Medikamentƶs induzierte toxische LeberschƤden

Medikamentös induzierte Leberschäden (Drug Induced Liver Injury, DILI) stellen eine wichtige Differenzialdiagnose bei erhöhten Leberwerten dar und zählen in der westlichen Welt zu den häufigsten Ursachen eines akuten Leberversagens. Das klinische Spektrum reicht von asymptomatischen Transaminasenerhöhungen bis zu schweren Verläufen mit Ikterus, Koagulopathie und hepatischer Enzephalopathie. Pathophysiologisch werden dosisabhängige, intrinsische von dosisunabhängigen, idiosynkratischen Leberschäden, welche mit variabler Latenz auftreten, unterschieden. Zunehmend relevant sind zudem immuntherapieassoziierte Leberschäden durch Checkpoint-Inhibitoren. Da DILI eine Ausschlussdiagnose ist, kommt einer strukturierten Diagnostik zentrale Bedeutung zu; auch pflanzliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel sind als Auslöser zu berücksichtigen. Therapeutisch steht das frühzeitige Absetzen des auslösenden Medikaments im Vordergrund, ergänzt in ausgewählten Fällen durch spezifische Behandlungsansätze wie N-Acetylcystein oder Kortikosteroide.

Drug-induced liver injury (DILI) represents an important differential diagnosis in patients with abnormal liver tests and is among the most common causes of acute liver failure in Western countries. The clinical spectrum ranges from asymptomatic elevations of transaminases to severe courses with jaundice, coagulopathy, and hepatic encephalopathy. From a pathophysiological perspective, dose-dependent intrinsic liver injury is distinguished from dose-independent idiosyncratic forms, which occur with variable latency. Liver injury associated with immunotherapy, particularly immune checkpoint inhibitors, has become increasingly relevant. As DILI is a diagnosis of exclusion, a structured diagnostic approach is essential, and herbal products as well as dietary supplements should also be considered as potential causative agents. Therapeutic management primarily consists of early discontinuation of the offending drug, supplemented in selected cases by specific treatments such as N-acetylcysteine or corticosteroids.
Keywords: Medikamentƶse LeberschƤden, Paracetamol, Immuntherapie, pflanzliche PrƤparate, akutes Leberversagen

Einleitung

Medikamentƶs induzierte LeberschƤden (Drug Induced Liver Injury, DILI) sind eine relevante Ursache akuter und subakuter LeberschƤdigungen und stellen eine diagnostische Herausforderung dar. Obwohl DILI lange als selten galt (1 : 10 000–1 : 100 000), zeigen populationsbasierte europƤische Studien eine jƤhrliche Inzidenz von etwa 14–19 FƤllen pro 100 000 Einwohnern (1, 2). Die tatsƤchliche HƤufigkeit dürfte aufgrund nicht erkannter oder nicht gemeldeter milder VerlƤufe hƶher liegen.

Das klinische Spektrum reicht von asymptomatischen Transaminasenerhöhungen bis zu schweren Verläufen mit Ikterus, Koagulopathie, hepatischer Enzephalopathie und Multiorganversagen (3). Die oft unspezifische Symptomatik erschwert die frühzeitige Diagnose. Während milde Verläufe nach Absetzen der Medikation meist vollständig ausheilen, sind schwere hepatozelluläre Verläufe mit Ikterus mit einer relevanten Mortalität assoziiert und erfordern eine rasche Risikostratifizierung. In der westlichen Welt ist DILI für etwa die Hälfte der Fälle des akuten Leberversagens verantwortlich (4, 5).

Pathophysiologisch werden direkte (intrinsische) und indirekte (idiosynkratische) LeberschƤden unterschieden. ZusƤtzlich haben immuntherapieassoziierte LeberschƤden, insbesondere im Rahmen moderner onkologischer Therapien, deutlich an klinischer Bedeutung gewonnen (6–8).

Intrinsische medikamentƶse LeberschƤden

Intrinsische medikamentöse Leberschäden sind dosisabhängig, vorhersehbar und treten typischerweise nach kurzer Latenz von Stunden bis wenigen Tagen auf. Sie betreffen einen Grossteil exponierter Personen, sobald eine toxische Dosis überschritten wird. Der klinisch und epidemiologisch wichtigste Vertreter ist die Paracetamol-assoziierte Leberschädigung, die in Europa und Nordamerika eine der häufigsten Ursachen des akuten Leberversagens darstellt (4, 7).

Paracetamol wird in der Leber überwiegend durch Glukuronidierung und Sulfatierung metabolisiert. Ein kleiner Anteil wird über das Cytochrom-P450-Enzymsystem, insbesondere CYP2E1, zu dem hochreaktiven Metaboliten N-Acetyl-p-benzochinonimin (NAPQI) umgewandelt. Unter physiologischen Bedingungen wird NAPQI rasch durch Glutathion entgiftet. Bei Überdosierung oder verminderten Glutathionreserven kommt es zur Akkumulation von NAPQI, was mitochondriale Dysfunktion, oxidativen Stress und hepatozelluläre Nekrose verursacht (8, 9).

Klinisch wird zwischen einer akuten, meist einmaligen toxischen Überdosierung, hƤufig im Rahmen suizidaler Handlungen, und einer kumulativen Überdosierung über mehrere Tage unterschieden. Die empfohlene maximale Tagesdosis von Paracetamol betrƤgt bei Erwachsenen 4 g und bei Kindern etwa 60 mg/kg KG. Eine schwere HepatotoxizitƤt wird ab einer einmaligen Dosis von etwa 150 mg/kg KG beschrieben. Bei wiederholter Einnahme kƶnnen bereits tƤgliche Dosen von 4–10 g über mehrere Tage zu schweren LeberschƤden führen. Der hepatotoxische Schwellenwert kann durch Faktoren wie chronischen Alkoholabusus, enzyminduzierende Medikamenteninteraktionen (z. B. Isoniazid, Rifampicin), Fasten, systemische Erkrankungen oder einen Glutathionmangel bei Malnutrition oder Anorexie weiter abgesenkt sein.

Der klinische Verlauf ist hƤufig initial symptomarm mit unspezifischen gastrointestinalen Beschwerden. Ein Anstieg von Transaminasen und Bilirubin tritt meist nach etwa 20 Stunden auf, bei schweren VerlƤufen kann sich nach 3–4 Tagen ein akutes Leberversagen entwickeln. Typisch sind sehr hohe Transaminasenwerte, teils über 10 000 U/l. Die Labordiagnostik sollte Transaminasen, Lebersyntheseparameter (INR, Bilirubin, Albumin, Faktor V), Kreatinin, Elektrolyte, Laktat, eine arterielle Blutgasanalyse sowie den Paracetamol-Spiegel umfassen. Eine initiale Behandlung auf einer Überwachungs- oder Intensivstation ist zu empfehlen. Neben der Gabe von Aktivkohle (1–2 g/kg KG bei Vorstellung innerhalb von 4 h) stellt die frühzeitige Gabe von N-Acetylcystein (NAC) die zentrale therapeutische Massnahme dar, idealerweise innerhalb der ersten acht Stunden. NAC wirkt als Antidot durch Bereitstellung von SH-Gruppen und verbessert die Prognose auch bei bereits manifester LeberschƤdigung. In der Regel erfolgt die intravenƶse Gabe nach dem Prescott-Schema, bei wiederholter Überdosierung oder unklarer Einnahmeanamnese auch unabhƤngig vom gemessenen Paracetamol-Spiegel. In schweren FƤllen mit akutem Leberversagen ist eine frühzeitige Evaluation zur Lebertransplantation erforderlich. Zur AbschƤtzung der Transplantationsindikation werden unter anderem die King’s-College-Kriterien herangezogen (4, 10, 11). Durch frühzeitige NAC-Therapie und intensivmedizinische Versorgung kann eine Lebertransplantation in den meisten FƤllen vermieden werden.

Idiosynkratische medikamentöse Leber­schäden

Idiosynkratische medikamentƶse LeberschƤden sind nicht dosisabhƤngig und treten nur bei einem sehr kleinen Anteil exponierter Patienten auf. Die Latenzzeit ist variabel und reicht von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten oder Jahren nach Therapiebeginn. Pathophysiologisch spielen immunvermittelte Mechanismen, genetische PrƤdispositionen sowie pharmakologische Eigenschaften des jeweiligen Medikaments eine zentrale Rolle (8, 12, 13).

Risikofaktoren und Klinik

Zu den beschriebenen Risikofaktoren zƤhlen hƶheres Lebensalter, weibliches Geschlecht, KomorbiditƤten, Polypharmazie sowie genetische Faktoren, insbesondere Assoziationen mit bestimmten HLA-Allelen (z. B. HLA-B*57:01 oder HLA-DRB1-Varianten) (13–15). Diese sind bislang jedoch nicht ausreichend prƤdiktiv für eine individuelle Risikostratifizierung. Insgesamt bleibt die Identifikation klarer Risikofaktoren schwierig, da Art und AusprƤgung der LeberschƤdigung stark vom jeweiligen PrƤparat abhƤngen.
Klinisch prƤsentieren sich die Patienten hƤufig asymptomatisch oder mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Oberbauchbeschwerden. Idiosynkratische LeberschƤden werden in immunallergische Formen mit systemischen HypersensitivitƤtszeichen (z. B. Fieber, Exanthem, Lymphadenopathie) und nicht immunallergische Formen unterteilt. In schweren FƤllen treten Ikterus, Pruritus und Zeichen der Leberfunktionsstƶrung auf.

Diagnostik

DILI ist eine Ausschlussdiagnose; eine sorgfƤltige Medikamenten- und Supplementenanamnese ist essenziell und muss auch frei verkƤufliche PrƤparate und pflanzliche Produkte einschliessen. Dabei sollte gezielt nach neu begonnenen Therapien, DosisƤnderungen und selbstmedizinierten Substanzen gefragt werden. Eine Übersicht hƤufiger und gut charakterisierter auslƶsender Medikamente findet sich in Tab. 1. Die hƤufigsten Substanzen in einem amerikanischen DILI-Register waren Amoxicillin/ClavulansƤure, Isoniazid, Nitrofurantoin, Cotrimoxazol, Minocyclin, Cefazolin, Azithromycin, Ciprofloxacin, Levofloxacin, Diclofenac, Phenytoin, Methyldopa und Azathioprin (absteigende Reihenfolge; (3)). Antibiotika waren auch in einer europƤischen Multicenterstudie die hƤufigsten DILI-Auslƶser; als hƤufigste EinzelprƤparate fanden sich Amoxicillin/ClavulansƤure, Flucloxacillin, Atorvastatin, Nivolumab/Ipilimumab, Infliximab und Nitrofurantoin (16). Eine umfangreiche Übersicht potenziell hepatotoxischer Arzneimittel ist über die Plattform LiverTox verfügbar (www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK547852/).

SchƤdigungsmuster und klinische Bedeutung des R-Werts

Zur weiteren Einordnung hat sich die Bestimmung des R-Werts etabliert, berechnet aus dem VerhƤltnis ALT/ULN zu ALP/ULN. Er erlaubt die Einteilung in hepatozellulƤre (R ≄ 5), cholestatische (R ≤ 2) und gemischte SchƤdigungsmuster (R 2–5). Diese Klassifikation besitzt diagnostische und prognostische Relevanz. HepatozellulƤre Muster sind hƤufiger mit schweren VerlƤufen assoziiert, insbesondere bei zusƤtzlichem Ikterus. Cholestatische VerlƤufe prƤsentieren sich typischerweise mit Pruritus und zeigen meist einen protrahierten, insgesamt jedoch günstigeren Verlauf. Gemischte Muster vereinen Merkmale beider EntitƤten. Entsprechend sollten Differenzialdiagnosen gezielt priorisiert werden, etwa virale Hepatitiden oder ischƤmische LeberschƤden bei hepatozellulƤrem Muster und biliƤre Obstruktionen bei cholestatischem Verlauf (7, 8). Zu beachten ist, dass einzelne Medikamente unterschiedliche Muster verursachen kƶnnen. Ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen ist in Abb. 1 dargestellt.

Therapie und Prognose

Die entscheidende therapeutische Massnahme ist das sofortige Absetzen des auslƶsenden Medikaments. In der Mehrzahl der FƤlle kommt es innerhalb von Wochen bis Monaten zu einer vollstƤndigen Erholung der Leberfunktion. Die Normalisierung der Leberwerte ist auch ein wichtiges Kriterium der KausalitƤtsbeurteilung. Der Verlauf der Leberparameter sollte engmaschig kontrolliert werden, angepasst an Schweregrad, SchƤdigungsmuster und klinische Symptomatik (7, 8). Bei milder AusprƤgung kann nach initialer Kontrolle nach 48–72 h und rücklƤufiger Tendenz eine erneute Kontrolle nach 1–2 Wochen erfolgen, wƤhrend bei Ikterus oder Gerinnungsstƶrung eine sehr enge Überwachung erforderlich ist.

Für hepatozellulƤre SchƤdigungsmuster mit gleichzeitigem Ikterus gilt Hy’s Law: Steigt das Gesamtbilirubin auf mehr als das Zweifache der oberen Normgrenze bei deutlich erhƶhten Transaminasen, betrƤgt das Risiko für ein Fortschreiten bis zum akuten Leberversagen etwa 10 % (8). Auch ein rascher Transaminasenanstieg mit klinischer Verschlechterung ist als Warnsignal zu werten und erfordert die frühzeitige Überweisung an ein hepatologisches Zentrum. Bei Gerinnungsstƶrung oder Zeichen einer hepatischen Enzephalopathie ist eine notfallmƤssige Hospitalisation erforderlich. Die Indikation zur Lebertransplantation wird u. a. anhand kombinierter Kriterien wie den King’s-College- und Clichy-Kriterien geprüft.

