Neues aus der Infektiologie

Einer der Hauptvorträge am KHM 2022 beschäftigte sich mit neuen Aspekten aus der Infektiologie, die für die tägliche Praxis relevant sind. Antibiotikafreie Therapien, sexuell übertragene Infektionen, die HPV-Impfung und Corona plus Umgang mit Impfskepsis waren die Themen, die Prof. Dr. med. Philipp Tarr, Basel, ansprach.

Unnötige Antibiotika vermeiden

80% - 90% aller Antibiotika werden in der Praxis, nicht im Spital, eingesetzt. Der Mythos der Spital-Bakterien (exogene Akquisition von resistenten Bakterien) ist überholt. ESBL und andere werden in der Praxis gleich häufig wie im Spital übertragen. Eine endogene Kolonisation existiert oft monatelang, die Keime können durch Antibiotikatherapie herausselektioniert werden. 50% dieser Antibiotika sind nicht indiziert, zu breit und zu lang gegeben. Die ambulante Medizin ist zunehmend im Fokus was Antibiotika Resistenzentwicklung betrifft. Die Schweizer Guidelines erlauben seit September 2019 eine primär antibiotikafreie Behandlung der Streptokokken-Angina. Bei Streptokokken-Angina und Scharlach gibt es seit Mai 2020 keinen Schulausschluss mehr.

Behandlung der Streptokokken-Angina

Die Schweizer Guidelines erlauben seit Sept. 2019 eine primär antibiotikafreie Behandlung. Bei Streptokokken-Angina und Scharlach seit Mai 2020 kein Schulausschluss mehr gemäss der Vereinigung der Kantonsärztinnen und -ärzte der Schweiz. Empfehlungen für den (vor)schulischen Ausschluss bei übertragbaren Krankheiten und Parasitosen.

Zystitis Diagnose und Therapie

Alarmzeichen? Flankenschmerz, Flankenklopfdolenz, Fieber, schlechter AZ, Erbrechen, Leukozytose, erhöhtes CRP, bereits Pyelonephritis durchgemacht und angeborene Nierenabnormität.
Falls Alarmzeichen nicht vorhanden: Zystitis: Wünscht Patientin eine antibiotikafreie Therapie, kommt sie dafür in Frage? Wenn nein werden Antibiotika eingesetzt, wenn ja antibiotikafreie Therapie. Falls Alarmzeichen vorhanden: Pyelonephritis. Bei Vorhandensein einer Pyelonephritis sollen Antibiotika eingesetzt werden.

Rezidivierende Dysurie, Pollakisurie

Anamnese, Untersuchung
Vertrauensvolle Beziehung Arzt/Ärztin Patientin, persönliche /psychologische Aspekte. Sexuelle Faktoren (intensiver Sex, neuer Freund, Insuffizienz, vaginale Lubrikation)
Intimhygiene (exzessives Scheuern/Waschen mit Seifen, evtl. Fixierung auf dieses Thema)
Trinkmenge, vaginale Trockenheit, Vulva-Untersuchung (Herpes, andere Läsionen)

Alarmzeichen

Über 75-jährig, bekannte urologische Probleme, angeborene Nierenabnormalität, immunsupprimiert, schwanger, Leukozytose, erhöhtes CRP, bereits durchgemachte Pyelonephritis.
Falls nein: Antibiotikafreie Therapie möglich, falls ja antibiotikafreie Therapie nur zurückhaltend (als Pyelonephritis behandeln, falls schlechter AZ oder Flankenschmerz, klopfdolent).
Keine Alarmzeichen: auch bei einer rezidivierenden Zystitis ist eine antibiotikafreie Therapie möglich.
Behandlungsoptionen: Mehr trinken, optimale, vaginale Lubrikation beim Sex, schonende Intimhygiene, vaginale fettende Gele, Öle, Crèmen, allenfalls topisches Östrogen, Meditation, Entspannung, Stressreduktion, Akkupunktur, phytotherapeutische, komplementärmedizinische Produkte, vaginale/orale Probiotika, D-Mannose, Methenamin, Urinkultur, radiologische/urologische Abklärung, Antibiotikaprophylaxe (evtl. primär postkoital).

Pneumonie: gewisse Pat. Antibiotikafrei behandeln?

Was haben wir bei Covid gelernt: zu vermeiden, dass wir immer Antibiotika geben, sondern nur bei dichten Infiltraten («Konsolidationen»), CRP <30? Neutropenie >7800 (+ «nach Gefühl»).
Faktoren, die eine bakterielle Pneumonie nahelegen:
Hyperakuter Beschwerdebeginn, septischer Schock, keine viralen Symptome (Ein-Etagen Symptomatik ohne Schnupfen, Halsweh, rote Konjunktiven). Initial milde Symptomatik, es ging sekundär schlechter («bakterielle Superinfektion»), Leukozyten >15000, <6000, Linksverschiebung, dichtes oder lobäres Infiltrat, Procalcitonin ≥0.25.
Initial antibiotikafrei behandeln? Nachkontrollieren, falls keines von diesen bakteriellen Elementen, jemand im Umfeld «viral» erkrankt, «virale», also obere Atemwegs-Symptome, fleckige oder milchglasartige Infiltrate im Röntgen, Leuk.
normal oder nur minim erhöht, Procalcitonin <0.1.

Divertikulitis – Behandlung ohne Antibiotika?

Ursache unklar – dass Bakterien eine Rolle spielen, ist heute unklar (vor 20 Jahren war dies klar und alle kriegten Antibiotika). Die Klinik korreliert schlecht mit dem Schweregrad: Es braucht ein CT für die Diagnose (alternativ US oder MR). Unkomplizierte Klinik (keine Perforation, extraluminale Luft, kein Abszess: Erstepisode 3.2% werden kompliziert, 5.7% chronisch, 3% Sigma Resektion innert 6 Monaten. Komplizierte Klinik: (gedeckte/ungedeckte Perforation, Abszess). Ob es nach Erstperiode unkomplizierter Divertikulitis eine Koloskopie braucht, ist unklar. Alle anderen Koloskopien frühestens 6 Wochen nach Divertikulitis-Episode, falls keine Koloskopie in den letzten 3 Jahren.

Divertikulitis-Behandlung

Spezielle Diät-Empfehlungen (faserreich, usw.) haben keine Evidenz. Patienten dürfen essen, was sie vertragen. Keine Evidenz, dass mit Rifaximin (Xifaxan®), Mesalazin (Salofalk®), Probiotika weniger Rezidive stattfinden. Bei unkomplizierter Klinik braucht es routinemässig keine Antibiotika. Antibiotika falls immungeschwächt oder Sepsis. Bei komplizierter Klinik braucht es normalerweise Antibiotika (aber Guidelines sagen nicht welche). IV ist besser als PO, CoAmoxi 1g 1-0-1 für 7-10 Tage oder Cipro 500mg 1-0-1 plus Flagyl 500mg 1-1-1. CoAmoxi ist gleich gut bei Divertikulitis wie Cipro/Flagyl, wie in einer US-Studie gezeigt wurde. Die Beschwerden bei Divertikulitis bessern mit und ohne Antibiotika etwa gleich schnell.
Bei wem sollten wir bezüglich antibiotikafreier und ambulanter Behandlung vorsichtig sein? Alter <18 oder >80, akute Divertikulitis Episode in den letzten 3 Monaten, Antibiotika Therapie in den letzten 2 Wochen, Immunsuppression oder substanzielle Komorbiditäten oder mehr als eines der folgenden Kriterien: Axilläre T ≥380C oder <360C, Leuk. >12000/ml oder <4000/ml, Herzfrequenz >90/min, Atemfrequenz >20/min, CRP >15mg/dl (CH>150mg/l).
Die neueste randomisierte Studie bei Divertikulitis, die erstmals ambulant aber nicht verblindet – durchgeführt wurde, zeigte gleich gute Resultate mit und ohne Antibiotika.

