Pulmonale Hypertonie – Volkskrankheit oder Orphan disease?

Die pulmonale Hypertonie (PH) ist hƤufig und betrifft rund 1 % der Weltbevƶlkerung. Sie darf nicht mit der seltenen pulmonal-arteriellen Hypertonie (PAH, Ā«Orphan diseaseĀ») verwechselt werden. Die PAH stellt eine spezifisch therapierbare Untergruppe der PH dar. Die PrƤvalenz der PAH wird in westlichen LƤndern auf rund 50 FƤlle pro Million Einwohner geschƤtzt. Klinisch prƤsentiert sich die PH anfangs meist unspezifisch mit Belastungsdyspnoe und Müdigkeit, was oft zu einer verzƶgerten Diagnosestellung führt. Für HausƤrztinnen und HausƤrzte ist es daher entscheidend, bei unklarer Dyspnoe frühzeitig an eine PH zu denken. Eine strukturierte AbklƤrung ermƶglicht die Einordnung in die verschiedenen PH-Gruppen und identifiziert diejenigen Patientinnen und Patienten, die von einer gezielten Therapie profitieren. Die frühzeitige Überweisung in ein spezialisiertes Zentrum, wie auch die hausƤrztliche Betreuung sind zentral für Prognose und VersorgungsqualitƤt.

Pulmonary hypertension (PH) is common and affects approximately 1 % of the global population. It should not be confused with the rare pulmonary arterial hypertension (PAH), an orphan disease that represents a specifically treatable subgroup of PH. The prevalence of PAH in Western countries is estimated at around 50 cases per million inhabitants. Clinically, PH typically presents with non-specific symptoms such as exertional dyspnea and fatigue, often leading to delayed diagnosis at more advanced stages of the disease. For primary care physicians, it is therefore crucial to consider PH early in the evaluation of unexplained dyspnea. A structured diagnostic approach allows classification into the different PH groups and helps identify those patients who may benefit from targeted therapy. Early referral to a specialized center, as well as continued primary care management, are essential for improving prognosis and quality of care.
Keywords: Pulmonale Hypertonie; pulmonal-arterielle Hypertonie; Dyspnoe; Grundversorgung

Unspezifische Symptome

Die Symptome der pulmonalen Hypertonie beginnen oft schleichend mit Anstrengungsdyspnoe, allgemeiner Leistungsminderung, Müdigkeit, Palpitationen und Dyspnoe beim Vornüberbeugen (Bendopnoe). In fortgeschrittenen Stadien treten Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz und Synkopen auf, selten kommt es zur HƤmoptyse. Die unspezifischen Beschwerden und hƤufig vorhandenen KomorbiditƤten führen dazu, dass von Symptombeginn bis zur Diagnosestellung trotz zunehmender Sensibilisierung für das Krankheitsbild weiterhin 1–2 Jahre vergehen. Bei Diagnosestellung ist die Symptomlast erheblich, hƤufig liegt eine Dyspnoe NYHA III–IV vor (1). UnabhƤngig von der Grunderkrankung ist die Entwicklung einer PH mit einer verminderten LebensqualitƤt und ungünstiger Prognose verbunden.

Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf eine pulmonale Hypertonie

Bei unklarer Dyspnoe sollte initial eine Basisdiagnostik (Labor inkl. NT-proBNP, EKG, Thoraxröntgen, Lungenfunktion) durchgeführt werden. Bleibt die Ursache unklar oder besteht ein klinischer Verdacht auf eine PH, sollte eine Echokardiographie zur Abschätzung der PH-Wahrscheinlichkeit erfolgen. Bleibt der Verdacht einer PH, folgt eine strukturierte Abklärung zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit und zur Zuordnung in eine der fünf PH-Gruppen.
Bereits in der Anamnese kƶnnen Hinweise auf die Ursache der PH oder eine zugrunde liegende Erkrankung gefunden werden (Tab. 1). In der kƶrperlichen Untersuchung findet sich je nach Krankheitsstadium ein prominenter 2. Herzton, Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz wie Unterschenkelƶdeme, positiver hepato-jugulƤrer Reflux (HJR), eine Hepatomegalie und ggf. Ascites oder eine Zyanose. Es ist aber mƶglich, dass die kƶrperliche Untersuchung fast normal ausfƤllt. Klinische Hinweise auf eine Ursache der PH sind in Tab. 2 zusammengestellt.

