Die aktuelle COVIDā19āPandemie stellt eine grosse Herausforderung von unbekannter Dauer dar, in der mƶglicherweise Hunderttausende von Menschen erkranken, einige davon kritisch, und mehrere Tausende sterben kƶnnten. Diejenigen, die alt oder gebrechlich sind und/oder an einer chronischen oder schweren Grunderkrankung leiden, sind durch das neue Coronavirus am stƤrksten gefƤhrdet (1).
Die Palliativmedizin umfasst die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und/oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. Sie wird vorausschauend miteinbezogen; ihr Schwerpunkt der Anwendung liegt in der Zeitspanne, in der die Heilung der Krankheit als nicht mehr mƶglich erachtet wird und deshalb kein primƤres Ziel mehr darstellt. Patientinnen und Patienten wird eine ihrer Situation angepasste optimale LebensqualitƤt bis zum Tode gewƤhrleistet, indem man versucht Leiden und Komplikationen vorzubeugen (2).
Die Palliativmedizin versteht sich dabei als eine Haltung, welche die Grenzen der Medizin anerkennt und sich dem Sterben des Patienten und dem hƤufig anklingenden Gefühl der Hilflosigkeit stellt (3). Palliativversorgung ist dabei in einem breiten Spektrum von Bereichen der Gesundheitsversorgung durchführbar, vom Spital der Maximalversorgung bis hin zur medizinisch-ambulanten Grundversorgung. Alle in der Gesundheitsversorgung BeschƤftigten sollten eine angemessene Palliativversorgung anbieten kƶnnen, dies ist gerade in einer drohenden Krise besonders wichtig. Sie müssen daher kontinuierlich aus- und weitergebildet werden, um entsprechendes Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen zu erlangen. Nur so ist es mƶglich, den herausfordernden Bedürfnissen der Patienten und ihrer Familien gerecht zu werden und ā unabhƤngig von der zugrundeliegenden Diagnose ā den hƶchstmƶglichen Versorgungsstandard zu erreichen (4).
Offene und angemessene Kommunikation
Aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie werden die Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen mit einer Vielzahl von schwierigen Gesprächssituationen konfrontiert, für die manche von ihnen geschult sind, andere nicht. Ungenügende kommunikative Fähigkeiten von Gesundheitsfachpersonen können nicht selten zur Vermeidung emotional belastender Diskussionen mit schwer erkrankten Patienten führen (5).
Die Begleitung sterbender Menschen und ihres sozialen Umfelds erfordert dabei Empathie, Feingefühl und Intuition. Darüber hinaus sollten Ćrzte und Pflegefachpersonen wissen, welche Mƶglichkeiten der Kommunikation sich ihnen bieten. Studien haben dabei gezeigt, dass diese besonderen Kompetenzen in speziellen Kommunikationsseminaren geschult werden kƶnnen (6), was letztlich zu mehr Selbstsicherheit im Umgang mit Patienten und einer hƶheren Zufriedenheit mit dem eigenen Beruf führt (7) ā alles wichtige Faktoren in der Prophylaxe von Ćberforderung und Burnout, was speziell im Berufsbild des Arztes eine Gefahr ist. In der Ausbildung haben sich dazu interprofessionelle Kurskonzepte besonders bewƤhrt (z.B. mit Ćrzten und Pflegefachpersonen) (8).
Die aktuellen Erfahrungen in Italien haben gezeigt (9), dass medizinische Rationierungsentscheidungen erforderlich sein können. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) haben daher am 20. März 2020 gemeinsame Richtlinien für Triage-Entscheidungen hinsichtlich Aufnahme und Verbleib auf Intensivstationen veröffentlicht, deren jeweils aktuelle Fassung online verfügbar ist: www.samw.ch/corona.
Folgende Probleme kommen mƶglicherweise auf uns zu oder haben uns bereits erreicht:
- Familienangehƶrigen und BevollmƤchtigten ist es untersagt, akut kranke Spitalpatienten und chronische Langzeitpflegebedürftige in Pflegeeinrichtungen zu besuchen. Um unerwünschte Spitalaufenthalte und Intensivbehandlungen zu vermeiden, ist es von grƶsster Bedeutung, die PrƤferenzen der Patienten in einem Notfalldokument (z.B. die Schweizer Version der Ćrztlichen Notfallanordnung, ĆNO) klar zu ergründen und zu dokumentieren. Dabei ist es wichtig, die Wünsche der Patienten zu dokumentieren und die Dokumente für eine akute Situation verfügbar zu machen (10).
