Die diesjährige Jahrestagung der Schweiz. Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizinstand stand unter dem Motto Kreative Medizin, Erneuern und Weitergeben. Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in das Thema Schlaf und Hirngesundheit
Schlaf als aktiver Prozess zur Regeneration des Hirns
Wozu schlafen wir?
Dies die Eingangsfrage von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Claudio Bassetti, Dekan der med. FakultƤt der UniversitƤt Bern.
Die Antworten dazu waren
ā Zelle: um den zellulƤren Stress zu reduzieren bzw. Energie zu sparen
ā Kƶrper: Wachstum/Reparatur, Infektabwehr/Immunantwort, kardiovaskulƤre Gesundheit (Parasympathikus)
ā Gehirn: um toxische Substanzen aus dem Gehirn zu entfernen, um GedƤchtnis und Lernen zu konsolidieren.
Der Schlaf-/Wachzyklus ist ein aktiver Prozess des Gehirns. Es gibt verschiedene neuronale Netzwerke/Neurotransmitter. Der Schlaf wird homƶostatisch (Ā«BatterieĀ», Ā«sleep driveĀ») und zirkadian (Ā«innere UhrĀ», Ā«wake driveĀ») durch den suprachiasmatischen Nucleus (Melatonin) reguliert. Fünfundzwanzig Prozent der Bevƶlkerung schlafen weniger als empfohlen. Zwanzig bis dreissig Prozent der Bevƶlkerung leiden unter einer Schlafstƶrung (Insomnien, Hypersomnien, Parasomnien, Schlaf-Apnoe, RLS-Syndrom). Dies hat hohe Gesundheitsfolgen. Die LebensqualitƤt ist beeintrƤchtigt, die Lebenserwartung verkürzt, LeistungsfƤhigkeit und Resilienz sind reduziert. Es entstehen dadurch hohe Kosten (1ā3ā% des Bruttosozialprodukts).
Die Schlafcharakteristika über die gesamte Lebensspanne von 1.1 Mio. Personen aus den Niederlanden, Grossbritannien und den USA wurden in einem systematischen Review und Meta-Analyse von Kocevska beschrieben (Kocevska D et al. Nature Human Behaviour 2021; 5: 113ā122). Schlaflosigkeitssymptome traten am hƤufigsten bei Menschen auf, die ā„ā9 Stunden im Bett verbrachten, wƤhrend eine schlechte SchlafqualitƤt hƤufiger bei Personen auftrat, die weniger als 6 Stunden im Bett verbrachten. Die TST (Total Sleep Time) war in allen LƤndern Ƥhnlich, aber die Schlaflosigkeitssymptome waren in den Vereinigten Staaten 1.5 bis 2.9mal hƶher. Frauen (ā„41 Jahre) gaben an, kürzer oder etwas weniger effizient zu schlafen als MƤnner, wƤhrend sie mit Aktigraphie schƤtzungsweise lƤnger und effizienter schliefen als MƤnner.
Schlaf, Gesundheit und Schlafstƶrungen
Guter Schlaf
ā Gehirn: metabolische Clearance, Entscheidungsfindung, Stimmungsregulierung
ā Immunsystem: Bildung des immunologischen GedƤchtnisses, inflammatorische Homƶostase, Immunsystem-Ćberwachung (Tumorwachstum)
ā Metabolismus: Wiederherstellung der InsulinsensitivitƤt, Normalisierung der Grelin- und Leptin-Sekretion, Wiederherstellung des Gleichgewichts der Lipid- und Lipoproteinkonzentrationen, Wachstumshormonsekretion
ā KardiovaskulƤres System: Normalisierung des Blutdrucks, arterielle Regenerierung durch Blutdruck-Dipping, Regenerierung des Herzmuskels
Der Referent verwies abschliessend auf Neurotec, eine neu gegründete Forschungs- und Entwicklungsplattform, die am Schweiz. Institut für Translationale und Unternehmerische Medizin (SITEM) angesiedelt ist und von der Klinik für Neurologie des Inselspitals in enger Zusammenarbeit mit dem ARTORG Center for Biomedical Engineering Research betrieben wird. Bei Neurotec bemüht sich ein interdisziplinƤres Team von Ćrzten, Ingenieuren und Datenwissenschaftlern, diese Informationslücken zu schliessen. Neue GerƤte und Methoden werden erprobt, die es erlauben, digitale Biomarker im tƤglichen Leben der Patienten ausserhalb des Krankenhauses zu erfassen. Ziel ist es, den individuellen Krankenverlauf eines Patienten zu überwachen und damit personalisierte Diagnostik und Therapien in einem noch nie dagewesenen Umfang zu ermƶglichen.
Der deutsche klassische Philologe und Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche gehört zu den umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Philosophie. Bezeichnet als Genie, hochintelligenter Philosoph, aber auch als Irrer und Vordenker des Rassen- und Züchtungswahns wurde er bewundert und zugleich heftig kritisiert.
