Depression im Alter

Depression ist im Alter eine häufige und oft übersehene Erkrankung. Auf Grundlage der Schweizer Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der Depression im Alter diskutiert der Artikel ihre Diagnostik und Therapie. Die Diagnostik stützt sich auf die klinische Exploration, ergänzt um die Abklärung von Differentialdiagnosen. Unbedingt zu beachten ist die erhöhte Suizidgefährdung bei Depression im Alter. Therapeutisch kommt in erster Linie Psychotherapie zum Einsatz, bei schwereren Verläufen zusätzlich auch Pharmakotherapie. Therapiebegleitend können psychosoziale Interventionen und Spezialtherapien durchgeführt werden. Weitere biologische Therapieverfahren wie Schlafentzug, Lichttherapie und Hirnstimulationsverfahren stehen im spezialisierten Therapiekontext zur Verfügung.

Late-life depression is a frequent and underdiagnosed condition. This article discusses its diagnosis and treatment based on the Swiss Therapy Recommendations for Diagnosis and Treatment of Depression in Old Age. The diagnosis rests on the clinical exploration and the differential diagnostic process. Due to the elevated risk of suicide, the exploration of suicidality is imperative in late-life depression. Psychotherapy is the mainstay of treatment. In more severe cases of depression, it is complemented by pharmacotherapy. Psychosocial interventions and other specialist therapies can be useful add-ons. Biological therapies, such as sleep deprivation, bright light therapy and various brain stimulation methods are mainly used in specialized treatment contexts.
Depression im Alter, Psychotherapie, Antidepressiva

Diagnosestellung

Für die Diagnose der Depression im Alter (DiA) gibt es keine spezifischen Diagnosekriterien. Die Diagnose wird also wie beim jüngeren Erwachsenen anhand der – rein klinischen – ICD-10-Kriterien für die depressive Episode (F32) bzw. rezidivierende depressive Stƶrung (F33) gestellt und auch so kodiert. Ebenso wenig gibt es eine klare Altersgrenze, wobei in der Schweiz von DiA meist bei Personen > 65 Jahren gesprochen wird (1).

Depression ist bei Personen > 65 Jahre hƤufig. GemƤss der Schweizer Gesundheitsbefragung 2022 hatten 4 % der Personen > 65 Jahren mittelschwere bis schwere Depressionssymptome (2). In institutionellen Kontexten wie Alters- und Pflegeheimen liegt die PrƤvalenz deutlich darüber. Dies hat einerseits Konsequenzen für das Gesundheitsversorgungssystem als Ganzes, das sich mit der Bevƶlkerungsalterung auf eine Zunahme der Fallzahlen einstellen muss. Andererseits bedeutet dies auch, dass in jedwedem medizinischen Versorgungskontext eine hohe Ausgangswahrscheinlichkeit besteht, dass ein Patient > 65 Jahre an einer DiA leidet. Dies spiegelt sich z. B. darin, dass 12.3 % der Hausarztkonsultationen Ƥlterer Personen in den USA 2012 in der Verschreibung eines Antidepressivums mündeten (3). In der Schweiz werden 46.9 % der Antidepressiva durch HausƤrzte verschrieben, davon am meisten in der Altersgruppe > 65 Jahre (4).

Trotz – oder gerade wegen – ihrer HƤufigkeit ist die DiA unterdiagnostiziert. Dies liegt u. a. daran, dass sich die DiA Ā«atypischĀ» prƤsentieren kann, z. B. durchaus mit somatischen Beschwerden als PrƤsentationssymptom. Um einen diagnostischen Verdacht zu erhƤrten, ist ein vertiefendes GesprƤch notwendig, das vor den zeitlichen ZwƤngen des übrigen Praxis- oder Klinikbetriebs geschützt werden muss. Auch spezifische Skalen für das Screening kƶnnen im diagnostischen Prozess hilfreich sein. Zum Screening ist die Selbstbeurteilungsskala GDS-15 (Geriatric Depression Scale) gut geeignet – auch für den Einsatz in Altersheimen (1). Die GDS bietet den zusƤtzlichen Vorteil einer Einordnung des Schweregrads der Depression.

Differentialdiagnosen, KomorbiditƤten und Komplikationen

Nicht selten finden sich bei Ƥlteren Patienten komplexe Mischbilder aus MultimorbiditƤt und AlltagsbeeintrƤchtigungen, psychologischen und sozialen Belastungsfaktoren (z. B. Verlusterleben und Vereinsamung). Hier die Ursachen von den Folgen sowie die KomorbiditƤten von den Komplikationen abzugrenzen, kann anspruchsvoll sein. Die Schweizer Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der DiA bieten hierzu ergƤnzende Informationen zum Zusammenspiel von DiA und u. a. Demenz, Schlaf, Schmerz und wichtigen somatischen KomorbiditƤten (1). Krankheitsbilder, die zu depressionsƤhnlichen Symptomen führen kƶnnen, müssen differentialdiagnostisch berücksichtigt werden (Tab. 1). Besonders erwƤhnenswert ist die mƶgliche depressiogene Wirkung vieler Pharmaka (5).

SuizidalitƤt

Die Gefahr des Suizids kann bei Depression nicht deutlich genug betont werden. Im Jahr 2022 starben 958 Personen durch Suizid (ohne assistierten Suizid), entsprechend 1.3 % aller TodesfƤlle (6). Die Suizidrate steigt mit dem Alter stark an, wobei der Anstieg zum grƶssten Teil durch Suizide bei Ƥlteren MƤnnern bedingt ist (6). Anhand sog. Ā«psychologischer AutopsienĀ», d. h. der Untersuchung der Vorgeschichte von Suiziden bei Senioren, konnte gezeigt werden, dass in der Mehrzahl (in einer Studie bis 87 %) von einer DiA ausgegangen werden muss (7). Es ist also falsch, bei Suiziden im Alter von sog. Ā«BilanzsuizidenĀ» auszugehen.