- Die Betreuung von Schwerstkranken oder Sterbenden fordert vom gesamten Behandlungsteam ein grosses Engagement ab. Personen, welche im palliativen Bereich tätig sind, sind fortlaufend belastenden Situationen ausgesetzt. Dies kann dazu führen, dass ein Missverhältnis zwischen Kraft und Last entsteht, was wiederum die Anfälligkeit auf Krankheiten und Ineffizienz in einem Team erhöht. Andere Fachpersonen werden vielleicht nach Hause geschickt, um zwei Wochen in Zwangs-Quarantäne zu verbringen, obwohl sie wissen, dass ihre Patienten und Kollegen sie brauchen. Moralische Bedrängnis, Trauer und Frustration werden Nerven und Beziehungen zerreissen. Geistige und spirituelle Betreuung, Teamunterstützung und Anleitung zur Selbstpflege werden mehr denn je im Zentrum stehen.
Schwierige GesprƤche in Krisensituationen und am Lebensende
Gerade junge Kollegen sind mit dieser Art von GesprƤchen oftmals überfordert. Auch wenn es schwierig ist, für die individuellen Situationen kommunikative Standards zu benennen, gibt es Kompetenzen, die erworben werden kƶnnen, um das Wohl des Patienten und seiner Angehƶrigen in diesen schwierigen Situationen zu unterstützen (12 – 14). Hierzu ist jedoch ein interprofessionelles Vorgehen wichtig. Nur eine gute Abstimmung und ein enger Austausch zwischen Ćrzten und Pflegenden im AufklƤrungsprozess kann das Risiko widersprüchlicher Aussagen verringern (Tab.ā1). Eine der dabei bekanntesten Kommunikationsstrategien ist das sog. SPIKESāProtokoll (15). Dieses leicht zu merkende englische Akronym stellt strukturierte Schritte zur Ćberbringung schlechter Nachrichten dar. Deren Umsetzung im GesprƤch muss geübt werden und kann ā mit etwas Erfahrung ā die eigene KommunikationsfƤhigkeit in schwierigen Situationen massgeblich verbessern. Dabei kƶnnen folgende Punkte von besonderer Wichtigkeit sein:
⢠Setting
Planen Sie genügend Zeit für ein AufklƤrungsgesprƤch ein und informieren Sie sich über die relevanten Fakten zur Krankheit und zum Patienten. WƤhlen Sie dafür einen geeigneten Ort für das GesprƤch (z.B. separater Raum, Ruhe, kein Telefon, ausreichend Sitzgelegenheiten) und klƤren Sie, wer ausser dem Patienten am GesprƤch teilnehmen soll (z.B. Pflegefachperson, Partner, Kinder). Neben diesen eher formalen Kriterien ist es jedoch auch wichtig, sich selbst emotional auf das schwierige GesprƤch vorzubereiten. Eine kürzlich im JAMA erschiene Ćbersichtsarbeit hat diesbezüglich unterschiedliche evidenz- und erfahrungsbasierte Praktiken beschrieben, die dem Kliniker helfen sollen, sich vor bzw. wƤhrend eines wichtigen GesprƤchs aufmerksam und sensibel zu verhalten (16).
⢠Perception
Hier geht es um die Einschätzung der Patientenwahrnehmung bzw. um den Wissensstand des Patienten. Ohne zu wissen wo die «Baseline» des Patienten ist, ist ein Gespräch auf «Augenhöhe» nicht möglich!
⢠Knowledge
Führen Sie schrittweise zu der Nachricht hin, z.B. indem Sie die bisherigen Untersuchungen zusammenfassen. Nennen Sie den Namen der Krankheit und beschreiben Sie diese in verstƤndlicher Sprache. Kündigen Sie die schlechte Nachricht ggf. durch eine Ā«WarnungĀ» an und lassen Sie dem Patienten ausreichend Zeit, die Nachricht aufzunehmen. Dabei gibt der Patient ganz klar das Tempo vor (17). Lassen Sie sich daher von dem leiten, was der Patient besprechen mƶchte, und passen Sie ihre Themen daran an. Dem Credo folgend Ā«Es ist nicht wichtig was der Arzt sagt, sondern was der Patient verstanden hat!Ā» vergewissern Sie sich durch Rückfragen, ob der Patient Sie verstanden hat (17). Die Prognose von Ćberlebenszeit stellt ein sehr herausforderndes und ethisch empfindliches Thema im Rahmen des Umgangs mit schwer kranken und sterbenden Menschen dar. Hierzu sind in Tab. 2 einige Hilfestellungen aufgeführt. Ein Leitfaden für eine COVID-19 kompatible Kommunikation basierend auf der VitalTalk-Open-Source ist aktuell von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ins Deutsche übersetzt worden (11,ā18) (Tab.ā2).