In ausgewƤhlten Situationen kann neben dem Absetzen des Medikaments eine spezifische Therapie notwendig sein. Eine akute Valproat-assoziierte HepatotoxizitƤt kann durch frühzeitige Gabe von L-Carnitin günstig beeinflusst werden. Leflunomid-induzierte LeberschƤden sind meist reversibel, kƶnnen jedoch selten progredient verlaufen. Aufgrund der langen Halbwertszeit kann eine Auswaschtherapie mit Cholestyramin erforderlich sein (8). Das sinusoidale Obstruktionssyndrom nach hƤmatologischer Stammzelltransplantation kann in ausgewƤhlten FƤllen auf Defibrotide ansprechen (17). Bei akutem Leberversagen mit hepatischer Enzephalopathie Grad 1–2 kann auch bei idiosynkratischer HepatotoxizitƤt eine intravenƶse Gabe von NAC erwogen werden. Immunallergische Symptome stellen keine generelle Indikation für Steroide dar, bei schwerer systemischer Symptomatik kann jedoch ein zeitlich begrenzter Therapieversuch erfolgen.

Eine besondere Subgruppe ist die autoimmun-ähnliche medikamentös induzierte Hepatitis (DI-ALH), beschrieben u. a. für Minocyclin, Nitrofurantoin, Infliximab, ­Methyldopa oder Hydralazin. Sie weist klinische, serologische und histologische Merkmale einer Autoimmunhepatitis auf. Die Abgrenzung zur primären Autoimmunhepatitis ist diagnostisch anspruchsvoll. In den meisten Fällen bessert sich die Hepatopathie nach Absetzen des Medikaments, eine Persistenz oder Progression ist jedoch möglich. In solchen Fällen kann eine zeitlich begrenzte immunsuppressive Therapie analog zur idiopathischen Autoimmunhepatitis mit Steroiden und ggf. Azathioprin erforderlich sein. Im Gegensatz zur idiopathischen Autoimmunhepatitis treten nach Absetzen der Immunsuppression meist keine Rezidive auf, Nachkontrollen sind jedoch obligat (18).

Eine Reexposition mit einem verdächtigten hepatotoxischen Medikament sollte grundsätzlich vermieden werden, da ein rascheres und schwereres Rezidiv auftreten kann. Eine «Rechallenge» ist nur in Ausnahmefällen vertretbar, etwa bei vitaler Indikation ohne therapeutische Alternative, und erfordert eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung sowie eine umfassende Aufklärung der Patienten (7).

Immuntherapie-vermittelte LeberschƤden durch Checkpoint-Inhibitoren

Mit der zunehmenden Anwendung von Immuncheckpoint-Inhibitoren (CTLA-4-, PD-1- und PD-L1-Antikƶrper) haben immuntherapie-vermittelte LeberschƤden deutlich an Bedeutung gewonnen. Diese durch die Interaktion des Medikaments mit dem Immunsystem bedingte LeberschƤdigung tritt dosisunabhƤngig bei etwa 1–16 % der behandelten Patienten auf. Das hƶchste Risiko besteht bei CTLA-4-Antikƶrpern, insbesondere bei Kombinationstherapien oder Hochdosisregimen (6).

Das klinische Spektrum reicht von milden Transaminasenerhöhungen bis hin zu schweren Hepatitiden mit relevanter Leberfunktionsstörung. Therapeutisch hat sich ein stufenweises Vorgehen etabliert. Bei milden Verläufen stehen engmaschige Kontrollen im Vordergrund, bei moderaten Verläufen wird eine Therapiepause empfohlen, während bei schweren Verläufen der frühzeitige Einsatz systemischer Kortikosteroide indiziert ist. Bei fehlendem Ansprechen kann eine Eskalation mit weiteren Immunsuppressiva, etwa Mycophenolat-Mofetil, erforderlich sein. Dieses Vorgehen entspricht den Empfehlungen internationaler Leitlinien (8, 19) und sollte insbesondere bei höhergradigen Verläufen frühzeitig interdisziplinär abgestimmt erfolgen. Zusätzlich können neben der Hepatopathie weitere immunvermittelte Nebenwirkungen auftreten, die in die therapeutische Gesamtstrategie einzubeziehen sind.

Pflanzliche Produkte und ­Nahrungsergänzungsmittel

Auch pflanzliche Produkte und NahrungsergƤnzungsmittel (Herbal and Dietary Supplements, HDS) konnten als Ursache von DILI identifiziert werden. In den westlichen LƤndern wurde ein deutlicher Anstieg HDS-assoziierter LeberschƤden beschrieben. Nach Daten eines US-amerikanischen DILI-Registers entfallen etwa 16 % der medikamentƶs-toxischen LeberschƤden auf HDS, wƤhrend in ostasiatischen LƤndern wie China, Korea und Singapur der Anteil auf 27–62 % aller DILI-FƤlle geschƤtzt wird. Diese PrƤparate werden hƤufig zur Gewichtsreduktion, Leistungssteigerung oder allgemeinen Gesundheitsfƶrderung eingenommen und nicht immer als relevante Medikation wahrgenommen.

Für die Diagnostik ist eine gezielte Anamnese essenziell. Neben dem Produktnamen sollten Beginn und Dauer der Einnahme, Dosierung, Bezugsquelle sowie die gleichzeitige Einnahme weiterer PrƤparate erfasst werden. Viele Produkte enthalten mehrere pharmakologisch aktive Substanzen oder sind mit nicht deklarierten Inhaltsstoffen kontaminiert. Da HDS hƤufig nicht als Ā«MedikamenteĀ» wahrgenommen werden, werden sie anamnestisch oft nicht spontan angegeben. Hilfreich kann es sein, Patienten zu bitten, die PrƤparate oder entsprechende Fotos mitzubringen. Typische Produkte sind in Tab. 2 zusammengefasst. Aktuell sind mehr als 100 Substanzen mit hepatotoxischen Wirkungen beschrieben. Zu den hƤufigsten Auslƶsern zƤhlen anabole Steroide, Grüntee-Extrakte sowie KombinationsprƤparate zur Gewichtsreduktion. Insbesondere bei pflanzlichen Mischungen ist die Identifikation der verantwortlichen Substanz schwierig. Für einzelne Stoffe bestehen jedoch charakteristische SchƤdigungsmuster, etwa ein prolongierter, meist selbstlimitierender Ikterus bei anabolen Steroiden oder ein sinusoidales Obstruktionssyndrom durch Pyrrolizidinalkaloide aus der traditionellen chinesischen Medizin. Die Mehrzahl der Substanzen manifestiert sich als unspezifische akute Hepatitis. Eine Übersicht potenziell hepatotoxischer Substanzen ist in der Datenbank LiverTox verfügbar (www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK547852/).

Das Absetzen führt meist zur Erholung, schwere Verläufe bis hin zum akuten Leberversagen sind jedoch beschrieben (12, 20, 21).

Zusammenfassung

Medikamentös induzierte Leberschäden sind selten, aber klinisch hochrelevant. Eine strukturierte Diagnostik, frühzeitige Risikostratifizierung und das konsequente Absetzen des auslösenden Medikaments sind entscheidend für die Prognose.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Christoph Jüngst

Facharzt für Innere Medizin und
Gastroenterologie mit Schwerpunkt
Hepatologie (FMH) 1, 2
– Gastropark
Seestrasse 90
8002 Zürich
www.gastropark.ch

– Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

christoph.juengst@hin.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • DILI (Drug Induced Liver Injury) ist eine wichtige Differenzialdiagnose erhƶhter Ā­Leberwerte.
  • Die Paracetamol-Intoxikation ist der Prototyp des Ā­intrinsischen DILI und meist gut durch die rasche Gabe von N-Acetylcystein behandelbar.
  • Idiosynkratische DILI kƶnnen durch eine Vielzahl von Ā­Medikamenten ausgelƶst werden, sind unvorhersehbar und erfordern eine strukturierte Ausschlussdiagnostik.
  • Immuntherapie-vermittelte LeberschƤden durch CheckĀ­point-Inhibitoren nehmen in der klinischen Praxis zu, das Ā­Vorgehen richtet sich nach dem Schweregrad der Hepatitis
  • Pflanzliche PrƤparate und NahrungsergƤnzungsmittel sind eine relevante und hƤufig übersehene Ursache von DILI.

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Welche Impfungen werden für Personen ab 65 Jahren empfohlen?

Angesichts der alternden Bevölkerung wird jeder Arzt ältere Patienten behandeln müssen, bei denen ein erhöhtes Risiko besteht, schwere Infektionsformen zu entwickeln und Begleiterkrankungen wie Herzinsuffizienz oder chronische Lungenerkrankungen zu dekompensieren. Präventionsmassnahmen sind daher unerlässlich. Impfungen sind eine der wirksamsten Strategien. Ab einem Alter von 65 Jahren werden mehrere Impfungen empfohlen. Zwischen Grippe, COVID-19, Gürtelrose, Pneumokokken, Tetanus und dem Respiratorischen Synzytial-Virus ist es nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Dieser Artikel bietet Klinikern praktische Hilfsmittel und Empfehlungen, um die Durchimpfungsrate ihrer Patienten ab 65 Jahren zu verbessern.

With the aging of the population, every healthcare worker will take care of older patients, who are at higher risk of developing severe infections and decompensation of their comorbidities. Preventive measures are therefore essential, and vaccination is one of the most effective strategies. From the age of 65, several vaccines are recommended. With influenza, COVID-19, shingles, pneumococcus, tetanus, and respiratory syncytial virus, it can be confusing. This article provides clinicians with practical tools and recommendations to help improve vaccine coverage among patients aged 65 and older.
Keywords: Vaccine-preventable diseases, Vaccination recommendations, prevention, gerontology, Vaccine hesitancy

Einleitung

Der Anteil der Bevƶlkerung ab 65 Jahren steigt (1). Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) basiert gesundes Altern auf der Erhaltung Ā«der funktionellen FƤhigkeiten, die das Wohlbefinden im fortgeschrittenen Alter ermƶglichenĀ» (2). Impfungen sind eine sichere und wirksame PrƤventionsmassnahme, die zu diesem Ziel beitrƤgt. Menschen ≄ 65 Jahre haben ein erhƶhtes Risiko für schwere Infektionen mit kardiorespiratorischen und neurologischen Komplikationen sowie einem Verlust der SelbststƤndigkeit (3). Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktualisiert jedes Jahr den Impfplan, der teilweise speziell auf diese Bevƶlkerungsgruppe zugeschnitten ist (4). Dennoch ist die Durchimpfungsrate nach wie vor gering, obwohl sie für die Vorbeugung schwerer Erkrankungen in dieser gefƤhrdeten Bevƶlkerungsgruppe von entscheidender Bedeutung ist. Dieser Artikel bietet Ƅrzten praktische Hilfsmittel für die Impfung von Personen ≄ 65 Jahren und aktualisiert die Daten zu konjugierten Pneumokokken-Impfstoffen (PCV) und Impfstoffen gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV).

Impfempfehlungen für Personen ab 65 Jahren

Das Immunsystem verƤndert sich im Laufe des Lebens. Ein Merkmal der Immunoseneszenz sind altersbedingte VerƤnderungen in Anzahl und QualitƤt der angeborenen und adaptiven Immunzellen. Beispiele hierfür sind eine Abnahme der Anzahl naiver B- und T-Zellen, eine Abnahme der Antikƶrperproduktion sowie eine Zunahme der Produktion proinflammatorischer Zytokine. Dadurch kann es zu einer chronischen, leichtgradigen Entzündung kommen, die als ā€žInflammagingā€ bezeichnet wird. Diese VerƤnderungen des Immunsystems erhƶhen das Risiko von Komplikationen im Falle einer Infektion und verringern die Impfantwort (5, 6). Auch wenn die Wirksamkeit der Impfstoffe in dieser Bevƶlkerungsgruppe mƶglicherweise geringer ist, kƶnnen sie dennoch die Schwere der Erkrankung verringern sowie Krankenhausaufenthalte, Komplikationen und MortalitƤt begrenzen (7). Die gemäß dem Impfplan 2025 ab 65 Jahren empfohlenen Impfstoffe sind in Tab. 1 zusammengefasst (4).

Impfstoffe gegen die saisonale Grippe

Personen ab 65 Jahren, die mit dem Grippevirus infiziert sind, haben ein erhƶhtes Risiko, pulmonale, aber auch extrapulmonale Komplikationen zu entwickeln. Der Impfstoff wird jedes Jahr entsprechend den zirkulierenden VirusstƤmmen aktualisiert. Seine Wirksamkeit hƤngt vom Alter, von Begleiterkrankungen, aber auch von der Übereinstimmung zwischen den ausgewƤhlten ImpfvirenstƤmmen und den zirkulierenden VirenstƤmmen ab (8). Um die Immunantwort bei Ƥlteren Menschen zu verbessern, ist ein hochdosierter Impfstoff (HD) erhƤltlich, der viermal mehr HƤmagglutinin-Antigen enthƤlt als ein Standardimpfstoff. Er verstƤrkt die ImmunogenitƤt und senkt das Risiko einer grippebedingten Krankenhausbehandlung bei Personen ≄ 65 Jahren im Vergleich zum Standardimpfstoff um etwa 15 % (9, 10). Der Grippeimpfstoff soll schwere Formen der Infektion, Krankenhausaufenthalte und Komplikationen verhindern, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Sterblichkeit begrenzen (3). In der Schweiz wird der HD-Impfstoff für Personen ≄ 75 Jahre und Personen ≄ 65 Jahre mit Risikofaktoren erstattet (Tab. 1). Grippeimpfstoffe sind sicher und gut vertrƤglich. Im Durchschnitt zeigt 1 von 2 Personen lokale Reaktionen (Schmerzen an der Injektionsstelle, lokale Rƶtung, Schwellung oder VerhƤrtung) und 1 von 3 Personen allgemeine Symptome (Muskelschmerzen, Fieber usw.).

