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Ein ungestörter Schlaf wirkt sich nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der seelischen Ebene positiv auf die Gesundheit aus. So trägt ein erholsamer Schlaf dazu bei, Lernvorgänge zu unterstützen und Emotionen (1) zu verarbeiten, er erhöht die Stresstoleranz (2) und wirkt der vorzeitigen Hirnalterung entgegen (3). Umso bedeutsamer erscheint die Tatsache, dass in einer Gesundheitsbefragung ein Drittel der schweizerischen und deutschen Bevölkerung angibt, unter Schlafstörungen zu leiden (4, 5). Diese können sich dadurch äussern, dass die Betroffenen Mühe haben, ein- oder durchzuschlafen, oder auch zu früh erwachen. Die Betroffenen fühlen sich dann oftmals nach dem Erwachen nicht erholt, und es kommt zu Tagesmüdigkeit oder gar Schläfrigkeit. Mittel- und langfristig führt ein gestörter Schlaf zu einer Störung der Psychomotorik, zu einer affektiven Verstimmung, und auch die kognitive Leistungsfähigkeit verschlechtert sich (6).
Despite control of classic risk factors, atherosclerotic diseases remain a major cause of cardiovascular morbidity and mortality, partly due to residual inflammatory risk (RIR). Chronic subclinical inflammation promotes plaque growth, instability, and thrombogenicity via the NLRP3 inflammasome and the IL-1β/IL-6 axis. Biomarkers such as hs-CRP and IL-6 correlate with events independently of LDL-C and can contribute to risk stratification. In the CANTOS study, canakinumab reduced cardiovascular endpoints but was associated with more serious infections. Low-dose colchicine moderately reduces non-fatal events without mortality benefit, while methotrexate remained ineffective. In the future, personalized, combined lipid- and inflammation-modulating therapies could gain importance, provided that long-term safety and cost-benefit are appropriate. Keywords: Colchizin/Canakinumab, Entzündungsrisiko, NLRP3-Inflammasom, kardiovaskulären Risikostratifikation
Hintergrund
Obwohl wir mittlerweile ein grosses VerstƤndnis für die Pathobiologie und das Management atherosklerotischer Erkrankungen ā einschliesslich der koronaren Herzkrankheit (KHK), zerebrovaskulƤrer Durchblutungsstƶrungen und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit ā besitzen, zƤhlen diese weltweit weiterhin zu den führenden Ursachen für MorbiditƤt und MortalitƤt (1ā3). Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig Ƥndern (3).
Die klassischen Risikofaktoren wie DyslipidƤmie, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinkonsum und auch Adipositas lassen sich hƤufig durch LebensstilverƤnderungen sowie ein breites Spektrum pharmakologischer Therapien wirksam beeinflussen. Dennoch besteht hƤufig ein relevantes Restrisiko für erneute kardiovaskulƤre Ereignisse beziehungsweise das Fortschreiten der atherosklerotischen Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease, ASCVD) ā ein Risiko, das durch die etablierten therapeutischen Massnahmen allein nicht vollstƤndig kontrolliert werden kann. Ein wesentlicher Anteil dieses Restrisikos ist entzündlicher Natur beziehungsweise durch (subklinische) inflammatorische Prozesse bedingt. Entsprechend wurde von verschiedenen Experten und Konsortien der Begriff des residualen inflammatorischen Risikos (engl. Residual Inflammatory Risk, RIR) etabliert.
Chronische, subklinische, Inflammation spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung, Progression und klinischen Manifestation atherosklerotisch bedingter Erkrankungen. Verschiedene zellulƤre und humorale inflammatoĀrische Prozesse sind sowohl in den Frühphasen (z.āÆB. endoĀtheliale Dysfunktion, Lipidakkumulation) als auch in den SpƤtphasen (z.B. Plaque-InstabilitƤt, ThrombogenitƤt) der Atherosklerose massgeblich beteiligt (1).
Dieser Beitrag gibt einen Ćberblick über die Pathobiologie, klinische Evidenz, praktischen Implikationen sowie antiinflammatorische TherapieansƤtze bei ASCVD-Patient/-innen und bietet eine aktuelle Zusammenfassung laufender Studien und neuer therapeutischer Entwicklungen.
Pathophysiologische Grundlagen
Atherosklerose wird grundsƤtzlich bereits in frühen Stadien durch eine endotheliale Dysfunktion initiiert. Diese entsteht infolge klassischer Risikofaktoren wie oxidiertem Low-Density-LipoĀprotein (oxLDL) respektive DyslipidƤmie, arterieller Hypertonie oder HyperglykƤmie. OxLDL induziert die Expression von AdhƤsionsmolekülen wie VCAM-1 und ICAM-1 auf Endothelzellen und fƶrdert dadurch die Rekrutierung von Monozyten in die Intima (1). Dort differenzieren sich diese zu MakroĀphagen und entwickeln sich weiter zu Schaumzellen (1, 2, 4). Diese sezernieren proinflammatorische Zytokine wie IL-1β, IL-6 und Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), welche die Entzündung in der GefƤsswand verstƤrken und aufrechterhalten (1, 2, 4). Diese chronische Inflammation trƤgt wesentlich zur Plaque-Entwicklung und -Progression bei.
In diesem Zusammenhang ist besonders das NLRP3-Inflammasom hervorzuheben ā ein zellulƤrer Proteinkomplex, der eine zentrale Rolle in der angeborenen Immunabwehr und bei Entzündungsreaktionen spielt. Nach seiner Aktivierung fƶrdert es die Reifung und Freisetzung von IL-1β, das wiederum die Produktion von IL-6 induziert (1, 2, 4). Letzteres stimuliert die hepatische Synthese von Akut-Phasen-Proteinen, wie dem C-reaktiven Protein (CRP). Hierdurch wird das entzündliche Geschehen weiter vorangetrieben.
Parallel fƶrdern die freigesetzten Entzündungsmediatoren die Expression von Tissue Factor, hemmen die endoĀtheliale NO-Synthese, fƶrdern die Migration glatter Muskelzellen sowie die Aktivierung von Matrix-Metalloproteinasen. Diese Prozesse begünstigen die Plaque-Destabilisierung und erhƶhen die ThrombogenitƤt (1, 2, 4).
Die Abb.ā1 illustriert die Pathobiologie der Atherosklerose und verdeutlicht den Einfluss inflammatorischer Prozesse.
