Gastrointestinaler Krebs

Der Präsident der SAKK, Prof. Dr. Miklos Pless, Winterthur, konnte eine zahlreiche Teilnehmerschaft im KKL zum 5. ESMO in the Alps begrüssen. Obschon am diesjährigen ESMO keine wesentlichen Praxis verändernden Studien präsentiert wurden, gab es doch einige Präsentationen, die eine Vertiefung, und Beurteilung auf Schweizer Verhältnisse wert waren, wie dies am ESMO in the Alps Tradition hat.

Das Steering Committee mit Prof. Dr. Jörg Beyer, Bern, und Dr. Daniel Helbling, Zürich, hat auch dieses Jahr eine äusserst glückliche Hand bei der Auswahl der Präsentatoren gehabt, die ihrerseits interessante Studien aus ihrem Fachgebiet präsentierten und diskutierten. Entsprechend sehr gut fiel denn auch die Beurteilung durch die Teilnehmer des Meetings aus.

Die Experten Frau PD Dr. ssa Sara De Dosso, Bellinzona und Dr. Christian Weisshaupt, St. Gallen, wählten vier Präsentationen aus: die Phase III SAKK Studie 41/13, das 3 Jahre krankheitsfreie Überleben in NICHE-2, die Phase III PODIUM-303/InterAACT 2 und die Phase III Studie LEAP-112.

Adjuvant aspirin treatment in PIK3CA mutated colon cancer patients. The phase III prospective randomised placebo-controlled multicenter SAKK41/13 trial.

Die vorliegende Studie basiert auf einer Reihe von retrospektiven Studien, welche Hinweise auf eine potenzielle schützende Wirkung von Aspirin bei der adjuvanten Behandlung von Patienten mit Kolonkarzinom liefern. Dies trifft insbesondere auf Patienten mit PIK3CA-Mutationen zu. Die von Prof. Dr. Ulrich Güller, Thun, am ESMO präsentierte SAKK41/13-Studie stellt die erste prospektive, randomisierte Studie dar, welche einen protektiven Effekt von adjuvanten Aspirin-Gaben bei Patienten mit PIK3CA-mutiertem Stadium II und III des Kolonkarzinoms nachweist. Dies resultierte in einer klinisch relevanten Zunahme des krankheitsfreien Überlebens von 43 % (HR 0–57, p = 0.11) und einem absoluten 5-Jahres-Benefit von 13.6 % sowie einer klinisch relevanten Verbesserung des rezidivfreien Überlebens von 51 % (p = 0.089). Die Nebenwirkungen von Aspirin waren insgesamt sehr günstig (keine schweren unerwünschten Ereignisse). Bedauerlicherweise musste die Studie aus finanziellen Gründen vorzeitig abgebrochen werden, sodass die Ergebnisse keine statistische Signifikanz aufweisen.

Kommentar

Die Studienresultate wurden von den Experten als sehr gut beurteilt, schade, dass die Studie underpowered ist. Die Bestimmung der PIK3CA-Mutation kann nicht an überall durchgeführt werden und ist mit hohen Kosten verbunden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum Aspirin nicht allen Patienten verabreicht wird, obwohl die Träger des Wildtyps keinen Nutzen, aber auch kaum einen Schaden haben, ausser bei hohem Blutungsrisiko.

Neoadjuvant immunotherapy in locally advanced MMR-deficient colon cancer, 3-year disease-free survival from NICHE-2

In einer aktuellen Studie wurde bei 10–15 % der Patienten mit nicht metastasierendem Kolonkarzinom und einer Mismatch-Repair-Defizienz (dMMR) eine 3-Jahres-Rezidivrate von 20–40 % trotz Standard-of-Care-Behandlung mit adjuvanter Chemotherapie beobachtet.

In der Studie Niche-2 wurde die Wirksamkeit von Ipilimumab und Nivolumab bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem dMMR-Kolonkarzinom untersucht. Die Behandlung erfolgte an Tag 1 mit Ipilimumab und an Tag 1+15 mit Nivolumab, gefolgt von einer Operation innerhalb von 6 Wochen. Die Studie hatte zwei unabhängige primäre Endpunkte: Sicherheit und 3-Jahres-DFS.
Unter den 111 Patienten, die an der Wirksamkeitsanalyse teilnahmen, wies eine Mehrheit von 64 % eine cTTumo auf. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 36.5 Monaten (Spanne 7.8–83.4) wies die Kohorte der Patienten durchgängig ein Leben ohne Rezidive auf, sodass ein 3-Jahres-DFS von 100 % erreicht wurde. In 92 % der Fälle konnte ctDNA bei den 108 Patienten, von denen Plasmaproben verfügbar waren, zu Beginn der Behandlung nachgewiesen werden. Am 15. Tag konnte bei 45 % dieser Patienten keine ctDNA mehr nachgewiesen werden. Während sich die ctDNA-Werte zu Beginn der Studie nicht unterschieden, wiesen die Werte am Tag 15 und vor der Operation in den Gruppen mit pathologischem Ansprechen (pCR) und mit moderatem Ansprechen (MPR) eine signifikante Abnahme auf. Vor der Operation wies die ctDNA bei 94 % der Patienten mit einer pCR und bei 70 % der Patienten mit einer MPR einen negativen Befund auf. Bei 16 Patienten blieb die ctDNA vor der Operation jedoch nachweisbar, wobei die ctDNA-Werte deutlich reduziert waren. Dies betraf zwei von drei partiellen Respondern und einen von elf Non-Respondern. Zum Zeitpunkt der MRD-Bestimmung waren alle Patienten ctDNA-negativ.

Kommentar

Die Ergebnisse der Studie sind beeindruckend: Bei lokal fortgeschrittenem Kolonkarzinom mit dMM/MSI konnte eine 100-prozentige 3-Jahres-DFS verzeichnet werden. Somit etabliert sich diese Methode als neuer Standard für wirklich fortgeschrittene Stadien (T4).

Preisverleihung der Stiftung SWISS BRIDGE

In den letzten 27 Jahren hat die Stiftung SWISS BRIDGE über 45 Mio. Franken für die Krebsforschung gesammelt und in innovative Projekte investiert. Jährlich wird der SWISS BRIDGE Award mit mindestens 500 000 Franken für herausragende Forschungsprojekte verliehen, einer der renommiertesten Preise im Bereich Krebsforschung.

Zwei Studien zu Immuntherapien bei Krebs­erkrankungen preisgekrönt

Insgesamt haben sich 36 junge Forschende aus Europa für den SWISS BRIDGE Award 2024 beworben. In einem zweistufigen Evaluationsverfahren hat eine hochkarätig besetzte Jury unter der Leitung von Prof. Dr. med. Adrian Ochsenbein, Universitätsklinik für Onkologie am Inselspital Bern, den diesjährigen Forschungspreis an Prof. Dr. Juliane Walz, Medizinische Direktorin der Klinischen Kooperationseinheit Translationale Immunologie am Universitätsklinikum Tübingen und an PD Dr. med. Dr. sc. nat. Tobias Weiss, Oberarzt an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich verliehen. Sie erhalten je 250 000 Franken für die Durchführung ihrer klinischen Studien, die vielversprechende neue Ansätze in der Immuntherapie von schwer behandelbaren Krebserkrankungen erproben.

Ein innovativer Antikörper gegen metastasierten Krebs

Im Zentrum der Studie von Prof. Walz und ihrem Team steht die Erforschung eines sogenannten bispezifischen Antikörpers. Dieser Antikörper richtet sich gezielt an Strukturen auf den Immunzellen und auf den Tumorzellen, wodurch die Immunantwort gezielt auf die Tumorzelle gesteuert wird. Dies führt zu einer wirksameren Bekämpfung der Tumorzellen.

Wegweisende Studie bei austherapierten ­Hirntumoren

Das Team unter der Leitung von Dr. Weiss untersucht einen neuen immuntherapeutischen Behandlungsansatz beim austherapierten Glioblastom, der häufigsten und aggressivsten Form von Hirntumoren bei Erwachsenen. Im Rahmen dieser Therapie werden Immunzellen aus dem Blut der Patientinnen und Patienten entnommen, modifiziert und so verändert, dass sie Tumorzellen erkennen und angreifen können. Diese Zellen werden nach ihrer Modifizierung wieder in die Patientinnen und Patienten zurückgeführt. Neu am von Dr. Weiss und seinem Team entwickelten Verfahren ist die Verwendung einer breiteren Palette von Immunzellen, die noch am selben Tag entnommen, modifiziert und den Patientinnen und Patienten wieder zugeführt werden. Neu ist auch der Einsatz der mRNA-Technologie zur Modifikation dieser Zellen. Diese Methode ist bekannt aus der Entwicklung der Impfstoffe gegen das Sars-Cov2 Virus. Das Konzept der Studie ist weltweit einzigartig und könnte auch für die Behandlung anderer Krebserkrankungen wegweisend sein.