Zur AbklƤrung der SuizidalitƤt werden zunƤchst allfƤllige Suizidgedanken erfragt und dann ggf. die Exploration vertieft. Bestehen Suizidabsichten oder sogar konkrete SuizidplƤne? Welche Risikofaktoren weist der Patient auf? Hierzu zƤhlen (neben dem bereits erwƤhnten hƶheren Lebensalter, mƤnnlichen Geschlecht und DiA): SuizidalitƤt in der Vorgeschichte und im sozialen Umfeld, psychische und somatische KomorbiditƤten, Schmerzen, EinschrƤnkungen bei Alltagsfunktionen, Lebensereignisse (z. B. der Verlust des Partners), soziale Isolation, Gefühl der Hilf- oder Hoffnungslosigkeit und die Verfügbarkeit von Suizidmethoden im Haushalt (z. B. Schusswaffen). Das Fehlen solcher Risikofaktoren darf in der AkuteinschƤtzung jedoch nicht automatisch zur Entwarnung führen: Sie spiegeln statistische Risiken, d. h. eine Risikoerhƶhung in Personengruppen über einen lƤngeren Zeitraum hinweg, haben für die momentane Situation eines individuellen Patienten also nur begrenzte Aussagekraft.

Auf Grundlage der Exploration ist das Suizidrisiko zu beurteilen und zu dokumentieren. Sollte hierbei die Einschätzung entstehen, dass akute Selbstgefährdung vorliegt, und kann diese nicht durch andere Maßnahmen sicher abgewendet werden, muss auch bei älteren Patienten eine fürsorgerische Unterbringung erwogen werden.

Therapie

Die Therapie der DiA entscheidet sich an Akuität, Leidensdruck und Schweregrad der Symptomatik, Verfügbarkeit und Umsetzbarkeit von Therapieangeboten und Behandlungspräferenzen des Patienten. Der Einbezug des Umfelds und die Vernetzung der verschiedenen Hilfsangebote ist immer sinnvoll. Für die Therapie stehen Interventionen aus vier Bereichen zur Verfügung: Psychosoziale Interventionen und Spezialtherapien, Psychotherapien i. e. S., Psychopharmakotherapie und biologische Therapieverfahren.

Psychosoziale Interventionen und Ā­Spezialtherapien

Psychosoziale Interventionen und Spezialtherapien begleiten die spezifische psychotherapeutische und pharmakologische Behandlung (1). Hierzu zƤhlen die sog. angeleitete Selbsthilfe (eigenverantwortliche Durchführung von Interventionen unter punktueller therapeutischer Anleitung), Psychoedukation, sog. Problemlƶsetraining, Rekreationstherapie (d. h. der Aufbau einer befriedigenden Ā­Freizeitgestaltung), physische Aktivierung, Entspannungsverfahren, sog. soziales Kompetenztraining und die Spezialtherapien Ergotherapie und kunsttherapeutische Verfahren.

Aufgrund Ihrer Evidenz ragen die Rekreationstherapie (8) und die physische Aktivierung (9) heraus. Beiden Verfahren ist gemeinsam, dass sie konkret den Alltag der Patienten mit aktivierenden Elementen anreichern, die positive Erfahrungen ermƶglichen. Kƶrperliche Aktivierung scheint hƶhere Wirksamkeit aufzuweisen, wenn sie unter Anleitung durchgeführt wird und mehrmals wƶchentlich erfolgt (z. B. drei Trainingseinheiten pro Woche jeweils mit 10-minütigem AufwƤrmen, 30 Minuten wandern oder joggen und 5 Minuten abkühlen).

Psychotherapie

Gemäss den Schweizer Empfehlungen ist Psychotherapie bei DiA Therapie der ersten Wahl und wird bei schweren Formen in Kombination mit Pharmakotherapie empfohlen (1). Es können sowohl Gruppen- wie auch einzeltherapeutische Verfahren angewendet werden. Pflegende Angehörige weisen selbst ein hohes Risiko für Depression auf und müssen im Rahmen des Therapiekonzepts berücksichtigt werden (1).

Unter den verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren weist die kognitive Verhaltenstherapie die größte Evidenz auf. Auch kurzzeitige psychodynamische Behandlungen verfügen über eine gute Evidenzbasis (1). Weitere Verfahren, die zum Einsatz kommen, sind die Reminiszenztherapie (eine Methode des Lebensrückblicks mit dem Ziel, eine positive Perspektive des eigenen Lebensverlaufs zu erlangen), die interpersonale Therapie sowie andere Verfahren der sog. «Dritten Welle der Psychotherapie» (1).

Pharmakotherapie

Die Pharmakotherapie der DiA ist eine wirksame Behandlungsform, die v. a. bei mittel- und schwergradiger AusprƤgung zum Einsatz kommt und die Psychotherapie als Therapie der ersten Wahl ergƤnzt (1). Metaanalytisch wurde bei der DiA ein Ansprechen auf Pharmakotherapie (Ā«responseĀ», d. h. 50 % Rückgang der Symptomatik) bei etwa 50 % der Patienten belegt (10).

Die Pharmakotherapie der DiA erfordert die Berücksichtigung der psychiatrischen und somatischen KomorbiditƤten, der sonstigen Medikation und ein sorgfƤltiges Therapiemonitoring (inkl. Routinelabor und EKG vor Therapiebeginn) bzgl. Wirkung und unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAWs). Die Pharmakotherapie erfolgt nach dem Prinzip Ā«Start low, go slow (but go!)Ā», d. h. es erfolgt eine einschleichende Dosierung, die jedoch im Verlauf unbedingt bis in den therapeutisch wirksamen Bereich erhƶht werden muss. Bei Ausbleiben einer Wirkung kƶnnen Arzneimittelspiegel bei der Dosisfindung hilfreich sein. Für einen suffizienten Behandlungsversuch ist neben ausreichender Dosierung auch eine ausreichende Dauer erforderlich. Dies sind in der Regel zunƤchst 4–6 Wochen. Bei Ausbleiben der Wirkung kann der Therapieversuch bis auf 12 Wochen ausgedehnt werden (Ā«late responderĀ»). Eine Übersicht über die verfügbaren Substanzen bietet Tab. 2.

In AbwƤgung von Wirksamkeit, VertrƤglichkeit und mƶglichen Arzneimittelinteraktionen erfolgt die Auswahl der Wirksubstanz. Unter den SSRIs kƶnnen z. B. (Es-) Citalopram oder Sertralin gut geeignet sein (1, 11). Für die Wirksamkeit und VertrƤglichkeit von Ketamin und Esketamin bei DiA gibt es zwar zunehmend Evidenz (12), ihr Einsatz unterliegt aber verschiedenen Restriktionen und sollte aktuell nur durch den Spezialisten in genau begründeten FƤllen erfolgen. Die pharmakologische Erhaltungstherapie, Rezidivprophylaxe sowie die Behandlung therapierefraktƤrer Depressionen gehen über den Rahmen dieses Artikels hinaus.

