Der Hyperventilationstest in der ambulanten Kardiologie: ein zu wenig genutzter Test?

Das Hyperventilationssyndrom (HVS) ist eine häufige, aber in der kardiologischen Praxis oft unerkannte Störung, die infolge von Hypokapnie und respiratorischer Alkalose vielfältige Symptome wie Schwindel, Brustbeschwerden, Tachykardie und Synkopen verursacht. In diesem Artikel wird eine Studie vorgestellt, deren Ziel es war, den diagnostischen und therapeutischen Nutzen des Hyperventilationstests (HVT) in der ambulanten Kardiologie zu evaluieren. Der HVT ist ein sicheres, kostengünstiges und diagnostisch wertvolles Instrument zur Identifikation des HVS. Er fördert das Verständnis der Patient/-innen für ihre Symptome, durchbricht den Panik-Hyperventilations-Zyklus und ermöglicht eine unmittelbare therapeutische Intervention durch Atemschulung. Dieses einfache, kostengünstige Diagnosewerkzeug scheint in der ambulanten kardiologischen Praxis deutlich zu wenig genutzt zu werden und verdient eine breitere Anwendung.

Hyperventilation syndrome (HVS) is a common disorder that often goes unrecognized in cardiology practice. Resulting from hypocapnia and respiratory alkalosis, it causes a wide range of symptoms such as dizziness, chest discomfort, tachycardia, and syncope. This article presents a study that aimed to evaluate the diagnostic and therapeutic value of the hyperventilation test (HVT) in outpatient cardiology. The HVT is a safe, inexpensive, and diagnostically useful tool for identifying HVS. It helps patients understand their symptoms, breaks the panic–hyperventilation cycle, and allows immediate therapeutic intervention through breathing training. This simple, low-cost diagnostic tool appears to be markedly underused in outpatient cardiology practice and deserves broader application.
Keywords: Hyperventilation syndrome, Hyperventilation test, Breathing training

Fallbericht: Hyperventilationsschulung bei Herzpatientin mit Belastungsintoleranz

Eine 72-jƤhrige Patientin hatte eine komplexe Herzanamnese mit intermittierendem Vorhofflimmern seit 2012, einem junktionalen Ersatzrhythmus nach Amiodaron-Therapie, einer definitiven Herzschrittmacherimplantation im Mai 2023, prognostisch relevanter Karotis-Atherosklerose, arterieller Hypertonie, HypercholesterinƤmie, Typ-II-Diabetes mellitus, Adipositas (BMI 32,3), obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom, Asthma bronchiale sowie ehemaligem Nikotinkonsum (20 Packungsjahre, seit 2005 rauchfrei).

Bei der Vorstellung im August 2025 berichtete die Patientin über eine schwere Belastungsintoleranz mit Angstzuständen und rascher Erschöpfung, sodass sie bereits nach etwa 100 Metern Gehen anhalten und sich ausruhen musste. Schon bei minimaler Anstrengung verspürte sie ausgeprägte Angst und Atemnot, was sich trotz optimaler kardiologischer Behandlung progredient verschlechtert hatte. Brustschmerzen verneinte sie, beschrieb jedoch überwältigende Angst und das Gefühl, bei körperlicher Aktivität «nicht genug Luft zu bekommen».

Die kƶrperliche Untersuchung zeigte eine Patientin in gutem Allgemeinzustand ohne akute Beschwerden in Ruhe. Die Vitalzeichen waren stabil, der Blutdruck bedurfte jedoch einer weiteren Optimierung. KardiovaskulƤr zeigte sich ein regelmƤssiger stimulierter Herzrhythmus. In der Echokardiographie fand sich eine erhaltene linksventrikulƤre Ejektionsfraktion von 65 % mit normaler regionaler Wandbewegung, eine leichte Dilatation des linken Vorhofs sowie leichte degenerative VerƤnderungen der Mitral- und Aortenklappe mit leichter Mitralinsuffizienz; zudem bestand eine leichte pulmonale Hypertonie. Perikardergüsse oder strukturelle Anomalien lagen nicht vor. Der Belastungstest wurde bei 78 Watt (61 % der vorhergesagten KapazitƤt) wegen Ermüdung ohne Angina pectoris abgebrochen; es trat lediglich eine leichte Dyspnoe ohne Hyperventilationssymptome auf. Die Herzfrequenz stieg auf 130 SchlƤge/min bei einer Blutdruckreaktion von 160/59 mmHg. Unter stimuliertem Rhythmus traten keine relevanten Arrhythmien auf. Die Stressechokardiographie zeigte eine hyperdynamische linksventrikulƤre Funktion ohne signifikante Wandbewegungsstƶrungen, die auf eine MyokardischƤmie hingedeutet hƤtten. Die Pulsoxymetrie war mit 95 % normal. Es zeigte sich ein peak-systolisches transtrikuspidales Flussmuster sowie eine normale systolische Auslenkung der Trikuspidalklappenebene (TAPSE) von 30 mm, entsprechend einem normalen TAPSE-zu-systolischem Pulmonalarteriendruck-VerhƤltnis von 1.20. In der Karotis-Sonographie fand sich eine GesamtplaqueflƤche von 160 mm² (arterielles Alter von 93 Jahren) ohne signifikante Karotisstenose.

Der entscheidende diagnostische Durchbruch gelang durch die Durchführung eines Hyperventilationstests. Dabei konnten die Symptome der Belastungsintoleranz durch freiwillige Hyperventilation in Ruhe vollständig reproduziert werden, was die Diagnose eines Hyperventilationssyndroms als primäre Ursache der Belastungslimitation bestätigte.

Nach Diagnosesicherung erhielt die Patientin eine umfassende Anleitung zu korrekten Atemtechniken wƤhrend kƶrperlicher AktivitƤt. Die Reaktion auf diese Hyperventilationsschulung war bemerkenswert: Bereits innerhalb einer Woche berichtete die Patientin über eine deutliche Verbesserung ihrer Belastbarkeit. Bei der Nachkontrolle nach 7 Tagen konnte sie ohne Schwierigkeiten über 2 Kilometer gehen, dies angstfrei, und auch die Sturzangst war vollstƤndig verschwunden. Die Verbesserung von einer Gehstrecke < 100 m auf diese funktionelle LeistungsfƤhigkeit entsprach einer mehr als 20-fachen Steigerung der Belastungstoleranz. Die Patientin zeigte sich dankbar, endlich die Ursache ihrer Symptome verstanden zu haben und über praktische Strategien zur BewƤltigung zu verfügen. Nebenwirkungen der Ateminstruktion traten nicht auf, und das Vertrauen der Patientin in kƶrperliche AktivitƤt war weitgehend wiederhergestellt.

Hintergrund

Hypokapnie infolge einer respiratorischen Alkalose mit einem Blut-pH von über 7.45 hat verschiedene Auswirkungen wie Schwindel, Brustbeschwerden, Tachykardie, kribbelnde Parästhesien bis hin zu Synkopen. Entsprechend ist das Hyperventilationssyndrom vielgestaltig, variiert in seinem Schweregrad und wird von den Patientinnen und Patienten meist nicht als vermehrtes Atemvolumen wahrgenommen: Häufig leiden sie sogar unter Luftnot oder atmen unbewusst zu schnell. Der Hyperventilationstest reproduziert die für die Betroffenen typischen Hyperventilationssymptome, wodurch sich eine wichtige therapeutische Option eröffnet.

Obwohl frühe Studien die Spezifität der Hyperventilations-Provokationstests in Frage stellten (1), konzentrierten sich diese Untersuchungen vor allem auf psychiatrische Populationen und verwendeten subjektive Symptomwiedererkennung als Endpunkte. In der heutigen kardiologischen Anwendung kommen objektive physiologische Messungen und standardisierte Protokolle zum Einsatz, die die methodischen Limitationen der früheren Forschung adressieren.

Zielsetzung

Da das Hyperventilationssyndrom in der Praxis nicht ausreichend bekannt ist, wurden in einer kardiologischen Praxis alle Patientinnen und Patienten mit Hyperventilationstest und entsprechenden klinischen Merkmalen erfasst. Auf Basis dieser Daten und einer Literaturübersicht wird der Stellenwert des Hyperventilationstests in der kardiologischen Praxis eingeordnet.

Methode

Datenerhebung

Alle Krankenakten aus dem Kardiolab (N = 13 445) aus den Jahren 2010–2022 wurden mit DocFetcher (https://docfetcher.sourceforge.io/) nach dem Stichwort Ā«HyperventilationtestĀ» durchsucht, und die Akten von Patientinnen und Patienten mit Hyperventilationstests wurden hinsichtlich bestimmter Merkmale ausgewertet.