Der Aerzteverlag medinfo ist mit SWISS BRIDGE durch die Stiftungsrätin Frau Eleonore Droux verbunden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Kontroversen im Management von Tumoren des Weichgewebes

Aktuelle Leitlinien zu Weichgewebesarkomen (soft tissue sarcoma, STS) und anderen Weichgewebetumoren decken diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen ab, für die es Evidenz aus kontrollierten Studien gibt. Widersprüchliche oder fehlende Daten aus retrospektiven oder qualitativ minderwertigen Studien, die vor allem der Seltenheit von Sarkomsubtypen geschuldet sind, führen zu Kontroversen im Management von STS und Weichgewebetumoren. Konsensus Konferenzen mit internationalen Experten aller involvierten Disziplinen können bestehende Leitlinien ergänzen.

Konzept von CCS2024

2024 haben wir zum zweiten Mal eine internationale Konferenz zu Kontroversen in der Diagnostik und Behandlung von Weichgewebesarkomen (soft tissue sarcoma, STS) und Weichgewebetumoren organisiert und durchgeführt. Über die erste Konferenz 2022 hatten wir in dieser Zeitschrift bereits berichtet (info@ONCO-SUISSE_05_2022, S. Hofer, C. Rothermundt, Konsensus Konferenz für Weichteilsarkome in St. Gallen 2022 – Management von Weichteilsarkomen – wenn die Evidenz fehlt).

In diesem Jahr formulierten wir in einem modifizierten Delphi-Prozess und in Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären CCS2024 Scientific Committee 200 kontroverse Statements und eine Auswahl an Antwortmöglichkeiten. Wir achteten darauf, dass die kontroversen Statements nicht in etablierten Leitlinien abgebildet sind. Im Vorfeld zur Konferenz legten wir für die Abstimmung einen Konsens mit ≥ 75 % und einen starken Konsens mit ≥ 90 % Übereinstimmung der Antworten fest. Wenn nicht anderweitig erwähnt, wurde davon ausgegangen, dass es sich bei den Szenarien um fitte Patienten handelt, dass keine Restriktionen bezüglich Untersuchungsmodalitäten und Zugang zu Medikamenten vorliegen und dass keine aktuell rekrutierende Studie für die Fragestellung zur Verfügung steht.

Wir konzentrierten uns bei der Konferenz 2024 auf 8 klinische Szenarien mit den folgenden STS-Subtypen und Weichgewebetumoren:
1. Atypischer lipomatöser Tumor (ALT)
2. Extremitäten Synovialsarkom (ESTS)
3. Retroperitonealsarkom (RPS)
4. Phylloides Tumor (PT)
5. Tenosynovialer Riesenzelltumor (TGCT)
6. Maligner Nervenscheidentumor (MPNST)
7. Angiosarkom (AS)
8. Uterines Leiomyosarkom (uLMS)

Konferenzergebnisse CCS2024

63 interdisziplinäre Panelisten aus 13 europäischen Ländern (inklusive Schweiz) und ein Patientenvertreter nahmen aktiv an CCS2024 teil.
Während der zweitägigen Konferenz wurden die ausgewählten Fälle mit kontroversen Fragestellungen präsentiert und gewinnbringend unter den internationalen Panelisten diskutiert.

Nach der Diskussion erfolgte die Abstimmung über 143 der 200 vorbereiteten Fragen. Bei 53 Statements erlaubte die Diskussion eine angepasste Neuformulierung, über diese wurde nach der Konferenz ein zweites Mal, und zwar online, abgestimmt (Abb. 1–3).

Dem interdisziplinären Charakter der Behandlung von STS und Weichgewebetumoren geschuldet, waren alle Fragen, welche diskutiert und über die abgestimmt wurden, über diverse Fachbereiche verteilt (Abb. 3).

In Tab. 1. fassen wir diejenigen Resultate der Abstimmung zusammen, bei denen ein starker Konsens erreicht wurde.
CCS2024 ist die zweite interaktive Präsenzveranstaltung, welche kontroverse Themen im Management von Weichgewebesarkomen und -tumoren adressiert. Ein starker Konsens (≥ 90% der Panelisten) wurde in 22 von 143 Fragen erreicht, ein Konsens (≥ 75%) bei 44 Fragen. Es gab einige Fragen, denen eine Mehrzahl von Panelisten zustimmten (> 50%), diese werden wir in der abschliessenden Publikation zu CCS2024 diskutieren.

unterschiedlichen Vorgehensweisen in den verschiedenen Ländern und Sarkomzentren reflektieren. Dennoch erlauben uns die Ergebnisse, Themen zu identifizieren, bei denen dringend Forschungsschwerpunkte gesetzt werden sollen. Solche konnten bereits während der Diskussionen an der Konferenz benannt werden. Anderseits wurde erneut bewusst, dass es bei raren bis ultrararen Tumorentitäten, wie bei vielen – auch neu beschriebenen molekularen – STS-Subtypen der Fall, nie adäquate Studien geben wird, um die nötige Evidenz oder einen Konsens zu generieren.

Die European Society of Gynaecological Oncology wird demnächst ihre Guidelines für die Diagnostik und Behandlung von uterinen Leiomyosarkomen publizieren. Es wird interessant sein, die Abstimmungsresultate von CCS2024 mit dieser neuen Leitlinie zu vergleichen, mögliche Diskrepanzen zu entdecken und zu diskutieren.

Etablierte Leitlinien, welche für die Diagnostik und Behandlung von STS und Weichgewebetumoren bereits vorliegen sind u.a.:

• ESMO Guideline 2021: www.annalsofoncology.org/article/S0923-7534(21)02184-0/fulltext
• Deutsche S3 Leitlinie 2022: www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/adulte-weichgewebesarkome
• Onkopedia Weichgewebesarkome 2019: www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/weichgewebssarkome-maligne-weichgewebstumoren-des-erwachsenen/@@guideline/html/index.html
• Sarcoma of the Uterus. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG, S2k-Level, AWMF Registry No. 015/074, April 2021: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36467974/
• NCCN Guidelines NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: www.nccn.org/guidelines/guidelines-detail?category=1&id=1464
• Current clinical practice in the management of phyllodes tumors of the breast: an international cross‑sectional study among surgeons and oncologists, 2023: https://doi.org/10.1007/s10549-023-06896-1

Trotz vieler klarer Empfehlungen in diesen Leitlinien bleiben diverse Fragen im klinischen Alltag offen oder werden kontrovers beurteilt. Biologisch unterschiedliche Sarkome gleich zu behandeln ist äusserst problematisch und war in der Vergangenheit wenig erfolgreich.

Konsensuskonferenzen, wie die CCS2024, sollen Kliniker und Patienten im klinischen Alltag unterstützen und durch abgestimmte Expertenmeinungen bei nicht evidenzbasierten Situationen beraten, sowie weiterführende Forschung bei kontroversen Themen anregen.
Wir danken an dieser Stelle den 63 Panelisten, die tatkräftig zum Gelingen dieser zweiten Conference on Controversies in Soft Tissue Sarcoma (CCS) in St. Gallen vom 3.–4. Mai 2024 beigetragen haben.

Dr. med. Silvia Hofer 1
Prof. Dr. med. Dimosthenis Andreou 2
Prof. Dr. med. Chantal Pauli 1
PD Dr. med. Christian Rothermundt 3
1  Universitätsspital Zürich
2  Universitätsklinikum Essen
3  Kantonsspital St. Gallen

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Silvia Hofer

Universitätsspital Zürich
Institut für Pathologie und Molekularpathologie
Schmelzbergstrasse 12
8091 Zürich

silvia.hofer@usz.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Der komplexe Schmerzpatient in der Praxis

An den diesjährigen ZAIM MediDays in Zürich berichteten Dr. Barbara Jungner, Dr. Florian Käs, Dr. Henrik Fredrich und Dr. Daniel Friis vom Schmerzambulatorium für diagnostische und therapeutische Schmerzmedizin am Institut für Anästhesiologie des USZ über Fallbeispiele aus ihrer Praxis.

Schmerzen sind ein vielschichtiges Phänomen, das sich in unterschiedlichsten Formen und Intensitäten äussern kann, so Dr. Friis. Gemäss der International Association for the Study of Pain (IASP) ist Schmerz als ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis definiert, das mit einer tatsächlichen oder potenziellen Gewebeschädigung verbunden ist oder als solche beschrieben wird.