Sexuell übertragene Krankheiten: Erreger Übersicht

  • Genitale Ulzerationen: Herpes («schmerzhaft»+ mehrere Läsionen auf gerötetem Hintergrund) >>> Syphilis («schmerzlos», oft nur eine Primärläsion)
  • Urethritis Ausfluss aus Harnröhre, Brennen beim Wasserlösen: Chlamydien («transparent») >>> Gonorrhoe («eitrig»), Mycoplasma genitalium
  • 90% asymptomatisch Pharynx und Anal: Gonokokken und Chlamydien: screenen/suchen falls Oralsex, Analsex, v.a. falls wechselnde Partner
  • Praktisch verschwunden, dort wo HPV Impfung früh eingesetzt wurde. Anogenitalwarzen: Nicht onkogene HPV-Typen (v.a. 11 und 12), epidemiologisch mit Lungenkrebs usw. assoziiert.
  • Bei jeder STI gehört welche Zusatzdiagnostik dazu? HIV Test (BAG bei jungen Frauen mit Chlamydien nicht «rentabel») Syphilis-Serologie
  • Dagegen kann man impfen: Hepatitis B, HPV bei jeder STI Blick in den Impfausweis bzgl. Hepatitis B, seit 1.7.2016 auch HPV Impfung für Männer bis 26j. bezahlt, aber nur in kantonalen Impfprogrammen.

Behandlung von Genitalherpes: episodisch vs. chronisch suppressiv:
Episodisch: Bescheidener Effekt auf Heilungsgeschwindigkeit. Nicht weniger Episoden pro Jahr. Kein Effekt auf Ansteckungsrisiko bei Partner.
Suppressiv: 4 x weniger Herpes Episoden pro Jahr. Senkung des Ansteckungsrisikos für Partner. Keine langfristigen Nebenwirkungen bekannt. Dies hat enorme Bedeutung für die individuelle und öffentliche Gesundheit. Im Jahr 2004 von den US-Behörden erstmals zugelassen zur Senkung der Übertragungen auf Sexpartner. Erfahrungsgemäss nicht oft eingesetzt aber hohes Potenzial von hoher Patient:innen-Zufriedenheit.
Ceftriaxon: 3. Generation parenterales Cephalosporin, i.m. Produkt in Lidocain auflösen. Das Pulver ist das gleiche wie i.v. aber nur das i.m. Produkt wird mit Lidocain geliefert.
Guidelines CH 20121: ohne Azithromycin =OK, i.v. Ceftriaxon OK, Dosis Ceftriaxon neu 1g.

Affenpocken-Läsionen

Fieber und Krankheitsgefühl (können fehlen) gehen dem Ausschlag typischerweise 1-2 Tage voraus. Eventuell nur 1 oder wenige Läsionen. Alle Läsionen im selben Stadium papulär – vesikulär – pustulös. Eventuell «umbilikal» mit zentraler Delle (wie Bauch­nabel), eventuell Verkrustung. Beginn meist im Gesicht + Verbreitung nach peripher (so war das früher). Heutzutage Beginn peri-oral, peri-anal, peri-genital, je nach Sexualkontakt. Übertragung 2022 fast ausschliesslich bei MSM mit multiplen Sexpartnern, via engen Kontakt: Hautläsionen < durch Sex Reibung /Mikroverletzungen beim Partner.
Zeit von der Exposition bis Ansteckung ca. 1-2 Wochen, maximal 3 Wochen. Diagnostik: PCR aus Läsion nach Genf (CRIVE), USZ schicken.
Massnahmen: Melden, Kontakt- und Tröpfchen Isolation zuhause oder Spital (wieso eigentlich?) bis alle Läsionen verkrustet, mind. 10 Tage (Kantonsarzt BS).
Epidemiologischer Zusammenhang gemäss CDC, d.h. mindestens eines der folgenden Kriterien:
Positives Affenpockenvirus (Orthopoxvirus) PCR, oder epidemiologischer Link zu bestätigtem oder wahrscheinlicher Affenpockenfall (in den 21 Tagen vor Symptombeginn), oder Reise (in den 21 Tagen vor Symptombeginn) in ein Land mit Affenpockenfällen.

HPV-Impfung

Impfen darf jeder Arzt/jede Ärztin, die Impfungen werden aber nur im Rahmen der kantonalen Impfprogramme und bis Alter 26 bezahlt.
Es gibt 2 Arten von Karzinomen im Hals-Rachen-Bereich;

  • HPV-
    Nicht durch HPV bedingte Karzinome, assoziiert mit Rauchen und Alkohol. Dort, wo weniger geraucht wird ist die Inzidenz geringer.
  • HPV+
    V.a. HPV 16 assoziiert, v.a. Zungen- und Oropharynx, Inzidenz in den letzten 30 Jahren sehr stark zunehmend. Wegen mehr Oralsex?
  • V.a Männer im Alter von 45-55 Jahren, die nicht rauchen oder trinken. Sie sprechen auf Strahlen- und Chemotherapie besser an als nicht HPV-assoziierte Karzinome. Experten erwarten, dass die Impfung ähnlich gut gegen Zervix- und vor Oropharynx-Karzinomen schützt.

Die HPV-Impfung reduziert Gebärmutterhalskrebs, wie in verschiedenen schwedischen Gesundheitsregistern gezeigt wurde. (1.67 Mio. Mädchen und Frauen, die 2006-2017 zwischen 10 und 30 Jahre alt waren. Wirksamkeit von Gardasil: 63% weniger Gebärmutterhalskrebs. Impfung vor Alter 17 Jahre: 88% weniger Gebärmutterhalskrebs, Impfung nach Alter 17 Jahre: 53% weniger Gebärmutterhalskrebs.
Kommentar des Referenten: Erstmals solide Daten, dass HPV-Impfung die Krebsinzidenz senken kann. Die bisherigen Daten zeigten, dass die HPV-Impfung Dysplasien und persistierende HPV-Infektionen reduziert.

Corona-Neuigkeiten, frisch ab Presse

Der Referent berichtete vom ersten Fall einer Katze mit COVID -19 in einer COVID-19 positiven Familie, die einem Veterinär, der sie auf die Krankheit testete, ins Gesicht nieste. Diese Fälle von Katze zu Mensch-Transmission sind vermutlich selten. Forscher betonen, dass man sich um seine Katzen kümmern und vielleicht zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit möglicherweise infizierten Katzen treffen und sie nicht aussetzen sollte.
Wird Omicron die Pandemie beenden? «Wir erleben aktuell den Übergang von der Pandemie in die Endemie. COVID-19 ist daran, dank zunehmender Immunität in der Bevölkerung zur «Erkältung», zur «Grippe» zu werden», so der Referent. Das heisst aber nicht zwangsläufig, dass die Pandemie nun zu Ende ist und dass erst im Herbst/Winter die nächste Welle kommt…
Die neue Variante BA. 4 ist noch ansteckender als BA.1 und BA.2, BA.4 ist aber weniger virulent. BA.5 ist eher etwas virulenter und befällt untere Luftwege mehr als BA.1 und BA.2.
Omikron ist ein Segen für die Ungeimpften: es ist weniger virulent als Delta war. Sehr viele Leute in der Schweiz wurden dank Omikron «natürlich» immunisiert.
Nur 89% der Schweizer Bevölkerung haben 2+COVID-Impfdosen erhalten. Das ist weniger als in anderen europäischen Ländern. Entsprechend wurden in der Schweiz mit COVID-Impfungen weniger Todesfälle verhindert als anderswo. Aber 90% der Schweizer Bevölkerung sind aktuell immunisiert (geimpft oder genesen). «Was sollte da eine Impfpflicht noch zusätzlich bringen?» fragte der Referent.

Ein paar Prognosen werden gewagt:

2+fach immunisierte Personen (geimpft und/oder genesen) sind sehr gut gegen einen schweren Verlauf geschützt (Stichwort zellvermittelte Immunität). Sie sind aber nicht gegen eine Omikron-Ansteckung geschützt (Stichwort Antikörper). Selten werden die 2+ Immunisierten künftig wegen Corona ins Spital oder sogar auf die IPS müssen. Daher wird es ab Herbst 2022 eher keine allgemeine Empfehlung für Booster geben. Der Booster wird aber im Hebst empfohlen für besonders gefährdete Personen (Alter, Komorbiditäten) und für das Gesundheitspersonal?
Omikron-spezifische Impfungen: «Ich bin nicht sicher, dass es diese wirklich braucht, und die Daten zeigen bisher nicht, dass diese Impfungen wirksamer sind als die herkömmliche Impfung. Sie wurden halt gemäss Omikron «designed» und nun haben wir bereits BA.4 und BA.5», so der Referent.
Das Coronavirus ist die Gefahr, nicht die Impfung (positive und negative Info) senkt vermutlich die Impfakzeptanz, erhöht aber das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden. Vage, beruhigende Botschaften (nur das Positive) erhöhen die Impfakzeptanz auch nicht. Sie senken das Vertrauen in die Behörden und fördern Verschwörungstheorien.

