Die Tièche, nach ihrem Zusammenfluss mit der Pauja Raspille genannt, bildet auf der Nordseite des Rhonetals die Sprachgrenze zwischen dem deutsch- und französischsprachigen Wallis. Der Fluss entwässert das Gletscherbecken der Plaine Morte gegen Süden. Sie hat sich auf ihrem stotzigen Weg zum Rotten zwischen Petit Mont Bonvin und Tschajetuhorn tief in den Felsuntergrund eingegraben und stürzt sich auf ihrem tosenden Lauf mehrere Male spektakulär in die Tiefe.
Zu einem dieser Wasserfälle wollen wir heute von Aminona aus ab- und aufsteigen. Wie der Untertitel dieses Berichtes bereits andeutet, sind die entsprechenden Pfade sehr steil und steinig, weshalb diese insbesondere während der heissen Sommermonate mehr für Hartgesottene geeignet sind. Landschaft und Flora sind jedoch bestechend schön, sodass sich die Anstrengung auch für jene lohnt, die es nicht sind oder es nicht sein wollen.
Wir starten in Aminona bei der Verzweigung der von Montana herkommenden Strasse Richtung Ploumachit und Molens, wobei wir letzterer talwƤrts folgen, bis diese eine dichte Ansammlung von Ferienchalets erreicht. Hier biegen wir in einen stark abfallenden Fahrweg ein, der mit einer Linkskehre ein tiefer liegendes ZugangsstrƤsschen und kurze Zeit spƤter die Strasse nach Molens gegen Südosten hin quert. Jenseits der Strasse tauchen wir in duftenden Fƶhrenwald ein und steigen wie gesagt vorerst steil über Stock und Stein bis zum Felsvorsprung von Pirra Grocha ab. Hier lohnt es sich, den Weg kurz zu verlassen und bis zur Felskante vorzutreten (Abb.ā1). Der Blick ƶffnet sich bis hinunter zu den Rebbergen von MiĆØge und gegen Osten auf die Blattu mit dem weithin sichtbaren Band von Fƶhren und Flaumeichen, die den Verlauf der Ā«Grossi WasserleituĀ» markieren. Die Flaumeichen vermƶgen in der Blattu trotz Trockenheit und extremer Hitze von bis zu 50° C in BodennƤhe zu überleben. Es ist die Raspille, die das Wasser für diese Suone liefert, ebenso für die etwas tiefer liegende von Mengis. Beide Wasserleiten versorgen die Rebgebiete zwischen Salgesch und Varen. Gegen Westen speist die Raspille die Bisse Neuf, die der BewƤsserung der Reben von VenthĆ“ne dient; wie lange noch, angesichts des wegschmelzenden Glacier de la Plaine Morte?
Auf dem Felsen von Pirra Grocha
Bei Pirra Grocha verlassen wir den stotzigen Pfad und gelangen über einen nur noch sanft abfallenden Weg zu den Häusern von Fortsey und zur Strasse hinauf zum Weiler Cordona. Herrlich duftet es im Föhrenwald, der willkommenen Schatten vor der niederbrennenden Sonne spendet. Wir folgen der Strasse bis unmittelbar nach der Brücke über die Tièche, wo gegen Norden der Weg zum Wasserfall von Pichiour abzweigt. Nun geht es ebenso steil bergauf, wie es zuvor bergab ging. Nach der Stille des Föhrenwaldes erfüllt nun das Rauschen und Donnern der Tièche die enge Schlucht. Jenseits des Gletscherbaches ragen steil und wild die Felswände von Les Cingles in den gleissenden Sommerhimmel auf, über denen die weiten Weiden von Aminona und Aprili liegen. Immer wieder stürzt der Blick in die Tiefe zum tosend in die Tiefe stürzenden Wasser. Zum Glück liegt auch dieser Pfad im Schatten des Bergwaldes, sodass wir nicht ganz schutzlos der Hitze ausgesetzt sind. Reich ist hier die Flora an Orchideen.
Der Wasserfall von Pichiour
Den ganzen Aufstieg über trƤumen wir von einem erfrischenden Bad beim Wasserfall. Doch dieses bleibt uns des abschüssigen GelƤndes wegen verwehrt. Dafür wechseln wir die Talseite trockenen Fusses hinter den herabstürzenden Wassermassen, sodass wir den surrealen Blick hinüber in die Val dāAnniviers in kühlendem Schatten geniessen kƶnnen (Abb. 2). Zurück im welschen Sprachgebiet erwartet uns nochmals ein stotziger Wegabschnitt bis zur luftigen Querung einer Reihe von FelsbƤndern. Der Weg ist hier mit Fixseilen gut gesichert. Trotzdem ist an dieser Stelle Trittsicherheit und Schwindelfreiheit gefordert. Fast eben aus erreichen wir schliesslich die Alpweiden von Aprili und beschliessen noch weiter bis zur Alp Cave du Sex aufzusteigen, wo uns ein Glas Arancello erwartet, bestehend aus einem fruchtigen und alkoholreichen Aperitif mit Bitterorangen. Auch den Einkauf von würzigem AlpkƤse sollte man sich hier nicht entgehen lassen. Einziger Wermutstropfen: hier hƤlt uns leider nach Stunden der Einsamkeit der touristische Trubel wieder gefangen (Abb. 3).
Aufkommende Gewitterstimmung bei Cave du Sex mit Blick auf Zinalrot-, Obergabel- und Matterhorn
Entlang der Bisse de Tsittoret, der sein Wasser aus der TiĆØche bezieht, erreichen wir gegen Westen ein querendes FahrstrƤsschen. Ćber dieses verlassen wir talwƤrts den LƤrchenwald bis zum unmittelbar folgenden Waldrand. Diesem entlang gelangen wir weglos hinunter zur Fahrstrasse von Ploumachit nach Aminona und treffen dort auf eine Karrenspur, die vorerst in der Falllinie, dann mit einem weiten Schlag gegen Osten zu einer Fahrstrasse hinunterleitet, über die wir, vorbei an luxuriƶsen Chalets, wieder den Ausgangspunkt unserer Rundwanderung erreichen (Abb. 4).
Etwa 30ā% der Lungenkrebsdiagnosen betreffen kleinzellige Lungenkarzinome (SCLC), die hƤufig ins Gehirn metastasieren. Die prophylaktische Ganzhirnbestrahlung (PCI) wird eingesetzt, um Hirnmetastasen zu verhindern und das Ćberleben zu verbessern, birgt jedoch das Risiko neurokognitiver Defizite. Trotz der Fortschritte in der Bildgebung und Immuntherapie bleibt die PCI für SCLC-Patienten im begrenzten und ausgedehnten Stadium Standard, wird aber aufgrund der mƶglichen LangzeittoxizitƤt neu bewertet. Alternativen wie die Hippocampus-schonende Bestrahlung und regelmƤssige MRT-Ćberwachung gewinnen an Bedeutung. Die therapeutische Ganzhirnbestrahlung bleibt trotz neuerer AnsƤtze wie der Radiochirurgie (SRT) weiterhin gƤngig, insbesondere bei multiplen Hirnmetastasen. Zukünftige Studien kƶnnten zu einem Paradigmenwechsel in der Behandlung führen, wobei der Fokus auf der Reduktion von SpƤttoxizitƤten liegt.
Around 30% of lung cancer diagnoses involve small cell lung cancer (SCLC), which often metastasizes to the brain. Prophylactic whole brain irradiation (PCI) is used to prevent brain metastases and improve survival, but carries the risk of neurocognitive deficits. Despite advances in imaging and immunotherapy, PCI remains standard for limited and extensive stage SCLC patients, but is being re-evaluated due to the potential for long-term toxicity. Alternatives such as hippocampus-sparing radiation and regular MRI monitoring are gaining momentum. Therapeutic whole brain irradiation remains common despite newer approaches such as radiosurgery (SRT), especially for multiple brain metastases. Future studies could lead to a paradigm shift in treatment, with a focus on reducing late toxicities. Key Words: small cell lung cancer, brain metastases, radiosurgery, prophylactic cranial irradiation
Hintergrund
Etwa 30ā% der Lungenkrebsdiagnosen sind kleinzellige Lungenkarzinome (SCLC), welche selbst in begrenztem Stadium (limited disease, LD) eine hohe Tendenz haben zu metastasieren (ausgedehntes Stadium oder extensive disease, ED). SCLC ist der Tumor mit dem hƶchsten Risiko (60ā%) für Hirnmetastasen (HM) und deshalb ist die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns fester Bestandteil des Stagings. HM kƶnnen eine erhebliche MorbiditƤt und MortalitƤt verursachen. Deshalb sind Prophylaxe und Therapie von HM wesentliche Elemente des Therapiekonzepts bei SCLC.
Trotz bedeutender Fortschritte bei der personalisierten Therapie von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) hat sich das Standardbehandlungsschema für SCLC LD seit mehr als 20 Jahren nicht wesentlich geƤndert. Auf die Radiochemotherapie (1) folgt eine prophylaktische Ganzhirnbestrahlung, wenn ein gutes klinisches Ansprechen zu verzeichnen ist. Die mediane Ćberlebenszeit hat sich aber verbessert und liegt bei 25ā30 Monaten. Etwa ein Drittel der Patienten überlebt heute 5 Jahre. Dadurch beginnt sich der Schwerpunkt der Behandlung von der maximalen Wirksamkeit der PrimƤrbehandlung hin zur Berücksichtigung der SpƤttoxizitƤt zu verlagern.
Prophylaktische Ganzhirnbestrahlung (prophylactic cranial irradiation oder PCI)
Im Jahr 2007 zeigte eine Phase-3-Studie bei Patienten mit SCLC ED, dass die PCI nach Chemotherapie die Inzidenz von BM verringert und das PFS und OS verlƤngert, was die Rolle der PCI seinerzeit bestƤtigte; allerdings gilt die Studie aus heutiger Sicht als veraltet, da sie ohne obligatorische Hirnbildgebung durchgeführt wurde (6). Im Laufe der Zeit haben sich die Bemühungen von der Intensivierung der PCI über den Versuch, die behandlungsbedingte NeurotoxizitƤt zu verringern, bis hin zu der Frage, ob eine sorgfƤltige Ćberwachung mittels MRT die routinemƤssige Notwendigkeit einer PCI überflüssig machen kann, verschoben (7). In einer Phase-III-Studie mit obligatorischer MRT-Bildgebung alle drei Monate sowohl im Beobachtungs- als auch im PCI-Arm wurde kein Ćberlebensvorteil durch eine PCI nachgewiesen, was vermutlich auf die Salvage-Radiotherapie auftretender HM (>80ā%) zurückzuführen war (8).
CASPIAN ist eine Phase-III-Erstlinienstudie, in der Platin-Etoposid mit oder ohne Durvalumab bei Patienten mit ED untersucht wurde. Der Kontrollgruppe wurde eine PCI angeboten (die von 7,9ā% der Patienten in Anspruch genommen wurde). Hier zeigte sich, dass PFS und OS durch die zusƤtzliche Gabe von Durvalumab unabhƤngig vom Vorhandensein von HM verbessert wurden (9). Der klinische Nutzen der PCI bei ED in der heutigen Ćra der Immuntherapie und des verbesserten Zugangs zur MRT ist daher weniger klar, aber trotz verbreiteter Skepsis gilt die PCI immer noch als Standard bei ED mit komplettem Ansprechen auf die Systemtherapie gemƤss ESMO-Guidelines (10). GemƤss Empfehlungen der ASTRO soll die PCI mit den Patienten in dieser Situation diskutiert werden (3).
Hippocampus Schonung
Die Hippocampi sind für das KurzzeitgedƤchtnis wichtig (11) und kƶnnen im MRT identifiziert und bei der Planung einer PCI gezielt geschont werden. Die PREMER-Studie verglich die Standard-PCI (Abb. 1a) mit der Hippocampus-schonenden PCI (Abb.ā1b) und fand eine Verbesserung des KurzzeitgedƤchtnis nach 3 Monaten (21.7ā% gegenüber 5.1ā%), 6 Monaten (32.6ā% gegenüber 7.3 %) und 12 Monaten (18.5ā% gegenüber 3.8ā%), ohne Unterschiede im Gesamtüberleben, der LebensqualitƤt oder am Auftretensmuster einer neuen Hirnmetastasierung (12). Belderbos et al randomisierten 168 Patienten zu Standard-PCI oder PCI mit Hippocampus-Schonung, fanden aber keinen Unterschied bei kognitiven Tests nach 4 Monaten (Hopkins Verbal Learning Test delayed recall, HVLT-DR), ohne dass eine erhƶhte Rate an HM festgestellt wurde (13). In der Phase-IIR/III-Studie NRG CC003 wurden Patienten mit ED und LD zu einer Standard-PCI oder einer Hippocampus-Schonung PCI randomisiert. Bei der Zwischenanalyse wurde berichtet, dass der primƤre Endpunkt (14.5ā% weniger HVLT-DR-Versagen nach 6 Monaten) nicht erreicht wurde, aber die Hippocampus-Schonung verhinderte ein Versagen der neurokognitiven Funktion bei nicht unterlegenem Risiko für einen intrakraniellen Rückfall und Ƥhnlichem Ćberleben. Bis weitere Daten vorliegen, bleibt die PCI ohne Schonung des Hippocampus der Standard (10).