Impfung gegen COVID-19

SARS-CoV-2 ist weiterhin im Umlauf. In der Schweiz wird Personen ab 65 Jahren eine jƤhrliche Impfung gegen COVID-19 im Herbst empfohlen (4). Die Impfung verringert das Risiko schwerer VerlƤufe, Krankenhausaufenthalte, Komplikationen und TodesfƤlle. Der Schutz vor Infektion und Übertragung ist jedoch nach wie vor sehr gering. Laut einer Fall-Kontroll-Studie in England ist die Wirksamkeit gegen Krankenhausaufenthalte im ersten Monat mit ca. 50 % am hƶchsten und nimmt dann allmƤhlich auf ca. 13 % ab (11). Dies unterstreicht die Bedeutung einer jƤhrlichen Wiederholungsimpfung bei Ƥlteren Menschen. Die Impfstoffe werden von dieser Bevƶlkerungsgruppe gut vertragen.

Die Nebenwirkungen ähneln denen des Grippeimpfstoffs, sind in der Regel mild und vorübergehend. Die Verabreichung mehrerer Dosen scheint das Risiko einer langen COVID-Erkrankung zu verringern (12).

Impfstoff gegen Gürtelrose

Gürtelrose steht im Zusammenhang mit der Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV) und Ƥussert sich in der Regel durch einen blƤschenartigen Hautausschlag. Das Risiko einer Reaktivierung des VZV steigt mit zunehmendem Alter: Jeder Dritte erkrankt im Laufe seines Lebens an Gürtelrose, jeder Zweite nach dem 85. Lebensjahr (13). Die hƤufigste Komplikation ist die postherpetische Neuralgie, die zu einer Mehrfachmedikation, Depressionen und einem Verlust der SelbststƤndigkeit führen kann. Es kƶnnen auch ophthalmologische und neurologische Komplikationen auftreten (14). Der rekombinante Herpes-Zoster-Impfstoff (RZV), der aus dem Glykoprotein E des VZV (gE) und dem Adjuvans AS01B besteht, wird in zwei Dosen im Abstand von 2 bis 6 Monaten verabreicht. Er reduziert das Risiko einer Post-Zoster-Neuralgie um 87 % und das Risiko einer ophthalmischen Herpes-Zoster-Infektion um 78 % (15). Die Wirksamkeit ist nach einer einzigen Dosis deutlich geringer (15, 16), weshalb es wichtig ist, die Patienten über die Notwendigkeit beider Dosen aufzuklƤren. RZV kann nach einer Gürtelrose-Episode verabreicht werden, sobald die HautlƤsionen verheilt sind. Seine Wirksamkeit zur Vorbeugung einer Gürtelrose-Episode bleibt über einen lƤngeren Zeitraum bestehen (70–84 %) ohne signifikante Unterschiede je nach Alter (17, 18). Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Muskelschmerzen und Müdigkeit treten hƤufig auf, sind in der Regel leicht bis mƤssig stark und vorübergehend (19). Es ist wichtig, die Patienten über diese Nebenwirkungen zu informieren und sie zu beruhigen: Eine Reaktion nach der ersten Injektion bedeutet nicht, dass sie auch nach der zweiten eine Reaktion haben werden, und umgekehrt.

Impfstoffe gegen Tetanus, Diphtherie (+/– Keuchhusten, +/– Poliomyelitis)

In der Schweiz sind nur Impfstoffe gegen Tetanus-Diphtherie in Kombination mit Keuchhusten und/oder Poliomyelitis zugelassen. Ab einem Alter von 65 Jahren wird alle 10 Jahre eine Auffrischungsimpfung gegen Tetanus empfohlen. Bei Kontakt mit SƤuglingen wird ein Impfstoff empfohlen, der Keuchhusten einschliesst. Bei Reisen in ein Risikoland ist eine Impfung gegen Poliomyelitis angezeigt.

Neuheiten

Konjugierte Pneumokokken-Impfstoffe

Es wurden über 100 Serotypen von Streptococcus pneumoniae identifiziert, von denen einige mit invasiven Erkrankungen wie BakteriƤmien oder Meningitiden in Verbindung gebracht werden. Die Inzidenz und MortalitƤt invasiver Infektionen mit S. pneumoniae betrifft vor allem Kinder unter 5 Jahren und Erwachsene über 65 Jahren (20). Bei letzteren kann eine Pneumokokkeninfektion zu kardiovaskulƤren und pulmonalen Komplikationen sowie zu einem Verlust der SelbststƤndigkeit führen. Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe (PCV) wurden entwickelt, um die ImmunogenitƤt zu verbessern und die Schutzdauer zu verlƤngern (21). Im Gegensatz zu Polysaccharid-Impfstoffen verbinden PCV die Polysaccharide mit einem TrƤgerprotein, wodurch eine GedƤchtnisimmunitƤt und Antikƶrper mit hoher AffinitƤt ermƶglicht werden (22). Aufgrund der begrenzten Serotypabdeckung der ersten PCV haben einige LƤnder weiterhin den 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff verwendet, manchmal nach Verabreichung einer Dosis PCV-13. Mit der Einführung von PCV mit hƶherer Valenz (PCV-15, PCV-20) stehen nun mehr Optionen zur Verfügung. Tab. 2 zeigt die zehn Pneumokokken-Serotypen, die am hƤufigsten für invasive Infektionen (IIP) bei Personen ≄ 65 Jahren in Europa verantwortlich sind, sowie deren Abdeckung durch PCV gemƤss den Daten des EuropƤischen Zentrums für die PrƤvention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

In Europa betrƤgt die Abdeckung der für IIP verantwortlichen Serotypen bei Personen ≄ 65 Jahren etwa 33 % für PCV13, 43 % für PCV15 und 56,7 % für PCV-20 (23). Ein PCV-21, das entwickelt wurde, um die für invasive Erkrankungen bei Ƥlteren Menschen verantwortlichen Serotypen besser abzudecken, wurde bereits von der FDA und der EMA zugelassen. Es wird derzeit von Swissmedic geprüft. Diese neuen Impfstoffe bieten einen besseren Schutz als PPSV-23.

In der Schweiz wird empfohlen, Personen ab 65 Jahren mit PCV-15 oder PCV-20 zu impfen. Bei einer früheren Impfung mit dem Polysaccharid-Impfstoff oder PCV-13 kann eine Impfung ein Jahr nach der Auffrischungsimpfung durchgeführt werden. Cave: Wenn eine PCV-13-Impfung im Alter von 65 Jahren oder Ƥlter durchgeführt und von der Grundversicherung übernommen wurde, erstattet diese die neue PCV-Impfung nicht. Die Konjugatimpfstoffe sind sicher und gut vertrƤglich. Bei Personen über 65 Jahren ist die hƤufigste Nebenwirkung eine Rƶtung an der Injektionsstelle (30 %), gefolgt von einer lokalen Schwellung (18 %), Schmerzen an der Injektionsstelle und Müdigkeit.

Impfstoffe gegen das Respiratorische Synzytial-Virus

RSV verursacht Atemwegsinfektionen, die von einfachen Infektionen der oberen Atemwege bis hin zu schweren, potenziell tödlichen Infektionen der unteren Atemwege reichen. Es kann auch zu kardiovaskulären Komplikationen führen oder bestimmte Begleiterkrankungen verschlimmern. Die klinischen Symptome des RSV ähneln denen anderer Atemwegsviren. Krankenhausaufenthalte betreffen hauptsächlich Erwachsene mit Grunderkrankungen wie Asthma, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) oder Herzinsuffizienz (24).

In der Schweiz sind drei Impfstoffe gegen RSV zugelassen und erhƤltlich: AbrysvoĀ®, ein nicht adjuvierter Impfstoff, der das PrƤfusions-OberflƤchenprotein RSVPreF beider RSV-Subtypen (A und B) enthƤlt; ArexvyĀ®, ein adjuvierter Impfstoff, der das PrƤfusions-OberflƤchenprotein RSVpreF3 des RSV-Subtyps A2 und das Adjuvans AS01E enthƤlt. Es handelt sich um dasselbe Adjuvans wie in ShingrixĀ®, jedoch in halber Dosierung; und mRESVIAĀ®, ein mRNA-Impfstoff, der für das PrƤfusions-OberflƤchenprotein RSVpreF des Subtyps A kodiert und in Nanopartikeln eingekapselt ist. In den Phase-3-Studien wurden nicht dieselben Bewertungskriterien verwendet, sodass ein Vergleich nicht mƶglich ist. Ihre Wirksamkeit gegen Infektionen der unteren Atemwege scheint jedoch Ƥhnlich zu sein, mit einem akzeptablen VertrƤglichkeitsprofil (25–27). Eine Studie in den Vereinigten Staaten bei Personen ≄ 60 Jahren zeigte eine Impfwirksamkeit von 80 % (95 % KI: 71–85) gegen RS-Virus-assoziierte Krankenhausaufenthalte (28).

In der Schweiz werden diese drei Impfstoffe für Personen ab 75 Jahren und für Personen zwischen 60 und 74 Jahren mit Risikofaktoren empfohlen (Tab. 1). Sie werden für diese Bevƶlkerungsgruppe noch nicht von der Grundversicherung erstattet. Aktuelle Daten zeigen eine Wirksamkeit von mindestens zwei Saisons nach der Impfung mit diesen Impfstoffen (29–31). Derzeit wird keine zusƤtzliche Dosis empfohlen.

Fragen und Antworten zur Impfpraxis

Wann und wie impfen?

Abb. 1 fasst die praktischen Aspekte der Impfung in Bezug auf die Art der Injektion, den zeitlichen Abstand zwischen den einzelnen Impfungen und Vorsichtsmassnahmen/Kontraindikationen zusammen. Die gleichzeitige Verabreichung ist sicher und wirksam (32). Sie führt nicht zu mehr Nebenwirkungen. Eine Auffrischungsimpfung kann am selben Tag oder nach Belieben des Patienten und des Arztes über einen längeren Zeitraum verteilt erfolgen. Es ist nie zu spät, die Impfungen für seine Patienten auf den neuesten Stand zu bringen.

Patienten, die aufgrund ihrer Grunderkrankung oder aufgrund immunsuppressiver Behandlungen immunsupprimiert sind, haben ein höheres Risiko, Infektionen zu entwickeln, und sprechen schlechter auf Impfstoffe an (33). Die Überwachung der Immunantwort auf Impfstoffe wie Pneumokokken und Tetanus kann als Orientierung für spätere Impfungen dienen (Auffrischungsdosen, Verwendung hoher Dosen). Die Analyse kann im Impfstofflabor der Kantonsspitäler durchgeführt werden. Lebendimpfstoffe sind aufgrund des Risikos einer Impfkrankheit bei Immunsuppression kontraindiziert.

Wie behƤlt man Impfungen im Blick?

Mangelnde Kenntnisse, Zeitmangel des Gesundheitspersonals für Präventionsmassnahmen, fehlende Dokumentation der Impfgeschichte, Impfskepsis von Patienten und Pflegekräften, Verbreitung falscher Informationen, Kosten und Zugang zu bestimmten Impfstoffen sind Beispiele für Hindernisse für die Impfung.

Die vom BAG unterstützte Plattform Infovac (www.infovac.ch) besteht aus einem Netzwerk von Impfexperten, das regelmässig aktualisierte Informationen zu impfpräventablen Erkrankungen bereitstellt und den Abonnentinnen und Abonnenten einen Dienst zur Beantwortung von Fragen zur Impfung anbietet.

Die Aufforderung an Patienten, ihren Impfpass zu vervollständigen, ist eine Möglichkeit, die Dokumentation zu verbessern. Einige personalisierte elektronische Patientenakten verfügen über einen speziellen Bereich für die Erfassung von Impfungen. Die systematische Identifizierung von Patienten mit veralteten Impfungen und die Einführung von Impfprotokollen erleichtern die Aktualisierung des Impfstatus (34). Alle Angehörigen der Gesundheitsberufe, auch im Krankenhausbereich, spielen eine Rolle bei der Bekämpfung von Fehlinformationen und der Förderung von Impfungen. Impfungen im Krankenhaus verlängern nicht die Dauer des Krankenhausaufenthalts. Sie ist sogar mit einem Rückgang der Wiederaufnahmen verbunden (35).

Die Aufnahme in eine medizinisch-soziale Einrichtung ist ein strategischer Zeitpunkt, um den Impfstatus der Patienten zu bewerten und sie sowie ihre therapeutischen Vertreter über die durchzuführenden Impfungen zu informieren. Jedes Jahr sollte eine Informationskampagne gegen Grippe und COVID-19 dazu beitragen, diese Impfungen auf den neuesten Stand zu bringen.

Was soll ich meinem Patienten vor der Impfung sagen?

Es scheint von entscheidender Bedeutung zu sein, dass der Patient versteht, welche Krankheiten durch die Impfung verhindert werden und welche Auswirkungen diese Krankheiten haben können, damit er die Impfvorschläge akzeptiert. Die Aufklärung des Patienten über mögliche Nebenwirkungen der Impfstoffe trägt ebenfalls zu einer besseren Akzeptanz künftiger Impfungen bei.

Wie geht man mit einem impfkritischen Patienten um?

Im Gegensatz zu einem faktenbasierten Ansatz ermöglicht ein motivierender Ansatz, impfkritische Patienten und/oder ihre therapeutischen Vertreter bei kognitiven Störungen zu einer besseren Akzeptanz von Impfungen zu begleiten. Ein motivierendes Gespräch verläuft in der Regel in mehreren Schritten: 1. Aufbau einer Vertrauensbeziehung durch einfühlsames Zuhören ohne Wertung. 2. Erforschung und Verständnis der persönlichen Gründe für die Impfskepsis der Person, um herauszufinden, welche Art von Informationen ihre Meinung ändern könnten. 3. Nach der Zustimmung des Patienten werden klare und relevante Informationen bereitgestellt, die eine fundierte und autonome Entscheidungsfindung unterstützen. 4. Respektierung ihrer Autonomie, während das Gespräch in Richtung einer positiveren Sichtweise auf die Impfung gelenkt wird (36).