Wir dürfen und müssen abwägen

Ohne Impfung

  • mit Angst Covid zu kriegen leben müssen
  • Omikron Variante ist sehr ansteckend
  • Omikron verläuft meist mild und immunisiert mich gut gegen einen schweren Verlauf mit zukünftigen Varianten
  • Ich mag ein 1:20K – 100K Myokarditis-Risiko für meinen 17jährigen Sohn nicht akzeptieren
  • Ich bin erst 27j. und mein Risiko eines schweren Verlaufs ist weit unter 0.5%

Mit Impfung

  • Mit Angst vor seltenen Nebenwirkungen leben müssen
  • Komplikationsprofil und -Häufigkeit der mRNA-Impfungen sind nun gut bekannt nach 11 Mio. Dosen und 18 Monaten Beobachtungszeit
  • Keine Hinweise, dass mRNA Impfungen Thrombosen verursachen
  • Kein Interesse an Long COVID
  • Lust auf normales Leben (Restaurant, Ferienreise, Konzert, Theater…)
  • Ja, man kann COVID-Zertifikat als «indirekte Impfpflicht» interpretieren

Der Referent schloss mit einem Zitat aus der NZZ: Die geduldige Diskussion mit Corona-Leugnern und Putin-Verstehern sorgt für Inklusion. Nur wer abweichende – und seien es verrückte – Meinungen zulässt, kann auf nachhaltige Legitimation rechnen (Gujer, NZZ 25.5.2022).

Quelle: KHM, KKL Luzern, 30.6. 2022 Hauptvortrag Prof. P- Tarr

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Sind Co-Agonisten die Zukunft?

Trotz gewisser Fortschritte ist bei der Diabetestherapie noch Luft nach oben. Interessant sind neue Strategien, nämlich die Co-Agonisten, genauer gesagt die Twin- und Trincretine. Diese innovativen Substanzen werden die Therapie des Typ-2-Diabetes wesentlich bereichern.

«Nach der Einführung der DPP4-Inhibitoren, der SGLT2-Hemmer und der verbesserten GLP-1-Agonisten stellt sich die Frage: Wie geht es weiter in der Diabetologie? Welche neuen Therapiestrategien sind in Entwicklung?», so Professor Marc Donath, Basel.

Twin- und Trincretine: Inkretinprofil wie nach bariatrischer Operation

Twincretine sind Substanzen, bei denen in einem Molekül Agonisten zweier Inkretinrezeptoren eingebaut sind, bei drei Agonisten spricht man von Trincretinen. Die Idee, in einem Molekül Agonisten mehrerer Inkretinrezeptoren zu «verbauen», wird schon seit über zehn Jahren verfolgt. Bei der Synthese solcher Peptide sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, es sind bis zu drei Inkretine möglich, das heißt es können bis zu drei Rezeptoren aktiviert werden. Davon erwarte man sich eine gesteigerte Wirksamkeit bzgl. Blutzuckersenkung aber auch einen zusätzlichen Benefit im Hinblick auf Begleiterkrankungen wie z.B. die nicht-alkoholische Fettleber und die Adipositas. In gewisser Weise ahmen solche Twin- und Trincretine auch das Inkretinprofil nach einem bariatrischen Eingriff nach, wo es neben der Kalorienerestriktion auch zu weitergehenden appetithemmenden und blutzuckersenkenden Effekten durch die veränderten anatomischen Verhältnissen kommt.

Erste Daten sind vielversprechend

Twincretine, für die bereits klinische Daten vorliegen, sind der GLP-1-/Glucagon-Agonist Cotadutide und der GLP-1-/GIP-Agonist Tirzepatide. «Diese Substanzen haben das Potential, bei adipösen Typ 2-Diabetikern eine klinisch bedeutsame Verbesserung von Blutzucker und Körpergewicht zu bewirken», so Donath. Der GIP/GLP-1-Agonist Tirzepatide wurde zunächst mit Dulaglutid und Placebo verglichen. Es zeigte sich eine stärkere Gewichtsabnahme unter dem Twincretin (-11,3 kg vs. -2,7 kg). Bzgl. gastrointestinaler Nebenwirkungen gab es keine relevanten Unterschiede zwischen den beiden Verum-Gruppen.
In einer neuen Studie wurde Tirzepatide mit dem Basalinsulin Glargin 100U/l bei 1.995 Typ-2-Diabetikern, die nicht optimal eingestellt waren und ein hohes kardiovaskuläres Risiko trugen, verglichen. Nach 52 Wochen zeigte sich unter 15 mg Tirzepatide ein signifikanter HbA1c-Abfall von 2,58 %, in der Glargin-Gruppe waren es nur 1,44%. Nebenwirkungen (Nausea, Durchfall, Appetitabnahme, Erbrechen) traten unter Tirzepatide häufiger auf, Hypoglykämien aber seltener (9 % vs. 19 %). Bei einer entsprechenden Adjustierung traten MACE-4-Ereignisse (kardiovaskulärer Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall, instabile Angina pectoris) in beiden Gruppen gleich häufig auf (3 % unter Tirzepatide vs. 4 % unter Glargin). Es werden verschiedene potenzielle Interaktionen diskutiert, über die es mit den beiden «Inkretinschenkeln» zu dem eindrucksvollen Netto-Effekt kommen könnte: GIP verstärkt die Aktivität von GLP-1, GLP-1 sensibilisiert den GIP-Rezeptor, GIP desensibilisiert den GIP-Rezeptor.
«Bei aller gebotenen Vorsicht, beide Twincretine bedeuten einen echten Fortschritt in der Diabetestherapie und angesichts der überzeugenden Studiendaten wird eine Zulassung für Tirzepatide für Ende dieses Jahres erwartet», so Donath. Die vorliegenden Daten signalisieren, dass die Zeit der lieb gewonnenen basalen Insulinierung allmählich zu Ende geht und diese Strategie durch die neuen Modalitäten nämlich die Twincretine ersetzt werden dürfte. Die spannende Frage aber ist, ob sich die neuen Twincretine vom besten derzeit verfügbaren GLP-1-Agonisten Semaglutid absetzen können. Und werden Triple-Agonisten noch besser wirken?

Dr. med.Peter Stiefelhagen

Dreissigjähriges Jubiläum des European Center for Pharmaceutical Medicine (ECPM)

Am 20. Juni feierte das European Center for pharmaceutical Medicine der Medizinischen Fakultät der Universität Basel sein dreissig­jähriges Bestehen. «Woher kommen wir, wohin gehen wir?» das entsprechende Bild von Paul Gauguin aus dem Jahre 1887 bildete den Einstieg des Vortrags von Prof. Dr. med. Thomas Szucs, der einen Überblick über die Personen, die hinter dem ECPM stehen, die Meilensteine des ECPM, die Expansion der Disziplin Pharmazeutische Medizin und einen Blick in die Zukunft des ECPM machte, getreu dem Motto Winston Churchills «the more we look back, the more we look into the future».

Das ECPM hatte eine sehr geringe Fluktuationsrate. Es gab über die 30 Jahre nur 2 Kursdirektorinnen, Dr. Ruth Amstein und Dr. Annette Mollet, nur 4 Administratoren und auch nur zwei Direktoren, Fritz R Bühler und Thomas D. Szucs.
Der Ursprung des ECPM fällt in das Jahr 1989 als Robert O’Neill Chefstatistiker beim Center for Drug Evaluation and Research, CDER FDA nach Basel kam, mit der Idee einen Kurs zu regulatorischen Themen zu entwickeln. Der Fokus sollte auf der Information europäischer Wissenschaftler über die Tätigkeiten des FDA sein. Da Basel das europäische Zentrum für pharmazeutische Forschung und Entwicklung ist, hatte Prof. Fritz R. Bühler die Idee die Beziehungen zwischen Universität und Industrie zu fördern durch qualitative hochstehende Ausbildung auf neutralem akademischem Boden. Nach einem grossen Erfolg mit dem ersten Kurs starteten Fritz Bühler und Dr. Ruth Amstein den ECPM Kurs im Jahre 1991 und entwickelten ein Zweijahrescurriculum – der ECPM Kurs war geboren. Der Kurs war Teil der postgradualen Ausbildung an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel und Partner von EUCOR, dem Europäischen Campus der Universitäten Basel, Freiburg i.Br. und Strasbourg. Der Kurs führte zu einem EUCOR Zertifikat, welches mit der Einführung des Bologna Systems zu einem postgradualen Diplom aufgewertet wurde.

