Topische Phytotherapeutika

Arzneipflanzen als Vielstoffgemische mit äusserst breiten pharmakologischen Wirkstoffprofilen weisen in der Regel mehrere Wirkungen zugleich auf und wirken daher sowohl symptomatisch wie kausal. Gerade in der Dermatologie aber auch bei Beschwerden des Bewegungsapparates lassen sich topische Phytotherapeutika vielseitig und direkt am Wirkort einsetzen und können bei leichten bis mittelschweren Beschwerden oftmals als alleinige Therapie genügen; bei schwereren Beschwerdebildern können sie ergänzend zu einer bestehenden Therapie eingesetzt werden.

Pflanzliche Dermatika

Kamille: Starke antiphlogistische Wirkung

Für die experimentell und klinisch gut belegte starke antiphlogistische Wirkung von Kamille (Matricariae flos) ist insbesondere das im Ƥtherischen Ɩl enthaltene α-Bisabolol sowie Chamazulen verantwortlich, dies über eine Hemmung der Cyclooxygenase und Lipoxygenase (1). Ferner liegen auch eine antibakterielle Wirkung insbesondere gegenüber grampositiven Keimen (Staphylococcus aureus, Streptokokken (2)) sowie wundheilungsfƶrdernde Effekte vor, weshalb sie sich gut für die Behandlung von infizierten, nƤssenden Dermatitiden sowie Wunden eignet. Zur Anwendung kommen neben wƤssrigen Auszügen und Tees auch (verdünnte) standardisierte alkoholische Extrakte, beispielsweise für Auflagen oder Waschungen, oder aber verarbeitet z.B. in einer CrĆØme (10-15%) oder in weisser Schüttelmixtur (2-5%). Zu beachten ist, dass alkoholische Extrakte wesentlich mehr Ƥtherisches Ɩl enthalten als wƤssrige Extrakte, welche ihrerseits reichlich reizlindernde Schleimstoffe enthalten (1). Für eine mƶglichst umfassende Wirkung ist daher eine Kombination von Vorteil: Der wƤssrige Auszug (1-2 EL Kamillenblüten/150 ml kochendes Wasser) kann mit 5ml Kamillentinktur verstƤrkt werden. Auch das reine Ƥtherische Ɩl kann zur VerstƤrkung dem alkoholischen Extrakt beigegeben werden, oder aber in halbfesten Zubereitungen verarbeitet werden (1-3%, alleine oder mit anderen Ƥtherischen Ɩlen).
Das Allergierisiko ist entgegen landläufiger Meinung eher gering; mögliche Reaktionen sind meist auf Verunreinigungen mit Hundskamille zurückzuführen. Hundskamille enthält ein allergieauslösendes Sesquiterpenlakton, welches in der echten Kamille wenn dann nur in Spuren nachweisbar ist (1).

Atopische Dermatitis und Ekzeme: Ballonrebe und Nachtkerzenƶl

Ebenfalls entzündungshemmend ist die Ballonrebe (Cardiospermum halicacabum), welche insbesondere bei atopischer Dermatitis und anderen Ekzemen zum Einsatz kommt; etwas Ƥltere Studien belegen hier eine Wirksamkeit vergleichbar mit Hydrocortison (2, 3). Neben der Entzündungshemmung, vermutlich über eine Hemmung der Phospholipase A2 (1), weist die Ballonrebe auch juckreizlindernde und feuchtigkeitsspendende Eigenschaften auf. Angewendet wird die Ballonrebe als halbfeste Zubereitung bei leichten Schüben oder zur Intervalltherapie (2), entweder als FertigprƤparat oder rezeptiert als Magistralrezeptur.
Nachtkerzenƶl (Oleum oenotherae) wird systemisch aber auch topisch bei atopischer Dermatitis eingesetzt. Sein hoher Gehalt an Ļ’-LinolensƤure wirkt über diverse Mechanismen entzündungshemmend und unterstützt den Aufbau der epidermalen Barriere; pur topisch aufgetragen wirkt es überdies sofort pflegend und rückfettend (2), es kann aber auch in Kombination mit Ballonrebe verarbeitet und als Basispflege angewendet werden (10-20%) (Rezeptur 1).

Gerbstoffdrogen bei nässenden und hochentzündlichen Hauterkrankungen

Die Gerbstoffe der Eichenrinde (Quercus cortex), der Zauber-nussblätter/-rinde (Hamamelidis folium/cortex) oder des etwas schwächeren Schwarztees (Camellia sinensis folium) wirken zusammenziehend, entzündungshemmend und abschwellend, juckreizstillend und je nach Gerbstoffgehalt auch antimikrobiell. Angewendet werden Gerbstoffdrogen als Waschungen oder Umschläge bei nässenden und hochentzündlichen Zuständen. Da die wasserlöslichen Gerbstoffe erst nach längerer Zeit extrahiert werden, muss auf eine genug lange Ziehzeit geachtet werden (2-3 EL Hamamelisblätter oder 3 TL Eichenrinde mit 1/2l Wasser übergiessen, ev. etwas kochen und 15-30 Minuten ziehen lassen. Da Gerbstoffe die Haut austrocknen können, gilt eine maximale Anwendungsdauer von ca. 10 Minuten pro Anwendung, während maximal 2-3 Wochen (1).
Hamameliswasser, welches in einigen FertigprƤparaten enthalten ist, wirkt nicht adstringierend, da durch Destillation hergestellt und dadurch gerbstofffrei, dank dem Ƥtherischen Ɩl und den Flavonoiden wohl aber antiphlogistisch und reizlindernd (4).

Die Mahonie: Antiproliferative Arzneipflanze bei Psoriasis

Bei leichten bis mittelschweren Formen von Psoriasis kann die Mahonie (Mahonia aquifolium) eingesetzt werden. Das enthaltene Alkaloid Berberin wirkt als Calmodulin-Antagonist regulierend auf Zellwachstum und -vermehrung, sowie durch Komplexbildung mit der DNA mitosehemmend (1). Daneben wirkt Mahonie über diverse Mechanismen auch entzündungshemmend (1). Diverse Studien belegen die Wirksamkeit bei einer guten VertrƤglichkeit (5, 6) (Abb. 1).
Ferner weist Mahonie antiseborrhoische Wirkungen auf, wirkt Talgdrüsen-regulierend und zeigt bereits ab einer 1%igen Urtinktur-Zubereitung eine gute Wirksamkeit gegen alle Propionibacterium-acnes-Stämme (1), was sie zu einer geeigneten Option bei Akne macht. Da das im Handel erhältliche Präparat auf einer fettreichen Grundlage basiert, kann hier eine Rezeptur mit einer leichteren Grundlage (10% Urtinktur in z.B. O/W-Crème oder -Lotion) sinnvoll sein.

Arzneipflanzen bei Beschwerden des Bewegungsapparates

Bei Erkrankungen des Bewegungsapparates werden Phytotherapeutika innerlich wie auch Ƥusserlich mit gutem Erfolg eingesetzt. Topika wirken nach der Applikation rasch und sehr effizient (1) bei einer guten VertrƤglichkeit und reduzierter Nebenwirkungsrate.

Arnika und Beinwell

Eine der wichtigsten Arzneipflanzen ist Arnika (Arnicae flos). Neben hyperƤmisierenden weist Arnika auch starke antiphlogistische und analgetische Wirkungen auf, welche v.a. auf die Sesquiterpenlaktone, insbesondere Helenalin, zurückzuführen sind. Durch diverse Wirkmechanismen wird an zentraler Stelle in das Entzündungsgeschehen eingegriffen (1, 7). Eingesetzt werden Arnikazubereitungen bei Verletzungs- und Unfallfolgen wie z.B. HƤmatomen, Prellungen oder Verstauchungen, beispielsweise als Aufguss (2g Droge/100 ml Wasser) oder als Tinktur 3-10-fach verdünnt für UmschlƤge. ErhƤltlich ist neben diversen FertigprƤparaten auch das Arnika-Mazerat (Ɩlauszug), welches in einem Massageƶl oder bis zu 15%ig in eine halbfeste Zubereitung eingearbeitet z.B. bei rheumatischen Muskel- und Gelenksbeschwerden Verwendung finden kann (1). Arnika darf nicht auf verletzter Haut angewendet werden, da der direkte Kontakt mit den Langerhans-Zellen im Stratum spinosum eine Kontaktdermatitis hervorrufen kann (1).
Bedeutsam ist auch der Wallwurz (Symphyti radix/herba/folium). Das enthaltene Cholin reduziert den Austritt von Gewebsflüssigkeit, fƶrdert lokal die Durchblutung und wirkt so Ɩdem und HƤmatom resorbierend (1). Schleimstoffe und Allantoin wirken reizlindernd, wundheilungsfƶrdernd und regen so eine Gewebsregeneration an, unter anderem auch des Kallusgewebes (1), weshalb Wallwurz auch zur Nachbehandlung bei Knochenbrüchen eingesetzt werden kann (8). RosmarinsƤure wirkt entzündungshemmend und analgetisch (7). Wallwurz eignet sich für die Behandlung von stumpfen Verletzungen wie Verstauchungen, Zerrungen und Prellungen. In der Schweiz zugelassene PrƤparate sind aufgrund der Verwendung pyrrolizidinarmer Wallwurzsorten sowie spezieller Extraktionsprozesse pyrrolizidinarm (< 0.35 ppm) (9) und dürfen auch zeitlich unbeschrƤnkt appliziert werden (1), allerdings nicht bei Kindern, wo eine zeitliche BeschrƤnkung gilt (7-10 Tage) (8, 10). Die Anwendung auf offenen Wunden, sowie die Anwendung bei Schwangeren und Stillenden (11) und eine orale Einnahme ist kontra-indiziert (12).
Diverse kontrollierte Studien belegen die gute Wirksamkeit von Wallwurz, beispielsweise bei akuter Sprunggelenksdistorsion (nicht unterlegen bzw. signifikant stärkere Reduktion von Druck- und Bewegungsschmerz, versus Diclofenac-Gel), bei Kniegelenksarthrose, Rückenschmerz, Epikondylitis und Tendovaginitis. Mehrere offene Studien bestätigen die Besserung der Beschwerden bei guter Verträglichkeit, darunter eine nicht-interventionelle Studie mit über 300 Kindern im Alter von 3-12 Jahren vor allem mit Sport- und Unfallverletzungen (9).
Weitere geeignete topisch anzuwendende Arzneipflanzen bei Beschwerden des Bewegungsapparates sind Johanniskraut (Johanniskrautƶl; durchblutungsfƶrdernd, antiphlogistisch und analgetisch), Scharfstoffdrogen wie Cayennepfeffer (Capsaicin, als Pflaster; Counter-Irritant-Effekt, v.a. bei chronischen Schmerzsyndromen) oder auch Weihrauch (antiinflammatorisch, antiarthritisch). Diverse Ƥtherische Ɩle wie z.B. Pfefferminze, Gewürznelke und Wintergrün (mit hohen Mengen an Menthol, Eugenol, Methylsalicylat: Analgetisch, lokalanƤsthetisch, antiphlogistisch) kƶnnen z.B. bei Muskelschmerzen, entzündlich-rheumatischen Gelenkerkrankungen, Fibromyalgie oder zur Sportmassage eingesetzt werden (13).

