Kardiorespiratorische Fitness als Gesundheitsparameter

Über die vergangenen vier Jahrzehnte ergibt sich aus zahlreichen Studien zunehmende Evidenz, dass die kardiorespiratorische Fitness (CRF) ein wichtiger Gesundheitsparameter ist. Dennoch ist sie in den meisten Scores zur Risikoabschätzung der kardiovaskulären oder Gesamtmortalität bisher nicht enthalten. In diesem kurzen Überblicksartikel soll auf klinische Bedeutung, methodische Aspekte und Möglichkeiten zur Steigerung der CRF eingegangen werden.

Die kardiorespiratorische Fitness (CRF) ist ein komplexer, übergreifender Parameter der Herz- und Kreislauffunktion. Sie spiegelt die FƤhigkeit des Organismus zur Sauerstoffaufnahme (ā©’O2) über die Lunge wider, den Transport von O2 unter Berücksichtigung der systolischen und diastolischen Pumpfunktion des Herzens, des Couplings zwischen Herz und GefƤssen, der Weiterleitung durch das arterielle GefƤsssystem bis zur Muskulatur, in der O2 und auch NƤhrstoffe gemƤss den metabolischen Bedürfnissen in der ruhenden oder arbeitenden Muskelzelle verstoffwechselt werden (1, 2). Die ā©’O2 max liegt bei MƤnnern im Vergleich zu Frauen ca. 10% hƶher und geht im Altersgang in der 3. und 4. Lebensdekade um 3-6% zurück, danach zunehmend stƤrker um bis zu 20% im Alter über 70 Jahre (3-5).

Gesundheitliche Bedeutung der kardiorespiratorischen Fitness

Personen mit einer hƶheren CRF haben nach zahlreichen Studien eine Reduktion der GesamtmortalitƤt um 10-25% pro ein metabolisches Ƅquivalent (engl. metabolic equivalent of task; MET) zu erwarten. Das entspricht in etwa einer Reduktion des Bauchumfangs um 7- 10 cm, 5-7 mmHg niedrigeren systolischen Blutdruck oder 1-1,2 mmol/l reduzierter Nüchternglukose (6).
Kürzlich konnte in einer prospektiven Beobachtungsstudie (7) (22 878 Teilnehmende, Alter 47,4 (10,3) Jahre zu Baseline, Follow-up 9,2 (SD 4,1) Jahre, 505 TodesfƤlle) nachgewiesen werden, dass die RisikoprƤdiktion auf der Basis des SCORE Risikofaktorenmodells mit Hilfe der CRF deutlich verbessert werden kann. Menschen mit ungünstig hohen SCORE-Wert und geringer maximaler CRF (< 11 MET bei der Laufbandergometrie) zeigten ein um das 35,6-fache erhƶhtes MortalitƤtsrisiko gegenüber Personen mit niedrigen SCORE-Wert und hoher CRF (MET ≄ 11). Bei Personen mit hohen SCORE-Wert, aber gleichzeitig hoher CRF lag das MortalitƤtsrisiko beim 8,5-fachen, also um das Vierfache niedriger. Die kardiorespiratorische Fitness war allen SCORE-Parametern als RisikoprƤdiktor überlegen, was auch zuvor bereits mehrfach gezeigt werden konnte (8-10).
Eine aktuelle Metaanalyse prospektiver Studien (11) von 122 007 Patienten (Alter 53,4 Jahre, 1,1 Millionen Beobachtungsjahre, 13 637 TodesfƤlle) zum Zusammenhang zwischen CRF und MortalitƤt zeigte im Vergleich zu manifesten Erkrankungen eindrucksvoll, dass eine stark reduzierte CRF hinsichtlich ihrer prƤdiktiven Bedeutung für das Versterben gleichbedeutend oder stƤrker als verschiedene manifeste KomorbiditƤten war (u.a. koronare Herzerkrankung, arterielle Hypertonie oder Diabetes).

Direkte und indirekte Messung der CRF

Die CRF wird als maximale Sauerstoffaufnahme (ā©’O2max) gemessen, die sich aus dem Produkt von Herzfrequenz, Schlagvolumen und peripherer arterio-venƶser Sauerstoffdifferenz ergibt (2, 12). Der Goldstandard zur direkten Messung der CRF ist die Spiroergometrie, die in Europa überwiegend auf dem Fahrradergometer erfolgt. Alternativ wird vorwiegend im anglo-amerikanischen Raum die Messung auf dem Laufbandergometer durchgeführt. Dabei fƤllt die gemessene ā©’O2 aufgrund der grƶsseren eingesetzten Muskelmasse bei Normalpersonen um ca. 10% hƶher aus. Eliteradsportler erzielen allerdings bei der Radergometrie vergleichbar hohe ā©’O2-Werte wie bei der Laufbandergometrie aufgrund ihres sportartspezifischen Trainings.
Es empfiehlt sich die Durchführung der Spiroergometrie als Rampentest mit 10-12 min Dauer und einer Steigerung, die an das Leistungsniveau angepasst ist. Die strikte Einhaltung aller QualitƤtsanforderungen an die Messung (u.a. Gas- und mechanische Kalibration vor jeder Messung) und Beachtung der Ausbelastungskriterien (13) sichert valide Ergebnisse, was geschultes Personal erfordert (14, 15). Die Messung sollte bei Verlaufsmessungen zur selben Tageszeit durchgeführt werden, wobei die VariabilitƤt innerhalb des Tages mit ca. 8,6% deutlich grƶsser ausfƤllt als die Tag zu Tag-VariabilitƤt zur selben Tageszeit mit 3,5% (16). Bei adipƶsen Personen korreliert die ā©’O2 max besser mit der Muskelmasse als mit der Gesamtkƶrpermasse, was bei der Interpretation der CRF berücksichtigt werden sollte (17).
Auch ist es mƶglich, die ā©’O2 max indirekt aus der geleisteten Arbeit abzuschƤtzen, also die maximal erbrachten Watt auf dem Fahrradergometer oder die Geschwindigkeit auf dem Laufband in aufgenommene Menge Sauerstoff umzurechnen. Für die Umrechnung bei der Laufbandergometrie sind für jedes Belastungsprotokoll gesonderte, gegen direkte ā©’O2-Messung validierte Formeln erforderlich, die aber nur für die wenigsten Protokolle erstellt wurden. Selbst auf dem Fahrradergometer ist die Umrechnung der ā©’O2 aus der Wattzahl wegen der interindividuell divergierenden mechanischen Effizienz nur mit Ungenauigkeiten mƶglich, so dass die gemessenen ā©’O2 valider sind (18).
Submaximale Tests wie der Astrand-Rhyming Test (19) lassen ebenfalls eine indirekte AbschƤtzung der CRF zu. Dabei wird auf zwei submaximalen 3-Minuten-Stufen mit einer Herzfrequenz oberhalb von 110/min die registrierte Wattzahl auf die maximale Leistung (und damit ā©’O2-Aufnahme) an der vorhergesagten altersentsprechenden maximalen Herzfrequenz hochgerechnet. Da die maximale Herzfrequenz interindividuell um ± 10 bis 20 SchlƤge pro Minute vom Mittel abweichen kann, wird klar, dass auch dieses Verfahren der direkten ā©’O2-Messung mittels Spiroergometrie unterlegen ist.
Mit noch grƶsserer Ungenauigkeit ist die SchƤtzung der CRF ohne Ergometertest durch Formeln u.a. basierend auf Alter, Geschlecht, Body mass index (BMI), Rauchen, kƶrperlicher AktivitƤt etc. behaftet (18). Diese Formeln basieren auf Registerdaten. Das bekannteste international Register ist das FRIEND (Fitness Registry and the Importance of Exercise National Database)-Register (20), das sich die verstƤrkte Nutzung der CRF in RisikoprƤdiktion und Therapie zum Ziel gesetzt hat. Die aus den FRIEND Daten erstellten geschlechtsspezifischen Algorithmen zur AbschƤtzung der ā©’O2max bei der Fahrradergometrie (21) lauten: MƤnner: 1,76 x (Watt x 6,12/Kƶrpergewicht (kg)) + 3,5, Frauen: 1,65 x (Watt x 6,12/Kƶrpergewicht (kg)) + 3,5.
Für die Schweiz werden derzeit im laufenden COmPLETE-Projekt Referenzdaten für gesunde MƤnner und Frauen zwischen 20 – 100 Jahren erstellt, die erlauben durch die zusƤtzliche Erfassung von Kraft, neuromuskulƤrer Koordination und objektiver kƶrperlicher AktivitƤt neben Geschlecht und Alter weitere Determinanten der CRF zu ermitteln (22).
Nach internationaler Empfehlung (18) sollte die CRF deutlich mehr zur RisikoabschƤtzung in der PrƤvention und zur Therapiesteuerung bei Gesunden, prƤoperativ als auch bei chronisch Kranken eingesetzt werden. Eine Zusammenfassung der Empfehlungen zur Messung der CRF ist Tabelle 1 zu entnehmen.