1995 wurde der Facharzttitel «Pharmazeutische Medizin» eingeführt und 1997 erfolgte die die Übergabe des Kursdirektorats von Dr. Ruth Amstein an Dr. Annette Mollet. 2003 wurde die Forschungsgruppe unter der Leiting von Prof. Matthias Schwenkglenks gegründet.
Ein Meilenstein in der Geschichte des ECPM war die Integration des ECPM als Institut an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel und die Einweihung der Professur für Pharmazeutische Medizin und die Wahl von Thomas D. Szucs am Departement «Public Health» der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. 2009 erfolgte die Teilnahme an einem Europäische Forschungsprojekt «Benchmarking of patient -reported pain outcomes after surgery«, welches immer noch fortgeführt wird. 2012 wurde das ECPM als Pharmatrain Center of Excellence» ausgezeichnet. (Pharmatrain ist ein Netzwerk von öffentlichen und privaten Partnern, das seine Aktivitäten als ein Projekt der Innovative Medicines Initiative, IMI) gestartet hat und seit 2014 zu einer dauerhaften gemeinnützigen Organisation geworden ist Sie bewertet Kurs und Kursanbieter aus der ganzen Welt , und bietet die höchste Anerkennung, die in der Ausbildung der Medizinentwicklung verfügbar ist). Das ECPM hat auch Schwesterstudiengänge etabliert. Seit 2016 führt das ECPM Schwesterkurse mit der George Washington University und ebenfalls einen chinesischen Schwesterkurs durch. Im Jahre 2021 wurde Matthias Schwenkgelenks Forschungsgruppenleiter am Departement «Public Health» der der Medizinischen Fakultät.

Die Vision von Thomas Szucs für die Zukunft ist Pharmakogenomik ein Gebiet mit dem er sich schon stets gefasst hat. Daneben wird die Pharmakooekonomie von zunehmender Dr. AmsBedeutung sein. Ein weiteres für das ECPM wichtiges Gebiet wird «Regulatory Science» sein., so Prof Szucs.
Anschliessend an Thomas Szucs sprach Frau Dr. Ruth Amstein über ihre Erfahrungen als erste Kursdirektorin des ECPM. Der ECPM Course ist eine Geschichte über weibliche Führung, geprägt durch Annette Mollet und die Referentin selbst. Die Pharmawelt war damals dominiert von Männern. Niemand kümmerte sich um Geschlechterrollen. Die Referentin räumte aber ein, dass sie nie benachteiligt wurde, sondern von den Männern mit denen sie zusammenarbeitete stets unterstützt und gefördert wurde. Dr. Amstein war nach dem Pharmaziestudium an der ETH Zürich zunächst Mitarbeiterin von Paul Janssen, dem Gründer von Jannsen Pharmaceutica, wo sie in der klinischen Forschung arbeitete. Jannsen unterstützte sie zum Schreiben einer Dissertation. Diese vollendete sie bei Prof. Bühler in Basel. So kam sie in Kontakt mit dem ECPM und wurde seine erste Kursdirektorin. Zu der Zeit waren die drei Leader der grossen Pharmafirmen Fritz Gerber von Roche, Marc Moret von Sandoz und Alex Krauer von Ciba-Geigy.. Der Merger zwischen Sandoz und Ciba-Geigy in 1996, der inmitten eines Kurses des ECPM stattfand war ein wahrer Tsunami.

Der ECPM Training Course ist eine Geschichte zu weiblichen Führungsqualitäten. Die Referentin startete beim ECPM 1990, kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Sie erinnerte an den ersten Kurs mit 8 Seminaren, der mit 350 Teilnehmern ein überragender Erfolg war. Die Referentin stellte das E-Learning Programm von Rido vor»learn to simulate the right doese of a new drug. Work smarter with trusted drug development software», ein Programm, welches nach Slicon Valley verkauft wurde und noch heute im ECPM in Gebrauch ist.

Ruth Amstein installierte das ECPM Programm nach ihrem Wechsel nach Zürichvon 2014-2017 auch daselbst und nach dem Wgzug von Prof. Lüscher auch in London. Ruth Amstein 1997 übergab Dr. Amstein die Kursdirektion an Frau Dr. Annette Mollet, die bis jetzt diesen Posten innehält. Ruth Amstein ist seit 1998 Leiterin des Education Center des Zurich Heart House, einer von Prof. Thomas Lüscher gegründeten Stiftung.
Dr. Annette Mollet hat den Kurs selbst während ihrer Zeit bei Roche mitgemacht.Sie präsentierte de ECPM Kurs in Zahlen: 2127 Studenten haben von 1991 bis 2021 den ECPM Course besucht. Die Anzahl Nationalitäten der Studenten betrug 25. 121 Studenten haben das Certificate of Advanced Studies (CAS) erworben , 560 Studenten das Diploma of Advanced Studies (DAS) und 12 Studenten haben als Master of Advanced Studies (MAS) graduiert. Die Mehrzahl der Studenten war in klinischer Forschung tätig, ein Teil in Medical und Medical Affairs, weitere in klinischer èharmakologie und in Regulatory und Business Development. Die Teaching Faculty umfasst 150 Mitglieder, ein Drittel aus Big Pharma, 23% aus der Akademie und aus Universitätsspitälern, 20% aus Europäischen Registerbehörden 10% aus kleinen und mittelgrossen Unternehmen, 8% Consultants und 7% CRO.

Annette Mollet stellte den Lehrplan vor, der ursprünglich vom Roal College of Physicians in 1976 für das Diplom in Pharmazeutischer Medizin entwickelt wurde.

Die Reise des ECPM Gründung 1991.

10. Jubiläum: «Biotech -Pharma Industries Interaction am Universitätsspital Basel.
15. Jubiläum: Persnalized Medicines – A Reality Check.
20. Jubiläum: Medicines Development in the Next Decade of the Human Genome Project, Pharmacenter Universität Basel.
30. Jubiläum: Medicines Development – learnings and Challenges.
Collaboration of Academia and Staekholders in the Health System.
Stadtcasino Basel.

Prof. Matthias Schwenkglenks gab einen Überblick über die Geschichte der wissenschaftlichen Forschung am ECPM.
Im August 2003 erfolgte der Beginn der wissenschaftlichen Aktivitäten am ECPM , Im Noveber 2007 startete eine Kollaboration mit der SAKK (Schweiz. Arbeitsgruppe für Klinische Krebsforschung). Im Januar 2009 partizipierte das ECPM erstmals mit eine von der EU unterstützten wissenschaftlichen Projekt. Im Januar 2010rfolgte die Integration des ECPM als vollwertiges Institut in die wissenschaftiche Infrastruktur der Universität Basel. Im Juni 2012 begannen die Gealth Technology Assessment Aktivitäten mit dem Swiss Medical Board. Momentan findet extensive Forschungsaktivität statt: 7 PhD -Level Senior Researchers, 1 PhD Kandidat.

Wo stehen wir heute, wohin wollen wir gehen?

In der Gesundheitsökonomie ist das ECPM eine der aktivesten Gruppen in der Schweiz mit Fokus auf angewandte Forschung. Das ECPM bestzt ein gut etabliertes Netzwerk mit der Universität Basel. Es ist aber stark abhängig von Drittmitteln , was ein Hindernis für nachhaltige Entwicklung und volle Nutzung des Potenzials darstellt.
Die Ziele für die Zukunft sind: Stärkung der Sichtbarkeit und der formalen Intergation auf der Ebene des Fachbereichs Public Health der Medizinischen Fakultät. Die Ziele für die Zukunft sind: Stärkung der Sichtnarkeit und der formalen Integration auf der Eebene des Fachbereichs Public Health der medizinischen Fakultät, Intensiviwrung und Formailsierung der Zusammenarbeit mit den gesundheitsökonomischen Aktivitäten der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (Prof. Felder) und des TPH (Prof. Fink) – gemeinsames Kompetenzprofil, welches einzigartig ist in der Schweiz. Intensivierung der bereits bestehenden Kooperation mit klinischen Forschungsgruppen des UniVersitätsspitals Basel und darüber hinaus.

