Der Wandel fordert die Schmerztherapie heraus

Der Kongress des Kollegiums für Hausarztmedizin stand im Zeichen der Neuerung: Unter dem Motto «Alles bleibt im Wandel» stellten die Organisatoren ein Programm zusammen, welches einen tiefgreifenden Einblick in die gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen der Allgemeinmedizin gab. «Nichts ist so beständig wie der Wandel» (Heraklit von Ephesos) stellte Dr. med. Stefan Zinnenlauf in seiner Begrüssung fest. Im Folgenden wird über den Wandel in der Schmerztherapie berichtet.

Über die Herausforderungen in der Schmerztherapie sprachen die Hausärztin Dr. med. Rachel Enz Perschel, Zürich und die Schmerzspezialistin Dr. med. Monika Jaquenod-Linder, Schmerz-Clinic-Zürich Hirslanden. Schmerzen provozieren die Patienten, stellte Monika Jaquenod-Linder eingangs fest. Sie sind durchdringende Störfaktoren, sowohl tagsüber als auch nachts. Schmerzen fordern auf, zu reagieren: Massnahmen zu ergreifen, einen Arzt aufzusuchen oder sich zu schonen. Die Patienten kommen mit vielen Vorschlägen und einer grossen Erwartungshaltung in die Praxis. Hier überträgt der chronische Schmerz-Patient die Verantwortung an den behandelnden Arzt, der entsprechend handelt, beispielsweise physiotherapeutische Massnahmen durchführt, Medikamente verordnet oder eine Operation vornimmt.

Schmerzen lösen beim Patienten oft ein Unverständnis über die Tatsache aus, weshalb die moderne Medizin keine Lösung bietet – die medizinische Realität des Versagens trifft auf die versprochene Schmerzfreiheit, welche die Pharmaindustrie proklamiert. Die Vortragenden sprachen in diesem Zusammenhang auch von den sogenannten «High-Utilizer»: Patienten, die bereits zahlreiche ambulante und stationäre Therapieversuche ohne den erhofften Erfolg durchlaufen haben und bei denen nur wenige erklärende Befunde vorliegen, was mit hohen Kosten einhergeht.

Pain reduction through exercise

Ambulanter Knie-Gelenkersatz bei einem unter 75 Jahre alten, gesunden Patienten.

• Normalerweise dauert die Hospitalisation 5 bis 7 Tage, 20-100 % gehen in die Rehakliniken – Kosten!
• Outcome-Vergleich ambulant – stationär: Komplikationen/Rehospitalisierungen sind identisch; die Schmerzen sind ambulant leicht geringer. Der Performance-Status ist bei ambulanten Patienten besser. Zwei Tage Bettruhe verursacht Schwindel, Quadriceps-Reflex (ungebrauchter Quadriceps, bleibt Tage inaktiv).
• Optimale perioperative Betreuung: perioperative Physiotherapie, intraoperativ kurze/keine Blutsperre, Spez. Chirurgischer Zugang, intraoperativ Dexamethason, Transexansäure (Blutgerinnung). LA-Schmerzpumpe 3 Tage, Oxynor, 5mg, sehr frühe Mobilisierung.
• GP sind massgeblich involviert.

Körperliche Aktivität

Mindestens 150-300 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche verbessert die Immunfunktion und senkt die Inflammation. Körperliche Aktivität hilft bei Schmerzen, bei der Genesung nach einer Covid-Infektion (2021), sorgt für besseres Outcome bei malignen Erkrankungen, besseres Outcome bei Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Diabetes.
Inaktivität führt dagegen zu verminderter Kollagenproduktion der Sehnen, was wiederum mehr Sehnenrisse verursacht.

Fallbeispiel

Distorsion in der Praxis . Weber-A-Fraktur. Bestehen nach dem Entfernen der Schiene Fussschmerzen? Traumatologie?
Physiotherapie: Fussgelenke mobilisiert; nach zwei Tagen Besserung, Joggen, … schmerzfrei.

Aktivieren Sie Ihre Patienten

• Vor und nach einer Operation
• Gründe dafür erklären
• Schrittzähler empfehlen
• Aktive Physiotherapie vorschlagen

Bio-Psycho-Soziale Dimension chronischer Schmerzen

• Biologische Komponente: Nociception durch Schmerzen, Schmerzgedächtnis
• Psychologische Komponente: Emotion (Angst, Panik). Kognition (Erfahrung)
• Soziale Komponente: Familie, Arbeit, finanzielle Probleme, Versicherungsprobleme→ «disuse Syndrom»

Schlaf

Schlafhygiene
Pregabalin
Antidepressiva (Trittico…)
Sirdalud
Melatonin
Sporadisch Z-Substanzen

Chronifizierungsrisiken, «Red Flags» für schlechtes Outcome

• Der Schmerz wird immer schlimmer.
• Der Schmerz lässt sich durch nichts positiv beeinflussen.
• Der Schmerz wird immer mehr zum Zentrum des Lebens des Patienten.
• Der Patient wünscht immer mehr und immer wieder somatische Abklärungen, beginnendes «Doctor-Hopping».
• Die Liste an Medikamenten wird länger und länger, der Patient wünscht (immer mehr) Opioide und Benzodiazepine zur Schmerztherapie.
• Psychische Auffälligkeiten, katastrophisierendes Denken, Angst, depressive Symptomatik, Kinesiophobie.
• Der Patient hat in seiner Anamnese psychosomatische oder psychiatrische (Vor-)Erkrankungen.
• Das Denken des Patienten engt sich immer mehr auf seine Schmerzen ein.
• Der Patient zieht sich von seinem sozialen Umfeld zurück, Arbeitsunfähigkeiten.
(Mandat PEPra Modul Schmerzmedizin, W. Ruppen, 2023)

Fallbeispiel

Ein 61-jähriger Patient hat zunehmend Schmerzen in der linken Körperhälfte. Die Schmerzen sind stechend, dumpf, brennend. «high utilizer», d.h. er nutzt die medizinischen Leistungen sehr häufig. In der Folge macht er eine REHA, lässt sich von Spezialisten behandeln, macht Therapien, nimmt Medikamente und lässt Infiltrationen machen.
Ängste: Nein!!! (SAEZ 2023;104(51-62):18-21).
Wie werde ich glücklicher mit Schmerzpatienten?
Ich lobe die Patienten mehr, nehme meinen Druck weg, akzeptiere, dass ich nicht immer erfolgreich sein kann, erhalten des status quo.
Genaue Anamnese: 2020 Covid-Pandemie mit auffälligem Verhalten, dann «schlimme Diagnosen»: stiff person syndrome, Kollagenose, degenerative Veränderungen der Wirbelsäule.