Training zur Steigerung der kardiorespiratorischen Fitness

Die CRF ist zu ca. 50% genetisch determiniert (23) und kann bei Untrainierten durch Ausdauertraining nach der Heritage Family Study im Mittel um 18.7% mit einer grossen Spanne zwischen 0% und 40% gesteigert werden (24). Diese Steigerung entspricht der mittleren Zunahme der ā©’O2 um ca. 430 ml bei den MƤnnern und 330 ml bei den Frauen. In MET umgerechnet sind das ca. 1.5 – 2.5 MET Zunahme durch strukturiertes Training. Das ist Ƥquivalent zu einer Risikoreduktion für die Gesamt- und kardiovaskulƤre MortalitƤt um 40-50% (11). Dabei tritt der grƶsste gesundheitliche Benefit auf, wenn Inaktive ihren unterdurchschnittlichen Trainingszustand beginnen zu verbessern. Die kƶrperliche AktivitƤt kann vorübergehend unterhalb der allgemeinen Empfehlungen für gesundheitlich wirksames Training liegen bzw. einer Trainingssystematik entbehren, was den Einstieg in einen aktiveren Lebensstil erleichtern kann (25). Ziel ist es jedoch auf jeden Fall, die Pille Ā«Kƶrperliches TrainingĀ» auch entsprechend medizinisch sinnvoll Ā«einzunehmenĀ» bzw. zu verordnen mit genauer Bezeichnung von Art, Menge, Dosierung und HƤufigkeit der Anwendung (siehe Tabelle 2), was definitiv mehr ist als die grobe Empfehlung Ā«jeder Schritt zƤhltĀ». Die Vorstellung, ein Athlet zu sein oder zu werden, um durch Training von einer verbesserten CRF gesundheitlich zu profitieren, sollte definitiv abgelegt werden.
Ein breites Spektrum von Ausdaueraktivitäten ist geeignet, die CRF bei regelmässigem Praktizieren zu steigern. Die Intensität sollte moderat bis höher sein, bei einer Frequenz von 2-3 x pro Woche liegen und ein Mindestmass pro Trainingseinheit von 20-30 min erfüllen. Auch die Integration in Alltagsaktivitäten wie dem Weg zur Arbeit kann die CRF bereits nach 4 Wochen um annähernd 10% steigern(26).

Prof. Dr. med. Arno Schmidt-TrucksƤss

Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit
Birsstrasse 320 B
4052 Basel

arno.schmidt-trucksaess@unibas.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Eine gute kardiorespiratorische Fitness ist der stƤrkste Schutzfaktor vor der Entstehung von chronischen Erkrankungen und frühzeitigem Versterben
  • Das Wissen um die CRF sollte fest in der Ƥrztlichen Aus- und Weiterbildung und in der tƤglichen Praxis verankert sein und deutlich stƤrker als bisher in das Zentrum der Ƥrztliche PrƤvention und Therapie rücken
  • Strukturiertes Ausdauertraining ist geeignet, die CRF zu verbessern und sollte auch von Ƅrzten planvoll verordnet werden.

1. Wasserman K, Hansen JE, Sue Y, Stringer WW, Whipp BJ. Principles of exercise testing and interpretation : including pathophysiology and clinical applications. 4th ed. Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins; 2005.
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Das Mikrobiom

Die intestinale Mikrobiota ist in den letzten Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen wie ƶffentlichen Interesses gerückt. Die Zahl der Publikationen zum Thema und der Spekulationen über therapeutische Mƶglichkeiten hat exponentiell zugenommen. In diesem Artikel werden die aktuellen Einsichten zum Thema der Mikrobiota zusammengefasst, um Ƅrzten eine fundierte und kritische Beratung ihrer Patienten zu ermƶglichen.

Die intestinale Mikrobiota, das Ā«MikrobiomĀ» oder die Ā«DarmfloraĀ», ist in den letzten Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen wie ƶffentlichen Interesses gerückt. Hierzu haben zwei Entwicklungen beigetragen. Zum einen konnte gezeigt werden, dass die Ā«TransplantationĀ» von gesunder Spender-Mikrobiota, als sogenannte Stuhltransplantation oder Fecal Microbiota Transplantation (FMT) bei der rezidivierenden Clostridien-Kolitis eine sehr hohe Heilungsrate (> 90%) aufweist, die man mit Antibiotika Therapien nicht annƤhernd erreicht. Als Folge dieser Ergebnisse wurde die Wertigkeit der FMT auch bei anderen Erkrankungen getestet. Firmen, die FMT und Ā«SpenderstuhlĀ» anbieten, werden vielfach gegründet. Die Federal Drug Administration der USA (FDA) hat die FMT als Behandlungsmethode für die rezidivierende Clostridien Kolitis (nach anfƤnglichen Bedenken) anerkannt. Weltweit wurden inzwischen Tausende FMTs mit sehr gutem Erfolg in der genannten Indikation durchgeführt.
Zum anderen wurde durch neue Verfahren und Techniken zur Sequenzierung der bakteriellen DNA aus dem Stuhl und anschliessende bioinformatische Analysemethoden ZusammenhƤnge zwischen einer ganzen Reihe verschiedener Erkrankungen und der Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota hergestellt (oder besser Assoziationen, da fast nie KausalzusammenhƤnge gezeigt werden konnten). Diese Erkenntnisse haben zum einen dazu geführt, dass nun eine Vielzahl von Anbietern in einem unkontrollierten Markt Stuhl-Mikrobiota Analysen als diagnostischen Test anbieten. Diese Firmen liefern nicht nur eine (oft scheinbare und zweifelhafte) quantitative Auswertung, sie geben gleichzeitig Empfehlungen für therapeutische Interventionen, zumeist ErnƤhrungsinterventionen oder Therapien mit Probiotika – allerdings weitestgehend ohne genügende Evidenz. Probiotische Interventionen sind bei der Colitis ulcerosa und der Vorbeugung antibiotika-assoziierter DurchfƤlle sinnvoll und mit guter Evidenz belegt, nicht jedoch beim Morbus Crohn und vielen anderen Erkrankungen. Ob der Einsatz bei einer Ā«Dysbalance der MikrobiotaĀ» oder Ā«DysbioseĀ» sinnvoll ist, muss als fraglich gelten.
Daher ist es sinnvoll, die aktuellen Einsichten zum Thema der Mikrobiota noch einmal zusammenzufassen, um für Patienten eine fundierte und kritische Beratung zu ermöglichen.