Fazit

Infektionskrankheiten gehören zu den Haupttodesursachen bei Menschen über 65 Jahren. Impfungen sind eine sichere und wirksame Präventionsmassnahme; sie schützen nicht nur vor Infektionen, sondern auch vor Krankenhausaufenthalten, Komplikationen durch Begleiterkrankungen und dem Verlust der Selbstständigkeit. Dennoch ist die Durchimpfungsrate in dieser Risikogruppe nach wie vor gering.

Die Einführung von Impfprogrammen, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind, sowie eine verstärkte Informations- und Kommunikationsarbeit können dazu beitragen, die Impfskepsis zu verringern und Menschen ab 65 Jahren besser zu schützen.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Übersetzung aus la gazette médicale 06/25

Dr. med. Astrid MalƩzieux-Picard

Service de mĆ©decine interne de l’ âgĆ©
DƩpartement de RƩadaptation et GƩriatrie
HÓpitaux Universitaires de Genève

Prof. Dr. med. Virginie Prendki 

– Service de mĆ©decine interne de l’ âgĆ©
DƩpartement de RƩadaptation et GƩriatrie
HÓpitaux Universitaires de Genève
– Service de maladies infectieuses
DƩpartement de MƩdecine
HÓpitaux Universitaires de Genève

Dr. med. Hélène Buvelot

Centre de vaccinologie
HÓpitaux Universitaires de Genèv

Es liegen keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel vor.

  • Personen ≄ 65 Jahren haben ein erhƶhtes Risiko, schwere Infektionen zu entwickeln und nach einer Infektion insbesondere kardiorespiratorische und neurologische Komplikationen zu erleiden.
  • Die Impfung ist eine sichere und wirksame PrƤventionsmassnahme, mit der sich durch Impfungen vermeidbare Infektionen, deren Schweregrad und Komplikationen begrenzen lassen.
  • Die Impfung hat auch eine indirekte kardioprotektive Wirkung und wirkt sich auf die GesamtmortalitƤt aus.
  • An die Impfung zu denken, die Patienten und sogar ihre Familien zu informieren, ihre Fragen zu beantworten, die Impfungen gemƤss den Empfehlungen zu dokumentieren und zu aktualisieren, sind wichtige Schritte, die in die tƤgliche Praxis integriert werden müssen, um unsere Patienten zu schützen und ihre SelbststƤndigkeit zu erhalten.

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MangelernƤhrung und kardiale Kachexie: Eine unterschƤtzte Herausforderung bei Herzinsuffizienz

Die chronische Herzinsuffizienz stellt eine der häufigsten kardiologischen Erkrankungen dar und ist stark mit ernährungsassoziierten Begleitsyndromen wie krankheitsbedingter Malnutrition, kardialer Kachexie, Sarkopenie oder Gebrechlichkeit (Frailty) assoziiert. Trotz ähnlicher Pathomechanismen müssen diese Syndrome voneinander abgegrenzt und in der Behandlung rechtzeitig erkannt werden. Hierfür ist jedoch eine Sensibilisierung des klinischen tätigen Personals in der stationären und ambulanten Versorgung sowie eine korrekte Diagnosestellung notwendig. Das Ziel sollte eine strukturierte Integration ernährungsmedizinischer Behandlungsabläufe in der Kardiologie sowie eine enge Zusammenarbeit mit der Ernährungstherapie bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sein.

Chronic heart failure is one of the most common cardiological diseases and is strongly associated with nutrition-related comorbidities such as disease-related malnutrition, cardiac cachexia, sarcopenia, and frailty. Despite similar pathomechanisms, these syndromes must be distinguished from one another and recognised in good time during treatment. However, this requires raising awareness among clinical staff working in inpatient and outpatient care, as well as accurate diagnosis. The goal should be the structured integration of nutritional treatment procedures in cardiology and close cooperation with nutritional therapy for patients with chronic heart failure.
Keywords: Herzinsuffizienz, Malnutrition, Kachexie, Sarkopenie, Gebrechlichkeit

Die Herzinsuffizienz ist ein klinisches Syndrom, das auf eine strukturelle oder funktionelle Stƶrung des Herzens zurückzuführen ist und mit erhƶhten intrakardialen Drücken und/oder einer unzureichenden Herzleistung in Ruhe oder bei Belastung einhergeht (1). Die PrƤvalenz der Herzinsuffizienz betrƤgt etwa 1–3 % der Bevƶlkerung und steigt aufgrund der vermehrten HƤufigkeit von kardiovaskulƤren Erkrankungen altersabhƤngig auf bis zu 16 % bei über 80-jƤhrigen Personen an (2). Ein unwillkürlicher Gewichtsverlust und Muskelschwund mit mƶglichen Folgeerkrankungen wie Malnutrition, Kachexie, Sarkopenie oder Gebrechlichkeit (Frailty) treten insbesondere in fortgeschrittenen Krankheitsstadien der Herzinsuffizienz auf (3). Die frühzeitige Erkennung und Therapie dieser miteinander verknüpften, jedoch per Definition voneinander abzugrenzenden medizinischen Syndrome wird in den aktuellen Herzinsuffizienz-Leitlinien der EuropƤischen Gesellschaft für Kardiologie hervorgehoben und kann den Krankheitsverlauf sowie die LebensqualitƤt der Patienten wesentlich beeinflussen.

Pathophysiologische Grundlagen

Ein reduzierter ErnƤhrungszustand und ein zunehmender Muskelverlust bei Herzinsuffizienz-Patienten weisen gemeinsame pathophysiologische Merkmale auf (4). Typische Herzinsuffizienz-Symptome wie eine verstƤrkte Leistungsintoleranz und Atemnot erhƶhen den Energieverbrauch im Kƶrper, wƤhrend die NƤhrstoffaufnahme durch ein frühzeitiges SƤttigungsgefühl, eine vermehrte Nausea sowie eine gastrointestinale Malabsorption aufgrund von intestinalen Ɩdemen reduziert ist (5). HƤufig empfohlene Nahrungsrestriktionen (z. B. salzreduzierte Kost) und eine Polypharmazie kƶnnen einen Appetitverlust verstƤrken. Neurohormonelle Anpassungen und systemische Entzündungsreaktionen, die im Rahmen einer chronischen Herzinsuffizienz im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf auftreten, führen zudem zu einem Ungleichgewicht zwischen anabolen und katabolen Stoffwechselprozessen (6). Insbesondere bei Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz und einer Ā«kardialen KachexieĀ» lassen sich erhƶhte inflammatorische Marker und HormonverƤnderungen (u.a. CRP, TNF-α, IL-6, Ghrelin, GH/IGF1) nachweisen, die wiederum mit verstƤrkten katabolen Stoffwechselprozessen, oxidativem Stress und einer vermehrten Proteolyse assoziiert sind (7). Zusammen mit einer reduzierten kƶrperlichen AktivitƤt und Insulinresistenz kƶnnen diese Prozesse zusƤtzlich eine Ā«anabole ResistenzĀ» in der Muskulatur bewirken, durch die eine Muskelproteinsynthese gehemmt und der Muskelabbau verstƤrkt wird (8).

HƤufig vorhandene chronische Begleiterkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz oder COPD) sowie psychosoziale Aspekte (z. B. kognitive Defizite, Depression, soziale Isolation) sind weitere Risikofaktoren für das Auftreten einer MangelernƤhrung und erhƶhen die VulnerabilitƤt der Patienten. Die Kombination dieser im chronischen Krankheitsprozess hƤufig auftretenden Faktoren, allen voran der erhƶhte Energiebedarf bei gleichzeitig reduzierter NƤhrstoff- und Proteinaufnahme, die Zunahme kataboler Stoffwechselprozesse sowie die kƶrperliche InaktivitƤt, führt bei Patienten mit Herzinsuffizienz schliesslich zu einem erhƶhten Risiko für die Entwicklung einer krankheitsbedingten Malnutrition, kardialen Kachexie, Sarkopenie und Gebrechlichkeit (4).

Krankheitsbedingte Malnutrition

Eine MangelernƤhrung (Malnutrition) ist definiert als ein Zustand, der aus einer unzureichenden Zufuhr oder Aufnahme von Energie und NƤhrstoffen resultiert und mit einer BeeintrƤchtigung der kƶrperlichen und mentalen Funktionen einhergeht (9). Neben altersbedingten und sozioƶkonomischen Ursachen ist in unserer Gesellschaft vorwiegend eine Ā«krankheitsbedingte MalnutritionĀ» mit oder ohne Inflammation von Bedeutung. Die PrƤvalenz der krankheitsbedingten MangelernƤhrung bei Ƥlteren Personen wird abhƤngig von den verwendeten Assessment-Tools in der Gesamtbevƶlkerung auf etwa 5 % und bei hospitalisierten Patienten zwischen 20–50 % geschƤtzt (10). Bei Patienten mit einer Herzinsuffizienz lƤsst sich ebenfalls bei über 40 % der Patienten eine MangelernƤhrung feststellen (11). Dabei konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass ein reduzierter ErnƤhrungszustand mit signifikant erhƶhten MorbiditƤts- und MortalitƤtsraten sowie einer reduzierten LebensqualitƤt der Patienten einhergeht (12, 13, 14). Hingegen gibt es in den letzten Jahren zunehmende Evidenz, dass die Malnutrition auch ein modifizierbarer Risikofaktor ist. In der 2019 verƶffentlichten EFFORT-Studie wurde bestƤtigt, dass bei Patienten mit einem erhƶhten Risiko für eine MangelernƤhrung das Komplikationsrisiko und die 30-Tage-MortalitƤt durch eine individualisierte ErnƤhrungstherapie signifikant reduziert werden konnte (15). Auch bei Patienten mit akuter Herzinsuffizienz ergab sich durch eine ErnƤhrungsintervention wƤhrend und nach einem Krankenhausaufenthalt ein prognostischer Benefit (16). ZusƤtzlich zeigten sich durch eine ErnƤhrungstherapie bei Risikopatienten eine niedrigere Wahrscheinlichkeit für kardiale Ereignisse, kürzere Krankenhausaufenthalte sowie eine geringere Rate an Rehospitalisierungen (17, 18, 19). Letzteres kann insbesondere bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz gravierenden Einfluss auf deren gesundheitsbezogene LebensqualitƤt haben.

Screening und Diagnosestellung

Zur Erkennung einer mƶglichen MangelernƤhrung wird im ersten Schritt ein systematisches Screening empfohlen (20). Zu diesem Zweck sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Instrumente entstanden, die neben quantifizierbaren Parametern (z. B. Gewicht, Grƶsse, BMI, ungewollter Gewichtsverlust) teils auch psychosoziale Risiken für eine MangelernƤhrung (z. B. psychische Belastungen, MobilitƤt im Alltag) erfassen. Zwar müssen bei allen Instrumenten die eingeschrƤnkte Aussagekraft und ValiditƤt berücksichtigt werden, allerdings kƶnnen mit denen von der ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism) empfohlenen Screening-Instrumenten wie MUST (Ā«Malnutrition Universal Screening ToolĀ», vorwiegend bei nicht-hospitalisierten Patienten), MNA bzw. MNA-SF (Ā«Mini Nutritional Assessment – Short FormĀ», vorwiegend bei Ƥlteren Personen ab 65 Jahren) oder NRS-2002 (Ā«Nutrition Risk Screening 2002Ā», vorwiegend bei hospitalisierten Patienten) Personen mit einem erhƶhten Risiko für eine Malnutrition auf einfache Weise identifiziert werden (21, 22, 23). Bei Herzinsuffizienz-Patienten müssen Fehlinterpretationen aufgrund von Flüssigkeitsretention (Ɩdeme) beachtet werden. Bisher wurde keines der Instrumente zur Risikoerkennung oder Diagnosestellung einer Malnutrition speziell bei Herzinsuffizienz-Patienten validiert. Zwar kƶnnen die genannten Screening-Tools selbst bei einer dekompensierten Herzinsuffizienz ein ErnƤhrungsrisiko hƤufig korrekt erfassen, allerdings scheint die Anwendung multidimensionaler Tools (z. B. MNA-SF) mit Beurteilung von zeitlichen und subjektiven ErnƤhrungsinformationen in dieser Patientengruppe besonders wichtig zu sein (24, 25).

Im Falle eines auffälligen Screenings muss im zweiten Schritt überprüft werden, ob tatsächlich eine Mangelernährung vorliegt. Hierfür wurden im Jahr 2019 die international standardisierten «Global Leadership In Malnutrition» (GLIM)-Diagnosekritierien veröffentlicht (26). Zur Diagnosestellung einer Mangelernährung ist sowohl ein phänotypisches Kriterium (ungewollter Gewichtsverlust, niedriger BMI, reduzierte Muskelmasse) als auch ein ätiologisches Kriterium (reduzierte Nahrungsaufnahme bzw. Malassimilation, Inflammation bzw. hohe Krankheitslast) notwendig. Im dritten Schritt kann daraufhin (anhand der Ausprägung der phänotypischen Kriterien) der Schweregrad der Malnutrition («moderat» oder «schwer») definiert werden. Es ist jedoch zu betonen, dass die GLIM-Kriterien nicht als Ersatz zu einem professionellen Ernährungsassessment dienen, da eine detaillierte Anamnese sowie eine Beurteilung des Ernährungsstatus für die weitere Therapie von Bedeutung sind.