⢠Emotions
Achten Sie auf die Reaktionen und Emotionen des Patienten und gehen Sie empathisch darauf ein, indem Sie das vermutete Gefühl des Patienten in Form einer Frage ansprechen bzw. spiegeln. Melden Sie beim Patienten beobachtete nonverbale Reaktionen zurück, ohne sie zu interpretieren (Tab. 2). Emotionen wie Schock, Trauer, Wut, Rückzug und Vermeidung muss Raum gegeben und Beachtung entgegengebracht werden, sie dürfen und sollen angesprochen werden. Erfahrungsgemäss unterbinden starke negative Emotionen die Informationsverarbeitung der Aufklärung, sodass Patienten nachträglich berichten, nicht aufgeklärt worden zu sein.
⢠Summary
Wiederholen Sie wichtige Aspekte und fassen Sie diese zusammen. Bitten Sie Ihrerseits den Patienten um eine Zusammenfassung (Tab. 2). Ihr Patient wird es dabei schƤtzen, wenn Sie Ihm stichpunktartig die wesentlichsten Dinge des GesprƤches notieren (zeitgleich ermƶglicht dies Ihnen, sich wƤhrend des Schreibens nochmals Gedanken zu machen!). Weisen Sie ggf. auf Unterstützungsmƶglichkeiten hin (z. B. Psychologe, Selbsthilfegruppeā¦) und planen Sie einen Termin für ein nƤchstes GesprƤch bzw. die nƤchsten Schritte, ohne dabei einen Ansprechpartner für Nachfragen zu vergessen. Nach dem GesprƤch ist es wichtig, sich selbst einen Moment der Ruhe und Reflexion zu gƶnnen, um auch im eigenen Gleichgewicht zu bleiben. Ein schƶnes Ritual hierfür kann (wie VOR dem GesprƤch) zum Beispiel das HƤndewaschen sein, in dem man nochmals für einen Moment innehƤlt und reflektiert (16).
UrteilsfƤhigkeit
Bei geriatrischen, polymorbiden Patienten kann es oft zu einer Einschränkung der Urteilsfähigkeit kommen. Die Frage, wie Urteilsfähigkeit am besten evaluiert werden soll, ist Gegenstand kontroverser Diskussionen (19). Angehörige sind oftmals wichtige Auskunftspersonen, um den (mutmasslichen) Willen der urteilsunfähigen Patienten zu eruieren, sie übernehmen aber auch Vertretungsfunktionen, wenn der Patient selbst nicht mehr entscheiden kann. In Anlehnung an die in den USA gängigen Voraussetzungen definiert die SAMW die folgenden Kriterien für eine Urteilsfähigkeit (20):
- Die FƤhigkeit, Informationen in Bezug auf die zu fƤllende Entscheidung zu verstehen.
- Die FƤhigkeit, die Situation und die Konsequenzen, die sich aus alternativen Mƶglichkeiten ergeben, richtig abzuwƤgen.
- Die FƤhigkeit, die erhaltenen Informationen im Kontext eines kohƤrenten Wertesystems rational zu gewichten.
- Die FƤhigkeit, die eigene Wahl zu Ƥussern.
Im klinischen Alltag sollte man dabei eine situative und zeitliche Relativität von Urteilsfähigkeit beachten. So kann auf der einen Seite eine Person als urteilsunfähig erachtet werden, wenn es um schwerwiegende medizinische Entscheidungen geht, zeitgleich ist es aber durchaus möglich, dass für alltägliche Entscheidungen wie zum Beispiel der Ernährung oder Körperpflege eine Urteilsfähigkeit besteht (situative Relativität). Auf der anderen Seite gilt die Beurteilung der Urteilsfähigkeit immer nur für einen bestimmten Zeitpunkt, da die relevanten psychischen Fähigkeiten zum Beispiel im Rahmen eines Deliriums stark fluktuieren können (zeitliche Relativität). Es ist daher notwendig, die Urteilsfähigkeit periodisch zu reevaluieren (20). Eine Einschränkung der Urteilsfähigkeit soll aber nicht dazu führen, dass die Behandler nicht mit dem Patienten sprechen!