Mikrobiota und Mikrobiom – einige Fakten

Die normale Darm-Mikrobiota des Menschen besteht aus einigen wenigen eukaryotischen Pilzen, Viren und einigen Archaeen, die vorwiegend den unteren Darmtrakt besiedeln (1). Der mit Abstand auffƤlligste, hƤufigste und zugleich bisher am besten erforschte Bestandteil der normalen Mikrobiota sind jedoch die Bakterien (2). Bis zu 100 Billionen (1014) Mikroorganismen pro Mensch besiedeln den Darm und machen etwa 2 kg des Kƶrpergewichts aus. Sie reprƤsentieren mindestens 300-1000 verschiedene Arten (3).
Interessanterweise kann derzeit niemand genau definieren, wie viele Bakterienarten tatsƤchlich in einer Darm-Mikrobiota-Probe vertreten sind. Dies hƤngt von dem mathematischen Algorithmus ab, der für die Analyse verwendet wird, und von dem Grenzwert für die Ƅhnlichkeit der 16S-RNA-Sequenz (normalerweise wird eine SequenzidentitƤt von 97% gewƤhlt, um verschiedene Ā«ArtenĀ» abzugrenzen und eine sogenannte operative taxonomische Einheit (OTU) zu definieren (4)). Das Wissen über die mikrobielle Zusammensetzung des Darminhaltes hat durch die Verwendung kulturunabhƤngiger Analysemethoden (der Grossteil der Mikroben war lange Zeit nicht kultivierbar) erheblich zugenommen.
Bei kulturunabhƤngigen Analyse-Methoden werden hauptsƤchlich Variationen von Genen (meist der 16sRNA) sequenziert, die einerseits bei allen Bakterien gemeinsam sind und in der Evolution stark konserviert wurden, andererseits jedoch mit speziesspezifischen Unterschieden behaftet sind (5-8). KulturunabhƤngige Methoden wie die Pyro-Sequenzierung erlauben eine genauere Untersuchung der mikrobiellen Zusammensetzung unter standardisierten Methoden der Probengewinnung. Noch ist wenig darüber bekannt, wie die komplexe Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota durch Umweltfaktoren wie ErnƤhrung, Medikamentenkonsum, Lebensweise, Toxine, das Alter und Geschlecht des Wirtes, der geographische Lebensraum, das Ausmass der regelmƤssigen kƶrperlichen Bewegung, das Klima und andere exogene Faktoren wie Rauchen moduliert wird (9, 10).
Neben Umwelteinflüssen sind genetische Einflüsse von Bedeutung und eine Anpassung zwischen der genetischen Struktur des Wirts und der mikrobiellen Komposition konnte gezeigt werden (11-15). Die Metaboliten des Wirtes und der Darmbakterien reagieren und interagieren miteinander, sodass ein Gleichgewicht entsteht (16).
Generell sollte man, wenn man die Gesamtheit der Mikroben meint, von der Mikrobiota sprechen. Der Terminus Ā«MikrobiomĀ» meint eigentlich nur die Gene also das Genom der Mikrobiota, deren Erbinformationen. Allerdings fokussieren fast alle bisherigen Analysenmethoden auf die genetische Information über Sequenzieren. Das bedeutet gleichzeitig, dass unsere Informationen über die Funktionen der Mikrobiota sehr mangelhaft sind. Wenn wir nur das Mikrobiom kennen, wissen wir nichts über dessen Metaboliten, das Metabolom. Die selbe Bakterien Spezies kann jedoch in unterschiedlichen Ɩkosystemen (sogenannten Ā«KonsortienĀ») sehr unterschiedliche Funktionen erfüllen. Das metabolische Profil verschiedener Bakterienspezies hƤngt von deren Umgebung und der Funktion anderer Spezies in der Umgebung ab. Die reine DNA Sequenzierung sagt uns daher sehr wenig über die Funktion oder die Pathologie aus. Daher bleiben Begriffe wie Ā«DysbioseĀ» auch sehr vage und eine Dysbiose kƶnnte funktionell sogar günstig sein.

Darm-Erkrankungen mit einer VerƤnderung des Mikrobioms

Die Zusammensetzung der Mikrobiota ist bei einer Reihe von Darmerkrankungen verändert, wie in den letzten Jahren gezeigt werden konnte. Hierzu zählen unter anderem die chronisch entzündliche Darmerkrankung (IBD) (17-19), Zöliakie (20-22) oder verschiedene Lebererkrankungen (23-26).
Die Ā«DysbioseĀ» bei IBD scheint am ausgeprƤgtesten zu sein, wenn die Entzündung aktiv ist (27-31). Reproduzierbar scheint bei Morbus Crohn eine relative Verminderung von Faecalibacterium prausnitzii und von Roseburia hominis zu sein, die beide Butyrat produzieren (29, 32-34). Eine solche Dysbiose wurde interessanterweise auch bei gesunden Verwandten von Morbus Crohn-Patienten gefunden (33). Bei Patienten der Swiss IBD Cohort Study (SIBDCS) fanden sich Stƶrungen für die Familien der Lachnospiraceae und Ruminococcaceae, die typischerweise kurzkettige FettsƤuren produzieren (35). Diese VerƤnderungen kennzeichneten besonders Patienten mit hƤufigen Relapsen und schlechter Therapieantwort auf die Behandlung mit Anti-TNF-α-Antikƶrpern (35). Bei Patienten mit IBD, die eine DiƤt einhielten, fanden sich eher depressive Symptome und eine VerƤnderung der Darm-Mikrobiota (36).
Bei IBD kann generell eine Ā«Reduktion der VielfaltĀ» (Ā«reduced diversityĀ») der Mikrobiota beobachtet werden (31, 37-39) und eine Ā«vielfƤltigereĀ» Mikrobiota wird in der Regel als vorteilhaft angesehen. Bei Patienten mit IBD findet sich auch eine verminderte Expression von Mucinen im Dickdarm (40). Dies führt dazu, dass die dysbiotische Mikrobiota nƤher an die Zellen der Darmschleimhaut vordringen kann (41, 42-45).
Die Transplantation fƤkaler Mikrobiota, FMT als ein Versuch, die gestƶrte mikrobielle Zusammensetzung und Vielfalt zu therapieren, wird bei IBD kontrovers diskutiert. WƤhrend bei Morbus Crohn wohl kein Nutzen belegt ist und entsprechende Studien negativ sind, zeigt sich bei Colitis ulcerosa in Meta-Analysen ein signifikanter therapeutischer Nutzen einer FMT (46-50). Allerdings wirken nur wenige Spender optimal (51). Daher wird nun in den meisten Studien der Stuhl von bis zu sieben Spendern für eine FMT kombiniert und eine wiederholte Therapie mit bis zu 40 EinlƤufen mit der Bakteriensuspension verabreicht (52). Auch wenn in einigen Studien ein signifikanter Nutzen bei Colitis ulcerosa gezeigt werden konnte, ist das Resultat (27% Remission versus 8% mit Placebo) bezogen auf den grossen Aufwand ein doch eher enttƤuschendes Ergebnis (52). Nicht zu vergessen – eine Transplantation einer hohen Zahl von Keimen ist auch mit potenziellen Risiken verbunden, wie ein erster dokumentierter Todesfall durch eine Infektion mit einem multiresistenten Keim übertragen durch eine FMT eindrücklich vor Augen führt. Die mikrobielle Vielfalt nahm mit der FMT im Stuhl zu und hielt an (53).
Probiotische Therapien haben sich bei Colitis ulcerosa als mƤssig wirksam erwiesen. Nur die Therapie mit E. coli Nissle zur Erhaltung der Entzündungsfreiheit (Remissionserhaltung) ist in den internationalen Behandlungsempfehlungen enthalten (54, 55).
Die potenzielle Rolle der Darm-Mikrobiota bei der Pathogenese des Reizdarmsyndroms (irritable bowel syndrome, IBS) wird ebenfalls diskutiert und u.A. durch eine kontrollierte positive Studie mit Rifaximin, einem nicht resorbierbaren Derivat von Rifamycin, nahegelegt (56). Zudem gibt es verschiedene Studien, die eine Ā«DysbioseĀ» bei IBS-Patienten im Vergleich zu Gesunden bestƤtigen konnten (57). Neben therapeutischen Mƶglichkeiten erƶffnen diese Einsichten natürlich auch ein diagnostisches Potenzial (charakteristische mikrobielle Ā«FingerabdrückeĀ» zur Identifikation und Charakterisierung von IBS (58)). In einer Studie mit Patienten mit mittelschwerem IBS-D oder IBS-M zeigten 65% der Probanden mit FMT gegenüber 43% Placebo Patienten nach 3 Monaten ein klinisches Ansprechen (p = 0,049) (59). In Meta-Analysen lƤsst sich jedoch kein sicherer Effekt bestƤtigen (60).
Die Darm-Mikrobiota und deren Zusammensetzung scheint auch eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Darmkrebs (Colorectal Cancer, CRC) zu spielen (61-65). Es wird vermutet, dass Bestandteile der Darmbakterien oder Metabolite Ā«genotoxischenĀ» Stress induzieren, der genetische und epigenetische VerƤnderungen in den Darmepithelzellen verursacht und schliesslich zur unkontrollierten Proliferation führt (66, 67). Es wurden deutliche VerƤnderungen der Mikrobiota bei Darmkrebs, wie z. B. eine Zunahme der Fusobacterium-Sequenzen, beschrieben (68, 69). In einem Tiermodell für Darmkrebs konnte gezeigt werden, dass die alleinige Kolonisation mit dem kommensalen Bakterium E. coli NC101 das invasive CRC fƶrdert (70).