Therapie und Nachsorge

Sobald die Diagnose einer MangelernƤhrung gestellt und ein ausführliches ErnƤhrungsassessment durchgeführt wurde, sollte eine ErnƤhrungsintervention zur Stabilisierung und Verbesserung des ErnƤhrungszustandes erfolgen. Hierfür wird zunƤchst die orale Nahrungsaufnahme durch individuell angepasste Haupt- und Zwischenmahlzeiten sowie ggf. durch eine Hinzugabe von angereicherten Lebensmitteln oder oralen Trinknahrungen optimiert (20). Ein Monitoring und Reassessment (alle 24–48 Stunden) ermƶglicht die frühzeitige Erkennung von allenfalls notwendigen Therapieanpassungen. Patienten, die durch eine orale Nahrungsaufnahme innerhalb weniger Tage nicht mindestens 75 % des ermittelten Energie- und Proteinbedarfs erreichen, sollten eine zusƤtzliche enterale ErnƤhrung und bei anhaltend unzureichender Bedarfsdeckung eine zusƤtzliche parenterale ErnƤhrung erhalten (20).

Zur AbschƤtzung des individuellen Energiebedarfs ist die Bestimmung des Gesamtenergieverbrauchs (Total Energy Expenditure, TEE) notwendig, der sich aus Grundumsatz (Resting Energy Expenditure, REE), nahrungsinduzierter Thermogenese und aktivitƤtsabhƤngigem Energiebedarf zusammensetzt. Da eine indirekte Kalorimetrie zur Messung des Energieumsatzes im klinischen Alltag selten verfügbar ist, werden meist Formeln (z. B. Harris-Benedict-Formel) oder gewichtsadaptierte SchƤtzungen (z. B. 25–30 kcal/kgKG/Tag) verwendet (20). Diese SchƤtzungen kƶnnen eine Ausgangsbasis für eine ErnƤhrungsintervention darstellen, müssen jedoch aufgrund der hƤufigen Abweichungen vom tatsƤchlichen Energieverbrauch mit besonderer Vorsicht interpretiert werden (27). Als empfohlene Proteinmenge wird bei polymorbiden Ā­Patienten ein Ziel von 1.2–1.5 g/kg Kƶrpergewicht pro Tag angestrebt, sofern keine schwere Nierenfunktionsstƶrung (eGFR < 30 ml/min/1.73 m2) vorliegt (20, 28). Bereits zu Beginn der ErnƤhrungstherapie sollte zusƤtzlich eine ausreichende Zufuhr von MikronƤhrstoffen zur Deckung des Tagesbedarfs gewƤhrleistet und ein laborchemisch dokumentierter Mangel korrigiert werden (20, 29).

Bei der Behandlung einer MangelernƤhrung muss zudem auf ein mƶgliches Refeeding-Syndrom geachtet werden. Hierbei handelt es sich um eine lebensbedrohliche Stƶrung des Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushaltes, sofern ein Nahrungsaufbau (oral, enteral oder parenteral) zu schnell oder inadƤquat erfolgt (9). Der rasche Wechsel von einem katabolen zu einem anabolen Stoffwechsel kann vor allem in den ersten 72 Stunden zu einer schweren HypophosphatƤmie (Reduktion > 30 % vom Ausgangswert oder < 0.6 mmol/l), anderen Elektrolytstƶrungen (u. a. Magnesium- und Kaliummangel) oder Flüssigkeitsverschiebungen führen, die wiederum mit kardiorespiratorischen, hƤmatologischen und neuromuskulƤren Funktionsstƶrungen einhergehen kƶnnen. Zudem kann sich ein vorbestehender Thiamin-Mangel durch eine Laktatazidose, Wernicke-Enzephalopathie oder auch Herzinsuffizienz (Ā«Wet-BeriberiĀ») demaskieren (30). Bei Risikopatienten (BMI < 18.5 kg/m2, Gewichtsverlust > 10 % in den letzten 3–6 Monaten, sehr geringe bzw. fehlende Nahrungsaufnahme > 5 Tage, Alkohol- oder Drogenabusus, vorbestehende Elektrolytstƶrungen) ist eine Elektrolyt- und Volumenkorrektur, eine Thiamin-Supplementation vor Beginn des Nahrungsaufbaus sowie die Gabe eines Multivitamin- und SpurenelementprƤparates von Bedeutung. Die Kalorienzufuhr sollte zudem stufenweise je nach Risiko über 5–10 Tage unter initial tƤglicher laborchemischer Kontrolle gesteigert werden (30, 31).

Nach Abschluss der Krankenhaus-Behandlung stellt die Fortführung einer ambulanten Therapie bei Patienten mit Ernährungsrisiko oder manifester Malnutrition ein wesentliches Element der Behandlung dar. Das Ziel ist es, das Körpergewicht und den Ernährungsstatus langfristig zu stabilisieren und auf diese Weise den funktionellen Status und die Lebensqualität zu erhöhen (20).

Kardiale Kachexie

Die Kachexie ist als Unterform der krankheitsbedingten Malnutrition zu verstehen und beschreibt ein multifaktorielles Syndrom, das durch einen starken Gewichtsverlust mit Abbau von Muskelmasse und Fettgewebe sowie einer krankheitsbedingten Inflammation Ā­gekennzeichnet ist (9). Es tritt vorwiegend bei Patienten mit Organerkrankungen (z. B. Tumorerkrankungen, COPD, chronische Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz) auf, die im fortgeschrittenen Stadium mit einer katabolen StoffwechselaktivitƤt einhergehen. Die kardiale Kachexie ist Ā­definiert durch einen Gewichtsverlust von mehr als 5 % des Kƶrpergewichts innerhalb von 12 Monaten (oder einem BMI < 20 kg/m2) sowie dem Vorhandensein von mindestens drei weiteren Kriterien (verminderte Muskelkraft, Fatigue, Anorexie, niedriger fettfreier Masse-Index oder abnorme Laborwerte mit AnƤmie, erhƶhten Entzündungsmarkern oder reduziertem Serumalbumin) (32). Die PrƤvalenz wird bei Herzinsuffizienz-Patienten auf etwa 5–15 % geschƤtzt, wobei keine eindeutige Korrelation zur linksventrikulƤren Funktion (LVEF) festzustellen ist (33, 34, 35). Kachektische Patienten weisen eine niedrigere funktionale KapazitƤt, eine geringere LebensqualitƤt sowie eine deutlich erhƶhte MortalitƤt auf (36, 37). Aufgrund der chronischen inflammatorischen und katabolen Stoffwechselprozesse kann einer kardialen Kachexie durch ErnƤhrungsinterventionen und kƶrperliche AktivitƤt nur zum Teil entgegengewirkt werden. In einer SekundƤranalyse der EFFORT-Studie wurde gezeigt, dass Patienten mit einer hohen Inflammation (CRP > 100 mg/l) im Vergleich zu Patienten mit niedrigeren Entzündungsmarkern nicht in gleicher Weise von einer ErnƤhrungstherapie wƤhrend des Krankenhausaufenthaltes profitieren kƶnnen (38).

Eine ErnƤhrungsintervention mittels einer kalorien- und proteinreichen ErnƤhrung in Kombination mit einem kƶrperlichen Training stellt dennoch die wichtigste Behandlungsmassnahme für unterernƤhrte oder kachektische Herzinsuffizienz-Patienten dar, um sowohl eine Gewichtstabilisierung als auch eine Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness und funktionalen KapazitƤt zu erzielen (39, 40). Zum aktuellen Zeitpunkt existieren jedoch keine spezifischen ErnƤhrungsempfehlungen für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und einer MangelernƤhrung bzw. kardialen Kachexie. Die kardiologischen Gesellschaften empfehlen bei chronischer Herzinsuffizienz vorwiegend AnsƤtze einer mediterranen ErnƤhrung oder einer DASH-DiƤt (Dietary Approaches to Stop Hypertension), da diese am ehesten kardioprotektive und antiinflammatorische Eigenschaften aufweisen (41, 42, 43, 44, 45). HƤufigere Mahlzeiten mit kleineren Portionen kƶnnen zur Vermeidung einer postprandialen Dyspnoe beitragen und die Compliance der Patienten erhƶhen. Bei Ɩdemen sollte eine Flüssigkeitsrestriktion (1.5–2 Liter/Tag) und eine begrenzte Salzaufnahme (ca. 5 g pro Tag) erwogen werden (1). Allerdings bleibt der Nutzen einer Salzrestriktion aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse und allenfalls sogar negativen Auswirkungen (u. a. durch eine verstƤrkte neurohumerale Aktivierung) umstritten (46, 47, 48). Die Supplementierung von mehrfach ungesƤttigten Omega-3-FettsƤuren (PUFA) zeigte in einigen Studien ebenfalls positive Effekte auf die linksventrikulƤre Funktion, die Rehospitalisierungsrate und die MortalitƤt, jedoch wurden auch diese Empfehlungen von aufgrund inkonsistenten Studiendaten und einem mƶglicherweise erhƶhten Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern abgeschwƤcht (49, 50, 51, 52, 53). Bezüglich der Substitution von MikronƤhrstoffen wird in den aktuellen kardiologischen Leitlinien eine intravenƶse Eisengabe bei Herzinsuffizienz-Patienten mit reduzierter linksventrikulƤrer Funktion (LVEF < 40 %) und einem Eisenmangel (Serum-Ferritin < 100 ng/ml oder 100–299 ng/ml mit TSAT < 20 %) zur Verbesserung der BelastungsfƤhigkeit und LebensqualitƤt empfohlen (54, 55). Trotz einzelner vielversprechender Studien zu weiteren MikronƤhrstoffen oder NahrungsergƤnzungen (z. B. Thiamin, Coenzym Q10), kann aufgrund der heterogenen Studiendaten bisher keine klare Empfehlung zur zusƤtzlichen MikronƤhrstoff-Substitution bei Herzinsuffizienz-Patienten gegeben werden (56, 57, 58, 59, 60). Hingegen konnte durch eine medikamentƶse Therapie mit Betablockern, ACE-Hemmern und Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten, unabhƤngig von einer Verbesserung der linksventrikulƤren Funktion, ein Gewichtsverlust und die Entwicklung einer kardialen Kachexie verzƶgert werden (61, 62). Weitere mƶgliche Therapieoptionen wie z. B. Immunmodulatoren (TNF-α-Hemmer), anabole Hormone (Ghrelin, Testosteron) oder appetitanregende Substanzen werden trotz vereinzelt positiver Ergebnisse in kleineren Studien bisher nicht im klinischen Alltag zur Behandlung der Kachexie eingesetzt (63).

Sarkopenie und Gebrechlichkeit (Frailty)

Bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz treten neben der Malnutrition und kardialen Kachexie hƤufig auch eine Sarkopenie und eine vermehrte Gebrechlichkeit (Frailty) auf. Die Sarkopenie ist ein eigenstƤndiges Syndrom, das durch einen progressiven und generalisierten Verlust von Muskelkraft und Muskelmasse (unabhƤngig von der Fettmasse) gekennzeichnet ist und mit negativen Folgen wie Sturzneigung und FunktionseinschrƤnkungen einhergeht (64). Dieser Verlust tritt im Rahmen von natürlichen Altersprozessen auf, wird jedoch durch krankheitsbedingte entzündliche und hormonelle Prozesse, eine verminderte kƶrperliche AktivitƤt sowie einer MangelernƤhrung (insbesondere durch eine unzureichende Proteinzufuhr) verstƤrkt (65, 66). Die PrƤvalenz bei Herzinsuffizienz-Patienten wird je nach Einschlusskriterien zwischen 10 % und 69 % geschƤtzt (67). Sofern nicht bereits typische klinische Zeichen den Verdacht auf eine Sarkopenie nahelegen, wird ein 5-Punkte-Screening (SARC-F) empfohlen, dessen SensitivitƤt durch eine Messung des Wadenumfangs verbessert werden kann (68, 69). Eine Messung der Handkraft mithilfe eines Dynamometers oder alternativ die Messung der Beinmuskelkraft mithilfe des Ā«Chair-Stand-TestĀ» kann eine Verdachtsdiagnose erhƤrten (Handkraft < 16 kg für Frauen und < 27 kg für MƤnner, Chair-Stand-Test < 15 Sekunden) (64). Zur tatsƤchlichen Diagnosestellung erfolgt anschliessend die Messung der Muskelmasse (appendikulƤre Magermasse, ALM), wofür sowohl die Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA), die Dual-Rƶntgen-Absorptiometrie (DXA) als auch bildgebende Verfahren (MRI, CT) eingesetzt werden kƶnnen. Im Falle eines relativen Skelettmuskelindex (SMI) von < 5.5 kg/m2 bei Frauen bzw. < 7 kg/m2 bei MƤnnern ist eine Sarkopenie bestƤtigt (64). Die Einordnung des Schweregrades kann durch zusƤtzliche Funktionsuntersuchungen (Ganggeschwindigkeit, Timed-up-and-go-Test, SPPB oder 400 m-Gehtest) erfolgen (64). Bereits das Vorliegen einer beeintrƤchtigten Muskelkraft sollte eine UrsachenabklƤrung und einen Therapiebeginn einleiten. In diesem Zusammenhang konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass vor allem die Kombination aus einem Krafttraining und einer gesteigerten Proteinzufuhr positive Auswirkungen auf die PrƤvention und Behandlung einer Sarkopenie haben kann (70, 71, 72, 73, 74). Eine Substitution von Proteinen mit einem hohen Leucin-Gehalt (z. B. Molkenprotein) ist mƶglicherweise mit weiteren positiven Effekten auf die Muskelproteinsynthese assoziiert (75, 76).