Patient: Friedrich Nietzsche Geboren: 15. Oktober 1844, Röcken, Sachsen D Gestorben: 25. August 1900, Weimar, Thüringen D
Friedrich Nietzsches Vater war evangelischer Pfarrer, die Mutter Pfarrerstochter. Nietzsche war stets Klassenprimus und mit 24 Jahren bereits Professor an der Universität Basel. Zu seiner Tätigkeit gehörte auch der Unterricht am traditionsreichen Basler Gymnasium am Münsterplatz. 1879, nach Jahren, legte er aus gesundheitlichen Gründen die Professur nieder. Bereits seit seiner Kindheit hatte Nietzsche an gesundheitlichen Problemen gelitten, unter anderem an Migräne, Depressionen, Schlafstörungen und Kurzsichtigkeit. Nietzsches Symptomatik wurde nie komplett aufgeklärt.
Nietzsche konsultierte zahlreiche Ćrzte. Sie vermuteten unter anderem Syphilis, Chloralhydrat-Vergiftung, geistige Ćberarbeitung, Schizophrenie, Epilepsie, prƤsenile Demenz, Manie, Depression. Am gesichertsten schien lange die Diagnose seiner Ćrzte einer Ā«progressiven ParalyseĀ» als Folge einer damals unbehandelbaren Neurosyphilis von 1889. Neuerdings wird dies wieder bezweifelt und eher ein Hirntumor, ein CADASIL-Symptom vermutet (Tenyi, 2012).
Getrieben von seinen Krankheiten, suchte Nietzsche ständig nach für ihn optimalen Klimabedingungen. Im Sommer hielt er sich meist in Sils-Maria GR auf, im Winter vorwiegend in Italien und Südfrankreich. Er lebte von seiner kleinen Pension und Spenden von Gönnern. Es folgten lange produktive Schaffensperioden, in denen seine Hauptwerke entstanden. Sie erschienen meist in Kleinstauflagen von ein paar Dutzend Exemplaren als Privatdrucke.
1888, im Alter von 44 Jahren, schien Nietzsche wahnsinnig zu werden. Er lebte in Turin, wo er in den letzten Dezembertagen ein Droschkenpferd umarmte und bitterlich weinte. Was war passiert? Der Kutscher hatte sein Pferd getreten. Nietzsche hing dem Tier am Hals und schluchzte jämmerlich. Zwei Carabinieri befreiten das Pferd schliesslich aus den Armen des tränenüberströmten Fremden. Signor Davide Fino, der in der Nähe einen Zeitungsstand betrieb, erkannte, dass der zitternde Fremde zwischen den Carabinieri sein Mieter war: der von ihm und seiner Familie hoch geachtete Professor Friedrich Nietzsche. Er übernahm ihn, stützte ihn, führte ihn nach Hause und steckte ihn ins Bett. Er schickte nach einem Arzt und setzte sich zum Kranken, der im Wachschlaf vor sich hindämmerte.
Nietzsche in der psychiatrischen Klinik «Friedmatt»
Zu dieser Zeit begann Nietzsche Ā«WahnsinnsbriefeĀ» zu versenden. Am Sonntag, 6.āJanuar 1889 erhielt ein guter Freund von Nietzsche, Franz Overbeck, Professor für Kirchengeschichte in Basel, unverhofften Besuch des bekannten Historikers Jacob Burckhardt. Dieser hielt einen Brief von Nietzsche in der Hand: Ā«Meinem verehrungswürdigen Jacob Burckhardt. Das war der kleine Scherz, dessentwegen ich mir die Langeweile, eine Welt geschaffen zu haben, nachsehe. Nun sind Sie ā bist du ā unser grosser, grƶsster Lehrer, den ich, zusammen mit Ariadne, haben nur das goldene Gleichgewicht aller Dinge zu sein, wir haben in jedem Stücke Solche, die über uns sindā¦Ā» gezeichnet: Dionysos. Ein paar Tage spƤter erhielt auch Overbeck einen Brief von Nietzsche: Ā«Eine letzte Botschaft: Ich lasse alle Antisemiten erschiessen⦠Dionysos.Ā»
Overbeck war alarmiert. Er besprach sich mit Professor Ludwig Wille, dem Leiter der erst drei Jahre vorher gegründeten psychiatrischen Anstalt «Friedmatt». Wille riet Overbeck dringend, Nietzsche aus Turin in die Basler Klinik zu holen. Gleichentags stieg Overbeck in den Zug nach Turin, wo er nach 18 Stunden Fahrt erschöpft ankam. Mit Mühe fand er die kleine Pension, wo Nietzsche im 4. Stock grau und verfallen in einer Sofaecke kauerte. Als er seinen Freund Overbeck aus Basel erkannte, stürzte er auf ihn zu, umarmte ihn, schluchzte und brach dann stöhnend und wimmernd zusammen. Die Finos, die Vermieter, kannten das, sie pflegten ihn seit Tagen, flössten ihm Bromwasser ein, das Nietzsche beruhigte.