Rheumatologische und kardiovaskulƤre Erkrankungen mit einer VerƤnderung der Mikrobiota

Die intestinale Mikrobiota ist bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (71-73) und anderen rheumatologischen Erkrankungen verƤndert.
Die Darm-Mikrobiota spielt ausserdem mƶglicherweise eine wichtige Rolle für die Entwicklung verschiedener Herzkrankheiten (74). Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen – insbesondere bei Frauen – scheinen ein hƶheres Risiko für koronare Herzerkrankungen und zerebrovaskulƤre Ereignisse zu haben (75), obwohl weniger Ā«klassischeĀ» Risikofaktoren vorkommen, was auf zusƤtzliche Verbindungen zwischen Darm und Herz-Kreislauf-System hinweist. Eine beeintrƤchtigte Darmbarrierefunktion, gefolgt von einer bakteriellen Translokation und dem Vorhandensein bakterieller Produkte im Kreislauf, kann zu Arteriosklerose und chronischer Herzinsuffizienz führen, wie jüngste Daten belegen (74, 76-78).

Erkrankungen des Zentralnervensystems und das Mikrobiom: Die «Gut-Brain Achse»

Die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Magen-Darm-Trakt, die sogenannte Ā«Gut-Brain AxisĀ» oder Ā«Gehirn-Darm-AchseĀ», basiert auf einem komplexen System, das den Nervus vagus, aber auch endokrine, immun- und humorale Verbindungen sowie den Einfluss der Darm-Mikrobiota beinhaltet (79). So wird einerseits die gastrointestinale Homƶostase reguliert. Andererseits scheinen dadurch emotionale und kognitive Bereiche des Gehirns mit Darmfunktionen verbunden zu sein (80). Die Gehirn-Darm-Achse wird als therapeutisches Target für psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen (81) und posttraumatische Belastungsstƶrungen (PTBS) (82) diskutiert.
Eine Veränderung der Zusammensetzung der menschlichen Mikrobiota wurde bei einem Mausmodell für Depressionen (83) sowie bei Patienten mit depressiven Symptomen (84, 85) gefunden. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass Depressionen mit einer Reihe von Verhaltensänderungen wie Nahrungsaufnahme, Ernährung und körperlicher Aktivität einhergehen, die die Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota beeinflussen können. Zudem finden sich charakteristische Veränderungen des Mikrobioms bei Autismus (86-88). Eine Interventionstherapie mittels FMT konnte bei Patienten mit Autismus die Symptome verbessern (89).
Eine gezielte Mikrobiota-Behandlung könnte zu Verbesserungen der emotionalen Symptome von Patienten führen, die an Depressionen oder Angstzuständen leiden. Es gibt Hinweise darauf, dass Probiotika (90-92) einen Einfluss auf die Aktivität des Nervus vagus haben. Dieser Effekt ist jedoch individuell sehr variabel.
Beim Menschen kƶnnten Probiotika mit entzündungshemmender Wirkung, aufgrund ihrer antidepressiven und anxiolytischen Wirkung nützlich sein, um Patienten mit psychiatrischen Stƶrungen zu behandeln (85, 93-95). Unterschiede in der Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota bei Patienten mit Depressionen im Vergleich zu gesunden Personen wurden nachgewiesen (96) und kürzlich wieder bestƤtigt (97, 98).

Endokrine Erkrankungen und die Rolle der Darm-Mikrobiota

Die Darm-Mikrobiota spielt nach jüngeren Erkenntnisse auch eine wichtige Rolle in der Pathogenese von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes (99, 100, 101-107) metabolisches Syndrom (108-110) oder Nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH) (111, 112).
Interessanterweise hat sich gezeigt, dass der adipƶse PhƤnotyp bei MƤusen durch eine FMT übertragbar ist (113-115). Einer aus fetten MƤusen extrahierten und auf magere MƤuse übertragenen Mikrobiota folgte eine signifikante Gewichtszunahme bei den mageren MƤusen. Eine Ƥhnliche Gewichtszunahme wurde auch in EinzelfƤllen bei Menschen nach einer FMT von Übergewichtigen berichtet (116, 117). Leider funktioniert dies nicht in die entgegengesetzte Richtung (114, 115). Dennoch wird die VerƤnderung der Darm-Mikrobiota bereits als zukünftige Behandlungsstrategie für Adipositas diskutiert. VorlƤufige Daten aus einer kleineren Studie am Menschen, die sich eher auf die Insulinresistenz als auf das Kƶrpergewicht konzentrierte, legten jedoch nur eine sehr bescheidene Wirkung nahe (118).

Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler

Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie
UniversitätsSpital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

gerhard.rogler@usz.ch

PD Dr. med. Luc Biedermann

Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie
UniversitätsSpital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem
Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Wir haben erst begonnen, die Bedeutung unserer Darm-Mikrobiota für unsere Gesundheit und die Pathophysiologie einer Vielzahl von Erkrankungen zu verstehen.
  • Eine Reihe von Erkrankungen wurde mit einem Ā«UngleichgewichtĀ» oder einer Ā«DysbioseĀ» der mikrobiellen Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota in Verbindung gebracht, wie z. B. IBD, rheumatoide Erkrankungen, maligne Erkrankungen wie das CRC, metabolisches Syndrom und sogar psychiatrische Erkrankungen.
  • Bisher sind diese Ergebnisse leider hƤufig deskriptiv, was den Mangel eines kausal-funktionellen VerstƤndnisses widerspiegelt. Ein eben solch tieferes VerstƤndnis der Wechselwirkungen wird allerdings notwendig sein, um endlich den Weg zu neuen und gerichteten Therapeutika zur Behandlung dieser chronischen Krankheiten zu ebnen.
  • Ein vielversprechender Hinweis darauf, dass in Zukunft Mikrobiota Therapien mƶglich sein kƶnnten, ist der klinische Erfolg der FMT für rezidivierende Cl. difficile Kolitis. Aus offensichtlichen Gründen erfordern andere Krankheiten spezifischere AnsƤtze.
  • Es wird wichtig sein, derzeit weder übertriebene Erwartungen zu wecken noch unausgewogene oder enthusiastische Versprechungen zu machen.
  • Der Stuhl-Dysbiose Test oder das Darm-Mikrobiota Monitoring, die Analyse der Mikrobiota Zusammensetzung im Stuhl wird derzeit von über 200 Labors in Europa angeboten. Medizinisch sind diese Tests bedeutungslos.
  • Die Mechanismen, über welche die Darm-Mikrobiota zu Gesundheit und Krankheit beitrƤgt, müssen genauer untersucht werden.

