36. St. Galler Fortbildung für Klinische Onkologie

Am 26. und 27. Februar 2024 fand in St. Gallen die traditionelle Fortbildung für Klinische Onkologie statt. Unter der Leitung von Prof. Martin Früh, Chefarzt a. i. der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen, präsentierten renommierte Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen aus Radioonkologie, Systemtherapie, Thorax , Gynäko und Hämatologie. Ziel der Veranstaltung war es, die Brücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und klinischer Anwendung zu schlagen – für ein interdisziplinäres Publikum aus Onkolog/innen, Hausärzt/innen und Pflegefachpersonen. Dieser Bericht fasst die wesentlichen Inhalte zusammen.

Strahlentherapie und Systemtherapie – Was machen wir 2026?

Dr. Dr. Sebastian Christ (Radioonkologie, Universitätsspital Zürich) skizzierte den Wandel von einer sequenziellen zu einer biologisch integrierten Kombinationsbehandlung. Strahlentherapie und Arzneimitteltherapie sind heute beide hochwirksam. Die entscheidende klinische Frage lautet daher nicht mehr, ob beide Verfahren kombiniert werden sollen, sondern wie, wann und bei welchen Patienten.

Wandel des Paradigmas

Über Jahrzehnte dominierte ein sequenzielles Vorgehen: Die Radiotherapie diente der lokalen Tumorkontrolle, die Systemtherapie der Kontrolle systemischer Tumormanifestationen. Mit modernen Bestrahlungstechniken wie IMRT, IGRT, SBRT und MR-gesteuerter Radiotherapie sowie mit neuen medikamentösen Optionen, darunter Immuncheckpoint-Inhibitoren, zielgerichtete Substanzen, ADCs und Zelltherapien, rückt heute das Konzept einer integrierten Präzisionsonkologie in den Vordergrund.

Die Kombination beider Modalitäten kann die Wirksamkeit steigern, erhöht jedoch zugleich das Risiko überlappender Toxizitäten. Dadurch wird das therapeutische Fenster enger. Erforderlich sind daher eine präzisere biologische Planung und eine enge interdisziplinäre Abstimmung.

Evidenz und klinische Trends

• Chemoradiation bleibt Goldstandard, gestützt durch Level 1A Evidenz.
• IO/RT Kombinationen (Immune Checkpoint Inhibitor + Bestrahlung) zeigen etwa 30 % Mortalitätsreduktion, sind aber toxizitätssensitiv.
• Die Integration erfolgt zunehmend anhand molekularer Biomarker, ctDNA und präzisionsgesteuerter Sequenzierung
Plattformstudien wie CONCORDE untersuchen die Kombination konventioneller Radiotherapie mit neuen immunonkologischen und zielgerichteten Substanzen. Die Anwendung wird damit nicht mehr allein technisch, sondern zunehmend biologisch gesteuert. Die klassische Sequenztherapie entwickelt sich zur gezielten Synergietherapie.

Fazit

Strahlentherapie und Systemtherapie entwickeln sich zu komplementären, an der Tumorbiologie ausgerichteten Behandlungsstrategien. Entscheidend sind eine patientenspezifische Sequenzierung, die frühe Abstimmung im Tumorboard und die konsequente Einbindung biologischer Parameter in die klinische Planung.

Neoadjuvante und perioperative Systemtherapie beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom

Dr. Dr. Diego P. D. Kauffmann Guerrero (LMU München) stellte aktuelle Konzepte zur neoadjuvanten und perioperativen Immunchemotherapie beim resektablen NSCLC vor. Ziel dieser Strategien ist es, durch präoperative Kombinationen aus Chemotherapie und Immuncheckpoint-Inhibitoren eine anhaltende Antitumorimmunität zu induzieren und die Heilungsraten zu verbessern.

Rationale und Studienlage

Die Kombination von Operation und Immuntherapie soll der postoperativ oft geschwächten Immunantwort entgegenwirken. Frühe Daten der NADIM Studie zeigten deutlich höhere pathologische Komplettremissionsraten (pCR).
Mehrere randomisierte Studien stützen inzwischen diesen Ansatz:
• In CheckMate 816 verlängerte Nivolumab in Kombination mit Chemotherapie das ereignisfreie Überleben deutlich gegenüber Chemotherapie allein (23,7 vs. 10,5 Monate; HR 0,4) und erhöhte die pCR-Rate, ohne die Toxizität wesentlich zu steigern.
CheckMate 77T zeigte für eine neoadjuvante Nivolumab-basierte Strategie ebenfalls eine signifikante Verbesserung des ereignisfreien Überlebens.
• In AEGEAN führte Durvalumab plus Chemotherapie zu höheren Komplettremissionsraten bei günstigem Sicherheitsprofil.
KEYNOTE 671 und RATIONALE 315 bestätigten vergleichbare Vorteile auch für Pembrolizumab beziehungsweise Tislelizumab.
• Die laufende Studie IMpower030 untersucht Atezolizumab im perioperativen Setting.

Adjuvante Therapien

IMpower 010 zeigte, dass Atezolizumab nach adjuvanter Chemotherapie das krankheitsfreie Überleben verbessert, insbesondere bei PD-L1-Expression ≥ 1 %.
• In KEYNOTE 091 verbesserte Pembrolizumab das krankheitsfreie Überleben unabhängig vom PD-L1-Status.
NADIM Adjuvant deutet auf ein reduziertes Rezidivrisiko unter Nivolumab in Kombination mit adjuvanter Chemotherapie hin.
ANVIL prüft bei mehr als 600 Zentren in den USA, ob sich nach Resektion eine Verbesserung des Gesamtüberlebens um 30 % erreichen lässt.
Bei EGFR mutierten Tumoren überwiegen Exon 19 Deletionen und L858R Mutationen; diese Patient/-innen bedürfen getrennter Therapiepfade.

Neoadjuvanz oder Perioperativtherapie?

Neue IASLC Analysen (2024) zeigen eine weitere Verbesserung von Überleben und Rezidiv-freiheit, wenn Nivolumab perioperativ – also prä und postoperativ – angewendet wird. Die Kombination scheint überlegen gegenüber reiner Neoadjuvanz.

Take Home Messages

• Die Neoadjuvante Therapie mit Immunchemotherapie erhöht pCR und verbessert EFS.
• Perioperative Schemata zeigen zusätzlichen Vorteil bei ähnlicher Sicherheit. Molekulare Testung (EGFR, ALK, PD L1) und präzises Staging (PET CT, cMRT) sind verpflichtend.
• Patient/-innen mit hohem PD L1 und N2 Befall profitieren besonders.
• Bei vollständiger Remission (pCR) ist eine anschliessende adjuvante IO Therapie nicht obligat.

Innovationen beim kleinzelligen ­Bronchialkarzinom (SCLC)

Univ. Prof. Dr. Annelen Beckmann (UKM/WTZ Münster) stellte aktuelle Entwicklungen beim SCLC vor – einer Tumorentität, die nur 12–15 % aller Lungenkarzinome ausmacht, aber besonders aggressiv verläuft. Das Gesamt 5 Jahres Überleben liegt bei rund 8 %, wobei nur ein Drittel der Patient/-innen zum Diagnosezeitpunkt ein begrenztes (Kurativ ) Stadium aufweist.

Stadien und Prognose

Nach der Marburger Klassifikation wird zwischen
Limited Disease (LD): Tumor auf eine Thoraxhälfte beschränkt, potenziell Kurativ.
Extensive Disease (ED): metastasierte, palliative Situation – unterschieden.
In frühen Stadien liegt das 5 Jahres Überleben bei 20–30 %, im fortgeschrittenen Stadium nach zwei Jahren bei nur 5–10 %.

Leitlinien und Therapiestandard

Laut ESMO Guidelines (2021/2023) ist eine platinbasierte Chemotherapie + Immuncheckpoint Inhibitor (Atezolizumab od. Durvalumab) der aktuelle Standard in der Erstlinie bei ES SCLC. Ergänzend wird eine frühe Bildgebung (CT/MRT), thorakale Strahlentherapie bei LD sowie eine prophylaktische Hirnbestrahlung (PCI) bei Therapieansprechen empfohlen.
Medianes Gesamtüberleben: 12–13 Monate.

Phase III Studien zur Erstlinie

Praxiserkenntnisse

Kombination aus Chemo und Immuntherapie verbessert Überleben und Langzeitkontrolle deutlich.
Real World Daten zeigen vergleichbare Wirksamkeit für Atezolizumab und Durvalumab – beide gelten als gleichwertige Optionen.

Zukünftige Therapielandschaft

1. Linie: Platin + Etoposid + ICI → anschliessende IO Erhaltung
2.–3. Linie: Topotecan, Lurbinectedin oder neue Antikörper (Tarlatamab u. a.)
Regelmässige zerebrale MRT Kontrollen bzw. PCI bleiben zentral für Langzeitüberleben. Ein kleiner Teil der Patient/-innen erzielt dauerhafte Remissionen, wie in der CASPIAN Studie, wo Durvalumab + Platin/Etoposid das OS signifikant verbesserte bei unverändert gutem Sicher-heitsprofil.

Fazit

Das SCLC, lange eine domänenspezifisch limitierte Erkrankung, profitiert nun nachweislich von kombinierten Chemo Immuntherapien. Diese markieren den ersten echten Therapiefortschritt seit Jahrzehnten und bilden die neue Behandlungsbasis für alle Patient/-innen mit fortgeschrittener Erkrankung.

Zielgerichtete Systemtherapie beim lokalisierten NSCLC

Prof. Dr. Dr. Sonja Loges (Universitätsklinikum Mannheim) erläuterte die zunehmende Bedeutung zielgerichteter Therapien bei frühem nicht kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC, Stadium IB–IIIB) und ihre Integration in neoadjuvante und adjuvante Konzepte.

Molekulare Basis und Zielstrukturen

EGFR Mutationen (Exon 19 Deletion, L858R) treten in ≈ 85–90 % der typischen Fälle auf. Sie aktivieren Wachstums-Signalwege, die durch EGFR Tyrosinkinase Inhibitoren (TKI) blockierbar sind. ALK Fusionen (3–5 % der NSCLC, meist EML4 ALK) werden mit ALK Inhibitoren wie Alectinib gezielt behandelt – mit deutlich verbesserter Prognose.

Neoadjuvanz

Osimertinib senkt laut ADAURA Studie das Rückfallrisiko um 79 % (DFS Vorteil) und verbessert das Gesamtüberleben. In der Neoadjuvanz allein oder in Kombination mit Chemo zeigte es ähnliche MPR Raten (~25 %) und geringfügig höhere pCR Raten, wirkt aber überwiegend zytostatisch.

Alectinib (NAUTIKA1/ALINA) bewirkte eine MPR von 60 % und pCR von 25 % – damit deutlich effektiver und als neuer Standardkandidat für ALK positive Patient/-innen bewertet.

Adjuvante Therapie und fortgeschrittene Stadien ADAURA und ALINA:

Osimertinib dreifacht das PFS vs. Placebo (HR 0.49) und reduziert ZNS Rezidive.
Alectinib zeigte einen signifikanten DFS Vorteil gegen platinbasierte Chemotherapie (p < 0.001).
Beide Substanzen werden jetzt auch für den perioperativen Einsatz diskutiert.

Neue Daten (Stadium III, inoperabel)

Die LAURA Studie belegt für Osimertinib nach definitiver Radiochemotherapie eine deutliche Verlängerung des progressionsfreien Überlebens gegenüber Placebo bei EGFR mutiertem Stadium III NSCLC – die erste effektive Option in dieser Gruppe.

Fazit

Osimertinib ist Standard für reseziertes EGFR mutiertes NSCLC (Stadium IB–IIIA) und vielversprechend bei nicht resezierbarem Stadium III.
Alectinib setzt sich für ALK positive Patient/-innen in Neoadjuvanz und Adjuvanz durch.
• Beide Therapien erfordern eine frühe molekulare Diagnostik (EGFR, ALK, PD L1).
• Die Gesamtdauer der TKI Therapie und die optimale Sequenzierung gegenüber Chemo Immunregimen werden noch evaluiert. [W1.1]

Onkologika: Zu welchem Preis?

Dr. med. et Dr. iur. Kerstin Natalie Vockinger (Universität und ETH Zürich) analysierte die Preisentwicklung, Vergütungssysteme und Evidenzgrundlagen neuer Krebsarzneimittel in der Schweiz und international.

Preisbildung und Kriterien in der Schweiz

Für eine Kostenübernahme durch die obligatorische Krankenversicherung (OKP) müssen Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein.
Die Wirtschaftlichkeit wird mittels therapeutischen Quervergleichs und internationalem Preisreferenzsystem bewertet.
Artikel 71 a-e KVV regeln Einzelfallvergütungen (z. B. bei Off Label Use) für Arzneimittel ohne Spezialitätenlisteneintrag, wenn kein gleichwertiges Alternativprodukt verfügbar ist und ein hoher therapeutischer Nutzen besteht.

Internationale Vergleiche und Preisdynamik

In den USA finden bis 2026 erstmals staatliche Preisverhandlungen statt (Inflation Reduction Act). Bislang keine Preisregulierung → explosiver Kostenzuwachs:
• USA: + 19,7 % jährlich (31 700 → 228 600 USD zwischen 2011–2022), Krebsmedikamente > 650 % teurer als Nicht Onkologika.
• Schweiz: + 3,2 % pro Jahr (29 000 → 41 400 USD), Onkologika > 720 % teurer als Nicht Krebsmedikamente.
Ursachen: steigende F&E Kosten, Marktdruck und gesellschaftliche Zahlungs- bereitschaft für «Lebenszeitgewinne».

Challenge II – Zeit bis zur Kostenübernahme

Medianzeit von Zulassung bis Erstattung:
CH Schweiz 5,8 Mon. | DE 7,4 | US 9,2 | FR 12,9 | GB 17,7.
Nach 1 Jahr sind in Deutschland ca. 74 %, in der Schweiz 63 % der neuen Mittel vergütet.
Ein «Submission Gap» verzögert den Marktzugang in Europa und Schweiz um 13–18 Wochen nach USA. Das internationale Kooperationsprojekt Project Orbis hat diese Lücke bereits spürbar reduziert und verkürzt Zulassungsverfahren.

Challenge III – Evidenz und Marktzugang

Steigende Zahl von Medikamenten erhält beschleunigte Zulassungen auf Basis von Surrogatendpunkten oder Single Arm Studien.
Folge: zunehmende Unsicherheiten bei klinischer Relevanz und Kosten Nutzen Abwägung.
→ Managed Entry Agreements, häufig mit vertraulichen Rabatten, sind ein Zwischenschritt. Entscheidend bleibt die Balance zwischen rascher Verfügbarkeit und robuster Evidenz – einschliesslich post marketing Validierung.

Fazit für die Praxis

• Die Initialpreise für Krebsarzneien steigen weltweit kontinuierlich.
• Preisbildung und Erstattung müssen zugunsten schnellerer Verfügbarkeit und gleichzeitig gerechter Ressourcenverteilung angepasst werden.
• Ein stärkerer Fokus auf klinischen Outcome, Transparenz bei Rabatten und qualitätsgesicherte Evidenzbewertung ist unverzichtbar.

Lebensqualität aus Patientensicht
Onkologisches Basisscreening (oBS)

Prof. Dr. Birgitt von Oorschot (Deutsche Krebsgesellschaft) präsentierte die Arbeit der interdisziplinären Arbeitsgruppe «Patient Reported Outcome – Supportivbereich (PRO S)», die 2023 gegründet wurde, um patientenberichtete Ergebnisse (PROs) systematisch in die onkologische Routineversorgung zu integrieren.

Ziel und Konzept

Das onkologische Basisscreening (oBS) ermöglicht eine bedarfsgerechte Supportiv und Palliativversorgung. Es beruht auf Leitlinien und Evidenz und vermeidet das «Giesskannenprinzip»: Nur wer tatsächlich Unterstützung braucht, soll intensiv betreut werden.
Ziele sind Erhöhung der Patientensicherheit, passgenaue Interventionen sowie optimale Ressourcennutzung im multiprofessionellen Team.

Praktische Umsetzung

Das KeSBa Projekt (Braulke et al., 2023) belegt, dass die onkologische Fachpflege eine tragende Rolle bei Symptom und Belastungsscreenings einnehmen kann. Empfohlen wird eine Einbettung in pflegerische Sprechstunden zur Beratung und Verlaufskontrolle.
Seit 2025 ist das strukturierte Belastungsscreening Pflicht im DKG Zertifizierungssystem. Erfasst werden mindestens vier Dimensionen:
1. psychosoziale Belastung,
2. onkologische Symptome,
3. Mangelernährungsrisiko,
4. sozialrechtliche Belange – optional geriatrische und Fatigue Risiken.
Leitfadenbasierte Instrumente wie DT (Distress Thermometer), HADS, MIDOS/IPOS und NRS sind empfohlen. Die aktualisierte DKG Handlungsempfehlung (2024) sorgt für standardisierte Erhebung und Dokumentation; verantwortlich ist die onkologische Fachpflege. Nutzen der ePROs (electronic Patient Reported Outcomes) Elektronische Symptomfragebögen erhöhen die Therapiesicherheit, verbessern die Adhärenz, optimieren das Nebenwirkungsmanagement und reduzieren nicht geplante Krankenhausaufenthalte. Gleichzeitig stärken sie das Patienten Empowerment und fördern eine aktiv mitgestaltete Therapie.

Fazit

Die Integration von PROs in Supportivstrukturen stellt einen entscheidenden Fortschritt in der Patientenzentrierung dar. Das oBS wird zukünftig zentrale Voraussetzung für qualitätsgesicherte Onkologie Zertifizierung sein und verbessert nachweislich Lebensqualität sowie Versorgungseffizienz.

Patient/-innen Coaching bei gastrointestinalen und Hauttumoren

GI Tumoren: Rolle der Cancer Nurse

DGKP Claudia Pressnig (AKH Wien) betonte den zunehmenden Stellenwert von Pflegeberatung und Patient/-innen Coaching im onkologischen Alltag. Durch ambulante Therapieformen, steigende Patientenzahlen und zunehmende Komplexität muss Pflege heute längerfristig strukturierte Betreuung leisten.

Die Cancer Nurse übernimmt die Funktion einer zentralen Ansprechperson, koordiniert Schnittstellen und bietet kontinuierliche Begleitung. Ihr Einsatz verbessert Symptomkontrolle, Selbstmanagement und Therapietreue, reduziert Angst, Hospitalisationen und Abbrüche und stärkt die interdisziplinäre Kommunikation.

Schwerpunkte der Patient/-innen Edukation:

• Fatigue, Übelkeit, Erbrechen, Haut /Nagel /Haarveränderungen, orale Zytostatika, Ernährung.
• Beratung beeinflusst nicht nur Symptomlast, sondern auch die Gesundheitskompetenz.
Beteiligte Faktoren sind individuell und sozioökonomisch – von Motivation und Familienunterstützung bis zu Therapiekomplexität und Polypharmazie. Essentiell ist, dass Pflege Nebenwirkungen aktiv anspricht und nicht auf Patient/-innen-Fragen wartet.

Hauttumoren und Langzeitbetreuung

Linda Morgan (Universitätsspital Zürich) berichtete über die Versorgung im Dermato Onkologischen Zentrum mit > 10 000 ambulanten Patientenkontakten jährlich. Rund 3 500 neue Melanomfälle treten in der Schweiz pro Jahr auf; etwa 300 Menschen sterben daran.

Neue Therapien BRAF und MEK Inhibitoren, PD 1 /CTLA 4 Checkpoint Inhibitoren und deren Kombinationen haben das Überleben fortgeschrittener Melanome substanziell verbessert. Gleichzeitig erfordert die Immunaktivierung ein Management immunvermittelter Nebenwirkungen («irAEs»), die Organtoxizitäten verursachen können und eine frühe, strukturierte Pflegeintervention verlangen. Das Melanom wird zunehmend als chronische Krebserkrankung verstanden. Zentrale Aspekte des Langzeitmanagements sind:
• Survivorship Programme und psychosoziale Stabilisierung,
• Erwartungs und Entscheidungsbegleitung (Shared Decision Making),
• Koordination zwischen Onkologie, Pflege und Psychoonkologie.
Aufgaben der Pflegeexpertin «Skin Cancer» vor und während der Therapie:
• Begleitung zu Arztgesprächen und Aufklärung zur Therapie,
• Anleitung im Nebenwirkungsmanagement, Erfassung somatischer und psychosozialer Belastung,
• frühe Toxizitätsintervention und Förderung der Therapieadhärenz.

Fazit

Cancer Nurses und Pflegeexpert/innen sind essentielle Brückenbauer zwischen medizinischer Therapie und Patientenrealität. Ihr Beitrag zur Nebenwirkungskontrolle, Kommunikation und Kontinuität verbessert nachweislich Behandlungserfolg und Lebensqualität.

Antibody-Drug-Conjugates (ADCs) in der Gynäkologie

Univ.-Prof. Dr. Dr. Sabine Heublein (Universitätsklinikum Ulm) stellte die wachsende Rolle von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) in der Therapie gynäkologischer Tumoren vor. ADCs vereinen die Zielgenauigkeit monoklonaler Antikörper mit der zytotoxischen Potenz klassischer Chemotherapeutika.

Zugelassene Vertreter sind:
• Trastuzumab Emtansin (T-DM1) und Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) bei HER2-positiven Tumoren
• Sacituzumab Govitecan und Tisotumab Vedotin bei fortgeschrittenen Karzinomen
• Mirvetuximab Soravtansin bei FRα-positivem Ovarialkarzinom
• Datopotamab Deruxtecan in klinischer Prüfung
In der MIRASOL-Studie zeigte Mirvetuximab signifikante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens (PFS) und des Gesamtüberlebens (OS) gegenüber einer Chemotherapie bei gleichzeitiger Reduktion hochgradiger Nebenwirkungen. Die häufigste spezifische Toxizität waren okuläre Epithelschäden.
Die DESTINY-PanTumor02-Studie (Phase II) bestätigte einen anhaltenden Nutzen von T-DXd, mit der besten Wirksamkeit bei HER2-IHC-3+-Tumoren.
Datopotamab Deruxtecan zeigte in TROPION-03 eine robuste Aktivität bei metastasierten Ovarial- und Endometriumkarzinomen.

Fazit

ADCs entwickeln sich damit zu einem neuen Grundpfeiler der zielgerichteten gynäkologischen Onkologie.

Fortgeschrittenes Zervixkarzinom

Dr. Frederik Fuchs (LMU München) gab ein Update zur Therapie des fortgeschrittenen Zervixkarzinoms.

Grundlagen und Risiken

Das Zervixkarzinom ist nach wie vor die vierthäufigste Krebserkrankung der Frau und ist stark mit einer HPV-Infektion assoziiert (> 90 %). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen, Immunsuppression, früher Geschlechtsverkehr und ein niedriger sozialer Status.

Therapieprinzipien

In den Stadien IB–IIA haben Operation und Radiotherapie vergleichbare Heilungsraten. Die Therapieentscheidung erfolgt unter Berücksichtigung von Alter, Menopausenstatus und Tumorgrösse.
Standard beim lokal fortgeschrittenen Stadium ist die Radiochemotherapie (RT plus Cisplatin 40 mg/m² wöchentlich) mit anschliessender HDR-Brachytherapie (≥ 90 Gy).
Die Brachytherapie bleibt essenziell für die lokale Kontrolle. Ein Verzicht zugunsten von IMRT-/SBRT-Boost-Konzepten ist mit einer höheren Mortalität assoziiert.

Neue Evidenz

• EMBRACE II: präzisionsgesteuerte, MR-basierte Brachytherapie und Teletherapie mit 5-Jahres-OS von 82 % und einer lokalen Kontrolle von 94 %
• KEYNOTE-A18: Zusatz von Pembrolizumab zur Radiochemotherapie mit einer Risikoreduktion für Progression und Tod um 43 % bei unverändertem Sicherheitsprofil
• INTERLACE: kurze Induktionschemotherapie vor Standard-RT mit signifikanter Verbesserung von OS und PFS

Fazit

Die Integration von Immuntherapie und Induktionschemotherapie in die etablierte Radiochemotherapie verbessert die Langzeitergebnisse. Die Brachytherapie bleibt unverzichtbar. Ihr Erhalt ist entscheidend für das Erreichen kurativer Behandlungsziele.

Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms

Prof. Isabell Witzel, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und des gynäkologischen Krebszentrums am Universitätsspital Zürich, präsentierte zunächst die Zahlen zur Krebsinzidenz und Mortalität in der Schweiz für das Jahr 2022.

Warum ist dieses Thema wichtig?

Für das Ovarialkarzinom existiert kein effektives Screening, die Erkrankung wird häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert, und die Mortalität ist hoch. Daher kommt der Qualitätssicherung eine besondere Bedeutung zu.

Ein effektives Screening-Programm konnte bislang nicht etabliert werden. In der UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS) wurden 200 000 Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren untersucht. Verglichen wurden ein jährliches Screening mittels CA-125 plus transvaginalem Ultraschall (TVUS), TVUS allein sowie keine Untersuchung. Nach 16 Jahren zeigte sich in allen Gruppen eine Ovarialkarzinomrate von 1 % und eine Mortalität von 0,6 %. Fazit daraus: Ein Screening zur Früherkennung des Ovarialkarzinoms kann derzeit nicht empfohlen werden. Der Schweizer Ansatz umfasst daher kein nationales Screening-Programm in der Allgemeinbevölkerung, sondern fokussiert auf Aufklärung, Familienanamnese sowie genetische Beratung und Testung zur Identifikation von Hochrisikopatientinnen, etwa bei BRCA1/2-Mutationen oder Lynch-Syndrom. Bei gynäkologischen Eingriffen nach abgeschlossener Familienplanung sollte eine opportunistische Salpingektomie erwogen werden, um potenzielle Hochrisiko- oder Vorstufenläsionen in den Eileitern zu entfernen. Dies entspricht einem multimodalen Präventionsansatz.

Management-Prinzipien in der Schweiz

Die Zentralisierung der Versorgung im Bereich der hochspezialisierten Medizin ist das Ergebnis eines mehrjährigen, gesundheitspolitisch geprägten Prozesses. In diesem Rahmen dürfen in der Schweiz ab Januar 2026 nur noch ausgewählte Spitäler Patientinnen mit Ovarialkarzinom behandeln.

Die Behandlung erfolgt in spezialisierten onkologischen Zentren mit multidisziplinären Teams aus Gynäkologen, Onkologen, Pathologen, Radiologen und Genetikern. Hinzu kommen standardisierte Behandlungspfade sowie ein registerbasiertes Monitoring. Das fortgeschrittene Ovarialkarzinom ist als chronische Erkrankung mit multiplen Rezidiven zu verstehen.

Neue Optionen

Pembrolizumab
In der ENGOT-ov65/KEYNOTE-B96-Studie ergaben sich unter Pembrolizumab in Kombination mit wöchentlichem Paclitaxel plus Bevacizumab statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens unabhängig vom PD-L1-Status. Zudem zeigte sich ein Vorteil im Gesamtüberleben bei Patientinnen mit PD-L1 CPS ≥ 1 bei beherrschbarem Sicherheitsprofil.

Mirvetuximab Soravtansin (ADC) beim platinresistenten Rezidiv
Bei Patientinnen mit platinresistentem, FRα-positivem Ovarialkarzinom führte Mirvetuximab Soravtansin gegenüber einer Chemotherapie zu signifikanten Vorteilen hinsichtlich progressionsfreiem Überleben, Gesamtüberleben und objektiver Ansprechrate.

Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) – DESTINY-PanTumor02
Der grösste Nutzen wurde in der IHC-3+-Population beobachtet. Die Daten stützen die potenzielle Rolle von T-DXd als tumoragnostische Therapie bei Patientinnen mit HER2-exprimierenden soliden Tumoren.

Operation im Rezidiv
Wie die DESKTOP-III-Studie zeigte, war bei Frauen mit rezidivierendem Ovarialkarzinom eine zytoreduktive Chirurgie gefolgt von Chemotherapie mit einem längeren Gesamtüberleben assoziiert als eine alleinige Chemotherapie.

Das Follow-up erfolgt in den ersten drei Jahren alle drei Monate, im vierten und fünften Jahr alle sechs Monate und danach jährlich. Es umfasst die gynäkologische Untersuchung sowie die transvaginale Sonographie. Eine Tumormarker-Kontrolle erfolgt nur unter Maintenance-Therapie. Eine CT von Thorax und Abdomen beziehungsweise ein PET-CT wird nur bei klinischem Verdacht auf ein Rezidiv durchgeführt.

Fazit

- Es gibt derzeit kein effektives Screening-Programm.
- Ein multimodaler Ansatz mit genetischer Testung kann Hochrisikopatientinnen identifizieren; opportunistische Salpingektomien im Rahmen gynäkologischer Eingriffe können präventiv relevant sein.
- Die Behandlung sollte zentralisiert erfolgen, auch wenn dieser Prozess nur schrittweise umgesetzt wird.
- Die Therapie umfasst Chirurgie, Chemotherapie und Erhaltungstherapie.
- Eine genetische Testung und HRD-Testung bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom ist wichtig, um Kandidatinnen für eine Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren zu identifizieren.
- Es besteht ein strukturiertes Follow-up-Programm über fünf Jahre.

Hämatologisch onkologische Therapie­innovationen

CAR T Zellen und bispezifische Antikörper bei grosszelligen B Zell Lymphomen (LBCL)

Dr. Martin Fehr (Kantonsspital Münsterlingen) stellte aktuelle Immuntherapien für rezidivierte oder refraktäre diffuse grosszellige B Zell Lymphome (DLBCL) vor – mit Fokus auf CAR T Zell und bispezifische Antikörper Therapien (bsAb).

Grundlagen

• CAR T Zellen: autologe T Lymphozyten, mit chimären Antigenrezeptoren ausgestattet, die Tumorzellen nach CD19 Erkennung eliminieren.
• Bispezifische Antikörper: binden gleichzeitig an CD3 (T Zelle) und CD20 (Tumorzelle) und aktivieren eine gerichtete zytotoxische Immunreaktion.

Toxizitäten und Management

Cytokine Release Syndrom (CRS) und ICANS (Neurotoxizität) sind häufigste Nebenwirkungen:
• CRS: Fieber, Hypotonie, Hypoxie → Therapie mit Tocilizumab (IL 6 Blockade) und Corticosteroiden.
• ICANS: Neurologische Symptomatik (Tremor, Aphasie, Lethargie) → Dexamethason (leicht) bzw. Methylprednisolon (schwer). Beide Syndrome sind reversibel, erfordern aber standardisiertes Grading und interdisziplinäres Notfallmanagement.

Bispezifische Antikörper – aktuelle Daten

Epcoritamab (subkutan) und Glofitamab (i.v.) bilden neue Säulen ab der zweiten Therapielinie.
• Epcoritamab (EPCORE NHL 1): 42 % komplette Remissionen, anhaltende Langzeitwirkung, meist milde CRS/ICANS Episoden.
• Glofitamab: hohe Wirksamkeit, aber über 50 % Grad 3/4 Nebenwirkungen, Behandlungsdauer max. 12 Zyklen.
Bispezifische AK ermöglichen kontinuierliche, teils ambulante Behandlung und sind auch für Patient/-innen nach CAR T geeignet («Bridging» oder Sequenztherapie).

CAR T Zell Therapie – Klinische Effekte

Zugelassene Produkte: Tisagenlecleucel (Tisa cel), Axicabtagen (Axi-cel) und Lisocabtagen (Liso-cel). Evidenz aus Phase II/III Studien: ZUMA 7: Axi-cel → signifikant besseres Gesamtüberleben (OS) in zweiter Linie versus Standard.
• TRANSFORM: Liso cel → höheres PFS und dauerhafte Remissionen.
• Schuster et al., NEJM 2019: Tisa cel → langanhaltendes Ansprechen bei stark vorbehandeltem DLBCL.
Real World Daten zeigen: vergleichbare Wirksamkeit bei breiterer Patientenauswahl; Axi cel mit höherer Rate schwerer Neurotoxizität (Grad ≥ 3).

Vergleich CAR T vs. bispezifische Antikörper

Neue Perspektiven: Sequenz oder Kombination (Car T → bsAb oder umgekehrt) werden aktuell in Studien evaluiert z. B. STARGLO (Glofitamab + GemOx).

Fazit

CAR T Zellen und bispezifische Antikörper haben die Therapie des r/r DLBCL grundlegend verändert.
• CAR T: potenziell kurativ bei frühem Einsatz.
• bsAb: flexibel, ambulant und wirksam als Bridging oder Zweittherapie.
Künftige Strategien setzen auf intelligente Kombinationen und individualisierte Sequenzplanung zur Verlängerung der Remissionen.

Rezidivtherapie beim Multiplen Myelom

Dr. Thomas Lehmann (Kantonsspital St. Gallen) stellte die aktuellen Konzepte zur Behandlung des rezidivierten und refraktären Multiplen Myeloms (MM) vor – anhand eines klinischen Beispiels einer 56 jährigen Patientin mit Standardrisiko Zytogenetik und erstem Spätrezidiv nach autologer Transplantation und Lenalidomid Erhaltung.

Rezidivdefinition und klinische Bewertung

Nach der IMWG Klassifikation unterscheidet man:
• Klinisches Rezidiv: neue Osteolysen, Organdysfunktion oder Hyperkalzämie.
• Biochemisches Rezidiv: Verdoppelung des M Proteins oder ≥ 10 g/l Zunahme in zwei Messungen.
• Therapierefraktär: Progress innerhalb von 60 Tagen nach letzter Behandlung.
Für die Therapieentscheidung relevant sind Alter, Frailty, Komorbiditäten und Zytogenetik sowie Dauer und Qualität vorangegangener Antworten.

Evidenz für Hauptregime und Studien

Rezidive nach Lenalidomid Erhaltung nehmen zu; daher haben CD38 Antikörper (Daratumumab, Isatuximab) und neue Proteasom Inhibitoren oder IMiDs eine zentrale Rolle:

Weitere Optionen sind Selinexor basierte Triplets (BOSTON Studie: PFS 13,9 vs. 9,5 Monate) und Salvage ASCT, deren Vorteil bereits in randomisierten Studien bestätigt, aber nicht signifikant ist.

Neue Wirkprinzipien und bispezifische Antikörper (BiTEs)

Mit Tec Dara (Teclistamab + Daratumumab) zeigen Daten aus MajesTEC 3 signifikante Verbesserungen gegenüber Standard Triplets (DPd / DVd) bei rezidivierten und IMiD refraktären Verläufen. Zunehmend werden auch BCMA und GPRC5D gerichtete Therapien (CAR T, BiTE) in die früheren Linien verschoben, mit dem Ziel dauerhafter MRD Negativität.

Therapiesequenz und Patientenfaktoren

Entscheidend für die Therapiewahl:
1. Erkrankung: Tempo, Organbeteiligung, Cytogenetik.
2. Patient: funktionales Alter (Frailty), Komorbidität, Therapietoleranz.
3. Vorbehandlung: Art und Ansprechen der individuellen Exposition.
4. Zulassung/Verfügbarkeit: CAR T Zellen und BiTE aktuell ab Linie 3.
Strategisches Vorgehen: Sequenzierung entlang biologischer Zielstrukturen (CD38 → IMiD → Proteasom Inhibitor → BCMA) und früher Einsatz immunologischer Therapiebausteine.

Fazit

Das moderne Rezidiv Management des Multiplen Myeloms erfordert eine präzise, molekulargestützte Therapiesequenzierung. CD38 basierte Triplets bleiben Standard; BCMA gerichtete CAR T Zellen und BiTEs eröffnen neue Optionen für Refraktärstadien – mit dem langfristigen Ziel funktioneller Kuration.

Prämaligne Stadien: MGUS und Smoldering Multiple Myeloma (SMM)

Prof. Dr. Felicitas Hitz (Kantonsspital Münsterlingen) beleuchtete die Bedeutung von monoklonalen Gammopathien als prämaligne Erkrankungen und die aktuellen Strategien zur Risikostratifikation und Frühintervention.

MGUS – Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz

MGUS ist eine häufige, asymptomatische Präkanzerose mit einer Inzidenz von 3–5 % bei Personen über 50 Jahren. Sie ist durch ein M Protein < 30 g/l, < 10 % Plasmazellinfiltration und Fehlen von Endorganschäden (CRAB Kriterien) definiert. Das Progressionsrisiko liegt bei etwa 1 % pro Jahr.

Risikostratifikation (Mayo Clinic Modell):

Je ein Punkt für M Protein > 15 g/l, IgA/MGUS Subtyp, und abnorme Leichtketten-Ratio.
• 0 Punkte → nur 5 % Progression nach 20 Jahren.
• 3 Punkte → Progressionsrisiko ≈ 60 %.

Sonderformen

IgM MGUS: 1 % Progression / Jahr → Waldenström Makroglobulinämie oder Amyloidose.
• Non-IgM und Leichtketten MGUS: seltenere Verläufe → Multiples Myelom.
• Epidemiologische Aspekte: Erstgradige Verwandte von Patient/-innen mit Myelom tragen ein > 2,4-fach erhöhtes Risiko; bei Personen afrikanischer Abstammung liegt es über 5-fach höher.

Die isländische iStopMM Studie (> 80 000 Teilnehmende) bestätigte eine MGUS Prävalenz von 0,5 % ab 40 Jahren und prüft Nutzen eines populationsbasierten Screenings – Langzeitresultate stehen noch aus.

SMM – Smoldering Multiple Myeloma

SMM gilt als Übergang zwischen MGUS und aktivem Myelom mit höherer Tumorlast, aber ohne klinische Symptomatik.
Progressionsrisiko: ca. 50 % innerhalb von 5 Jahren bei Hochrisiko Profil.

Risikomodelle:

• PETHEMA (2007): ≥ 95 % aberrante Plasmazellen + Immundefizienz = High-Risk.
• Mayo 2018: ≥ 2 der Faktoren (M Protein > 2 g/dl, Plasmazellen > 20 %, FLC Ratio > 20).
• IMWG 2020: kombinierter Score > 12 definiert Hochrisiko.

Frühe Intervention und Behandlungsstrategien

Traditionell war Beobachtung («watch and wait») Standard. Neue Daten stützen bei hohem Risiko eine aktive Therapie:
• Lenalidomid ± Dexamethason: verzögert die Progression signifikant (QuiRedex, ECOG E3A06).
• Daratumumab (AQUILA Phase 3): reduziert Progressions- und Sterberisiko im Vergleich zur Beobachtung.
• GEM CESAR (Phase 2): intensives «kurativeres» Schema (KRd → ASCT → Konsolidierung + Erhaltung) erreichte dauerhafte MRD Negativität bei > 20 % der Patient/-innen über vier Jahre.

Empfehlungen 2025

• Kein Routinescreening in der Allgemeinbevölkerung; Screening bei familiärem oder ethnisch definiertem Risiko empfohlen.
• Diagnostische Abgrenzung zwischen MGUS, SMM und aktivem Myelom muss klar bleiben – Biomarker basierte Stratifizierung ist entscheidend.
• Risikoadaptiertes Monitoring nach MGUS/SMM Kategorie
(Verlaufsintervall, FLC, M Protein, Bildgebung).
• Bei High-Risk SMM: frühe Behandlung mit Lenalidomid oder Daratumumab-basierten Schemata im kontrollierten Rahmen.
• Langfristiges Ziel: frühe MRD Negativität und potenzielle Kuration im präklinischen Stadium.

Gesamtfazit der Fortbildung

Die 36. St. Galler Fortbildung 2024 zeigte deutlich:
• Immun und zielgerichtete Therapien haben in allen grossen Tumorentitäten klinische Standards nachhaltig verändert.
• Präzisionsmedizin und biologische Integration ersetzten rein sequenzielle Behandlungslogik.
• Pflege, Supportivmedizin und Patient/-innen Einbindung sind integraler Bestandteil moderner Onkologie.
• In der Hämatologie wird der Übergang von chronischer Kontrolle zur potenziellen Kuration greifbar.
Die Veranstaltung unterstrich die Verantwortung aller Behandlungsdisziplinen, Evidenz und Praxisnahe Individualisierung zu verbinden, um Patient/-innen eine sichere, hochqualitative und zugängliche Onkologie zu ermöglichen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Neue perioperative und kombinierte Therapieansätze bei urologischen Tumoren

Am ASCO Genitourinary Cancers Symposium, das vom 26. bis 28. Februar 2026 in San Francisco stattfand, wurden erneut praxisrelevante Daten zu urologischen Tumoren präsentiert. Im Fokus standen unter anderem neue kombinierte und perioperative Therapiestrategien beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom und beim muskelinvasiven Blasenkarzinom. Die finalen Überlebensdaten der EORTC1333/PEACE-3-Studie untermauern den Stellenwert der Kombination aus Enzalutamid und Radium-223 bei Patienten mit knochendominantem mCRPC. Beim muskelinvasiven Blasenkarzinom zeigen die Resultate der KEYNOTE-B15/EV-304-Studie, dass Enfortumab Vedotin plus Pembrolizumab auch im perioperativen Setting eine wirksame Behandlungsoption darstellen könnte. Beide Studien liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung individualisierter Therapiekonzepte in der uroonkologischen Praxis.

Radium-223 ergänzt Enzalutamid mit signifikantem Überlebensgewinn beim mCRPC

Vorbemerkungen
In der Studie EORTC1333.PEACE-3 verlängerte laut den Studienautoren die Kombination aus Enzalutamid und Radium-223 (ENZ/RAD) das rPFS und das OS (Zwischenanalyse) bei Patienten mit mCRPC mit Knochenmetastasen, wobei die Sicherheit ähnlich wie bei jeder Einzelbehandlung war, im Vergleich zu Enzalutamid allein (ENZ). Hier berichten die Autoren über die endgültige OS-Analyse und aktualisierte Sicherheitsdaten.

Studiendesign
• EORTC1333/PEACE-3 ist eine randomisierte, offene, multizentrische Phase-II-Studie zur Bewertung der Zugabe von Radium-223 (ENZ/RAD) zu Enzalutamid (ENZ) bei metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) mit Knochenmetastasen.
• In PEACE-3 wurden insgesamt 446 asymptomatische oder leicht symptomatische Patienten (Brief Pain Inventory < 4) mit mCRPC und ≥ 2 Knochenmetastasen im Verhältnis 1 : 1 randomisiert und erhielten entweder täglich 160 mg Enza allein oder in Kombination mit sechs intravenösen Injektionen von Ra-223 (55 kBq/kg alle 4 Wochen).
• Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Clinical Trial Ireland (CTI), der Canadian Urological Oncology Group (CUOG), der Latin American Cooperative Oncology Group (LACOG) und der Französischen Gruppe GETUG/UNICANCER.
• Der primäre Endpunkt war das radiologische progressionsfreie Überleben (rPFS); das Gesamtüberleben (OS) und die Sicherheit waren wichtige sekundäre Endpunkte.

Behandlungsergebnisse
• Bei der endgültigen Sperrung der Datenbank (19. September 2025) wurden 318 Todesfälle verzeichnet (152/222 Enza+Ra-223; 166/224 Enza), was 106.4 % der 299 erwarteten Ereignisse entspricht.
• Die mediane OS betrug 38.2 Monate für Enza+Ra-223 und 32.6 Monate für Enza allein, was einem Hazard Ratio (HR) von 0.75 (95 % CI 0.60–0.95; einseitiger stratifizierter Logrank-Wert = 0.0078, mit einem voreingestellten Signifikanzniveau bei der endgültigen Analyse von < 0.0248) entspricht.
• Basierend auf dem Permutationstest ist der statistische Test zur OS signifikant (was zu einem einseitigen p-Wert von 0.0088 < 0.0248 führt).
• Der OS-Vorteil war in den meisten vordefinierten Untergruppen konsistent, mit Ausnahme des Alters ≥ 75, für das die Interaktion auf einem 10 %-Zweiseiten-Niveau signifikant war.
• Die zuvor veröffentlichte Primäranalyse (Ann Oncol 2025) zeigte eine signifikante Verbesserung des PFS (19.4 vs. 16.4 Monate; HR 0.69; 95 % Cl 0.54–0.87; p = 0.0009).
• Die endgültige Analyse bestätigt diese Ergebnisse und bestätigt eine verlängerte OS und keine neuen Sicherheitssignale.

Fazit
Die endgültigen Ergebnisse der EORTC1333/PEACE-3 bestätigen laut den Studienautoren, dass die Zugabe von sechs Zyklen Radium-223 zu Enzalutamid das Gesamtüberleben bei Männern mit knochendominantem mCRPC signifikant verlängert, was das synergistische Potenzial dieser Kombination untermauert.

Abstract 15. Final overall survival results from the EORTC 1333/PEACE-3 trial: Enzalutamide with or without radium-223 in metastatic castration-resistant prostate cancer. Enrique Gallardo, Bertrand F. Tombal, Ananya Choudhury, et al.

Ergebnisse sprechen für EV + Pembro als wirksame perioperative Behandlungsoption

Vorbemerkungen
Enfortumab Vedotin (EV) + Pembrolizumab (Pembro) ist laut den Studienautoren die etablierte Erstlinien-Standardtherapie für lokal fortgeschrittenes/metastasiertes Urothelkarzinom und stellt eine neuartige neoadjuvante und adjuvante Behandlungsstrategie für Patienten mit muskelinvasivem Blasenkrebs (MIBC) dar, die für eine Chemotherapie auf Cisplatin-Basis nicht in Frage kommen.

Die randomisierte Phase-3-Studie KEYNOTE-B15/EV-304 (NCT04700124) vergleicht neoadjuvantes und adjuvantes EV + Pembro gefolgt von radikaler Zystektomie plus pelvischer Lymphknotendissektion (RC + PLND) mit neoadjuvanter Chemotherapie gefolgt von RC + PLND bei Teilnehmern mit MIBC, die für eine Cisplatin-basierte Therapie in Frage kommen.

Studiendesign
• Pts mit klinischem Stadium T2-T4aNOM0 oder T1-T4aN1MO MIBC (bestätigt durch zentrale Pathologie und zentrale Bildgebungsauswertung), die für eine Cisplatin-basierte Chemotherapie und RC + PLND in Frage kamen, wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert,
• um entweder 4 Zyklen neoadjuvantes EV 1.25 mg/kg IV an den Tagen 1 und 8 + Pembro 200 mg IV am Tag 1 Q3W, gefolgt von RC + PLND und adjuvanten 5 Zyklen EV + 13 Zyklen Pembro (EV + Pembro-Arm)
• oder 4 Zyklen neoadjuvantes Gemcitabin 1000 mg/m² an den Tagen 1 und 8 + Cisplatin 70 mg/m² am Tag 1 alle 3 Wochen, gefolgt von RC + PLND (Cis + Gem-Arm).
• Der primäre Endpunkt war das ereignisfreie Überleben (EFS) gemäss einer verblindeten unabhängigen zentralen Überprüfung.
• Wichtige sekundäre Endpunkte waren die pathologische Komplettremissionsrate (pCR) gemäss einer verblindeten zentralen pathologischen Überprüfung und das Gesamtüberleben (OS).
• Die Sicherheit war ein sekundärer Endpunkt; AEs von besonderem Interesse basierten auf eindeutigen vorab festgelegten Listen für jedes Medikament.

Behandlungsergebnisse
• Insgesamt wurden 405 und 403 Patienten randomisiert und erhielten EV + Pembro bzw. Cis + Gem.
• Die mediane Zeit von der Randomisierung bis zum Datenstichtag am 27. Oktober 2025 betrug 33.6 Monate (Bereich 22.5–53.6).
• Die Ausgangsmerkmale waren zwischen den Gruppen im Allgemeinen ausgeglichen.
• Im Vergleich zu Cis + Gem verbesserte die EFS signifikant (median NR vs. 48.5 Monate; geschätzte 24-Monats-EFS-Rate 79.4 % vs. 66.2 %; HR 0.53, 95 % KI 0.41–0.70; einseitiges P < 0.0001)
• sowie die OS (Median NR vs. NR; geschätzte 24-Monats-OS-Rate 86.9 % vs. 81.3 %; HR 0.48–0.89; einseitiges P = 0.0029)
• sowie pCR-Rate (55.8 % vs. 32.5 %; geschätzter Unterschied 23.4 %, 95 % KI 16.7–29.8; einseitiges P < 0.0001).

Verträglichkeit
• Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse (AE) des Grades ≥3 traten bei 75.7 % der Patienten mit EV + Pembro und bei 67.2 % der Patienten mit Cis + Gem auf.
• Die häufigsten medikamentenbedingten AE des Grades ≥3 von besonderem Interesse für EV waren Hautreaktionen (14.1 %);
• die häufigsten AE des Grades ≥3 von besonderem Interesse für Pembro waren schwere Hautreaktionen (13.9 %).

Fazit
Neoadjuvantes und adjuvantes EV + Pembro verbesserte laut den Studienautoren die EFS, OS und pCR-Rate im Vergleich zu neoadjuvantem Gem + Cis bei Patienten mit MIBC, die für eine Cisplatin-basierte Chemotherapie in Frage kamen, signifikant. Das Sicherheitsprofil von EV + Pembro stimmte mit früheren Erfahrungen mit dieser Kombination überein. Diese Ergebnisse sprechen für EV + Pembro als wirksame perioperative Behandlungsoption in diesem Setting. Insgesamt wurden 405 bzw. 403 Patienten den Gruppen „EV + Pembro“ und „Cis + Gem“ zugewiesen. Die mediane Zeit von der Randomisierung bis zum Stichtag am 27. Oktober 2025 betrug 33.6 Monate (Bereich: 22.5–53.6). Die Ausgangsmerkmale waren zwischen den Gruppen im Grossen und Ganzen vergleichbar. EV + Pembrolizumab verbesserte im Vergleich zu Cis + Gem. Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse (UE) des Grades ≥3 traten bei 75.7 % der Patienten mit EV + Pembro und bei 67.2 % mit Cis + Gem auf; ein häufiges UE des Grades ≥3 von besonderem Interesse für EV waren Hautreaktionen (14.1 %); das häufigste UE des Grades ≥3 von besonderem Interesse für Pembro waren schwere Hautreaktionen (13.9 %).

Abstract LBA630. Neoadjuvant and adjuvant enfortumab vedotin (EV) plus pembrolizumab (pembro) for participants with muscle-invasive bladder cancer (MIBC) who are eligible for cisplatin: Randomized, open-label, phase 3 KEYNOTE-B15 study. Matthew D. Galsky, Begoña P. Valderrama, Marco Maruzzo, et al.

Dr. med. Thomas Ferber

Kardiologie Reviewkurs Zürich 2026 – Teil 1

Der traditionelle Zürcher Kardiologie-Reviewkurs fand dieses Jahr zum 26. Mal statt. Das von Prof. Christine Attenhofer, Prof. Franz Wolfgang Amann, Prof. Christian Schmied, Dr. Helene Hammer, PD Dr. med. S. Caselli und Dr. med. M. Giacchi (Herzgefässmedizin Hirslanden, Klinik im Park) zusammengestellte Programm stiess auf grosse Aufmerksamkeit, was die Rekordbeteiligung verdeutlicht. Namhafte Referenten aus dem Inland sowie von der Mayo Clinic in Rochester diskutierten interessante Themen aus der aktuellen kardiologischen Praxis. Dieser Bericht fasst einige der zahlreichen Referate zusammen.

Lipide – News

Patient mit erhöhtem Lipoprotein(a) und erhöhtem LDL-Cholesterin: Was mache ich im Alltag?

«Lipoprotein(a): kleines Molekül, grosses Problem» – mit dieser Aussage führte Dr. med. Kostantinos Koskinas von der Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital Bern in das Thema ein. Lipoprotein(a), kurz Lp(a), besteht aus zwei Komponenten: einem LDL-ähnlichen Partikel mit atherogener Wirkung und einem plasminogenähnlichen Molekül mit prothrombotischen Eigenschaften. Dieses Molekül enthält mehrere sogenannte Kringle-IV-Anteile, deren Anzahl die Grösse des Proteins bestimmt. Etwa 80 % der Allgemeinbevölkerung weisen Lp(a)-Werte unter 50 mg/dl auf, während rund 20 % erhöhte Werte haben. Dies gilt für Männer und Frauen gleichermassen. Werte über 50 mg/dl sind mit einem erhöhten lebenslangen Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert.

Fallvignette

Vorgestellt wurde ein 49-jähriger asymptomatischer Mann ohne bekannte Herzerkrankung. Als Risikofaktoren bestanden ein Nikotinkonsum von 25 Pack Years sowie eine positive Familienanamnese: Der Vater hatte im Alter von 49 Jahren einen Myokardinfarkt erlitten.

Das Lipidprofil zeigte ein Gesamtcholesterin von 5,6 mmol/l, ein LDL-Cholesterin von 3,9 mmol/l, ein HDL-Cholesterin von 0,9 mmol/l und Triglyzeride von 1,8 mmol/l. Das gesamte kardiovaskuläre Risiko nach SCORE2 betrug 6,4 %. Gemäss SCORE2-Empfehlungen sollte der LDL-C-Wert bei diesem Risikoprofil unter 2,6 mmol/l liegen.

Nach aktuellen Empfehlungen sollten Lp(a)-Werte über 50 mg/dl als Risikofaktor betrachtet werden, der das kardiovaskuläre Risiko zusätzlich verstärkt. Höhere Werte sind mit einem stärkeren Risikoanstieg verbunden. Lp(a) wirkt somit als Risiko-Enhancer: Beim vorgestellten Patienten führt der erhöhte Lp(a)-Wert zu einer Reklassifizierung vom moderaten in ein hohes kardiovaskuläres Risiko. Daraus ergibt sich eine Änderung der Behandlungsstrategie – weg von reinen Lebensstilmassnahmen hin zu einer medikamentösen LDL-C-senkenden Therapie mit einem Zielwert von unter 1,8 mmol/l.

Konsequenzen eines hohen Lp(a)-Wertes in der ­Primärprävention

• Potenzial für Reklassifizierung
• Indikation für frühere LDL-C-senkende Therapie
• Indikation für intensivere LDL-C senkende Therapie
• Indikation für intensiveres Management anderer ­kardiovaskulärer Risikofaktoren

Gibt es neue Lp(a)-Daten?

Erhöhte Lp(a)-Werte sind häufig: Etwa 20 % der Patienten weisen ein erhöhtes Lp(a) auf, rund 10 % ein stark erhöhtes Lp(a).
Lp(a) kann als Risikomultiplikator verstanden werden. Werte über 50 mg/dl erhöhen das Risiko etwa um den Faktor 1,25, Werte über 75 mg/dl um den Faktor 1,5, Werte über 125 mg/dl um den Faktor 2 und Werte über 175 mg/dl um den Faktor 3. Werte über 75 mg/dl werden damit zunehmend therapierelevant. Bei niedrigem Ausgangsrisiko fällt dieser Multiplikationseffekt weniger stark ins Gewicht; bei hohem kardiovaskulärem Risiko kann bereits eine Risikoerhöhung um den Faktor 1,5 klinisch relevant sein.
Lp(a) kann durch LDL-Apherese gesenkt werden. In einer Metaanalyse wurde nach Beginn der Apherese eine Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 80 % sowie eine Stabilisierung der KHK-Progression beschrieben. Randomisierte Studien liegen hierzu allerdings nicht vor.

Therapieoptionen zur Senkung von Lp(a)

Zu den unspezifischen Lp(a)-senkenden Therapien zählen PCSK9-Inhibitoren, die Lp(a) um etwa 15–30 % senken können. Obicetrapib, ein Cholesterinester-Transferprotein-Inhibitor, senkt Lp(a) um etwa 57 %.

Darüber hinaus befinden sich gezielt gegen Lp(a) gerichtete Therapien in klinischer Entwicklung. Dazu gehören Pelacarsen, ein Antisense-Oligonukleotid von Novartis, mit einer Lp(a)-Senkung von etwa 80 %, sowie mehrere siRNA-basierte Ansätze wie Olpasiran, Zerlasiran und Lepodisiran, die Reduktionen von etwa 94–95 % erreichen können. Muvalaplin ist der erste oral aktive Lp(a)-Senker und kann Lp(a) um bis zu etwa 65 % reduzieren.

Als zukünftiger Therapieansatz wird auch die CRISPR-basierte Geneditierung diskutiert, mit dem Ziel eines Knock-outs des LPA-Gens, das für Apolipoprotein(a) kodiert.

Optimales Lipid Management – meine Empfehlung


Prof. Dr. med. Isabella Sudano, leitende Ärztin der Klinik für Kardiologie am USZ, widmete sich der primären Prävention von Dyslipidämie – von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter. Die Leitlinien empfehlen ein gesundes Ernährungsmuster, die Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts, gesunden Schlaf und Stressbewältigung. Das Vermeiden von Tabakprodukten sollte ein Leben lang gefördert und verstärkt werden, um das Risiko für Dyslipidämie und ASCVD zu verringern (Empfehlung I/A). Das kardiovaskuläre Risiko sollte richtig eingeschätzt werden. Die LDL-Zielwerte sind dem globalen Risiko gemäss zu senken, wobei eine entsprechende Therapieempfehlung auszusprechen ist.

Sie präsentierte die Risikomodifikatoren, die neben den SCORE2- und SCORE2-OP-Algorithmen beachtet werden müssen, wie beispielsweise subklinische Koronaratherosklerose, die durch Imaging diagnostiziert wurde, oder ein erhöhter CAC-Score im CT. (Empfehlung IIa/B).

Die Referentin betonte jedoch, dass nicht die Zahlen allein, sondern die persönliche Untersuchung des Patienten entscheidend sei. «Ich muss dem Patienten in die Augen schauen», sagte sie.

Notfallmanagement

Wie diagnostiziert man einen Herzinfarkt?

Ein akuter Herzinfarkt ist lebensbedrohlich und gehört zu den häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Wenn er frühzeitig erkannt wird, ist er sehr gut behandelbar», stellte Prof. Dr. med. Christian Müller vom Cardiovascular Research Institute der Universität Basel eingangs fest.
Akute Thoraxschmerzen können harmlos sein, aber auch Ausdruck einer lebensbedrohlichen Erkrankung – etwa eines Myokardinfarkts, eines akuten Aortensyndroms oder einer Lungenembolie. In diesem Fall ist eine unmittelbare Einweisung auf die Intensivstation und eine Herzkatheteruntersuchung notwendig.

Akuter Thoraxschmerz

Niedriges Risiko
Ein niedriges Risiko liegt vor bei unauffälligem klinischem Setting, stabilen Vitalzeichen, normalem EKG oder allenfalls milder ST-Senkung sowie negativem Troponin ohne relevanten Anstieg innerhalb von 1, 2 oder 3 Stunden. In diesem Fall lautet die Triage-Entscheidung: Myokardinfarkt ausgeschlossen, also «Rule-out». Die Diagnose ist meist nicht-kardial.

Mittleres Risiko
Ein mittleres Risiko besteht bei entsprechender Symptomatik und stabilen Vitalzeichen, normalem EKG oder milder ST-Senkung, jedoch unklaren Troponinwerten beziehungsweise unklarem Troponinanstieg innerhalb von 1, 2 oder 3 Stunden. Auch eine ST-Depression kann in diese Risikokategorie fallen. Diese Patienten sollten beobachtet und weiter abgeklärt werden. Mögliche Diagnosen sind instabile Angina pectoris oder andere Herzerkrankungen.

Hohes Risiko
Ein hohes Risiko liegt vor bei ST-Hebung, positivem Troponin oder eindeutigem Troponinanstieg innerhalb von 1, 2 oder 3 Stunden. Hier lautet die Triage-Entscheidung «Rule-in».
Mögliche Diagnosen sind NSTEMI oder STEMI.

1. Stolperfalle
Bei akutem Thoraxschmerz gilt: Tel. 144 wählen, nicht primär die Hausärztin oder den Hausarzt anrufen und nicht zu Hause abwarten. «Time is muscle.»

Als Beispiel wurde ein 45-jähriger Mann vorgestellt, der sich vormittags als Walk-in-Patient mit seit 30 Minuten bestehenden thorakalen Schmerzen vorstellte. Die Schmerzen wurden als drückend beschrieben, mit einer Intensität von 6/10. Es bestanden keine Ausstrahlung und kein Schwitzen; ähnliche Beschwerden waren zuvor nie aufgetreten. Nach zwei Stunden in der Praxis war der Patient beschwerdefrei. Die Beschwerden wurden als unklare Thoraxschmerzen interpretiert, differenzialdiagnostisch wurde an eine hypertensive Entgleisung gedacht. Es wurde eine Therapie mit Amlodipin 5 mg begonnen und eine Überweisung an den Kardiologen veranlasst.

Vier Tage später kam es erneut zu akutem Thoraxschmerz, nun mit einer Intensität von 10/10 und Ausstrahlung in den linken Arm. Diagnostiziert wurde ein STEMI mit thrombotischem 100%-Verschluss der rechten Koronararterie.

Retrospektiv zeigte sich ein dynamischer Troponinanstieg: hs-cTnT lag bei 0 Stunden bei 11 ng/l, nach 1 Stunde bei 22 ng/l, nach 2 Stunden bei 31 ng/l und nach 3 Stunden bei 33 ng/l.

2. Stolperfalle
Es gibt zu wenige sensitive cTn-POC-Assays. 80 % aller POC-Geräte in der Schweiz sind zu wenig sensitiv und verpassen ca. 25 % aller NSTEMI.

Als Beispiel wurde ein 61-jähriger Mann mit thorakalem Druckgefühl über eine Stunde vorgestellt. Die Schmerzintensität betrug 5/10, mit Ausstrahlung in den linken Arm. In der Anamnese bestanden paroxysmales Vorhofflimmern, eine Pulmonalvenenisolation vor vier Jahren und eine leichte Mitralinsuffizienz. Als Risikofaktoren lagen Nikotinkonsum und erhöhtes Cholesterin vor; der Patient nahm keine Medikamente ein.

Das hs-cTnT lag initial bei 4 ng/l bei einem Normwert von ≤14 ng/l. Der Patient wurde nach Hause entlassen und ambulant weiter kontrolliert. Das anschliessende Stressechokardiogramm war unauffällig. Der Fall unterstreicht, dass ein einzelner negativer Troponinwert nicht genügt, wenn Anamnese und klinische Präsentation weiterhin verdächtig sind.

Zusammenfassung:
Bei akutem Thoraxschmerz entscheidet die Kombination aus klinischem Setting, Symptomen, Vitalzeichen, EKG und serieller Troponinmessung über die weitere Triage. Bei niedrigem Risiko, stabilen Vitalzeichen, normalem EKG oder lediglich ­milder ST-Senkung sowie negativem Troponin ohne relevanten Anstieg innerhalb von 1 bis 3 Stunden kann ein Myokardinfarkt in der Regel ausgeschlossen werden. Die Ursache ist dann häufig nicht-kardial.

Bei mittlerem Risiko, unklaren Troponinwerten oder unklarer Dynamik sowie möglichen EKG-Veränderungen ist eine Beobachtung und weitere Abklärung erforderlich. Differenzialdiagnostisch kommen eine instabile Angina pectoris oder andere Herzerkrankungen infrage.

Bei hohem Risiko, ST-Hebung, positivem Troponin oder eindeutigem Troponinanstieg muss von einem akuten Koronarsyndrom ausgegangen werden. Die Triage lautet «Rule-in», mit den möglichen Diagnosen NSTEMI oder STEMI.

Diagnose der kardialen Amyloidose


Prof. Dr. Dr. med. Christoph Gräni, Leitender Arzt an der Universitätsklinik für Kardiologie des Inselspitals Bern, gab einen Überblick über die kardiale Amyloidose. Im Zentrum standen die Bildgebung zur Diagnose der ATTR-Amyloidose, typische klinische Szenarien sowie der mögliche Einsatz von Imaging und künstlicher Intelligenz zur Risikostratifikation.

Amyloidose ist eine Proteinfehlfaltungserkrankung, bei der normalerweise lösliche Proteine ausfallen, sich ablagern und dadurch die Organfunktion beeinträchtigen. Unter dem Begriff kardiale Amyloidose werden Amyloidoseformen zusammengefasst, bei denen sich fehlgefaltete Proteine, sogenannte Amyloidfibrillen, im Myokard ablagern.

Die häufigsten Amyloidoseformen mit kardialer Beteiligung sind die AL-Amyloidose, also die Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose, und die ATTR-Amyloidose, die durch Transthyretin bedingt ist. Nur ein kleiner Anteil entfällt auf die kardiale AL-Amyloidose; die Mehrzahl der Fälle betrifft die ATTR-Amyloidose, die sich häufig als isolierte senile kardiale Amyloidose präsentiert.

Klinische Präsentation

Klinische Zeichen einer kardialen Amyloidose sind Herzinsuffizienz, Arrhythmien, Leitungsstörungen, Synkopen, Hypotonie und Brustschmerzen.

Die Zahl der Diagnosen hat seit 2008 deutlich zugenommen. Am Inselspital wurden in den Jahren 2019 bis 2026 etwa 450 Fälle von ATTR-Amyloidose behandelt. Diese Zunahme dürfte wesentlich auf ein gesteigertes Bewusstsein für die Erkrankung zurückzuführen sein.

Wichtige Gründe für die häufigere Diagnose sind das Erkennen klinischer Warnsignale, der gezielte Einsatz von EKG und transthorakaler Echokardiographie sowie die Berücksichtigung von Risikopopulationen wie Patienten mit HFpEF oder Aortenstenose. Zudem ist die Diagnostik heute in vielen Fällen nicht-invasiv möglich, insbesondere mittels Knochenszintigraphie und kardialer Magnetresonanztomographie.

Klinische Warnzeichen

Zu den klinischen Hinweisen zählen Dyspnoe, Fatigue und Herzinsuffizienzsymptome. Extrakardiale Hinweise können ein beidseitiges Karpaltunnelsyndrom, lumbale Spinalkanalstenose, Hüft- oder Kniearthrose, periphere Neuropathie, autonome Dysfunktion und orthostatische Hypotonie sein. Auch gastrointestinale Beschwerden wie ein Wechsel zwischen Diarrhoe und Obstipation können auftreten.

Im EKG können eine niedrige QRS-Spannung, eine Diskrepanz zwischen QRS-Spannung und Wanddicke sowie ein Pseudoinfarktmuster auffallen. Echokardiographisch können eine neu aufgetretene linksventrikuläre Hypertrophie, apical sparing, eine eingeschränkte longitudinale Deformation, eine erhöhte Wanddicke des rechten Vorhofs und rechten Ventrikels sowie eine paradoxe Low-flow-low-gradient-Aortenstenose Hinweise liefern.

ATTR-Imaging

Interstitielle Amyloidablagerungen führen zu einer Verdickung des Myokards und zu einer Zunahme des extrazellulären Volumens. Anhand dieser Merkmale oder anhand von EKG-Befunden lässt sich eine Amyloidinfiltration jedoch nicht immer eindeutig von einer echten Myokardhypertrophie unterscheiden. Hier kommt der gezielten Amyloidbildgebung mit Radiotracern eine zentrale Bedeutung zu.

Knochenszintigraphie

Die Differenzialdiagnose zwischen TTR-bezogener und AL-Amyloidose kann komplex und zeitaufwendig sein. Die Ätiologie, das betroffene Organ und der verwendete Tracer beeinflussen die Variabilität der szintigraphischen Befunde bei kardialer Amyloidose. Die 99mTc-DPD-Szintigraphie ist ein wichtiger diagnostischer Schritt bei der Abklärung der Differenzialdiagnose zwischen ATTR- und AL-Amyloidose bei Patienten mit dokumentierter kardialer Beteiligung.

Kardiale Magnetresonanztomographie

Die nicht-invasive kardiale Magnetresonanztomographie (CMR) weist bei kardialer Amyloidose eine hohe diagnostische Genauigkeit auf. In Kombination mit Untersuchungen auf monoklonale Proteine kann die CMR helfen, ATTR- und AL-Amyloidose mit hoher Genauigkeit zu unterscheiden. Die endomyokardiale Biopsie bleibt jedoch ein invasiver Goldstandard und ermöglicht es, die kardiale Amyloidose von anderen Kardiomyopathien abzugrenzen, die ebenfalls mit linksventrikulärer Hypertrophie einhergehen können.

ESC-Leitlinien zum Management von Kardiomyopathien

Die ESC-Leitlinien zum Management von Kardiomyopathien betonen die Bedeutung einer multimodalen Bildgebung. Zur Charakterisierung des kardialen Phänotyps, einschliesslich der Gewebecharakterisierung zur Erkennung nicht-ischämischer Myokardnarben, sind Bildgebung, persönliche und familiäre Anamnese, klinische Untersuchung, Elektrokardiographie und Laboruntersuchungen gemeinsam zu interpretieren.

Bildgebungsergebnisse sollten stets im gesamten klinischen Kontext bewertet werden, einschliesslich genetischer Befunde. Bei bestimmten Mustern, etwa posterolateralem Late Gadolinium Enhancement und konzentrischer linksventrikulärer Hypertrophie, muss differenzialdiagnostisch auch an andere Speichererkrankungen wie Morbus Anderson-Fabry gedacht werden.

T1/T2-Mapping

T1- und T2-Mapping sowie die Bestimmung des extrazellulären Volumenanteils sind quantitative Verfahren der kardiovaskulären Magnetresonanztomographie. Sie dienen der pixelgenauen, nicht-invasiven Gewebecharakterisierung des Myokards. Mithilfe dieser Methoden können diffuse Fibrose, Ödem und Amyloidinfiltration durch Messung von Relaxationszeiten und extrazellulärer Raumausdehnung erkannt werden. Damit unterstützen sie Diagnose, Prognoseabschätzung und Therapiekontrolle bei verschiedenen Kardiomyopathien und Myokarditiden.

Ein diffuses subendokardiales Late Gadolinium Enhancement im Kardio-MRT zeigt eine flächige Kontrastmittelanreicherung unterhalb der inneren Myokardschicht. Dies spricht häufig für nicht-ischämische Ursachen wie kardiale Amyloidose, bestimmte entzündliche Erkrankungen oder ausgedehnte Fibrose, da ischämische Infarkte typischerweise koronare Versorgungsgebiete betreffen.

Die Gewebecharakterisierung mittels CMR ist für Diagnose, Verlaufsbeurteilung und Risikostratifikation bei den wichtigsten Kardiomyopathie-Phänotypen von grossem Wert. Die DPD-, PYP- oder HMDP-Knochenszintigraphie beziehungsweise SPECT gilt als zentraler diagnostischer Standard für ATTR-assoziierte kardiale Erkrankungen.

Take Home Messages

• ATTR-Amyloidose wird weiterhin unterdiagnostiziert. Daher ist es entscheidend, auf klinische Warnsignale zu achten.
• Die Echokardiographie ist häufig die erste bildgebende Untersuchung. Bei linksventrikulärer Hypertrophie und hohem klinischem Verdacht sollten CMR und/oder Knochenszintigraphie folgen.
• Ein Perugini-Grad 2–3 bei fehlendem Nachweis eines monoklonalen Proteins spricht für die Diagnose einer ATTR-Kardiomyopathie.
• Doppelte Pathologien sind möglich, insbesondere ATTR-Amyloidose in Kombination mit Aortenstenose oder HFpEF.
• Seltene Subtypen und Überlappungen müssen berücksichtigt werden. In ausgewählten Fällen bleiben Biopsie und multimodale Bildgebung erforderlich.
• Künftig könnten Bildgebung und multimodale KI-gestützte Risikostratifikation eine noch grössere Rolle spielen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

25. Zürcher Herzkurs – Cardiology Today, Teil 2

Der traditionelle Zürcher Herzkurs fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt. Das von Prof. Franz Wolfgang Amann und Prof. Christian Schmied (HerzGefässMedizin Hirslanden, Klinik im Park) zusammengestellte Programm stiess auf grosses Interesse, was sich in einer Rekordbeteiligung widerspiegelte. Aus dem breit gefächerten Programm werden in diesem zweiten Teil drei Referate vorgestellt.

LDL-Cholesterin oder Lipoprotein(a) – worauf kommt es in der Praxis an?

Prof. Stephen Gloekler vom Diagnostischen und Therapeutischen Herz­zentrum Zürich gab zunächst einen Überblick über die Lipoproteine, deren Metabolismus und Grössenverhältnisse. Anschliessend erläuterte er die Grundlagen der Atherosklerose als chronisch inflammatorischen Prozess, der wesentlich durch Lipide angetrieben wird. Anhand intrakoronarer Bildgebung verdeutlichte er die zentrale Rolle von LDL-Cholesterin als kausalen Faktor der Atherosklerose.

Risikostratifizierung in der klinischen Praxis

Für die kardiovaskuläre Risikostratifizierung stehen im klinischen Alltag verschiedene validierte Instrumente zur Verfügung. Bei mutmasslich gesunden Personen im Alter von 20 bis 69 Jahren kann der AGLA-Score eingesetzt werden, während für ältere Personen SCORE2 beziehungsweise SCORE2-OP zur Anwendung kommen. Für Patienten mit Diabetes ohne manifeste atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung und ohne Endorganschäden steht ein spezifischer SCORE2-Diabetes-Rechner zur Verfügung. Diese Instrumente sind allerdings nicht geeignet für Patienten mit bereits manifester koronarer Herzkrankheit, Diabetes mit Organschaden, Niereninsuffizienz oder anderen Hochrisikokonstellationen.

Wer gehört zur Hochrisikogruppe?

Ein sehr hohes kardiovaskuläres Risiko liegt insbesondere bei Patienten mit dokumentierter atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung vor, sei diese klinisch manifest oder bildgebend eindeutig nachgewiesen. Dazu zählen unter anderem Patienten mit chronischem Koronarsyndrom, nach koronarer Revaskularisation oder mit signifikanten Plaques in der Koronarangiografie, im CT oder in der karotiden oder femoralen Gefässbildgebung. Ebenfalls dieser Risikokategorie zuzuordnen sind Patienten mit Diabetes mellitus und Endorganschaden, mit schwerer chronischer Nierenerkrankung bei einer eGFR unter 30 ml/min/1,73 m² oder mit familiärer Hypercholesterinämie in Kombination mit ASCVD oder einem weiteren Hauptrisikofaktor.

Von einem hohen Risiko spricht man zudem bei stark erhöhten Einzelrisikofaktoren wie einem Gesamtcholesterin von mehr als 8 mmol/l, einem LDL-Cholesterin über 4,9 mmol/l oder einem Blutdruck von mindestens 180/110 mmHg. Auch Patienten mit Diabetes mellitus ohne Endorganschaden oder mit chronischer Nierenerkrankung bei einer eGFR zwischen 30 und 59 ml/min/1,73 m² fallen häufig in diese Kategorie. Moderates Risiko besteht unter anderem bei jüngeren Patienten mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes von kurzer Dauer ohne weitere Risikofaktoren sowie bei Personen mit intermediärem berechnetem 10-Jahresrisiko. Niedriges Risiko liegt schliesslich bei entsprechend niedrigen SCORE2- oder SCORE2-OP-Werten vor.

Verdacht auf familiäre Hypercholesterinämie

Bei Verdacht auf eine familiäre Hypercholesterinämie können der AGLA-FH-Score oder die Dutch Lipid Clinic Network-Kriterien herangezogen werden. In diese Beurteilung fliessen unter anderem die Familienanamnese mit vorzeitiger koronarer Herzkrankheit oder Xanthomen, die persönliche Anamnese, klinische Zeichen wie Sehnenxanthome oder ein Arcus lipoides vor dem 45. Lebensjahr, die Höhe des LDL-Cholesterins sowie der genetische Nachweis einer pathogenen Mutation ein. Je nach erreichter Punktzahl gilt eine familiäre Hypercholesterinämie als unwahrscheinlich, möglich, wahrscheinlich oder definitiv.

Lebensstil als Grundlage jeder Therapie

Die Basis jeder lipidsenkenden Therapie bleibt ein konsequent gesundheitsfördernder Lebensstil. Dazu gehören eine Gewichtsreduktion bei Übergewicht, eine Reduktion gesättigter Fettsäuren zugunsten ungesättigter Fettsäuren, eine ballaststoffreiche Ernährung sowie die Reduktion von Zucker und Alkohol, insbesondere bei Hypertriglyzeridämie. Hinzu kommen regelmässige körperliche Aktivität, die Reduktion sitzender Zeiten und ein konsequenter Nikotinverzicht. Entscheidend ist dabei ein möglichst früher Therapiebeginn mit nachhaltiger Umsetzung.

Die Bedeutung der kumulativen LDL-Exposition

Ein wichtiges Konzept ist die kumulative Expositionshypothese. Mit zunehmender Dauer und Höhe der LDL-Exposition wird mehr Cholesterin in der Arterienwand eingelagert. Dadurch nimmt die atherosklerotische Plaquelast kontinuierlich zu, was das Risiko akuter kardiovaskulärer Ereignisse erhöht. Das ASCVD-Risiko hängt somit nicht nur von der Höhe des LDL-Cholesterins, sondern auch von der Dauer der Exposition ab.

Medikamentöse Optionen zur LDL-Senkung

Zur Senkung des LDL-Cholesterins stehen heute verschiedene Substanzklassen zur Verfügung. Statine hemmen die hepatische Cholesterinsynthese und führen über eine vermehrte Expression von LDL-Rezeptoren zu einer LDL-Senkung von etwa 30 bis 55 %. Ezetimib hemmt die enterale Cholesterinresorption im Dünndarm und senkt das LDL-Cholesterin um etwa 15 bis 25 %. PCSK9-Inhibitoren erhöhen durch Hemmung von PCSK9 die Verfügbarkeit von LDL-Rezeptoren und erreichen eine Reduktion um etwa 50 bis 60 %. Auch siRNA-basierte Therapien, welche die hepatische PCSK9-Synthese hemmen, zeigen Senkungen in der Grössenordnung von 45 bis 55 %.
Weitere Optionen sind Bempedoinsäure mit einer LDL-Senkung von etwa 15 bis 25 %, Gallensäurebinder mit einer Senkung von etwa 10 bis 25 %, Lomitapid mit einer Reduktion von 40 bis 50 % sowie Evinacumab, das über eine Hemmung von ANGPTL3 den Lipoproteinabbau fördert und zu einer LDL-Senkung von etwa 45 bis 55 % führt. In besonders schweren Fällen kann eine Lipoproteinapherese eingesetzt werden, mit der LDL und Lipoprotein(a) physikalisch aus dem Blut entfernt werden.

Verlaufskontrollen und praktische Umsetzung

Bis zum Erreichen des Therapieziels werden erste Kontrollen nach vier Wochen und anschliessend weitere Kontrollen in vierwöchigen Abständen empfohlen. Nach stabiler Zielwerterreichung genügen in der Regel jährliche Verlaufskontrollen. Im Labor sollten Lipidprofil, ALAT, ASAT und CK bestimmt werden. Lipoprotein(a) sollte einmal im Leben gemessen werden.

Lipoprotein(a) als zusätzlicher Risikofaktor

Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein LDL-ähnliches Partikel, das aus ApoB, Cholesterin und Apo(a) besteht. Apo(a) ist ein plasminogenähnliches Protein, das kovalent an ApoB gebunden ist. Lp(a) ist nicht nur atherogen wie LDL, sondern weist zusätzlich thrombogene und proinflammatorische Eigenschaften auf. Aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit zu Plasminogen kann es prothrombotisch wirken. Zudem ist ein erhöhtes Lp(a) mit einem gesteigerten kardiovaskulären Risiko assoziiert, selbst bei normalen LDL-Werten. Insgesamt resultiert daraus eine besonders aggressive Form der Gefässschädigung.

Klinische Konsequenzen

Die kardiovaskuläre Prävention basiert auf einer strukturierten Risikostratifizierung und einer konsequenten Beeinflussung modifizierbarer Risikofaktoren. LDL-Cholesterin sollte bestimmt, behandelt und kontrolliert werden. Lipoprotein(a) sollte einmalig gemessen werden. Bei erhöhtem Lp(a) ist eine besonders konsequente Kontrolle klassischer Risikofaktoren angezeigt, einschliesslich einer intensiven LDL-Senkung. In ausgewählten Fällen kommen PCSK9-Inhibitoren oder eine Lipoproteinapherese infrage.

Hot Topic Kardiomyopathie

Genetische Grundlagen der hypertrophen Kardiomyopathie

Dr. Judith Schwaiger von der Hirslanden Klinik im Park ging auf die hypertrophe Kardiomyopathie und insbesondere auf die hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie ein. Etwa 40 bis 60 % der linksventrikulären Hypertrophien bei HCM sind auf Mutationen in Sarkomerprotein-Genen zurückzuführen. Bei 25 bis 30 % bleibt die Ursache unklar, und bei 5 bis 10 % liegen andere Ursachen zugrunde.

Pathophysiologie und klinische Folgen

Die Sarkomerdysfunktion ist die Hauptursache der genetisch bedingten HCM. Mutationen in Proteinen des Sarkomers, des molekularen Motors des Herzens, führen zu einer abnormalen Kontraktilität, gestörter Relaxation, erhöhter myokardialer Steifigkeit und Fibrose. Die Folgen sind Hyperkontraktilität, eine dynamische linksventrikuläre Ausflusstraktobstruktion sowie eine diastolische Dysfunktion. Klinisch manifestiert sich dies unter anderem durch Palpitationen, Synkopen und ein erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod.

Die Rolle der Stressechokardiographie

Die Stressechokardiographie dient bei HCM der Beurteilung einer Obstruktion im linksventrikulären Ausflusstrakt unter körperlicher oder pharmakologischer Belastung. Sie hilft bei der Einschätzung des Obstruktionsgrades und der Krankheitsausprägung und ist damit für die Therapieplanung zentral.

HCM ist heute behandelbar

Die HCM ist keine einheitliche Erkrankung, sondern zeigt unterschiedliche klinische Verläufe. Ein Teil der Patienten bleibt lange stabil und hat eine nahezu normale Lebenserwartung. Andere entwickeln Komplikationen wie plötzlichen Herztod, progrediente Herzinsuffizienz bei obstruktiver Form, Endstadien einer nicht obstruktiven Verlaufsform oder Vorhofflimmern mit entsprechend erhöhtem Schlaganfallrisiko. Je nach klinischem Bild kommen Medikamente, ICD-Therapie, Septummyektomie, Katheterablation, Antikoagulation oder in fortgeschrittenen Fällen eine Herztransplantation infrage.

LVOT-Obstruktion als therapeutisch relevantes Merkmal

Eine Obstruktion des linksventrikulären Ausflusstrakts kann in Ruhe oder erst unter Provokation auftreten und ist ein zentrales Merkmal der HOCM. Ihre Identifikation ist entscheidend für die Symptomkontrolle, die Prognoseeinschätzung und die Wahl der Therapie.

Mavacamten als neue Therapieoption

Mavacamten ist ein oraler, reversibler, allosterischer Inhibitor der kardialen Myosin-Aktin-Interaktion und stellt einen first-in-class-Wirkstoff zur Behandlung der symptomatischen obstruktiven HCM dar. In der EXPLORER-HCM-Studie führte eine 30-wöchige Behandlung mit Mavacamten zu einer signifikanten Reduktion des linksventrikulären Ausflusstrakt-Gradienten, zu einer Verbesserung der Symptome, der Lebensqualität und der NYHA-Klasse. Auch in der VALOR-HCM-Studie zeigte Mavacamten eine anhaltende Wirksamkeit über 56 Wochen. Zudem konnte die Notwendigkeit einer Septumreduktion deutlich gesenkt werden.

Keynote Lecture: Medizinstudium heute – Lernen, Google oder AI?

Prof. Jörg Goldhahn vom Institut für Translationale Medizin der ETH Zürich und Studiendirektor Humanmedizin gab einen Einblick in die aktuellen Herausforderungen des Medizinstudiums und in die Veränderungen durch künstliche Intelligenz.

Wo künstliche Intelligenz bereits relevant ist

Zu den bereits relevanten oder absehbaren Einsatzbereichen zählen die automatisierte Bild- und Datenanalyse einschliesslich EKG und EEG, die Mustererkennung in grossen Datensätzen, die KI-gestützte klinische Entscheidungsunterstützung, die Automatisierung administrativer und logistischer Prozesse, die Integration in klinische Software sowie die In-silico-Arzneimittelentwicklung.

Ersetzt KI den Arzt?

Maschinen, die lernen und sich selbst korrigieren können, erzielen in einzelnen eng umrissenen Aufgabenbereichen bereits bessere Resultate als Menschen. Dennoch wurde betont, dass KI die Arzt-Patienten-Beziehung, klinische Kontextualisierung und zwischenmenschliche Interaktion nicht ersetzen kann. Realistisch ist daher keine Ablösung des Arztberufs, sondern eine schrittweise Integration von KI in klar definierten Anwendungsfeldern, etwa in der Bildanalyse oder Mustererkennung.

Begriffe und Einordnung

Künstliche Intelligenz bezeichnet Technologien, die Maschinen befähigen, Aufgaben mit menschenähnlichen kognitiven Leistungen auszuführen.

Machine Learning ist ein Teilgebiet der KI, bei dem Systeme auf Basis statistischer Verfahren aus Daten lernen. Deep Learning wiederum ist eine spezielle Form des maschinellen Lernens mit mehrschichtigen neuronalen Netzen zur Modellierung komplexer Zusammenhänge.

Auswirkungen auf das Gesundheitswesen

Als besonders einflussreiche Technologien für die digitale Transformation des Gesundheitswesens wurden unter anderem Telemedizin, Gesundheits-Apps, Sensoren und Wearables für Diagnostik und Remote Monitoring, Genomsequenzierung, Spracherkennung und natürliche Sprachverarbeitung, virtuelle und erweiterte Realität, KI-gestützte Bildinterpretation, interventionelle und rehabilitative Robotik sowie prädiktive Analytik genannt.

Konsequenzen für die medizinische Ausbildung

Die Integration von KI erfordert eine Anpassung des Medizinstudiums. Neben einem technologischen Grundverständnis sind insbesondere interprofessionelle Zusammenarbeit, verantwortungsvolle Einführung neuer Technologien, Sensibilität für soziale Gerechtigkeit, Informationskompetenz und kontinuierliche Weiterbildung relevant. Ebenso wichtig bleiben die realistische Einordnung der Möglichkeiten und Grenzen von KI sowie die kompetente Kommunikation gegenüber Patienten. Gerade in den klassischen ärztlichen Kernkompetenzen – klinische Einordnung, Kommunikation, Verantwortung und ethische Reflexion – bleibt die ärztliche Expertise zentral.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

36. St. Galler Fortbildung für Klinische Onkologie

Am 26. und 27. Februar 2026 fand in St. Gallen die traditionelle Fortbildung für Klinische Onkologie statt. Unter der Leitung von Prof. Martin Früh, Chefarzt a. i. der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen, präsentierten renommierte Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen aus Radioonkologie, Systemtherapie, Thorax , Gynäko  und Hämatologie. Dieser Bericht fasst die wesentlichen Inhalte zu den gynäkologischen Tumoren zusammen.

Antibody-Drug-Conjugates (ADCs) in der Gynäkologie

Univ.-Prof. Dr. Dr. Sabine Heublein (Universitätsklinikum Ulm) stellte die wachsende Rolle von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) in der Therapie gynäkologischer Tumoren vor. ADCs vereinen die Zielgenauigkeit monoklonaler Antikörper mit der zytotoxischen Potenz klassischer Chemotherapeutika.

Zugelassene Vertreter sind:
- Trastuzumab Emtansin (T-DM1) und Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) bei HER2-positiven Tumoren
- Sacituzumab Govitecan und Tisotumab Vedotin bei fortgeschrittenen Karzinomen
- Mirvetuximab Soravtansin bei FRα-positivem Ovarialkarzinom
- Datopotamab Deruxtecan in klinischer Prüfung

In der MIRASOL-Studie zeigte Mirvetuximab signifikante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens (PFS) und des Gesamtüberlebens (OS) gegenüber einer Chemotherapie bei gleichzeitiger Reduktion hochgradiger Nebenwirkungen. Die häufigste spezifische Toxizität waren okuläre Epithelschäden.
Die DESTINY-PanTumor02-Studie (Phase II) bestätigte einen anhaltenden Nutzen von T-DXd, mit der besten Wirksamkeit bei HER2-IHC-3+-Tumoren.

Datopotamab Deruxtecan zeigte in TROPION-03 eine robuste Aktivität bei metastasierten Ovarial- und Endometriumkarzinomen.

Fazit

ADCs entwickeln sich damit zu einem neuen Grundpfeiler der zielgerichteten gynäkologischen Onkologie.

Fortgeschrittenes Zervixkarzinom

Dr. Frederik Fuchs (LMU München) gab ein Update zur Therapie des fortgeschrittenen Zervixkarzinoms.

Grundlagen und Risiken

Das Zervixkarzinom ist nach wie vor die vierthäufigste Krebserkrankung der Frau und ist stark mit einer HPV-Infektion assoziiert (> 90 %). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen, Immunsuppression, früher Geschlechtsverkehr und ein niedriger sozialer Status.

Therapieprinzipien

In den Stadien IB–IIA haben Operation und Radiotherapie vergleichbare Heilungsraten. Die Therapieentscheidung erfolgt unter Berücksichtigung von Alter, Menopausenstatus und Tumorgrösse.

Standard beim lokal fortgeschrittenen Stadium ist die Radiochemotherapie (RT plus Cisplatin 40 mg/m² wöchentlich) mit anschliessender HDR-Brachytherapie (≥ 90 Gy).
Die Brachytherapie bleibt essenziell für die lokale Kontrolle. Ein Verzicht zugunsten von IMRT-/SBRT-Boost-Konzepten ist mit einer höheren Mortalität assoziiert.

Neue Evidenz

- EMBRACE II: präzisionsgesteuerte, MR-basierte Brachytherapie und Teletherapie mit 5-Jahres-OS von 82 % und einer lokalen Kontrolle von 94 %
- KEYNOTE-A18: Zusatz von Pembrolizumab zur Radiochemotherapie mit einer Risikoreduktion für Progression und Tod um 43 % bei unverändertem Sicherheitsprofil
- INTERLACE: kurze Induktionschemotherapie vor Standard-RT mit signifikanter Verbesserung von OS und PFS

Fazit

Die Integration von Immuntherapie und Induktionschemotherapie in die etablierte Radiochemotherapie verbessert die Langzeitergebnisse. Die Brachytherapie bleibt unverzichtbar. Ihr Erhalt ist entscheidend für das Erreichen kurativer Behandlungsziele.

Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms

Prof. Isabell Witzel, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und des gynäkologischen Krebszentrums am Universitätsspital Zürich, präsentierte zunächst die Zahlen zur Krebsinzidenz und Mortalität in der Schweiz für das Jahr 2022.

Warum ist dieses Thema wichtig?

Für das Ovarialkarzinom existiert kein effektives Screening, die Erkrankung wird häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert, und die Mortalität ist hoch. Daher kommt der Qualitätssicherung eine besondere Bedeutung zu.

Ein effektives Screening-Programm konnte bislang nicht etabliert werden. In der UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS) wurden 200 000 Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren untersucht. Verglichen wurden ein jährliches Screening mittels CA-125 plus transvaginalem Ultraschall (TVUS), TVUS allein sowie keine Untersuchung. Nach 16 Jahren zeigte sich in allen Gruppen eine Ovarialkarzinomrate von 1 % und eine Mortalität von 0,6 %.

Fazit daraus: Ein Screening zur Früherkennung des Ovarialkarzinoms kann derzeit nicht empfohlen werden.

Der Schweizer Ansatz umfasst daher kein nationales Screening-Programm in der Allgemeinbevölkerung, sondern fokussiert auf Aufklärung, Familienanamnese sowie genetische Beratung und Testung zur Identifikation von Hochrisikopatientinnen, etwa bei BRCA1/2-Mutationen oder Lynch-Syndrom. Bei gynäkologischen Eingriffen nach abgeschlossener Familienplanung sollte eine opportunistische Salpingektomie erwogen werden, um potenzielle Hochrisiko- oder Vorstufenläsionen in den Eileitern zu entfernen. Dies entspricht einem multimodalen Präventionsansatz.

Management-Prinzipien in der Schweiz

Die Zentralisierung der Versorgung im Bereich der hochspezialisierten Medizin ist das Ergebnis eines mehrjährigen, gesundheitspolitisch geprägten Prozesses. In diesem Rahmen dürfen in der Schweiz ab Januar 2026 nur noch ausgewählte Spitäler Patientinnen mit Ovarialkarzinom behandeln.

Die Behandlung erfolgt in spezialisierten onkologischen Zentren mit multidisziplinären Teams aus Gynäkologen, Onkologen, Pathologen, Radiologen und Genetikern. Hinzu kommen standardisierte Behandlungspfade sowie ein registerbasiertes Monitoring.

Das fortgeschrittene Ovarialkarzinom ist als chronische Erkrankung mit multiplen Rezidiven zu verstehen.

Neue Optionen

Pembrolizumab

In der ENGOT-ov65/KEYNOTE-B96-Studie ergaben sich unter Pembrolizumab in Kombination mit wöchentlichem Paclitaxel plus Bevacizumab statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens unabhängig vom PD-L1-Status. Zudem zeigte sich ein Vorteil im Gesamtüberleben bei Patientinnen mit PD-L1 CPS ≥ 1 bei beherrschbarem Sicherheitsprofil.

Mirvetuximab Soravtansin (ADC) beim platinresistenten Rezidiv
Bei Patientinnen mit platinresistentem, FRα-positivem Ovarialkarzinom führte Mirvetuximab Soravtansin gegenüber einer Chemotherapie zu signifikanten Vorteilen hinsichtlich progressionsfreiem Überleben, Gesamtüberleben und objektiver Ansprechrate.

Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) – DESTINY-PanTumor02
Der grösste Nutzen wurde in der IHC-3+-Population beobachtet. Die Daten stützen die potenzielle Rolle von T-DXd als tumoragnostische Therapie bei Patientinnen mit HER2-exprimierenden soliden Tumoren.

Operation im Rezidiv
Wie die DESKTOP-III-Studie zeigte, war bei Frauen mit rezidivierendem Ovarialkarzinom eine zytoreduktive Chirurgie gefolgt von Chemotherapie mit einem längeren Gesamtüberleben assoziiert als eine alleinige Chemotherapie.

Das Follow-up erfolgt in den ersten drei Jahren alle drei Monate, im vierten und fünften Jahr alle sechs Monate und danach jährlich. Es umfasst die gynäkologische Untersuchung sowie die transvaginale Sonographie. Eine Tumormarker-Kontrolle erfolgt nur unter Maintenance-Therapie. Eine CT von Thorax und Abdomen beziehungsweise ein PET-CT wird nur bei klinischem Verdacht auf ein Rezidiv durchgeführt.

Fazit

- Es gibt derzeit kein effektives Screening-Programm.
- Ein multimodaler Ansatz mit genetischer Testung kann Hochrisikopatientinnen identifizieren; opportunistische Salpingektomien im Rahmen gynäkologischer Eingriffe können präventiv relevant sein.
- Die Behandlung sollte zentralisiert erfolgen, auch wenn dieser Prozess nur schrittweise umgesetzt wird.
- Die Therapie umfasst Chirurgie, Chemotherapie und Erhaltungstherapie.
- Eine genetische Testung und HRD-Testung bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom ist wichtig, um Kandidatinnen für eine Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren zu identifizieren.
- Es besteht ein strukturiertes Follow-up-Programm über fünf Jahre.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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DOKO Basel: Diabetes mellitus – und nun?

Die Behandlung des Typ-2-Diabetes wird zunehmend individueller: Neben dem HbA1c rücken Komorbiditäten, Gewichtsverlauf, kardiorenale Risiken, Nebenwirkungen und auch psychosoziale Aspekte wie die Angst vor Hypoglykämien stärker in den Fokus. An der Donnerstagskonferenz (DOKO) der Klinik für Innere Medizin am Universitätsspital Basel zeigte PD Dr. med. Eleonora Selig anhand mehrerer Fallvignetten, wie sich moderne Diabetestherapien heute differenziert und praxisnah einsetzen lassen.

Fallvignette 1

PD Dr. med. Eleonora Selig

Zu Beginn präsentierte die Referentin einen Fall aus ihrer eigenen Sprechstunde: ein 43-jähriger Patient mit Typ-2-Diabetes, Erstdiagnose vor zwei Jahren, Übergewicht (BMI 28 kg/m²) und Hypercholesterinämie. Er erhielt Metformin 1000 mg 1-0-1 und Atorvastatin 20 mg 0-0-1. Aktuell lag der HbA1c-Wert bei 7.2 %.

Therapieziele beim Diabetes mellitus

Aus der UKPDS-Studie lässt sich als allgemeines Therapieziel ein HbA1c-Wert von <7 % ableiten. Bei jüngeren Patienten ohne relevante Komorbiditäten sollten Werte unter 6.5 % angestrebt werden, bei älteren multimorbiden Patienten sind Werte <8.0 % meist angemessener. Zudem sollte die Zeit im Zielbereich mehr als 70 % betragen, ohne dass Hypoglykämien auftreten.

Zu den Fallstricken der HbA1c-Bestimmung gehören unter anderem eine verkürzte Erythrozyten-Überlebensdauer, beispielsweise bei Niereninsuffizienz, sowie eine ausgeprägte Glukosevariabilität, die zu irreführenden Werten führen kann.

Dem 43-jährigen Patienten stellte die Referentin einen 73-jährigen Patienten mit Typ-2-Diabetes, kardiovaskulären Risikofaktoren und Niereninsuffizienz gegenüber. Bei diesem Patienten sei ein HbA1c-Wert von 8.0 % oder auch darüber eher angemessen.

Lebensstilintervention und Remission

Als erste therapeutische Massnahme sollte stets eine Änderung der Lebensgewohnheiten empfohlen werden. In der randomisierten kontrollierten DiRECT-Studie führte eine Gewichtsmanagement-Intervention nach zwei Jahren zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 7.6 kg; 36 % der Teilnehmer erreichten eine Remission ihres Typ-2-Diabetes. Von den 36 Teilnehmern der Interventionsgruppe, die nach zwei Jahren einen Gewichtsverlust von über 10 kg aufrechterhalten konnten, befanden sich 29 (81 %) in Remission. Auch die verlängerte DiRECT-Intervention war mit einem grösseren aggregierten und absoluten Gewichtsverlust verbunden und deutete auf einen verbesserten Gesundheitszustand über fünf Jahre hin.

Die Ernährungsberatung am Universitätsspital sei sehr kompetent, aufgrund der hohen Auslastung jedoch auf bestimmte Patientengruppen beschränkt, so die Referentin. Dazu gehören Patienten mit Typ-1-Diabetes, pankreopriver Diabetes, Typ-2-Diabetes mit Insulinpumpe oder Basis-Bolus-Therapie und Wunsch nach funktioneller Insulintherapie sowie Patienten nach Transplantation oder mit komplexen internistischen Erkrankungen. In den übrigen Fällen erfolge die Betreuung extern.

Fallvignette 2

Anschliessend stellte die Referentin eine 53-jährige Patientin mit seit sieben Jahren bestehendem Typ-2-Diabetes vor. Sie litt an arterieller Hypertonie, Adipositas (BMI 33 kg/m²) sowie chronischen Rücken- und Knieschmerzen, jedoch nicht an diabetischen Spätkomplikationen. Die Zuweisung durch den Hausarzt erfolgte bei einem HbA1c-Wert von 10 % unter Janumet® 50/1000 mg 1-0-1. Janumet® wurde abgesetzt und eine Behandlung mit Mounjaro® (GLP-1/GIP-Rezeptoragonist) begonnen.

Die Referentin verwies in diesem Zusammenhang auf die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für ­Endokrinologie und Diabetologie (SGED), die eine risikoprofilbasierte Therapie empfehlen: Metformin plus SGLT-2-Hemmer bei eGFR >30 ml/min/1.73 m², GLP-1-Rezeptoragonisten bei BMI >28 kg/m² sowie gegebenenfalls DPP-4-Hemmer. Möglich seien auch Kombinationen wie Metformin + GLP-1-RA + SGLT-2-Hemmer, jeweils abhängig von Nierenfunktion, Gewicht und Begleiterkrankungen.

Bei Insulinmangel folgen Basisinsulin oder koformulierte Insuline ein- oder zweimal täglich. Metformin, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-RA sollen nach Möglichkeit weitergeführt werden; Sulfonylharnstoffe und DPP-4-Hemmer sollten bei Einsatz eines GLP-1-RA abgesetzt werden.

Kostenübernahme für Mounjaro® bei Typ-2-­Diabetes:

• Unzureichend kontrollierter Diabetes mellitus Typ 2 und BMI ≥ 28 kg/m²
• In Monotherapie bei Kontraindikation oder Unverträglichkeit von Metformin.
• In Kombination mit Basalinsulin mit oder ohne ­Metformin.
• Keine Kombination mit SGLT-2-Hemmern.
• Keine Kombination mit Basis-Bolus
• Umstellung von Ozempic auf Mounjaro möglich, sofern Diabetes nicht kontrolliert ist und BMI ≥ 28 kg/m²
• Rezeptcode für Diabetes: 21977.01.

Wirkung von GLP-1-basierten Medikamenten

GLP-1-basierte Medikamente (Tab. 1) entfalten ihre Wirkung in mehreren Organsystemen. Beschrieben werden unter anderem eine Verbesserung der Insulinsekretion, eine Senkung des HbA1c, Gewichtsverlust, eine Reduktion systemischer Entzündung und der Insulinresistenz sowie günstige Effekte auf Herz, Gefässe, Leber, Niere und obstruktive Schlafapnoe.
Hirn: Substanz-Abusus ↓ , Alzheimer, Parkinson ↓ , Entzündung ↓
Luftwege/Lunge: obstruktive Schlafapnoe ↓
Herz: verbessert HFpEF, Myokardinfarkt ↓
Endokrines Pankreas: Insulin ↑ , Glucagon β, HbA1c ↓
Blutgefässe: Atherosklerose ↓ , Schlaganfall ↓ , periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) ↓
Leber: Inflammation ↓ , Fibrose ↓
Niere: chronische Nierenkrankheit
Systemische Effekte: Inflammation ↓ , Insulin-Resistenz ↓ , Gewichtsverlust ↑

Fallvignette 3

Vorgestellt wurde zudem eine 62-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes (Erstdiagnose 2011), Adipositas (BMI 31 kg/m²), diabetischer Retinopathie, Polyneuropathie und Nephropathie. Sie erhielt Metformin und Ozempic®, der HbA1c-Wert lag aktuell bei 8.2 %. Im Raum stand die Frage: Wechsel auf Mounjaro® oder Beginn mit Jardiance®?

GLP-1-RA versus SGLT-2-Hemmer

Im Vergleich der Substanzklassen zeigte sich: GLP-1-Rezeptoragonisten senken den Blutzucker und das Gewicht stärker, während SGLT-2-Hemmer Vorteile insbesondere bei Herzinsuffizienz und Nierenerkrankung bieten. Bei schweren kardiovaskulären Ereignissen profitieren Patienten von beiden Klassen, bei Schlaganfällen eher von GLP-1-RA (Tab. 2).

Für die Kombination eines GLP-1-RA mit einem SGLT-2-Hemmer wurden 18 Kohortenstudien mit über 1.1 Millionen Patienten zitiert. Die Kombination reduzierte das Risiko für MACE (RR 0.56), die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität, Hospitalisationen wegen Herzinsuffizienz sowie renale Endpunkte. Hinweise auf erhöhte Risiken für schwere Hypoglykämien, diabetische Ketoazidosen oder relevante zusätzliche Nebenwirkungen ergaben sich nicht. Die Therapie richte sich nach dem jeweiligen Risikoprofil gemäss SGED-Empfehlungen; das kardiorenal-metabolische Syndrom werde gemäss den ADA Consensus Guidelines 2026 behandelt.

Fallvignette 4

Im nächsten Fall ging es um eine 60-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes, Adipositas (BMI 32 kg/m²) und arterieller Hypertonie. Sie erhielt Metformin und seit neun Wochen neu Ozempic®, zuletzt 1 mg einmal wöchentlich subkutan. Aktuell klagte sie über Bauchschmerzen und Übelkeit. Diskutiert wurden eine Umstellung auf Mounjaro®, eine Umstellung auf Jardiance® oder eine Dosisreduktion von Ozempic® auf 0.5 mg einmal wöchentlich. Zudem müsse eine Pankreatitis ausgeschlossen werden.

Unter GLP-1-RA besteht ein erhöhtes Risiko für Gastroparese (HR 1.59) und Invagination (HR 1.38). Kein erhöhtes Risiko fand sich für akute Pankreatitis, Cholezystitis, Cholezystektomie, biliäre Tumoren, hepatozelluläres Karzinom oder gastrointestinale Karzinome.

Nebenwirkungen von GLP1-Analoga

Zu den häufigen unerwünschten Wirkungen gehören Übelkeit, Durchfall, Obstipation, Erbrechen, akute Nierenschädigung, Gallenblasenerkrankungen, verzögerte Magenentleerung, Aspiration und eine eingeschränkte Darmmotilität. Diskutiert werden ausserdem neuropsychiatrische Ereignisse und Sarkopenie. Weiterhin unklar bleibt der Zusammenhang mit Pankreatitis, Karzinomen, Schilddrüsenkarzinomen und Retinopathie.

Fallvignette 5

Eine weitere Fallbesprechung betraf einen 67-jährigen Patienten, der mit Bauchschmerzen auf die Notfallstation eingeliefert wurde. Zusätzlich bestanden Übelkeit und Erbrechen bei einem Blutzuckerwert von 9 mmol/l. Zunächst wurde er mit Verdacht auf Gastroenteritis entlassen. Am Folgetag stellte er sich erneut vor, nun in deutlich verschlechtertem Zustand mit Erbrechen, Dyspnoe und Verwirrtheit.

In der Anamnese bestanden Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie und möglicherweise ein Alkoholabusus. Der Patient erhielt Metformin, Jardiance®, Toujeo® 30 E sowie Antihypertensiva. Klinisch zeigte sich ein GCS von 14, Hypotonie, Tachykardie und eine tachypnoische Kussmaul-Atmung bei Afebrilität. Die Laboruntersuchung ergab eine metabolische Ketoazidose unter SGLT-2-Hemmer-Therapie, die auch bei normnahen Blutzuckerwerten auftreten kann. Es wurden die Sick-Day-Rules angewendet.

SGLT2-Hemmer und urogenitale Infektionen

In einer dänischen Kohortenstudie bei Metformin-Anwendern (52 414 unter SGLT-2-Hemmern vs. 27 023 unter GLP-1-RA) mit einem Follow-up von bis zu fünf Jahren zeigte sich unter SGLT-2-Hemmern kein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfektionen. Das Risiko für genitale Infektionen war dagegen deutlich erhöht, insbesondere im ersten Jahr (2.0 % vs. 0.7 %; RR 2.95). Im Langzeitverlauf nahm dieses Risiko ab, blieb jedoch weiterhin erhöht (nach fünf Jahren RR 1.64).

Fallvignette 6

Ein weiterer Fall betraf einen 71-jährigen Patienten mit bekanntem Typ-2-Diabetes nach Nierentransplantation. Im Verlauf war es zu Komplikationen in Form eines NSTEMI und einer Pneumonie gekommen.

Blutzuckerentgleisungen im Spital

Hyper- und Hypoglykämien sind im stationären Setting mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert. Die Vermeidung akuter Stoffwechselentgleisungen verbessert das klinische Outcome, verkürzt die Hospitalisationsdauer und kann Rehospitalisationen reduzieren.

Eine intensive Glukosekontrolle kann bei schwer kranken Patienten gegenüber ausgeprägten Hyperglykämien vorteilhaft sein. Im Vergleich zu moderateren Zielbereichen zeigt sich jedoch kein konsistenter Nutzen; eine zu strenge Blutzuckereinstellung kann vielmehr mit einer erhöhten Mortalität einhergehen. Im klinischen Alltag ist deshalb eine ausgewogene Glukosekontrolle anzustreben, die Hyperglykämien begrenzt und Hypoglykämien vermeidet.

Wie lassen sich Hypoglykämien vermeiden?

Sulfonylharnstoffe und Insulin, insbesondere Mischinsuline, sollten möglichst vermieden werden. Falls eine Basis-Bolus-Therapie notwendig ist, sollte eine kontinuierliche Glukosemessung erfolgen. Das Basalinsulin ist auf den Nüchternblutzucker zu titrieren. Korrekturen mit schnell wirksamem Insulin vor der Bettruhe sollten unterbleiben. Zudem sollte gezielt nach Symptomen gefragt und die Therapie entsprechend angepasst werden. Unter Tresiba® ist das Hypoglykämierisiko geringer als unter Lantus®.

Blutzuckerkontrolle im stationären Bereich

Critically ill:
Bei anhaltender Hyperglykämie (≥10 mmol/l) wird ein Insulinperfusor empfohlen. Die Zielwerte liegen bei 7.8–10.0 mmol/l, gegebenenfalls bei 6.1–7.8 mmol/l, etwa bei Patienten nach herzchirurgischen Eingriffen. Für den 71-jährigen Patienten wurden Zielwerte von 5.8–10.9 mmol/l genannt. Empfohlen wurden zudem eine Anmeldung zur Diabetesberatung und ein Konsil der Endokrinologie.

Non-critically ill:
Bei anhaltender Hyperglykämie (≥10 mmol/l) sollte eine Insulintherapie erwogen werden. Die Zielwerte liegen bei 5.6–10.0 mmol/l; Hypoglykämien sind konsequent zu vermeiden.

Fallvignette 7

Vorgestellt wurde ausserdem eine 37-jährige Patientin mit Typ-2-Diabetes und unzureichender Blutzuckerkontrolle unter Metformin, Ozempic®, Tresiba® 60 E/Tag sowie NovoRapid® etwa 40 E pro Mahlzeit.

Die Zeit in den Zielbereichen zeigte eine ausgeprägte Hyperglykämiebelastung: 29 % der Werte lagen im sehr hohen Bereich (>13.9 mmol/l), 43 % im hohen Bereich (10.1–13.9 mmol/l) und nur 28 % im Zielbereich (3.9–10.0 mmol/l). Hypoglykämien traten nicht auf.

Diskutiert wurden mögliche sekundäre Ursachen sowie praktische Fragen zur Insulinapplikation: Wurde das Insulin korrekt appliziert? Erfolgte ein regelmässiger Wechsel der Pennadeln? Lagen Lipodystrophien vor? Und wurde das Insulin überhaupt gespritzt?

Es zeigte sich, dass Toujeo® in den letzten Wochen nicht appliziert worden war. Als Gründe wurden brennende Schmerzen nach Injektion von 60 E Tresiba® FlexTouch® 100 E/ml sowie die Angst vor Hypoglykämien und entsprechenden Symptomen bereits bei Werten um 6 mmol/l genannt. Als mögliche Alternativen wurden ein Wechsel auf Tresiba® 200 E/ml oder Toujeo® SoloStar® 300 E/ml diskutiert.

Hypoglykämiewahrnehmung und Hypo­glykämieangst

Beim gesunden Menschen setzt die Gegenregulation bei einem Blutzuckerwert von etwa 4 mmol/l ein. Nach chronischen Hypoglykämien erfolgt die Reaktion oft erst bei tieferen Werten, bei chronischen Hyperglykämien dagegen bereits bei höheren Werten.

Die Hypoglykämieangst wurde anhand einer Untersuchung bei 385 Patienten mit Typ-2-Diabetes thematisiert. Besonders häufig genannt wurden die Sorge, eine Hypoglykämie nicht zu erkennen, keine Nahrung zur Verfügung zu haben, eine hypoglykämische Episode allein zu erleben, sich benommen oder schwindlig zu fühlen oder in der Öffentlichkeit ohnmächtig zu werden. Ebenfalls relevant waren Ängste vor dauerhaften Gesundheitsschäden, Fehlern oder Unfällen, fehlender Hilfe während einer Hypoglykämie, Konzentrationsstörungen sowie sozialer Blamage.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

  • individuelle HbA1c-Ziele
  • CGM verbessert Diagnostik und Therapie
  • Lebensstilinterventionen können eine Remission ­ermöglichen
  • GLP-1-basierte Medikamente und SGLT2-Inhibitoren nach Komorbiditäten auswählen
  • unter GLP-1-basierten Medikamenten vor allem ­gastrointestinale Nebenwirkungen beachten
  • unter SGLT2-Inhibitoren an die seltene euglykämische Ketoazidose denken
  • stationäre Hyper- und Hypoglykämieentgleisungen ­vermeiden
  • Hypoglykämieangst aktiv ansprechen