Therapeutische Ganzhirnbestrahlung
Im Gegensatz zu anderen Tumorarten wird die neurochirurgische Resektion bei Makrometastasen des SCLC nicht als Standardbehandlung angesehen, da die Wahrscheinlichkeit weiterer Mikrometastasen hoch ist und die Patienten empfindlich auf Chemo- und Radiotherapie reagieren. Mit dem Aufkommen der Immuntherapie wird die alleinige systemische Behandlung von kleinen asymptomatischen HM diskutiert. Obwohl die hoch-dosierte, kleinvolumige Radiochirurgie (RC) (Abb.1c) die Ganzhirnbestrahlung (WBRT) als Erstlinienbehandlung von <ā15 cm3 HM bei soliden Krebsarten, einschliesslich NSCLC, abgelƶst hat (10), gibt es erst sparsame prospektive Evidenz bei SCLC. Die SCLC neigt dazu, sich im Gehirn auszubreiten, und es herrscht die Auffassung, dass selbst nach der Identifizierung von nur einer einzelnen HM das gesamte Gehirn für Mikrometastasen anfƤllig ist. Aufgrund dessen wird die WBRT bei Patienten mit SCLC und einer kleinen Anzahl von HM nach wie vor hƤufig angewendet. Die gleichen Bedenken hinsichtlich des Verlusts neurokognitiver Funktionen gelten jedoch sowohl für die therapeutische als auch für die PCI. Bei NSCLC und anderen Tumoren wird postuliert, dass die beste Art des Neuroschutzes die SRT ist, und deshalb hat sich die Praxis in vielen Zentren dahinĀgehend geƤndert, anstelle der WBRT die RC/SRT anzubieten (12), ohne dass randomisierte Daten vorliegen.
Die Radiochirurgie/Stereotaxie
Es ist sehr verlockend, vom NSCLC zu extrapolieren, aber welche Beweise gibt es dafür? Die FIRE-Cohort-Studie mit 710 Patienten mit SCLC deutet auf ein gleichwertiges Gesamtüberleben mit der SRT wie mit der WBRT hin, wenn auch, wie zu erwarten war, mit einem kürzeren Intervall bis zum Auftreten neuer HM (14). Eine Metaanalyse von sieben heterogenen Studien hatte zum Ziel, die Behandlungsergebnisse nach SRT und WBRT zu vergleichen, und kam erneut zu dem Schluss, dass die Gesamtüberlebenszeit ähnlich war (15). Da sich gezeigt hat, dass die stereotaktische Strahlentherapie neurokognitive Defizite im Vergleich zur WBRT verringert, unterstützt dies den Paradigmenwechsel hin zur fokalen Bestrahlung (16).
Die Daten von 2 aktuellen randomisierten Studien werden mit Spannung erwartet. Die ENCEPHALON Studie (NCT03297788) welche zwischen WBRT und SRT bei 1ā10 HM randomisiert mit neurokognitiver Funktion als PrimƤrendpunkt (17), und die NRG CC009 (NCT04588246) welche untersucht, ob eine SRT plus WBRT mit Hippocampus Schonung und Memantin bei Patienten mit ā„ 4 neuen HM/Jahr zum Zeitpunkt des ersten oder zweiten intrakraniellen Rezidivs (neue HM) nach initialer RC die Zeit bis zum neurologischen Tod im Vergleich zu einer alleinigen Salvage-RC verlƤngert.
Ćberwachung mit MRT
Der Wert regelmƤssiger MRT-Untersuchungen bei SCLC ED Patienten wurde kürzlich durch den Bericht über das Auftreten neuer Hirnmetastasen in 16ā% der FƤlle vor der PCI bei Patienten unterstrichen, die zum Zeitpunkt des Baseline-Screenings noch keine HM hatten (8). Die vielversprechenden Daten der Studie von Takahashi et al (18) werden im Rahmen der SWOG S1827 (MAVERICK) NCT04155034 Phase-III-Studie zur MR-Beobachtung im Vergleich zur PCI bei LD und ED weiter geprüft.
Re-bestrahlung nach PCI
Selbst nach einer PCI entwickeln 15 bis 48ā% der SCLC-Patienten im weiteren Verlauf HM (18) und die NCCN-Richtlinien empfehlen deshalb eine Ćberwachung alle 2ā3 Monate im ersten Jahr der Nachbeobachtung, unabhƤngig vom PCI-Status, um HM frühzeitig zu erkennen und das Auftreten von LebensqualitƤt-beeintrƤchtigender neurologischer Defizite zu vermeiden (19).
Es liegen nur wenige Daten über die Re-bestrahlung vor, zum Beispiel eine retrospektive Studie von 76 Patienten, die nach einer vorangegangenen PCI eine erneute zerebrale Bestrahlung erhalten hatten. Die Patienten wurden entweder mit erneuter Re-WBRT (88ā%) oder SRT (17ā%) erneut bestrahlt. Das mediane OS nach Re-WBRT betrug 3 Monate (0ā12 Monate) und das mediane OS nach SRT lag bei 5 Monaten (0ā12 Monate). Es wurde keine unerwartete ToxizitƤt beobachtet, und die ToxizitƤt blieb konstant niedrig. Eine Linderung der Symptome wurde bei 40ā% der symptomatischen Patienten erreicht (20). Da die Ćberlebenszeit der Patienten durch wirksamere systemische Therapien steigt, muss die zerebrale Re-Bestrahlung immer hƤufiger angewendet werden.
Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte zu diesem Artikel deklariert.
Eine SchƤdel MRT soll im Rahmen des initialen Stagings,
wenn Āmƶglich erneut vor PCI und wƤhrend der Nachsorge wiederholt durchgeführt werden, um Hirnmetastasen frühzeitig zu entdecken.
In der Ćra der Immuntherapie und des einfacheren Zugangs zur MRT ist die Rolle der PCI zunehmend in Frage gestellt.
Der Nutzen der Hippocampus Schonung im Rahmen der PCI ist unklar und wird aktuell erneut geprüft.
Die Radiochirurgie wird hƤufig bei kleiner Anzahl von HM anĀgeboten, aber randomisierte Daten stehen aus.
Laufende Studien werden die Rolle der SRT im Vergleich zur Ganzhirnbestrahlung bei der Behandlung von SCLC-Hirnmetastasen klƤren.
1. Faivre-Finn, C., et al., Concurrent once-daily versus twice-daily chemoradiotherapy in patients with limited-stage small-cell lung cancer (CONVERT): an open-label, phase 3, randomised, superiority trial. Lancet Oncol, 2017. 18(8): p. 1116-1125.
2. Rittberg, R., et al., Treatment and Prevention of Brain Metastases in Small Cell Lung Cancer. Am J Clin Oncol, 2021. 44(12): p. 629-638.
3. Simone, C.B., 2nd, et al., Radiation Therapy for Small Cell Lung Cancer: An ASTRO Clinical Practice Guideline. Pract Radiat Oncol, 2020. 10(3): p. 158-173.
4. Gaebe, K., et al., Re-examining prophylactic cranial irradiation in small cell lung cancer: a systematic review and meta-analysis. EClinicalMedicine, 2024. 67: p. 102396.
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20. Bernhardt, D., et al., Outcome in patients with small cell lung cancer re-irradiated for brain metastases after prior prophylactic cranial irradiation. Lung Cancer, 2016. 101: p. 76-81.
Periphere Neuropathien können Menschen in jedem Alter betreffen, treten jedoch am häufigsten bei Personen über 65 Jahren auf. Sie weisen eine Vielzahl von Beschwerden auf, die von rein sensiblen Symptomen bis hin zu schweren sensomotorischen Beeinträchtigungen reichen und sich unterschiedlich schnell entwickeln können. Periphere Neuropathien sind mit einer Vielzahl von Erkrankungen assoziiert. Die Diagnose erfordert einen systematischen Ansatz und eine umfassende Evaluation. Die Behandlung beinhaltet gezielte Therapie der zugrundeliegenden Erkrankung, Symptommanagement und Prävention, einschliesslich Schmerzlinderung bei schmerzhaften Neuropathien, Ergo- und Physiotherapie sowie der Verwendung von orthopädischen Hilfsmitteln.
Periphere Neuropathien kƶnnen klassifiziert werden nach:
āŗ Beteiligung des Fasertyps (motorische Neuropathie, sensible Neuropathie, autonome Neuropathie, gemischt, Small-Fiber Neuropathie);
āŗ Verteilungsmuster (distal-symmetisch, asymmetrisch, proximal, proximal und distal);
āŗ Zeitlichem Verlauf (akut, subakut, chronisch);
⺠Pathophysiologie (primär axonal, primär demyelinisierend, gemischt) ;
āŗ Zugrundeliegender Ćtiologie (Abb. 2).
Die Anamneseerhebung sowie die klinische und paraklinische Diagnostik dienen der prƤziseren Zuordnung peripherer Neuropathien, um ein gezielteres therapeutisches Vorgehen zu ermƶglichen.
Es muss jedoch betont werden, dass trotz ausführlicher AbklƤrungen die Ursache einer Neuropathie bei bis zu 27ā% der Patienten unklar bleibt.
Anamneseerhebung und klinische Evaluation
Bereits bei der ersten allgemeinärztlichen Evaluation sollten der Symptombeginn und der zeitliche Verlauf erfragt werden, ebenso ob eine Seitenasymmetrie vorliegt oder eine Beteiligung der oberen Extremitäten. Da die meisten Patienten spontan über Sensibilitätsstörungen berichten, sollte auch nach einer Schwäche gefragt werden. Symptome einer autonomen Funktionsstörung umfassen insbesondere trophische Störungen, Orthostase, Ruhetachykardie, urogenitale Funktionsstörungen und gastrointestinale Störungen, die evaluiert werden sollten. Die Abfrage von Systemerkrankungen sowie eine Alkoholanamnese sind obligat, ebenso die Medikamentenanamnese. Insbesondere bei langsamer Progression und Fussdeformitäten sollte an eine hereditäre Ursache gedacht werden. In diesem Fall helfen weitere spezifische Fragen zur motorischen Entwicklung, zu Leistungen im Sport/Militär und zur Familienanamnese.
Die häufigsten Neuropathien zeigen eine sensomotorische und längenabhängige, somit distal-symmetrische und beinbetonte Beteiligung, wobei in der Regel zuerst sensible Störungen auftreten. Die Patienten berichten über Negativsymptome wie Taubheitsgefühle, oft beschrieben als ein Gefühl wie auf «Watte zu laufen». Dieses beginnt zunächst in den Zehen und kann im Verlauf den ganzen Fuss betreffen. Positive sensible Symptome können in unterschiedlicher Qualität und Ausprägung auftreten, von leichtem Druckgefühl über Berührungsintoleranz, Kribbelparästhesien, Brennen, Stechen und Elektrisieren bis hin zu starken Schmerzen. Ungewöhnlich ist jedoch eine ausgeprägte Schmerzsymptomtik im Vordergrund. In solchen Fällen sollte insbesondere an eine Vaskulitis, an Morbus Fabry oder an eine Amyloid-Neuropathie gedacht werden. Die Patienten mit Small-Fiber Neuropathie berichten auch über schmerzhafte Missempfindungen.
Bei einer Small-Fiber Neuropathie mit Beteiligung der dünn myelinisierten und unmyelinisierten Nervenfasern ist in der Regel das Temperatur- und Schmerzempfinden reduziert. Bei Beteiligung der grosskalibrigen myelinisierten Nervenfasern sind die Oberflächensensibilität und die Tiefensensibilität betroffen. In der klinischen Untersuchung sollte demnach die Beurteilung aller sensiblen Funktionen erfolgen, insbesondere das Berührungs-, Temperatur-, Schmerz- und Vibrationsempfinden sowie der Lagesinn sind zu berücksichtigen. Aufgrund der reduzierten Wahrnehmung können schmerzlose Wunden entstehen. Bei zunehmender Beteiligung der Tiefensensibilität entstehen ein unsicheres Gangbild, insbesondere im Dunkeln, ein erschwerter Seiltänzergang sowie ein positiver Romberg-Stehversuch. In schweren Fällen zeigt sich eine deutliche sensible Ataxie beim Gehen.