Apparativ folgen Lungenfunktion inklusive Diffusionsmessung, arterielle Blutgasanalyse, 6-Minuten-Gehtest sowie CT-Thorax. Zur Diagnostik der chronischen thromboembolischen pulmonalen Hypertonie (CTEPH) sind Perfusionsdefizite entscheidend. Hierzu kann ein CT-Thorax mit Kontrastmittel mit der sogenannten «dual energy»-Technik oder alternativ eine Perfusionsszintigraphie durchgeführt werden. Die Echokardiographie dient zudem dem Ausschluss einer Linksherzerkrankung.

In unklaren Fällen kann eine Spiroergometrie zusätzliche Informationen liefern. Die diagnostische Aussagekraft ist hoch und auch zur Risikobeurteilung gewinnt die Spiroergometrie an Bedeutung (2, 3). Das NT-proBNP ist ein wichtiger Marker für Verlauf und Prognose.

Definition

Die definitive Diagnose erfolgt mittels Rechtsherzkatheter. Eine pulmonale Hypertonie liegt bei einem mittleren pulmonalarteriellen Druck (mPAP) > 20 mmHg vor. Die Differenzierung in prƤ- und postkapillƤre PH erfolgt anhand des pulmonalkapillƤren Verschlussdrucks (PCWP) und des pulmonalen GefƤsswiderstands (PVR). Kombinationen aus prƤ- und postkapillƤrer PH sind mƶglich.

Die Relevanz der klinischen Klassifikation

Die umfangreiche Diagnostik dient der Zuordnung der PH in eine der 5 Gruppen, da hiervon die Therapie abhƤngt. Eine Übersicht dieser Einteilung bietet Abb. 1.

Die hƤufigsten Ursachen sind Linksherz- und Lungenerkrankungen (ca. 95 % der FƤlle) (4). Nur Patienten mit einer PAH oder einer CTEPH qualifizieren für eine PH-spezifische medikamentƶse Therapie, bei den anderen Gruppen steht die Therapie der Grunderkrankung im Vordergrund. Bei der CTEPH gibt es je nach Lokalisation der GefƤssobstruktion in den Lungenarterien chirurgische (Thrombendarterektomie) und interventionelle (Ballonangioplastie) Therapieoptionen in Referenzzentren.

Therapie: supportive Massnahmen

UnabhƤngig von der zugrundeliegenden PH-Form sind supportive Massnahmen ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Dazu gehƶren insbesondere eine sorgfƤltige VolƤmiekontrolle sowie eine Sauerstoffsupplementierung bei relevanter HypoxƤmie (pOā‚‚ < 8 kPa). RegelmƤssige, angepasste kƶrperliche AktivitƤt – idealerweise im Rahmen eines strukturierten Rehabilitationsprogramms – wird empfohlen.

Ebenfalls wichtig sind präventive Massnahmen wie konsequente Impfungen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter sollte eine zuverlässige Kontrazeption besprochen werden, da Schwangerschaften bei PH mit einem hohen Risiko für Mutter und Kind verbunden sind und daher davon abgeraten wird. Tritt dennoch eine Schwangerschaft ein, ist eine engmaschige Betreuung in einem spezialisierten Zentrum erforderlich. Psychosoziale Unterstützung ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Betreuung.

Insgesamt kommt der hausƤrztlichen Mitbetreuung eine entscheidende Rolle in der langfristigen Versorgung dieser Patientinnen und Patienten zu.

PH-spezifische Therapien nur bei ausgewƤhlten Formen

Seit den 1990er-Jahren stehen uns spezifische Medikamente für die PAH (Gruppe 1) zur Verfügung. Am Anfang war es lediglich ein intravenƶses Prostacyclin-Analogon, welches mittels Pumpe kontinuierlich verabreicht werden musste. Unterdessen stehen uns 4 Medikamentenklassen zur Verfügung. Diese Therapien sind zwar sehr teuer, aber auch effektiv; die Sterblichkeitsrate ist immer noch deutlich erhƶht, sie hat sich über die vergangenen 30 Jahre aber fast halbiert (5). Eine Übersicht über die Therapien und typische Nebenwirkungen bietet Tab. 3. Die Therapieempfehlungen basieren auf einer Risikostratifizierung.

Eine Antikoagulation wird ausser bei der CTEPH nicht mehr generell empfohlen. In ausgewählten Fällen sollte frühzeitig die Möglichkeit einer Lungentransplantation evaluiert und mit den Betroffenen besprochen werden.

KomorbiditƤten

In frühen Studien waren jüngere Patientinnen ohne relevante KomorbiditƤten übervertreten. In der Sprechstunde sehen wir aber hƤufig Ƥltere und polymorbide Patientinnen und Patienten. Dies spiegelt sich auch in Registerdaten, wo unterdessen bis zu 85 % der Patientinnen und Patienten mit PAH kardiopulmonale KomorbiditƤten aufweisen und das Alter bei Diagnosestellung > 60 Jahre betrƤgt. Die Abgrenzung zwischen den Gruppen 1, 2 und 3 ist deshalb nicht einfach. Dieser Tatsache wurde in den Leitlinien Rechnung getragen, es gibt unterdessen einen Therapiealgorithmus für PAH-Patienten mit kardiopulmonalen KomorbiditƤten (6) und es steht die Frage im Raum, ob PAH-Patienten mit KomorbiditƤten in künftigen Leitlinien nicht eine eigene PH-Gruppe darstellen sollten.

Der PAH-Patient in der Hausarztpraxis

In der hausärztlichen Praxis ist zu beachten, dass die überwiegende Mehrzahl der PH-Fälle durch Linksherzerkrankungen oder chronische Lungenerkrankungen verursacht wird, während die PAH eine seltene Differenzialdiagnose darstellt.

Patientinnen und Patienten mit einer PAH sind heute Ƥlter und weisen relevante KomorbiditƤten sowie eine komplexe Medikation auf. Die hausƤrztliche Betreuung ist deshalb für eine ganzheitliche Versorgung entscheidend. Neben der Behandlung der Begleiterkrankungen und den oben erwƤhnten supportiven Massnahmen sind Kenntnisse der PH-spezifischen Medikamente inklusive deren Nebenwirkungen und potenziellen Interaktionen wichtig (Tab. 3).

Warnzeichen einer klinischen Verschlechterung müssen frühzeitig erkannt werden. Dazu gehƶren eine zunehmende Belastungsdyspnoe, Leistungsknick, Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz (periphere Ɩdeme, Gewichtszunahme) oder Synkopen. Bei entsprechenden VerƤnderungen sollte zeitnah Rücksprache mit dem betreuenden PH-Zentrum erfolgen oder eine erneute spezialisierte Beurteilung initiiert werden. Ein frühzeitiges Reagieren ist entscheidend, da eine rasche Eskalation der Therapie einen Einfluss auf die Prognose hat.

Welche Patienten sollen in eine Spezialsprechstunde für PH überwiesen werden?

Eine Überweisung zur Abklärung einer PH sollte bei klinischem Verdacht frühzeitig erfolgen, insbesondere wenn die Symptomatik nicht durch häufige kardiale oder pulmonale Erkrankungen erklärt werden kann. Eine unbehandelte PH verläuft progredient und ist mit einer hohen Morbidität und Mortalität verbunden. Leitsymptom ist dabei meist eine progrediente Belastungsdyspnoe unklarer Genese oder eine Diskrepanz zwischen subjektiver Symptomatik und objektivierbaren Befunden.

Ein weiterer Zuweisungsgrund können auffällige bildgebende Befunde sein. Hierzu zählt zum Beispiel ein dilatierter Truncus pulmonalis (ab 30 mm) im CT-Thorax (6), vor allem wenn gleichzeitig eine ungeklärte Dyspnoe besteht. Ebenso sollte bei echokardiographischem Verdacht auf eine PH eine weiterführende Abklärung erfolgen, sofern keine hinreichende Erklärung durch eine linksventrikuläre Erkrankung oder eine Lungenerkrankung vorliegt.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern Patientinnen und Patienten mit Grunderkrankungen, die mit einer erhƶhten PrƤvalenz einer P(A)H einhergehen, wie z. B. bei der Systemsklerose oder den Mischkollagenosen. In diesen Risikogruppen ist ein regelmƤssiges Screening empfohlen.

Schliesslich sollte bei Patientinnen und Patienten nach Lungenembolien an eine CTEPH gedacht werden, wenn die Belastungsdyspnoe trotz adƤquater Antikoagulation nach drei bis sechs Monaten persistiert.

Fazit

Die pulmonale Hypertonie (PH) ist häufig und stellt ein facettenreiches Syndrom dar. Demgegenüber stellt die pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) eine definierte Patientengruppe dar, welche mit PH-spezifischen Medikamenten behandelt werden kann.

Das Ziel einer Spezialsprechstunde ist es, mittels einer strukturierten AbklƤrung herauszufinden, bei welchen Patienten diese Therapien eingesetzt werden kƶnnen. Unterdessen gibt es 4 potente Medikamentenklassen. Die Mehrheit der Patienten mit PAH sind > 60 Jahre alt und polymorbide. Eine abgestimmte Zusammenarbeit zwischen HausƤrzt/-innen und spezialisierten Zentren ermƶglicht ein frühzeitiges Erkennen von Komplikationen und verbessert die Prognose und VersorgungsqualitƤt.

Abkürzungen
ABGA Arterielle Blutgasanalyse
CTEPH Chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie
mPAP Mittlerer pulmonalarterieller Druck
NYHA New York Heart Association (Funktionsklassifikation)
PAH Pulmonal-arterielle Hypertonie
PCWP PulmonalkapillƤrer Verschlussdruck
PH Pulmonale Hypertonie
PVR PulmonalvaskulƤrer Widerstand
TTE Transthorakale Echokardiographie

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

KD Dr. med. Urs Bürgi

Pneumologie und Schlafmedizin
Stadtspital Triemli
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Pulmonale Hypertonie ist hƤufig – die PAH ist selten. Die Mehrheit der PH-FƤlle ist Folge von Linksherz- oder Lungenerkrankungen; die PAH ist eine spezifisch therapierbare Form der PH
  • Unklare Belastungsdyspnoe sollte immer an eine PH denken lassen. Besonders bei progredienter Symptomatik oder fehlender ErklƤrung durch hƤufige Erkrankungen
  • Die Zuordnung zur PH-Gruppe bestimmt die Therapie. Nur ausgewƤhlte Patientinnen und Patienten (PAH, CTEPH) profitieren von spezifischen Therapien – bei den anderen steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund.
  • Die hausƤrztliche Rolle ist entscheidend für Früherkennung und Verlauf. Frühe Zuweisung, Erkennen von Verschlechterungen und Betreuung von KomorbiditƤten verbessern Prognose und VersorgungsqualitƤt wesentlich.

1. Khou V, McGoon MD, Strange G, et al. Diagnostic delay in pulmonary arterial hypertension: Insights from the Australian and New Zealand pulmonary hypertension registry. Respirology. 2020;25(8):863–871.
2. Zhao L, et al. Cardiopulmonary exercise testing improves diagnostic specificity in patients with echocardiography-suspected pulmonary hypertension. Clin Cardiol. 2017;40(2):95–101.
3. Baccelli A, et al. Prognostic value of cardiopulmonary exercise testing in pulmonary arterial hypertension. Eur Respir J. 2025;66(2):2402026.
4. Hoeper MM, Humbert M, Souza R, Idrees M, Kawut SM, Sliwa-Hahnle K, et al. A global view of pulmonary hypertension. Lancet Respir Med. 2016;4:306–322.
5. Boucly A, Weatherald J, Savale L, JaĆÆs X, Cottin V, Prevot G, Picard F, de Groote P, Jevnikar M, Bergot E, Chaouat A, Chabanne C, Bourdin A, Parent F, Montani D, Simonneau G, Humbert M, Sitbon O. Risk assessment, prognosis and guideline implementation in pulmonary arterial hypertension. Eur Respir J. 2017;50(2):1700889.
6. Humbert M, Kovacs G, Hoeper MM, Badagliacca R, Berger RMF, Brida M, Carlsen J, Coats AJS, Escribano-Subias P, Ferrari P, Ferreira DS, Ghofrani HA, Giannakoulas G, Kiely DG, Mayer E, Meszaros G, Nagavci B, Olsson KM, Pepke-Zaba J, Quint JK, RƄdegran G, Simonneau G, Sitbon O, Tonia T, Toshner M, Vachiery JL, Vonk Noordegraaf A, Delcroix M, Rosenkranz S; ESC/ERS Scientific Document Group. 2022 ESC/ERS Guidelines for the diagnosis and treatment of pulmonary hypertension. Eur Respir J. 2023;61(1):2200879.

Vorstellung unseres Redaktionsmitglieds Prof. Dr. med. Philipp Tarr

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Langsam progrediente atraumatische Schwellung über dem linken Sprunggelenk

Anamnese und Befunde

Der 49-jƤhrige Patient stellte sich aufgrund einer seit zwei Jahren bestehenden atraumatischen Schwellung am linken oberen Sprunggelenk (OSG) und über dem proximalen Fussrücken in der Hausarztpraxis vor. Die indolente Schwellung war über Monate langsam progredient und mit einem Druckgefühl beim Schuhbinden verbunden. Weder im Alltag noch in der beruflichen TƤtigkeit als SanitƤrinstallateur bestanden Bewegungs- oder BelastungseinschrƤnkungen. Fieber und Nachtschweiss wurden verneint, aber ein leichter Gewichtsverlust in den Vormonaten wurde erwƤhnt. Die persƶnliche Anamnese sowie die Reise- und Sexualanamnese waren bis auf eine seit Jahren bekannte diskrete Leukozytopenie unklarer Ƅtiologie unauffƤllig.

In der klinischen Untersuchung war der Patient afebril und in unauffƤlligem Allgemeinzustand. Am linken oberen Sprunggelenk zeigte sich eine eindrückliche, prallelastische und multilobulierte Schwellung ohne Rƶtung, ÜberwƤrmung, Druckdolenz, BandinstabilitƤt oder FunktionseinschrƤnkung (Abb. 1). Laboranalytisch bestƤtigte sich die vorbekannte leichtgradige Leukozytopenie mit einer Leukozytenzahl von 2.26 10⁹/l (Norm 3.9–10.2) bei Neutrophilen von 1.05 10⁹/l (Norm 1.5–7.7). Das C-reaktive Protein war normwertig, die HIV-Serologie negativ.

Differenzialdiagnostische Überlegungen

Sprunggelenkschwellungen stellen ein hƤufiges Problem auf der Notfallstation und in der hausƤrztlichen Praxis dar, wobei die einseitige, akute und schmerzhafte Schwellung meist traumatisch bedingt ist und einem klaren Behandlungsplan unterliegt.

Im Gegensatz dazu steht die atraumatisch aufgetretene chronische oder rezidivierende Schwellung mit einer Symp­tomdauer von über drei Monaten und einem meist hartnäckigen Verlauf. Häufig liegen hierbei degenerative oder entzündliche Erkrankungen vor. Dabei ist es wichtig, zwischen einer Arthritis mit Gelenkerguss und einer Schwellung von gelenknahen Strukturen wie Sehnenscheiden und Bändern oder der Haut und Weichteilen zu unterscheiden.

Differenzialdiagnostisch stehen bei einer einseitigen und chronischen periartikulƤren Schwellung folgende Ursachen und Krankheitsbilder im Vordergrund:

Degenerative VerƤnderungen

Primäre und sekundäre degenerative Veränderungen können zu einer Arthrose (1, 2) oder einer Tendinose (3) führen. Abhängig von der Entzündungsaktivität spricht man von einer aktivierten Arthrose oder Tendinose, welche durch Schwellung, Überwärmung und bewegungsabhängige Schmerzen charakterisiert ist.

Bei Verdacht auf ein degeneratives Geschehen steht initial die konservative Behandlung im Vordergrund. Bei Beschwerdepersistenz oder ungewöhnlichem klinischen Verlauf sollte die Diagnostik mittels Bestimmung der Entzündungszeichen sowie Röntgenbild und Sonografie zum Ausschluss einer entzündlichen Genese ergänzt werden.

Rheumatologische Erkrankungen

Entzündungen aus dem rheumatologischen Formenkreis führen oftmals zu einer chronischen Gelenkschwellung, Tendinitis oder Synovialitis (4–6). Typischerweise berichten die Patienten über Schmerzen, Morgensteifigkeit und systemische Symptome wie Müdigkeit, subfebrile Temperaturen und Nachtschweiss. Die Lokalisation und Anzahl der betroffenen Gelenke erhƤrtet die rheumatologische Verdachtsdiagnose. Bei einem signifikanten Gelenkerguss ist die Gelenkpunktion zur Bestimmung der Zellzahl und der Mikrobiologie sowie zur Suche nach Kristallen (Gicht-, Pseudogicht- oder Hydroxylapatitkristalle) essenziell; dies auch zum Ausschluss einer septischen Arthritis.

Unverzichtbar für die weitere Abklärung sind nebst der Basislaboranalytik die Bestimmung der Blutsenkungsgeschwindigkeit, der Rheumafaktoren, der CCP-Antikörper und ggf. die Bestimmung des HLA-B27 (Humanes Leukozytenantigen B27) bei Verdacht auf eine Spondylarthropathie. Bildgebend stehen Sonografie und MRI im Vordergrund, in denen ein Gelenkerguss und die Entzündung der Synovialis dargestellt werden können.

VaskulƤre Ursachen

Eine Thrombose oder Schwellung bei venöser Insuffizienz kann sich mit dem typischen Bild einer unilateralen Schwellung, Überwärmung und Rötung präsentieren. Häufig beschreiben die Patienten ein Spannungsgefühl. Im Rahmen der Diagnostik sollten die D-Dimere bestimmt und eine Doppler-Sonografie bei gegebenem Verdachtsmoment durchgeführt werden (7).

Infektionen

Infektiöse Arthro- oder Tendinopathien entstehen hämatogen oder durch direktes Eindringen von Erregern. Besonders gefürchtet ist die septische Arthritis, welche zu Knorpelschäden führen kann (8). Typischerweise handelt es sich hierbei um ein akutes Krankheitsbild mit plötzlich auftretenden Gelenkschmerzen, Schwellung, Rötung, Überwärmung und deutlichen Bewegungseinschränkungen, begleitet von Fieber und erhöhten Entzündungswerten. Bei der viel selteneren chronischen Arthritis oder Tenosynovitis muss an eine Infektion mit einem langsam wachsenden Keim, an eine Borrelien-Arthritis oder an eine mykobakterielle Infektion gedacht werden (9). Letzteres gilt insbesondere bei Immunsuppression und in Hochprävalenzregionen.

Klinisch ist eine chronische Infektion von gelenknahen Strukturen kaum von entzündlichen intraartikulären Erkrankungen zu unterscheiden. Die Diagnose wird durch eine Gelenkpunktion mit Analyse der Synovialflüssigkeit, Ausschluss von Kristallen und dem Erregernachweis mittels Kultur oder PCR-Analyse gesichert. Die Therapie setzt sich aus einer raschen Keimreduktion mit Punktion und Spülung sowie einer gezielten antiinfektiven Therapie zusammen.

Komplexes regionales Schmerzsyndrom

Obwohl selten, ist das CRPS (Complex Regional Pain Syndrome) aufgrund des hohen Leidensdrucks relevant und tritt typischerweise nach einem (Bagatell-)Trauma mit anhaltender Schwellung, Haut- und GefƤssverƤnderungen sowie starker Schmerzsymptomatik auf, wobei das klinische Bild stark variieren kann.

Die genaue Pathogenese ist nicht vollständig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass aufgrund einer Fehlregulation des sympathischen Nervensystems ein Überschuss an Entzündungsmediatoren entsteht, was eine Sensibilisierung der zentralen schmerzverarbeitenden Neuronen zur Folge hat und somit einen Circulus vitiosus auslöst.
Es handelt sich hierbei um eine klinische AusschlussĀ­diagnose (10, 11).

Tumore

Tumorerkrankungen der Gelenke und ihrer umgebenden Strukturen gehören zur seltenen Differenzialdiagnose chronischer Arthropathien und Tendinopathien. Diese umfassen sowohl Ganglione, Weichteiltumore sowie synoviale Tumore. Klinisch präsentiert sich meist eine langsam grössenprogrediente Schwellung ohne nennenswerte Schmerzsymptomatik, welche mit einer Bewegungseinschränkung vergesellschaftet sein kann. Im Rahmen der weiteren Abklärung sollten ein MRI und ggf. eine Biopsie durchgeführt werden.

Weitere Abklärungsschritte und ­unerwartete Befunde

Entsprechend der klinischen Präsentation ohne vorgängiges Trauma schien in unserem Fall eine rheumatologische oder infektiöse Ursache der unilateralen und chronischen OSG-Schwellung vordergründig, wobei die normwertigen Entzündungszeichen für beide Entitäten ungewöhnlich waren. Die weitere Diagnostik wurde mit serologischen Markern sowie mit dem MRI des Sprunggelenks ergänzt.

Die Diagnostik auf Autoimmunantikƶrper inklusive Rheumafaktor und Anti-CCP fiel negativ aus. Im MRI des OSG fand sich ein eindrücklicher Befund mit einer ausgeprƤgten Tenosynovitis der Extensoren- und Tibialis-anterior-Sehnenscheiden mit zahlreichen reiskornartigen Strukturen (Abb. 2).

«Rice Body»-Synovitis

Die Ā«Rice BodyĀ»-Synovitis oder Tenosynovitis ist ein seltenes Krankheitsbild, bei dem sich reisƤhnliche, fibrinƶse Strukturen in der Gelenkflüssigkeit bzw. in der Sehnenscheide bilden (12). Die Pathophysiologie ist nicht vollstƤndig geklƤrt. Es wird angenommen, dass sich auf dem Boden einer chronischen Entzündung mit hypertropher Synovia fibrinƶse Ablagerungen bilden, die im Verlauf infarzieren und sich abkapseln (13–16) (Abb. 3).

UrsƤchlich für eine Ā«Rice BodyĀ»-Arthritis oder -Synovitis sind chronische Entzündungen wie rheumatoide Arthritis (14, 17–20), seronegative Spondyloarthritis (17–19) oder ein systemischer Lupus erythematodes (18, 21). Darüber hiĀ­naus kƶnnen rezidivierende Mikrotraumata (20, 22) sowie Infektionskrankheiten wie Tuberkulose (14, 19, 20, 23, 24) oder ein Pilzbefall (25–27) eine Ā«Rice BodyĀ»-Tenosynovitis auslƶsen.

In der Literatur werden die rheumatoide Arthritis und in Endemiegebieten tuberkulƶse Infektionen als Auslƶser einer Ā«Rice BodyĀ»-Synovitis bzw. -Arthritis beschrieben (28–31). Trotz fehlender Übersichtsarbeiten kann davon ausgegangen werden, dass aufgrund der niedrigen Tuberkulose-Inzidenz in Mitteleuropa die rheumatologischen Grunderkrankungen als zugrunde liegende Ƅtiologie überwiegen. Unsere Literaturrecherche zeigt, dass die Mehrzahl tuberkuloseassoziierter Fallberichte mit Ā«Rice BodyĀ»-Synovitis aus Endemiegebieten mit hoher TuberkuloseprƤvalenz stammt (14, 23, 24, 30, 32–37).

Diagnose

Eine vorgängige Risikoexposition oder ein wissentlicher Kontakt zu Mykobakterien lag bei unserem Patienten nicht vor. Aufgrund des MRI-Befunds und bei unauffälliger Klinik für rheumatologische Erkrankungen und negativer Rheumaserologie war eine chronische Infektion oder eine Tuberkulose der Sehnenscheiden weiterhin möglich. Es wurde eine Sehnenscheidenpunktion sowie ein Quantiferon®-Test durchgeführt. Dieser fiel positiv aus. Im Punktat konnten weder in der Auraminfärbung noch in der PCR-Untersuchung Mykobakterien nachgewiesen werden. Dies gelang jedoch nach mehreren Wochen Bebrütung in der Flüssigkultur mit Nachweis von Mycobacterium-tuberculosis-Komplex, womit die Diagnose einer tuberkulösen Tenosynovitis der Extensorensehnen des linken Unterschenkels gestellt werden konnte. In der Resistenzprüfung fand sich eine Empfindlichkeit auf alle Prüfsubstanzen.

Weiterer Verlauf

Aufgrund des ausgeprƤgten Befunds wurde eine Tenolyse mit Evakuation der Reiskƶrner durchgeführt (Abb. 3). Die intraoperativ abgenommenen Biopsien bestƤtigten kulturell und histologisch die Diagnose der osteoartikulƤren Tuberkulose (Abb. 4 und Abb. 5).

Im Anschluss an die Operation erfolgte die resistenzgerechte tuberkulostatische Therapie mit Isoniazid, Rifampicin und Pyrazinamid für die Gesamtdauer von neun Monaten (Pyrazinamid nur in der zweimonatigen Intensivphase), worunter sich bis aktuell, zwei Jahre nach Therapieende, ein rezidivfreier Verlauf zeigte.

Tuberkulose

Im Jahr 2023 fand sich eine Inzidenz der gemeldeten TuberkulosefƤlle in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein von 4.9 pro 100 000 Einwohner (38). Damit lag die Schweiz deutlich unter der durchschnittlichen Melderate von anderen europƤischen Staaten (8.6 pro 100 000) (39) oder HochprƤvalenzgebieten, wie z. B. Indien mit 187 FƤllen pro 100 000 Einwohner (40), und kann epidemiologisch nicht als Endemiegebiet klassifiziert werden.

Eine offizielle Inzidenz der gemeldeten Tuberkulosefälle für das Jahr 2025 wurde vom BAG bis anhin noch nicht veröffentlicht. Zum Zeitpunkt der 46. Kalenderwoche wurden mit 468 Fällen 36 Fälle mehr gemeldet als noch im Jahr 2023 (41).

In epidemiologischen Studien machen extrapulmonale Tuberkuloseerkrankungen etwa 15–20 % aller TuberkulosefƤlle aus (32, 42). Zur extrapulmonalen Tuberkulose gehƶren unter anderem die pleurale oder Lymphknotentuberkulose und die Tuberkulose im zentralen Nervensystem. In etwa 10–15 % der FƤlle (43, 44) ist die extrapulmonale Tuberkulose osteoartikulƤr. Damit bleibt sie eine seltene, aber klinisch relevante Manifestationsform, insbesondere bei der Differenzialdiagnose der chronischen Arthritis und Tenosynovitis.

Unsere Literaturrecherche ergab, dass bis anhin lediglich 6 FƤlle (33–35, 35–37) einer tuberkulƶsen Tenosynovitis der Tibialis-anterior-Sehne oder kombiniert mit der Tibialis-anterior- und -extensor-digitorum-longus-Sehne beschrieben wurden. Der hier aufgeführte Fall kann als RaritƤt angesehen werden, insbesondere aufgrund des Auftretens bei einem HIV-negativen, immunkompetenten Patienten ohne wissentlichen Risikokontakt zu Tbc in einem NiedrigprƤvalenzgebiet wie der Schweiz.

David Jutzi, Robert Escher, Gabriel Waldegg

Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Spital Emmental, Burgdorf

Abkürzungen
Anti-CCP Antikƶrper gegen cyclische citrullinierte Peptide
CRPS Complex Regional Pain Syndrome
HIV Humanes Immundefizienz-Virus
OSG oberes Sprunggelenk
TB/Tbc Tuberkulose/Mycobacterium-tuberculosis-Komplex

Historie
Manuskript eingegangen: 04.02.2026
Angenommen nach Revision: 18.03.2026

Med. pract. David Jutzi

Ƅrztezentrum Langnau
SƤgestrasse 34
3550 Langnau

david.jutzi@outlook.com

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

• Chronische Sprunggelenkschwellungen erfordern eine breite Differenzialdiagnostik.
• Ā«Rice BodyĀ»-Synovitis ist selten und entsteht meist im Rahmen chronischer Entzündungen – typischerweise rheumatisch oder tuberkulƶs.
• Eine tuberkulƶse Tenosynovitis ist in Mitteleuropa sehr selten, muss aber bei Rice Bodies trotz fehlender RisikoĀ­faktoren berücksichtigt werden.
• Diagnose und Therapie erfolgen über Punktion, kulturellem Nachweis und tuberkulostatische Behandlung kombiniert mit chirurgischer Sanierung.

1. Chalidapong P, Vaseenon T, Chattipakorn N, Chattipakorn SC. Potential Roles of Inflammation on Post-Traumatic Osteoarthritis of the Ankle. Int J Mol Sci. 28. Mai 2024;25(11):5903.
2. Herrera-PĆ©rez M, Valderrabano V, Godoy-Santos AL, de CĆ©sar Netto C, GonzĆ”lez-MartĆ­n D, Tejero S. Ankle osteoarthritis: comprehensive review and treatment algorithm proposal. EFORT Open Rev. 5. Juli 2022;7(7):448–59.
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