In der Schweiz erkranken ca. 570 Menschen pro Jahr an einem Multiplen Myelom oder einem Plasmozytom. Männer erkranken etwas häufiger als Frauen, über die Hälfte der Patienten sind älter als 70 Jahre. Bei Erstdiagnose sind neben der Anämie (73%) ossäre Manifestationen am häufigsten: 70% der Patienten haben Osteolysen, 26% pathologische Frakturen, 22% Kompressionsfrakturen, 23% eine Osteoporose und nur 21% haben einen unauffälligen ossären Befund (1). Im Verlauf der Erkrankung treten bei ca. 80% der Patienten Osteolysen auf und ca. 43% erleiden pathologische Frakturen (2). Die Behandlung und Prävention von ossären Komplikationen beim Multiplen Myelom ist daher ein wichtiger Baustein im therapeutischen Gesamtkonzept.
Das Multiple Myelom ist eine maligne hƤmatologische Erkrankung und entsteht durch eine klonale Vermehrung von Plasmazellen im Knochenmark. Nach den WHO Kriterien zƤhlen die Multiplen Myelome zu den reifen B-Zell Neoplasienā(3). Diagnostische Kriterien für das Multiple Myelom sind >ā10% klonale Plasmazellen im Knochenmark, EndorganschƤden durch das Myelom (CRAB-Kriterien; C: HyperkalzƤmie; R: Niereninsuffizienz; A:āAnƤmie; B:āā„ā1 Osteolyse im Rƶntgen, CT o. PET-CT) sowie ā„ā1 Biomarker für MalignitƤt (SLiM-Kriterien S: ā„ā60% klonale Plasmazellen im Knochenmark, Li: Leichtkettenratio ā„ā100, M:ā>ā1 Osteolyse im MRI) (4).
Osteolysen finden sich bei Erstdiagnose bei 70% der Patienten. Diese können zu Frakturen der langen Röhrenknochen oder Kompressionsfrakturen der Wirbelkörper führen. Im lebenden Knochen besteht ein Gleichgewicht zwischen physiologischem Knochen Ab- und Aufbau. Beim Myelom ist dieser Prozess durch eine vermehrte Osteoklasten- und verminderte Osteoblasten-Aktivität bei gleichzeitiger durch die Myelomzellen vermittelten Apoptose der Osteozyten und dadurch verändertem Micro-Environment im Knochenmark gestört. Dadurch kommt es zu einer Dysregulation des Knochenstoffwechsels und in der Folge zu einem Knochenabbau mit skelettalen Komplikationen (Schmerzen, Frakturen, Hyperkalzämie und Myelonkompression) (5).
Bisphosphonate sind Medikamente, die die Knochenresorption verhindern kƶnnen. Sie binden an das Hydroxyapatit des Knochens und werden mittels Endozytose durch die Osteoklasten aufgenommen. Durch intrazellulƤre Prozesse kommt es zur Apoptose der Osteoklasten (Abb.ā1). Es werden zwei Gruppen von Bisphosphonaten unterschieden ā ohne (z.B. Clodronat) und mit Aminogruppe (z.B. Pamidronat, Ibandronat). Bisphosphonate mit Aminogruppe haben eine 10- bis 100-fach hƶhere Potenz der Osteoklastenhemmung, heterozyklische Aminobisphosphonate (z.B. ZoledronsƤure) weisen eine 100- bis 10ā000-fach hƶhere Potenz auf. In der Schweiz ist beim Multiplen Myelom nur ZoledronsƤure zugelassen (Tab.ā1).
Der RANK-Ligand-Antikƶrper Denosumab (XGEVAĀ®) bindet an den RANK-Liganden und verhindert damit die Aktivierung des Osteoklasten, indem die Bindung des RANK-Liganden an RANK auf der OsteoklastenoberflƤche verhindert wird (Abb.ā1). Denosumab imitiert damit die endogene Wirkung des Osteoprotegerin (6). Der RANK-Ligand Antikƶrper ist bisher nur bei ossƤren Metastasen solider Tumore in Kombination mit einer antineoplastischen Therapie zugelassen und kassenpflichtig.
Indikation für eine osteoprotektive Therapie
Eine Therapie mit Bisphosphonaten beim Multiplen Myelom ist bei Knochenbeteiligung (ā„ā1 Osteolyse) klar indiziertā(7). Bei Patienten ohne Osteolysen ist die Evidenz nicht klar, randomisierte Studien zu dieser Fragestellung fehlen. In den ASCO-Guidelines 2018 wird vom Expertenpanel bei Patienten mit Multiplem Myelom und Osteopenie ohne Nachweis von Osteolysen eine Bisphosphonat-Gabe unterstütztā(8). In den Guidelines der International Myeloma Working Group (IMWG) ist die Bisphosphonat-Gabe für symptomatische Patienten ohne Osteolysen im konventionellen Rƶntgen eine Ā«kannĀ»-Empfehlung (IB) mit dem Hinweis, dass der Nutzen für Patienten ohne Nachweis von knƶchernen LƤsionen im MRT oder PET-CT nicht belegt istā(9). Für asymptomatische
Patienten mit Osteopenie ohne ossƤren Befall sowie für Patienten mit Smoldering Myeloma, Plasmozytom oder einem indolenten Myelom wird eine Bisphosphonat-Gabe nicht empfohlen (8,ā9).