Schmerzformen, Schmerzmechanismus

Es gibt verschiedene Formen von Schmerzen, die jeweils spezifische Ursachen und Mechanismen aufweisen:
Nozizeptiv: Nozizeptiver Stimulus, Protektion
→ Hohe Reizschwelle
Inflammatorisch: Entzündung, Heilung Neuropathisch: Schädigung Nervensystem
→ Tiefe Reizschwelle
Noziplastisch: Kein nozizeptiver Stimulus, kein neuropathischer Schaden, keine Entzündung
Die Behandlung ist multimodal und interdisziplinär mithilfe des Bio-psycho-sozialen Modells: Dieses besteht aus Edukation, psychologischer Therapie, medikamentöser Therapie, physikalischer Therapie und interventioneller Therapie.

Fallvignette

Der Referent stellte einen durch den Hausarzt zugewiesenen Patienten, Jahrgang 1952, vor. Er leidet unter einem chronisch zervikobrachialen Syndrom links ohne neurologische Ausfälle. Als Nebendiagnosen bestehen eine arterielle Hypertonie und eine koronare Herzkrankheit. Die Überweisung erfolgte wegen Halswirbelgelenkschmerzen. Ferner liegt ein chronisches zervikobrachiales Syndrom links ohne neurologische Ausfälle vor. Die Klinik umfasst Nackenschmerzen mit Schmerzausstrahlung vom unteren Nackenbereich in die Schulterregion ohne sensomotorische Ausfälle. Eine kurzzeitige Beschwerdereduktion kann durch Physiotherapie erzielt werden. Vor allem körperliche Arbeit wie beispielsweise Gartenarbeit führt zu Schmerzexazerbationen, wie der Patient feststellte.

Ein MRI der Halswirbelsäule (HWS) zeigt multisegmentale degenerative Veränderungen mit Diskusprotrusionen auf Höhe C6/7, wobei eine rechtsseitige Dominanz erkennbar ist. Es liegen keine Hinweise auf Myelonkompression und keine spinozerebelläre Enge vor. Der Referent verwies auf die ICD-11-Klassifikation (WHO seit 2023) hin. Der hier vorgestellte Therapievorschlag umfasst eine Locus-dolendi-Infiltration mit Lokalanästhetika (Lidocain/Carbostesin), welche zu einer signifikanten Schmerzreduktion führt. Eine Wiederholung des Verfahrens erfolgt mit gleichem Resultat.

Differentialdiagnostisch kommen eine muskuläre Problematik der Halsmuskulatur (M. Scalenii, Sternocleidomastoideus), eine ossäre Problematik (Cavicula, Sternum), eine neurologische Problematik (Plexus axillaris, zervikale Nervenwurzeln) sowie eine vaskuläre Problematik (Vasa subclavia) und eine intrathorakale Problematik (Lunge, Pleura) in Betracht.

Das Thoracic outlet Syndrom (TOS)

Das Thoracic-outlet-Syndrom (TOS) – auch als neurovaskuläres Kompressionssyndrom bezeichnet – manifestiert sich in der Nähe des Plexus brachialis und der Vasa subclavia, zwischen Klavikula und erster Rippe, und zeigt eine Inzidenz von 1–3/100.000.
Es werden drei Typen unterschieden: Neurologische TOS (nTOS), welche Schmerzen, Hyp-/Dysästhesie, Parästhesie und Muskelschwäche umfassen, venöse TOS (vTOS), die mit Schwellungen, Schmerzen, Thrombose einhergehen, sowie arterielle TOS (aTOS), die Ischämie und Claudicatio-Symptome sowie Thrombenbildung als Symptome zeigen. Die Diagnose ist schwierig zu stellen.

Die klinische Untersuchung umfasst den Test der Oberarmspannung (Upper limb tension test), die Bildgebung mittels Röntgen und MRT, die neurologische Untersuchung (Elektroneuromyographie) sowie die lokale Infiltration im Bereich des Musculus Scalenii (Interscalenusblockade). Die Therapie erfolgt konservativ mittels Physiotherapie zur Korrektur von Fehlhaltung und muskulärer Dysbalance. Bei Bedarf kann eine Operation zur Dekompression mit teilweise resezierter erster Rippe und Skalenotomie durchgeführt werden.

Fallvignette

Eine weitere Fallvignette stellte Dr. Henrik Fredrich vor. Es handelte sich um eine 17-jährige Patientin, seit ca. einem Jahr bestehende Schmerzen rechts periumbilical, keine Stuhlunregelmässigkeiten, keine Allodynie. Eine ähnliche Episode hatte sich sechs Jahre zuvor ereignet.Die Diagnostik vor Einweisung umfasste diverse Enteropathien sowie diverse radiologische Untersuchungen, darunter native und dynamische KM-verstärkte MRT des Abdomens. Diese ergaben jedoch keinen richtungsweisenden Befund.

Diagnostik/Therapie

– Die Infiltration des Locus dolendi periumbilical rechts resultiert in einer signifikanten Schmerzlinderung über einen Zeitraum von sechs Stunden.
– Diagnostischer Transversus abdominus Plane-Block rechts, erneute signifikante Schmerzlinderung während der LA-Wirkung.
– Therapeutischer Transversus Abdominus Plane-Block rechts, dessen Wirkung erneut lediglich im LA-Zeitfenster zu beobachten war, gefolgt von einer Zunahme der Schmerzen.
→  Somit kann eine lokale Desensibilisierung ausgeschlossen werden.

Weitere Therapie

– Im Rahmen der Testinfusion von Lidocain und Ketamin konnte eine verbesserte Wirkung von Lidocain mit einer ca. zweiwöchigen Schmerzreduktion beobachtet werden.
– Daher wurde eine Serie von Lidocain-Infusionen mit anschliessender gepulster Radiofrequenztherapie eingeleitet, wobei lediglich eine kurzfristige Besserung zu verzeichnen war.
– Die letzte Therapie war eine Kryoablation des Locus dolenti Abdomen und der periumbilikalen Region rechts. Diese führte zu einer Schmerzfreiheit für die Dauer eines Jahres.

Definitive Therapie

– Etwa ein Jahr nach der Kryoablation manifestierten sich erneut Schmerzen.
– Es erfolgte eine erneute Locus-dolenti-Infiltration mit jeweils deutlicher Schmerzreduktion.
– Der Entschluss zur operativen Neurotomie und Nerventeilresektion von Th 10 und Th 11 in der vorderen Axillarlinie rechts wurde etwa zwei Jahre nach dem ersten Kontakt mit dem Schmerzambulatorium gefasst.
Seither besteht Beschwerdefreiheit.

A.C.N.E.S.

Das Abdominal (anterior/acute) Cutaneous Nerve Entrapment Syndrom ist durch Schmerzen der Bauchwand gekennzeichnet, welche durch die Einklemmung des anterioren Hautastes der Intercostalnerven bedingt sind.

Klinische Zeichen

– Der Schmerz ist eng lokalisiert, meist im rechten Unterbauch, aber grundsätzlich in der gesamten Bauchwand möglich.
– Positiver Pinching Test
o Schmerzexazerbation durch Kneifen
– Positives Carnett’s Sign:
o Schmerzexazerbation durch Anspannen der Bauchmuskeln
– Andere klinische Zeichen
o Allodynie, Hypo-/Hyperästhesie, Hyperalgesie

Therapieoptionen

– Infiltration Locus dolenti
– TENS
– Neurodol-Pflaster
– Neurektomie
«When facing abdominal pain, don’t forget ACNES»

Fallvignette

Dr. Florian Käs stellte eine 64jährige Frau vor mit chronischem Clusterkopfschmerz + Migräne. Die Symptome manifestierten sich erstmals im Sommer 2014 und lokalisierten sich in der linken Gesichtshälfte, wobei das Auge, die Wange und die Zähne betroffen waren. Der Schmerz wurde als stechend beschrieben und erreichte auf der Numerischen Rating Scale (NRS) einen Wert von 10/10. Die Dauer einer Episode betrug zwischen drei und vier Stunden, ohne dass eine Therapie erfolgte. Es wurden zwei Episoden pro Tag berichtet. Begleiterscheinungen waren eine Photophobie, eine Rückzugstendenz sowie trigeminoautonome Symptome, welche sich durch eine Rötung des linken Auges, Tränenfluss sowie eine Rhinorrhoe manifestierten. Triggerfaktoren konnten nicht identifiziert werden.