Jubiläumsgrüsse und Gratulationsbotschaften

Jubiläumsgrüsse wurden von Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Andrea Schenker-Wicki, Rektorin der Universität Basel, Dr. Claus Bolte, Leiter Bereich Zulassung bei Swissmedic, Dr. Severin Schwan, CEO von Roche und Dr. Lutz Hegemann Novartis überbracht, sowie vom Bundespräsidenten Ignazio Cassis, vom Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt, Lukas Engelberger und vom Gesundheitsdirektor des Kantons Basel Landschaft, Thomas Weber. Auch die Schwesterkurse, der American Course of Drug Development and Regulatory Sciences (ACDRS und der entsprechende chinesische Schwesterkurs (CCDRS) richteten Grussbotschaften und Gratulationswünsche aus.

Wie man Talente und Kompetenzen entwickelt

Am Podiumsgespräch nahmen teil Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Andrea Schenker-Wicki, Rektorin der Universität Basel, Dr. Lutz Hegemann, Präsident Corporate Global Strategy, Frau Dr. pharm. Rebecca Guntern, Europachefin von Sandoz, Dr. iur. Severin Schwan, CEO der Roche Holding, Dr. med. Claus Bolte, Leiter Bereich Zulassung, Swissmedic, Frau Dr. med. Ingrid Klingmann, Präsidentin PharmaTrain.
Es wurden Fragen nach der Grösse einer Firma für flexible neue Konzepte und Ausbildung diskutiert, wobei eher die Kultur einer Firma als deren Grösse als bedeutend gefunden wurde. Eine weitere Frage richtete sich nach dem Leadership und nach der Integration von Frauen und das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter.

Orchestrating for Success

Den Abschluss und Höhepunkt des Tages bildete das Jubiläumskonzert «Orchestrating for Success» des Akademischen Orchesters Basel, welches von Prof. Thomas Szucs dirigiert wurde. Der Leiter des ECPM brillierte dabei einmal mehr mit seinen zahlreichen Talenten.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Geburtshilfe in Somaliland

Den zweiten Kongresstag eröffnete die Arbeitsgemeinschaft für humanitäre Aktivitäten (AGHA) der SGGG. Im vierten Hauptthema ging es dabei um den Einfluss einer Pandemie auf die Mutter-Kind Gesundheit und auf Vorsorgeprogramme in Schwellenländern. Prof. Dr. med. Irene Hösli, Universitätsspital Basel, sprach in diesem Rahmen über das von ihr geleitete Simulationstraining von geburtshilflichen Notfällen für Ärztinnen, Ärzte und Hebammen in der afrikanischen Republik Somaliland.

Die Republik Somaliland, am Horn von Afrika gelegen, ist seit 1991 ein selbständiger und demokratischer Staat. Trotz seiner demokratischen Strukturen wird Somaliland von der internationalen Gemeinschaft aber nicht anerkannt und erhält von dieser auch keine Unterstützung. Die Republik gehört aber auch zu den fünf Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate bei Schwangeren und Müttern. «Pro 100000 Lebendgeburten sterben 732 Mütter. Oder anders formuliert: alle 6 Stunden stirbt eine Mutter», so Prof. Dr. med. Irene Hösli vom Universitätsspital Basel. In der Schweiz liege die mütterliche Mortalität dagegen bei 3 pro 100’000 Lebendgeburten. «Die meisten Todesfälle treten bei Frauen auf, die mehr als zwei Stunden von einer Gesundheitseinrichtung entfernt leben. Sie sterben dann meist an einer Uterusruptur oder einer ektopen Schwangerschaft, die rupturiert», führte Prof. Hösli weiter aus.

Fehlende Autonomie der Frauen erschwert Betreuung

Wie Prof. Hösli an­­schliessend aufzeigte, gibt es vielfältige Gründe für die hohe Sterblichkeit der Mütter in Somaliland. Einerseits sind die Distanzen bis zum Erreichen einer Gesundheitseinrichtung meist gross, der Strassenzustand und die Transportmöglichkeiten aber schlecht. Andererseits herrscht Mangel an erfahrenen Ärztinnen und Ärzten. «In ganz Somaliland gibt es zum Beispiel keinen einzigen Anästhesisten. Es gibt lediglich Anästhesiepfleger, die ihren Job aber sehr gut machen», betonte die Rednerin. Da es sich um ein armes Land handelt, spielen auch ökonomische Faktoren bei der Gesundheitsversorgung eine Rolle. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, vor allem Frauen, sind ausserdem Analphabeten. Somaliland stellt nicht zuletzt auch eines der Länder mit der höchsten Rate an weiblichen Genitalverstümmelungen dar. Frauen haben in diesem Land keine Autonomie. «Wenn zum Beispiel ein Kaiserschnitt durchgeführt werden muss, braucht es nicht nur das Einverständnis des Ehemanns, sondern auch des Familienoberhaupts der Frau. Die Frau selbst kann nichts unterschreiben», schilderte Prof. Hösli die Situation. Dies stelle insbesondere in Notfallsituation ein grosses Problem dar.

Bei einer solch schwierigen Ausgangssituation, wie sie in Somaliland anzutreffen ist, kann ein Ereignis wie eine Pandemie die Situation zusätzlich erschweren. Eine zu Beginn der Pandemie durchgeführte Modell-Berechnung kam denn auch zum Schluss, dass indirekte Effekte von COVID-19, wie eine eingeschränkte Versorgung mit Medikamenten wie z.B. Eisen oder fehlendes Gesundheitspersonal in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommensniveau zu 24‘000 zusätzlichen Todesfällen bei Müttern führen wird.1 «Das Fehlen präventiver oder therapeutischer Massnahmen zur Blutstillung nach der Geburt ist für die Hälfte dieser Todesfälle verantwortlich», so Prof. Hösli.

Pandemie unterbricht Ausbildungsprojekt

In einer Kooperation zwischen dem Universitätsspital Basel, dem Edna Adan University Hospital in der Hauptstadt Hargeisa, dem Verein Hadia Medical Swiss und der Somaliland Swiss Association wurde im Februar 2019 unter der Leitung von Prof. Hösli in Somaliland erstmals ein viertätiger Ausbildungskurs für Ärztinnen, Ärzte und Hebammen durchgeführt. Ziel dieser Kurse ist eine Optimierung der Notfallbehandlungen sowie die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen/Ärzten und Hebammen sowie zwischen Spitälern und regionalen Health Care Centers. Seit 2019 konnten vier solcher Kurse durchgeführt und ca 100 Ärztinnen, Ärzte und Hebammen ausgebildet werden. Dies kann entscheidend zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung von Frauen in ganz Somaliland beitragen. Bedingt durch die Pandemie mussten die Kurse 2020 annulliert werden. Erst im Oktober 2021 reiste wieder ein Team vom Universitätsspital Basel ans Horn von Afrika, um zwei weitere Kurse durchzuführen. «Eine Herausforderung war es zu diesem Zeitpunkt, dass es vor Ort kein Corona-Testzentrum gab. Wir haben uns damit beholfen, dass wir selbst Schnelltests mitgebracht haben», erläuterte Prof. Hösli. Es habe zudem keinerlei Angaben über die Raten an Infektionen beim Gesundheitspersonal und den Schwangeren gegeben. «Es wurde uns aber über viele schwere Verläufe und auch Todesfälle berichtet», so Prof. Hösli. Erstaunt habe es sie zu erfahren, dass die meisten Hebammen geimpft waren. «Dagegen wissen wir nicht, wie viele Schwangere geimpft wurden. Wir gehen von einer sehr niedrigen Rate aus.»

Vorträge, Fallbesprechungen und Simulationen

Wie Prof. Hösli weiter erläuterte, stellt die sprachliche Barriere – unabhängig von der Pandemie – eine grosse Herausforderung bei der Durchführung der Ausbildungskurse dar. «Wir behelfen uns mit einer Simultanübersetzung, zum Beispiel durch Mitarbeitende des Edna Adan Hospitals», so die Rednerin. Dank COVID-19 wurden auch moderne Technologien in die Kurse integriert. «So haben wir zum Teil Präsentationen aus Basel mittels Zoom übertragen», beschrieb Prof. Hösli. Die Kurse beinhalten jedoch nicht nur Frontalunterricht. So stellt das gemeinsame Besprechen von Fällen, welche die Kursteilnehmenden mitbringen, ein wichtiger Bestandteil der Kurse dar. Schliesslich werden auch einzelne Situationen, wie z.B. postpartale Blutungen, mit einfachen Mitteln simuliert, so dass die Teilnehmenden ihre praktischen Fähigkeiten trainieren können.