Gebrechlichkeit (Frailty) wird hƤufig als biologisches oder geriatrisches Syndrom betrachtet, das durch den Verlust an kƶrperlichen Funktionen und kognitiven FƤhigkeiten gekennzeichnet ist. Als Grundlage dienen vor allem die PhƤnotyp-Kriterien nach Fried (3 von 5 Kriterien: unĀ­gewollter Gewichtsverlust > 5 kg/Jahr, Abnahme der Muskel- bzw. Handkraft, langsame Gehgeschwindigkeit, reduzierte kƶrperliche AktivitƤt, subjektives Erschƶpfungsgefühl) sowie das Defizit-Modell nach Rockwood (Ermittlung eines Frailty-Index anhand von funktionellen, kognitiven und sozialen EinschrƤnkungen) (77, 78). Hierbei ist jedoch zu betonen, dass die Gebrechlichkeit nicht nur als ein physiologischer Altersprozess betrachtet werden sollte. Insbesondere bei Herzinsuffizienz-Patienten besteht sehr hƤufig ein altersunabhƤngiger Zustand aus klinischen, funktionalen, kognitiv-psychologischen und sozialen DomƤnen, die zu einer erhƶhten VulnerabilitƤt gegenüber endogenen oder exogenen Stressoren (z. B. leichte Entzündungen, kleinere Eingriffe, Medikamentenanpassungen) führen (79). Das Vorhandensein einer Gebrechlichkeit ist daher ein zusƤtzlicher Faktor, der die Prognose von Herzinsuffizienz-Patienten aufgrund erhƶhter MorbiditƤts- und MortalitƤtsraten negativ beeinflusst (80, 81, 82). In der Behandlung ist folglich eine frühzeitige Identifizierung dieser vulnerablen Patientengruppe durch multidimensionale Assessment-Tools (z. B. Clinical Frailty Scale, Essential Frailty Toolset) sinnvoll, um potenziell reversible Faktoren wie MangelernƤhrung oder Sarkopenie durch individuelle ErnƤhrungsinterventionen und kƶrperliches Training, optimalerweise im Rahmen einer kardialen Rehabilitation, adƤquat zu behandeln (83, 84, 85).

Fazit

Zusammenfassend ist es in der Behandlung von chronischen Herzinsuffizienz-Patienten essenziell, dass die Therapie nicht auf interventionelle oder medikamentöse Massnahmen beschränkt bleibt. Die frühzeitige Erkennung einer krankheitsbedingten Mangelernährung sowie häufig assoziierter Begleitsyndrome wie kardiale Kachexie, Sarkopenie oder Gebrechlichkeit (Frailty) sind von wesentlicher Bedeutung für den weiteren Krankheits- und ­Therapieverlauf. Daher sollte die Einführung von strukturierten Behandlungsabläufen mit Integration von ernährungsmedizinischen Interventionen, die Sensibilisierung und systematische Schulung von klinischem Personal sowie eine enge Zusammenarbeit mit den Fachpersonen der Ernährungstherapie fester Bestandteil in der Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz sein.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Marvin Grossmann, MHBA

Facharzt Kardiologie und Allgemeine Innere Medizin,
Leitung stationƤre kardiovaskulƤre Rehabilitation
Zentrum für Rehabilitation & Sportmedizin
Freiburgstrasse 18
3010 Bern

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Malnutrition, Kachexie, Sarkopenie und Frailty sind hƤufige, oft übersehene Begleitsyndrome der chronischen Herzinsuffizienz und stehen in direktem Zusammenhang mit erhƶhter MorbiditƤt, MortalitƤt und reduzierter LebensqualitƤt.
  • Zur Diagnose einer MangelernƤhrung sollte ein dreistufiger Ansatz erfolgen: Screening (z.B. MNA-SF, NRS-2002), Ā­Diagnosesicherung nach GLIM-Kritierien und anschliessend ein umfassendes ErnƤhrungsassessment zur Therapieplanung.
  • Die Kombination aus individualisierter ErnƤhrungstherapie, kƶrperlichem Training und multiprofessionellem Management, idealerweise im Rahmen eines strukturierten Rehabilitationsprogramms, ist essenziell für eine nachhaltige Verbesserung der LebensqualitƤt und der Prognose von Herzinsuffizienz-Patienten.

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Phobischer Schwindel: Historie, Diagnostik und interdisziplinƤre Therapie

Der phobische Schwindel, heute zunehmend im Sinne des «persistierenden postural-perzeptiven Schwindels» (engl. PPPD) indiziert, stellt eine funktionelle Schwindelform ohne primär organisch fassbare Ursache dar. Für Patient/-innen ist er häufig mit erheblichem Leidensdruck verbunden. Die Symptomatik liegt an der Schnittstelle von somatischer und psychischer Medizin, gekennzeichnet durch eine Störung der visuell-vestibulär-emotionalen Netzwerke, und weist eine hohe Komorbidität mit Angsterkrankungen und depressiven Störungen auf (1). Der Beitrag beleuchtet die historische Entwicklung, das klinische Erscheinungsbild sowie diagnostische und therapeutische Strategien mit besonderem Augenmerk auf evidenzbasierte kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze und edukative Interventionen.

Phobic dizziness, also known as functional or somatoform dizziness, is a common and distressing condition that often lacks an identifiable organic cause. It poses a diagnostic and therapeutic challenge because of overlapping somatic, vestibular, and psychiatric factors. This article provides a historical context, describes the clinical picture, and outlines the current diagnostic approaches. Special focus is given to interdisciplinary collaboration and evidence-based treatment options, particularly cognitive behavioral therapy. The article concludes with a set of practice-relevant take-home messages for general practitioners.
Keywords: Phobischer Schwindel, persistierender postural-perzeptiver Schwindel, kognitive Verhaltenstherapie, interdisziplinƤre TherapieansƤtze

Einleitung und historischer Überblick

Der Begriff «phobischer Schwindel» wird erstmals als Syndrom von Brandt und Dieterich 1986 beschrieben (2) und äussert sich durch attackenartig auftretenden Schwindel mit subjektiven Gleichgewichtsstörungen im Stand und beim Gehen. Seit den 1990er-Jahren ist der Begriff «phobischer posturaler Schwindel» (engl. phobic postural vertigo, PPV) systematisch verwendet worden, um eine häufige, nicht organische Form anhaltender Schwindelsymptomatik zu beschreiben, die sich von Schwindelsymptomen im Rahmen von psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise der Agoraphobie und der Panikstörung, unterscheidet. Zudem konnte in Follow-up-Studien bei PPV ein Therapieansprechen unter anderem auf Psychotherapie, Pharmakotherapie und Physiotherapie beobachtet werden (3). Mit zunehmendem Verständnis für psychosomatische Erkrankungen wurde der phobische Schwindel bzw. PPV als funktionelle Störung mit hoher Krankheitslast eingeordnet, die in vielen Fällen zu einer Einschränkung im Alltags- und Berufsleben führen kann und einer multimodalen Therapie bedarf.

Aktuelle Klassifikationen, insbesondere das ICD-11 und die Konsensusdefinition der BÔrÔny Society, fassen den PPV und verwandte Krankheitsbilder zunehmend unter dem Begriff «Persistent Postural-Perceptual Dizziness (PPPD)» zusammen (4). Dieses Syndrom betont die funktionellen, häufig chronifizierten und durch psychische Belastung verstärkten Symptome (5).

Für eine gesicherte Diagnose müssen alle fünf Kriterien (A–E) erfüllt sein (Tab. 1).

Der phobische Schwindel Ƥussert sich typischerweise durch diffuse, anhaltende oder episodische Schwindelgefühle, meist als Ā«SchwankenĀ» oder Ā«BenommenheitĀ» beschrieben. Es kann zu einer dauerhaften Stand- und Gangunsicherheit führen, die hƤufig von Angst und Gefühlen der Hilflosigkeit begleitet wird. Die Symptomatik kann durch Erkrankungen ausgelƶst werden, die das Gleichgewicht stƶren oder Schwindel, Unsicherheit oder Benommenheit verursachen (vestibulƤre, neurologische oder andere medizinische Erkrankungen, psychische Belastungen), und kann durch aufrechte Kƶrperhaltung, visuelle Reize (Menschenmengen, SupermarktgƤnge) sowie aktive oder passive Bewegung verstƤrkt werden (4, 6). Anders als bei anderen vestibulƤren Erkrankungen, wie z. B. dem gutartigen Lagerungsschwindel oder dem M. MeniĆØre, besteht beim funktionellen Schwindel bzw. PPPD keine eigentliche Drehbewegung oder ein Drehschwindel, sondern ein Gefühl von InstabilitƤt. Begleitet wird der Zustand hƤufig von vegetativen Symptomen wie Palpitationen, Schwitzen oder Engegefühl. Die organmedizinische AbklƤrung bleibt in der Regel unauffƤllig, doch in ca. 50 % der FƤlle lassen sich psychiatrische KomorbiditƤten wie Angst- oder depressive Stƶrungen feststellen (1).

Differenzialdiagnostisch abzugrenzen sind:

• vestibulƤre MigrƤne
• benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
• Vestibularisparoxysmie
• Angsterkrankungen (Panikstƶrung, Agoraphobie)
• Somatisierungsstƶrungen und depressive Episoden

Schwindel als interdisziplinƤre Aufgabe

Die Versorgung von Patient/-innen mit phobischem Schwindel bzw. PPPD erfordert ein abgestimmtes Zusammenspiel mehrerer medizinischer Disziplinen. In der Regel erfolgt die Erstabklärung im hausärztlichen Bereich, wobei bei unklarer Symptomatik neurologische und/oder ORL-fachärztliche Untersuchungen folgen sollten. Liegt eine funktionelle Störung nahe, kann die gezielte Einbindung psychotherapeutischer Expertise entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Wie der Psychiater Michael Rufer betonte, ist die klassische Unterscheidung in «somatisch» vs. «psychogen» beim Schwindel heute obsolet (7). Vielmehr sollte von einem «Schwindelspektrum» gesprochen werden, bei dem zentrale (Neurologie), periphere (ORL) und psychogene (Psychiatrie) Anteile gleichzeitig oder nacheinander wirksam sein können. Weiter schlug er hierzu ein biopsychosoziales Modell vor, das individuelle somatische und psychische Krankheitsfaktoren integriert und den Betroffenen ein nachvollziehbares Krankheitskonzept anbietet (7).

Pathophysiologie und psychodynamische Aspekte

Beim phobischen Schwindel handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen. Zentrale Merkmale sind:
• Übererregung des vegetativen Nervensystems
• Hypervigilanz gegenüber Kƶrpersymptomen
• EinschrƤnkung der propriozeptiven Selbstregulation, übermƤssige posturale Kontrolle bei vermeintlich hohem Risiko, um Stürze zu vermeiden (Ā«walking on iceĀ»)
• visuelle Dominanz
• Besserung der Symptome unter Ā«dual taskĀ»-Bedingungen (8)
• Alexithymie (eingeschrƤnkte Gefühlswahrnehmung)
Der Schwindel fungiert dabei hƤufig als AngstƤquivalent, insbesondere bei Patient/-innen mit inadƤquater Gefühlsverarbeitung und einem erhƶhten Kontrollbedürfnis. Exogene Trigger wie Stress, neue Lebenssituationen (z. B. Elternschaft, berufliche Verantwortung) oder unbewƤltigte Lebensereignisse (z. B. TodesfƤlle) spielen eine zenĀ­trale Rolle. Die fehlerhafte Verarbeitung von externen und internen Stimuli wird als sogenannte Maladaptation bezeichnet, die sich in Wechselwirkung mit kƶrperlichen und psychischen Reaktionen in einem Teufelskreis von Verunsicherung und Schonverhalten manifestieren kann. Die Folgen kƶnnen eine erhƶhte IntrospektionsfƤhigkeit, eine Fokussierung auf kƶrperliche Signale bzw. Reaktionen und die Entwicklung einer ausgeprƤgten Vermeidung von kƶrperlichen und sportlichen AktivitƤten sein (Abb. 1).

Diagnostik in der hausƤrztlichen Praxis

Die Diagnostik basiert auf einer klinischen EinschƤtzung mit strukturierter Anamnese (Verlauf, Trigger, Situationsbindung), ergƤnzt um eine neurologische Grunduntersuchung (inkl. z. B. Romberg-Test, Unterberger-Tretversuch, Halmagyi-Curthoys-Kopfimpulstest). Die Diagnostik beginnt mit der sorgfƤltigen Anamnese (kƶrperlich, psychisch, sozial).

Relevante Fragen kƶnnen sein:
• Wann, wie oft und wie tritt der Schwindel auf?
• Wie lange dauern die Schwindelepisoden?
• Bestehen typische Auslƶser, VerstƤrker oder BegleitsympĀ­tome?
• Gab es organische VorabklƤrungen?
• Liegen psychiatrische KomorbiditƤten vor?

Im hausƤrztlichen Setting sind folgende Schritte zentral:
• Ausschluss einer gefƤhrlichen somatischen Ursache (Red Flags!)
• Funktionsdiagnostische Hinweise:
– Keine persistierenden objektivierbaren vestibulƤren AusfƤlle, PPPD kann jedoch auch zusƤtzlich bei einem funktionsdiagnostischen Defizit auftreten
– Stabiler Gang in gewohnter, Unsicherheit/Schwanken in ungewohnter Umgebung
• Orientierung an der ICD-10-Klassifikation für somatoforme oder Angststƶrungen bzw. an der ICD-11-Klassifikation für PPPD
• Falls unklar: Überweisung an einen neurootologischen Spezialisten (Neurologie oder ORL)
• Bei Hinweisen auf psychische Beschwerden und psychosoziale Belastungen: Indikation zur Psychotherapie prüfen

Zur Abgrenzung struktureller Ursachen werden phasengerechte apparative Untersuchungen empfohlen. Eine strukturierte Psychoedukation dient der Symptomvalidierung und ist bereits ein erster therapeutischer Schritt, welcher auch von den behandelnden somatischen Ƅrzt/-innen durchgeführt werden kann (5, 6).