Therapie

Die bisherigen therapeutischen Massnahmen umfassten:
1. Langzeitprophylaxe
– St. N. Verapamil, Valproat, Lamotrigin (mit kurzzeitigem Ansprechen)
– Im Mai 2021 wurde mit der Gabe von Lithium 660 mg begonnen. Die Medikation wurde täglich verabreicht, wobei im Verlauf eine Entwicklung von Tremor beobachtet wurde. Dies führte zu einer Beendigung der Therapie.
– Im Jahr 2020 wurde eine GON-Infiltration ohne Wirkung vorgenommen.
– Von 2019 bis Mai 2023 erfolgte die Anwendung von Amovig 140 mg s. c. (Migräne) monatlich, Reduktion der Attacken-Frequenz intermittierend, attackenfreie Episoden (wenige Monate), danach Wirkungsverlust.
– Von Juni bis September 2023 Gabe von Vyepti® 300 mg (Migräne). Dies löste als Nebenwirkung eine Urtikaria aus.
– Beginn mit Topiramat, was nach drei Tagen bei Unwohlsein und Schwindel wieder abgesetzt wurde.
2. Kurzzeitprophylaxe
– St. N. 2 x Glukokortikoid-To-Therapie i. v. über fünf Tage mit guter Wirksamkeit.
– Seit Sommer 2023 erfolgt die Anwendung von Glukokortikoiden p.o., wobei aktuell eine Dosis von 12 mg Spiricort pro Tag verabreicht wird.
3. Akuttherapie
– Eine Sauerstofftherapie führte teilweise zu einer Schmerzreduktion auf mindestens 5/19 (NRS)
– Die Gabe von Sumatriptan (nasal) führte lediglich zu einer 30-prozentien Schmerzreduktion.
– Die Gabe von Imigran führte teilweise zu einer Reduktion der Episodendauer auf 10–30 Min.

Gibt es weitere Therapiemöglichkeiten? In den Guidelines der European Academy of Neurology on the Treatment of Cluster Headache wird folgendes vorgeschlagen: Für die Akutbehandlung von Clusterkopfschmerzattacken wird dringend Sauerstoff (100%) mit einem Flow von mindestens 12 L/min über 15 Minuten und 6 mg subkutanes Sumatriptan empfohlen. Zur Prophylaxe von Clusterkopfschmerzattacken wird Verapamil in einer Tagesdosis von mindestens 240 mg (die Höchstdosis hängt von der Wirksamkeit und Verträglichkeit ab) empfohlen. Kortikosteroide sind bei Clusterkopfschmerz wirksam. Lithium, Topiramat und Galcanezumab (nur bei episodischen Clusterkopfschmerzen) werden als alternative Behandlungsmethoden empfohlen. Die nichtinvasive Stimulation des Vagusnervs ist bei episodischem, aber nicht bei chronischem Clusterkopfschmerz wirksam. Die Blockade des Nervus occipitalis major wird empfohlen, aber die elektrische Stimulation des Nervus occipitalis major wird aufgrund des Nebenwirkungsprofils nicht empfohlen.

Die Blockade des Ganglion Sphenopalatinum/Meckels Ganglion kann zu folgenden Komplikationen führen: Bitterer Geschmack (Lidocain), Brennen der Schleimhäute, Epistaxis, Allergische Reaktion auf Kontrastmittel.

Zusammenfassend kann gesagt werden:

Blockade des Ganglion Sphenopalatinum
– Aufgrund der fehlenden Evidenz durch qualitativ unzureichend durchgeführte Studien kann keine abschliessende Aussage getroffen werden.
– Basierend auf den Erfahrungen der Vortragenden lässt sich jedoch ableiten, dass bei einer wiederholten Durchführung (alle 6–12 Wochen) von ca. 30–40 % der relevanten prophylaktischen Massnahmen eine Wirksamkeit zu erwarten ist.
– Bezüglich anderer Kopfschmerzen (Migräne, Spannungskopfschmerz, Trigeminus-Neuralgie) gibt es noch weniger Evidenz.
– Einfach durchzuführen, nicht invasiv, kostengünstig, niedriges Nebenwirkungsprofil

Evidenz Migräne
Aufgrund der aktuellen internationalen Guidelines und Reviews kann aufgrund der fehlenden RCTs keine Empfehlung ausgesprochen werden (Tzankova et al., Diagnosis and acute management of migraine, CMAJ 2013;195:E153-E158).

Evidenz: Cluster Kopfschmerz
Das Ganglion sphenopalatina ist ein vielversprechendes Ziel für die Behandlung von Clusterkopfschmerz durch Blockaden, Radiofrequenzablation und Neurostimulation. Weitere Studien sind jedoch nötig (Ho KWD, Przkora R, Kumar S. Sphenopalatine ganglion: block, radiofrequency ablation and neurostimulation – a systematic review. J Headache Pain. 2017 Dec 28;18(1):118).

Endometriose – Allgemein

Im Rahmen der Veranstaltung referierte Frau Dr. Barbara Lungner über die Endometriose sowie die entsprechenden Schmerztherapien. Die Endometriose wird definiert als chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der sich endometriumähnliches Gewebe ausserhalb des Uterus befindet. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose liegt bei 28 Jahren, wobei Endometriose auch bereits im Jugendalter auftreten kann. In seltenen Fällen ist auch die Diagnose bei kleinen Mädchen möglich. Es ist zu beobachten, dass die Diagnose häufig erst nach einem Zeitraum von über fünf Jahren gestellt wird. Unter geeigneter Therapie lässt sich die Diagnose günstig stellen. Jede zehnte Frau ist von dieser Erkrankung betroffen, wobei eine familiäre Häufung beobachtet wird. Die Prävalenz des superfizialen peritonealen Befalls liegt bei ca. 80 %, wobei auch eine ovarielle Manifestation in Form von Zysten beobachtet wird. Die Lokalisationen der Erkrankung sind vielfältig und können tief im Peritoneum, aber auch kombiniert auftreten. Zudem kann eine Erkrankung des Blasenepithels sowie extrapelviner Regionen, wie beispielsweise thorakal, umbilikal oder zerebral, erfolgen.Das Behandlungskonzept ist in Abb. 1 wiedergegeben.

Therapie

Zu den schmerzmedizinische Therapieoptionen bei Endometriose zählen: Psychosomatik, Akupunktur, Physiotherapie, TENS, SNRI, TCA, Antikonvulsiva, Nichtopioid-Analgetika, Psychologie, Hypnose, Opioide, Intervention sowie Cannabis.

Zu den psychotherapeutischen Verfahren zählt die Kognitive Verhaltenstherapie, deren Einsatz unter Einbeziehung psychosomatischer Faktoren einen statistisch signifikant besseren Therapieeffekt aufweist. Diesbezüglich wird eine starke Empfehlung ausgesprochen.

Physiotherapie, eine manuelle Therapie sowie die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) stellen vielversprechende Behandlungsmethoden bei einer Beckenbodendysbalance bzw. bei Triggerpunkten dar. Diesbezüglich konnte in einer randomisierten Studie eine signifikante Schmerzreduktion sowie eine Verbesserung der Lebensqualität nachgewiesen werden. Eine Behandlung dieser Art wird empfohlen.

Im Rahmen einer Pilotstudie wurde die Wirksamkeit von Antikonvulsiva bei 47 Frauen mit relevanter Organopathologie über einen Zeitraum von sechs Monaten untersucht. Es konnte nachgewiesen werden, dass Gabapentin (300–2700 mg/d) im Vergleich zu Placebo eine überlegene Wirkung hinsichtlich der Reduktion von Schmerz und Depressivität aufweist. Hinsichtlich der Nebenwirkungen konnten keine Unterschiede festgestellt werden.
In der randomisierten kontrollierten Studie wurden 306 Frauen über einen Zeitraum von 16 Wochen untersucht. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede
zwischen Gabapentin (bis 2700 mg/d) und Placebo hinsichtlich der Schmerzreduktion. Allerdings traten in der Gabapentin-Gruppe schwerwiegende Nebenwirkungen häufiger auf, weshalb eine zeitlich befristete Therapie in Erwägung gezogen werden sollte. 

Die interventionelle Schmerztherapie wird in der medizinischen Praxis häufig unterschätzt, obwohl sie eine vielversprechende diagnostische Option darstellt, für die jedoch noch keine ausreichende Evidenz vorliegt.