Ein deutscher Dentist war bereit, die Reise von Overbeck und Nietzsche nach Basel mitzumachen. Overbeck ging auf Nietzsches Grössenwahn ein und erklärte ihm, er sei ein Fürst, er werde im Triumphzug in die Schweiz einreisen. Unten am Wagen bat Nietzsche Signor Fino um seine Mütze. Er sagte, er brauche sie für den Triumphzug, als Krone.
Overbeck, der den Freund in die Klinik begleitete, war hƶchst erstaunt, wie Nietzsche in der verbindlichsten Manier seiner besten Tage und mit würdiger Haltung Wille begrüsste: Ā«Ich glaube, dass ich Sie schon früher gesehen habe⦠Sie sind Irrenarzt. Ich habe vor einigen Jahren ein GesprƤch mit Ihnen über religiƶsen Wahnsinn gehabtā¦Ā» Was Overbeck besonders erschütterte, war, dass Nietzsche diese Erinnerungen nicht in die geringste Beziehung zu seiner eigenen augenblicklichen Lage brachte und dass kein Zeichen verriet, dass ihn der Psychiater etwas anging. Ā«Ruhig lƤsst er sich dem eintretenden Assistenzarzt übergeben und verlƤsst mit ihm, auf erhaltene Aufforderung, ihm zu folgen ohne weiteres das Zimmerā¦Ā», notierte Overbeck.
Der Befund des aufnehmenden Arztes in der «Friedmatt»:
«Pupillen different, rechte grösser als die linke, sehr träge reagierend. Strabismus convergens. Starke Myopie. Zunge stark belegt. Keine Deviation, kein Tremor. Facialisinnervation wenig gestört. Fühlt sich ungemein wohl und gehoben. Gibt an, dass er seit acht Tagen krank sei und öfters an heftigen Kopfschmerzen gelitten habe. Er habe auch einige Anfälle gehabt, während derselben habe sich Pat. ungemein wohl und gehoben gefühlt und hätte am liebsten alle Leute auf der Strasse umarmt und geküsst, wäre am liebsten an den Mauern in die Höhe geklettert.» Als Diagnose wurde notiert: progressive Paralyse.
Mutter holt Nietzsche nach Hause
Gegen alle WiderstƤnde setzte die nach Basel angereiste Mutter Nietzsches durch, dass ihr Sohn in die nƤchstgelegene Klinik seiner Heimatstadt Naumburg nach Jena verlegt wurde. Der damalige Klinikleiter von Jena, Professor Otto Binswanger, hatte sich wissenschaftlich intensiv mit der progressiven Paralyse beschƤftigt. Bei der Aufnahme in Jena wurde bei der Erhebung der somatischen Befunde unter anderem eine leicht unregelmƤssig verzogene Pupille diagnostiziert.
In den nächsten Monaten beherrschen Wahnideen mit starken Erregungszuständen das klinische Bild. Im Oktober 1889 kam es zu einer inneren und äusseren Beruhigung, die als deutliche Remission interpretiert wurde. Wiederum gegen alle Widerstände nahm ihn die Mutter im März 1890 mit nach Hause. Im Herbst 1890 verschlechterte sich sein Geisteszustand rapide. «Es scheint nun, als ob der Wahnsinn zum Blödsinn umzuschlagen Miene macht», schreibt ein Jugendfreund Nietzsches im Februar 1891 an Overbeck.
Ab 1893 entwickelte sich zusƤtzlich eine Tabes dorsalis, die als eine quartƤre Manifestation der Syphilis gesehen wurde: Nietzsche erkannte alte Freunde nicht mehr, ab Herbst nur noch die Mutter, die Schwester und die Hausgehilfin. Nach dem Tod der Mutter 1897, auf den Nietzsche in keiner erkennbaren Weise mehr reagierte, übernahm die Schwester die Pflege. Sie erwarb die Rechte an den bisher wenig beachteten Schriften des Bruders und machte sie bekannt. In der Nacht vom 24. auf den 25.āAugust starb Nietzsche an einem Gehirnschlag. Eine Obduktion fand nicht statt.
Jƶrg Weber
1. Hemelsoet D, Hemelsoet K, Devreese D. The neurological illness of Friedrich Nietzsche. Acta Neurol Belg. 2008 Mar;108(1):9-16. PMID: 18575181
Measures restricting freedom include physical restraints restricting movement and treatment without consent according to the Swiss Civil Code. Patients incapable of consenting to treatments and other measures of care and who are somatically multimorbid in addition to their mental illness are frequently encountered in the geriatric psychiatry inpatient setting. In this group of patients, physical restraints are repeatedly used to prevent falling and to quarantine patients due to infectious diseases. Frequently, treatment is conducted with the apparent agreement of the patient but which are to be recorded as measures restricting freedom due to the inability to give informed consent. The National Association for Quality Development in Hospitals and Clinics (ANQ) has introduced geriatric psychiatry as a separate hospital category; this differentiation should also be seen as an opportunity and invitation to take a differentiated look at measures restricting freedom in geriatric psychiatry. Key Words: geriatric psychiatry, measures restricting freedom, treatment without consent, quality