Anleitung zum Glück trotz Krankheit

• Glücklichere Menschen sind in der Lage, Dinge, die nicht mehr sind, loszulassen.
• Sie haben eine (kleine) Aufgabe, geben sich einer Sache ganz hin.
• Diese Menschen empfinden sich weniger als Opfer, denn als Gestalter.

WHO-Stufenschema

Stufe 1: Nicht-Opioidanalgetika (ggf. zusätzlich Co-Analgetika)
Stufe 2: Niederpotente Opioidanalgetika + Nicht-Opioidanalgetika (ggf. zusätzlich Co-Analgetika).
Stufe 3: Hochpotente Opioidanalgetika + Nicht-Opioidanalgetika (ggf. zusätzlich Co-Analgetika).

NSAIDs

Wirken Entzündungshemmend, keine Überdosierungen (keine NSAID- Kombinationen).
Vorsicht geboten ist bei Nieren-, Magen-, Darm- und herzkranken Patienten.
Eine langfristige Verordnung muss sehr gute Gründe haben.
Keine Kombinationstherapie mit Diuretika und ACE-Hemmern.
Mögliche Darmflora-Veränderungen nach zwei Wochen.
Erhöhte arterielle Thromboembolien (2023).
Erhöhte venöse Thromboembolien mit Kontrazeptiva (2023).
Motivation zur intermittierenden Einnahme.

Paracetamol

Hypertonie, GI-Blutungen, Nierenbecken-Ca???
Bei gewissen Patienten wenig wirksam.
Über 2g lebertoxisch, ähnliche Nebenwirkungen wie NSAIDs.

Metamizol

Analgetisch, antipyretisch, spasmolytisch, sehr schwach entzündungshemmend.
In Pflegeheimen Nr. 1 (Analgetika 2024).
Langzeitanwendung: Risiko der Toleranzentwicklung, weniger in Kombination mit Opioiden.
Die Wirkung wird potenziert mit Tramadol/Opioiden (unklare Mechanismen).
Agranulozytose: Heiserkeit, Angina, Fieber, Rachenulzerationen, die Anzahl von «drug induced liver injury» steigt mit vermehrtem Einsatz in Europa.
Die Mortalität ist tiefer als mit Paracetamol.

Neuropathische Schmerzen

Trizyklica, SNRI, (SSRI), Pregablin, Gbapentin, Lamotrigin, Topiramate, Oxcarbazepine (Europ J Neurol 2006 ;13 :1153-1168)
30% Schmerzlinderung mit medikamentösen antineuropathischen Therapien (Pain 2022 ;163:964-974).

Trizyklische Antidepressiva
Trimipramin (Surmontil®)
Tropfen 4%: initial 5 Tropfen = 5mg abends 18h, täglich um 1 Tropfen steigern bis Nebenwirkungen oder max. 50-100mg
1. Tag – 5 Tropfen
2. Tag – 6 Tropfen
3. Tag – 7 Tropfen
4. Tag – 8 Tropfen
Etc.

Gapapentinoide

Wirkung:
• Stimmungsstabilisierung
• Verbesserung Tiefschlaf
• Anxiolyse
Nebenwirkungen
• Gewichtszunahme, Schwindel, Müdigkeit
• Periphere Ödem
• COPD-Abhängigkeit??
• Nebenwirkungen: Gewichtszunahme, Schwindel, Müdigkeit ! Periphere Ödeme! COPD ! Abhängigkeit ??, «Ruf nach irica»! Interaktionenpotential, Atemdepression, Todesfälle; «street drug»; In vielen Fällen von Pregabalin-Missbrauch wurde es nicht verschrieben – es wurde von Freunden bezogen oder auf der Strasse oder über das Internet gekauft. Die Wirkung ist sehr gut bis wirkungslos.

Antiepileptika

Vom Na Kanal-Typ
Membranstabilisierend
• Carbamazepin (Tegretol®)
• Oxcarabazepin (Trileptal®)
• Topiramat (Topamax®)
• Lamotrigin (Lamictal®)
Antiepileptika und psychiatrische Erkrankungen
Lamotrigen: antidepressiv
Carbamazepin / Oxcarbazepin: immunstabilisierend
Gabapentin / Pregabalin: anxiolytisch

Opioide

Fälle – Aktuelle Opioid-Dosierung:
Fall 1: 4 x 20 Tropfen Tramal und 4 x 1 Tbl Co-Dafalgan
Fall 2: 150 µg/h Durogesic alle 3 Tage
Fall 3: Methadon 3 x 10 mg, Durogesic 125 µg/h, Oxynorm 3 x 1 ml
Fall 4: 6 x 20 mg Morphin s.c.
Fall 5: Targin 20/10 mg 0-0-1 Fall 6: Palladon Retard 8 mg ½-0-½ Kps
Fall 7: Tramal 200 mg retard 1-0-1; Palladon 4 mg retard 1-1-1; Tramal Tropfen in Reserve
Fall 8: Oxynorm 6 x 10 mg/Tag, bezieht immer früher die Rezepte

S-3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht-tumorbedingten Schmerzen = LONTS

Wesentliche Punkte der neuen Fassung der LONTs-Leitlinie mit Empfehlungen zur Praxis der Opioidtherapie sind
• Setzen realistischer Therapieziele
• Regelmässige Überprüfung der Indikationen
• Absetzen der Opioidmedikation
• Höchstdosis von Morphiumäquivalenten (120mg/Tag) und
• Gute Patientenaufklärung

Herausforderung chronische Schmerzen

• Schmerz ist komplex: Es gibt wenig Patentrezepte – Individuelle Dosierung – Grenzen respektieren – Optimieren in kleinen Schritten – Interesse für den Patienten – Schlaf verbessern – Patient in die Verantwortung einbeziehen.
• Schmerzreduktion, Abgabe von Medikamenten – Zeit – Compliance.
• Langfristigkeit, Wirksamkeit, Gewöhnung, Grenzen respektieren.
• Medikamente allein genügen nie – es braucht zusätzlich körperliche, soziale und berufliche Aktivität

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Schlaf und Gesundheit des Gehirns

Die diesjährige Jahrestagung der Schweiz. Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizinstand stand unter dem Motto Kreative Medizin, Erneuern und Weitergeben. Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in das Thema Schlaf und Hirngesundheit

Schlaf als aktiver Prozess zur Regeneration des Hirns

Wozu schlafen wir?
Dies die Eingangsfrage von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Claudio Bassetti, Dekan der med. Fakultät der Universität Bern.

Die Antworten dazu waren
– Zelle: um den zellulären Stress zu reduzieren bzw. Energie zu sparen
– Körper: Wachstum/Reparatur, Infektabwehr/Immunantwort, kardiovaskuläre Gesundheit (Parasympathikus)
– Gehirn: um toxische Substanzen aus dem Gehirn zu entfernen, um Gedächtnis und Lernen zu konsolidieren.

Der Schlaf-/Wachzyklus ist ein aktiver Prozess des Gehirns. Es gibt verschiedene neuronale Netzwerke/Neurotransmitter. Der Schlaf wird homöostatisch («Batterie», «sleep drive») und zirkadian («innere Uhr», «wake drive») durch den suprachiasmatischen Nucleus (Melatonin) reguliert. Fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung schlafen weniger als empfohlen. Zwanzig bis dreissig Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Schlafstörung (Insomnien, Hypersomnien, Parasomnien, Schlaf-Apnoe, RLS-Syndrom). Dies hat hohe Gesundheitsfolgen. Die Lebensqualität ist beeinträchtigt, die Lebenserwartung verkürzt, Leistungsfähigkeit und Resilienz sind reduziert. Es entstehen dadurch hohe Kosten (1–3 % des Bruttosozialprodukts).

Die Schlafcharakteristika über die gesamte Lebensspanne von 1.1 Mio. Personen aus den Niederlanden, Grossbritannien und den USA wurden in einem systematischen Review und Meta-Analyse von Kocevska beschrieben (Kocevska D et al. Nature Human Behaviour 2021; 5: 113–122). Schlaflosigkeitssymptome traten am häufigsten bei Menschen auf, die ≥ 9 Stunden im Bett verbrachten, während eine schlechte Schlafqualität häufiger bei Personen auftrat, die weniger als 6 Stunden im Bett verbrachten. Die TST (Total Sleep Time) war in allen Ländern ähnlich, aber die Schlaflosigkeitssymptome waren in den Vereinigten Staaten 1.5 bis 2.9mal höher. Frauen (≥41 Jahre) gaben an, kürzer oder etwas weniger effizient zu schlafen als Männer, während sie mit Aktigraphie schätzungsweise länger und effizienter schliefen als Männer.

Schlaf, Gesundheit und Schlafstörungen

Guter Schlaf

– Gehirn: metabolische Clearance, Entscheidungsfindung, Stimmungsregulierung
– Immunsystem: Bildung des immunologischen Gedächtnisses, inflammatorische Homöostase, Immunsystem-Überwachung (Tumorwachstum)
– Metabolismus: Wiederherstellung der Insulinsensitivität, Normalisierung der Grelin- und Leptin-Sekretion, Wiederherstellung des Gleichgewichts der Lipid- und Lipoproteinkonzentrationen, Wachstumshormonsekretion
– Kardiovaskuläres System: Normalisierung des Blutdrucks, arterielle Regenerierung durch Blutdruck-Dipping, Regenerierung des Herzmuskels

Schlechter Schlaf

– Gehirn: Depression, Alzheimer, Parkinson-Krankheit, Demenz, Schlaganfall
– Krebs: Brustkrebs, Kolorektaler Krebs, Prostatakrebs
– Metabolische Krankheiten: Hypertonie, Dyslipidämie, Übergewicht, Type2 Diabetes

Insomnien Klinik

– 10–20 % der Bevölkerung
– Nacht: Ein- Durchschafstörung, frühes Erwachen
– Tag: Nicht erholsamer Schlaf, Tagesmüdigkeit, kognitive, psychische Symptome
– DD: Misperzeption, Kurzschläfer
– Aetiologie: primär/idiopathisch vs. sekundär/Komorbidität
– Angststörung, Depression
– Restless Legs Syndrom
– Schlafapnoe
– Psychophysiologisch
– Andere (u.a. Medikamente, Noxen)

Insomnie Berner Studie (83 GPs)

Insomnien, Bedeutung

– Reduzierte Lebensqualität und Leistung
– Erhöhtes Risiko für Depression, Demenz, Schlaganfall und Unfälle
– Höhere Gesundheitskosten, reduzierte Produktivität

Diagnostik der Insomnie:
Anamnese, Status, Questionnaire (Insomnia Severity Index (BDI). Labor: Ferritin, Hämoglobin, TSH, Leberwerte, evtl. Aktigraphie, evtl. Pulsoximetrie, nur in selektionierten Fällen Video-Polysomnographie.
Aetiologie: Schlafhygiene, kausale Therapie (RLS, Schlafapnoe, Depression…), kognitive Verhaltenstherapie (CBT).

Pharmakotherapie der idiopathischen Insomnie
– Benzodiazepine, BDZ-Analoga (max. 4 Wochen), z. B. Zolpidem 5–10 mg, CR 6.25–12.5 mg, Triazolam 0.125–0.25 mg
– Sedierende Antidepressiva (max. 4 Wochen), z. B. Mirtazepin 7.5–30 mg, Trazodon 12.5–50 mg, Circadin retard 2 mg (> 55 j, bis 3 Monate)
– Dualer Orexin-Rezeptor-Antagonist (DORA), z. B. Daridorexant 25–50 mg (bis 12 Monate, zugelassen seit 6/2023)
– Nicht empfohlen sind Antihistaminika, Neuroleptika und Psychotherapie.

Probleme bei chronischem Hypnotika-Gebrauch
Toleranz, Abhängigkeit, Rebound, Hangover, Akkumulation (z. B. Flunitrazepam, Diazepam), Gedächtnisprobleme, Muskelrelaxation (Stürze), Atemsuppression (Schlafapnoe), Maskierung von Symptomen (z. B. Depression, RLS), Deprescribing, wie?

Therapie des Restless Legs Syndrom
Beratung (u. a. Alkohol, Kaffee, Nikotin, anti-Dopaminergika, Augmentation)
Eisensubstitution
Intermittierendes RLS. Carbidopa, Levodopa, (Start 5/100 mg)
Chronisches RLS: Gabapentin (Start 100–300 mg), Pramipexol (Start 0.125 mg), Rotigotine-Pflaster (Start 1 mg)
Resistentes RLS: Oxycodon (Start 5 mg), Tramadon (Start 50 mg).

Hypersomnien, Klinik
2–5 % der Bevölkerung, Tagesschläfrigkeit, «Schlafattacken» Schlafdauer pro 24h erhöhte (Hypersomnie), kognitive Symptome, Unfälle (20–30 % aller Unfälle).
DD: Müdigkeit/Fatigue, Apathie/Depression, Langschläfer.
Aetiologie: Schlafmanko, Schlafapnoe, Narkolepsie, andere (u.a. Medikamente).
Schläfrigkeit bei obstruktiver Schlafapnoe: Habituelles Schnarchen, Atempausen.

Hypersomnien, Bedeutung
Reduzierte Lebensqualität und Leistung (Kognition), erhöhtes Risiko für Unfälle, Demenz, Schlaganfall, kardiovaskuläre Erkrankungen, höhere Gesundheitskosten, reduzierte Produktivität.

Hypersomnien: Diagnostik und Therapie
Diagnostik: Anamnese, Status, Questionnaire (Epworth Sleepiness Score) Labor: TSH, Leber-, Nierenwerte, BSG/CRP, Aktigraphie, Videopolysomnographie, Vigilanz-Tests.
Therapie: Schlafhygiene, -extension, kausale Therapie (Schlafapnoe), pharmakologisch.
Parasomnien, Klinik
5–15 % der Bevölkerung
Komplex: Schlafwandeln, REM-Schlafverhaltensstörung
Nicht komplex: Schlafparalyse, Halluzinationen, andere
DD: Schlaf-assoziierte Epilepsie
Aetiologien: Hereditär, Neurodegenration (M. Parkinson)

Bedeutung der Parasomnien:
Eigen-/Fremdverletzung (Forensik). DD nächtliche (hypermotorische Epilepsie), Erstmanifestation einer zugrunde liegenden Hirnerkrankung (Parkinson, Demenz).

Diagnostik und Therapie:
Anamnese/Status, Videographie (evtl. Handy), Videoploysomnographie mit 10–20 EEG- Montage.
Therapie Schlafhygiene, Beratung (u.a. Alkohol, Medikamente, OSA, Sicherung), kausale Therapie (nächtliche Epilepsie). Clonazepam 0.5–2 mg, Melatonin 2–5 mg (RBD).

Grundlagen, Diagnose/Therapie Ausblick

Schlafgesundheit/Sleep Health: Dauer, Effizienz, Aufmerksamkeit/Schläfrigkeit, Atmen, ungeordneter Schlaf, Zufriedenheit, Timing, Regelmässigkeit.

Der Referent verwies abschliessend auf Neurotec, eine neu gegründete Forschungs- und Entwicklungsplattform, die am Schweiz. Institut für Translationale und Unternehmerische Medizin (SITEM) angesiedelt ist und von der Klinik für Neurologie des Inselspitals in enger Zusammenarbeit mit dem ARTORG Center for Biomedical Engineering Research betrieben wird. Bei Neurotec bemüht sich ein interdisziplinäres Team von Ärzten, Ingenieuren und Datenwissenschaftlern, diese Informationslücken zu schliessen. Neue Geräte und Methoden werden erprobt, die es erlauben, digitale Biomarker im täglichen Leben der Patienten ausserhalb des Krankenhauses zu erfassen. Ziel ist es, den individuellen Krankenverlauf eines Patienten zu überwachen und damit personalisierte Diagnostik und Therapien in einem noch nie dagewesenen Umfang zu ermöglichen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Insomnia

An der diesjährigen 26. Fortbildungstagung des Kollegiums für Hausarztmedizin (KHM) in Luzern präsentierte Dr. med. Martin Meyer, Basel, und Dr. Cristina Mitrachem, Basel, ein Seminar über das Thema Insomnie und stellten dabei einführend fest, dass es sich dabei um ein 24h-Syndrom und nicht bloss um ein Symptom handelt.

Insomnie ist eine klinische Diagnose. Es handelt sich um eine im Vordergrund stehende Beschwerde der Unzufriedenheit mit der Schlafqualität oder -quantität, verbunden mit einem oder mehreren der folgenden Symptome: Schwierigkeiten einzuschlafen, Schwierigkeiten durchzuschlafen, charakterisiert durch häufige Wachperioden oder Schwierigkeiten nach nächtlichen Wachperioden wieder einzuschlafen. Frühmorgendliches Erwachen mit der Unfähigkeit wieder einzuschlafen, so Dr. med. Martin Meyer.

Die Schlafstörung führt zu klinisch signifikantem Leiden oder Einschränkungen im sozialen, ausbildungs- und beruflichen Leben oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Die Schlafstörung tritt mindestens 3 Nächte pro Woche auf und hält mindestens drei Monate an. Sie tritt trotz ausreichender Schlafgelegenheit ein. Sie wird nicht besser erklärt und tritt nicht ausschliesslich im Rahmen einer andern Schlaf-, Wach- oder Rhythmusstörung auf. Die Insomnie ist nicht zurückführbar auf die physiologischen Effekte einer Substanz (Droge oder Medikation) und die koexistierenden psychischen und körperlichen Erkrankungen erklären nicht das Auftreten der Insomnie.

Dr. med. Meyer stellte das psychologische Insomnie-Modell nach Morin CM 1993 vor (Abb. 1).

Er nannte als Problem 1 das Bett als Stressor (Wut, Anspannung, Grübeln, Angst, Ärger, Wachsein). Das ­Problem 2 ist die Erniedrigung des homöostatischen Schlafdrucks. Die zirkadiane Rhythmik und die Schlafhomöostase sind zwei Hauptkomponenten der Schlaf-Wach-Regulation. Das fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel dieser zwei oszillatorischen Prozesse erlaubt dem Menschen optimale Aufmerksamkeit während des Wachseins am Tag und konsolidierten Schlaf in der Nacht. Kleine Abweichungen im Zusammenspiel beider Prozesse führen zu Aufmerksamkeits- und Schlafstörungen.

Insomnia Severity Index Fragebogen

Der Fragebogen umfasst die folgenden 5 Punkte: Einschätzung der Schwere der Schlafstörung in den letzten beiden Wochen, Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Schlaf, Auswirkung der Schlafstörung auf die Lebensqualität, Sorge um die momentane Schlafstörung mit jeweils 4 Schweregraden (gar nicht – 0 Punkte, bis sehr schwer – 4 Punkte). Cut Off: 10 Punkte, 15–21 mittelschwer, 22–28 schwer.

Elemente der Kognitiven Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapeutische Techniken: Stimuluskontrolle, Bettzeit-Restriktion.
Instruktionen zur Stimuluskontrolle:
1. Erst ins Bett gehen, wenn man glaubt, innerhalb von 15–20 Min. einschlafen zu können.
2. Wenn dies nicht möglich, aufstehen, Zimmer verlassen, sich anderweitig beschäftigen.
Die konsequente Durchführung führt zu Erfolgen nach 2–3 Wochen.
Des Weiteren ist ein Mittagsschlaf zu vermeiden, das Bett ist ausschliesslich zum Schlafen zu nutzen, nirgendwo sonst darf geschlafen werden, beispielsweise nicht vor dem Fernseher. Die Aufstehzeit am Morgen ist fix einzuhalten. Eine Reduktion der Schlafdauer führt zur Konsolidierung der Schlafphase. Die Wachphasen werden geringer, die Schlafeffizienz erhöht sich, die Einschlaflatenz wird verkürzt. Die Anwendung dieser Methode ist bei Vorliegen einer Psychose, bipolaren Erkrankung oder Epilepsie kontraindiziert.
Zur Durchführung der Bettzeit-Restriktion ist es erforderlich, dass die betreffende Person lediglich die durchschnittliche Schlafphase im Bett verbringt.
• Minimum: 5 h stationär, 6 h ambulant
• Restriktion am Anfang vs. Ende der Nacht, Aufstehzeiten fixieren
• Zeitfenster entsprechend dem Chronotyp planen.
Die Ziele umfassen die Erhöhung des Schlafdrucks sowie die Assoziation von Bett und Schlaf. Die Evaluation erfolgt wöchentlich und umfasst eine sukzessive Verlängerung der Zeit im Bett. Die Schlafeffizienz wird anhand folgender Kriterien beurteilt:
≥ 90 %: Zeit im Bett + 30 min
≥ 80 % und ≤ 90 %: keine Veränderung
≤ 80 %: Zeit im Bett – 30 min

1. Sitzung

Die erste Sitzung dauert 45 Minuten und beinhaltet einen persönlichen Kontakt. Im Rahmen dessen werden Hintergrundinformationen, schlafverhinderndes oder schlafstörendes Verhalten, Bildschirmzeit und Onlineverhalten, Schlafphysiologie, Schlafprotokoll der letzten 14 Tage sowie Bettzeiten und Aufstehzeiten, Einschlaflatenz, Wachzeiten nach Schlafbeginn, Zeit im Bett und Schlafzeit besprochen.
Regel 1: Die Bettzeit wird auf 6 Stunden reduziert. Ziel ist eine Zeit im Bett von 8–9 Stunden. Das Zubettgehen erfolgt, wenn man müde ist. Die Aufstehzeit ist fixiert. Die Einschlafzeit kann verschoben werden, unabhängig davon, wie schlecht die Nacht davor war. Es wird empfohlen, nicht wach im Bett zu liegen. Wenn man 20 Minuten wach ist, sollte man das Bett verlassen, bis man wieder schläfrig wird.

2. Sitzung

In der zweiten Sitzung wird ein Kurzkontakt persönlich oder telefonisch durchgeführt. Die Einschlafzeit sollte zwischen 15 und 30 Minuten vorverschoben werden und weniger als 30 Minuten betragen. Auch die Wachzeit im Bett sollte unter 30 Minuten liegen.

3. Sitzung

In der dritten Sitzung wird eine persönliche Beratung mit folgenden Empfehlungen durchgeführt:
a) Die Einschlafzeit sollte weniger als 30 Minuten betragen, genauso wie die Wachzeit im Bett. Einschlafzeit um 15–30 Minuten vorverschieben
b) Einschlafzeit > 30 Minuten oder > 30 Minuten Wachzeit im Bett. Die Einschlafzeit sollte zwischen 15–30 Minuten nach hinten verschoben werden.

4. Sitzung

Die vierte Sitzung findet persönlich statt, wobei es um eine Evaluation und die Rückfallprävention geht. Bei fehlender Verbesserung nach vier Wochen sollte eine Zuweisung an einen Schlafspezialisten mit CBT-I erwogen werden.
Komorbiditäten sind zu berücksichtigen, insbesondere OSAS, Restless-Legs-Syndrom und Parasomnien.
Circadiane Schlafstörungen können wie Insomnien aussehen, insbesondere bei jungen Patienten oder bei einem deutlichen Unterschied zwischen Arbeits- und Schulphasen einerseits und Ferien oder Wochenenden andererseits.

Patientenbeispiele

Im Rahmen der Präsentation stellte Dr. med. Mayer drei Fallbeispiele von Patienten mit Insomnie vor. Fall 1 umfasste einen jungen Erwachsenen, der durch seinen Medienkonsum nicht ausreichend Schlaf erhielt. Fall 2 zeigte eine Person, die durch Schichtarbeit in ihrer Schlafqualität beeinträchtigt wurde. Fall 3 demonstrierte eine circadiane Schlafstörung.

Zusammenfassung

• Chronische Isomnie ist ein 24 h Syndrom
• Klinische Diagnose (DSM-V, ICD-11) mit Behandlungsbedarf
• Stress und Hyperarrousel als Modell für die Einleitung und Aufrechterhaltung der Insomnie mit oder ohne Grunderkrankung
• Therapie 1. Wahl bei Erstkontakt: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Therapie 2. Wahl: KVT und Medikation → Schlafspezialisten
https://prodormo.ch/clubdesk/www?p=1000056
• Therapieoption für Grundversorger: Brief Behavioral Treatment for Insomnia (BBT-I) und Medikationsempfehlungen, Rückfallprophylaxe
• Digitale Gesundheitsanwendungen (DIGA) sind evidenz­basiert und werden auch teilweise von Kostenträgern übernommen. (Beispiel CH: Somnio ist Medizinalprodukt https://somn.io)
• Gemeinsame Erwartungen bewältigen: kleine, aber stetige Schritte, weil die Therapie einer chronischen Insomnie ein unspezifischer, aber effektiver Faktor für körperliches und psychisches Wohlbefinden ist.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Infektiologie: Therapie im Wandel

Antimikrobielle Resistenzen sind eine grosse Gefahr für die öffentliche Gesundheit, stellte PD Dr. med. Andreas Plate, MSc vom Institut für Hausarztmedizin am Universitätsspital Zürich im Seminar mit Hausärztin Dr. med. Hanni Bartels, Küssnacht, fest.

Die WHO hat unter den zehn grössten Bedrohungen der globalen Gesundheit die antimikrobielle Resistenz nach Luftverschmutzung und Klimaveränderungen, den nicht übertragbaren Krankheiten, der Bedrohung durch eine Influenza-Pandemie sowie fragilen und gefährdeten Situationen an fünfter Stelle gelistet. Das beste Mittel gegen steigende Resistenzen ist, kein Antibiotikum einzusetzen, so der Referent.

Fall

Frau Dr. Bartels präsentierte einen Fall aus ihrer Praxis, der eine 28-jährige nicht schwangere Frau betraf. Die persönliche Anamnese ergab, dass die Patientin keine Operationen hatte, keine täglichen Medikamente einnimmt und seit drei Jahren in einer festen Partnerschaft lebt.

Klinik

Seit drei Tagen besteht eine Dysurie und Pollakisurie. Der Abdomen ist weich, wobei eine leichte Druckdolenz suprapubisch zu verzeichnen ist. Eine Abwehrspannung ist nicht festzustellen, ebenso wenig ein Peritonismus. Die Körpertemparatur ist normal, und es bestehen keine Klopfdolenz oder Flanken- oder Rückenschmerzen.

Diagnostik

Urinstatus: Lc +++, Erys ++, Nitrit +++. BB: Lc 9.8, leichte ­Granulozytose, CRP 17.
Urinkultur: E. coli 105 KBE/ml (pansensible).

Unkomplizierte Zystitis ohne Antibiotika

Wer kennt die nationalen Guidelines?
Welches ist Ihr First-Line Antibiotikum?
Wer hat schon einmal eine akute, unkomplizierte Harnwegsinfektion (HWI) ohne Antibiotikum behandelt?
Bei wem ist eine Therapie ohne Antibiotikum erste Wahl bei Patienten mit einem unkomplizierten HWI? So lauteten die Fragen der Referenten.

Antibiotika-sparende Therapieansätze im Zeichen der Antibiotikaresistenz

Untere HWI:
Bis zur Hälfte der Harnwegsinfektionen heilen spontan ab (allerdings beschleunigen Antibiotika den Heilungsprozess um 1–2 Tage).
Eine unbehandelte Zystitis scheint das Risiko einer Progression zur Pyelonephritis nicht signifikant zu erhöhen.
Für ausgewählte Patienten können zuerst Antibiotika-sparende Ansätze versucht werden.
Keine Vorgeschichte einer Pyelonephritis.
Symptomdauer ≤ 5Tage.

Häufige komplizierende Faktoren und Risikofaktoren für einen komplizierten Verlauf in der Hausarztpraxis:

Alle HWI bei Kindern, Männern und Schwangeren.
Funktionelle oder anatomische Besonderheiten, Z. n. OP.
Immunsupprimierte Patient/-innen.
Fieber und Flankenschmerzen.
Urologische Behandlung bei Nierensteinen innerhalb der letzten zwei Wochen:
• Anlage eines Urinkatheters.
• Entlassung aus dem Krankenhaus oder dem Pflegeheim.
• Antibiotikatherapie in den letzte zwei Wochen
• renale Erkrankung
Welche Patientengruppen eignen sich für eine primärsymptomatische Behandlung? Junge und ansonsten gesunden Patienten mit unkomplizierten Harnwegsinfektionen. Bei komplizierten Harnwegsinfektionen oder Hinweisen auf komplizierende Faktoren, älteren Patienten (> 65 Jahre), Patienten mit eingeschränktem Allgemeinzustand, Patienten mit stark erhöhtem CRP, Pyelonephritis in der Vorgeschichte, Patienten mit Fieber sowie Patienten mit Symptomen, die länger als fünf Tage andauern, sollte eine antibiotische Therapie erfolgen.
Aus einer Publikation aus dem Jahr 2019 (Gharbi M et al. BMJ 2019;364: l525) geht hervor, dass bei älteren Patienten, bei denen in der Primärversorgung eine Harnwegsinfektion diagnostiziert wurde, keine Antibiotika und aufgeschobene Antibiotika im Vergleich zur sofortigen Antibiotikagabe mit einem signifikanten Anstieg der Blutstrominfektionen und der Gesamtmortalität verbunden war. Vor dem Hintergrund der Zunahme von Escherichia coli-Blutstrominfektionen in England wird eine frühzeitige Einleitung der empfohlenen Erstlinien-Antibiotika bei Harnwegsinfektionen in der älteren Bevölkerung befürwortet.

Empirische Therapie

Zystitis
Erstlinien-Therapie: Nitrofurantoin, po 100 mg alle 8 h für 5 Tage oder Trimethoprim /Sulfamethoxazol (TMP/SMX) pro 160/80 mg alle 12 h für 3 Tage.
Zweitlinien-Therapie: Fosfomycin po 3 g (Einmaldosis) oder Norfloxacin po 400 mg alle 12 h für 3 Tage oder Cefuroxim po 500 mg alle 12 h für 3 Tage oder Amoxicillin/Clavulansäure po 500/125 mg alle 8 h für 3 Tage.

Fazit

Bei Patienten mit einer unkomplizierten Harnwegsinfektion kann eine symptomatischer Therapieversuch vor einer (sekundären) antibiotischen Therapie erfolgen.
Antibiotika-sparende Therapieansätze werden in den nationalen (SSI-) Guidelines empfohlen.
Achten Sie auf die richtige Identifizierung der Patienten, bei welchen Sie diese Therapie durchführen.
Aufklärung und Beratung. Viele Patienten sind darüber froh, keine Antibiotika einnehmen zu müssen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Neuer Behandlungsstandard für HER2-low und HER2-ultralow bei mBC?

Die Behandlung des metastasierenden Brustkrebses (mBC) bleibt anspruchsvoll. Die auf der ASCO-Jahrestagung 2024 in Chicago vorgestellten Forschungsergebnisse liefern neue Erkenntnisse über HER2*-low Brustkrebs, darunter auch einen neuen potenziellen Behandlungsstandard (1). Die Phase-3-Studie DESTINY-Breast06 (DB-06) vergleicht die Therapie mit Trastuzumab-Deruxtecan (T-DXd) mit der Chemotherapie nach Wahl des Arztes (ChT) bei Patientinnen mit HR*-positiven HER2-low oder HER2-ultralow mBC unter vorheriger endokriner Therapie (1). Die Studie könnte T-DXd nun als Standardbehandlung nach ≥ 1 endokrinen Therapien bei HR-positiven mBC-Patientinnen mit HER2-low und -ultralow etablieren (1).​

Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebsart bei Frauen und allein in der Schweiz werden jährlich mehr als 6500 Frauen mit der Erkrankung diagnostiziert (2, 3). Der Expressionsstatus von Hormonrezeptoren wie ER* und PR*, sowie von HER2 sind für die Behandlungsstrategie von zentraler Bedeutung, denn sie bieten Auskunft über die Anwendbarkeit zielgerichteter Wirkstoffe. Angesichts der gesteigerten Wirksamkeit neuer HER2-gerichteter Therapien, stellt sich die Frage, wo die therapeutisch relevante Grenze zwischen niedrig und ultraniedriger Expression verläuft.

HER2-Expression

Die Leitlinien der American Society of Clinical Oncology (ASCO) und dem College of American Pathologists (CAP) definieren die aktuelle Bestimmung des HER2-Status (4, 5). Die HER2-Expression auf der Oberfläche der Krebszellen wird mittels immunhistochemischer Färbung (IHC) sichtbar gemacht und mit einem vierstufigen Score von 0 bis 3 + bewertet. Zudem kann mithilfe von In-situ-Hybridisierung (ISH) untersucht werden, ob eine HER2-Genamplifikation vorliegt. Somit zeigen etwa 15–20 % aller Brusttumore eine starke HER2-Überexpression, die den Einsatz zielgerichteter Therapien erlauben (6). Doch mittlerweile wurde gezeigt, dass auch Patientinnen mit niedriger HER2-Expression (HER2-low) von signifikant verlängerten progressionsfreien Überleben (PFS) und Gesamtüberleben (OS) im Rahmen einer HER2-gerichteten Antikörper-Therapie in Vergleich zu ChT profitieren können (7).

T-DXd auch bei HER2-ultralow

Am diesjährigen ASCO wurden diverse Forschungsergebnisse zum Thema HER2-low mBC vorgestellt (1, 8–10). Unter anderem wurden primäre Daten zur DESTINY-Breast06 präsentiert, in der 866 HR-positive Patientinnen (HER2-low: n = 713; HER2-ultralow: n = 153) eingeschlossen und 1 : 1 zu T-DXd 5.4 mg/kg oder ChT randomisiert wurden (1). Eine HER2-low Erkrankung war definiert durch einen IHC-Score von 1 + oder 2 + mit einem negativen ISH-Ergebnis, und eine HER2-ultralow-Krankheit durch einen IHC-Score von 0 mit Membranfärbung in 10 % der Tumorzellen oder weniger. Die Patientinnen hatten zuvor keine ChT für mBC erhalten, waren jedoch je nach Krankheitsprogression mit mindestens einer endokrinen Therapie behandelt worden. Eine erste Zwischenanalyse zeigte eine mediane Behandlungsdauer von 11 Monaten (T-DXd) gegenüber 5.6 Monaten (ChT), mit einem medianen Follow-up von 18.2 Monaten. Der primäre Endpunkt PFS betrug bei HER2-low Patientinnen unter T-DXd median 8.1 Monate im Vergleich zu 13.2 Monaten unter ChT, was einer signifikanten Verbesserung entspricht (HR: 0.62 (95 % CI 0.51, 0.74), P < 0.0001). Auch die Ergebnisse der HER2-ultralow Patientinnen waren mit den Daten der HER2-low Patientinnen konsistent. Bei dieser ersten Zwischenanalyse wurde das OS noch nicht bewertet. Die Sicherheit war in beiden Gruppen vergleichbar, wobei bei 40.6 % der Patientinnen in der T-DXd-Gruppe unerwünschte Ereignisse vom Grad ≥ 3 auftraten (31.4 % bei der ChT-Gruppe).

Fazit

Primäre Daten der DESTINY-Breast06 zeigen einen statistisch signifikanten und klinisch bedeutsamen PFS-Vorteil von T-DXd gegenüber ChT bei HER2-low und HER2-ultralow mBC. Auf Grundlage dieser Daten könnte sich T-DXd als Standardbehandlung nach ≥ 1 endokrinen Therapien bei mBC-Patientinnen mit HR-positiven HER2-low und -ultralow etablieren. Es bleibt jedoch noch offen, wie dies in der Klinik umgesetzt werden soll, da die IHC für niedrige HER2-Expressionen einen grossen Interpretationsspielraum birgt (11, 12).

red.

* Abkürzungen
ER Estrogenrezeptor
HER2 humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor 2
HR Hormonrezeptor
PR Progesteronrezeptor

Literatur
1. Curigliano, G., et al. LBA1000. Trastuzumab deruxtecan (T-DXd) vs physician’s choice of chemotherapy (TPC) in patients (pts) with hormone receptor-positive (HR+), human epidermal growth factor receptor 2 (HER2)-low or HER2-ultralow metastatic breast cancer (mBC) with prior endocrine therapy (ET): Primary results from DESTINY-Breast06 (DB-06). Presented at the ASCO 2024, May 31 – June 4, Chicago. Journal of Clinical Oncology, 2024. 42(17): p. Suppl.
2. International Agency for Research on Cancer (IARC). https://gco.iarc.fr/today/data/factsheets/cancers/20-Breast-fact-sheet.pdf. .
3. Krebsliga Schweiz. Krebs in der Schweiz: wichtige Zahlen. Massgeblicher Zeitraum 2016 – 2020. Stand Dezember 2023.
4. Wolff, A.C., et al., Human Epidermal Growth Factor Receptor 2 Testing in Breast Cancer: American Society of Clinical Oncology/College of American Pathologists Clinical Practice Guideline Focused Update. Arch Pathol Lab Med, 2018. 142(11): p. 1364-1382.
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6. Exman, P. and S.M. Tolaney, HER2-positive metastatic breast cancer: A comprehensive review. Clin. Adv. Hematol. Oncol, 2021. 19: p. 40-50.
7. Modi, S., et al., Trastuzumab deruxtecan in previously treated HER2-low advanced breast cancer. New England Journal of Medicine, 2022. 387(1): p. 9-20.
8. Molinelli, C., et al. Abstract 532 Dose-dense adjuvant chemotherapy in patients with HER2-low early breast cancer: An exploratory analysis of the GIM2 trial. Abstract at the ASCO 2024, May 31 – June 4, Chicago. Journal of Clinical Oncology, 2024. 42(17): p. Suppl.
9. Qureshi, Z., et al. Abstract 1034 Safety and efficacy of trastuzumab deruxtecan for metastatic HER2+ and HER2-low breast cancer: An updated systematic review and meta-analysis of clinical trials. Abstract at the ASCO 2024, May 31 – June 4, Chicago. Journal of Clinical Oncology, 2024. 42(17): p. Suppl.
10. Chong, E., et al. Abstract 599 Evaluating the efficacy of neoadjuvant endocrine therapy in HER2 low vs. HER2 negative breast cancer: An NCBD analysis. Abstract at the ASCO 2024, May 31 – June 4, Chicago. Journal of Clinical Oncology, 2024. 42(17): p. Suppl.
11. Robbins, C.J., et al., Multi-institutional Assessment of Pathologist Scoring HER2 Immunohistochemistry. Mod Pathol, 2023. 36(1): p. 100032.
12. Fernandez, A.I., et al., Examination of Low ERBB2 Protein Expression in Breast Cancer Tissue. JAMA Oncol, 2022. 8(4): p. 1-4.

Tendenzen bei Menstruationssymptomen

Tendenzen bei Menstruationssymptomen, Vermeidung von körperlicher Aktivität und Verwendung hormoneller Verhütungsmittel in einer Allgemeinbevölkerung erwachsener Frauen

Zyklische Veränderungen der Sexualsteroidhormone werden durchwegs für negative körperliche und psychische Symptome während des Menstruationszyklus verantwortlich gemacht (1–6).

Da die Beteiligung von Frauen an Elite- und Leistungssportveranstaltungen so hoch ist wie nie zuvor (2, 6), wurde das Hauptaugenmerk berechtigterweise auf die Ermittlung der vorherrschenden Probleme gerichtet, mit denen Gelegenheits- (1, 7) und Spitzensportlerinnen zu kämpfen haben (2, 4, 5). Derartige Forschungsdesigns haben sich in der Folge auf sechs Hauptthemen konzentriert: i) Ermittlung der Prävalenz der Verwendung hormoneller Verhütungsmittel (1, 2, 5, 7), ii) Hervorhebung der berichteten Symptome im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus und hormonellen Verhütungsmitteln (1–4], 6, 8), iii) Verständnis allgemeiner Wahrnehmungen und Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus und der Verwendung hormoneller Verhütungsmittel (1, 4, 7, 8–10), iv) herauszufinden, ob es tatsächlich Unterschiede in der körperlichen Leistungsfähigkeit zwischen natürlich auftretenden Menstruationsphasen (11) oder zwischen natürlich menstruierenden Teilnehmerinnen und Anwenderinnen hormoneller Verhütungsmittel gibt (12), v) die Prävalenz menstruationsbedingter Störungen zu ermitteln (6, 13–15) und vi) die Art der Unterstützungs- und Bildungssysteme (2) in Sportgruppen zu verstehen. Obwohl es sich um wichtige und weit verbreitete Themen in der heutigen Gesellschaft handelt, wurde ein grosser Teil dieser Studien an hochspezialisierten Stichproben durchgeführt, darunter Leistungssportler im Kraftdreikampf (1), Gewichtheben (4), Klettern (4) und Rugby (1, 2), Fussball (2, 5, 10), Ausdauerlauf (3, 5), 13), Leichtathletik (5), Turnen (6), Tanzen (15) und Schwimmen (14). Daher ist es schwierig festzustellen, ob ähnliche Ergebnisse zu solchen Fragen und Themen in einer breiteren, nicht-sportlichen Bevölkerungsgruppe auftreten würden.

Da Profi- und Elitesportler nur eine Minderheit der weltweiten Population menstruierender Personen ausmachen, ist es für die aktuelle Forschung unerlässlich, Teilnehmer einzubeziehen, die für die allgemeine Bevölkerung repräsentativer sind. Der Fragebogen zielte darauf ab, Daten aus einer überwiegend jungen und allgemeinen Bevölkerung zu sammeln, da diese Stichprobe eine bessere Extrapolation der Ergebnisse auf eine breitere Bevölkerungsbasis ermöglichen würde, die in der sportwissenschaftlichen Forschung häufig als experimentelle Stichprobenpopulation verwendet wird (4, 7), 13).

Die Forschung, die sich mit den Symptomen und Nebenwirkungen des Menstruationszyklus auf die Leistung und Teilnahme an körperlichen Aktivitäten befasst, hat sich fast ausschliesslich auf Elite- und Sportpopulationen konzentriert. Ziel der aktuellen Studie war es, i) Unterschiede in den symptomatischen Erfahrungen mit dem Menstruationszyklus zwischen Anwenderinnen und Nicht-Anwenderinnen hormoneller Verhütungsmittel zu ermitteln, ii) Einblicke in die Anwendung hormoneller Verhütungsmittel zu gewinnen, iii) die wahrgenommenen symptomatischen Einflüsse auf die körperliche Aktivität zu beschreiben und iv) den wahrgenommenen Wissensstand und das Verständnis für den Menstruationszyklus zu ermitteln. Ein Online-Fragebogen wurde von 881 erwachsenen Frauen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren ausgefüllt. Die Items des Fragebogens bezogen sich auf die Verwendung hormoneller Verhütungsmittel, das gewohnte Mass an körperlicher Aktivität, Erfahrungen und Symptome des Menstruationszyklus sowie Informationsquellen, die zu Wissen und Verständnis über den Menstruationszyklus führen.

Mehr als die Hälfte aller Teilnehmerinnen (52 %) gaben an, in der Freizeit aktiv zu sein, und die am häufigsten genannten Menstruationssymptome waren Unterleibskrämpfe, Lethargie, Blähungen, Schmerzen im unteren Rücken und starke Blutungen. Von allen Befragten nahmen 48,1 % eine Form der hormonellen Empfängnisverhütung in Anspruch, davon 66 % eine Variante der kombinierten Antibabypille.

In Übereinstimmung mit früheren Studien litten 90 % der Befragten regelmässig unter unerwünschten Menstruationssymptomen, darunter Unterleibskrämpfe, Lethargie, Blähungen, Rückenschmerzen und starke Blutungen.

Menstruationsbeschwerden wurden häufig als einflussreiche Faktoren für die Vermeidung von körperlicher Betätigung und die Verringerung der Leistungsfähigkeit genannt. Fast die Hälfte aller Teilnehmerinnen benutzte irgendeine Form der hormonellen Empfängnisverhütung, ein deutlich grösserer Anteil als in früheren Studien mit nicht-sportlichen Bevölkerungsgruppen dokumentiert wurde.

Schlussfolgerung

In der aktuellen Studie verwendete fast die Hälfte der Teilnehmerinnen eine Form der hormonellen Verhütung – die meisten von ihnen nahmen eine kombinierte orale Verhütungspille. Dies ist zwar ein deutlich höherer Anteil als in früheren Studien, in denen nicht-sportliche Bevölkerungsgruppen untersucht wurden, doch bestand die Stichprobe aus einer überwiegend jungen, gebildeten und in der Freizeit aktiven Bevölkerung. Unterleibskrämpfe wurden von über 90 % der Teilnehmerinnen regelmässig als Symptom des Menstruationszyklus empfunden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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