Inflammatorische Biomarker und Risikostratifikation
Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass inflammatorische Biomarker wie hs-CRP, IL-6 und Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2 (Lp-PLAā) direkt mit dem Risiko für atherosklerotische Ereignisse korrelieren, dem residualen kardiovaskulƤren Risiko ā unabhƤngig vom Lipidstatus und der Glukosehomƶostase (4).
Besonders hervorzuheben sind zwei grosse Beobachtungsstudien ā die Framingham Heart Study und die Womenās Health Study ā, in denen erhƶhte hs-CRP-Werte als PrƤdiktor für Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulƤren Tod identifiziert wurden ā unabhƤngig von LDL-C. Diese Assoziation scheint robust über Altersgruppen und Geschlechter hinweg und bestƤtigt die unabhƤngige Risikodimension Ā«InflammationĀ». Die klinische Relevanz dieser inflammatorischen Achse wurde zudem durch mehrere Interventionsstudien mit gezielter Immunmodulation bestƤtigt (siehe unten).
Die punktuelle Messung von humoralen Entzündungswerten, namentlich des hs-CRP, wird mittlerweile auch in den Richtlinien der europƤischen Gesellschaft für Kardiologie bei ASCVD Patient/-innen empfohlen. Wobei dies jedoch insbesondere bei Hoch-RisikoPatient/-innen und zur Standortbestimmung respektive Optimierung der SekundƤrprƤvention erwogen werden sollte. Hierzu ist anzumerken, dass die Messung des hs-CRP relativ einfach ist, und bei Patient/-innen bestimmt werden soll, welche keinen akuten Entzündungszustand haben (beispielsweise akute Infektion, Gichtschub oder aufĀflammende rheumatologische Erkrankung). Sofern dieser Wert im Abstand von mehreren Wochen repetitiv erhƶht ist (ā„2 mg/l), kann dies mit einem erhƶhten residualen inflammatorischen Risiko (RIR) gleichgesetzt werden. Man sollte vorgƤngig auch sicherstellen, dass das Lipidprofil optimiert und der LDL-C-Wert im Zielbereich ist. Sofern verfügbar, ist im Einzelfall auch eine Bestimmung von IL-6 zu erwƤgen. In der CANTOS-Studie (siehe unten) korrelierte dessen Senkung mit einem geringeren kardiovaskulƤren Risiko.
Antiinflammatorische Substanzen bei ASCVD-Patient/-innen
Canakinumab
Interleukin-1β (IL-1β) spielt eine zentrale Rolle in der Regulation inflammatorischer Prozesse und ist massgeblich an der Aktivierung der Interleukin-6 (IL-6)-Signalkaskade beteiligt. Canakinumab ist ein monoklonaler Antikörper, der IL-1β spezifisch bindet und dadurch ausgeprägte antiinflammatorische Effekte entfaltet. Diese wurden bislang vor allem in der Therapie verschiedener rheumatischer Erkrankungen genutzt (5).
Die CANTOS-Studie (Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study), in der über 10ā000 Patient/-innen mit vorangegangenem Myokardinfarkt und erhƶhtem hs-CRP-Wert (ā„2 mg/l) alle drei Monate randomisiert Canakinumab (50āÆmg, 150āÆmg oder 300āÆmg) oder Placebo erhielten, konnte zeigen, dass die 150āÆmg-Dosis das Risiko für den primƤren kombinierten Endpunkt (Myokardinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulƤrer Tod) um 15ā% senkte (6).
Bemerkenswert war, dass das Ausmass der IL-6-Reduktion unter der Therapie mit Canakinumab prƤdiktiv für den klinischen Nutzen war (6). Allerdings war die Behandlung auch mit einem erhƶhten Risiko für schwerwiegende, teils tƶdlich verlaufende Infektionen assoziiert. Ungeachtet dessen bleibt CANTOS eine der ersten randomisierten Interventionsstudien, die einen direkten Zusammenhang zwischen gezielter Entzündungshemmung ā unabhƤngig von lipidsenkenden Massnahmen ā und der Reduktion kardiovaskulƤrer Ereignisse belegen konnte.
Colchizin
Die am besten untersuchte antiinflammatorische Substanz bei ASCVD-Patient/-innen ist Colchizin ā ein Alkaloid, das aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) entstammt (5, 7, 8). Colchizin hemmt nicht nur die Mikrotubuli-Polymerisation, wodurch die AktivitƤt der Neutrophilen unterbunden wird. Es beeinflusst auch das NLRP3-Inflammasom und die nachfolgende Freisetzung von Interleukin-1β, wodurch die Entzündungskaskade gehemmt wird. Obschon die Resultate verschiedener grosser randomisierter Studien etwas divergent waren, haben wir Evidenz dafür, dass Colchizin in niedriger Dosis (z.āÆB. 0.5āÆmg tƤglich) zu einer moderaten Reduktion von nicht-tƶdlichen kardiovaskulƤren Ereignissen, wie Myokardinfarkten, wiederholten koronaren Revaskularisationen und ischƤmischen SchlaganfƤllen, führt, wenn es zusƤtzlich zur Standardtherapie bei ASCVD-Patient/-innen eingesetzt wird (9). Dies wurde von einer grossen, kürzlich publizierten Meta-Analyse unterstrichen (9). Jedoch gilt es zu betonen, dass keine Senkung der kardiovaskulƤren oder GesamtmortalitƤt gezeigt werden konnte und die Number Needed to Treat (NNT) (4) mit 114 hoch ist (9).
Nebenwirkungen, insbesondere gastrointestinale Beschwerden, aber auch Interaktionen mit anderen Medikamenten treten gehƤuft auf, weshalb eine individuelle Nutzen-Risiko-AbwƤgung erforderlich ist. Die aktuellen Leitlinien sprechen eine vorsichtige Empfehlung aus: Klasse IIa bei stabiler respektive chronischer Erkrankung und Klasse IIb in bestimmten Situationen (beispielsweise nach Myokardinfarkt), jeweils mit dem hƶchsten Evidenzniveau (A) aufgrund mehrerer randomisierter Studien und Meta-Analysen (7, 10).