Bisphosphonate und Multiples Myelom
Bei Patienten mit Multiplem Myelom und mindestens einer ossƤren LƤsion führt der Einsatz von Bisphosphonaten zu einer Reduktion von Schmerzen, reduziert die Gesamtzahl von Skelett bezogenen Ereignissen (SREs) und von Wirbelkƶrperfrakturen. Einzelne Studien konnten einen Ćberlebensvorteil für ZoledronsƤure im Vergleich zu keiner Therapie oder Clodronat bzw. Pamidronat zeigenā(10-13). Allerdings zeigte sich in einer grossen Meta-Analyse (Cochrane Gruppe 2017, 15 randomisiert-kontrollierte Studien, 4866 Patienten) durch den Einsatz von Bisphosphonaten keine VerlƤngerung des Gesamtüberlebens bzw. des Ćberlebens ohne Fortschreiten der Erkrankung. Eine Evidenz für die Ćberlegenheit eines Bisphosphonates für die Endpunkte: alle SREs, vertebragene Frakturen oder PFS zeigte sich ebenfalls nichtā(7). Die Dauer der Bisphosphonatgabe (2 Jahre, kontinuierliche Gabe) sowie das Intervall (alle 4 oder 12 Wochen) ist Gegenstand aktueller Diskussionen. Belastbare Daten zur Dauer der Bisphosphonatgabe liegen nicht vor. Bei der Dauer der Bisphosphonatgabe spielen vor allem der Remissionsstatus der Erkrankung sowie das Ausmass der Knochenbeteiligung eine Rolle. In den Guidelines wird eine Gabe über 2 Jahre empfohlen, im ersten Jahr alle 4 Wochen, danach kann nach individueller Entscheidung bei Erreichen einer CR eine Gabe alle 12 Wochen erwogen werden. Nach zwei Jahren kann bei gutem Ansprechen das Bisphosphonat bis zum Progress pausiert werdenā(8,ā9). Hinsichtlich des Intervalls der Bisphosphonat-Gabe konnte eine 2017 publizierte Studie zeigen, dass die Gabe von ZoledronsƤure alle 12 Wochen der Gabe alle 4 Wochen bei Patienten mit Prostatakarzinom, Mammakarzinom oder mit Multiplem Myelom nicht unterlegen ist (14). Bei einer schweren Niereninsuffizienz mit einer Kreatinin-Clearance <ā30āml/min sollen Bisphosphonate nicht eingesetzt werden.
Denosumab und Multiples Myelom
Der RANK-Ligand Antikƶrper Denosumab ist in der Schweiz für das Multiple Myelom noch nicht zugelassen. Das liegt zum Teil daran, dass eine ad hoc Subgruppenanalyse bei Patienten mit Multiplem Myelom in der Zulassungsstudie (Henry et.al (14): Denosumab versus ZoledronsƤure bei Pat. mit soliden Tumoren und Myelom) einen Ćberlebensvorteil in der ZoledronsƤuregruppe gezeigt hatte (HR:ā2.26;ā95% CIā1.13ā4.50;āpā=ā0.014) (15). Dieser Unterschied wurde auf Imbalancen in den Baseline-Kriterien der Patienten zurückgeführt. Die Nachfolgestudie (ZoledronsƤure versus Denosumab; ausschliesslich bei Patienten mit Multiplem Myelom)(16) ergab für die primƤren Endpunkte OS, PFS; AE, Zeitpunkt zum Auftreten des ersten SRE, sowie alle nachfolgenden SREs keine signifikanten Unterschiede (OS: HR 0.90, 95% CI (0.70-1.16) p=0.41, PFS: HR 0.82, 95% CI (0.68-0.99); deskriptive p=0.036, AE/SAE: 96%/53% im Denosumab-Arm, 97%/56% im ZoledronsƤure-Arm). Basierend auf diesen Daten ist Denosumab der ZoledronsƤure nicht unterlegen und kann auch bei Niereninsuffizienz eingesetzt werden, ist allerdings in der Schweiz für das Multiple Myelom nicht zugelassen.
Kieferosteonekrosen
Osteonekrosen des Kiefers gehören zu den seltenen, aber sehr belastenden Nebenwirkungen einer Therapie mit Bisphosphonaten oder dem RANK-Ligand-Antikörper Denosumab. Die Inzidenz liegt bei 1-3% und steigt mit der kumulativen Dosis der Bisphosphonate (Behandlungsdauer von 4-12 Monaten: 1.5%, bei 37-48 Monaten: 7.7%) (17). Patienten müssen daher vor Einleitung einer Therapie über die Gefahr aufgeklärt werden, zahnärztlich untersucht und auf die Einhaltung einer optimalen Zahn- und Mundhygiene aufmerksam gemacht werden. Sind invasive Eingriffe am Kieferknochen unter einer laufenden Therapie unumgänglich, sollte die Therapie vorher unterbrochen und erst nach Abschluss der Wundheilung wieder aufgenommen werden.
Vitamin D und Kalzium
Bisphosphonate und RANK-Ligand-Antikƶrper hemmen die OsteoklastenaktivitƤt und reduzieren dadurch die Calciumfreisetzung aus dem Knochen. Daher tritt hƤufig eine HypokalzƤmie auf (18ā-ā21), bei Gabe eines RANK- Ligand-Antikƶrpers deutlich hƤufiger als bei der Gabe eines Bisphosphonates (18, 20ā-ā22). Bei der Gabe eines RANK-Ligand-Antikƶrpers wird daher gleichzeitig die Substitution von Vitamin D und Calcium (400 mg Calcium, 800IE Vitamin D tƤglich), ausser bei bereits initial bestehender HyperkalzƤmie, empfohlen. Zu beachten ist, dass bei Erstdiagnose eines Multiplen Myeloms initial bei 13% aller Patienten eine HyperkalzƤmie vorliegt (1).
Abteilung HƤmatologie und Onkologie
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Die Autorin gibt an, dass für diese Publikation kein Interessenskonflikt vorliegt.
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