Personalisierte Medizin: Phytotherapeutische Magistralrezeptur

Gerade in der Phytotherapie fehlen oftmals passende FertigprƤparate, weshalb das Verschreiben einer Magistralrezeptur nƶtig sein kann. In der Arzneimittelliste mit Tarif ALT (14) finden sich zahlreiche pflanzliche Wirkstoffe, die durch einen Apotheker verarbeitet werden dürfen und die, Ƥrztlich verschrieben, von der Grundversicherung übernommen werden. Die Magistralrezeptur gewinnt auch im Sinne einer personalisierten Medizin immer mehr an Gewicht, da so ein auf den Patienten und seine Therapie optimal zugeschnittenes Arzneimittel verschrieben werden kann (Tab. 1).

Bei einer topischen Magistralrezeptur muss auch der Galenik besondere Beachtung geschenkt werden (Abb. 2): Die Wahl der Galenik hat bei Topika einen Ƥhnlichen Stellenwert wie die Wahl des richtigen Wirkstoffes. Diverse Eigenwirkungen der Grundlage, sog. Vehikeleffekte, beeinflussen den Hautzustand direkt, es gilt das Therapieprinzip: Feucht auf feucht – Fett auf trocken. Auch allfƤllige Nebenwirkungen der Substanz kƶnnen mittels richtiger Grundlage vermindert oder gar verhindert werden, ebenso wird die Grundlage den Transport des Wirkstoffes zum gewünschten Wirkort, beispielsweise bis in die Gelenke, gewƤhrleisten. Ein Austausch mit dem herstellenden Apotheker kann daher sinnvoll sein, damit die jeweils optimale galenische Grundlage gefunden werden kann.

Karoline Fotinos-Graf

eidg. dipl. Pharm., FPH Phytotherapie
Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP
Diesbachstrasse 11
3012 Bern

k.fotinos@smgp.ch

Die Autorin hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Diverse ausgewƤhlte Arzneipflanzen mit breitem Wirkungsspektrum (antiphlogistisch, analgetisch, antipruriginƶs, antiinfektiƶs, adstringierend, wundheilungsfƶrdernd, Ɩdem/HƤmatom resorbierend) stehen für die topische Behandlung von leichten bis mittelschweren Hauterkrankungen sowie Beschwerden des Bewegungsapparates zur Verfügung, als alleinige Therapie oder adjuvant zu einer bestehenden Therapie
  • Für eine grƶssere Wirksamkeit kƶnnen verschiedene Arzneipflanzen und/oder Zubereitungsarten (wƤssriger/alkoholischer Extrakt, Ƥtherisches Ɩl etc.) untereinander kombiniert werden
  • Die Art der Zubereitungen sowie die Galenik sind entscheidend für die Wirksamkeit
  • Dem Arzt, der Ƅrztin stehen neben einigen pflanzlichen FertigprƤparaten zahlreiche Arzneipflanzen und Ƥtherische Ɩle in der ALT (Arzneimittelliste mit Tarif) zur Verschreibung einer Magistralrezeptur zur Verfügung, welche über die Grundversicherung vergütet werden

1. Schilcher, Heinz, et al. Leitfaden Phytotherapie. München : Elsevier GmbH, 2016.
2. Augustin, Matthias und Hoch, Yvonne. Phytotherapie bei Hauterkrankungen. München : Elsevier GmbH, 2004.
3. Bachmann, Christoph. Cardiospermum bei dermatologischen Problemen. Ars Medici thema Phytotherapie. 23. April 2010 (02), Bd. 02, S. 7-8.
4. Fotinos-Graf, Karoline. Ƅtherische Ɩle in der Wundheilung und Entwicklung von geeigneten Rezepturen. www.smgp.ch. [Online] 5. November 2014. [Zitat vom: 28. August 2019.] http://www.smgp.ch/smgp/homeindex/faehigkeitsprogf/zertifikatsarbeiten/Fotinos-GrafKaroline.pdf.
5. Bachmann, Christoph. Neuere Studien mit Mahonia aquifolium bei Psoriasis. Ars Medici thema Phytotherapie 02. 23. April 2010, S. 9.
6. Janeczek, Monica, et al. Review of the Efficacy and Safety of Topical Mahonia aquifolium for the Treatment of Psoriasis and Atopic Dermatitis. J Clin Aesthet Dermatol. 11(12). 1. Dezember 2018, S. 42–47.
7. Bäumler, Siegfried. Heilpflanzenpraxis heute: Arzneipflanzenporträts. München : Elsevier Urban & Fischer Verlag, 2012. Bd. 1.
8. Swissmedic. Swissmedicinfo Kytta med Rheumasalbe. [Online] Swissmedic-Schweizerisches Heilmittelinstitut. [Zitat vom: 22. August 2019.] http://swissmedicinfo.ch/.
9. Wegener, Tankred und Deitelhoff, Birgit. Die Beinwellwurzel Symphytum officinale L., radix – ein Update. Z Phytother. 2018 39(01), S. 5-13.
10. Swissmedic. Swissmedicinfo Traumaplant Salbe. [Online] Swissmedic. [Zitat vom: 22. August 2019.] http://swissmedicinfo.ch/.
11. Phytocura. HERBA PRO MATRE Datenbank zur Bewertung von Arzneipflanzen in Schwangerschaft und Stillzeit. [Online] [Zitat vom: 19. Oktober 2019.] www.phytocura.ch.
12. BGA-BfArM-Kommission_E. Symphyti radix/herba/folium D11AG. Kƶln : Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft, 1990.
13. Bäumler, Siegfried. Heilpflanzenpraxis heute: Rezepturen und Anwendung. München : Elsevier Urban & Fischer, 2013. Bd. 2.
14. Bundesamt für Gesundheitswesen. Arzneimittelliste mit Tarif. www.bag.admin.ch. [Online] 1. 7 2005. [Zitat vom: 30. August 2019.] http://www.bag.admin.ch/themen/krankenversicherung/06492/06493/index.html?lang=de.

Biologika in der Rheumatologie

Die Behandlungsmöglichkeiten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen konnten in den letzten 20 Jahren erheblich verbessert werden. Im Jahr 2000 wurde Etanercept (Enbrel®), ein therapeutisches Fusionsprotein gegen Tumornekrosefaktor-TNF-α und etwa zeitgleich Infliximab (Remicade®), ein Antikörper ebenfalls gegen TNF-α in Europa zugelassen. In den nachfolgenden Jahren erreichten zunehmend mehr Antikörper, auch gegen andere Zielmoleküle gerichtet, den Markt und ergänzen die mittlerweile sehr umfangreichen Therapiemöglichkeiten. Ausserdem sind seit einiger Zeit mehrere Biosimilars (generische Präparate) verfügbar, die nahezu die identische Molekularstruktur aufweisen. Dieser Artikel gibt eine Übersicht über die aktuell verfügbaren Substanzen. Dabei sei erwähnt, dass in den letzten Jahren einige sogenannte «Small Molecules» in den klinischen Einsatz kamen, die gänzlich andere Molekülstrukturen und Wirkmechanismen aufweisen und somit separat betrachtet werden müssen.

Allen Antikörpern ist gemeinsam, dass die meisten von ihnen eine grosse Anzahl von randomisierten, kontrollierten Studien durchlaufen haben, nicht nur um die Wirksamkeit zu prüfen, sondern auch um Sicherheitsaspekte zu klären. Auch sogenannte Post-Marketing-Studien haben in den letzten mindestens 15 Jahren zusätzlich dazu beigetragen, das Sicherheits- und Nebenwirkungsprofil noch genauer zu präzisieren. Insofern verfügen wir heutzutage über eine enorme Datenlage aus prospektiven und retrospektiven Studien. Verschiedene Antikörper dürfen nicht gleichzeitig verabreicht werden, allerdings ist häufig eine Kombination mit einem konventionellen Basistherapeutikum (zum Beispiel Methotrexat) erforderlich.
Die Präparate sind durch ein Risikoprofil und Nebenwirkungsspektrum gekennzeichnet. Die Kenntnis dieser Profile ist notwendige Voraussetzung für den sicheren Umgang. Nur so können Patienten vor Beginn der Therapie und bei eventuellen Nebenwirkungen adäquat beraten und behandelt werden. In regelmässigen Abständen sollten während der Behandlung laborchemische Kontrollen erfolgen. Die Intervalle richten sich individuell nach Begleitmedikationen und Komorbiditäten. Ebenfalls sollte in regelmässigen Abständen eine klinische Evaluation der Krankheitsaktivität erfolgen, um die Notwendigkeit einer Eskalation oder Deeskalation zu beurteilen.
Ziel dieses Artikels ist eine Übersicht über die einzelnen Präparate zu geben und einige der wichtigsten Nebenwirkungsprofile zusammenzustellen. Mit wenigen Ausnahmen sind Biologika nur zugelassen, wenn konventionelle Basistherapien entweder nicht vertragen wurden oder unwirksam waren. Den Präparaten ist gemeinsam, dass eine mehr oder weniger umfangreiche Immunsuppression induziert wird. Dies hat zur Folge, dass entsprechende Vorsichtsmassnahmen getroffen werden sollten. Erforderlich ist es, vor Beginn der Therapie akute und chronische Infektionen auszuschliessen, da diese als Kontraindikation betrachtet werden müssen. Umgekehrt sollte bei Auftreten eines akuten Infektes die Behandlung solange pausiert werden, bis die Symptomatik gänzlich sistiert hat. Vor Beginn der immunsuppressiven Therapie sollte ein Röntgen-Bild des Thorax zum Ausschluss chronischer pulmonaler Infiltrate und spezifischer tuberkulöser Herde vorgenommen werden. Auch sollte eine Serologie für Hepatitis B (Hbs-Ag, anti-Hbs, anti-Hbc), Hepatitis C (anti-HCV), HIV und Tuberkulose (Quantiferon-Test) durchgeführt werden. Der Impfstatus sollte für Tetanus, Diphtherie, Pertussis sowie Pneumokokken und jährlich Influenza aufgefrischt werden, Varizellen und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) sind ebenfalls sinnvoll. Lebendimpfstoffe dürfen bei immunsupprimierten Patienten nicht eingesetzt werden.
Bei Nachweis einer durchgemachten aber nicht mehr aktiven (latenten) Tuberkulose ist eine Prophylaxe mit 300 mg/d Isoniazid für 9 Monate erforderlich. Die Antikörper-Therapie sollte vor einer Operation pausiert werden.
Im Folgenden werden die einzelnen Stoffgruppen vorgestellt und wichtige Nebenwirkungsprofile diskutiert.