Biologische Verfahren

Zu den biologischen, nicht-pharmakologischen Verfahren zƤhlen u. a. der therapeutische Schlafentzug (Wachtherapie), die Lichttherapie und Hirnstimulationsverfahren (EKT, rTMS und weitere). Diese Therapieverfahren weisen z. T. eine sehr gute Wirksamkeit gegenüber der DiA auf. Sie sind aber in der Regel einem spezialisierten Behandlungskontext vorbehalten oder kommen v. a. bei anderweitig therapierefraktƤren KrankheitsverlƤufen zum Einsatz (EKT, rTMS).

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Florian Riese

Universität Zürich
Forschungsgruppenleiter:
«Lebensqualität bei Demenz»

florian.riese@bli.uzh.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Depression im Alter ist hƤufig und unterdiagnostiziert.
  • Mƶgliche SuizidgefƤhrdung muss erkannt werden.
  • Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl.
  • Bei schwereren VerlƤufen werden zusƤtzlich Antidepressiva eingesetzt.
  • Geeignet sind z. B. SSRIs (Evidenzgrad A, Empfehlungsgrad 1), hierunter v. a. (Es-)Citalopram und Sertralin.

1. Hatzinger M, Hemmeter U, Hirsbrunner T, Holsboer-Trachsler E, Leyhe T, Mall JF, et al. Empfehlungen für Diagnostik und Therapie der Depression im Alter. Praxis (Bern 1994). 2018;107(3):127-44.
2. Bundesamt für Statistik. Mittelschwere bis schwere Depressionssymptome, 2022 2024 [Available from: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/psychische.assetdetail.30505730.html.
3. Maust DT, Bloww FC, Wiechers IR, Kales HC, Marcus SC. National Trends in Antidepressant, Benzodiazepine, and Other Sedative-Hypnotic Treatment of Older Adults in Psychiatric and Primary Care. J Clin Psychiatry. 2017;78(4):e363-e71.
4. Schweizer Gesundheitsobservatorium. Psychopharmaka in der Schweiz. Obsan Bulletin 01/2022.
5. Qato DM, Ozenberger K, Olfson M. Prevalence of Prescription Medications With Depression as a Potential Adverse Effect Among Adults in the United States. JAMA. 2018;319(22):2289-98.
6. Bundesamt für Statistik. Suizid nach Alter und Geschlecht (ohne assistierten Suizid), 2019-2022 2023 [Available from: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/sterblichkeit-todesursachen/spezifische.html.
7. Conwell Y, Thompson C. Suicidal behavior in elders. Psychiatr Clin North Am. 2008;31(2):333-56.
8. Cuijpers P, van Straten A, Warmerdam L. Behavioral activation treatments of depression: a meta-analysis. Clin Psychol Rev. 2007;27(3):318-26.
9. Klil-Drori S, Klil-Drori AJ, Pira S, Rej S. Exercise Intervention for Late-Life Depression: A Meta-Analysis. J Clin Psychiatry. 2020;81(1).
10. Gutsmiedl K, Krause M, Bighelli I, Schneider-Thoma J, Leucht S. How well do elderly patients with major depressive disorder respond to antidepressants: a systematic review and single-group meta-analysis. BMC Psychiatry. 2020;20(1):102.
11. Ishtiak-Ahmed K, Musliner KL, Christensen KS, Mortensen EL, Nierenberg AA, Gasse C. Real-World Evidence on Clinical Outcomes of Commonly Used Antidepressants in Older Adults Initiating Antidepressants for Depression: A Nationwide Cohort Study in Denmark. Am J Psychiatry. 2024;181(1):47-56.
12. Balaram KvD, L. I.; Wilkins, K. M.; Maruca-Sullivan P. E. A New Solution to an Age-old Problem: A Review of Ketamine and Esketamine for Treatment-resistant Depression in Late Life. Current Geriatrics Reports. 2023;12:93-102.

AusgewƤhlte Studien zu soliden Tumoren

Hormonelle Empfängnisverhütung und Brustkrebsrisiko bei Trägerinnen von Keimbahnmutationen in BRCA1 und BRCA2

Ausgangslage

Es ist unklar, ob und in welchem Ausmass hormonelle Verhütungsmittel das Brustkrebsrisiko für Keimbahnträgerinnen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation erhöhen. Dieser Frage ging eine kürzlich publizierte Studie (Quelle) nach.

Methoden

Anhand gepoolter Beobachtungsdaten aus vier prospektiven Kohortenstudien wurde der Zusammenhang zwischen der Anwendung hormoneller Verhütungsmittel und dem Brustkrebsrisiko für nicht betroffene BRCA1- und BRCA2-Mutationsträgerinnen mittels Cox-Regression untersucht.

Ergebnisse

Von 3882 BRCA1- und 1509 BRCA2-MutationstrƤgerinnen hatten 53 % bzw. 71 % mindestens ein Jahr lang hormonelle Verhütungsmittel anwendet (mediane kumulative Anwendungsdauer: 4.8 bzw. 5.7 Jahre). Insgesamt entwickelten 488 BRCA1- und 191 BRCA2-MutationstrƤgerinnen wƤhrend einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 5.9 bzw. 5.6 Jahren ein BC. Obwohl bei BRCA1-MutationstrƤgern weder die derzeitige noch die frühere Verwendung hormoneller Verhütungsmittel für mindestens ein Jahr statistisch signifikant mit dem BC-Risiko verbunden war (Hazard Ratio [HR], 1.4 [95 % CI, 0.94 bis 2.08], P = 0.1 für die derzeitige Verwendung; 1.16 [0.8 bis 1.69], P = 0.4, 1.4 [0.99 bis 1.97], P = 0.05, und 1.27 [0.98 bis 1.63], P = 0.07 für früheren Konsum vor 1–5, 6–10 bzw. > 10 Jahren), und jeder Konsum war mit einem erhƶhten Risiko verbunden (HR, 1.29 [95 % CI, 1.04 bis 1.6], P = 0.02). Darüber hinaus stieg das BC-Risiko mit lƤngerer kumulativer Anwendungsdauer an, mit einem geschƤtzten proportionalen Anstieg des Risikos von 3 % (1 %–5 %, P = 0.002) für jedes zusƤtzliche Jahr der Anwendung. Bei BRCA2-MutationstrƤgern gab es keine Hinweise darauf, dass die aktuelle oder frühere Anwendung mit einem erhƶhten BC-Risiko verbunden war (HR, 0.7 [95 % CI, 0.33 bis 1.47], P = 0.3 bzw. 1.07 [0.73 bis 1.57], P = 0.7).