Testdurchführung

Das standardisierte Hyperventilationstest-Protokoll wurde immer im Anschluss an eine diagnostische Ergometrie oder Belastungs-Echokardiographie durchgeführt, um ein sekundƤres Hyperventilationssyndrom weiter auszuschliessen. Nach einer Erholungsphase von 4 Minuten nach der Belastung wurden die Patientinnen und Patienten aufgefordert, tief und schnell mit einer Frequenz von etwa 30 Atemzügen pro Minute für maximal 4 Minuten oder bis zum Auftreten von Symptomen zu hyperventilieren. War der Hyperventilationstest positiv (z. B. wenn die Betroffenen ihre Beschwerden aus dem Alltag wiedererkannten), wurden sie anschliessend angeleitet, langsam mit 4 Atemzügen pro Minute zu atmen: Beginn mit tiefer Inspiration und kurzem Plateau-Atemanhalten, langsame Exspiration mit Lippenbremse, langsame Inspiration, Atemzyklusdauer 15 Sekunden für 1–2 Minuten oder bis die hyperventilationsassoziierten Symptome verschwanden. Im Anschluss an den Test erfolgte eine ErklƤrung des Mechanismus der Symptomentstehung durch Hyperventilation (COā‚‚-Abatmung mit konsekutivem pH-Anstieg). Unser Protokoll unterscheidet sich in mehreren entscheidenden Punkten von früheren Untersuchungen: (1) kardiovaskulƤr fokussierte Selektionskriterien, (2) standardisierte 4-minütige Hyperventilationsdauer mit EKG- und blutdrucküberwachter Erholungsphase, (3) objektive Symptomlinderung als therapeutischer Endpunkt und (4) Integration in die Belastungs-Echokardiographie zur Ausschlussdiagnostik sekundƤrer Ursachen.

Ergebnisse

Der Hyperventilationstest wurde bei 72 Personen durchgeführt. Das mittlere Alter betrug 50.5 Jahre (30–81 Jahre; MƤnner 51 Jahre, Frauen 49 Jahre), 37 waren weiblich (51 %). Bei 13 % liessen sich die Alltagssymptome durch den Hyperventilationstest nicht reproduzieren. Bei den 87 % mit positivem Hyperventilationstest traten Schwindel in 92 %, ein SchwƤchegefühl in 64 %, Kribbeln am Kƶrper in 35 % und Brustbeschwerden in 18 % auf. Ein primƤres Hyperventilationssyndrom lag bei 85 % vor; 1 % (eine Patientin nach Myokardinfarkt) litt an einem sekundƤren Hyperventilationssyndrom infolge einer Linksherzinsuffizienz. Panikattacken wurden von 57 % und Depressionen von 28 % der Betroffenen angegeben. 85 % empfanden die Instruktionen als hilfreich, und bei 26 % waren sie auch langfristig hilfreich. Frühere Hospitalisationen wegen Panikattacken oder Hyperventilationssymptomen lagen bei 7 % vor. WƤhrend des Hyperventilationstests wurden bei keiner Person ischƤmietypische EKG-VerƤnderungen festgestellt. Alle Ereignisse und anamnestischen Hinweise traten bei MƤnnern und Frauen praktisch gleich hƤufig auf (Tab. 1). Weitere Diagnosen bei Personen mit positivem Hyperventilationstest waren arterielle Hypertonie (N = 4), Asthma (N = 4), Atherosklerose (N = 6), anamnestisch vasovagale Ereignisse (N = 8), bekannte koronare Herzkrankheit (N = 4), Bradykardie (N = 1), nicht-ischƤmische Kardiomyopathie (N = 2), Aortendilatation 63 mm (N = 1) sowie COPD (N = 1). Bei 32 Personen lagen keine relevanten Begleiterkrankungen vor.

Diskussion

Reproduzierbarkeit der Symptome und unmittelbarer Nutzen des Tests

In unserer Gruppe von 72 Personen, bei denen nach dem Belastungstest aufgrund relevanter Hyperventilationssymptome im Alltag ein Hyperventilationstest durchgeführt wurde, konnten bekannte Symptome wie Schwindel (92 %), allgemeine SchwƤche (64 %) und Kribbeln (35 %) reproduziert werden. Der Test wurde selbstverstƤndlich beendet, sobald die Betroffenen angaben, dass die Hyperventilation zu den aus dem Alltag bekannten Symptomen führte. In den meisten FƤllen wurde den Personen durch den Hyperventilationstest erstmals der Zusammenhang zwischen Hyperventilation und ihren Beschwerden im Alltag bewusst, und praktisch alle empfanden die Instruktionen und die anschliessende Atemübung als hilfreich und nachvollziehbar. Bei den wenigen mit Nachbeobachtung waren diese Instruktionen nachhaltig und hilfreich; aufgrund fehlender Follow-up-Daten lƤsst sich der Effekt jedoch nicht verlƤsslich quantifizieren. Der Hyperventilationstest selbst führte dank rechtzeitiger Terminierung zu keinen ischƤmietypischen EKG-VerƤnderungen oder relevanten Nebenwirkungen. Sporadisch lƶste der Test eine Panikattacke aus, die im kardiologischen Betreuungssetting aber stets rasch kontrolliert werden konnte.

Klinischer Kontext, KomorbiditƤten und PrƤvalenz

Die Betroffenen hatten meist eine Vorgeschichte von Panikattacken, seltener eine Depressionsanamnese, und erlebten die hyperventilationsassoziierten Symptome teils sehr intensiv, teils begleitet von Todesangst, teils mit Hospitalisationen oder verschiedenen spezialƤrztlichen AbklƤrungen, besonders neurologischer Art.

Die PrƤvalenz des Hyperventilationssyndroms wird sehr unterschiedlich angegeben und liegt in internistischen Praxen zwischen 3–20 % (2). Die PrƤvalenz des primƤren Hyperventilationssyndroms ist aufgrund seiner Vielfalt sowie der Schwierigkeiten der internationalen Krankheitskodierung (ICD) schwer zu bestimmen (3).

Das Hyperventilationssyndrom ist nicht trivial, insbesondere bei ausgeprƤgter Hypokapnie, da es verschiedene pathophysiologische VerƤnderungen verursacht, z. B. eine reduzierte Myokardperfusion durch Koronarspasmen (4), periphere GefƤss- und karpopedale Spasmen sowie mƶglicherweise Arrhythmien und EKG-VerƤnderungen infolge eines Elektrolytungleichgewichts von Kalzium und Kalium (5), eine reduzierte zerebrale Perfusion bis zur Synkope (6), DurchfƤlle wƤhrend Panikattacken, die durch Hyperventilation verstƤrkt werden kƶnnen (7), sowie tetanieƤhnliche KrƤmpfe (Pfƶtchenstellung), die wƤhrend eines Anfalls gefƤhrlich sein kƶnnen, z. B. beim Führen eines Fahrzeugs (8).

Evidenzlage, Limitationen und praktische Konsequenzen

Die wichtigste Herausforderung für die Hyperventilationstestung geht auf Arbeiten von Hornsveld, Garssen und Kolleginnen und Kollegen zurück. Deren doppelblinde, placebokontrollierte Studie von 1996 im Lancet stellte die Validität des Tests grundlegend in Frage (1). Mehrere methodische Aspekte schränken jedoch die Übertragbarkeit dieser Schlussfolgerungen auf die heutige kardiologische Praxis ein: In Hornsvelds Studie wurden Patientinnen und Patienten mit unspezifischen Symptomen eingeschlossen, die wegen Verdachts auf Hyperventilationssyndrom überwiesen worden waren, nicht aber Personen, die strenge klinische Kriterien für hyperventilationsassoziierte kardiovaskuläre Symptome erfüllten. Zudem ist die Verwendung isokapnischen Überatmens als «Placebo»-Kontrolle für kardiovaskuläre Anwendungen potenziell problematisch.
Aktuelle Evidenz unterstützt kardiovaskulƤre Indikationen für den Hyperventilationstest, und neuere Metaanalysen widersprechen den Schlussfolgerungen früherer Kritikstudien direkt (1): Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Boivin-Proulx et al. aus dem Jahr 2024 zeigt eine robuste diagnostische LeistungsfƤhigkeit der Hyperventilationstestung bei vasospastischer Angina pectoris, mit gepoolten SpezifitƤten von 78 % bis 99 % je nach verwendeter diagnostischer ModalitƤt (9). Die Class-IIa-Empfehlung der Japanese Circulation Society für Hyperventilationstests bei vasospastischer Angina pectoris wird durch umfangreiche klinische Validierung an mehreren Institutionen gestützt (10). Die japanischen Leitlinien betonen dabei insbesondere die Rolle des Tests als nicht-invasives Screening-Instrument vor einer invasiven Acetylcholin-Provokation und adressieren damit direkt die Sicherheits- und KosteneffektivitƤtsbedenken der Kritiker.

Moderne Anwendungen fokussieren auf messbare kardiovaskulƤre Reaktionen statt auf subjektive Symptomwiedererkennung. Nakao et al. zeigten eine SpezifitƤt von 100 % für die Diagnose von Koronarspasmen, wenn EKG-VerƤnderungen als Endpunkte verwendet wurden, bei einer SensitivitƤt von 62 % in einer Kohorte von 389 Patientinnen und Patienten (11). Dieses Vorgehen eliminiert den subjektiven Bias, der frühere ValiditƤtsstudien beeintrƤchtigte. Somit etablieren diese Arbeiten den Platz des Hyperventilationstests in der Kardiologie, indem er die Ursache von Brustschmerzen kosteneffektiv und nicht-invasiv differenzieren hilft. Eine jüngere Anwendung bei post-COVID-assoziierter respiratorischer Dysfunktion unterstreicht die Relevanz des Tests für aktuelle klinische Herausforderungen (12). Dies widerspricht der Kritik, Hyperventilationstestung sei veraltet. Der eukapnische Hyperventilationstest wird in der Schweiz zudem bei Sportlerinnen und Sportlern eingesetzt (13).

Panikattacken und Hyperventilationsattacken stehen in einer bidirektionalen Beziehung: Eine Panikattacke löst häufig eine Hyperventilationsattacke aus, und die hyperventilationsassoziierten Symptome wiederum erhalten oder verstärken die Panikattacke im Sinn eines «Teufelskreises» (14). Das ist ein weiterer Grund, weshalb es ­wichtig ist, dass Betroffene durch eine kurze (!) Hyperventilation die Körperreaktion kennenlernen und die vermeintlichen Gefahren der Symptome einordnen können (15). In unserer Beobachtungsserie war dies für die meisten hilfreich.

Der Provokationstest wird jedoch nicht immer empfohlen, unter anderem wegen der als gering eingeschƤtzten SpezifitƤt (16) und weil Panikattacken ausgelƶst werden kƶnnen. Auch deshalb sollte der Hyperventilationstest nur kurz dauern und beim ersten Auftreten von Symptomen beendet werden.

Ein ernsthafteres Problem besteht, wenn unter der Annahme eines primƤren Hyperventilationssyndroms tatsƤchlich eine sekundƤre Hyperventilation vorliegt, also eine organische Ursache. Natürlich müssen alle organischen Ursachen einer Hyperventilation klinisch, laborchemisch oder bildgebend ausgeschlossen sein (Abb. 1).

Der Hyperventilationstest sollte zudem nur bei Personen durchgeführt werden, deren Anamnese aufgrund von Schwindel und insbesondere kribbelnden Parästhesien auf Hyperventilation als Ursache hindeutet, also wenn eine hohe Prä-Test-Wahrscheinlichkeit für hyperventilationsassoziierte Symptome besteht. Zu klären bleibt, in welchem Ausmass der Test standardisiert werden sollte und wie sein Stellenwert in der alltäglichen medizinischen Praxis besser eingeführt und validiert werden kann (17).

Schlussfolgerungen

Der Hyperventilationstest hat sich im kardiologischen Setting als hilfreich erwiesen für das Management von Personen mit Hyperventilationssymptomen, nachdem sekundäre Formen der Hyperventilation ausgeschlossen wurden. Er hilft, den bidirektionalen Effekt von Panik und Hyperventilation zu durchbrechen, indem die Betroffenen lernen, welche Symptome auf Hyperventilation zurückzuführen sind, und diese anschliessend innerhalb weniger Minuten durch korrekte Atemübungen vollständig zum Abklingen bringen können. Hyperventilation ist eine ernstzunehmende Störung mit wichtigen physiologischen Reaktionen und potenziell schweren Komplikationen. Für die meisten Betroffenen war die Erfahrung der hyperventilationsassoziierten Symptome lehrreich und wurde dankbar angenommen. Auf Grundlage der hier dargestellten Beobachtungen wird der Hyperventilationstest in der täglichen ambulanten kardiologischen Praxis vermutlich zu wenig eingesetzt. In der Schweiz sind weitere Studien und Leitlinien zur Beurteilung einer hyperventilationsassoziierten myokardialen Hypoperfusion angezeigt, um die Wirksamkeit des Hyperventilationstests bei Personen mit Panikattacken und begleitenden Hyperventilationssymptomen besser zu definieren und zu standardisieren.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Michel Romanens

Facharzt FMH für Kardiologie u. Innere Medizin
Spitalstrasse 9
4600 Olten

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Der Hyperventilationstest ist ein sicheres, kostengünstiges Verfahren, das in 87 % der FƤlle typische Beschwerden zuverlƤssig reproduziert.
  • Ein primƤres Hyperventilationssyndrom ist hƤufig und geht oft mit Panikattacken (57 %) und Depressionen (28 %) einher.
  • Therapeutischer Nutzen durch Atemschulung: 85 % der Patient/-innen empfanden die Übungen als hilfreich, bei 26 % hielt die Wirkung langfristig an.
  • Unterdiagnostiziert in der Kardiologie: Trotz hoher klinischer Relevanz wird der Hyperventilationstest bislang zu selten genutzt – er sollte breiter in der Praxis etabliert werden.

1. Hornsveld HK., Garssen B., Fiedeldij Dop MJC., Van Spiegel PI., De Haes JCJM. Double-blind placebo-controlled study of the hyperventilation provocation test and the validity of the hyperventilation syndrome. Lancet 1996;348(9021):154–8. Doi: 10.1016/S0140-6736(96)02024-7.
2. Tavel ME. Hyperventilation Syndrome: A Diagnosis Usually Unrecognized. Internal Medicine & Primary Healthcare 2017;2(1):1–4. Doi: 10.24966/IMPH-2493/100006.
3. ICD-10-GM-2025: R06.- Stƶrungen der Atmung – icd-code.de. Available at: https://www.icd-code.de/icd/code/R06.-.html. Accessed July 24, 2025.
4. Nakao K., Ohgushi M., Yoshimura M., et al. Hyperventilation as a specific test for diagnosis of coronary artery spasm. American Journal of Cardiology 1997;80(5):545–9. Doi: 10.1016/S0002-9149(97)00419-0.
5. McGillicuddy C., Molins C., McGillicuddy C., Molins C. The Effect of Hyperventilation Syndrome on Ionized and Serum Calcium: A Case Presentation in the Emergency Department. Cureus 2023;15(7). Doi: 10.7759/CUREUS.42310.
6. Immink R V., Pott FC., Secher NH., Van Lieshout JJ. Hyperventilation, cerebral perfusion, and syncope. J Appl Physiol 2014;116(7):844–51. Doi: 10.1152/JAPPLPHYSIOL.00637.2013,.
7. Ford MJ., Camilleri MJ., Hanson RB., Wiste JA., Joyner MJ. Hyperventilation, central autonomic control, and colonic tone in humans. Gut 1995;37(4):499. Doi: 10.1136/GUT.37.4.499.
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10. Zaya M., Mehta PK., Bairey Merz CN. Provocative Testing for Coronary Reactivity and Spasm. J Am Coll Cardiol 2013;63(2):103. Doi: 10.1016/J.JACC.2013.10.038.
11. Nakao K., Ohgushi M., Yoshimura M., et al. Hyperventilation as a specific test for diagnosis of coronary artery spasm. American Journal of Cardiology 1997;80(5):545–9. Doi: 10.1016/S0002-9149(97)00419-0.
12. Ritter O., Noureddine S., Laurent L., Roux P., Westeel V., Barnig C. Unraveling persistent dyspnea after mild COVID: insights from a case series on hyperventilation provocation tests. Front Physiol 2024;15. Doi: 10.3389/fphys.2024.1394642.
13. Asthma und Bronchokonstriktion bei Sportlern – Rosenfluh.ch. Available at: https://www.rosenfluh.ch/arsmedici-2015-24/asthma-und-bronchokonstriktion-bei-sportlern. Accessed July 22, 2025.
14. Cowley DS., Roy-Byrne PP. Hyperventilation and panic disorder. Am J Med 1987;83(5):929–37. Doi: 10.1016/0002-9343(87)90654-1.
15. Sardinha A., Freire RC da R., Zin WA., Nardi AE. Respiratory manifestations of panic disorder: causes, consequences and therapeutic implications. Jornal Brasileiro de Pneumologia 2009;35(7):698–708. Doi: 10.1590/S1806-37132009000700012.
16. Meuret AE., Ritz T. Hyperventilation in Panic Disorder and Asthma: Empirical Evidence and Clinical Strategies. Int J Psychophysiol 2010;78(1):68. Doi: 10.1016/J.IJPSYCHO.2010.05.006.
17. Vaudan S. Le syndrome d’hyperventilation : synthĆØse des connaissances actuelles. Mains Libres 2023;40(2):90–8. Doi: 10.55498/mainslibres.2023.11.2.90.

Kardiale Amyloidose: Ein Update

Die kardiale Amyloidose entsteht durch die Ablagerung fehlgefalteter Proteine in Form von Amyloidfibrillen. Die beiden häufigsten Formen mit Herzbeteiligung sind die Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose (AL) und die Transthyretin-Amyloidose (ATTR), die entweder als Wildtyp (ATTRwt) oder als hereditäre Variante (ATTRv) vorkommt. In den letzten Jahren hat sich im Bereich der kardialen Amyloidose viel getan: Ein besseres Verständnis der Pathophysiologie, Fortschritte in der Bildgebung und die Entwicklung neuer Therapien haben diese Krankheitsbilder stark verändert. Was einst als seltene Krankheit mit einer sehr ungünstigen Prognose galt, hat sich mittlerweile zu einer Krankheit entwickelt, die viel häufiger auftritt als bisher angenommen und für die zunehmend mehr Therapien zur Verfügung stehen.

Cardiac amyloidosis results from the deposition of misfolded proteins in the form of amyloid fibrils. The two most common subtypes affecting the heart are light-chain (AL) amyloidosis and transthyretin (ATTR) amyloidosis, which occurs either in the wild-type form (ATTRwt) or in a hereditary variant (ATTRv). In recent years, major advances have been made in the field of cardiac amyloidosis: a better understanding of the pathophysiology, progress in imaging, and the development of new therapies have profoundly changed this field. What was once considered a rare disease with a devastating prognosis has now developed into a disease that occurs much more frequently than previously thought and for which more treatment strategies are available.
Keywords: Kardiale Amyloidose, Transthyretin, Herzinsuffizienz

Die kardiale Amyloidose galt lange als seltene, kaum behandelbare Erkrankung mit schlechter Prognose. Durch Fortschritte in Diagnostik und Therapie hat sich das Bild jedoch gewandelt: Die Erkrankung wird heute häufiger und in früheren Stadien erkannt, und neue Wirkstoffe verändern den klinischen Verlauf nachhaltig. Diese Übersicht zeigt, wie sich Diagnostik, Bildgebung und Therapieansätze in den letzten Jahren weiterentwickelt haben und welche Herausforderungen nun im Vordergrund stehen.

VerƤnderung der Studienpopulation

Die Patienten mit kardialer Amyloidose, die wir im klinischen Alltag sehen, haben sich in den vergangenen Jahren stark verƤndert. Dank des erhƶhten Bewusstseins der Kardiologen für das Krankheitsbild und der verbesserten Diagnosemƶglichkeiten wird die kardiale Amyloidose immer früher erkannt. Eine kardiale Amyloidose wird zunehmend bei der AbklƤrung von Patienten mit Herzinsuffizienz und erhƶhter Wanddicke (über 12 mm) aber auch in anderen klinischen Szenarien (z. B. low-flow low-gradient Aortenstenose, hypertrophe Kardiomyopathie oder bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion) vermutet. Patienten mit beidseitigem Karpaltunnelsyndrom als Ausdruck von frühen Amyloid-Ablagerungen werden systematischer auf eine zugrundeliegende Amyloidose untersucht, und Zufallsbefunde bei Biopsien oder typische Muster im Herz-MRI tragen ebenfalls zur früheren Diagnose bei. Diese VerƤnderungen haben dazu geführt, dass Patienten mit kardialer Amyloidose heute meist in einem früheren Krankheitsstadium diagnostiziert werden. Dies widerspiegelt sich auch in den aktuelleren klinischen Studien, bei denen die Erkrankung weniger fortgeschritten ist als in früheren Studien. Wie Tab. 1 zeigt, unterscheiden sich die Studienpopulationen der grossen klinischen Studien. Neuere Studien haben zunehmend Patienten in früheren Krankheitsstadien mit niedrigerer MortalitƤt eingeschlossen. Nichtsdestotrotz: Die Studien bestƤtigen auch ein besseres Therapieansprechen in früheren Krankheitsstadien (z.B. NYHA Klasse 1 und 2 oder NT-proBNP < 2000 ng/L) (1).

Fortschritte in der Bildgebung

Fortschritte in der Bildgebung haben das Feld bereits grundlegend verƤndert. So ermƶglicht die SPECT mit knochenaffinen Tracern (99mTc-DPD, -PYP, -HMDP) eine frühzeitige und verlƤssliche nicht-invasive Diagnose der kardialen ATTR-Amyloidose, wodurch eine Endomyokardbiopsie (EMB) in den meisten FƤllen überflüssig geworden ist. Wenn man mittels Serum- und Urin-Immunfixation sowie freier Leichtketten im Serum eine AL-Amyloidose ausgeschlossen hat – und das ist zentral bei jedem Verdacht auf eine kardiale Amyloidose –, erhƤlt man mit einem Perugini-Grad 2 oder 3 eine 100 %ige SpezifitƤt zur Diagnostik der ATTR-Amyloidose (2). In sehr frühen Krankheitsstadien nimmt die SensitivitƤt jedoch leicht ab: Oftmals wird dann ein Perugini-Grad 1 gefunden, der weiter abgeklƤrt werden muss (z.B. mittels Herz-MRI oder EMB). Abb. 1 illustriert diese Herausforderung. Der exemplarische Fall zeigt frühe Hinweise für eine kardiale Amyloidose in der Bildgebung und, dass auch ein milder, fokaler Uptake in der SPECT/CT eine weiterführende Diagnostik erfordert. Diese FƤlle reprƤsentieren oft frühe Amyloidablagerungen ohne manifeste Amyloidose, deren natürlicher Verlauf bislang wenig verstanden ist (3). Besonders bei sehr früher Erkrankung hat das Amyloid-PET eine hƶhere SensitivitƤt (4). Im Gegensatz zu den knochenaffinen SPECT-Radiotracern sind PET-Radiotracer speziell dafür entwickelt worden, direkt an Amyloidfibrillen zu binden. Dadurch ermƶglichen sie eine sehr genaue Diagnose und eine Quantifizierung der Krankheitslast. Ursprünglich für die Alzheimer-Diagnostik entwickelt, werden diese Tracer zunehmend auch für die kardiale Amyloidose erprobt, sind jedoch für diese Indikation bislang noch nicht zugelassen. In zwei Phase-3-Studien werden die Genauigkeit und der Nutzen von 124I-Evuzamitide (REVEAL, NCT06788535) und 18F-Florbetaben (CArdiag, NCT05184088) aktuell getestet. Neben der Diagnostik spielt die Bildgebung eine immer wichtigere Rolle beim Monitoring des Therapieansprechens. WƤhrend die Echokardiographie als kostengünstiges und breit verfügbares Verfahren strukturelle und funktionelle VerƤnderungen abbilden kann, zeigen sich VerƤnderungen hier frühestens nach 18 Monaten. Demgegenüber kƶnnen das kardiale MRI oder das Herz-PET bereits frühe VerƤnderungen unter Therapie visualisieren (5, 6).

Technologische Entwicklungen

In den vergangenen Jahren wurde die künstliche Intelligenz (KI) trainiert und validiert, um eine kardiale Amyloidose im EKG, der Echokardiographie, dem kardialen MRI, der Szintigraphie und in der Pathologie mit hoher diagnostischer Genauigkeit zu erkennen (7). So konnte in einer kürzlichen Studie die kardiale Amyloidose mittels KI im EKG und in der Echokardiographie um bis zu 3 Jahre früher erkannt werden (8). Das kann den Patienten potentiell einen schnelleren Zugang zur Therapie ermöglichen und die Krankheit früher stabilisieren. Neben den KI-basierten Verfahren zeigen auch automatisierte Auswertungen von elektronischen Gesundheitsakten Potenzial. So konnte ein Scoring-System, das unter anderem auf ICD-10-Diagnosen und Laborwerten basiert, Patienten mit erhöhtem Risiko für kardiale Amyloidose identifizieren (9). Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse ist die Evidenzlage für den Einsatz solcher KI-gestützten und datenbasierten Tools bislang gering (10). Es gibt noch keine prospektiven Studien und auch kaum Daten zur Umsetzung im klinischen Alltag. Diese Lücken müssen geschlossen werden vor einer breiten klinischen Einführung dieser Tools.

Neue TherapieansƤtze

Aktuelle Behandlungen der kardialen Amyloidose setzen bei den AmyloidvorlƤuferproteinen an. Bei der AL-Amyloidose sind dies Therapien, die gegen Plasmazellen im Knochenmark gerichtet sind und somit die amyloidogenen Leichtketten reduzieren. Bei der ATTR-Amyloidose zielen die Therapien dagegen auf das Transthyretin-Protein ab. Im Folgenden liegt der Fokus auf der ATTR-Kardiomyopathie (CM), da die AL-Amyloidose in enger Kooperation mit der HƤmatologie behandelt wird und spezifischen Therapieprinzipien folgt. Für die ATTRwt-Amyloidose sind aktuell in der Schweiz Tafamidis und Vutrisiran zugelassen – letztere Substanz wird jedoch noch nicht vergütet. Aktuell befinden sich mehrere Medikamente im Zulassungsverfahren oder in Phase 3 klinischen Studien. Bei der ATTR-Amyloidose werden drei Therapieprinzipien unterschieden: Stabilisatoren, Suppressoren und Depletoren (Tab. 2). Als Stabilisator bereits zugelassen ist Tafamidis (11). Acoramidis ist ein weiterer Stabilisator, der in der Phase-3-Studie (ATTRibute-CM) die MortalitƤt und kardiovaskulƤre Ereignisse reduziert hat und in der Schweiz nun im Zulassungsverfahren ist (12). Zu den Suppressoren zƤhlen Gen-Silencing-Therapien wie Patisiran und Vutrisiran (small interfering RNA). In der Phase-3-Studie (HELIOS-B) zeigte Vutrisiran bei ATTR-CM eine Reduktion von MortalitƤt und kardiovaskulƤren Ereignissen und ist nun zugelasssen, aber noch nicht auf der SpezialitƤtenliste (13).

Inotersen, ein weiterer Suppressor, wird in der Schweiz nicht mehr angewendet, während Eplontersen mit günstigerem Nebenwirkungsprofil für die ATTRv-PN bereits zugelassen ist. Zusätzlich läuft die Phase-3-Studie (CARDIO-TTRansform, NCT04136171) für den Einsatz von Eplontersen bei ATTR-CM. Andererseits zählt zu den Suppressoren auch ein Gen-Editing-Ansatz, der auf der CRISPR-Cas9-Technologie basiert und ebenfalls in einer Phase-3-Studie (MAGNITUDE, NCT06128629) getestet wird. Die dritte Klasse, die Depletoren, beinhaltet beispielsweise den monoklonalen humanen Antikörper Cliramitug, welcher auf die direkte Entfernung von Amyloidfibrillen abzielt und sich derzeit in einer Phase-3-Studie befindet (DepleTTR-CM, NCT06183931).

Die Therapie der AL-Amyloidose unterscheidet sich grundlegend. Hier hat die Einführung wirksamer Therapien, die gegen Plasmazellen oder reife B-Zellen gerichtet sind, die Behandlung deutlich verändert. Ein besonderer Fortschritt war der Einsatz monoklonaler Antikörper gegen das Oberflächenprotein CD38, wie Daratumumab, der mit relativ wenigen Nebenwirkungen die Prognose der Patienten deutlich verbessert hat. Zusätzlich wurde der antifibrilläre Antikörper Anselamimab in einer Phase-3-Studie (CAEL-101) geprüft, konnte jedoch die primären Endpunkte nicht erreichen, sodass der klinische Nutzen derzeit unklar bleibt (14, 15).

Herausforderungen für die Zukunft

Trotz enormer Fortschritte in Diagnostik und Therapie bestehen weiterhin Herausforderungen. Die derzeit für die ATTRwt-CM zugelassenen Behandlungen kƶnnen die Krankheit nicht rückgƤngig machen, und bei etwa 30–40 % der Patienten kommt es trotz Therapie weiterhin zu einem kardiovaskulƤren Ereignis oder sogar zum Tod. Vor diesem Hintergrund und der gleichzeitig wachsenden Anzahl an Therapieoptionen stellen sich zunehmend neue Fragen. Welche initiale Therapie ist für welchen Patienten am besten geeignet? Wie lƤsst sich das Ansprechen auf die Therapie zuverlƤssig beurteilen? Wann und unter welchen Bedingungen sollte von einem Wirkstoff auf einen anderen gewechselt werden? Und in welchen Situationen ist es sinnvoll, eine Therapie abzusetzen? Um diese Fragen beantworten zu kƶnnen, sind grƶssere, multizentrische Studien mit langen BeobachtungszeitrƤumen notwendig. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Register, wie sie beispielsweise vom Schweizerischen Amyloidose-Netzwerk mit dem Schweizer Amyloidose Register (SAR) aufgebaut und kontinuierlich erweitert werden, da sie die Generierung grosser Mengen an Real-World-Daten ermƶglichen (16). Diese Studien und Register müssen funktionelle Tests, Biomarker, patientenberichtete Outcomes sowie bildgebende Verfahren beinhalten, um Schwellenwerte für das Fortschreiten der Krankheit wie auch das Therapieansprechen festzulegen. Schlussendlich wird ein multimodaler Ansatz, der klinische Parameter, Biomarker und Bildgebung kombiniert, entscheidend sein, um personalisierte Therapiestrategien zu entwickeln und die Versorgung von Patienten mit kardialer Amyloidose weiter zu verbessern (17).

Korrigendum und Nachtrag zur Publikation ā€žKardiale Amyloidse: Ein Updateā€œ vom Dezember 2025: Zum Zeitpunkt der Publikation war Eplontersen für die Indikation ATTRv-Polyneuropathie zugelassen und auf der SpezialitƤtenliste seit 01.07.2025 (Tabelle 2). Als Nachtrag mƶchten wir ergƤnzen, dass neu (Stand 01.04.2026) sowohl Acoramidis als auch Vutrisiran für ATTR-CM zugelassen und auf der SpezialitƤtenliste sind.

Amely Walser 1
Prof. Dr. med. Andreas J. Flammer 2
Dr. med. Rahel Schwotzer 3
PD Dr. med. Dominik C. Benz 1,2,4

1 Klinik für Nuklearmedizin, UniversitƤtsspital Zürich, RƤmistrasse 100, 8091 Zürich
2 Klinik für Kardiologie, UniversitƤtsspital Zürich, RƤmistrasse 100, CH-8091 Zürich
3 Klinik für Medizinische Onkologie und HƤmatologie, UniversitƤtsspital Zürich, RƤmistrasse 100, 8091 Zürich
4 Advanced Clinician Scientist Programm, UniversitƤre Medizin Zürich (UMZH)

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@herz+gefƤss 05/2025

Amely Walser

Klinik für Nuklearmedizin
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Dominik C. Benz

- Klinik für Nuklearmedizin, UniversitƤtsspital Zürich,
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
- Klinik für Kardiologie, UniversitƤtsspital Zürich,
Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich
- Advanced Clinician Scientist Programm,
Universitäre Medizin Zürich (UMZH)

dominik.benz@usz.ch

Stipendien
Dr. Benz gibt an, ein Karrierestipendium des Advanced Clinician Scientist Programms der Universitären Medizin Zürich (UMZH) zu erhalten.

Amely Walser berichtet über keine Interessenkonflikte.
Dr. Flammer berichtet über Forschungsförderung von AstraZeneca und Novartis sowie Honorare von Alnylam, AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer, Roche und Vifor. Er ist nationaler Koordinator der DepleTTR-CM-Studie (Alexion/AstraZeneca).
Dr. Schwotzer berichtet über Forschungsförderung der Mach-Gaensslen-Stiftung; Förderung des Swiss Amyloidosis Registry durch Alnylam, AstraZeneca, SOBI und Pfizer; sowie Beratungshonorare von Alnylam, AstraZeneca und Johnson & Johnson.
Dr. Benz berichtet über Forschungsförderung der Olga Mayenfisch-Stiftung und der Immanuel-und-Ilse-Straub-Stiftung; investigator-initiierte Forschungsförderung von AstraZeneca und Life Molecular

  • Durch verbesserte Diagnostik und erhƶhtes klinisches Bewusstsein werden Patienten heute in früheren Krankheitsstadien erkannt, wodurch der klinische Verlauf günstiger wird.
  • Die Entwicklung von KI-Modellen und insbesondere von amyloidbindenden PET-Tracern wird uns in Zukunft erlauben, die Pathologie vor der Erkrankung zu entdecken.
  • Für die kardiale ATTR-Amyloidose sind derzeit Tafamidis und Vutrisiran zugelassen, und Acoramidis befindet sich im Zulassungsverfahren. Weitere Therapien befinden sich in Phase-3-Studien und werden das Behandlungsspektrum künftig erweitern.
  • Mit der zunehmenden Zahl an Therapieoptionen wird die klinische Entscheidungsfindung komplexer. Ein multimodaler, personalisierter Ansatz unter Einbezug von Klinik, Biomarkern und Bildgebung ist entscheidend, um Therapieplanung und Monitoring individuell zu optimieren.

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Wirksame Prophylaxe bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen

Harnwegsinfekte (HWI) gehƶren zu den hƤufigsten bakteriellen Infektionen bei Frauen und stellen aufgrund der zunehmenden antimikrobiellen Resistenzen (AMR) eine wachsende Herausforderung dar. Obwohl Antibiotika eine wirksame Therapie darstellen, sind sie mit Risiken wie Resistenzentwicklung, Nebenwirkungen und Stƶrungen des Mikrobioms verbunden. Daher rücken nicht-antibiotische PrƤventionsstrategien für nicht-komplizierte, rezidivierende HWIs bei nicht-schwangeren Frauen zunehmend in den Fokus. Der Artikel beleuchtet die epidemiologischen Hintergründe, Risikofaktoren in verschiedenen Lebensphasen sowie differenzialdiagnostische Aspekte und stellt evidenzbasierte nicht-antibiotische Massnahmen wie VerhaltensƤnderungen, lokale Ɩstrogentherapie oder Phytotherapeutika vor.

Urinary tract infections (UTIs) are among the most common bacterial infections in women and represent a growing challenge due to increasing antimicrobial resistance (AMR). Although antibiotics are an effective therapy, they are associated with risks such as development of resistance, side effects and disruption of the microbiome. Therefore, non-antibiotic prevention strategies for non-complicated, recurrent UTIs in non-pregnant women are increasingly coming into focus. The article highlights the epidemiological background, risk factors in different life stages as well as differential diagnostic aspects and presents evidence-based non-antibiotic measures such as behavioral changes, local estrogen therapy or phytotherapeutics.
Keywords: Harnwegsinfekte, Nicht-antibiotische Prophylaxe, Antimikrobielle Resistenzen, Urogenitales Mikrobiom

«Für einen Menschen ist es unmöglich, das zu erlernen, was er bereits zu wissen meint.»
Epiktet, griechischer Philosoph (ca. 50–138 n. Chr.)

Einführung

Antibiotika wirken sowohl beim akuten Harnwegsinfekt (HWI) als auch in der Prophylaxe rezidivierender HWI. Doch angesichts der Zunahme der antimikrobiellen Resistenzen (AMR) und der damit assoziierten Komplikationen sind wirksame Alternativtherapien und eine nicht-antibiotische Prophylaxe notwendig. Im folgenden Artikel sei – Epiktets Einsicht folgend – unser Blick auf in der Schweiz aktuell zur Verfügung stehende, wirksame alternative, nicht-antibiotische PrƤventionsansƤtze bei nicht-schwangeren Frauen mit wiederkehrenden nicht-komplizierten Harnwegsinfekten gerichtet. Damit leisten wir auch einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Antibiotikaresistenzen.

Definition

Ein HWI ist eine Infektion des Urogenitaltrakts mit typischen Symptomen einer Zystitis wie Dysurie, Harndrang, Pollakisurie, suprapubischem Schmerz oder Hämaturie. Beim aufsteigenden Infekt wie Pyelonephritis kommen Flankenschmerzen, Fieber, Übelkeit oder Erbrechen hinzu. Diagnostisch wegweisend sind eine Pyurie und eine positive Urinkultur mit Nachweis eines spezifischen Uropathogens. Ein HWI gilt als kompliziert bei anatomischen oder funktionellen Anomalien, Dauerkatheterisierung, Schwangerschaft oder Nierentransplantation. Rezidivierende HWIs sind mindestens 2 Infektionen innerhalb von 6 Monaten oder mindestens 3 innerhalb von 12 Monaten. Ein erneuter Infekt durch denselben Erreger innerhalb von 2 Wochen nach Therapieende heisst dagegen Relapse. Die Symptome einer idiopathischen überaktiven Blase oder eines Bladder-Pain-Syndroms ähneln gelegentlich einem HWI, was bei fehlender Besserung trotz Antibiotika und unauffälliger Urinanalyse bedacht werden sollte.

Epidemiologie

HWI zƤhlen zu den hƤufigsten bakteriellen Infektionen weltweit und zu den hƤufigsten bei der Frau: Jede zweite Frau erleidet in ihrem Leben einen HWI und jede vierte mehrere (1). Die erste HƤufung fƤllt mit dem Beginn der sexuellen AktivitƤt zusammen, und die weiteren stehen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Menopause. 20 % aller Antibiotika im klinischen Alltag werden wegen HWI verordnet (2, 3). Damit lassen sich akute und rezidivierende HWI effizient behandeln, wenn nicht-antibiotische Therapien versagen (4–7). Weltweit übergeordnet steht dagegen eine der grƶssten medizinischen Herausforderungen: der Anstieg antimikrobieller Resistenzen (AMR) (Abb. 1) mit multiresistenten Erregern und eine dadurch substanzielle Zunahme der MorbiditƤt und MortalitƤt (8). Dies beschƤftigt auch die World Health Organisation WHO (https://www.who.int/health-topics/antimicrobial-resistance). Mittlerweile ist AMR weltweit eine der hƤufigsten Todesursachen und übertrifft HIV/AIDS oder Malaria. 2019 schƤtzte ein Review, dass AMR direkt zu 1.27 Millionen TodesfƤllen führte und bei weiteren 4.95 Millionen TodesfƤllen eine Rolle spielte (9). Daher werden dringend neue Antibiotika benƶtigt, doch Neuzulassungen sind rar.

Antimikrobielle Resistenzen

Erst seit kurzem steht mit Gepotidacin (FDA-Zulassung am 25.3.2025) ein neues Antibiotikum zur Behandlung unkomplizierter Harnwegsinfekte und der Gonorrhoe zur Verfügung (10). Dessen dualer Wirkmechanismus hemmt die bakterielle DNA-Gyrase und die Topoisomerase IV und kƶnnte damit die Entwicklung von Resistenzen reduzieren. Ob dies in vivo funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Life finds a way, und so auch die Bakterien. Ob in neue Antibiotika investiert wird oder nicht, ist vor allem ein ƶkonomischer Entscheid. Doch mit einem rationalen Einsatz kƶnnen AMR reduziert und unsere Gesundheitssysteme geschützt werden (11). Deshalb hat der Bundesrat am 26. Juni 2024 den One-Health-Aktionsplan im Rahmen seiner Strategie gegen Antibiotikaresistenzen (StAR) 2024–2027 gestartet (12). Ziel ist die StƤrkung erfolgreicher Massnahmen und die Umsetzung von StAR mit verbindlichen, innovativen und nachhaltigen Massnahmen in Zusammenarbeit mit den BundesƤmtern für Gesundheit, Lebensmittelsicherheit und VeterinƤrwesen, Landwirtschaft und Umwelt sowie den Kantonen und weiteren Akteuren. Somit sind prƤventive Massnahmen gegen HWI sinnvoll, um den Antibiotikaverbrauch und die Resistenzentwicklung zu reduzieren. Davon abgesehen ist der Antibiotikaeinsatz auch wegen folgender Nebenwirkungen nachteilig: HƤufig treten gastrointestinale Beschwerden oder Vaginalsoor auf, seltener allergische Reaktionen oder, wie unter Nitrofurantoin, eine induzierte Lungenfibrose. Zudem kann die BeeintrƤchtigung des Mikrobioms von Blase, Scheide und Darm das Risiko für erneute Harnwegsinfektionen und andere Infektionen, wie z. B. mit Clostridioides difficile, erhƶhen (4–7, 10) (13, 14). Auch die Nieren- und Leberfunktion der Patientinnen sollte bei einer Antibiotikatherapie berücksichtigt werden, ebenso wie mƶgliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, insbesondere bei Ƥlteren Patientinnen mit Polypharmazie. Übrigens endet der antibiotische Schutz erfahrungsgemƤss nach Therapieende.

Kann auf Antibiotika verzichtet werden?

Doch wann ist der Einsatz von Antibiotika sinnvoll? Der Nachweis uropathogener Keime in der Urinkultur erfordert jedenfalls ohne Symptome eines HWI (asymptomatische Bakteriurie) ausserhalb von Schwangerschaft oder urologischen Eingriffen meist keine Antibiotikagabe. Auch bei einem nicht-komplizierten HWI kann zumindest bei ausgewählten Patientinnen ohne Vorgeschichte einer Pyelonephritis und bei einer Symptomdauer von maximal 5 Tagen symptomatisch für 48 Stunden ein nicht-antibiotischer Therapieversuch mit erhöhter Hydratation und nichtsteroidalen Entzündungshemmern unternommen werden (Guideline SSI).

Risikofaktoren für rezidivierende HWI

2012 kam es zum Paradigma-Wechsel: Urin ist auch bei gesunden Frauen nicht steril (15, 16). Überhaupt scheinen gewisse E. coli und Enterokokken einen protektiven Effekt zu haben (17). Wenn die antibiotische Therapie also nicht immer zielführend und mitunter kontraproduktiv ist, dann wƤren nicht-antibiotische Optionen sinnvoll. Ein wichtiger Ansatz ist somit die Reduktion von Risikofaktoren. Diese variieren für Frauen vor und nach der Menopause (Abb. 2). Zu den anatomischen Risikofaktoren zƤhlen die periurethralen SchleimhƤute, die kurze Urethra sowie die AbstƤnde ihrer Ƥusseren Mündung zu Vagina und Anus, was die Exposition gegenüber den meist der Darmflora entstammenden uropathogenen Keimen und deren Aufstieg in die Harnwege und damit HWIs begünstigt (18, 19). Und je kürzer diese AbstƤnde, desto eher kommt es zu Rezidiven. PrƤmenopausale Risikofaktoren sind v.a. Geschlechtsverkehr, die Anwendung von Spermiziden, ein neuer Sexualpartner, wenn die eigene Mutter rezidivierende HWIs in der Anamnese hat, HWIs in der Kindheit sowie die Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie. Postmenopausale Risikofaktoren sind die atrophe Kolpitis infolge des Ɩstrogenmangels, eine Zystozele und erhƶhte Restharnmengen (20). Der Ɩstrogenmangel und das dadurch verƤnderte Urothel mit verƤndertem urogenitalem Mikrobiom bzw. Ā«UrobiomĀ» erhƶhen das Risiko für HWIs (21, 22).

Postmenopausale Frauen mit wiederkehrenden HWIs und täglicher Antibiotikaeinnahme zeigen ein verändertes Urobiom mit vermehrt anaeroben Bakterien im Vergleich zu Frauen ohne HWIs (23). Vermutlich ist aber nicht ein einzelner spezifischer Mikroorganismus im Urobiom mit rezidivierenden HWIs assoziiert, sondern vielmehr ein verändertes Gleichgewicht und Verhältnis bestimmter Lactobacillus-Arten zu den anaeroben Bakterien. Antibiotika beeinflussen das Mikrobiom negativ und erhöhen damit wiederum das Risiko für HWIs. Zukünftige therapeutische Strategien könnten auf die Beeinflussung des Urobioms abzielen.

Diagnostik

Bei rezidivierenden HWIs ist eine gynäkologische oder urogynäkologische Abklärung indiziert. Zur Basisabklärung gehören Anamnese (Beginn der HWIs, auslösende Faktoren, Begleiterkrankungen und Risikofaktoren), die Urinanalyse (Urinteststreifen, Urinsediment sowie Urinkultur mit Resistenzprüfung), die Erhebung des gynäkologischen Status (Beurteilung eines allfälligen Genitaldeszensus, der Trophik und des Nativpräparats) und die (sonographische) Restharnbestimmung. Die Sonographie des Harntrakts dient dem Ausschluss anatomischer Anomalien (Urethraldivertikel, Urolithiasis). Bei Risikofaktoren oder schmerzloser Hämaturie ist eine Zystoskopie im infektfreien Intervall indiziert. Zur Abgrenzung einer überaktiven Blase oder eines Blasenschmerzsyndroms bzw. einer interstitiellen Zystitis dienen die urodynamische Untersuchung und der Uroflow.

Therapie- und Prophylaxeoptionen

Akute HWIs kƶnnen nach Mƶglichkeit in den ersten Tagen symptomatisch und antibiotikafrei behandeln werden (24). Bis zu 50 % der unkomplizierten HWIs heilen damit ab, es dauert dafür einige Tage lƤnger (25, 26). Grosse Angst vor einem aufsteigenden Infekt muss man trotzdem nicht haben: Nur 0.4 bis 2.6 % der unkomplizierten HWIs entwickeln sich unbehandelt zu einer Pyelonephritis (27), welche sich typischerweise mit Fieber oder Flankenschmerzen zeigt. Zur Linderung von Blasenbeschwerden und zur Fƶrderung der Heilung empfiehlt es sich, genügend zu trinken, was die Ausschwemmung der Bakterien begünstigt. ZusƤtzlich kƶnnen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder auch Phytotherapeutika helfen (26, 28). Letztlich sind Antibiotika den NSAR bei unkomplizierten Harnwegsinfekten überlegen, da sie auch eine bessere bakterielle Eradikation erzielen. Bei rezidivierenden HWIs wiederum stehen die Prophylaxe und das Erkennen und Reduzieren der Risikofaktoren im Vordergrund. AusgewƤhlte evidenzbasierte Massnahmen sind in Tab. 1 zusammengefasst.

PD Dr. med. David Scheiner 1, 2, 3
PD Dr. med. Daniele Perucchini 1
Dr. med. Olivia Ziviello 1
Dr. med. Rebecca Zachariah 2, 3
Dr. med. Sƶren Lange 2, 3
Dr. med.Nicole Keller 2, 3, 4
Prof. Dr. med. Cornelia Betschart 2, 3
1 Blasenzentrum Zürich, Gottfried Keller-Strasse 7, 8001 Zürich
2 Klinik für Gynäkologie, Universitätsspital Zürich, Frauenklinikstrasse 10, 8091 Zürich
3 Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8006 Zürich
4 GynƤkologie und Geburtshilfe, Spital Grabs, Spitalstrasse 44, 9472 Grabs

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@gynƤkologie 04/2025

PD Dr. med. David Scheiner 

Blasenzentrum Zürich
Gottfried Keller-Strasse 7
8001 Zürich

Klinik für Gynäkologie, Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10
8091 Zürich

Universität Zürich
RƤmistrasse 71
8006 Zürich

Universität Zürich
RƤmistrasse 71
8006 Zürich

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die wachsende Problematik der Antibiotikaresistenzen Ā­erfordert die Anwendung und Entwicklung alternativer, nicht-antibiotischer AnsƤtze zur PrƤvention rezidivierender Harnwegsinfektionen.
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen sind definiert als Ā­mindestens zwei Infektionen innerhalb von sechs Monaten oder drei innerhalb von zwƶlf Monaten.
  • Anatomische und funktionelle Risikofaktoren unterscheiden sich bei prƤ- und postmenopausalen Frauen und beeinflussen die AnfƤlligkeit für Harnwegsinfektionen sowie die therapeuĀ­tischen Massnahmen.
  • Bei akuten Harnwegsinfektionen kann zuerst eine symptomatische Behandlung ohne Antibiotika versucht werden.

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27. Christiaens TC, De Meyere M, Verschraegen G, Peersman W, Heytens S, De Maeseneer JM. Randomised controlled trial of nitrofurantoin versus placebo in the treatment of uncomplicated urinary tract infection in adult women. Br J Gen Pract. 2002;52(482):729-34.
28. Wagenlehner FM, Abramov-Sommariva D, Hƶller M, Steindl H, Naber KG. Non-Antibiotic Herbal Therapy (BNO 1045) versus Antibiotic Therapy (Fosfomycin Trometamol) for the Treatment of Acute Lower Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: A Double-Blind, Parallel-Group, Randomized, Multicentre, Non-Inferiority Phase III Trial. Urol Int. 2018;101(3):327-36.
29. Raz R, Stamm WE. A controlled trial of intravaginal estriol in postmenopausal women with recurrent urinary tract infections. N Engl J Med. 1993;329(11):753-6.
30. Tan-Kim J, Shah NM, Do D, Menefee SA. Efficacy of vaginal estrogen for recurrent urinary tract infection prevention in hypoestrogenic women. Am J Obstet Gynecol. 2023;229(2):143 e1- e9.
31. Sabadash M, Shulyak A. CanephronĀ® N in the treatment of recurrent cystitis in women of child-bearing Age: a randomised controlled study. Clinical Phytoscience. 2017;3(1):9.
32. Huttner A, Kronenberg A, Hasse B, Galperine TK. Harnwegsinfekt (HWI). 2025.

Fünfundzwanzig Jahre Diabetologie am USZ – Abschied von Prof. Roger Lehmann

Am 19. November nahmen zahlreiche Kolleginnen, Kollegen, Wegbegleiter und viele ehemalige und derzeitige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Abschied von Prof. Roger Lehmann in einem bestens gefüllten grossen Hörsaal. Gleichzeitig wurde die Labhart-Schwyzer-Medaille an Prof. Giatgen Spinas verliehen.

Würdigung von Prof. Roger Lehmann und seinem Lebenswerk am USZ

Im Mittelpunkt des Abends stand der Abschied von Prof. Roger Lehmann, der nach 25 Jahren am Universitätsspital Zürich eine zentrale klinische, akademische und organisatorische Rolle in der Diabetologie und Transplantationsmedizin innehatte. Sein Engagement für die Weiterentwicklung der Inselzelltransplantation, seine langjährige Tätigkeit als Forscher, Kliniker und Mentor sowie seine national und international anerkannte Expertise im Bereich Diabetes und Transplantationsmedizin wurden von zahlreichen Rednerinnen und Rednern hervorgehoben. Auch sein Wirken als Mitglied verschiedener Fachgesellschaften und als Editor wissenschaftlicher Zeitschriften fand besondere Erwähnung.

Akademischer Rückblick, Fachvorträge und Ausklang des Abends

Nach der Begrüssung und der Verleihung des Labhart-Schwyzer Stipendiums an Dr. David Colameo führte Prof. Felix Beuschlein in den akademischen Teil über. Der Festvortrag von Prof. Giatgen Spinas («Serendipity. Die Entwicklung der Endokrinologie am USZ») bot einen historischen und zugleich sehr persönlichen Rückblick auf die Entwicklung der Endokrinologie und Diabetologie am USZ. Es folgten Vorträge u. a. von Prof. Peter Wiesli, Prof. Michael Brändle, Dr. Richard Züllig, Prof. Philipp Gerber und Prof. Barbara Ludwig, die Aspekte von Lifestyle-Medizin über moderne Diabetesklassifikation bis zu translationalen Konzepten der Inselzelltherapie beleuchteten. Die Vorträge werden in späteren Ausgaben der Zeitschriften der «informierte arzt» und inf@herz&gefäss veröffentlicht werden.

Der Anlass klang in einem Apéro riche aus, der Gelegenheit für regen Austausch, persönliche Würdigungen und viele gemeinsame Erinnerungen bot.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Prof. Thomas D. Szucs: Gen Recht in der Schweiz

Die Anwendung des zentralen Dogmas der Molekularbiologie – das Auslesen von DNA zur Erstellung von RNA und daraus von Proteinen – ist das grosse Privileg des 21. Jahrhunderts.

Sie beschreibt das Programm zum Bau eines Lebewesens, und viele Menschen, also Lebewesen zusammen, schaffen die legale Basis zur Forschung am eigenen Bauplan. Thomas D. Szucs’ Ā«Gen Recht in der SchweizĀ» greift diese Faszination auf und verbindet sie mit der Frage, wie eine rechtsstaatliche Gesellschaft die Manipulation unseres genetischen Codes reguliert.

Das Buch ist ein interdisziplinärer Leitfaden für Mediziner, Juristen und interessierte Laien.

Der erste Teil widmet sich der Bedeutung der Genomforschung in der modernen Gesellschaft: Der Autor definiert anschaulich Grundlagen der Genetik, erlƤutert medizinische Anwendungen und zeichnet nach, wie sich genetische Tests und ihre Kosten in der Schweiz über Jahrzehnte drastisch verringert haben. Bereiche wie die Diagnostik seltener Krankheiten, prƤnatale Untersuchungen und personalisierte Medizin werden behandelt – bis zu den Grenzen des technisch Machbaren. Szucs ordnet diese Entwicklungen historisch ein, erklƤrt die Rolle der testenden Leistungserbringer und stellt die grossen Fragen nach Krankheitsursache, Akzeptanz und gesellschaftlicher Verantwortung.

Der zweite Teil widmet sich den juristischen Grundlagen. Neben der Darstellung einschlägiger Bundesgesetze wie des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen am Menschen (GUMG), des Heilmittelgesetzes oder des Datenschutzrechts wird erläutert, wie diese Regelwerke miteinander verzahnt sind und wo Lücken bestehen. Der Blick reicht dabei über die Landesgrenzen hinaus und vergleicht europäische und US amerikanische Regelungsansätze.

Die Grenzen der Technik verschieben sich rasant; gleichzeitig bleibt die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, gegenüber Menschen, die auf neue Heilungsmöglichkeiten hoffen, und gegenüber den Grundwerten der Menschheit. Der «One Health»-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt als untrennbar begreift, verdeutlicht diese Verantwortung. Dass das Buch diesen ganzheitlichen Blick aufnimmt, zeigt seine Aktualität und macht es zu einer wichtigen Lektüre für alle, die Genetik nicht nur als medizinische Innovation, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstehen.

Insgesamt besticht «Gen Recht in der Schweiz» durch seinen interdisziplinären Ansatz. Szucs hat den Anspruch, Praktiker, Studierende und eigenverantwortliche Bürgerinnen und Bürger gleichermassen anzusprechen. Das Werk liefert einen Bauplan für die legale Basis der Genmedizin und regt zum Dialog zwischen Wissenschaft, Recht und Gesellschaft an.

Dr. med. Christian V. Eisenring, EMBA

Individualisierung als Leitprinzip – von der Verhütung bis zur Tumortherapie

In dieser Ausgabe zeigt sich die Dynamik der GynƤkologie in zwei Feldern: der sicheren, patientinnenzentrierten hormonalen Kontrazeption und der zunehmend molekular gesteuerten Therapie des Endometriumkarzinoms. Beide FortbildungsbeitrƤge zeigen, wie sehr sich klinische Entscheidungen weg von Standardschemata hin zu einer prƤzisen, individuellen Risiko-Nutzen-AbwƤgung verschoben haben.

Die «12 Gebote der hormonalen Kontrazeption» stellen klar heraus, dass eine individuelle, evidenzbasierte Verordnung nicht beim Präparat beginnt, sondern bei der sorgfältigen Anamnese. Alter, Komorbiditäten, Familien- und Eigenrisiken sowie mögliche Interaktionen sind entscheidend für die Wahl eines möglichst niedrig dosierten, zugleich wirksamen Präparats. Besonders praxisrelevant ist der Fokus auf Beratung und Adhärenz: Die kontrazeptive Sicherheit hängt im Alltag weniger vom Produkt als von korrekter Anwendung und verständlicher Aufklärung ab.

Demgegenüber zeigt der Beitrag zur Präzisionsmedizin beim Endometrium­karzinom, dem häufigsten gynäkologischen Karzinom mit steigender Inzidenz, den Paradigmenwechsel in der Onkologie: Histologie allein reicht nicht mehr aus. Die TCGA-basierte molekulare Klassifikation ist inzwischen integraler Bestandteil der FIGO-Stadieneinteilung und der ESGO/ESTRO/ESP-Risikostratifikation. Damit lassen sich Therapieintensität und Prognose deutlich genauer steuern, mit Deeskalation bei günstigen Subtypen und gezielter Eskalation bei aggressiven Tumoren. Neue prädiktive Marker eröffnen zudem konkrete therapeutische Optionen wie Immuntherapie oder HER2-gerichtete Ansätze.

Gemeinsam zeigen beide Artikel, dass die Personalisierung lƤngst klinische RealitƤt geworden ist. Ob in der Verhütung oder in der Tumortherapie – entscheidend ist die passgenaue Entscheidung für die einzelne Patientin.

Wir wünschen den Leserinnen und Lesern besinnliche Festtage und ein glückliches 2026.

Prof. Dr. med. Irène Hösli

Basel