Impfungen im Herbst

Jeden Herbst wird das Thema Impfschutz durch die saisonale Grippeimpfung aktuell. Der jährlich im Frühling aktualisierte Schweizerische Impfplan des BAG ist Basis der Impfberatung. Die aktuellen Informationen zu den empfohlenen Impfungen und zur Impfstoffversorgung finden sich auch auf www.infovac.ch.

Jede Arztkonsultation bietet Gelegenheit zur Überprüfung des Impfschutzes und Durchführung allfälliger Nachholimpfungen. Bei fehlender oder unbekannter Grundimmunisierung soll der Impfschutz in jedem Alter evaluiert und ergänzt werden.
Einige Grundregeln sind dabei hilfreich:

  • Die Anzahl nötiger Impfdosen ergibt sich aus dem Vergleich der «Soll-Impfdosen» (altersentsprechend gemäss Impfplan) mit den bisher erhaltenen Impfdosen.
  • Es sind nie mehr Dosen indiziert als für die Grundimmunisierung von komplett Ungeimpften nötig wären (bei Totimpfstoffen wie z.B. dTpa-IPV, FSME, HPV, Hepatitis B sind dies in der Regel 3 Dosen).
  • Die empfohlenen Zeitabstände sind Mindestabstände zur Ausbildung einer optimalen Impfantwort; längere Abstände sind immer möglich.
  • Jede Dosis zählt! Eine begonnene, noch unvollständige Impfserie nicht wieder von vorne beginnen – auch wenn die letzten Dosen schon viele Jahre zurückliegen.
  • Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen, Gelbfieber, Typhus, Herpes zoster (Zostavax®)) sind bei Schwangeren und immunsupprimierten Personen kontraindiziert.
  • Mindestens 4 Wochen Abstand zwischen 2 verschiedenen viralen Lebendimpfstoffen einhalten (MMR und Varizellen auch am gleichen Tag möglich).
  • Alle Totimpfstoffe können gleichzeitig oder in beliebigen zeitlichen Abständen zueinander verabreicht werden.
  • Das Impfschema wird definiert durch das Alter, in dem die Impfserie begonnen wurde.
  • Patienten mit oraler Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmern dürfen und sollen intramuskuläre Impfungen erhalten (Druckverband!).
  • Serologien/Impfantikörperbestimmungen sind grundsätzlich nicht hilfreich zur Festlegung einer Impfindikation / eines Impfschemas und sollten deshalb nicht durchgeführt werden.

Die Kosten für fast alle im schweizerischen Impfplan empfohlenen Impfungen werden, abzüglich Franchise und Selbstbehalt, von der Krankenkasse übernommen (Ausnahmen: Pneumokokkenimpfung bei Personen > 5 Jahre, Impfung gegen Herpes zoster). Eine Übersicht der aktuellen Impfempfehlungen findet sich in der Synopsis des Schweizerischen Impfplans (siehe Abb. 1 und Tab. 2; Link aktiv in Online-Version).
Zu zahlreichen speziellen Patientengruppen (z.B. Schwangere, Immunsupprimierte, Splenektomierte) existieren separate Empfehlungen, die für die Impfberatung hilfreich sind. Eine Übersicht findet sich in Tab. 2.

Saisonale Grippeimpfung

Schweregrad und Auswirkungen einer Influenza-Infektion werden oft unterschätzt. Patienten mit Influenza-Infektion haben u.a. auch ein deutlich erhöhtes Risiko für einen akuten Myokardinfarkt im folgenden Jahr (1). Influenza und influenzaähnliche Erkrankungen führen in der Schweiz jedes Jahr zu über 330 000 Arztkonsultationen und ca. 1500 Todesfällen (2). Die saisonale Grippeimpfung reduziert das Risiko einer Influenza-Infektion sowie die Gesamtmortalität und Hospitalisationsrate für Pneumonie und Influenza (3, 4) und ist bezüglich Schutzwirkung und möglichen Nebenwirkungen deutlich besser als ihr Ruf. Die häufig verwendeten, trivalenten inaktivierten Influenzaimpfstoffe zeigten in einer Metaanalyse eine Wirksamkeit von 59% bei gesunden Erwachsenen (5). Der Impfschutz hängt vom saisonalen Antigen-Match sowie von Alter und Immunstatus des Patienten ab. Durch die Verwendung von tetravalenten Impfstoffen, die einen zusätzlichen Influenza-B-Stamm enthalten, kann die Wahrscheinlichkeit eines Antigen-Mismatch reduziert werden. Der adjuvantierte Impfstoff (Fluad®), welcher für Erwachsene ≥ 65 Jahre zugelassen ist, löst bei diesen eine bessere Immunantwort aus, ist jedoch trivalent. Die Schutzwirkung einer Influenzaimpfung setzt nach 10-14 Tagen ein und hält etwa 3-4 Monate an. Da die Immunogenität der Influenzaimpfung bei Patienten in höherem Alter oder bei Grunderkrankungen vermindert sein kann, ist der Umgebungsschutz («Cocooning») enorm wichtig. Durch die Impfung naher Kontaktpersonen und dadurch Verminderung der Ansteckungsgefahr werden die besonders gefährdeten Personen indirekt geschützt. Dies gilt vor allem auch für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind und somit besonders oft Kontakt zu Risikopersonen haben. Die Grippeimpfung ist in der Schweiz für alle Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko sowie für Personen mit erhöhtem Übertragungsrisiko und deren Kontaktpersonen empfohlen (Tab. 1).

Pneumokokkenimpfung

Seit 2014 wird bei Risikopersonen mit entsprechender Indikation (siehe Abb. 1 und Tab. 2; Link aktiv in Online-Version) eine einmalige Impfung mit dem 13-valenten konjugierten Impfstoff
(Prevenar®) empfohlen. Diese führt bei älteren Erwachsenen zu einer Reduktion von invasiven Pneumokokkenerkrankungen um 75% und von Pneumokokkenpneumonien durch Impfserotypen um 45% (6).
Die Indikationen zur Pneumokokkenimpfung bei Risikopersonen entsprechen bis auf wenige Ausnahmen weitgehend denen der Influenzaimpfung (siehe Abb. 1 und Tab. 2; Link aktiv in Online-Version). Für Säuglinge ist die Pneumokokkenimpfung neu seit 2019 als Basisimpfung empfohlen. Leider ist der Impfstoff in der Schweiz nur für Kinder < 5 Jahren zugelassen, weshalb bei älteren Kindern und Erwachsenen keine Kostenübernahme durch die Grundversicherung der Krankenkasse erfolgt. Ein Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse mit entsprechender Begründung zur Indikation kann hier oft helfen.

Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Seit 2019 gilt die ganze Schweiz ausser den Kantonen Genf und Tessin als FSME-Risikogebiet. Die Grundimmunisierung mit 3 Dosen sowie Boosterimpfungen alle 10 Jahre sind für alle Personen ab 6 Jahren empfohlen, welche in den Risikogebieten wohnen oder sich zeitweise dort aufhalten und die beruflich oder während der Freizeit ein Zecken-Expositionsrisiko aufweisen. Der ideale Zeitpunkt für den Impfbeginn ist die kalte Jahreszeit, um vor der vermehrten Zeckenaktivität im Frühling bereits mit 2 Dosen geschützt zu sein. Für die Langzeitimmunität braucht es eine dritte Dosis («Gedächtnisdosis») nach einem längeren Intervall von minimal 5 Monaten. In der Schweiz sind 2 FSME-Impfstoffe zugelassen, die austauschbar sind und äquivalent eingesetzt werden können (FSME-Immun® und Encepur®). Wenn möglich sollte eine Impfserie mit dem gleichen Impfstoff komplettiert werden, mit dem sie begonnen wurde, es kann jedoch bei Lieferengpässen auf den jeweils anderen Impfstoff ausgewichen werden. Dabei sollte grundsätzlich ein minimales Intervall von 2 Wochen zwischen den ersten beiden Dosen und ein minimales Intervall von 5 Monaten zwischen der 2. und 3. Dosis eingehalten werden. Bei Impfbeginn in der wärmeren Jahreszeit ist eine Verkürzung des Intervalls zwischen den ersten beiden Dosen auf 14 Tage empfehlenswert, um möglichst rasch einen Schutz aufzubauen. Eine FSME-Impfung direkt nach einem Zeckenstich ist möglich und sollte auch nicht verzögert werden, da ja offensichtlich ein Expositionsrisiko = Zeckenstich besteht. Der Schutz vor einer FSME-Infektion wird aktuell höher gewichtet als die Überlegungen zur allfällig erschwerten Diagnostik bei einer zeitnahen FSME-Infektion. In jedem Fall muss die geimpfte Person darüber informiert werden, dass eine FSME-Impfung nach Zeckenstich nur vor zukünftigen Infektionen schützt. Sie hat keine Wirksamkeit als postexpositionelle Prophylaxe und wirkt sich weder positiv noch negativ auf eine allfällige Infektion durch den aktuellen Zeckenstich aus.

Impfung gegen Herpes zoster

Die Impfung gegen Herpes zoster ist gemäss Schweizerischem Impfplan für alle Personen im Alter zwischen 65-79 Jahren sowie für in naher Zukunft immungeschwächte Patientinnen und Patienten im Alter von 50 bis 79 Jahren empfohlen (7). Aktuell ist in der Schweiz nur der virale Lebendimpfstoff gegen Herpes zoster (Zostavax®) verfügbar und zugelassen. Die Impfung erfolgt mit einer einzelnen, subkutan verabreichten Dosis und zeigt eine gute Wirksamkeit mit Verhinderung von ungefähr 51% der Herpes-zoster-Fälle und 67% der Fälle von postherpetischer Neuralgie bei gesunden 60-jährigen oder älteren Personen (8). Leider werden die Kosten für die Herpes zoster-Impfung nicht durch die Grundversicherung der Krankenkassen übernommen. In Europa und anderen Ländern ist ein rekombinanter Subunit-Impfstoff (Shingrix®) zugelassen und verfügbar, der auch bei immunsupprimierten Personen eingesetzt werden kann. Der Zeitpunkt einer Markteinführung dieses Impfstoffes in der Schweiz ist nicht bekannt. Im Einzelfall kann ein Import aus dem europäischen Ausland und die off label Anwendung des Subunit-Impfstoffs in Erwägung gezogen werden. Zu beachten ist dabei der Preis (keine Kostenübernahme durch die Krankenkasse) sowie die Notwendigkeit von 2 Impfdosen mit 2-6 Monaten Intervall.

