PrƤzisionsmedizin beim Endometriumkarzinom

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern mit steigender Inzidenz. Die traditionelle binäre Einteilung in Typ I und II EC ist veraltet und reicht zur präzisen Risikoeinschätzung nicht mehr aus. Einen entscheidenden Fortschritt stellt die molekulare Klassifikation dar, die erstmals im Rahmen des The Cancer Genome Atlas (TCGA)-Projekts beschrieben wurde und eine differenzierte prognostische und prädiktive Einschätzung ermöglicht. Die Integration molekularer Marker in die überarbeitete FIGO Klassifikation von 2023 sowie die ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation von 2025 erlaubt individualisierte Therapieentscheidungen. Neue prädiktive Biomarker eröffnen zudem vielversprechende Perspektiven für zielgerichtete Behandlungsansätze. Dieser Beitrag bietet einen praxisorientierten Überblick über die klinische Relevanz molekularer Marker beim EC.

Endometrial cancer (EC) is the most common gynecological malignancy in industrialized countries, with a steadily increasing incidence. The traditional binary classification into type I and II EC is now considered outdated and insufficient for accurate risk assessment. A major advancement has been the introduction of molecular classification by The Cancer Genome Atlas (TCGA) project, allowing more precise prognostic and predictive stratification. The integration of molecular markers in to the revised FIGO classification in 2023 and the ESGO/ESTRO/ESP risk stratification in 2025 facilitates personalized treatment planning. Additionally, novel predictive biomarkers offer promising opportunities for targeted therapies. This article provides a practical overview of the clinical application of molecular markers in EC.
Key words: Endometrial cancer, molecular biomarkers, FIGO classification, personalized therapy, risk stratification

Epidemiologische Entwicklung: Eine wachsende Herausforderung

Steigende Inzidenz und MortalitƤt

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das hƤufigste gynƤkologische Malignom in IndustrielƤndern. Das lebenslange Erkrankungsrisiko betrƤgt etwa 3 %, das mittlere Alter bei Diagnosestellung liegt bei 61 Jahren. WƤhrend die MortalitƤt vieler Tumoren sinkt, steigen Inzidenz und Sterblichkeit beim EC weiter an, es hat inzwischen das Ovarialkarzinom als führende Todesursache unter den gynƤkologischen Malignomen abgelƶst (1).
In den letzten drei Jahrzehnten ist die EC-Inzidenz in den USA um 132 % gestiegen. Diese Entwicklung ist vor allem auf den Anstieg von Adipositas, metabolischen Erkrankungen und die demografische Alterung zurückzuführen. Die hƶchsten Erkrankungsraten finden sich aktuell in Nordamerika, gefolgt von Osteuropa und Zentraleuropa. Besonders besorgniserregend ist der Zuwachs bei jungen Frauen: Bei 20–29-JƤhrigen hat sich die Inzidenz seit 2001 um 137 %, bei 30–39-JƤhrigen um rund 72 % erhƶht (2, 3).

Adipositas: stille Pandemie mit onkologischer Ā­Relevanz

Adipositas ist ein unabhƤngiger Risikofaktor für EC. Pro fünf BMI-Einheiten steigt das Erkrankungsrisiko um etwa 50 % (4). Besonders bei jungen Frauen ist die Korrelation zwischen Kƶrpergewicht und ErkrankungsausprƤgung deutlich. Laut aktuellen Prognosen werden im Jahr 2050 rund 59 % der Weltbevƶlkerung übergewichtig oder adipƶs sein, mit weitreichenden Auswirkungen auch auf die EC-Epidemiologie. Besonders betrifft dies jüngere Altersgruppen, von denen ein Drittel der unter 25-JƤhrigen voraussichtlich von Übergewicht und Adipositas betroffen sein wird. Konsekutiv dürfte die EC-Inzidenz weiter deutlich zunehmen (5).

Molekulare Klassifikation: ein Paradigmenwechsel

Die Diagnostik und Therapie des EC befinden sich im Wandel. Fortschritte in der molekularen Tumorbiologie haben die traditionelle Risikostratifikation revolutioniert und den Weg zu personalisierten Therapien geebnet. Obwohl EC meist in frühen Stadien diagnostiziert wird – oft durch Blutungsbeschwerden – gewinnen molekulare Marker zunehmend an Bedeutung für die klinische Entscheidungsfindung.

Die klassische Zweiteilung in Typ I (ƶstrogenabhƤngig, endometrioid) und Typ II (ƶstrogenunabhƤngig, serƶs) reicht nicht mehr aus, um die biologische und prognostische Vielfalt des EC adƤquat abzubilden. Einen Meilenstein setzte 2013 das TCGA-Projekt (The Cancer Genome Atlas), das durch umfassende molekulargenetische Analysen vier klar differenzierbare Subgruppen identifizierte, mit spezifischem molekularem Profil und prognostischer Aussagekraft (6).

Praxisgerechter Algorithmus zur molekularen Subtypisierung

Da umfassende Genomsequenzierungen in der klinischen Routine kaum umsetzbar sind, wurden Surrogatmarker etabliert. Ein praktikabler diagnostischer Algorithmus kombiniert:
• Gezielte Sequenzierung zur Detektion von POLE-Mutationen
• Immunhistochemie für p53 sowie die Mismatch-Repair (MMR) Proteine (MLH1, PMS2, MSH2, MSH6)
Ein Expressionsverlust bei MMR-Proteinen weist auf eine MMR-Defizienz (MMRd) hin, welche ein Surrogat für die Mikrosatelliten-Instabile-(MSI-H)-Gruppe ist. Pathologische p53-Expressionsmuster definieren die p53-abnorme Subgruppe, die weitgehend mit den «Copy-number high»-Tumoren des TCGA korreliert (2).
Diese diagnostischen Schritte ermöglichen eine robuste molekulare Einteilung im klinischen Alltag und sind eine Grundlage für differenzierte Prognose und individualisierte Therapie.

Die vier molekularen Subtypen – klinische Bedeutung

POLE-ultramutiert (POLEmut)

Typisch sind pathogene POLE-Mutationen mit extrem hoher Mutationslast (Ā«ultramutiertĀ») bei meist jungen, metabolisch unauffƤlligen Patientinnen. Die Tumoren sind überwiegend endometrioid und zeigen selbst bei fortgeschrittenem Stadium eine exzellente Prognose mit < 1 % krankheitsspezifischer MortalitƤt. Eine adjuvante Therapie ist oft verzichtbar.
HƤufigkeit: 5–10 %

Mismatch-Repair-Defizienz (MMRd / MSI-H)

Mismatch-Reparaturdefekte führen zu hoher Mutationslast. Ursachen sind Keimbahnmutationen (z. B. Lynch-Syndrom) oder epigenetische MLH1-Silenzierung. Die Tumoren treten in allen Altersgruppen auf. Die Prognose ist intermediƤr und abhƤngig von Zusatzfaktoren wie LVSI (Lymphovascular Space Invasion). MMRd-Tumoren sprechen gut auf Immuntherapie an.
HƤufigkeit: 25–30 %

p53-abnorm (p53abn / copy-number high / serƶs-like)

GeprƤgt durch p53-VerƤnderungen, hohe genomische InstabilitƤt und niedrige Mutationsraten. Diese aggressiven Tumoren (u. a. serƶse und Karzinosarkome) verursachen einen Grossteil der EC-assoziierten MortalitƤt. Auch endometrioide Histologien kƶnnen betroffen sein.
Prognose: ungünstig, hohe Rezidiv- und Metastasierungsrate
HƤufigkeit: 15–20 %

NSMP (No Specific Molecular Profile)

Grösste, molekular unspezifische Gruppe. Hauptsächlich endometrioide Karzinome ohne definierende Marker. Die Prognose ist überwiegend günstig, aber stark abhängig von Grading, ER-(Estrogen Receptor) Status und LVSI. Besonders ER-negative Tumoren verhalten sich aggressiver.
HƤufigkeit: 40–50 %

Ein Tumor kann aufgrund seines molekularen Profils in mehr als eine Subgruppe fallen. Diese Ā«multiple classifiersĀ» (ca. 4 % der EC) wurden in mehreren Studien untersucht und scheinen die Prognose der jeweils günstigeren Subgruppe zu behalten.

Prognostische Marker

Klassische Kriterien behalten ihren Stellenwert

Trotz aller Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleiben klassische histopathologische Parameter wie Tumorstadium, Grading, histologischer Subtyp und LVSI zentrale prognostische Faktoren im Management des EC. Insbesondere das Ausmass der LVSI korreliert eng mit dem Risiko für Lymphknotenmetastasen und Fernrezidive und beeinflusst die Therapieplanung massgeblich (7).

Molekulare Marker verbessern die Risikostratifikation

Histologische Merkmale allein reichen jedoch nicht aus, um das Rückfallrisiko verlƤsslich einzuschƤtzen. Die Integration molekularer Marker in die RisikoeinschƤtzung verbessert die prognostische Genauigkeit erheblich – erfordert aber ein Umdenken und eine Re-Klassifikation vieler Tumoren (Abb. 1A). Dies wurde eindrucksvoll durch die retrospektive Analyse der PORTEC-Studien belegt: Innerhalb der histologisch als Ā«high-gradeĀ» klassifizierten endometrioiden Karzinome fand sich eine relevante Subgruppe mit POLE-Mutationen, die trotz ungünstiger Histologie eine exzellente Prognose aufwies (8). Ohne molekulare Typisierung wurden diese Patientinnen mƶglicherweise übertherapiert.