Die Indikation umfasst Nervenreizungen im kleinen Becken, beispielsweise in Form von Nerven-Nervenwurzelblockaden, wie sie bei Pudendusblockaden oder Ganglion Impar Blockaden zum Einsatz kommen. Auch neuropathische Schmerzen können mit dieser Methode behandelt werden. Dabei kommen verschiedene Infusionen zum Einsatz, darunter Ketamin, NMDA-Rezeptorantagonisten und Lidocain, ein Natriumkanalblocker. Das Ziel dieser Behandlung ist eine Schmerzmodulation.
Behandlung kann erwogen werden

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Lipidmanagement anno 2024. Wo stehen wir?

Im Rahmen der ZAIM MediDays 2024 in Zürich sprach Prof. Dr. med. Georg Noll, Zürich, über das derzeitige Lipidmanagement. Er erwähnte zunächst den Entwurf zum ­«Gesundes-Herz-Gesetz» (GHG) in Deutschland. Durch das Gesetz sollen Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen möglichst früh erkannt und bekämpft werden. «Lauterbachs Herz-Gesetz komplett einstampfen», sagen dazu die Krankenkassen. Ende August hat das Bundeskabinett Karl Lauterbachs Gesetzesentwurf zur Herzgesundheit verabschiedet. Das sorgte bei manchen Fachleuten für Empörung. Die AOK-Vorsitzende fand deutliche Worte. Auch in der Schweiz wehrt man sich gegen Prävention, so der Referent.

LDL-Cholesterin (LDL-C) ist einer der wichtigsten und bestuntersuchten kardiovaskulären Risikofaktoren. Der Zusammenhang zwischen der LDL-Senkung und dem Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung ist durch klinische Studien belegt, einerseits durch 198 503 Patienten, die während durchschnittlich 5 Jahren behandelt wurden, andererseits durch prospektive Kohortenstudien mit 403 501 Patienten, die während 12 Jahren beobachtet wurden, und durch randomisierte Mendel-Studien mit 194 427 Probanden, die während 52 Jahren beobachtet wurden.

Damit wurde auch die Kausalität des LDL-C als kardiovaskulärer Risikofaktor nachgewiesen (1). Es hat sich dabei gezeigt, je tiefer das LDL-C gesenkt wird, desto niedriger ist das kardiovaskuläre Risiko.

Risikoberechnung in der Primärprävention

Die Berechnung des Risikos kann durch Scores, die aufgrund der Ausprägung der Risikofaktoren das globale Risiko ermitteln, geschätzt werden. Dabei werden in der Schweiz AGLA-Scores oder ESC-Scores angewandt. Der ESC-Score umfasst die Risikofaktoren Alter, Geschlecht, Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, systolischer Blutdruck und das Rauchen. Die europäischen Länder werden im ESC-Score in Hochrisikoländer und solche mit tiefem Risiko eingeteilt. Beim AGLA-Score kommen zu den Risikofaktoren des ESC-Scores die Triglyceride und die Familienanamnese für kardiovaskuläre Krankheit dazu. Der ESC-Score ist etwas sensitiver als der AGLA-Score. «Wenn Sie also jemand behandeln möchten, verwenden Sie den ESC-Score und wenn Sie dies nicht tun möchten, verwenden Sie den AGLA-Score», bemerkte der Referent.

Aufgrund der verschiedenen Studienresultate erliess die ESC im Jahr 2019 neue Richtlinien zum Management von LDL-C (2). Diese empfehlen für ein tiefes kardiovaskuläres Risiko einen Zielwert des LDL-C unter 3 mmol/l, für moderates Risiko unter 2.6 mmol/l, für hohes Risiko unter 1.8 mmol/l und für sehr hohes Risiko unter 1.4 mmol/l.

Kardiovaskuläre Prävention: Diät

Gesunde Ernährung gehört bei allen Risikokategorien zu den wichtigsten Massnahmen:
• gesättigte Fettsäuren < 10 % der totalen Energiezufuhr, bei Reduktion von gesättigten Fettsäuren, diese v.a. durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzen und Trans-Fettsäuren vermeiden.
• Kein Salzexzess (Vermeiden von verarbeiteten Nahrungsmitteln, kein Nachsalzen). Bei Patienten mit Hypertonie, Nierenkrankheiten oder Herzinsuffizienz sollte die Reduktion strenger sein.
• 30–45 g Fasern pro Tag bevorzugt aus Vollkornprodukten.
• ≥ 200 g Früchte pro Tag (2–3 Portionen)
• ≥ 200 g Gemüse pro Tag (2–3 Portionen)
• 1–2 mal Fisch pro Woche, davon einmal fetthaltiger Fisch
• 30 g ungesalzene Nüsse pro Tag
• Alkohol aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen, bei Konsum nicht täglich und bei Männern/Frauen < 14/< 7 Standarddrinks pro Woche.
• Patienten mit Hypertonie sollten auf Alkohol verzichten.
• Zuckerhaltige Softdrinks und Alkopops meiden. In besonders schwierigen Situationen – z. B. ausgeprägte Hypertriglyceridämie professionale Ernährungsberatung.

Im Zusammenhang mit diätetischen Methoden verwies der Referent auf die «PREDIMED»-Studie zur Wirkung einer mediterranen Diät auf akuten Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod (3). In dieser Studie, an der Personen mit hohem kardiovaskulärem Risiko teilnahmen, war die Inzidenz grösserer kardiovaskulärer Ereignisse bei den Teilnehmern an einer mediterranen Diät, die mit nativem Olivenöl extra oder Nüssen ergänzt wurde, niedriger als bei den Teilnehmern an einer fettreduzierten Diät.

Wirkung antilipidämischer Medikamente

Wenn durch diätetische Massnahmen die Zielwerte nicht erreicht werden, bedarf es in der Sekundärprävention medikamentöser Massnahmen zur Lipidsenkung. Tab. 1 gibt die Wirkung verschiedener, antilipidämischer Medikamente wieder.
Dass die Senkung von LDL-Cholesterin von besonderer Wichtigkeit im Rahmen der kardiovaskulären Prävention ist, zeigte der Referent anhand der Daten der Cholesterol Treatment Trialists (4). Die Senkung von LDL-C um 1 mmol/l ergibt eine Senkung koronarer Ereignisse um 23 % und vaskulärer Ereignisse um 21 %, egal, mit welcher Methode die LDL-Senkung erzielt wurde. Statine unterscheiden sich in Bezug auf ihre Interaktionen mit anderen Medikamenten. Prof. Noll erwähnte das Statin Pitavastatin, welches ein geringes Interaktionspotential mit anderen Medikamenten hat und insbesondere bei Patienten mit HIV, welche mit Proteasehemmern, die mit Statinen interagieren, behandelt werden (5).

Statine bei älteren Personen

Eine häufig auftretende Problematik ist die Behandlung älterer Patienten mit Statinen. Der Referent verwies dazu auf eine Publikation von MW Andersson et al. aus dem vergangenen Jahr (6). Dabei zeigte sich, dass 85jährige und ältere in Bezug auf vaskuläre Primärprävention im selben Masse von eine Statintherapie profitieren wie 50 bis 69-jährige.

Die familiäre Hypercholesterinämie

Eine weitere Problematik ist die familiäre Hypercholesterinämie. Die Datenlage dazu ist für die Schweiz noch ungenügend. Prof. Noll präsentierte das Beispiel eines 38-jährigen Bankers. Er wurde wegen Hypercholesterinämie zugewiesen. Sein Vater verstarb mit 43 Jahren an einem Myokardinfarkt. Der Patient ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren. Sein LDL-C beträgt 7.2 mmol/l und deutet auf eine familiäre Hypercholesterinämie hin. Diese wird autosomal dominant vererbt. Das bedeutet, dass schon ein verändertes Gen, das von einem der beiden Elternteile vererbt wurde, ausreicht, um an einer familiären Hypercholesterinämie zu erkranken. Betroffene vererben das veränderte Gen in 50 Prozent der Fälle an einen Nachkommen. Bei Verdacht auf eine familiäre Hypercholesterinämie empfiehlt sich die Abklärung mittels Kaskadenscreening nach den Kriterien der Dutch Lipid Clinics.
Der Patient wurde mit Rosuvastatin 20 mg/Ezetimibe 10mg behandelt, worauf das LDL-C auf 4.1 gesenkt wurde. Eine nicht seltene Nebenwirkung der Statine ist das Auftreten von Muskelschmerzen. Dabei ist aber der Nocebo-Effekt zu beachten, wie der Referent ausführte. In einer im Jahre 2021 erschienenen Arbeit hatten 8 % der Personen, die keine Statinbehandlung erhielten Muskelschmerzen. In der Placebogruppe waren es 15.4 % und in der Statingruppe 16.3 %.