Schlussfolgerung

Hormonelle Kontrazeptiva sind mit einem erhöhten BC-Risiko für BRCA1-Mutationsträgerinnen verbunden, insbesondere wenn sie über einen längeren Zeitraum angewendet werden. Bei der Entscheidung über ihre Anwendung bei Frauen mit BRCA1-Mutationen sollten die Risiken und Vorteile für jede einzelne Person sorgfältig abgewogen werden.

Literatur
Phillipps KA et al.Hormonal Contraception and Breast Cancer Risk for Carriers of Germline Mutations in BRCA1 and BRCA2. Journal of Clinical Oncology https://doi.org/10.1200/JCO.24.00176

Wirkung der Umstellung des Histamin-1-Rezeptor-Antagonisten Clemastin auf Cetirizin in Paclitaxel-PrƤmedikationsregimen: Die H1-Switch-Studie

Allen Patienten, die mit einer Paclitaxel-Chemotherapie behandelt werden, wird eine Prämedikation mit einem Histamin-1-Rezeptor (H1)-Antagonisten empfohlen, um das Auftreten von Überempfindlichkeitsreaktionen (HSR) zu verringern. Die wissenschaftliche Grundlage für diese Prämedikation ist jedoch nicht solide, so dass es Möglichkeiten zur Optimierung gibt. Die Substitution eines intravenös verabreichten H1-Antagonisten der ersten Generation durch einen oral verabreichten H1-Antagonisten der zweiten Generation könnte die Nebenwirkungen verringern und die Effizienz und Nachhaltigkeit verbessern. Diese Studie untersucht die Wirksamkeit und Sicherheit des Ersatzes von intravenösem Clemastin durch orales Cetirizin als Prophylaxe für Paclitaxel-induzierte HSRs.

Methoden

In dieser prospektiven Nichtunterlegenheitsstudie wird eine historische Kohorte, die ein PrƤmedikationsschema mit intravenƶsem Clemastin erhielt, mit einer prospektiven Kohorte verglichen, die orales Cetirizin erhielt. PrimƤrer Endpunkt der Studie ist HSR-Grad ≄ 3. Der Unterschied in der Inzidenz wurde zusammen mit dem 90 %-KI berechnet. Wir legten fest, dass der zweiseitige 90 %-KI der Inzidenz von HSR-Grad ≄ 3 in der oralen Cetirizin-Kohorte im Vergleich zur intravenƶsen Clemastin-Kohorte nicht mehr als 4 % hƶher sein sollte (d. h. die Nichtunterlegenheitsgrenze).

Ergebnisse

Zweihundertzwƶlf Patienten wurden in die orale Cetirizin-Kohorte (Juni 2022 und Mai 2023) und 183 in die intravenƶse Clemastin-Kohorte eingeschlossen. Die Inzidenz von HSR- Grad ≄ 3 betrug 1.6 % (n = 3) in der intravenƶsen Clemastin-Kohorte und 0.5 % (n = 1) in der oralen Cetirizin-Kohorte, was einer Differenz von –1.2 % (90 % CI, –3.4 bis 1.1) entspricht.

Schlussfolgerung

Eine PrƤmedikation mit oralem Cetirizin ist bei der Verhinderung einer Paclitaxel-induzierten HSR-Grad ≄ 3 ebenso sicher wie eine PrƤmedikation mit intravenƶsem Clemastin. Diese Ergebnisse kƶnnten dazu beitragen, die Versorgung der Patienten zu optimieren und die Effizienz und Nachhaltigkeit zu verbessern.

Literatur
Malmberg R et al. Effect of Switching the Histamine-1 Receptor Antagonist Clemastine to Cetirizine in Paclitaxel Premedication Regimens: The H1-Switch Study. JCO Oncology Practice2024 ;20, Number 9. https://doi.org/10.1200/OP.24.00110

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

SAKK 66/22 (INVINCIBLE-4-SAKK)

Früher triple-negativer Brustkrebs: Injektion der Substanz INT230-6 direkt in den Tumor

10–20 % aller Patientinnen und Patienten mit Brustkrebs haben einen triple-negativen Tumor (TNBC). TNBC haben nicht nur einen ungünstigeren Verlauf und eine hƶhere MortalitƤt als andere Formen von Brustkrebs, sondern betreffen auch hƤufiger jüngere Menschen. Aus diesem Grund wird nach spezifischen Therapieformen für TNBC gesucht. Eine Mƶglichkeit ist eventuell die Substanz INT230-6.

Studien zeigen, dass bei TNBC das Erreichen eines pathologisch kompletten Ansprechens (pCR) mittels neoadjuvanter Therapie ein prognostisch wichtiger Faktor ist. In der Phase-II-Studie SAKK 66/22 wird untersucht, ob die neoadjuvante Gabe der Prüfsubstanz INT230-6 bei der Behandlung von TNBC die Rate von pCR im Primärtumor und in den befallenen Lymphknoten erhöht (primärer Endpunkt). Sekundäre Endpunkte sind unter anderem die Verträglichkeit von INT230-6, das radiologische Ansprechen und die Rate der brusterhaltenden Tumoroperationen nach der Anwendung von INT230-6.

Was ist INT230-6?

INT230-6 besteht aus einer Kombination von Cisplatin und Vinblastin sowie einem Molekül, das die Verteilung der Chemotherapeutika im Tumorgewebe und deren Eindringen in die Tumorzellen erleichtert. In Mausmodellen überlebten Tiere, die mit INT230-6 behandelt wurden, länger als Tiere ohne INT230-6-Therapie. Bisher gibt es erst wenige klinische Studien mit INT230-6, doch die Daten sind vielversprechend. Die Substanz wurde bei Patient:innen mit verschiedenen Krebsarten geprüft und es zeigte sich, dass sie gut verträglich und antitumoral wirksam ist. Bisher ist INT230-6 in keinem Land zugelassen.

54 Teilnehmende …

An der Studie SAKK 66/22 können 54 Personen mit frühem TNBC teilnehmen (cT2-4c N0-3 M0). Sie werden in zwei Gruppen randomisiert:
• Experimenteller Arm: Die Teilnehmenden erhalten im Abstand von acht Tagen zwei Injektionen mit INT230-6 direkt in den Tumor. Vor der zweiten Injektion wird eine Biopsie entnommen, nach der zweiten Injektion wird ein MRI durchgeführt. Danach folgt eine Standardtherapie: neoadjuvante Chemo-Immuntherapie wie in der Studie Keynote-522, dann Tumoroperation.