Antikörper gegen Tumornekrosefaktor-α

TNF-α ist ein essenzieller Entzündungsbotenstoff, der eine Vielzahl von Abwehrmassnahmen des Immunsystems steuert. Die Hemmung von TNF-α durch Antikörper hat einen medizinhistorisch bedeutsamen Durchbruch für die Behandlung einer Vielzahl autoimmuner Erkrankungen ergeben. Zugelassen sind Etanercept (Enbrel®), Infliximab (Remicade®), Adalimumab (Humira®), Certolizumab (Cimzia®) und Golimumab (Simponi®) sowie mittlerweile einige Biosimilars. Indikationen sind unter anderem die juvenile idiopathische Arthritis, rheumatoide Arthritis, Plaque-Psoriasis sowie Psoriasis Arthritis, Spondylitis ankylosans und chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Kontraindikationen sind maligne Erkrankungen in den letzten fünf Jahren, chronische Infekte und aktive Tuberkulose, Herzinsuffizienz NYHA III und IV, demyelinisierende Erkrankungen des zentralen Nervensystems und Schwangerschaften, die einzige Ausnahme ist Certolizumab. Anhand dieses Spektrums kann bereits abgelesen werden, dass bestimmte Patientengruppen nicht mit diesen Antikörpern behandelt werden sollten. Im Vordergrund stehen Infektkomplikationen. Beim Verdacht eines Infektes sollte deshalb die Medikation umgehend pausiert und eine entsprechende Diagnostik verfolgt werden. Dabei ist zu beachten, dass gerade am Anfang Fieber, die CRP-Synthese und weitere klassische Eigenschaften einer Infektion gehemmt und somit der Infekt mit nachfolgender eventueller Sepsis übersehen werden könnte. Die Indikation für eine antibiotische Behandlung sollte daher grosszügiger gestellt werden, als bei immunkompetenten Patienten.
Für TNF-Antikörper und alle anderen Biologika wurde sehr bald nach der Zulassung eine Diskussion bezüglich der Sicherheit während Schwangerschaften geführt. Als einziges Präparat erhielt kürzlich Certolizumab (Cimzia®) in dieser Situation eine Zulassung. Aufgrund des fehlenden Fc-Fragments penetriert das Molekül nicht die Plazentaschranke. Hingegen sind bei Neugeborenen, deren Mütter während ihrer Schwangerschaft mit anderen Antikörpern behandelt wurden, hohe Serumspiegel dieser Antikörper nachweisbar. Demzufolge sind diese Kinder in den ersten Wochen nach der Geburt hochgradig immunsupprimiert und dürfen nicht mit Lebendimpfstoffen behandelt werden.
Eine weitere Frage wurde hinsichtlich der erhƶhten Tumorinzidenz gestellt. Umfangreiche Studien haben mittlerweile gezeigt, dass durch eine Behandlung mit TNF-Antikƶrpern kein erhƶhtes Tumorrisiko entsteht.
Abschliessend sollte noch auf das seltene Phänomen einer Induktion von Psoriasis durch TNF-Antikörper hingewiesen werden. Diese scheint übergreifend bei allen Präparaten mit einer Prädominanz von Infliximab aufzutreten. Bei Auftreten einer Psoriasis sollte deshalb das Präparat pausiert bzw. auf eine andere Substanzgruppe umgesetzt werden.

Abatacept (OrenciaĀ®)

Dieses Präparat ist zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis und idiopathischen Arthritis ab dem 6. Lebensjahr zugelassen. Abatacept interferiert mit der Aktivierung von T-Zellen. Somit ist ebenfalls eine leicht höhere Infektwahrscheinlichkeit zu erwarten. Die Angaben der Infektionskomplikationen variieren in den Studien, allerdings wird meist ein nur mässiggradig erhöhtes Risiko festgestellt. Die Verträglichkeit gemessen an der Anzahl der Patienten, die Abatacept in Kombination mit Methotrexat wegen eines unerwünschten Ereignisses beendet haben, war im Vergleich zu anderen Biologika besser.

Rituximab (MabtheraĀ®)

Dieses Präparat ist als Zweitlinientherapie der rheumatoiden Arthritis und von ANCA-assoziierten Vaskulitiden zugelassen. Grundsätzlich wird eine Depletion von CD20 positiven B-Zellen erreicht. Aufgrund dieses Mechanismus ist es obligat, vor Beginn der Therapie den Impfstatus zu überprüfen und gegebenenfalls aufzufrischen, da danach ein sicherer Impftiter meist nicht mehr erreichbar ist. Die Immunglobuline sollten vor der Therapie bestimmt werden, da eine Hypoglobulinämie das Infektrisiko erhöht. In Studien wurden am häufigsten akute Infusionsreaktionen bei etwa 25% der Patienten berichtet, die aber nie tödlich verliefen. Bei weniger als 10% der Patienten wurden vermehrt Infektionen beobachtet.
ErwƤhnenswert sind seltene FƤlle (5/100 000) von progressiver multifokaler Leukoenzephalopathie (PML). Es konnte aber kein ursƤchlicher Zusammenhang durch eine Behandlung mit Rituximab hergestellt werden, da unter anderem die Inzidenz der PML bei Patienten mit rheumatoider Arthritis abnahm, die Behandlungen mit Rituximab aber zunahmen.

Tocilizumab (ActemraĀ®) und Sarilumab (KevzaraĀ®)

Beide Antikörper hemmen den Botenstoff Interleukin 6 (IL-6) durch verschiedene Mechanismen und sind zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis zugelassen. Tocilizumab hat zusätzlich eine Zulassung bei der Riesenzellarteriitis (Morbus Horton). Aufgrund der sehr viel längeren Marktpräsenz von Tocilizumab liegen wesentlich mehr Daten zu diesem Präparat vor. Tocilizumab zeigte in Studien eine im Vergleich zur Kontrollgruppe leicht vermehrte Rate an Hautinfektionen, zum Beispiel verursacht durch Staphylococcus cellulitis oder Pyelonephritiden. Aber auch seltene Ereignisse wie Übelkeit und abdominelle Schmerzen wurden beobachtet. Eine Neutropenie trat in etwa 6% der Fälle auf. Ausserdem wurden Erhöhungen der Leberenzyme und des Gesamtcholesterins sowie LDL berichtet. Erwähnenswert ist, dass besonders durch die IL-6 Hemmung in der Leber die CRP-Synthese beeinträchtigt ist und somit ein laufender Infekt serologisch maskiert wird.

Secukinumab (CosentyxĀ®) und Ixekizumab (TaltzĀ®)

Beide Präparate sind zur Behandlung der Psoriasis, Psoriasisarthritis und Secukinumab zusätzlich zur Behandlung der Spondylitis ankylosans zugelassen. Sie hemmen Interleukin 17 (IL-17). Dieses Zytokin ist ebenfalls ein bedeutender proinflammatorischer Mediator aktivierter T-Zellen. Aufgrund der längeren Marktpräsenz liegen mehr Daten aus randomisierten Studien für Secukinumab vor. In Studien zeigte dieses Präparat am meisten Harnwegsinfekte, Nasopharyngitiden, Kopfschmerzen und Diarrhoe. Einige Nebenwirkungen wurden nicht bei anderen Biologika beobachtet und scheinen somit spezifisch für das Zielmolekül IL-17 zu sein, wie Neutropenie, Durchfall oder Infektionen mit Candida. Die Präparate dürfen nicht bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt werden.

Canakinumab (IlarisĀ®) und Anakinra (KineretĀ®)

Beide Moleküle hemmen Interleukin 1 (IL-1), allerdings ist nur Canakinumab in der Schweiz zugelassen, und zwar zur Behandlung der folgenden seltenen Erkrankungen: Cryopyrin-assoziierte periodische Syndrome (CAPS), einschliesslich familiäres kälteautoinflammatorisches Syndrom (FCAS)/familiäre Kälteurtikaria (FCU), Muckle-Wells-Syndrom (MWS), multisystemische entzündliche Erkrankung mit Beginn im Neugeborenenalter (NOMID)/chronisch infantiles neuro-dermo-artikuläres Syndrom (CINCA), tumornekrosefaktor-Rezeptor-assoziiertes periodisches Syndrom (TRAPS), Hyperimmunglobulin-D-Syndrom (HIDS)/Mevalonatkinasedefizienz (MKD), Familiäres Mittelmeerfieber (FMF) und systemische juvenile idiopathische Arthritis.
Über 800 Patienten und gesunde Kontrollpersonen wurden mit dem Präparat in klinischen Studien behandelt. Insgesamt traten bei nur 15 Patienten schwerwiegende Ereignisse auf, wie zum Beispiel Infektionen, gastrointestinale Nebenwirkungen und Schwindel. Das Präparat erschien somit sehr gut verträglich. Aufgrund der Tatsache, dass das Präparat bei seltenen Erkrankungen eingesetzt wird, ist die Datenlage im Vergleich zu den anderen Biologika allerdings weniger umfangreich.

Belimumab (BenlystaĀ®)

Der Antikörper Belimumab hemmt das BAFF-Protein, das bei der Aktivierung von B-Zellen eine wichtige Rolle spielt. Er ist zur Behandlung des systemischen Lupus erythematodes (SLE) verfügbar und bisher das einzige zugelassene biologische Molekül bei dieser Erkrankung. Belimumab zeigte in einer Studie mit 556 Patienten die gleichen Ereignisraten wie in der Placebo Gruppe mit 280 Patienten. Am häufigsten wurden Infusionsreaktionen, Überempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit und Fatigue beobachtet. Mehr als in der Placebogruppe traten Schlaflosigkeit und Angstgefühle auf. Prospektive und retrospektive Studien haben insgesamt ein aber gutes Sicherheitsprofil mit einer niedrigen Inzidenz von schwerwiegenden Ereignissen gezeigt.

Ustekinumab (StelaraĀ®)

Der Antikƶrper bindet an eine gemeinsame Untergruppe der Interleukine 12 und 23. Er ist für die Behandlung der Plaque-Psoriasis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Crohn zugelassen. Am hƤufigsten traten in Studien Nasopharyngitis, obere Atemwegsinfekte und Kopfschmerzen auf. Gepoolte Datenanalysen zur Sicherheit aus Phase II und III Studien zeigten aber vergleichbare Ereignisraten zwischen Patienten, die mit verschiedenen Dosen Ustekinumab (51.6%) und mit Placebo behandelt wurden (50.4%). Ƅhnliche Daten ergeben sich aus dem PSOLAR- Register (Psoriasis Longitudinal Assessment and Registry).