Die Teilnehmenden des Kurses kommen aus allen Gegenden der Republik Somaliland. «Schön ist auch, dass an unseren Kursen immer viele junge Assistenzärztinnen teilnehmen, die später dann wiederum Simulationstraining in ihren Spitälern durchführen können», so Prof. Hösli. Mithilfe eines Tests, der vor und nach dem Kurs durchgeführt wird, kann der Wissenszuwachs durch das Training überprüft und das Programm für den nächsten Kurs, falls nötig, angepasst werden. «Nicht zuletzt ist auch für uns die Zusammenarbeit mit Ärztinnen, Ärzten und Hebammen aus einer anderen Kultur immer ein grosser Gewinn», schloss Prof. Hösli. Der nächste Kurs ist für September 2022 geplant.

Dr. Therese Schwender

1. Roberton T et al. Early estimates of the indirect effects of the COVID-19 pandemic on maternal and child mortality in low-income and middle-income countries: a modelling study. Lancet Glob Health. 2020;8(7):e901-e908

Update zur Behandlung von Angststörungen und Depression

Das 13th Swiss Forum for Mood and Anxiety Disorders (SFMAD) der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) vermittelte den Teilnehmer ein Update bezüglich verschiedenen innovativen Therapiekonzepten bei Angststörungen und Depression.

Welche neurologischen Effekte und welchen Nutzen haben Psychedelika in der Psychotherapie? Prof. Dr. med. Franz X. Vollenweider von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ging in seinem Vortag dieser Frage nach. Zu Beginn stellte er klassische Psychedelika wie LSD, Psilocybin und Ayahuasca vor und erläuterte deren Wirkmechanismus als serotonerge Agonisten basierend auf ihrer Serotonin-ähnlichen chemischen Struktur. Zusätzlich zur Anregung des serotonergen Systems können die Psychedelika auch die Plastizität im Gehirn erweitern. Sie führen dosisabhängig zu einer positiven Entgrenzung der Selbst-Umweltwahrnehmung (Oeceanic self-boundlessness). Die damit verbundene Lockerung der kognitiven Kontrolle und Aktivierung schwer zugänglicher Emotionen kann in der Psychotherapie genutzt werden. In klinischen Studien mit Krebspatienten hat die Anwendung von Psilocybin oder LSD eine rasche Reduktion von Depressions- und Angst-Symptomen bewirkt. Welche Komponenten der Selbst/Ich-Entgrenzung zu diesem Effekt beitragen, gilt es zu erforschen. Mittels Neuroimaging wird beispielsweise versucht, die Entgrenzung oder die veränderte Kognition zu objektivieren.

So geht eine starke Depression einher mit einem negativen Bias in der Emotionsverarbeitung; die Patienten zeigen eine erhöhte emotionale Antwort in der Amygdala. Psilocybin schwächt die Reaktion auf beispielsweise negative Gesichtsausdrücke ab und die Abschwächung der Amydala-Antwort korreliere damit. «Die Leute fühlen sich weniger bedroht von den eigenen angstvollen Gedanken», sagt Vollenweider.

Die vorläufigen Ergebnisse einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-II Studie aus Zürich scheinen den therapeutischen Nutzen von Psilocybin zu bestätigen. Patienten mit mittelschwerer Depression erhielten eine Psilocybin-Therapie kombiniert mit Mindfullness-Training und zeigten eine der Interim-Analyse eine Ansprechrate von 69% gegenüber 16% in der Placebo-Gruppe. Abschliessend sagte Prof. Vollenweider, dass eine mittlere Dosis von Psychedelika bei therapeutischen Sitzungen die Emotionsverarbeitung, die Selbst-Prozessierung, die Kognition und die soziale Kognition verbessern und so eine therapeutische Wirkung entfalten kann. Wie die durch Psilocybin bewirkte Neuroplastizität und die Lernprozesse mit der Therapie zusammenwirken, bleibt derzeit noch offen.

Die sogenannte behandlungsresistente Depression: von der Forschung zur Klinik

Prof. Dr. hcmult. Dr. med. Siegfried Kaspar von der Medizinischen Universität Wien sprach in seinem Vortrag über behandlungsresistente Depression (TRD), die eine unterdiagnostizierte Subgruppe der Depression ist und oftmals fälschlich auf psychosoziale Variablen zurückgeführt wird. Die TRD wird charakterisiert durch ein Nichtansprechen auf mindestens zwei genügend lange Behand-lungen mit Antidepressiva der gleichen Wirkstoffklasse bei ausreichender Do-sierung und guter Adhärenz. Prof. Kaspar zeigte auf, dass die TRD biologischen Faktoren unterliegt und dass eine verminderte Neuroplastizität sowie eine reduzierte serotonerge Aktivität eine zentrale Rolle spielen. Unbehandelt zeige eine TDR vielschichtige Konsequenzen. Es treten mehr Komorbiditäten, eine höhere Hospitalisierungsrate und -dauer sowie eine ca. 7-fach erhöhte Mortali-tät bzw. Suizidrate auf als bei behandelten Patienten mit TDR.

Weiter präsentierte Prof. Kasper Studienergebnisse, die darlegen, dass eine Add-on Behandlung mit verschiedenen pharmakologischen Strategien in der Drittlinie Erfolge erzielen und die Neuroplastizität wiederherstellen kann. Vor-nehmlich werden hierbei NMDA- und GABA-Rezeptoragonisten oder -modulatoren eingesetzt, mit Esketamin-Nasalspray als vielversprechender neu-zugelassener Therapieform. Unterdessen erfreuten sich auch Psychedelika zunehmender Beliebtheit. Eine gesteigerte Aktivität der 5-HT2A Rezeptoren führt bei dieser Behandlungsform zu erhöhter Konnektivität im Gehirn und Verbesserung der TRD. Hier gäbe es allerdings noch Bedarf an weiterführenden Studien, so Prof. Kasper.

Abschliessend bemerkte Prof. Kaspar, dass diese neuen pharmakologischen Optionen sehr nützlich seien, aber die bestehenden Behandlungsstrategien nicht ersetzen würden.

Pharmakotherapie bei Angst und Depression – Welche Pflichten ergeben sich aus dem «Label»?

Prof. Dr. med. Dr. iur. Thomas D. Szucs, Hirslanden Klinik Zürich, Direktor des Instituts für Pharmazeutische Medizin an der Universität Basel und Verwaltungsratspräsident der Helsana, widmete sich den Pflichten, die das Label eines Medikaments, das in der Schweiz der Fachinformation entspricht, aufwirft.

Wie der Referent aufzeigte, sind die Implikationen des Labels in der heutigen Zeit weitaus komplexer als in der Vergangenheit und werfen eine Reihe medizinischer, juristischer und ethischer Fragen auf. Besonders der «Off-Label-Use» (OLU) ist in vielerlei Hinsicht komplex, allerdings in einigen Fällen, beispielsweise in der Onkologie oder in der Pädiatrie, auch unvermeidbar. Dass OLU besonders bei den psychiatrischen Therapien weit verbreitet ist, zeigen verschiedene Studienergebnisse, u.a. aus der Schweiz. Um dies noch zu verdeutlichen, forderte Prof. Szucs die Teilnehmer auf, an einer digitalen Live-Umfrage teilzunehmen. Das Ergebnis zeigt eindeutig: Die überwältigende Mehrheit hat bereits Off-Label-Medikamente verschrieben, die meisten davon zur Behandlung von Patienten mit Depression. Zudem sind sich fast alle einig, dass Psychiatern erlaubt sein sollte, mehr Off-Label-Verschreibungen vorzunehmen, sofern sie erstattet werden.

Anschliessend klärte Prof. Szucs über die rechtlichen Hintergründe des OLU in der Schweiz auf. Dieser ist grundsätzlich erlaubt, wenn der Arzt die volle Verantwortung trägt und der OLU dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Zudem ist eine sorgfältige Risikoabwägung essenziell. Die Haftung liegt bei der entsprechenden Firma, wenn ein Produktionsfehler vorliegt, oder sie sich nicht ausreichend vom OLU distanziert. Dass in einzelnen Szenarien sogar eine Pflicht zum OLU besteht, zeigte Prof. Szucs anhand eines Rechtsfalls aus Deutschland, in dem einem Kind mit Herpes-Enzephalitis die Off-Label-Behandlung mit Aciclovir zu lange verwehrt wurde. Auch das KVV ermöglicht mittlerweile OLU in bestimmten Situationen, wenn es beispielsweise keine
Behandlungsalternativen gibt.