Impfempfehlungen bei besonderen Patientengruppen

Bei besonderen Patientengruppen wie z.B. immunsupprimierten Personen, Reisenden oder Schwangeren ist das Ziel ebenfalls ein möglichst kompletter Impfschutz gemäss den Empfehlungen im Schweizerischen Impfplan. Erster Schritt ist dabei immer die Beurteilung des aktuellen Impfstatus, das Vorgehen zur Ergänzung und Komplettierung des Impfschutzes muss dann unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen festgelegt werden. Dabei helfen Ihnen die eingangs in diesem Artikel erwähnten Grundregeln, die entsprechenden Empfehlungsdokumente des BAG (Tab. 2) oder eine Mail-Anfrage an die Infovac-Experten (www.infovac.ch).

Migranten

Der Impfschutz von Migrantinnen und Migranten sollte bald möglichst nach Einreise überprüft und entsprechend ihrem Alter gemäss Schweizerischen Impfempfehlungen ergänzt werden (9). Im Zweifelsfall – bei fehlender Dokumentation und unsicherer Anamnese – kann die Person als ungeimpft betrachtet und entsprechend grundimmunisiert werden. Wichtig ist die Dokumentation der neu durchgeführten Impfungen mittels Impfausweis und die Sicherstellung und Überprüfung des Informationsflusses, z.B. bei Wechsel des Aufenthaltsortes.
Für die Praxis kann bei Jugendlichen > 12 J. und Erwachsenen folgendes Vorgehen gewählt werden (9):

  • Erstkontakt: 1 Dosis dTpa-IPV (Boostrix Polio®) + 1 Dosis MMR + 1 Dosis Varizellen
  • 1 Mo. nach Erstkontakt: jeweils 2. Dosis MMR und Varizellen, erste Dosis Hepatitis B
  • 2 Mo. nach Erstkontakt: eine Dosis dT-IPV (Revaxis®) und zweite Dosis Hepatitis B
  • 8 Mo. nach Erstkontakt: eine Dosis dT-IPV (Revaxis®) und dritte Dosis Hepatitis B
  • HPV: 3 Dosen (0, 1-2, 6 Mo.) bei Alter 15 – 26 J.; vor 15. Geburtstag 2 Dosen (0, 6 Mo.)
  • Meningokokken (Impfung mit MCV-ACWY, Menveo®): 1 Dosis bei Alter 11-15 J., nachholen bis zum 20. Geburtstag
Dr. med. Ana Steffen

Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
KSSG und Ostschweizer Kinderspital
St. Gallen

ana.steffen@kssg.ch

Prof. Dr. med. Werner Albrich

Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
KSSG und Ostschweizer Kinderspital
St. Gallen

Dr. med. Anita Niederer

Reisemedizin, Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Das Berücksichtigen von Grundregeln bezüglich Anzahl, Abstand und Kombination von Impfdosen erleichtert die Impfberatung in der Hausarztpraxis.
  • Die Grippeimpfung ist jährlich sowohl für Risikopatienten als auch für ihr berufliches und familiäres Umfeld indiziert; dazu zählen auch alle Medizinalpersonen.
  • Der Impfstatus sollte insbesondere vor geplanter Schwangerschaft, Immunsuppression, Splenektomie oder auch vor Auslandsreisen überprüft werden; für die Impfungen in diesen Patientengruppen gelten spezielle Impfempfehlungen zusätzlich zu den für alle Personen empfohlenen Impfungen gemäss schweizerischem Impfplan.
  • Die Impfungen von Migrantinnen und Migranten sollten auch ohne Vorliegen eines Impfausweises möglichst bald nach Einreise begonnen, ergänzt und dokumentiert werden.

1. Kwong JC et al: Acute myocardial infarction after laboratory-confirmed influenza infection. N Engl J Med 2018;378:345-53
2. Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF): Bericht zur Grippesaison 2017/18. BAG Bulletin 2018; No32:9-21
3. Fireman B et al: Influenza vaccination and mortality: differentiating vaccine effects from bias. Am J Epidemiol 2009;170(5):650-6
4. Baxter R et al : Effect of influenza vaccination on hospitalizations in persons aged 50 years and older. Vaccine 2010;28(45):7267-72
5. Demicheli V et al: Vaccines for preventing influenza in healthy adults. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Feb 1;2:CD001269
6. Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF): Pneumokokkenimpfung: Empfehlungen zur Verhinderung von invasiven Pneumokokkenerkrankungen bei Risikogruppen. BAG Bulletin 2014;No8:129-141
7. Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF): Empfehlungen zur Impfung gegen Herpes Zoster / « Gürtelrose». BAG Bulletin 2017;No47:12-15
8. Oxman MN et al: A vaccine to prevent herpes zoster and postherpetic neuralgia in older adults. N Engl J Med 2005;352(22):2271-84
9. Tarr P et al: Impfungen bei erwachsenen Flüchtlingen. Swiss Med Forum 2016;16(49-50):1075-1079

Protonenpumpen-Inhibitoren

Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) sind Arzneimittel, welche die Säuresekretion durch Bindung an die Protonenpumpe in den Belegzellen des Magens hemmen. Sie gehören zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln und werden oft langfristig eingenommen. Viele dieser Patienten bedürfen also im Verlauf einer gastroenterologischen Diagnostik, insbesondere auch um die Indikation zur Fortsetzung der PPI-Behandlung zu überprüfen. Dieser Artikel sollte Ihnen Handlungsempfehlungen an die Hand geben, die PPI-Therapie pro-aktiv zu steuern.

Der klinische Nutzen von PPI ist seit Jahrzehnten bewährt und stellt für die Behandlung von Magen- und Duodenalgeschwüren, die gastroösophageale Refluxerkrankung und die Eradikationstherapie von Helicobacter pylori in Kombination mit Antibiotika evidenzbasiert die effektivste Behandlungsmassnahme dar (1, 2). Vorteilhaft für die Verbreitung der PPI war ihr sehr günstiges Nebenwirkungsprofil und die hohe Akzeptanz bei den Patienten (3). Deswegen zählen PPI zu den wenigen Arzneimitteln, die therapeutisch wie diagnostisch eingesetzt werden können, beispielsweise wenn der Hausarzt den begründeten klinischen Verdacht auf ein typisches Refluxleiden hat (4). Nachdem sich Berichte über mögliche ernsthafte Nebenwirkungen unter PPI-Dauertherapie mehrten, ist im letzten Jahrzehnt eine Flut an Studien zur Langzeitsicherheit von PPI erschienen. Auch wenn sich viele der postulierten Nebenwirkungen nicht haben objektivieren lassen, kann aus Beobachtungsstudien ein erhöhtes Risiko von Wirbelkörper-/Schenkelhals-Frakturen, bakteriellen Infektionen der Atemwege und des Verdauungstrakts einschl. Fehlbesiedlung des Dünndarms, Hypomagnesiämie und möglichen Resorptionsstörungen (wie Vitamin B12- oder Eisenmangel) angenommen werden (5, 6). Die lebhafte Diskussion um die Nebenwirkungen einer Langzeit-PPI-Behandlung unterstreicht die Grundsätze jeder Arzneimitteltherapie: sie sollte nur bei gesicherter Indikation erfolgen und unter ärztlicher Überwachung.

PPI und gesicherte Indikationen

Aus dem oben Gesagten ergeben sich für PPI folgende Schlussfolgerungen: PPI können und sollen frühzeitig ohne spezielle gastroenterologische Diagnostik gegeben werden, aber für das Fortführen dieser Medikation bedarf es einer gesicherten Indikation. Bezüglich der beiden Hauptindikationen «Gastritis/Ulcus» oder «Reflux» sollte sich der behandelnde Arzt immer fragen, ob es einen PPI weiterhin noch bedarf und wenn ja, in welcher Dosis. Dabei lassen sich 2 typische Behandlungsmuster erkennen: (a) nach ausbehandelter Gastritis/Ulcus wird der PPI langfristig nach Beendigung der Helicobacter-Eradikation oder der auslösenden Noxe (wie NSAR, Antikoagulantien, Kortison etc.) fortgeführt, (b) eine vormals gestellte Diagnose einer Refluxerkrankung wird ohne kritisches Hinterfragen wie ein Stigma jahrelang beibehalten, so dass Oberbauchbeschwerden unter Refluxbeschwerden subsummiert und mit PPI behandelt werden – gefolgt von meist unbefriedigendem Ansprechen. Ursächlich hierfür ist oft das Vorliegen einer nur leichtgradigen oder «unbewiesenen» Refluxösophagitis, also sogenannte endoskopische Minimalbefunde («Rötungen an Kardia/Z-Linie») bis zu Erosionen nach Los Angeles-Klassifikationen Grad A und B (oder Savary-Miller Klassifikation Grad 1). Zum Einen finden sich diese endoskopischen Veränderungen zum Teil auch bei gesunden Kontrollpersonen, zum Anderen zeigen Langzeit-Beobachtungsstudien, dass nicht nur sehr wenige dieser Patienten zu höheren Refluxstadien progredient werden, sondern dass nach 10 Jahren sogar die grosse Mehrheit (67%) gar keine Refluxerkrankung mehr aufweist (7).