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Nicht-alkoholische Fettleber und Diabetes

Prof. Roger Lehmann, Zürich, referierte an der Jahrestagung der SGAIM in Basel zum Thema «nichtalkoholische Fettleber». Motiviert dazu ist er durch die hohe Prävalenz dieser Erkrankung in der westlichen Welt und durch die Erkenntnis, dass die Kombination von Diabetes und Fettleber überzufällig häufig ist.

Professor Roger Lehmann nimmt einleitend Stellung zur Frage nach der Prävalenz des Formenkreises von nichtalkoholischer Fettleber. Dabei ist zu beachten, dass die reine Fettleber (NAFL) meistens eine gutartige, stabile Erkrankung ist, während die nichtalkoholische Fettleberkrankheit (NAFLD) in eine nichtalkoholische Steatosehepatitis (NASH) übergehen kann, welche ihrerseits zu Leberzirrhose und zum hepatozellulären Karzinom führen kann. Die Prävalenz der NAFLD beträgt in der westlichen Welt rund 25%, und man kann davon ausgehen, dass etwa ¼ davon an einer NASH leiden.
Bei der klinischen Abgrenzung zu einer alkoholischen Leberkrankheit sprechen die Befunde eines erhƶhten Kƶrpergewichts, eines erhƶhten Nüchternblutzuckerspiegels respektive eines erhƶhten HbA1c und einer Erhƶhung von ALT eher für eine nichtalkoholische Fettleberkrankheit, wƤhrend die Angabe eines Alkoholkonsums von mehr als 20 g für Frauen um mehr als 30 g für MƤnner, eine erhƶhte AST, ein erhƶhtes VerhƤltnis von AST: ALT über 1,5, eine deutlich erhƶhte GGT, ein hohes HDL Cholesterin und ein hohes MCV eher für eine alkoholische Leberkrankheit sprechen. Ist der Verdacht gestellt, gilt es Differenzialdiagnosen auszuschliessen, wie eine Hepatitis insbesondere vom Typ B und C anhand einer entsprechenden Serologie, eine HIV-Erkrankung und eine Erkrankung aus dem Formenkreis der autoimmunen Hepatopathien. Weiter gilt es, den Verdacht zu erhƤrten, in 1. Linie mit einem Ultraschall, welcher das typische hyperechogene Leberparenchym zeigt, oder einer Computertomografie, in welcher die typische Fettleber hypodens erscheint im Vergleich zu Milz und Lebervenen. Im weiteren ist abzuklƤren, ob bereits eine fortgeschrittene Fibrose bestehe. Dabei ist die Existenz eines Diabetes mellitus der stƤrkste prƤdiktive Faktor für eine fortgeschrittene Fibrose mit einer OR von 18,2. Übergewicht mit einem BMI über 30 sagt eine Fibrose mit einer OR von 9,1 voraus. Hoher Blutdruck und Alter stellen diesbezüglich per se keine prƤdiktiven Faktoren dar. Weiter lƤsst sich das Fibroserisiko anhand verschiedener typischer Laborkonstellationen berechnen, erwƤhnt wird der Fibrosis-4-Index, welcher sich aus Alter, AST, ALT und Thrombozyten berechnet sowie der NAFLD-Fibrosis-Score, zu dessen Berechnung zusƤtzlich Albumin, BMI und das Vorhandensein eines Diabetes berücksichtigt werden. Dazu stehen heute Apps und Online-Rechner zur Verfügung. Weiter lassen sich Existenz und Ausmass einer Fibrose nicht invasiv mit dem Fibroscan oder einer MR Elastographie abschƤtzen und der Goldstandard ist nach wie vor die Leberbiopsie, anhand welcher sich das Fibrosestadium in die Stadien F0 bis F4 einteilen lƤsst in dem Sinn, dass F0 keine Fibrose bedeutet, F1 portale Fibrose ohne Septen, F2 Portalfibrose mit wenig Septen, F3 zahlreiche Septen ohne Zirrhose, F4 Leberzirrhose.
Aufgrund dieser AbklƤrung lassen sich Patienten mit einer Lebersteatose in 3 Profile einteilen, ein niedriges Risiko haben junge Patienten ohne Übergewicht und ohne Diabetes, bei welchen die nicht invasiven Teste keine Hinweise für eine Fibrose aufweisen. Diese kƶnnen beobachtet werden mit Reevaluation bei VerƤnderung des Risikofaktorprofils. Ein mittelgradiges Risiko weisen Patienten auf, welche übergewichtig sind, über 40 Jahre alt, vielfƤltige Zeichen eines metabolischen Syndroms und bezüglich Fibrose Grenzwerte aufweisen. Bei diesen kann eine Leberbiopsie erwogen werden. Patienten mit hohem Risiko weisen ein deutlich erhƶhtes AST auf gegenüber ALT, eine Thrombopenie und zeigen in den nicht invasiven AbklƤrungen Zeichen einer Leberfibrose. Diese sollen weiter abgeklƤrt werden (Abb. 1).

1/5 aller Patienten mit Leberfibrose im Stadium F3 und F4 entwickeln über 2 Jahre eine Progression. Patienten mit dem Vollbild einer NASH haben ein 8-fach erhöhtes Risiko, ein HCC zu entwickeln.
Das Management der Fettleber umfasst Lifestyle Modifikationen, insbesondere Gewichtsreduktion um 8-10%, Kontrolle der übrigen Risikofaktoren, insbesondere Statine falls indiziert, und bei Erfolglosigkeit dieser Massnahmen kann eine bariatrische Chirurgie in Betracht gezogen werden. Falls eine NASH vorliegt, werden in medikamentƶser Hinsicht Liraglutid als GLP-1 Rezeptor Agonist sowie SGLT-2 Hemmer eingesetzt. Von Pioglitazon ist ebenfalls ein Effekt nachgewiesen, diese Substanz als Insulinsensitizer wird heute in der Schweiz aber praktisch nicht mehr verwendet. Zusammenfassend erweist es sich, dass der Algorithmus zur Behandlung von Patienten mit PrƤdiabetesā€Š/ā€ŠTyp 2 Diabetes mit einer NASH sich nicht grundsƤtzlich unterscheidet von der modernen Diabetestherapie (Abb. 2).

Dr. med. Hans-Kaspar Schulthess

Facharzt FMF Innere Medizin und Gastroenterologie
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8044 Zürich

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Aktuelle Fragen aus der Frauenheilkunde

An der Nachlese zum Jahreskongress des American College of Physicians, welche die VZI unter dem Motto «Highlights from Philadelphia als Multiple small Feedings of the Mind» präsentiert hat, wurden 3 klinisch aktuelle Fragen an die Frauenärztin von KD Dr. med. Stephanie von Orelli mit Blick auf die Antworten der amerikanischen Kollegen aus Schweizer Sicht beantwortet.

