterstreichen die Notwendigkeit einer gründlichen Ursachensuche bei der Diagnostik von atypischen Thrombosen, insbesondere auch einer ThrombophilieabklƤrung (Tab. 1) (6).

SekundƤre Thrombosen entstehen in der Regel im Rahmen klar definierter Ursachen wie der Platzierung von zentralvenƶsen Kathetern oder Herzschrittmachern, vorbestehenden malignen Erkrankungen, einer HyperkoagulabilitƤt oder nach Trauma im Bereich des Halses oder Oberarms. Thrombosen der V. jugularis interna kƶnnen auch im Zusammenhang mit dem Lemierre-Syndrom auftreten. Obwohl beim vorliegenden Patienten zu einem spƤteren Zeitpunkt ein malignes Tumorleiden diagnostiziert wurde, bleibt die Ƅtiologie der Thrombose nicht abschliessend geklƤrt. Da es sich beim gefundenen Urothelkarzinom um ein lokal begrenztes, nicht muskelinvasives Karzinom handelt, ist eine systemische Thrombosierung als Tumorkomplikation gemƤss der Literatur unwahrscheinlich (Abb. 4).

Die Therapie von Armthrombosen wird sowohl im angelsƤchsischen Raum (American College of Chest Physicians, ACCP) als auch in Europa (European Society for Vascular Surgery, ESVS) durch Leitlinien geregelt, wohingegen spezifische Richtlinien zur Behandlung von Thrombosen der Vena jugularis bislang fehlen. Generell ist die Evidenz zur Therapie von Thrombosen der oberen ExtremitƤten nur als moderat (Level B) zu bewerten, da bisher keine randomisierten kontrollierten Studien zur Antikoagulationstherapie bei akuten Thrombosen der oberen ExtremitƤt vorliegen (6, 7). In der klinischen Praxis beruhen Therapieentscheidungen bei atypischen Thromboselokalisationen hƤufig auf einer individuellen Anpassung der bestehenden Leitlinien zur Therapie von Thrombosen der unteren ExtremitƤten. Die Eckpfeiler der PrimƤrtherapie bei Thrombosen der unteren ExtremitƤten bestehen aus einer Antikoagulation für mind. 3–6 Monate wie auch aus einer Kompressionstherapie mittels Kompressionsstrümpfen.

Im Fall von primƤren Thrombosen der oberen ExtremitƤten empfehlen sowohl europƤische als auch amerikanische Leitlinien eine Antikoagulation über mindestens drei Monate. Dabei werden subkutan applizierte, niedermolekulare Heparine, Therapien mit intravenƶs appliziertem unfraktioniertem Heparin vorgezogen (Grad 2C). Mehrere kleinere Studien, darunter eine schwedische Untersuchung, zeigten, dass ein Rezidiv einer TVT der oberen ExtremitƤten unter Rivaroxaban bei unter 2 % lag. Dies lƤsst darauf schliessen, dass DOAKs eine sichere und effektive Therapieoption darstellen, insbesondere im ambulanten Setting (8). Für sekundƤre Thrombosen der oberen ExtremitƤten wird in den amerikanischen Leitlinien eine Dauerantikoagulation über mindestens sechs Monate empfohlen, teils auch lebenslang, je nach individueller Risikostratifizierung.

Die kathetergestützte Thrombolyse bzw. kathetergestützte Thrombektomie, die bei TVT der unteren Extremitäten in schweren, symptomatischen Fällen oder auch ausgeprägten iliofemoralen Obstruktionen eine Therapieoption darstellt, spielt in der Therapie der TVT der oberen Extremitäten und der Jugularvenen eine untergeordnete Rolle (9). Sie wird selten zur Thrombuselimination in der akuten Phase sowie zur Symptomlinderung in Erwägung gezogen. Dabei ist die Katheterlyse einer systemischen medikamentösen Lyse vorzuziehen. Die amerikanischen Leitlinien empfehlen eine Thrombolyse insbesondere in den folgenden Fällen:
• schwere Symptomatik bei hƤmodynamisch stabilem Patienten
• Thrombusausdehnung über weite Teile der V. subclavia und V. axillaris
• Symptomdauer von weniger als 14 Tagen
• guter Allgemeinzustand und Lebenserwartung > 1 Jahr
• geringes Blutungsrisiko
Es ist jedoch zu betonen, dass eine Thrombolyse die Antikoagulation nicht ersetzt. Europäische wie auch amerikanische Leitlinien empfehlen eine Antikoagulation nach erfolgter Lyse für mindestens drei Monate (6, 7).

Thomas Reich, Bernhard Blum, Lukas Zimmerli

Klinik für Innere Medizin, Kantonsspital Olten, Olten

Abkürzungen:
CRP C-reaktives Protein
CT Computertomographie
TOS Thoracic-outlet-Syndrom
TUR-B Transurethrale Blasenresektion
BCG Bacillus Calmette-GuƩrin
TVT Tiefe Venenthrombose
MRT Magnetresonanztomographie
ACCP American College of Chest Physicians
ESVS European Society for Vascular Surgery
DOAK Direkte orale Antikoagulantien

Historie
Manuskript eingegangen: 19.03.2025
Angenommen nach Revision: 16.12.2025

PD Dr. med. Lukas Zimmerli

Chefarzt Klinik für Innere Medizin
Kantonsspital Olten
Baslerstrasse 150
4600 Olten

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

• Thrombosen der Vena jugularis und oberen ExtremitƤten verursachen oft unspezifische und nur dezente Symptome.
• Diagnostisches Mittel der Wahl ist die Duplexsonographie der GefƤsse.
• Es besteht eine Einteilung in primƤre und sekundƤre Thrombosen.
• Therapeutische Antikoagulation der Wahl sind niederĀ­molekulare Heparine.

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3. Payrard L, Iten L, DonzƩ J, et al. Unprovoked internal jugular vein thrombosis: a case report and literature review. Thrombosis Journal volume. 2021 Jan 6;19(1):2.
4. Kraaijpoel N, Van Es N, Porreca E, et al. The diagnostic management of upper extremity deep vein thrombosis: A review of the literature. Thromb Res 2017 Aug;156:54-59.
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6. Middeldorp S, Nieuwlaat, Baumann Kreuziger L, et al. American Society of Hematology 2023 guidelines for management of venous thromboembolism: thrombophilia testing. Blood Adv. 2023 May 24;7(22):7101–7138
7. Kakkos SK, Gohel M, Baekgaard N, et al. European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2021 Clinical Practice Guidelines on the Management of Venous Thrombosis. Eur J Vasc Endovasc Surg;2021 Jan;61(1):9-82
8. Schastlivtsev I, Lobastov K, Tsaplin S, et al. Rivaroxaban in the treatment of upper extremity deep vein thrombosis: A single-center experience and review of the literature. Thromb Res;2019 Sep:181:24-28.
9. Chopard R, Albertsen IE, Piazza G, et al. Diagnosis and Treatment of Lower Extremity Venous Thromboembolism: A Review. JAMA 2020;324(17):1765-1776

Schlafstƶrungen und psychische Gesundheit

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