PPI und Gastroskopie

Hauptsächliche Indikationen für die hausärztliche Zuweisung zur Gastroskopie sind also die Fragen nach einer «Gastritis» oder «Refluxerkrankung». Auf beide Erkrankungen haben PPI einen raschen positiven Effekt durch die schnelle und effektive Hemmung der Säuresekretion. PPI beeinflussen somit die Diagnostik der Erkrankungen, die wir abzuklären hoffen. Die klinisch bei weitem wichtigste Gastritisform ist die Helicobacter pylori-assoziierte Gastritis. Die Einnahme von PPI kann in ca. 10-40% der Fälle zu falsch-negativem Nachweis von Helicobacter führen und betrifft sämtliche verfügbare Nachweisverfahren, also Atemtests, Stuhltests und Urease-Schnelltests sowie Histopathologie und Kultur entnommener Magenschleimhautproben (8). Man erklärt sich dies nicht nur durch die Magensäuresuppression, sondern auch durch direkte antimikrobielle Aktivität (9) und direkte Inhibition der Urease-Aktivität (10) (welche für den Atem- und Schnelltest essenziell ist). PPI scheinen auch die Form der Helicobacter-Bakterien und ihre Verteilung auf der Magenschleimhaut zu verändern, so dass sie für den Pathologen schwieriger zu diagnostizieren sind (11, 12). In vitro Daten zeigten, dass sich der negative Effekt von PPI auf das Wachstum und den Urease-Nachweis von Helicobacter erst nach 12-tägigem Absetzen komplett erholt hat (13). Dieser Problematik wurde im Rahmen der europaweiten Leitlinienanpassung zu Helicobacter (Maastricht Consensus Konferenzen) Rechnung getragen und es wird, wenn möglich, eine mindestens 2-wöchige PPI-Pause vor Helicobacter-Diagnostik gefordert, egal welches Helicobacter-Testverfahren man wählt (14). Da Antibiotika das Wachstum und die Verteilung von Helicobacter beeinflussen, sollte jegliche gastroenterologische Diagnostik, die eine Bestimmung von Helicobacter beinhaltet, frühestens 4 Wochen nach einer Antibiotikagabe erfolgen (14). Die amerikanische Fachgesellschaft weist ebenso darauf hin, dass nach Behandlung einer Helicobacter-Gastritis eine Kontrolle frühestens 4 Wochen nach Beendigung der antibiotischen Therapie erfolgen sollte und dass PPI für mind. 1-2 Wochen pausiert sein sollten, unabhängig ob man einen Atemtest, einen Stuhltest oder eine Gastroskopie mit Biopsien durchführt (15). Obwohl international ein ausreichend langes Kontrollintervall (> 4 Wochen) nach Beendigung der Hp-Eradikationstherapie eingehalten wird, werden die Empfehlungen zur PPI-Karenz leider unzureichend eingehalten und dementsprechend sind bis zu 56% aller «unauffälligen/negativen» Ergebnisse unzuverlässig (16).
Antihistaminika haben im Vergleich zu PPI einen viel geringer hemmenden Effekt auf Helicobacter, so dass die Einnahme von H2-Blockern zu weniger falsch-negativen Ergebnissen führt (17). Ein Expertenpanel hält das Absetzen von H2-Blockern vor Gastroskopie oder Atem-/Stuhltest für nicht zwingend notwendig (14).

Für die endoskopische Diagnostik einer Refluxerkrankung empfiehlt sich eine ähnliche PPI-Pause, wobei wir aufgrund der verzögerten Entwicklung von sichtbaren Erosionen eher 4 als 2 Wochen empfehlen. Bei der endoskopischen Kontrolle einer gesicherten schweren Refluxösophagitis sollte der PPI eher nicht pausiert werden, da diese Untersuchung nicht der Diagnose «Reflux» dient, sondern der Kontrolle von Refluxkomplikationen.

PPI und Helicobacter-Atemtest/-Stuhltest

Bei der Gastroskopie werden Biopsien aus der Magenschleimhaut entnommen, in denen man Helicobacter histologisch oder kulturell nachweisen kann. Aus den Biopsien lässt sich Helicobacter auch indirekt durch den sogenannten Urease-Schnelltest innerhalb von 24h nachweisen. Als gleichwertiges nicht-invasives Verfahren steht ein Harnstoff-Atemtest zur Verfügung, der ebenso die spezifische Urease-Aktivität von Helicobacter ausnutzt. Alternativ dazu existiert auch die Möglichkeit, Helicobacter mittels Antigen im Stuhl nachweisen zu können. Beide Tests werden üblicherweise zur Kontrolle 6-8 Wochen nach Eradikation einer unkomplizierten Helicobacter-Gastritis angewendet. Mehr noch als bei der Gastroskopie, wird gerade für diese beiden nicht-invasiven Testverfahren eine PPI-Pause von mind. 2 Wochen empfohlen (14, 15). Hat man aus bestimmten Gründen Bedenken gegen ein frühes Absetzen des PPI, dann würde ich im Zweifelsfall den Kontrolltermin mittels Stuhl-/Atemtest um einige Wochen oder Monate verschieben.

PPI und Langzeit-pH-Metrie

Die ösophageale pH-Metrie ist ein wichtiges Instrumentarium zur Diagnostik einer «unbewiesenen» oder leichten Refluxerkrankung und zur Differenzialdiagnostik von Reflux-Hypersensitivität und funktionellen Symptomen. Experten sind sich in dieser Situation einig, dass die pH-Metrie ohne PPI erfolgen sollte (18, 19). Die Dauer der PPI-Karenz hierzu ist nicht standardisiert, kursiert aber international relativ ähnlich zwischen 7-14 Tagen (20). Wir haben in unserer Institution eine Pause von mind. 2 Wochen festgesetzt, nicht zuletzt, um in Kongruenz zu den Empfehlungen zur Gastritis-Diagnostik zu bleiben. Eine ganz andere Situation besteht, wenn eine Refluxerkrankung gesichert ist (also Grad C/D oder bereits positive pH-Metrie) und die Diagnostik der Therapieoptimierung dient. Dann sollte die pH-Metrie unter laufender PPI-Medikation erfolgen in üblicher Dosierung (also mit 1-2 x täglicher PPI-Gabe, auch am Untersuchungstag einzunehmen!).

Dr. med. Danko Batusic

Gastroenterologie/Hepatologie
Departement Innere Medizin
Kantonsspital Graubünden
Loëstrasse 170
7000 Chur

danko.batusic@ksgr.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Eine PPI-Langzeit-Behandlung sollte nur bei gesicherter Indikation erfolgen und unter ärztlicher Überwachung
  • Der Gastroenterologe sollte über den PPI-Status des Patienten
    informiert sein und sollte in seinem Bericht dokumentieren, ob die Untersuchung mit oder ohne PPI erfolgt
  • Vor jeder diagnostischen Gastroskopie sollten PPI, wenn möglich, mind. 2 Wochen pausiert werden
  • Vor einem Helicobacter-Atemtest oder -Stuhltest sollten PPI mind.
    2 Wochen pausiert werden
  • Vor einer pH-Metrie sollten PPI mind. 2 Wochen pausiert werden, wenn eine Refluxerkrankung nachgewiesen oder ausgeschlossen
    werden soll
  • Nur eine schwere Refluxösophagitis (Los Angeles Grad C/D oder
    eindeutig positive Langzeit-pH-Metrie) ist eine «bewiesene» Indikation für eine PPI-Dauermedikation, ansonsten sollte die Indikation für einen PPI kritisch hinterfragt werden, dann ggf. ÖGD oder pH-Metrie nach mehrwöchiger (mind. 2-4 Wochen) PPI-Pause wiederholen

1. Leontiadis GI, Howden CW. The Role of Proton Pump Inhibitors in the Management of Upper Gastrointestinal Bleeding. Gastroenterology Clinics of North America. 2009.
2. Laine L, Jensen DM. Management of patients with ulcer bleeding. Am J Gastroenterol. 2012;
3. Sigterman KE, van Pinxteren B, Bonis PA, Lau J, Numans ME. Short-term treatment with proton pump inhibitors, H2-receptor antagonists and prokinetics for gastro-oesophageal reflux disease-like symptoms and endoscopy negative reflux disease. Cochrane Database Syst Rev [Internet]. 2013 May 31 [cited 2019 Feb 28];(5). Available from: http://doi.wiley.com/10.1002/14651858.CD002095.pub5
4. Koop AH, Fuchs KH, Labenz J, Lynen Jansen P, Messmann H, Miehlke S, et al. S2kLeitlinie: Gastroösophageale Refluxkrankheit der DGVS. Z Gastroenterol. 2014;52:12991346.
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18. Katz PO, Gerson LB, Vela MF. Guidelines for the diagnosis and management of gastroesophageal reflux disease. Am J Gastroenterol. 2013 Mar;108(3):308–28; quiz 329.
19. Pehl C, Keller J, Merio R, Stacher G. [Esophageal 24 hour-pH metry. Recommendations of the German Society of Neurogastroenterology and Motility and the Study Group for Gastrointestinal Functional Disorders and Function Diagnostics of the Austrian Society of Gastroenterology and Hepatology]. Z Gastroenterol. 2003 Jun;41(6):545–56.
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Wie kommen COPD-Patienten möglichst gut über die Wintermonate?

Die COPD ist eine häufige Erkrankung, in der Schweiz sind davon ca. 400 000 Menschen betroffen (1). Weltweit ist sie die dritthäufigste, europaweit die fünfthäufigste Todesursache (2). Die COPD ist klinisch charakterisiert durch persistierende respiratorische Beschwerden und eine permanente Atemwegsobstruktion. Es liegen ihr eine chronische Inflammation mit Entwicklung einer individuell unterschiedlich ausgeprägten Erkrankung der kleinen Atemwege und eine Lungenparenchymdestruktion (Emphysem) sowie auch eine systemische Inflammation zugrunde. In diesem Artikel werden Strategien präsentiert, die helfen, dem Ziel der Verhinderung von Exazerbationen näher zu kommen.

Die Pathogenese der COPD ist komplex und aktuell noch in vielen Fragen nicht vollständig verstanden. Nebst der Exposition zu inhalativen Partikeln, in der industrialisierten Welt als wichtigster Faktor das Zigarettenrauchen, tragen viele weitere Faktoren wie Genetik und das Lungenwachstum (Schwangerschaft, Geburt, Einflüsse während der Kindheit/Adoleszenz) zur Entwicklung einer COPD bei.

Problematik der Wintermonate bei Patienten mit COPD

Die Wintermonate stellen für die an COPD erkrankten Personen eine besondere Herausforderung dar. Das Risiko für Exazerbationen und auch die Gesamtmortalität ist bei Patienten mit COPD im Winter, verglichen mit dem Sommer, rund doppelt so hoch (3, 4).
Zudem fallen die Komorbiditäten Osteoporose, Angst/Depression und kardiovaskuläre Erkrankungen im Winter besonders ins Gewicht.