Frau KD Dr. med. Stefanie von Orelli, Zürich, nimmt Stellung zur Frage Ā«Was sind die neuesten Erkenntnisse bezüglich Risiken, Nutzen und Dauer der postmenopausalen Hormonersatztherapie?Ā» Die Referentin prƤsentiert neue Daten der Womens Health Initiative (WHI), der Studie, die ursprünglich dazu geführt hat, dass bei vielen Frauen in der Menopause die Hormonersatztherapie abgebrochen wurde mit der Folge von erheblichen Beschwerden. Nach einem Follow up von 18 Jahren zeigt sich nun bei den 16608 beobachteten Frauen, die im Schnitt wƤhrend 5.6 Jahren unter Ɩstrogen und Gestagen standen, dass sich kein Unterschied ergibt bezüglich GesamtmortalitƤt, kardiovaskulƤrer MortalitƤt und totaler KrebsmortalitƤt. Auch bei den 10 739 wƤhrend im Schnitt 7.2 Jahren nur mit Ɩstrogen behandelten Frauen zeigt sich nach 18 Jahren kein Unterschied bezüglich GesamtmortalitƤt, kardiovaskulƤrer MortalitƤt und KrebsmortalitƤt. Zu einem Ƥhnlichen Schluss kam eine koreanische Metaanalyse. Weder unter Ɩstrogen Monotherapie noch unter Kombinationstherapie konnte eine Verschlechterung der Überlebensraten aufgezeigt werden, im Gegenteil ergaben sich Hinweise auf eine geringe, nicht signifikante Verbesserung. Eine 2016 im New England Journal publizierte Berichtigung von 2 der Autoren der WHI-Studie führte zu einem kleinen Erdbeben. Nach deren EinschƤtzung seien die Resultate der WHI-Studie unangemessen verwendet worden, um Entscheidungen bei Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die unter Wallungen leiden, zu treffen. Viele Nebenwirkungen der WHI-Studie würden sich nicht auf jüngere Frauen anwenden lassen. Der minimale Anstieg von Herzkrankheiten, Stroke und Brustkrebs in der Gruppe der Kombinationsbehandlung wird durch die reduzierte GesamtmortalitƤt mehr als kompensiert, nebst einer Reduktion an Frakturen und Diabetes. Die Resultate unter Ɩstrogen-Monotherapie sind noch günstiger. Konkret ist das Risiko für zerebrovaskulƤre Ereignisse im Alter < 60 Jahre mit 1-2/ 10 000 Frauenjahre sehr klein, jedoch im Alter > 60 signifikant erhƶht. Es gibt ein optimales Fenster für eine Hormonsubstitution, man soll eine solche nicht bei Frauen über 60 Jahre beginnen. Bei Frauen unter 60 Jahre soll nach zusƤtzlichen Risiken gemƤss Framingham Risk Score geforscht werden und positivenfalls eine transdermale Substitution, die ein etwas weniger grosses Risiko aufweist, in Betracht ziehen. Das gleiche gilt bei Risiko für venƶse Thromboembolien. Zusammenfassend hƤlt die Referentin fest, dass bei starken menopausalen Symptomen, wie insbesondere starken Hitzewallungen, Ɩstrogene und Gestagene gegeben werden dürfen. Prophylaktische Ziele stellen eher keine Indikation dar. Es gibt ein günstiges Fenster – wenn die Ersatztherapie innert 10 Jahren nach der Menopause respektive vor dem 60. Lebensjahr gegeben wird, übersteigt der Nutzen das Risiko. Mƶglichst nicht lƤnger als 5 Jahre. Bei persistierendem Leidensdruck kann versucht werden, die Dosierung ausschleichend auf das tiefst mƶgliche Niveau zu reduzieren. Der Begriff der Ā«bioidentischen HormoneĀ» ist nicht einheitlich definiert, einige Autoren verwenden den Ausdruck für 17-beta-Estradiol (v.a. transdermal in Gel und Pflaster verwendet) im Gegensatz zu Estradiol-Valerat. Bei allen Ɩstrogenen gilt die Pflicht zur Kombination mit Gestagenen bei erhaltenem Uterus.

Ā«Wie beraten wir Patientinnen über Brustkrebsrisiko im Zusammenhang mit topischen Ɩstrogenen und oralen VerhütungsmittelnĀ». Basierend auf einer dƤnischen Register Studie kommt die Referentin zum Schluss, dass das Brustkrebsrisiko in AbhƤngigkeit von der Anwendungsdauer gering erhƶht ist, das relative Risiko steigt nach 5 - 10-jƤhriger Anwendung auf rund 1.3 und nach über 10 Jahren auf 1.5. Dabei muss berücksichtigt werden, dass eine Reihe von weiteren Faktoren das Risiko ebenfalls um rund 20% steigern, wie z.B. Obesitas oder moderater Alkoholkonsum. Sicher ungünstig ist die Kombination all dieser Risikofaktoren, wƤhrend der alleinige Ɩstrogengebrauch bei einer schlanken, sportlichen Person ohne signifikanten Alkoholkonsum klinisch kaum ins Gewicht fƤllt. Dementsprechend ist eine kombinierte hormonelle Kontrazeption gemƤss der neuesten Empfehlung des CDC sogar bei Patientinnen mit gutartigen Brusterkrankungen und bei positiver Familienanamnese für Brustkrebs ohne EinschrƤnkung mƶglich.
Hingegen ist eine menopausale Hormonsubstitution während oder nach einem Mammakarzinom ein absolutes «no go». Eine entsprechende randomisierte Studie musste abgebrochen werden, nachdem innert 2,1 Jahren unter Hormonsubstitution das Risiko für ein Brustkrebsereignis um den Faktor 3,3 auf über 25% gesteigert war.
Zur Frage, ob wenigstens lokal Ɩstrogene nach Brustkrebs eingesetzt werden kƶnnen, erlƤutert eine aktuelle ACOG Commitee Opinion, dass üblicherweise lokal Estriol, E3, angewendet wird, welches als grosses Molekül kaum resorbiert wird und dementsprechend die Ɩstrogenwerte im Blut kaum ansteigen. Ausnahme bei Patientinnen unter Therapie mit Aromatasehemmern. Aktuelle Daten zeigen keine erhƶhte Rückfallraten. Trotzdem sollen lokale Ɩstrogene in dieser Population nur bei fehlender Wirksamkeit anderer lokaler Applikationen, wie Befeuchtungsmittel o.Ƥ. angewendet werden.

Ā«Wie beeinflusst die Brustdichte unser Vorgehen in der Brustkrebsvorsorge?Ā». Die Dichte der Brust wird in 4 Kategorien eingeteilt, Ā«PrimƤr FettĀ», Ā«FibroglandulƤrĀ», Ā«HeterogenĀ» und Ā«Extrem dichtĀ». Die mittleren beiden sind am hƤufigsten anzutreffen, die Dichte nimmt tendenziell mit dem Alter zu, so dass v.a. Frauen ab 50 von einem Screening profitieren, wƤhrend bei jüngeren Frauen die Bildgebung oft falsch positiv ist oder nicht aussagekrƤftig. Das ist eine Frage an den Radiologen, aber Frau Dr. von Orelli nimmt sie zum Anlass, grundsƤtzlich auf das Thema Brustkrebsvorsorge einzugehen. Sie ist in der Schweiz nicht einheitlich organisiert, so dass oft ein sog. wildes Screening durchgeführt wird. Für die Referentin ist essenziell, dass Frauen über das Mammographie Screening informiert sind, wenn sie sich ihm unterziehen. Als Grundlage ist das Faktenblatt der Krebsliga nützlich. Von 1000 Frauen mit Screening benƶtigen 250 weitere AbklƤrungen wegen unklaren Befunden. Schlussendlich kann die Diagnose bei 65 Frauen gestellt werden, davon versterben 20 am Brustkrebs. Bei 1000 Frauen ohne Screening wird in 55 FƤllen die Diagnose gestellt, davon versterben 16 an Brustkrebs, also 4 weniger als mit Screening. Von den 10 hƤufiger diagnostizierten FƤllen werden lediglich 4 gerettet, bei den übrigen bestehen Überdiagnosen und Übertherapien. Ein Vorteil bezüglich GesamtmortalitƤt besteht nach ungezieltem Screening nicht! Im 2014 publizierten Canadian Trial fand sich sogar über 25 Jahre kein Vorteil bezüglich Brustkrebs-spezifischer MortalitƤt. So kommt Frau Dr. von Orelli zum Schluss, dass keine Empfehlungen bestehen zu einer Ƅnderung des Screenings bei erhƶhter Brustdichte und auch in Leitlinien keine Empfehlungen für den Einsatz von CT oder Tomosynthese. Jedoch favorisiert die Referentin, Frauen mit einem hohen Ć  priori-Risiko (>20% Lebensrisiko) zu identifizieren und diese dann einer Beratung für genetische Testung und gegebenenfalls einer intensivierten Bildgebund mit MRI zuzuführen. Dazu eignet sich der modifizierte IBIS Kalkulator, welcher neben dem neuen Kriterium Brustdichte das Alter, den BMI, die ParitƤt, Alter bei Menarche, Familienanamnese für Brust- oder Ovarialkarzinom, Ashkenazy Jüdische Herkunft, eigene Anamnese für High Risk LƤsionen, lobulƤres Ca in situ oder Ovarialkarzinom, Menopausenstatus und menopausale Hormontherapie berücksichtigt
(http://www.ems-trials.org/riskevaluator/).