Methotrexat
Auch Methotrexat, welches seit Jahrzehnten als immunmodulierendes Medikament breit eingesetzt wird, wurde als mƶgliches Medikament zur Risikomodulation bei ASCVD-Patient/-innen untersucht (7, 11). Methotrexat zeigte jedoch weder lipidsenkende noch inflammationshemmende Effekte in Studien und brachte keinen kardiovaskulƤren Vorteil. Im Cardiovascular Inflammation Reduction Trial führte eine niedrig dosierte Methotrexat-Therapie (Zieldosis 15ā20 mg einmal wƶchentlich) bei 4786 Patient/-innen mit zurückliegendem Myokardinfarkt oder koronarer MehrgefƤsserkrankung sowie zusƤtzlichem Diabetes mellitus oder metabolischem Syndrom nicht zu einer Reduktion des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulƤrem Tod, nicht-tƶdlichem Myokardinfarkt, nicht-tƶdlichem Schlaganfall oder revaskularisierenden Massnahmen aufgrund instabiler Angina pectoris (11). Die Studie musste vorzeitig (mittlere Nachbeobachtungszeit 2.3 Jahre) wegen fehlender Wirksamkeit beendet werden (11). Schlussendlich kƶnnte diese Erkenntnis hinweisend sein, dass eine zielgerichtete Immunmodulation ā beispielsweise durch IL-1 oder IL-6 Hemmung ā gegenüber einer unspezifischen Immunmodulation, wie mit Methotrexat, vielversprechender bei ASCVD-Patient/-innen sein kƶnnte (11).
Sicherheit von antiinflammatorischen Therapien
Im Allgemeinen gilt es anzumerken, dass sämtliche etablierten und in Erprobung stehenden antiinflammatorischen Pharmazeutika für Patient/-innen mit atherosklerotischen Erkrankungen weitreichende Nebenwirkungen zur Folge haben können, welche im direkten Zusammenhang mit der Inhibition des Immunsystems stehen. Hervorzuheben ist hier das Risiko für opportunistische Infektionen (z.B. unter IL-1β-Blockade) (4, 6).
Unter Therapie mit Colchizin treten hƤufig gastrointestinale Nebenwirkungen (~10ā%), wie Diarrhƶ und Nausea auf, welche regelmƤssig zu einem frühzeitigen Absetzen des Medikaments führen. Weiter ist auch das Risiko für die Entwicklung von Myopathien (v.a. bei Interaktionen/Niereninsuffizienz) erhƶht (4, 8).
Es ist auch wichtig zu beachten, dass Colchizin ein Substrat von CYP3A4 und P-Glykoprotein (P-GP) ist und somit mit einer beachtlichen Zahl von Medikamenten, u. a. mit Makroliden, Azolen und bestimmten Kalziumantagonisten, direkt interagieren kann (8). Patient/-innen im fertilen Alter sollten auf mƶgliche teratogene Effekte von Colchizin hingewiesen werden.
Generell besteht ein gewisser Respekt vor weitreichenden Off-target-Effekten bei der langfristigen Entzündungshemmung mit den aktuellen und in Erprobung stehenden Therapien (5). Grundsätzlich möchte man eine systemische Immunsuppression vermeiden, und lediglich eine gezielte Modulation der Inflammation mittels niedrig-dosierter pharmakologischer Strategien erreichen (5).
Zukunftsperspektiven und offene Fragen
Es ist zu erwarten, dass der klinische Stellenwert von Inflammation in der kardiovaskulären Risikostratifikation und im Management von ASCVD-Patient/-innen in naher Zukunft weiter zunimmt. Grund hierfür ist die stetig wachsende Evidenzlage, welche die Bedeutung entzündlicher Prozesse nicht nur als Risikofaktor, sondern auch als potenzielles therapeutisches Ziel aufzeigt.
Neben der routinemƤssigen Bestimmung des Lipidprofils ā inklusive Lipoprotein(a) ā werden zunehmend auch sensitive inflammatorische Biomarker wie hs-CRP und IL-6 in die klinische ĀPraxis Einzug halten (4). Darüber hinaus kƶnnten molekular-genetische Tests sowie hochauflƶsende bildgebende Verfahren (z.āÆB. PET-CT zur Identifikation entzündlich aktiver Hochrisiko-Plaques) eine zunehmend wichtige Rolle in der individuellen RisikoabschƤtzung spielen.
Auch therapeutisch rückt die Inflammationsmodulation stƤrker in den Fokus. Derzeit befinden sich mehrere Substanzen, die gezielt entzündliche Signalwege adressieren, in klinischer Erprobung ā teils in frühen Phasen, teils bereits in Phase III (4). Tab.ā1 (als Zusatzmaterial im Onlineartikel) gibt einen Ćberblick über die wichtigsten abgeschlossenen und laufenden Studien. Untersucht werden unter anderem Interventionen gegen die IL-1-, IL-6- und TNF-Signalwege sowie Inhibitoren des NLRP3-Inflammasoms.
Kombinierte TherapieansƤtze, die sowohl das Lipidprofil verbessern als auch inflammatorische Prozesse gezielt modulieren, kƶnnten synergistische Effekte erzielen und das kardiovaskulƤre Risiko bei atherosklerotischen Erkrankungen signifikant senken. Hierfür sind jedoch umfangreichere klinische Daten erforderlich. Zudem sind bei neuen antiinflammatorischen Therapien insbesondere Langzeitdaten essenziell, um die Sicherheit über mehrere Jahre hinweg beurteilen zu kƶnnen. Dabei müssen potenzielle Risiken ā wie eine erhƶhte AnfƤlligkeit für opportunistische Infektionen oder die Entstehung von Malignomen ā sorgfƤltig evaluiert werden, bevor ein breiter klinischer Einsatz erfolgen kann.
Nicht zuletzt wird auch der Kosten-Nutzen-Faktor massgeblich (4) entscheiden, ob und in welchem Umfang sich neue Medikamente zur Inhibition inflammatorischer SignalĀwege in der Therapie der Atherosklerose etablieren kƶnnen. Die Abb.ā2 fasst zusammen, wie im klinischen Alltag das residuale inflammatorische Risiko (RIR) zu erfassen ist und entsprechend therapeutische Massnahmen ergriffen werden kƶnnen.
Fazit
Chronische Inflammation ist ein wesentlicher RisikoĀfaktor für die Entstehung und das Fortschreiten der Atherosklerose. Insgesamt stellt Entzündung ein zunehmend mehr beachtetes therapeutisches Ziel bei atherosklerotisch bedingten kardiovaskulƤren Erkrankungen (ASCVD) dar. In der Klinik kann die Bestimmung inflammatorischer Biomarker ā wie hs-CRP und IL-6 ā hilfreich sein, um das residuale inflammatorische Risiko (RIR) abzuschƤtzen und die Risikostratifikation bei ASCVD Patient/-innen zu verbessern.