Verhinderung von Exazerbationen

Um als COPD-Patient möglichst gut über den Winter zu kommen, ist das Verhindern von Exazerbationen besonders wichtig. Hierfür ist neben den nichtmedikamentösen Basismassnahmen wie einem Rauchstopp, einer möglichst grossen körperlichen Aktivität sowie einer optimalen medikamentösen Therapie das Verhindern von Atemwegsinfektionen essentiell.
Die Exazerbationsfrequenz korreliert mit einer Abnahme der Lungenfunktion und der Lebensqualität (5). Die Mortalität bei einer Exazerbation ist hoch, v.a. wenn eine Hospitalisation erforderlich wird, und besonders hoch, wenn es zu einer hyperkapnischen Exazerbation kommt. Die 90-Tage-Mortalität einer Exazerbation liegt bei > 6% (6). Der wichtigste Risikofaktor für eine Exazerbation stellt eine vorangegangene Exazerbation dar (7). Ca. 70% der Exazerbationen sind durch respiratorische Infekte, in ca. 50% bakterieller Art, bedingt (8). Nicht selten kommt es nach einem viralen Infekt zu einem bakteriellen Superinfekt. Die wichtigsten bakteriellen Erreger stellen in abnehmender Häufigkeit Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis, Streptokokkus pneumoniae und Pseudomonas aeruginosa dar. Die wichtigsten viralen Erreger in abnehmender Häufigkeit sind Rhinovirus, gefolgt mit gleicher Häufigkeit von RSV, Influenza und Parainfluenza (8).
Mit der pharmakologischen Therapie kann die Exazerbationsrate positiv beeinflusst werden. Die Therapie der COPD, die sich bis vor wenigen Jahren vorwiegend an den lungenfunktionellen Einschränkungen orientierte, stützt sich aktuell in erster Linie auf die Exazerbations-
anamnese und die Symptomatik. Eine Übersicht mit der Einteilung in die verschiedenen GOLD Gruppen und der empfohlenen Therapie gibt Abbildung 1. Bei stark symptomatischen Patienten mit rezidivierenden Exazerbationen erkannte man die eosinophile Inflammation als therapierelevanter Biomarker. So sollte eine Therapie mit inhalativen Kortikosteroiden in der Regel nur bei COPD Patienten in der Gruppe D mit rezidivierenden Exazerbationen trotz LABA (langwirksame Beta2-Sympathomimetika) / LAMA (langwirksamen Anticholinergika) Kombinationstherapie und einer eosinophilen Granulozytenzahl > 0.1 G/l im Blutbild erwogen werden. Neue Studien zeigen keinen Effekt von Theophyllin auf die Exazerbationsrate (9). Die medikamentöse Therapie sollte periodisch kritisch reevaluiert und im Verlauf der Erkrankung sowohl eskaliert aber bei günstigem Verlauf auch deeskaliert werden. Entscheidend für den Therapieerfolg ist, dass die inhalative Therapie korrekt angewendet wird. Die Wahl des richtigen Devices ist für den Therapieerfolg essentiell: Der Patient muss das Device korrekt handhaben können, genügend Atemfluss für eine suffiziente Inhalation aufbringen können und darf mit der Koordination während der Applikation nicht überfordert sein. Die Inhalationstechnik sollte periodisch überprüft und ggf. optimiert werden. Falls keine suffiziente Inhalation mit den verfügbaren Devices möglich ist, dann bietet sich die Möglichkeit von (zeitintensiven) Feuchtinhalationen an.
Eine Prävention vor Atemwegsinfekten trägt zur Verhinderung von Exazerbationen bei. Durch die Grippeimpfung kann das Risiko von Exazerbationen signifikant (-0.37 Exazerbation) gesenkt werden (10). Zudem wird das Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu erkranken, insbesondere bei älteren COPD Patienten reduziert (11). Die aktuelle Empfehlung des Bundesamtes für Gesundheit zur Verhinderung von invasiven Pneumokokkenerkrankungen bei Risikogruppen aus dem Jahr 2014 empfiehlt eine einmalige Impfung mit dem 13-valenten konjugierten Pneumokokkenimpfstoff bei allen Patienten im GOLD Stadium 3 und 4, d.h. bei einer FEV1 < 50%, bzw. bei einer Verschlechterung der COPD (12). Dieser Impfstoff ist in der Schweiz aber leider nicht für erwachsene Patienten zugelassen, sodass die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen müssen. Ich empfehle den Patienten pragmatisch, zur Infektprophylaxe im Winter den unmittelbaren Kontakt zu an akuten Atemwegsinfekten Erkrankten zu meiden. Vor allem während der kalten Jahreszeit sollte auf eine gute Händehygiene geachtet werden.
Eine aktuelle Metaanalyse konnte zeigen, dass durch eine Vitamin-D-Supplementation bei tiefem 25-Hydroxyvitamin-D-Spiegel < 25 nmol/l die Rate an COPD Exazerbationen reduziert werden kann (13).
Die Rolle von Acetylcystein hinsichtlich Exazerbationsprävalenz ist trotz mehreren Studien/Metaanalysen unklar. Eine mehrmonatige Einnahme von Acetylcystein scheint aber die Zahl der Patienten, die eine Exazerbationen erleiden, zu reduzieren, die Gesamtanzahl der Exazerbationen aber nicht zu beeinflussen (14).

Komorbiditäten während den Wintermonaten

Mit der COPD sind diverse Komorbiditäten wie Lungenkarzinom, kardiovaskuläre Erkrankungen (15), Schlafapnoe, metabolisches Syndrom, Osteoporose, gastroösophageale Refluxerkrankung sowie Depression und Angst assoziiert (16). Diese Komorbiditäten sind teils auch vor allem während den Wintermonaten relevant.
Osteoporose ist eine wichtige Komorbidität bei COPD. Ursächlich dafür wird Rauchen, Inaktivität, eine systemische COPD-bedingte Inflammation, Vitamin-D-Mangel und (intermittierende) Steroidtherapie angesehen (17). Das Risiko für Stürze und Frakturen steigt während den Wintermonaten an. Zumindest die Bestrebung nach einem möglichst aktiven Lebensstil und die Bestimmung und adäquate Substitution von Vitamin D ist bei Patienten mit COPD gerechtfertigt. Wie oben erwähnt, wird durch die Supplementation von tiefen Vitamin-D-Spiegeln auch eine Reduktion der Exazerbationsrate erreicht.
Das Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis steigt bei einer Exazerbation um ca. den Faktor 4 an, v.a. die ersten 30 Tage nach Beginn der Exazerbation stellen eine besonders vulnerable Phase dar (18, 19).
Weitere, besonders während den Wintermonaten wichtige, sich potentiell verschlechternde Komorbiditäten sind die Depression und die Angst. Patienten mit COPD haben ein höheres Risiko für Depression und Angst als Nichtraucher und auch als Raucher ohne COPD. Es wird von einer Prävalenz der Depression von 26% bei COPD-Patienten ausgegangen, wobei eine höhere Prävalenz bei Frauen, Aktivrauchern und schwergradiger COPD festgestellt wurde. Bei COPD-Patienten mit Depression sind, im Vergleich zu solchen ohne Depression, die Inzidenz für Exazerbationen, die Beanspruchung des Gesundheitswesens und die Mortalität erhöht (20).

Dr. med. Christoph Ninck Weber

Pneumologie
Spital Tiefenau
Tiefenaustrasse 112
3004 Bern

christoph.ninckweber@spitaltiefenau.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Wintermonate stellen für Patienten mit COPD eine besondere
    Herausforderung dar. Einerseits sind dann Exazerbationen gehäuft, andererseits können sich die Komorbidität (insbesondere Osteoporose mit erhöhtem Frakturrisiko, kardiovaskuläre Komorbidität mit im
    Rahmen von Exazerbationen kurzfristig deutlich erhöhtem Risiko
    für akutes Ereignis und Depression) besonders aggravieren und negativ auswirken.
  • Eine optimale, stadiengerechte Behandlung der COPD mit einerseits den nichtmedikamentösen Massnahmen wie ein konsequenter Rauchstopp oder bestmöglicher körperlicher Aktivität und anderseits einer optimalen medikamentösen Therapie ist, unabhängig von der Jahreszeit, essenziell. Mit der medikamentösen Therapie kann die Exazerbationsfrequenz reduziert werden.
  • Um Atemwegsinfekten, insbesondere während den Wintermonaten, vorzubeugen sind jährliche Grippeimpfungen sowie, v.a. in den COPD Stadien 3 und 4 (d.h. FEV1 < 50 %) eine Pneumokokkenimpfung mit dem 13-valenten konjugierten Impfstoff empfohlen.
  • Bei tiefem Vitamin-D-Spiegel scheint sich eine Vitamin-D-Supplementation positiv auf die Exazerbationsfrequenz auszuwirken. Der Stellenwert einer Therapie mit Acetylcystein ist aktuell noch unklar, möglicherweise besteht ein positiver Effekt bei mehrmonatiger Therapie.

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13. Jolliffe DA, Greenberg L, Hooper RL, Mathyssen C, Rafiq R, de Jongh RT, Camargo CA, Griffiths CJ, Janssens W, Martineau AR. Vitamin D to prevent exacerbations of COPD: systematic review and meta-analysis of individual participant data from randomised controlled trials. Thorax 2019;74:337–345
14. Fowdar K, Chen H, He Z, Zhang J, Zhong X, Zhang J, Li M, Bai J. The effect of N-acetylcysteine on exacerbations of chronic obstructive pulmonary disease: A meta-analysis and systematic review. Heart Lung. 2017;46(2):120-128
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16. GOLD-Report 2019 https://goldcopd.org/gold-reports/
17. Lehouck A, Boonen S, Decramer M, Janssens W. COPD, bone metabolism, and osteoporosis. CHEST 2011;139(3):648–657
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20. Hanania NA1, Müllerova H, Locantore NW, Vestbo J, Watkins ML, Wouters EF, Rennard SI, Sharafkhaneh A. Determinants of depression in the ECLIPSE chronic obstructive pulmonary disease cohort. Am J Respir Crit Care Med. 2011;183(5):604-11

Individualisierte Zielwerte zur Behandlung der arteriellen Hypertonie im Alter

Die arterielle Hypertonie ist nebst dem Rauchen der wichtigste kardiovaskuläre Risikofaktor. Die Prävalenz ist stark vom Lebensalter abhängig. Auch hochaltrige Patienten (> 80-Jährige) können von einer moderaten Blutdrucksenkung (Zielwert 150/80 mmHg) profitieren. Begleitumstände wie Gebrechlichkeit, Multimorbidität und Polypharmazie machen diese hochaltrige Population aber besonders vulnerabel, weshalb die Therapie individualisiert werden muss, um eine Überbehandlung und potentielle Nebenwirkungen zu verhindern.