Behandlung: multimodale und psychotherapeutische Strategien

1. Psychoedukation und Krankheitsmodell

Ein zentraler erster Schritt in der Behandlung besteht darin, den Patient/-innen ein verstehbares und zu akzeptierendes Krankheitsmodell zu vermitteln. Sie müssen nicht zwischen «körperlich» oder «psychisch» entscheiden, sondern lernen, beide Ebenen zu berücksichtigen. Dieses sollte verdeutlichen, dass die Beschwerden real und behandelbar sind, unabhängig davon, ob eine organische Ursache vorliegt. Schwindel kann auch ein körperlicher Ausdruck von Stress sein, weshalb der aktuelle persönliche Lebenskontext berücksichtigt werden sollte.

2. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

KVT gilt als evidenzbasierte und effektive TherapieĀ­methode, die folgende Elemente beinhalten sollte:
• Expositionen mit symptomprovozierenden Reizen
(z. B. Drehstuhl)
• Aufbau von emotionaler Wahrnehmung (Affektdifferenzierung)
• Rückfallprophylaxe durch Selbstbeobachtung und StressbewƤltigung unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituation
Ziel ist es, angstverstärkende Bewertungsketten zu hinterfragen und adaptive Bewegungsmuster durch Expositionsübungen wiederherzustellen (1, 5).

4. ErgƤnzende Verfahren

• VestibulƤre Physiotherapie (Gleichgewichtstraining), ggf. mit visueller Desensibilisierung, Achtsamkeit und Entspannungsverfahren, Biofeedback, Gruppentherapie zur Fƶrderung emotionaler Kompetenzen

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus «PRAXIS» 01/26

Dr. med. Sarah Schiebler

MBA, OberƤrztin
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsspital Zürich
Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Elisabeth Schafflützel, M.Sc. 

Psychologin FSP
Universitätsspital Zürich
Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik
Interdisziplinäres Zentrum für Schwindel und neurologische Sehstörungen
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Die Autorinnen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Phobischer Schwindel stellt eine funktionelle Stƶrung dar, deren Entstehung auf ein komplexes Zusammenspiel somatischer, psychischer und kontextueller Faktoren zurückzuführen ist. Betroffene erleben die Symptome oft als stark einschrƤnkend, was eine frühzeitige und differenzierte Diagnostik besonders wichtig macht.
  • Eine rein somatische oder psychische Einordnung ist unzureichend. Der Begriff PPPD bietet ein modernes nosologisches Konzept, das psychische VulnerabilitƤt, sensorische Verarbeitung und somatische Kompensation integriert.
  • Für HausƤrzt/-innen ist die strukturierte ErstabklƤrung ebenso wie eine offene GesprƤchsführung ohne vorschnelle Psychologisierung entscheidend.
  • Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine wirksame Therapieform, besonders wenn Expositionen und Affektarbeit kombiniert werden.
  • Eine frühzeitige Einleitung von interdisziplinƤrer AbklƤrung, KVT und vestibulƤrer Physiotherapie kann einer Chronifizierung vorbeugen und in der Regel mit einer guten Prognose einhergehen.
  • Patienten profitieren am meisten von einem integrativen, biospsychosozialen Krankheitsmodell, das sie zur aktiven Mitgestaltung der Behandlung befƤhigt.

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9. Popkirov, S. (2024). Funktionelle neurologische Stƶrungen: Erkennen, verstehen, behandeln (2. Aufl.). Springer Berlin.

25. Zürcher Herzkurs – Cardiology Today

Der traditionelle Zürcher Herzkurs fand Ende vergangenen Jahres zum 25. Mal statt. Das von Prof. Franz Wolfgang Amann und Prof. Christian Schmied (HERZGEFƄSSMEDIZIN Hirslanden, Klinik im Park) zusammengestellte Programm stiess auf grosse Aufmerksamkeit, was eine Rekordbeteiligung verdeutlichte. Vom vielfƤltigen Programm werden hier drei Referate vorgestellt.

NSAR und das Herz – eine unterschƤtzte Gefahr

Die Geschichte der NSAR beginnt vor mehr als 5000 Jahren, Prof. Christian Schmied gab einen vertieften Einblick in dieses wichtige Gebiet: Diakurides, ein griechischer Arzt in Diensten des rƶmischen Heers, beschrieb die heilende Wirkung von Weidenrindenextrakt bei Gelenkschmerzen. Der Wirkstoff Salicin wurde 1828 isoliert und ab 1874 als SalicylsƤure industriell hergestellt.

Zu den frühen «nicht-selektiven» NSAR gehörten Indomethacin und Ibuprofen (1964 bzw. 1969); später folgten Diclofenac (1974) und Naproxen (1976). Um 1999/2000 wurden die ersten selektiven COX-2-Hemmer eingeführt.

NSAR sind mit kardiovaskulären Nebenwirkungen und Interaktionen assoziiert. Beschrieben wurden unter anderem ein verminderter Fluss in (noch) gesunden Arterien bei gleichzeitig «proinflammatorischem» Endothelzustand (Endothelitis), die Entstehung atherosklerotischer Plaques, eine Abnahme antiaggregatorischer Eigenschaften des Endothels sowie eine Zunahme prothrombotischer Mediatoren.

In den USA werden pro Jahr über 70 Millionen ärztliche NSAR-Verschreibungen ausgestellt; inklusive «over the counter»-Gebrauch werden jährlich mehr als 30 Milliarden NSAR-Dosen eingenommen.

Passend dazu wurde Ovid zitiert: Ā«perfer et obdura dolor hic tibi proderit olimĀ» – sei geduldig und stark, irgendwann wird dieser Schmerz dir nützlich sein.

NSAR im Sport

Der NSAR-Konsum ist auch im Sport verbreitet. Ein Viertel der befragten Olympioniken der Olympischen Spiele in Sydney gab an, wƤhrend des Turniers NSAR eingenommen zu haben. 86% der befragten Profifussballer der italienischen Serie A und B berichteten eine Einnahme an Spieltagen. Beim Boston Marathon 2002 nahmen 55% der befragten LƤufer NSAR ein. Zudem gaben 43% der befragten Nachwuchsfussballer (U20, U17) der Fussballweltmeisterschaften im Zeitraum 2002 bis 2014 an, wƤhrend des Turniers NSAR konsumiert zu haben. Auch wurde beim Engadiner Skimarathon NSAR-Gebrauch im Training (>80%) und wƤhrend des Wettkampfs (10–34%) festgestellt.

PrƤparate und Einordnung

NSAR lassen sich grob in nicht-steroidale und steroidale Substanzen einteilen. Zu den nicht-steroidalen zƤhlen die nicht-selektiven COX-1/2-Hemmer sowie die selektiven COX-2-Hemmer.
Zu den nicht-selektiven COX-1/2-Hemmern gehƶren:
• ArylpropionsƤurederivate: Naproxen, Ibuprofen, Flurbiprofen, Dexibuprofen
• ArylessigsƤurederivate: Diclofenac, Etodolac
• IndolessigsƤurederivate: Indometacin, Acemetacin
• AnthranilsƤurederivate: MefenaminsƤure
• Oxicame: Piroxicam, Tenoxicam, Meloxicam, Lornoxicam
• Weitere: AcetylsalicylsƤure, Nimesulid, Nabumeton
Zu den selektiven COX-2-Hemmern zƤhlen Etoricoxib und Celecoxib. Als steroidale Substanzen wurden Glukokortikoide genannt.

Wirkmechanismus

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) hemmen die Cyclooxygenase (COX), genauer die beiden Isoenzyme COX-1 und COX-2. Diese Hemmung kann – je nach Substanz – reversibel oder irreversibel sein. Die meisten NSAR binden dabei mit unterschiedlicher AffinitƤt an eines der beiden Isoenzyme. Selektive COX-2-Hemmer wirken bevorzugt auf COX-2, das im Rahmen von Entzündungsreaktionen vermehrt exprimiert bzw. hochreguliert wird.

Durch die COX-Hemmung nimmt die Bildung von Prostaglandinen und Thromboxanen ab, die zentral am Ablauf von Entzündung und Schmerz beteiligt sind. Klinisch führt dies zu einer Abnahme der prostaglandinvermittelten Schmerzen und Entzündungszeichen und erklärt die drei typischen Wirkkomponenten von NSAR: eine antiphlogistische (antiinflammatorische), antipyretische (fiebersenkende) und analgetische (schmerzlindernde) Wirkung.

Daneben ergeben sich weitere, klinisch relevante Effekte: Durch die verminderte Thromboxan-Produktion wird die Blutgerinnung beeinflusst (Thrombozytenfunktion), und durch die reduzierte Prostaglandinsynthese nimmt die prostaglandinabhƤngige Bildung magenprotektiven Schleims ab, was das Risiko gastrointestinaler Nebenwirkungen mit erklƤren kann.

Entwicklung der «selektiven» NSAR («Coxibe»)

Die Ā«CoxibeĀ» wurden entwickelt, um die antiinflammatorische Wirkung von NSAR zu erhalten, dabei aber das Risiko gastrointestinaler Nebenwirkungen zu senken, die vor allem durch COX-1-Hemmung entstehen. Durch die selektive COX-2-Hemmung wird die Bildung entzündungsfƶrdernder Prostaglandine unterdrückt, wƤhrend COX-1 – wichtig für Magenschleimhautschutz und Nierendurchblutung – weitgehend erhalten bleibt. Gleichzeitig kƶnnen Coxibe das kardiovaskulƤre Risiko erhƶhen, da die Hemmung von COX-2 die Balance gerinnungs- und endothelwirksamer Mediatoren beeinflussen kann.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen im klinischen Alltag

Als klassische Nebenwirkungen wurden gastrointestinale Komplikationen sowie vaskuläre Effekte (Hemmung/Promotion der Thrombozytenaggregation) genannt. Kardiale Effekte umfassen Hypertonie und Herzinsuffizienz, renale Effekte treten insbesondere bei chronischem Gebrauch auf. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Überempfindlichkeitsreaktionen, Reye-Syndrom sowie ZNS-Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Wichtige Wechselwirkungen betreffen Glukokortikoide (v. a. gastrointestinale Komplikationen), Thrombozytenaggregationshemmer und SSRI (gastrointestinale Blutungen), orale Antidiabetika (Hypoglykämierisiko), Saluretika (Abschwächung des diuretischen Effekts), Antikoagulanzien (Verstärkung der Gerinnungshemmung) sowie Antihypertensiva, insbesondere ACE-Hemmer, mit möglicher Wirkungsabnahme.

KardiovaskulƤres Risiko von selektiven COX-2-Hemmern

NSAR sind eine inhomogene Medikamentenklasse. Als zentral wurde herausgestrichen, dass eine ausgeprägte COX-2-Inhibition (deutlich stärker als COX-1-Inhibition) den entscheidenden Mechanismus für die Beeinflussung endothelialer bzw. gerinnungsmodifizierender Mediatoren (PGI2) darstellt.

Rofecoxib (Vioxx) wurde wegen eines erhöhten Risikos kardiovaskulärer Ereignisse freiwillig vom Markt zurückgezogen. Bei moderater Dosierung erwies sich Celecoxib hinsichtlich Sicherheit gegenüber Ibuprofen oder Naproxen (PRECISION-Trial) sowie gegenüber Ibuprofen und Diclofenac (SCOT-Trial) als nicht unterlegen.

Take-Home-Messages

NSAR gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten und bilden eine heterogene, komplexe Gruppe (COX-1/COX-2, Halbwertszeiten, Nebenwirkungsprofil). Jede Patientin und jeder Patient sollte im individuellen, oft komplexen Kontext beurteilt werden (Komorbiditäten, Begleitmedikation), um die «optimale» Therapie zu wählen. Gefürchtete Komplikationen sind neben gastrointestinalen Ereignissen vor allem kardiale und vaskuläre Ereignisse, darunter Myokardinfarkt und Stroke, aber auch Hypertonie, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern sowie möglicherweise ein schlechtes Outcome bei Myokarditis.

Unter den NSAR bieten Naproxen (und Ibuprofen) das günstigste kardiovaskuläre Risikoprofil, unter anderem aufgrund relativ langer (variabler) Halbwertszeit und relativ geringer COX-2-Affinität; bei zusätzlichen GI-Risikofaktoren ist dies besonders relevant. Eine (Fix-)Kombination mit einem PPI reduziert das Risiko gastrointestinaler Ereignisse signifikant.

Schlank und rank dank GLP-1-Agonisten – zu schƶn um wahr zu sein?

Dr. David Infanger, Leiter Adipositas- und StoffwechselZentrum Hirslanden Zürich, ordnete das Thema zunächst epidemiologisch ein. Gemäss der Schweizer Gesundheitsbefragung 2023 waren 13,2% der Männer und 11,0% der Frauen adipös; 39,1% der Männer und 22,8% der Frauen waren übergewichtig. Im Vergleich zu 1992 zeigt sich damit eine deutliche Zunahme: Damals waren 6,1% der Männer und 4% der Frauen adipös, während 33,2% der Männer und 17,2% der Frauen als übergewichtig erfasst wurden. Dies entspreche einer Zunahme der übergewichtigen Männer um mehr als 15% und bei den Frauen um 24,6%.

Die PrƤvalenz von Adipositas nimmt weiter zu. Für 2022 wurde erwƤhnt, dass knapp 900 000 Personen (≄ 13 Jahre) einen BMI ≄ 30 aufweisen, was rund 12% der Bevƶlkerung entspreche. Bis 2035 werde die Adipositasrate in der Schweiz voraussichtlich auf 37% ansteigen. Die Ursachen seien komplex und multifaktoriell: soziokulturelle und umweltbedingte Faktoren spielen ebenso eine Rolle wie epigenetische und genetische Einflüsse (HeritabilitƤt ca. 40–70%), hormonelle Mechanismen und verhaltensbedingte Faktoren.