Solche Analysen zeigen, wie heterogen vermeintlich einheitliche Risikogruppen tatsƤchlich sind und dass molekulare Merkmale die klassischen Kriterien nicht nur ergƤnzen, sondern in vielen FƤllen übertreffen (Abb. 1B und 1C) (9).

Klinische Konsequenzen: Neue Standards in der Risikoevaluierung

Die Kombination histopathologischer und molekularer Merkmale markiert den neuen Standard in der Prognosebeurteilung des EC. Dies spiegelt sich in der überarbeiteten FIGO-Klassifikation 2023 wider, die molekulare Marker systematisch einbezieht. In einer multizentrischen Vergleichsstudie mit der FIGO-Version von 2009 führte die molekulare Einteilung bei rund 25 % der Patientinnen zu einer Ƅnderung des Tumorstadiums (23.7 % wurden auf-, 3.9 % abgestuft) (Abb. 2A) (10). Die neue Klassifikation erlaubt damit eine deutlich prƤzisere EinschƤtzung des Rückfallrisikos und hat direkte Konsequenzen für die Therapieplanung (Abb. 2B) (11).

Auch die aktualisierte Risikogruppen-Stratifizierung orientiert sich nun an molekularen Subtypen – mit konkreten Implikationen: von Therapie-Deeskalation bei POLEmut bis zur Eskalation bei p53abn.

Neue FIGO Klassifikation and Risikostratifikation

FIGO-Klassifikation 2023 – Integration molekularer Subtypen

Die überarbeitete FIGO-Klassifikation 2023 berücksichtigt erstmals molekulare Subgruppen (POLEmut, MMRd, NSMP, p53abn) in der Stadieneinteilung (12). Neben dem anatomischen Tumor-ausmass fliessen nun auch biologische Merkmale und prognostisches Risiko ein (Abb. 3). Ziel ist eine prƤzisere, klinisch relevante Klassifikation.

Wichtige Neuerungen:

• Molekulare Marker sollten frühzeitig bestimmt werden, mƶglichst bereits am Kürettagematerial, sofern qualitativ verwertbar.
• Die molekulare Testung wird für alle Patientinnen empfohlen.
• Bekannte Subtypen werden durch den Zusatz Ā«mĀ» und eine spezifische Kennung (z. B. FIGO IAmPOLEmut) im Stadium benannt.
• Zwei Subtypen beeinflussen das Stadium unabhƤngig von der Tumorinfiltration in den Uterus oder in die Zervix:
– POLEmut → Down-Staging auf FIGO IAmPOLEmut
– p53abn → Up-Staging auf FIGO IICMp53abn
– Dies hat direkte therapeutische Konsequenzen – von Deeskalation bis zur Indikation für Radiochemotherapie.

NSMP – Differenzierung durch Ɩstrogenrezeptorstatus

Die NSMP-Gruppe ist heterogen. Jedoch beeinflusst der ER die Prognose wesentlich:
• ER-negativ und/oder Grad 3: ungünstiges Verhalten, Ƥhnlich p53-abnorm
• ER-positiv: günstigerer Verlauf, insbesondere bei high-risk NSMP
Diese Erkenntnisse wurden in die neue Risikostratifikation übernommen. ErgƤnzend empfiehlt die WHO einen vierten Diagnoseschritt mit immunhistochemischer Bestimmung des ER-Status bei NSMP-Tumoren (13). (Abb. 4)

ESGO/ESTRO/ESP-Risikogruppen 2025 – neuer Standard für Therapieplanung

Die ESGO/ESTRO/ESP-Leitlinie 2025 verknüpft molekulare Marker, klassische histopathologische Merkmale und den ER-Status zu einer differenzierten Risikostratifikation. Daraus ergeben sich klar definierte Empfehlungen für die adjuvante Therapie, individuell abgestimmt auf das Rückfallrisiko.

Die überarbeitete Guideline wurde erstmals im Februar 2025 beim ESGO-Kongress in Rom prƤsentiert und im Juli 2025 verƶffentlicht (18) (Abb. 3).

Molekulare Biomarker als therapeutisches Target

Die Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel bleibt Standard in der Erstlinie (ORR ca. 50 %), verliert aber in der Zweitlinie deutlich an Wirksamkeit (< 10 %). Es besteht Bedarf an individualisierten, wirksameren Systemtherapien. Moderne Therapiekonzepte orientieren sich zunehmend an molekularen Merkmalen statt am Tumorursprung. PrƤdiktive Biomarker ermƶglichen gezielten Einsatz spezifischer Substanzen, unabhƤngig vom Organbefall.

Wichtige molekulare Targets beim EC

• MMRd/MSI-H: Hohe Mutationslast und somit hohe Immuntherapie-Ansprechrate. Kombination mit Chemotherapie (z. B. RUBY, NRG-GY018) verlƤngert PFS (HR 0.28 resp. 0.45) und OS (HR 0.32 resp. 0.55) deutlich (14, 15).
• HER2: Besonders bei p53abn EC relevant. Trastuzumab (± Chemotherapie) sowie T-DXd zeigen hohe Wirksamkeit (z. B. DESTINY-PanTumor02: ORR 85 %) (16).
• Hormonrezeptoren (ER/PR): Grundlage für endokrine Therapie. Kombinationen mit CDK4/6-Inhibitoren + Aromatasehemmer oder Fulvestrant zeigen vielversprechende Phase-II-Daten (17).

Zukünftige Entwicklung in der Behandlung des EC

Die Zukunft der EC-Therapie liegt in der präzisen, biomarkerbasierten Patientenselektion. Ziel der Forschung ist es, molekulare Tumoreigenschaften gezielter für die Individualisierung von Therapien zu nutzen, prädiktive Marker besser einzusetzen und Behandlungsstrategien weiter zu verfeinern.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. CƩline Montavon Sartorius

Frauenklinik, UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

PD Dr. med. Tibor A. Zwimpfer

Frauenklinik, UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Steigende Inzidenz: Das Endometriumkarzinom nimmt weltweit zu – besonders bei Frauen < 40 Jahren, begünstigt durch zunehmende Adipositas.
  • Molekulare Subtypen: Die Einteilung in POLEmut, MMRd, NSMP und p53abn bietet eine verbesserte prognostische und therapeutische Grundlage.
  • Individualisierte RisikoeinschƤtzung: FIGO-Klassifikation 2023 und ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation 2025 integrieren molekulare Marker systematisch und beeinflussen konsekutiv die Therapieplanung.
  • Therapiestratifizierung: ER-Status, HER2-Status und MMRd sind entscheidend für zielgerichtete Behandlungsstrategien.