Denosumab (ProliaĀ®)

Der Antikƶrper ist u.a. zur Behandlung der Osteoporose bei MƤnnern und postmenopausalen Frauen zugelassen. Er hemmt Osteoklasten indem er an das Eiweiss RANKL bindet. Ƅhnlich wie bei Bisphosphonaten werden auch bei diesem PrƤparat selten atypische Mikrofrakturen vorwiegend im proximalen Femur beobachtet. Ausserdem sind Osteonekrosen des Kiefers beschrieben, weshalb Zahninterventionen immer in Absprache mit dem Zahnarzt erfolgen sollten. Sehr bedeutsam sind jedoch Wirbelkƶrperfrakturen, die nach Absetzen des PrƤparates bei einigen Patienten beobachtet werden. Noch ist nicht gƤnzlich geklƤrt, wann und in welcher Form eine Nachbehandlung mit Bisphosphonaten erforderlich wird.

Zusammenfassung

Sowohl aus prospektiven Studien als auch aus retrospektiven Analysen lassen sich mittlerweile relativ eindeutige Nebenwirkungsprofile erkennen. Für die meisten Präparategruppen ergibt sich ein erhöhtes Infektrisiko. Ausserdem muss beachtet werden, dass auch innerhalb einer Präparategruppe Indikationen unterschiedlich ausfallen. Deshalb ist es sinnvoll, vor Beginn einer Therapie die genaue Zulassung zu prüfen.
Wichtig ist, dass der Patient ausreichend über das Nebenwirkungsprofil aufgeklärt und nach Möglichkeit in schriftlicher Form informiert ist (zum Beispiel über die Internetseite der Schweizerischen Fachgesellschaft für Rheumatologie). Der Patient muss beispielsweise informiert sein, dass im Falle eines Infektes oder gar Fieber die Therapie nicht unkritisch fortgeführt werden darf. Ausserdem sollte der Patient die Gelegenheit erhalten, sich jederzeit an ein Zentrum wenden zu können. Sehr hilfreich für Patienten sind auch Informationen, die durch Selbsthilfegruppen angeboten werden. Zukünftig werden weitere biologische und nicht biologische Präparate den Markt erreichen. Deshalb ist es sinnvoll, sich über die neuen Präparate zeitnah zu informieren.

PD Dr. med. Matthias Seidel

Chefarzt Klinik für Rheumatologie
Spitalzentrum Biel – Centre hospitalier Bienne
Vogelsang 84
2501 Biel-Bienne

matthias.seidel@szb-chb.ch

Der Autor hat unabhƤngig von diesem Artikel Zuwendungen von Abbvie, Bristol-Myers Squibb, Lilly, Novartis, Pfizer, Roche, Sanofi und UCB erhalten.

  • Biologika sind auch bei der Langzeitanwendung gut vertrƤgliche Medikamente
  • Infekte sind die hƤufigste Nebenwirkung
  • Vor Behandlungsbeginn müssen akute und chronische Infektionen ausgeschlossen werden, insbesondere Hepatitis B und C, HIV sowie Tuberkulose
  • Vor Behandlungsbeginn sollte der Impfstatus überprüft werden
  • Einige Biologika erfordern spezifische Vorsichtsmassnahmen
  • Der Patient sollte an den Entscheidungen aktiv beteiligt und informiert sein
  • Bei Komplikationen sollte der Patient immer ein Akutspital zur Verfügung haben.

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Obstipation

Der Begriff Obstipation beschreibt eine subjektiv als unbefriedigend empfundene DefƤkation. Die typischen Symptome umfassen neben der zu seltenen Entleerung (< 3 StuhlgƤnge/Woche) und zu harter Stuhlkonsistenz, die hƤufig starkes Pressen erfordert, das Ausbleiben der Entleerung trotz Stuhldrangs (Ā«unproduktiverĀ» Stuhldrang, Blockadegefühl), das Gefühl der unvollstƤndigen Entleerung oder den Einsatz digitaler Manipulationen zur Stuhlentleerung (AusrƤumung oder Stützen des Beckenbodens). Der Artikel resümiert differentialdiagnostische Überlegungen und prƤsentiert aktuelle Behandlungsmƶglichkeiten.

Stehen die 3 letztgenannten Beschwerden im Vordergrund, ist unter dem Verdacht auf Vorliegen einer obstruktiven anorektalen Entleerungsstƶrung die anorektale Funktionsdiagnostik mittels Analmanometrie (inkl. Messung der Perzeptionsschwellen) sowie eine MRI-DefƤkographie zu erwƤgen. Kommen Abdomial- schmerzen und BlƤhungen hinzu, die sich nach der DefƤkation bessern, ist von einem obstipationsprƤdominanten Reizdarmsyndrom (Colon irritabile, IBS-C) auszugehen. Eine weitere Sonderform stellt die opiatinduzierte Obstipation dar.

Diagnostik

Für eine differenzierte Therapie ist es wichtig, die zugrundeliegende Ƅtiologie der Obstipation zu identifizieren, sekundƤre Ursachen einer Obstipation (Tab. 1) auszuschliessen und vor allem obstipationsauslƶsende Medikamente abzusetzen. Insbesondere bei plƶtzlich neu aufgetretener Obstipation in Verbindung mit einer positiven Familienanamnese für kolorektale Karzinome, Alarmzeichen oder jenseits des 50. Lebensjahres ist eine Koloskopie zum Ausschluss eines Kolonkarzinoms oder einer Divertikulitis erforderlich. Bei fehlendem Ansprechen auf die Standardtherapie (s.u.) sind die anorektale Funktionsdiagnostik und eine MRI-DefƤkographie anzustreben. Damit gelingt es, eine mechanische anorektale Obstruktion, z.B. durch eine anteriore Rektozele, von einer funktionellen Obstruktion durch unzureichende PropulsionskrƤfte, z.B. durch eine fehlende Relaxation der Puborektalis-Schlinge oder eine paradoxe Sphinkterkontraktion wƤhrend der DefƤkation, zu unterscheiden.

Differenzierte und evidenzbasierte Therapie

Basis jeglicher Behandlung sind Allgemeinmassnahmen und die Beeinflussung des Lebensstils, wie die Wiedereinübung eines festen DefƤkationsrhythmus unter Ausnutzung des gastrokolischen Reflexes, genügend kƶrperliche BetƤtigung und eine Vergrƶsserung der Stuhlmenge durch ballaststoffreiche ErnƤhrung (ca. 20–30 g/d).
Letzteres muss hƤufig durch die Einnahme inerter Quellmittel wie Flohsamenschalen (Plantago ovata; z.B. MetamucilĀ®, MukofalkĀ®) oder Sterculiae gummi (Colosan miteĀ®, NormacolĀ®) zusammen mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr erreicht werden. Als Nebenwirkung – vor allem bei Ballaststoffen auf Getreidebasis wie Leinsamen und Weizenkleie – ist aber mit Meteorismus zu rechnen, sodass einschleichend dosiert werden sollte und diese Massnahmen bei IBS-C oder IBS-A auch kontraproduktiv sein kƶnnen. HƤufig suchen die Patienten aber erst Ƥrztliche Hilfe, wenn diese Massnahmen nicht ausreichen. Dann kommen typischerweise klassische Laxanzien zum Einsatz.
Die beste Evidenz besteht für den Einsatz von Polyäthylenglykol bzw. Macrogol (z.B. Movicol® 10-40g/d) und Laktulose. Diese Substanzen sind osmotisch aktiv, erhöhen die Stuhlfrequenz, reduzieren das zur Defäkation erforderliche Pressen und führen zu einem weicheren Stuhl. Die bei der bakteriellen Fermentation von Laktulose im Kolon entstehenden Gase sind für die Nebenwirkungen (Meteorismus) verantwortlich, sodass bei entsprechenden Beschwerden dem nicht metabolisierbaren Polyäthylenglykol der Vorzug zu geben ist.
Bleiben diese Massnahmen ohne Erfolg, kommen zusƤtzlich stimulierende Laxanzien wie Bisacodyl (DulcolaxĀ®) oder Anthrachinonderivate (Folia Sennae) zum Einsatz. Sie entfalten ihre Wirkung 6–10 h nach Einnahme über eine VerƤnderung des Elektrolyttransports in der Darmmukosa und stimulieren die MotilitƤt. Entgegen der vielfach kolportierten Nebenwirkungen gilt heute auch die langfristige Anwendung dieser PrƤparate als sicher. Inzwischen konnte die Wirksamkeit auch für das seit den 50er Jahren therapeutisch genutzte und in zahlreichen Studien als Ā«RescueĀ»-Medikation eingesetzte Dulcolax Bisacodyl in einer randomisierten plazebo-kontrollierten Doppelblind-Studie belegt werden.

TherapierefraktƤre Obstipation

Kommt es nach einer Behandlung mit mindestens zwei Laxanzien unterschiedlicher Klassen über einen Zeitraum von mindestens 9 Monaten nicht zu einem Ansprechen, ist nach nochmals kritischem Hinterfragen der Ƅtiologie (mechanische Obstruktion/Karzinom? Anorektale Entleerungsstƶrung mit Indikation zur Funktionsdiagnostik? SekundƤre Ursachen? Obstipierende Medikamente/Opiate?) eine Therapie mit den neueren und ca. 2-3fach teureren Laxanzien wie Lubiproston (AmitizaĀ®) oder Prucaloprid (Resolor) indiziert (Tab. 2).
Lubiproston ist ein Metabolit des Prostaglandins E1, der die ChloridkanƤle vom Typ 2 in der apikalen Membran der Darmepithelzellen aktiviert. Das führt zu einer chloridreichen intestinalen Flüssigkeitssekretion und einer erleichterten Stuhlpassage. Nach peroraler Gabe von zweimal tƤglich einer Tablette Lubiproston 24 µg zusammen mit einer Mahlzeit haben 60% der Patienten innerhalb von 24 Stunden eine spontane Darmentleerung und Stuhlfrequenz und obstipationsassoziierte Symptome bessern sich. Limitierender Faktor sind dosisabhƤngig auftretende Kopfschmerzen (12%) und Übelkeit (32%!), die durch Einnahme des Medikaments zusammen mit einer Mahlzeit zwar etwas gemildert werden kann, aber bei bis zu 5% der Patienten Anlass für einen Therapieabbruch gibt.
Prucaloprid ist ein hochselektiver Serotonin-(5-HT4) Rezeptor-Agonist, der über eine Freisetzung von Acetylcholin eine gesteigerte mukosale Sekretion und Kolonmotilität führt. Aufgrund der hohen Rezeptorselektivität treten die bei anderen 5-HT4-Agonisten wie Cisaprid oder Tegaserod beobachteten kardialen Nebenwirkungen nicht auf. Die empfohlene Initialdosis beträgt 1 mg einmal täglich p.o. und kann auf einmal täglich 2 mg gesteigert werden. Prucaloprid führt bei ca. zwei Dritteln der Patienten zu einer Erhöhung der Stuhlfrequenz und einer Minderung assoziierter Symptome wie Meteorismus und abdominalem Diskomfort. Bei insgesamt bis zu 20% der Patienten können Nebenwirkungen im Sinne von Kopfschmerzen, Übelkeit oder Diarrhoe auftreten. Die Substanz ist vor allem bei sehr stark verzögerter Kolontransitzeit eine hervorragende Ergänzung der therapeutischen Möglichkeiten. Als maximale Therapiedauer gibt der Hersteller 12 Wochen an. Für eine wiederholte Therapie ist eine Kostengutsprache erforderlich.