Die arterielle Hypertonie gehört nebst der Hypercholesterinämie, dem Diabetes, der Adipositas und dem Rauchen zu den 5 klassischen Risikofaktoren, welche verantwortlich sind für die Mehrzahl der kardiovaskulären Todesfälle. Prospektive Kohortenstudien zeigten zudem starke Hinweise, dass das Risiko, an einer vaskulären Demenz zu erkranken bei Patienten mit arterieller Hypertonie deutlich höher ist als bei der normotensiven Kontrollgruppe (1). Hypertensive Personen haben im Durschnitt nicht nur eine um ca. 5 Jahre verkürzte Lebenserwartung, sondern leiden durchschnittlich auch 2.1 Jahre länger an einer kardiovaskulären Morbidität (2).
Die arterielle (essentielle) Hypertonie ist nebst genetischen und umweltbedingten Ursachen stark vom Lebensalter abhängig. In den entwickelten Ländern ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 70 davon betroffen (3). Der demografische Alterungsprozess wird sich auch in der Schweiz weiter fortsetzen. Gemäss einem mittleren Wachstums-Szenario wird der Anteil der Bevölkerungsgruppe > 65-jährig bis im Jahr 2045 auf rund 26% ansteigen, wobei in der Gruppe der 80-Jährigen und Älteren der grösste relative Zuwachs prognostiziert wird (Abb. 1). Die Analyse von mehr als 24’000 Konsultationen in Hausarztpraxen der Schweiz ergab, dass die arterielle Hypertonie bei einem breiten Spektrum von 830 unterschiedlichen Behandlungsanlässen mit 6.15% der häufigste Grund war für eine Praxiskonsultation (4).
Es gibt überzeugende Evidenz zur wirksamen Senkung des Blutdruckes und der damit verbundenen Reduktion der frühzeitigen kardiovaskulären Morbidität und Mortalität (5). Aufgrund der hohen Prävalenz in der Bevölkerung bietet die Kontrolle des Rauchens und der arteriellen Hypertonie das grösste präventive Potential zur Reduktion der kardiovaskulären Mortalität (6). Auch Personen über 80 können von einer Blutrucksenkung profitieren: In der HYVET-Studie (7) (3845 Patienten, Durchschnittsalter 84 Jahre) führte eine Blutdrucksenkung von rund 175/90 mmHg auf rund 145/80 mmHg zu signifikant weniger tödlichen Apoplexien (mit einer NNT von ca. 25 über 2 Jahre) und zu einer reduzierten Gesamtmortalität (7). Allerdings gilt es, bei dieser Patientenpopulation genau hinzuschauen, da Gebrechlichkeit, Komorbiditäten und Polypharmazie bei diesen Patienten häufige Begleitumstände sind und daher eine individualisierte Therapie angebracht ist, um Überbehandlung und potentielle Nebenwirkungen zu verhindern. Nachfolgend gehen wir auf einige Aspekte der Diagnose und Behandlung von Hypertonie ein, mit dem Fokus auf alte (> 65 Jahre) und hochaltrige Patienten (> 80 Jahre).

Definition der Hypertonie: Welche Grenzwerte und Messmethoden gelten für den Blutdruck?

Über Jahre wurde die arterielle Hypertonie als ein Praxisblutdruck > 140/90 mmHg definiert. In den letzten 2 Jahren wurden die internationalen Guidelines überarbeitet. In den USA wurde der Grenzwert für die arterielle Hypertonie neu auf > 130/80 mmHg definiert (8), womit die Zahl hypertensiver Patienten allein in den USA «über Nacht» um ca. 20 Millionen anstieg. Der geringe Benefit und die potentiellen Nebenwirkungen einer intensiveren Therapie zur Erreichung der neuen Zielwerte wie auch potentielle Interessenkonflikte bei den Mitgliedern des Guideline-Komitees waren Gründe, weshalb sich das American College of Physicians (ACP) und die Amerikanische Akademie der Familienmedizin (AAFP) den neuen Grenzwert-Empfehlungen nicht angeschlossen hat (9). In Europa wurden die Blutdruckkategorien in den 2018 überarbeiteten ESC/ESH Guideline (10) nicht verändert, diesen Empfehlungen schliesst sich auch die Schweizerische Gesellschaft für Hypertonie (www.swisshypertension.ch) an. Für Europa und die Schweiz gilt somit weiterhin ein genereller Zielwert von < 140/90 mmHg, basierend auf wiederholten Praxismessungen (Tab. 1), für die allgemeine Bevölkerung.
In der neuen 2018 ESC/ESH Guideline werden die ambulanten Blutruckmessungen (Heimmessungen, 24h-Blutdruckmessung) als Alternativen zur Praxis Messung verstärkt empfohlen. Dies hat vor allem bei älteren Patienten den Vorteil, dass die Weisskittel- Hypertonie erkannt wird. Mehr als 30% der älteren Patienten sind davon betroffen, d.h. potentiell besteht bei jedem dritten älteren Patienten die Gefahr einer Überdiagnose, wenn der Weisskittel-Effekt nicht berücksichtigt wird. Daraus resultiert ein erhöhtes Risiko der Überbehandlung, potentiell ohne Nutzen, jedoch mit der Gefahr potentieller Nebenwirkungen (11). Die Werte der Heimblutdruckmessung haben unabhängig von den Praxismesswerten eine prognostische Aussagekraft für kardiovaskuläre Ereignisse (12), was die starke Rolle der Heimblutdruckmessung sowohl in der Diagnostik wie auch im Therapie-Monitoring demonstriert. Ausserdem ist es wichtig, bei gebrechlichen oder hochaltrigen Patienten die Praxismessung auch im Stehen zu messen, um eine mögliche (orthostatische) Hypotonie zu erfassen. Diese kann sich in Form von Stürzen bei diesen Patienten deletär auswirken.
Wie steht es nun mit der Genauigkeit der Blutruckmessung am Handgelenk? Diese Geräte werden zunehmend vermarktet und scheinen insbesondere für ältere Patienten praktischer in der Anwendung. Eine Studie an 605 Patienten > 75 Jahre (Durchschnitt 81.6 Jahre) ergab dabei vergleichbare Werte mit Oberarmmessungen in der Altersgruppe 75-80 Jahre. Bei der Gruppe > 80 Jahre waren die systolisch gemessenen Werte am Handgelenk ebenfalls vergleichbar ausser bei der Subgruppe der Patienten mit einer peripher arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK). In dieser Subgruppe waren die Werte am Handgelenk im Durchschnitt 5.5 mmHg tiefer im Vergleich zu den Oberarm Messwerten (13). Weitere Studien zur Wertigkeit der Handgelenksmessung wären hier wünschenswert.

Gebrechlichkeit: Konzept, Bedeutung und klinische Erfassung

Gebrechliche (fragile) Personen sind gesundheitlich anfällig bzw. verletzbar, da nur stark verminderte Ressourcen für das Bewältigen einer Krankheit bestehen. Sie haben im Unterschied zu «robusten» oder fitten gleichaltrigen Patienten eine deutlich reduzierte Lebenserwartung (14) womit der Nutzen einer Intervention (in unserem Fall der Blutrucksenkung) immer unwahrscheinlicher wird. Gleichzeitig ist bei Gebrechlichkeit aus hausärztlicher Sicht auch eine vermehrte Aufmerksamkeit gefordert, welche diese vulnerablen Patienten vor unnötiger oder gar schädlicher Diagnostik und Therapie schützt.
Wie messe ich Gebrechlichkeit? Für die Praxis bestehen Alternativen zum ausführlichen geriatrischen Assessment. So ist die Gehgeschwindigkeit ein unabhängiger Indikator für das Überleben, unabhängig von Alter, Geschlecht, Benutzung einer Gehhilfe und chronischen Erkrankungen (15). Die Gehgeschwindigkeit kann auf einer 4m Teststrecke in der Praxis einfach mittels Stoppuhr erfasst werden. Über eine Beobachtungszeit von 7 Jahren zeigte sich, dass bei gebrechlichen Patienten (definiert als Gehgeschwindigkeit < 0.8 m/s) der erhöhte Blutdruck (> 140/90 mmHg) keinen Einfluss mehr hatte auf die Gesamtmortalität (16).
Wichtig zu wissen, die klinische Einschätzung respektive das «Bauchgefühl» durch die behandelnde Hausärztin/Hausarzt ist ebenfalls eine validierte Methode, vulnerable Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine funktionelle Verschlechterung (inklusive Tod und Institutionalisierung) frühzeitig zu erkennen (17).

(Fehlende) Evidenz der Hypertoniebehandlung bei Hochaltrigkeit und Gebrechlichkeit:

Die oben bereits ausgeführte HYVET Studie (7) ist weiterhin die einzige prospektive randomisierte, kontrollierte Studie, welche explizit bei hochaltrigen Patienten durchgeführt wurde. Ein wichtiges Ergebnis war, dass der positive Effekt einer Blutdrucksenkung von initial rund 175/90 mmHg auf durchschnittlich 145/80 mmHg in 25.8% der Fälle mit einer Monotherapie (1.5 mg Indapamid) erreicht werden konnte. Auch die 2018 ESC/EHS Guideline empfiehlt bei Patienten > 80-jährig primär eine Monotherapie. Dabei sollten bei der Wahl der Therapie auch Komorbiditäten berücksichtigt werden. Beispielsweise kann beim Vorliegen einer KHK im Unterschied zu jüngeren Patienten auch ein Betablocker erste Wahl sein.
In der vieldiskutierten SPRINT Studie ist es in der Subgruppe der Patienten älter als 75 Jahre (Durchschnitt 79.9 Jahre) durch die Blutdrucksenkung zwar zu weniger kardiovaskulären Ereignissen gekommen, allerdings zum Preis von signifikant mehr schweren Nebenwirkungen (behandlungsbedürftige Stürze und Elektrolytentgleisungen) in der Interventions-Gruppe (Zielwert 120 mmHg) im Vergleich zur Kontroll-Gruppe (Zielwert 140 mmHg) (18). Wichtig zu wissen: In der SPRINT und HYVET Studie wurden gebrechliche Patienten, Pflegeheimpatienten und Patienten mit Demenz und Status nach zerebrovaskulären Ereignissen ausgeschlossen. Bei SPRINT war Diabetes ebenfalls ein Ausschlusskriterium. Zusammenfassend besteht also Evidenz, dass die Blutdruckkontrolle < 160 mmHg bei hochaltrigen robusten (nicht-gebrechlichen) Patienten wirksam ist, der Benefit einer intensiveren Senkung (< 140 mmHg) jedoch gering ist und es gehäuft zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommt.
Welche Evidenz gibt es nun für hochaltrige, gebrechliche Patienten mit all den erwähnten Komorbiditäten, die einen relevanten Anteil im Praxisalltag ausmachen? Gut kontrollierte Kohortenstudien zeigten folgende Resultate: Eine populations-basierte Beobachtungsstudie in der > 85-jährigen Bevölkerung der Stadt Leiden in den Niederlanden ergab eine signifikant erhöhte Gesamtmortalität bei Teilnehmern mit tiefer behandelten Blutruckwerten (< 140 mmHg) im Vergleich zur behandelten Population mit höheren Blutruckwerten (19). Eine Blutrucksenkung <140/90 mmHg war auch bei über 80-Jährigen in einer repräsentativen Alterskohorte für Deutschland mit einer erhöhten Gesamtmortalität verbunden (20). In einer Kohorte von > 90-jährigen Israeli mit unbehandelter Hypertonie (> 140/90  mmHg) zeigte sich kein Unterschied in der 5-Jahres Mortalität, unabhängig von Komorbiditäten, antihypertensiver Behandlung und funktionellem Status (21).