1. Siegel RL, Kratzer TB, Giaquinto AN, Sung H, Jemal A. Cancer statistics, 2025. CA Cancer J Clin. 2025;75(1):10-45.
2. Crosbie EJ, Kitson SJ, McAlpine JN, Mukhopadhyay A, Powell ME, Singh N. Endometrial cancer. Lancet. 2022;399(10333):1412-28.
3. Francoeur AA, Liao CI, Chang J, Johnson CR, Clair K, Tewari KS, et al. Associated Trends in Obesity and Endometrioid Endometrial Cancer in the United States. Obstet Gynecol. 2025;145(3):e107-e16.
4. Onstad MA, Schmandt RE, Lu KH. Addressing the Role of Obesity in Endometrial Cancer Risk, Prevention, and Treatment. J Clin Oncol. 2016;34(35):4225-30.
5. Collaborators GBDAB. Global, regional, and national prevalence of adult overweight and obesity, 1990-2021, with forecasts to 2050: a forecasting study for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet. 2025;405(10481):813-38.
6. Cancer Genome Atlas Research N, Kandoth C, Schultz N, Cherniack AD, Akbani R, Liu Y, et al. Integrated genomic characterization of endometrial carcinoma. Nature. 2013;497(7447):67-73.
7. Bosse T, Peters EE, Creutzberg CL, Jurgenliemk-Schulz IM, Jobsen JJ, Mens JW, et al. Substantial lymph-vascular space invasion (LVSI) is a significant risk factor for recurrence in endometrial cancer–A pooled analysis of PORTEC 1 and 2 trials. Eur J Cancer. 2015;51(13):1742-50.
8. Santoro A, Angelico G, Travaglino A, Inzani F, Arciuolo D, Valente M, et al. New Pathological and Clinical Insights in Endometrial Cancer in View of the Updated ESGO/ESTRO/ESP Guidelines. Cancers (Basel). 2021;13(11).
9. Leon-Castillo A, de Boer SM, Powell ME, Mileshkin LR, Mackay HJ, Leary A, et al. Molecular Classification of the PORTEC-3 Trial for High-Risk Endometrial Cancer: Impact on Prognosis and Benefit From Adjuvant Therapy. J Clin Oncol. 2020;38(29):3388-97.
10. Schwameis R, Fanfani F, Ebner C, Zimmermann N, Peters I, Nero C, et al. Verification of the prognostic precision of the new 2023 FIGO staging system in endometrial cancer patients – An international pooled analysis of three ESGO accredited centres. Eur J Cancer. 2023;193:113317.
11. Matsuo K, Klar M, Song BB, Roman LD, Wright JD. Validation of the 2023 FIGO staging schema for advanced endometrial cancer. Eur J Cancer. 2023;193:113316.
12. Berek JS, Matias-Guiu X, Creutzberg C, Fotopoulou C, Gaffney D, Kehoe S, et al. FIGO staging of endometrial cancer: 2023. Int J Gynaecol Obstet. 2023;162(2):383-94.
13. Vermij L, Jobsen JJ, Leon-Castillo A, Brinkhuis M, Roothaan S, Powell ME, et al. Prognostic refinement of NSMP high-risk endometrial cancers using oestrogen receptor immunohistochemistry. Br J Cancer. 2023;128(7):1360-8.
14. Powell MA, Bjorge L, Willmott L, Novak Z, Black D, Gilbert L, et al. Overall survival in patients with endometrial cancer treated with dostarlimab plus carboplatin-paclitaxel in the randomized ENGOT-EN6/GOG-3031/RUBY trial. Ann Oncol. 2024;35(8):728-38.
15. Eskander RN, Sill MW, Beffa L, Moore RG, Hope JM, Musa FB, et al. Pembrolizumab plus chemotherapy in advanced or recurrent endometrial cancer: overall survival and exploratory analyses of the NRG GY018 phase 3 randomized trial. Nat Med. 2025;31(5):1539-46.
16. Fader AN, Roque DM, Siegel E, Buza N, Hui P, Abdelghany O, et al. Randomized Phase II Trial of Carboplatin-Paclitaxel Compared with Carboplatin-Paclitaxel-Trastuzumab in Advanced (Stage III-IV) or Recurrent Uterine Serous Carcinomas that Overexpress Her2/Neu (NCT01367002): Updated Overall Survival Analysis. Clin Cancer Res. 2020;26(15):3928-35.
17. Green AK, Zhou Q, Iasonos A, Zammarrelli WA, 3rd, Weigelt B, Ellenson LH, et al. A Phase II Study of Fulvestrant plus Abemaciclib in Hormone Receptor-Positive Advanced or Recurrent Endometrial Cancer. Clin Cancer Res. 2025;31(11):2088-96.
18. ESGO–ESTRO–ESP guidelines for the management of patients with endometrial carcinoma: update 2025. Concin, Nicole et al. The Lancet Oncology, Volume 26, Issue 8, e423 – e435

Monti di Caviano – Zu den StrohdƤchern der Cento Campi

Stroh wurde zu früheren Zeiten vielerorts nördlich und südlich des Alpenkamms zum Decken von Dächern ­verwendet, so auch im Tessin, nicht nur in den Dörfern, sondern auch in den Städten. Der grossen Brandgefahr ­wegen wurde diese Dachform jedoch häufig aufgegeben oder nach Brandkatastrophen gar verboten. Im Gambarogno war ­diese Dachform noch bis nach dem 2. Weltkrieg weit verbreitet. Vor allem Wirtschaftsgebäude waren mit Stroh gedeckt. Mit dem weitgehenden Niedergang der alpinen Landwirtschaft im Tessin verkamen auch diese Dächer. Zudem war es mit der Aufgabe des Roggenanbaus nicht mehr möglich gewesen, diese Dächer instand zu halten. Auf den Monti di Caviano konnten 1997 zwei Dachstühle nach herkömmlicher Bauart wiederhergestellt und einer davon mit Stroh gedeckt werden. Eine besondere Herausforderung stellte dabei die Beschaffung des geeigneten Strohs dar. Die heute angebauten Roggenarten weisen eine viel zu kurze Wuchshöhe auf. Per Zufall stiess man in Cazis im Graubünden auf ein Feld mit nur noch selten angebautem Roggen, der die notwendige Höhe von 180 cm erreicht.

 

Das Strohdach ist die steilste Dachform im Tessin. Es weist eine Neigung von 60° auf, damit Wasser und Schnee leicht abfliessen bzw. abgleiten kƶnnen. Die Traglast betrƤgt lediglich 6 kg/m2, im Gegensatz zu 450–600 kg/m2 bei DƤchern, die mit Gneisplatten gedeckt sind. Entsprechend filigran ist die Holzkonstruktion des Strohdachs, muss aber wegen der grossen AngriffsflƤche für den Wind trotzdem sehr stabil sein. Auf den in Firstrichtung verlegten Wandpfetten kommen einer oder zwei Ankerbalken auf den Giebelseiten zu liegen, die die Pfetten sichern und ein Kollabieren des Dachs verhindern. Wandpfetten und Ankerbalken sind an ihren Enden eingehalst, sodass diese sicher miteinander verkeilt werden kƶnnen. Trapezfƶrmige Einkerbungen in den Wandpfetten dienen als Auflager für die Sparren. Diese werden am Firstende abgeschrotet (abgebunden, zugehauen), paarweise gegeneinander geneigt, überblattet und mit einem Holznagel verbunden. Je eine zur Gegenseite entgegen gerichtete, schrƤg nach oben verlaufende Windstrebe stabilisiert die Sparren gegen seitliches Umkippen. Die schmalen Dachlatten werden mit HolznƤgeln oder biegsamen Ruten von Ginster, Weiden oder HaselstrƤuchern an den Sparren festgemacht. Auch die Strohgarben werden mit diesen Ruten an den Latten befestigt. Beim Dreschen des Roggens muss vorsichtig vorgegangen werden, um ohne BeschƤdigung der Halme die Kƶrner zu gewinnen. Das Decken des Firstes bedarf besonderer Sorgfalt. Zwei Strohbündel werden an einem Ende sorgsam miteinander verflochten, danach kreuzweise über den First gelegt und mit bogenfƶrmig eingesteckten Haselruten auf das Dach heruntergebunden. Auch brandschutztechnisch sind diese Dachkonstruktionen durchdacht. Im Gegensatz zum Dachgerüst, das aus schwer brennbarem Kastanienholz gefertigt ist, bieten die Ruten und natürlich das Stroh nur geringen Widerstand gegen Feuer. Auf diese Weise kann im Brandfall ein vorzeitiges Einstürzen der gesamten Dachkonstruktion und somit eine GefƤhrdung der fahrbaren Habe besser vermieden werden (1).

Den Aufstieg zu den Monti di Caviano beginnen wir in Dirinella an der Schweizer Grenze. Der alte, bis zum MaiensƤss gepflasterte Maultierpfad führt unter der Bahntrasse hindurch steil hinauf nach Scaiano. In diesem Dorf kommen wir am Oratorio San Bernardo Abate und einem turmartigen Wohnhaus mit Fresko der Madonna del Carmelo vorbei. Der breite Weg bleibt auch oberhalb der HƤuser stotzig und folgt vorerst der Schluchtkante der Valle di Dirinella. SpƤter wendet sich dieser mehr gegen Nordosten und mündet schliesslich in den vom Dorf Caviano heraufkommenden Weg. Nun ist es nicht mehr weit bis zur gleichnamigen Maiensiedlung. Wie bereits auf Hƶhe der Dƶrfer ist auch hier oben das gesamte GelƤnde terrassiert. Heute weiden Kühe auf den Cento Campi, den hundert Feldern, auf denen früher u. a. Roggen angebaut wurde, der auch das Stroh für die DƤcher lieferte. Herrlich ist der Ausblick über den Lago Maggiore zum Gridone hinüber und ins Pedemonte sowie in die Val Maggia hinein (Abb. 1).

Nicht nur das mit Stroh bedeckte WirtschaftsgebƤude, auch die übrigen, dicht zusammenstehenden HƤuser der Maiensiedlung bergen viele interessante bauliche Details, auch wenn diese zum grossen Teil bereits stark den Bedürfnissen der heutigen Zeit angepasst worden sind (Abb. 2).

Für den Abstieg wƤhlen wir den ebenfalls gepflasterten Weg nach Caviano hinunter. Wir vermeiden die talseitige Abzweigung zum FahrstrƤsschen und halten weiter gegen Nordnordosten. Eine Tafel warnt vor dem Passieren einer steilen Bachrunse bei schlechtem Wetter, zu Recht. Bei viel Regen entwƤssern diese steilen HƤnge sehr schnell, sodass die hochgehenden BƤche zu einer gefƤhrlichen Falle werden kƶnnen. Nicht umsonst stehen weiter unten zwei Wegkapellen, die in den Tessiner BergtƤlern meist an oder vor exponierten Wegpassagen stehen. Die untere Kapelle birgt ein gut erhaltenes Fresko der Madonna di Re (Abb. 3).

In den verwinkelten Gassen von Caviano wenden wir uns der Kirche zu und folgen danach ein kurzes Stück der Strasse Richtung Scaiano, bis talseitig ein Weg abgeht, der uns zum Beginn unserer Aufstiegsroute nach Dirinella zurückbringt (Abb. 4). Diese letzte Wegstrecke erhält nur wenig Sonnenlicht, die Pflästerung ist deshalb bemoost, feucht und rutschig, kein guter Belag für Bergschuhe. Diese steilen Bergpfade wurden ursprünglich eben für Barfussgänger angelegt und nicht für Menschen mit modernem Schuhwerk.