Sonderform opiatindizierte Obstipation

Zur Behandlung schwer erkrankter Patienten mit opiatinduzierter Obstipation, die auf eine kombinierte Laxanzientherapie aus osmotischen und stimulierenden Laxanzien oder Lubiproston nicht angesprochen haben, steht mit Methylnaltrexon (RelistorĀ®) ein peripher wirksamer μ-Opioid-Rezeptorantagonist zur Verfügung. Es handelt sich dabei nicht um eine Dauertherapie mit fixem Dosisintervall, sondern wird bei Bedarf eingesetzt, wenn andere Therapiemassnahmen versagt haben. Die Applikation erfolgt subkutan in einer Dosierung von maximal 12 mg alle 48 Stunden, bei einem Kƶrpergewicht unter 62 kg in adaptierter Dosis (8 mg). Da die Substanz die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann, bleibt die zentralnervƶse analgetische Wirkung der Opiate erhalten. Aus ungeklƤrten Gründen spricht aber nur etwa die HƤlfte der Patienten an. Als hƤufigste Nebenwirkungen wurden BlƤhungen und Bauschmerzen beobachtet. Die Therapiedauer in den Zulassungstudien lag bei maximal 4 Monaten. Die Dosis muss bei schwerer Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance < 30ml/min) halbiert werden. Bei der primƤren chronischen idiopathischen Obstipation ist die Substanz nicht wirksam (Tab. 2).

Sonderform obstipationsprƤdominantes Reizdarmsyndrom (IBS-C)

Zur Behandlung des obstipationsprƤdominanten Reizdarmsyndroms steht seit einigen Jahren Linaclotid (ConstellaĀ®) zur Verfügung. Das aus 14 AminosƤuren bestehende Peptid bewirkt durch direkte Aktivierung der im Darmepithel vorkommenden Guanylatzyklase-C (GC-C) eine lokale Erhƶhung der cGMP-Konzentration, die über eine Aktivierung eines Chloridionenkanals zur Sekretion von Chlorid, Bikarbonat und Wasser in das Darmlumen führt. Darüber hinaus werden der Substanz schmerzlindernde Eigenschaften zugeschrieben, die aus einer Beeinflussung der viszeralen HypersensibilitƤt resultieren, die wiederum beim Reizdarmsyndrom eine wesentliche pathophysiologische Rolle spielt. Bei IBS-C werden einmal tƤglich 30 Min. vor dem (Mittag-)Essen 290 µg/d Linaclotid p.o. (für bis zur 3 Monate) verabreicht. In der Zulassungsstudie an insgesamt 1276 Patienten kam es bei 20% der Patienten zu einer signifikanten Steigerung der Stuhlfrequenz im Vergleich zu nur 5% im Placebo-Arm. Ein Drittel der Patienten berichtete zudem über einen Rückgang von BlƤhungen und Bauchschmerzen. Ein klinisch relevanter Vorteil gegenüber herkƶmmlichen Laxantien ist der viszeral-analgetische Effekt, der allerdings erst nach einigen Wochen einsetzt (Tab. 2).

Therapieprinzipien bei anorektalen Entleerungsstƶrungen

Zur Behandlung funktioneller anorektaler Entleerungsstörungen infolge paradoxer Sphinkterkontraktion oder einer fehlenden Relaxation der Puborektalis-Schlinge beim Pressen (Anismus) ist eine spezifische anorektale Physiotherapie und Biofeedback zur Optimierung der Bauchpresse und zur Verbesserung der anorektalen Koordination und Perzeption Mittel der Wahl. Dabei wird den Patienten mit Hilfe verschiedener Sensoren der Sphinkterdruck während der Defäkation visualisiert, so dass inadäquate Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur und des Schliessmuskels modifiziert werden können. Die Wirksamkeit von mehreren Biofeedbacksitzungen ist gut belegt und übertrifft die einer Laxantientherapie.
Im Falle struktureller anorektaler Erkrankungen, z. B. einer klinisch relevanten Rektozele oder Intussuszeption kann bei ausgewƤhlten Patienten auch ein chirurgisches Vorgehen indiziert sein (z. B. staplerassistierte transanale Rektumresektion), idealerweise nach interdisziplinƤrer Besprechung an einem zertifizierten Beckenbodenzentrum.

PD Dr. med. Heiko Frühauf

Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie
Vulkanplatz 8
8048 Zürich

fruehauf@zgh.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Für eine differenzierte Therapie der Obstipation ist es wichtig, die zugrundeliegende Ƅtiologie zu kennen und sekundƤre Ursachen,
    insbesondere Medikamente sowie ein Kolonkarzinom auszuschliessen
  • Neben Allgemeinmassnahmen und Quellmitteln sind osmotische Laxantien wie Macrogol oder Laktulose, ggf. in Kombination mit
    Dulcolax Bisacodyl die beste Therapie
  • Führt die Standardtherapie nicht zu einem klinischen Ansprechen, kommt der Einsatz von Lubiproston (AmitizaĀ®) oder Prucaloprid
    (ResolorĀ®) in Betracht
  • Bei obstipationsprƤdominantem Reizdarmsyndrom steht mit Linaclotid (ConstellaĀ®) ein Medikament zur Verfügung, das neben der laxierenden auch eine viszeral-analgetische Wirkung hat, die allerdings erst nach einigen Therapiewochen einsetzt
  • Bei fehlendem Ansprechen auf die Standardtherapie kƶnnen die anorektale Funktionsdiagnostik und eine MRI-DefƤkographie therapierelevante Zusatzinformationen liefern.

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Kognitive Stƶrungen im Alter

Kognitive Stƶrungen im Alter sind hƤufig und kƶnnen – wenn früh und richtig diagnostiziert – mit heute vorhandenen medikamentƶsen und nicht-medikamentƶsen Massnahmen entscheidend beeinflusst werden. Die AbklƤrung wie auch die Therapie sind auf den einzelnen Patienten abgestimmt und hƤngen wesentlich von dessen EinverstƤndnis, Gesundheitszustand und den sozialen LebensumstƤnden ab.

Mit Patientenklagen über kognitive Stƶrungen kƶnnen wir bei jüngeren Erwachsenen, aber ganz speziell im 3. und 4. Lebensalter konfrontiert werden. In jedem Fall müssen solche Klagen ernst genommen werden, da bei richtiger Diagnosestellung und frühzeitiger Einleitung von therapeutischen Massnahmen der weitere Verlauf massgeblich beeinflusst werden kann. Obwohl es seit Einführung der DSM-5 den Begriff Ā«DemenzĀ» eigentlich nicht mehr gibt, ist dieses im Alter hƤufige Krankheitsbild (jeder 3. über 85-JƤhrige betroffen!) natürlich nicht verschwunden. Zwar hat die Demenz-Inzidenz infolge deutlich besserer Behandlung von vaskulƤren Risikofaktoren in den letzten 20 Jahren bis zu 50% abgenommen – doch, der demographische Wandel hat diesen medizinischen Fortschritt zahlenmƤssig praktisch neutralisiert. Das moderne Management von kognitiven Stƶrungen bei dementieller Entwicklung fusst auf 4 Pfeilern (Abb. 1): Frühe und prƤzise Diagnostik, medikamentƶse Therapie, nicht-medikamentƶse Therapiemassnahmen und gezielte Unterstützung/Begleitung der Angehƶrigen und Betreuer (1).

Gibt es im Alter «normale» kognitive Störungen?

Patienten – wie wir Ƅrzte – haben Tendenz, bei vermehrter Vergesslichkeit und anderen Ā«kleinenĀ» Hirnfehlleistungen das Ƅlterwerden oder das Alter im Allgemeinen dafür verantwortlich zu machen. Die Tatsache ist eine andere. Die normale Hirnalterung ist wissenschaftlich sehr gut untersucht und ist lediglich mit einer diskreten Verlangsamung von Denk- und Reaktionsprozessen verbunden. Kann also ein Name nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit erinnert werden, ist dies noch Ā«normalĀ». Wenn man immer schon ein schlechtes NamensgedƤchtnis hatte, darf man im Alter keine diesbezügliche Verbesserung erwarten! Ist die Vergesslichkeit aber neu und der dadurch verursachte subjektive Leidensdruck der Patienten vorhanden (selbst bei neuropsychologischer Untersuchung mit Normalbefund), dann ist dies nach neuesten Erkenntnissen als Ā«Subjective Cognitive DeclineĀ» zu werten, der in 25% der FƤlle innerhalb von 6 Jahren zu einer Demenz führt (2). Leider werden Hirnleistungsstƶrungen von vielen immer noch primƤr auf GedƤchtnis und Vergesslichkeit reduziert. Unser Hirn leistet jedoch viel mehr! Viele dementielle Prozesse beginnen denn auch in anderen Hirnleistungsbereichen, wo Verschlechterungen (bei erhaltener GedƤchtnisleistung) primƤr über ein anderes Verhalten (z.B. mehr Probleme mit komplexen Aufgaben wie Management von finanziellen Angelegenheiten oder auch das Kochen von komplizierteren Menus!) sichtbar werden. Solche VerƤnderungen sind nicht normal und müssen abgeklƤrt werden!