Die motorischen Symptome treten meistens erst im Verlauf auf und umfassen Muskelschwäche, Muskelschwund, Muskelkrämpfe und ggf. Muskelzuckungen. Passend dazu findet man in der Untersuchung eine distal- und beinbetonte Schwäche und Atrophie, initial eher mit Beteiligung der Zehenspreizung und Zehenhebung sowie eine Atrophie der kurzen Zehenextensoren, im Verlauf aber auch der Wadenmuskulatur. Erschwerte Gangprüfungen, wie der Fersen- und Zehengang, können ansonsten diskrete Fussheber- und Fusssenkerparesen deutlicher sichtbar machen. Das Testen des Aufstehens aus der Hocke sowie aus kniender Position liefert Informationen über eine mögliche Beteiligung auch der proximalen Beinmuskulatur. Bei Beteiligung der Hände zeigt sich oft eine Schwäche der Fingerspreizung und der Daumenabduktion mit Atrophie der kleinen Handmuskeln und des Thenars und Hypothenars. Die Reflexe sind schwach oder erloschen, insbesondere der Achillessehnenreflex. Man kann visuell Muskelkrämpfe und Faszikulationen beobachten.
Hinweise auf autonome Stƶrungen findet man bei den meisten Patienten im Bereich der unteren ExtremitƤten.Diese sind reduzierte Behaarung, eine trockene Haut aufgrund der An- oder Hypohidrose, Ćdeme sowie eine VerƤnderung der Hautfarbe mit Rubeosis plantaris. Pupillenstƶrungen sowie eine Ruhetachykardie kƶnnen in der Untersuchung auffallen.
SkelettabnormalitƤten sollten beurteilt werden. Insbesondere FussdeformitƤten wie ein Pes cavus, Pes planus, Hammerzehen, sowie Skoliose/Kyphose kƶnnen auf eine genetische Ursache hindeuten. Bei deutlicher Diskrepanz zwischen einer ausgeprƤgten klinischen Ausfallsymptomatik und einem subjektiv milden Beschwerdebild sollte an eine lange bestehende, langsam fortschreitende Ćtiologie im Sinne einer hereditƤren Ursache gedacht werden.
Die hƤufigsten Symptome und klinischen Untersuchungsbefunde sind in Tab.ā1 abgebildet.
Diagnostische Tests
Labordiagnostik
Bereits im Rahmen der ersten Evaluation einer Polyneuropathie sollte eine Basis-Labordiagnostik mit Bestimmung folgender Parameter erfolgen:
Bei Patienten mit einer bekannten Grunderkrankung, die mit einer Neuropathie in Verbindung gebracht werden kann, ist die oben beschriebene Basisdiagnostik ebenfalls sinnvoll, da mehrere Ursachen gleichzeitig vorliegen kƶnnen (so wird z.B. Vitamin B12-Mangel bei Patienten mit Diabetes Mellitus hƤufig beobachtet).
Lumbalpunktion
Die Nervenwasseruntersuchung gehört nicht zur Routinediagnostik und wird nur bei Verdacht auf eine inflammatorische oder eine maligne/paraneoplastische Genese durchgeführt.
Elektrodiagnostik
Die Evaluation mittels Neurographie ermƶglicht die Differenzierung zwischen axonalem und demyelinisierendem Nervenschaden und auch, ob eine motorische, sensible oder gemischte Beteiligung vorliegt. Zudem kann der SchƤdigungsort identifiziert werden. Bei einer Small-Fiber-Neuropathie bleibt die Neurographie dagegen unauffƤllig, da in dieser Untersuchung nur die Funktion der grosskalibrigen myelinisierten Fasern erfasst wird.
Bei Verdacht auf eine Small-Fiber Beteiligung wird Sudoscan angewendet, eine sensitive Methode zur Messung der elektrochemischen HautleitfƤhigkeit der HƤnde und FüĆe mittels reverser Iontophorese.
Die Nadelmyographie liefert Informationen über die Chronizität und hilft auch bei der weiteren differentialdiagnostischen Zuordnung. Die Elektrodiagnostik kann auch longitudinal durchgeführt werden, um die Progression sowie ein mögliches Therapieansprechen zu beurteilen.
Bildgebende Verfahren
Der Nervenultraschall ist eine schnelle und kostengünstige Untersuchung, die eine wichtige Rolle insbesondere in der Zusatzdiagnostik der inflammatorischen Neuropathien spielt. Mit dieser Methode können (insbesondere bei inflammatorischen, aber auch bei vielen hereditären Neuropathien) vergrösserte Nervenschnittflächen der Nerven und/oder Nervenwurzeln nachgewiesen werden. In den letzten Jahren hat sich auch die MR-Neurographie als wertvolles diagnostisches Tool erwiesen.
Nervenbiopsie
Die Nervenbiopsie ist eine invasive Diagnostik und wird an einem sensiblen Nerv durchgeführt (in der Regel dem Nervus suralis). Residuelle Taubheitsgefühle distal der Biopsiestelle sind zu erwarten. Eine residuelle Schmerzsymptomatik tritt mit variabler HƤufigkeit (0-60ā%) auf. Die Untersuchung wird nur in begründeten FƤllen durchgeführt, wie bei Verdacht auf eine vaskulitische Genese, maligne Genese oder Amyloid-Neuropathie.
Hautbiopsie
Die minimalinvasive Hautbiopsie kann im Rahmen der AbklƤrung einer Small-Fiber-Neuropathie ergƤnzt werden. Dadurch erfolgt die Quantifizierung der intraepidermalen Innervation, die eine hohe SensitivitƤt aufweist.
Quantitative sensorische Testung
Die Quantitative Sensorische Testung (QST) ist ein semiobjektives Verfahren zur Bestimmung der Detektionsschwellen für mechanische und thermische Reize und sollte bei Patienten mit Verdacht auf eine Small-Fiber Beteiligung ergänzend eingesetzt werden.
Autonome Testung
Ein Schellong-Test beantwortet die Frage nach einer orthostatischen Hypotonie oder einem posturalen orthostatischen Tachykardiesyndrom (POTS). Auch eine Frequenzstarre kann auffallen.
Genetische Testung
Abhängig von der klinischen Präsentation, Zusatzbefunde und der Familienanamnese wird bei Verdacht auf eine hereditäre Ursache eine gezielte oder umfassende genetische Panel-Diagnostik im Rahmen einer genetischen Beratung durchgeführt.
Für einen empfohlenen diagnostischen Ablauf zur Evaluation einer Polyneuropathie durch den Allgemeinarzt siehe Abb.ā3.
Die wichtigsten Neuropathien auf einen Blick
Diabetische Neuropathie
Mit der Zeit weist jeder zweite Patient mit Diabetes Mellitus (Typ 1 oder Typ 2) eine periphere Nervenbeteiligung auf, so dass Diabetes die häufigste Ursache einer Polyneuropathie in der westlichen Welt ist. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem die Krankheitsdauer, das Alter, der HbA1c-Spiegel, das Vorliegen eines metabolischen Syndroms, Mangel an körperlicher Aktivität sowie Nikotin- und Alkoholkonsum. Bereits eine pathologische Glukosetoleranz kann eine Small-Fiber-Beteiligung hervorrufen, mit in diesem Fall im Vordergrund stehenden Schmerzen, sodass bereits der Prädiabetes mit einer peripheren Nervenbeteiligung verbunden ist. Typischerweise besteht jedoch bei Diabetes-Patienten eine chronische, sensomotorische, axonal-betonte Polyneuropathie mit überwiegend sensiblen Symptomen, während motorische Ausfälle in der Regel erst später auftreten. Wichtige potenzielle Komplikationen sind der diabetische Fuss sowie die kardiovaskuläre autonome Neuropathie. Letztere kann zu einer bis zu vierfach erhöhten Mortalität führen, bedingt durch plötzlichen Herztod, Arrhythmien, stumme Ischämien oder eine Kardiomyopathie.
Alkoholtoxische Neuropathie
Der chronische Alkoholkonsum führt bei bis zu 66ā% der Patienten zu einer Polyneuropathie und ist die zweithƤufigste erworbene Ćtiologie. Die Dauer des Alkoholmissbrauchs und die Menge des konsumierten Alkohols sind wichtige beeinflussende Faktoren, wobei >100 g/Tag über mehrere Jahre als wahrscheinlich pathogene Grenze gesehen wird. Die Patienten leiden oft auch an MangelernƤhrung und konsekutivem Vitamin-B-Mangel (B1, B6, B12), was zur Polyneuropathie beitrƤgt. Meistens besteht eine langsam progrediente, sensomotorische und axonale Polyneuropathie, die oft auch mit Schmerzen verbunden ist. Eine begleitende sensible Ataxie kompliziert nicht selten gleichzeitig bestehende zerebellƤre Defizite.
Vitamin-B12-Mangel
Die Vitamin-B12-Defizienz führt zu einer rein sensiblen Neuropathie mit einem subakuten Beschwerdebild, das Kribbeln, Hypästhesie und sensible Ataxie umfasst. Es muss beachtet werden, dass es alleine nicht ausreicht Vitamin-B12-Spiegel zu messen, sondern bei grenzwertigen Befunden auch der Holotranscobalamin-Spiegel bestimmt werden sollte. Zudem ist bei Patienten mit neurologischen Symptomen die für Vitamin-B12-Mangel typische makrozytäre Anämie oft nicht nachweisbar. Patienten nach einem bariatrischen Eingriff sind besonders anfällig für ernährungsbedingte Komplikationen und somit auch für Vitamin-B-Mangel.
Medikamentƶs-toxische Neuropathien
Polyneuropathien kƶnnen durch eine Vielzahl von Medikamenten ausgelƶst werden. Die hƤufigsten sind die chemotoxischen Neuropathien, insbesondere bei der Anwendung von Platinderivaten, Vinca-Alkaloiden, Taxanen, Proteasom-Inhibitoren und Antikƶrper-basierten Therapien. Die HƤufigkeit einer Neuropathie unter Chemotherapie variiert zwischen 10ā% und 90ā%, abhƤngig von der Einzeldosis, Gesamtdosis und Therapiedauer.
Klinisch zeigt sich eine sensible-betonte axonale Neuropathie mit sensiblen AusfƤllen und Schmerzen, die Wochen bis Monate nach Beginn der Behandlung auftreten. Neue TherapieansƤtze mit Checkpoint-Inhibitoren kƶnnen zudem akute und chronische Immunneuropathien induzieren.
ā·āDie tƤgliche Zufuhr von Vitamin B6 (hohe Dosen kƶnnen unter anderem Sport- und EnergiegetrƤnke sowie MultivitaminprƤparate enthalten) sollte 12 mg für Erwachsene nicht überschreiten, um eine Vitamin-B6-assoziierte NeurotoxizitƤt zu vermeiden.
Bei anfƤnglich teilweise milden und diffusen Beschwerden kommt es weiterhin vor, dass manche Patienten fƤlschlicherweise als funktionell eingestuft werden. Daher sollte bis zum Ausschluss einer organischen Ursache entsprechend abgeklƤrt werden. Die chronische Form einer inflammatorischen demyelinisierenden Poly(radikulo)neuropathie wird als CIDP bezeichnet.
Amyloid-Neuropathie
Die Amyloid-Neuropathie ist die periphere Beteiligung einer systemischen Amyloidose, verursacht durch Mutationen im Transthyretin (ATTR)-Gen oder Leichtketten-Amyloidose. Es handelt sich um eine progressive, lƤngenabhƤngige Polyneuropathie mit vorwiegender Beteiligung der Small-Fibers und der autonomen Nervenfasern, sodass neuropathische Schmerzen, SensibilitƤtsstƶrungen und autonome Stƶrungen im Vordergrund stehen. Paresen treten aufgrund des progredienten Verlaufs bereits innerhalb von 2 Jahren auf. Im Falle einer progressiven Neuropathie mit beidseitigem Karpaltunnelsyndrom, autonomer Dysfunktion, kardialer Beteiligung, Proteinurie sowie unklarem Gewichtsverlust sollte eine diagnostische AbklƤrung zum Ausschluss einer Amyloidose erfolgen.
HereditƤre Neuropathie
Die genetisch-bedingten Neuropathien umfassen eine klinisch und genetisch heterogene Gruppe mit motorischer, und/oder sensibler sowie autonomer Beteiligung. Derzeit sind mehr als 100 Gene und über 1500 Mutationen bekannt, die mit autosomal-dominant, autosomal-rezessiv, X-chromosomal oder mitochondrial vererbten Neuropathien in Zusammenhang stehen. Aufgrund des breiten klinischen Spektrums der hereditƤren Neuropathien sowie der phenotypischen Ćberlappung mit anderen neuromuskulƤren Erkrankungen in vielen FƤllen, erfolgt in der Regel die weitere AbklƤrung mittels breiter Paneldiagnostik im Rahmen eines genetischen Beratungstermins.
Therapie
Die Therapie einer Neuropathie besteht als erstes darin, Risikofaktoren zu vermeiden oder bei bekannten Ursachen gezielt zu behandeln. Bei diabetischer Neuropathie sollte eine strenge glykƤmische Kontrolle in Kombination mit Bewegung, DiƤt und regelmƤssiger Fusskontrolle erfolgen. Bei alkoholassoziierter Neuropathie sind Abstinenz sowie die Korrektur der MangelernƤhrung mit Vitamin-B-SubĀstitution entscheidend. Bei Vitamin-B12-Mangel sollte eine entsprechende Substitutionstherapie durchgeführt und regelmƤssig der Spiegel kontrolliert werden. Medikamentƶs-toxische Neuropathien erfordern hƤufig das Absetzen/Umstellung der entsprechenden Medikamente, einschliesslich Chemotherapie nach interdisziplinƤrer Entscheidung. Entzündliche Neuropathien werden mit immunmodulatorischen oder immunsuppressiven Medikamenten behandelt, im Falle eines chronischen Verlaufes oft langfristig. Bei einer Leichtketten-Amyloidose, assoziiert zu einer monoklononalen Gammopathie unklarer Signifikanz oder Malignome, werden Chemotherapeutika oder eine autologe Stammzelltransplantation verwendet.
Symptomatisch werden Begleitschmerzen mit Antikonvulsiva oder Antidepressiva (Gabapentin, Pregabalin, Duloxetin, Venlaflaxin, trizyklische Antidepressiva) als erste Wahl behandelt. Zudem kommen topische Therapien wie Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster je nach Grƶsse des Schmerzbereichs zur Anwendung (zweite Wahl). Schwache und starke Opioide (zweite und dritte Wahl) sollten nicht bei Behandlungsbeginn verwendet werden. Bei therapieresistenten Schmerzen ist eine schmerzmedizinische Konsultation empfehlenswert, um weitere intensivierte oder invasive Therapiemethoden wie die Implantation eines Neurostimulators zu evaluieren.
ā·āEs gibt keine Evidenz für die breite Verwendung von Vitamin-B-PrƤparaten bei neuropathischen Beschwerden ohne nachweisbarem Vitamin-B-Mangel, sodass eine gezielte Substitution nur bei nachgewiesenem Defizit erfolgen sollte.
Insbesondere bei begleitenden Gleichgewichtsstƶrungen und Paresen ist eine ergo- und physiotherapeutische Begleitung sinnvoll, um MobilitƤt und Koordination, somit die LebensqualitƤt zu verbessern. Fussheberorthesen sind bei hƶhergradigen Fussheberparesen sinnvoll, ebenso orthopƤdische Schuheinlagen bei FussdeformitƤten, und Gehhilfen (Gehstock, Rollator) bei erhƶhtem Sturzrisiko. Eine neurorehabilitative Evaluation im ambulanten oder stationƤren Setting kann hilfreich sein.
Bei einzelnen genetisch-bedingten Polyneuropathien kommen therapeutische AnsƤtze in Frage, unter anderem bei hereditƤrer Amyloidose.
Prognose
Die Prognose der Neuropathien variiert je nach Ursache und Schweregrad der Erkrankung. Der frühe Therapiebeginn ist entscheidend, um bleibende Schäden zu vermeiden.
Eine Glukosekontrolle ist bei Patienten mit Diabetes Mellitus effektiv, um das Fortschreiten der Erkrankung, mehr bei Typ 1 als bei Typ 2, zu kontrollieren.
Die Vitamin-B12-Substitution kann innerhalb weniger Monate zu einer Rückbildung der Neuropathie führen.
Auch bei Alkoholabstinenz kann sich die Neuropathie innerhalb von Monaten bis Jahren zurückbilden. Nach dem Absetzen des toxischen Medikaments kann sich die Neuropathie ebenfalls stabilisieren oder zurückbilden, wobei vor allem bei Platin-haltigen Präparaten zunächst eine weitere Verschlechterung nach Absetzen der Substanz auftreten kann.
Bei einer hereditƤren Neuropathie ist mit einer stetigen, langsamen Progression zu rechnen, weshalb die langfristige symptomatische und supportive Behandlung von grosser Bedeutung ist.
Copyright Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Sara Nagy, MSc
OberƤrztin NeuromuskulƤres Zentrum
Neurologische Klinik und Poliklinik
UniversitƤtsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel
Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
DiƤtetische Massnahmen sind integraler Bestandteil der Behandlung des Schwangerschaftsdiabetes und haben einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Blutzuckerwerte. Die Richtlinien für Schwangerschaftsdiabetes empfehlen eine ausgewogene ErnƤhrung mit einer angemessenen NƤhrstoffzufuhr, insbesondere für Kohlenhydrate. Eine ausgewogene Verteilung der Kohlenhydrate über den Tag und der Verzehr von Vollwertkost sind wichtig. Spezielle DiƤten oder Ćberzeugungen kƶnnen sich auf den Kohlenhydratkonsum auswirken und das Blutzucker-Profil der Patientin verschlechtern.
Dietary measures are an integral part of the treatment of gestational diabetes and have a significant impact on changes in the glycemic profile. Recommendations for gestational diabetes include a balanced diet with adequate nutritional intake, particularly of carbohydrates. Carbohydrates should be distributed evenly throughout the day and the intake of whole foods should be encouraged. Specific diets or beliefs may have an impact on the carbohydrate consumption, that subsequently can adversely affect the patient’s glycemic profile. Key words: Gestational diabetes, Nutrition, Carbohydrates, Ketones, Fiber
Einführung
Der Gestationsdiabetes (GDM) wird durch einen oralen Glukosebelastungstest (oGTT) mit 75 g Glukose diagnosti- ziert, der zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche durchgeführt wird (1). Ein GDM erhöht das Risiko, postpartal an Typ-2-Diabetes (7 x häufiger) (2) sowie an kardiovaskulären Erkrankungen (3) zu erkranken. Als erste Behandlungsschritte werden vor allem körperliche Aktivität und diätetische Massnahmen empfohlen. Wenn sich das Blutzuckerprofil nicht verbessert, können Insulininjektionen erforderlich sein. Dieser Artikel behandelt ausschliesslich die diätetischen Massnahmen, die bei der Diagnose eines GDM vorgeschlagen werden.
Die ausgewogene ErnƤhrung
Der ausgewogene Teller
Die bei GDM empfohlenen diƤtetischen Massnahmen entsprechen weitgehend einer ausgewogenen ErnƤhrung, die für alle Menschen zu empfehlen wƤre. Aktuelle Studien empfehlen eine Ƥhnliche Kalorienzufuhr wie bei Schwangeren ohne GDM (4), aufgeteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten, je nach den Essgewohnheiten der Patientinnen. Je nach Hungergefühl kƶnnen ein bis zwei Zwischenmahlzeiten pro Tag eingeschoben werden. Diese sollten jedoch ausserhalb der Blutzucker-Kontrollzeiten (d. h. nach den zwei Stunden nach der Hauptmahlzeit) gegessen werden. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für ErnƤhrung (SGE) sollte die Verteilung der Lebensmittel auf dem Teller wie folgt aussehen: 2/5 Gemüseā/āFrüchte, 2/5 stƤrkereiche und faserreiche Lebensmittel und 1/5 eiweisshaltige Lebensmittel (5).
Drei zentrale Aussagen zur ErnƤhrung
Sobald GDM festgestellt wird, können die Gynäkologen erste Ernährungstipps geben, die eine Verbesserung der Blutzuckerwerte begünstigen können.
1 Ein kohlenhydratarmes Frühstück bevorzugen
In der Schweiz ist es üblich, ein Frühstück mit Weissbrot, Butter und Marmelade zu sich zu nehmen. Eine hohe Kohlenhydrataufnahme beim Frühstück kƶnnte jedoch den postprandialen Blutzuckerwert verschlechtern. Ein salziges Frühstück mit nicht-kohlenhydrathaltigen Proteinkomponenten (KƤse, Ei) sollte bevorzugt werden. Es wird empfohlen, auf den Konsum von FruchtsƤften oder gesüsstem Tee/Kaffee zu verzichten und stattdessen ungesüsste GetrƤnke zu konsumieren. Um die Eisenaufnahme zu verbessern, kann Kiwi, die reich an Vitamin C (ca. 80 mg/100āg) ist, als Ersatz für Orangensaft empfohlen werden.
2 Faserreiche ā/ vollkornhaltige Lebensmittel Ābevorzugen
Die Erhƶhung des Faser- / Ballaststoffanteils in der Nahrung ist einer der ersten Schwerpunkte der im Rahmen des GDM vorgeschlagenen diƤtetischen Massnahmen. Es gibt zwei Arten von Ballaststoffen / Nahrungsfasern, die beide einen positiven Einfluss auf die VerlƤngerung des SƤttigungsgefühls haben. Unlƶsliche Ballaststoffe erleichtern den Transit des Stuhles im Darm und beugen so Verstopfungen vor, die in der Schwangerschaft hƤufig auftreten. Lƶsliche Ballaststoffe verlangsamen durch ihre ViskositƤt die Funktion der Verdauungsenzyme (6). Dieser Effekt kann die postprandialen Blutzuckerspitzen reduzieren (7). Die meisten stƤrkereichen Lebensmittel enthalten sowohl lƶsliche als auch unlƶsliche Nahrungsfasern. Beide Arten von erhƶhen das SƤttigungsgefühl. Ein erhƶhter Verzehr von Vollkornprodukten kann somit die SƤttigung erhƶhen. Ein Nahrungsmittel ist Ā«faserreichĀ», wenn 100 g mindestens 6 g Nahrungsfasernā/Ballaststoffe enthalten (8).
3 Mix zwischen verschiedenen kohlenhydratreichen Lebensmittel (Reis, Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte)
HƤufig hƶrt man von PflegekrƤften, dass sie GDM-Patientinnen davon abraten, Vertreter dieser Gruppe zu kombinieren, wie z. B. Hülsenfrüchte mit Getreide. In der Tat führt der Verzehr von verschiedenen stƤrkereichen Lebensmitteln in der Regel zu einer Ćberschreitung der auf dem optimalen Teller empfohlenen Menge dieser Gruppe von 2/5. Wenn die gesamte StƤrkezufuhr jedoch der Verteilung auf dem SGE-Teller entspricht, ist es nicht notwendig, das Unterlassen einer StƤrkemischung zu verlangen. Der Verzehr nur eines einzigen Vertreters kƶnnte sogar negativ sein. Wenn eine Patientin eine 2/5 Portion Reis und Linsen eines Tellers mit Gemüse und Fleisch isst, wƤre es unvorteilhaft, von ihr zu verlangen, nur noch Reis zu essen. Ein solcher Verzicht würde bedeuten, dass die positive Wirkung der in den Linsen enthaltenen Ballaststoffe verloren ginge (Abb. 1).
DiƤten
Ketogene DiƤt
Laut der American Diabetes Association (ADA) sollten GDM-Diäten vermieden werden, die gewisse Makronährstoffe stark einschränken, insbesondere die ketogene Diät (very low carb) (4). Diese Diät enthält in erster Linie Fette und Proteine, aber nur sehr wenig Kohlenhydrate, d.h. zwischen 20 und 50 g pro Tag. Unter 50 g ist ein Anstieg der Ketonkörper zu erwarten. Bei hohen Konzentrationen können diese die Schwangerschaft und die fetale neurokognitive Entwicklung beeinträchtigen (9). Wir empfehlen eine Messung der Ketonkörper, wenn die Ernährung weniger als 100 g Kohlenhydrate enthält, die nicht über den Tag verteilt sind. Eine Ketonmessung ist obligatorisch, wenn die tägliche Kohlenhydratzufuhr weniger als 50 g beträgt. Diese Messung erfolgt z.B. im Kapillarblut nüchtern am Morgen. Ein Wert von 0.6 mmol/l bei schwangeren Frauen bedeutet einen signifikanten Anstieg (10). Da bei Frauen ohne GDM-Werte von 0.1 bis 0.2 mmol/l gemessen werden, haben wir einen vorsichtigen Schwellenwert von 0.3 mmol/l gewählt (10). Ausserdem kann der Ersatz von Kohlenhydraten durch tierische Proteine und Fette die Lipolyse steigern, den Anstieg der freien Fettsäuren fördern und die Insulinresistenz verstärken (4). Aus diesem Grund ist es nicht ratsam, eine ketogene Diät während einer Schwangerschaft mit oder ohne GDM fortzusetzen.
GlaubenssƤtze / DiƤten und religiƶses Fasten
GlaubenssƤtze und DiƤten
Nach der Ankündigung eines GDM muss sichergestellt werden, dass die Patientin ihre Kohlenhydratzufuhr nicht drastisch reduziert, um ihre Blutzuckerwerte zu optimieren. Die wichtigsten Kohlenhydratquellen, die in erster Linie drastisch reduziert werden, sind in der Regel die stärkehaltigen Nahrungsmittel, die dem Körper als «Energie-Treibstoff» dienen. Die Richtlinien empfehlen, die Kohlenhydratzufuhr auf drei durchschnittliche Mahlzeiten zu verteilen. Das heisst, es ist eine gute Verteilung der Kohlenhydrate über den Tag anzustreben und gleichzeitig faserreiche / ballaststoffreiche Kohlenhydrate, wie die Hülsenfrüchte zu bevorzugen.
Eine besondere Aufmerksamkeit sollte Frauen mit Zƶliakie oder GlutenunvertrƤglichkeit geschenkt werden, da glutenfreie Produkte mƶglicherweise mehr Kohlenhydrate und einen geringeren Ballaststoffgehalt haben.
Religiƶses Fasten: Der Ramadan
Das Fasten ist ein Brauch, der in vielen Religionsgemein- schaften verbreitet ist, darunter auch der Ramadan in der muslimischen Religion. Der Ramadan bedeutet, dass die Nahrungsaufnahme nur am Morgen vor Sonnenaufgang (Suhoor) und am Abend nach Sonnenuntergang (Iftar) erfolgen darf. Das IDF DAR (International Diabetes Federation ā Diabetes and Ramadan Alliance) Stratifikationsinstrument wurde entwickelt, um das Risiko für Patientinnen zu quantifizieren, die ihre Absicht bekundet haben, wƤhrend des Ramadans zu fasten (11). Je nach Ergebnis des Scores wird das Fasten bei einer Schwangerschaft mit GDM nicht empfohlen. Das Risiko eines Anstiegs der Ketonkƶrper ist beim Fasten und in der Schwangeschaft erhƶht. Der Schwellenwert für Ketonkƶrper von 0.3 mmol/l vor dem Essen kƶnnte eine vernünftige Wahl sein, um die Patientin wƤhrend dem Ramadan zu begleiten. Wenn der Ramadan fortgesetzt wird, kann es ratsam sein, die Aufnahme von sehr kohlenhydratreichen Lebensmitteln wie FruchtsƤften einzuschrƤnken und gleichzeitig die Aufnahme von Ballaststoffen und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu fƶrdern.
Veganismus
Veganismus ist eine ErnƤhrungsform, die alle tierischen Produkte mit Ausnahme von Muttermilch ausschliesst. In der Schwangerschaft ist der Proteinbedarf der Mutter erhƶht (12). Daher ist eine ausreichende Proteinversorgung notwendig. Die Vermeidung von tierischem Eiweiss erfordert eine Diversifizierung auf pflanzliche Eiweissquellen. Vegane ErnƤhrung besteht hauptsƤchlich aus Hülsenfrüchten, Tofu, Tempeh, GetrƤnken und Joghurt auf Sojabasis, Getreiden oder Nüssen (13). Die Verwendung von pflanzlichen Proteinen in Form von Hülsenfrüchten oder Getreide birgt das Risiko, dass die Kohlenhydratmenge pro Mahlzeit erhƶht wird, was sich auf das glykƤmische Profil der Patientin auswirkt. Ćber den GDM hinaus kann eine vegane ErnƤhrung zu einem Mangel an Omega-3-FettsƤuren, Eisen, Zink, Jod, Kalzium, Vitamin D und B12 führen (14). Eine vegane ErnƤhrung bei GDM wird nicht empfohlen. Sie erfordert sehr spezielle diƤtetische Kenntnisse, um Mangelerscheinungen wƤhrend der Schwangerschaft und im Postpartum zu vermeiden, und birgt das Risiko einer erhƶhten Kohlenhydratzufuhr über den Tag.
Schlussfolgerung
Laut der Endocrine Society wird allen schwangeren Frauen mit GDM eine Ernährungsberatung empfohlen (15). Die Rolle der Ernährungsberaterin besteht darin, Ernährungsanpassungen vorzuschlagen, die sich nach dem Appetit der Patientin, ihren Präferenzen, ihrer Gewichtskurve und ihrem BMI vor der Schwangerschaft, der Entwicklung ihrer Blutzuckerwerte und gegebenenfalls der Insulinverschreibung richten. Die Herausforderung besteht darin, ein gutes Blutzuckergleichgewicht zu fördern, gleichzeitig eine angemessene Nährstoffzufuhr zu gewährleisten und die Gewichtszunahme der Patientin innerhalb der Richtlinien zu halten. Einschränkungen und spezielle Diäten bei GDM können Risiken für die schwangere Frau und den Fötus mit sich bringen. Sie sollten daher von einem qualifizierten medizinischen Team überwacht werden.
Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Die heutigen Studien empfehlen für Frauen mit Schwanger- schaftsdiabetes (GDM) eine ähnliche Kalorienzufuhr wie für Schwangere ohne GDM
Die Erhƶhung des Ballaststoffanteils in der Nahrung ist
eine der ersten Massnahmen, die im Zusammenhang mit GDM vorgeschlagen werde
Wir empfehlen eine Messung der Ketonkƶrper, wenn die ĀErnƤhrung weniger als 100āg Kohlenhydrate pro Tag enthƤlt, die nicht gut über den Tag verteilt sind.
Eine diätetische Betreuung ist allen Frauen mit einer übermässigen Gewichtszunahme in den ersten Monaten der Schwangerschaft oder mit einem hohen Ausgangs-BMI zu empfehlen.
Die Hypochrondrie hat eine lange Entstehungsgeschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Bis heute wird sie psychiatrisch-diagnostisch im ICD-10 innerhalb der somatoformen Stƶrungen aufgeführt, im noch nicht in deutscher Sprache vorliegenden ICD-11 wird die Hypochondrie jedoch nicht mehr als somatoforme Stƶrung gelten, sondern unter Zwangsstƶrung und verwandte Stƶrungen zu finden sein. Hypochondrische Patienten werden immer wieder als Simulanten bewertet und laufen somit Gefahr, von Ćrzten nicht ernstgenommen zu werden. Die skeptische oder gar entwertende Ƥrztliche Haltung wird dem Leiden der Patienten und dem oft jahrelangen Kampf mit ihren Ćngsten jedoch nicht gerecht. Sie führt vielmehr zu einer Akzentuierung der Psychopathologie und protrahierten KrankheitsverlƤufen mit konsekutiver Erhƶhung der heute in der Medizin primƤr relevanten Therapiekosten. Hypochondrie als psychische Stƶrung ist eine ernsthafte Erkrankung mit gravierendem Gesundheitsverlust. Die BeeintrƤchtigungen in beruļ¬ichen, familiƤren und sozialen Funktionen betreffen den gesamten Lebensentwurf und haben schwere EinschrƤnkungen der LebensqualitƤt zur Folge. Meist erfordert diese Krankheit eine multimodale Therapie, die eine empathische Ƥrztliche Führung und eine spezialisierte psychotherapeutische Intervention beinhaltet.
Hypochondria has a long history dating back to antiquity. To this day, it is listed in the ICD-10 as a psychiatric diagnosis within somatoform disorders; in the ICD-11, which is not yet available in German, hypochondria will no longer be considered a somatoform disorder but will be found under obsessive-compulsive disorder and related disorders. Hypochondriac patients are repeatedly judged as malingerers and run the risk of not being taken seriously by doctors. However, the skeptical or even devaluing attitude of doctors does not do justice to the suffering of patients and the often years-long struggle with their fears. Rather, it leads to an accentuation of the psychopathology and protracted disease progression with a consecutive increase in the therapy costs that are primarily relevant in medicine today. Hypochondria as a mental disorder is a serious illness with serious health consequences. It leads to impairments in professional, family and social functions, thus affecting the entire life plan with severe restrictions in the quality of life as a consequence. In most cases, this illness requires multimodal therapy, which includes a precise somatic assessment and psychotherapeutic treatment. Key words: hypochondria, somatoform disorder, obsessive-compulsive disorder
Grundlegende Aspekte der Hypochondrie
Die Hypochondrie wurde erstmals bei Galen von Pergamon als Morbus hypochondriacus erwƤhnt, und zwar als Unterart der Melancholie. Die Vorstellung in der damals herrschenden SƤftelehre, dass die Milz als Organ im Hypochondrium (unter dem Rippenknorpel) mit schwarzer Galle überschwemmt würde und dies zu Oberbauchbeschwerden führe, hielt sich bis in das 17.āJahrhundert. Aus der Melancholie heraus entstand das Symptomenspektrum der vegetativen Beschwerden i. S. von gastrointestinalen, kardiovaskulƤren und seelischen BeeintrƤchtigungen. Im 18.āJahrhundert wurde die Entwicklung zur eigenen Erkrankung eingeleitet, man ging bei der Hypochondrie, die damals ihren Hƶhepunkt erreichte, nun von einer Nervenerkrankung aus. Sie galt damals als Zeichen hƶherer geistiger Veranlagung und war als Zivilisationserkrankung vor allem in England weitverbreitet. Die zur Hypochondrie gezƤhlte Symptomatik nahm in der Folge an Umfang immer mehr zu und die Abgrenzung zu anderen kƶrperlichen und psychischen Erkrankungen wurde entsprechend schwieriger. Die Krankheitsbezeichnungen Ƥnderten sich, die Hypochondrie wurde zur Neurasthenie, zur Nosophobie, und spƤter wieder zur Pseudoneurasthenie. Seit 1980 wird die Hypochondrie im ICD-10 unter den somatoformen Stƶrungen aufgelistet, diese Kodierung gilt unverƤndert bis eine offizielle deutsch-sprachige Version des ICD-11 vorliegen wird. Bereits 2013 wurde die Hypochondrie im DSM V jedoch durch die Krankheitsangststƶrung ersetzt, da die Diagnose Hypochondrie nun als für Patienten entwertend eingestuft wurde. Die Ein-Jahres-PrƤvalenz der Hypochondrie liegt je nach Untersuchung zwischen 1-10 Prozent, beide Geschlechter sind etwa gleich hƤufig betroffen. Der typische Beginn der Stƶrung liegt zwischen dem 16. und 30.āLebensjahr, doch auch Kinder kƶnnen hypochondrische Ćngste entwickeln. Frühere epidemiologische Untersuchungen in Deutschland zeigten die somatoformen Stƶrungen als dritthƤufigste psychische Stƶrung nach den Angst- und den affektiven Stƶrungen. Eine schwere AusprƤgung der Hypochondrie ist zudem mit einem erhƶhtes Suizidrisiko verbunden. Ungünstig für die Prognose gelten wie bei anderen psychischen Erkrankungen niedriger sozioƶkonomischer Status, chronisches Stresserleben und soziale Isolation.
Die Krankheitsangst ist gekennzeichnet durch Ćngste bzw. der angstvollen Ćberzeugung, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden kƶrperlichen Erkrankungen zu leiden oder diese zu bekommen. Die Ćngste und die unablƤssige BeschƤftigung mit dem eignen Kƶrper als Kernsymptome entstehen durch eine Fehlinterpretation von kƶrperlichen Funktionen und Empfindungen und belasten die Patienten massiv (Tab.ā1). Die Ćberbewertung von kƶrperlichen Symptomen und die zunehmende drƤngende Angst davor, an einer schweren Erkrankung zu leiden, führen Patienten in die Ćrztepraxen, wo sie oft DauergƤste werden und meist verzweifelt die Rückversicherung und Gewissheit darüber suchen, dass sie doch nicht durch ihren Kƶrper bedroht sind. Gewisse Autoren wollten die Hypochondrie deshalb auch mehr den Angst- oder den Zwangsstƶrungen denn den somatoformen Stƶrungen zugeordnet wissen, da die Krankheitsangst eben vorherrschend ist und die BeschƤftigung mit der Kontrolle des Kƶrpers und dessen Funktionen zwanghaften Charakter annehmen kann. Die Beobachtung des Kƶrpers im Sinne einer erhƶhten Aufmerksamkeitszuwendung mit nachfolgend katastrophisierender Interpretation endet im Teufelskreis. Das Checking Behavior, also das andauernde Suchen nach und die Kontrolle von verdƤchtigen Symptomen z.B. stƤndiges Abtasten, Abhƶren, Messen des Blutdrucks etc., führt zunehmend zur Verunsicherung und chronischen Belastung in der Beziehung zum eigenen Kƶrper. Funktionelle Kƶrperbeschwerden sind zuweilen auch selbstlimitierend, doch bei allen Somatisierungsstƶrungen besteht durch den Grundcharakter der Erkrankung eine Tendenz zur Chronifizierung. Die ĆbergƤnge zwischen den einzelnen Somatisierungsstƶrungen sind darüber hinaus fliessend, was das diagnostische Handeln erschweren kann.
Patienten, die an einer hypochondrischen Stƶrung leiden, haben meist Angst, an einer Krebs-, Herz- oder einer Erkrankung des Nervensystems, z.B. multiple Sklerose oder Parkinson, zu erkranken oder bereits erkrankt zu sein. HƤufig sind auch Ćngste vor lebensbedrohlichen Infektionserkrankungen. Im Gegenzug entwickeln Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen (depressive Stƶrung, Angststƶrung, Panikstƶrung, ZwangsĀstƶrung, psychotische Erkrankung oder andere Somatisierungsstƶrungen) hƤufig eine Krankheitsangst. Eine entsprechende KomorbiditƤt bedeutet eine schwierigere diagnostische Mengenlage und erhƶht entsprechend die TherapiekomplexitƤt.
Die Mehrzahl der hypochondrischen Patienten wollen ihre Ćngste loswerden und Ā«benutzenĀ» ihre Krankheit sodann nicht, um damit in erster Linie ihre persƶnlichen Probleme zu bewƤltigen, andere mit ihrer Krankheitsangst zu manipulieren oder gar frühzeitig in die Rente gehen zu kƶnnen. Sie haben Angst davor, schwer krank zu sein oder krank zu werden. Der immer wieder aufgeführte sekundƤre Krankheitsgewinn bei Patienten mit funktionellen Stƶrungen führt als Matrize in der Behandlung auf beiden Seiten nur allzu oft zur Frustration und Misstrauen, zu hƤufigerem Arztwechsel und zu Erhƶhung der Behandlungskosten. Wenn Patienten mit hypochondrischen Ćngsten Zweifel an der Medizin Ƥussern, dann wollen sie diese auch nicht primƤr entwerten, sondern zum Ausdruck geben, dass sie sich von ihr nicht abgeholt fühlen. Krankheitsangst ist in vielen FƤllen Ausdruck von Angst vor dem Tod, also dem totalen Kontrollverlust, der durch die Fokussierung auf die Kƶrperfunktionen mƶglichst lange ferngehalten werden soll. Da diese Aufgabe so schwer ist und sich immer wieder von neuem stellt, weil man selbst und auch der Kƶrper prozessual und damit verƤnderlich ist, benƶtigen hypochondrische Patienten eine Unmenge an Zeit und Energie mit der Auseinandersetzung und der Kontrolle ihrer Kƶrperfunktionen.
Ćtiologie und Pathogenese
Bis heute fehlt ein einheitliches ErklƤrungsmodell für die Entstehung der somatoformen Stƶrungen und somit auch für die Hypochondrie. Im biopsychosozialen Modell wird versucht, den Einfluss verschiedener Faktoren aufzuzeigen bzw. erklƤrbar zu machen. So werden genetische wie epigenetische Faktoren (familiƤre HƤufung) ebenso diskutiert wie eine reduzierte Stressverarbeitungskompetenz oder die Persƶnlichkeitsstruktur per se. Zwillingsstudien haben jedoch gezeigt, dass Umweltfaktoren wohl einen übermƤssigen Einfluss auf die Entwicklung von Krankheitsangst darstellen und diese somit vorwiegend ein erlerntes PhƤnomen darstellt. Psychosoziale Belastungen, ein akzentuiertes Kƶrperbewusstsein sowie starke frühkindliche Stresserfahrungen und Bindungsunsicherheit kƶnnen für die Ausbildung einer Hypochondrie mitverantwortlich sein. Verschiedene andere Aspekte scheinen die AnfƤlligkeit für eine hypochondrische Stƶrung zu erhƶhen. So kann das elterliche Verhalten, welches eine übermƤssige Aufmerksamkeit auf kƶrperliche Symptome aufweist, KrankheitsƤngste bei Kindern fƶrdern. Die dann folgende intensive BeschƤftigung mit der eigenen Gesundheit und dem Kƶrper in Kombination mit der Vorstellung, erhƶht anfƤllig für Krankheiten zu sein, sind weitere prƤdisponierende Faktoren. Kƶrperlicher Missbrauch und sexuelle Ćbergriffe sind neben anderen stark negativ einwirkenden Erlebnissen, wie schwere Erkrankungen oder TodesfƤlle in der Familie, zudem Einflussgrƶssen, welche die Entwicklung von KrankheitsƤngsten fƶrdern kƶnnen. Pathogenetisch sind wohl v.a. sogenannte Teufelskreise für die Eskalation der Angst verantwortlich. Persƶnliche Erlebens-, Verhaltens- und Reaktionsbereitschaften und/oder Ƥussere Belastungen halten die Symptomatik aufrecht und führen im Zusammenhang mit dysfunktionalem Lernen zur Chronifizierung der Krankheit (Tab. 2, Tab. 3).
Verhaltenssyndrom Cyberchondrie
Keinem Menschen ist fremd, dass man Angst vor Krankheiten hat. Die Datenlage ist nicht sehr dicht, jedoch liefern Studien seit der letzten Pandemie vermehrt Anhaltspunkte dafür, dass solche Angst bei Menschen mit entsprechender PrƤdisposition durch die allgegenwƤrtige Mƶglichkeit, sich über Krankheiten informieren zu kƶnnen, verstƤrkt werden kann und in der Bevƶlkerung zunimmt. Der Ausdruck Cyberchondrie wurde bereits 1999 geprƤgt und ein Grossteil der Internetnutzer suchen weiterhin nach gesundheitsbezogenen Themen. Doctor Google stellt den Zugang zu medizinischen Informationen ununterbrochen sicher und solange gewisse Kompetenzen im Umgang mit Gesundheitsfragen vorliegen, muss solches Suchverhalten noch nicht zu schwerwiegenden Problemen führen. Es kann auch entsprechende Ćngste reduzieren. Je ƶfter und intensiver jedoch gesucht wird, desto mehr kann gefunden werden und umso grƶsser fƤllt der Vertrauensverlust in die eigene Biologie aus. So kann die starke BeschƤftigung mit Krankheiten im Internet nicht nur bei Menschen mit instabiler EmotionalitƤt zu erheblicher Verunsicherung in der Beziehung zum Kƶrper führen, sondern auch bei vormals unauffƤlligen Menschen ein ungünstiges Gesundheitsverhalten durch die dort aufgefundenen, oft auch unseriƶsen Informationen und Empfehlungen triggern. Wird die Online-Recherche exzessiv, resultiert dies in einer persƶnlichen Belastung mit erhƶhter Angst und Stressempfinden. Der Drang oder auch Zwang, im Internet nach der einzig richtigen Antwort auf medizinische Fragen zu suchen, wird immer weiter perpetuiert. Je stƤrker sich Menschen durch eine Krankheit bedroht erleben und je weniger sie mit der daraus resultierenden Verunsicherung umgehen kƶnnen, desto schƤdlicher werden Recherchen im Cyberraum. Die Cyberchondrie ist keine Diagnose, sondern beschreibt einerseits das Verhalten des bereits hypochondrischen Patienten, welches die Symptomatik perpetuiert und eskalieren lassen kann. Cyberchondrie beschreibt andererseits auch das ausgeprƤgte Suchverhalten im Netz nach Krankheiten, das in die Hypochondrie mündet.
Die Behandlung hypochondrischer Patienten
Die Grundversorgung von Patienten mit Krankheitsangst erfolgt durch den Hausarzt oder den somatischen Facharzt. Dabei hilfreich ist die «Sowohl-als-auch-Perspektive», die somatische und psychosoziale Krankheitsaspekte berücksichtigt. Die sorgfältige Befragung sowie das aufmerksame Zuhören und Nachfragen auch während der körperlichen Untersuchung festigen die Arzt-Patienten-Beziehung. Diagnostische Wachsamkeit (Visionsfähigkeit) bei gleichzeitig diagnostischer Zurückhaltung sowie Empathie führen zu einer grösseren Behandlungszufriedenheit und damit zu einem günstigeren Verlauf und einer verbesserten Prognose. Der Ausschluss von somatischen Ursachen erfolgt über die körperliche Untersuchung (EKG, Routinelabor inkl. Schilddrüsenhormonbestimmung), oft sind jedoch weitere fachärztliche Abklärungen notwendig und sinnvoll, die eine zumindest intermittierende Beruhigung des Patienten bewirken können. Patienten mit Krankheitsangst durchlaufen lange Krankheitsphasen, damit verbunden ist meist eine lange Behandlungsodyssee. Sie finden nicht einfach durch gutgemeinte medizinische Ratschläge in die Gesundheit zurück. Hypochondrische Patienten sind auch keine Simulanten, doch erleben sie sich oft als solche bewertet. Aussagen wie «Sie haben nichts», «Sie sind kerngesund» oder «Schauen Sie einfach nicht mehr im Internet nach» können bei ihnen nicht zum Behandlungsziel führen, sondern nur im Vertrauensverlust gegenüber dem Arzt enden.
In der primƤrƤrztlichen Behandlung kann durch die Diskrepanz in den Ursachenüberzeugungen beim Behandler rasch einmal das Gefühl der Inkompetenz, der Unsicherheit und der Hilflosigkeit entstehen. Dies lƤuft dem generellen Ƥrztlichen Selbstbild jedoch komplett zuwider und das verzweifelte oder appellative Bestehen auf die Fortsetzung von Untersuchungen führt im weiteren Verlauf beim Behandler zu Ungeduld, Erschƶpfung, Ablehnung und zur Exkommunikation von Patienten. Schlussendlich werden sie vom Arzt im Wartezimmer gefürchtet und man mƶchte sie gerne loswerden. Hypochondrische Patienten sind anspruchsvolle Patienten, kƶnnen idealisierende Erwartungen an die Behandlung hegen und sind entsprechend enttƤuschungsbereit. Wenn trotz tragfƤhiger Arzt-Patienten-Beziehung die hypochondrische Symptomatik persistiert oder zunimmt, führt an einer multimodalen Behandlung nichts vorbei. Die Ćberweisung an einen Psychiater, Psychosomatiker oder entsprechend spezialisierten psychologischen Psychotherapeuten sollte dann behutsam vorbereitet werden. Die Herstellung der Motivation für eine psychotherapeutische Intervention stellt bereits ein relevantes Therapieziel dar und ist bei Patienten mit Krankheitsangst nur durch geduldiges Vorgehen erreichbar.
In jeglicher Psychotherapie ist die Bearbeitung von subjektiven und objektiven Belastungsfaktoren sowie traumatischen Erfahrungen hochrelevant. Lƶsungsorientierte Verfahren wie die systemische Therapie und die Verhaltenstherapie fokusieren neben der Bearbeitung der hypochondrischen Ćngste auch auf die Herstellung eines realistischen Gesundheitsbegriffs und auf die VerƤnderung der KausalitƤtsattribution.