• Kontrollarm: Die Teilnehmenden erhalten keine Injektionen in den Tumor, sondern beginnen gleich mit der Standardbehandlung.
Im Anschluss an die Tumoroperation folgt ein Follow-up von 36 Monaten. In dieser Zeit werden die Teilnehmenden mit lokalen und systemischen adjuvanten Therapien nach Wahl der behandelnden Ƅrzt:innen behandelt (Abb. 1).

… in 15 Studienzentren

Die Studie wird in rund 9 Behandlungszentren in der Schweiz und in sechs Behandlungszentren in Frankreich durchgeführt. Eine erste Datenanalyse erfolgt, wenn alle Teilnehmenden operiert worden sind; die abschliessende Datenanalyse erfolgt, wenn alle Teilnehmenden ein Follow-up von mindestens 36 Monaten nach der Tumoroperation erreicht haben.

Eckdaten zur Studie

Studientitel

Intratumoral INT230-6 followed by neoadjuvant Pembrolizumab and chemotherapy in patients with early triple-negative breast cancer (TNBC). An open-label randomized two-cohort phase 2 clinical trial. INVINCIBLE-4-SAKK (SAKK 66/22)

Teilnehmende Zentren

Schweiz: Tumorzentrum Aarau – Hirslanden TZA, Claraspital, IOSI (Istituto Oncologico della Svizzera Italiana), Kantonsspital Graubünden Chur, Kantonsspital Baselland Liestal, Kantonsspital St. Gallen, Tumor- und BrustZentrum Ostschweiz, Kantonsspital Winterthur, UniversitƤtsspital Zürich

Ab Januar 2025 werden folgende Zentren in Frankreich die Studie erƶffnen: Angers/ICO Site Paul Papin, Dijon/CGFL Centre Georges FranƧois Leclerc, Lyon/Centre de lutte contre le Ā­cancer LĆ©on BĆ©rard, PlĆ©rin/HĆ“pital PrivĆ© des CĆ“tes d’Armor – Centre Cario-HPCA, Rennes/Centre EugĆØne Marquis, Ā­Saint-Herblain/ICO – Site RenĆ© Gauducheau

Coordinating Investiagator
Prof. Dr. med. Markus Joerger MD-PhD ClinPharm,
wKantonsspital St. Gallen

Supporting Coordinating Investigator
Dr. med. Ursina Zürrer, Kantonsspital Winterthur

Clinical Project Manager SAKK
Jana Musilova, SAKK Kompetenzzentrum Bern,
trials@sakk.ch

Clinicaltrials.gov link
NCT06358573

SAKK-Website
www.sakk.ch/de/studie/SAKK_66_22

Prof. Dr. med. Miklos Pless

Winterthur
SAKK PrƤsident

miklos.pless@ksw.ch

Gastrointestinaler Krebs

Der PrƤsident der SAKK, Prof. Dr. Miklos Pless, Winterthur, konnte eine zahlreiche Teilnehmerschaft im KKL zum 5. ESMO in the Alps begrüssen. Obschon am diesjƤhrigen ESMO keine wesentlichen Praxis verƤndernden Studien prƤsentiert wurden, gab es doch einige PrƤsentationen, die eine Vertiefung, und Beurteilung auf Schweizer VerhƤltnisse wert waren, wie dies am ESMO in the Alps Tradition hat.

Das Steering Committee mit Prof. Dr. Jörg Beyer, Bern, und Dr. Daniel Helbling, Zürich, hat auch dieses Jahr eine äusserst glückliche Hand bei der Auswahl der Präsentatoren gehabt, die ihrerseits interessante Studien aus ihrem Fachgebiet präsentierten und diskutierten. Entsprechend sehr gut fiel denn auch die Beurteilung durch die Teilnehmer des Meetings aus.

Die Experten Frau PD Dr. ssa Sara De Dosso, Bellinzona und Dr. Christian Weisshaupt, St. Gallen, wƤhlten vier PrƤsentationen aus: die Phase III SAKK Studie 41/13, das 3 Jahre krankheitsfreie Überleben in NICHE-2, die Phase III PODIUM-303/InterAACT 2 und die Phase III Studie LEAP-112.

Adjuvant aspirin treatment in PIK3CA mutated colon cancer patients. The phase III prospective randomised placebo-controlled multicenter SAKK41/13 trial.

Die vorliegende Studie basiert auf einer Reihe von retrospektiven Studien, welche Hinweise auf eine potenzielle schützende Wirkung von Aspirin bei der adjuvanten Behandlung von Patienten mit Kolonkarzinom liefern. Dies trifft insbesondere auf Patienten mit PIK3CA-Mutationen zu. Die von Prof. Dr. Ulrich Güller, Thun, am ESMO prƤsentierte SAKK41/13-Studie stellt die erste prospektive, randomisierte Studie dar, welche einen protektiven Effekt von adjuvanten Aspirin-Gaben bei Patienten mit PIK3CA-mutiertem Stadium II und III des Kolonkarzinoms nachweist. Dies resultierte in einer klinisch relevanten Zunahme des krankheitsfreien Überlebens von 43 % (HR 0–57, p = 0.11) und einem absoluten 5-Jahres-Benefit von 13.6 % sowie einer klinisch relevanten Verbesserung des rezidivfreien Überlebens von 51 % (p = 0.089). Die Nebenwirkungen von Aspirin waren insgesamt sehr günstig (keine schweren unerwünschten Ereignisse). Bedauerlicherweise musste die Studie aus finanziellen Gründen vorzeitig abgebrochen werden, sodass die Ergebnisse keine statistische Signifikanz aufweisen.

Kommentar

Die Studienresultate wurden von den Experten als sehr gut beurteilt, schade, dass die Studie underpowered ist. Die Bestimmung der PIK3CA-Mutation kann nicht an überall durchgeführt werden und ist mit hohen Kosten verbunden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum Aspirin nicht allen Patienten verabreicht wird, obwohl die Träger des Wildtyps keinen Nutzen, aber auch kaum einen Schaden haben, ausser bei hohem Blutungsrisiko.

Neoadjuvant immunotherapy in locally advanced MMR-deficient colon cancer, 3-year disease-free survival from NICHE-2

In einer aktuellen Studie wurde bei 10–15 % der Patienten mit nicht metastasierendem Kolonkarzinom und einer Mismatch-Repair-Defizienz (dMMR) eine 3-Jahres-Rezidivrate von 20–40 % trotz Standard-of-Care-Behandlung mit adjuvanter Chemotherapie beobachtet.

In der Studie Niche-2 wurde die Wirksamkeit von Ipilimumab und Nivolumab bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem dMMR-Kolonkarzinom untersucht. Die Behandlung erfolgte an Tag 1 mit Ipilimumab und an Tag 1+15 mit Nivolumab, gefolgt von einer Operation innerhalb von 6 Wochen. Die Studie hatte zwei unabhƤngige primƤre Endpunkte: Sicherheit und 3-Jahres-DFS.
Unter den 111 Patienten, die an der Wirksamkeitsanalyse teilnahmen, wies eine Mehrheit von 64 % eine cTTumo auf. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 36.5 Monaten (Spanne 7.8–83.4) wies die Kohorte der Patienten durchgƤngig ein Leben ohne Rezidive auf, sodass ein 3-Jahres-DFS von 100 % erreicht wurde. In 92 % der FƤlle konnte ctDNA bei den 108 Patienten, von denen Plasmaproben verfügbar waren, zu Beginn der Behandlung nachgewiesen werden. Am 15. Tag konnte bei 45 % dieser Patienten keine ctDNA mehr nachgewiesen werden. WƤhrend sich die ctDNA-Werte zu Beginn der Studie nicht unterschieden, wiesen die Werte am Tag 15 und vor der Operation in den Gruppen mit pathologischem Ansprechen (pCR) und mit moderatem Ansprechen (MPR) eine signifikante Abnahme auf. Vor der Operation wies die ctDNA bei 94 % der Patienten mit einer pCR und bei 70 % der Patienten mit einer MPR einen negativen Befund auf. Bei 16 Patienten blieb die ctDNA vor der Operation jedoch nachweisbar, wobei die ctDNA-Werte deutlich reduziert waren. Dies betraf zwei von drei partiellen Respondern und einen von elf Non-Respondern. Zum Zeitpunkt der MRD-Bestimmung waren alle Patienten ctDNA-negativ.

Kommentar

Die Ergebnisse der Studie sind beeindruckend: Bei lokal fortgeschrittenem Kolonkarzinom mit dMM/MSI konnte eine 100-prozentige 3-Jahres-DFS verzeichnet werden. Somit etabliert sich diese Methode als neuer Standard für wirklich fortgeschrittene Stadien (T4).

Preisverleihung der Stiftung SWISS BRIDGE

In den letzten 27 Jahren hat die Stiftung SWISS BRIDGE über 45 Mio. Franken für die Krebsforschung gesammelt und in innovative Projekte investiert. JƤhrlich wird der SWISS BRIDGE Award mit mindestens 500 000 Franken für herausragende Forschungsprojekte verliehen, einer der renommiertesten Preise im Bereich Krebsforschung.

Zwei Studien zu Immuntherapien bei Krebs­erkrankungen preisgekrönt

Insgesamt haben sich 36 junge Forschende aus Europa für den SWISS BRIDGE Award 2024 beworben. In einem zweistufigen Evaluationsverfahren hat eine hochkarƤtig besetzte Jury unter der Leitung von Prof. Dr. med. Adrian Ochsenbein, UniversitƤtsklinik für Onkologie am Inselspital Bern, den diesjƤhrigen Forschungspreis an Prof. Dr. Juliane Walz, Medizinische Direktorin der Klinischen Kooperationseinheit Translationale Immunologie am UniversitƤtsklinikum Tübingen und an PD Dr. med. Dr. sc. nat. Tobias Weiss, Oberarzt an der Klinik für Neurologie des UniversitƤtsspitals Zürich verliehen. Sie erhalten je 250 000 Franken für die Durchführung ihrer klinischen Studien, die vielversprechende neue AnsƤtze in der Immuntherapie von schwer behandelbaren Krebserkrankungen erproben.

Ein innovativer Antikƶrper gegen metastasierten Krebs

Im Zentrum der Studie von Prof. Walz und ihrem Team steht die Erforschung eines sogenannten bispezifischen Antikörpers. Dieser Antikörper richtet sich gezielt an Strukturen auf den Immunzellen und auf den Tumorzellen, wodurch die Immunantwort gezielt auf die Tumorzelle gesteuert wird. Dies führt zu einer wirksameren Bekämpfung der Tumorzellen.

Wegweisende Studie bei austherapierten Ā­Hirntumoren

Das Team unter der Leitung von Dr. Weiss untersucht einen neuen immuntherapeutischen Behandlungsansatz beim austherapierten Glioblastom, der häufigsten und aggressivsten Form von Hirntumoren bei Erwachsenen. Im Rahmen dieser Therapie werden Immunzellen aus dem Blut der Patientinnen und Patienten entnommen, modifiziert und so verändert, dass sie Tumorzellen erkennen und angreifen können. Diese Zellen werden nach ihrer Modifizierung wieder in die Patientinnen und Patienten zurückgeführt. Neu am von Dr. Weiss und seinem Team entwickelten Verfahren ist die Verwendung einer breiteren Palette von Immunzellen, die noch am selben Tag entnommen, modifiziert und den Patientinnen und Patienten wieder zugeführt werden. Neu ist auch der Einsatz der mRNA-Technologie zur Modifikation dieser Zellen. Diese Methode ist bekannt aus der Entwicklung der Impfstoffe gegen das Sars-Cov2 Virus. Das Konzept der Studie ist weltweit einzigartig und könnte auch für die Behandlung anderer Krebserkrankungen wegweisend sein.

Der Aerzteverlag medinfo ist mit SWISS BRIDGE durch die StiftungsrƤtin Frau Eleonore Droux verbunden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Kontroversen im Management von Tumoren des Weichgewebes

Aktuelle Leitlinien zu Weichgewebesarkomen (soft tissue sarcoma, STS) und anderen Weichgewebetumoren decken diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen ab, für die es Evidenz aus kontrollierten Studien gibt. Widersprüchliche oder fehlende Daten aus retrospektiven oder qualitativ minderwertigen Studien, die vor allem der Seltenheit von Sarkomsubtypen geschuldet sind, führen zu Kontroversen im Management von STS und Weichgewebetumoren. Konsensus Konferenzen mit internationalen Experten aller involvierten Disziplinen können bestehende Leitlinien ergänzen.