Besonders hob der Referent die Wichtigkeit genetisch bedingter unerwünschter Wirkungen hervor, die in den entsprechenden Fachinformationen vermerkt sind und bei der Verschreibung von Medikamenten unbedingt beachtet werden müssen. Es liegt in der Sorgfaltspflicht der Ärzte, die Patienten auch hinsichtlich zukünftiger Behandlungen zu informieren, falls ein bestimmter Biomarker für unerwünschte Wirkungen vorliegt. Unterstrichen wird dies durch Bundes-gerichtsurteile, die sich mit der Nicht-Beachtung des Labels bei der Verschreibung befassten.

Letztendlich ist Prof. Szucs überzeugt: OLU kann und sollte nicht verboten werden und ist oft die einzige und beste Wahl für die Patienten. Allerdings muss die Beachtung des Labels als Akt der Sorgfalt und die Nichtbeachtung des Labels als Sorgfaltspflichtverletzung verstanden werden. Denn, wie ein Zitat von Giacomo Girolamo Casanova aus dem 18. Jahrhundert auf den Punkt bringt: «Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen des Toren ist Gift.» Dabei gewinnen genetische Biomarker immer mehr an Bedeutung.

Interventionelle Verfahren bei Angst und Depression

«Uns allen geht es darum, einen krankhaften Zustand, der im Gehirn entsteht, positiv zu verändern», startete Prof. Dr. med. Daniela Hubl, Universitäre Psychiatrische Dienste, Bern, ihren Vortrag über interventionelle Verfahren bei Angst und Depression. Dabei folgt der Einsatz interventioneller Psychiatrie keinen strengen Regeln und wird oft als Alternative erwogen, wenn Patienten auf klassische Therapieansätze nicht ansprechen oder wenn Standardtherapien nicht angewandt werden können. Unterdessen gibt es vermehrte Hinweise darauf, dass auch ein frühzeitiger Einsatz hilft.

Prof. Hubl beleuchtete zunächst die Geschichte der elektrischen Hirnstimulation und gab einen Überblick über die am häufigsten angewandten Methoden. Der Einsatz neurostimulatorischer Verfahren beruht zumindest teilweise auf pathophysiologischen Kenntnissen psychiatrischer Erkrankungen und zielt unter anderem auf die Normalisierung von Dysregulationen im Bereich des präfrontalen Kortex ab. Die Identifikation neurobiologischer Prozesse dient dabei der Lokalisation der Zielregionen für eine nichtinvasive Hirnstimulation (NIBS).

Die häufigsten Methoden in der interventionellen Psychiatrie sind Elektrokon-vulsionstherapie (EKT) mit Muskelrelaxation in Kurznarkose, Transkranielle Magnetstimulation (TMS) und transkraniale Gleichstrombehandlung (tDCS). Insbesondere die TMS sowie die EKT werden zur Akutbehandlung von insbesondere behandlungsresistenter Depression eingesetzt. Die verschiedenen TMS-Stimulationsprotokolle, die üblicherweise in Form einer Behandlungsserie inzwischen bis zu mehrmals täglich über längere Zeit angewandt werden, wurden im Vergleich zur Anfangszeit der Methode deutlich optimiert. Erforderten die konventionellen niedrig frequenten Stimulationen eine Behandlungsdauer von bis zu 50 Minuten, führt die moderne Theta-Burst-Stimulation (TBS) den je nach Stimulationsmuster gewünschten inhibierenden oder aktivierenden Effekt bereits nach etwa drei Minuten herbei. Dank solcher Fortschritte wird die TMS-Behandlung zunehmend in Empfehlungen zur Depressionsbehandlung berücksichtigt, so auch in den entstehenden Deutschen Nationalen Versorgungsleitlinien bei therapieresistenter Depression und schwer zu behandelnder Depression.

tDCS kommt eher bei leichter Depression zum Einsatz, wobei die Evidenz für die Wirksamkeit bisher nicht unumstritten ist. So konnte zum Beispiel bisher kein Vorteil der tCDS zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie gezeigt werden.

Obgleich die klinische Resonanz zur interventionellen Psychiatrie gemäss Prof. Hubl insgesamt zumeist positiv ausfällt, sind in der Schweiz einige Herausforderungen bezüglich Finanzierung zu meistern. Einige Methoden werden aktuell noch nicht ausreichend von den Krankenkassen unterstützt. Trotzdem werden vor allem EKT und TMS in einigen Schweizer Zentren und spezialisierten Praxen angeboten. Abschliessend wies die Referentin auf das wichtige Engagement der Schweizerischen Gesellschaft für Interven­tionelle Psychiatrie (SGIP) hin, über die Fähigkeitsausweise erlangt werden können. So kann das Angebot der verschiedenen Methoden in Zukunft weiter ausgebaut werden.

red.

Dreissigjähriges Jubiläum des European Center for Pharmaceutical Medicine (ECPM)

Am 20.06.2022 konnte das European Center for pharmaceutical Medicine der Medizinischen Fakultät der Universität Basel sein dreissigjähriges Jubiläum feiern. Der Tag war in einen mehr unterrichtenden Teil am Morgen, der den Erkenntnissen und Herausforderungen in der Entwicklung der Medizin in einer Helikopter-Synoptischen Übersicht gerichtet war, wie der Leiter des Zentrums, Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs, in seiner Begrüssungsansprache, ankündigte. Der zweite Teil des Festtages war den zahlreichen Gruss- und Gratulationsbotschaften und einem Podiums­gespräch zum Thema gewidmet.

European Center for Pharmaceutical Medicine (ECPM)

Das ECPM Institut gehört zur Medizinischen Fakultät der Universität Basel und wurde 1991 als erste postgraduale universitäre Ausbildung in ganzheitlicher Pharmazeutischen Medizin eröffnet. Das ECPM hat sich europaweit als führende universitäre post-graduale Bildungsstätte entwickelt.

Das Institut verfügt über eine Ausbildungsplattform auf hohem Niveau, die den Austausch mit hochkarätigen Experten aus Behörde, Industrie, und Universitäten auf neutralem Grund ermöglicht. Mit Partnerinstituten in Washington und Peking stellt das ECPM die Bedürfnisse der global organisierten Pharmaindustrie sicher. Für die Zulassung zum Studiengang ist ein Hochschulabschluss und eine berufliche Einbindung im Gesundheitswesen und der Arzneimittelentwicklung erforderlich.

Mit bisher 2127 Absolventen hat das ECPM mit Abstand weltweit die höchste Anzahl post-gradualer Studenten auf diesem Gebiet ausgebildet. Zusätzlich leistet es den Theorieteil zum Facharzttitel FMH in Pharmazeutischer Medizin. Daneben hat sich das ECPM zu einem führenden Forschungsinstitut für Gesundheitsökonomie entwickelt. Es verfasst zudem Gutachten für das BAG und die Industrie und beschäftigt sich mit Grundlagenforschung. Für seine Verdienste in der universitären Lehre und Forschung wurde das ECPM bereits 2012 und 2018 von der PharmaTrain Federation, dem internationalen Netzwerk für die Ausbildung auf diesem Gebiet, mit dem Prädikat «Center of Excellence» ausgezeichnet.

Plädoyer für eine starke biomedizinische Forschung und innovative pharmazeutische Medizin

Die Moderne Medizin stellt eine faszinierende Herausforderung dar. Sie befasst sich mit dem wissenschaftlichen Verständnis von Krankheiten , der Translation dieser Erkenntnisse in Evidenz-basierte Behandlungen bis zur Pflege des individuellen Patienten, so Dr. med. Dieter Scholer, Basel, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der medizinischen Forschung und der pharmazeutischen Medizin, der nach dem Medizinstudium in Basel und der Weiterbildung in Genf und einem Forschungsaufenthalt in San Francisco verschiedene Führungspositionen bei Ciba und Novartis innehatte und beim Aufbau des Start-up Unternehmens Speedel AG beteiligt war.

Dr. Scholer war lange Zeit Mitglied der Schweiz Akademie der medizinischen Wissenschaften und Mitglied des Universitätsrats der Universität Basel.