Abgrenzung von «Normal» versus «Pathologisch»

Im Praxisalltag muss schnell und mit wenig Zeitaufwand entschieden werden kƶnnen, ob kognitive Stƶrungen schnell weiter abgeklƤrt werden müssen, ob weiter beobachtet werden muss oder kein weiterer Handlungsbedarf besteht! Das frühere (zeitaufwƤndige) Screening von kognitiven Stƶrungen mittels MMSE und Uhrentest wurde in den letzten Jahren vom sensitiveren und gezielten Ā«Case FindingĀ» mittels Ā«AppĀ» abgelƶst (Abb. 2). Die von den Ā«Swiss Memory ClinicsĀ» und Schweizer HausƤrzten entwickelte kostenpflichtige Ā«AppĀ» Ā«BrainCheckĀ» trennt in wenigen Minuten Ā«NormalĀ» von Ā«PathologischĀ» mit einer TrennschƤrfe von 90% (3).
Dazu muss der Patient drei einfache Fragen beantworten und einen Uhrentest absolvieren. Gleichzeitig werden seinem engsten Angehƶrigen/Partner 7 kurze Fragen gestellt. Alle Resultate kƶnnen sofort in der App erfasst und beurteilt werden. Die KurzabklƤrung kann als PDF-File einfach in die elektronische Krankengeschichte integriert werden!
Bei bestehender weiterer Abklärungsbedürftigkeit muss zusammen mit dem Patienten und seinen Angehörigen entschieden werden, wie die Diagnostik weiter vorangetrieben werden soll. Als erster Schritt ist hier sicherlich der (einfache) Ausschluss von schnellbehandelbaren Ursachen ein absolutes «Muss». Eine Schilddrüsenstörung kann mittels TSH Bestimmung ausgeschlossen werden, eine Depression mittels Geriatric Depression Scale (GDS) und eine psychosoziale Belastungssituation (Stressbelastung) mit einer sorgfältigen Anamnese erkannt und im positiven Fall mit entsprechenden Gegenmassnahmen angegangen werden. Bei anamnestisch begründbarem Verdacht, kann auch ein Vitamin-B-Status und eine Lues-Serologie weiterführend sein. Wird man in den genannten Bereichen fündig und entsprechend therapie-aktiv, empfiehlt es sich, rund 6 Monate später die Kognition mittels BrainCheck nachzukontrollieren.

Abklärungsbedürftige kognitive Störungen

Die Art der weiteren AbklƤrung von kognitiven Stƶrungen ist sehr individuell und hƤngt vom EinverstƤndnis, dem Gesundheitszustand/Lebenserwartung und den sozialen LebensumstƤnden des Patienten ab. Bei jüngeren und fitteren Senioren sollte immer eine spezialisierte AbklƤrung bei einem Demenzspezialisten oder einer Memory Clinic erfolgen. Diese umfasst neben einer medizinischen Untersuchung mit Labor und Biomarkern eine neuropsychologische AbklƤrung mit Hirnbildgebung (MRI). Bei sehr hochaltrigen und fragilen Patienten kann auch eine verkürzte kognitive AbklƤrung (z.B. mittels MoCa-Assessment (4)) erfolgen. Diese kann – mit etwas Erfahrung – in der hausƤrztlichen Praxis durchgeführt und diagnostisch ausgewertet werden. Dazu gehƶrt auch hier imperativ eine Hirnbildgebung (MRI oder CT), um den wahrscheinlichsten neuropathologischen Grund der dementiellen Entwicklung festzulegen. Dies ist entscheidend für die Art der einzuleitenden Therapie.

Kognitive Stƶrungen: Therapeutische Optionen

Handelt es sich gemƤss DSM-5 um Ā«mildeĀ» kognitive Stƶrungen, befinden sich diese innerhalb von zwei Standardvariationen eines kognitiven Normalbefundes. Therapeutisch stehen hier neben medikamentƶsen (Ginkgo Biloba 240mg/d und Vitamin D (24 000 Einheiten pro Monat) v.a. nicht medikamentƶse Massnahmen im Vordergrund: regelmƤssige kƶrperliche und soziale (kognitive) AktivitƤt, gesunde altersgerechte ErnƤhrung (regelmƤssig und genügend Protein (1.2g/kg Kƶrpergewicht pro Tag; mediterrane DiƤt mit genügend Omega-3-FettsƤuren) und eine gute hausƤrztliche Kontrolle von vaskulƤren Risikofaktoren (art. Hypertonie, Diabetes, HypercholesterinƤmie). In der finnischen FINGER Studie (5) konnten allein mit diesen Lebensstilmassnahmen nach 2 Jahren signifikante kognitive Verbesserungen erzielt werden!

Medikamentƶse Optionen

Bevor neue Medikamente zum Einsatz kommen, gilt es grundsƤtzlich, eine bereits vorhandene allfƤllige Polypharmazie auf kognitiv beeintrƤchtigende anticholinerge Substanzen zu überprüfen. Handelt es sich gemƤss DSM-5 um Ā«majorĀ» kognitive Stƶrungen (Demenz), ist für die Festlegung der medikamentƶsen Therapie (meist mittels Bildgebung und/oder Biomarker) die dem Prozess zugrundeliegende Neuropathologie entscheidend. Handelt es sich um einen neurodegenerativen Prozess (Alzheimer-Erkrankung), sind abhƤngig vom Stadium Ginkgo, Cholinesterasehemmer und Memantine Mittel der ersten Wahl (Abb. 3). Bei dieser symptomatischen Therapie wird (bei frühzeitigem Beginn) der Verlauf der Krankheit bzgl. FunktionalitƤts- und SelbstƤndigkeitserhalt massgeblich verbessert. Diese Medikamente wirken ausgesprochen langsam, sind aber dank einer Ā«Number Needed to TreatĀ» (NNT) von unter 10 (für alle drei Substanzklassen!) mit einer hohen Responder-Rate versehen. Im Vergleich zu nicht-behandelten Kontrollpopulationen treten erste klinische Differenzen jedoch erst nach einem Jahr Behandlung auf; diese werden in den weiteren Jahren aber sehr relevant, da die Behandlung zu eindrücklich weniger Pflegeheimeintritten führt (6) (Abb. 4). Hier hat sich v.a. auch die Kombinationstherapie von Memantine mit Cholinesterasehemmer (bei MMSE < 20) als sehr erfolgreich erwiesen. Diese ist in der Schweiz jedoch nur off-label-mƤssig mƶglich und wegen einer Limitatio nicht voll von der Grundversicherung übernommen. Trotzdem: viele Patienten tragen (angesichts stark gefallener Antidementiva-Preise) die paar Hundert Franken pro Jahr gerne selber, wenn damit finanziell viel hƶhere Kosten einer Institutionalisierung gespart werden kƶnnen. Neben der durch Antidementiva lƤnger erhaltenen AlltagsfunktionalitƤt treten unter dieser Therapie auch signifikant weniger demenz-assoziierte VerhaltensauffƤlligkeiten auf (Aggression, Schreien, motorische Unruhe etc.).
Ist die der dementiellen Entwicklung zugrundeliegende Pathologie rein vaskulär, sind obige Antidementiva (ausser Ginkgo) nicht wirksam und entsprechend nicht indiziert. Hier gilt es mit allen Mitteln, mit Lebensstilmassnahmen und der Beherrschung von vaskulären Risikofaktoren das weitere Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Bei gemischten vaskulär-neurodegenerativen Demenzformen können Antidementiva eingesetzt werden. Bei selteneren Demenz-Pathologien wie Lewis-Body Krankheit, Parkinson- oder Frontotemporal-Demenz lohnt sich eine Rücksprache mit entsprechenden Spezialisten.

Nicht-medikamentƶse Optionen

Nicht-medikamentƶse Interventionen bei Demenzkranken werden von grossen Fachgesellschaften und Expertengruppen – ausser bei Notfallsituationen – in erster Linie und als primƤrer Approach bei demenzassoziierten psycho-sozialen VerhaltensauffƤlligkeiten (BPSD) empfohlen (7). GemƤss Cohen-Mansfield (8) sind die meisten Ƅrzte für die Medikamentenverschreibung bei BPSD geschult und ausgebildet, jedoch nur die wenigsten verfügen über Kenntnisse zu diesbezüglichen nicht-medikamentƶsen Therapiemassnahmen und deren Wirkungserfolg. Entsprechend hƤufig werden deshalb antipsychotische Medikamente eingesetzt, bevor nichtmedikamentƶse Interventionen versucht werden.
Im Gegensatz zu den bei Demenz bereits früh eingeschrƤnkten oder verlorenen kognitiven FƤhigkeiten sind die emotionalen und psychosozialen Kompetenzen bis in spƤte Demenzkrankheitsstadien weit weniger vom Abbau betroffen. Hier setzen nicht-medikamentƶse Interventionen an, indem sie – weg vom Defizit-Fokus – auf vorhandene Hirnleistungs-Ressourcen zugreifen, diese gezielt nutzen und fƶrdern. Kƶrperliche AktivitƤt, musikbasierte AktivitƤten sowie proteinreiche, mit Vitamin D ergƤnzte ErnƤhrung zum Erhalt der Muskelgesundheit bei Demenz haben sich am erfolgreichsten gezeigt (9). Spannend und immer wieder Gegenstand von Forschungen ist die Hirnwirkung von mit Musik kombinierten BewegungsaktivitƤten wie Tanz und Rhythmik. In der Ā«Einstein-AgingĀ» Kohortenstudie wurde regelmƤssiges Tanzen als FreizeitbeschƤftigung mit einem bis zu 80% erniedrigten spƤteren Demenzrisiko assoziiert (10). In einer Interventionsstudie mittels Rhythmik nach Dalcroze konnte das motorisch-kognitive Dual-Task Vermƶgen von zuhause lebenden Senioren verbessert und das Sturzrisiko um über 50% reduziert werden (11). Bei fortgeschrittenen Demenzstadien scheint die Dalcroze Rhythmik neben der positiven Beeinflussung von BPSD-Symptomen vor allem die sprachlichen FƤhigkeiten zu fƶrdern (12). Nicht-pharmakologische Interventionen bei Demenzerkrankten sind ein wesentlicher Bestandteil des modernen 4-SƤulen-Demenz-Managements. Die zu erwartende Hauptwirkung solcher Massnahmen besteht in der positiven und nebenwirkungsfreien Beeinflussung von BPSD. Kƶrperliche AktivitƤtsprogramme zeigen zusƤtzliche Vorteile für die Alltags-FunktionalitƤt, die insbesondere bei gleichzeitiger proteinreicher ErnƤhrung und Vitamin- D-Supplementation deutlich lƤnger erhalten werden kann. Musik und musikbasierte Bewegungsprogramme wie Tanz und Rhythmik scheinen besonders geeignet, Hirnreserven zu mobilisieren und damit die Kognition signifikant zu verbessern.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in info@herz+gefƤss 2019:9(5);10-12 erschienen Originalartikels.

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig

Ƅrztlicher Direktor & Klinischer Professor für Geriatrie
UniversitƤre Altersmedizin FELIX PLATTER & UniversitƤt Basel
Burgfelderstrasse 101
4002 Basel

RetoW.Kressig@felixplatter.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

  • Die nicht-medikamentƶse und medikamentƶse symptomatische Therapie bei kognitiven Stƶrungen ist lediglich ein Bestandteil im multifaktoriellen 4-SƤulen Management der Demenzerkrankung.
  • Nicht-medikamentƶse AnsƤtze zeigen marginale bis nicht nachweisbare kognitive Effekte, sind aber wirksam bei Verhaltensstƶrungen, psychiatrischen Symptomen und Betreuerbelastung.
  • Bei der pharmakologischen Therapie gilt es, eine vorhandene Polymedikation soweit wie mƶglich zu reduzieren und potentiell schƤdliche Substanzen (Priscus-Liste) abzusetzen.
  • Zum heutigen Zeitpunkt gibt es keine rationalen Gründe, die heute zur Verfügung stehenden symptomatisch wirkenden Antidementiva (Cholinesterasehemmer, Memantine und Ginkgo Extrakt) nicht einzusetzen.
  • Bei klinisch relativ gering ausfallenden Sofortwirkungen bei Therapiebeginn stehen hier vor allem Vorteile im Langzeitverlauf (um Jahre verzƶgerte Institutionalisierung, signifikant weniger Verhaltensstƶrungen) im Vordergrund.

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Der sich chronisch rƤuspernde Patient

Beim chronischen Räusperzwang handelt es sich um einen häufigen Konsultationsgrund in der pneumologischen, HNO- und allgemeinärztlichen Praxis, wobei den Beschwerden diverse Krankheitsbilder zu Grunde liegen können. Das Leitsymptom ist ein Fremdkörpergefühl im Rachen («Chrot im Hals») mit einem damit verbundenen Räusperzwang, begleitend können chronischer Husten, Heiserkeit oder ein Trockenheitsgefühl im Mund-/Rachenraum auftreten. In diesem Artikel werden die typischen Ursachen vorgestellt sowie eine Diagnostik und Therapie.

Beim Räuspern wird willkürlich oder reflektorisch Luft durch die geschlossene Stimmritze ausgestossen. Wenn beispielsweise Fremdkörper in die Atemwege gelangen, erfolgt ein Zusammenschluss der Stimmlippen worauf durch Räuspern oder Husten die Fremdkörper gegen die geschlossene Stimmlippe mit Überdruck wieder ausgestossen werden können. Dieser Mechanismus kann die Stimmbänder und Schleimhäute reizen und dadurch im Sinne eines Teufelskreises ein chronisches Räuspern begünstigen.

Ursachen

Im Zentrum des Krankheitsgeschehens steht die trockene Rachenschleimhaut. TƤglich werden im Bereich der oberen Atem- und Speisewege physiologisch ca. 1,5 l Schleim gebildet. Dieser Schleim bildet einen feinen Film auf der Schleimhaut, welcher neben der protektiven Wirkung auch die GleitfƤhigkeit der Schleimhaut beim Schlucken sicherstellt. Wird zu wenig Schleim gebildet, nimmt dessen ViskositƤt zu. Der Schleimfilm ist zƤh und haftet auf der Schleimhaut, was zum Fremdkƶrpergefühl und Zwang des RƤusperns führt. Dabei kann zƤher, mehr oder weniger farbloser Schleim ausgespuckt werden. Auch eine Überproduktion von Schleim kann die Beschwerden verursachen, da dieser Schleim lokal ebenso als Ā«FremdkƶrperĀ» irritieren kann und hinausbefƶrdert werden muss. Als mƶgliche Ƅtiologie der Beschwerden muss neben lokalen laryngealen VerƤnderungen an entzündliche und nicht-entzündliche Erkrankungen der Nachbarorgane gedacht werden (Tonsillen, Nase, Nasennebenhƶhlen, gastroƶsophageale Refluxerkrankung, Zenker-Divertikel, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom). Eine der hƤufigsten Ursachen des RƤusperns ist das Postnasal-Drip-Syndrom (PNDS), wobei aufgrund von besonders zƤhflüssigem Schleim ein andauerndes Fremdkƶrpergefühl im Hals entsteht. Ein PNDS tritt oft wƤhrend oder nach viralen oberen Atemwegsinfekten auf. Dauerhafte Entzündungen der Atemwege wie z.B. Asthma bronchiale kƶnnen zu einer Überempfindlichkeit und Schwellung der SchleimhƤute führen und eine Schleimüberproduktion mit hƤufigem Husten- und RƤusperzwang, pfeifenden AtemgerƤuschen, einem obstruktiven Bild mit verlƤngertem Exspirium und in stƤrkerer AusprƤgung Dyspnoe und thorakalem Engegefühl nach sich ziehen. Weitere mƶgliche Ursachen von chronischem RƤuspern sind gastroƶsophagealer bzw. laryngopharyngealer Reflux, wobei der Reflux von MagensƤure die SchleimhƤute irritiert, sowie Allergien und selten auch komprimierende Raumforderungen wie z.B. eine Struma. Eine Zusammenstellung der verschiedenen Ursachen ist in Tabelle 1 aufgeführt. 40% aller Patienten mit chronischem Husten bzw. RƤusperzwang leiden an PNDS, Reflux oder Asthma, oder auch an einer Kombination aller Beschwerden, welche im Einzelnen vielleicht asymptomatisch gewesen wƤren, in der Gesamtheit aber zu einer signifikanten laryngealen Reizung und zu einem chronischen Zustand geführt haben. Begünstigt werden die Beschwerden durch ein zu trockenes Ambiente, ungenügende Trinkmenge, Noxen wie Nikotin, Alkohol, Chemikalien, Staub, Medikamente sowie Mundatmung bei behinderter Nasenatmung.

Diagnostik

Die Diagnose wird in den meisten Fällen primär auf Grund der Anamnese sowie des charakteristischen Lokalbefundes mit trockener oder schleimbelegter Rachenhinterwand gestellt. Die Exploration und ggf. ergänzende fachärztliche Untersuchung möglicher ursächlicher oder begleitender Diagnosen wie Asthma, PNDS oder Reflux ist für eine erfolgreiche Therapie wichtig. Erstes Gebot ist es, einen malignen Prozess im Rachen nicht zu verpassen. In diesem Sinne empfiehlt sich bei hartnäckigem Verlauf oder Risikopatienten ein vollständiger fachärztlicher HNO-Status. Diesbezügliche Warnsymptome sind eine Dys- oder Odynophagie sowie diffuse Halsschmerzen, welche bei «benignem» chronischem Räusperzwang in der Regel nicht auftreten. Neben organischen Veränderungen können auch psychosoziale Belastungen im Sinne einer Beschwerdeüberlagerung eine Rolle spielen.

Therapie

Allfällige zu Grunde liegende Erkrankungen sollten entsprechend behandelt werden. Als unterstützende Massnahmen können die Trinkmenge erhöht, Noxen sistiert, die Schleimhaut befeuchtende Massnahmen wie z.B. Nasensalben, Nasen-/Rachensprays, Salzwassergargarismen oder Lutschpastillen versucht werden. Psychosoziale Belastungen sind angemessen zu berücksichtigen. Erste Therapierfolge der Lokalmassnahmen sind frühestens nach ca. 2 Wochen zu erwarten.

Zusammenfassung

Der chronische Räusperzwang ist ein häufiges Beschwerdebild. Im Zentrum der Pathophysiologie steht die trockene oder gereizte Schleimhaut des Rachenraumes. Krankheitsbilder aus verschiedenen Fachdisziplinen können das Leitsymptom einzeln oder in Kombination verursachen und/oder begünstigen, entsprechend erfordert die Diagnostik und Therapie eine interdisziplinäre Denkweise. Die Therapie erfolgt entsprechend der festgestellten Ursachen und kann durch befeuchtende Lokalmassnahmen unterstützt werden.

Dr. med. Nicole Mosca

LungenZentrum Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

n.mosca@lungenzentrum.ch

Prof. Dr. med. Peter M. Ott

2im Grund 21
8123 Ebmatingen

Dr. med. Jürg Barandun

LungenZentrum Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Chronischer RƤusperzwang beruht hƤufig auf trockenen lokalen SchleimhƤuten. Das RƤuspern selbst führt zu weiteren lokalen
    Irritationen
  • Erkrankungen der Nachbarorgane sind hƤufige (Mit-)Ursachen von chronischem RƤuspern und sollten ausgeschlossen bzw. therapiert werden, wie z.B. Postnasal-Drip-Syndrom, Refluxerkrankung oder Asthma bronchiale
  • Diffuse Halsschmerzen, Dys- oder Odynophagie sind Warnzeichen für das Vorliegen eines Malignoms und sollten HNO-Ƥrztlich abgeklƤrt werden.

1. Diagnosis and management of laryngopharyngeal reflux disease; Remacle M, Lawson G; Curr Opin Otolaryngol Head Neck Surg, Vol. 14, 2006
2. Laryngitis; Wood JM, Athanasiadis T, Allen J; BMJ, Vol. 349, 2014
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4. Praxis der Stimmtherapie: Logopädische Diagnostik, Behandlungsvorschläge und Übungsmaterialien; Bergauer, U, Janknecht, S; Springer, 2011
5. The acoustic cough monitoring and manometric profile of cough and throat clearing; Y. Xiao, D. Carson, L. Boris, J. Mabary, Z. Lin, F. NicodĆØme, M. Cuttica, P. J. Kahrilas, J. E. Pandolfino; Diseases of the Esophagus, Vol. 27, 2014
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Auf das VerhƤltnis von Mehrkosten und Zuwachs an Nutzen kommt es an

Dass regionale Fortbildungsveranstaltungen über Neuentwicklungen in der Medizin, aber ebenso zum kollegialen und gesundheitspolitischen Gedankenaustausch sehr beliebt sind, zeigte sich auch am 12. Thurgauer Symposium Innere Medizin. Knapp 100 Teilnehmer vorwiegend aus dem Kanton Thurgau liessen sich zum Thema Ā«Warum steigen die Gesundheitskosten in meinem Fachbereich – Was kƶnnen wir besser als vor 10 Jahren, und ist es das wertĀ» von ausgewiesenen Fachleuten orientieren. Die moderierende Leitung hatten Prof. Dr. Robert Thurnheer (Kantonsspital Münsterlingen) und PD Dr. Andreas Kistler (Kantonsspital Frauenfeld) inne.

Behandlungskosten versus Nutzen

PD Dr. med. Christine Manser (LA Gastroenterologie KSp Frauenfeld) sprach in ihrem Referat Ā«Optimierte Therapiestrategien bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen – behandeln wir wirklich kosteneffizient?Ā» zuerst über die beƤngstigende globale Steigerung besonders der medikamentƶsen Behandlungskosten (etwas weniger beim Hospitalisationsaufwand) und erinnerte auch an die mannigfaltigen indirekten Kostenfolgen der immer Ƥlter werdenden, polymorbiden und auch anspruchsvolleren Bevƶlkerung. Die optimalen Therapiestrategien richten sich nach der Kosteneffizienz, welche mittels der ICER (incremental cost effectiveness ratio) abgeschƤtzt werden kann. Als Beispiele wurden z.B. die neuen Therapiemƶglichkeiten der chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten erwƤhnt: Die sehr teuren, langfristig eingesetzten Biologica sind zwar nicht Ā«kosteneffektivĀ», verkürzen aber die Hospitalisationsdauer, verbessern die LebensqualitƤt und haben relativ wenig Nebenwirkungen. Es gibt deshalb in schweren FƤllen kaum Alternativen.
Ā«Steigende Gesundheitskosten – die Nephrologie als TƤterin oder Opfer?Ā» -Diese Frage stellte sich
Dr. med. Stefan Flury (OAz Nephrologie KSp Frauenfeld). Tatsache ist, dass die Zahl an Ƥlteren Patienten mit terminalem Nierenversagen (ESRD) und damit Dialysebedarf stƤndig steigt. Der Referent besprach vor allem die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (Rang 4 für Dialysepflicht) und deren neue Behandlung mit Tolvaptan (JinarcĀ®, einem Vasopressin-Antagonisten), welches den GFR-Verlust, bzw. die Abnahme der Kreatinin-Clearance sicher verlangsamt und damit die Lebenserwartung steigert, die Krankheit aber natürlich nicht heilt. Die Jahreskosten betragen ca. Fr. 25 000.- (regelmƤssige Dialyse ca. 80 000.-) – Das atypische hƤmolytische Syndrom aHUS, eine thrombotische Mikroangiopathie, ist durch akutes Nierenversagen, Thrombozytopenie und hƤmolytische AnƤmie charakterisiert. Es kann neuerdings mit Eculizumab (einem monoklonalen Antikƶrper) bei ungenügender Wirkung der wiederholten Plasmapherese angegangen werden. Die Kosten sind zwar auch hier sehr hoch, die Überlebensdauer aber lƤnger. – In der Diskussion verglich der Referent zudem die Kostenfolge der verschiedenen Nierenersatz-Mƶglichkeiten: Nierentransplantation, HƤmodialyse und Peritonealdialyse.
Mit viel feu sacrĆ© verteidigte dipl. Ƅrztin Michaela Petre (LA Rehabilitation und Langzeitpflege, Klinik St. Katharinental Diessenhofen) die geriatrische Rehabilitation, kurz GR. Ihre Fragestellung Ā«Geriatrische Rehabilitation kostet. Ist sie für Ā«d’ChatzĀ» oder braucht es sie?Ā» schien am Schluss des Referates rein rhetorisch. Der mƶglichst lange Erhalt der SelbstƤndigkeit ist Ziel aller betagten Menschen. 80% der Patienten kƶnnen nach der GR wieder nach Hause. Wichtig für den nachhaltigen Erfolg der GR ist aber das genaue geriatrische Assessment am Anfang, das Beachten der Ausschlusskriterien (vergl. KK-Gutsprache), der strukturierte zielgerichtete Behandlungsplan (3 x 30 min. Therapieeinheiten pro Tag) und die gut vorbereitete Entlassung nach Hause (u.a. Round-Table-GesprƤch!).
Als didaktisch sehr talentierter Referent erweist sich jedes Mal der Diabetologe Prof. Dr. med. Peter Wiesli (Chefarzt KSp Frauenfeld); er sprach über die Ā«Moderne Therapie des DiabetesĀ». Da hat sich ja sehr viel verƤndert und die Ƥlteren Kollegen finden sich in den neuen Stoffklassen kaum mehr zurecht. Die Sulfonamide haben praktisch ausgedient (cave HypoglykƤmien!), mehrere mit viel Propagandaaufwand spƤter neu eingeführte blutzuckersenkende PrƤparate sind wegen Nebenwirkungen wieder verschwunden. Die therapeutischen Guidelines werden deshalb gerade jetzt wieder überarbeitet. Als Take-Home-Messages kƶnnen gelten: a) Das extrem billige Metformin steht trotz knapper Datenlage noch immer im Vordergrund und kann fast mit allen neuen Stoffgruppen kombiniert werden. b) Der HbA1c-Wert hat noch nicht ausgedient. MikrovaskulƤre Diabetes-SpƤtschƤden treten bei gut eingestelltem D.m. weniger hƤufig auf, auf die kardiovaskulƤren Endpunkte ist der Einfluss aber gering. Wichtig ist die Vermeidung von HypoglykƤmien. c) Das richtige Vorgehen kann so zusammengefasst werden: An erster Stelle den eigentlichen Insulin-Mangel ausschliessen. Bei schwerer Nierenfunktionsstƶrung (eGFR < 30 ml/min) keine SGLT-2-Hemmer (Gliflozine) geben, sondern Insulin, DPP-4-Hemmer (Gliptine) und/oder GLP-1-Rezeptor-Agonisten (z.B. Liraglutid). Bei GFR >30ml/min und vor allem bei Herzinsuffizienz sind an erster Stelle SGLT-2-Hemmer indiziert!
Als besonders teuer gelten die Innovationen in der Onkologie; aber sind sie auch effizient? Darüber orientierte Dr. med. Christian Taverna (LA Onkologie, KSp Münsterlingen) in seinem Referat Ā«Der Preis der Innovation: Beispiele aus der OnkologieĀ». Zwischen 2014-2018 waren in der Schweiz 38 Neuzulassungen zu verzeichnen, vor allem die monoklonalen Antikƶrper (mit Suffix –mab), die Tyrosinkinase-Hemmer (Suffix –nib), die Ā«Immun-Checkpoint-InhibitorenĀ» (z.B. günstige Wirkung von Nivolumab beim Melanom), gezielte antihormonale Therapien und die Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugate, u.a. Die Krebstherapie wird dadurch immer zielgerichteter und personalisierter (rezeptorbasiert, molekular-gesteuert etc.). Besondere Biomarker erlauben eine AbschƤtzung eines Therapieerfolges (z.B. die PD-L1- und HER2-Diagnostik). Als Fazit gilt: Die Fortschritte in der Onkologie sind sehr gross, die Nebenwirkungen der neuen Stoffklassen sind kontrollierbar, die Kosten sind aber sehr hoch und die Preisgestaltung zu wenig transparent.
Ā«Wird Leben unbezahlbar?Ā» – so lautete die Titelfrage von Dr. med. Rudolf Benz (LA HƤmatologie KSp Münsterlingen). Er besprach als positives Beispiel dazu die aktuelle Therapie der chronischen myeloischen LeukƤmie CML mit dem Proteinkinaseinhibitor Imatinib/GlivecĀ®. Die Wirkung ist bemerkenswert (50% bleiben schlussendlich ohne Therapie Ā«geheiltĀ»), die Nebenwirkungen sind aber nicht unerheblich, die Kosten auch hier hoch. (Zudem ist die Preisgestaltung des Medikamentes sehr unterschiedlich: USA: 140 000 $, Indien 400 $). Lohnt es sich schlussendlich? Der Referent liess die Frage offen.

Auch Dr. med. Florian Schliephake (Oaz Kardiologie KSp Münsterlingen) stellte sich der Frage Ā«Klappen, Katheter, Schrittmacher – kostspielige Hightech oder sinnvolle Medizin?Ā». Er wies auf die praktischen Vorteile der sondenlosen Mini-Herzschrittmacher (allerdings nur einkammerig, Kosten um 12 000.-) gegenüber den konventionellen Pacemakern (Fr. ca. 5000.- bis 8000.-) hin, schilderte die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapien des Vorhofflimmern (Ablation versus medikamentƶse Therapie) und deren Kostenfolgen und er kam auch auf die unterschiedlich beurteilte Effizienz des perkutanen Aortenklappenersatzes TAVI zu sprechen. Hier wird die Implantation einer neuen biologischen Aortenklappe am schlagenden Herzen in LokalanƤsthesie durchgeführt, eine teure Prozedur, welche nur gewissen Patienten (vor allem in Hochrisiko-FƤllen) einen Vorteil bringt. Bei sonst gesunden Patienten unter 70 Jahren wird die konventionelle offene Operation noch als Standard betrachtet.

Bevor die Gesundheitspolitikerin Heidi Grau GemeindeprƤsidentin von Zihlschlacht-Sitterdorf) ganz am Schluss ihr sehr bemerkenswertes allgemeines Votum über die Kostenentwicklung in der Medizin abgab und vor allem auch auf die Probleme zu sprechen kam, die auf die Gemeindebudgets zurück fallen (z.B. bei sƤumigen PrƤmienzahlern), beeindruckte der Gastgeber des Fortbildungs-Nachmittages (Prof. Dr. med. Robert Thurnheer, Chefarzt am KSp Münsterlingen) mit der Suggestiv-Frage: Ā«Wie konnte ich nur Pneumologe werden?Ā». Dabei blickte er aber auf die Fortschritte in den letzten 30Jahren zurück. Wie hat sich doch vor allem die Behandlung der verschiedenen entzündlichen Bronchial-Erkrankungen (Ā«AsthmaĀ» und COPD) gewandelt. Speziell erwƤhnenswert ist das Mepolizumab (Nucala), das sich als monoklonaler Antikƶrper an Interleukin-5 bindet. Es wird bei eosinophilem Asthma alle 4 Wochen subkutan injiziert (Einzeldosis Fr. 1410.-), der subjektive Gewinn für den Patienten ist gross (auch wenn die gemessene Lungenfunktion kaum verƤndert wird). – Das zweite Beispiel war die idiopathische Lungenfibrose, für die neuerdings Pirfenidon (EsbrietĀ®, monatliche Kosten Fr. 3211.35) oder Nintedanib (OfevĀ®, Fr. 2929.- monatlich) zugelassen sind. Die Nebenwirkungen, die Interaktionen und eben die Kosten sind sehr hoch, der Behandlungserfolg Ā«mƤssigĀ» āˆ’ Schliesslich wurde noch die Chronisch-thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) erwƤhnt, welche den Patienten schwer beeintrƤchtigt und eine 3-Jahres-MortalitƤt von 50% hat. Klinisch stehen Belastungsdyspnoe, Fatigue, Palpitationen und Synkopen im Vordergrund. Die einzige, nur an wenigen Zentren mƶgliche kurative Behandlung ist die pulmonale Thrombendarteriektomie (pTEA). Der kostenaufwendige Eingriff lohnt sich in diesem Falle allemal, man kann fast gar von Ā«HeilungĀ» sprechen. Ein zukunftsweisender Abschluss eines eindrücklichen Fortbildungs-Nachmittags über Kostenentwicklung und -effizienz in der Medizin also.

Dr. med. Hans-Ulrich Kull

Küsnacht