Quelle: VZI Highlights from Philadelphia, 4. Juli 2019, Lake Side, Zürich

Dr. med. Hans-Kaspar Schulthess

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Therapieempfehlungen für primäre Kopfschmerzen

Die Schweizerische Kopfwehgesellschaft SKG hat kürzlich die 10., vollständig überarbeitete Auflage ihrer Therapieempfehlungen für primäre Kopfschmerzen herausgegeben und diese mit einem praktischen Kopfschmerzalgorithmus für den Hausarzt ergänzt. Sie beruhen auf wissenschaftlicher Evidenz und/oder auf der klinischen Erfahrung der Autoren und sind unter www.headache.ch aufgeschaltet. Ziel der Behandlung von primären Kopfschmerzen ist die Verbesserung der Lebensqualität.

Die 25 Seiten umfassende Empfehlung berücksichtigt neben der Erfassung von Warnsignalen die Möglichkeiten der Akutbehandlung und Langzeitprophylaxe von Migräne, Cluster-Kopfschmerz, episodischem und chronischem Spannungs-typ-Kopfschmerz sowie Medikamentengebrauchs-Kopfschmerz. Weiter sind eigene Abschnitte dem Themenkreis Schwangerschaft, Menstruation, Kontrazeption und Menopause gewidmet, den Kopfschmerzen beim Kind, der Neuralgie und den chirurgischen und interventionellen Therapien. Dr. med. Andreas Gantenbein schreibt in der Einleitung: «Unser Leitfaden unterstützt den behandelnden Arzt in seiner praktischen täglichen Arbeit mit Kopfschmerzpatienten bewährterweise in einer Form, die übersichtlich ist und zeitsparend konsultiert werden kann».

Primäre (idiopathische) Kopfschmerzen liegen vor, wenn keine zugrundeliegende, andere Leiden bekannt sind und keine organische Läsion fassbar ist; sie haben eine ausgeprägte Eigengesetzlichkeit und folgen einem bestimmten Zeitmuster. Die wichtigsten primären Kopfschmerzen sind Migräne, Cluster-Kopfschmerzen und Spannungstyp-Kopfschmerzen. Die Diagnose wird nach den aktuellen Kriterien der International Headache Society («International Classification of Headache Disorders», 3rd edition, ICHD-3; www.ihs-headache.org) gestellt. Sekundäre (symptomatische) Kopfschmerzen treten im Rahmen eines anderen Grundleidens, das gesucht und behandelt werden muss, auf.

Warnzeichen sollen aktiv gesucht werden und bei entsprechenden Hinweisen weiterführend diagnostiziert werden: neurologische AusfƤlle, systemische Zeichen (Fieber, Meningismus), allgemeine internistische Zeichen, Bewusstseinsstƶrungen, Alter > 50 Jahre, ungewƶhnliche IntensitƤt und Dauer der Schmerzen, rasch einsetzender stƤrkster Kopfschmerz (Donnerschlag-Kopfschmerz), progrediente Schmerzen, Therapieresistenz.

Allgemeine Aspekte. Die Diagnose soll auch nach Einsetzen der Therapie, insbesondere bei Therapieresistenz, überprüft werden. Die Behandlung erfolgt in erster Linie durch den Hausarzt mit Überweisung an den Kopfschmerzspezialisten bei Therapieresistenz. Cave Medikamentenübergebrauch, insbesondere unkontrollierte Selbstmedikation mit Schmerzmitteln. Modulatoren der Kopfschmerzprobleme erfassen, wie Menstruation, Hormone, Wetter, festgefahrene Situationen usw. Haltung des Patienten beachten und Eigenverantwortung unterstützen. Noxen kontrollieren (Alkohol, Koffein, Nikotin, etc.), innere Ɩkonomie überprüfen (Freizeit, Tagesrhythmus, Selbstbestimmung, Stressmanagement, etc.). Kopfwehkalender führen (mƶglichst schon 1 Monat vor Behandlungsbeginn). Festlegung der Behandlungsstrategie: Anfallsbehandlung oder Intervalltherapie versus Langzeitprophylaxe oder beides.

Migräneattacken von geringer Intensität und ohne Behinderung im Alltag. Hier können NSAR und andere Analgetika genügen. Prinzipiell sind alle anwendbar, vorzugsweise als «rapid» oder Granulatform.

MigrƤneattacken mit mittlerer und hoher SchmerzintensitƤt und Behinderung im Alltag. Die Behandlung erfolgt vorwiegend mit Triptanen. Diese wirken spezifisch bei MigrƤne, haben die grƶsste Wirksamkeit und sollten früh eingesetzt werden, jedoch bei MigrƤne mit Aura nicht in der Auraphase. Zur Auswahl stehen Almotriptan Tbl. 12.5 mg, Eletriptan Tbl. 40/80 mg, Frovatriptan Tbl. 2.5 mg, Naratriptan Tbl. 2.5 mg, Rizatriptan Tbl. 5/10 mg oder Lingualtbl. 5/10 mg, Sumatriptan s.c. 6mg oder Tbl. 50 mg oder Nasalspray 10-20 mg sowie Zolmitriptan Tbl. 2.5 mg oder Lingualtbl. 2.5 mg oder Nasalspray 2.5/5 mg. Opioide und Tranquilizer sollten aufgrund ihres hohen Suchtpotentials nicht zur Behandlung der MigrƤneattacken eingesetzt werden. Im Notfall kƶnnen Acetylsalicylat, Diclofenac, Metamizol oder Sumatriptan parenteral verabreicht werden oder Zolmitriptan nasal.

MigrƤne Langzeitprophylaxe. Sinnvoll, wenn mehr als 3 AnfƤlle im Monat (> 5 Tage), sehr schwere oder lang andauernde AnfƤlle, protrahierte oder gehƤufte Auren, UnvertrƤglichkeit von Akuttherapeutika, bei Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz, bei ausgeprƤgter BeeintrƤchtigung der LebensqualitƤt und bei Patientenwunsch. Nicht-medikamentƶse Zusatztherapien sind wichtig. Neu findet sich für die MigrƤne und für Cluster-Kopfschmerzen zunehmende Evidenz einer Wirksamkeit von transdermaler Elektrostimulation, transkranieller Gleichstrom- und Magnetstimulation. Bei der Langzeitprophylaxe mit Medikamenten haben KomorbiditƤten einen Einfluss auf die Medikamentenwahl. Zudem kƶnnen erwünschte Nebenwirkungen gezielt eingesetzt werden. Bei der Prophylaxe mit Lamotrigin und Topiramat ist auf Interaktionen mit hormonalen Kontrazeptiva zu achten! Topiramat und Valproat sind teratogen und dürfen nur unter sicherer Antikonzeption eingesetzt werden! An Medikamentenklassen stehen Antidepressiva, Antikonvulsiva, Betablocker und Antihypertensiva zur Verfügung sowie Kalziumantagonisten, natürliche Substanzen u.a. Neu sind die mit Limitationen versehenen CGPR-Antikƶrper zu erwƤhnen, wie Erenumab, und Galcanezumab. Fremanezumab ist in der Schweiz noch nicht zugelassen.
Bei der Attackenbehandlung von Cluster-Kopfschmerzen kommen neben Maskeninhalation von 100% O2 Sumatriptan und Zolmitriptan zum Einsatz. Ein Prednisonstoss kann die Episoden verkürzen.

