Atemphysiotherapie – wie, wann, für wen?

Die Atemphysiotherapie umfasst ein breites Spektrum an Indikationen, darunter chronisch-respiratorische Erkrankungen, postoperative Situationen, Post-Covid und psychogene Ursachen. Dysfunktionale Atmung, die bei etwa 30 % der Post-Covid-Betroffenen auftritt, kann auch bei Asthma, COPD und Angststörungen vorkommen und sogar zu Fehldiagnosen eines Asthma führen. Die Prävalenz in der Bevölkerung liegt bei etwa 8 % und ist häufiger bei Frauen. Symptome umfassen Atemnot, Hyperventilation, Brustschmerzen und Schwindel. Diagnostische Instrumente wie der Nijmegen Fragebogen und das Breathing Pattern Assessment Tool (BPAT) erleichtern das Screening. Die Behandlung erfolgt durch Breathing Retraining, das die Atemkoordination und -kontrolle verbessert und die Lebensqualität nachhaltig steigert.

Respiratory physiotherapy encompasses a wide range of indications, including chronic respiratory diseases, postoperative situations, post-Covid conditions, and psychogenic causes. Dysfunctional breathing, which affects about 30 % of post-Covid patients, can also occur in asthma, COPD, and anxiety disorders, and can even lead to misdiagnoses of asthma. The prevalence in the population is about 8 % and is more common in women. Symptoms include shortness of breath, hyperventilation, chest pain, and dizziness. Screening tools such as the Nijmegen Questionnaire and the Breathing Pattern Assessment Tool (BPAT) facilitate screening. Treatment is carried out through breathing retraining, which improves breathing coordination and control and sustainably enhances quality of life.
Keywords: Dysfunctional Breathing, Breathing Pattern Disorder, Respiratory Physiotherapy, Pulmonary Rehabilitation

Indikation zur respiratorischen Physiotherapie

Die Atemphysiotherapie umfasst ein breites Spektrum an Indikationen und findet unter anderem Anwendung bei chronisch-respiratorisch Erkrankten sowie bei post-operativen Situationen, Post-Covid und psychogenen Ursachen. Die Indikationsstellungen zur respiratorischen Physiotherapie sind umfangreich (1):
• symptomatische, dysfunktionale Atmung
• Hyperventilationssyndrom
• schmerzbedingte Restriktion
• Sekretretention mit ineffektivem Husten
• Reizhusten
• Obstruktion
• Restriktion
• Atemmuskelschwäche
• Hypoxämie und Hyperkapnie
• Paradoxe Stimmlippenbewegungen
• Dekonditionierung und Immobilisation (v.a. bei respiratorischen Erkrankungen)
Spezialisierte respiratorische Physiotherapeutinnen und -therapeuten sind auch in der Lage, Sauerstofftitration in Aktivität zu eruieren und zu verordnen (2), oder Betroffene mit schwacher Atemmuskulatur mittels nicht-invasiver Ventilation (BiPAP) zu mobilisieren und zu trainieren (3–5).

Dysfunktionale Atmung

Besonders während und nach der Corona Pandemie gewann die «dysfunktionale Atmung» (engl. dysfunctional breathing, oder breathing pattern disorder) an neuer Bedeutung (6), die circa 30 % der Post-Covid-Betroffenen betrifft (7). Jedoch nicht nur Post-Covid-Betroffene können eine Atemmusterstörung entwickeln, sie kann auch im Kontext einer chronischen respiratorischen Erkrankung wie Asthma bronchiale (8) und COPD (9), aber auch bei Angststörungen auftreten (10).

Die tatsächliche Prävalenz in der Bevölkerung ist unklar, jedoch zeigen Daten aus England, dass die Prävalenz bei etwa 8 % bei Erwachsenen liegen könnte und diese Problematik häufiger bei Frauen auftritt (11). Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Prävalenz zwischen 2.5 % bis 21 % (8, 12). In der Literatur gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Bezeichnungen für die dysfunktionale Atmung (Abb. 1), die schon lange vor der Covid-19-Pandemie in der Bevölkerung existiert hat (6).

Obwohl manche der Bezeichnungen auf eine rein psychogene Ursache hindeuten, ist die dysfunktionale Atmung mitnichten nur darauf zu reduzieren. Neuere Theorien berufen sich auf ein Ungleichgewicht der Atemkontrolle, bei der zwischen der Vorhersage der Atemwahrnehmung und dem tatsächlichen Auftreten von Atemstimuli im Gehirn unerwartete Differenzen auftreten. Das Gehirn aktualisiert aufgrund der Differenzen die Erwartungshaltung, was folglich zum perpetuierten Erhalt der gestörten Atemwahrnehmung beiträgt (13).

Die Gründe und Ursachen für die Entwicklung einer dysfunktionalen Atmung sind nicht abschliessend geklärt, und eine allgemeingültige Klassifizierung existiert nicht (14, 15). Die Charakteristik der gestörten Atmung kann sich als Hyperventilation, irreguläre Atmung oder eine Asynchronität der unterschiedlichen Atembewegungen am Thorax äussern, und häufig bestehen mehrere dieser Charakteristika zeitgleich (16).

Beeinflussende oder auslösende Faktoren können vielfältig sein:
• Mechanische Faktoren (bspw. Thoraxwandbewegungen, strukturelle Anomalien wie bspw. Skoliose, Verengungen, Dysfunktionen der oberen Atemwege wie bspw. Nasenpolypen, muskuläre laryngeale Dysfunktionen wie bspw. die exercise-induced laryngeal obstruction, muskuläre Dyskoordination der Atemmuskulatur oder Adipositas)
• Psychologische Faktoren (bspw. Angststörungen, schlechte oder überschiessende Atemwahrnehmung und -kontrolle oder emotionaler Stress)
• Pulmonale Faktoren (bspw. Distributionsstörungen nach infektiösen Lungenerkrankungen)
• Chemische Faktoren (bspw. Säure-Basen-Haushaltsstörung oder Bikarbonat Homöostase)
• Adaption der Atmung unter Aktivität (bspw. Zunahme oder Demaskierung von dysfunktionaler Atemkoordination unter Belastung)

Somit stellt die dysfunktionale Atmung eine funktionelle respiratorische Störung der Atemkontrolle und -koordination dar, die häufig im Kontext mit anderen respiratorischen oder kardiologischen Erkrankungen auftritt, was häufig dazu führt, dass sie übersehen wird.

Symptome der dysfunktionalen Atmung

Das primäre Symptom ist Atemnot, Lufthunger, das Gefühl, nicht tief einatmen zu können, oder ein generelles Unwohlsein der Atmung (15). Häufig treten diese im Kontext einer dezenten, aber tragenden Hyperventilation auf und sind daher im Einklang mit Hypokapnie und respiratorischer Alkalose (bspw. Kribbelparaesthesien im Gesicht und in den Armen, neuromuskuläre Übererregbarkeit und Palpitationen). Weitere Symptome umfassen Brustschmerzen oder -enge, Schwindel, abdominales Blähungsgefühl und Angst (17).

Da die Symptome einem Asthma bronchiale stark ähneln können, kann es zu Fehldiagnosen und Überverordnung von Asthmamedikation kommen (18).

Screening und Untersuchung

Die Diagnostik einer möglichen dysfunktionalen Atmung kann durch standardisierte Fragebögen und eine gezielte Untersuchung der Atmung erleichtert werden.

Als Ergänzung zur Anamnese dient der Nijmegen Fragebogen als zeitsparendes Instrument (Tab. 1) (19). Eine Gesamtsumme von ≥ 19 von 64 Punkten zeigt eine Untersuchung der arteriellen Blutgase und eine physische Untersuchung des Atemmusters an. Ebenso kann eine Wiederholung des Fragebogens klinisch wertvolle Informationen über sich verbessernde oder fortbestehende Symptome liefern. Alternativen zum Nijmegen Fragebogen sind der «Self Evaluation of Breathing Questionnaire» oder der «Breathing Vigilance Questionnaire», die aber in deutscher Sprache noch nicht validiert sind.

In manchen Fällen kann eine dysfunktionale Atmung erst unter anstrengenden Aktivitäten klinisch demaskiert werden. In diesen Fällen sollte ein standardisiertes Belastungsassessment wie der 6-Minuten-Gehtest (20), der 1-Minuten-Sitz-Stehtest (21), oder eine Spiroergometrie (22, 23) zum Einsatz kommen.

Zusätzlich zur Untersuchung der arteriellen Blutgase, mit der Fragestellung einer möglichen Hypokapnie oder respiratorischen Alkalose, ist die Untersuchung des Atemmusters mittels des «Breathing Pattern Assessment Tools» (BPAT) angezeigt (24, 25).

Die Untersuchung des Atemmusters startet nach einer fünfminütigen Ruhephase auf einem Stuhl mit angelehntem Rücken. Während einer einminütigen Erhebung der Atemfrequenz werden die Atembewegungen am Rumpf sowie der Atemweg während der Atmung untersucht. Vorsicht: Patient/-innen sollten nicht über die Erhebung der Atemfrequenz und des Atemmusters vorgängig informiert werden, da die Untersuchung dadurch verfälscht werden kann (automatische Anpassung der Atmung).

Eine Gesamtpunktzahl des BPAT von ≥ 4 Punkten zeigt eine mögliche dysfunktionale Atmung an und stellt eine Indikation für respiratorische Physiotherapie dar. Das BPAT ist für Asthma bronchiale (Sensitivität 92 %, Spezifität 75 %) und Post-Covid (Sensitivität 90 %, Spezifität 78 %) sehr sensitiv (24, 25) (Tab. 2).

Behandlung mittels Atemphysiotherapie

In atemphysiotherapeutischen Behandlungen wird bei der dysfunktionalen Atmung ein sogenanntes «Breathing Retraining» durch Physiotherapeut:innen angewandt (26), bei dem mittels Übungen die Atemkoordination und die rhythmischen Atembewegungen wieder erlernt werden. Die Atemkoordination und -bewegungen werden hierbei startend in der Ruheposition kontrolliert und mittels Biofeedback manuell (sogenanntes Fazilitieren) unterstützt. Mit zunehmender Kontrolle wird die Belastung progressiv gesteigert, sodass die Atemkontrolle schliesslich auch unter Aktivität und Trainingsbelastungen automatisch gewährleistet ist. Zusätzlich kommen gezielte Trainingstherapie, kontrollierte Atemtechniken (bspw. Nasenatmung, oder postinspiratorische Pausen, Bauchatmung, entschleunigte Atmung), aber auch Relaxationstechniken (progressive Muskelentspannung) zum Einsatz (16).

Da diese Therapie auf die Verbesserung der intermuskulären Koordination der Atemmuskulatur, also auf den autonomen Prozess der Atmung, abzielt, kann die benötigte Behandlungsdauer je nach Bewegungskompetenz und Verständnis der Betroffenen (sprachlich und kognitiv) variieren. Bei unkomplizierten Verläufen sind drei bis vier physiotherapeutische Einzelsitzungen (à 30–60 Minuten), verteilt über einen Zeitraum von 6 bis 12 Wochen indiziert (26–28). Hinzu kommt ein tägliches, gezieltes Selbsttraining der Betroffenen (27). Auch Apps können die vertiefte und ruhige Atemtechnik anleiten und unterstützend eingesetzt werden (29, 30).

Das Breathing Retraining hat positive Effekte auf die Symptome und Lebensqualität der Betroffenen, die nachhaltig bis zu 5 Jahre nach der Behandlung dokumentiert sind (28).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Thomas Riegler, PhD cand.

ZHAW Zürcher Hochschule für
Angewandte Wissenschaften
Departement Gesundheit,
Institut für Physiotherapie
Katharina-Sulzer-Platz 9
8400 Winterthur

Der Autor hat keine Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die dysfunktionale Atmung tritt bei etwa 10 % der Bevölkerung auf und ist eine funktionelle Störung der Atmung, die häufig mit Asthma verwechselt wird.
  • Der Nijmegen Fragebogen und das Breathing Pattern Assessment Tool (BPAT) sind standardisierte Instrumente, die ein zeitsparendes Screening auf dysfunktionale Atmung ermöglichen.
  • In der Atemphysiotherapie wird mittels Breathing Retraining gemeinsam mit den Betroffenen ein physiologisches Atemmuster erarbeitet, welches die Lebensqualität nachhaltig steigert.