Delirium
Neben eingeschrƤnkter UrteilsfƤhigkeit ist speziell das Delirium bei terminalen Patienten oftmals eine Herausforderung für alle Beteiligten. Der Begriff des Deliriums umschreibt ein neuropsychiatrisches Syndrom. Dieses definiert sich als Stƶrung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit, einhergehend mit BeeintrƤchtigungen kognitiver Funktionen und WahrnehmungsverƤnderungen, die typischerweise innerhalb weniger Stunden oder Tage auftreten und wƤhrend des Tagesverlaufs fluktuieren. Dabei soll die stƤrkste AusprƤgung eines Symptoms zur Bewertung herangezogen werden (21,ā22).
In der Palliativmedizin kann ein Delirium oftmals mit intensivem TrƤumen oder visionƤrem Erleben in TodesnƤhe verwechselt werden. Studien zeigen, dass mindestens 30 – 36% der Sterbenden, die von den befragten Personen begleitet wurden, solche Erlebnisse hatten (23). Das Bilderleben in TodesnƤhe kennt dabei verschiedene Formen. Zu unterscheiden ist zwischen jenen Erlebnisformen, die den Sterbeprozess begleiten, und solchen, die von Menschen berichtet werden, die sich vorübergehend in akuter TodesnƤhe befanden. Typisch für das Bilderleben am Lebensende sind Traum- und Wachvisionen. WƤhrend Patienten im Delirium oft verƤngstigt und misstrauisch sind, werden diese intensiven TrƤume oft als Ressource erlebt. Im Sinne einer patientenzentrierten Fürsorge bedarf es hierzu einer unvoreingenommenen und sorgsamen Validation z.B. durch die Kollegen der Spiritual Care (24). In dieser Situation ist es besonders wichtig, nicht mit Medikamenten zu reagieren.
Im Jahr 2017 wurden die bis heute einzigen zwei randomisiert-kontrollierten Studien zur Pharmakotherapie eines Deliriums in der Palliativmedizin durchgeführt. Eine Schweizer Expertengruppe aus unterschiedlichen Fachbereichen (Palliativmedizin, Psychiatrie, Geriatrie) hat sich in einer Ćbersichtsarbeit kritisch mit den beiden Studien auseinandergesetzt und Handlungsempfehlungen entworfen (21).
An erster Stelle steht die Identifikation von Patienten mit einem erhƶhten Risikoprofil mittels entsprechender Screening Methoden (z.B. Delirium Observational Screening Scale). An zweiter Stelle stehen die nicht-pharmakologischen Massnahmen. Inouye et al. konnten zeigen, dass rein pflegerische Massnahmen die Delirentstehungsrate und -dauer um ein Drittel senken (26). An dritter Stelle steht die PrƤvention, Identifizierung und Behandlung des Auslƶsers (Kausaltherapie), wie z.B. die Fiebersenkung oder die effektive Schmerzbehandlung. Sollten diese Schritte nicht ausreichen, so ist eine adƤquate antipsychotische Begleittherapie mit Neuroleptika unumgƤnglich. Soweit es sich nicht um Entzugsdelirien handelt, sollte auf die Gabe von Benzodiazepinen zugunsten von Neuroleptika/atypischen Neuroleptika verzichtet werden (21).
Symptomkontrolle
UnabhƤngig vom Behandlungsziel in Bezug auf die Lebensdauer ist eine ausreichende Symptomtherapie für die LebensqualitƤt des Patienten von entscheidender Bedeutung. Die interprofessionelle Behandlung und Begleitung konzentrieren sich dabei auf die Linderung belastender Symptome physischer, psychischer, sozialer und spiritueller Natur und die bestmƶgliche Erhaltung der LebensqualitƤt. Da insbesondere Ƥltere multimorbide Patienten gefƤhrdet sind, hat die Fachgesellschaft Palliative Geriatrie Behandlungsempfehlungen für die hƤufigsten zu erwartenden Symptome im ambulanten Setting herausgegeben (Tab. 3) (10). Für weiterführende Informationen rund um den Covid-19 Virus hat die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Betreuung (palliative ch) die Task Force Ā«Fokus CoronaĀ» mit Vertreterinnen und Vertretern aus den Fachgruppen Ćrztinnen und Ćrzte, Pflege und Seelsorge ins Leben gerufen und entsprechende Guidelines erarbeitet, die online verfügbar sind (26).
Oberarzt meV Kompetenzzentrum Palliative Care
UniversitätsSpital Zürich
Klinik für Radio-Onkologie
RƤmistrasse 100
8091 Zürich
david.blum@usz.ch
Chefarzt Geriatrie
Stv. Leiter Department Innere Medizin
5017 Barmelweid
mathias.schloegl@barmelweid.ch
Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Beitrag keine Interessenskonflikte deklariert.
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