Krankheitswert der Adipositas

Adipositas ist mit metabolischen Folgeerkrankungen assoziiert, die insbesondere die Leber (MAFLD 50–70%, MASH 30–35%) sowie Gallensteine und InfertilitƤt betreffen. Hinzu kommen Krebserkrankungen sowie kardiovaskulƤre Erkrankungen wie Stroke (um 3–7%), DyslipidƤmie (bis 70%), Hypertonie (bis 55%), Myokardinfarkt (bis 21%) und HFpEF. Weiter wurden Typ-2-Diabetes (20–30%) und PrƤdiabetes (30–35%) genannt, mit Folgeproblemen wie Nephropathie, Nierensteinen, Thrombosen und Gicht. Mechanische Folgen umfassen Asthma, Inkontinenz, Gonarthrose (bis 52%, GERD) sowie kƶrperliche FunktionsunfƤhigkeit; ebenfalls genannt wurden Inkontinenz und Gonarthrose (bis 53%).

Unterstrichen wurde zudem der Einfluss auf die Prognose: Die Lebenserwartung sinkt bei Adipositas: genannt wurde ein Rückgang auf 50% im Alter von 70 Jahren bei BMI 40–50, gegenüber fast 80% bei BMI 22,5–25. Adipositas ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern eine Krankheit mit Todesfolge.

Nutzen der Gewichtsreduktion

Gewichtsreduktion führt zu einer generellen Gesundheitsverbesserung, wobei der Nutzen mit dem Ausmass der Gewichtsabnahme zunimmt. Bei 0–5% wurden Verbesserungen bei Hypertonie und HyperglykƤmie genannt. Bei 5–10% stehen u. a. PCOS, MAFLD, PrƤvention des Typ-2-Diabetes und DyslipidƤmie im Vordergrund. Eine Reduktion um 10–15% wurde mit OSAS, GERD, MASH, kardiovaskulƤrer Krankheit, Urin-Stresskontinenz und Kniearthrose in Verbindung gebracht. Bei 15–20% wurden eine Reduktion der kardiovaskulƤren MortalitƤt und eine Remission des Typ-2-Diabetes erwƤhnt; bei > 20% u. a. HFpEF sowie fortgeschrittene Typ-2-Diabetes-Remission und posturale InstabilitƤt.

Zugelassene medikamentƶse Therapie

Als medikamentƶse Optionen wurden insbesondere die GLP-1-basierte Therapien besprochen. Semaglutid (GLP-1-RA) ist für Adipositas als WegovyĀ® zugelassen (BMI ≄ 28 kg/m² mit Begleiterkrankung) und für Diabetes als OzempicĀ® (BMI ≄ 35 kg/m²; Kostengutsprache über Adipositaszentrum/Endokrinologie).

Tirzepatid (GLP-1/GIP-RA; MounjaroĀ®) wird zur Gewichtsreduktion eingesetzt, wenn der anfƤngliche BMI > 30 kg/m2 (Adipositas; Fettleibigkeit) oder > 27 kg/m2 bis < 30 kg/m2 (Übergewicht) betrƤgt und mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung vorliegt. Als Begleiterkrankungen wurden PrƤdiabetes, DMT2, Hypertonie und DyslipidƤmie genannt.

Wirkmechanismen

GLP-1-Rezeptoragonisten (Semaglutid; Wegovy®/Ozempic®/Rybelsus®) sind synthetisch hergestellte Polypeptide, die an den GLP-1-Rezeptor binden und gegenüber dem natürlichen GLP-1 eine verlängerte Halbwertzeit aufweisen. Sie stimulieren die Insulinsekretion und hemmen die Ausschüttung von Glucagon.
Tirzepatid (Mounjaro®) ist ein Analogon des glukoseabhängigen insulinotropen Peptids (GIP) und wirkt als dualer Agonist an GIP- und GLP-1-Rezeptoren.

Evidenz aus Studien

In der SURMOUNT-Studie wurde berichtet, dass 1 von 3 Teilnehmer/-innen, die MounjaroĀ® in der MTD anwendeten, eine mittlere Gewichtsreduktion von ≄ 25% erreichten, gegenüber 1 von 5 unter WegovyĀ®.

Zusammenfassung

Adipositas wurde als multifaktorielle, chronische und nicht heilbare Erkrankung mit Todesfolge beschrieben. Medikamentöse Begleittherapien wie Wegovy® und Mounjaro® seien echte Game Changer mit klarem kardiovaskulärem Nutzen, aber keine Wundermittel. Eine hohe Rückfallquote sei kein Versagen oder Selbstverschulden, sondern Ausdruck einer biologischen Gegenreaktion.

Die wichtigsten Studien und Guidelines für den Praxisalltag

Dr. med. Eva Bühlmann, Hirslanden Klinik im Park, fasste die wichtigsten Inhalte des ESC Congress 2025 in Madrid zusammen. Insgesamt nahmen 33 300 Teilnehmende aus 167 LƤndern teil. Im Rahmen des Kongresses wurden 110 VortrƤge gehalten, und mehr als 190 Studien wurden gleichzeitig in führenden wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. ZusƤtzlich wurden fünf neue bzw. aktualisierte Clinical Practice Guidelines der ESC (teilweise gemeinsam mit Partnerorganisationen) vorgestellt.

Neue Guidelines ESC 2025

Als neue bzw. aktualisierte Leitlinien wurden genannt: Valvular Heart Disease, Myocarditis and Pericarditis, CVD and Pregnancy, Dyslipidemia sowie Mental Health and CVD. ErgƤnzend wurde ein Clinical Consensus Statement zu mental health and cardiovascular disease erwƤhnt.

Bei den Valvular-Heart-Disease-Guidelines handelt es sich um ein Update der Version von 2021. Dabei wird jedes Klappenvitium in einem eigenen Kapitel behandelt (AI, AS, MI, MS, TI, TS). Thematisiert wurden zudem kombinierte Klappenvitien, das Management während nicht-kardialer Operationen sowie in der Schwangerschaft, die antithrombotische Therapie bei Patientinnen und Patienten mit operierten Klappen sowie Neuerungen im Bereich der Antikoagulation. Als übergreifende Entwicklung wurden frühere Interventionen, eine erweiterte Rolle minimal-invasiver und transkatheterer Verfahren, eine erweiterte Diagnostik und Bildgebung, die Bedeutung von Team- und Zentrumsstrukturen sowie ein stärker patientenzentrierter Ansatz mit Aufklärung hervorgehoben.

Mentale Gesundheit und PrƤvalenz kardiovaskulƤrer Erkrankungen

Ein Schwerpunkt lag auf der psychischen KomorbiditƤt bei kardiovaskulƤren Erkrankungen. Für Depressionen wurden PrƤvalenzen von 31% nach Myokardinfarkt und 22% bei chronischer Herzinsuffizienz genannt, mit einer je nach NYHA-Klasse breiten Spanne (11–42%). Weitere Angaben betrafen die Situation rund um Transplantationen (pre-transplant 35%, post-transplant 26%) sowie nach ICD-Implantation (15%). Nach der Implantation treten mittelschwere bis schwere Depressionen gehƤuft bei ICD zur SekundƤrprƤvention oder nach ≄ 5 Schocks auf; für pulmonale Hypertonie wurde eine PrƤvalenz von 28% genannt.

Für Angstsymptome wurden je nach Setting ebenfalls hohe Raten beschrieben: nach CABG/PCI bzw. post MI oder ACS lagen die Angaben bei 12–42% bei MƤnnern und 22–64% bei Frauen. Bei chronischer Herzinsuffizienz wurden 29% klinisch signifikante Angststƶrung und 13% mit Angststƶrung genannt. Bei VHFli (auch nach EKV und Ablation) wurden 30% erwƤhnt, nach ICD-Implantation 23%. Nach akutem Herzstillstand nach Spitalentlassung wurden 30% genannt; insgesamt wurde betont, dass die PrƤvalenz nach Alter und Geschlecht unterschiedlich ist.

Beurteilung von Depressionen und AngstzustƤnden

Empfohlen wurde ein Screening bei allen CVD-Patienten. Der Zeitpunkt der Untersuchung soll sich am klinischen Verlauf orientieren: bei neugestellter Diagnose, nach einem kardiovaskulƤren Ereignis oder Eingriff (ggf. noch wƤhrend der Hospitalisierung), bei der jƤhrlichen Kontrolle sowie bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung.
Für das initiale Screening auf Depression wurden die Two-item screening tools («Whooley questions») vorgestellt. Diese weisen eine hohe Sensitivität (95%) und eine mässige Spezifität (65%) auf und eignen sich als erster Schritt. Dabei wird gefragt: (I) ob man sich im letzten Monat oft niedergeschlagen, deprimiert oder hoffnungslos gefühlt habe, und (II) ob man sich im letzten Monat oft darüber geärgert habe, dass man wenig Interesse oder Freude an Dingen hatte. Das Screening gilt als positiv, wenn mindestens eine Frage mit Ja beantwortet wird. Bei Verdacht auf Depression wurde der PHQ-2 genannt (Sens. 97%, Spez. 48%), bei Verdacht auf generalisierte Angststörung der GAD-2 (Sens. 91%, Spez. 37%).

Therapeutische AnsƤtze

Als Versorgungsmodell wurde eine integrierte multidisziplinäre Betreuung im Sinne eines «Cardio-mental health team» beschrieben. Nicht medikamentös stehen Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, möglichst evidenzbasiert, sowie kardiale Reha-Programme mit Integration psychologischer Module im Vordergrund. Ergänzend wurden Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Schlafhygiene und soziale Unterstützung genannt.

Medikamentƶs wurden SSRI als erste Wahl hervorgehoben (z. B. Sertralin, Escitalopram, Citalopram) mit guter kardiovaskulƤrer VertrƤglichkeit. Zu vermeiden seien Trizyklika, MAO-Hemmer und Venlafaxin (u. a. QT-VerlƤngerung, Tachykardien). Bei Anxiolyse wurden Benzodiazepine nur kurzzeitig bei schwerer Angst genannt; langfristig werden Buspiron oder SSRI bevorzugt. Wichtig sei das Beachten von Interaktionen, insbesondere im Hinblick auf CYP-Metabolismus, QTc-VerlƤngerung und Blutungsrisiko unter OAK + SSRI.

Take-Home-Messages

Zusammenfassend wurde betont, dass depressive und Angstsymptome bei CVD-Patienten routinemƤssig erfasst werden sollen und ein positives Screening rasch zur AbklƤrung führen sollte. Die Versorgung soll integrativ erfolgen, idealerweise durch multidisziplinƤre Teams, die lokale Netzwerke (Cardio-Mental Health) aufbauen. Psychotherapie und – falls angezeigt – SSRI bleiben für viele Patientinnen und Patienten First-line; die Pharmakotherapie soll individuell erfolgen, unter besonderer Beachtung mƶglicher Interaktionen und kardialer Sicherheitsaspekte.

Hotline Sessions – praxisrelevante Studien

In den Hotline Sessions wurden zahlreiche praxisrelevante Studien genannt, darunter: POTCAST, AMALFI, DIGIT HF, Treebaeard, Physio syne HF, Praetoiian/ATLA, DAPA-ACT, VICTOR, ODYSSEY-HCM, MAPLE-HCM, REBOOT, BETAMI-DANBLOCK/VEDEPAD, DEFINE-ICD, KP-VACCINATE, DANFLU-2, FLUNITY-HD, PULSE, KARDIA-3, ESSENCE TIMI73b, DANCVAS 2, ABC-AF study, HI-PRO, SWEDEPAD, THE AQUATIC trial, The DUAL ACS TRIAL, OPTION STEMI, NEO-MINDSET, TAILORED-CHIP, TARGET-FIRST, ALONE-AF, BEAT PARADOX AF, CUVIA, PARACHUTE-HF, HELP-MI SWEDEHEART, IMPACT-BP, NEWTON_CABG, TACSI, The TOP_CABG trial, OPTIION Trial.

ALONE-AF: Konklusion und Limitationen
Zur Studie ALONE-AF wurde berichtet, dass das Risiko für den primƤren kombinierten Endpunkt (Stroke, systemische Embolie und schwere Blutungen) nach Absetzen der oralen Antikoagulation geringer war als bei fortgesetzter Therapie, vor allem aufgrund einer Verringerung schwerer Blutungen. Die Inzidenz ischƤmischer Komplikationen war zwischen den Gruppen vergleichbar. Damit liefert ALONE-AF erstmals randomisierte Evidenz, um bei ausgewƤhlten Patientinnen und Patienten ein Absetzen der OAK nach Ablation überhaupt in Betracht zu ziehen. Gleichzeitig wurde betont, dass dies nicht für alle gilt und eine sorgfƤltige Patientenselektion, gutes Monitoring und das Bewusstsein für subklinische Rezidive zentral sind. Als Limitationen wurden genannt, dass die Studie nicht darauf ausgelegt war, Unterschiede in ischƤmischen Ereignissen nachzuweisen, dass die Population stark selektioniert war und dass das Monitoring auf Rezidive nicht sehr engmaschig erfolgte (Holter 24–72 h, halbjƤhrlich), wodurch subklinische Rezidive übersehen werden kƶnnten. Zudem war der Beobachtungszeitraum nach Ablation relativ kurz (ab 1 Jahr post Ablation im Durchschnitt 3,6), weshalb das Langzeitrisiko über viele Jahre noch unklar ist.

AQUATIC
Abschliessend wurden Ergebnisse der AQUATIC-Studie erwähnt: Bei Patientinnen und Patienten mit chronischem Koronarsyndrom und hohem atherothrombotischem Risiko war die zusätzliche Gabe von Aspirin zur laufenden oralen Antikoagulation mit einem höheren Risiko für kardiovaskulären Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall, systemische Embolie, koronare Revaskularisation oder akute Gliedmassenischämie assoziiert als Placebo; die Ergebnisse wurden gleichzeitig im NEJM publiziert.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

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