1. Weise S, Kardos P, Pfeiffer-Kascha D, Worth H. Empfehlungen zur Atemphysiotherapie. Dustri-Verlag. 2019;(3. erweiterte Auflage).
2. Riegler TF, Marcin T, Brun P. Implementation of an advanced practice role for oxygen prescription by physiotherapists in pulmonary rehabilitation: an explanatory sequential mixed-method quality evaluation. BMC Health Services Research. 2024;24(1):1585. doi:10.1186/s12913-024-12041-5
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Photon-Counting-Detektoren – Die Zukunft der kardiovaskulären CT-Bildgebung

Seit seiner Markteinführung im Jahr 2021 haben zahlreiche Studien die Überlegenheit der Photon-Counting-Detektor-Computertomographie in der kardialen Bildgebung im Vergleich zur konventionellen CT gezeigt. Die Kombination aus ultrahoher Auflösung, spektraler Bildinformation und der höchstmöglichen zeitlichen Auflösung verbessert die Bildqualität und reduziert Artefakte, insbesondere bei der Koronar-CT und der Stent-Bildgebung.

Since its market introduction in 2021, numerous studies have shown the superiority of photon-counting detector computed tomography in cardiac imaging in comparison to conventional CT. The combination of ultra-high-resolution, spectral imaging capabilities and the highest available temporal improved image quality and reduced artifacts, especially in coronary CT and stent imaging.
Key Words: Cardiovascular computer tomography; Dual source geometry; photon‐counting detector CT; Spectral imaging.

Einleitung

Die photonenzählende Detektor-Computertomographie (PCD-CT), die seit 2021 klinisch verfügbar ist, markiert eine bedeutende Weiterentwicklung in der CT-Bildgebung. Im Vergleich zu konventionellen CT-Systemen, die Energie-integrierende Detektoren (EID-CT) verwenden, bietet die PCD-CT eine verbesserte räumliche Auflösung, eine Reduktion von Bildartefakten und eine spektrale Bildgebung. Alle diese Eigenschaften ermöglichen eine Verbesserung der kardiovaskulären und insbesondere der Koronar-CT-Bildgebung.

Technologische Grundlagen

Bei konventionellen EID-CT-Systemen wird die Erzeugung eines elektrischen Signals durch detektierte Röntgenphotonen mittels eines Zwischenschritts, der Umwandlung der Photonen in sichtbares Licht, ermöglicht. Die direkte Photonenzählung mittels PCD-CT kommt ohne diesen Zwischenschritt aus, in dem Halbleiterdetektoren, z. B. aus Cadmiumtellurid oder Cadmiumzinktellurid die direkte Umwandlung der einfallenden Röntgenphotonen in elektrische Signale ermöglichen. Durch die direkte Umwandlung der Photonen am Detektor kann sowohl das Auftreffen des Photons selbst als auch dessen Energielevel erfasst werden, es liegt daher bei jedem Scan die multi-energetische (oder spektrale) Information vor. Die spektrale Datenauswertung kann zum Beispiel durch die Eliminierung des elektronischen Rauschens zur Reduktion des Bildrauschens benutzt werden, durch Rekonstruktion von virtuell monoenergetischen Bildern zur Erhöhung des Kontrastmittelsignals (tiefere keV-Level) oder zur Reduktion von Aufhärtungs- und Metallartefakten (höhere keV-Level) eingesetzt werden. Zusätzlich kann virtuell Kalk (Abb. 1) oder Jod auf spektraler Basis getrennt werden und entsprechend nur die Kalk- bzw. Jodinformation dargestellt werden.

Ein zusätzlicher Vorteil der PCD-CT ist die fehlende Notwendigkeit von Septen zwischen den Detektorelementen, was die Dosiseffizienz verbessert und eine deutlich höhere räumliche Auflösung mit Schichtdicken von unter 0.2 mm ermöglicht (sog. ultra-high-resolution, UHR-Modus). Die ist vor allem zur Reduktion von Aufhärtungsartefakten durch Kalk oder Stentmaterial (sogenannter «blooming»-Artefakt) vorteilhaft. Aktuell sind PCD-CT-Scanner nur von einer Firma kommerziell verfügbar und klinisch zugelassen, während weitere Hersteller PCD-CT-Systeme bisher nur als Forschungs-Prototypen betreiben. Für eine eingehende Übersicht über die Technik der PCD-CT-Systeme verweisen wir auf andere Reviews (1, 2).

Vorteile der PCD-CT in der klinischen Anwendung

Calcium-Scoring

Das Calcium-Scoring (CAC-Scoring) mittels Agatston-Score wurde Anfang der 1990er Jahre entwickelt und dient als quantitatives Mass für die Verkalkungen der Koronararterien und damit als Surrogatparameter für das Ausmass der Atherosklerose der Koronararterien (3). Es kann als Prädiktor für die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) dienen und ist ein besserer Prädiktor als konventionelle klinische Faktoren (4, 5).

Wolf et al. konnten in einer Phantomstudie zeigen, dass die PCD-CT-Technologie eine genauere Bestimmung des Kalkvolumens im Vergleich zur EID-CT-Technologie ermöglicht (7). Die Quantifizierung des Agatston-Scores auf virtuell monoenergetischen Bildrekonstruktionen ermöglicht zudem die Akquisition des CAC-Scans auch mit niedrigen Röhrenspannungen und somit die Möglichkeit der Dosisreduktion für native CT-Scans. Hierdurch sind in Phantomstudien Dosiseinsparungen von bis zu 48 % möglich (8). Die Möglichkeit der virtuell nativen Bildrekonstruktionen bei Datenakquisition mit unterschiedlichen Röhrenspannungen ermöglichen hier eine Vergleichbarkeit des Agatston-Scores ohne die Notwendigkeit eines Konversionsfaktors wie sie zum Beispiel bei herkömmlichen EID-CT Scans mit reduzierter Röhrenspannung notwendig wären.

Die virtuell native Bildrekonstruktion nach spektraler Eliminierung der Jod-Information ermöglicht die Quantifizierung von Koronarkalk oder Kalk der Aortenklappe ohne dedizierte Akquisition eines nativen CT-Scans, was einen kompletten Verzicht auf diesen zusätzlichen CT-Scan erlaubt. Mergen et al. konnten zeigen, dass virtuell native Rekonstruktionen die Quantifizierung von Kalk mit einer hohen Vergleichbarkeit mit herkömmlichen nativen CAC-Scans ermöglichen (Kappa-Wert 0.97 für die Übereinstimmung von Risikokategorien) (9).

Koronar-CT-Angiographie

Die überwältigende wissenschaftliche Evidenz in den letzten zwei Jahrzehnten führte zu einem hohen Stellenwert der Koronar-CT-Angiographie mit Klasse Ia Indikation für die primäre Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms bei Patienten mit tiefer bis mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit für eine obstruktive Koronare Herzkrankheit. Die Konfiguration des derzeit verfügbaren PCD-CT-Scanners mit zwei Röhren spielt hier eine wichtige Rolle für die Datenqualität im UHR-Modus. In einer Studie von Mergen et al. wurden Daten mit einer mittleren Herzfrequenz von 72 +/– 10/min und einer Herzfrequenzvariabilität von 5 +/– 6 /min mit der Information von nur einer Röhre (zeitliche Auflösung von 125 ms, dies entspricht einer typischen zeitlichen Auflösung von Systemen mit einer Röhre) oder mit der Information beider Röhren (schnellste verfügbare zeitliche Auflösung eines CT von 66 ms) rekonstruiert. Diese Studie zeigte, dass die Bildqualität bei höherer zeitlicher Auflösung signifikant besser war – mit weniger Bewegungsartefakten, höherer Bildschärfe, einer verbesserten Abgrenzbarkeit der Gefässwände und reduzierten sogenannten «Blooming»-Artefakten (10).

Die spektrale Rekonstruktion von monoenergetischen Bilder nmit tiefen keV-Stufen kann durch ein Erhöhen des Jodsignals in den Bildern und dadurch einem erhöhten Signal-zu-Rauschen (SNR) bzw. Kontrast-zu-Rauschen (CNR) Verhältnis dazu eingesetzt werden die Kontrastmitteldosis und/oder die Strahlendosis zu reduzieren. Im Gegensatz zu EID-CTs, bei denen ein erhöhtes SNR oder CNR durch einen Scan mit tieferer Röhrenspannung vor allem bei schlanken Patienten möglich ist, profitieren am PCD-CT insbesondere Patienten mit erhöhtem Body-Mass-Index von einem höheren Signal in den Bildern (11).

Graduierung von Koronarstenosen
Die PCD-CT ermöglicht durch die verbesserte räumliche Auflösung (im UHR-Modus bis 0.11 mm) eine Reduktion des «Bloomings» von kalkhaltigen Plaques (Abb. 2) bzw. von Aufhärtungsartefakten von Stents (12). Als Folge fanden mehrere Studien somit eine verbesserte Bestimmung des Stenosegrads, insbesondere angrenzend an kalkhaltige Koronarplaques (13). Halfmann et al. zeigten zum Beispiel eine Abhängigkeit des koronaren Stenosegrades von der rekonstruierten Schichtdicke mit geringeren Stenosegraden durch verkalkte Plaques bei höherer Auflösung und sonst identischen Protokollparametern (14). In dieser Studie sank der mediane Stenosegrad von 42 % (Standardrekonstruktion) auf 27 % (UHR). Bei knapp über 50 % der Patienten führte dies zu einer tieferen Einstufung des Stenosegrades nach dem Klassifikationssystem nach CAD-RADS (Coronary Artery Disease – Reporting and Data System). Vecsey-Nagy et al. konnten zeigen, dass im Vergleich zum EID-CT, die Stenose durch verkalkte und partiell verkalkte Plaques mittels PCD-CT signifikant kleiner gemessen wird (Mittelwert von 45 % im Vergleich zu 55 %) (12). Eberhard et al. zeigten, dass die UHR-Rekonstruktion mit 0.2mm Schichtdicke (im Vergleich zur Standardrekonstruktion mit 0.6mm) zu einer signifikant besseren Überein­stimmung des Stenosegrads im Vergleich zur invasiven Koronarangiographie (Stenosegraduierung mittels 3D-QCA [quantitative coronary angiography]) führt (13). In einer kürzlich erschienenen Studie bestätigten Kotronias et al. diese Ergebnisse an einem grösseren Kollektiv, bei dem ein akutes Koronarsyndrom mittels PCD-CT abgeklärt wurde. Auch hier zeigt sich eine sehr hohe Übereinstimmung des Stenosegrads zwischen UHR-PCD-CT und 3D-QCA mit Überlegenheit gegenüber der Standardschichtdicke (0.6 mm) vor allem bei stark verkalkten Plaques (κ = 0.90 im Vergleich zu κ = 0.67) (15).

Plaquecharakterisierung
Neben der Beurteilung des Stenosegrads ermöglicht die Koronar-CT auch die Darstellung und quantitative Charakterisierung atherosklerotischer Plaques (16). Die Koronar-CT dient somit als nicht-invasive Alternative zu invasiven Verfahren wie IVUS (intravaskulärer Ultraschall) oder OCT (optische Kohärenztomographie). Plaques mit niedriger Dichte («low attenuation plaques») gelten als stärkster Prädiktor für unerwünschte Koronarereignisse bei Patienten mit akuten und chronischen Koronarsyndromen (17). Insbesondere unter Berücksichtigung der Wirksamkeit neuartiger Antiatherosklerotika gewinnt dieses Thema zunehmend an Bedeutung. Die UHR-PCD-CT verbessert hier durch die höhere Auflösung die Beurteilbarkeit von Plaques (18). Im Vergleich zu einer Standardrekonstruktion mit 0.6 mm ermöglicht die UHR-Rekonstruktion mit 0.2 mm eine detailreichere Beurteilbarkeit der Plaques auf mehreren Schichten. Mergen et al. konnten zeigen, dass mit zunehmender Stärke des Rekonstruktionskerns sowie abnehmender Schichtdicke bei partiell verkalkten Plaques der «blooming»-Artefakt von Kalk und somit die Überschätzung des verkalkten Plaqueanteils reduziert und die Darstellung der fibrotischen und fettreichen Anteile verbessert werden kann (16). Vecsey-Nagy und Kollegen kamen kürzlich zur Schlussfolgerung, dass das totale Plaquevolumen mit der UHR-PCD-CT im Vergleich zur EID-CT signifikant kleiner ist, wobei insbesondere die Reproduzierbarkeit von Plaques mit niedriger Dichte verbessert wird (19).

Beurteilung von Koronarstents
Eine Analyse von Eckert et al. zeigte, dass die Abklärung einer In-Stent-Restenose bei symptomatischen Patienten durch ein EID-CT der neuesten Generation bei einem Viertel der Patienten entweder einen unklaren oder einen falsch positiven Befund ergibt (20). Erste Phantomversuche zeigten die Überlegenheit der PCD-CT gegenüber der EID-CT bei der Abgrenzung des Stentlumens (21, 22). Geering et al. konnten diese Ergebnisse in einer in-vivo Studie mit 34 Stents von 19 Patienten mittels subjektiver und objektiver Parameter bestätigen (23). Qin et al. zeigten an 69 Patienten, dass die Visualisierung des In-Stent-Lumens durch UHR-PCD-CT-Rekonstruktionen mit 0.2 mm Schichtdicke signifikant verbessert wurde, im Vergleich zu Standardrekonstruktionen mit 0.6 mm Schichtdicke (24). Hagar et al. schliesslich konnten bei 44 Stents von 18 Patienten zeigen, dass im Vergleich zur Beurteilung mittels invasivem Katheter, die Beurteilung mit UHR PCD-CT eine sehr hohe Sensitivität (100 %), Spezifität (87–92 %) und Genauigkeit (89–93 %) zeigten (25). Abb. 3 zeigt ein Fallbeispiel einer Stentbeurteilung anhand PCD-CT.

Fat attenuation Index
Eine erhöhte Dichte des perikoronaren Fettgewebes in der CT ist ein indirekter Marker für eine perikoronare Entzündung, die mit einer erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität einhergeht (26). Der «fat attenuation index» (FAI) ermöglicht, die Dichte des perikoronaren Fettgewebes standardisiert zu messen. Der Index wird jedoch durch Scanparameter wie zum Beispiel dem Energielevel der virtuell monoenergetischen Rekonstruktionen, der Stärke der iterativen Rekonstruktion, der Dichte des Koronarlumens sowie dem Rekonstruktionskernel beeinflusst (27, 28). Die PCD-CT bietet hier die Möglichkeit durch virtuell monoenergetische Rekonstruktionen und FAI-Messungen weiter zu standardisieren.

Gewebecharakterisierung des Myokards

In der klinischen Routine ist die Beurteilung des Myokards eine Domäne der kardialen Magnetresonanztomographie (MRT oder MRI) oder bei spezifischen Fragestellungen der nuklearmedizinischen Bildgebung. Die CT kann jedoch ebenfalls alternativ zur Myokardcharakterisierung eingesetzt werden. 5–10 Minuten nach Kontrastmittelgabe wird hierzu ein sogenannter «late iodine enhancement»-Scan durchgeführt (29). Durch die Quantifizierung des Iodsignals kann, ähnlich zum MRI, das extrazelluläre Volumen des Myokards berechnet werden. Ein typisches Beispiel ist hier die Detektion einer kardialen Amyloidose. Im Gegensatz zur EID-CT sind bei der PCD-CT keine zwei Scans zur Berechnung des extrazellulären Volumens notwendig, was einerseits den Untersuchungsablauf und die Berechnung vereinfacht, und andererseits hilft, Fehler bei der Registrierung von nativem und «late iodine enhancement»-Scan zu vermeiden (30). Die Werte für das extrazelluläre Volumen, die mittels PCD-CT gemessen werden, sind dabei sehr gut mit den Werten, die mittels MRI bestimmt werden, vergleichbar (r = 0.91) (31). Falls kein Hämatokrit-Wert zur Berechnung des extrazellulären Volumens vorliegt, kann im Übrigen der Hämatokrit anhand der Bilddaten «synthetisch» berechnet werden (32).

Zukünftige Entwicklungen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bringt die Integration der PCD-CT in die klinische Praxis auch einige Herausforderungen. Durch die dünneren Schichtdicken ergeben sich deutlich mehr Bilder pro Rekonstruktion, die befunden werden müssen. Auch die spektralen Möglichkeiten ergeben pro Fall mehrere zusätzliche Rekonstruktionen, deren potentiell nützliche Informationen gesichtet und beurteilt werden sollten. Insgesamt steigt so neben den verfügbaren Informationen auch der Arbeitsaufwand. Die zukünftige Kombination von spektraler Bildgebung und künstlicher Intelligenz könnte die diagnostischen Möglichkeiten der PCD-CT optimieren, insbesondere bei der automatisierten Analyse von Pathologien.

Fazit

Die PCD-CT stellt die Zukunft der kardiovaskulären Bildgebung dar. Ihre Vorteile hinsichtlich räumlicher Auflösung, Bildqualität, Strahlendosis und spektraler Bildgebung eröffnen neue diagnostische Möglichkeiten (Tab. 1). Insbesondere in der ­Koronardiagnostik und der Stent-Bildgebung zeigt diese Technologie ihr enormes Potenzial. Zukünftige Forschungsarbeiten werden den vollen klinischen Nutzen dieser Technologie validieren und helfen, ihre Anwendung zu optimieren.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Matthias Eberhard

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Prof. Dr. med. Hatem Alkadhi

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

M.E und H.A.: Referentenhonorare und Reisekostenunterstützung von Siemens Healthineers

  • Die photonenzählende Detektor-Computertomographie (PCD-CT) erhöht durch die höhere Ortsauflösung die Sicherheit in der Koronar-CT-Bildgebung.
  • Der Vorteil der PCD-CT zeigt sich insbesondere in der Stenosequantifizierung angrenzend an verkalkte Plaques und in der verbesserten Beurteilbarkeit von In-Stent-Restenosen.
  • Die PCD-CT ermöglicht jederzeit die spektrale Nachbearbeitung der Bilddaten, zum Beispiel zur virtuellen Eliminierung von Kalk oder Jod.

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Update sexuell übertragbare Infektionen

Ein neues nationales Programm sagt HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) den Kampf an. Um die Ziele bis 2030 zu erreichen, werden klassische Präventionsmassnahmen wie Information und Beratung der sexuell aktiven Bevölkerung und das Kondom durch biomedizinische Massnahmen, sprich den Einsatz von Medikamenten und Impfungen, ergänzt. Aber auch die sekundäre Prävention, das Erkennen und Behandeln und damit Verhindern von weiteren Infektionen hat einen hohen Stellenwert zum Erreichen der Ziele. Neue Diagnosemethoden wie die Multiplex-PCR sowie Resistenzentwicklungen gegen Antibiotika erfordern ein regelmässiges Auffrischen des Wissens über STIs. In diesem Artikel geben wir eine Übersicht über Neuerungen, die entweder bereits jetzt relevant sind oder in Zukunft werden, und wollen Ihnen damit den Zugang zum Thema STIs in der Praxis vereinfachen.

A new national program is fighting HIV, hepatitis and other sexually transmitted infections (STI). In order to achieve the goals by 2030, traditional prevention measures such as information and advice for the sexually active population and condoms will be supplemented by biomedical measures, i.e. the use of medication and vaccinations. However, secondary prevention, the detection and treatment and thus prevention of further infections, is also very important for achieving the goals. New diagnostic methods such as multiplex PCR and the development of resistance to antibiotics mean that knowledge about STIs needs to be regularly refreshed. In this article, we provide an overview of innovations that are either already relevant or will become relevant in the future and aim to simplify your access to the topic of STIs in practice.
Keywords: sexually transmitted infections (STI), prevention, HIV, hepatitis

Hintergrund

Im November 2023 verabschiedete der Bund das neue nationale Programm (NAPS): «Stopp HIV, Hepatitis B-, Hepatitis C-Virus und sexuell übertragene Infektionen» (1). Bis 2030 soll es keine weiteren Übertragungen von HIV und dem Hepatitis B- und C-Virus mehr geben. Damit schliesst sich die Schweiz dem internationalen Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den vereinten Nationen (UNAIDS) an (2). Für HIV scheinen wir auf dem richtigen Weg zu sein. Die Zahl der Neudiagnosen sinkt. Bezüglich der drei meldepflichtigen bakteriellen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) Syphilis, Neisseria gonorrhoea (NG) und Chlamydia trachomatis (CT) sieht es jedoch anders aus (3). Hier wäre schon ein Rückgang der Neudiagnosen ein Erfolg, denn die Meldezahlen steigen seit Jahren. Um die Ziele des NAPS zu erreichen, sind daher auch die Grundversorger gefragt. Der Umgang mit diesen Erkrankungen in der Praxis ist anspruchsvoll. Neben guten Kommunikationsfähigkeiten braucht es den Durchblick bei wechselnden Test- und Behandlungsstrategien.

Von den über 30 Krankheitserregern, welche ausschliesslich oder hauptsächlich durch Sexualkontakte übertragen werden, sind nicht alle gleich relevant (4). In diesem Artikel wollen wir Ihnen daher eine Übersicht über Neuerungen sowie ein Auffrischen von wichtigem Wissen zu denen für die Praxis relevanten Erregern geben.

Prävention

Sie erinnern sich vielleicht noch an die «Stop Aids»-Kampagne der 80er Jahre. Seitdem hat sich einiges getan in der Prävention. Beschränkte sich früher die Prävention auf Verhaltensänderungen mit dem Ziel der Monogamie, Abstinenz und vor allem der Anwendung von Kondomen, gab es in den letzten 15 Jahren entscheidende Entwicklungen. Heute akzeptieren wir, dass nicht alle Menschen sich immer in jeder Situation an unsere Empfehlungen halten können. Daher werden die oben genannten Präventionsziele heute individuell mit biomedizinischen Präventionsmassnahmen ergänzt. Gemeint sind hierbei präventiv eingesetzte Medikamente wie die HIV Prä- und Postexpositonsprophylaxe, das «Test-and-Treat»-Konzept oder Impfungen für manche STIs sowie individuelle Beratungen und Schutzkonzepte, zum Beispiel abrufbar unter dem Safer-Sex-Check (Abb. 1).

Kondome

Aufgrund ihrer sehr guten Schutzwirkung auf das HI-Virus standen Kondome 40 Jahre im Zentrum der Präventionskampagnen weltweit. Hierbei wurde oft die Tatsache ausgeblendet, dass der Schutz, insbesondere bei bakteriellen STIs, welche in der Regel Schmierinfektionen sind, weit unter dem für HIV liegt. Wie hoch die Wirkung der Kondome auf bakterielle STIs wirklich ist, ist schwer zu sagen; beinahe alle Studien hierzu weisen methodische Schwächen auf (5). Klar ist aber, dass das Kondom, um zu wirken, auch im entscheidenden Moment getragen werden muss. Gerade beim Oralverkehr, welcher zwar kein Risiko für HIV, jedoch aber für bakterielle STIs darstellt, ist das selten der Fall.

Test-and-Treat

In den letzten 15 Jahren wurde daher viel Hoffnung auf das sogenannte «Test-and-Treat»-Konzept gesetzt. Das Konzept beruht auf der Erkenntnis, dass die meisten bakteriellen STIs asymptomatisch verlaufen (6). Die Personen, die Sie mit Symptomen in der Praxis sehen, bilden also nur die Spitze des Eisberges. Würden nun alle Personen, die ein Risiko für eine STI haben, regelmässig getestet, würde man zwar zunächst einen Anstieg an Diagnosen erwarten, durch die Unterbrechung der Infektionsketten sollte es nach einer gewissen Zeit aber zu einer Abnahme der Diagnosen kommen (7). Bei HIV ist diese Strategie durchaus erfolgreich. Auch wenn HIV nicht heilbar ist, so kann doch das Virus unter einer gut behandelten antiretroviralen Therapie nicht mehr weitergegeben werden (8). Bei der Syphilis sehen wir ebenfalls zumindest ein Plateau der Neudiagnosen (3). Bei CT und NG hingegen konnte weltweit noch kein Rückgang beobachtet werden. Der Anstieg in den aktuellen Meldezahlen des Bundesamtes für Gesundheit ist in erster Linie auf die Bemühungen zurückzuführen, dieses Ziel zu erreichen, indem mehr Personen ohne Symptome getestet werden. Aktuell wird daher viel in der Wissenschaft diskutiert, in welcher Form dieses Prinzip bei CT und NG weitergeführt werden soll (9). Für den Einzelnen oder die Einzelne mag der Nutzen jedoch durchaus gegeben sein, um beispielsweise mit einer besseren Sicherheit in eine neue Beziehung zu gehen.

Unbestritten ist bisher der Nutzen der Partner-Notifikation und gegebenenfalls Behandlung, wenn eine STI diagnostiziert wurde. Hier kann auch in Absprache mit dem Patienten eine Blindtherapie indiziert sein. Wichtig ist, dass Sie Ihre Patient/-innen über die Vor- und Nachteile einer eventuell unnötigen Antibiotikagabe aufklären und – falls sie sich für einen Test entscheiden – auf das diagnostische Fenster achten (bei CT und NG 14 Tage).

Wichtig zu erwähnen ist zudem, dass das «Test-and-treat»-Konzept nur für die Infektionen mit HIV, Syphilis, CT und NG gilt. Bei anderen Erregern, wie beispielsweise Mycoplasma genitalium oder Ureaplasmen, ist das Screening von asymptomatischen Personen nicht empfohlen, da diese selten zu Symptomen und so gut wie nie zu Komplikationen führen, die Behandlung aber sehr belastend sein kann (10). Hier gilt der Grundsatz «Primum non nocere!» Wir raten daher auch von der Verwendung von Multiplex-PCR, welche fünf oder mehrere Erreger gleichzeitig suchen, insbesondere bei asymptomatischen Personen, ab.

Prophylaktische Gabe von Antiinfektiva und Impfungen

Aufgrund des ausbleibenden Effektes des «Test-and-treat»-Konzepts wurde nach neuen Präventionsstrategien gesucht. Impfungen gibt es bereits gegen HPV und Hepatitis B. Zu erwähnen ist zudem die Impfung mit dem Pocken-Impfstoff Jynneos®, welcher auch eine Wirkung auf das Mpox (ehemals Affenpocken) Virus zeigt und daher für Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) und trans Personen mit wechselnden Sexualpartnern empfohlen ist. Die Impfung wird für diese Gruppen von den Krankenkassen übernommen und erfolgt je nach Kanton an speziellen Impfstellen. Gegen Syphilis, Gonokokken und Chlamydien stehen leider noch keine Impfungen zur Verfügung, auch wenn Studien hierzu laufen. Retrospektive Studien von Personen, die eine Impfung gegen einen den NG verwandten Erreger, den Meningokokken Gruppe B (Bexsero), erhalten haben, zeigen eine 40 % Reduktion von NG (11). Neueste, prospektive Studien konnten diesen Effekt jedoch leider nicht bestätigen (12). Aktuell gibt es daher keine offizielle Empfehlung für Risikopersonen, diese Impfung off-label zum Schutz von NG anzubieten.

Neben Impfungen wurde auch das Prinzip der Chemo-prophylaxe untersucht. Bei HIV kennen wir dieses Prinzip schon eine Weile und seit dem 01. Juli 2024 kann die HIV-Präexpositonspophylaxe (PrEP) für bestimmte Risikogruppen durch die Krankenkassen vergütet werden. Voraussetzung ist, dass man zu den vom Bund vorgegebenen Gruppen gehört und die verschreibenden Ärzte und Ärztinnen Teil des SwissPrEPared Programms sind (13). Mehr zur PrEP und zur Teilnahme am Programm finden Sie unter www.swissprepared.ch.

Aber auch bei den bakteriellen STIs bekommt dieses Konzept immer mehr Bedeutung. Studien mit einmalig 200 mg Doxycyclin bis zu 72 Stunden nach einer sexuellen Risikosituation konnten bei MSM beachtliche Effekte von bis zu 70 % Reduktion von Chlamydien- und Syphilis-Infektionen zeigen (12, 14). Bei Gonokokken, die eine rasante Resistenzentwicklung in den letzten Jahrzehnten gezeigt haben, war der Effekt deutlich geringer oder nicht nachweisbar. Einige Länder haben daher die sogenannte Doxy-PEP bereits in ihre Empfehlungen für MSM und trans Personen aufgenommen, da hier aufgrund der engen sexuellen Netzwerke die Infektionen am meisten verbreitet sind. Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI) arbeitet aktuell an einer Empfehlung für die Schweiz. Leider gibt es noch wenig Studien, die Daten zu dem Langzeitrisiko, insbesondere auf die Resistenzentwicklung und auf das Mikrobiom, untersucht haben (15).

Diagnostik

Immer wieder sehen wir in der klinischen Praxis verunsicherte Patienten und Patientinnen, bei denen Antikörper im Blut gegen CT oder NG bestimmt wurden. Diese Analysen haben ihre klinische Relevanz nur bei disseminierten Infektionen. Zur Ursache bei einer akuten Erkrankung wie einer Urethritis haben sie keinen Stellenwert. Zur Diagnostik einer genitalen Infektion eignet sich ein PCR-Test aus einem Abstrich oder eine Urinprobe. Zervikale und vaginale Abstriche sind gleichwertig. Der Abstrich aus der Harnröhre bei einem Penis muss nicht tief eingeführt werden, auch muss das Abstrichstäbchen nicht hin und hergedreht werden. Ein kurzes Einführen in die Harnröhre von < 1cm oder sogar ein Abstrich nur aus dem Meatus ohne Einführen ist ausreichend (16). Beim Abstrich aus dem Penis ist darauf zu achten, dass die Person 2 Stunden vorher nicht uriniert hat, damit die Erreger nicht ausgespült wurden. Bei einer Urinprobe sollte der Erststrahlurin aus dem gleichen Grund verwendet werden (17, 18).

Da diese Erreger aber auch auf anderen Schleimhäuten übertragen werden können, sollten vor allem bei asymptomatischen Personen ein Rachen- und je nach Sexualanamnese zusätzlich ein Rektalabstrich durchgeführt werden. Gerade bei MSM würde man bei einem reinen genitalen Screening bis zu 2/3 aller Infektionen verpassen. (19) Um Geld zu sparen, können die 3 Abstriche gepoolt werden, um nur eine PCR durchzuführen. Hierzu werden alle 3 Abstrichtupfer in ein Röhrchen mit Trägerlösung gegeben (19). Sprechen Sie aber vorher mit Ihrem Labor ab, ob Analysen an gepoolten Abstrichen angeboten werden. Bei MSM mit rektalen Beschwerden, insbesondere Schmerzen oder inguinaler Lymphknotenschwellung und positivem CT-Abstrich, sollte immer auch eine weitere Testung auf Lymphogranuloma venerum (LGV) (CT Serotypen L1-3) erfolgen, da diese eine längere Behandlung benötigen.

Bei der Syphilis erfolgt die Diagnose primär durch serologische Marker. Lediglich bei der frischen Syphilis, mit einem klassischen Ulcus, kann es Sinn machen, auch eine PCR aus einem Ulcus-Abstrich auf Treponema pallidum durchzuführen, da es aufgrund des diagnostischen Fensters zu falsch negativen Resultaten in der Serologie kommen kann. Bei Personen, welche noch nie eine Syphilis hatten, kann der Syphilis-Screening-Test oder Treponema-pallidum-Partikel-Agglutination-Test (TPPA) durchgeführt werden. Da dieser nach einer behandelten Syphilis lebenslang positiv bleibt, muss bei Verdacht eine Re-Infektion und zur Bestätigung eines positiven TPPA der Rapid Plasma Reagin (RPR) oder der Veneral Disease Research Laboratory (VDRL) Test gewählt werden (21). Die Interpretation, ob es sich um eine Sero-Narbe oder eine Re-Infektion handelt, kann schwierig sein. Insbesondere dann, wenn keine Vorwerte vorliegen. Bei der Anamnese sollte zudem immer nach neurologischen Symptomen, speziell nach Seh- und Hörstörungen, gefragt werden. Zudem soll bei Verdacht auch eine neurologische Untersuchung inklusive Lumbalpunktion mit der Frage nach intrathekaler Syphilis-Antikörperproduktion durchgeführt werden, um eine Neuro-Lues nicht zu verpassen. Bei Schwierigkeiten in der Interpretation sollte Rücksprache mit einem Facharzt oder einer Fachärztin für Infektiologie oder Dermatologie/Venerologie gehalten werden.

Behandlungen

In der Behandlung von CT/NG gab es in den letzten Jahren vor allem eine wesentliche Änderung. Auf den Einsatz von Makroliden (Azithromycin) soll aufgrund der raschen Resistenzentwicklung weitgehend verzichtet werden und nur noch bei Unverträglichkeiten auf die Erstlinientherapie ausgewichen werden. Die Erstlinientherapie besteht bei CT aus Doxycyclin 100 mg 2 x täglich für 7d (21d bei LGV) (18).

Bei NG wird keine duale Therapie aus Ceftriaxon und Azithromycin mehr empfohlen, sondern nur noch 1 g Ceftriaxon einmalig in Monotherapie (17). Diese kann intramuskulär (i.m.) oder intravenös (i.v.) erfolgen. Aufgrund der raschen Resistenzentwicklung empfiehlt es sich, immer auch eine kulturelle Testung der NG-Infektion anzustreben. Da diese aber oft nicht gelingt, soll sie die Therapie, vor allem bei symptomatischen Personen, nicht verzögern. Sie kann aber im Falle eines fraglichen Therapieversagens oder einer Ceftriaxon-Unverträglichkeit sehr hilfreich sein. Oft sind zudem die Kosten für die Resistenztestung ein Hindernis, gerade bei jungen Patient/-innen mit einer hohen Franchise.

Ein Test-of-Cure ist dann empfohlen, wenn von der Erstlinientherapie abgewichen worden ist oder die Symptome persistieren. Dieser sollte frühestens 14 Tage nach der Behandlung erfolgen, da die PCR in dieser Zeit noch falsch positiv sein kann.

In der Behandlung der Syphilis hat sich wenig geändert. Diese erfolgt weiterhin durch 2,4 Mio. IE Benzathin-Penicillin i.m. Da dieses in der Schweiz nicht verfügbar ist, muss es aus dem europäischen Ausland importiert werden (21). Dies sollte nicht zu einem Ausweichen auf die Zweitlinientherapie mit Doxycyclin führen, da hierunter öfters Therapieversagen beobachtet wurde. Falls Sie keinen Zugang zu Benzathin-Penicillin haben, überweisen Sie den Patienten/die Patientin lieber an ein infektiologisches oder dermatologisches Zentrum, welches das Medikament auf Lager hat. Für eine frische Syphilis (<12 Monate nach Infektion) reicht eine einmalige Gabe. Bei unklarem Infektionszeitpunkt oder >12 Monate seit der Infektion sollte diese insgesamt 3 x im Abstand von jeweils 7 Tagen durchgeführt werden. In der Praxis hat sich die Gabe von 50 mg Prednison vor der ersten Gabe zur Prophylaxe einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion empfohlen, auch wenn die Evidenz hier nicht wissenschaftlich belegt ist. Ein Test-of-Cure ist bei der Syphilis spätestens nach 12 Monaten empfohlen, es empfiehlt sich, die Verlaufskontrolle bereits früher, nach 3 Monaten, zu machen. Auch wenn Therapie­versagen selten sind, ist es sonst bei einer möglichen Re-­Infektion oft sehr schwierig, die Werte zu interpretieren, wenn kein Nadir dokumentiert wurde. Eine Syphilis gilt als erfolgreich therapiert, wenn der RPR oder VDRL-Titer mindestens 4 log Stufen abgefallen oder negativ ist. Bei Menschen mit Immunschwäche, inklusive HIV und bei länger zurückliegender Infektion, kann diese Zeit gelegentlich auch länger dauern. Die Therapie einer Neuro-Syphilis erfolgt durch die intravenöse Gabe von 3–4 Mio. IE Penicillin G i.v. alle 4 Stunden für 14 Tage.

Andere bakterielle STIs

Andere bakterielle STIs spielen nur bei symptomatischen Patient/-innen eine Rolle und sollten nie als Screening abgenommen werden. Bei Patient/-innen mit Urethritis, Vaginitis oder Proktitis empfiehlt sich ein stufenweises Vorgehen. Zunächst sollte ein Abstrich auf CT/NG durchgeführt werden. Werden keine der beiden Erreger gefunden, kann weiter auf Mycoplasma genitalium und bei heterosexuellen cisgender Frauen Trichomonas vaginales getestet werden. Bei nicht spezifischen Symptomen wie Juckreiz darf auch mal abgewartet werden, ob die Symptome von selbst sistieren. Mycoplasma genitalium ist weitgehendst resistent auf die frühere Behandlungsempfehlung mit Azithromycin. Eine kulturelle Anzüchtung zur Resistenzbestimmung ist beinah unmöglich. Wenn also keine genetische Testung auf Makriolidresistenz vorliegt, sollte dieses nicht mehr eingesetzt werden. Auch bei einem auf Makrolide sensiblen Erreger sollte immer vorher 7d mit Doxycyclin behandelt werden, um den bakterial load zu reduzieren und dadurch Therapieversagen und weitere Resistenzentwicklung zu vermeiden (10).

Die Umsetzung des NAPS wird unsere praktische Arbeit in Hinblick auf die sexuelle Gesundheit unserer Patient/-innen in den nächsten Jahren verändern. Für das Ziel, der Beendigung der HIV-Epidemie bis zum Jahr 2030 und der Reduktion der anderen sexuell übertragbaren Infektionen müssen wir Ärzt/-innen, die Bevölkerung, aber auch der Bund, die Kantone und die Gemeinden gemeinsam arbeiten. Sie, liebe Leserinnen und Leser, spielen in der Praxis dazu eine wichtige Rolle. Bei jeder STI, die Sie diagnostizieren, sollten Sie vor allem bei MSM unbedingt auch an einen HIV-Test und ein Gespräch über Schutzmöglichkeiten wie die PrEP denken. MSM mit einer bakteriellen STI sind die Gruppe, mit dem statistisch höchsten Risiko sich in den nächsten Monaten mit dem HI-Virus zu infizieren (22). Setzen Sie nicht nur auf das Kondom in Ihrer Beratung, sondern passen Sie Ihre Empfehlungen individuell an Ihre Patienten/-innen an.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus «der informierte arzt / die informierte ärztin» 01/25

Dr. med. Benjamin Hampel

– Department of Public and Global Health, Epidemiology, Biostatistics and Prevention Institute, University of Zurich, Hirschengraben 84, 8001 Zurich

– Checkpoint Zürich, Limmatstrasse 25, 8005 Zürich

– Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI)

Dr. med. Barbara Jakopp

– Kantonsspital Aarau, Abteilung für Infektiologie und Infektionsprävention, Tellstrasse 25, 5001 Aarau
– Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (EKSI)

Der Autor und die Autorin haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Schweiz strebt an, bis 2030 keine neuen Übertragungen von HIV sowie Hepatitis B und C zu verzeichnen und unterstützt die globalen Ziele der WHO und UNAIDS.
  • Neben klassischen Präventionsmassnahmen wie Kondomen gewinnen biomedizinische Ansätze an Bedeutung. Dazu gehören HIV-Prä- und Postexpositionsprophylaxe (PrEP/PEP), Impfungen (z. B. gegen HPV und Hepatitis B) sowie angepasste Beratungskonzepte wie der «Safer-Sex-Check».
  • Das Konzept, durch regelmässige Tests asymptomatische Infektionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, zeigt Erfolge bei HIV und Syphilis. Bei Gonorrhoe und Chlamydien konnte bisher jedoch kein Rückgang beobachtet werden, da viele Infektionen symptomfrei verlaufen und Resistenzen zunehmen.
  • Antikörpertests sollten bei der Diagnostik von CT und NG nicht verwendet werden. Stattdessen sollen PCR aus Urin oder Abstrichen aus der Genitalregion (urethral beim Mann, cervikal oder vaginal bei der Frau), sowie, je nach Sexualanamnese, auch aus dem Rachen und Rektum durchgeführt werden.
  • Der Einsatz von Azithromycin wird wegen Resistenzentwicklungen eingeschränkt. Stattdessen wird für Chlamydien Doxycyclin empfohlen, für Gonorrhoe Ceftriaxon in Monotherapie.

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Erfahrungen mit dem medika­mentösen Schwangerschaftsabbruch mit nur einer Konsultation

Seit 2016 bieten wir am Stadtspital Zürich den One Stop MToP an. Damals berichteten wir hier über unsere ersten ­Erfahrungen. Nun ziehen wir erneut Bilanz, mit positiven Rückmeldungen in 93 % bei 258 befragten Frauen. Sicher und mit gleicher
Wirksamkeit bietet der One Stop MToP den Patientinnen mehr Flexibilität und Selbstbestimmung im Ablauf ihres Schwangerschaftsabbruchs.

We have been offering One Stop MToP at Zurich City Hospital since 2016. At that time, we reported on our initial experiences here. Now with more data we are taking stock again, with positive feedback from 93% of the 258 women surveyed. Safe and equally effective, One Stop MToP provides patients with greater flexibility and autonomy in managing their abortion process.
Keywords: Medical Termination of Pregnancy, One Stop, Progesteron-Antagonist, Prostaglandin-Analogon

Beim sogenannten One Stop MToP (Medical Termination of Pregnancy) erfolgt die Nachkontrolle nach dem Schwangerschaftsabbruch zuhause durch die Patientin selbst und nicht, wie sonst üblich, in der Klinik. Bei einem ausgewählten Kollektiv von Patientinnen stellt dies eine sichere und gut etablierte Methode zur Beendigung einer ungewollten Schwangerschaft dar. Die Frauenklinik hat 2016 die One Stop Methode eingeführt, um die Überdiagnostizierung von Restmaterial nach einem MToP zu reduzieren, den Patientinnen mehr Selbstbestimmung über den Verlauf ihres Schwangerschaftsabbruchs zu ermöglichen und das Ambulatorium zu entlasten. Während sechs Jahren wurden die One Stop-Patientinnen des Stadtspitals zu ihren Erfahrungen und ihrer Zufriedenheit mit dieser Methode befragt. Die Rückmeldungen waren mehrheitlich positiv.

Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz

Die in der Schweiz seit 2002 geltende Fristenregelung besagt, dass eine Schwangerschaft in den ersten 12 Wochen auf Wunsch der Frau bei Bestehen einer Notlage abgebrochen werden kann. Gemäss dem Bundesamt für Statistik ist die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche seit 2004 zwischen 6.8 und 7.2 pro 1000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren relativ stabil und fällt im internationalen Vergleich sehr niedrig aus. Das Durchschnittsalter der Frauen beim Abbruch liegt bei 30 Jahren. Bei jungen Frauen bis 19 Jahre ist die Abbruchrate seit einiger Zeit auf niedrigem Niveau konstant, im Jahr 2023 waren es 3.3 von 1000 Frauen. Hinsichtlich der Methode des Schwangerschaftsabbruchs dominiert heute in der Schweiz eindeutig der medikamentöse Abbruch, der in 80 % der Fälle gewählt wird (1). Zur Häufigkeit von One Stop MToP in der Schweiz gibt es keine Zahlen des Bundesamts für Statistik. Eine Studie zeigt jedoch, dass die Methode nur selten angeboten wird (2). Dabei hat der One Stop MToP einige Vorteile zu bieten.

Ablauf des One Stop MToP

Der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch besteht aus der Einnahme von Mifepriston, einem Progesteron-Antagonisten, gefolgt von dem Prostaglandin-Analogon Misoprostol nach 36 bis 48 Stunden. Die Zulassung für einen MToP mittels Mifepriston und Misoprostol gilt in der Schweiz bis 49 Tage nach Beginn der letzten Menstruation. Danach gilt eine Verabreichung als «off-label use», und wird häufig durchgeführt (3). Zwei Wochen nach Einnahme der Medikamente erfolgt eine Nachkontrolle, die eine fortbestehende Schwangerschaft ausschliessen soll. Diese findet klassischerweise in der Klinik oder Praxis statt, mittels transvaginalem Ultraschall. Beim One Stop MToP hingegen führt die Patientin die Nachkontrolle selbstständig mit einem speziellen Schwangerschaftstest durch, der einen beta-hCG Schwellenwert von 1000 mIU/mL aufweist (CheckTop®) (Abb. 1). Der Ablauf eines One Stop MToP richtet sich am Stadtspital nach den Empfehlungen der SGGG (3). Es wird immer eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt, mittels Ultraschalls eine ektope Gravidität ausgeschlossen sowie das Gestationsalter überprüft und über eine zukünftige Antikonzeption beraten. Bei Rhesus-negativen Patientinnen erfolgt eine Anti-D Prophylaxe mit Rhophylac®. Die Patientin kann das Mifepriston-Präparat (Mifegyne® 600 mg p.o) direkt unter Aufsicht einnehmen. Das zweite Medikament, Misoprostol (Cytotec® 400 μg) und der CheckTop® Schwangerschaftstest, sowie auch Analgetika und Antiemetika werden ihr für zuhause mitgegeben.

Zur Bestimmung des geeigneten Patientinnenkollektivs für einen One Stop Ablauf liegt im Stadtspital eine Checkliste vor. Zusätzlich zu den allgemeinen Ausschlusskriterien für einen medikamentösen Abbruch kommen als Kontraindikationen für einen One Stop MToP eine psychische Erkrankung und die Erstdiagnose der Schwangerschaft auf dem Notfall hinzu. In erster Linie ist der Wunsch der Patientin massgeblich, ob sie ein Vorgehen entsprechend One Stop oder die Variante mit mehreren Kontrollen bevorzugt.

Vorteile eines One Stop MToP

Gemäss den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte die Möglichkeit eines One Stop MTop Frauen im ersten Schwangerschaftsdrittel mit negativem Desiderium angeboten werden (4). Obwohl in der Schweiz dafür keine rechtlichen Hürden vorliegen, wird die One Stop Methode nur selten angeboten. Im Rahmen einer Schweizer Studie gaben lediglich 8.3 % der Spitäler und 28.6 % der Praxen an, Schwangerschaftsabbrüche mit nur einem Termin anzubieten (2). Dabei gäbe es verschiedene Gründe, wieso Patientinnen den Ablauf als One Stop bevorzugen könnten: Eine Studie nennt die Vermeidung eines weiteren Krankenhausbesuchs, die Reduktion von Stress und praktische Erwägungen als Gründe für die Präferenz einer Nachkontrolle zuhause (5). Ein weiterer Vorteil des One Stop MToP sind geringere Kosten. Laut einer Studie am Universitätsspital in Genf kostet das Verfahren durchschnittlich 27 % weniger (6). Darüber hinaus kann das Risiko einer Überbehandlung bei einem One Stop MToP als geringer eingeschätzt werden. Bei einer Nachkontrolle mittels Ultraschall wird öfter die Diagnose von Restmaterial gestellt, was zu unnötigen chirurgischen Interventionen führen kann (6, 7, 8). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die korrekte Beurteilung des Ultraschallbefundes stark von der Erfahrung der durchführenden Fachperson abhängt.

Internationale Studien haben gezeigt, dass der One Stop MToP gleichermassen sicher und wirksam ist wie ein Verfahren mit mehreren Terminen. Die Nachkontrolle mittels Urintests und Symptombeurteilung zuhause ist ebenso zuverlässig wie die Ultraschalluntersuchung. Darüber hinaus unterscheiden sich die Erfolgs- und Komplikationsraten bei One Stop MToP nicht von denen eines Verfahrens mit mehreren Terminen (8, 9). Laut Befragungen, die einige Wochen nach dem Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wurden, würden sich je nach Studie 76 bis 95 % der Patientinnen erneut für den Ablauf als One Stop entscheiden (6, 8, 10, 11).

Ergebnisse unserer Befragung

Um die Erfahrung der Patientinnen, die sich am Stadtspital für die One Stop Methode entschieden haben, zu erfassen, wurden ihnen 3 bis 4 Wochen nach dem Schwangerschaftsabbruch telefonisch die drei in der Abb. 2 aufgeführten Fragen gestellt.

Insgesamt wurden im untersuchten Zeitraum 1326 medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche im Stadtspital durchgeführt, davon 511 (38.5 %) als One Stop. Das mittlere Alter der Patientinnen betrug 28.5 Jahre und das durchschnittliche Gestationsalter lag bei 7 Wochen. Es konnten 258 Patientinnen telefonisch zu ihrer Erfahrung befragt werden. Dabei zeigte sich eine hohe Zufriedenheit der Patientinnen: 93 % gaben an, sie seien zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Verfahren. 85 % der Patientinnen fühlten sich währenddessen sicher oder sehr sicher. Etwa die Hälfte der Patientinnen (52 %) benötigte während des Schwangerschaftsabbruchs zu Hause nur wenig oder gar keine Unterstützung, während 34 % angaben, dass sie Unterstützung oder sehr viel Unterstützung benötigten.

Der Unterstützungsbedarf korrelierte sowohl mit dem Alter der Patientin als auch damit, wie sicher sie sich während des Verfahrens gefühlt hat. Der Unterstützungsbedarf ist tendenziell tiefer, je älter die Patientin ist und tendenziell höher, wenn sich die Patientin nicht sehr sicher fühlte. Die Unterstützung zuhause stellt also einen wichtigen Faktor für das Erlebnis der Patientin dar und sollte während des Beratungsgesprächs speziell angesprochen werden. Studien haben gezeigt, dass die Anwesenheit einer Vertrauensperson zuhause eine signifikante Korrelation mit der Zufriedenheit der Patientin nach dem Schwangerschaftsabbruch aufweist (12).

Schlussfolgerung und Ausblick

Die Ergebnisse unserer Befragung und der erwähnten Studien zeigen, dass ein One Stop MToP mehrheitlich zu zufriedenen Patientinnen führt. Am Stadtspital wurde seit der Einführung zudem beobachtet, dass es zu weniger Interventionen gekommen ist, auch wenn exakte Zahlen dafür fehlen. Weiterhin bleibt das sorgfältige Triagieren der geeigneten Patientinnen und die Empfehlung der Anwesenheit einer Bezugsperson wichtig. Mit gleicher Wirksamkeit bietet der One Stop MToP Patientinnen mehr Flexibilität und Selbstbestimmung im Ablauf ihres Schwangerschaftsabbruchs. Zudem schätzen die Patientinnen die Entlastung ihrer zeitlichen Ressourcen. Neben der zeitlichen Entlastung seitens der Patientinnen schont das Vorgehen ebenso die spitalinternen Prozesse in punkto Kapazität und ökonomischen Aspekten. Der One Stop MToP wird als bewährtes Verfahren weiter im Stadtspital durchgeführt und sollte allgemein in der Schweiz mehr angeboten werden, um den Zugang zum individuell besten Verfahren für jede Patientin zu gewährleisten.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Cand. med. Clara Seebach

Frauenklinik Triemli
Stadtspital Zürich
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Dr. med. Natalia Conde

Frauenklinik Triemli
Stadtspital Zürich
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Natalia.Conde@triemli.zuerich.ch

Die Autorinnen erklären, keinen Interessenskonflikt in Zusammenhang mit diesem Beitrag zu haben.

  • Sicher und effektiv: Der One Stop MToP ist ebenso sicher und wirksam wie Verfahren mit mehreren Terminen.
  • Hohe Zufriedenheit: 93 % der Patientinnen bewerten die Methode positiv.
  • Kostensparend und praktisch: Der One Stop MToP reduziert Stress und generiert um ca. 27 % verminderte Kosten.
  • Weniger Eingriffe: Geringeres Risiko unnötiger Operationen oder Folgetherapien durch Überdiagnostik von Restmaterial im Ultraschall.
  • Unterstützung ist wichtig: Ein unterstützendes Umfeld zuhause verbessert das Erlebnis der Patientinnen.

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Therapie der Präeklampsie – Ein Update

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und insbesondere die Präeklampsie sind auch heutzutage zu einem erheblichen Anteil verantwortlich für mütterliche und kindliche Morbidität und Mortalität. An kausalen Therapiemöglichkeiten fehlt es weiterhin. Doch liegt nach aktueller Datenlage mit der Einnahme von niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (ASS) ein wirksames Mittel zur Prävention vor. Dies rückt die Bedeutung des Präeklampsie-Screenings zunehmend in den Fokus. Auch wurde im deutschsprachigen Raum im Jahr 2024 die überarbeitete AWMF-Leitlinie «Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen» (1) publiziert, die die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten (insbesondere die antihypertensive und antikonvulsive Therapie) evidenzbasiert darstellt und Empfehlungen zum postpartalen Management aufzeigt.

Hypertensive pregnancy disorders and in particular pre-eclampsia are among the main reasons of maternal and infant morbidity and mortality today. There is still a lack of causal treatment options. However, according to current data, the use of lowdose acetylsalicylic acid (ASS) is an effective means of prevention. This brings the importance of preeclampsia screening increasingly into focus. The revised AWMF guideline “Hypertensive pregnancy disorders” (1) was published in Germanspeaking countries in 2024, which presents the current treatment options (in particular antihypertensive and anticonvulsant therapy) in an evidencebased manner and provides recommendations for postpartum management.
Keywords: Hypertensive pregnancy disorders, pre-eclampsia screening, acetylsalicylic acid, antihyper-tensive therapy, anticonvulsant therapy.

Einführung

Mit einer Inzidenz von 6–8 % sind hypertensive Schwangerschaftserkrankungen heutzutage eine der Hauptursachen für maternale und perinatale Morbidität und Mortalität. In der Schweiz liegt die Inzidenz der Präeklampsie bei ≤ 2 %, somit sind pro Jahr ca. 1800–1900 Frauen hiervon betroffen (2). Die Definition der Präeklampsie wurde in Anlehnung an die Empfehlungen der «International Society for the Study of Hypertension in Pregnancy» (ISSHP) aus dem Jahr 2018 erweitert (3). Somit bedarf es nun nicht mehr zwingend einer signifikanten Protein­urie ≥ 300mg/d oder eines Protein/Kreatinin-Quotienten von ≥ 30mg/mmol zur Diagnosestellung. Nach der neuen Definition muss zur Diagnose Präeklampsie eine neu in der Schwangerschaft und nach 20 Schwangerschaftswochen aufgetretene Hypertonie begleitet werden von mindestens einem der folgenden Kriterien: maternale Organdysfunktion (Niere, Leber, Lunge, hämatologische oder neurologische Beteiligung) und/oder fetale Wachstumsrestriktion.

Neuere Daten belegen zudem das erhöhte Risiko für kardiovaskuläre Langzeitfolgen bei Frauen mit Status nach Präeklampsie. Sie zeigen ein 4-fach erhöhtes Risiko für eine spätere arterielle Hypertonie und ein 2-fach erhöhtes Risiko für eine ischämische Herzerkrankung, einen cerebralen Insult oder sonstige thromboembolische Ereignisse.

Auch weiterhin existiert keine kausale Therapie der Präeklampsie. Umso wichtiger ist daher die frühzeitige Risikostratifizierung mittels Prädiktion und Prävention. Zudem können biochemische Marker die Diagnosestellung auch frühzeitig mit oder bereits kurz vor Auftreten der klinischen Symptome vereinfachen und untermauern.

Prävention

Es fehlt zwar weiterhin an kausalen Therapien, jedoch konnte in der Prävention in den letzten Jahren niedrig dosiertes Aspirin (100-150mg täglich) etabliert werden. Mit der Einnahme sollte jedoch frühzeitig begonnen (vor 16 Schwangerschaftswochen) und bis zur 36. Schwangerschaftswoche fortgeführt werden, um das Risiko der Entwicklung einer Präeklampsie signifikant zu senken. Im Hochrisikokollektiv konnte das Risiko zur Entwicklung einer Präeklampsie um 17 % gesenkt werden, mit einer Senkung des relativen Risikos für Frühgeburt um 14  % und um 8  % für perinatales Versterben. Zu diesen Hochrisiko-Faktoren zählen gemäss «National Institute for Health and Care Excellence (NICE)» (4): Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen in einer vorangegangenen Schwangerschaft, chronische Nierenerkrankungen, Autoimmunerkrankungen wie systemischer Lupus erythematodes oder Antiphospholipidsyndrom, Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2 und chronische Hypertonie. Liegt mindestens einer dieser Faktoren vor, sollte die Schwangere niedrig dosiertes Aspirin einnehmen. Ebenso wird die Einnahme von ASS empfohlen bei Vorliegen von mindestens zwei moderaten Risikofaktoren. Hierzu zählen: Nulliparität, Alter von 40 Jahren oder älter, mehr als 10 Jahre Abstand zur vorherigen Schwangerschaft, BMI von ≥ 35 kg/m2 bei Erstkonsultation, Präeklampsie in der Familienanamnese und Mehrlingsschwangerschaft. 2017 konnte im «ASPRE-Trial» (5) gezeigt werden, dass 150 mg Aspirin die Entwicklung einer «Preterm-Präeklampsie» um 60 % reduzieren konnten, die Entstehung einer «early-onset Präeklampsie» (vor 34 Schwangerschaftswochen) konnte sogar um bis zu 90 % reduziert werden. Diese Resultate konnten durch neuere Meta-Analysen bestätigt werden. Als kostengünstiges und nebenwirkungsarmes Medikament hat ASS somit mittlerweile einen grossen Stellenwert in der Prävention der Präeklampsie.

Ersttrimester-Screening auf Präeklampsie

Risikofaktoren gelten jedoch weiterhin als zu ungenau in der Vorhersage der Präeklampsie. Exakter kann das Hochrisiko-Kollektiv im ersten Trimenon, analog zum Aneuploidie-Screening, identifiziert werden. Hierbei handelt es sich um einen Algorithmus aus mütterlichen Risikofaktoren, mittlerem arteriellem Blutdruck (MAP), mittlerem Pulsatilitätsindex der Aa. uterinae (mittels Doppler-Sonographie ermittelt) und dem proangiogenen Protein «placental growth factor» (PlGF), bestimmt im mütterlichen Serum (6). Mit dieser Kombination lassen sich 90 % der frühen Formen der Präeklampsie (mit Entbindung vor 32 Schwangerschaftswochen) und 75 % der Erkrankungen vor 37 Schwangerschaftswochen vorhersagen, mit einer falsch-positiven Rate von 10 %. Auf dieser Grundlage empfiehlt die aktualisierte AWMF-Leitlinie ein flächendeckendes Angebot dieses Screenings.

Klinisches Management bei Präeklampsie

Eine wesentliche Bedeutung in der Behandlung der Symptome der Präeklampsie hat die antihypertensive Therapie. Hier hat in den letzten Jahren ein wahrhafter Paradigmenwechsel stattgefunden, was in der aktualisierten AWMF-Leitlinie deutlich gemacht wurde. Insbesondere durch die CHIPS- (7) und CHAP-Studie (8) konnten Werte ≤ 135 mmHg systolisch und ≤ 85 mmHg diastolisch als Zielwerte in der medikamentösen Blutdruck-Einstellung etabliert werden. Dies bedeutet, dass Frauen mit Blutdruckwerten ≥ 140 mmHg systolisch und/oder ≥ 90 mmHg diastolisch medikamentös behandelt werden sollten. In der Schweiz gilt als Mittel der 1. Wahl Labetalol (Trandate), Mittel der 2. Wahl ist Nifedipin (Adalat). Bei Kontraindikationen gegen die ersten beiden Medikamente ist Methyldopa als Alternativpräparat verfügbar (Tab. 1). Als Grundprinzip der Initiierung einer antihypertensiven Therapie gilt, langsam und niedrig dosiert zu beginnen. Denn eine zu rasche Senkung des maternalen Blutdrucks birgt die Gefahr einer uterinen Minderperfusion und somit einer Mangelversorgung des Feten. Zudem ist zu beachten, dass die aktuelle Medikation reduziert werden sollte, wenn der mittlere diastolische Druck an drei aufeinanderfolgenden Tagen ≤ 80mmHg beträgt. Ein Novum in der aktualisierten AWMF-Leitlinie ist die Empfehlung der Hinzunahme einer zweiten Substanzklasse, sollten die Zielwerte mittels Monotherapie nicht erreicht werden. Dies sollte in Erwägung gezogen werden, wenn die Monotherapie bereits bis zum mittleren Dosierungsbereich gesteigert wurde.

Die medikamentöse Blutdruckeinstellung kann grundsätzlich ambulant erfolgen. Erfüllt die Schwangere jedoch die Diagnosekriterien für eine Präeklampsie, ist eine Hospitalisierung im Zentrum mit einem interdisziplinären Team aus Geburtshilfe, Anästhesie, Neonatologie und ggf. weiteren Disziplinen dringend empfohlen. Abhängig vom Gestationsalter sollte eine Lungenreifungsinduktion zur Verbesserung des neonatalen Outcomes bei potentieller Frühgeburtlichkeit begonnen werden. Je nach Klinik sollte die Schwangere zudem Magnesium intravenös als Krampfprophylaxe erhalten.

Bei Verschlechterung der maternalen oder fetalen Situation bleibt als ultima ratio der Behandlung nur die Entbindung. Hierbei müssen sorgsam die mütterlichen und neonatalen Vorteile und Risiken gegeneinander abgewogen werden. Aber ab der 37. Schwangerschaftswoche wird bei einer Diagnose von Präeklampsie grosszügig die Entbindung empfohlen. Bei stabilem maternalen und fetalen Zustand kann eine vaginale Geburt angestrebt werden.

Auch nach der Entbindung muss die Wöchnerin im klinischen Setting engmaschig überwacht und ihr Blutdruck adäquat eingestellt werden. Die Zielwerte liegen hier bei < 135/85 mmHg.

Langzeitfolgen

Auch nach Abschluss des Wochenbetts hat eine Präeklampsie Folgen für die langfristige Gesundheit der Frau. Sie zeigt ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen mit einem relativen Risiko für Bluthochdruck von 3,7 und für ischämische Herzerkrankungen von 2,16. Zudem konnte eine Verdopplung des Risikos für ischämische Kardiopathien, zerebrovaskuläre Insulte und Thromboembolien in den folgenden 5-15 Jahren nach einer Schwangerschaft mit Präeklampsie nachgewiesen werden. Aus diesem Grund betont die aktualisierte AWMF-Leitlinie die Bedeutung der Präeklampsie-Nachsorge. Hierbei sollten auch die Risiken und möglichen Präventionsmassnahmen in Bezug auf Folgeschwangerschaften thematisiert werden.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Hanna Baumann-Hürter

Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Inselspital Bern
Friedbühlstrasse 19
3010 Bern

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Präeklampsie trägt weltweit bedeutend zur Morbidität und
    Mortalität von Schwangeren und ihren Kindern bei, auch nach der Schwangerschaft und dem Wochenbett.
  • An kausalen Therapieoptionen fehlt es weiterhin. Jedoch gewinnt die Prävention mittels Aspirin zunehmend an Bedeutung.
  • Es stehen drei Substanzklassen zur medikamentösen Blutdrucksenkung zur Verfügung: Labetalol, Nifedipin und Methyldopa. Auch eine Kombination von Substanzklassen kann bei unzureichender Blutdruckeinstellung erwogen werden. Die medikamentöse Therapie sollte grundsätzlich niedrig dosiert begonnen werden, um die fetale Versorgung nicht zu gefährden.
  • Schwangere mit Risikofaktoren sollten so lange wie möglich im ambulanten Setting engmaschig betreut werden. Mit Diagnosestellung ist jedoch eine Behandlung in einem Zentrum notwendig, da nur dort die interdisziplinäre Betreuung rund um die Uhr gewährleistet werden kann.
  • Auch jenseits der Gestationsperiode kann das kardiovaskuläre Risiko der Frau und ihrer Kinder durch Prädiktion und Prävention langfristig gesenkt werden.

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Männer mit Brustbeschwerden

In der männlichen Brust können, wie bei den Frauen, gut- und bösartige Veränderungen auftreten. Die häufigste Brusterkrankung bei Männern ist die Gynäkomastie. Die Differenzierung zwischen einer Gynäkomastie und einem Mammakarzinom kann bei der klinischen Untersuchung schwierig sein. Die Mammografie und die Mammasonografie hingegen zeigen ein charakteristisches Bild; der negative prädiktive Wert dieser Untersuchungen liegt nahezu bei 100 %. Andere gutartige Erkrankungen der männlichen Brust sind unter anderem Papillome, Lipome und Abszesse. Unklare Befunde müssen biopsiert werden. Meist erfolgt dies durch eine sonografisch gesteuerte Biopsie. Weniger als 1 % aller Mammakarzinome werden bei Männern diagnostiziert. Die Tumorerkrankung wird häufig erst in einem höheren Tumorstadium diagnostiziert. Die klinische und sonografische Untersuchung der Axilla ist wichtig, da eine Lymphadenopathie sich als erstes Symptom beim Mammakarzinom und bei metastasierenden oder lymphatischen Malignomen manifestieren kann. Das Spektrum an Erkrankungen der männlichen Brust zu kennen und mit deren Bildgebung vertraut zu sein, ist wichtig für eine korrekte Diagnosestellung und optimale Versorgung.

The male breast is susceptible to a variety of benign and malignant processes as the female breast. Gynecomastia is the most common abnormality in the male breast and must be distinguished from malignancy. Clinicians may feel uncertain about how to differentiate gynecomastia from malignancy and how to manage these disorders. Mammography and ultrasound have characteristic imaging features that usually allow differentiation from malignancy with a negative predictive value close to 100 %. Other benign breast disorders in men include intraductal papilloma, lipoma and abscess. Suspicious or indeterminate masses require biopsy, which can usually be performed with ultrasound guidance. Less than 1 % all of breast cancers occur in men. Affected men often present at a more advanced stage than in women due to delayed diagnosis. The examination of the axilla is important as abnormalities can occur in nodal positive breast cancer patients or in metastatic or lymphatic disease. Understanding the spectrum of diseases in the male breast and its imaging features is important for an accurate diagnosis and optimal care.
Key words: Gynecomastia, breast cancer in men, breast imaging in men

Die Anatomie der männlichen Brust

Die männliche Brust besteht überwiegend aus Fettgewebe sowie 15–25 rudimentären Milchgängen und wenig Stroma. Im Gegensatz zur weiblichen Brust kommen bei den Männern keine Drüsenläppchen, die sogenannten terminalen duktulo-lobulären Einheiten (TDLU’s), und keine Cooper-Ligamente vor (1). Die Abb. 1a und Abb. 1b zeigen je ein histologisches Präparat von einer männlichen (1a) und einer weiblichen Brust (1b). Weil TDLU’s fehlen, entstehen in der männlichen Brust nur sehr selten lobuläre Neoplasien, Fibroadenome, Phylloidestumoren oder Zysten. Die Beschreibung eines Fibroadenoms oder einer Zyste in der Bildgebung bei Männern sollte somit immer hinterfragt und mittels sonografisch gesteuerter Stanzbiopsie abgeklärt werden.

Häufigste Ursachen von Brustbeschwerden

Eine retrospektive Analyse von 555 Mammografien und 454 Mammasonografien bei 628 Männern mit Brustbeschwerden konnte aufzeigen, dass die häufigsten Ursachen hierfür von benigner Natur sind. In den allermeisten Untersuchungen wurde eine Gynäkomastie (80.4 %) diagnostiziert. Seltenere Diagnosen waren eine Pseudogynäkomastie (5.4 %), eine normale Brust (3.8 %), Lipome (2.9 %), Atherome (2 %) oder eine Mastitis/Abszess (1 %). Ein primäres Mammakarzinom wurde in 2.9 % der Untersuchungen diagnostiziert und gehörte somit zur dritthäufigsten Diagnose (2).

Gutartige Brusterkrankungen

Gynäkomastie

Die Gynäkomastie, eine Vergrösserung der männlichen Brust aufgrund einer Proliferation von Milchgängen und Stroma, kommt relativ häufig vor. Ungefähr ein Drittel aller Männer ist einmal in ihrem Leben davon betroffen. In 25 % der Fälle handelt es sich um eine physiologische Gynäkomastie, die bei Neugeborenen, in der Adoleszenz oder im Senium auftreten kann. In weiteren 25 % handelt es sich um eine idiopathische Gynäkomastie. Andere häufige Ursachen der Gynäkomastie sind die Einnahme von Medikamenten und Drogen (25 %), der primäre Hypogonadismus (8–10 %), die Hyperthyreose, chronische Krankheiten (Leberzirrhose, chronische Nierenerkrankungen) oder testikuläre und adrenale Tumoren.

Betroffene Männer klagen über ein Brustwachstum, oft einhergehend mit einer Mastodynie. Klinisch zeigt sich ein uni- oder bilateraler retroareolärer Tastbefund, der eher weich und elastisch ist (3).

Mammografisch und sonografisch kann man drei typische Muster unterscheiden: die noduläre Gynäkomastie, die dendritische Gynäkomastie und die diffuse Gynäkomastie (4).

Die noduläre Gynäkomastie (Abb. 2a) ist die häufigste Form (72 %). Die Gynäkomastie befindet sich in der floriden Phase und besteht seit weniger als einem Jahr. Sonografisch zeigt sich ein retroareoläres ovaläres hypoechogenes Areal. Bei der dendritischen Gynäkomastie (Abb. 2b) ist die Gynäkomastie fortgeschritten und befindet sich im fibrösen Stadium. Sonografisch lässt sich retroareolär ein verzweigtes, hypoechogenes Areal darstellen, welches sonomorphologisch suspekt erscheinen kann. Ist diese Veränderung jedoch in direktem Kontakt zur Mamille ohne Kutisverdickung respektive Mamillenretraktion, so handelt es sich um eine dendritische Gynäkomastie und nicht um ein Mammakarzinom. In dieser Situation ist eine Biopsie nicht notwendig. Die diffuse Gynäkomastie (Abb. 2c) ist selten (< 10 %). Die Sonomorphologie ähnelt der einer dichten, weiblichen Brust. Diese Gynäkomastie ist mit einer Östrogenexposition assoziiert.

Erwähnt sei hier noch die Pseudogynäkomastie. Hierbei handelt es sich um eine Vergrösserung der männlichen Brust durch Fetteinlagerung bei Adipositas.

Bei erwachsenen Männern mit Gynäkomastie sollte routinemässig eine klinische und sonografische Hodenuntersuchung sowie eine Ganzkörperuntersuchung durchgeführt werden. Werden anamnestisch die Einnahme von anabolen Steroiden oder Drogen verneint, sollte eine Labor­ untersuchung (LH, FSH, TSH, T, E2, SHBG, Androstendion, Estron, Prolaktin, hCG, AFP, Leber- und Nierenfunktionswerte) veranlasst werden. Die Therapie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei der juvenilen Gynäkomastie zeigt sich meistens innerhalb von 2 Jahren eine Spontanregredienz. Eine chirurgische Therapie ist bei einer symptomatischen, chronischen Gynäkomastie in Erwägung zu ziehen. Eine medikamentöse Therapie (SERMs, Aromatasehemmer, Androgene) ist nicht empfohlen. Bei nachgewiesenem Testosteronmangel kann eine Testosterontherapie angeboten werden (5).

Lipome

Lipome können in etwa 2 %–3 % der Männer mit Brustbeschwerden nachgewiesen werden (2). Klinisch imponiert ein weicher und mobiler, in der Subkutis liegender Tastbefund. Sofern diese als störend wahrgenommen werden, können diese chirurgisch entfernt werden.

Mastitis

Infektiöse Erkrankungen der männlichen Brust sind selten. Abszesse treten meistens periareolär auf (Abb. 3). Häufig handelt es sich eher um ein infiziertes Atherom als um einen tatsächlichen Abszess der Mamma. Meistens können Staphylokokken, seltener Streptokokken, als Erreger nachgewiesen werden. In Abhängigkeit des klinischen Befundes ist eine sonografisch gesteuerte Abszesspunktion oder Inzision und antibiotische Therapie notwendig.

Papilläre Neoplasien

Papilläre Neoplasien treten bei Männern sehr selten auf. In der Literatur finden sich nur wenige Fallbeschreibungen. Eine retrospektive Datenbankanalyse über 19 Jahre konnte 117 Männer mit einer papillären Neoplasie identifizieren. Diese Studie konnte aufzeigen, dass papilläre Neoplasien ohne Atypien insbesondere bei jungen Männern auftreten und insgesamt sehr selten sind. Der grösste Anteil der papillären Neoplasien war mit einem DCIS oder einem Karzinom assoziiert (6). Abb. 4 zeigt ein Papillom bei einem 34-jährigen Mann, der sich aufgrund eines Tastbefundes vorstellte. Der Befund wurde mit einer sonografisch gesteuerten Stanzbiopsie abgeklärt und bei fehlenden Atypien mittels sonografisch gesteuerter Vakuumbiopsie entfernt.

Brustbeschwerden bei Transgender-Frauen

Wir wissen wenig über die Brustgesundheit bei Transgender-Menschen. Es gibt Hinweise, dass die Brustdichte bei Transfrauen viel höher ist als bei Cis-Frauen (7). Die Hormontherapie führt zur Ausbildung von Lobuli analog den Cis-Frauen (8). Bei Transgender-Frauen kann das gewünschte Brustwachstum zu einer Mastodynie führen. Eine Kohortenstudie aus den Niederlanden hat ein 46-fach höheres Brustkrebsrisiko bei Transfrauen im Vergleich zu Cis-Männern aufzeigen können. Jedoch liegt dieses Risiko immer noch deutlich unter dem Erkrankungsrisiko einer Cis-Frau (Odds Ratio 0.3) (9). Es gibt mittlerweile Guidelines zur Brustkrebsfrüherkennung bei Transgender-Menschen. Die meisten empfehlen bei Transfrauen mit seit mindestens 5-jähriger Hormontherapie ab dem Alter von 50 Jahren regelmässige Mammografien alle zwei Jahre (10).

Maligne Brusterkrankungen

Männer erkranken sehr selten an einem Mammakarzinom. In der Schweiz sind jährlich etwa 50 Männer von dieser Erkrankung betroffen. Das virile Mammakarzinom macht weniger als 1 % aller Karzinomerkrankungen bei Männern und 1 % aller Mammakarzinome insgesamt aus (11). Das DCIS bei Männern ist mit 5–10 % aller virilen Mammakarzinome eine noch viel seltenere Entität (12).

Das durchschnittliche Erkrankungsalter bei Männern mit DCIS liegt bei 62 Jahren und beim Mammakarzinom bei 67 Jahren. Im Vergleich zu den Frauen wird sowohl das DCIS als auch das Mammakarzinom durchschnittlich vier Jahre später diagnostiziert. Bei Erstdiagnose befinden sich Männer folglich oft in einem fortgeschrittenerem Tumorstadium als die Frauen. Dabei ist das Karzinom bei Männern in 42 % und bei Frauen in 51 % der Fälle lediglich auf die Brust beschränkt; ein Lymphknotenbefall findet sich bei Männern in 38 % der Fälle und bei Frauen in nur 29 % der Fälle (11, 12). Dies ist dem für Männer nicht vorhandenen Screening, dem fehlenden Bewusstsein, respektive Wissen und der verminderten Körperwahrnehmung geschuldet.

Es gibt Hinweise, dass ein gestörtes Androgen/Östrogen Verhältnis (Testosterondefizit, hohe Östrogenwerte), wie zum Beispiel beim Klinefelter-Syndrom, bei nicht deszendierten Hoden, bei Orchitiden, bei Leberzirrhose und bei Adipositas, mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs einhergeht. Wie bei den Frauen haben auch Lifestylefaktoren einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko, wobei sich mangelnde Bewegung, hoher Alkoholkonsum oder Adipositas negativ auswirken. In 20 % aller betroffenen Männer findet sich eine familiäre Mammakarzinom-Belastung und in 10 % der Fälle liegt eine genetische Mutation vor (BRCA 1/2, CHEK2, PALB2). Eine genetische Beratung, respektive Abklärung wird gemäss internationalen Guidelines allen an Brustkrebs erkrankten Männern empfohlen.

Die brustkrebsspezifische relative 5-Jahres-Überlebensrate beträgt bei Männern 77 %, wohingegen diese bei Frauen bei 87 % liegt. Es gibt nur wenige Daten zur Prognose und Mortalität von Männern mit Brustkrebs. Zahlen aus Kohorten des deutschen Krebsregisters und eine grosse Kohortenstudie aus den USA zeigen, dass das Überleben von Männern mit Brustkrebs schlechter ist als das der an Brustkrebs erkrankten Frauen. Die Autoren denken, dass dieser Unterschied mit anderen biologischen Faktoren, mit der Compliance und mit Lifestyle Faktoren in Zusammenhang stehen könnte (13, 14).

Es gibt beim männlichen Mammakarzinom keine prospektiven randomisierten Studien, die evidenzbasierte Therapieempfehlungen gewähren. Dementsprechend lehnen sich die Therapien an die Protokolle des Mammakarzinoms der Frau (Resektion, Pharmakotherapie, Radiotherapie). Anders als bei Frauen kommt in der adjuvanten Therapie Tamoxifen und kein Aromatasehemmer zum Einsatz, da diese bei Männern nicht zuverlässig wirksam sind. Eine Kombination von einem Aromatasehemmer mit einem GnRH-Analogon ist möglich, führt jedoch zu Potenzstörungen.

Ductales Carcinoma in situ (DCIS)

Im Gegensatz zu Frauen zeigt sich das DCIS bei Männern häufig in Form eines Tastbefundes und kann, wie bei Frauen mit einer Mamillensekretion einhergehen. In mindestens 10 % der Fälle ist in der Mammografie und im Ultraschall ein zystischer Befund darstellbar. Dahingehend sollten zystische Befunde bei Männern immer mittels sonografisch gesteuerter Stanzbiopsie abgeklärt werden. Das DCIS bei Männern ist im Gegensatz zum DCIS bei Frauen selten mit Mikrokalk assoziiert (15, 16).

Abb. 5 zeigt einen typischen Ultraschallbefund eines DCIS bei einem 70-jährigen Patienten: ein zystischer Herdbefund mit einem soliden, vaskularisierten Anteil.

Mammakarzinom

Eine retrospektive Analyse von 1483 Männern mit Mammakarzinom hat gezeigt, dass bei den meisten Männern ein invasiv duktales Mammakarzinom (87 %) vorlag. Es handelte sich dabei fast ausschliesslich um Rezeptor positive Tumoren und mit 8.7 % war HER-2 selten amplifiziert (11).

Klinisch zeigt sich meist ein unilateraler, indolenter, derber Palpationsbefund im Bereich des Mamillen-Areola Komplexes. In etwa 25 % der Fälle kann eine blutige Mamillensekretion auftreten. Im Gegensatz zur Gynäkomastie, bei welcher der Befund konzentrisch der Mamille anliegt, befinden sich die Karzinome eher exzentrisch zur Mamille.

Das virile Mammakarzinom unterscheidet sich sonomorphologisch kaum vom weiblichen Mammakarzinom. Findet sich ein zystischer Herdbefund, so muss dieser dringend biopsiert werden, da ein viriles Mammakarzinom, insbesondere die papillären Neoplasien, auch als Zysten imponieren können. In der Mammografie kann selten Mikrokalk nachgewiesen werden (8).

Abb. 6 zeigt einen Patienten mit einer Gynäkomastie links und einem Mammakarzinom rechts mit Lymphknotenmetastase.

Die klinische und sonografische Untersuchung einer männlichen Brust inkludiert als obligaten Bestandteil die Mitbeurteilung der Axilla. Umgekehrt verlangt eine klinisch auffällige Axilla eine Bildgebung der Mamma. Die Axillasonografie ist einfach durchführbar; suspekte Lymphknoten können problemlos biopsiert werden. Patienten mit einer axillären Schwellung sollten direkt einem Brustzentrum oder Radiologie Zentrum zugewiesen werden, bevor aufwändige Serologien bestimmt oder anderweitige Abklärungen gemacht werden. Eine Biopsie ist meistens der schnellste Weg zur Diagnosefindung. Abb. 7a und Abb. 7b zeigt einen Patienten mit einer dolenten axillären Schwellung rechts. Sonografisch stellt sich ein vergrösserter (7 cm), stark vaskularisierter Lymphknoten dar. Die Histologie der sonografisch gesteuerten Stanzbiopsie ergab ein Melanom.

Stellenwert der Bildgebung bei Männern mit Brustbeschwerden

Munoz et al. haben zur Bestimmung der Wertigkeit der klinischen Untersuchung, der Mammografie und der Mammasonografie bei Männern die Bildgebung von 628 Männern mit Brustbeschwerden retrospektiv analysiert. Sie konnten zeigen, dass die Mammografie die sensitivste Methode für die Entdeckung eines Mammakarzinoms (94.7 % Sensitivität) ist. Auch der Ultraschall hat mit 88.9 % eine hohe Sensitivität. Beide Untersuchungen sind sehr spezifisch (Mammografie 94.8 %, Mammasonografie 95.3 %) (2). Auch die klinische Untersuchung ist mit einer Sensitivität und Spezifität von 88.2 % respektive 86.7 % gut. Der negative Vorhersagewert der Palpation lag bei 99.5 % (2). Daraus kann man folgern, dass, wenn klinisch der Verdacht auf eine Gynäkomastie oder eine normale Brust besteht, prinzipiell auf eine Bildgebung verzichtet werden kann. Abb. 8 zeigt den von Munoz et al. vorgeschlagenen Abklärungsalgorithmus bei Männern mit Brustbeschwerden. Da nur 6 % aller Mammakarzinome bei Männern unter 40 Jahren auftreten, empfehlen die Autoren, eine Mammografie erst ab dem 40. Lebensjahr durchzuführen. Es sollten immer beide Mammae untersucht werden, und bei Verdacht auf Malignität ist sowohl eine Mammografie als auch ein Ultraschall indiziert. Wichtig ist, dass bei Männern diagnostizierte BI-RADS 3 Befunde eine Malignitätsrate von 16 % aufweisen (2). Diese Rate erfüllt die definierte maximal akzeptierte Malignitätsrate bei BI-RADS 3 Befunden von ≤ 2 % nicht. Somit ist die bei der Frau übliche Verlaufskontrolle nach 6 Monaten bei Männern nicht gerechtfertigt und der BI-RADS 3 Befund sollte bei Männern in jedem Fall bioptisch abgeklärt werden.

Bildrechte
Sämtliche Bilder stammen von Patienten aus unserem Brust­zentrum. Ein informed consent zur Verwendung der Bilder der Patienten liegt vor.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

KD Dr. med. Susanne Bucher

Luzerner Kantonsspital, Brustzentrum
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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