Klinische Studien haben gezeigt, dass eine gezielte Entzündungshemmung ā insbesondere mit Canakinumab und Colchizin ā das Risiko für kardiovaskulƤre Ereignisse bei Atherosklerose, zumindest im chronischen Krankheitsstadium, unabhƤngig von lipidsenkenden Massnahmen reduzieren kann. Bisher kann einzig der Einsatz von niedrig dosiertem Colchizin (0,5 mg/Tag) bei auserwƤhlten Hochrisiko-ASCVD-Patient/-innen in ErwƤgung gezogen werden ā vorausgesetzt, eine optimale Behandlung der übrigen Risikofaktoren ist sichergestellt, und es gibt Anhaltspunkte für ein erhƶhtes inflammatorisches Risiko. Eine sorgfƤltige AufklƤrung und engmaschige Ćberwachung dieser Patient/-innen ist jedoch unerlƤsslich. Zukunftsweisend kƶnnten personalisierte Behandlungsstrategien sein, die eine Kombination aus lipidsenkender und entzündungshemmender Therapie verfolgen.
Funding: Die Autoren erhielten für diese Arbeit keine finanzielle Unterstützung.
Disclosures: MB hat Beratungs- und Vortragshonorare von Abbott Vascular, Abiomed/ J&J MedTech, Amgen, Astra Zeneca, Bayer, Biosensors, Cordis, Daichii, MedAlliance, Novartis, NovoNordisk, OM Pharma, SIS Medical und Vifor erhalten.
1. Ajoolabady A, Pratico D, Lin L, Mantzoros CS, Bahijri S, Tuomilehto J, et al. Inflammation in atherosclerosis: pathophysiology and mechanisms. Cell Death Dis. 2024;15(11):817. Epub 20241111. doi: 10.1038/s41419-024-07166-8. PubMed PMID: 39528464; PubMed Central PMCID: PMC11555284.
2. Zubiran R, Neufeld EB, Dasseux A, Remaley AT, Sorokin AV. Recent Advances in Targeted Management of Inflammation In Atherosclerosis: A Narrative Review. Cardiol Ther. 2024;13(3):465-91. Epub 20240720. doi: 10.1007/s40119-024-00376-3. PubMed PMID: 39031302; PubMed Central PMCID: PMC11333429.
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7. Vrints C, Andreotti F, Koskinas KC, Rossello X, Adamo M, Ainslie J, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. European heart journal. 2024;45(36):3415-537. doi: 10.1093/eurheartj/ehae177. PubMed PMID: 39210710.
8. Madanchi M, Young M, Tersalvi G, Maria Cioffi G, Attinger-Toller A, Cuculi F, et al. The impact of colchicine on patients with acute and chronic coronary artery disease. European journal of internal medicine. 2024;125:1-9. Epub 20240118. doi: 10.1016/j.ejim.2024.01.004. PubMed PMID: 38238134.
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11. Ridker PM, Everett BM, Pradhan A, MacFadyen JG, Solomon DH, Zaharris E, et al. Low-Dose Methotrexate for the Prevention of Atherosclerotic Events. The New England journal of medicine. 2019;380(8):752-62. Epub 20181110. doi: 10.1056/NEJMoa1809798. PubMed PMID: 30415610; PubMed Central PMCID: PMC6587584.
12. Tardif JC, Kouz S, Waters DD, Bertrand OF, Diaz R, Maggioni AP, et al. Efficacy and Safety of Low-Dose Colchicine after Myocardial Infarction. The New England journal of medicine. 2019;381(26):2497-505. Epub 2019/11/17. doi: 10.1056/NEJMoa1912388. PubMed PMID: 31733140.
13. Nidorf SM, Fiolet ATL, Mosterd A, Eikelboom JW, Schut A, Opstal TSJ, et al. Colchicine in Patients with Chronic Coronary Disease. The New England journal of medicine. 2020;383(19):1838-47. Epub 20200831. doi: 10.1056/NEJMoa2021372. PubMed PMID: 32865380.
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Die Behandlung des Typ-2-Diabetes wird zunehmend individueller: Neben dem HbA1c rücken Komorbiditäten, Gewichtsverlauf, kardiorenale Risiken, Nebenwirkungen und auch psychosoziale Aspekte wie die Angst vor Hypoglykämien stärker in den Fokus. An der Donnerstagskonferenz (DOKO) der Klinik für Innere Medizin am Universitätsspital Basel zeigte PD Dr. med. Eleonora Selig anhand mehrerer Fallvignetten, wie sich moderne Diabetestherapien heute differenziert und praxisnah einsetzen lassen.
Fallvignette 1
PD Dr. med. Eleonora Selig
Zu Beginn prƤsentierte die Referentin einen Fall aus ihrer eigenen Sprechstunde: ein 43-jƤhriger Patient mit Typ-2-Diabetes, Erstdiagnose vor zwei Jahren, Ćbergewicht (BMI 28 kg/m²) und HypercholesterinƤmie. Er erhielt Metformin 1000 mg 1-0-1 und Atorvastatin 20 mg 0-0-1. Aktuell lag der HbA1c-Wert bei 7.2ā%.
Therapieziele beim Diabetes mellitus
Aus der UKPDS-Studie lƤsst sich als allgemeines Therapieziel ein HbA1c-Wert von <7ā% ableiten. Bei jüngeren Patienten ohne relevante KomorbiditƤten sollten Werte unter 6.5ā% angestrebt werden, bei Ƥlteren multimorbiden Patienten sind Werte <8.0ā% meist angemessener. Zudem sollte die Zeit im Zielbereich mehr als 70ā% betragen, ohne dass HypoglykƤmien auftreten.
Zu den Fallstricken der HbA1c-Bestimmung gehƶren unter anderem eine verkürzte Erythrozyten-Ćberlebensdauer, beispielsweise bei Niereninsuffizienz, sowie eine ausgeprƤgte GlukosevariabilitƤt, die zu irreführenden Werten führen kann.
Dem 43-jƤhrigen Patienten stellte die Referentin einen 73-jƤhrigen Patienten mit Typ-2-Diabetes, kardiovaskulƤren Risikofaktoren und Niereninsuffizienz gegenüber. Bei diesem Patienten sei ein HbA1c-Wert von 8.0ā% oder auch darüber eher angemessen.
Lebensstilintervention und Remission
Als erste therapeutische Massnahme sollte stets eine Ćnderung der Lebensgewohnheiten empfohlen werden. In der randomisierten kontrollierten DiRECT-Studie führte eine Gewichtsmanagement-Intervention nach zwei Jahren zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 7.6 kg; 36ā% der Teilnehmer erreichten eine Remission ihres Typ-2-Diabetes. Von den 36 Teilnehmern der Interventionsgruppe, die nach zwei Jahren einen Gewichtsverlust von über 10 kg aufrechterhalten konnten, befanden sich 29 (81ā%) in Remission. Auch die verlƤngerte DiRECT-Intervention war mit einem grƶsseren aggregierten und absoluten Gewichtsverlust verbunden und deutete auf einen verbesserten Gesundheitszustand über fünf Jahre hin.
Die Ernährungsberatung am Universitätsspital sei sehr kompetent, aufgrund der hohen Auslastung jedoch auf bestimmte Patientengruppen beschränkt, so die Referentin. Dazu gehören Patienten mit Typ-1-Diabetes, pankreopriver Diabetes, Typ-2-Diabetes mit Insulinpumpe oder Basis-Bolus-Therapie und Wunsch nach funktioneller Insulintherapie sowie Patienten nach Transplantation oder mit komplexen internistischen Erkrankungen. In den übrigen Fällen erfolge die Betreuung extern.
Fallvignette 2
Anschliessend stellte die Referentin eine 53-jƤhrige Patientin mit seit sieben Jahren bestehendem Typ-2-Diabetes vor. Sie litt an arterieller Hypertonie, Adipositas (BMI 33 kg/m²) sowie chronischen Rücken- und Knieschmerzen, jedoch nicht an diabetischen SpƤtkomplikationen. Die Zuweisung durch den Hausarzt erfolgte bei einem HbA1c-Wert von 10ā% unter JanumetĀ® 50/1000 mg 1-0-1. JanumetĀ® wurde abgesetzt und eine Behandlung mit MounjaroĀ® (GLP-1/GIP-Rezeptoragonist) begonnen.
Die Referentin verwies in diesem Zusammenhang auf die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für ĀEndokrinologie und Diabetologie (SGED), die eine risikoprofilbasierte Therapie empfehlen: Metformin plus SGLT-2-Hemmer bei eGFR >30 ml/min/1.73 m², GLP-1-Rezeptoragonisten bei BMI >28 kg/m² sowie gegebenenfalls DPP-4-Hemmer. Mƶglich seien auch Kombinationen wie Metformin + GLP-1-RA + SGLT-2-Hemmer, jeweils abhƤngig von Nierenfunktion, Gewicht und Begleiterkrankungen.
Bei Insulinmangel folgen Basisinsulin oder koformulierte Insuline ein- oder zweimal täglich. Metformin, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-RA sollen nach Möglichkeit weitergeführt werden; Sulfonylharnstoffe und DPP-4-Hemmer sollten bei Einsatz eines GLP-1-RA abgesetzt werden.
Kostenübernahme für MounjaroĀ® bei Typ-2-ĀDiabetes:
⢠Unzureichend kontrollierter Diabetes mellitus Typ 2 und BMI ℠28 kg/m²
⢠In Monotherapie bei Kontraindikation oder Unverträglichkeit von Metformin.
⢠In Kombination mit Basalinsulin mit oder ohne ĀMetformin.
⢠Keine Kombination mit SGLT-2-Hemmern.
⢠Keine Kombination mit Basis-Bolus
⢠Umstellung von Ozempic auf Mounjaro möglich, sofern Diabetes nicht kontrolliert ist und BMI ℠28 kg/m²
⢠Rezeptcode für Diabetes: 21977.01.
Wirkung von GLP-1-basierten Medikamenten
GLP-1-basierte Medikamente (Tab.ā1) entfalten ihre Wirkung in mehreren Organsystemen. Beschrieben werden unter anderem eine Verbesserung der Insulinsekretion, eine Senkung des HbA1c, Gewichtsverlust, eine Reduktion systemischer Entzündung und der Insulinresistenz sowie günstige Effekte auf Herz, GefƤsse, Leber, Niere und obstruktive Schlafapnoe. Hirn: Substanz-Abusus ā , Alzheimer, Parkinson ā , Entzündung ā Luftwege/Lunge: obstruktive Schlafapnoe ā Herz: verbessert HFpEF, Myokardinfarkt ā Endokrines Pankreas: Insulin ā , Glucagon β, HbA1c ā BlutgefƤsse: Atherosklerose ā , Schlaganfall ā , periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) ā Leber: Inflammation ā , Fibrose ā Niere: chronische Nierenkrankheit Systemische Effekte: Inflammation ā , Insulin-Resistenz ā , Gewichtsverlust ā
Fallvignette 3
Vorgestellt wurde zudem eine 62-jƤhrige Patientin mit Typ-2-Diabetes (Erstdiagnose 2011), Adipositas (BMI 31 kg/m²), diabetischer Retinopathie, Polyneuropathie und Nephropathie. Sie erhielt Metformin und OzempicĀ®, der HbA1c-Wert lag aktuell bei 8.2ā%. Im Raum stand die Frage: Wechsel auf MounjaroĀ® oder Beginn mit JardianceĀ®?
GLP-1-RA versus SGLT-2-Hemmer
Im Vergleich der Substanzklassen zeigte sich: GLP-1-Rezeptoragonisten senken den Blutzucker und das Gewicht stƤrker, wƤhrend SGLT-2-Hemmer Vorteile insbesondere bei Herzinsuffizienz und Nierenerkrankung bieten. Bei schweren kardiovaskulƤren Ereignissen profitieren Patienten von beiden Klassen, bei SchlaganfƤllen eher von GLP-1-RA (Tab.ā2).
Für die Kombination eines GLP-1-RA mit einem SGLT-2-Hemmer wurden 18 Kohortenstudien mit über 1.1 Millionen Patienten zitiert. Die Kombination reduzierte das Risiko für MACE (RR 0.56), die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität, Hospitalisationen wegen Herzinsuffizienz sowie renale Endpunkte. Hinweise auf erhöhte Risiken für schwere Hypoglykämien, diabetische Ketoazidosen oder relevante zusätzliche Nebenwirkungen ergaben sich nicht. Die Therapie richte sich nach dem jeweiligen Risikoprofil gemäss SGED-Empfehlungen; das kardiorenal-metabolische Syndrom werde gemäss den ADA Consensus Guidelines 2026 behandelt.
Fallvignette 4
Im nƤchsten Fall ging es um eine 60-jƤhrige Patientin mit Typ-2-Diabetes, Adipositas (BMI 32 kg/m²) und arterieller Hypertonie. Sie erhielt Metformin und seit neun Wochen neu OzempicĀ®, zuletzt 1 mg einmal wƶchentlich subkutan. Aktuell klagte sie über Bauchschmerzen und Ćbelkeit. Diskutiert wurden eine Umstellung auf MounjaroĀ®, eine Umstellung auf JardianceĀ® oder eine Dosisreduktion von OzempicĀ® auf 0.5 mg einmal wƶchentlich. Zudem müsse eine Pankreatitis ausgeschlossen werden.
Unter GLP-1-RA besteht ein erhöhtes Risiko für Gastroparese (HR 1.59) und Invagination (HR 1.38). Kein erhöhtes Risiko fand sich für akute Pankreatitis, Cholezystitis, Cholezystektomie, biliäre Tumoren, hepatozelluläres Karzinom oder gastrointestinale Karzinome.
Nebenwirkungen von GLP1-Analoga
Zu den hƤufigen unerwünschten Wirkungen gehƶren Ćbelkeit, Durchfall, Obstipation, Erbrechen, akute NierenschƤdigung, Gallenblasenerkrankungen, verzƶgerte Magenentleerung, Aspiration und eine eingeschrƤnkte DarmmotilitƤt. Diskutiert werden ausserdem neuropsychiatrische Ereignisse und Sarkopenie. Weiterhin unklar bleibt der Zusammenhang mit Pankreatitis, Karzinomen, Schilddrüsenkarzinomen und Retinopathie.
Fallvignette 5
Eine weitere Fallbesprechung betraf einen 67-jƤhrigen Patienten, der mit Bauchschmerzen auf die Notfallstation eingeliefert wurde. ZusƤtzlich bestanden Ćbelkeit und Erbrechen bei einem Blutzuckerwert von 9 mmol/l. ZunƤchst wurde er mit Verdacht auf Gastroenteritis entlassen. Am Folgetag stellte er sich erneut vor, nun in deutlich verschlechtertem Zustand mit Erbrechen, Dyspnoe und Verwirrtheit.
In der Anamnese bestanden Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie und möglicherweise ein Alkoholabusus. Der Patient erhielt Metformin, Jardiance®, Toujeo® 30 E sowie Antihypertensiva. Klinisch zeigte sich ein GCS von 14, Hypotonie, Tachykardie und eine tachypnoische Kussmaul-Atmung bei Afebrilität. Die Laboruntersuchung ergab eine metabolische Ketoazidose unter SGLT-2-Hemmer-Therapie, die auch bei normnahen Blutzuckerwerten auftreten kann. Es wurden die Sick-Day-Rules angewendet.
SGLT2-Hemmer und urogenitale Infektionen
In einer dƤnischen Kohortenstudie bei Metformin-Anwendern (52 414 unter SGLT-2-Hemmern vs. 27 023 unter GLP-1-RA) mit einem Follow-up von bis zu fünf Jahren zeigte sich unter SGLT-2-Hemmern kein erhƶhtes Risiko für Harnwegsinfektionen. Das Risiko für genitale Infektionen war dagegen deutlich erhƶht, insbesondere im ersten Jahr (2.0ā% vs. 0.7ā%; RR 2.95). Im Langzeitverlauf nahm dieses Risiko ab, blieb jedoch weiterhin erhƶht (nach fünf Jahren RR 1.64).
Fallvignette 6
Ein weiterer Fall betraf einen 71-jƤhrigen Patienten mit bekanntem Typ-2-Diabetes nach Nierentransplantation. Im Verlauf war es zu Komplikationen in Form eines NSTEMI und einer Pneumonie gekommen.
Blutzuckerentgleisungen im Spital
Hyper- und Hypoglykämien sind im stationären Setting mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert. Die Vermeidung akuter Stoffwechselentgleisungen verbessert das klinische Outcome, verkürzt die Hospitalisationsdauer und kann Rehospitalisationen reduzieren.
Eine intensive Glukosekontrolle kann bei schwer kranken Patienten gegenüber ausgeprägten Hyperglykämien vorteilhaft sein. Im Vergleich zu moderateren Zielbereichen zeigt sich jedoch kein konsistenter Nutzen; eine zu strenge Blutzuckereinstellung kann vielmehr mit einer erhöhten Mortalität einhergehen. Im klinischen Alltag ist deshalb eine ausgewogene Glukosekontrolle anzustreben, die Hyperglykämien begrenzt und Hypoglykämien vermeidet.
Wie lassen sich HypoglykƤmien vermeiden?
Sulfonylharnstoffe und Insulin, insbesondere Mischinsuline, sollten möglichst vermieden werden. Falls eine Basis-Bolus-Therapie notwendig ist, sollte eine kontinuierliche Glukosemessung erfolgen. Das Basalinsulin ist auf den Nüchternblutzucker zu titrieren. Korrekturen mit schnell wirksamem Insulin vor der Bettruhe sollten unterbleiben. Zudem sollte gezielt nach Symptomen gefragt und die Therapie entsprechend angepasst werden. Unter Tresiba® ist das Hypoglykämierisiko geringer als unter Lantus®.
Blutzuckerkontrolle im stationƤren Bereich
Critically ill:
Bei anhaltender HyperglykƤmie (ā„10 mmol/l) wird ein Insulinperfusor empfohlen. Die Zielwerte liegen bei 7.8ā10.0 mmol/l, gegebenenfalls bei 6.1ā7.8 mmol/l, etwa bei Patienten nach herzchirurgischen Eingriffen. Für den 71-jƤhrigen Patienten wurden Zielwerte von 5.8ā10.9 mmol/l genannt. Empfohlen wurden zudem eine Anmeldung zur Diabetesberatung und ein Konsil der Endokrinologie.
Non-critically ill:
Bei anhaltender HyperglykƤmie (ā„10 mmol/l) sollte eine Insulintherapie erwogen werden. Die Zielwerte liegen bei 5.6ā10.0 mmol/l; HypoglykƤmien sind konsequent zu vermeiden.
Fallvignette 7
Vorgestellt wurde ausserdem eine 37-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes und unzureichender Blutzuckerkontrolle unter Metformin, Ozempic®, Tresiba® 60 E/Tag sowie NovoRapid® etwa 40 E pro Mahlzeit.
Die Zeit in den Zielbereichen zeigte eine ausgeprƤgte HyperglykƤmiebelastung: 29ā% der Werte lagen im sehr hohen Bereich (>13.9 mmol/l), 43ā% im hohen Bereich (10.1ā13.9 mmol/l) und nur 28ā% im Zielbereich (3.9ā10.0 mmol/l). HypoglykƤmien traten nicht auf.
Diskutiert wurden mögliche sekundäre Ursachen sowie praktische Fragen zur Insulinapplikation: Wurde das Insulin korrekt appliziert? Erfolgte ein regelmässiger Wechsel der Pennadeln? Lagen Lipodystrophien vor? Und wurde das Insulin überhaupt gespritzt?
Es zeigte sich, dass Toujeo® in den letzten Wochen nicht appliziert worden war. Als Gründe wurden brennende Schmerzen nach Injektion von 60 E Tresiba® FlexTouch® 100 E/ml sowie die Angst vor Hypoglykämien und entsprechenden Symptomen bereits bei Werten um 6 mmol/l genannt. Als mögliche Alternativen wurden ein Wechsel auf Tresiba® 200 E/ml oder Toujeo® SoloStar® 300 E/ml diskutiert.
HypoglykƤmiewahrnehmung und HypoĀglykƤmieangst
Beim gesunden Menschen setzt die Gegenregulation bei einem Blutzuckerwert von etwa 4 mmol/l ein. Nach chronischen HypoglykƤmien erfolgt die Reaktion oft erst bei tieferen Werten, bei chronischen HyperglykƤmien dagegen bereits bei hƶheren Werten.
Die HypoglykƤmieangst wurde anhand einer Untersuchung bei 385 Patienten mit Typ-2-Diabetes thematisiert. Besonders hƤufig genannt wurden die Sorge, eine HypoglykƤmie nicht zu erkennen, keine Nahrung zur Verfügung zu haben, eine hypoglykƤmische Episode allein zu erleben, sich benommen oder schwindlig zu fühlen oder in der Ćffentlichkeit ohnmƤchtig zu werden. Ebenfalls relevant waren Ćngste vor dauerhaften GesundheitsschƤden, Fehlern oder UnfƤllen, fehlender Hilfe wƤhrend einer HypoglykƤmie, Konzentrationsstƶrungen sowie sozialer Blamage.
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen
riesen@medinfo-verlag.ch
individuelle HbA1c-Ziele
CGM verbessert Diagnostik und Therapie
Lebensstilinterventionen kƶnnen eine Remission Āermƶglichen
GLP-1-basierte Medikamente und SGLT2-Inhibitoren nach KomorbiditƤten auswƤhlen
unter GLP-1-basierten Medikamenten vor allem Āgastrointestinale Nebenwirkungen beachten
unter SGLT2-Inhibitoren an die seltene euglykƤmische Ketoazidose denken
stationƤre Hyper- und HypoglykƤmieentgleisungen Āvermeiden
Die Krankheiten des weltbekannten Malers und Graphikers Paul Klee haben zahlreich Fachleute, Kunsthistoriker und Mediziner, beschäftigt. Klee ist 1935, in seinem 56. Lebensjahr, an einer progressiven Sklerodermie erkrankt. In den verbleibenden fünf Jahren hat er mit der Krankheit und dem begleitenden Systembefall zunehmend Beschwerden erlitten bis er an den Folgen einer Myokarditis verstarb.
Patient: Paul Klee Geboren: 18. Dezember 1879, Münchenbuchsee BE Gestorben: 29. Juni 1940, Muralto TI
Ćber Paul Klee gibt es keine Krankenakten, keine Ƥrztlichen Aufzeichnungen oder Rƶntgenbilder: sie sind nach seinem Tod bei einem Feuer im Sanatorium von Muralto TI zerstƶrt worden.
1979 gab die Schweizerische Post zum hundertsten Geburtstag von Paul Klee eine Briefmarke heraus.
Als junger Mann schrieb Klee von 1898 bis 1918 ein Tagebuch. Trotz seines ausgeprägten Konsums von Tabak und Alkohol finden sich darin keine Hinweise auf ernsthafte Gesundheitsstörungen. In seiner privaten Korrespondenz gibt es 1933 erste Hinweise, dass Klee sich in warmem Klima besser fühlte als in kaltem. Dies könnte möglicherweise eines der ersten Anzeichen eines Raynaud-Syndroms sein, das als Frühsymptom der generalisierten Sklerodermie durch rezidivierende akrale vasospastische Attacken, die durch Kältereize provoziert werden, charakterisiert ist. Klee klagte über zunehmende Abgeschlagenheit und Müdigkeit.
Pathographien von Paul Klee stützen sich weitgehend auf Briefe seiner Frau Lily an ihre Freundinnen Nina Kandinsky und Gertrud Grohmann, Ehefrau des Kunsthistorikers Will Grohmann. Dieser veröffentlichte 1954 eine Biographie über seinen langjährigen Freund Paul Klee.
Lily Klee schrieb gern und oft Briefe und dokumentiert den Gesundheitszustand ihres Mannes lückenlos und ausführlich. Aufgrund ihrer Beschreibungen kann Paul Klees Krankheit in drei Phasen rekonstruiert werden.
Anfangs kein pathogenetischer ĀZusammenhang sichtbar
Die erste Phase reichte von etwa August 1935 bis Januar 1938. Der Patient litt unter verschiedenen Krankheiten, die zunƤchst nicht in einen pathogenetischen Zusammenhang gesehen werden konnten. Er erkrankte 1935 an Masern und erholte sich nur sehr langsam. Es traten Belastungsdyspnoe, Gelenkschmerzen und Schluckbeschwerden auf, typische Symptome von Organmanifestationen der systemischen Sklerose.
Lily Klee berichtete über eine schwere Bronchitis ihres Mannes. Diese entwickelte sich während acht Wochen zu einer doppelseitigen Lungenentzündung mit Pleuritis und begleitender «Herzerweiterung». Klee hatte vier Wochen lang hohes Fieber, seine Haut schälte sich, so seine Frau.
Im April 1936, gut sechs Monate nach Beginn der Krankheit, zeigte ein Röntgenbild des Thorax noch Reste der Lungenentzündung. Im gleichen Jahr wurde erstmals die Diagnose «Sklerodermie» gestellt, nachdem ursprünglich auch eine chronische Vergiftung durch die von Klee verwendeten Farben vermutet wurde. Als Massnahmen wurden Badekuren in warmen Klimazonen empfohlen. Klee wurde angewiesen, das Rauchen einzustellen. Diese unspezifischen Therapien brachten allenfalls geringe Verbesserungen.
Im Januar 1937 litt Klee an einer Grippe. Zudem hatte er infolge eines Magengeschwürs eine Magenblutung. Schon vor der Magenblutung wurde er mit einem oralen EisenprƤparat gegen AnƤmie behandelt. Diese Therapie wurde einige Zeit spƤter mit intramuskulƤren Injektionen weitergeführt. Ende 1937 verboten die behandelnden Ćrzte Klee das Geigenspielen, das er bisher als passionierter Hausmusiker betrieben hatte. Mƶglicherweise lƤsst sich daraus auf eine Arthritis der Interphalangealgelenke, auf Rattenbissnekrosen oder sogar ein Raynaud-PhƤnomen schliessen. Art und Ausmass des Befalls kƶnnen heute nicht mehr eindeutig geklƤrt werden.
Seit Beginn der Bronchitis bis zu seinem Tod zog sich der Bericht über die Notwendigkeit einer «Diät» wie ein roter Faden durch die Korrespondenz.
Ringen um fundierte Diagnose
In der zweiten Phase von Januar 1938 bis Mai 1940 war das Allgemeinbefinden Paul Klees besser, nur gelegentlich berichtete seine Frau von Problemen mit Magen oder Verdauung.
PrimƤres Ziel war die Behandlung des Ulcus ventriculi, da man in den 1940er Jahren keine andere Therapiemƶglichkeit kannte. Ausserdem musste der Patient nach langer Krankheitsphase wieder zunehmen. Im Verlauf kann auch auf eine Ćsophagussklerose geschlossen werden, die anfangs mƶglicherweise noch von den Auswirkungen der Bronchitis überlagert gewesen sein mag.
Bei Klees Ćrzten ist deutlich ein Ringen um eine fundierte Diagnose zu erkennen. Nachdem feststand, dass die verschiedenen Krankheitsbilder eine gemeinsame Ursache haben mussten, wurde wahrscheinlich zumindest im Kollegenkreis die Diagnose Sklerodermie gestellt. Sicher ist, dass die Ćrzte die beiden wesentlichen Theorien ihrer Zeit zur Entstehung der Sklerodermie diskutierten. Sie versuchten, mit allen zur Verfügung stehenden Untersuchungen, die eine oder andere Theorie zu erhƤrten.
Die ProduktivitƤt von Klee ging deutlich zurück. Trotzdem war er nach Umstellung seines Malstils in seinen letzten Lebensjahren noch immer sehr schaffensfreudig. Im Gegensatz zu seinen komplexen filigranen Darstellungen der frühen Jahre waren die Bilder jetzt durch einfache Pinselstriche als Ausdrucksmittel gekennzeichnet. Klee benutzte jetzt grƶssere Pinsel. Wegen der zunehmenden Sklerodaktylie und Flexionskontrakturen der Fingergelenke konnte er diese besser halten und führen. Klee stellte zunehmend sein eigenes Leiden und seine Empfindungen bildhaft dar. Gegenüber Aussenstehenden sprach er so gut wie nie über seine Krankheit. In seinen Zeichnungen drückte er dagegen immer mehr sein verƤndertes Kƶrpergefühl aus und seine Empfindungen, dass bestimmte Teile nicht mehr zum eigenen Kƶrper gehƶrten und ein durch die Sklerodermie bedingtes Eigenleben führten oder schon abgestorben waren. Klees Bilder und Zeichnungen der letzten Jahre sind ein bestürzender Ausdruck eines an einer unheilbaren Krankheit leidenden Individuums, schrieb der Kunsthistoriker G. Wolf 1999 in einem Beitrag Ā«How Paul Kleeās illness influenced his artĀ» in Ā«LancetĀ».
«Es ist an der Zeit»
Soweit bekannt, hinterliess Klee keine schriftlichen Aufzeichnungen über die subjektiven Empfindungen seiner Erkrankung. Jedoch schrieb er im Januar 1940 an den Kunsthistoriker Will Grohmann: «Natürlich komme ich nicht von ungefähr ins tragische Gleis, viele meiner Blätter weisen darauf hin und sagen: es ist an der Zeit.»
In den letzten acht Wochen beherrschte das Symptom der Herzinsuffizienz das klinische Bild. Laut Totenschein starb Paul Klee am 29. Juni 1940 an einer Myokarditis. Retrospektiv legt die Analyse der Befunde wohl ein Mischkollagenose zwischen Sklerodermie und Lupus erythematosus nahe, also eine «Mixed connective tissue disease» oder ein «Overlap-Syndrom». Es wurde keine Autopsie durchgeführt. Auf dem Grabstein von Paul Klee steht der Spruch «Diesseitig bin ich gar nicht fassbar», den er als sein Programm ansah. Er charakterisiere den Künstler Klee so, wie er gern gesehen werden wollte, schrieb Klees Biografin Susanna Partsch.
Jƶrg Weber
Quellen: Castenholz G.: Der Maler Paul Klee⦠und seine Krankheit: von der schwierigen
Diagnosestellung einer Mischkollagenose, Schweiz. Ćrztezeitung, 2005
Castenholz R.: Die progressive systemische Sklerose. Gƶrich und WeiershhƤuser, Marburg, 2000
Wolf G: How Paul How Paul Kleeās illness influenced his art. Lancet, 1999
Brief von Lily Klee vom 2. Dezember 1936, zit. nach Glaesemer J.; Paul Klee ā Handzeichnungen III 1937 ā 1940. Paul-Klee-Stiftung, Bern, 1979 Et al.
In the elderly, chronic vestibular syndromes are frequent, multifactorial and a source of falls, anxiety and loss of autonomy. The approach must be comprehensive and patient-centred, with interdisciplinary assessment, medication review and tailored vestibular rehabilitation. Care is aimed at maintaining functional independence and quality of life. The general practitioner plays a key role in coordinating this care and supporting the patient. Keywords: Chronic vestibular syndrome, Dizziness in older adults, Postural instability, Vestibular rehabilitation, Geriatric assessment
Chronic kidney disease (CKD) is a significant but often underdiagnosed and undertreated condition. Based on the recommendations of the Swiss Society of Nephrology (SSN) and Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), an evidence-based set of 12 indicators was developed to map the quality of care for at-risk groups and those affected by CKD with regard to processes and target achievement related to kidney health. This set of indicators was tested on a large dataset of routine primary care data, revealing highly heterogeneous results, with some high compliance rates ranging from a median of 86.8ā% for non-prescription of NSAID to 18.3ā% for eGFR and albuminuria assessment in patients with arterial hypertension. Overall, it was shown that the present set of indicators represents a pragmatic, evidence-based and easily applicable template to depict the quality of kidney care of patients at risk or affected by CKD. Keywords: Chronic kidney disease, quality indicators, primary care, kidney care, chronic care
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