Konzept von CCS2024

2024 haben wir zum zweiten Mal eine internationale Konferenz zu Kontroversen in der Diagnostik und Behandlung von Weichgewebesarkomen (soft tissue sarcoma, STS) und Weichgewebetumoren organisiert und durchgeführt. Über die erste Konferenz 2022 hatten wir in dieser Zeitschrift bereits berichtet (info@ONCO-SUISSE_05_2022, S. Hofer, C. Rothermundt, Konsensus Konferenz für Weichteilsarkome in St. Gallen 2022 – Management von Weichteilsarkomen – wenn die Evidenz fehlt).

In diesem Jahr formulierten wir in einem modifizierten Delphi-Prozess und in Zusammenarbeit mit dem interdisziplinƤren CCS2024 Scientific Committee 200 kontroverse Statements und eine Auswahl an Antwortmƶglichkeiten. Wir achteten darauf, dass die kontroversen Statements nicht in etablierten Leitlinien abgebildet sind. Im Vorfeld zur Konferenz legten wir für die Abstimmung einen Konsens mit ≄ 75 % und einen starken Konsens mit ≄ 90 % Übereinstimmung der Antworten fest. Wenn nicht anderweitig erwƤhnt, wurde davon ausgegangen, dass es sich bei den Szenarien um fitte Patienten handelt, dass keine Restriktionen bezüglich UntersuchungsmodalitƤten und Zugang zu Medikamenten vorliegen und dass keine aktuell rekrutierende Studie für die Fragestellung zur Verfügung steht.

Wir konzentrierten uns bei der Konferenz 2024 auf 8 klinische Szenarien mit den folgenden STS-Subtypen und Weichgewebetumoren:
1. Atypischer lipomatƶser Tumor (ALT)
2. ExtremitƤten Synovialsarkom (ESTS)
3. Retroperitonealsarkom (RPS)
4. Phylloides Tumor (PT)
5. Tenosynovialer Riesenzelltumor (TGCT)
6. Maligner Nervenscheidentumor (MPNST)
7. Angiosarkom (AS)
8. Uterines Leiomyosarkom (uLMS)

Konferenzergebnisse CCS2024

63 interdisziplinƤre Panelisten aus 13 europƤischen LƤndern (inklusive Schweiz) und ein Patientenvertreter nahmen aktiv an CCS2024 teil.
WƤhrend der zweitƤgigen Konferenz wurden die ausgewƤhlten FƤlle mit kontroversen Fragestellungen prƤsentiert und gewinnbringend unter den internationalen Panelisten diskutiert.

Nach der Diskussion erfolgte die Abstimmung über 143 der 200 vorbereiteten Fragen. Bei 53 Statements erlaubte die Diskussion eine angepasste Neuformulierung, über diese wurde nach der Konferenz ein zweites Mal, und zwar online, abgestimmt (Abb. 1–3).

Dem interdisziplinƤren Charakter der Behandlung von STS und Weichgewebetumoren geschuldet, waren alle Fragen, welche diskutiert und über die abgestimmt wurden, über diverse Fachbereiche verteilt (Abb. 3).

In Tab. 1. fassen wir diejenigen Resultate der Abstimmung zusammen, bei denen ein starker Konsens erreicht wurde.
CCS2024 ist die zweite interaktive PrƤsenzveranstaltung, welche kontroverse Themen im Management von Weichgewebesarkomen und -tumoren adressiert. Ein starker Konsens (≄ 90% der Panelisten) wurde in 22 von 143 Fragen erreicht, ein Konsens (≄ 75%) bei 44 Fragen. Es gab einige Fragen, denen eine Mehrzahl von Panelisten zustimmten (> 50%), diese werden wir in der abschliessenden Publikation zu CCS2024 diskutieren.

unterschiedlichen Vorgehensweisen in den verschiedenen LƤndern und Sarkomzentren reflektieren. Dennoch erlauben uns die Ergebnisse, Themen zu identifizieren, bei denen dringend Forschungsschwerpunkte gesetzt werden sollen. Solche konnten bereits wƤhrend der Diskussionen an der Konferenz benannt werden. Anderseits wurde erneut bewusst, dass es bei raren bis ultrararen TumorentitƤten, wie bei vielen – auch neu beschriebenen molekularen – STS-Subtypen der Fall, nie adƤquate Studien geben wird, um die nƶtige Evidenz oder einen Konsens zu generieren.

Die European Society of Gynaecological Oncology wird demnächst ihre Guidelines für die Diagnostik und Behandlung von uterinen Leiomyosarkomen publizieren. Es wird interessant sein, die Abstimmungsresultate von CCS2024 mit dieser neuen Leitlinie zu vergleichen, mögliche Diskrepanzen zu entdecken und zu diskutieren.

Etablierte Leitlinien, welche für die Diagnostik und Behandlung von STS und Weichgewebetumoren bereits vorliegen sind u.a.:

• ESMO Guideline 2021: www.annalsofoncology.org/article/S0923-7534(21)02184-0/fulltext
• Deutsche S3 Leitlinie 2022: www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/adulte-weichgewebesarkome
• Onkopedia Weichgewebesarkome 2019: www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/weichgewebssarkome-maligne-weichgewebstumoren-des-erwachsenen/@@guideline/html/index.html
• Sarcoma of the Uterus. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG, S2k-Level, AWMF Registry No. 015/074, April 2021: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36467974/
• NCCN Guidelines NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: www.nccn.org/guidelines/guidelines-detail?category=1&id=1464
• Current clinical practice in the management of phyllodes tumors of the breast: an international cross‑sectional study among surgeons and oncologists, 2023: https://doi.org/10.1007/s10549-023-06896-1

Trotz vieler klarer Empfehlungen in diesen Leitlinien bleiben diverse Fragen im klinischen Alltag offen oder werden kontrovers beurteilt. Biologisch unterschiedliche Sarkome gleich zu behandeln ist Ƥusserst problematisch und war in der Vergangenheit wenig erfolgreich.

Konsensuskonferenzen, wie die CCS2024, sollen Kliniker und Patienten im klinischen Alltag unterstützen und durch abgestimmte Expertenmeinungen bei nicht evidenzbasierten Situationen beraten, sowie weiterführende Forschung bei kontroversen Themen anregen.
Wir danken an dieser Stelle den 63 Panelisten, die tatkrƤftig zum Gelingen dieser zweiten Conference on Controversies in Soft Tissue Sarcoma (CCS) in St. Gallen vom 3.–4. Mai 2024 beigetragen haben.