Chronische Spannungstyp-Kopfschmerzen. Hier steht die Langzeitprophylaxe im Vordergrund mit täglichen Entspannungsübungen, Ausdauertraining und Biofeedback-Therapie. Als Medikamente am besten in einem multidisziplinären Behandlungsprogramm kommen Amitriptylin, Mirtazapin oder Venlaflaxin zum Einsatz.

Chronische Migräne & Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzen (MÜKS). Bei regelmässiger Einnahme von Akutmedikamenten besteht die Gefahr eines chronischen Kopfschmerzes durch Übergebrauch. Deshalb soll eine Obergrenze von maximal 10 Einnahmetagen pro Monat berücksichtigt werden. Die wichtigste Massnahme: vollständiger Entzug der Akutmedikamente für mindestens 4 Wochen.

Schwangerschaft. Bei der Behandlung von Kopfschmerzen in der Schwangerschaft steht die UnschƤdlichkeit der Behandlung im Vordergrund. In schweren FƤllen kƶnnen Paracetamol zur Akutbehandlung und Magnesium zur Prophylaxe eingesetzt werden.

Die Empfehlungen werden abgerundet durch Ratschläge zum Management von Kontrazeption, Menopause und Hormonersatz bei Migräne, Kopfschmerzen bei Kindern, Neuralgie sowie Informationen zu chirurgischen und interventionellen Therapien bei primären Kopfschmerzen. Eine Vorstellung der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft fehlt ebenso wenig wie eine Zusammenstellung der 10 Schlüsselfragen zur Kopfschmerz-Diagnostik und der erwähnte wirklich praxisnahe Abklärungs-Algorithmus. Ein rundum gelungener Leitfaden, der in jede Praxis gehört.

Quelle: Therapieempfehlungen für primäre Kopfschmerzen inkl. Kopfschmerzalgorithmus für den Hausarzt der Schweizerische Kopfwehgesellschaft SKG 10. Auflage, 2019.
https://headache.ch/download/Content_attachments/FileBaseDoc/SKG_Therapieempfehlungen_2019_DE_12_3-seitig_WEB.pdf

Dr. med. Hans-Kaspar Schulthess

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Ein vergessener Ort hoch über der Magadinoebene

Die Alpe di Ruscada liegt am bergseitigen Ende der unwegsamen Valle di Cugnasco, einem der wenig beachteten kleinen TƤler unmittelbar nƶrdlich der Piano di Magadino. Die Alp ist eingebettet zwischen den Felskreten des Madonetto im Westen und der Cima di Morisciolo im Osten. Gegen Norden begrenzt die Cima dell’Uomo die Alpweiden. Ein kleiner Pass erlaubt den Übergang in die Val della Porta der Valle Verzasca mit den weiten Weiden der Alpe Mognora und der Capanna Borgna, die aus den HƤusern des obersten Stafels dieser Alp errichtet wurde. Vor rund 40 Jahren war auch dieser oberste Stafel noch mit Grossvieh bestossen und übernachteten wir dort in der zugigen Alphütte, wƤrmten uns am offenen Feuer, dessen Rauch zwischen den Steinplatten des Daches und durch die offene Tür abzog. Heute erwarten uns zwei komfortable Selbstversorgerhütten, in denen nicht nur Gas- und Holzherd zur Verfügung stehen, sondern auch eine warme Dusche mƶglich ist.
Eine Fahrstrasse führt gegen Nordwesten von Cugnasco über Agarone und Monti di Ditto zu den Monti di Motti hinauf. In der Val del Carcale zweigen wir bei der Höhenquote 1028 Meter gegen Südosten ab und erreichen nach kurzer Zeit den Parkplatz bei der Barriere auf den Monti della Motta. So lassen sich die ersten 900 Höhenmeter leicht überwinden. Zu Fuss folgen wir weiter der Fahrstrasse bis zu den Häusern der Monti della Gana. Hier zweigt ein Bergweg gegen Osten ab und schwenkt später gegen Nordosten in die Valle di Cugnasco ein. Talseitige Abzweigungen lassen wir unbeachtet. Immer steiler fallen die Talflanken in die Schlucht, bis der gute Weg eine überhängende Felswand umgeht und schliesslich in östlicher Richtung zu den Alpweiden von Ruscada mit den Corti di fondo, di mezzo und di cima hinüberleitet. Nun lassen wir die letzten Geräusche des hektischen Lebens unten in der Ebene endgültig hinter uns zurück und sind plötzlich von einer tiefen Stille umgeben, die nur noch vom Rauschen des Baches durchbrochen wird. Jetzt im Herbst erstrahlt der Bergwald in den herrlichsten Farben, leuchten die Alpweiden goldgelb (Abb. 1).

Abb. 1: Alpe di Ruscada, Corte di fondo

Beim Corte di mezzo können wir uns noch nicht für ein Bad in einem der grün schimmernden Felsenbecken motivieren und folgen gleich dem Pfad in exakt nördlicher Richtung zum Corte di cima, wo wir Mittagsrast halten. Die aus dem anstehenden Gneis erbauten Alphütten verschmelzen mit den Geröllhalden, die vom Madonetto herunterziehen. Einige kleine und ein grösseres Stallgebäude sind direkt an oder unter Felsblöcke gebaut, eine mächtige Felsplatte diente als Dach für einen Keller, in dem Milch, Butter und Käse kühl gelagert werden konnten. Das am weitesten talwärts liegende Stallgebäude wurde bergwärts durch eine massive Steinmauer gegen Steinschlag und Lawinen geschützt. Ein Rundgang macht einerseits deutlich, unter welch einfachen Bedingungen die Menschen noch im letzten Jahrhundert die Sommermonate in dieser Abgeschiedenheit verbringen mussten, sich andererseits aber auch auf äusserst geschickte Weise den Gegebenheiten der Natur anzupassen wussten (Abb. 2).

Abb. 2: Alpe di Ruscada, Corte di cima

Immer gegen Norden steigen wir zu dem kleinen Passübergang auf, über den wir später gegen Südwesten die Capanna Borgna erreichen. Vorerst gönnen wir uns allerdings noch ein herbstlich erfrischendes Bad in einem der letzten Wasserbecken des Baches und lassen uns anschliessend in der warmen Sonne trocknen. Auf Borgna treffen wir zwar keine Menschenseele an, werden dafür aber durch eine grosse Herde schwarzer Ziegen der Nera Verzasca-Rasse begrüsst. Diese nehmen sich neugierig unserer glücklicherweise gut verschlossenen Rucksäcke an, während wir den Schalensteinen nachgehen, die auf eine bereits sehr frühe Besiedelung der Valle Verzasca hinweisen. In der Hütte findet sich eine Beschreibung dieser Steine.
Für den Abstieg wählen wir den Pfad, der gegen Süden zur Forcola östlich der Cima di Sassello quert und danach in mehreren langen Kehren zu den Monti di Gana zurückführt. Vorerst beherrscht uns der weite Rundblick vom Pizzo di Vogorno über die Val della Porta bis hin zu den Walliser Alpen, später der Tiefblick auf die Piano di Magadino und den Lago Maggiore (Abb. 3).

Abb. 3: Im Abstieg zur Forcola mit Blick auf die Val della Porta und den Corte di fondo der Alpe Mognora

Wir können uns nicht genug sattsehen am herbstlichen Aufflammen der Farbenpracht, bevor der Winter seinen Einzug halten wird. Entlang der Fahrstrasse zurück zu den Monti della Motta leuchtet hoch über uns die Felszinne des Sassariente im abendlichen Licht und lässt uns den harten Strassenbelag vergessen (Abb. 4).

Abb. 4: Routenverlauf

Prof. Dr. med. dent. Christian E. Besimo

Riedstrasse 9
6430 Schwyz

christian.besimo@bluewin.ch