Das 6. Ā«ESMO in the AlpsĀ» wurde im KKL Luzern mit einer inspirierenden Erƶffnungsrede von Prof. Dr. med. Miklos Pless, (Winterthur) dem PrƤsidenten des Swiss Cancer Institute erƶffnet. Schweizer Experten hatten die neuesten Erkenntnisse aus der Onkologie ausgewƤhlt, die auf dem ESMO-Kongress 2025 in Berlin prƤsentiert wurden, und kommentierten sie. Der zweite Teil dieses Berichts bietet eine Ćbersicht zu den Brust-, gynƤkologischen und urogenitalen Krebserkrankungen.
Urogenitale Karzinome
Die Experten Prof. Silke Gillessen Sommer, EOC und Prof. Arnoud Templeton, St. Claraspital Basel stellten vier Studien zu diesem Thema vor.
Teil 1: Urothelkarzinom
Disitamab vedotin (DV) + Toripalimab (T) vs. 1L-Chemotherapie bei metastasiertem Urothelkarzinom mit HER2-Expression: DV + Tor + CAPOX zeigte eine überlegene ORR und ein längeres PFS bei akzeptablem Sicherheitsprofil; eine reduzierte CAPOX-Dosis verbesserte die Verträglichkeit bei gleichbleibender Wirksamkeit.
KN-905/EV303: Perioperative EV-P bei CIS unfitten Patienten mit cMO MIBC: EFS und OS- Benefit. In der Studie KEYNOTE-905/EV-303 zeigte die Kombination aus einem Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugat und einer Immuntherapie statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Verbesserungen hinsichtlich des ereignisfreien Ćberlebens und des Gesamtüberlebens.
Die Kombination von Enfortumab Vedotin (EV) ā einem Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugat ā und Pembrolizumab vor und nach einer radikalen Zystektomie und einer pelvinen Lymphknotenentfernung kƶnnte laut den auf dem PrƤsidialsymposium des ESMO-Kongresses 2025 vorgestellten Ergebnissen ein potenzieller neuer Behandlungsstandard für Patienten mit muskelinvasivem Blasenkrebs (MIBC) sein, die nicht für eine Behandlung mit Cisplatin in Frage kommen. Ā«KEYNOTE-905/EV-303 wurde als positive Studie erwartet, da die Studienbehandlung mit einer alleinigen Operation verglichen wird und beide systemischen Therapien als hochwirksam bekannt sind, aber die von den Forschern berichteten Hazard Ratios (HRs) für das ereignisfreie Ćberleben und das Gesamtüberleben sind bei dieser gefƤhrdeten Patientengruppe besonders beeindruckendĀ», sagte Dr. Jonathan Rosenberg vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, USA, zur Diskussion der Studienergebnisse (siehe Kasten).
IMvigor011:Dr. Powles (London) und Kollegen berichteten über die primƤre Analyse der globalen, randomisierten, doppelblinden Phase-3-Studie IMvigor011, in der ctDNA-gesteuertes Atezolizumab im Vergleich zu Placebo untersucht wurde. Atezolizumab als adjuvante Therapie zeigte bei Patientinnen und Patienten mit muskelinvasivem Blasenkrebs, die durch serielle molekulare Tests auf Restkrankheit als ctDNA+ identifiziert wurden, eine statistisch signifikante Verbesserung des krankheitsfreien Ćberlebens und des Gesamtüberlebens im Vergleich zu Placebo. Der klinische Nutzen war in wichtigen Untergruppen im Allgemeinen konsistent. Patientinnen und Patienten, die bei den Tests durchgehend ctDNAā waren, wiesen ein geringes Risiko für ein Rezidiv und den Tod auf. Das Sicherheitsprofil von Atezolizumab war vertrƤglich, es gab keine neuen Erkenntnisse.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass durch serielle ctDNA-Ćberwachung Patienten mit muskelinvasivem Blasenkrebs identifiziert werden kƶnnen, die von einer adjuvanten Behandlung mit Atezolizumab profitieren, wƤhrend Patienten, die bei den Tests durchgehend ctDNAā sind, vor einer unnƶtigen Behandlung verschont bleiben.
Enfortumab Vedotin + PembrolizumabĀ wurde als Standard Erstlinientherapie für lokal fortgeschrittenes oder metastasierendes Urothelkarzinom mit anhaltendem Ćberlebens-Benefit und konsistenten Resultaten bei verschiedenen Patientensubgruppen, inklusive Ƥltere Patienten bestƤtigt.
Teil 2: Prostatakarzinom
Beim metastasierenden Hormon-sensitiven Prostatakarzinom mHSPC werden 4 klinische Gruppen unterschieden: Synchrones, hohes Volumen, synchrones geringes Volumen metachronisch (rezidiviert) hohes Volumen, metachronisch (rezidiviert) geringes Volumen. In der EMBARK- Studie, die von Dr. Neil Shore (Myrtle Beach, South Carolina) vorgestellt wurde, wurde die Wirksamkeit und Sicherheit von Enzalutamid + ADT mit Enzalutamid allein bei biochemisch rezidiviertem Prostatakarzinom verglichen. Die Resultate legen nahe, dass Enzalutamid eine wichtige Ergänzung der Behandlung von Patienten mit hochriskantem biochemisch rezidivierendem Prostatakarzinom sein könnte und möglicherweise den Behandlungsstandard für diese Patientengruppe verändern wird. Die Ergebnisse der Studie sprechen für einen früheren Einsatz von Androgenrezeptor-Inhibitoren im Behandlungsverlauf, was die Behandlungsergebnisse für die Patienten deutlich verbessern könnte.
CAPitello-281
In CAPitello wurde Capivasertib + Abiraterone mit Placebo + Abiraterone bei Patienten mit PTEN defizientem de novo metastasierendem Hormon-sensitivem Prostatakarzinom in Phase III verglichen. Die Schlussfolgerungen von Prof. Karim Fizazi (Institut Gustave Roussy and Centre Oscar Lambret), zu CAPitello-281 waren: Patienten mit PTEN-defizientem mHSPC haben eine schlechte Prognose und profitieren nur in geringem Masse von der derzeitigen Standardtherapie. CAPItello-281 erreichte sein primƤres Ziel und zeigte einen statistisch signifikanten rPFS-Vorteil mit Capi + Abi gegenüber Placebo + ABI. ā Medianes rPFS im Capi + Abi-Arm 33,2 Monate gegenüber 25,7 Monaten im PBO + Abi-Arm; p = 0,034. Konsistente Vorteile wurden auch bei sekundƤren Endpunkten und in klinisch relevanten vordefinierten Untergruppen beobachtet. Das OS war noch nicht ausgereift, und eine weitere Nachbeobachtung ist geplant. Post-hoc-Analysen bei erhƶhten PTEN-Cut-offs zeigen eine grƶssere Behandlungswirkung mit Capi+Abi. Die hƤufigsten Nebenwirkungen <3 Grad wie Hautausschlag und HyperglykƤmie sind bei AKT-Hemmung zu erwarten. Abi + CAPi stellt eine potenzielle First-in-Class-Therapie bei Patienten mit PTEN-defizientem mHSPC dar.
PSMAddition 177Lu-PSMA-617
Die von Prof. Scott Tagawa (New York) prƤsentierte Phase-III-Studie zeigte, dass die Zugabe von 177Lu-PSMA-617 zu ADT + ARPI das radiografische progressionsfreie Ćberleben (rPFS) bei PSMA-positivem metastasiertem hormonsensitivem Prostatakrebs (mHSPC) im Vergleich zur Standardtherapie mit ADT + ARPI allein signifikant verbesserte, mit einem günstigen Trend beim Gesamtüberleben, einer überschaubaren Sicherheit und ohne wesentliche Auswirkungen auf die LebensqualitƤt. Die Zugabe der Radioligandentherapie führte zu einer 28-prozentigen Verringerung des Risikos einer radiologischen Progression oder des Todes. PSMAddition ist die erste Phase 3 Studie mit einer zielgerichteten Radioligandentherapie bei Patienten mit mHSPC.
Prostatakarzinom: mHSPC Take Home Messages
Eine ADT- und ARPI-basierte systemische Therapie ist für die meisten Patienten immer noch der Standard of Care. Die Zugabe von Capivasertib führt zu einem geringen Nutzen im rPFS (HR 0,81), jedoch noch nicht im OS, und fügt zusätzliche Toxizität hinzu. Das ändert die Praxis nicht. Die Zugabe von sechs Zyklen 177Lu-PSMA-617 führt zu einem Benefit beim rPFS, aber nicht beim OS, und fügt erhebliche Toxizität hinzu. (Inklusive Langzeitoxizität, ändert die Praxis nicht.)
Metastasierendes kastrationsresistentes Prostatakarzinom: mCRPC und 177Lu-PSMA-617
Das «VISION ARPI + Taxan-Protokoll» bezieht sich auf eine Sekundäranalyse der VISION-Studienergebnisse, die auf dem ESMO-Kongress 2025 vorgestellt wurde oder damit in Zusammenhang steht und den Nutzen einer Kombination aus 177Lu-PSMA-617-Radioligandentherapie mit Androgenrezeptor-Pathway-Inhibitoren (ARPIs) und Taxan-basierter Chemotherapie bei Patienten mit metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) untersucht. Die Analyse legt nahe, dass die Zugabe von ARPIs zu 177Lu-PSMA-617 die Gesamtüberlebensrate verbessern kann, selbst nach einer vorherigen taxanbasierten Behandlung.
PSMAfore
Die PSMAfore-Studie, war eine Phase-III-Studie die 177Lu-PSMA-617 (eine gezielte Radioligandentherapie) mit einer Umstellung auf ARPI (Androgenrezeptor-Pathway-Inhibitor) bei PSMA-positivem metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) verglich. Sie zeigte eine verlƤngerte radiografische progressionsfreie Ćberlebenszeit, jedoch aufgrund hoher Crossover-Raten keine statistisch signifikante Gesamtüberlebenszeit, unterstützte jedoch die Anwendung in dieser Taxan-naiven Situation. Die im August 2025 vorgestellte und auf der ESMO diskutierte endgültige Analyse der Studie hob die überschaubare Sicherheit und die Vorteile bei anderen sekundƤren Endpunkten hervor.
CCTG PR21: Phase-II-Studie 177Lu-PSMA-617 vs. Docetaxel bei PSMA+ mCRPC
Dr. Kim Chi (Vancouver) prƤsentierte die Studie PR.21 der Canadian Cancer Trials Group (CCTG), eine randomisierte Phase-II-Studie zum Vergleich von 177Lu-PSMA-617 mit Docetaxel bei mCRPC-Patienten mit PSMA-positiver Erkrankung.
Dr. Chi stellte fest, dass 177Lu-PSMA-617 das radiografische progressionsfreie Ćberleben (rPFS) bei Taxan-naiven Patienten mit mCRPC im Vergleich zu einem Wechsel zu einem Androgenrezeptor-Pathway-Inhibitor (ARPI) verlƤngert. Mit 177Lu-PSMA-617 betrug das mediane rPFS 11,6 Monate und das mediane Gesamtüberleben (OS) 24,5 Monate. PrimƤrer Endpunkt: rPFS (ITT) HR 1.01; p = 0.51. Das mediane rPFS betrug 8,6 Monate unter 177Lu-PSMA-617 und 10,7 Monate unter Docetaxel.
Prostatakrebs: mCRPC, Take Home Messages
OS mit Docetaxel signifikant besser gegenüber 177LuPSMA-617 bei Patienten mit mCRPC nach ARPI. Wir müssen die Chemophobie überwinden; einige (fitte) Patienten profitieren von Taxanen.
Brust und GynƤkologische Krebserkrankungen
Die Experten Dr. med. Elena Kralidis, Brust-Zentrum Zürich, und Prof. Dr. med. Stefan Aebi, Luzerner Kantonsspital, präsentierten Ergebnisse zu Brust- und gynäkologischen Krebserkrankungen.
DESTINY-Breast05
Dr. Sara Tolaney (Dana-Farber Cancer Institute, Boston) stellte eine Zwischenanalyse von DESTINY-Breast05 vor: Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) reduzierte bei Patientinnen mit hochriskantem, HER2-positivem frühem Brustkrebs und residueller invasiver Erkrankung nach neoadjuvanter Therapie das Rezidivrisiko im Vergleich zu Trastuzumab Emtansine (T-DM1) um rund 50 %. Eine längere Nachbeobachtung ist nötig, um einzelne Signale (u. a. ZNS-Ereignisse) zu bestätigen. Diskutiert wurde zudem der prä- vs. postoperative Einsatz von T-DXd.
PrƤ-operativ:
1. pCR-Rate verbessert, weniger axillƤre Operationen
2. Kürzerer Verlauf. T-DXd 4 Zyklen vs. 14 Zyklen
3. Weniger ToxizitƤt da nur wƤhrend 4 Zyklen gegeben
4. Könnte in besserer Lebensqualität für Patienten resultieren
Post-operativ:
1. Kƶnnte eine de-eskalierte prƤoperative Therapie ermƶglichen, die diejenigen Patienten mit pCR T-DXd verschont, aber diejenigen mit RD erhalten schlussendlich 14 Zyklen
monarchE: PrimƤre OS-Daten zur adjuvanten Therapie mit Abemaciclib + ET bei HR+/HER2- Brustkrebs
Wie Prof. Stephen Johnston (London) darlegte, hat die monarchE-Studie einen wichtigen Meilenstein in der Behandlung von Hormonrezeptor-positivem (HR+), HER2-negativem, lymphknotenpositivem, hochriskantem Brustkrebs im Frühstadium erreicht. Eine zweijährige adjuvante Behandlung mit Abemaciclib in Kombination mit einer endokrinen Therapie (Verzenio) führte zu einer statistisch signifikanten und klinisch bedeutsamen Verbesserung der Gesamtüberlebensrate (OS) im Vergleich zu einer alleinigen endokrinen Therapie (ET) und bestätigte somit den langfristigen Nutzen einer CDK4/6-Therapie.
POSITIVE trial
Die POSITIVE-Studie untersuchte die Sicherheit des Abbruchs der endokrinen Therapie bei hormonrezeptorpositivem Brustkrebs, um eine Schwangerschaft zu versuchen. An dieser Studie nahmen 518 Frauen im Alter von bis zu 42 Jahren (Durchschnittsalter 37 Jahre) teil, die eine 18- bis 24-monatige endokrine Therapie abgeschlossen und diese dann abgebrochen hatten, um eine Schwangerschaft zu versuchen. Die Patientinnen wurden zwischen 2014 und 2019 in die Studie aufgenommen (bevor die CDK 4/6-Inhibitoren Abemaciclib und Ribociclib zugelassen und bei Brustkrebs im Frühstadium eingesetzt wurden). Es war eine dreimonatige Auswaschphase (Zeit ohne Medikamenteneinnahme vor dem Versuch einer Schwangerschaft) erforderlich, und die Studienteilnehmerinnen hatten bis zu zwei Jahre Zeit, um für eine Schwangerschaft auf die endokrine Therapie zu verzichten. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse kommen die Autoren zu dem Schluss, dass eine vorübergehende Unterbrechung der ET für eine Schwangerschaft das Risiko für Brustkrebsereignisse nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 71 Monaten nicht erhöht. Mehr als zwei Drittel der Frauen hatten eine Lebendgeburt und die meisten nahmen die endokrine Therapie gemäss Protokoll wieder auf. Wir müssen die Nachbeobachtung fortsetzen, aber diese Daten sind sicherlich beruhigend. Eine weitere Nachbeobachtung ist bis 2029 geplant.
Fünf-Jahres-Follow-up der Wirksamkeitsergebnisse der NATALEE-Studie und aktualisierte Gesamtüberlebensrate
Adjuvante Therapie mit Ribociclib plus nichtsteroidalen Aromatasehemmern bei Patientinnen mit HR-positivem/HER2-negativem Brustkrebs im Frühstadium. Diese vorab festgelegte 5-Jahres-Nachbeobachtung der Wirksamkeitsergebnisse aus der NATALEE-Studie, die von Prof. John Crown (Dublin) präsentiert wurde, zeigte, dass Ribociclib in Kombination mit nichtsteroidalen Aromatasehemmern das Risiko eines Rezidivs über den 3-Jahres-Behandlungszeitraum hinaus weiter senkte, was den Einsatz als adjuvante Therapie bei Patientinnen mit HR-positivem/HER2-negativem Brustkrebs im Frühstadium unterstützt. Es wurde ein anhaltender positiver Trend hinsichtlich der Verbesserung der Gesamtüberlebenszeit zugunsten von Ribociclib + NSAI beobachtet.
TROPION BREAST02
In der Studie TROIAN BREAST02 wurde der Wirkstoff Datopotamab Deruxtecan (auch Dato-DXd oder Datroway genannt) bei Patientinnen mit zuvor unbehandeltem, lokal rezidivierendem, inoperablem oder metastasiertem, dreifach negativem Brustkrebs (TNBC) untersucht. Teilnahmeberechtigt waren Patientinnen, die nicht für eine Therapie mit PD-1/PD-L1-Inhibitoren infrage kamen. Datopotamab Deruxtecan wurde mit einer vom Prüfer ausgewählten Chemotherapie (Paclitaxel, Nab-Paclitaxel, Capecitabin, Carboplatin oder Eribulin) verglichen.
Die primƤren Endpunkte waren progressionsfreies Ćberleben (PFS) und Gesamtüberleben (OS). Datopotamab Deruxtecan zeigte im Vergleich zur Chemotherapie eine statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Verbesserung sowohl des progressionsfreien Ćberlebens (PFS) als auch des Gesamtüberlebens (OS), einschliesslich einer Verbesserung des medianen Gesamtüberlebens um fünf Monate. Dies sind die ersten positiven Ergebnisse einer First-Line-Studie zu TNBC, die einen signifikanten Ćberlebensvorteil für ein ADC zeigen.
TROP2-gerichtete ADCs Sacituzumab Govitecan und Datopotamab Deruxtecan erreichen ihre primƤren Endpunkte in Phase-III-Studien ASCENT-03
Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) gegen TROP2 rücken weiter in frühere Behandlungslinien vor, darunter auch die Erstlinienbehandlung des dreifach negativen Brustkrebses. In ASCENT-03 wurden ADCs gegen TROP2 mit einer Chemotherapie bei Patientinnen mit zuvor unbehandeltem, fortgeschrittenem TNBC verglichen, die nicht für eine Immuntherapie infrage kommen. In der ASCENT-03-Studie mit 558 Patientinnen und Patienten war das mediane progressionsfreie Ćberleben (PFS) unter Sacituzumab Govitecan im Vergleich zur Chemotherapie signifikant lƤnger (9,7 vs. 6,9 Monate; HR 0,62; 95-%-KI 0,50ā0,77; p<0,0001). Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 13,2 Monaten sind die Daten zum Gesamtüberleben (OS) noch nicht ausgereift. Die objektiven Ansprechraten (ORR) waren Ƥhnlich (48 % vs. 46 %), die mediane Ansprechdauer (DOR) war unter Sacituzumab Govitecan lƤnger (12,2 vs. 7,2 Monate). Die Rate behandlungsbedingter unerwünschter Ereignisse Grad ā„3 betrug 66 % unter Sacituzumab Govitecan und 62 % unter Chemotherapie; Therapieabbrüche waren unter Sacituzumab Govitecan seltener (4 % vs. 12 %).
Die Therapieoptionen zur Behandlung des fortgeschrittenen kleinzelligen Lungenkarzinoms (SCLC, small cell lung cancer) haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt [1, 2]. AnlƤsslich der vielen Neuerungen kamen am Swiss Oncology and Haematology Congress (SOHC) am 19.āNovember 2025 in Basel mehrere Expert/-innen aus der ganzen Schweiz zusammen, um anhand eines Patientenfalls über die Anwendung der neuen Therapieoptionen zu diskutieren.
Lungenkarzinome sind noch immer die hƤufigste krebsbedingte Todesursache [1]. In 12ā15% der FƤlle liegt ein SCLC vor, welches bei den meisten Patient/-innen (60ā70%) bereits bei Diagnose in einem fortgeschrittenen Stadium (ES, extensive stage) ist. Noch bis 2019 standen für die Behandlung des ES-SCLC nur die Chemo- und Strahlentherapie zur Verfügung [2]. Mit den Ergebnissen der IMpower-133- und CASPIAN-Studien wurde die Chemoimmuntherapie (CIT) plus anschliessende Erhaltungstherapie mit Atezolizumab oder Durvalumab zum neuen Standard [1, 3, 4]. Zudem zeigte die aktuelle IMforte-Studie, dass eine Hinzugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie mit Atezolizumab das Outcome der Patient/-innen weiter verbessern kann [5]. Unter der Moderation von Prof. Dr. Alessandra Curioni Fontecedro (Kantonsspital Fribourg) tauschten sich die Expert/-innen Prof. Dr. Martin Früh (Kantonsspital St. Gallen), Prof. Dr. Alfredo Addeo (UniversitƤtsspital Genf), Dr. Nuria Neisy Mederos Alfonso (UniversitƤtsspital Vaud), Dr. Martina Imbimbo (Kantonsspital Ticino) und Dr. Ulrich Richter (UniversitƤtsspital Zürich) anhand eines Patientenfalls von Dr. Alexander Meisel (Kantonsspital Glarus) zu den neuen Behandlungsoptionen aus.
ES-SCLC in der klinischen Praxis: ein Patientenfall
Dr. Meisel startete die GesprƤchsrunde mit einem Patientenfall: der 79-jƤhrige Patient stellte sich im Dezember 2024 mit Thoraxschmerzen und Belastungsdyspnoe vor. Er war ehemaliger Raucher mit zusƤtzlicher Asbest-Belastung in der Vergangenheit und zeigte stark erhƶhtes LDH sowie erhƶhte Leberwerte. Eine peritoneale Biopsie führte zur Diagnose eines Slfn11-positiven SCLC mit TP53 und CDKN2A-Mutation. Dr. Meisel entschied sich für das IMpower-133-Regimen (Atezolizumab + Carboplatin + Etoposide) [3], mit welchem die detektierte pulmonale Masse sowie die Lebermetastasen nach 6 Zyklen zurückgingen (Teilremission). Er bekam die Genehmigung für den Einsatz des IMforte-Regimens und nach 4 Zyklen dieser Behandlung kam es zu einer weiteren Verkleinerung der LƤsionen (nahezu vollstƤndiges Ansprechen). Ćber 11 Monate wurde dann keine Progression festgestellt. Der Tumormarker NSE war bereits nach dem ersten Zyklus der 1L-Therapie unter den Schwellenwert von 20 µg/l abgesunken und blieb auch unter der Erhaltungstherapie auf tiefem Niveau. Insgesamt vertrug der Patient die Therapie gut und zeigte hauptsƤchlich Nebenwirkungen geringen Grades (ā¤2). Unter der Erhaltungstherapie wurde eine Neutropenie 3. Grades festgestellt, welche jedoch mit zwei GCS-F-Gaben behoben werden konnte.
Bewertung der neuen Therapieoptionen durch Expert/-innen
Prof. Früh stellte fest, dass sich durch das Add-On Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie neue Möglichkeiten für SCLC-Patient/-innen ergeben. In seiner Erfahrung ist die Verträglichkeit des erweiterten Regimes gut, aber es sollte zwingend GCS-F gegeben werden, um der Neutropenie entgegenzuwirken. Patient/-innen sollten dabei immer in den Therapieentscheid miteinbezogen werden. Prof. Früh erwartet sich durch die Zugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie eine Zunahme an Patient/-innen, welche zur Zweitlinientherapie (2L) fortschreiten können. Dr. Imbimbo stimmt ihm zu, dass eine Intensivierung der Erhaltungstherapie vor allem bei jüngeren Patient/-innen sinnvoll ist, um eine schnelle Progression zu verhindern. Prof. Addeo wirft ein, dass die Datenlage sehr vielversprechend sei, er aber bei unfitten Patient/-innen oder bei Hirnmetastasen die Erhaltungstherapie nicht intensivieren würde. Das Alter selbst sei für ihn aber keine Limitation. Auch Dr. Richter fügt hinzu, dass er anfangs aufgrund der assoziierten Hämatotoxizität Bedenken hatte und weist darauf hin, dass in der 2L aktuell nur Chemotherapeutika zur Verfügung stehen. In Zukunft sind jedoch etwa mit dem bispezifischen T-Cell-Engager Tarlatamab [6] wirksamere 2L-Therapien in Aussicht, welche ein anderes Spektrum an Nebenwirkungen zeigen. Im Hinblick darauf würde auch Dr. Richter die Erhaltungstherapie intensivieren, sodass Patient/-innen eine bessere Chance auf eine 2L-Therapie erhalten. Dr. Mederos fügt hinzu, dass sie für ihre Patient/-innen in der 2L vor allem klinische Studien mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten bevorzugt. Sie stimmt zu, dass die Zugabe von Lurbinectedin zur Erhaltungstherapie eine gute Option darstellt, und die Nebenwirkungen normalerweise handhabbar sind. Die einzige Limitierung für den Einsatz der intensivierten Erhaltungstherapie sieht auch sie bei Hirnmetastasen und Patient/-innen mit einem ECOG PS von >2.
Fazit
Prof. Curioni fasst zusammen, dass die Zusammenkunft der Expert/-innen aus so vielen Kantonen der Schweiz eine wahre Bereicherung für den Austausch war und eine Möglichkeit bot, die derzeit stark im Wandel stehende Behandlungslandschaft des ES-SCLC besser zu verstehen. ES-SCLC-Patient/-innen erhalten dank der neuen Behandlungsoptionen immer öfter die Chance auf eine 2L-Therapie und mit den erwarteten Zulassungen sollten sich diese Chance in Zukunft noch verbessern.
Quelle: «Small Cell Lung Cancer: How the treatment paradigm is evolving? A Patient Case-based Discussion.» Präsentiert am SOHC, 19. November 2025, Basel, Schweiz.
1. Onkopedia Leitlinie. Lungenkarzinom, kleinzellig (SCLC). Stand: September 2025. Abrufbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/lungenkarzinom-kleinzellig-sclc/@@guideline/html/index.html. Letzter Zugriff: November 2025.
2. Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst. Neue Therapieoptionen beim kleinzelligen Lungenkrebs – erste Immuntherapie für das SCLC zugelassen. Stand: November 2019. Abrufbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/neue-therapieoptionen-beim-kleinzelligen-lungenkrebs, letzter Zugriff: November 2025.
3. Horn, L., et al., First-Line Atezolizumab plus Chemotherapy in Extensive-Stage Small-Cell Lung Cancer. N Engl J Med, 2018. 379(23): p. 2220-2229.
4. Paz-Ares, L., et al., Durvalumab, with or without tremelimumab, plus platinum-etoposide in first-line treatment of extensive-stage small-cell lung cancer: 3-year overall survival update from CASPIAN. ESMO Open, 2022. 7(2): p. 100408.
5. Paz-Ares, L., et al., Efficacy and safety of first-line maintenance therapy with lurbinectedin plus atezolizumab in extensive-stage small-cell lung cancer (IMforte): a randomised, multicentre, open-label, phase 3 trial. Lancet, 2025. 405(10495): p. 2129-2143.
6. Mountzios, G., et al., Tarlatamab in Small-Cell Lung Cancer after Platinum-Based Chemotherapy. N Engl J Med, 2025. 393(4): p. 349-361.
Im Rahmen des Projekts Ā«Ermittlung der Bedürfnisse junger Onkologiepflegefachpersonen in der Schweiz und verbandsĀspezifische UnterstützungsmƶglichkeitenĀ» führte die Onkologiepflege Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pflege der ZHAW eine schweizweite Befragung durch. Dieser Artikel fasst die wesentlichsten Ergebnisse zusammen ā erkannte ĀBedürfnisse sowie bereits vorhandene Unterstützungsangebote ā und stellt verbandsspezifische Unterstützungsmƶglichkeiten vor.
Einleitung
Bereits heute fehlt es an ausreichenden Pflegefachpersonen in der Onkologie, und mit dem prognostizierten deutlichen Anstieg der Krebsfälle in den kommenden Jahren wird sich dieser Mangel weiter verschärfen. Umso wichtiger ist es, die Bedürfnisse von Berufseinsteiger/-innen in der Onkologiepflege genauer zu verstehen. Ein gelingender Berufseinstieg hat entscheidenden Einfluss auf Arbeitszufriedenheit und langfristigen Verbleib im Beruf. Gezielte Unterstützungsmassnahmen können dazu beitragen, Motivation, fachliche Entwicklung und Versorgungsqualität nachhaltig zu sichern.
Vor diesem Hintergrund hat die Onkologiepflege Schweiz (OPS) im Rahmen einer grösseren Initiative für Berufseinsteiger/-innen in der Onkologiepflege eine Studie in Auftrag gegeben.
Das Ziel des Projekts war es zu untersuchen: (1a) welche fachspezifischen Bedürfnisse junge Pflegefachpersonen haben, die onkologische Patientinnen und Patienten betreuen (1b) welche Unterstützungsangebote sie bereits nutzen und zusätzlich wünschen, (2) welche Strategie und Unterstützungsangebote Arbeitgebende ihnen bieten, sowie (3) welche Unterstützungsangebote der Verband Onkologiepflege Schweiz dieser Gruppe Pflegefachpersonen und ihren Arbeitgebern bieten könnte.
Methode
Im Rahmen dieses Projekts führten wir zwischen dem 28. Februar und 4. Mai 2025 eine Onlinebefragung in der Schweiz durch (deskriptive Querschnittsstudie).
Die Befragung richtete sich an zwei Zielgruppen: 1) Pflegefachpersonen aus den Versorgungssettings Onkologie ā Akut- & Langzeitpflege (ambulant und stationƤr) ā mit unterschiedlichen Ausbildungsniveaus, die entweder nicht Ƥlter als 35 Jahre waren (Young Care Nurses) oder über eine Berufserfahrung von maximal drei Jahren in der Onkologie verfügten (New Care Nurses). 2.) ZusƤtzlich wurden auch Führungspersonen im Bereich der Onkologie zur Teilnahme eingeladen.
Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte in erster Linie über den Verband Onkologiepflege Schweiz, welcher über den Newsletter, die Webseite sowie auf dem Jahreskongress des Verbands als auch über Kontaktpersonen von Partnerorganisationen (z.āB. VFP) über das Projekt informierte und den Zugangslink zur online Befragung zur Verfügung stellte. ZusƤtzlich erhielten ehemalige Studierende, die kürzlich den Bachelor in Pflege an der ZHAW abgeschlossen haben oder sich in einer Weiterbildung in Onkologie befanden, die Einladung an der Befragung teilzunehmen.
Die Fragebögen wurden spezifisch für dieses Projekt entwickelt. Der Fragebogen für die Pflegefachpersonen umfasst 48 Fragen und jener für die Führungspersonen 47 Fragen, jeweils zu folgenden Themenbereichen: (1) demografischen Merkmalen, (2) Kompetenzen, Kenntnisse oder Fähigkeiten in der Onkologiepflege, (3) Schulungen in den Kompetenzen bei der Einarbeitung, (4) Relevante Unterstützungsangebote hinsichtlich Dokumente & Schulungen, Einarbeitung & Mentoring und zur allgemeinen Unterstützung. Zusätzlich konnten weitere relevante und fehlende Unterstützungsangebote sowie allgemeine Hinweise zum Thema ergänzt werden. Der Fragebogen stand in deutscher, französischer und italienischer Sprache zur Verfügung. Die Erhebung der Daten erfolgte elektronisch mithilfe des Datenerhebungstools REDCap .
Die Datenanalyse erfolgte deskriptiv unter Verwendung der Datenanalysetools R und RStudio Version 4.4.3 (2025). Entsprechend der jeweiligen Skalenniveaus wurden absolute und prozentuale Häufigkeiten, der Mittelwert (M), der Median (Mdn), die Standardabweichung (SD), der Interquartilsabstand (IQR) sowie der Wertebereich (Range) berechnet. Die Auswertungen wurden getrennt für Pflegefachpersonen und Führungspersonen durchgeführt. Anschliessend erfolgte ein deskriptiver Vergleich der beiden Gruppen.
Resultate
Teilnehmende
Von insgesamt 129 Teilnehmenden, welche die Befragung öffneten, füllten schlussendlich 71 Teilnehmende, 49 Pflegefachpersonen und 22 Führungspersonen, den Hauptfragebogen aus und konnten damit in die Analyse eingeschlossen werden. Dabei nutzen 41 Teilnehmende den Fragebogen in deutscher Sprache, 21 Teilnehmende in italienischer Sprache und neun Teilnehmende in französischer Sprache.
Die Pflegefachpersonen waren mehrheitlich weiblich (nā=ā46), grƶsstenteils dipl. Pflegefachfrau/-mann HF/FH (nā=ā43), meist junge Onkologiepflegefachpersonen (nā=ā33) und überwiegend im ambulanten Spitalsetting (nā=ā33) sowie im Bereich HƤmato-Onkologie (nā=ā29) tƤtig. Die Führungspersonen waren mehrheitlich Stationsleitungen (nā=ā13), mehrheitlich im ambulanten Spitalsetting (nā=ā33) tƤtig und verfügten über 1ā21 Jahre an Führungserfahrung.
Fachspezifische Bedürfnisse: Einschätzung der Kompetenzen
Bei der EinschƤtzung der acht Kompetenzen nach EONS Cancer Nursing Education Framework (2022) weicht die von den Pflegefachpersonen vorgenommene SelbsteinschƤtzung der eigenen Kompetenzen und die von den Führungspersonen eingeschƤtzte Wichtigkeit dieser Kompetenzen zum Teil stark voneinander ab (Abb.ā1).
So schƤtzten bei vier dieser Kompetenzen 50ā% der Pflegefachpersonen die eigene Kompetenz auf der gegebenen Skala von 0 (gar nicht kompetent) bis 10 (sehr kompetent) mit einem Wert von sieben oder weniger ein. Bei den anderen vier Kompetenzen schƤtzten 50ā% der Pflegefachpersonen die eigene Kompetenz mit einem Wert von sechs oder weniger ein. Demgegenüber schƤtzen 50ā% der Führungspersonen alle Kompetenzen auf der gegebenen Skala von 0 (gar nicht wichtig) bis 10 (sehr wichtig) mit einem Wert von acht oder hƶher ein.
Bei den EinschƤtzungen der fachspezifischen Bedürfnisse wƤhrend der Einarbeitungszeit und den damit verbundenen Schulungen, zeigt sich zwischen den Schulungen, die die Pflegefachpersonen erhalten haben und deren Wichtigkeit aus Sicht der Führungspersonen eine gute Ćbereinstimmung (Abb.ā2).
Hiervon ausgenommen sind Schulungen bezüglich Ā«Fachwissens zu den hƤufigsten onkologischen KrankheitsbildernĀ», welche nur 59ā% der Pflegefachpersonen erhielten. Demgegenüber gaben 95ā% der Führungspersonen an, auf diese Schulungen innerhalb der Einarbeitung Wert zu legen.
Unterstützungsangebote: Angebot und Relevanz
Zwischen den aus Sicht der Pflegefachpersonen relevanten Unterstützungsangeboten und der Unterstützung, welche die Institutionen gemäss der Führungspersonen anbieten, sind grössere Abweichungen feststellbar.
Bezogen auf die Unterkategorie Dokumente/Schulungen (Abb.ā3), nannten nur 57ā% der Pflegefachpersonen Ā«ChecklistenĀ» als ein relevantes Unterstützungsangebot, hingegen nannten 82ā% der Führungspersonen diese als ein relevantes Angebot. WƤhrend in der Unterkategorie Einarbeitung/Mentoring keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Pflegefachpersonen und den Führungspersonen erkennbar sind (Abb.ā4), gaben in der Unterkategorie Allgemeine Unterstützung (Abb.ā5) nur circa die HƤlfte der Pflegefachpersonen die Angebote Ā«Emotionale UnterstützungĀ» mit 51ā% und Ā«Unterstützung in der KarriereĀ» mit 45ā% als relevant an, wƤhrend 86ā% beziehungsweise 82ā% der Führungspersonen die beiden Angebote als vorhandene Unterstützung nannten.
Bezogen auf diese drei Angebotskategorien zur Unterstützung gaben die Pflegefachpersonen eine Vielzahl an Freitextergänzungen zu den Bedarfen an. Die Führungspersonen nannten diesbezüglich fehlende Werkzeuge. Die Freitextergänzungen der Pflegepersonen und der Führungspersonen konnten wie folgt zusammengefasst und geordnet werden:
ZusƤtzliche Bedarfe der Pflegefachpersonen:
⢠Dokumente/Schulungen: RegelmƤssige interne Fortbildungen und (Mikro-)Schulungen (onkologische Erkrankungen, Pflege, Kommunikation), mehr strukturierte Informationen, Zugriff auf Fachinformationen, z.āB. Onkologika.ch
⢠Einarbeitung/Mentoring: Einführung in der Hämatologie, mehr Begleitung durch geschultes Pflegepersonal
⢠Allgemeine Unterstützung: Fallbesprechungen, Super-/Intervision, Rituale im Team, Beratungen mit Fachpersonal, weniger wertende Einstellung, mehr emotionale Unterstützung, Zugang zu externen Fort-/Weiterbildungen (theoretische Grundlagen, neue Therapien) und Teilnahme an Kongressen, Unterstützung der beruflichen Karriere, mehr Personal und Zeit im Arbeitsalltag.
Fehlende Werkzeuge aus Sicht der Führungspersonen:
⢠Dokumente/Schulungen: Werkzeuge zur Aufrechterhaltung der Kompetenzen
⢠Einarbeitung/Mentoring: Mehr FachkrƤfte finden, um 1ā:ā1 Coaching anbieten zu kƶnnen, evidenzbasierte Werkzeuge zur Integration für die neuen, unerfahrenen Pflegefachpersonen in der Onkologie.
⢠Allgemeine Unterstützung: Aus-/Fortbildungsangebot in Hämatologie.
Wie kann der Verband Onkologiepflege Schweiz unterstützen
Die Befragung von Pflegefachpersonen und FührungskrƤften zeigt, dass bereits verschiedene Angebote bestehen, um Berufseinsteiger/-innen in der Onkologie zu unterstützen. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass es unterschiedliche EinschƤtzungen zu den besonders wirksamen Massnahmen gibt. Ćbereinstimmend lƤsst sich festhalten, dass in den Bereichen Fortbildung (insb. HƤmatologie), Mentoring/Coaching sowie Tools zur Aufrechterhaltung der Kompetenzen ein erhƶhter Unterstützungsbedarf besteht.
Die OPS wird sich im Rahmen ihres Fortbildungsprogramms und durch gezielte Projekte dafür einsetzen, dass Praxis und Management künftig auf zusätzliche Ressourcen und Angebote zählen können. Ziel ist es, Berufseinsteiger/-innen in ihrer Einführungsphase bestmöglich zu begleiten, ihre Motivation zu fördern und sie langfristig für die Onkologiepflege zu gewinnen.
Nicole Zigan MSc Pflege, dipl. Pflegefachfrau 1 Milena Marta Bruschini MSc Pflege, dipl. Pflegefachfrau 2 Prof. Dr. Maria Schubert dipl. Pflegefachfrau, PhD 3 Prof. Manuela Eicher 4
1 Wissenschaftliche Mitarbeiterin,
Forschung & Entwicklung und MSc Pflege
Institut für Pflege, ZHAW Gesundheit,
Katharina-Sulzer-Platz 9, 8400 Winterthur
nicole.zigan@zhaw.ch
2 Wissenschaftliche Mitarbeiterin,
Forschung & Entwicklung und MSc Pflege
Institut für Pflege, ZHAW Gesundheit
Katharina-Sulzer-Platz 9, 8400 Winterthur
milena.bruschini@zhaw.ch
3 Professur Pflege in der Akutversorgung und Dozentin
Co-Leiterin Forschung & Entwicklung und MSc Pflege
Institut für Pflege, ZHAW Gesundheit
Katharina-Sulzer-Platz 9, 8400 Winterthur
maria.schubert@zhaw.ch
Projektteam: Natalie Battaglia, Nicole Corballis, Sara Kohler, Giovanni Presta, Petra Stolz Baskett, Natacha Szüts
Dies ist eine Zweitpublikation. Die Originalversion wurde in der Fachzeitschrift Onkologiepflege Ausgabe 03/2025.
EONS Cancer Nursing Education Framework, European Oncology Nursing Society (EONS) 2022, https://www.cancernurse.eu/cancer-nursing-education-framework R und R Studio Version 4.4.3, 2025, (https://www.r-project.org/).
Kardiales Troponin ist ein strukturelles Protein des kontraktilen Apparats der Herzmuskelzelle und der spezifischste Biomarker zur Detektion eines Myokardschadens. Mit der Einführung hochsensitiver kardialer Troponin-Assays hat sich die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts (AMI) grundlegend verändert. Diese ermöglichen den Nachweis minimaler Troponinfreisetzungen bereits kurze Zeit nach Symptombeginn und haben die bisherige Diagnostik revolutioniert. Insbesondere die in den aktuellen Leitlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie verankerten 0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen erlauben einen raschen Ein- und Ausschluss des AMI bei Patientinnen und Patienten, die sich mit akuten Brustschmerzen auf der Notfallstation vorstellen. Hierdurch wird der klinische Workflow in der Notfallstation erheblich beschleunigt. Dennoch erfordert die Interpretation von kardialen Troponin-Erhöhungen stets die Berücksichtigung klinischer und kontextueller Faktoren, da zahlreiche andere Krankheitsbilder ebenfalls mit erhöhten Troponinwerten einhergehen können. Neben den laborbasierten Verfahren gewinnen zunehmend auch Point-of-Care Tests an Bedeutung.
Cardiac troponin (cTn) is a structural protein of the contractile apparatus of cardiomyocytes and the most specific biomarkers for the detection of myocardial injury. The introduction of high-sensitivity cardiac troponin assays has fundamentally transformed the diagnosis of acute myocardial infarction (AMI). These assays enable the detection of minimal troponin release within a short time after symptom onset and have revolutionized the diagnostic approach. In particular, the 0/1-h and 0/2-h algorithms endorsed by the European Society of Cardiology guidelines allow for rapid and reliable rule-in and rule-out decisions in patients presenting with suspected AMI, thereby substantially accelerating emergency department workflows. Nevertheless, interpretation of hs-cTn elevations always requires careful consideration of clinical and contextual factors, as numerous other conditions may also lead to elevated troponin levels. In addition to laboratory-based measurements, point-of-care tests are gaining increasing importance. Keywords: high-sensitivity cardiac troponin; acute myocardial infarction; 0/1-hour algorithm; biomarker; point-of-care testing
Warum hochsensitives Troponin der kardiale Biomarker Nr.ā1 ist
Das kardiale Troponin (cTn) ist ein strukturelles Protein des kontraktilen Apparats der Herzmuskelzelle und spielt eine zentrale Rolle in der Regulation der Myofilamentkontraktion (1, 2). Im Gegensatz zu Troponin C, das auch in der Skelettmuskulatur vorkommt, sind cTn T und I nahezu ausschliesslich im Myokard exprimiert und gelten daher als herzmuskelspezifische Marker (1ā3). Die Freisetzung von Troponin in den Blutkreislauf ist ein direktes Zeichen für eine strukturelle SchƤdigung von Kardiomyozyten, unabhƤngig von deren Ursache (1ā3). Damit ist Troponin der kardiale Biomarker zur Erfassung eines akuten oder chronischen Myokardschadens und essenzieller Bestandteil der Definition des akuten Myokardinfarkts (AMI) (4, 5). Vor der Einführung der hochsensitiven Assays konnten konventionelle Troponin-Tests nur deutlich erhƶhte Konzentrationen nachweisen, sodass zur Diagnosestellung hƤufig serielle Messungen über 6ā12 Stunden notwendig waren. Die Einführung der hochsensitiven Troponin-Assays (hs-cTn T und I) ab etwa 2010 markierte einen Paradigmenwechsel: Diese Methoden detektieren Troponinkonzentrationen, die bei bis zu 50ā90ā% gesunder Individuen messbar sind, und unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten von konventionellen Troponin-Assays (1, 6ā8). Erstens ermƶglichen sie den Nachweis von Troponin bei einem erheblichen Anteil gesunder Personen und zweitens erlauben sie eine prƤzisere Definition des Normalbereichs (entsprechend der 99.āPerzentile), wobei die analytische PrƤzision der Assays durch den Variationskoeffizienten beschrieben wird, der idealerweise <10ā% betragen sollte (1). So wird eine prƤzise Quantifizierung minimaler Freisetzungen bereits kurz nach Symptombeginn ermƶglicht. In der aktuellen ESC-Leitlinie 2023 werden hs-cTn T und I als Biomarker der Wahl für die Diagnose des AMI empfohlen (5). Zusammen mit Anamnese, klinischer Untersuchung und 12-Kanal-EKG bilden sie die diagnostische Trias (5). Dank der hohen analytischen SensitivitƤt und Reproduzierbarkeit lassen sich dynamische VerƤnderungen (Anstieg/Abfall) bereits innerhalb von 1ā2 Stunden erfassen, was die Grundlage der modernen 0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen bildet (6, 7, 9ā12). Durch diese Innovation konnten die Infarktdiagnostik entscheidend beschleunigt und die Patientensicherheit verbessert werden (10). Frühe Rule-out-Entlassungen, rasche Identifikation von Hochrisikopatienten und eine zeitkritische Therapieeinleitung sind mƶglich.
Analytik
Hochsensitive Troponin-Assays zeichnen sich durch eine MessprƤzision mit einem Variationskoeffizienten ⤠10ā% im Bereich der 99. Perzentile des oberen Referenzwerts sowie durch eine Nachweisrate ā„ā50ā% bei gesunden Personen aus (1). Die Grosszahl der kommerziell erhƤltlichen hs-cTn T- und auch hs-cTn I-Assays erfüllt diese Kriterien. Wichtig ist zu beachten, dass die 99. Perzentile für jeden hs-cTn Assay in unterschiedlichen gesunden Populationen deriviert wird. Somit sind die Referenzwerte eines hs-cTn Assays nicht auf einen anderen übertragbar. Für eine valide Interpretation sind zudem prƤanalytische Faktoren wie korrekte Probenentnahme, zeitgerechte Zentrifugation und Vermeidung von HƤmolyse entscheidend, welche einen Einfluss haben kƶnnen (3, 13, 14). Auch wenn die analytischen Details komplex sind, ist die klinisch entscheidende Botschaft klar: Hochsensitive Troponin-Assays vereinen Genauigkeit mit hervorragender Reproduzierbarkeit und bilden damit die Grundlage für eine verlƤssliche und differenzierte Diagnostik des AMI.
Myokardschaden und Freisetzungskinetik
Die kardialen Troponine sind intrazellulƤre Proteine, die im Zytosol und an den kontraktilen Myofibrillen der Herzmuskelzellen gebunden vorliegen (15). Kommt es zum Beispiel infolge einer ischƤmischen SchƤdigung zu einer gestƶrten ZellmembranintegritƤt, werden zytosolische wie auch gebundene Troponinanteile freigesetzt (15). Die Halbwertszeit von cTn T im Blut betrƤgt etwa 120 Minuten, wobei das verlƤngerte Nachweisfenster darauf zurückzuführen ist, dass wƤhrend der zellulƤren Nekrose fortlaufend Troponin T aus dem myofibrillƤren Pool freigesetzt wird, wƤhrend sich der kontraktile Apparat der Kardiomyozyten schrittweise abbaut (15). Die Freisetzung erklƤrt die Kinetik des hs-cTn-Anstiegs beim AMI: Der Troponinwert beginnt meist innerhalb von 1ā3 Stunden nach Symptombeginn zu steigen, erreicht nach etwa 12ā24 Stunden seinen Gipfel und fƤllt anschliessend über mehrere Tage wieder ab. Neben der IschƤmie-induzierten Nekrose kƶnnen auch andere Mechanismen, etwa Apoptose, Dehnung, Entzündung oder toxische SchƤdigung, zur Freisetzung von Troponin führen, wobei die Dynamik des Anstiegs meist geringer ausfƤllt. Die hochsensitiven Assays ermƶglichen es, diese feinen KonzentrationsƤnderungen zu erkennen und damit zwischen akuter und chronischer MyokardschƤdigung zu unterscheiden, ein entscheidender Fortschritt für die differenzierte Interpretation erhƶhter Troponinwerte.
Revolutionierte Infarktdiagnostik ā Rolle des Troponins und der ESC-Algorithmen
Mit Einführung der hochsensitiven Troponin-Assays wurde die Diagnostik des AMI grundlegend verƤndert. WƤhrend frühere Testverfahren erst nach mehreren Stunden pathologische Werte zeigten, erlauben die hochsensitiven Assays den Nachweis minimaler MyokardschƤdigungen bereits kurz nach Symptombeginn (16ā22). Damit wurde die Zeit bis zur gesicherten Diagnose deutlich verkürzt, was einen entscheidenden Vorteil mit sich bringt, denn weiterhin gilt: Ā«Time is muscleĀ».
Die aktuellen ESC-Leitlinien von 2023 empfehlen den 0/1-h-Algorithmus als bevorzugte Strategie zum schnellen und sicheren Ein- oder Ausschluss des AMI (Abb.ā1) (5). Dieser Algorithmus basiert auf zwei Troponinmessungen: einer initialen Bestimmung zum Zeitpunkt 0 (Stunden) und einer zweiten Messung 1 Stunde spƤter (5). Alternativ kann, etwa bei organisatorischen EinschrƤnkungen oder verzƶgerter Blutabnahme, der 0/2-h-Algorithmus angewendet werden (5). Beide Verfahren sind für verschiedene Assays validiert und liefern eine ausgezeichnete diagnostische Sicherheit, wobei der 0/1-h-Algorithmus aufgrund seiner frühzeitigeren Entscheidungsmƶglichkeit bevorzugt wird. Das Konzept beruht auf zwei zentralen Prinzipien: Erstens ist das Troponin eine kontinuierliche Variable, deren absolute Konzentration eng mit der Wahrscheinlichkeit eines Myokardinfarkts korreliert (23). Zweitens liefern frühe absolute Ćnderungen (Ā«DeltasĀ») der Troponinwerte zwischen der Erst- und der Folgemessung entscheidende Informationen zur Dynamik des Myokardschadens (24, 25). WƤhrend relative VerƤnderungen (z.āB. +ā20ā%) in der Vergangenheit hƤufig verwendet wurden, empfehlen die Leitlinien heute die Verwendung Assay-spezifischer absoluter Deltas, da diese weniger durch MessvariabilitƤt beeinflusst sind und eine hƶhere diagnostische Genauigkeit bieten (5).
Ein Rule-out ist mƶglich, wenn der Troponinwert entweder bereits bei der ersten Messung sehr niedrig ist oder wenn der Ausgangswert niedrig bleibt und sich innerhalb von 1 Stunde keine relevante Dynamik zeigt (5, 26). In mehreren grossen Validierungsstudien lag der negative Vorhersagewert (NPV) dieser Strategien bei über 99ā%, was eine sichere Entlassung vieler Patienten bereits nach kurzer Zeit ermƶglicht (22, 27, 28). Ein Rule-in erfolgt, wenn der Troponinwert bereits bei Aufnahme deutlich erhƶht ist, oder wenn innerhalb von 1 bzw. 2 Stunden ein klarer absoluter Anstieg beobachtet wird (5). Der positive Vorhersagewert (PPV) liegt zwischen 70 und 75ā%. Patienten, die weder die Rule-out- noch die Rule-in-Kriterien erfüllen, fallen in die sogenannte Ā«Observe-ZoneĀ» und benƶtigen eine dritte Troponin-Messung nach 3 Stunden und weitere AbklƤrung, wie zum Beispiel eine ergƤnzende bildgebende kardiale Diagnostik (5, 29).
Wie bereits erwƤhnt sind die Grenzwerte Assay-spezifisch und dürfen nicht zwischen verschiedenen Assays übertragen werden (Tab.ā1). Für den weit verbreiteten Roche Elecsys hs-cTnT-Assay gelten nach ESC-Empfehlung folgende Schwellen: Ein Wert <ā5 ng/L (bei Symptombeginn >ā3 h) oder ein Ausgangswert <ā12 ng/L ohne einen Anstieg von ā„ā3 ng/L nach 1 Stunde schliesst einen AMI aus (5). Ein Wert ā„ā52 ng/L oder ein Anstieg von ā„ā5 ng/L innerhalb 1 Stunde gilt als klarer Hinweis auf einen akuten Infarkt (5). Für den Abbott Architect hs-cTnI-Assay werden etwas andere Grenzwerte verwendet: Ein Wert <ā4 ng/L (bei Schmerzbeginn vor >ā3h) oder <ā5 ng/L ohne Ī ā„ā2 ng/L nach 1 Stunde spricht für Rule-out, wƤhrend Werte ā„ā64 ng/L oder ein 1-h-Ī ā„ā6 ng/L ein Rule-in definieren (5).
Bei Anwendung des 0/2-h-Algorithmus bleiben die Entscheidungsgrenzen Ƥhnlich, die zulƤssigen Deltas sind jedoch etwas grƶsser, da die Zeit zwischen den Messungen lƤnger ist und das Troponin kontinuierlich über die Zeit ansteigt (5). Auch hier liegt die diagnostische Sicherheit für den Ausschluss eines AMI bei über 99ā%. In der Praxis wird der 0/2-h-Algorithmus insbesondere eingesetzt, wenn die 1-h-Blutabnahme organisatorisch nicht zuverlƤssig mƶglich ist.
Mehrere grosse prospektive Studien, darunter randomisierte Implementierungsstudien, haben gezeigt, dass der 0/1-h-Algorithmus im Vergleich zu älteren Strategien sowohl die Zeit bis zur Diagnose als auch die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme signifikant verkürzt, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen (22, 27, 28). Entsprechend wurde der frühere Algorithmus in den ESC-Leitlinien 2023 hinsichtlich des Empfehlungsgrades abgestuft, während der 0/1-h-Algorithmus eine Klasse-I-Empfehlung besitzt (5). Damit haben die hochsensitiven Troponin-Assays die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts revolutioniert: Sie ermöglichen eine frühe, hochpräzise Abgrenzung zwischen akuter und chronischer Myokardschädigung, reduzieren unnötige Hospitalisierungen und verbessern die Risikostratifizierung. In Kombination mit klinischer Beurteilung und einem 12-Kanal-EKG bilden sie heute das zentrale Fundament der modernen Infarktdiagnostik.
AltersabhƤngige Effekte und Einfluss der Nierenfunktion
Die 99. Perzentile der oberen Referenzgrenze (upper reference limit, URL) bildet die zentrale diagnostische Schwelle für die Definition eines Myokardschadens und eines AMI. Troponin-Konzentrationen oberhalb dieses Wertes gelten als erhöht (4). Diese Schwelle ist Assay-spezifisch und beruht auf Messungen in grosse Kollektiven gesunder Personen. Dabei zeigte sich, dass biologische Unterschiede, insbesondere Alter und Nierenfunktion, einen relevanten Einfluss auf die Troponin-Konzentration haben können.
Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz leicht erhöhter Troponinspiegel auch in Abwesenheit einer akuten Ischämie (31). Dieser Anstieg reflektiert meist subklinische strukturelle Myokardschäden, Fibrose, hypertensive oder diastolische Belastung. Dennoch wird derzeit kein altersadjustierter Grenzwert in den Leitlinien empfohlen, da die Sicherheit weiterhin gegeben ist und die Verwendung altersspezifischer Grenzwerte zu Herausforderungen in der klinischen Praxis führen könnte (32, 33).
Die chronische Niereninsuffizienz stellt einen weiteren hƤufigen und klinisch relevanten Confounder der Troponindiagnostik dar (34). Bei eingeschrƤnkter glomerulƤrer Filtrationsrate finden sich hƤufig persistierend erhƶhte hs-cTn-Konzentrationen, vermutlich bedingt durch eine Kombination aus verminderter renaler Clearance und chronischem Myokardschaden infolge Druck- und Volumenbelastung. Somit empfiehlt es sich, bei Patienten mit eingeschrƤnkter Nierenfunktion (ebenso bei Patienten im fortgeschrittenen Alter) nicht den absoluten Ausgangswert, sondern vor allem die Dynamik (Anstieg oder Abfall) zwischen den Messungen zu bewerten (5). Ein signifikanter Anstieg über die Assay-spezifische Ī-Schwelle hinaus gilt auch in dieser Population als starkes Indiz für eine akute MyokardschƤdigung z.āB. im Rahmen eines ischƤmischen Prozesses. Folglich sollte die Diagnose eines AMI in diesem Kontext nur bei nachweisbarer Dynamik in Verbindung mit Symptomen und/oder EKG-VerƤnderungen gestellt werden. Ein persistierend stabil erhƶhter Troponinwert ohne Klinik hingegen spricht eher für eine chronische kardiale SchƤdigung und ist prognostisch bedeutsam, ohne zwingend auf ein akutes Koronarsyndrom hinzuweisen.
Klinische Szenarien und Pitfalls
Die Interpretation erhƶhter hochsensitiver Troponinwerte erfordert stets eine enge Verknüpfung mit Anamnese, klinischem Kontext und EKG-Befunden (Abb.ā2). Eine Troponinerhƶhung weist grundsƤtzlich auf einen Myokardschaden, aber nicht zwingend auf einen AMI hin. Erst das Zusammenspiel aus klinischer PrƤsentation mit Symptomen, ischƤmietypischer Dynamik und ggf. korrespondierenden EKG-VerƤnderungen erlaubt die sichere Diagnose eines AMI (4, 5). Der Typ-1-Myokardinfarkt entsteht infolge eines (plaqueassoziierten) koronaren (teilweise)-Verschlusses mit Thrombusbildung und akuter MyokardischƤmie. Der Typ-2-Myokardinfarkt hingegen beruht auf einer Ungleichgewichts-IschƤmie zwischen myokardialem Sauerstoffbedarf und -angebot ohne akute Plaqueruptur (35). Er tritt sekundƤr im Rahmen anderer Erkrankungen auf, die zu einem verminderten Sauerstoffangebot (z.āB. bei Hypoxie) oder einem erhƶhten Sauerstoffbedarf (z.āB. Tachykardie) führen (35). Aggraviert kann dies werden durch bestehende, unter Ā«normalen UmstƤndenĀ» nicht-signifikanten Stenosen. Typische klinische Konstellationen sind die AnƤmie (reduziertes Sauerstoffangebot bei stabiler KHK oder auch blanden Koronarien), das tachykarde Vorhofflimmern oder andere tachykarde Herzrhythmusstƶrungen (erhƶhter Sauerstoffverbrauch und diastolische Minderversorgung) und die Lungenembolie (akute Druckbelastung und Dilatation des rechten Ventrikels mit subendokardialer IschƤmie) (35). In all diesen FƤllen kann das Āhs-cTn deutlich erhƶht sein, ohne dass eine akute Koronarobstruktion vorliegt. Entscheidend ist die Gesamtinterpretation der klinischen Situation: Ein Typ-2-Infarkt ist kein primƤr koronar-interventionelles Krankheitsbild, sondern Ausdruck eines sekundƤren myokardialen Schadens, der eine kausale Behandlung der Grunderkrankung erfordert (35).
Neben ischƤmischen Mechanismen existieren zahlreiche nicht-ischƤmische Ursachen für erhƶhte hs-cTn-Werte, die eine differenzierte Beurteilung erfordern. Ein mƶglicher Befund in der klinischen Praxis ist die Troponinerhƶhung nach Liegetrauma oder bei ausgeprƤgter SkelettmuskelschƤdigung, etwa bei einer Rhabdomyolyse oder rheumatischen Erkrankung (36, 37). Dabei kann das Troponin T erhƶht sein, das Troponin I bleibt in der Regel normal (36). Auch die Myokarditis prƤsentiert sich mit Troponinerhƶhung und Brustschmerz und kann somit ein akutes Koronarsyndrom imitieren (38). Charakteristisch ist hƤufig eine moderate, teilweise lƤnger anhaltende Troponinfreisetzung ohne koronares Korrelat (38). Die Differenzierung gelingt insbesondere durch die kardiale MRT, welche ein myokardiales Ćdem und SpƤtkontrastmittelaufnahme (late gadolinium enhancement, vorwiegend subepikardial oder mittmyokardial in einem nicht-ischƤmischen Verteilungsmuster) nachweist (39). Nach perkutaner Koronarintervention (PCI) oder koronarer Bypass-Operation (CABG) treten Troponinerhƶhungen hƤufig auf (40). Diese spiegeln in der Mehrzahl der FƤlle prozedurale MyokardschƤden wider, die definitionsgemƤss erst ab Ćberschreiten des fünffachen 99. Perzentils (PCI) bzw. des zehnfachen (CABG) als prozedurbezogener Myokardinfarkt (Typ 4a/5 MI) gewertet werden (in Kombination mit neuen EKG-VerƤnderungen/ neuen VerƤnderungen in der Bildgebung, zum Beispiel Wandbewegungsstƶrungen im Echo) (4). Eine isolierte moderate Troponinerhƶhung ohne klinische oder elektrokardiographische Hinweise auf IschƤmie sollte hier nicht als Infarkt fehlinterpretiert werden (4). Ein weiterer hƤufiger Sonderfall betrifft intensiven Sport, bei dem transiente, meist moderate Anstiege des hs-cTn beobachtet werden kƶnnen (41). Die zugrunde liegende Mechanik ist multifaktoriell und umfasst myozytƤre MembranpermeabilitƤt, Dehnung, zellulƤren Stress und SkelettmuskelschƤden, ohne dass strukturelle Nekrose vorliegen muss (41). Zusammenfassend gilt: Nicht jede Troponinerhƶhung ist Ausdruck eines AMI. Die differenzierte Betrachtung von Ursache, Dynamik, Begleitsymptomen und EKG-Verlauf ist entscheidend, um Ćberdiagnosen zu vermeiden und eine gezielte Therapie einzuleiten.
Point-of-Care-Assays
Neben den laborbasierten Hochdurchsatzsystemen gewinnen in den letzten Jahren Point-of-Care-(POC)-Assays zunehmend an Bedeutung (42, 43). Sie ermƶglichen eine schnelle Messung von Troponin ohne zeitliche Verzƶgerung durch den Probentransport und Laborprozess. Ziel ist es, den diagnostischen Ablauf weiter zu beschleunigen und insbesondere in prƤklinischen oder ressourcenlimitierten Settings, wie im Rettungsdienst, peripheren SpitƤlern, ambulanten Praxen oder lƤndliche Regionen eine zeitnahe Entscheidungsfindung zu ermƶglichen.
Moderne POC-Systeme verwenden Technologien, die in ihrer analytischen LeistungsfƤhigkeit den Labor-Assays zunehmend nahekommen (42, 43). Einige der neueren GerƤte, etwa der Siemens Atellica VTLi, der Abbott i-STAT Alinity oder der Roche LumiraDx hs-cTnI-Assay, erfüllen bereits viele Kriterien für Ā«high-sensitivityĀ». Damit kƶnnen sie, im Gegensatz zu Ƥlteren POC-Tests, in standardisierte 0/1-h- oder 0/2-h-Algorithmen integriert werden, jedoch sind auch hier die Assay-spezifischen Grenzwerte zu beachten (42, 43). Der Hauptvorteil dieser Systeme liegt in der Zeitersparnis. Es konnte gezeigt werden, dass sich mit POC-Assays die Ā«door-to-troponin result timeĀ» um bis zu 54 Minuten verkürzen lƤsst, bei neueren POC-Systemen ohne relevante Einbussen in diagnostischer Sicherheit (42ā44). Dadurch kƶnnen Rule-out-Entscheidungen bereits innerhalb einer Stunde getroffen werden (bei Schmerzbeginn vor >ā3h), ein Vorteil insbesondere in überlasteten Notaufnahmen oder prƤklinischen Situationen (42, 43). Insgesamt stellen POC-Assays eine vielversprechende ErgƤnzung der etablierten Laboranalytik dar. Sie kƶnnen die Versorgung von Patienten mit Verdacht auf akutes Koronarsyndrom deutlich beschleunigen und sind insbesondere für den Einsatz in prƤklinischen und dezentralen Strukturen geeignet. Mit der fortschreitenden Miniaturisierung und Standardisierung dieser Technologien ist absehbar, dass hochprƤzise POC-Systeme künftig einen festen Platz in der AMI-Diagnostik einnehmen und die zeitkritischen ESC-Algorithmen auch ausserhalb des Krankenhauses ermƶglichen werden.
Ausblick: KI-gestützte Pfade und Ātransdermale Messung von Troponin I
Mit der Einführung hochsensitiver Troponin-Assays wurde die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts bereits erheblich beschleunigt und standardisiert. Dennoch beruhen die aktuell empfohlenen ESC-Algorithmen auf festen Schwellenwerten und Zeitpunkten, die individuelle Unterschiede, etwa Alter, Nierenfunktion, EKG-Veränderungen (ausser ST-Hebungen), Komorbiditäten oder Zeitpunkt des Symptombeginns, nicht berücksichtigen (5). Hier setzt der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) an: Machine-Learning-Modelle ermöglichen eine individualisierte Interpretation von Labor- und EKG-Daten und könnten die bisher starren Entscheidungsgrenzen ablösen.
Hierzu wurde der CoDE-ACS-Algorithmus (Collaboration for the Diagnosis and Evaluation of Acute Coronary Syndrome) entwickelt und in internationalen Kohorten validiert (45, 46). Dieses System kombiniert Troponinkonzentrationen, sowohl bei Aufnahme als auch in seriellen Messungen, mit klinischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Blutdruck, Herzfrequenz, Nierenfunktion, HƤmoglobin, Symptombeginn und EKG-Befunden (45, 46). Aus diesen Informationen berechnet das Modell eine individuelle Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines Myokardinfarkts (0ā100 Punkte). In einer prospektiven Analyse zeigte CoDE-ACS eine ausgezeichnete Diskriminationsleistung (AUCāāā0.95) und identifizierte deutlich mehr Patienten mit niedriger Infarkt-Wahrscheinlichkeit (61 vs. 27ā%) bei gleichem negativem prƤdiktivem Wert (45). Die Folgestudie bestƤtigte diese Ergebnisse in über 4000 Patienten und zeigte, dass CoDE-ACS unabhƤngig vom Zeitpunkt der Messung (0, 1 oder 2 h) stabil performt und mehr Patienten sicher als Ā«low probabilityĀ» klassifizieren kann als die ESC-0/1- oder 0/2-h-Algorithmen (46). KI-gestützte Entscheidungssysteme wie CoDE-ACS kƶnnten künftig Labor-, EKG- und klinische Daten in Echtzeit integrieren und die Wahrscheinlichkeit eines AMI patientenspezifisch quantifizieren. Damit erƶffnen sie den Weg zu dynamischen, adaptiven Diagnosepfaden, die sich an individuellen Risikoprofilen orientieren und Ćber- wie Unterdiagnosen reduzieren. Ob dieser Ansatz im klinischen Alltag zu einer verbesserten Versorgung und Ressourcennutzung führt, bleibt abzuwarten.
Eine vielversprechende Weiterentwicklung stellt die transdermale Messung von kardialem Troponin mittels optischer IR-Sensoren dar (47). Das neu entwickelte, nichtinvasive Wearable-Device (Ā«InfrasensorĀ») ermƶglicht eine Troponin I-Bestimmung innerhalb von nur 3 Minuten und zeigte in einer multizentrischen Pilotstudie eine gute SensitivitƤt (90ā%) und eine C-Statistik-AUC von 0.90 zur Identifikation erhƶhter cTnI-Spiegel (47). Künftige Studien müssen klƤren, ob diese Technologie in der Notaufnahme oder sogar prƤklinisch eingesetzt werden kann, um den diagnostischen Prozess beim akuten Koronarsyndrom weiter zu beschleunigen.
Copyright
Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Michael Kunz
Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
UniversitƤtsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel
Prof. Dr. med.Christian Müller
Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
UniversitƤtsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel
Dr. med. Jasper Boeddinghaus
Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
UniversitƤtsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel
jasper.boeddinghaus@usb.ch
Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Hochsensitive Troponin-Assays (hs-cTnT und hs-cTnI) sind heute der zentrale Biomarker in der Diagnostik des AMI und ermƶglichen den Nachweis minimaler MyokardschƤdigungen bereits kurz nach Symptombeginn.
Die ESC-0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen haben die AMI-Diagnostik revolutioniert, indem sie eine schnelle und sichere Rule-out/Rule-in-Entscheidung mit hoher SensitivitƤt und SpezifitƤt erlauben.
Die Interpretation der hs-cTn-Werte muss immer im klinischen Kontext erfolgen. Besonders Alter, Nierenfunktion und Begleiterkrankungen beeinflussen die Troponinkonzentration und erfordern eine individuelle Bewertung des Absolutwertes und auch der Dynamik.
Nicht jede Troponinerhƶhung bedeutet einen AMI. Differenzialdiagnosen wie Myokarditis, Tachyarrhythmien, Lungenembolie oder Niereninsuffizienz sind hƤufige Fallstricke in der Interpretation.
KI-basierte Systeme wie CoDE-ACS kombinieren Labor-, EKG- und klinische Daten zu einem patientenspezifischen Risikoscore und könnten künftig die diagnostische Präzision und Effizienz weiter verbessern.
Das fortgeschrittene Melanom war lange Zeit eine schwer behandelbare Erkrankung ohne wirksame Ćberlebensstrategien. Mit der Entwicklung von Checkpoint-Inhibitoren und Kinaseinhibitoren im 21. Jahrhundert haben sich die Therapieoptionen erheblich verbessert. Neueste Studien zeigen, dass die adjuvante Therapie mit Anti-PD1-Antikƶrpern das rezidivfreie Ćberleben bei Patienten im Stadium IIB/C ohne Lymphknotenbefall signifikant verbessert. Allerdings besteht die Herausforderung, die richtigen Patienten für eine Langzeitbehandlung zu identifizieren, da viele durch chirurgische Massnahmen allein geheilt werden kƶnnten. Die neoadjuvante Therapie, bei der die systemische Therapie vor der operativen Entfernung der makroskopischen Lymphknotenmetastasen erfolgt, hat sich als vielversprechend erwiesen. Neoadjuvante AnsƤtze, insbesondere mit Anti-PD1-Antikƶrpern, kƶnnen die Rezidivrate signifikant senken. Die histologische Analyse des Tumorgewebes nach neoadjuvanter Therapie kƶnnte zudem helfen, Patienten zu identifizieren, die keine zusƤtzliche adjuvante Behandlung benƶtigen, was die Nebenwirkungen und Kosten reduziert. Die Implementierung der neoadjuvanten Therapie in die klinische Praxis ist jedoch mit Herausforderungen wie der fehlenden Zulassung in der Schweiz und der Notwendigkeit spezialisierter histopathologischer Beurteilungen verbunden. Zukünftige Forschungsanstrengungen sollten sich darauf konzentrieren, Kriterien zur Patientenselektion zu entwickeln und die Rolle histopathologischer Untersuchungen in der Prognose zu validieren. Eine Deeskalation der TherapieansƤtze kƶnnte zu einer patientenorientierteren, ressourcenschonenden Medizin führen.
For a long time, advanced melanoma was a difficult-to-treat disease with no effective survival strategies. With the development of checkpoint inhibitors and kinase inhibitors in the 21st century, treatment options have improved considerably. Recent studies indicate that adjuvant therapy with anti-PD1-antibodies significantly improves the recurrence-free survival in stage IIB/C patients without lymph node involvement. However, the challenge is to identify the right patients for long-term treatment, as many could be cured by surgery alone. Neoadjuvant therapy, in which systemic treatment is administered before the surgical removal of the macroscopic lymph node metastases, has proven to be promising. Neoadjuvant approaches, particularly with anti-PD1-antibodies, can significantly reduce the recurrence rate. Additionally, histological analysis of tumor tissue after neoadjuvant therapy could help identify patients who do not require further adjuvant treatment, thereby reducing side effects and costs. However, the implementation of neoadjuvant therapy in clinical practice faces challenges, such as the lack of approval in Switzerland and the need for specialized histopathological assessments. Future research efforts should focus on developing criteria for patient selection and validating the role of histopathological examinations in prognosis. A de-escalation of therapeutic approaches could lead to more patient-centered, resource-efficient medicine. Keywords: Melanoma, high-risk, neoadjuvant, adjuvant, therapy
Einleitung
Das fortgeschrittene Melanom gehƶrte jahrzehntelang zu den Erkrankungen ohne TherapieansƤtze mit nachgewiesenem Einfluss auf das Ćberleben, bis im ersten und zweiten Jahrzehnt unseres Jahrtausends neue therapeutische AnsƤtze wie die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren oder mit Kinaseinhibitoren für diesen Tumor entwickelt wurden.
Die neuen therapeutischen Ansätze wurden inzwischen auch im adjuvanten Bereich erfolgreich etabliert. Zuletzt zeigten klinische Studien, dass die adjuvante Therapie mit Anti-PD1-Antikörpern auch im Stadium IIB/C (ohne Lymphknotenbefall) die Prognose deutlich verbessert. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass in dieser Situation zahlreiche Patienten behandelt werden, die durch die chirurgischen Massnahmen allein geheilt wären. Deshalb stellt sich hier die Frage, wie wir die richtigen Patienten für eine Langzeitbehandlung identifizieren können. Die neoadjuvante Therapie ist in diesem Zusammenhang eine interessante Option (1).
Aktuelle Studienergebnisse zur Āadjuvanten und neoadjuvanten Therapie beim Melanom
In der adjuvanten/neoadjuvanten Therapie des Melanoms haben vor allem Anti-PD1-Antikƶrper die Behandlungsergebnisse revolutioniert. Aufgrund prospektiv randomisierter Studien sind inzwischen die Anti-PD1-Antikƶrper Nivolumab und Pembrolizumab sowie die Kinaseinhibitor-Kombination Dabrafenib und Trametinib zur adjuvanten Therapie des Melanoms seit mehreren Jahren zugelassen. WƤhrend bei der adjuvanten Therapie zunƤchst sƤmtliche Tumormanifestationen chirurgisch entfernt werden und dann vorbeugend eine Therapie typischerweise für die Dauer von einem Jahr erfolgt, wird der ĀOperationszeitpunkt bei der neoadjuvanten Therapie verschoben (Abb.ā1). Das bedeutet, dass zunƤchst eine Systemtherapie eingeleitet wird, für etwa 8ā12 Wochen. Danach wird die Tumormanifestation operativ entfernt.
Die Durchführbarkeit und der Langzeitnutzen dieser neuen, neoadjuvanten Strategie wurden für mehrere Medikamente bereits gezeigt. In grösseren Phase-II-Studien mit der Kombination von Ipilimumab und Nivolumab zeigte sich eine unerwartet hohe Rate von Rezidivfreiheit (2).
Inzwischen liegen auch prospektiv randomisierte Studien vor. So wurde zum Beispiel die intralƤsionale Therapie mit dem gentechnologisch modifizierten Herpes-simplex-Virus TVEC prospektiv randomisiert untersucht (3). Dabei erhielt ein Teil der Patienten 6 Injektionen mit diesem Virus, bevor die Operation durchgeführt wurde. Die anderen Patienten wurden konventionell behandelt. Adjuvante Therapien konnten nach Ermessen der Studienzentren nach Wahl durchgeführt werden. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Patienten im Kontrollarm mehr adjuvante Therapien erhalten hatten. Für diese Studie liegen nun Langzeitergebnisse vor. Es findet sich ein deutlicher Vorteil bezüglich rezidivfreiem Intervall, aber auch eine verbesserte Ćberlebensrate nach 5 Jahren für die neoadjuvant behandelten Patienten.
Eine weitere grƶssere prospektiv randomisierte Studie hat die adjuvante Therapie mit Pembrolizumab direkt verglichen mit der neoadjuvanten Therapie (4). Im Rahmen dieser Studie waren die Zahl und die Dosis der Immuntherapie in beiden Therapiearmen gleich. Einzig wurde der Operationszeitpunkt im neoadjuvanten Arm um ca. 12 Wochen verzƶgert. Die Auswertung dieser Studie zeigte einen erstaunlichen Vorteil für die Patienten, die neoadjuvant behandelt wurden. Die Rezidivrate konnte um etwa 40ā% Āgesenkt werden.
In der neuesten Phase-III-Studie wurden Patienten mit Āresektablem, makroskopischem Stadium-III-Melanom randomisiert in zwei Gruppen eingeteilt: Eine erhielt 2 Zyklen neoadjuvanter Therapie mit Ipilimumab und Nivolumab, gefolgt von einer Operation, wƤhrend die andere Gruppe zuerst operiert wurde und anschliessend 12 Zyklen adjuvanter Nivolumab-Therapie erhielt (5). Mit der neoadjuvanten Therapie konnte eine signifikant überlegene Ereignisfreiheit im Vergleich zur adjuvanten Therapie erzielt werden. Die neoadjuvante Therapie führte bei der Mehrheit der Patienten zu einem erstaunlichen pathologischen Ansprechen (komplettes bzw. fast komplettes Ansprechen bei 59ā%). Im Vergleich dazu lag die rezidivfreie Ćberlebensrate bei den neoadjuvant behandelten Patienten mit partiellem oder fehlendem pathologischen Ansprechen trotz anschliessender adjuvanter Therapie über 12 Monate deutlich niedriger (76.1ā% bzw. 57ā%).
Aufgrund dieser randomisierten Studien wird die neoadjuvante Therapie bereits heute standardmƤssig in verschiedenen Behandlungsguidelines empfohlen und wurde u.āa. mit Anti-PD-Inhibitor bereits in Australien für diese neue Indikation zugelassen.
Während die neoadjuvante Behandlung mit den Tyrosinkinaseinhibitoren Dabrafenib plus Trametinib im Vergleich zur neoadjuvanten Anti-PD1-Therapie zu hohen pathologischen Ansprechraten führte, hatten Patienten mit komplettem pathologischem Ansprechen jedoch immer noch ein hohes Rezidivrisiko. Im Gegensatz dazu sind die Unterschiede zwischen BRAF-/MEK-Inhibitor-Therapie und Anti-PD1-Therapie im adjuvanten Ansatz nicht so markant, da sowohl die Kinaseinhibitor-Kombination als auch Anti-PD-1(Programmed cell death protein-1)-Antikörper das Rezidivrisiko in ähnlicher Weise verringern.
Wie in der Einführung erwähnt, liegt ein Problem in der adjuvanten/neoadjuvanten Therapie darin, dass viele Patienten unnötigerweise einer toxischen Therapie exponiert werden.
Hier bietet insbesondere der neoadjuvante Therapieeinsatz eine überzeugende Option zur präzisen Abschätzung der Therapiebedürftigkeit. Bei der operativen Entfernung nach der neoadjuvanten Therapiephase wird das entfernte Gewebe histologisch aufgearbeitet und der Anteil an Tumorgewebe bestimmt. Ein erheblicher Teil der Patienten zeigt bei dieser Untersuchung keine Tumorreste mehr, sondern nur noch entzündliche Veränderungen. Diese als histologisch komplette oder fast komplette Remission bezeichneten Phänomene erlauben es möglicherweise, die Notwendigkeit einer weiteren adjuvanten Therapie abzuschätzen. So weisen die Ergebnisse einer grossen internationalen Studie darauf hin, dass Patienten mit kompletter oder fast kompletter pathologischer Remission keiner zusätzlichen Behandlung mehr bedürfen. Damit könnte die adjuvante Therapie für diese Patienten verkürzt werden sowie potenzielle Nebenwirkungen und Kosten reduziert werden (2). Es ist jedoch eine längere Nachbeobachtungszeit erforderlich, bevor dieses Behandlungskonzept in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann.
Die Einführung der neoadjuvanten Therapie in die klinische Routine ist jedoch mit einigen Schwierigkeiten verbunden.
So ist zum Beispiel in der Schweiz die neoadjuvante Therapie nicht zugelassen. Da die Studien zu diesem Therapieansatz in der Regel nicht durch pharmazeutische Unternehmen gesponsert wurden, sind sie auch kaum in der Lage, die Zulassung dieser Therapieform zu beantragen. Ein weiteres Problem ist die korrekte Ausführung der Operation mit der Entfernung der wichtigen Referenzmetastase und die kompetente histopathologische Aufarbeitung. Dies erfordert sehr viel Erfahrung. Spezialisierte pathologische Zentren für diese wichtige Aufgabe gibt es kaum.
Trotz der beeindruckenden klinischen Daten zu neoadjuvanten Therapien beim Hochrisikomelanom bleiben zum aktuellen Zeitpunkt noch Fragen offen, wie zum Beispiel: Was für Daten sind erforderlich, um die klinische Praxis in der Chirurgie des Melanoms zu ändern?
Fazit und Ausblick
Die erfolgreiche Einführung der Immun- und zielgerichteten Behandlungen im Frühstadium des Melanoms führt zu einer grossen Patientenpopulation, die für diese Behandlungen qualifiziert. Je mehr frühere Krankheitsstadien diesen Behandlungen zugeführt werden, desto höher ist der Anteil an Patienten, die unnötig behandelt werden. Hier stellt sich definitiv die Frage der richtigen Patientenselektion. Die Aufgabe der akademischen Zentren heute besteht nun darin, Kriterien zu erarbeiten, wie Patienten selektioniert werden können. Neben zahlreichen molekularbiologischen Ansätzen (5) erscheint hier der neoadjuvante Ansatz vielversprechend, weil er die Reaktion des Tumorgewebes auf eine Behandlung histologisch analysieren kann. Aus den Ergebnissen kann abgeleitet werden, ob und welche therapeutischen Massnahmen später noch nötig sein werden. Wird die Verlässlichkeit der histopathologischen Untersuchungen für die Prognose weiter bestätigt, können vielleicht sogar bildgebende Verfahren in der Nachsorge dieser Patienten reduziert werden.
Deeskalation von therapeutischen Strategien ist eine wichtige Aufgabe der modernen personalisierten, ressourcenbewussten Medizin.
Prof. Dr. med. Reinhard Dummerā1,2 Dr. med. Lara Valeska Maulā1 Dr. med. Egle Ramelyteā1 PD Dr. med. Joanna Manganaā1 1 Klinik für Dermatologie, UniversitƤtsspital Zürich, RƤmistrasse 100, 8091 Zürich 2 Kantonsspital Aarau, Hautkrebszentrum, Bahnhofplatz 3C, 5001 Aarau
Prof. Dr. med. Reinhard Dummer erklƤrt potenzielle Interessenkonflikte mit: Novartis, Merck Sharp & Dhome (MSD), Bristol Myers Squibb (BMS), Roche, Amgen, Takeda, Pierre Fabre, Sun Pharma, Sanofi, Catalym, Second Genome, Regeneron, T3 Pharma, MaxiVAX SA, Pfizer und Simcere. Er ist Senior Medical Advisor bei Oncobit.
Dr. med. Lara Valeska Maul erklƤrt potenzielle Interessenkonflikte mit: Almirall, Amgen, Bristol Myers Squibb (BMS), Canfield, Eli Lilly, Incyte, Merck Sharp & Dohme (MSD), Novartis, Pierre Fabre, Roche und Sanofi.
Dr. med. Egle Ramelyte erklƤrt potenzielle Interessenkonflikte mit: Bristol Myers Squibb, Merck Sharp & Dohme, Pierre Fabre, Amgen, Sanofi, Kyowa Kirin, Takeda, Elli Lilly, Leo Pharma.
Kongress/Reiseunterstützung: Sanofi, Pierre Fabre, Kyowa Kirin, Galderma.
PD Dr. med. Joanna Mangana erklƤrt potenzielle Interessenkonflikte mit: Merck/Pfizer, Merck Sharp & Dohme, Novartis, Roche, Pierre Fabre, Amgen, Bristol Myers Squibb.
Kongress/Reiseunterstützung: Ultrasun, LāOreal, Merck Sharp & Dohme, Bristol Myers Squibb und Pierre Fabre.
Die Einführung neuer Medikamente hat die Heilungsaussichten beim Hochrisikomelanom deutlich Āverbessert. Der frühzeitige Einsatz vor allem im neoĀadjuvanten Ansatz führt zur Reduktion chirurgischer Massnahmen und Verbesserung der LebensqualitƤt.
1. Garbe C, Dummer R, Amaral T, et al. Neoadjuvant immunotherapy for melanoma is now ready for clinical practice. Nat Med 2023;29:1310ā2. https://doi.org/10.1038/s41591-023-02336-1.
2. Reijers ILM, Menzies AM, van Akkooi ACJ, Versluis JM, van den Heuvel NMJ, Saw RPM, et al. Personalized response-directed surgery and adjuvant therapy after neoadjuvant ipilimumab and nivolumab in high-risk stage III melanoma: the PRADO trial. Nat Med 2022;28:1178ā88. https://doi.org/10.1038/s41591-022-01851-x.
3. Dummer R, Gyorki DE, Hyngstrom J, et al. Neoadjuvant talimogene laherparepvec plus surgery versus surgery alone for resectable stage IIIB-IVM1a melanoma: a randomized, open-label, phase 2 trial. Nat Med 2021;27:1789ā96. https://doi.org/10.1038/s41591-021-01510-7.
4. Patel SP, Othus M, Chen Y, et al. Neoadjuvant-Adjuvant or Adjuvant-Only Pembrolizumab in Advanced Melanoma. N Engl J Med 2023;388:813ā23. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2211437.
5. Blank CU, Lucas MW, Scolyer RA, et al. Neoadjuvant Nivolumab and Ipilimumab in Resectable Stage III Melanoma. N Engl J Med. 2024 Jun 2. doi: 10.1056/NEJMoa2402604.
6. Irmisch A, Bonilla X, Chevrier S, et al. The Tumor Profiler Study: integrated, multi-omic, functional tumor profiling for clinical decision support. Cancer Cell 2021;39:288ā93. https://doi.org/10.1016/j.ccell.2021.01.004.
In diesem Artikel wird über das Asthma bronchiale in der Landwirtschaft berichtet. Ebenfalls erwƤhnt werden Berufskrankheiten, die durch den Kontakt mit Tieren und Tierfutterverursacht werden, sowie berufsbedingte respiratorische Erkrankungen durch organische StƤube wie Kaffeestaub, Gummi arabicum (sog. Druckerasthma) und Baumwollstaub u. a. Darüber hinaus werden Berufsallergien durch Chemikalien und in der Metallindustrie thematisiert. AbschlieĆend werden Backmittel wie α-Amylase sowie weitere berufliche Inhalationsallergene in der Backwarenindustrie besprochen. Das BƤckerasthma ist seit Ramazzini die hƤufigste und sozial bedeutendste Berufsallergie. In dieser Berufsbranche ist weiterhin eine primƤre PrƤvention gegenüber einer Exposition mit allergenen StƤuben erforderlich.
This article reports on bronchial asthma in agriculture. It also mentions occupational diseases caused by contact with animals and animal feed, as well as occupational respiratory diseases caused by organic dusts such as coffee dust, gum arabic (known as printerās asthma), and cotton dust, among others. In addition, occupational allergies caused by chemicals and in the metal industry are discussed. Finally, baking agents such as α-amylase and other occupational inhalation allergens in the baking industry are discussed. Since Ramazzini, bakerās asthma has been the most common and socially significant occupational allergy. Primary prevention of exposure to allergenic dusts is still necessary in this occupational sector. Key words: Occupational asthma, Occupational inhalant allergens, Wood dust, Gum Arabic, Coffee dust, Isocyanate, Bakery improver
Der Antigenkatalog gewerblicher Inhalationsallergene ist sehr umfangreich. Im ersten Teil der Arbeit über das Berufsasthma wurde eine Auswahl der Allergene, die zu gewerblichen Inhalationsallergien führen können, unter Berücksichtigung der Beiträge der Allergiestation Zürich zu dieser Thematik, aufgeführt (1). Das Berufsasthma durch Proteasen in der Waschmittelindustrie, Berufsallergien auf Enzyme in der Pharmaindustrie, im medizinischen Bereich sowie in nichtmedizinischen Berufen wie in der Nahrungsmittelindustrie, das Berufsasthma bei Gärtnern, Blumenzüchtern, Floristen und Gewächshausarbeitern wurden besprochen. In der Folge werden weitere Krankheitsbilder dargestellt.
Asthma bronchiale in der Landwirtschaft
Bei Ramazzini sind die Bauern und die Berufe in der Landwirtschaft gut dokumentiert (2ā4). Das Interesse an den Berufskrankheiten der Landwirte hat dann allerdings zusammen mit der Industrialisierung im Verlauf der zwei letzten Jahrhunderte massiv abgenommen (5). Im Gegensatz zur Industrie lassen sich auf einem Bauernhof selten klar definierte berufsspezifische Allergene identifizieren (Abb. 1). Je nach TƤtigkeit sind Landwirte und ihre Angehƶrigen StƤuben ausgesetzt, die mehrheitlich pflanzliche (Gras, Heu, Stroh) oder tierische (Kuhhaare, Schweine- oder Pferdeepithelien usw.) Allergenquellen enthalten. Darüber hinaus kƶnnen spezifische Mikroorganismen wie Schimmelpilze vorkommen (5). Von besonderer Bedeutung ist, dass die Allergenmenge, die ein Bauer einatmet, sehr hoch ist. Dies liegt nicht nur an der hohen Arbeitsplatzkonzentration infolge der NƤhe zur Allergenquelle (Pollen, Milben, Schimmelpilze, Bakterien), sondern auch an seiner Arbeit: Er erzeugt den Staub und muss gleichzeitig vermehrt ventilieren, da die Arbeit kƶrperlich anstrengend ist. Es ist eigentlich erstaunlich, dass man in der Praxis eher selten mit Bauern mit akuten Asthma-AnfƤllen konfrontiert wird (5, 6). Auch suchen die betroffenen Landwirte mit Lungenproblemen relativ spƤt den Arzt, wenn Komplikationen, wie Bronchialinfekt, obstruktives Emphysem oder Herzinsuffizienz bereits aufgetreten sind (5). Auch auffallend ist die Ćbersterblichkeit der Bauern an Lungenkrankheiten. Eine VerƤnderung in der Landwirtschaft gegenüber früher sind die Spezialisierungen, die durch Mastbetriebe, vor allem durch Hühner- und Schweinemastbetriebe, entstanden sind. Bei den Nutztieren kommen die Epithelien und die Exkremente als Inhalationsallergene in Betracht, beim Geflügel auch Milben (7). Beim Bronchialasthma sollte unbedingt eine genaue allergologische AbklƤrung zur Erfassung des pathogenen Allergenspektrums erfolgen, um, falls mƶglich, eine strikte Expositionsprophylaxe durchzuführen (5, 6).
Eine typische und auch lebensbedrohliche Berufserkrankung des Landwirtes ist die Farmerlunge, die auf die Inhalation von verschimmeltem Heu oder Getreide zurückzuführen ist. Pathogenetisch handelt es sich um eine Reaktion vom Typ III (Arthus) in den Lungenalveolen, verursacht durch prƤzipitierende IgG-Antikƶrper auf thermophile Aktinomyceten der Gattung Micropolyspora (M. faeni = Thermopolyspora polyspora und Thermoactinomyces vulgaris), also um eine allergische Alveolitis (6, 8). Man unterscheidet eine akute und eine subakut-chronisch schleichende Form. Rƶntgenologisch findet man eine miliare Infiltration bei einer verstƤrkten retikulƤren Lungenzeichnung, im SpƤtstadium eine Lungenfibrose, und pathophysiologisch eine Stƶrung des Gasaustausches, d.h. eine EinschrƤnkung der Oā-DiffusionskapazitƤt der Lunge, die zum Symptom Ā«DyspnoeĀ» führt. Andere Symptome, je nach Typ, sind Fieberschübe, Frƶsteln, DruckĀgefühl in der Brust, Atemnot, Husten, Auswurf, Mattigkeit, Abgeschlagenheit, Inappetenz und Gewichtsverlust.
Berufsasthma durch Kontakt mit Tieren und Tierfutter
In Forschungslaboratorien bestehen die hƤufigsten Kontakte zu Ratten und MƤusen. Entsprechend wird die Rangliste der Labortier-Allergien (LTA) auch von diesen Spezies angeführt, gefolgt von Hamster, Meerschweinchen, Katze und Hund (9). Bei 110 Personen mit Labortierkontakten in Forschungslaboratorien des UniversitƤtsspitals und der UniversitƤtsinstitute Zürich litten 20.9ā% der Probanden aktuell an einer LTA, 82.6ā% waren Atopiker, 27.4ā% waren jedoch Nichtatopiker. Bei 20 der Labortierallergiker bestand eine vorbestehende Allergie auf Katzenhaare. Bei zwei Akademikern bestand zudem eine bereits früher testmƤssig verifizierte aktuelle Sensibilisierung gegen Affen (Haare, ĀKrallenhorn) (11). Technische, organisatorische und personenbezogene Massnahmen zur Verminderung der Allergenkonzentration sollten angestrebt werden und nicht erst, wenn die Sensibilisierung bereits klinisch manifest wird (10).
Neben den Allergien auf Labortiere muss auch an die Sensibilisierung auf Futtermittel gedacht werden. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Fischfutter, insbesondere die roten Mückenlarven (Chironomiden) (11), wobei das wichtigste und am besten erforschte Allergen das HƤmoglobin darstellt (12). Eine weitere wichtige Rolle spielen die Daphnien (Süsswasserflƶhen). Meister beschreibt bei diesem ebenfalls aggressiven Allergen ein Sensibilisierungs-Index von 66ā% (13). In Anbetracht der aggressiven Potenz dieser Fischfutterallergene ist es nicht erstaunlich, dass auch bei Aquarianern beim hƤuslichen Kontakt respiratorische Probleme auftreten kƶnnen (14, 15) (Abb.ā2).
Berufsasthma auf FledermƤuse und auf Bienenstaub
Ein junger Wissenschaftler, der seit seiner Kindheit an allergischer Rhinitis litt, erforschte FledermƤuse (Chiropteren) in ihren Hƶhlen. Nach etwa einem Jahr dieser TƤtigkeit bekam er regelmƤssig AsthmaanfƤlle bei Kontakt mit diesen Tieren (16) (Abb.ā3). Er hielt sich auch FledermƤuse in einem kleinen KƤfig zu Hause und züchtete für ihre Nahrung Mehlwurmlarven (Tenebrio molitor) in einer offenen Schale neben dem KƤfig. Die staubfƶrmigen Abbauprodukte dieser Larven führten bei dem Patienten zu rhinitischen Beschwerden, weshalb er sich bald dazu entschloss, jegliche Tierhaltung zu Hause aufzugeben. Seither wurde der Zusammenhang zwischen der spelƤologischen TƤtigkeit und AsthmaanfƤllen deutlicher. Scratch-Tests mit Fledermaustaub und spezifische IgE-Bestimmungen auf Fledermaus ergaben ein deutliches positives Ergebnis (RAST-Klasse 3).
Bei einem weiteren Fall, einer Zoologin mit früherem beruflichem Kontakt mit Fledermäusen, welche nun zu Hause eine Fledermaus hielt und mit Tenebrio molitor-Larven fütterte, traten, wenn sie länger die Zeit im Hause verbrachte, asthmatische Beschwerden auf. Die allergologische Abklärung zeigte sowohl im Hauttest als auch serologisch positive Reaktionen auf Fledermausfeces und auf Tenebrior molitor (RAST 15 resp. 81 kU/l) (17).
Auch bei Imkern kƶnnen bei Arbeiten im Bienenhaus respiratorische Beschwerden auftreten; als Allergene werden Bestandteile des Bienenkƶrpers angenommen (18, 19). Neun (1.5ā%) von 595 befragten Imkern des Kantons Zürich klagten bei ihrer ImkertƤtigkeit über Rhinitis und Konjunktivitis, drei aber auch über Husten und Asthma bronchiale. Bei sechs der neun Patienten fielen Hauttests, RAST und nasale Provokation mit Bienenganzkƶrper-Extrakten positiv aus, so dass eine Sensibilisierung gegen Bestandteile des Bienenkƶrpers als Hauptursache angenommen wurde (20).
Berufsbedingte respiratorische Erkrankungen auf organische StƤube
Gronemeyer und Fuchs beschrieben 1958 das Berufsasthma auf DƤmpfe von grünen Kaffeebohnen (21). Mit Somazzi konnten wir sieben FƤlle von Berufsasthma auf Kaffeestaub beobachten: fünf Arbeiter waren in der Rƶsterei beschƤftigt, zwei mussten JutesƤcke transportieren, in denen grüne Kaffeebohnen enthalten waren (22). Bei allen konnte die Allergie im Hauttest (Scratch- und Reibtest) (Abb. 4) und im inhalativen und nasalen Provokationstest bestƤtigt werden. Durch den Rƶstprozess verflüchtigt sich das Allergen bzw. es wird inaktiviert (23, 24). Ein 37-jƤhriger Arbeiter in einer Kaffeerƶsterei entwickelte eine berufsbedingte Rhinokonjunktivitis; die allergologische AbklƤrung zeigte eine Sensibilisierung gegenüber dem Staub der grünen, ungerƶsteten Kaffeebohne. Diese spezielle Allergie ist in der Schweiz selten (23). Eine Rohkaffeeallergie ist sehr oft mit einer Sensibilisierung gegen Rizinusbohnen gekoppelt, was darauf zurückgeführt wird, dass die beiden Produkte sehr oft nacheinander in den gleichen Jute- und SisalsƤcken transportiert werden. Somit ist Kaffeestaub hƤufig durch Spuren von Rizinusbohnen kontaminiert. Die Rhizinusbohne gilt heute noch als eines der potentesten Allergene überhaupt (24). Es ist auch in unsere Breitengrade entsprechend der seltenen Exposition nur mit sporadischen FƤllen zu rechnen, z.āB. wenn importierter Rhizinusschrot als Beimischung zu Dünger in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt.
Das sogenannte «Druckerasthma» wird durch Gummi arabicum ausgelöst, also durch ein gewerbliches Allergen, das meist zunächst zu einer allergischen Rhinitis und neben anderen lokalen Reizerscheinungen schliesslich zum Dauerasthma führen kann, wie es Fuchs und Gronemeyer in mehreren Arbeiten beschrieben haben (25, 26). Diese Erkrankung tritt in Druckereibetrieben auf, in denen das Nass-Spritzverfahren mit Gummi arabicum angewandt wird. Das Gummi arabicum wird aus dem Exsudat (Wundsaft) von verschiedenen, in Afrika verbreiteten Akazien-Bäumen hergestellt. Gummi arabicum ist ein natürliches Gemisch von Polysacchariden (Mehrfachzuckern) mit der Hauptkomponente Arabinsäure. In der klassischen Lithografie wurde Gummi arabicum zur Vorbehandlung der Lithosteine vor dem Druck verwendet. Es verstärkte die Eigenschaft der Steine, die nichtdruckenden Teile fettabstossend und wasseraufnahmefähig zu machen. Gummi arabicum wurde auch im Offsetdruck verwendet. Um zu verhindern, dass die wasserführenden Druckplatten durch Luftsauerstoff zu stark oxidieren und farbführend werden, wurden sie durch das Auftragen von Gummi arabicum vor Luft geschützt (27).
Bei einem polyallergischen Patienten, der in der Schokoladenindustrie tätig war und für die Produktion einer Gummi-Arabicum-Lösung (50 kg Gummi-Arabicum-Puder in 100 l Wasser) verantwortlich, kam es bei der Arbeit zu einer moderaten Staubentwicklung. Dabei traten arbeitsplatzbezogene respiratorische Beschwerden mit Husten und Asthma auf. Eine ausgedehnte allergologische Abklärung zeigte eine aktuelle, seltene IgE-Sensibilisierung auf Carbohydrat-Determinante (CCD) (28). Bei einem Beschäftigten in der pharmazeutischen Industrie, der bei seiner Tätigkeit an der Tablettenüberzugsanlage Gummi-Arabicum-Staub ausgesetzt war, konnte die Allergie gegen Gummi arabicum mittels Hauttestung, spezifischem IgE und einem positiven bronchialen Provokationstest bestätigt werden. Der Beschäftigte klagte über arbeitsbedingte Kurzatmigkeit, ein Engegefühl in der Brust und rhinokonjunktivale Beschwerden.
Während sich eine Sensibilisierung gegen Gummi arabicum bei atopischen Patienten mit Pollensensibilisierung, die keiner offensichtlichen Exposition gegenüber Gummi arabicum ausgesetzt sind, auf die Kohlenhydratstrukturen stützt, konnte bei diesem beruflich exponierten Patienten gezeigt werden, dass die Allergie vorzugsweise durch IgE-Antikörper vermittelt wird, die gegen Polypeptidketten von Gummi arabicum gerichtet sind (28, 29).
Bei einer 27-jährigen Hilfsarbeiterin in der Gummi-industrie, die seit sechs Monaten in der Herstellung und Kontrolle von Kondomen tätig war, traten eine hart-näckige Rhinitis, heftige Hustenattacken mit asthmoiden Beschwerden sowie ein Ekzem an den Vorderarmen auf. Die allergologische Abklärung fiel negativ aus, was die üblichen Inhalationsallergene betrifft. Ein Scratch-Test, ein nasaler Provokationstest sowie ein Epikutantest in der Spätreaktion fielen jedoch stark positiv mit Lykopodium-Puder (30) aus. In Zusammenarbeit mit Prof. SGO Johansson gelang der erstmalige Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern in hoher Konzentration (RAST-Klasse 4 bzw. 40 PRU/ml).
In einem weiteren Fall litt ein 57-Jähriger, der in einem Theater im Bereich Lichttechnik tätig war, seit einigen Jahren ohne erkennbare Ursache unter sporadisch auftretenden Asthma-Anfällen am Arbeitsplatz (31). Zudem kam es vermehrt zu einem Lidekzem. Nach einer Hauptprobe einer Bühnenproduktion, bei der verstärkt Lichteffekte eingesetzt wurden, erlitt er einen akuten Asthmaanfall und musste notfallmässig ins Krankenhaus gebracht werden. In der Folge verzeichnete er bereits beim Betreten der Bühne Augenreizungen, Niesanfälle und Husten; bei längerem Aufenthalt kam es zu bedrohlichen Asthmaanfällen. Bei einer Szene der Produktion wurden durch die Verwendung von Sporen der Pflanze Lycopodium clavatum (Keulen-Bärlapp) explosionsähnliche Lichteffekte erzeugt. Die allergologische Abklärung fiel, wie bei der obigen Patientin, positiv aus (IgE CAP-Klasse 3, 5,2 KU/l) (88).
Der Keulen-BƤrlapp (Lycopodium clavatum), auch Wolfsklaue genannt, gehƶrt zu den GefƤsssporenpflanzen (Abb.ā5 und Abb.ā6). Früher dienten BƤrlappsporen in der Apotheke bei der Herstellung von Pillen als Trennmittel. Je nach Marke wird das sich geschmeidig anfühlende Pulver auch heute noch zur Beschichtung von Kondomen eingesetzt. Heute finden Lykopodiumsporen hauptsƤchlich Verwendung bei Feuerwerken, Gauklern (Feuerspucken) und bei Spezialeffekten in Filmen und in Theatern, um FeuerbƤlle, FlammensƤulen, Stichflammen und Explosionen zu erzeugen. Spuckt man die Sporen gegen eine Flamme, so entstehen enorme FeuerbƤlle (31).
Respirationskrankheiten in der Baumwollindustrie
In der Baumwollindustrie kƶnnen verschiedene Formen berufsbedingter Lungenkrankheiten auftreten (32). Der beim Verarbeiten roher Baumwolle in der Luft vorhandene Staub ist eine Mischung verschiedener antigener Substanzen, die neben der Baumwollfaser auch andere Bestandteile der Baumwollpflanze, Bakterien, Schimmelpilze und andere Verunreinigungen enthalten kann. Diese kƶnnen deshalb aufgrund einer immunologischen Antwort des Exponierten sowohl IgE- als auch IgG-vermittelte, durch PrƤzipitine bedingte broncho-pulmonale Erkrankungen auslƶsen. Beim Baumwollstaubasthma kann es auch zu einer dualen asthmatischen Reaktion kommen, wie im inhalativen Provokationstest mit Baumwollstaub dokumentiert wurde (32). Auch unspezifische, primƤr-irritative Bronchitiden wurden beobachtet.
Eine besondere Krankheit in der Baumwollindustrie stellt die Byssinose dar. Bei der Byssinose (auch Hanfarbeiterlunge, Baumwollfieber, Montagsfieber) handelt es sich um eine Erkrankung der Lunge infolge Einatmens von Baumwoll-, Hanf- oder FlachsstƤuben (33). Die Byssinose kann Keuchatmung und Verkrampfungen in der Brust verursachen, in der Regel am ersten Arbeitstag nach einer Pause (Monday feeling). Am meisten betroffen scheinen diejenigen exponierten Arbeiter zu sein, die Ballen mit roher Baumwolle ƶffnen oder mit den ersten Schritten der Baumwollverarbeitung befasst sind. Offensichtlich vermischt sich ein Toxin, das von Bakterien in der unbehandelten Baumwolle gebildet wird, mit dem Staub in der Baumwolle, wodurch sich die Atemwege empfindlicher Personen verengen. In einer früheren Arbeit wurden fünf eigene BegutachtungsfƤlle eingehend geschildert (34). Bei vier Patienten konnte die Vermutungsdiagnose einer Byssinose aufgrund der Anamnese (Montagssymptomatik), der allergologischen AbklƤrung und der Inhalationstests mit einem selbst aus dem Betrieb hergestellten Baumwollstaubextrakt bestƤtigt werden. Beim 5. Fall lag hingegen ein allergisches Bronchialasthma auf Baumwollstaub vor. Im Serum von drei Patienten konnten in der Gel-Diffusion nach Ouchterlony prƤzipitierende Antikƶrper gegen das Baumwollstaubextrakt vor, offenbar als immunologische Antwort auf die Exposition. Ob den PrƤzipitinen eine pathogenetische Rolle zukam, wurde diskutiert (32ā34). Die Byssinose ist heute in der Schweiz und in Deutschland relativ selten. Da keine spezifischen immunologischen Kriterien für die Diagnostik einer Byssinose existieren, sind exakte Anamnese und TƤtigkeitsbeschreibung essentiell, entscheidend ist der Nachweis der abnehmenden Lungenfunktionsparameter im Verlaufe eines Arbeitstages, am besten nach Arbeitswiederbeginn nach dem Wochenende oder nach Feiertagen (34). Staub- und Endotoxinmessungen kƶnnen dazu beitragen, die Belastung an einem Arbeitsplatz oder in umgrenzten TƤtigkeitsbereichen zu charakterisieren. Der Endotoxingehalt im Baumwollstaub nimmt mit zunehmender Reinheit der Baumwolle ab (34).
Berufsasthma auf Holzstaub
Der Rohstoff Holz wird weltweit verarbeitet und dementsprechend sind viele BeschƤftigte gegen Holzstaub beruflich exponiert. Die Publikation von Schlünssen gibt einen Ćberblick über den aktuellen Wissensstand zu spezifischen Sensibilisierungen gegenüber HolzstƤuben bei Āberuflich exponierten BeschƤftigten (35). Die SensibilisierungsprƤvalenz ist in AbhƤngigkeit von der jeweils verarbeiteten Holzart unterschiedlich; exotische Hƶlzer, wie z.āB. der Staub des Abachiholzes (Triplochiton scleroxylon) stehen im Verdacht, starke Auslƶser für sIgE-vermittelte Allergien zu sein (35).
Von 165 Personen mit durch Holz verursachten GesundheitsschƤden, welche der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gemeldet wurden, hatten 35 respiratorische Beschwerden, 13 litten an klassischem Bronchialasthma durch Holzstaub, hauptsƤchlich bei Exposition mit feinem Staub bei der Bearbeitung von tropischen Hƶlzern (36).
Berufsallergien auf Chemikalien und in der Metallindustrie
Isocyanate, die insbesondere zur Herstellung von Schaumstoffen auf Polyurethanbasis, aber auch zur Herstellung von Lacken und Klebstoffen sowie als Bindemittel in Gussformen verwendet werden, standen in den 80er Jahren auf Rang 2 der beruflichen Inhalationsnoxen (zit. in (37)). Spritzlackierer stellen das grösste Kontingent der Patienten mit Isocyanat-Asthma. Sowohl immunologische als auch nicht-immunologische, irritativ-toxische Mechanismen tragen zur Pathogenese bei. 45 Patienten, die auf der Allergiestation Zürich mit Isocyanat-Asthma abgeklärt wurden, zeigten eine Latenzzeit zwischen dem Beginn der beruflichen Exposition bis zur Symptomatik von 1 ½ Wochen bis 8 Jahren, wobei 29 innerhalb der ersten 2 Berufsjahre erkrankten. Die RAST-Untersuchungen ergaben in 19 Fällen ein positives Ergebnis, in 16 mit dem aromatischen Di-Isocyanat TDI, in 3 nur mit Mono-Isocyanat (37, 38).
In der Metallindustrie kƶnnen sich verschiedene Krankheiten des Respirationstraktes manifestieren (40). Es kommen bei der sogenannten Hartmetallstaublunge die interstitielle Pneumopathie (HypersensitivitƤtspneumonitis), die Hartmetallpneumokoniose, das toxisch-irritative Hartmetallstaubasthma und das Asthma bronchiale vor. Berufsbedingte Inhalationsallergien (Asthma bronchiale, Rhinitis, Konjunktivitis), oft verbunden mit Urtikaria und Quincke-Ćdemen, treten in der platin-verarbeitenden Industrie hƤufig auf. Sie beruhen auf Sensibilisierungen gegen Platinchloride (41). Der Reaktionsmechanismus entspricht dem einer Soforttyp-(Typ I-) Allergie, wie aus klinischen Tests (Hauttestung), In-vitro-(Histaminfreisetzung aus Leukozyten) und In-vivo-Untersuchungen (passive kutane Anaphylaxie bei Affen) hervorgeht (41). Da etwa 60ā% der BeschƤftigten in der platin-verarbeitenden Industrie an Asthma bronchiale erkranken, wurden strengere Arbeitsplatzschutzmassnahmen angeregt. Als ursƤchliches Agens der Metallstaublunge wird allgemein das Kobalt angesehen (42). Bei zwei Patienten mit Hartmetallasthma induzierte der inhalative Provokationstest infolge mittels tiefer Inspiration durch einen mit Kobalt-haltigem Hartmetallstaub beladenen Spinhaler eine sofortige und anhaltende bzw. Ā«dualeĀ» asthmatische Reaktion, wobei bei einer langjƤhrigen Mitarbeiterin in einem Hartmetallproduktionsbetrieb, die nebst dem Bronchialasthma, auch an einem Kontaktekzem litt, war im Epikutantest eine Allergie vom SpƤttyp und im Scratchtest vom Soforttyp auf Kobaltchlorid nachweisbar (42). Ein Hartmetallschleifer mit typischer berufsbedingter HypersensitivitƤtspneumonitis zeigte serologisch einen hohen Titer prƤzipitierender Antikƶrper gegen Aureobasidium pullulans, ein bekanntes Antigen der Befeuchterlunge (43) und der Sequoiose.
Berufsallergen im Coiffeurberuf
Irritativ-toxische Noxen und kontaktallergische Probleme (Abb.ā7), aber auch arbeitsabhƤngige rhinokonjunktivitische und respiratorische Beschwerden vom Soforttyp sind beim Coiffeur-Beruf sehr hƤufig (44). Persulfat-haltige Blondiermittel sind als Ursache von Bronchialasthma im Friseurberuf mehrmals beschrieben worden (45, 46). Wir berichteten über einen 67-jƤhrigen Coiffeur, der an allergischen respiratorischen Symptomen und Lidschwellungen auf ein spezielles FƤrbemittel auf Basic Blue 99-Basis erlitt (47).
Backmittel, -Amylase und weitere berufliche Inhalationsallergene in der Backwarenindustrie
Sowohl in Deutschland (48) als auch in der Schweiz (49) ist das BƤckerasthma die hƤufigste allergische Berufskrankheit. 2006 wurde mit 793 VerdachtsfƤllen (42.7ā%) die meisten der 1859 Meldungen einer Berufskrankheit (BK) innerhalb der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und GaststƤtten (BGN) gemeldet. Davon entfielen etwa 90ā% auf das Backgewerbe und die Konditoreien. Damit ist der Mehlstaub der mit Abstand hƤufigste Auslƶser arbeitsbedingter allergisch-obstruktiver Atemwegserkrankungen (50).
Berufsasthma bei Bäckern und Confiseuren auf inhalierte Eierproteine ist gut bekannt (51, 52). Bei einer Untersuchung in verschiedenen Bäckereien und Konditorei-Industrien mit Exposition auf Eierprotein-Aerosolen oder Eierstaub hatten vier Bäcker und drei Confiseure allergisch respiratorische Symptome, davon drei Asthma. Drei von ihnen entwickelten später generalisierte Symptome nach dem Verzehr von Eiern (53). In Analogie zu «bird-egg» und «egg-bird syndrome» (54) bezeichneten wir diesen Zustand als «egg-egg syndrome»: inhalative Eierallergie mit konsekutiver Nahrungsmittelallergie auf Ei.
Aber nicht nur Roggen-, Weizen- und andere Getreidemehle oder Eier kommen in Müllerei-, BƤcker-, Konditorei- oder Konfiserie-Berufen als Allergene in Frage (Abb.ā8). Die moderne Lebensmitteltechnologie setzt z.āB. Johannisbrotkern in vielen Gelier- oder Verdickungsmitteln ein (55). Auch Guarkernmehl (aus den Samen der Guarkernbohne gewonnen) ist als Auslƶser inhalativer Allergosen bei BƤckern bekannt (56). Lupinenmehl (aus der Pflanze Lupinus albus) gehƶrt zur Familie der Hülsenfrüchte (Leguminosae spp.) und ist neben Soja und Erdnuss die eiweiss- und fettreichste Leguminose. Es hat ein hohes Wasserbindevermƶgen, eine angenehm gelbe Farbe (durch Betakarotin), ist geschmacksneutral und besitzt eine überdurchschnittliche AktivitƤt als Emulgator. Daher wird es hƤufig in der Backwarenindustrie mit emulsionswirksamen Lecithinen vermischt. Bereits im Jahr 2010 wurde Lupinenmehl als Ursache von Berufsasthma beschrieben (57). Das allergische Potenzial von Lupinen aufgrund von KreuzreaktivitƤten mit Erdnussproteinen wurde bald erkannt (58).
Das breite Spektrum an potentiell allergieauslösenden Stoffen im Backgewerbe umfasst u.a. Backmittel-Enzyme wie α-Amylase und Fungalprotease aus Aspergillus oryzae, Hemicellulase und Glucoamylase aus Aspergillus niger, Schädlinge wie Kornkäfer (Sitophilus granarius), Reismehlkäfer (Tribolium confusum), Mehlmilbe (Acarus siro), Pflaumenmilbe (Lepidoglyphus destructor) und Modermilbe (Tyrophagus putrescentiae) und Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus, D. farinae, D. microceras) (59). Den Schimmelpilzen und Bakterien (Pseudomonas aeruginosa, Bacillus coli und Bacillus subtilis), die gelegentlich das Mehl bei schlechten hygienischen Bedingungen kontaminieren können, kommt keine praktische Bedeutung für die respiratorischen Allergien bei Bäckern zu (60). Je nach den Arbeitsbedingungen vor Ort können somit mehrere Allergene zusammenkommen, was nicht nur bei besonders allergieempfindlichen Personen zu Atemwegsreizungen und Beschwerden führt. Vor einer Diagnose Bäckerasthma sind die Arbeitsbedingungen daher genau zu untersuchen. Bäcker und Lebensmitteltechnologen sind viel häufiger und stärker von Berufsasthma betroffen als Konditoren und Confiseure (60, 61).
Backmittel und BƤckereirohstoffe werden aus verschiedenen Gründen, so z.āB. zur GƤrungsfƶrderung, zur Kleberbefestigung, zur Geschmacksverbesserung, als Emulgator, als Frischhaltemittel, als Konservierungsmittel, zur Verbesserung der Backeigenschaften, aber auch als Quellmittel, Ballaststoffe usw., zur Herstellung von Backwaren benützt. Die aus Schimmelpilzen gewonnenen Enzyme, insbesondere α-Amylase, sowie Enzyme im Sojamehl, zƤhlen, nach den natürlichen Mehlbestandteilen, zu den wichtigsten Allergenen in der Backmittelindustrie (62).
Amylasen spalten Kohlenhydrate, insbesondere StƤrke, in für Hefen vergƤrbare niedermolekulare Zucker und tragen dadurch zum Aufgehen des Teiges bei; ausserdem sind sie wichtig für BrƤunungsreaktionen und den Geschmack des Fertigproduktes. Mitte der achtziger Jahre konnte α-Amylase als potentes Inhalationsallergen identifiziert werden. Latil et al. berichteten 1987 über einen Fall von BƤckerasthma bei monovalenter Sensibilisierung auf α-Amylase (63). Baur et. al. konnten in mehreren Arbeiten über α-Amylase als ein neues Berufsallergen beim BƤckerasthma berichten (64ā66). Bei 18 Mehlstaub-exponierten BƤckern, die RAST-positiv auf α-Amylase waren und asthmatische Symptome aufwiesen, konnten im inhalativen Provokationstest asthmatische Sofort- und duale Reaktionen hervorgerufen werden (65). In einer prospektiven Studie bei 31 BƤckern mit arbeitsplatzbezogener Asthmasymptomatik und/oder Rhinitis reagierten 17 der 31 Probanden (55ā%) im Skarifikationstest positiv auf eine α-Amylase- und 13 von 20 (65ā%) auf eine Lecithin-Zubereitung; 74ā% hatten im RAST spezifische Antikƶrper auf Weizenmehl, 61.3ā% auf Roggenmehl, 32ā% auf α-Amylase, 19.3ā% auf Sojamehl und 16ā% auf Malz (66). Zwei BƤcker wiesen im Hauttest und im RAST eine monovalente Sensibilisierung auf α-Amylase auf. Die Sojamehl-positiven Probanden waren im RAST auch auf Trypsin-Inhibitor und Lipoxidase, die Hauptantigene im Sojamehl, nicht aber auf Lektin oder Lecithin positiv. Eine Lecithin-Zubereitung, welche bei 19/31 (38.7ā%) der Seren positive RAST-Ergebnisse lieferte, enthielt nach Angaben der Hersteller auch α-Amylase im Mehlanteil. Leider führen die Hersteller die α-Amylase in ihren Produkten nicht in der Deklaration auf, sondern verwenden nichtsagende Bezeichnungen wie Ā«TeigführungsmittelĀ» oder Ā«EmulgatorĀ». Die Behƶrden wurden aufgefordert, eine Deklaration amylasehaltiger Backhilfsmittel durchzusetzen (67, 68).
Wie eine Studie von Baur et al. eindrücklich demonstrierte, ist das Bäckerasthma weiterhin die häufigste allergische Berufskrankheit. Dabei stehen die Sensibilisierungen auf Weizenmehl (64 %), Roggenmehl (52 %), Sojamehl (25 %) und α-Amylase (23 %) im Vordergrund (69). Eine primäre Prävention gegenüber einer Exposition mit allergenen Stäuben ist in dieser Berufsbranche weiterhin erforderlich (68, 70). An erster Stelle steht der Staubschutz (71). Die Schwerpunkte der Mehlstaubentwicklung können durch Sorgfalt, einfache Abdeckungen und das Tragen einer leichten Feinstaubmaske mit Ausatemventil reduziert werden. Um das Erkrankungsrisiko zu senken, sollte bei der Backwarenproduktion keine α-Amylase in Pulverform mehr eingesetzt werden. Backmittel sollten Enzyme nur noch als Paste, Lösung oder Granulat enthalten (68, 69, 70, 71).
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Aerzteverlag medinfo AG
Dieser Artikel ist eine teilweise Wiedergabe der Arbeit:
B. Wüthrich. Aus der Geschichte der Allergologie: Allergie alsBerufskrankheit ā ein Rückblick. Atemwegs- und Lungenkrankheiten, 2025;51/Nr. 4:164-183 mit freundlicher Genehmigung des Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, D 82034 München-Deisenhofen. ISSN 0341-3055.
Prof. em. Brunello Wüthrich
LangjƤhriger Leiter der Allergiestation
der Dermatologischen Klinik,
Universitätsspital Zürich,
Im Ahorn 18, 8125 Zollikerberg
bs.wuethrich@bluewin.ch
Der Autor hat keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Auf einem Bauernhof lassen sich selten klar definierte berufsspezifische Allergene identifizieren.
Eine typische und auch lebensbedrohliche Berufserkrankung des Landwirtes ist die Farmerlunge, eine allergische Alveolitis auf thermophile Aktinomyceten.
Von besonderer Bedeutung bei Aquarianern ist das FischĀfutter, hauptsƤchlich die roten Mückenlarven (Chironomiden), wobei das wichtigste und am besten erforschte Allergen das HƤmoglobin darstellt.
Das sogenannte «Druckerasthma» wird durch Gummi arabicum ausgelöst.
In der Baumwollindustrie kƶnnen verschiedene Formen berufsbedingter Lungenkrankheiten auftreten: insbesondere die Byssinose (Monday feeling) stellt in der Schweiz eine sehr seltene Krankheit dar.
Spritzlackierer stellen das grƶsste Kontingent der Patienten mit Isocyanat-Asthma.
Das BƤckerasthma ist die hƤufigste allergische Berufskrankheit.
Weizen- und Roggenmehl sind nebst -Amylase die ĀhƤufigsten Inhalationsallergene, aber Soja-, Guarkern-, oder Lupinenmehl, Ei, Mehlmilben u.a. kommen als Allergene in Frage.
Die Notwendigkeit einer primären Prävention gegenüber einer Exposition auf allergene Stäube ist weiterhin in dieser Berufsbranche erforderlich