Dr. med. Silvia Hofer 1
Prof. Dr. med. Dimosthenis Andreou 2
Prof. Dr. med. Chantal Pauli 1
PD Dr. med. Christian Rothermundt 3
1  Universitätsspital Zürich
2  Universitätsklinikum Essen
3Ā  Kantonsspital St. Gallen

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Silvia Hofer

Universitätsspital Zürich
Institut für Pathologie und Molekularpathologie
Schmelzbergstrasse 12
8091 Zürich

silvia.hofer@usz.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Oncosuisse am SOHC 2024

Am diesjƤhrigen Swiss Oncology & Hematology Congress (SOHC) veranstaltet Oncosuisse erneut zwei Sessions zu aktuellen Themen aus dem Krebsbereich

Session 1

Krebsregistrierung in der Schweiz: Ā«Krebsepidemiologie – Ergebnisse aus nationalen KrebsregisterdatenĀ»

Mittwoch, 20. November 2024 – 15:45–17:15 Uhr im Raum Rio

Seit der Einführung des Krebsregistrierungsgesetzes sind die Leistungserbringer/-innen von Krebspatient/-innen verpflichtet, gewisse Daten an die kantonalen Krebsregister des Wohnkantons der einzelnen Patient/-innen weiterzuleiten. Doch welche Rolle spielen die Nationale Krebsregistrierungsstelle (NKRS) und das Kinderkrebsregister (KiKR) und welche Daten werden ausgewertet?
Am SOHC-Kongress 2024 beleuchten wir in der Joint-Session Oncosuisse / NICER die Krebsepidemiologie und stellen Ergebnisse aus nationalen Krebsregisterdaten vor.

Wie sieht die Datenqualität beim Nationalen Krebsregister aus? Was bedeuten Indikatoren und wie können sie zur Evaluation der Diagnose- und Behandlungsqualität bei Brustkrebs angewendet werden? Weitere Themen wie die «Auswirkungen der Covid-19 Pandemie» und «nationale Auswertungen zu Krebserkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen» bis 39 Jahre (AYA) werden vorgestellt. Gibt es eine Zunahme von Krebserkrankungen bei jungen Menschen?

Wir freuen uns auf interessante Referate und anregende Diskussionen zu den Ergebnissen aus nationalen Krebsregisterdaten.

Link zur Veranstaltung:
https://oncosuisse.ch/oncosuisse-session-1-krebsepidemiologie-ergebnisse-aus-nationalen-krebsregisterdaten/

Session 2:

Vorstellung des Oncosuisse Masterplan 2025

Donnerstag, 21. November 2024 – 15:45–17:15 Uhr im Raum Darwin

Der Oncosuisse Masterplan 2025 enthält prioritäre Themenbereiche und Ziele im Krebsbereich, die aus Sicht der Krebsorganisationen, prioritär angegangen werden müssen. Der Inhalt des Masterplans 2025 wurde basierend auf einer Bestandesaufnahme in der Schweizer Cancer Community erarbeitet und soll einen inhaltlichen Vorschlag für die Ausarbeitung eines Nationalen Krebsplans darstellen.
In dieser Session werden folgende Schwerpunkte aus dem Oncosuisse Masterplan 2025 besprochen:

  • Erarbeitung des Oncosuisse Masterplan 2025: Entstehung, mitwirkende Organisationen und Personen, Bedeutung
  • Übersicht über die Hauptziele des Masterplan 2025
  • Detailliertere Vorstellung ausgewƤhlter Hauptziele
  • Der Oncosuisse Masterplan 2025 als inhaltliche Basis für einen Nationalen Krebsplan des Bundes – weiteres Vorgehen
  • Fragen und Diskussionen mit dem Publikum

Es werden Vertreter/-innen von Oncosuisse bzw. ihren Mitgliedsorganisationen anwesend sein, die auch Ihre Fragen zum Masterplan 2025 und dem weiteren Vorgehen hin zu einem Nationalen Krebsplan beantworten werden. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und Ihren Input zu diesem wichtigen Thema.

Link zur Veranstaltung:
https://oncosuisse.ch/sohc-oncosuisse-session-2-der-nationale-krebsplan-der-schweiz/

Weitere Informationen: info@oncosuisse.ch

Nationale Krebsregistrierung:
LeichtverstƤndliche Informationen und neue Webseite

Die Krebsregistrierung spielt eine zentrale Rolle im Kampf gegen Krebserkrankungen in der Schweiz. Die nationale Krebsregistrierungsstelle bietet auf Basis der Daten aus den kantonalen Krebsregistern und des nationalen Kinderkrebsregisters eine systematische Erfassung aller Krebserkrankungen, was eine unverzichtbare Datenquelle für medizinische Forschung und öffentliche Gesundheit darstellt. Die Daten ermöglichen es, den Verlauf von Krebserkrankungen besser zu verstehen, Risikofaktoren zu identifizieren und Präventionsstrategien zu entwickeln. Ein wichtiger Aspekt der Krebsregistrierung ist zudem der Schutz der Patientendaten. Alle erfassten Informationen werden streng vertraulich behandelt und unterliegen den höchsten Datenschutzstandards. Patienten haben zudem die Möglichkeit, der Registrierung zu widersprechen, ohne dass ihnen dadurch Nachteile in der medizinischen Versorgung entstehen.

Um diese Fakten den Patienten, aber auch der breiten Bevƶlkerung nƤherzubringen, wurde von der Nationalen Krebsregistrierungsstelle NKRS und dem Kinderkrebsregister KiKR die Webseite www.krebsregistrierung.ch (Abb. 1) aufgeschaltet. Sie soll leichtverstƤndlich mit einem ErklƤrfilm und anschaulichen Grafiken über alle oben genannten Aspekte der Krebsregistrierung informieren. Die leichtverstƤndlichen Texte und Grafiken dürfen von Dritten benutzt werden, um zur AufklƤrung bzgl. Krebsregistrierung beizutragen. Für diesbezügliche Anfragen wenden Sie sich bitte an die Nationale Krebsregistrierungsstelle unter info@nkrs.ch.

Weitere Informationen: info@oncosuisse.ch

Dr. sc. nat. Michael Rƶthlisberger