PCSK9 Inhibition zur Senkung von LDL-C

Eine ebenso wirksame Senkung von LDL-C lässt sich durch Inhibition von PCSK9 erreichen, so der Referent. PCSK9 (Proproteinkonvertase Subtilisin Kexin Typ 9) ist ein Enzym, welches inaktive Vorläuferzellen in eine aktive Form umwandelt. Unabhängig von seiner katalytischen Form bindet PCSK9 an den membranständigen LDL-Rezeptor von Hepatozyten. An PCSK9 gebundener LDL-Rezeptor wird internalisiert und der Rezeptor in der Zelle abgebaut, so dass er nicht auf die Membranoberflächen rezykliert werden kann. Ohne PCSK9 wird der Rezeptor rezykliert und kann erneut LDL binden und in die Zelle internalisieren, wo es abgebaut wird. Die Inhibition von PCSK9 hat in den Studien FOURIER mit Evolocumab (8) und ODYSSEY Outcomes mit Alirocumab (9) eine LDL-C-Senkung von 59 % bzw. 62 % ergeben. Evolocumab senkte den primären Endpunkt, ein Komposit von kardiovaskulärem Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Hospitalisierung wegen instabiler Angina oder koronare Revaskularisierung um 15 % (HR 0.85, 95 % KI 0.7 bis 0.92; p < 0.001). Mit Alirocumab ergaben sich in der ODYSSEY Outcomes Studie ähnliche Resultate mit einer ebenfalls 15 % Reduktion des gleichen primären Endpunkts, wie in FOURIER (KI HR.78 bis 0.93; p < 0.001).

Inclisiran – small interfering RNA

Inclisiran, eine small interfering RNA, inhibiert die PCSK9 durch RNA-Interferenz, ein biologischer Prozess, bei dem RNA-Moleküle die Genexpression oder -translation hemmen, indem sie gezielte mRNA-Moleküle neutralisieren.Inclisiran ist eine synthetische, doppelsträngige small interfering RNA (siRNA). Die RNA-Inhibition besteht aus den folgenden Mechanismen:
Guide strand erkennt die PCSK9 mRNA, Passenger strand wird für den Transport benötigt. Der konjugierte GalNAc–Zucker ermöglicht den gezielten Transport in die Leber. In den Studien ORION 10 und ORION 11 wurde mit einer einzigen subkutanen Dosis Inclisiran zusätzlich zu maximal verträglicher Dosis von Statin eine Senkung des LDL-C von ungefähr 50 % über 6 Monate erreicht (10).

Inclisiran zweimal jährlich zusätzlich zu einer maximal verträglichen Statintherapie mit oder ohne andere LDL-senkende Mittel verabreicht, ergab eine wirksame, sichere und gut verträgliche Behandlung zur Senkung von LDL-C bei Erwachsenen mit heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie, ASCVD oder ASCVD-Risikoäquivalenten (11).

Eine im letzten Jahr publizierte Analyse bietet erste Eindrücke in den potenziellen Nutzen einer LDL-C-Senkung mit Inclisiran für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und deutet auf einen potenziellen Nutzen für die Verringerung der Häufigkeit von Erkrankungen hin. Diese Ergebnisse müssen noch in grösseren Studien mit längerer Studiendauer bestätigt werden (12).

Adhärenz bei lipidsenkender Therapie mit PCSK9-Inhibiton

Der Vergleich einer 12-monatigen Behandlung mit Inclisiran versus Therapie mit monoklonalen anti-PCSK9 Antikörpern ergab für Inclisiran 0.9 (n = 852), für Alirocumab 0.71 (n = 852) und für Evolocumab 0.70 (n = 852). Die jährlich nur zweimalige Injektion durch den behandelnden Arzt ergibt erwartungsgemäss eine weitaus bessere Adhärenz als die zweimal monatliche Injektion durch den Patienten selbst.

Inclisiran und kardiovaskuläre Ereignisse

Eine kürzlich publizierte Analyse bietet erste Eindrücke in den potenziellen Nutzen einer LDL-C-Senkung mit Inclisiran für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und deutet auf einen potenziellen Nutzen für deren Verringerung der Häufigkeit hin (12). Diese Ergebnisse müssen noch in grösseren Studien mit längerer Studiendauer bestätigt werden.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

• Der LDL-C-Wert ist vorwiegend genetisch determiniert → Kaskaden-Screening bei familiärer Hypercholesterinämie
• LDL-C ist ein behandelbarer Risikofaktor
• LDL-C Zielwerte sollten erreicht werden (the lower the better), nötigenfalls mit einer Kombinationsbehandlung
• Bei Intoleranz der Statine (cave Nocebo-Effekt), LDL > Zielwert trotz Statin: Be,pedoinsäure /PCSK9-Hemmer erwägen.
• Inclisiran ist eine einfache und potente Möglichkeit über CSK9-Synthese Hemmung LDL-C zu senken.

1. Ference BA et al. Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. Eur Heart J 2017;38(32):2459-2472. doi: 10.1093/eurheartj/ehx144.
2. Mach F. et al. 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J 2020;41:111-188.doi: 10.1093/eurheartj/ehz455.
3. Estruch R et al. Primary Prevention of cardiovascular disease with amediterranean diet supplementd with extra-virgin olive oil or nuts. New Engl J Med 2018 ;378 :e34. DOI : 10 ;1056/NEJMoa1800389.
4. Cholesterol Treatment Trialists‘ (CTT) Collaboration>Efficacy and safety of LDL-lowering therapy among men and women: meta-analysis of individual data from 174 000 participants in 27 randomised trials. The Lancet 2015; 385, 9976, 1397 – 1405
5. Grinspoon SK et al. Pitavastatin to Prevent Cardiovascular Disease in HIV Infection.. N Engl J Med 2023; ;389(8):687-699.doi: 10.1056/NEJMoa2304146
6. Andersson NW et al. LDL-C Reduction With Lipid-Lowering Therapy for Primary Prevention of Major Vascular Events Among Older Individuals. J Am Coll Cardiol 2023; 82):1381-1391. doi: 10.1016/j.jacc.2023.07.027.
7. Howard JP et al Side Effect Patterns in a Crossover Trial of Statin, Placebo, and No Treatment J Am Coll Cardiol 2021;78:1210-1222. doi: 10.1016/j.jacc.2021.07.022.
8. Sabatine MS et al. Evolocumab and clinical outcomes in patients with cardiovascular disease. New Engl J Med 2017 ;376 :1713-1722.
9. Schwartz GC et al : Alirocumab and cardiovascular outcomes after acute coronary syndrome. N Engl J Med 2018 ; 379 : 2097-2107
10. Ray KK et al Two Phase 3 trials of Inclisiran jn patients with elevated LDL cholesterol. New Engl J Med 2020 ;382 :1507-1519
11. Wright RS et al. Pooled patient-level analysis of Inclisiran trials in patients with familial hypercholesterolemie of atherosclerosis. JACC 2021 ;77 :1182-1193
12. Ray KK et al. Inclisiran and cardiovascualr events : a patient-level analysis of phase III trials.Eur Heart J 2023 ;44 :129-138

Der komplexe Schmerzpatient: in der Praxis

An den diesjährigen ZAIM MediDays in Zürich berichteten Dr. Barbara Jungner, Dr. Florian Käs, Dr. Henrik Fredrich und Dr. Daniel Friis vom Schmerzambulatorium für diagnostische und therapeutische Schmerzmedizin am Institut für Anästhesiologie des USZ über Fallbeispiele aus ihrer Praxis.

Schmerzen sind ein vielschichtiges Phänomen, das sich in unterschiedlichsten Formen und Intensitäten äussern kann, so Dr. Friis. Gemäss der International Association for the Study of Pain (IASP) ist Schmerz als ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis definiert, das mit einer tatsächlichen oder potenziellen Gewebeschädigung verbunden ist oder als solche beschrieben wird.

Schmerzformen, Schmerzmechanismus

Es gibt verschiedene Formen von Schmerzen, die jeweils spezifische Ursachen und Mechanismen aufweisen:
Nozizeptiv: Nozizeptiver Stimulus, Protektion → Hohe Reizschwelle

Inflammatorisch: Entzündung, Heilung Neuropathisch: Schädigung Nervensystem → Tiefe Reizschwelle

Noziplastisch: Kein nozizeptiver Stimulus, kein neuropathischer Schaden, keine Entzündung

Die Behandlung ist multimodal und interdisziplinär mithilfe des Bio-psycho-sozialen Modells: Dieses besteht aus Edukation, psychologischer Therapie, medikamentöser Therapie, physikalischer Therapie und interventioneller Therapie.

Fallvignette

Der Referent stellte einen durch den Hausarzt zugewiesenen Patienten, Jahrgang 1952, vor. Er leidet unter einem chronisch zervikobrachialen Syndrom links ohne neurologische Ausfälle. Als Nebendiagnosen bestehen eine arterielle Hypertonie und eine koronare Herzkrankheit. Die Überweisung erfolgte wegen Halswirbelgelenkschmerzen. Ferner liegt ein chronisches zervikobrachiales Syndrom links ohne neurologische Ausfälle vor. Die Klinik umfasst Nackenschmerzen mit Schmerzausstrahlung vom unteren Nackenbereich in die Schulterregion ohne sensomotorische Ausfälle. Eine kurzzeitige Beschwerdereduktion kann durch Physiotherapie erzielt werden. Vor allem körperliche Arbeit wie beispielsweise Gartenarbeit führt zu Schmerzexazerbationen, wie der Patient feststellte.

Ein MRI der Halswirbelsäule (HWS) zeigt multisegmentale degenerative Veränderungen mit Diskusprotrusionen auf Höhe C6/7, wobei eine rechtsseitige Dominanz erkennbar ist. Es liegen keine Hinweise auf Myelonkompression und keine spinozerebelläre Enge vor. Der Referent verwies auf die ICD-11-Klassifikation (WHO seit 2023) hin. Der hier vorgestellte Therapievorschlag umfasst eine Locus-dolendi-Infiltration mit Lokalanästhetika (Lidocain/Carbostesin), welche zu einer signifikanten Schmerzreduktion führt. Eine Wiederholung des Verfahrens erfolgt mit gleichem Resultat.

Differentialdiagnostisch kommen eine muskuläre Problematik der Halsmuskulatur (M. Scalenii, Sternocleidomastoideus), eine ossäre Problematik (Cavicula, Sternum), eine neurologische Problematik (Plexus axillaris, zervikale Nervenwurzeln) sowie eine vaskuläre Problematik (Vasa subclavia) und eine intrathorakale Problematik (Lunge, Pleura) in Betracht.

Das Thoracic outlet Syndrom (TOS)

Das Thoracic-outlet-Syndrom (TOS) – auch als neurovaskuläres Kompressionssyndrom bezeichnet – manifestiert sich in der Nähe des Plexus brachialis und der Vasa subclavia, zwischen Klavikula und erster Rippe, und zeigt eine Inzidenz von 1–3/100 000.

Es werden drei Typen unterschieden: Neurologische TOS (nTOS), welche Schmerzen, Hyp-/Dysästhesie, Parästhesie und Muskelschwäche umfassen, venöse TOS (vTOS), die mit Schwellungen, Schmerzen, Thrombose einhergehen, sowie arterielle TOS (aTOS), die Ischämie und Claudicatio-Symptome sowie Thrombenbildung als Symptome zeigen. Die Diagnose ist schwierig zustellen.

Die klinische Untersuchung umfasst den Test der Oberarmspannung (Upper limb tension test), die Bildgebung mittels Röntgen und MRT, die neurologische Untersuchung (Elektroneuromyographie) sowie die lokale Infiltration im Bereich des Musculus Scalenii (Interscalenusblockade). Die Therapie erfolgt konservativ mittels Physiotherapie zur Korrektur von Fehlhaltung und muskulärer Dysbalance. Bei Bedarf kann eine Operation zur Dekompression mit teilweise resezierter erster Rippe und Skalenotomie durchgeführt werden.

Fallvignette

Eine weitere Fallvignette stellte Dr. Henrik Frerich vor. Es handelte sich um eine 17-jährige Patientin, seit ca. einem Jahr bestehende Schmerzen rechts periumbilical, keine Stuhlunregelmässigkeiten, keine Allodynie. Eine ähnliche Episode hatte sich sechs Jahre zuvor ereignet.Die Diagnostik vor Einweisung umfasste diverse Enteropathien sowie diverse radiologische Untersuchungen, darunter native und dynamische KM-verstärkte MRT des Abdomens. Diese ergaben jedoch keinen richtungsweisenden Befund.

Diagnostik/Therapie

• Die Infiltration des Locus dolendi periumbilical rechts resultiert in einer signifikanten Schmerzlinderung über einen Zeitraum von sechs Stunden.
• Diagnostischer Transversus abdominus Plane-Block rechts, erneute signifikante Schmerzlinderung während der LA-Wirkung.
• Therapeutischer Transversus Abdominus Plane-Block rechts, dessen Wirkung erneut lediglich im LA-Zeitfenster zu beobachten war, gefolgt von einer Zunahme der Schmerzen.
→ Somit kann eine lokale Desensibilisierung ausgeschlossen werden.

Weitere Therapie

• Im Rahmen der Testinfusion von Lidocain und Ketamin konnte eine verbesserte Wirkung von Lidocain mit einer ca. zweiwöchigen Schmerzreduktion beobachtet werden.
• Daher wurde eine Serie von Lidocain-Infusionen mit anschliessender gepulster Radiofrequenztherapie eingeleitet, wobei lediglich eine kurzfristige Besserung zu verzeichnen war.
• Die letzte Therapie war eine Kryoablation des Locus dolenti Abdomen und der periumbilikalen Region rechts. Diese führte zu einer Schmerzfreiheit für die Dauer eines Jahres.

Definitive Therapie

• Etwa ein Jahr nach der Kryoablation manifestierten sich erneut Schmerzen.
• Es erfolgte eine erneute Locus-dolenti-Infiltration mit jeweils deutlicher Schmerzreduktion.
• Der Entschluss zur operativen Neurotomie und Nerventeilresektion von Th 10 und Th 11 in der vorderen Axillarlinie rechts wurde etwa zwei Jahre nach dem ersten Kontakt mit dem Schmerzambulatorium gefasst. Seither besteht Beschwerdefreiheit.

A.C.N.E.S.

Das Abdominal (anterior/acute) Cutaneous Nerve Entrapment Syndrom ist durch Schmerzen der Bauchwand gekennzeichnet, welche durch die Einklemmung des anterioren Hautastes der Intercostalnerven bedingt sind.

Klinische Zeichen

• Der Schmerz ist eng lokalisiert, meist im rechten Unterbauch, aber grundsätzlich in der gesamten Bauchwand möglich.
• Positiver Pinching Test
– Schmerzexazerbation durch Kneifen
• Positives Carnett’s Sign:
– Schmerzexazerbation durch Anspannen der Bauchmuskeln
• Andere klinische Zeichen
– Allodynie, Hypo-/Hyperästhesie, Hyperalgesie

Therapieoptionen

• Infiltration Locus dolenti
• TENS
• Neurodol-Pflaster
• Neurektomie
«When facing abdominal pain, don’t forget ACNES»

Fallvignette

Dr. Florian Käs stellte eine 64jährige Frau vor mit chronischem Clusterkopfschmerz + Migräne. Die Symptome manifestierten sich erstmals im Sommer 2014 und lokalisierten sich in der linken Gesichtshälfte, wobei das Auge, die Wange und die Zähne betroffen waren. Der Schmerz wurde als stechend beschrieben und erreichte auf der Numerischen Rating Scale (NRS) einen Wert von 10/10. Die Dauer einer Episode betrug zwischen drei und vier Stunden, ohne dass eine Therapie erfolgte. Es wurden zwei Episoden pro Tag berichtet. Begleiterscheinungen waren eine Photophobie, eine Rückzugstendenz sowie trigeminoautonome Symptome, welche sich durch eine Rötung des linken Auges, Tränenfluss sowie eine Rhinorrhoe manifestierten. Triggerfaktoren konnten nicht identifiziert werden.

Therapie

Die bisherigen therapeutischen Massnahmen umfassten:
1. Langzeitprophylaxe
• St. N. Verapamil, Valproat, Lamotrigin (mit kurzzeitigem Ansprechen)
• Im Mai 2021 wurde mit der Gabe von Lithium 660 mg begonnen. Die Medikation wurde täglich verabreicht, wobei im Verlauf eine Entwicklung von Tremor beobachtet wurde. Dies führte zu einer Beendigung der Therapie.
• Im Jahr 2020 wurde eine GON-Infiltration ohne Wirkung vorgenommen.
• Von 2019 bis Mai 2023 erfolgte die Anwendung von Amovig 140 mg s. c. (Migräne) monatlich, Reduktion der Attacken-Frequenz intermittierend, attackenfreie Episoden (wenige Monate), danach Wirkungsverlust.
• Von Juni bis September 2023 Gabe von Vyepti® 300 mg (Migräne). Dies löste als Nebenwirkung eine Urtikaria aus.
• Beginn mit Topiramat, was nach drei Tagen bei Unwohlsein und Schwindel wieder abgesetzt wurde.
2. Kurzzeitprophylaxe
• St. N. 2 x Glukokortikoid-To-Therapie i. v. über fünf Tage mit guter Wirksamkeit.
• Seit Sommer 2023 erfolgt die Anwendung von Glukokortikoiden p.o., wobei aktuell eine Dosis von 12 mg Spiricort pro Tag verabreicht wird.
3. Akuttherapie
• Eine Sauerstofftherapie führte teilweise zu einer Schmerzreduktion auf mindestens 5/19 (NRS)
• Die Gabe von Sumatriptan (nasal) führte lediglich zu einer 30-prozentigen Schmerzreduktion.
• Die Gabe von Imigran führte teilweise zu einer Reduktion der Episodendauer auf 10–30 Min.

Gibt es weitere Therapiemöglichkeiten? In den Guidelines der European Academy of Neurology on the Treatment of Cluster Headache wird folgendes vorgeschlagen: Für die Akutbehandlung von Clusterkopfschmerzattacken wird dringend Sauerstoff (100 %) mit einem Flow von mindestens 12 L/min über 15 Minuten und 6 mg subkutanes Sumatriptan empfohlen. Zur Prophylaxe von Clusterkopfschmerzattacken wird Verapamil in einer Tagesdosis von mindestens 240 mg (die Höchstdosis hängt von der Wirksamkeit und Verträglichkeit ab) empfohlen. Kortikosteroide sind bei Clusterkopfschmerz wirksam. Lithium, Topiramat und Galcanezumab (nur bei episodischen Clusterkopfschmerzen) werden als alternative Behandlungsmethoden empfohlen. Die nichtinvasive Stimulation des Vagusnervs ist bei episodischem, aber nicht bei chronischem Clusterkopfschmerz wirksam. Die Blockade des Nervus occipitalis major wird empfohlen, aber die elektrische Stimulation des Nervus occipitalis major wird aufgrund des Nebenwirkungsprofils nicht empfohlen.
Die Blockade des Ganglion Sphenopalatinum/Meckels
Ganglion kann zu folgenden Komplikationen führen: Bitterer Geschmack (Lidocain), Brennen der Schleimhäute, Epistaxis, Allergische Reaktion auf Kontrastmittel.
Zusammenfassend kann gesagt werden:

Blockade des Ganglion Sphenopalatinum
• Aufgrund der fehlenden Evidenz durch qualitativ unzureichend durchgeführte Studien kann keine abschliessende Aussage getroffen werden.
• Basierend auf den Erfahrungen der Vortragenden lässt sich jedoch ableiten, dass bei einer wiederholten Durchführung (alle 6–12 Wochen) von ca. 30–40 % der relevanten prophylaktischen Massnahmen eine Wirksamkeit zu erwarten ist.
• Bezüglich anderer Kopfschmerzen (Migräne, Spannungskopfschmerz, Trigeminus-Neuralgie) gibt es noch weniger Evidenz.
• Einfach durchzuführen, nicht invasiv, kostengünstig, niedriges Nebenwirkungsprofil

Evidenz Migräne
Aufgrund der aktuellen internationalen Guidelines und Reviews kann aufgrund der fehlenden RCTs keine Empfehlung ausgesprochen werden (Tzankova et al., Diagnosis and acute management of migraine, CMAJ 2013;195:E153-E158).

Evidenz: Cluster Kopfschmerz
Das Ganglion sphenopalatina ist ein vielversprechendes Ziel für die Behandlung von Clusterkopfschmerz durch Blockaden, Radiofrequenzablation und Neurostimulation. Weitere Studien sind jedoch nötig (Ho KWD, Przkora R, Kumar S. Sphenopalatine ganglion: block, radiofrequency ablation and neurostimulation – a systematic review. J Headache Pain. 2017 Dec 28;18(1):118).

Endometriose – Allgemein

Im Rahmen der Veranstaltung referierte Frau Dr. Barbara Lungner über die Endometriose sowie die entsprechenden Schmerztherapien. Die Endometriose wird definiert als chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der sich endometriumähnliches Gewebe ausserhalb des Uterus befindet. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose liegt bei 28 Jahren, wobei Endometriose auch bereits im Jugendalter auftreten kann. In seltenen Fällen ist auch die Diagnose bei kleinen Mädchen möglich. Es ist zu beobachten, dass die Diagnose häufig erst nach einem Zeitraum von über fünf Jahren gestellt wird. Unter geeigneter Therapie lässt sich die Diagnose günstig stellen. Jede zehnte Frau ist von dieser Erkrankung betroffen, wobei eine familiäre Häufung beobachtet wird. Die Prävalenz des superfizialen peritonealen Befalls liegt bei ca. 80 %, wobei auch eine ovarielle Manifestation in Form von Zysten beobachtet wird. Die Lokalisationen der Erkrankung sind vielfältig und können tief im Peritoneum, aber auch kombiniert auftreten. Zudem kann eine Erkrankung des Blasenepithels sowie extrapelviner Regionen, wie beispielsweise thorakal, umbilikal oder zerebral, erfolgen. Das Behandlungskonzept ist in Abb. 1 wiedergegeben.

Therapie

Zu den schmerzmedizinischen Therapieoptionen bei Endometriose zählen: Psychosomatik, Akupunktur, Physiotherapie, TENS, SNRI, TCA, Antikonvulsiva, Nichtopioid-Analgetika, Psychologie, Hypnose, Opioide, Intervention sowie Cannabis.

Zu den psychotherapeutischen Verfahren zählt die Kognitive Verhaltenstherapie, deren Einsatz unter Einbeziehung psychosomatischer Faktoren einen statistisch signifikant besseren Therapieeffekt aufweist. Diesbezüglich wird eine starke Empfehlung ausgesprochen.
Physiotherapie, eine manuelle Therapie sowie die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) stellen vielversprechende Behandlungsmethoden bei einer Beckenbodendysbalance bzw. bei Triggerpunkten dar. Diesbezüglich konnte in einer randomisierten Studie eine signifikante Schmerzreduktion sowie eine Verbesserung der Lebensqualität nachgewiesen werden. Eine Behandlung dieser Art wird empfohlen.

Im Rahmen einer Pilotstudie wurde die Wirksamkeit von Antikonvulsiva bei 47 Frauen mit relevanter Organopathologie über einen Zeitraum von sechs Monaten untersucht. Es konnte nachgewiesen werden, dass Gabapentin (300–2700 mg/d) im Vergleich zu Placebo eine überlegene Wirkung hinsichtlich der Reduktion von Schmerz und Depressivität aufweist. Hinsichtlich der Nebenwirkungen konnten keine Unterschiede festgestellt werden.

In der randomisierten kontrollierten Studie wurden 306 Frauen über einen Zeitraum von 16 Wochen untersucht. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Gabapentin (bis 2700 mg/d) und Placebo hinsichtlich der Schmerzreduktion. Allerdings traten in der Gabapentin-Gruppe schwerwiegende Nebenwirkungen häufiger auf, weshalb eine zeitlich befristete Therapie in Erwägung gezogen werden sollte.

Die interventionelle Schmerztherapie wird in der medizinischen Praxis häufig unterschätzt, obwohl sie eine vielversprechende diagnostische Option darstellt, für die jedoch noch keine ausreichende Evidenz vorliegt.

Die Indikation umfasst Nervenreizungen im kleinen Becken, beispielsweise in Form von Nerven-Nervenwurzelblockaden, wie sie bei Pudendusblockaden oder Ganglion Impar Blockaden zum Einsatz kommen. Auch neuropathische Schmerzen können mit dieser Methode behandelt werden. Dabei kommen verschiedene Infusionen zum Einsatz, darunter Ketamin, NMDA-Rezeptorantagonisten und Lidocain, ein Natriumkanalblocker. Das Ziel dieser Behandlung ist eine Schmerzmodulation.
→ Behandlung kann erwogen werden

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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ESMO 2024: Neue Daten zum Melanom

Prof. Roger von Moos, Direktor Tumor- und Forschungszentrum, Kantonsspital Graubünden, Chur und Chefredaktor bei info@ONCO-SUISSE kommentiert neue Daten zum Melanom.

Eleonore E. Droux, Verlegerin des Aerzteverlag medinfo AG, und Prof. Dr. med. Roger von Moos, Chefredaktor der info@onco-suisse, waren live am ESMO in Barcelona, um für unsere Kongress-Zeitung über die aktuellen Ergebnisse zu berichten.

Daten zum neoadjuvanten Setting

 

Daten zum metastasierten Melanom