Prof. Dr. med. MPHOliver Senn

Institut für Hausarztmedizin
Universität und UniversitätsSpital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

oliver.senn@usz.ch

Prof. Dr. med. MPHStefan Neuner-Jehle

Institut für Hausarztmedizin
Universität und UniversitätsSpital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Ambulante Blutruckmessungen und Praxismessungen im Stehen sind bei älteren Patienten sinnvoll zur Vermeidung einer Überbehandlung (Weisskittel-Hypertonie) und zum Erkennen einer Orthostase als Risikofaktor für Stürze
  • Bei hochaltrigen (>80 Jahre) fitten und unabhängigen Patienten mit einem systolischen Blutdruck > 160 mmHg wird eine Blutdrucksenkung mit Zielwert 150/80 mmHg empfohlen (initial mit einer Monotherapie)
  • Nebst dem chronologischen Alter sollte die Gebrechlichkeit als Indikator für eine verminderte Lebenserwartung berücksichtigt werden
  • Die Blutdrucksenkung bei gebrechlichen Patienten ist eine individualisierte Therapieentscheidung, wobei die Verträglichkeit respektive die Vermeidung von potentiellen Nebenwirkungen im Vordergrund steht.

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Nicht-Opioid-Analgetika in der Geriatrie

Bei der Pharmakotherapie im Alter sind allgemein und im Zusammenhang mit Schmerztherapie im Besonderen alterstypische Veränderungen von Pharmakokinetik und -Dynamik zu berücksichtigen. In diesem Artikel werden diese vorgestellt und darauf aufbauend Vorschläge zum sinnvollen Einsatz von Analgetika im Alter präsentiert.

Um uneingeschränkt wirken zu können, müssen Medikamente nach Gesetzen der Pharmakokinetik absorbiert, verteilt, metabolisiert und eliminiert werden. Diese Parameter unterliegen im Alter relevanten Veränderungen: Die Absorption im Magen-Darmtrakt läuft meist verzögert ab, Distribution und Metabolisierung sind meist vermindert und die renale Elimination verlangsamt. Dies kann zu einer negativen Nutzen-Risikobewertung einer Dauermedikation des älteren Menschen führen: Die Risiken der Therapie können den Benefit überwiegen.
Erschwerend kommt hinzu, dass häufig mehrere Erkrankungen gleichzeitig behandelt werden; die Wahrscheinlichkeit für eine Polymedikation mit entsprechendem Interaktionsrisiko ist gross. Zudem droht die «Verschreibungskaskade»: Eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) wird als eigenständiges und pharmakologisch behandlungsbedürftiges Symptom angesehen und gerade der ältere Mensch erhält so eine Vielzahl an Substanzen, deren kumulierter Benefit – und mögliche Interaktionen – kaum mehr überblickt werden können.
Zahlreiche Publikationen und Behandlungsempfehlungen beschäftigen sich mit der Pharmakotherapie geriatrischer Patienten. In den USA publiziert die American Geriatrics Society regelmässig die Beers Criteria®, welche 65 Substanzen identifiziert haben, deren potenzielle Risiken den Benefit für Alte überwiegen. Im deutschsprachigen Raum kann z.B. analog die PRISCUS-Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen eingesehen werden.

Physiologische Veränderungen im Alter mit Einfluss auf die Pharmakokinetik

Zahlreiche Körperfunktionen unterliegen im Alterungsprozess physiologischen Veränderungen, welche einen Einfluss auf Pharmakokinetik und -dynamik haben. Beispielsweise nehmen Körpermasse und Grundumsatz ab, das Verteilungsvolumen lipophiler Substanzen wird bei erhöhter Fettmasse grösser, dasjenige hydrophiler Substanzen bei verringertem Körperwasser geringer, die Plasmaeiweissbindung ist reduziert. Die gastrointestinale Motilität sowie die Sekretion protektiver Prostaglandine sind vermindert und eine gastrale Atrophie kann eine verminderte Absorptionsfläche für Substanzen bedingen. Zu einer Abnahme der exokrinen Pankreassekretion gesellt sich ein verminderter hepatischer Blutfluss. Vor allem hepatische Phase -1-Reaktionen laufen verlangsamt ab, so dass Arzneimittel häufig nur verzögert metabolisiert werden können. Schliesslich sind glomeruläre Filtrationsrate und renaler Blutfluss im Alter vermindert, so dass die Elimination verzögert wird.

Physiologische Veränderungen im Alter mit Einfluss auf die Pharmakodynamik

Veränderungen des autonomen Nervensystems akzentuieren im Alter, so dass anticholinerge Substanzen zu vermehrten UAW führen können. Sedierende Substanzen bringen eine erhöhte Sturzgefahr und eingeschränkte Kognition mit sich. Insbesondere Opioide und NSAR zählen zu den «Fall-Increasing-Drugs», welche in diesem Kontext vermieden werden sollten. Eine orthostatische Dysregulation mit Schwindel und Synkopen entsteht leichter bei Einsatz blutdrucksenkender Substanzen. Am Nervensystem kommt es im Laufe des Alterungsprozesses zu einer Veränderung der Schmerzverarbeitung und des Schmerzerlebens. Endogen schmerzhemmende Prozesse sowie Nervenleitungsgeschwindigkeit sind vermindert. Durch die Abnahme und Hemmung der Aδ-Fasern wird die Schmerztoleranz erhöht, durch eine verstärkte Antwort der C-Fasern wird der Schmerz verzögert, aber verstärkt wahrgenommen. Neurotransmitterausschüttung und Anzahl postsynaptischer Rezeptoren sind vermindert, so z.B. die der Dopamin- oder der adrenergen α- und β-Rezeptoren. Die Wirksamkeit von Opioiden nimmt zu.
Zu den physiologischen Veränderungen gesellen sich im Alter häufige Symptome: Beispielsweise tritt eine Dysphagie, welche das Schlucken von Tabletten erschwert, häufig auf – bei zu Hause lebenden geriatrischen Menschen geht man von Prävalenzen zwischen 30-40% aus; bei institutionalisierten alten Patienten von 60%. In diesem Fall ist die Verordnung von Substanzen in Tropfenform oder als transdermales System von Vorteil.

Analgetika im Alter

Chronischer Schmerz ist das häufigste behandlungsbedürftige Symptom des alten Menschen, die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter. Chronischer Schmerz hat einen enormen Einfluss auf Lebenszufriedenheit und Selbstkompetenz und fördert das Risiko von affektiven Erkrankungen, Dysfunktionalität im Alltag und dauerhafter Pflegebedürftigkeit. Ziel einer Schmerztherapie im Alter ist neben der Analgesie das Vermeiden relevanter UAW, das Ermöglichen von Aktivität, Mobilität und Erhaltung der Lebensqualität. Im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzeptes kommen sowohl «Over The Counter-» als auch verschreibungspflichtige Präparate zum Einsatz, wie Nicht-Opioid-Analgetika, schwache und starke Opioide sowie Adjuvantien wie Kortikosteroide, Antidepressiva oder Antiepileptika. Vor dem Einsatz von Nicht-Opioid-Analgetika sollten die individuellen Risikofaktoren für gastrointestinale, hepatische, renale, hämatologische und kardiovaskuläre UAW erfasst und in die Therapieentscheidung einbezogen werden.
Opioide werden im Alter eher zurückhaltend und mit strenger Indikation eingesetzt: Obstipation, erhöhte Sturzneigung mit Frakturrisiko, die Gefahr von Abhängigkeit, Sedation, kognitiver Einschränkung bis Delir limitieren den Gebrauch. NSAR sind in der Langzeitanwendung generell, und im Alter speziell nur mit Vorsicht zu empfehlen. In dieser Patientengruppe drohen u.a. gastrointestinale Blutungen und Ulzerationen, eine Verminderung der Nierenfunktion sowie das Begünstigen eines Delirs oder anderer zentralnervöser Symptome. Eine schwere Niereninsuffizienz (GFR < 30ml/min) muss vor der Anwendung von NSAR ausgeschlossen sein.
Selektive COX-2 Hemmer haben sich in dieser Patientengruppe ebenfalls als nicht vorteilhaft erwiesen, dies v.a. aufgrund der gehäuften Inzidenz von Myokardinfarkt und Schlaganfall.
Beispiele von Nicht-Opioid-Analgetika in der Geriatrie sind in Tab. 1 aufgelistet.

Acetylsalicylsäure, ASS

ASS ist als Analgetikum in der Selbstmedikation nur für eine Kurzzeitbehandlung über drei Tage zugelassen. Eine längere Anwendung sollte ärztlich überwacht werden. Neben analgetischen, antiphlogistischen und antipyretischen Eigenschaften besitzt ASS auch relevante thrombozytenaggregationshemmende Wirkung. Zu den renalen Effekten zählt die Flüssigkeitsretention. Alte Patienten, die unter arterieller Hypertonie oder beeinträchtigter Herzfunktion leiden, die eine renale Insuffizienz vorweisen und evtl. Diuretika oder ACE-Hemmer einnehmen, sollten nur sehr zurückhaltend mit ASS in analgetischen Dosen behandelt werden. ASS zeigt die gesamte Bandbreite typischer NSAR – UAW. Zudem vermindert ASS in niedriger Dosierung die Harnsäureausscheidung und kann bei prädisponierten Patienten einen Gichtanfall auslösen. ASS ist rezeptfrei, obwohl gemäss Swissmedic 2018 gastrointestinale Blutungen bei ca. einem von 1 000 Behandelten auftreten und diese auch tödlich verlaufen können.

Celecoxib

Zwar ist dieser COX2- Hemmer zur Behandlung chronischer Erkrankungen wie Osteoarthrose, rheumatoider Arthritis oder Spondylitis ankylosans zugelassen, von einer dauerhaften Gabe rät der Hersteller allerdings ab, resp. rät zu sorgfältiger Monitorisierung und wiederholter Nutzen- / Risikobewertung. Das Risiko für gastrointestinale Blutungen besteht wie für nichtselektive COX-Hemmer. Zudem wurde eine erhöhte Inzidenz von thrombotischen kardio- und zerebrovaskulären Ereignissen nachgewiesen. Gerade in höheren Dosen ist das Risiko für einen Myokardinfarkt erhöht. Celecoxib besitzt keine thrombozytenaggregationshemmenden Eigenschaften. Wie andere NSAR auch kann Celecoxib gerade bei älteren Menschen nierentoxisch wirken.

Diclofenac

Für Patienten mit bestehender kardiovaskulärer Erkrankung wird die Substanz nicht empfohlen. Falls notwendig, sollen alte Patienten bei Gabe über mehr als 4 Wochen nur mit Dosen bis zu 100 mg pro Tag behandelt werden. Niereninsuffizienz, Leberinsuffizienz (Child Pugh Klasse C) und Herzinsuffizienz (NYHA III–IV) stellen eine Kontraindikation dar. Zu eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion liegen gemäss Hersteller keine Daten vor, es sei «Vorsicht angezeigt».

Etodolac

Etodolac ist für die Langzeitanalgesie bei geriatrischen Patienten zugelassen. In dieser Patientengruppe liess sich kein Unterschied bzgl. Pharmakokinetik oder UAW-Profil zeigen. Auch ist die aktive Etodolac-Konzentration durch Nieren- oder Leberinsuffizienz nicht verändert. Schwere Leberfunktionsstörungen, Nieren- oder Herzinsuffizienz zählen gemäss Herstellerangaben dennoch zu den Kontraindikationen. Ebenfalls gemäss Herstellerangaben ist die Prostaglandin E2-Hemmung im Magen schwach und von kurzer Dauer. Etodolac reichert sich in der Synovialflüssigkeit an, was Vorteile bei der Behandlung arthritischer Schmerzen bietet.

Ibuprofen

Ist nur für die Kurzzeitbehandlung akuter Schmerzen zugelassen. Schwere Leberfunktionsstörungen, Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance < 30 ml/min) und Herzinsuffizienz (NYHA III–IV) zählen zu den Kontraindikationen. Es bestehen Hinweise, dass es unter hohen Dosen (2400 mg/Tag) zu einem erhöhten Risiko von arteriellen thrombotischen Ereignissen wie Myokardinfarkt oder Schlaganfall kommt.

Indometacin

Zeigt unter den NSAR das höchste Risiko für gastrointestinale Blutungen, Ulzerationen und Perforationen, auch mit letalem Ausgang, bei älteren Patienten. Zudem von allen NSARs die häufigste Inzidenz zentralnervöser UAW. Die Substanz sollte bei gastrointestinalen Vorerkrankungen, Hypertonie, Herzinsuffizienz NYHA III-IV, schweren Leberfunktionsstörungen und St.n. kardialen Bypass-Operationen nicht eingesetzt werden.

Metamizol

Wirkt durch eine Kombination zentraler und peripherer Effekte und besitzt zudem spasmolytische Eigenschaften. Metamizol wird bei positivem Risikoprofil sehr häufig auch in der Geriatrie verwendet. Dabei werden fehlende Risiken (s. die oben erwähnten kardialen, renalen und gastrointestinalen UAW), welche unter NSAR-Therapie regelmässig vorkommen, gegen die schwere, aber sehr seltene UAW der Agranulozytose abgewogen.

Paracetamol

Im Alter sind keine Dosisanpassungen notwendig, solange die hepatische Funktion nicht eingeschränkt ist und kein Alkoholabusus vorliegt. Bei letzterem kommt es zu Induktion der hepatischen Monooxigenase CYP2E1 und vermehrter Bildung des toxischen Metaboliten NAPQI. Beim Gesunden entsteht aus 2-4% der Paracetamoldosis NAPQI, welches dann durch Glutathion gebunden wird. Bei geriatrischen kachektischen Patienten können die Glutathion-Reserven vermindert sein. Bei milder bis moderater hepatozellulärer Insuffizienz gibt der Hersteller eine Maximaldosis von 2 g/d an, bei schweren Leberfunktionsstörungen ist Paracetamol kontraindiziert. Nierenfunktionseinschränkungen hingegen stellen normalerweise keine Kontraindikation dar; lediglich bei einer Kreatininclearance < 10 ml/min wird das Dosierungsintervall auf acht Stunden erhöht. Paracetamol kann auch als Dauermedikation eingesetzt werden. Eine relativ geringe Wirkstärke und fehlende entzündungshemmende Eigenschaften limitieren allerdings den Nutzen.

Piroxicam

Oxicam mit hoher oraler Bioverfügbarkeit und langer Halbwertszeit, daher nur einmal tägliche Einnahme. Unter Piroxicam besteht bei Alten ein hohes Risiko für gastrointestinale Blutungen, Ulzerationen und Perforationen. Piroxicam führt zudem zu erhöhtem Blutdruck. Zu den Kontraindikationen zählen neben Magen-/Darmulcera auch Nieren- und Leberfunktionsstörungen, Hypertonie, Herzinsuffizienz NYHA III-IV, St.n. kardialen Bypass Operationen.

Behandlung chronischer Schmerzen im Alter

In Alters- und Pflegeheimen wird in der chronischen Schmerztherapie am häufigsten Paracetamol eingesetzt, dicht gefolgt von Metamizol auf Platz zwei der Analgetika. In Deutschland ist gar Metamizol das am häufigste in Pflegeheimen verschriebene Analgetikum.
Die gefürchtete schwere und dosisunabhängige UAW der Agranulozytose unter Metamizol beträgt weniger als 0,01% der Behandlungen. Für die Schweiz wurde basierend auf einer aktuellen Basler Studie die minimale Inzidenz einer Metamizol-assoziierten Agranulozytose auf 0,46–1,63 Fälle/Million Tagesbehandlungen geschätzt. In einigen Fällen dokumentierter Agranulozytosen wurde eine Kombination mit einer myelosupprimierenden Substanz verzeichnet. Jeder Patient, der Metamizol verschrieben bekommt, sollte auf die Frühsymptome einer Agranulozytose hingewiesen werden.
Das relative Risiko letaler Ausgänge für Metamizol ist geringer als dasjenige für andere Analgetika: Andrade et al. berechneten die Todesfälle pro 100 Millionen Anwender bei einwöchiger Einnahme. Für Diclofenac waren dies 529 Todesfälle, für ASS 185, für Metamizol 25 und für Paracetamol 20. Werden Personen mit peptischem Ulkus in der Anamnese ausgeschlossen, ergeben sich für Diclofenac 139, für ASS 79, für Metamizol 5,5 und für Paracetamol 3,6 Todesfälle. Der Bedarf an Analgetika hat in den vergangenen Jahren in der Schweiz massiv zugenommen. Überproportional ist hiervon Metamizol betroffen: So hat sich die Zahl der Verschreibungen zwischen 2006 und 2013 mehr als vervierfacht. Zu bevorzugen ist die Substanz zur Therapie starker Schmerzen bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, die auf NSAR gastrointestinale Symptome entwickelt haben oder anderweitige Kontraindikationen für diese Substanzgruppe haben.
Generell gilt für die Analgetika-Therapie geriatrischer Patienten, bei denen langfristige Behandlungserfolge und eine erhöhte Funktionalität im Alltag erzielt werden sollten, ein zurückhaltendes Verschreibungsverhalten als Goldstandard: Start Low, Go Slow. Leichtere chronische Schmerzen sollten nach Möglichkeit mit Paracetamol, schwerere Schmerzzustände eher mit Metamizol behandelt werden. Ein längerfristiger Einsatz von NSAR sollte vermieden werden.
Selbstverständlich sollte bei der Therapie chronischer Schmerzen des älteren Menschen ein indikationsgerechter Einsatz von Koanalgetika wie Antikonvulsiva, Antidepressiva, Steroide etc. berücksichtigt werden. Im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes kommen physikalische Therapien, Physiotherapie, Psychotherapie und die interventionelle Schmerztherapie durch ein interdisziplinäres Behandlungsteam zum Zuge. Der Summeneffekt dieser Massnahmen sollte dem alten Menschen eine sichere und effektive Schmerztherapie gewährleisten, bei der die Risiko-Nutzenbewertung stimmt.

Dr. med. Antje Heck

Fachärztin für Klinische Pharmakologie und Toxikologie FMH
Fachärztin für Anästhesie FMH, Schmerzspezialistin SGSS
Leiterin Sprechstunde Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit
Oberärztin Psychiatrische Klinik Königsfelden
Postfach 432
5201 Brugg

antje.heck@pdag.ch

Prof. Dr. med. Eli Alon

Facharzt für Anästhesiologie FMH, Schmerzspezialist SGSS
Professor für Anästhesiologie und Schmerzmedizin an der
Universität Zürich
Praxis für Schmerztherapie
Arzthaus Zürich City
Lintheschergasse 3
8001 Zürich

eli.alon@arzthaus.ch

Ein Experten-Meeting wurde finanziell von Sanofi unterstützt (ohne dran teil zu nehmen). Der Sponsor hatte keinen Einfluss auf den Bericht.

  • Physiologische Veränderungen im Alter bedingen eine veränderte Pharmakokinetik und -Dynamik. Zudem können sowohl erwünschte als auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) von Erkrankungen des späten Lebensabschnittes beeinflusst werden
  • Herstellerangaben bzgl. Indikation, Dosierung, Effektivität und unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Nicht-Opioid-Analgetika (NOA) begründen sich meist auf Studien an jungen, eher gesunden Patienten über einen recht kurzen Beobachtungszeitraum. Auf eine chronische Anwendung bei älteren Menschen sind diese Angaben nicht ohne weiteres übertragbar
  • Auch akute und chronische Erkrankungen des alten Menschen erfordern eine veränderte Nutzen-/Risikobewertung in Auswahl und Dosierung eines Analgetikums
  • Opioide werden im Alter eher zurückhaltend und mit strenger Indikation eingesetzt: Obstipation, erhöhte Sturzneigung mit Frakturrisiko, die Gefahr von Abhängigkeit, Sedation, kognitiver Einschränkung bis Delir limitieren den Gebrauch
  • Generell gilt für die Analgesie geriatrischer Patienten ein zurückhaltendes Verschreibungsverhalten als Goldstandard: Start Low, Go Slow. Leichtere chronische Schmerzen sollten möglichst mit Paracetamol, schwerere Schmerzzustände eher mit Metamizol behandelt werden. Ein längerfristiger Einsatz von NSAR sollte vermieden werden
  • Sollten Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) bei akuten entzündlichen Schmerzen eingesetzt werden, empfiehlt sich beim älteren Patienten die gleichzeitige Verschreibung eines Magenschutzes ab erstem Verordnungstag.

Special Lecture Dr. Nuts – Die häufigsten Fragen in der Diabetologie

1950 ist man davon ausgegangen, dass die Verdoppelung des medizinischen Wissens 50 Jahre dauere. 2020 erfolgt die Verdoppelung alle 0,2 Jahre. Vor diesem Hintergrund wurde die innovative Wissensplattform «in a nutshell» geschaffen, welche für Hausärzte und Internisten jederzeit einen einfachen und schnellen Zugriff auf verständlich formulierte, praxisorientierte und praxisrelevante Informationen vermitteln soll. In diesem Rahmen wurden bisher 3 Broschüren zu wichtigen Themen in der Grundversorgung herausgegeben, «Reduktion des kardiovaskulären Risikos bei Diabetes mellitus Typ 2», «Psoriasis in der Hausarzt-Praxis» sowie ganz neue «Leber in der Hausarzt-Praxis».

Ask Dr. Nuts – Ihre Fragen zum polymorbiden Diabetespatienten

Im Rahmen der Präsentation am Frühjahrskongress der SGAIM 2019 in Basel referierte Herr Professor Roger Lehman über: Ask Dr. Nuts – Ihre Fragen zum polymorbiden Diabetespatienten.

Die 1. Frage «Was ist das Ziel HbA1c bei einem polymorbiden Patienten mit Diabetes Typ 2?» beantwortet der Referent mit einer Gegenfrage «wie ist das Risiko für eine Hypoglykämie». Wenn ein Patient mit Sulfonylharnstoffen behandelt wird, ist diese Frage wesentlich. Hypoglykämien sind gefährlich, sie können zu Hirnschaden und Tod führen sowie zu Entzündung und steigern die Thrombose Häufigkeit bis 7 Tage nach einer Hypoglykämie (Abb. 1).
Somit lautet die wichtigste Antwort auf die Eingangsfrage: Falls der Patient nicht unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen steht, gibt es keine untere Begrenzung für das HbA1c (es soll so normal wie möglich sein, nämlich 6-7%). Eine Kombination von Sulfonylharnstoffen und Insulin sollte absolut vermieden werden, da darunter das Hypoglykämierisiko um das 9-bis 40-fache erhöht ist. Ältere Patienten haben oft keine typischen klinischen Zeichen bei Hypoglykämie, bei ihnen verläuft die Hypoglykämie oft still. Im Weiteren steigt das Risiko für Hypoglykämien bei schlechter Nierenfunktion und bei hohem Alter.

2. Frage: Diabetes und akute Krankheiten (Diarrhoe, Erbrechen): was muss pausiert werden? Im Falle von schweren Erkrankungen, drohender Hospitalisation oder Eingriffen sollen Metformin und SGLT-2 Hemmer abgesetzt werden. Metformin wird unmetabolisiert renal ausgeschieden. Falls es im Rahmen einer schweren Erkrankung zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion kommt, droht die Gefahr einer Laktazidose. SGLT-2 Hemmer können bei Insulinmangel zu einer diabetischen Ketoazidose führen.

3. Frage: Wie sieht die Diabetestherapie bei Herz- bzw. Niereninsuffizienz aus? Der Referent bezeichnete es als neue Erkenntnis, dass Nierenversagen und Herzinsuffizienz zusammengehören. Es gibt viele hämodynamische Kontrollen und kardio-renale Verbindungen, wie erhöhter peripherer Widerstand, Blutdruckveränderungen, erhöhte Natriurese bzw. Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Renin-Angiotensin-System, Entzündung, welche bei beiden Krankheitsentitäten verändert sind (Abb. 2).
Mit Blick auf eine Vielzahl von modernen Studien zur Diabetestherapie mit kardiovaskulären Endpunkten kann beobachtet werden, dass es nur mit SGLT-2 Hemmern gelingt, die Herzinsuffizienz zu verhindern respektive zu behandeln (Empagliflozin, Canagliflozin, Dapagliflozin) (Abb. 3). 2 Gruppen haben auch nephroprotektive Wirkungen, die SGLT-2 Hemmer, zu erwähnen sind insbesondere die EMPA-REG OUTCOME Studie sowie das CANVAS/CREDENCE Programm, und GLP-1 Rezeptor Agonisten (RA) mit entsprechenden Resultaten in der LEADER- und SUSTAIN 6-Studie (Abb. 4).
Im Gegensatz zu früheren Studien hatten die Teilnehmer im CREDENCE Programm im Schnitt eine deutlich schlechtere Nierenfunktion mit einer Makroalbuminurie und einer eGFR von im Schnitt 56 ml/min. Der Schweregrad der Niereninsuffizienz wurde auch da-durch charakterisiert, dass 176 Patienten einem Nierenersatzverfahren zugeführt werden mussten. Gerade in diesem schwer belasteten Krankengut wurde das relative Risiko für den primären Endpunkt (Dialyse, Transplantation, eGFR anhaltend < 15 ml/min, Verdoppelung des Serum Kreatinins oder Tod aus renalen oder kardiovaskulären Gründen) um 30% reduziert (Abb. 5).
Während Empagliflozin und Canagliflozin gemäss offizieller Empfehlung erst ab einer GFR von 45 ml/min eingesetzt werden darf, könnten diese beiden Substanzen aufgrund der aktuellen Endpunktstudien bereits ab einer GFR von 30 ml/min eingesetzt werden. Für Dapagliflozin wurde die Indikation auf eine eGFR von 45 ml/min gesenkt, es gibt aber noch keine Studien bis zu einer eGFR von 30 ml/min. Während der glukosesenkende Effekt mit abnehmender Nierenfunktion abnimmt bleibt der positive Effekt bezüglich Nephroprotektion und Verbesserung/Prävention von Herzinsuffizienz und Vermeidung kardiovaskulärer Ereignisse intakt auch bei tieferer eGFR (Abb. 6).
Der Referent macht darauf aufmerksam, dass die kardiovaskulären Endpunkt-Studien nicht darauf angelegt waren, den Nutzen der Substanzen im Rahmen der primären Prävention zu prüfen. Die Beobachtungsdauer war für eine Population mit niedrigem Risiko zu tief. Aus diesem Grunde wurden Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen geprüft, so das eigentlich eine Situation einer Sekundärprävention vorliegt. Der Referent ist aber überzeugt, dass bei Patienten mit Diabetes und multiplen Risikofaktoren auch ein Effekt im Rahmen der Primärprävention bestehe, dass aktuell aber die Studien dazu noch nicht vorhanden sind (Abb. 7).

Wie sieht die Situation 2019 in der Schweiz aus? Die 1. Frage soll immer einen möglichen Insulinmangel betreffen. 25% aller Patienten haben einen Insulinmangel und der Referent hat selbst auch Patienten im Alter von 70 und 80 Jahren gesehen mit einer Erstmanifestation eines Typ 1 Diabetes. Die 2. Frage betrifft die Nierenfunktion, ¼ aller Patienten haben eine eGFR < 60 ml/min. Bei diesen kommen zur Therapie SGLT-2 Hemmer und GLP-1 RA in Frage. Die 3. Frage betrifft kardiovaskuläre Erkrankungen. Diese ist in der Praxis schwierig zu beantworten, 50% aller Krankheiten leiden an einer solchen, sind aber asymptomatisch. Auch diese profitieren von SGLT-2 Hemmern und GLP-1 RA. Die 4. Frage betrifft die Herzinsuffizienz, an welcher ca. 25% der Patienten leiden, aber asymptomatisch sind. Auch diese Diagnose ist in der Praxis schwierig zu beantworten, im Zweifelsfall sind SGLT-2 Hemmer richtig (Abb. 8).

Die neuen Zürcher Empfehlungen 2019 lauten: Lifestyle Interventionen sind sehr wichtig. Die Therapie hat multifaktoriell zu erfolgen unter Berücksichtigung von Blutdruck, Cholesterin, Rauchstopp und Diabetes. Die Erstlinien Diabetestherapie besteht in Metformin, falls die eGFR grösser 30 ml/min ist. Wichtig ist eine frühe Kombinationstherapie, ähnlich wie sie bei der Behandlung des Blutdrucks schon seit langem üblich ist. Dann soll die Präferenz des Patienten erfragt werden. Dieser will keine Unterzuckerung, weshalb GLP-1 RA und/oder SGLT-2 Hemmer in Frage kommen oder aber DPP-4 Hemmer. Diese sind sicher, haben aber keinen sofortigen Nutzen auf die kardiovaskuläre Erkrankung. Gewichtsverlust ist ein häufiger Wunsch der Patienten (GLP-1 RA und/oder SGLT-2 Hemmer). Dann kommt die Frage nach einem Insulinmangel – besteht ein solcher erfolgt die Behandlung mit Insulin. Weiter die Frage nach der Nierenfunktion, wenn die eGFR unter 30 ml/min ist, kommen nur DPP-4 Hemmer oder GLP-1 RA in Frage. Wenn die eGFR zwischen 30 und 90 ml/min beträgt und ein Nierenschutz erwünscht ist, kommen SGLT-2 Hemmer und/oder GLP-1 RA in Frage. Die abschliessende Frage betrifft die Prävention und Therapie einer Herzinsuffizienz, welche eine ideale Indikation für SGLT-2 Hemmer darstellt. Es gibt jetzt auch Studien von Kardiologen, welche diese Substanz bei Patienten mit Herzinsuffizienz ohne Diabetes einsetzen (Abb. 9).

Dr. med. Hans Kaspar Schulthess