Prof. Dr. med. dent. Christian E. Besimo, Schwyz
Leserinnen und Leser, die gerne einmal eine Bergtour mit dem ­Autor der Wandertipps unternehmen möchten, können ihr ­Interesse per E-Mail an christian.besimo@bluewin.ch anmelden und werden darauf über geplante Wanderungen informiert.

In dieser Rubrik werden Berg- und Schneeschuhwanderungen vorgestellt, die in der Regel wenig bekannt sind, zu aussergewƶhnlichen Orten führen und die Genugtuung einer besonderen persƶnlichen Leistung bieten, sei es, dass man sich am Abend nach der Arbeit noch zu einer kleinen kƶrperlichen Anstrengung überwindet, bzw. sich in ein oder zwei Tagen abseits breit getretener Wege unvergessliche Naturerlebnisse erschliesst. Zur besseren Beurteilbarkeit des Schwierigkeitsgrades der TourenvorschlƤge wird jeweils eine EinschƤtzung anhand der SAC-Skala für Berg- (T1–6) und für Schneeschuhwanderungen (WT 1–6) gegeben. Die schwierigste Wegstelle, unabhƤngig von ihrer LƤnge, bestimmt jeweils die Gesamtbewertung der Route. Letztendlich bleibt aber jeder selbst für die Beurteilung seiner FƤhigkeiten und Eignung für die vorgestellte Wanderung verantwortlich. Die Gehzeiten sind Richtwerte und gelten für normal trainierte Wanderer. Sie müssen nicht zwingend mit den Angaben auf Wegweisern übereinstimmen.

Prof. Dr. med. dent. Christian E. Besimo

Riedstrasse 9
6430 Schwyz

christian.besimo@bluewin.ch

1 Gschwend M: Die Bauernhäuser des Kantons Tessin. Band I: Der Hausbau. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde (Hrsg). Krebs, Basel 1976.

Unsere Verantwortung für die Umsetzung des Nationalen Krebsplans

Der breite medizinische Fortschritt in der Onkologie gehƶrt zu den wichtigsten Erfolgen westlicher Gesundheitssysteme. Doch so beeindruckend diese auch sind – ihr Nutzen für die Gesellschaft entfaltet sich nur dann, wenn auch politische Rahmenbedingungen den Zugang zu Innovationen sichern und Versorgungsstrukturen konsequent weiterentwickelt werden.

Damit dieser Fortschritt allen Patientinnen und Patienten zugutekommt, braucht es eine Gesundheitspolitik, die Investitionen in Forschung und klinische Studien konsequent stärkt, regulatorische Prozesse beschleunigt und evidenzbasierte Innovationen zeitnah in die Grundversorgung überführt. Verzögerungen bei Zulassung, Erstattung oder Implementierung kosten nicht nur Zeit, sondern Lebenszeit und Lebensqualität. International zeigt sich immer deutlicher, dass soziale Faktoren und regionale Unterschiede den Behandlungserfolg massgeblich beeinflussen. Eine zukunftsorientierte Onkologiepolitik muss den betroffenen Menschen in den Mittelpunkt stellen. Deshalb ist es wichtig, dass wir in der Schweiz nun endlich einen parlamentarisch verabschiedeten Nationalen Krebsplan haben, der die gesetzliche Grundlage schafft, genau dieses Ziel zu erreichen. Es hat gut 20 Jahre gedauert, bis wir soweit waren: Nach dem Ständerat (6.6.23) hat auch der Nationalrat am 29.2.2024 der Motion Ettlin mit folgendem Wortlaut zugestimmt:

Ā«Der Bundesrat wird beauftragt, einen nationalen Krebsplan auf Basis der nationalen Strategie gegen Krebs 2014–2020 zu erarbeiten. In die Entwicklung des Krebsplans sollen der Bund, die Kantone sowie relevante Organisationen, Expertinnen und Experten einbezogen werden.Ā»

Nun liegt es insbesondere an uns, diesen Plan mit Leben zu füllen. Der Nationale Krebsplan ist kein SelbstlƤufer, sondern muss von den nationalen Akteuren – Oncosuisse, insbesondere der Krebsliga Schweiz, sowie dem Swiss Cancer Institute (vormals SAKK) – gegenüber den zustƤndigen Bundesstellen (BAG) und den Parlamentarierinnen und Parlamentariern, insbesondere in den Gesundheitskommissionen, kontinuierlich und mit Nachdruck vorangetrieben werden. In Zeiten knapper nationaler Ressourcen mag dies eine Herkulesaufgabe sein, aber nur steter Druck wird die Politik bewegen, den Nationalen Krebsplan auch mit Taten umzusetzen. Nicht vergessen, dass der Bundesrat diese Motion Ettlin für einen Nationalen Krebsplan abgelehnt hat, weil er keine neuen Aufgaben und Ausgaben will. So müssen wir weiter bereit sein, gegen den bundesrƤtlichen Strom zu schwimmen. Auch auf kantonaler Ebene ist weiterhin Druck notwendig und Parlamentarierinnen und Parlamentarier müssen weiterhin instruiert und motiviert werden, hier aktiv zu werden und sich damit auch zu profilieren.

Wir alle sind nun gefragt, die politischen Impulse geschickt zu setzen, damit dieser Nationale Krebsplan im BAG zu einer Daueraufgabe wird!

Prof. em. Dr. med.Thomas Cerny

Rosengartenstrasse 1d
9000 St. Gallen

thomas.cerny@kssg.ch

PrƤzisionsmedizin beim Endometriumkarzinom

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern mit steigender Inzidenz. Die traditionelle binäre Einteilung in Typ I und II EC ist veraltet und reicht zur präzisen Risikoeinschätzung nicht mehr aus. Einen entscheidenden Fortschritt stellt die molekulare Klassifikation dar, die erstmals im Rahmen des The Cancer Genome Atlas (TCGA)-Projekts beschrieben wurde und eine differenzierte prognostische und prädiktive Einschätzung ermöglicht. Die Integration molekularer Marker in die überarbeitete FIGO Klassifikation von 2023 sowie die ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation von 2025 erlaubt individualisierte Therapieentscheidungen. Neue prädiktive Biomarker eröffnen zudem vielversprechende Perspektiven für zielgerichtete Behandlungsansätze. Dieser Beitrag bietet einen praxisorientierten Überblick über die klinische Relevanz molekularer Marker beim EC.

Endometrial cancer (EC) is the most common gynecological malignancy in industrialized countries, with a steadily increasing incidence. The traditional binary classification into type I and II EC is now considered outdated and insufficient for accurate risk assessment. A major advancement has been the introduction of molecular classification by The Cancer Genome Atlas (TCGA) project, allowing more precise prognostic and predictive stratification. The integration of molecular markers in to the revised FIGO classification in 2023 and the ESGO/ESTRO/ESP risk stratification in 2025 facilitates personalized treatment planning. Additionally, novel predictive biomarkers offer promising opportunities for targeted therapies. This article provides a practical overview of the clinical application of molecular markers in EC.
Key words: Endometrial cancer, molecular biomarkers, FIGO classification, personalized therapy, risk stratification

Epidemiologische Entwicklung:

Eine wachsende HerausforderungSteigende Inzidenz und MortalitƤt

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das hƤufigste gynƤkologische Malignom in IndustrielƤndern. Das lebenslange Erkrankungsrisiko betrƤgt etwa 3 %, das mittlere Alter bei Diagnosestellung liegt bei 61 Jahren. WƤhrend die MortalitƤt vieler Tumoren sinkt, steigen Inzidenz und Sterblichkeit beim EC weiter an, es hat inzwischen das Ovarialkarzinom als führende Todesursache unter den gynƤkologischen Malignomen abgelƶst (1).
In den letzten drei Jahrzehnten ist die EC-Inzidenz in den USA um 132 % gestiegen. Diese Entwicklung ist vor allem auf den Anstieg von Adipositas, metabolischen Erkrankungen und die demografische Alterung zurückzuführen. Die hƶchsten Erkrankungsraten finden sich aktuell in Nordamerika, gefolgt von Osteuropa und Zentraleuropa. Besonders besorgniserregend ist der Zuwachs bei jungen Frauen: Bei 20–29-JƤhrigen hat sich die Inzidenz seit 2001 um 137 %, bei 30–39-JƤhrigen um rund 72 % erhƶht (2, 3).

Adipositas: stille Pandemie mit onkologischer Ā­Relevanz

Adipositas ist ein unabhƤngiger Risikofaktor für EC. Pro fünf BMI-Einheiten steigt das Erkrankungsrisiko um etwa 50 % (4). Besonders bei jungen Frauen ist die Korrelation zwischen Kƶrpergewicht und ErkrankungsausprƤgung deutlich. Laut aktuellen Prognosen werden im Jahr 2050 rund 59 % der Weltbevƶlkerung übergewichtig oder adipƶs sein, mit weitreichenden Auswirkungen auch auf die EC-Epidemiologie. Besonders betrifft dies jüngere Altersgruppen, von denen ein Drittel der unter 25-JƤhrigen voraussichtlich von Übergewicht und Adipositas betroffen sein wird. Konsekutiv dürfte die EC-Inzidenz weiter deutlich zunehmen (5).

Molekulare Klassifikation: ein Paradigmenwechsel

Die Diagnostik und Therapie des EC befinden sich im Wandel. Fortschritte in der molekularen Tumorbiologie haben die traditionelle Risikostratifikation revolutioniert und den Weg zu personalisierten Therapien geebnet. Obwohl EC meist in frühen Stadien diagnostiziert wird – oft durch Blutungsbeschwerden – gewinnen molekulare Marker zunehmend an Bedeutung für die klinische Entscheidungsfindung.

Die klassische Zweiteilung in Typ I (ƶstrogenabhƤngig, endometrioid) und Typ II (ƶstrogenunabhƤngig, serƶs) reicht nicht mehr aus, um die biologische und prognostische Vielfalt des EC adƤquat abzubilden. Einen Meilenstein setzte 2013 das TCGA-Projekt (The Cancer Genome Atlas), das durch umfassende molekulargenetische Analysen vier klar differenzierbare Subgruppen identifizierte, mit spezifischem molekularem Profil und prognostischer Aussagekraft (6).

Praxisgerechter Algorithmus zur molekularen Subtypisierung

Da umfassende Genomsequenzierungen in der klinischen Routine kaum umsetzbar sind, wurden Surrogatmarker etabliert. Ein praktikabler diagnostischer Algorithmus kombiniert:
• Gezielte Sequenzierung zur Detektion von POLE-Mutationen
• Immunhistochemie für p53 sowie die Mismatch-Repair (MMR) Proteine (MLH1, PMS2, MSH2, MSH6)
Ein Expressionsverlust bei MMR-Proteinen weist auf eine MMR-Defizienz (MMRd) hin, welche ein Surrogat für die Mikrosatelliten-Instabile-(MSI-H)-Gruppe ist. Pathologische p53-Expressionsmuster definieren die p53-abnorme Subgruppe, die weitgehend mit den «Copy-number high»-Tumoren des TCGA korreliert (2).
Diese diagnostischen Schritte ermöglichen eine robuste molekulare Einteilung im klinischen Alltag und sind eine Grundlage für differenzierte Prognose und individualisierte Therapie.

Die vier molekularen Subtypen – klinische Bedeutung

POLE-ultramutiert (POLEmut)

Typisch sind pathogene POLE-Mutationen mit extrem hoher Mutationslast (Ā«ultramutiertĀ») bei meist jungen, metabolisch unauffƤlligen Patientinnen. Die Tumoren sind überwiegend endometrioid und zeigen selbst bei fortgeschrittenem Stadium eine exzellente Prognose mit < 1 % krankheitsspezifischer MortalitƤt. Eine adjuvante Therapie ist oft verzichtbar.
HƤufigkeit: 5–10 %

Mismatch-Repair-Defizienz (MMRd / MSI-H)

Mismatch-Reparaturdefekte führen zu hoher Mutationslast. Ursachen sind Keimbahnmutationen (z. B. Lynch-Syndrom) oder epigenetische MLH1-Silenzierung. Die Tumoren treten in allen Altersgruppen auf. Die Prognose ist intermediƤr und abhƤngig von Zusatzfaktoren wie LVSI (Lymphovascular Space Invasion). MMRd-Tumoren sprechen gut auf Immuntherapie an.
HƤufigkeit: 25–30 %

p53-abnorm (p53abn / copy-number high / serƶs-like)

GeprƤgt durch p53-VerƤnderungen, hohe genomische InstabilitƤt und niedrige Mutationsraten. Diese aggressiven Tumoren (u. a. serƶse und Karzinosarkome) verursachen einen Grossteil der EC-assoziierten MortalitƤt. Auch endometrioide Histologien kƶnnen betroffen sein.
Prognose: ungünstig, hohe Rezidiv- und Metastasierungsrate
HƤufigkeit: 15–20 %

NSMP (No Specific Molecular Profile)

Grösste, molekular unspezifische Gruppe. Hauptsächlich endometrioide Karzinome ohne definierende Marker. Die Prognose ist überwiegend günstig, aber stark abhängig von Grading, ER-(Estrogen Receptor) Status und LVSI. Besonders ER-negative Tumoren verhalten sich aggressiver.
HƤufigkeit: 40–50 %

Ein Tumor kann aufgrund seines molekularen Profils in mehr als eine Subgruppe fallen. Diese Ā«multiple classifiersĀ» (ca. 4 % der EC) wurden in mehreren Studien untersucht und scheinen die Prognose der jeweils günstigeren Subgruppe zu behalten.

Prognostische Marker

Klassische Kriterien behalten ihren Stellenwert

Trotz aller Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleiben klassische histopathologische Parameter wie Tumorstadium, Grading, histologischer Subtyp und LVSI zentrale prognostische Faktoren im Management des EC. Insbesondere das Ausmass der LVSI korreliert eng mit dem Risiko für Lymphknotenmetastasen und Fernrezidive und beeinflusst die Therapieplanung massgeblich (7).

Molekulare Marker verbessern die Risikostratifikation

Histologische Merkmale allein reichen jedoch nicht aus, um das Rückfallrisiko verlƤsslich einzuschƤtzen. Die Integration molekularer Marker in die RisikoeinschƤtzung verbessert die prognostische Genauigkeit erheblich – erfordert aber ein Umdenken und eine Re-Klassifikation vieler Tumoren (Abb. 1A). Dies wurde eindrucksvoll durch die retrospektive Analyse der PORTEC-Studien belegt: Innerhalb der histologisch als Ā«high-gradeĀ» klassifizierten endometrioiden Karzinome fand sich eine relevante Subgruppe mit POLE-Mutationen, die trotz ungünstiger Histologie eine exzellente Prognose aufwies (8). Ohne molekulare Typisierung wurden diese Patientinnen mƶglicherweise übertherapiert.

Solche Analysen zeigen, wie heterogen vermeintlich einheitliche Risikogruppen tatsƤchlich sind und dass molekulare Merkmale die klassischen Kriterien nicht nur ergƤnzen, sondern in vielen FƤllen übertreffen (Abb. 1B und 1C) (9).

Klinische Konsequenzen:
Neue Standards in der Risikoevaluierung

Die Kombination histopathologischer und molekularer Merkmale markiert den neuen Standard in der Prognosebeurteilung des EC. Dies spiegelt sich in der überarbeiteten FIGO-Klassifikation 2023 wider, die molekulare Marker systematisch einbezieht. In einer multizentrischen Vergleichsstudie mit der FIGO-Version von 2009 führte die molekulare Einteilung bei rund 25 % der Patientinnen zu einer Ƅnderung des Tumorstadiums (23.7 % wurden auf-, 3.9 % abgestuft) (Abb. 2A) (10). Die neue Klassifikation erlaubt damit eine deutlich prƤzisere EinschƤtzung des Rückfallrisikos und hat direkte Konsequenzen für die Therapieplanung (Abb. 2B) (11).

Auch die aktualisierte Risikogruppen-Stratifizierung orientiert sich nun an molekularen Subtypen – mit konkreten Implikationen: von Therapie-Deeskalation bei POLEmut bis zur Eskalation bei p53abn.

Neue FIGO Klassifikation and Risikostratifikation

FIGO-Klassifikation 2023 – Integration molekularer Subtypen

Die überarbeitete FIGO-Klassifikation 2023 berücksichtigt erstmals molekulare Subgruppen (POLEmut, MMRd, NSMP, p53abn) in der Stadieneinteilung (12). Neben dem anatomischen Tumor-ausmass fliessen nun auch biologische Merkmale und prognostisches Risiko ein (Abb. 3). Ziel ist eine prƤzisere, klinisch relevante Klassifikation.

Wichtige Neuerungen:

• Molekulare Marker sollten frühzeitig bestimmt werden, mƶglichst bereits am Kürettagematerial, sofern qualitativ verwertbar.
• Die molekulare Testung wird für alle Patientinnen empfohlen.
• Bekannte Subtypen werden durch den Zusatz Ā«mĀ» und eine spezifische Kennung (z. B. FIGO IAmPOLEmut) im Stadium benannt.
• Zwei Subtypen beeinflussen das Stadium unabhƤngig von der Tumorinfiltration in den Uterus oder in die Zervix:
– POLEmut → Down-Staging auf FIGO IAmPOLEmut
– p53abn → Up-Staging auf FIGO IICMp53abn
– Dies hat direkte therapeutische Konsequenzen – von Deeskalation bis zur Indikation für Radiochemotherapie.

NSMP – Differenzierung durch Ɩstrogenrezeptorstatus

Die NSMP-Gruppe ist heterogen. Jedoch beeinflusst der ER die Prognose wesentlich:
• ER-negativ und/oder Grad 3: ungünstiges Verhalten, Ƥhnlich p53-abnorm
• ER-positiv: günstigerer Verlauf, insbesondere bei high-risk NSMP
Diese Erkenntnisse wurden in die neue Risikostratifikation übernommen. Ergänzend empfiehlt die WHO einen vierten Diagnoseschritt mit immunhistochemischer Bestimmung des ER-
Status bei NSMP-Tumoren (13). (Abb. 4)

ESGO/ESTRO/ESP-Risikogruppen 2025 – neuer Standard für Therapieplanung

Die ESGO/ESTRO/ESP-Leitlinie 2025 verknüpft molekulare Marker, klassische histopathologische Merkmale und den ER-Status zu einer differenzierten Risikostratifikation. Daraus ergeben sich klar definierte Empfehlungen für die adjuvante Therapie, individuell abgestimmt auf das Rückfallrisiko.

Die überarbeitete Guideline wurde erstmals im Februar 2025 beim ESGO-Kongress in Rom prƤsentiert und im Juli 2025 verƶffentlicht (18) (Abb. 3).

Molekulare Biomarker als therapeutisches Target

Die Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel bleibt Standard in der Erstlinie (ORR ca. 50 %), verliert aber in der Zweitlinie deutlich an Wirksamkeit (< 10 %). Es besteht Bedarf an individualisierten, wirksameren Systemtherapien. Moderne Therapiekonzepte orientieren sich zunehmend an molekularen Merkmalen statt am Tumorursprung. PrƤdiktive Biomarker ermƶglichen gezielten Einsatz spezifischer Substanzen, unabhƤngig vom Organbefall.

Wichtige molekulare Targets beim EC

• MMRd/MSI-H: Hohe Mutationslast und somit hohe Immuntherapie-Ansprechrate. Kombination mit Chemotherapie (z. B. RUBY, NRG-GY018) verlƤngert PFS (HR 0.28 resp. 0.45) und OS (HR 0.32 resp. 0.55) deutlich (14, 15).
• HER2: Besonders bei p53abn EC relevant. Trastuzumab (± Chemotherapie) sowie T-DXd zeigen hohe Wirksamkeit (z. B. DESTINY-PanTumor02: ORR 85 %) (16).
• Hormonrezeptoren (ER/PR): Grundlage für endokrine Therapie. Kombinationen mit CDK4/6-Inhibitoren + Aromatasehemmer oder Fulvestrant zeigen vielversprechende Phase-II-Daten (17).

Zukünftige Entwicklung in der Behandlung des EC

Die Zukunft der EC-Therapie liegt in der präzisen, biomarkerbasierten Patientenselektion. Ziel der Forschung ist es, molekulare Tumoreigenschaften gezielter für die Individualisierung von Therapien zu nutzen, prädiktive Marker besser einzusetzen und Behandlungsstrategien weiter zu verfeinern.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@gynƤkologie 06/25

PD Dr. med. CƩline Montavon Sartorius

Frauenklinik, UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

PD Dr. med. Tibor A. Zwimpfer

Frauenklinik, UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Steigende Inzidenz: Das Endometriumkarzinom nimmt weltweit zu – besonders bei Frauen < 40 Jahren, begünstigt durch zunehmende Adipositas.
  • Molekulare Subtypen: Die Einteilung in POLEmut, MMRd, NSMP und p53abn bietet eine verbesserte prognostische und therapeutische Grundlage.
  • Individualisierte RisikoeinschƤtzung: FIGO-Klassifikation 2023 und ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation 2025 integrieren molekulare Marker systematisch und beeinflussen konsekutiv die Therapieplanung.
  • Therapiestratifizierung: ER-Status, HER2-Status und MMRd sind entscheidend für zielgerichtete Behandlungsstrategien.

1. Siegel RL, Kratzer TB, Giaquinto AN, Sung H, Jemal A. Cancer statistics, 2025. CA Cancer J Clin. 2025;75(1):10-45.
2. Crosbie EJ, Kitson SJ, McAlpine JN, Mukhopadhyay A, Powell ME, Singh N. Endometrial cancer. Lancet. 2022;399(10333):1412-28.
3. Francoeur AA, Liao CI, Chang J, Johnson CR, Clair K, Tewari KS, et al. Associated Trends in Obesity and Endometrioid Endometrial Cancer in the United States. Obstet Gynecol. 2025;145(3):e107-e16.
4. Onstad MA, Schmandt RE, Lu KH. Addressing the Role of Obesity in Endometrial Cancer Risk, Prevention, and Treatment. J Clin Oncol. 2016;34(35):4225-30.
5. Collaborators GBDAB. Global, regional, and national prevalence of adult overweight and obesity, 1990-2021, with forecasts to 2050: a forecasting study for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet. 2025;405(10481):813-38.
6. Cancer Genome Atlas Research N, Kandoth C, Schultz N, Cherniack AD, Akbani R, Liu Y, et al. Integrated genomic characterization of endometrial carcinoma. Nature. 2013;497(7447):67-73.
7. Bosse T, Peters EE, Creutzberg CL, Jurgenliemk-Schulz IM, Jobsen JJ, Mens JW, et al. Substantial lymph-vascular space invasion (LVSI) is a significant risk factor for recurrence in endometrial cancer–A pooled analysis of PORTEC 1 and 2 trials. Eur J Cancer. 2015;51(13):1742-50.
8. Santoro A, Angelico G, Travaglino A, Inzani F, Arciuolo D, Valente M, et al. New Pathological and Clinical Insights in Endometrial Cancer in View of the Updated ESGO/ESTRO/ESP Guidelines. Cancers (Basel). 2021;13(11).
9. Leon-Castillo A, de Boer SM, Powell ME, Mileshkin LR, Mackay HJ, Leary A, et al. Molecular Classification of the PORTEC-3 Trial for High-Risk Endometrial Cancer: Impact on Prognosis and Benefit From Adjuvant Therapy. J Clin Oncol. 2020;38(29):3388-97.
10. Schwameis R, Fanfani F, Ebner C, Zimmermann N, Peters I, Nero C, et al. Verification of the prognostic precision of the new 2023 FIGO staging system in endometrial cancer patients – An international pooled analysis of three ESGO accredited centres. Eur J Cancer. 2023;193:113317.
11. Matsuo K, Klar M, Song BB, Roman LD, Wright JD. Validation of the 2023 FIGO staging schema for advanced endometrial cancer. Eur J Cancer. 2023;193:113316.
12. Berek JS, Matias-Guiu X, Creutzberg C, Fotopoulou C, Gaffney D, Kehoe S, et al. FIGO staging of endometrial cancer: 2023. Int J Gynaecol Obstet. 2023;162(2):383-94.
13. Vermij L, Jobsen JJ, Leon-Castillo A, Brinkhuis M, Roothaan S, Powell ME, et al. Prognostic refinement of NSMP high-risk endometrial cancers using oestrogen receptor immunohistochemistry. Br J Cancer. 2023;128(7):1360-8.
14. Powell MA, Bjorge L, Willmott L, Novak Z, Black D, Gilbert L, et al. Overall survival in patients with endometrial cancer treated with dostarlimab plus carboplatin-paclitaxel in the randomized ENGOT-EN6/GOG-3031/RUBY trial. Ann Oncol. 2024;35(8):728-38.
15. Eskander RN, Sill MW, Beffa L, Moore RG, Hope JM, Musa FB, et al. Pembrolizumab plus chemotherapy in advanced or recurrent endometrial cancer: overall survival and exploratory analyses of the NRG GY018 phase 3 randomized trial. Nat Med. 2025;31(5):1539-46.
16. Fader AN, Roque DM, Siegel E, Buza N, Hui P, Abdelghany O, et al. Randomized Phase II Trial of Carboplatin-Paclitaxel Compared with Carboplatin-Paclitaxel-Trastuzumab in Advanced (Stage III-IV) or Recurrent Uterine Serous Carcinomas that Overexpress Her2/Neu (NCT01367002): Updated Overall Survival Analysis. Clin Cancer Res. 2020;26(15):3928-35.
17. Green AK, Zhou Q, Iasonos A, Zammarrelli WA, 3rd, Weigelt B, Ellenson LH, et al. A Phase II Study of Fulvestrant plus Abemaciclib in Hormone Receptor-Positive Advanced or Recurrent Endometrial Cancer. Clin Cancer Res. 2025;31(11):2088-96.
18. ESGO–ESTRO–ESP guidelines for the management of patients with endometrial carcinoma: update 2025. Concin, Nicole et al. The Lancet Oncology, Volume 26, Issue 8, e423 – e435

AusgewƤhlte Studien aus der HƤmato-Onkologie

Zeitlich begrenzte versus kontinuierliche Behandlung bei ­chronischer lymphatischer Leukämie (CLL17 Studie)

Hintergrund

Die Behandlung der chronischen lymphatischen LeukƤmie (CLL) besteht derzeit aus zwei HauptansƤtzen: kontinuierliche Therapie mit Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi) und zeitlich begrenzte Regimen, die Venetoclax mit CD20-Antikƶrpern oder BTKi kombinieren. Direkte Vergleiche dieser beiden therapeutischen AnsƤtze fehlten bisher.

Methoden

In dieser von PrüfƤrzten initiierten, offenen Phase-3-Studie wurden erwachsene Patienten mit vorher unbehandelter CLL im VerhƤltnis 1 : 1 : 1 randomisiert zu:
– Kontinuierliches Ibrutinib
– Zeitlich begrenzte Venetoclax-Obinutuzumab (15 Monate)
– Zeitlich begrenzte Venetoclax-Ibrutinib (15 Monate)
Der primäre Endpunkt war das Progressionsfreie Überleben (PFS) mit einer Nicht-Unterlegenheits-Grenze für die Hazard Ratio von 1.608 (entsprechend 8 Prozentpunkten nach 3 Jahren). Sekundäre Endpunkte umfassten minimale Resterkrankung (MRD), Ansprechrate, Gesamtüberleben (OS) und Sicherheit.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 909 Patienten randomisiert: 303 zu Venetoclax-Obinutuzumab, 305 zu Venetoclax-Ibrutinib und 301 zu Ibrutinib. Nach einem medianen Follow-up von 34.2 Monaten zeigte diese prƤspezifizierte Interimsanalyse:
– Das geschƤtzte 3-Jahres-PFS betrug 81.1 % (Venetoclax-Obinutuzumab), 79.4 % (Venetoclax-Ibrutinib) und 81.0 % (Ibrutinib)
– Hazard Ratio für Venetoclax-Obinutuzumab vs. Ibrutinib: 0.87 (98.3 % KI 0.54–1.41); für Venetoclax-Ibrutinib vs. Ibrutinib: 0.84 (98.0 % KI 0.53–1.32) – beide Vergleiche erfüllten das Nicht-Unterlegenheitskriterium
– Nach Therapieende war die MRD im peripheren Blut nicht nachweisbar bei 73.3 % (Venetoclax-Obinutuzumab), 47.2 % (Venetoclax-Ibrutinib) und 0 % (Ibrutinib)
– Das geschƤtzte 3-Jahres-Gesamtüberleben betrug 91.5 %, 96.0 % bzw. 95.7 %
Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren Infektionen, gastrointestinale Störungen und Zytopenien.

Schlussfolgerung

Bei Patienten mit vorher unbehandelter CLL war die zeitlich begrenzte Behandlung mit Venetoclax-Obinutuzumab oder Venetoclax-Ibrutinib hinsichtlich des PFS nicht unterlegen gegenüber kontinuierlichem Ibrutinib.

Literatur
O. Al-Sawaf et al., N Engl J Med 2025 (online publiziert 6. Dezember 2025). DOI: 10.1056/NEJMoa2515458

Studie
Finanzierung: UniversitƤt Kƶln und weitere; CLL17-Studie. ClinicalTrials.gov: NCT04608318; EudraCT: 2019-003854-99

Projizierte lebenslange Krebsrisiken durch Computertomographie-Bildgebung

Hintergrund

JƤhrlich werden in den USA etwa 93 Millionen Computertomographie-Untersuchungen (CT) bei 62 Millionen Patienten durchgeführt. Ionisierende Strahlung im Rahmen einer CT-Untersuchung ist ein bekanntes Karzinogen. Frühere SchƤtzungen aus dem Jahr 2007 projizierten etwa 29 000 zukünftige KrebsfƤlle; seitdem ist die CT-Nutzung um über 30 % gestiegen, und genauere Dosimetrie-Methoden wurden entwickelt.

Methoden

Dieses Risikomodell verwendete eine multizentrische Stichprobe von CT-Untersuchungen aus dem University of California San Francisco International CT Dose Registry (Januar 2018 bis Dezember 2020) mit Daten von 143 US-KrankenhƤusern und ambulanten Einrichtungen.
Die Verteilung von CT-Untersuchungen und die damit verbundenen organspezifischen Strahlendosen wurden nach Alter, Geschlecht und CT-Kategorie geschƤtzt und anhand der IMV-Umfrage 2023 auf die US-Bevƶlkerung hochgerechnet. Die lebenslange strahleninduzierte Krebsinzidenz und 90 %-Unsicherheitsgrenzen wurden mit der Software des National Cancer Institute basierend auf den BEIR VII-Modellen (Biological Effects of Ionizing Radiation) berechnet und auf die US-Bevƶlkerung projiziert.

Ergebnisse

SchƤtzungsweise 61.51 Millionen Patienten unterzogen sich 2023 93 Millionen CT-Untersuchungen, darunter 2.57 Millionen (4.2 %) Kinder, 58.94 Millionen (95.8 %) Erwachsene, 32.6 Millionen (53.0 %) weibliche und 28.91 Millionen (47.0 %) mƤnnliche Patienten.
– Es wurden etwa 103 000 (90 % Unsicherheitsgrenze: 96 400–109 500) strahleninduzierte KrebsfƤlle projiziert
– Das geschƤtzte Krebsrisiko pro Untersuchung war bei Kindern und Jugendlichen hƶher, aber die hƶhere CT-Nutzung bei Erwachsenen machte die meisten (93 000; 91 %) strahlenbedingten KrebsfƤlle aus
– Die hƤufigsten Krebsarten waren insgesamt: Lungenkrebs (22 400 FƤlle; 90 % UG 20 200–25 000), Kolonkarzinom (8700 FƤlle; 90 % UG 7800–9700), LeukƤmie (7900 FƤlle; 90 % UG 6700–9500) und Blasenkrebs (7100 FƤlle; 90 % UG 6000–8500). Bei Frauen war Brustkrebs die zweithƤufigste Krebsart (5700 FƤlle; 90 % UG 5000–6500)
– Nach CT-Kategorie: Abdomen- und Becken-CT bei Erwachsenen führte zur grƶssten Anzahl projizierter KrebsfƤlle (37 500 von 103 000 [37 %]) bei 30 Millionen von 93 Millionen Untersuchungen (32 %), gefolgt von Thorax-CT (21 500 KrebsfƤlle [21 %]; 20 Millionen Untersuchungen [21 %])
– SensitivitƤtsanalysen ergaben einen Bereich von 80 000 bis 127 000 projizierten KrebsfƤllen

Schlussfolgerung

Bei aktueller Nutzung und Strahlendosis wird projiziert, dass CT-Untersuchungen im Jahr 2023 zu etwa 103 000 zukünftigen KrebsfƤllen über die Lebenszeit der exponierten Patienten führen werden. Wenn die aktuellen Praktiken bestehen bleiben, kƶnnte CT-assoziierter Krebs schliesslich für 5 % aller jƤhrlichen Krebsdiagnosen verantwortlich sein – vergleichbar mit anderen bedeutenden Risikofaktoren wie Alkoholkonsum (5.4 %) und Übergewicht (7.6 %).

Literatur
R. Smith-Bindman et al., JAMA Intern Med 2025;185(6):710-719. DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.0505

Studie
Finanzierung: National Cancer Institute, Patient-Centered Outcomes Research Institute, und Gerichtsfonds. Datenzugang: University of California San Francisco International CT Dose Registry.

Epcoritamab, Lenalidomid und Rituximab vs. Lenalidomid und ­Rituximab bei rezidiviertem oder refraktärem follikulärem Lymphom (EPCORE FL-1)

Hintergrund

Das follikuläre Lymphom ist das zweithäufigste B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphom. Während die Erstlinientherapie häufig längere Remissionen ermöglicht, werden die Remissionen bei rezidivierten Patienten mit jeder weiteren Therapie kürzer. Die chemotherapiefreie Kombination aus Lenalidomid und Rituximab (R²) ist ein international akzeptierter Standard bei rezidiviertem oder refraktärem follikulärem Lymphom nach mindestens einer Vortherapie. Jedoch erreichen in klinischen Studien nur etwa die Hälfte der Patienten eine komplette Remission mit R². Epcoritamab ist ein subkutan verabreichter bispezifischer Antikörper, der gleichzeitig an das B-Zell-Antigen CD20 und das T-Zell-Antigen CD3 bindet und zu T-Zell-vermittelter Zytotoxizität von CD20-exprimierenden malignen B-Zellen führt.

Methoden

In dieser globalen, offenen, randomisierten Phase-3-Studie wurden 488 Patienten aus 189 akademischen und nicht-akademischen Zentren in 30 LƤndern im VerhƤltnis 1 : 1 randomisiert, um entweder Epcoritamab plus R² (243 Patienten) oder R² allein (245 Patienten) für bis zu 12 Zyklen zu erhalten.

Epcoritamab wurde subkutan wƶchentlich in den Zyklen 1–3 und alle 4 Wochen in den Zyklen 4–12 verabreicht. Lenalidomid wurde einmal tƤglich wƤhrend der Zyklen 1–12 (Tage 1–21) gegeben, und Rituximab wurde wƶchentlich wƤhrend Zyklus 1 und monatlich in den Zyklen 2–5 verabreicht. Die dualen primƤren Endpunkte waren die Gesamtansprechrate (ORR) und das Progressionsfreie Überleben (PFS).

Ergebnisse

Von 668 gescreenten Patienten wurden 488 randomisiert. Die Studie erreichte ihre dualen primären Endpunkte und zeigte die Überlegenheit von Epcoritamab plus R² gegenüber R² sowohl in der Gesamtansprechrate als auch im Progressionsfreien Überleben.
– Bei einer medianen Nachbeobachtung von 14.8 Monaten (IQR 11.4–19.0) betrug die ORR 95 % (95 % KI 92–97) mit Epcoritamab plus R² vs. 79 % (74–84) mit R² (p<0.0001)
– Die Rate kompletter Remissionen (CR) betrug 83 % (77–87) mit Epcoritamab plus R² vs. 50 % (43–56) mit R² (p<0.0001)
– Das PFS war mit Epcoritamab plus R² signifikant lƤnger (HR 0.21 [95 % KI 0.14–0.31], p<0.0001). Das mediane PFS wurde mit Epcoritamab plus R² nicht erreicht vs. 11.7 Monate mit R²
– Die geschƤtzte 16-Monats-PFS-Rate betrug 85.5 % mit Epcoritamab plus R² vs. 40.2 % mit R²
– Das mediane OS wurde in beiden Gruppen nicht erreicht (HR 0.38 [95 % KI 0.18–0.80], p=0.0039). Die 16-Monats-OS-Raten betrugen 95.8 % für Epcoritamab plus R² und 88.8 % für R²
– Nebenwirkungen von Grad 3 oder hƶher traten hƤufiger bei Epcoritamab plus R² auf (219 [90 %] von 243 Patienten) vs. R² (161 [68 %] von 238 Patienten)
– Die hƤufigsten Grad- ≄ 3-Nebenwirkungen waren Neutropenie (69 % vs. 42 %) und Infektionen (33 % vs. 15 %)
– Das Zytokin-Freisetzungssyndrom (CRS) war bei Epcoritamab plus R² niedriggradig (Grad 1 bei 28 [21 %] Patienten und Grad 2 bei 7 [5 %] Patienten), gut handhabbar, und alle Ereignisse waren reversibel

Schlussfolgerung

Epcoritamab plus R² führte bei Patienten mit follikulärem Lymphom, die mindestens eine Therapielinie erhalten hatten, zu einer signifikant höheren Ansprechrate und einem längeren PFS im Vergleich zu R². Obwohl Nebenwirkungen von Grad 3 oder höher mit Epcoritamab plus R² häufiger auftraten als mit R², waren diese handhabbar und konsistent mit den etablierten Sicherheitsprofilen der einzelnen Komponenten, ohne neue Sicherheitsbefunde. Diese Ergebnisse positionieren Epcoritamab plus R² als einen neuen Behandlungsstandard für die Zweit- oder Folgelinientherapie des follikulären Lymphoms.

Literatur
R. Smith-Bindman et al., JAMA Intern Med 2025;185(6):710-719. DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.0505

Studie
Finanzierung: AbbVie und Genmab. Die Studie wurde von einem unabhängigen Datenüberwachungskomitee begleitet.

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Christoph.renner@hirslanden.ch

AusgewƤhlte Studien zu soliden Tumoren

ChatGPT als patientenorientiertes Triage-Tool in der Onkologie

In einer kürzlich erschienenen Studie wurde die diagnostische Genauigkeit und medizinische Angemessenheit eines frei zugänglichen grossen Sprachmodells (LLM) bei der Triage häufiger klinischer Szenarien in der Brustkrebsbehandlung bewertet.

Methoden

Von Januar bis Februar 2025 interagierten sieben Ƅrzte mit OpenAIs ChatGPT-4o und ChatGPT-3.5-turbo und simulierten 66 Patientenszenarien in den Stadien Früh-, Metastasen- und Überlebensstadium. Jede Interaktion begann mit einer standardisierten Phrase, um ChatGPT dazu zu veranlassen, die Rolle des Anbieters einzunehmen. Mithilfe iterativer Befragungen lieferte das Tool eine Diagnose, einen Behandlungsplan, Triage-Empfehlungen und RatschlƤge zur unterstützenden Pflege für hƤufige Triage-Probleme in der Onkologie. Diese wurden anschliessend von den Ƅrzten auf ihre Angemessenheit überprüft.

Die primären Ergebnisse waren der Anteil der Szenarien, in denen LLM zu einer korrekten oder akzeptablen Diagnose gelangte und klinisch angemessene oder vernünftige Triage-Empfehlungen gab. Der sekundäre Endpunkt war die Angemessenheit der Fragen von LLM während der Anamnese.

Ergebnisse

Von 849 durch LLM generierten Fragen in 132 simulierten Interviews waren 97 % medizinisch hochgradig angemessen und 3 % angemessen, aber repetitiv. Die richtige Diagnose wurde in 89 % der Szenarien als erste Wahl aufgeführt und in 98 % der FƤlle in die Differentialdiagnose aufgenommen. Die Triage-Empfehlungen wurden in 92 % der Szenarien als sehr angemessen bewertet, und keine der Empfehlungen wurde als gefƤhrlich eingestuft.

Die klinischen Entscheidungen bezüglich der unterstützenden Behandlung waren in 86 % der FƤlle vollstƤndig angemessen und in 14 % der FƤlle angemessen, aber nicht optimal. Die Gesamtübereinstimmung zwischen den Ƥrztlichen Bewertern hinsichtlich der Triage-Leistungskennzahlen von ChatGPT lag bei 77 % bis 86 %.

Schlussfolgerung

Die von ChatGPT-4o und ChatGPT-o1pro gesteuerte iterative Befragung zur Triage häufiger ambulant behandelter Brustkrebsfälle war diagnostisch genau und klinisch angemessen. Diese Ergebnisse sprechen für eine weitere Bewertung in der Praxis, um die Sicherheit von LLM-generierten Triage-Empfehlungen bei der Interaktion mit Personen mit unterschiedlichem medizinischem Vokabular und unterschiedlicher Gesundheitskompetenz zu bestätigen.

Quelle: Chan L et al. ChatGPT Performance as Patient-Facing Triaging Tool in Oncology

Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab bei HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs

Trastuzumab Deruxtecan hat sich bei Patientinnen mit zuvor behandeltem HER2-positivem fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs als wirksam erwiesen. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Trastuzumab Deruxtecan bei Patientinnen ohne vorherige Therapie für HER2-positiven fortgeschrittenen oder metastasierten Brustkrebs ist jedoch unklar.

Methoden

Studienleiterin Sara Tolaney und ihre Mitarbeiter führten eine Phase-3-Studie mit Patientinnen durch, die an HER2-positivem, fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs litten und zuvor noch keine Chemotherapie oder HER2-gerichtete Therapie gegen metastasierte Erkrankungen erhalten hatten. Die Patientinnen wurden im Verhältnis 1:1:1 randomisiert und erhielten entweder Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab, Trastuzumab Deruxtecan plus Placebo oder die Kombination aus Taxan, Trastuzumab und Pertuzumab (THP). Der primäre Endpunkt war das progressionsfreie Überleben, das durch eine verblindete, unabhängige, zentrale Überprüfung bewertet wurde. Sekundäre Endpunkte waren das objektive Ansprechen, die Ansprechdauer und die Sicherheit.

Ergebnisse

Für diese vorab festgelegte Zwischenanalyse werden Daten zu Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und zu THP berichtet. Die Daten zu Trastuzumab Deruxtecan plus Placebo bleiben bis zur endgültigen Analyse des progressionsfreien Überlebens verblindet. Zum Stichtag (26. Februar 2025) betrug das mediane progressionsfreie Überleben 40,7 Monate unter der Kombination aus Trastuzumab Deruxtecan und Pertuzumab (383 Patienten) sowie 26,9 Monate unter THP (387 Patienten) (Hazard Ratio für Progression oder Tod: 0,56; 95 %-Konfidenzintervall [KI]: 0,44 bis 0,71; p < 0,00001 [p-Wert-Grenze für Überlegenheit: 0,00043]). Die Inzidenz eines bestätigten Ansprechens betrug 85,1 % unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und 78,6 % unter THP (vollständiges Ansprechen bei 15,1 % bzw. 8,5 %), mit einer medianen Ansprechdauer von 39,2 Monaten bzw. 26,4 Monaten. Die Sicherheit entsprach den bekannten Profilen der einzelnen Behandlungen. Die Inzidenz von unerwünschten Ereignissen des Grades 3 oder höher betrug 63,5 % unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab und 62,3 % unter THP. Am häufigsten traten unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab Neutropenie, Hypokaliämie und Anämie sowie unter THP Neutropenie, Leukopenie und Diarrhoe auf. Eine bestätigte, arzneimittelbedingte interstitielle Lungenerkrankung oder Pneumonitis trat bei 12,1 % der Patienten unter Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab (Grad 1 oder 2 bei 44 Patienten und Grad 5 [Tod] bei zwei Patienten) auf, während es unter THP nur 1,0 % waren (alle Grad 1 oder 2).

Schlussfolgerungen

Bei der Erstlinienbehandlung von HER2-positivem, fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs führte Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab zu einem signifikant geringeren Risiko für Progression oder Tod als THP, ohne dass neue Sicherheitssignale auftraten. (Finanziert von AstraZeneca und Daiichi Sankyo, DESTINY-Breast09, ClinicalTrials.gov-Nummer NCT04784715).

Quelle: Tolaney et al.Trastuzumab Deruxtecan plus Pertuzumab for HER2-Positive Metastatic Breast Cancer. New Engl J Med. Published October 29, 2025. DOI: 10.1056/NEJMoa2508668

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich