Aktuelle Empfehlungen des Zürcher Gesprächs­kreises (ZGK) zur hormonalen Kontrazeption

Die hormonale Kontrazeption zählt zu den zuverlässigsten Methoden der reversiblen Empfängnisverhütung. Zusätzliche therapeutische und präventive Wirkungen sind ebenso wie unerwünschte Nebenwirkungen abhängig von der Art und Dosis der Estrogen- bzw. Gestagenkomponente, der Applikationsweise und der individuellen Disposition.

GrundsƤtzlich sind vor der Verschreibung von hormonalen Kontrazeptiva (Pille, Vaginalring, Pflaster, Spritze, Implantat, Hormonspirale) eine ausführliche Eigen- und Familienanamnese zu erheben und Risikofaktoren, z. B. Thrombophilie, Lebererkrankungen, maligne Erkrankungen, Stoffwechselstƶrungen, Rauchen, Adipositas, Alter, Hypertonie, psychische Erkrankungen und Ko-Medikation zu bewerten, vor allem bei der Erstverordnung.

Für die Auswahl der kombinierten Ovulationshemmer (KOH) sind Typ und Dosis der Estrogen- und Gestagenkomponente Orientierungshilfen. Es stehen Kombinationen mit Ethinylestradiol, mit Estradiolvalerat, Estradiol und Estetrol zur Verfügung. Klinisch relevante Partialwirkungen der verschiedenen Gestagene kƶnnen sich individuell bemerkbar machen und erfordern ein empirisches Vorgehen. Dafür ist eine exakte Anamneseerhebung vor bzw. wƤhrend der Anwendung erforderlich (z. B. Blutungsstƶrungen, Hautreaktionen, kƶrperliche und psychische Befindlichkeit). PrimƤr ist die Verordnung mƶglichst niedrig dosierter KOH – bezogen auf die jeweilige Estrogenkomponente – angezeigt. Es gibt grosse individuelle Unterschiede in der Pharmakologie der kontrazeptiven Steroide, wobei sowohl die Disposition als auch Ƥussere Einflussfaktoren eine Rolle spielen (Nahrung wie z. B. Grapefruit, Medikamente etc.).

Aufgrund der bereits sehr unterschiedlichen gestagenen Wirkungen (z. B. Ovulationshemmdosis, Transformationsdosis) und der vielfƤltigen organabhƤngigen Partialwirkungen ist eine Einteilung in allgemeine Gestagenpotenzen nicht mƶglich. Das Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil wird von der verwendeten Gestagenkomponente beeinflusst. Voraussetzung für die kontrazeptive Sicherheit ist die korrekte Einnahme, denn die meisten ungewollten Schwangerschaften beruhen auf Einnahmefehlern. Aber auch Arzneimittelwechselwirkungen müssen berücksichtigt werden. Daher ist eine sorgfƤltige Beratung besonders bei der Erstverordnung erforderlich. Die erstmalige Einnahme oraler PrƤparate sollte am ersten Tag der Regelblutung erfolgen. Die VerlƤngerung des vorgegebenen hormonfreien Intervalls sowie das Vergessen von Tabletten im Folgezyklus innerhalb der ersten sieben Tage erhƶhen das Risiko für das Eintreten einer Schwangerschaft.

1 Estrogene und Gestagene hemmen in synergistischer Weise die Ovulation. Die kontrazeptive Wirkung wird in erster Linie durch das Gestagen gewährleistet, so dass sich bei ausreichender Gestagendosierung eine sichere Kontrazeption erzielen lässt. Einen Anhaltspunkt für die adäquate Dosierung der Gestagenkomponente stellt die jeweilige Ovulationshemmdosis dar.

Wird Desogestrel oder Levonorgestrel ohne Estrogen verabreicht, ist die kontinuierliche Anwendung für eine sichere Kontrazeption notwendig. Bei Drospirenon mono Anwendung ist eine sichere Kontrazeption auch bei zyklischer Einnahme (24+4) gewährleistet.

Eine adäquate Kombination mit einem geeigneten Estrogen ist vor allem für die Zykluskontrolle wesentlich.

Werden Tabletten vergessen, steigt das Risiko für Zwischenblutungen und ungewollte Schwangerschaften; dies gilt besonders für die erste Einnahmewoche. Zwischenblutungen treten vor allem während der ersten drei Einnahmezyklen auf und gehen bei Fortführung der Einnahme zurück. Ein Präparatewechsel oder Abbruch wegen Zwischenblutungen ist deshalb in den ersten drei Monaten meist nicht sinnvoll.

2 Durch ihren Einfluss auf die Follikelreifung reduzieren KOH die endogene Estrogenproduktion. Bei oraler Applikation ist normalerweise EE in einer Dosierung von 20–30 µg bzw. Estradiol oder Estradiolvalerat in einer Dosierung von 1.5–2.0 mg ausreichend, um Estrogenmangelerscheinungen zu verhindern. Dies gilt mƶglicherweise nicht für junge Frauen mit eingeschrƤnkter endogener Estradiolproduktion (z. B. durch Leistungssport, Anorexia nervosa), da auch niedrig dosierte KOH die Ovarien supprimieren und so das Erreichen der Peak-Bone-Mass gefƤhrden kƶnnen, was auch für parenteral verabreichte KOH und Gestagen-MonoprƤparate anzunehmen ist. Für Estetrol liegen noch keine Langzeitdaten bezüglich der PrƤvention von Estrogenmangelerscheinungen vor. Für die Zykluskontrolle spielt das VerhƤltnis zwischen Estrogen- und Gestagenwirkung eine Rolle. Die Anwendung von reinen GestagenprƤparaten ist hƤufig – zumindest wƤhrend der ersten Monate – mit unregelmƤssigen Blutungen verbunden.

3 Hormonale Kontrazeptiva und andere Medikamente kƶnnen sich durch pharmakologische Interaktionen in ihrer Wirkung abschwƤchen oder verstƤrken (z. B. Enzyminduktion oder -hemmung in der Leber und im Intestinaltrakt, Stƶrung des enterohepatischen Kreislaufs). Derartige Effekte kƶnnen auch nach Absetzen der Medikation bis zu einigen Wochen persistieren. Bei langfristiger Anwendung von Medikamenten, welche die kontrazeptive Sicherheit bzw. die BlutungsstabilitƤt beeintrƤchtigen kƶnnen, ist eine Einnahme im Langzyklus bzw. eine kontinuierliche Einnahme von monophasischen KombinationsprƤparaten empfehlenswert. Bei einer kurzfristigen medikamentƶsen Therapie (z. B. gewisse Antibiotika), welche die Wirksamkeit hormonaler Kontrazeptiva abschwƤchen kƶnnte, sind zusƤtzliche nicht-hormonale kontrazeptive Massnahmen anzuraten. Auch der Wirkverlust durch Diarrhƶen und Emesis sollte beachtet werden.

4 Ernsthafte Nebenwirkungen treten unter der Anwendung hormonaler Kontrazeptiva selten auf und sind meistens von der individuellen Disposition abhƤngig. Vor der Erstverordnung sind eine sorgfƤltige Anamnese und Allgemeinuntersuchung incl. Blutdruckmessung erforderlich. Zu diesem Zeitpunkt sollte eine HPV-Impfung thematisiert werden. Die gynƤkologische Untersuchung einschliesslich der Brust und ggf. der Entnahme einer Zervixzytologie/HPV-Testung im Verlauf sind anzuraten. Bei der Anamnese sind zu beachten: familiƤre HƤufung von thromboembolischen und anderen vaskulƤren Erkrankungen, maligne Erkrankungen; in der Eigenanamnese: zusƤtzliche Risikofaktoren wie z. B. Übergewicht, Rauchen, Hypertonie, entzündliche Darmerkrankungen, lƤngere Immobilisierung und psychische Erkrankungen. Die Patientin sollte über die Symptome schwerwiegender Komplikationen (z. B. Thrombose, Lungenembolie, Depression) informiert werden. Eine regelmƤssige jƤhrliche Überprüfung der Risikofaktoren (z. B. thrombo-embolische Anamnese, Hypertonie, Rauchen, GewichtsverƤnderungen, neu aufgetretene Grunderkrankungen und/oder Medikamenteneinnahme) ist obligat, speziell eine Kontrolle des Blutdrucks und ggf. der Zervixzytologie/HPV-Testung. Bei Hinweisen auf eine entsprechende Disposition ist eine fachspezifische AbklƤrung zu empfehlen, z. B. des HƤmostasesystems, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels. Ohne Vorliegen anamnestischer Hinweise ist ein solches Screening nicht gerechtfertigt. Das Risiko für arterielle wie auch für venƶse Erkrankungen steigt mit dem Alter signifikant an und wird durch Rauchen und Adipositas erhƶht. Die Anwenderin sollte angehalten werden, bei Auftreten von schwerwiegenden Nebenwirkungen umgehend den/die Arzt/Ƅrztin zu kontaktieren.

5 KOH dürfen nicht verordnet werden u.a. bei thromboembolischen Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und anderen Erkrankungen mit manifesten sekundären Gefässschäden, schwer behandelbarem Bluthochdruck und ausgeprägter Hypertriglyzeridämie, akuten und chronisch progredienten Lebererkrankungen, Störungen der Gallensekretion, intrahepatischer Cholestase, vorausgegangenen oder bestehenden Leberadenomen, -angiomen und -karzinomen sowie Mamma- und Endometriumkarzinomen. Die Fokal Noduläre Hyperplasie stellt keine Kontraindikation dar.

Bei relativen Kontraindikationen (z. B. Nikotinabusus > 15 Zigaretten/d oder BMI ≄ 35) muss über die Erst- bzw. ggf. Folgeverordnung individuell auf der Basis des aktuellen Wissensstandes entschieden werden. Bei thromboembolischen Erkrankungen kƶnnen Gestagen-mono-PrƤparate angewendet werden. Depot-Medroxyprogesteronacetat ist jedoch ungeeignet. Frauen kƶnnen niedrig dosierte KOH bis zur Menopause weiter einnehmen, wenn keine gesundheitlichen Risiken vorliegen. Über Alternativen soll die Patientin beraten werden und Nutzen und Risiko sollen individuell abgewogen werden.

6 KOH erhöhen das relative Risiko thromboembolischer Erkrankungen, insbesondere im ersten Einnahmejahr. Das thromboembolische Risiko wird durch den Estrogentyp und die Estrogendosis entscheidend beeinflusst. Gestagene modulieren diesen Effekt in unterschiedlichem Ausmass. Das thromboembolische Risiko bei der Anwendung des kontrazeptiven Pflasters oder Vaginalrings ist im Vergleich zur kombinierten Pille nicht vermindert. Das bei Langstreckenflügen erhöhte Thromboserisiko lässt sich durch geeignete Präventivmassnahmen reduzieren.

Eine aktuelle Meta-Analyse von 4 RCT hat gezeigt, dass das VTE-Risiko mit E2(V)-haltigen KOH mit einem signifikant niedrigeren Risiko im Vergleich zu EE-haltigen KOH verbunden ist. Für Estetrol/Drospirenon liegen noch keine Langzeitdaten hinsichtlich des thrombo-embolischen Risikos vor. Bei erhöhtem Thromboserisiko kann die Anwendung oraler Gestagen-Monopräparate, subkutaner Implantate oder eines Hormon- oder Kupfer-IUD in Erwägung gezogen werden.

7 Bei jungen, nicht adipƶsen Frauen, die nicht rauchen, sind vaskulƤre Erkrankungen unter der KOH-Einnahme sehr selten. Für die Entstehung arterieller Erkrankungen (z. B. Hypertonie, koronare Herzerkrankungen) ist die individuelle Disposition von Bedeutung. Bei Vorliegen von GefƤssschƤden kƶnnen KOH dieses Risiko – vor allem durch die vasokonstriktorische Wirkung der Gestagenkomponente – erhƶhen. Bei bestehenden GefƤssschƤden kƶnnen KOH akute Ereignisse (z. B. durch Destabilisierung vorhandener atherosklerotischer Plaques, Blutdruckerhƶhung) auslƶsen. Die Entwicklung einer Atherosklerose wird durch die Einnahme von KOH nicht gefƶrdert.

8 Anamnestisch vorbestehende Leberzelladenome und Leberangiome stellen eine Kontraindikation für hormonale Kontrazeptiva, einschliesslich der Gestagenmono-PrƤparate, dar. Hingegen sind Fokal-NodulƤre Hyperplasien keine Kontraindikationen, sollten aber regelmƤssig sonographisch überwacht werden. Bei der Entstehung der extrem seltenen Leberzellkarzinome spielen andere Faktoren, wie z. B. Hepatitis B und C, eine Rolle. Bei Leberzellkarzinomen sind KOH kontraindiziert.

9 Es gibt keine Beweise, dass hormonale Kontrazeptiva Mammakarzinome induzieren. Ob sie das Brustkrebsrisiko beeinflussen, bleibt auch nach aktueller Datenlage kontrovers. Dem möglicherweise in absoluten Zahlen gering erhöhten Risiko für eine Brustkrebsdiagnose unter der Behandlung mit Kombinationspräparaten stehen zahlreiche gesicherte günstige Effekte gegenüber. Hierzu zählen das signifikant verminderte Risiko für Ovarial-, Endometrium- und kolorektale Karzinome sowie eine signifikant verminderte Gesamtmortalität. Der protektive Effekt nimmt mit der Anwendungsdauer zu.

Auch Frauen mit familiƤr erhƶhtem Risiko für gynƤkologische Tumoren (z. B. BRCA1/2-Mutationen) kƶnnen KOH ohne weitere Risikosteigerung hinsichtlich des Mammakarzinoms einnehmen. Ebenso sinkt bei diesen Patientinnen das Risiko für Ovarialkarzinome signifikant ab.
Insgesamt steigt die Rate an Zervixkarzinomen mit der Dauer der Einnahme von KOH an. Dabei spielt das Sexualverhalten eine Rolle, da für die Entstehung von Zervixdysplasien onkogene Papillomaviren, die beim Sexualverkehr übertragen werden, verantwortlich sind. Die Bedeutung kontrazeptiver Steroide für die Pathogenese des Zervixkarzinoms ist ungeklärt. Durch regelmässige, sachgerechte Vorsorgeuntersuchungen, die auch während der Anwendung von hormonalen Kontrazeptiva obligat sind, lassen sich Zervixveränderungen frühzeitig erkennen und behandeln. Eine frühzeitige aktive Immunisierung gegen pathogene HP-Viren bietet einen weitgehenden Schutz vor der Entwicklung von Zervixdysplasien und damit auch von Zervixkarzinomen.

10 KOH sind – neben der Kontrazeption – zur symptomatischen Therapie von Zyklusstƶrungen, Dysmenorrhoe, Endometriose, Androgenisierungserscheinungen und katamenialen Erkrankungen, auch bei Jugendlichen, geeignet.

Ferner sind mit der Anwendung von KOH folgende günstige Wirkungen verbunden: Sie vermindern die Inzidenz verschiedener Erkrankungen wie z. B. gutartige BrustverƤnderungen, Ovarialzysten, aszendierende bakterielle Genitalinfektionen, Blutungsstƶrungen sowie Dysmenorrhoe. ZusƤtzlich reduzieren sie die Beschwerden bei verschiedenen zyklusabhƤngigen Erkrankungen, insbesondere bei Anwendung des Langzyklusschemas.

Bei Kontrazeptionsbedarf und ausgeprƤgter Akne, Hirsutismus, androgenetischer Alopezie oder Seborrhoe sind KOH, insbesondere mit antiandrogen wirksamen Gestagenen (Chlormadinonacetat, Dienogest, Drospirenon) in Kombination mit EE zu empfehlen. Cyproteronacetat mit EE ist nicht primƤr zur Kontrazeption zugelassen, wenngleich eine sichere Ovulationshemmung gegeben ist. Es ist zur Behandlung von schweren klinischen Androgenisierungserscheinungen nach Versagen von topischen Therapien indiziert.

Treten nach Absetzen der KOH unregelmƤssige Zyklen oder Amenorrhoe auf, so sind diese nicht Folge der vorherigen Behandlung. Auch eine prƤmature Ovarialinsuffizienz (POI) kann durch eine KOH- Einnahme maskiert werden. Bei perimenopausalen Frauen verhindern sie gleichzeitig einen durch Estrogenmangel bedingten Knochendichteverlust.

11 Angesichts franzƶsischer Registerdaten wird diskutiert, ob Gestagene der Pregnan- und Norpregnangruppe mit einer erhƶhten Inzidenz von Meningeomen assoziiert seien. Bisher wurde kein kausaler Zusammenhang für die in KOH enthaltenen gering dosierten Gestagene (z. B. Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat, Nomegestrolacetat) bewiesen. UnabhƤngig davon gilt, dass hormonale Kontrazeptiva bei vorbestehenden Meningeomen kontraindiziert sind.

12 Auch durch eine langfristige Anwendung von KOH wird die FertilitƤt nach Absetzen nicht beeintrƤchtigt. Allerdings kann der Eintritt einer Schwangerschaft um einige Wochen verzƶgert werden. Nach Absetzen von Depot-Medroxyprogesteronacetat kann die FertilitƤt bis zu einem Jahr oder lƤnger reduziert sein.

Hormonale Kontrazeptiva haben keine nachteiligen Auswirkungen auf den Verlauf einer nachfolgenden Schwangerschaft (z. B. Abortrisiko, Fehlbildungsrate), selbst wenn diese unmittelbar nach Absetzen eintritt. Es gibt keine Hinweise auf teratogene Effekte hormonaler Kontrazeptiva bei Einnahme wƤhrend einer nicht erkannten Frühschwangerschaft.

Zürcher Gesprächskreis (in alphabetischer Reihenfolge): Martin Birkhäuser (Basel), Bettina Böttcher (Innsbruck), Ariane Germeyer (Heidelberg), Peyman Hadji (Frankfurt), Bruno Imthurn (Zürich), Alfred O. Mueck (Tübingen/Peking), Joseph Neulen (Aachen), Petra Stute (Bern), Christian Thaler (München), Inka Wiegratz (Frankfurt), Ludwig Wildt (Innsbruck) / www.zuercher-kreis-hormone.eu

Anmerkung: Der Zürcher GesprƤchskreis (ZGK; www.zuercher-kreis-hormone.eu) ist ein Forum ausgewƤhlter deutschsprachiger Expertinnen und Experten aus dem Bereich der gynƤkologischen Endokrinologie. Er tagt zweimal jƤhrlich und verƶffentlicht industrieunabhƤngig Empfehlungen und Statements zur hormonalen Kontrazeption und zur Hormontherapie in der Peri und Postmenopause. Die vorliegende Zusammenfassung beruht auf aktueller Literatur und persƶnlicher Expertise des Gremiums, wobei keine einzelnen Referenzen zitiert werden. Sie spiegelt die EinschƤtzung des Gremiums zur jeweiligen Thematik wider und hat keinen Leitliniencharakter, sondern soll eine Hilfestellung im klinischen Alltag bieten. Die Treffen des Zürcher GesprƤchskreises werden von den teilnehmenden Mitgliedern vollstƤndig selbst finanziert. Dies beinhaltet Reise-, Unterkunfts-, Verpflegungs- und Raumkosten. Ein Sponsoring, z. B. durch die pharmazeutische Industrie, ist ausgeschlossen.

Zweitkrebserkrankungen bei Frauen mit invasivem Brustkrebs im Frühstadium

Das Ziel dieser kürzlich publizierten Studie war es, die Langzeitrisiken für sekundäre Nicht-Brust-Primärtumoren und kontralaterale Brustkrebserkrankungen bei Frauen mit invasivem Brustkrebs im Frühstadium nach einer Primäroperation zu beschreiben.

Es handelte sich um eine bevƶlkerungsbasierte Beobachtungskohorten-Studie mit routinemƤssig erhobenen Daten des National Cancer Registration and Analysis Service for England.

Die 476 373 Teilnehmerinnen waren Frauen, bei denen zwischen Januar 1993 und Dezember 2016 in England Brustkrebs als erster invasiver (Index-)Krebs diagnostiziert wurde. Sie wurden bis Oktober 2021 nachbeobachtet.

Ergebnisse

Obwohl 64 747 Frauen einen zweiten PrimƤrtumor entwickelten, war das absolute zusƤtzliche Risiko im Vergleich zur Ā­Allgemeinbevƶlkerung gering. Nach 20 Jahren hatten 13.6 % (95 %-Konfidenzintervall: 13.5 % bis 13.7 %) der Frauen einen Nicht-Brustkrebs entwickelt. Das sind 2.1 % (2.0 % bis 2.3 %) mehr als in der Allgemeinbevƶlkerung erwartet. Zudem hatten 5.6 % (5.5 % bis 5.6 %) einen kontralateralen Brustkrebs entwickelt, was 3.1 % (3.0 % bis 3.2 %) mehr als erwartet sind. Das absolute Mehrrisiko für kontralateralen Brustkrebs war bei jüngeren Frauen grƶsser als bei Ƥlteren. Unter den spezifischen Arten von Nicht-Brustkrebs waren die grƶssten absoluten Mehrrisiken nach 20 Jahren für GebƤrmutter- und Lungenkrebs zu verzeichnen. Obwohl die standardisierten Inzidenzraten von Krebserkrankungen der GebƤrmutter, der Weichteile, der Knochen und Gelenke sowie der Speicheldrüsen und von akuten LeukƤmien diejenigen der Allgemeinbevƶlkerung um mindestens den Faktor 1.5 überstiegen, lagen die absoluten Mehrrisiken nach 20 Jahren für jede einzelne Krebsart ausser Brustkrebs unter 1 %.
Bei der Einteilung der Patientinnen nach adjuvanter Behandlung wurde eine Strahlentherapie mit einem erhƶhten Risiko für kontralateralen Brust- und Lungenkrebs, eine endokrine Therapie mit einem erhƶhten Risiko für GebƤrmutterkrebs (aber einem verringerten Risiko für kontralateralen Brustkrebs) und eine Chemotherapie mit einem erhƶhten Risiko für akute LeukƤmie in Verbindung gebracht. Diese Ergebnisse stimmten mit den in randomisierten Studien berichteten Wirkungen überein, jedoch wurden auch positive ZusammenhƤnge für Weichteil-, Kopf-Hals-, Eierstock- und Magenkrebs festgestellt, die in Studien bisher nicht beobachtet worden waren. Dies deutete darauf hin, dass etwa 2 % aller 64.747 Zweittumoren und 7 % der 15.813 zusƤtzlichen Zweittumoren in der Kohorte auf adjuvante Therapien zurückzuführen sein kƶnnten.

Schlussfolgerungen

Das Risiko einer zweiten PrimƤrtumorerkrankung ist bei Frauen, die wegen eines invasiven Brustkrebses im Frühstadium behandelt wurden, etwas hƶher als bei Frauen in der Allgemeinbevƶlkerung. Kontralateraler Brustkrebs macht etwa 60 % des Gesamtanstiegs aus, wobei das Risiko bei jüngeren Frauen hƶher ist. Das mit adjuvanten Therapien verbundene Risiko ist gering.

Kommentar

Immer mehr Frauen mit Brustkrebs überleben die Krankheit – zumindest in den westlichen LƤndern. Die Studie zeigt, dass das Krebsrisiko für diese Frauen gering bleibt. Am hƤufigsten sind die seit Langem bekannten erhƶhten Erkrankungsraten für Lungen-, Kolorektal-, Endometrium- und Ovarialkarzinome. Letzteres ist allenfalls auf die PrƤsenz von BRCA-Mutationen in der Population zurückzuführen. Nur sieben Prozent der zusƤtzlichen FƤlle werden der adjuvanten Therapie zugeschrieben, 93 % der natürlichen Vergesellschaftung mit Brustkrebs. Die therapieassoziierten FƤlle werden wohl weiter zurückgehen, insbesondere bei Lungen- und Weichteiltumoren sowie LeukƤmien, da weniger Radiotherapie und weniger antrazyklinhaltige Chemotherapie eingesetzt wird. Auch die Rate an kontralateralen Brustkarzinomen wird hƤufig überschƤtzt. Sie betrƤgt 0.28 % pro Jahr und ist damit Ƥhnlich klein wie beim ipsilateralen 2. Brustkrebs oder Lokalrezidiv nach brusterhaltender Therapie. Schliesst man die bekannten FƤlle von BRCA und anderen Hochrisiko-KeimbahnmutationstrƤgerinnen aus, ist die Rate für sporadischen Brustkrebs nochmals niedriger. Damit stellt sich die Frage, ob jƤhrliche Bildgebung als Nachsorge, gerade bei postmenopausalen Frauen, im Sinne one size fits all gerechtfertigt ist. Die Studie gibt eine gute Grundlage für die Ƥrztliche Mithilfe bei der Deeskalation der zwar verstƤndlichen, aber oft unrealistischen Krebsangst von Brustkrebsüberlebenden.

Quelle
McGale P, Dodwell D, Challenger A et al. Second cancers in 475 000 women with early invasive breast cancer diagnosed in England during 1993-2016: population based observational cohort study. BMJ. 2025 Aug 27;390:e083975.
doi: 10.1136/bmj-2024-083975.

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

Abschied und Neubeginn in der Herausgeberschaft

Nach 15 Jahren engagierter Tätigkeit tritt Prof. Dr. med. Franz Eberli als Mitherausgeber der Zeitschrift «info@herz+gefäss» auf Ende des Jahres zurück. Franz Eberli hat in dieser Zeit die Entwicklung und das Profil unserer Zeitschrift wesentlich mitgestaltet.

Unter seiner Leitung hat «info@herz+gefäss» nicht nur an wissenschaftlicher Qualität und Sichtbarkeit gewonnen, sondern auch an Relevanz für die klinische und wissenschaftliche Praxis. Mit Weitblick, fachlicher Kompetenz und unermüdlichem Einsatz hat Franz Eberli Themen ­gesetzt, Diskussionen angestossen und stets den Dialog zwischen Forschung und Klinik gefördert.

Wir danken Franz herzlich für seinen aussergewƶhnlichen Beitrag, seine VerlƤsslichkeit und sein persƶnliches Engagement. Sein Wirken hat Spuren hinterlassen – in der Zeitschrift, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und bei allen, die mit ihm zusammenarbeiten durften.

Gleichzeitig freuen wir uns, mit Prof. Dr. med. Otmar Pfister den neuen Chefredaktor begrüssen zu dürfen. Im Editorial-Board wird ihn Prof. Dr. med. Christoph Gräni weiterhin tatkräftig unterstützen, dies zusammen mit den neuen Kollegen:
Prof. Dr. med. Alexander Breitenstein, Zürich
Prof. Dr. med. Micha Maeder, St. Gallen
Prof. Dr. med. Christophe Wyss, Zürich

Wir sind überzeugt, dass sie die erfolgreiche Arbeit von Franz fortsetzen und mit neuen Impulsen bereichern werden.

Im Namen des gesamten Verlags wünschen wir Franz Eberli für die Zukunft alles Gute und allerbeste Gesundheit.

Eleonore E. Droux
Verlegerin

Prof. Dr. Dr. h.c Walter F. Riesen
Wissenschaftliche Leitung

Inflammation als Risikofaktor bei Patienten mit etablierter atherosklerotischer Erkrankung

Atherosklerotische Erkrankungen bleiben trotz Kontrolle klassischer Risikofaktoren eine Hauptursache kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität, u. a. wegen eines entzündlich bedingten Restrisikos (RIR). Chronische subklinische Inflammation
fördert über das NLRP3-Inflammasom und die IL-1β/IL-6-Achse Plaque-Wachstum, -Instabilität und Thrombogenität. Biomarker wie hs-CRP und IL-6 korrelieren unabhängig von LDL-C mit Ereignissen und können zur Risikostratifikation beitragen. In der CANTOS-Studie senkte Canakinumab kardiovaskuläre Endpunkte, war jedoch mit mehr schweren Infektionen assoziiert. Niedrig dosiertes Colchizin reduziert nicht-tödliche Ereignisse moderat, ohne Mortalitätsvorteil, während Methotrexat wirkungslos blieb. Zukünftig könnten personalisierte, kombinierte lipid- und entzündungsmodulierende Therapien an Bedeutung gewinnen, sofern Langzeitsicherheit und Kosten-Nutzen stimmen.

Despite control of classic risk factors, atherosclerotic diseases remain a major cause of cardiovascular morbidity and mortality, partly due to residual inflammatory risk (RIR). Chronic subclinical inflammation promotes plaque growth, instability, and thrombogenicity via the NLRP3 inflammasome and the IL-1β/IL-6 axis. Biomarkers such as hs-CRP and IL-6 correlate with events independently of LDL-C and can contribute to risk stratification. In the CANTOS study, canakinumab reduced cardiovascular endpoints but was associated with more serious infections. Low-dose colchicine moderately reduces non-fatal events without mortality benefit, while methotrexate remained ineffective. In the future, personalized, combined lipid- and inflammation-modulating therapies could gain importance, provided that long-term safety and cost-benefit are appropriate.
Keywords: Colchizin/Canakinumab, Entzündungsrisiko, NLRP3-Inflammasom, kardiovaskulären Risikostratifikation

Hintergrund

Obwohl wir mittlerweile ein grosses VerstƤndnis für die Pathobiologie und das Management atherosklerotischer Erkrankungen – einschliesslich der koronaren Herzkrankheit (KHK), zerebrovaskulƤrer Durchblutungsstƶrungen und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit – besitzen, zƤhlen diese weltweit weiterhin zu den führenden Ursachen für MorbiditƤt und MortalitƤt (1–3). Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig Ƥndern (3).

Die klassischen Risikofaktoren wie DyslipidƤmie, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinkonsum und auch Adipositas lassen sich hƤufig durch LebensstilverƤnderungen sowie ein breites Spektrum pharmakologischer Therapien wirksam beeinflussen. Dennoch besteht hƤufig ein relevantes Restrisiko für erneute kardiovaskulƤre Ereignisse beziehungsweise das Fortschreiten der atherosklerotischen Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease, ASCVD) – ein Risiko, das durch die etablierten therapeutischen Massnahmen allein nicht vollstƤndig kontrolliert werden kann. Ein wesentlicher Anteil dieses Restrisikos ist entzündlicher Natur beziehungsweise durch (subklinische) inflammatorische Prozesse bedingt. Entsprechend wurde von verschiedenen Experten und Konsortien der Begriff des residualen inflammatorischen Risikos (engl. Residual Inflammatory Risk, RIR) etabliert.

Chronische, subklinische, Inflammation spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung, Progression und klinischen Manifestation atherosklerotisch bedingter Erkrankungen. Verschiedene zellulƤre und humorale inflammatorische Prozesse sind sowohl in den Frühphasen (z. B. endotheliale Dysfunktion, Lipidakkumulation) als auch in den SpƤtphasen (z.B. Plaque-InstabilitƤt, ThrombogenitƤt) der Atherosklerose massgeblich beteiligt (1).

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Pathobiologie, klinische Evidenz, praktischen Implikationen sowie antiinflammatorische Therapieansätze bei ASCVD-Patient/-innen und bietet eine aktuelle Zusammenfassung laufender Studien und neuer therapeutischer Entwicklungen.

Pathophysiologische Grundlagen

Atherosklerose wird grundsätzlich bereits in frühen Stadien durch eine endotheliale Dysfunktion initiiert. Diese entsteht infolge klassischer Risikofaktoren wie oxidiertem Low-Density-Lipo­protein (oxLDL) respektive Dyslipidämie, arterieller Hypertonie oder Hyperglykämie. OxLDL induziert die Expression von Adhäsionsmolekülen wie VCAM-1 und ICAM-1 auf Endothelzellen und fördert dadurch die Rekrutierung von Monozyten in die Intima (1). Dort differenzieren sich diese zu Makrophagen und entwickeln sich weiter zu Schaumzellen (1, 2, 4). Diese sezernieren proinflammatorische Zytokine wie IL-1β, IL-6 und Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), welche die Entzündung in der Gefässwand verstärken und aufrechterhalten (1, 2, 4). Diese chronische Inflammation trägt wesentlich zur Plaque-Entwicklung und -Progression bei.

In diesem Zusammenhang ist besonders das NLRP3-Inflammasom hervorzuheben – ein zellulƤrer Proteinkomplex, der eine zentrale Rolle in der angeborenen Immunabwehr und bei Entzündungsreaktionen spielt. Nach seiner Aktivierung fƶrdert es die Reifung und Freisetzung von IL-1β, das wiederum die Produktion von IL-6 induziert (1, 2, 4). Letzteres stimuliert die hepatische Synthese von Akut-Phasen-Proteinen, wie dem C-reaktiven Protein (CRP). Hierdurch wird das entzündliche Geschehen weiter vorangetrieben.

Parallel fördern die freigesetzten Entzündungsmediatoren die Expression von Tissue Factor, hemmen die endotheliale NO-Synthese, fördern die Migration glatter Muskelzellen sowie die Aktivierung von Matrix-Metalloproteinasen. Diese Prozesse begünstigen die Plaque-Destabilisierung und erhöhen die Thrombogenität (1, 2, 4).

Die Abb. 1 illustriert die Pathobiologie der Atherosklerose und verdeutlicht den Einfluss inflammatorischer Prozesse.

Inflammatorische Biomarker und Risikostratifikation

Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass inflammatorische Biomarker wie hs-CRP, IL-6 und Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2 (Lp-PLAā‚‚) direkt mit dem Risiko für atherosklerotische Ereignisse korrelieren, dem residualen kardiovaskulƤren Risiko – unabhƤngig vom Lipidstatus und der Glukosehomƶostase (4).

Besonders hervorzuheben sind zwei grosse Beobachtungsstudien – die Framingham Heart Study und die Women’s Health Study –, in denen erhƶhte hs-CRP-Werte als PrƤdiktor für Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulƤren Tod identifiziert wurden – unabhƤngig von LDL-C. Diese Assoziation scheint robust über Altersgruppen und Geschlechter hinweg und bestƤtigt die unabhƤngige Risikodimension Ā«InflammationĀ». Die klinische Relevanz dieser inflammatorischen Achse wurde zudem durch mehrere Interventionsstudien mit gezielter Immunmodulation bestƤtigt (siehe unten).

Die punktuelle Messung von humoralen Entzündungswerten, namentlich des hs-CRP, wird mittlerweile auch in den Richtlinien der europƤischen Gesellschaft für Kardiologie bei ASCVD Patient/-innen empfohlen. Wobei dies jedoch insbesondere bei Hoch-RisikoPatient/-innen und zur Standortbestimmung respektive Optimierung der SekundƤrprƤvention erwogen werden sollte. Hierzu ist anzumerken, dass die Messung des hs-CRP relativ einfach ist, und bei Patient/-innen bestimmt werden soll, welche keinen akuten Entzündungszustand haben (beispielsweise akute Infektion, Gichtschub oder aufflammende rheumatologische Erkrankung). Sofern dieser Wert im Abstand von mehreren Wochen repetitiv erhƶht ist (≄2 mg/l), kann dies mit einem erhƶhten residualen inflammatorischen Risiko (RIR) gleichgesetzt werden. Man sollte vorgƤngig auch sicherstellen, dass das Lipidprofil optimiert und der LDL-C-Wert im Zielbereich ist. Sofern verfügbar, ist im Einzelfall auch eine Bestimmung von IL-6 zu erwƤgen. In der CANTOS-Studie (siehe unten) korrelierte dessen Senkung mit einem geringeren kardiovaskulƤren Risiko.

Antiinflammatorische Substanzen bei ASCVD-Patient/-innen

Canakinumab

Interleukin-1β (IL-1β) spielt eine zentrale Rolle in der Regulation inflammatorischer Prozesse und ist massgeblich an der Aktivierung der Interleukin-6 (IL-6)-Signalkaskade beteiligt. Canakinumab ist ein monoklonaler Antikörper, der IL-1β spezifisch bindet und dadurch ausgeprägte antiinflammatorische Effekte entfaltet. Diese wurden bislang vor allem in der Therapie verschiedener rheumatischer Erkrankungen genutzt (5).
Die CANTOS-Studie (Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study), in der über 10 000 Patient/-innen mit vorangegangenem Myokardinfarkt und erhƶhtem hs-CRP-Wert (≄2 mg/l) alle drei Monate randomisiert Canakinumab (50 mg, 150 mg oder 300 mg) oder Placebo erhielten, konnte zeigen, dass die 150 mg-Dosis das Risiko für den primƤren kombinierten Endpunkt (Myokardinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulƤrer Tod) um 15 % senkte (6).

Bemerkenswert war, dass das Ausmass der IL-6-Reduktion unter der Therapie mit Canakinumab prƤdiktiv für den klinischen Nutzen war (6). Allerdings war die Behandlung auch mit einem erhƶhten Risiko für schwerwiegende, teils tƶdlich verlaufende Infektionen assoziiert. Ungeachtet dessen bleibt CANTOS eine der ersten randomisierten Interventionsstudien, die einen direkten Zusammenhang zwischen gezielter Entzündungshemmung – unabhƤngig von lipidsenkenden Massnahmen – und der Reduktion kardiovaskulƤrer Ereignisse belegen konnte.

Colchizin

Die am besten untersuchte antiinflammatorische Substanz bei ASCVD-Patient/-innen ist Colchizin – ein Alkaloid, das aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) entstammt (5, 7, 8). Colchizin hemmt nicht nur die Mikrotubuli-Polymerisation, wodurch die AktivitƤt der Neutrophilen unterbunden wird. Es beeinflusst auch das NLRP3-Inflammasom und die nachfolgende Freisetzung von Interleukin-1β, wodurch die Entzündungskaskade gehemmt wird. Obschon die Resultate verschiedener grosser randomisierter Studien etwas divergent waren, haben wir Evidenz dafür, dass Colchizin in niedriger Dosis (z. B. 0.5 mg tƤglich) zu einer moderaten Reduktion von nicht-tƶdlichen kardiovaskulƤren Ereignissen, wie Myokardinfarkten, wiederholten koronaren Revaskularisationen und ischƤmischen SchlaganfƤllen, führt, wenn es zusƤtzlich zur Standardtherapie bei ASCVD-Patient/-innen eingesetzt wird (9). Dies wurde von einer grossen, kürzlich publizierten Meta-Analyse unterstrichen (9). Jedoch gilt es zu betonen, dass keine Senkung der kardiovaskulƤren oder GesamtmortalitƤt gezeigt werden konnte und die Number Needed to Treat (NNT) (4) mit 114 hoch ist (9).

Nebenwirkungen, insbesondere gastrointestinale Beschwerden, aber auch Interaktionen mit anderen Medikamenten treten gehƤuft auf, weshalb eine individuelle Nutzen-Risiko-AbwƤgung erforderlich ist. Die aktuellen Leitlinien sprechen eine vorsichtige Empfehlung aus: Klasse IIa bei stabiler respektive chronischer Erkrankung und Klasse IIb in bestimmten Situationen (beispielsweise nach Myokardinfarkt), jeweils mit dem hƶchsten Evidenzniveau (A) aufgrund mehrerer randomisierter Studien und Meta-Analysen (7, 10).

Methotrexat

Auch Methotrexat, welches seit Jahrzehnten als immunmodulierendes Medikament breit eingesetzt wird, wurde als mƶgliches Medikament zur Risikomodulation bei ASCVD-Patient/-innen untersucht (7, 11). Methotrexat zeigte jedoch weder lipidsenkende noch inflammationshemmende Effekte in Studien und brachte keinen kardiovaskulƤren Vorteil. Im Cardiovascular Inflammation Reduction Trial führte eine niedrig dosierte Methotrexat-Therapie (Zieldosis 15–20 mg einmal wƶchentlich) bei 4786 Patient/-innen mit zurückliegendem Myokardinfarkt oder koronarer MehrgefƤsserkrankung sowie zusƤtzlichem Diabetes mellitus oder metabolischem Syndrom nicht zu einer Reduktion des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulƤrem Tod, nicht-tƶdlichem Myokardinfarkt, nicht-tƶdlichem Schlaganfall oder revaskularisierenden Massnahmen aufgrund instabiler Angina pectoris (11). Die Studie musste vorzeitig (mittlere Nachbeobachtungszeit 2.3 Jahre) wegen fehlender Wirksamkeit beendet werden (11). Schlussendlich kƶnnte diese Erkenntnis hinweisend sein, dass eine zielgerichtete Immunmodulation – beispielsweise durch IL-1 oder IL-6 Hemmung – gegenüber einer unspezifischen Immunmodulation, wie mit Methotrexat, vielversprechender bei ASCVD-Patient/-innen sein kƶnnte (11).

Sicherheit von antiinflammatorischen Therapien

Im Allgemeinen gilt es anzumerken, dass sämtliche etablierten und in Erprobung stehenden antiinflammatorischen Pharmazeutika für Patient/-innen mit atherosklerotischen Erkrankungen weitreichende Nebenwirkungen zur Folge haben können, welche im direkten Zusammenhang mit der Inhibition des Immunsystems stehen. Hervorzuheben ist hier das Risiko für opportunistische Infektionen (z.B. unter IL-1β-Blockade) (4, 6).
Unter Therapie mit Colchizin treten hƤufig gastrointestinale Nebenwirkungen (~10 %), wie Diarrhƶ und Nausea auf, welche regelmƤssig zu einem frühzeitigen Absetzen des Medikaments führen. Weiter ist auch das Risiko für die Entwicklung von Myopathien (v.a. bei Interaktionen/Niereninsuffizienz) erhƶht (4, 8).

Es ist auch wichtig zu beachten, dass Colchizin ein Substrat von CYP3A4 und P-Glykoprotein (P-GP) ist und somit mit einer beachtlichen Zahl von Medikamenten, u. a. mit Makroliden, Azolen und bestimmten Kalziumantagonisten, direkt interagieren kann (8). Patient/-innen im fertilen Alter sollten auf mƶgliche teratogene Effekte von Colchizin hingewiesen werden.

Generell besteht ein gewisser Respekt vor weitreichenden Off-target-Effekten bei der langfristigen Entzündungshemmung mit den aktuellen und in Erprobung stehenden Therapien (5). Grundsätzlich möchte man eine systemische Immunsuppression vermeiden, und lediglich eine gezielte Modulation der Inflammation mittels niedrig-dosierter pharmakologischer Strategien erreichen (5).

Zukunftsperspektiven und offene Fragen

Es ist zu erwarten, dass der klinische Stellenwert von Inflammation in der kardiovaskulären Risikostratifikation und im Management von ASCVD-Patient/-innen in naher Zukunft weiter zunimmt. Grund hierfür ist die stetig wachsende Evidenzlage, welche die Bedeutung entzündlicher Prozesse nicht nur als Risikofaktor, sondern auch als potenzielles therapeutisches Ziel aufzeigt.

Neben der routinemƤssigen Bestimmung des Lipidprofils – inklusive Lipoprotein(a) – werden zunehmend auch sensitive inflammatorische Biomarker wie hs-CRP und IL-6 in die klinische Ā­Praxis Einzug halten (4). Darüber hinaus kƶnnten molekular-genetische Tests sowie hochauflƶsende bildgebende Verfahren (z. B. PET-CT zur Identifikation entzündlich aktiver Hochrisiko-Plaques) eine zunehmend wichtige Rolle in der individuellen RisikoabschƤtzung spielen.

Auch therapeutisch rückt die Inflammationsmodulation stƤrker in den Fokus. Derzeit befinden sich mehrere Substanzen, die gezielt entzündliche Signalwege adressieren, in klinischer Erprobung – teils in frühen Phasen, teils bereits in Phase III (4). Tab. 1 gibt einen Überblick über die wichtigsten abgeschlossenen und laufenden Studien. Untersucht werden unter anderem Interventionen gegen die IL-1-, IL-6- und TNF-Signalwege sowie Inhibitoren des NLRP3-Inflammasoms.

Kombinierte TherapieansƤtze, die sowohl das Lipidprofil verbessern als auch inflammatorische Prozesse gezielt modulieren, kƶnnten synergistische Effekte erzielen und das kardiovaskulƤre Risiko bei atherosklerotischen Erkrankungen signifikant senken. Hierfür sind jedoch umfangreichere klinische Daten erforderlich. Zudem sind bei neuen antiinflammatorischen Therapien insbesondere Langzeitdaten essenziell, um die Sicherheit über mehrere Jahre hinweg beurteilen zu kƶnnen. Dabei müssen potenzielle Risiken – wie eine erhƶhte AnfƤlligkeit für opportunistische Infektionen oder die Entstehung von Malignomen – sorgfƤltig evaluiert werden, bevor ein breiter klinischer Einsatz erfolgen kann.

Nicht zuletzt wird auch der Kosten-Nutzen-Faktor massgeblich (4) entscheiden, ob und in welchem Umfang sich neue Medikamente zur Inhibition inflammatorischer Signalwege in der Therapie der Atherosklerose etablieren kƶnnen. Die Abb. 2 fasst zusammen, wie im klinischen Alltag das residuale inflammatorische Risiko (RIR) zu erfassen ist und entsprechend therapeutische Massnahmen ergriffen werden kƶnnen.

Fazit

Chronische Inflammation ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten der Atherosklerose. Insgesamt stellt Entzündung ein zunehmend mehr beachtetes therapeutisches Ziel bei atherosklerotisch bedingten kardiovaskulƤren Erkrankungen (ASCVD) dar. In der Klinik kann die Bestimmung inflammatorischer Biomarker – wie hs-CRP und IL-6 – hilfreich sein, um das residuale inflammatorische Risiko (RIR) abzuschƤtzen und die Risikostratifikation bei ASCVD Patient/-innen zu verbessern.

Klinische Studien haben gezeigt, dass eine gezielte Entzündungshemmung – insbesondere mit Canakinumab und Colchizin – das Risiko für kardiovaskulƤre Ereignisse bei Atherosklerose, zumindest im chronischen Krankheitsstadium, unabhƤngig von lipidsenkenden Massnahmen reduzieren kann. Bisher kann einzig der Einsatz von niedrig dosiertem Colchizin (0,5 mg/Tag) bei auserwƤhlten Hochrisiko-ASCVD-Patient/-innen in ErwƤgung gezogen werden – vorausgesetzt, eine optimale Behandlung der übrigen Risikofaktoren ist sichergestellt, und es gibt Anhaltspunkte für ein erhƶhtes inflammatorisches Risiko. Eine sorgfƤltige AufklƤrung und engmaschige Überwachung dieser Patient/-innen ist jedoch unerlƤsslich. Zukunftsweisend kƶnnten personalisierte Behandlungsstrategien sein, die eine Kombination aus lipidsenkender und entzündungshemmender Therapie verfolgen.

Abkürzungsverzeichnis
ACS Akutes Koronarsyndrom
ASCVD Atherosklerotische kardiovaskulƤre Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease)
Hs-CRP hochsensitives C-reaktives Protein
ICAM-1 Intercellular Adhesion Molecule 1
IL-1 Interleukin-1
IL-6 Interleukin-6
Lp-PLA2 Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2
MI Myokardinfarkt
oxLDL oxidiertes Low-Density-Lipoprotein
TNF- Tumornekrosefaktor-α
RIR Residuales inflammatorisches Risiko (engl. Residual Inflammatory Risk)
VCAM-1 Vascular Cell Adhesion Molecule 1

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Matthias Bossard

– Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern
- FakultƤt für Gesundheitswissenschaften und Medizin
UniversitƤt Luzern
Frohburgstrasse 3
6002 Luzern

Dr. med. Urs Jeker

Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern

Funding: Die Autoren erhielten für diese Arbeit keine finanzielle Unterstützung.
Disclosures: MB hat Beratungs- und Vortragshonorare von Abbott Vascular, Abiomed/ J&J MedTech, Amgen, Astra Zeneca, Bayer, Biosensors, Cordis, Daichii, MedAlliance, Novartis, NovoNordisk, OM Pharma, SIS Medical und Vifor erhalten.

1. Ajoolabady A, Pratico D, Lin L, Mantzoros CS, Bahijri S, Tuomilehto J, et al. Inflammation in atherosclerosis: pathophysiology and mechanisms. Cell Death Dis. 2024;15(11):817. Epub 20241111. doi: 10.1038/s41419-024-07166-8. PubMed PMID: 39528464; PubMed Central PMCID: PMC11555284.
2. Zubiran R, Neufeld EB, Dasseux A, Remaley AT, Sorokin AV. Recent Advances in Targeted Management of Inflammation In Atherosclerosis: A Narrative Review. Cardiol Ther. 2024;13(3):465-91. Epub 20240720. doi: 10.1007/s40119-024-00376-3. PubMed PMID: 39031302; PubMed Central PMCID: PMC11333429.
3. Nielsen RV, Fuster V, Bundgaard H, Fuster JJ, Johri AM, Kofoed KF, et al. Personalized Intervention Based on Early Detection of Atherosclerosis: JACC State-of-the-Art Review. Journal of the American College of Cardiology. 2024;83(21):2112-27. doi: 10.1016/j.jacc.2024.02.053. PubMed PMID: 38777513.
4. Mensah GA, Arnold N, Prabhu SD, Ridker PM, Welty FK. Inflammation and Cardiovascular Disease: 2025 ACC Scientific Statement: A Report of the American College of Cardiology. Journal of the American College of Cardiology. 2025. Epub 20250929. doi: 10.1016/j.jacc.2025.08.047. PubMed PMID: 41020749.
5. Finocchiaro S, Mazzone PM, Ammirabile N, Bordonaro C, Cusmano C, Cutore L, et al. Anti-inflammatory pharmacotherapy in patients with cardiovascular disease. Eur Heart J Cardiovasc Pharmacother. 2025. Epub 20250819. doi: 10.1093/ehjcvp/pvaf058. PubMed PMID: 40828623.
6. Ridker PM, Everett BM, Thuren T, MacFadyen JG, Chang WH, Ballantyne C, et al. Antiinflammatory Therapy with Canakinumab for Atherosclerotic Disease. The New England journal of medicine. 2017;377(12):1119-31. Epub 20170827. doi: 10.1056/NEJMoa1707914. PubMed PMID: 28845751.
7. Vrints C, Andreotti F, Koskinas KC, Rossello X, Adamo M, Ainslie J, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. European heart journal. 2024;45(36):3415-537. doi: 10.1093/eurheartj/ehae177. PubMed PMID: 39210710.
8. Madanchi M, Young M, Tersalvi G, Maria Cioffi G, Attinger-Toller A, Cuculi F, et al. The impact of colchicine on patients with acute and chronic coronary artery disease. European journal of internal medicine. 2024;125:1-9. Epub 20240118. doi: 10.1016/j.ejim.2024.01.004. PubMed PMID: 38238134.
9. d’Entremont MA, Poorthuis MHF, Fiolet ATL, Amarenco P, Boczar KE, Buysschaert I, et al. Colchicine for secondary prevention of vascular events: a meta-analysis of trials. European heart journal. 2025;46(26):2564-75. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf210. PubMed PMID: 40314334.
10. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, Barbato E, Berry C, Chieffo A, et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. European heart journal. 2023;44(38):3720-826. doi: 10.1093/eurheartj/ehad191. PubMed PMID: 37622654.
11. Ridker PM, Everett BM, Pradhan A, MacFadyen JG, Solomon DH, Zaharris E, et al. Low-Dose Methotrexate for the Prevention of Atherosclerotic Events. The New England journal of medicine. 2019;380(8):752-62. Epub 20181110. doi: 10.1056/NEJMoa1809798. PubMed PMID: 30415610; PubMed Central PMCID: PMC6587584.
12. Tardif JC, Kouz S, Waters DD, Bertrand OF, Diaz R, Maggioni AP, et al. Efficacy and Safety of Low-Dose Colchicine after Myocardial Infarction. The New England journal of medicine. 2019;381(26):2497-505. Epub 2019/11/17. doi: 10.1056/NEJMoa1912388. PubMed PMID: 31733140.
13. Nidorf SM, Fiolet ATL, Mosterd A, Eikelboom JW, Schut A, Opstal TSJ, et al. Colchicine in Patients with Chronic Coronary Disease. The New England journal of medicine. 2020;383(19):1838-47. Epub 20200831. doi: 10.1056/NEJMoa2021372. PubMed PMID: 32865380.
14. Jolly SS, d’Entremont MA, Lee SF, Mian R, Tyrwhitt J, Kedev S, et al. Colchicine in Acute Myocardial Infarction. The New England journal of medicine. 2025;392(7):633-42. Epub 20241117. doi: 10.1056/NEJMoa2405922. PubMed PMID: 39555823.

Fünfundzwanzig Jahre Diabetologie am USZ – Abschied von Prof. Roger Lehmann

Am 19. Dezember nahmen zahlreiche Kolleginnen, Kollegen, Wegbegleiter und viele ehemalige und derzeitige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Abschied von Prof. Roger Lehmann in einem bestens gefüllten grossen Hörsaal.
Gleichzeitig wurde die Labhart-Schwyzer-Medaille an Prof. Giatgen Spinas verliehen.

Würdigung von Prof. Roger Lehmann und seinem Lebenswerk am USZ

Im Mittelpunkt des Abends stand der Abschied von Prof. Roger Lehmann, der nach 25 Jahren am Universitätsspital Zürich eine zentrale klinische, akademische und organisatorische Rolle in der Diabetologie und Transplantationsmedizin innehatte. Sein Engagement für die Weiterentwicklung der Inselzelltransplantation, seine langjährige Tätigkeit als Forscher, Kliniker und Mentor sowie seine national und international anerkannte Expertise im Bereich Diabetes und Transplantationsmedizin wurden von zahlreichen Rednerinnen und Rednern hervorgehoben. Auch sein Wirken als Mitglied verschiedener Fachgesellschaften und als Editor wissenschaftlicher Zeitschriften fand besondere Erwähnung.

Akademischer Rückblick, Fachvorträge und Ausklang des Abends

Nach der Begrüssung und der Verleihung des Labhart-Schwyzer Stipendiums an Dr. David Colameo führte Prof. Felix Beuschlein in den akademischen Teil über. Der Festvortrag von Prof. Giatgen Spinas («Serendipity. Die Entwicklung der Endokrinologie am USZ») bot einen historischen und zugleich sehr persönlichen Rückblick auf die Entwicklung der Endokrinologie und Diabetologie am USZ. Es folgten Vorträge u. a. von Prof. Peter Wiesli, Prof. Michael Brändle, Dr. Richard Züllig, Prof. Philipp Gerber und Prof. Barbara Ludwig, die Aspekte von Lifestyle-Medizin über moderne Diabetesklassifikation bis zu translationalen Konzepten der Inselzelltherapie beleuchteten. Die Vorträge werden in einer späteren Ausgaben der «info@herz+gefäss» veröffentlicht werden.

Der Anlass klang in einem Apéro riche aus, der Gelegenheit für regen Austausch, persönliche Würdigungen und viele gemeinsame Erinnerungen bot.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Welche HerzgerƤusche geben Anlass zur Besorgnis?

In einer alternden, medizinisch gut versorgten Bevölkerung findet man einen linearen Anstieg von Herzklappenerkrankungen. Diese werden immer noch zu selten diagnostiziert und behandelt. Seit 210 Jahren haben wir das Stethoskop zur Diagnose und Differenzierung von Herzgeräuschen. Ende letztes Jahrhundert wurde der Auskultation neben der Inspektion, Palpation und Perkussion noch grosse Bedeutung beigemessen und unzählige Publikationen und Fachbücher veröffentlicht. Mit der zunehmenden Verbreitung der Echokardiographie fehlt heute leider bei vielen Medizinern das Interesse an und die Expertise für diese wichtige klinische Untersuchungsmethode. Daher ist diese grosse Bevölkerungsstudie besonders interessant.

Die Herzauskultation (hier elektronisch verstƤrkte Aufzeichnungen an vier Lokalisationen) durch drei Allgemeinmediziner und einen Kardiologen ergab in einer norwegischen Bevƶlkerungsstudie von 2015-2016 mit 2131 Probanden ≄40 Jahre (durchschnittlich 64 Jahre, 54% Frauen) bei fast einem Viertel aller Personen (23%) ein HerzgerƤusch. ZusƤtzlich lag bei allen eine Echokardiographie vor (1). Etwa eine von fünf Personen (19%) hatte im Echo eine oder mehrere relevante Herzklappen-erkrankung(en) (HKE: milde bis schwere AS 45x, moderate bis schwere MI 286x, AI 148x, MS 3x; 79x >1Klappe). Die Auskultation wies bei einem deutlichen Systolikum eine hohe SpezifitƤt, aber eine begrenzte SensitivitƤt (35,5%) für die Diagnose einer HKE auf. Die einzige Klappenerkrankung, bei der die Auskultation eines Systolikums eine hohe SensitivitƤt von 100% aufwies, war die Aortenklappen-stenose. Eine limitierte SensitivitƤt fand man bei einer AI (43%) und bei einer MI (29%). Ein Diastolikum wurde nur in neun FƤllen einer AI registriert – dann besteht eine sehr hohe SpezifitƤt. In vielen FƤllen sind HerzgerƤusche aber benigne (akzidentell/funktionell) und nicht mit einer HKE assoziiert.

MƤnnliches Geschlecht, hƶheres Alter (≄70 Jahre), und ein früherer Myokardinfarkt erhƶhten deutlich die Wahrscheinlichkeit (OR: 3,3; 2,0; 2,3) einer HKE bei Personen mit einem HerzgerƤusch – PPV 67%. Bei einer Frau <70 Jahre ohne Myokardinfarkt in der Anamnese besteht ein PPV (positiver prƤdiktiver Wert) von lediglich 10% für eine HKE. Frauen hatten in dieser Studie mehr HerzgerƤusche als MƤnner.

Die Herz-Auskultation kann laut der Erstautorin ein wertvoller und auch kosteneffektiver erster Schritt sein, speziell bei einer AS, diese sollte jedoch bei Personen mit hohem Risiko für eine HKE durch eine Echokardiographie ergänzt werden.

So können auch das Interesse an und die Expertise für die körperliche Untersuchung verbessert werden. Sekundär ist die multimodale Bildgebung heute unverzichtbar für die Diagnose und Behandlung von Herzklappenerkrankungen, insbesondere für die Beurteilung der Pathophysiologie und des Schweregrads (2-5).

Dr. med. Urs N. Dürst

Zelglistrasse 17
8127 Forch

u.n.duerst@ggaweb.ch

1. Davidsen AH, et al. Heart 2025;0:1–8. doi:10.1136/heartjnl-2024-325499
2. Narula J et al., Time to Add a Fifth Pillar to Bedside Physical Examination: Inspection, Palpation, Percussion, Auscultation, and Insonation. JAMA Cardiol 2018;3:346–350 doi:10.1001/jamacardio.2018.000
3. MSD-Manual, https://www.msdmanuals.com/de/profi/herz-kreislauf-krankheiten/untersuchung-des-herzpatienten/auskultation-des-herzens
4. Franke P, Allgemeine und spezielle Auskultation des Herzens, J.F. Bergmann Verlag München 1984
5. Praz F et al., 2025 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease, European Heart Journal (2025) 46, 4635–4736 https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf194