Hochrisikoläsionen der Brust

Hochrisikoläsionen der Brust bilden eine heterogene Gruppe an Befunden, welche eine Herausforderung im klinischen Alltag darstellen können. In diesem Beitrag werden die wichtigsten Hochrisikoläsionen der Brust erklärt und sowohl die Diagnostik, das therapeutische Management nach initialer Diagnose als auch die weiteren Empfehlungen im Rahmen des Follow-up besprochen.

Les lésions à haut risque de la glande mammaire forment un groupe hétérogène de résultats histopathologiques obtenus en général par biopsie percutanée. Elles peuvent devenir un véritable défi dans la pratique clinique quotidienne. Notre article décrit les lésions à haut risque les plus importantes et présente les démarches diagnostiques et la prise en charge thérapeutique immédiate tout comme les recommandations complémentaires pour le suivi.

Auffällige Befunde der Mamma, welche sich in der Bildgebung präsentieren (Sonographie, Mammographie oder auch MRI), werden heutzutage in der Regel diagnostisch minimal-invasiv abgeklärt. Hierzu bietet sich die Stanzbiopsie (core needle biopsy, CNB) oder auch die Vakuumbiopsie (VAB) an. Für die Einteilung der histopathologischen Befunde hat sich im deutschsprachigen Raum und in vielen weiteren Ländern die so genannte B-Klassifikation durchgesetzt (siehe Tab. 1). Im Rahmen dieser Klassifikation werden die histopathologischen Befunde in 5 Gruppen eingeteilt (B1-B5). Bei den B1b- und B2-Läsionen handelt es sich um benigne Befunde, die seltene B4-Klassifikation umfasst Läsionen, bei denen in der Biopsie Malignität nicht ausgeschlossen werden kann und B5 beinhaltet die malignen Befunde. Eine Herausforderung im klinischen Alltag können die Befunde der B3-Klassifikation darstellen, bei welchen eine differenzierte und insbesondere interdisziplinäre Betrachtung notwendig ist. Bei den B3-Läsionen handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Befunden, welche per Definition zwar primär nicht maligne sind, jedoch mit einem sogenannten «unsicheren biologischen Potential» einhergehen. Ein erhöhtes Risiko für die Patientin ergibt sich dabei zum einen durch einen, im Rahmen der weiteren Abklärung, doch noch nachweisbaren malignen Befund (sekundäres Upgrading). Zum anderen ist bei bestimmten B3-Läsionen eine zum Teil deutliche Risikoerhöhung für die zukünftige Entstehung eines malignen Befundes in der ipsi- oder auch kontralateralen Mamma bekannt, sodass diese Läsionen als Indikatorläsionen zu sehen sind.

Während in der Vergangenheit in der Regel eine offene Exzision als Therapiestandard galt, wird heutzutage die weitere Therapie wesentlich differenzierter festgelegt. Faktoren wie der histopathologische Subtyp, Befundgrösse, zusätzliche radiologische Kriterien oder auch das individuelle Risikoprofil der Patientin müssen bei der Therapieempfehlung mit betrachtet werden. Jede B3-Läsion sollte in einer postinterventionellen Konferenz unter Mitwirkung von Pathologen, Radiologen und Senologen diskutiert werden. Dabei ist die Korrelation von präinterventioneller Bildgebgung und histopathologischem Befund essentiell. Es gilt, ein unnötiges Overtreatment im Sinne einer standardmässigen offenen Exzision zu vermeiden. Hierbei muss die onkologische Sicherheit der Patientin jedoch gewährleistet sein. So sind bestimmte Subtypen mit einem malignen Potential von >30% assoziiert. Durchschnittlich lassen sich in ca. 17% der Fälle einer minimal-invasiv diagnostizierten B3-Läsion im Rahmen einer weiteren Abklärung doch noch höhergradige Neoplasien detektieren (1).

Der Nachweis einer B3-Läsion in Brustbiopsien ist in absoluten Zahlen in der Vergangenheit angestiegen. Dies wird durch Ausdehnung der Screeningprogramme, eine höhere Bereitschaft seitens der Patientin für eine bioptische Abklärung, aber auch durch eine höhere Awareness im Rahmen der Diagnostik erklärt. Bioptische Abklärungen mittels Vakuumbiopsie werden in der Schweiz seit mittlerweile über einer Dekade innerhalb einer zentralen Datenbank gesammelt (MIBB Datenbank). Die letzte Auswertung der Schweizer Daten mit konsekutiver Konsensuskonferenz erfolgte in 2018 (2). Die Auswertungen solcher Daten, aber auch verschiedene Handlungsalgorithmen bzw. Guidelines (z.B. AGO (3)) helfen, eine evidenzbasierte Therapieempfehlung in individuellen Situationen zu finden.

Die folgende Übersicht der häufigsten Hochrisikoläsionen soll neben einer histopathologischen Beschreibung insbesondere auch auf die mit den verschiedenen Subtypen assoziierte Risikoerhöhung sowie das empfohlene Management nach initialer Diagnose im Rahmen einer minimal-invasiven Biopsie eingehen.

Atypische duktale Hyperplasie

Bei der atypischen duktalen Hyperplasie (ADH) handelt es sich um eine der häufigsten diagnostizierten Risikoläsionen im Rahmen einer Screeningmammographie. Sie imponiert typischerweise durch gruppierten Mikrokalk. Histopathologisch ist sie durch eine intraduktale Epithelproliferation mit Atypien gekennzeichnet. Des Weiteren ist definiert, dass höchstens zwei ganz von atypischen Epithelproliferaten ausgefüllte Gänge vorhanden sind und der Durchmesser aller betroffenen Lumina in einer duktulolobulären Einheit (TDLU) nicht mehr als 2mm beträgt. Sofern diese Kriterien nicht erfüllt sind, liegt definitionsgemäss bereits ein low-grade DCIS vor. Somit stellt die Grösse der Läsion ein entscheidendes Merkmal zur wichtigen Unterscheidung zwischen einer ADH und einem DCIS dar. Entsprechend ist eine endgültige Unterscheidung an Stanzzylindern oftmals nicht möglich. Hieraus erklärt sich die hohe Rate an Upgrades zu höhergradigen Läsionen nach sekundär durchgeführter offener Biopsie, welche in der Literatur bei bis zu 40% beschrieben wird (4). Die Auswertung der MIBB Datenbank zeigte eine Upgrading in 25.2% der Fälle, wobei in 20.1% ein DCIS und in 5.2% ein invasives Karzinom in der definitiven Histopathologie detektiert wurde. Faktoren, die mit einem Upgrade korrelieren sind u.a. das Patientinnenalter, die Anzahl und Grösse der Biopsiezylinder sowie die Grösse der Läsion. Therapeutisch wird aufgrund der hohen Upgrade-Rate nach erfolgter Diagnose einer ADH im Rahmen einer Stanzbiopsie die offene Exzision empfohlen. Nach Diagnose einer ADH im Rahmen einer Vakuumbiopsie sollte ebenfalls eine offene Exzision diskutiert werden. In diesem Fall könnte allenfalls auf die offene Exzision verzichtet werden, sofern es sich lediglich um eine fokale Läsion handelte, welche in der Bildgebung komplett entfernt wurde. Bei Diagnose einer ADH zeigt sich ein erhöhtes ipsi- und kontralaterales Brustkrebsrisiko, welches nach 10 Jahren 4-5fach ist. Somit ist der Patientin die Durchführung einer jährlichen Mammographie zu empfehlen.

Lobuläre Neoplasie

Die Gruppe der lobulären Neoplasien (LN) beinhaltet die atypische lobuläre Hyperplasie (ALH) und das lobuläre Carcinoma in situ (LCIS). Die Subtypen der pleomorphen lobulären Neoplasie und die floride lobuläre Neoplasie gelten hingegen als maligne und entsprechen einer B5a-Läsion und werden analog zum DCIS behandelt. Histologisch zeigt sich bei der LN eine mässig bis hoch differenzierte intralobuläre Epithelproliferation (5). In der Mehrzahl der Fälle erfolgt die Diagnose dieser B3-Läsion als Zufallsbefund im Rahmen der Diagnostik einer weiteren Läsion, welche ursächlich für einen auffälligen mammographischen oder sonographischen Befund ist. Ausgenommen vom pleomorphen Subtyp ist die Darstellung von Mikrokalk selten, und wenn vorhanden, findet sich dieser in der Regel innerhalb einer weiteren Läsion anderer Histopathologie. Oftmals tritt sie multifokal bzw. multizentrisch und bilateral auf. Eine Unterschätzungsrate bei alleiniger minimal-invasiver Biopsie von bis zu 25% ist beschrieben (6,7). In der MIBB Datenbank zeigt sich nach erfolgter offener Exzision ein Upgrade auf ein DCIS bzw. pleomorphe Neoplasie in 13.1% der Fälle, zusätzlich erfolgte in 12.3% der Fälle der Nachweis eines invasiven Karzinoms. Darüber hinaus gilt die lobuläre Neoplasie als Indikator-/Vorläuferläsion mit einem 7-fach erhöhten ipsi- und kontralateralen Brustkrebsrisiko nach 10 Jahren. Bei Nachweis einer LN in der Vakuumbiopsie kann bei einem isolierten oder inzidentellen Befund mit Befall von ≤ 3 terminalen duktulolobulären Einheiten bei vollständiger Entfernung der radiologischen Läsion sowie Konkordanz mit der Bildgebung auf eine offene Exzision verzichtet werden. Bei in der Bildgebung nicht vollständig entfernter Läsion, ist die ergänzende offene Exzision empfohlen.

Auf Grund des erhöhten Risikos für die Entwicklung eines Mammakarzinoms ist analog zur ADH die jährliche Mammographie im Rahmen des Follow-up indiziert.

Papilläre Läsion

Bei Papillomen handelt es sich um von duktalem Epithel bekleidete Tumoren innerhalb vom Milchgangslumen. Histologisch können Atypien nachweisbar sein, welche prognostisch relevant sind. Papillomen können zentral oder in der Peripherie vorhanden sein. Je nach Lokalisation kann, im Gegensatz zu anderen B3-Läsionen, das typische klinische Bild einer uniduktalen serösen oder auch blutigen Mamillensekretion auftreten. In diesen Fällen lässt sich häufig primär der Nachweis einer auffälligen radiologischen Läsion mittels Sonographie oder MRI erbringen, während asymptomatische Papillome oft als Zufallsbefund in der Bildgebung erfasst werden. Das Unterschätzungsrisiko bei Nachweis einer papillären Läsion ist wie oben beschrieben v.a. abhängig vom Nachweis von Atypien. Während Upgrade-Raten bei Papillomen ohne Atypien bei ca. 10% beschrieben sind (MIBB Datenbank 7.7%), zeigt sich bei Nachweis von Atypien eine deutlich erhöhte Upgrade-Quote von >30% (8). Bei Nachweis eines Papilloms ohne Atypien im Rahmen einer Vakuumbiopsie kann auf eine offene Exzision verzichtet werden, sofern von einer repräsentativen Biopsie (100mm2) ausgegangen werden kann und keine Diskordanz zur Bildgebung besteht (3). Im Falle eines Nachweises eines Papilloms im Rahmen einer Stanzbiopsie kann ergänzend eine Vakuumbiopsie erfolgen, ohne dass eine offene Exzision erfolgen muss. Sofern multiple Papillome vorliegen bzw. Atypien nachgewiesen sind, ist die offene Exzision empfohlen.

Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines ipsilateralen Mammakarzinoms besteht v.a. bei Nachweis von Atypien. Somit kann bei fehlenden Atypien die reguläre zweijährige Screeningmammographie im Follow-up empfohlen werden.

Radiäre sklerosierende Läsion

Unter den radiären sklerosierenden Läsionen werden die radiäre Narbe (RN) und die komplexe sklerosierende Läsion (CSL) zusammengefasst. Als unterscheidendes Merkmal gilt die Grösse der Läsion. Während der Begriff der radiären Narbe für Befunde <1cm gewählt wird, werden Befunde >1cm als komplexe sklerosierende Läsion bezeichnet. Histologisch handelt es sich um eine pseudoinfiltrierende Läsion mit zentralem fibroelastischen Kern und radiärem Aufbau. Atypien können vorhanden sein. Die in der Bildgebung typischen Architekturstörungen bzw. das spikulierte Wachstumsmuster können die Unterscheidung zu einem invasiven Karzinom erschweren. Ein Upgrade zu einem DCIS/invasiven Karzinom in der Histologie nach offener Biopsie ist in unter 10% der Fälle beschrieben (MIBB Datenbank 8%) und ist u.a. mit dem Vorhandensein von Atypien assoziiert (9,10). Sofern es sich um eine kleine Läsion (<5mm) handelt oder der Befund in der Vakuumbiopsie bereits vollständig oder weitgehend vollständig entfernt wurde, kann auf eine offene Exzision verzichtet werden.
Im Rahmen des Follow-Up ist die zweijährige Screeningmammographie ausreichend.

Flache epitheliale Atypie

Bei der eher selteneren Diagnose (ca. 1-3% aller Mammabiopsien) einer flachen epithelialen Atypie (FEA), zeigen sich geringgradig atypische Zellen im Bereich der terminalen Drüsenendgänge, welche das native Epithel ersetzen und oft mit grobscholligem Kalk einhergehen. Entsprechend zeigt sich in der Bildgebung mittels Mammographie typischerweise gruppierter Mikrokalk, jedoch sind auch Zufallsbefunde im Rahmen einer Stanzbiopsie möglich. In der Umgebung einer FEA können sich weitere Veränderungen (u.a. ADH, lobuläre Neoplasie, low-grade DCIS oder gut differenzierte Karzinome) finden lassen. Die Upgrade-Rate nach offener Exzision wird mit 15% angegeben (6). Sofern der auffällige radiologische Befund im Rahmen einer Vakuumbiopsie vollständig bzw. weitgehend entfernt wurde, kann auf eine offene Exzision verzichtet werden. Bei verbliebenem Mikrokalk, ausgedehnten begleitenden Verkalkungen oder Diskordanz zum radiologischen Befund wird eine repräsentative offene Biopsie empfohlen.

Bei Nachweis einer FEA zeigt sich ein nur leicht erhöhtes Risiko (Faktor 1.5) für die Entwicklung von einem ipsi- oder kontralateralen Mammakarzinom (11), so dass die routinemässige zweijährliche Screeningmammographie ausreichend ist.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Marc Körnig

Interdisziplinäres Brustzentrum Kantonsspital Baden
Frauenklinik, Kantonsspital Baden
Im Ergel 1
5404 Baden

marc.koernig@ksb.ch

Prof. Dr. med. Cornelia Leo

Interdisziplinäres Brustzentrum Kantonsspital Baden
Frauenklinik, Kantonsspital Baden
Im Ergel 1
5404 Baden

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Ein exspektatives Vorgehen bei einer B3-Läsion birgt das Risiko einer Unterschätzung der Veränderung, während die standardmässige offene Exzision in vielen Fällen eine Überbehandlung darstellt.
◆ Entsprechend sollte bei Nachweis von Hochrisikoläsionen das Therapiekonzept interdisziplinär und in Korrelation mit der Bildgebung besprochen werden.
◆ Die atypische duktale Hyperplasie (ADH) in der Biopsie geht mit einer hohen Unterschätzungsrate einher, während die lobuläre Neoplasie (LN) v.a. ein Risikomarker für die zukünftige Entwicklung eines invasiven ipsi- und kontralateralen Mammakarzinoms ist.
◆ Bei Nachweis einer ADH oder LN ist die jährliche Mammographie im Follow-up empfohlen.

Messages à retenir
◆ En présence d’une lésion à haut risque B3 ( = lésion au potentiel biologique incertain) dans la « Classification B » (du NHSBSP), l’approche attentiste porte le risque d’une sous-estimation de l’altération, tandis que l’excision à ciel ouvert (anciennement le standard) signifie dans bien des cas un sur-traitement.
◆ Par conséquent, en présence d’une lésion histologique à haut risque, le concept thérapeutique devrait être défini en interdisciplinaire avec prise en compte de l’imagerie.
◆ Une hyperplasie canalaire atypique (all. ADH) dans la biopsie s’accompagne du risque important de sous-estimation, tandis que la
néoplasie lobulaire (LN) représente en premier lieu un marqueur pour le développement futur d’un cancer mammaire invasif ipsi- ou controlatéral.
◆ En cas d’ADH ou de LN, la mammographie annuelle est recommandée dans le follow-up.

1. Forester ND et al. High risk (B3) breast lesions: What is the incidence of malignancy for individual lesion subtypes? A systematic review and meta-analysis. Eur J Surg Oncol. 2019;45(4):519-527.
2. Rageth C et al. Second international Consensus Conference on lesions of uncertain malignant potential in the breast (B3 lesions). Breast Cancer Research and Treatment. 2019;174:279-296.
3. www.ago-online.de/leitlinien-empfehlungen/leitlinien-empfehlungen/kommission-mamma
4. Co M et al. Factors affecting the under-diagnosis of atypical ductal hyperplasia diagnosed by core needle biopsies: a 10-year retrospective study and review of the literature. Int J Surg; 2018;49:27–31.
5. Calle et al. Non-invasive lobular neoplasia of the breast: Morphologic features, clinical presentation, and management dilemmas. Breast J. 2020;(6):1448-1455.
6. Degnim AC et al. Surgical management of high-risk breast lesions. Surg Clin North Am. 2013;93(2):329-340.
7) Racz JM et al. Lobular Neoplasia and Atypical Ductal Hyperplasia on Core Biopsy: Current Surgical Management Recommendations. Ann Surg Oncol. 2017;24(10):2848-2854.
8. Khan S et al. Papillary lesions of the breast: To excise or observe? Breast J. 2018;24(3):350-355.
9. Chou WYY et al. Radial scar on image-guided breast biopsy: is surgical excision necessary? Breast Cancer Res Treat. 2018;170(2):313-320.
10. Rakha EA et al. Characterization and outcome of breast needle core biopsy diagnoses of lesions of uncertain malignant potential (B3) in abnormalities detected by mammographic screening. Int J Cancer. 2011;129(6):1417-24.
11. Aroner SA et al. Columnar cell lesions and subsequent breast cancer risk: a nested case-control study. Breast Cancer Res. 2010;12(4):R61.

Schilddrüsenerkrankungen in der Schwangerschaft

Eine normale Schilddrüsenfunktion ist Voraussetzung für eine erfolgreiche und gesunde Schwangerschaft. Abweichungen von den Normwerten können Auswirkungen auf den Schwangerschaftsausgang und die kognitive Entwicklung des Kindes haben. Aus diesem Grund ist es wichtig, physiologische und pathologische Veränderungen der Schilddrüsenfunktion zu erkennen und richtig zu behandeln.

Une fonction thyroïdienne normale est une condition indispensable pour une grossesse réussie et saine. Des écarts par rapport aux valeurs normales peuvent avoir des conséquences sur le résultat de la grossesse et le développement cognitif de l’enfant. C’est pourquoi il est important de reconnaître les modifications physiologiques et pathologiques de la fonction thyroïdienne et de les traiter correctement.

Um eine optimale Schwangerschaftsbetreuung zu gewährleisten, ist ein einheitliches Vorgehen zu definieren. Dabei ist die interdisziplinäre Betreuung von Schwangeren mit manifester Hypo-/Hyperthyreose zusammen mit den Endokrinologen wichtig (1, 2, 3).Die Schilddrüse ist während der Schwangerschaft physiologischen Veränderungen ausgesetzt. Diese gilt es zu kennen und erkennen, um das Spektrum der Schilddrüsenerkrankungen zu verstehen.

Durch Östrogenstimulation verdoppelt sich das TBG (Thyroxin bindendes Globulin) in der ersten Schwangerschaftshälfte.
Das hCG (humanes Choriongonadotropin) wiederum hat eine Stimulationswirkung auf den TSH-Rezeptor. Durch den Anstieg des hCG im ersten Trimenon (Peak 10-12 SSW) steigen fT3 und fT4 häufig nur leicht an, dadurch sinkt das TSH. Im weiteren Schwangerschaftsverlauf normalisieren sich primär fT3 und fT4 und wenig später auch das TSH.

Die Messung von fT4 und fT3 ist störanfällig wegen der stark erhöhten Bindungsproteine, ein isoliert erniedrigtes fT4 ist daher gelegentlich zu beobachten und hat keinen Krankheitswert.

Durch den gesteigerten Umsatz der Schilddrüsenhormone steigt der Jodbedarf in der Schwangerschaft. Von der WHO wird zur Prophylaxe eine Zufuhr von 250µg Jod pro Tag in der Schwangerschaft und Stillzeit empfohlen (Jodzufuhr sollte 500µg/d nicht überschreiten). In der Schweiz ist seit 1. Januar 2014 der Jodgehalt im Speisesalz von 20 auf 25mg/kg erhöht worden, d.h. bei einer durchschnittlichen Salzzufuhr von 7-10g/d ist der Jodgehalt ausreichend. Vorsicht ist geboten bei Hyperthyreose, dort sollte ein Multivitaminpräparat ohne zusätzliches Jod gegeben werden (siehe Tab. 1).

Bedeutung der Schilddrüsenfunktion für die Schwangerschaft

Schilddrüsenfunktionsstörungen bei schwangeren Frauen sind insgesamt selten. So haben nur etwa 0.3-0.5% der Schwangeren eine manifeste Hypothyreose und 2-2.5% haben eine subklinische Hypothyreose (in nicht Jodmangel-Gebieten). Diese Zahlen sind unter anderem auf eine erhöhte Rate der Anovulation und daher Infertilität bei manifester Hypothyreose zurückzuführen.
Weiter haben nur 1.3% der Schwangeren eine hyperthyreote Stoffwechsellage, welche bei ca. ¼ der Frauen bis ins letzte Trimenon persistiert.

Risiken für Mutter und Kind sind v.a. in Bezug auf die manifesten Dysthyreosen vorhanden. Bei subklinischer Hypothyreose scheint der TPO-Status relevant, da bei TPO-negativen Frauen die Risiken erst bei einem TSH >5-10 mU/l sichtbar werden.

Universelles Screening versus Schilddrüsenfunktionstest auf Indikation

Das Screening von asymptomatischen Frauen ohne Anamnese einer Schilddrüsendysfunktion wird kontrovers diskutiert (4). Dafür spricht, dass bei Laboruntersuchungen auf Indikation 30-50% der latenten und manifesten Hypothyreosen verpasst werden. Das Screening gilt als kosteneffektiv und eine Therapie ist einfach einzuleiten. Dagegen sind die Auswirkungen einer subklinischen Hypothyreose auf die neurokognitive Entwicklung des Kindes nicht ausreichend gut belegt (5, 6). Gemäss dem Schweizer Standard erfolgt derzeit ein postkonzeptionelles Screening im 1. Schwangerschaftstrimenon.

Ein Screening präkonzeptionell wird bei gesunden asymptomatischen Frauen nicht empfohlen. Bei Sterilitätspatientinnen s. Richtlinien der Fachrichtung.

Präkonzeptionelle manifeste/bekannte Hypothyreose

Bei einer Frau, die bereits eine bekannte substituierte Hypothyreose vor der Schwangerschaft hat, soll präkonzeptionell eine euthyreote Stoffwechsellage optimiert werden (TSH ≤ 2.5mU/L). In der Schwangerschaft soll direkt nach positivem Schwangerschaftstest eine Dosiserhöhung von ca. 30% erfolgen, also zum Beispiel eine Verdoppelung der gewohnten Dosis am Wochenende. Die Substitutionstherapie soll alle 4 bis 6 Wochen mittels TSH-Kontrollen überwacht werden. Im Folgenden werden Veränderungen der Schilddrüsen-Hormone, die durch das TSH-Screening aufgedeckt werden im Einzelnen erläutert (siehe Tab. 2 und 3).

Hyperthyreose

Bei vorbestehender Hyperthyreose empfiehlt sich präkonzeptionell eine endokrinologische Standortbestimmung und Evaluation der thyreostatischen Therapie. Angezeigt ist eine Umstellung auf PTU (Propylthiouracil, Propycil®) im ersten Trimenon, da das Embryopathierisiko unter Néo-Mercazole (Carbimazol®) erhöht ist. Bei Diagnose eines M. Basedow soll die Patientin während der Schwangerschaft idealerweise regelmässig von der Endokrinologie beurteilt werden, oft kann die thyreostatische Therapie im Verlauf der Schwangerschaft sistiert werden.

Im Folgenden werden die wichtigsten hyperthyreoten Zustände im Einzelnen erläutert. Grundsätzlich ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Endokrinologie empfohlen (siehe Tab. 4 und 5).

Postpartum Thyreoditis

Als Sonderfall ist die Postpartum Thyreoditis (PPT) zu erwähnen. Es handelt sich hierbei um eine autoimmune Schilddrüsenfunktionsstörung mit Antikörperbildung (anti-TPO-AK). Sie tritt im ersten Jahr nach der Geburt auf, bei zuvor euthyreoter Stoffwechsellage. Die Prävalenz ist bei Diabetes mellitus Typ 1 3-4-fach erhöht, die allgemeine Prävalenz liegt bei 5-8%. Auf eine selbstlimitierende hyperthyreote Phase, folgt eine Hypothyreose und schliesslich Euthyreose. Die Diagnostik erfolgt über TSH, fT3 und fT4 und TRAK. Die Verlaufskontrollen sollten 4-8 wöchentliche TSH-Bestimmungen beinhalten. Die Therapie ist symptomatisch. Frauen mit einer PPT haben ein erhöhtes Risiko eine permanente Hypothyreose zu entwickeln. Aus diesem Grund ist analog zum Glucose-Screening bei GDM eine jährliche TSH-Kontrolle empfohlen.

Screening-Schema für den Alltag

Im klinischen Alltag verwenden wir in unserer Klinik ein standardisiertes Screening-Schema. Bei Unklarheiten sind wir im Austausch mit unseren Endokrinologen (siehe Abb. 1).

Abkürzungsverzeichnis
AK Antikörper
GDM Gestationsdiabetes
PPT Postpartum Thyreoditis
PTU Propylthiouracil
TBG Thyroxin bindendes Globulin
TPO-AK Thyroidperoxidase Antikörper (syn. MAK)
TRAK TSH-Rezeptor-Autoantikörper, Thyreotropin-
Rezeptor-AK (plazentagängig),
TSH Thyroidea stimulierendes Hormon
fT3 Trijodthyronin, 5fach stärkere biologische Wirkung als fT4
fT4 Thyroxin, Vorstufe von T3
L-T4 Levothyroxin (Thyroxin)
WE Wochenende
WoBe Wochenbett

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Dr. med. Natalia Conde

Frauenklinik Triemli
Stadtspital Zürich
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Natalia.Conde@triemli.zuerich.ch

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

 

◆ Um eine optimale Schwangerschaftsbetreuung zu gewährleisten, ist ein einheitliches Vorgehen zu definieren. Dabei ist die interdisziplinäre Betreuung von Schwangeren mit manifester Hypo-/Hyperthyreose zusammen mit den Endokrinologen wichtig.
◆ Die Schilddrüse ist während der Schwangerschaft physiologischen Veränderungen ausgesetzt. Diese gilt es zu kennen und erkennen, um das Spektrum der Schilddrüsenerkrankungen zu verstehen.
◆ Durch den gesteigerten Umsatz der Schilddrüsenhormone steigt der Jodbedarf in der Schwangerschaft.
◆ Bei einer Frau, die bereits eine bekannte substituierte Hypothyreose vor der Schwangerschaft hat, soll präkonzeptionell eine euthyreote Stoffwechsellage erreicht werden (TSH ≤ 2.5mU/L).
◆ Bei vorbestehender Hyperthyreose empfiehlt sich präkonzeptionell eine endokrinologische Standortbestimmung und Evaluation der thyreostatischen Therapie

Messages à retenir
◆ Afin de garantir un suivi optimal de la grossesse, il convient de définir une procédure cohérente. Dans ce contexte, la prise en charge interdisciplinaire des femmes enceintes présentant une hypo-/hyperthyroïdie manifeste, en collaboration avec les endocrinologues, est importante.
◆ La thyroïde est soumise à des modifications physiologiques pendant la grossesse. Il est important de les connaître et de les reconnaître afin de comprendre le spectre des maladies thyroïdiennes.
◆ En raison de l’augmentation de la production d’hormones thyroïdiennes, les besoins en iode augmentent pendant la grossesse.
◆ Chez une femme qui présente déjà une hypothyroïdie substituée connue avant la grossesse, il convient d’atteindre en préconceptionnel un état métabolique euthyroïdien (TSH ≤ 2,5mU/L).
◆ En cas d’hyperthyroïdie préexistante, il est recommandé de faire un bilan endocrinologique et d’évaluer le traitement thyréostatique avant la conception.

1. De Groot, Management of Thyroid Dysfunction during pregnancy and Postpartum: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline, J Clin Endocrinol Metab, 2012, 97(8):2543-2565
2. Up to date: Overview of thyroid disease in pregnancy
3. Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease during Pregnancy and the Postpartum 2017
4. Jouyandeh, Universal screening versus selective case-based screening for thyroid disorders in pregnancy, Endocrine 2015
5. Lazarus, Antenatal Thyroid Screening and Childhood Cognitive Function, The New England Journal of Medicine, 2012, Vol.366 No.6
6. Nazarpour, Thyroid dysfunction and pregnancy outcomes, Iran J Reprod Med Vol. 13 No.7.pp:387-396, 2015

Update der ICD Therapie

Die ICD (interner Cardiverter Defibrillator) Therapie stellt eine sehr wirksame Prävention des plötzlichen Herztodes dar. Entscheidend ist eine sorgfältige Indikationsstellung hierfür, denn trotz der eindrücklichen Wirksamkeit der ICD-Therapie gibt es damit verbundene Risiken. Neuerdings können bei geeigneten Patienten subkutan liegende ICD Systeme implantiert werden, welche theoretische Vorteile diesbezüglich aufweisen könnten. Zur Überbrückung bis zur Implantation eines ICD Systems ist ferner die LifeVest verfügbar.

Le traitement par DCI (défibrillateur cardiaque interne) est un moyen très efficace de prévenir la mort cardiaque subite. Une indication minutieuse est cruciale, car malgré l’  efficacité impressionnante du traitement par DCI, des risques y sont associés. Depuis peu, des systèmes de DCI sous-cutanés peuvent être implantés chez les patients appropriés, ce qui pourrait présenter des avantages théoriques à cet égard. Le LifeVest est également disponible pour faire la transition jusqu’  à ce qu’  un système de DCI puisse être implanté.

Obschon die kardiovaskuläre Mortalität durch bessere Behandlungsmöglichkeiten der koronaren Herzkrankheit (KHK) und der Herzinsuffizienz abgenommen hat, stellt der plötzliche Herztod (sudden cardiac death, SCD) weiterhin eine der häufigsten Todesursachen dar. Man schätzt, dass ein Viertel der kardiovaskulären Mortalität auf einen SCD zurückzuführen ist (1). Die effektivste Methode zur Verhinderung des plötzlichen Herztodes ist der Implantierbare Cardioverter Defibrillator (ICD), welcher der medikamentösen antiarrhythmischen Therapie in der Sekundärprophylaxe als auch der Primärprophylaxe des SCD bei Patienten mit entsprechendem Risikoprofil überlegen ist (1).

Funktionsweise eines ICD

Der ICD setzt sich aus mindestens einer Elektrode in der rechten Herzkammer und einem Impulsgenerator zusammen (Abbildung 1). Beim CRT-D (Cardiale Resynchronisations-Therapie mit ICD-Funktion) wird nebst der rechtsventrikulären Elektrode eine linksventrikuläre Elektrode und meist auch eine Vorhofelektrode implantiert, um zusätzlich zum ICD eine Herzinsuffizienztherapie mittels Resynchronisation der linken und der rechten Herzkammer sowie den Vorhöfen mit den Kammern durchzuführen. Obwohl jeder ICD die Möglichkeit der kardialen Stimulation analog einem Herzschrittmacher besitzt, liegt die Hauptfunktion eines ICD in der Therapieabgabe im Falle einer lebensbedrohlichen ventrikulären Rhythmusstörung (Abbildung 2). Die Schockabgabe ist für den Patienten schmerzhaft, falls er noch bei Bewusstsein ist, für umstehende Personen besteht dagegen keine Gefahr, selbst wenn ein direkter Hautkontakt mit dem Patienten besteht. Zusätzlich zur Schockfunktion bieten die ICDs die Möglichkeit, langsamere Kammertachykardien mittels Antitachykardie-Pacing (ATP) zu überstimulieren, was vom Patienten meist nicht verspürt wird. Um inadäquate Therapien, zum Beispiel bei einer Sinustachykardie oder einem tachykarden Vorhofflimmern, zu vermeiden, sind bei den ICDs Diskriminatoren programmierbar, welche eine ICD-Therapie im Falle einer Tachykardie supraventrikulären Ursprungs zurückhalten können.

Indikationen in der Primärprophylaxe

Die Daten für einen primärprophylaktischen ICD sind bei Patienten mit KHK besser als für Patienten mit nicht-ischämischer Kardiopathie (NICM). Die MADIT-Studie war die erste grosse prospektive, randomisierte Studie, die sich mit der primärprophylaktischen ICD Implantation bei Patienten mit KHK befasste (2). Die Patientenselektion war strikt: Lediglich Patienten ≥ 3 Wochen nach einem Myokardinfarkt mit einer linksventrikulären Auswurffraktion (LVEF) ≤ 35% und asymptomatischen nicht anhaltenden sowie induzierbaren anhaltenden (> 30 sek) Kammertachykardien, die nicht mittels Procainamid supprimierbar waren, wurden zu einer medikamentösen antiarrhythmischen Therapie oder zur ICD-Implantation randomisiert. Nachdem die Gesamtmortalität in der ICD-Gruppe nach 27 Monaten um 54% tiefer lag, wurde die Studie vorzeitig abgebrochen. Die MADIT II Studie war bezüglich Patientenauswahl weniger selektiv und erlaubte die Teilnahme bei Patienten mit einem Myokardinfarkt vor über einem Monat und einer LVEF ≤30% (3). In dieser Studie konnte die kardiale Mortalität um 31% (relatives Risiko) gesenkt werden. Die DINAMIT- und IRIS- Studien haben aber gezeigt, dass die primärprophylaktische ICD Implantation nicht innerhalb des ersten Monats nach einem akuten Myokardinfarkt erfolgen sollte. In dieser Zeit unmittelbar nach einem Myokardinfarkt bietet sich für Risiko-Patienten (z.B. mit LVEF im ICD-Bereich) als temporäre Lösung ein trabgarer Defibrillator (LifeVest) an.

Der absolute Nutzen einer ICD Therapie ist in einem Kollektiv von Patienten mit KHK grösser als in einem Kollektiv von NICM, da das absolute Arrhythmierisiko höher ist. Zudem ist die Evidenz für den primärprophylaktischen ICD bei NICM weniger überzeugend. Auf diesem Hintergrund randomisierte die DANISH Studie 1116 Patienten mit einer NICM zu einer konventionellen Herzinsuffizienz-Therapie resp. einer konventionellen Herzinsuffizienz-Therapie plus ICD (4). Interessanterweise war die Gesamtmortalität bei einem medianen Follow-up von 5.6 Jahren nicht unterschiedlich in den beiden Gruppen, obschon die SCD- Mortalität in der ICD-Gruppe signifikant tiefer war. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Patientenpopulation ein absolut gesehen so tiefes SCD-Risiko hatte, dass der SCD eine sehr seltene Todesursache war, d.h. dass die Patienten, welche den primären Endpunkt erreichten (Tod), an anderen Ursachen verstorben waren. Ein Charakteristikum dieser Studie war die umfassende «Background»-Therapie der Herzinsuffizienz inkl. kardialer Resynchronisationstherapie (in ca. 60% der Studienpopulation), welche bekanntermassen ebenfalls das SCD-Risiko substanziell senkt; eine solch optimale Therapie ist im Gegensatz zu Studien-Bedingungen im Real-Life-Setting kaum gegeben. Eine Subgruppenanalyse zeigte zudem einen signifikanten Nutzen einer ICD-Therapie bezüglich Mortalität bei jüngeren Patienten, sodass aus der DANISH-Studie nicht gefolgert werden darf, dass Patienten mit NICM nicht von einer primärprophylaktischen ICD-Implantation profitieren.

Die meisten Studien zur primärprophylaktischen ICD-Therapie sind älteren Datums und zwischenzeitlich erfolgten eindrückliche Verbesserungen der Herzinsuffizienztherapie und Revaskularisationsstrategien für Patienten mit KHK. Man kann sich daher fragen, wie gut die Anwendbarkeit der älteren Studiendaten auf die zeitgemässe Population zu übertragen ist. Diesbezüglich haben kürzlich publizierte, grosse Registerstudien den Nutzen einer primärprophylaktischen ICD Implantation bezüglich Gesamtmortalität in gemischten Kollektiven von KHK und NICM mit zeitgemässer Background-Therapie bestätigt (5, 6), sodass die älteren Studienresultate getrost auf die moderne Population übertragen werden dürfen.

Indikationen in der Sekundärprophylaxe

Bei Patienten, die bereits einen Herzstillstand, eine hämodynamische Beeinträchtigung oder eine Synkope aufgrund von ventrikulären Tachyarrhythmien überlebt haben, wird die Implantation eines ICD als Sekundärprophylaxe bezeichnet. Mehrere frühe randomisierte ICD-Studien haben den Nutzen eines ICD in dieser Situation belegt (Tabelle 1). In einer Metaanalyse der drei Sekundärpräventionsstudien zeigte sich eine 28-prozentige Reduktion der Gesamtmortalität und eine 50-prozentige Reduktion der Arrhythmie-Mortalität durch die ICD-Therapie im Vergleich zu einer Amiodarone-Therapie, unabhängig von der zugrunde liegenden Herzerkrankung oder Arrhythmie (7).

Subkutaner ICD

Wenn kein kardiales Pacing nötig ist, kann gemäss Europäischen Guidelines mit einer Empfehlungsstärke IIa ein subkutaner ICD (SICD, Abbildung 3) implantiert werden (1). Das Gerät wird durch einen submammären Hautschnitt zwischen den M. latissimus dorsi und den M. serratus anterior eingebracht, die Elektrode wird subkutan am Rand des Brustbeins zum manubriosternalen Übergang tunneliert.

Der Vorteil liegt beim SICD im Fehlen von intravaskulärem Fremdmaterial, was aus infektions-prophylaktischen Gesichtspunkten insbesondere bei jungen Patienten mit mehreren erwarteten Generatorwechseln in Zukunft günstig ist. Ein weiterer Vorteil liegt in der tieferen Elektrodenbeanspruchung bei extrathorakaler Elektrode, liegt doch bei transvenösem System die Rate von Elektrodenproblemen im Bereich bis 20% innerhalb von ca. 10 Jahren (8). Ein Nachteil ist die fehlende Möglichkeit der Stimulation, sei es zur Überstimulation von Kammertachykardien oder zur antibradykarden Stimulation. Ferner ist die Rate an inappropriaten Therapien erwähnenswert, welche aber gemäss den neuesten Daten nicht relevant erhöht sein dürfte gegenüber einem transvenösen System (9). Damit ist der SICD bei Patienten, welche auf ein Pacing und/oder eine kardiale Resynchronisation verzichten können eine attraktive Alternative zu den transvenösen ICDs.

LifeVest

Die LifeVest («wearable cardioverter defibrillator») ist streng genommen kein ICD, da sie extern getragen wird, soll hier aber wegen der zunehmenden Verbreitung trotzdem eine kurze Erwähnung finden. Die LifeVest ist eine tragbare Weste, welche den Herzrhythmus kontinuierlich überwacht und bei Detektion einer lebensbedrohlichen Arrhythmie einen Schock abgibt, sofern diese Therapie nicht vom Patienten manuell inhibiert wird. Durch einen Alarm wird der Patient aufgefordert, die Therapie durch Knopfdruck zurückzuhalten, was natürlich nur gelingt, wenn der Patient bei Bewusstsein ist. Die LifeVest bietet keine Möglichkeit der Überstimulation von langsamen Arrhythmien und ist nur dann wirksam, wenn die Weste auch wirklich rund um die Uhr getragen wird. Sie stellt lediglich eine Überbrückung bis zur definitiven ICD Implantation (zum Beispiel nach einem kürzlich erlittenen Herzinfarkt oder nach Extraktion eines ICDs infolge eines Infekts) oder bis zum Zeitpunkt, wo ein reversibles Arrhythmierisiko (zum Beispiel bei Myokarditis oder peripartaler Kardiopathie) signifikant abgenommen hat.

Zusammenfassung

Der Nutzen einer ICD-Therapie nach einem überlebten SCD oder nach einer hämodynamisch instabilen Kammertachykardie ist gut belegt und intuitiv nachvollziehbar. Die primärprophylaktische ICD Therapie ist ein etablierter Bestandteil einer umfassenden Herzinsuffizienztherapie, sowohl bei KHK als auch bei NICM mit eingeschränkter linksventrikulärer Auswurffraktion (LVEF <35%). Trotz eindrücklicher Fortschritte in der Herzinsuffizienztherapie in den letzten Jahren mit entsprechenden Auswirkungen auf das SCD Risiko hat die ICD-Therapie ihren Nutzen nicht verloren. In Situationen, in denen kein Pacing und keine Notwendigkeit der Überstimulation einer Kammertachykardie erwartet wird, kann ein SICD erwogen werden. Zur Überbrückung bis zu einer definitiven ICD-Therapie oder bis zur Erholung der LVEF (im Falle einer reversiblen Ursache) steht die LifeVest zur Verfügung.

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Dr. Dr. med. Roman Brenner

Klinik für Kardiologie
Kantonsspital St. Gallen
9007 St.Gallen

Roman.brenner@kssg.ch

Der Autor hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Patienten, die einen plötzlichen Herztod überlebt haben (Sekundärprophylaxe), profitieren nachgewiesenermassen vom Schutz eines ICDs vor weiteren tödlichen Arrhythmie-Ereignissen. Bei entsprechendem klinischem Kontext ergibt sich daher eine gute Indikation für die ICD-Implantation.
◆ Die Selektion von Patienten, die für einen plötzlichen Herztod gefährdet sind, aber noch nie lebensbedrohliche ventrikuläre Arrhythmien erlitten haben (Primärprophylaxe), richtet sich hauptsächlich nach der linksventrikulären Auswurffraktion. Ein Cut-off von 35% hat sich etabliert, sowohl für Patienten mit koronarer Herzkrankheit als auch für Patienten mit nicht-ischämischer Kardiopathie.
◆ Da die transvenös implantierten ICDs Nachteile mit sich bringen (intravasales Fremdmaterial, Anfälligkeit der Elektroden für mechanische Belastung etc.), wurden subkutan implantierbare Alternativen verfügbar gemacht. Diese zeigen bei selektionierten Patienten vielversprechende Ergebnisse in den neusten Studien.

Messages à retenir
◆ Il a été démontré que les patients qui ont survécu à une mort cardiaque subite (prévention secondaire) bénéficient de la protection
d’ un DCI contre d’ autres événements arythmiques mortels. Dans un contexte clinique approprié, il existe donc une bonne indication pour l’ implantation d’ un DCI.
◆ La sélection des patients présentant un risque de mort subite d’ origine cardiaque mais n’  ayant jamais souffert d’ arythmies ventriculaires potentiellement mortelles (prévention primaire) est principalement basée sur la fraction d’ éjection ventriculaire gauche. Un seuil de 35 % a été établi, tant pour les patients souffrant de coronaropathie que pour les patients souffrant de cardiopathie non ischémique.
◆ Les DCI implantés par voie transveineuse présentant des inconvénients (corps étrangers intravasculaires, sensibilité des électrodes aux contraintes mécaniques, etc.), des alternatives implantables par voie sous-cutanée ont été mises à disposition. Ceux-ci montrent des résultats prometteurs chez des patients sélectionnés dans les études les plus récentes.

1. Priori, S.G. and C. Blomstrom-Lundqvist, 2015 European Society of Cardiology Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death summarized by co-chairs. Eur Heart J, 2015. 36(41): p. 2757-9.
2. Moss, A.J., et al., Improved survival with an implanted defibrillator in patients with coronary disease at high risk for ventricular arrhythmia. Multicenter Automatic Defibrillator Implantation Trial Investigators. N Engl J Med, 1996. 335(26): p. 1933-40.
3. Moss, A.J., et al., The multicenter research group. Ann Noninvasive Electrocardiol, 2002. 7(3): p. 271-7.
4. Kober, L., et al., Defibrillator Implantation in Patients with Nonischemic Systolic Heart Failure. N Engl J Med, 2016. 375(13): p. 1221-30.
5. Zabel, M., et al., Clinical effectiveness of primary prevention implantable cardioverter-defibrillators: results of the EU-CERT-ICD controlled multicentre cohort study. Eur Heart J, 2020. 41(36): p. 3437-3447.
6. Schrage, B., et al., Association Between Use of Primary-Prevention Implantable Cardioverter-Defibrillators and Mortality in Patients With Heart Failure: A Prospective Propensity Score-Matched Analysis From the Swedish Heart Failure Registry. Circulation, 2019. 140(19): p. 1530-1539.
7. Connolly, S.J., et al., Meta-analysis of the implantable cardioverter defibrillator secondary prevention trials. AVID, CASH and CIDS studies. Antiarrhythmics vs Implantable Defibrillator study. Cardiac Arrest Study Hamburg . Canadian Implantable Defibrillator Study. Eur Heart J, 2000. 21(24): p. 2071-8.
8. Lambiase, P.D., et al., Worldwide experience with a totally subcutaneous implantable defibrillator: early results from the EFFORTLESS S-ICD Registry. Eur Heart J, 2014. 35(25): p. 1657-65.
9. Gold, M.R., et al., Primary Results From the Understanding Outcomes With the S-ICD in Primary Prevention Patients With Low Ejection Fraction (UNTOUCHED) Trial. Circulation, 2021. 143(1): p. 7-17.
10. Antiarrhythmics versus Implantable Defibrillators, A comparison of antiarrhythmic-drug therapy with implantable defibrillators in patients resuscitated from near-fatal venticular arrhythmias. N Engl J Med, 1997. 337(22): p. 1576-83.
11. Kuck, K.H., et al., Randomized comparison of antiarrhythmic drug therapy with implantable defibrillators in patients resuscitated from cardiac arrest: the Cardiac Arrest Study Hamburg (CASH). Circulation, 2000. 102(7): p. 748-54.
12. Connolly, S.J., et al., Canadian implantable defibrillator study (CIDS): a randomized trial of the implantable cardioverter defibrillator against amiodarone. Circulation, 2000. 101(11): p. 1297-302

Neue ESC-Leitlinie 2021 zur kardiovaskulären Prävention

Individualisiertes Management, bessere Abstimmung auf den Patienten und seine Bedürfnisse und eine neues Stufenprinzip zur Erleichterung der Umsetzung in der Praxis – dies sind die wesentlichen Grundzüge der neuen ESC Richtlinie zur kardiovaskulären Prävention (1).

Une prise en charge individualisée, une meilleure adéquation au patient et à ses besoins, et un nouveau principe à plusieurs niveaux pour faciliter la mise en œuvre dans la pratique, telles sont les principales caractéristiques de la nouvelle ligne directrice de l’ESC sur la prévention cardiovasculaire (1).

Die neuen Richtlinien zur kardiovaskulären Prävention sind mehr auf die Bedürfnisse der Patienten fokussiert und die vorgegebenen Ziele sollen leichter in der Praxis umgesetzt werden können. Dazu wurde ein neues Stufenkonzept entwickelt.

Stufe 1 (für alle Patienten)

In einer ersten Stufe wird dem Patienten, falls er raucht, ein Rauchstopp nahelegt und ein gesunder Lebensstil empfohlen (vermehrte körperliche Aktivität, Ernährung und Körpergewicht). Ferner soll ein systolischer Blutdruck < 160 mmHg angestrebt werden. Diese Präventionsmassnahmen gelten für alle Patienten, sowohl für die scheinbar gesunden, als auch solche mit Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen. Darüber hinaus wird die Abschätzung des kardiovaskulären 10-Jahres-Risiko des Patienten und die Ableitung der entsprechenden Behandlungsziele empfohlen. Diese Behandlungsziele sind vom Patienten und seiner Grundkonstellation abhängig. Dabei wird unterschieden zwischen gesunden Personen, Patienten mit Diabetes, solchen mit spezifischen Risikofaktoren wie familiäre Hypercholesterinämie, chronische Niereninsuffizienz oder manifeste, atherosklerotische, kardiovaskuläre Erkrankungen (ASCVD).

Stufe 2 Intensivierung

In einem zweiten Schritt sollen die Präventionsmassnahmen intensiviert werden. Dabei soll neben dem kardiovaskulären 10-Jahres-Risiko vorhandene Komorbiditäten, Gebrechlichkeit sowie mögliche (unerwünschte) Behandlungseffekte und die Präferenz des Patienten im Sinne eines «Shared-Decision»-Prozesses miteinbezogen werden.

Risikobeurteilung in der Primärprävention mit neuem Score

Während in Stufe 1 Präventionsziele für alle, d.h. für Gesunde, wie für Patienten mit Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen empfohlen werden, wird in Stufe 2 entschieden, ob aufgrund des kardiovaskulären 10-Jahresrisikos weitere Behandlungsziele angestrebt werden sollen. Dazu wurde der bisherige ESC-Score für die Primärprävention durch einen neuen Score ersetzt, den SCORE2. Der Score2 hat Gültigkeit bis zu einem Alter von 70 Jahren. Für über 70-Jährige wurde neu der SCORE2-OP etabliert.
An den Faktoren zur Risikostratifizierung hat sich grundsätzlich nichts geändert. Sie hängt wie vorher von Geschlecht, Alter, Raucherstatus, dem systolischen Blutdruck und dem LDL-Cholesterin der Patienten ab. Die entsprechenden Flow Charts sind an die Flow Charts der Vorversion angelehnt, wobei LDL-Cholesterin in den Charts durch Non-HDL-Cholesterin ersetzt wurde.
SCORE2 berücksichtigt das vorherrschende kardiovaskuläre Grundrisiko des Landes, in dem der Patient lebt. Dabei wurden die EU-Länder in 4 Risikokategorien eingeteilt: Niedrig, moderat, hoch und sehr hoch. Die Schweiz gehört mit Belgien, Dänemark, Frankreich, Israel, Luxembourg, Norwegen, den Niederlanden, dem UK und Spanien zu den Niedrigrisiko-Ländern.

Eine wichtige Neuigkeit ist ferner, dass die aus dem Score geschätzten Risikokategorien vom Alter der Patienten abhängig sind (Tabelle 1).

Das Alter ist nach wie vor der stärkste kardiovaskuläre Risikofaktor. Durch diese altersspezifische Einteilung sollen auch junge Patienten, die aufgrund des früheren ESC-Scores allein wegen ihres Alters nicht in eine behandlungsbedürftige Risikokategorie gefallen wären, ebenfalls behandelt werden, wenn sie ein hohes Lebenszeit-Risiko aufweisen.

Zusätzlich zu dieser Risikokategorisierung sind Faktoren, die das Risiko in die eine oder andere Richtung verschieben können (Risikomodifizierer) miteinzubeziehen. Dazu gehören hauptsächlich Stress und psychosoziale Faktoren, der koronare Calcium-Score (CAC) und die Ethnizität. Andere potenzielle Risikomodifizierer wie genetische Risikoscores, Urinmarker oder Bildgebungsmethoden mit Ausnahme des CAC-Scores werden nicht empfohlen (III/B).

Nutzen der Senkung des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l

Ein weiteres Werkzeug, welches in der Kommunikation mit dem Patienten nützlich sein könnte, ist der Nutzen, der durch eine LDL-Cholesterinsenkung um 1 mmol/l entsteht. Dies kann dem Patienten zeigen, wie viel ihm eine lipidsenkende Behandlung an Lebenszeit bringen würde. Der mögliche Lebensgewinn an Jahren durch Senkung des LDL-Cholesterins um 1mmol/l ist dabei anschaulicher als das 10-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Krankheit.

Spezielle Patientengruppen

Die neuen Richtlinien enthalten eigene Kapitel für Patienten mit speziellen Risikofaktoren. Hier werden die entsprechenden Behandlungsziele in Abhängigkeit des individuellen Risikos, wofür spezielle Scores konzipiert wurden, erläutert. Die Empfehlungen für Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie und chronischer Niereninsuffizienz sind grossenteils unverändert geblieben.
Einige Neuerungen gab es für Patienten mit Typ-2-Diabetes. Beim Screening liegt jetzt der Fokus auf dem HbA1c und dem Nüchternblutzucker. Der orale Glukosetoleranztest (oGGT) wird nicht mehr aufgeführt.

Therapiempfehlungen bei Typ-2-Diabetes

Metformin wird weiterhin als Erstlinientherapie empfohlen (I/B). SGTL2-Inhibitoren oder GLP-1-Analoga können ebenfalls als jeweils erste Monotherapie oder in Kombination eingesetzt werden.

Bei Patienten, die neben Diabetes noch an einer atherosklerotischen Erkrankung leiden, sollten bevorzugt entweder SGTL2-Inhibitoren oder GLP-1-Analoga eingesetzt werden (I/A). Im Falle einer Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) sind SGLT2-Inhibitoren die Standardtherapie (I/A). Das gilt auch für Patienten mit Diabetes und Niereninsuffizienz (I/A).

Empfehlungen für Sekundärprävention

Die Behandlungsziele für die Sekundärprävention haben sich ebenfalls nicht geändert. Diesen Patienten wird aber neu auch das Stufenkonzept zur Zielerreichung empfohlen. Die Ziele der jeweiligen Stufen sind allerdings andere als in der Primärprävention. Zur Stufe 1 gehören eine Blutdrucksenkung auf 140 bis 130 mmHg (Klasse I), eine LDL-C-Reduktion auf < 1.8mmol/l und > 50%ige Reduktion (Klasse I) und eine antithrombotische Therapie (Klasse I) zusätzlich zu den Lebensstilinterventionen (Klasse I). Die Stufe 2 umfasst ein Blutdruckziel < 130 mmHg (Klasse 1) sowie eine LDL-C-Senkung < 1.4mmol/l (Klasse I).

Wenn trotz optimaler Standardtherapie weiterhin ein hohes Risiko besteht, sind in der neuen Leitlinie weitere Behandlungskonzepte aufgeführt, die eingesetzt werden können. Dazu gehören eine duale Plättchenhemmertherapie (DAPT), die Omega-2-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA) und eine antiinflammatorische Therapie mit Colchicin – für alle drei gilt eine Klasse-IIb-Empfehlung. Bei ausgewählten Hochrisikopatienten kann eine Niedrigdosis-Therapie mit Colchicin (0,5 mg/Tag) in Betracht gezogen werden. Dies aufgrund der Studienresultate von CANTOS (2), COLCOT (3) und LoDoC02 (4).

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Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Advisory Boards und finanziell unterstützte Vorträge für Amgen, AstraZeneca, Daiichi-Sankyo, MSD, Novartis, Recordati, Sanofi-Aventis.

◆ Ein schrittweiser und personalisierter Ansatz – das ist der wesentliche Inhalt der Leitlinien 2021 zur kardiovaskulären Prävention.
◆ Ein neuer stufenweiser Ansatz, ein überarbeiteter Rechner mit zwei Scores, nämlich SCORE2 und SCORE2-OP mit altersabhängigen Risikokategorien und unter Einbezug des Lebenszeitrisikos, sollen die Risikovorhersage verbessern und die Umsetzung in die klinische Praxis erleichtern.
◆ Ausserdem wird Europa in 4 verschiedene Risikokategorien eingeteilt (Regionen mit niedrigem, mittlerem, hohem und sehr hohem Risiko).
◆ Die Schweiz gehört zu den Ländern mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko.

Messages à retenir
◆ Une approche progressive et personnalisée – tel est le contenu essentiel des lignes directrices 2021 sur la prévention cardiovasculaire.
◆ Une nouvelle approche par étapes, un calculateur révisé avec deux scores, à savoir SCORE2 et SCORE2-OP avec des catégories de risque dépendant de l’ âge et l’ inclusion du risque à vie sont destinés à améliorer la prédiction du risque et à faciliter la mise en œuvre dans la pratique clinique.
◆ En outre, l’ Europe est divisée en 4 catégories de risque différentes (régions à risque faible, moyen, élevé et très élevé).
◆ La Suisse fait partie des pays à faible risque cardiovasculaire.

 

Anti-inflammatorische Therapie bei kardiovaskulären Krankheiten

Atherosklerose ist eine komplexe Erkrankung, bei der viele Komponenten des Gefäss-, Stoffwechsel- und Immunsystems beteiligt sind. Obwohl Low-Density-Lipoprotein (LDL) der wichtigste Risikofaktor für Atherosklerose bleibt, haben Immun- und Entzündungsmechanismen der Atherosklerose in den letzten 20 Jahren enorm an Interesse gewonnen.

L’ athérosclérose est une maladie complexe impliquant de nombreux composants des systèmes vasculaire, métabolique et immunitaire. Bien que les lipoprotéines de basse densité (LDL) restent le facteur de risque le plus important de l’ athérosclérose, les mécanismes immunitaires et inflammatoires de l’ athérosclérose ont suscité un énorme intérêt au cours des 20 dernières années.

In den letzten Jahren konnten nun erstmals grosse klinische Studienprogramme zeigen, dass eine Immunmodulation durch eine Interleukin-1β-Antikörper-Therapie beziehungsweise durch Colchicin die klinische Progression bei Patienten mit atherosklerotischer Gefässerkrankung und einem akuten Koronarsyndrom reduzieren kann.

Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study (CANTOS)

In der CANTOS-Studie wurde eine spezifische anti-inflammatorische Therapie mittels Canakinumab, einem monoklonalen Antikörper, der Interleukin-1β blockiert, getestet. Canakinumab wurde bei Patienten mit Herzinfarkt in der Vorgeschichte und erhöhten hsCRP-Werten (hochsensitives C-reaktives Protein, > 2 mg/l) im Serum getestet (1). Die CANTOS-Studie zeigte Superiorität von Canakinumab (150 mg) gegenüber Placebo in Bezug auf Prävention von kardialen Ereignissen.

Die Patienten wurden randomisiert und erhielten entweder Canakinumab 50 mg (n = 2.170), Canakinumab 150 mg (n = 2.284), Canakinumab 300 mg (n = 2.263) oder Placebo (n = 3.344). Das Medikament wurde alle drei Monate subkutan appliziert. Die mittlere Follow-up-Zeit betrug 3,7 Jahre und das mittlere Alter 61 Jahre. Der Frauenanteil betrug 26%. Patienten wurden von der Studie ausgeschlossen, wenn sie an chronischen oder wiederkehrenden Infektionen litten, ein hohes Risiko für Tuberkulose oder HIV hatten, wenn sie Krebs in der Vorgeschichte hatten, in immunkompromittiertem Zustand waren und/oder systemische inflammatorische Medikamente einnahmen. Als primäre Ereignisse der Studie zählten Tod aufgrund kardiovaskulärer Ursache, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Davon traten 4,11 pro 100 Personenjahre bei der Gruppe mit 50 mg auf, 3,86 in der 150 mg-Gruppe, 3,9 in der 300 mg-Gruppe und 4,5 pro 100 Personenjahre in der Placebo-Gruppe (p = 0,02 für 150 mg gegenüber Placebo). Bei den sekundären Ereignissen wurde eine dosisabhängige Reduktion von hsCRP durch Canakinumab beobachtet (p < 0,001 für alle Gruppen gegenüber Placebo). Tödliche Infektionen oder Sepsis zeigten sich in 0,31 pro 100 Personenjahre in der kombinierten Canakinumab-Gruppe gegenüber 0,18 pro 100 Personenjahre in der Placebo-Gruppe (p = 0,02). Patienten, in welchen hsCRP trotz Behandlung bei ≥ 2 mg/l lag, zeigten auch keine Reduktion des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse. Zusätzlich hatte Canakinumab einen modulierenden Effekt auf Interleukin-6, was ebenso mit einer Reduktion der kardiovaskulären Ereignisse verbunden war.

Zusammenfassend führte die Behandlung mit Canakinumab 150 mg subkutan alle drei Monate bei Patienten nach Herzinfarkt und anhaltend erhöhtem hsCRP (> 2 mg/l) zu einer Reduktion des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse über eine mittlere Zeitspanne von 3,7 Jahren. Canakinumab war trotz Ausschluss von Patienten mit chronischen oder rezidivierenden Infekten mit einem leicht höheren Risiko für schwerwiegende Infektionen und/oder Sepsis assoziiert.

Cardiovascular Inflammation Reduction Trial (CIRT)

Die CIRT-Studie hat gezeigt, dass niedrig-dosiertes Methotrexat weder inflammatorische Marker (IL-1β, IL-6, hsCRP) noch kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit bekannter koronarer Herzerkrankung, Diabetes und/oder metabolischem Syndrom reduziert (2).

In der CIRT-Studie wurden Patienten 1:1 randomisiert und erhielten entweder niedrig-dosiert Methotrexat 15–20 mg wöchentlich (n = 1.716) oder Placebo (n = 1.695). Die Methotrexatdosis wurde basierend auf Laborwerten und Symptomen im Verlauf angepasst.
Der primäre Endpunkt waren schwerwiegende kardiovaskuläre Komplikationen, welche in der niedrig-dosierten Methotrexatgruppe vergleichbar wie in der Kontrollgruppe bei 3,4 pro 100 Personenjahre auftraten (Hazard Ratio 1,01, 95% CI 0,82–1,25, p = 0,91). Methotrexat veränderte nicht die Blutwerte für Interleukin-1β, Interleukin-6 oder hsCRP. Patienten unter Metho-trexat hatten mehr Infektionen (62% gegenüber 56%, p = 0,004).

Zusammenfassend zeigte diese Studie keinen Effekt auf inflammatorische Parameter und kardiovaskuläre Ereignisse, führte aber zu Nebenwirkungen als Folge der Immunsuppression. Im Gegensatz zur CANTOS-Studie war eine residuale Entzündung keine Bedingung zur Teilnahme an der Studie. Eine optimale Patientenselektion sowie vor allem die Auswahl eines geeigneten anti-inflammatorischen Therapieprinzips wird somit einen kritischen Punkt für den zukünftigen Einsatz immun-modulierender Therapien bei Patienten mit atherosklerotischer Gefässerkrankung darstellen.

Colchicine Cardiovascular Outcomes Trial (COLCOT)

COLCOT ist eine weitere Studie zur immun-modulierenden Therapie bei Patienten nach akutem Myokardinfarkt (innerhalb von 30 Tagen) (3). Die Patienten (n = 4.745) erhielten entweder niedrig-dosiertes Colchicin (0,5 mg einmal täglich) oder Placebo. Der primäre Endpunkt (für kardiovaskuläre Ereignisse) wurde signifikant weniger (5,5 %) bei Patienten in der Colchicin-Gruppe im Vergleich zur Placebo-Gruppe (7,1%; p = 0,02) beobachtet. Unter Colchicin-Therapie wurde häufiger eine Pneumonie berichtet (0,9% vs. 0,4%; p = 0,03).

LoDoCo2 (Low-Dose Colchicine vs. Placebo in Patients With Chronic Coronary Disease

LoDoCo2 (4) ist eine vom Prüfarzt initiierte, doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte Studie, die untersucht, ob niedrig dosiertes Colchicin kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit chronischer koronarer Erkrankung verhindert. In die Studie wurden 5522 klinisch stabile Patienten randomisiert, die eine Colchicin-Dosis von 0,5 mg täglich während einer 30-tägigen, offenen Run-in-Phase tolerierten. Die meisten von ihnen wurden zusätzlich mit lipidsenkenden und thrombozytenaggregationshemmenden Medikamenten behandelt.

  • Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 29 Monaten reduzierte Colchicin den primären Endpunkt, ein Kompositum aus kardiovaskulärem Tod, spontanem (nicht-prozeduralem) Myokardinfarkt, ischämischem Schlaganfall oder ischämiebedingter koronarer Revaskularisation, signifikant um 31% (2,5 Ereignisse/100 Personenjahre in der Colchicin-Gruppe vs. 3,6 Ereignisse/100 Personenjahre in der Placebo-Gruppe). Der vorteilhafte Effekt zeigte sich früh und akkumulierte sich im Laufe der Zeit.
  • Insgesamt erwies sich Colchicin als sicher, ohne statistisch signifikante Unterschiede bei den schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen im Vergleich zu Placebo. Allerdings traten nicht-kardiovaskuläre Todesfälle bei den mit Colchicin behandelten Patienten häufiger auf als bei denen, die Placebo erhielten (53 bzw. 35).

Eine systematische Übersicht (5) über 10 Studien zu Colchicin, drei bei chronisch koronarer Herzkrankheit LoDoCo, LoDoCo2 und CCS Untergruppe bei COLCHICIN-PCI (n = 6654), drei bei ACS (COLCOT, COPS, AVS Untergruppe von COLCHICINE-PCI (n = 5654) und fünf (n = 532) über hsCRP-Änderungen von der ersten Woche bis zu zwölf Monaten bei chronischem Koronarsyndrom und/oder ACS zeigten, dass Colchicin das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei chronischem Koronarsyndrom gegenüber Placebo beinahe halbiert. Colchicin war zudem mit einer nicht signifikanten Risikoreduktion von 23% bei ACS assoziiert und einem nicht signifikanten Trend zu einer grösseren Reduktion von hsCRP.

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Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Der Autor hat keinen Interessenskonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

◆ Die klinische Studie Canakinumab Anti-inflammatory Thrombosis Out-comes Study (CANTOS) ergab, dass die Behandlung mit Canakinumab, einem Anti-Interleukin-1β-Wirkstoff, zu einer Verringerung von nicht-tödlichen Myokardinfarkten, nicht-tödlichen Schlaganfällen oder Tod führte.
◆ Dies lieferte Beweise für die Entzündungshypothese der koronaren Herzkrankheit (KHK). Canakinumab ist jedoch nicht kosteneffektiv für eine breitere Anwendung.
◆ Der Cardiovascular Inflammation Reduction Trial (CIRT), der Colchicine Cardiovascular Outcomes Trial (COLCOT) und die Low-Dose Colchicine 2 (LoDoCo2) Studie sind neuere klinische Studien, die das Verständnis der Entzündungshypothese der KHK erweitert haben.
◆ Kostengünstige Therapien, die auf Entzündungen abzielen, sind on Top von Lipidsenkern die Zukunft der präventiven Behandlung kardiovasku-lärer Erkrankungen.

Messages à retenir

◆ L’ essai clinique CANTOS (Canakinumab Anti-inflammatory Thrombosis Outcomes Study) a révélé que le traitement par le canakinumab, un agent anti-interleukine-1β, entraînait une réduction des infarctus du myocarde non mortels, des accidents vasculaires cérébraux non mortels ou des décès.
◆ Cela a fourni des preuves de l’  hypothèse inflammatoire de la maladie coronarienne. Cependant, le canakinumab n’ est pas rentable pour un traitement généralisé et des traitements plus rentables sont justifiés.
◆ Le Cardiovascular Inflammation Reduction Trial (CIRT), le Colchicine
Cardiovascular Outcomes Trial (COLCOT) et le Low-Dose Colchicine 2
(LoDoCo2) sont des essais cliniques récents qui ont permis de mieux comprendre l’ hypothèse de l’inflammation dans les maladies coronariennes.
◆ Les thérapies peu coûteuses ciblant l’inflammation, en plus des agents hypolipidémiants, sont l’avenir du traitement préventif des maladies
cardiovasculaires.

1. Ridker PM, Libby P, MacFadyen JG et al. Modulation of the interleukin-6 signalling pathway and incidence rates of atherosclerotic events and all-cause mortality: analyses from the Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study (CANTOS). European heart journal. 2018;39:3499-3507.
2. Ridker PM, Everett BM, Pradhan A et al. Low-Dose Methotrexate for the Prevention of Atherosclerotic Events. The New England journal of medicine. 2019;380:752-762.
3. Tardif JC et al. Efficacy and Safety of Low-Dose Colchicine after Myocardial Infarction. N Engl J Med 2019; 381:2497-2505.
4. Nidorf SM et al. The effect of low-dose colchicine in patients with stable coronary artery disease: The LoDoCo2 trial rationale, design, and baseline characteristics. Am Heart J. 2019 Dec;218:46-56.
5. Aimo A, et al. Effect of low-dose colchicine in acute and chronic coronary syndromes: A systematic review and meta-analysis. Eur J Clin Invest. 2021;51:e13464.

Erektile Dysfunktion

Die häufigsten Ursachen für eine Erektile Dysfunktion (ED) sind vaskulärer Natur, wobei sowohl der venöse Abfluss als auch der arterielle Zufluss betroffen sein kann. Weitere Ursachen können urologischer, endokriner, neurologischer oder selten psychischer Genese sein. Die ED arterieller Genese kann ein Indikator für das Vorliegen bisher nicht erkannter Risikofaktoren oder von schwerwiegenderen Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems sein. Daher sind neben der optimalen ED-Therapie, eine gründliche Abklärung und sekundärpräventive Behandlung essenziell. Für Patienten, die nicht auf eine konservative ED-Behandlung ansprechen, stehen heute moderne endovaskuläre Therapieverfahren zu Verfügung.

Als Erektile Dysfunktion (ED) definiert sich die Unfähigkeit, eine Erektion des Penis für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr zu erreichen und/oder aufrechtzuerhalten (1). Die Angaben zur Prävalenz reichen von 2% bei jüngeren Männern (<40 Jahre) bis 86% bei Männern über 80 Jahren (2). Es wird geschätzt, dass im Jahre 2025 etwa 322 Millionen Männer weltweit an ED leiden werden (3-5).
Obwohl häufig als Lifestyle-Erkrankung fehlinterpretiert, ist die ED ein medizinisch hoch relevantes Problem bei Männern. Der Krankheitswert der ED ist jedoch unbestritten (European Association of Urology (6); U. S. National Institute of Health (7); World Health Organization (8)). Depressionen, Schamgefühl, vermindertes Selbstwertgefühl und Beziehungsprobleme widerspiegeln das Leiden von Menschen mit ED (9, 10).

Vaskulär bedingte ED: Ursachen, Risikofaktoren und kardiovaskuläres Risiko

Eine vaskulär bedingte erektile Dysfunktion kann aufgrund einer arteriellen Inflow-Störung oder aufgrund eines pathologisch hohen venösen Abflusses bedingt sein.
Eine arteriell bedingte ED weist häufig relevante Komorbiditäten auf und kann als ein sehr wichtiges Markersymptom für Atherosklerose dienen (11). Ursächlich für eine ED können folgende Risikofaktoren sein: kardiovaskuläre Krankheiten, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Medikation (z. B. Antidepressiva, Betablocker, etc.), Operationen (Prostata, Beckeneingriffe), neurologische Krankheiten, endokrinologische Krankheiten, positive Familienanamnese, Hyperlipidämie, Hyperlipoproteinämie (a), Nikotin- und Cannabis Abusus (12). Gefässerkrankungen gehören mit Abstand zu den häufigste ED-Ursachen.
ED kann eine Vorstufe anderer atherosklerotischer Manifestationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sein (13,14). Zunehmende Evidenz deutet auf einen Zusammenhang zwischen ED und kardiovaskulären Erkrankungen hin und veröffentlichte Daten belegen eine Zunahme der Prävalenz von ED in Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen und umgekehrt eine erhöhte Prävalenz von kardiovaskulären Erkrankungen bei Patienten mit ED (15, 16).

Diagnostik

Das sensitivste Instrument zur systematischen Bewertung und Quantifizierung des Ausmasses der ED bei Männern ist der International Index of Erectile Function (IIEF) (17). Der integrale Bestandteil der nicht-invasiven ED-Diagnose ist die Erhebung einer Patienten-Anamnese, einer Familienanamnese und die Frage ob und welche Hilfsmittel allenfalls noch wirksam sind.
Wichtig ist, dass Patienten umfassend interdisziplinär betreut werden und urologische und endokrinologische Ursachen ausgeschlossen und behandelt werden.

Zur Diagnostik einer vaskulär bedingten ED eignet sich eine Duplexsonographie der Penis-zuführenden Arterien nach intracavernöser Applikation von 10ug Caverject. Liegt eine arterielle Störung vor, so ist die arterielle Flussgeschwindigkeit reduziert. Ist die end-diastolische Flussgeschwindigkeit erhöht, kann eine venöse Leckage vorliegen, die ihrerseits eine ED hervorrufen kann, die nicht auf vasoaktive Medikamente anspricht.

Eine Computertomographie oder invasive Angiographie erlaubt in der Folge die Visualisierung der duplexsonographischen Befunde im Hinblick auf eine allfällige Intervention (Abbildung 1). Eine Computertomographie kann zudem noch den Weg in weitere systemisch-medizinische Abklärungen (andere kardiovaskuläre Erkrankungen, Neoplasie, etc.) weisen (12).

Sekundärprävention

Falls bereits kardiovaskuläre Risikofaktoren vorhanden sind, so kommt der Behandlung von Erkrankungen des arteriellen Gefässsystems eine massgebliche Bedeutung zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen zu. Dies beinhaltet die folgenden Massnahmen: Sistieren von bestehendem Nikotinabusus, moderate körperliche Aktivität, Optimierung der Ernährung, Gewichtsreduktion bei Adipositas, Optimierung der Blutfette, Behandlung einer arteriellen Hypertonie, Therapie von Diabetes mellitus und Gabe von Thrombozytenaggregationshemmern bei entsprechendem Risikoprofil (18).

Moderne endovaskuläre Behandlungsmöglichkeiten

Bei der Miniaturisierung des Kathetermaterials der endovaskulären Therapie von Arterien kleinen Kalibers werden uns Ansätze neuer Behandlungsmethoden geboten (19, 20, 21).

Durch die endovaskuläre Revaskularisation besteht die Möglichkeit, ED-Patienten, denen konservative Behandlungsmethoden zur Erlangung einer suffizienten Erektion nicht mehr ausreichen oder die limitierenden Nebenwirkungen verursachen, wieder zu einem erfüllten Sexleben zu verhalfen (22, 23).

Gemäss der aktuellen Literatur, die in einer Meta-Analyse zusammengefasst ist, erreichen im Schnitt zwei Drittel aller revaskularisierten Patienten nach dem minimal-invasiven Eingriff eine suffiziente Erektion (24). Unter Verwendung modernster Medikamenten-beschichteter Stents ist die Restenoserate nach Wiedereröffnung dieser kleinkalibrigen Arterien mit 15% vergleichsweise gering (25) (Abb. 2).

Bei einer veno-okklusiven Dysfunktion, die nicht auf eine konservative Behandlung anspricht, können Erektions-abhängige Beckenvenen häufig und mit hohem technischem Erfolg behandelt werden. Hierbei kann entweder über den von uns bevorzugten Direkt-Zugang nach Ultraschall-gesteuerter Punktion der V. dorsalis penis eine Mischung aus Histoacryl und Lipiodol in die abführenden Venen eingebracht werden (26).

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Dr. med. Vignes Mohan

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Prof. Dr. med. Nicolas Diehm, MBA

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VM: Hat keine Interessenskonflikte deklariert.
ND: Unrestricted grant durch die Firma Endoscout, Deutschland.

◆ Vaskuläre Ursachen sind der mit Abstand häufigste Grund für eine ED, insbesondere wenn diese nicht auf konservative Massnahmen anspricht.
◆ Die ED arterieller Genese kann ein Indiz für weitere schwerwiegende Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und für bislang nicht identifizierte kardiovaskuläre Risikofaktoren sein.
◆ Nach unserer Erfahrung. Die endovaskuläre Therapie der arteriogenen ED ist technisch machbar und sicher und kann bei etwa zwei Dritteln der Patienten mit klinischen Verbesserungen verbunden sein.
◆ Auch junge Patienten können eine vaskuläre Ursache haben
(z. B. Cannabis-assoziierte arterielle ED oder auch eine venöse Leckage, die dazu führen kann, dass PDE-5-Hemmer nicht mehr wirken).

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