Kƶrpertherapeutische Verfahren mit Kƶrperwahrnehmungsübungen, Entspannungstherapien und Biofeedback kƶnnen, immer vor dem Hintergrund einer stabilen, vertrauensvollen psychotherapeutischen Situation, KrankheitsƤngste auflƶsen oder in ihrer IntensitƤt reduzieren. Doch auch regelmƤssige Bewegung (tƤgliches Marschieren von einer Stunde Dauer oder auch leichtes Jogging) führt zu einem AktivitƤtsaufbau und gleichzeitig zu einer Verminderung von Schonverhalten. Kƶrperliche BetƤtigung ist i.S. einer vertrauensbildenden Massnahme hochrelevant und stƤrkt lƤngerfristig die Beziehungssicherheit zum eigenen Kƶrper. Für eine medikamentƶse Behandlung von hypochondrischen Stƶrungen mit Psychopharmaka besteht keine gesicherte Evidenz. Auch in Kombination mit Verhaltenstherapie scheinen Antidepressiva keinen Vorteil darzustellen. Bei primƤrdiagnostisch vorliegender Depression, einer Angst- oder Zwangsstƶrung kƶnnen Psychopharmaka bei ausgewƤhlten Patienten einen positiven Effekt erzielen. Hinsichtlich der Antidepressiva soll einmal mehr darauf hingewiesen werden, dass diese oft eine zu geringe EffektstƤrke zeigen, zu spƤt wirksam werden und zu hƤufig Nebenwirkungen haben. Der Einsatz von Psychopharmaka bei somatoformen Stƶrungen ist generell zu diskutieren und sehr genau abzuwƤgen, da diese Patienten auf Medikamente und deren Nebenwirkungen stark sensibilisiert sind und entsprechend hƤufig mit negativen Reaktionen darauf zu rechnen ist. Auftretende Nebenwirkungen kƶnnen die Behandlung stark irritieren und hypochondrische Ćngste amplifizieren, sodass das Vertrauen von Patienten in das Therapiekonzept strapaziert wird. Der Einsatz von Neuroleptika ist bei den somatoformen Stƶrungen abzulehnen, ebenso ist auch hier beim lƤngeren Einsatz von Benzodiazepinen mit dem Risiko einer AbhƤngigkeitsentwicklung zu rechnen.
Schlussanmerkungen
Stressempfinden, Beklemmung, Angstsensitivität, Angststörungen und Depressionen haben in der Bevölkerung nicht erst seit der Corona-Pandemie zugenommen. Die heutige Zeit wartet nicht nur exklusiv mit der Möglichkeit einer neuen Pandemie auf, es gibt weitere gute Gründe dafür, um unsicherer und angstvoller durch das Leben zu gehen: Breite Haltarmut, Bedeutungs- und Werteschwund, der Abbau von lange als selbstverständlich vorausgesetzten, nun nur noch vermeintlichen Sicherheiten (Arbeitsplatzverlust, Rentenunsicherheit, Messerattacken etc.) und auch andere globale existentielle Bedrohungen wie etwa die Klimakrise (Stichwort eco-anxiety) sowie der Krieg in Europa. Fitness-Hype und mental-health-awareness sind Phänomene, die auch in Verbindung mit der in aktuellen Studien nachgewiesenen Zunahme von Krankheitsängsten gelesen werden können. Je stärker das Stressempfinden und je grösser das allgemeine Unbehagen, umso mehr verbreitet sich Angst und umso stärker kann sich bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Kontrolle und mehr Sicherheit anmelden. Wenn die Welt zunehmend ins Wanken zu geraten scheint, so sollte jedoch wenigstens der eigene Körper möglichst lange gut funktionieren. Die Hypochondrie ist eine sehr alte Erkrankung, sie macht sich offenbar auf den Weg, als Zeiterscheinung zunehmend prominenter aufzutreten und sie bindet auch bereits in leichterer Ausprägung Ressourcen im Medizinalsystem. Junge Menschen, denen es medizinisch an nichts fehlt, sogenannte «worried well», die sich ausgiebig mit sich selbst beschäftigen, sind immer häufiger in Arztpraxen und in Notfallstationen anzutreffen. Sie wollen sicher gehen, dass der Körper keinen Anschlag auf sie plant und ihnen nicht geschieht, wie sie es in einem tragischen Beispiel auf YouTube oder Tiktok gesehen haben. Darüber hinaus machen die Werbe- und Präventionskampagnen von Versicherern, der medizinischen Zentren und Informationsveranstaltungen der Spitäler und spezialisierten Kliniken dauernd auf schwere Erkrankungen aufmerksam: «Betrübt oder schon depressiv?», «Multiple Sklerose, und Sie?». Neben der präventiven Medizin mit ihren Aufklärungskampagnen als Geschäftsmodell kommen die unzähligen medizinischen Sendungen und Arztserien hinzu. Menschen bekommen dadurch von Krankheiten Kenntnis, von denen sie noch nie etwas gehört haben und sie fragen sich ernsthaft, ob sie nicht bereits an entsprechenden Symptomen leiden. Menschen, die sensibilisiert bzw. prädisponiert sind, überschätzen jedoch Gesundheitsbedrohungen und verlieren sich dann krankhaft im Versuch, die Angst vor Krankheiten wieder los zu werden. Hypochondrische Patienten haben keine Lobby und leben aus diversen Gründen oft alleine mit ihrer Angst. Umso mehr geht es in deren Behandlung prioritär um eine tragfähige und stabile Arzt-Patienten-Beziehung und weniger um Algorithmen oder personalisierte Medizin. Die sprechende Medizin hat im professionellen Umgang mit Patienten, die unter Krankheitsangst leiden, wie in so vielen anderen Behandlungssituationen, schlicht die Hauptrolle.
Zentrum für Psychiatrie und
Psychotherapie rechter Zürichsee Küsnacht
Dorfstrasse 5
8700 Küsnacht
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Hypochondrische Patienten sind keine Simulanten oder Rentenbegehrer und sie wollen auch nicht einfach nur Aufmerksamkeit und Zuwendung von den Ćrzten. Hypochondrische Patienten mƶchten vor allem ihre Ćngste loswerden.
Hypochondrische Patienten kämpfen meist einsam und über lange Zeit mit ihrer Krankheitangst und werden von der Medizin oft nicht adäquat abgeholt. Sie erfordern vor allem eine empathische ärztliche Haltung, die sie unmissverständlich in ihrem Kranksein mit allen Facetten ernstnimmt.
Hypochondrische Patienten sind anspruchsvolle Patienten, die meist langfristig ärztliche Begleitung und Unterstützung benötigen und den Behandler sowohl auf der somatischen als auch auf der psychischen Krankheitsebene entsprechend herausfordern.
Ćrzte benƶtigen bei Patienten mit Krankheitsangst VisionsĀfƤhigkeit (richtiges Erkennen der geschilderten somatischen Symptome und der gleichzeitig vorliegenden psychischen Problematik), Interesse und WertschƤtzung, MotivationsĀkonstanz und Durchhaltevermƶgen. Die Behandlung hypochondrischer Patienten ist mƶglich, erfordert jedoch meist eine multimodale Strategie.
– Morschitzki H, Hartl T: Die Angst vor Krankheiten verstehen und überwinden. Patmos Mannheim 2012
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Die Helicobacter pylori Infektion zƤhlt weiterhin zu den hƤufigsten chronischen Infektionen weltweit. Im Falle einer positiven Testung ist immer eine Eradikationstherapie empfohlen, da die Infektion zu schwerwiegenden gastroduodenalen Pathologien führen kann. Eine grosse Herausforderung in der Eradikationstherapie stellen die steigenden Resistenzraten gegen die üblicherweise eingesetzten Antibiotika ā Clarithromycin, Metronidazol und Levofloxacin ā dar. Auch in der Schweiz liegen die Resistenzraten dieser Antibiotika bereits weit über 15ā%. Folglich wurde die bisher übliche empirische Erstlinientherapie, die Standard Triple-Therapie (Amoxicillin + Clarithromycin + PPI), in den deutschen und europƤischen Leitlinien durch die Bismut-haltige Vierfachtherapie, PyleraĀ® (Bismut + Metronidazol + Tetrazyklin + PPI), ersetzt. Erst bei Therapieversagen der empirischen Erstlinientherapie wird eine Resistenzprüfung empfohlen. Letztlich verlangt der dramatische Anstieg der Resistenzraten eine Umstellung auf eine resistenzgerechte Erstlinientherapie. Diese Anpassung ist bereits in der im letzten Jahr erschienenen Schweizer Richtlinie zu finden.
Helicobacter pylori infection is one of the most common chronic bacterial infections worldwide. If a test results positive, treatment should follow because chronic H. pylori gastritis can lead to severe gastroduodenal pathologies. The challenge of eradication therapy is the rising resistance rates to commonly used antibiotics ā Clarithromycin, Metronidazole, and Levofloxacin ā in H. pylori treatment. In Switzerland as well, resistance rates surpass 15ā%. Consequently, in the German and European Guidelines, the customary standard triple therapy (Amoxicillin + Clarithromycin + PPI) has been replaced by the Bismuth-containing Quadruple therapy, PyleraĀ® (Bismuth + Metronidazole + Tetracycline + PPI). Resistance testing is recommended only after treatment failure of empiric first-line therapy. In contrast, the recently published Swiss Guideline recommends first-line eradication therapy only after susceptibility testing. The dramatic increase in antibiotic resistance rates will lead to abandoning empirical antibiotic therapy in favor of prior resistance testing. Key words: H. pylori infection, susceptibility testing, Bismuth-containing Quadruple therapy
Allgemeines
Die Helicobacter pylori (H. pylori) Infektion zƤhlt weiterhin zu den hƤufigsten chronischen bakteriellen Infektionen. Spontane Ausheilungen wurden zwar bei Kleinkindern beschrieben, sind jedoch im Jugend- und Erwachsenenalter kaum zu erwarten (1). Ćblicherweise wird die H. pylori Infektion in der Kindheit erworben, wobei der genaue Ćbertragungsweg weiterhin unklar ist. Als Risikofaktoren für eine Infektion sind ein niedriger sozioƶkonomischer Status, infizierte Familienmitglieder und mangelnde hygienische VerhƤltnisse bekannt (2, 3). Ein Grossteil (ca. 80ā%) der Patienten mit einer H. pylori Infektion sind beschwerdefrei. Symptomatische Patienten beklagen in der Regel epigastrische Schmerzen und dyspeptische Beschwerden oder prƤsentieren sich mit Blutungskomplikationen (4). Durch die Infektion mit H. pylori entwickelt sich eine chronische Gastritis, was im Verlauf zu schwerwiegenden gastroduodenalen Pathologien führen kann, unter anderem gastrale oder duodenale Ulcera, gastrale MALT (Mukosa-assoziiertes lymphatisches Gewebe) – Lymphome oder Adenokarzinome des Magens (5-7).
Zur Diagnosestellung einer H. pylori Infektion stehen sowohl invasive als auch nicht-invasive Methoden zur Auswahl. Zu den nicht-invasiven Methoden zƤhlen der 13C-Harnstoff-Atemtest, die Stuhlantigentestung und die Bestimmung der IgG-Antikƶrper im Serum. Als invasive Methoden stehen die mittels Gastroskopie gewonnene Histologie, Urease-Schnelltest, Kultur und PCR zur Verfügung. Vor allem in LƤndern mit einer niedrigen H. pylori PrƤvalenz sind zwei verschiedene positive Tests zur verlƤsslichen Diagnosestellung empfohlen. Dies ist im klinischen Alltag jedoch nicht immer umsetzbar. Eine Ausnahme besteht für folgende drei FƤlle: Bei einer positiven Histologie mit chronisch aktiver Gastritis, einem Duodenalulcus mit einem positiven Testresultat oder bei einer positiven H. pylori Kultur alleine, ist keine zweite Testmethode notwendig, da in diesen FƤllen die SpezifitƤt bei nahezu 100ā% liegt (8).
Da nicht nur H. plyori eine hohe Urease-AktivitƤt besitzt, kann es bei Urease-abhƤngigen Testmethoden (Atemtest, Urease-Schnelltest) im Falle einer bakteriellen Dünndarmfehlbesiedelung zu falsch positiven Resultaten kommen (10). Die SensitivitƤt aller Testmethoden, mit Ausnahme der Antikƶrperbestimmung im Serum, ist abhƤngig von der Bakteriendichte. Im Falle einer niedrigen Bakteriendichte, u.A. durch Therapie mit PPI wƤhrend des Entnahmezeitpunktes, kürzlicher Antibiotikatherapie, bei Nachweis eines Magenkarzinoms/MALT-Lymphoms, grossflƤchiger mukosaler Atrophie und intestinaler Metaplasie sowie nach Magenteilresektionen, ist die SensitivitƤt der Testmethoden reduziert (11-13). Eine PPI-Therapie sollte optimalerweise zwei Wochen vor Testung gestoppt werden (8). Des Weiteren wird durch eine akute obere gastrointestinale Blutung die SensitivitƤt um 5-30ā% reduziert (14). Einzig die Antikƶrperbestimmung im Serum wird nicht beeinflusst durch eine gastrointestinale Blutung oder herabgesetzte Bakteriendichte. Dennoch ist die Antikƶrperbestimmung nicht als Eradikationskontrolle, generell und in AusnahmefƤllen (z.B. niedrig-Endemiegebiete), zu empfehlen, da die Antikƶrper für mehrere Jahre positiv bleiben (9). Zusammenfassend sind sowohl die H. pylori Stuhl Antigenbestimmung und der 13C-Harnstoff-Atemtest die nicht-invasiven Testmethoden der Wahl.
Wird H. pylori nachgewiesen, ist immer eine Eradikationstherapie empfohlen (15). Ein Spezialfall stellt das gastrische MALT-Lymphom dar. Hier wird unabhängig vom H. pylori Status eine Eradikationstherapie durchgeführt (16). Nach jeder H. pylori Therapie muss auch eine Eradikationskontrolle erfolgen. Die Kontrolle sollte mittels Stuhlantigenbestimmung oder 13C-Harnstoff-Atemtest durchgeführt werden, frühestens vier Wochen nach Beendigung der antibiotischen Therapie und zwei Wochen nach Absetzen der PPI Therapie (8, 9).
Rolle der Protonenpumpeninhibitoren in der Eradikationstherapie
Bei der Eradikation des H. pylori spielen neben Antibiotika auch hoch dosierte PPI eine relevante Rolle. H. pylori überlebt zwar zwischen pH 4 und pH 8, die aktive Replikation findet jedoch hauptsƤchlich bei pH-Werten zwischen 6 und 7 statt. Da H. pylori nur in der Teilungsphase empfindlich für Amoxicillin und Clarithromycin (CLR) ist, ist eine Erhƶhung des pHs im Magen durch PPIs essentiell für eine erfolgreiche Eradikationstherapie (17). Es wird eine Hochdosistherapie mit mƶglichst hochpotenten PPIs (z.āB. Esomeprazol, Rabeprazol oder Dexlansoprazol), mindestens 30 Minuten vor dem Essen empfohlen (18).
Der Kalium-kompetitive SƤureblocker, Vonoprazan, unterscheidet sich von den klassischen PPIs unter anderem durch den rascheren Wirkungseintritt, eine lƤngere Wirkdauer sowie eine reversible Bindung. Internationale ĀStudien zeigten hƶhere Eradikationsraten der Vonoprazan-basierten Triple-Therapie im Vergleich zur konventionellen Triple-Therapie (Amoxicillin (AMX), Clarithromycin (CLR) + Lansoprazol). Obwohl in Japan bereits seit 2015 und in den USA seit 2022 zugelassen, ist das Produkt in der Schweiz zurzeit nicht erhƤltlich (19).
Antibiotische Therapie und damit verbundene Herausforderungen
Für die H. pylori Eradikation stehen verschiedene Therapieschemata zur Verfügung (Tab. 2). Als gängiges Schema kommt die Standard-Triple-Therapie aus AMX, CLR und PPI zum Einsatz, wobei CLR alternativ durch Levofloxacin (LVX) ersetzt werden kann. Die LVX-basierte Triple-Therapie kann auch um Bismut zur Vierfachtherapie erweitert werden. Alternativ kann eine Metronidazol (MTZ)-basierte Triple-Therapie mit AMX, MTZ und PPI erfolgen. Eine weitere Option stellt die Bismut-haltige Vierfachtherapie aus Bismut, Tetrazyklin und MTZ plus PPI dar. Hier steht das 3-in-1 Kombinationspräparat, Pylera®, zur Verfügung. Unter der konkomittierenden Vierfachtherapie, auch Nicht-Bismut-haltige Vierfach-therapie genannt, versteht man eine Kombination aus PPI, CLR, AMX und MTZ. Weiters besteht die Option einer Rifabutin (RFB)-Triple-Therapie aus RFB, AMX und PPI. Für die Triple-Therapien und konkomittierende Vierfachtherapie ist klar eine Therapiedauer von 14 Tagen empfohlen, da mit einer längeren Therapiedauer höhere Eradikationserfolge erzielt werden können (8, 9). Für die Bismut-haltige Vierfachtherapie wird eine Therapiedauer von 10 bis 14 Tagen empfohlen, wobei hinsichtlich hoher MTZ-Resistenzraten ebenfalls eine längere Therapiedauer präferiert werden sollte (9, 20).
Die grƶsste Herausforderung der Eradikationstherapie stellen die steigenden H. pylori Resistenzraten gegen CLR, LVX und MTZ dar. Bereits seit vielen Jahren liegen die Resistenzraten dieser Antibiotika in den meisten europƤischen LƤndern deutlich über 15ā% (22). In der Schweiz liegt die Resistenzrate für CLR bei bereits 41%, für LVX bei 26ā% und für MTZ bei 44ā%, wobei bei diesen Daten nicht zwischen Therapie-naiven und vorbehandelten Personen unterschieden wird (23). Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Eradikation deutlich mit jeder vorausgegangenen frustranen empirischen Eradikationstherapie sowie bei früherem Antibiotika-Einsatz aus anderer Indikation (24). Dennoch zeigen Daten des europƤischen Registers, Ā«European Registry on Helicobacter pylori managementĀ» (Hp-EuReg), dass die ĀStandard-Triple-Therapie aus AMX, CLR und PPI mit 39.4ā% weiterhin die hƤufigste rezeptierte Eradikationstherapie darstellt, wobei damit nur eine Eradikationsrate von 84% erzielt wird (25). Wenn man zwischen CLR-sensiblen und CLR-resistenten StƤmmen unterscheidet, finden sich für die 14-tƤgige Standard-Triple-Therapie Eradikationsraten von 90.2ā% (sensibel), gegenüber 46.2ā% (resistent) (25). Eine systematische Erhebung der CLR-Resistenzen würde eine Standard-Triple-Therapie bei 60ā90ā% der Patienten ermƶglichen, wodurch die Nachteile (schlechte VertrƤglichkeit, hohe Tablettenanzahl) der Bismut-haltigen Vierfachtherapie umgangen werden kƶnnen (9).
Eine weitere Herausforderung stellt die Patientencompliance bei der Vierfachtherapie mit Bismut, Tetrazyklin, MTZ und PPI dar. Sowohl die hohe Anzahl der Tabletten (min. 14 Tabletten tƤglich), als auch die hƤufige Einnahme (4 x tƤglich) und das hƤufige Auftreten von Nebenwirkungen (v.a. gastrointestinal) kƶnnen die TherapieadhƤrenz beeinflussen (26). Dennoch zeigt die Bismut-haltige Vierfachtherapie als empirische Erstlinientherapie Eradikationsraten von über 90ā% (27). Das fixe Kombinations-PrƤparat, PyleraĀ®, ist derzeit in einer Packungsgrƶsse für eine 10-tƤgige Therapie erhƤltlich. Da jedoch eine Therapie-dauer von 14 Tagen prƤferiert werden sollte, entstehen hier zusƤtzliche Kosten (9).
Resistenztestung
Eine Resistenztestung ist sowohl aus Magenbiopsien (Kultur oder molekulare Testung), als auch aus einer nativen Stuhlprobe (molekulare Testung) möglich (28). Leider wird eine Resistenztestung aus Stuhlproben bisher von keinem Schweizer Labor angeboten. Sofern nach Magenbiopsie eine Kultivierung von H. pylori gelingt, kann eine Empfindlichkeitstestung auf CLR, LVX, MTZ, AMX, Tetrazyclin und RFB erfolgen. Bei der molekularen Resistenzprüfung hingegen kann Polymerasekettenreaktion (PCR)-basiert auf CLR- und LVX-Resistenzen getestet werden (21, 28).
Eradikationstherapie gemƤss aktuellen Leitlinien
Das Ziel der antibiotischen Therapien ist eine Eradikationsrate von ā„90ā%, optimalerweise ā„95ā%, zu erreichen, um Resistenzentwicklung zu vermeiden und Patienten nicht unnƶtig zu belasten (29). Die weltweite Zunahme der Antibiotikaresistenzen und das schlechtere Ansprechen auf die üblichen empirischen Eradikationstherapien führten dazu, dass die Standard-Triple-Therapie als empirische Erstlinientherapie durch die Bismut-haltige Vierfachtherapie abgelƶst wurde und der Trend in Richtung resistenzgerechte EradikationsĀtherapien geht (8, 9, 21).
So wird im Vergleich zu der vorausgegangenen europƤischen Leitlinie von 2017 in der aktuellen Version von 2022 die Durchführung einer Resistenzprüfung (Kultur oder molekulargenetisch) vor der Erstlinientherapie und eine anschliessende resistenzgerechte Therapie als sinnvoll erachtet. Wenn eine Resistenzprüfung nicht mƶglich ist, sollte sich die empirische Therapie nach den lokalen Resistenzlagen richten. Wenn diese nicht bekannt sind, so muss von einer hohen PrƤvalenz an CLR-Resistenzen ausgegangen werden. Im Falle einer erwarteten hohen (>15ā%) CLR-Resistenzlage, so wie in der Schweiz, wird als Erstlinientherapie die Bismut-haltige Vierfachtherapie oder alternativ die nicht-Bismut-haltige (konkomittierende) Vierfachtherapie empfohlen. Als Zweitlinientherapie wird je nach vorangegangener Erstlinientherapie die LVX-basierte oder die Bismut-haltige Vierfachtherapie empfohlen. Als Drittlinientherapie kommt unter anderem die Rifabutin-Triple-Therapie in Frage (9, 30).
Die deutsche Leitlinie empfiehlt weiterhin eine empirische Erstlinientherapie. Erst im Falle eines Therapieversagens unter der Bismut-haltigen Vierfachtherapie soll eine antibiotische Resistenztestung mit anschliessend resistenzgerechter Zweitlinientherapie erfolgen. Bei Wahl der Erstlinientherapie wird nicht mehr, wie in der Ƥlteren Version von 2016, zwischen einer hohen und tiefen CLR-Resistenzlage unterschieden (8, 31).
Die im letzten Jahr erschienene schweizerische Richtlinie empfiehlt klar eine resistenzgerechte Erstlinientherapie. Es wird zwischen der molekularen genotypischen Resistenztestung (zwei Antibiotika) und der phänotypischen Resistenztestung (sechs Antibiotika nach Kultur von H. pylori) unterschieden. Nach molekularer Resistenztestung ohne Nachweis einer CLR-Resistenz ist eine Standard-Triple-Therapie empfohlen (Abb. 1). Im Falle einer CLR-Resistenz und LVX-Sensibilität sollte eine LVX-basierte Triple-Therapie gewählt werden. Bei CLR-Resistenz und unbekannter LVX Resistenzlage sowie bei CLR- und gleichzeitiger LVX-Resistenz ist eine Bismut-haltige Vierfachtherapie empfohlen. Vorteil der phänotypischen Resistenztestung ist, dass auf vier weitere Antibiotika getestet werden kann, was vor allem bei vorangegangenen, nicht erfolgreichen Eradikationstherapien sinnvoll ist. Die vollständige Tabelle mit Therapieempfehlungen nach phänotypischer Resistenztestung kann in der aktuellen Richtlinie der Schweizer Gesellschaft für Infektiologie eingesehen werden (21).
Ein Spezialfall bei der H. plyori Eradikation ist die Penicillin-Allergie. Es ist davon auszugehen, dass nur ein kleiner Teil (<5ā%) der Patienten mit anamnestischer Penicillin-Allergie auch tatsƤchlich eine immunmediierte HypersensitivitƤt aufweisen, so dass sich eine vorherige Allergie-Testung lohnen kann, um Patienten nicht unnƶtig von optimalen Therapien auszuschliessen (32). Im Falle einer Ā«echtenĀ» Penicillin-Allergie kann auf die Bismut-haltige Vierfach-therapie oder eine Fluorchinolon-haltige Triple-Therapie, z.B. PPI mit LVX und CLR, zurückgegriffen werden (9).
Fazit
Obwohl in den deutschen und europäischen Richtlinien weiterhin die empirische Erstlinientherapie der H. pylori Infektion verankert ist, zeigt sich ein klarer Trend in Richtung resistenzgerechte Eradikationstherapien. Die kürzlich publizierte Schweizer Richtlinie empfiehlt bereits eine resistenzgerechte Erstlinientherapie. Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren auch die internationalen Richtlinien in diese Richtung angepasst werden.
Copyright Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Christina Raichle
Kantonsspital Baselland, Zentrum Bauch,
UniversitƤres Zentrum Innere Medizin
Rheinstrasse 26
4410 Liestal
Prof. Dr. med. Emanuel Burri
Kantonsspital Baselland, Zentrum Bauch,
UniversitƤres Zentrum Innere Medizin
Rheinstrasse 26
4410 Liestal
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