Die Voraussetzungen für eine qualitativ hochstehende Medizin sind einerseits wissenschaftlicher, medizinischer und technischer Fortschritt, der zu neuen Behandlungen und Präventionsstrategien führt und eine hohe Lebensqualität und Lebenserwartung ermöglicht. Andrerseits braucht es einen soziopolitischen Konsens für die Zuweisung von Mitteln für das Gesundheitswesen, womit ein kosteneffektives Gesundheitssystem ermöglicht wird. Die Determinanten der Qualität der Medizin sind die Ausbildung von Ärzten, Pflegepersonal und weiteren Dienstleistungserbringern im Gesundheitswesen, die Infrastruktur (Spitäler, Ambulatorien und Privatpraxen), das Gesundheitswesen selbst (öffentliche Mittel, Versicherungen, Beitrag der Patienten), und der Zufluss von biomedizinischer Innovation. Erfolgsfaktoren für Innnovation, Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg sind hochwertige Forschung und Entwicklung, offene transdisziplinäre Interaktionen, wettbewerbsfähige Human- und Finanzressourcen. Die Synergie zwischen experimenteller und klinischer Forschung öffnet den Weg zu besseren Behandlungen. Von ausserordentlicher Bedeutung ist das Zusammenspiel zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung, die zu neuen Zielen für die Entdeckung von Medikamenten und von Geräten führt.

Der menschliche Faktor und engagierte Führung

Ein multidisziplinärer Dialog und eine produktive Zusammenarbeit werden von Wissenschaftlern, Klinikern und Managern erleichtert, die in ihrer eigenen Biografie verschiedene Disziplinen durchlaufen haben, z.B. experimentelle Forschung, Grundlagenforschung, Arznei­mittelentdeckung, klinische Forschung und klinische Medizin. Vorbilder in diesem Bereich waren für den Referenten Izzy Edelman (San Francisco), Alex F. Müller, Robert Veyrat, Michel Vallotton (Genève), Alfred Pletscher, Max M Burger, Werner Stauffacher, Peter Meier-Abt, und Fritz R. Bühler (Basel). Prof. Fritz R. Bühler spielte eine herausragende Rolle in Bezug auf das ECPM. Er hatte vor 30 Jahren die Vision, die intellektuellen und verwaltungstechnischen Fähigkeiten und die Ausdauer, um das ECPM als Schlüsselinstitution zu etablieren, die sich auf die Entwicklung von Arzneimitteln in der Lehre konzentriert, aufzubauen.

Registrationen und ethische Gesichtspunkte

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat die folgenden Überlegungen in Bezug auf den Kontext der klinischen Forschung und der Medikamentenentwicklung herausgegeben: Wissenschaftliche Integrität, keine Interessenkonflikte, Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie: Eine korrekte Zusammenarbeit ist unerlässlich zur Sicherung des medizinischen Fortschritts und der wirtschaftlichen Prosperität der Schweiz. Die Unabhängigkeit des Wissenschaftlers und alle wissenschaftlichen und ethischen Anforderungen müssen strikt beachtet werden.

Life Sciences Cluster Basel
Nach dem Motto «von der Wissenschaft für die Wissenschaft» trägt die Handelskammer beider Basel den Life Sciences Cluster Basel zusammen mit führenden Unternehmen, Spitälern, Hochschulen und nationalen Branchenverbänden. Der Cluster umfasst die innovative Grundlagenforschung, die angewandte Forschung & Entwicklung, sowie ihre Umwandlung in Produkte, Dienstleistungen und Arzneimittel. Der Referent machte dafür ein Beispiel: die Entwicklung des innovativen Krebsmedikaments Glivec für die Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie, eine Entwicklung aus der Grundlagenforschung über spezifische Kinasen am Friedrich Miescher Institut und das Projekt der Entwicklung von Kinasen-Medikamenten bei Novartis.

Die zentralen Erfolgsfaktoren des Life Sciences Cluster Basel sind die stimulierende Ko-Existenz zwischen erstklassiger Grundlagenforschung an den Universitäten, den Fachhochschulen, leistungsstarken Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, Start-ups, und Global Playern und Science Transfer Machines. Die Synergie zwischen privatem und öffentlichem Sektor und dem Nutzen von gut funktionierenden regionalen, nationalen, tri-nationalen und internationalen Netzwerken.

Das ECPM ist in die aufregende Welt der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung und Überlegungen zur pharmazeutischen Medizin eingebettet. Es verfügt über eine etablierte Plattform für Unterricht, Austausch relevanter Pharma- und Medizin-Information, sowie kritischen Reflexionen. Der Referent wünschte dem ECPM eine ebenso erfolgreiche Zukunft wie es die Vergangenheit war.

Pharmazeutische Innovation ausserhalb der Akademie

Ich hatte gute Lehrer (Prof Kurt Wüthrich, Nobelpreis 2002, Sir Gregory Winter, Nobelpreis 2018) und gute Studenten (Professor an der ETU Zürich, ERC Advanced Grant , CoFounder von Philogen, einige meiner Studenten haben erfolgreiche Firmen gegründet (z.B. Bicycle Therapeutics, Covagen…), stellte Prof. Dr. Dario Neri, Philogen, Siena, fest. Der Referent ist Mitbegründer des schweizerisch-italienischen Biotechnologieunternehmens Philogen, das 1966 mit der Mission gegründet wurde, die Behandlung von Krebs und anderen schweren Erkrankungen zu innovieren. Die Strategie des Unternehmens besteht darin, bioaktive Wirkstoffe mithilfe von Antikörperm oder kleinen organischen Liganden an den Ort der Erkrankung zu liefern, wodurch ihre therapeutische Aktivität erhöht und normales Gewebe geschont wird. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Siena und besitzt eine Tochtergesellschaft namens Philochem in Otelfingen bei Zürich. Prof. Neri präsentierte zwei Beispiele aus der Forschung von Philogen, eine Antikörper-Zytokin-Fusion im klinischen Stadium (Antikörper-basierte Verabreichung von Tumor-Nekrose-Faktor). Das Konjugat wurde an Patienten mit Glioblastom erfolgreich getestet. Das zweite Beispiel war OncoFAP, ein niedermolekularer Radiotracer mit ultrahoher Affinität zum Fibroblasten-Aktivierungsprotein (FAP). Er eignet sich für den nicht-invasiven Nachweis einer Vielzahl von metastasierenden soliden Tumoren.

Randomisierte klinische Studien: Erforschung von Synergien

Einen Einblick in die Denkart, die in Toronto herrschte und wie Synergien genutzt werden können, gab Prof. Dr. med. Peter Jüni, Toronto. Als Beispiel präsentierte er Daten zur RECOVERY Studie. RECOVERY hat uns Dexamethason und Tocilizumab während der Pandemie gebracht. RECOVERY ist eine internationale klinische Studie, die Behandlungen identifizieren soll, die bei Patienten, die wegen vermuteter oder bestätigter COVID-19 hospitalisiert wurden. Die Studie umfasste 47697 randomisierte Teilnehmer aus 198 Zentren. Untersucht wurde, ob die folgenden Medikamente den Tod bei Patienten mit COVID-19 verhindern: Lopinavir-Ritonavir, Dexamethason, Hydroxychloroquin, Azithromycin. Die Idee war eine 5:1 Randomisierung. Anstelle einer Studie, die A mit B vergleicht und einer Studie, die A mit C vergleicht etc., wurde ein gemeinsamer Placebovergleich gewählt. Synergie Nummer 1: e verwende eine gemeinsame Placebogruppe, was wir eine Plattform-Studie nennen. Die Teilnehmer der Studie hatten so nur eine 20%ige Chance in der Kontrollgruppe zu landen. 80% erhielten ein aktives Medikament. Das Design von RECOVERY wird künftig nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein, so der Referent. Primärer Endpunkt ist die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte Hospitalisierungsdauer, Notwendigkeit für Beatmung, Notwendigkeit für Nierenersatztherapie. Die RECOVERY-Studie brachte den ersten Durchbruch gegen das Coronavirus durch die Entdeckung, dass Dexamethason die Todesfälle durch COVID-19 um bis zu einem Drittel reduzierte. Es demystifizierte aber auch Hydroxychloroquin und zeigte, dass Lopinavir, Ritonavir und die weiteren Medikamente keinen Nutzen brachten. Die Studie brauchte von der ersten Idee bis zur Randomisierung des ersten Patienten nur 13 Tage. Ein wesentliches Thema war Zentralisierung, d.h. ein koordiniertes Vorgehen, koordinierter, kollaborativer Ansatz, eine einzelne Regulierungsbehörde, eine einzige Ethikkommission deckt das ganze Land ab. Ein gemeinsamer Vertrag und Priorisierung der Ressourcen, klinische Studien konzipiert als Teil der klinischen Versorgung.

In Bezug auf die Grundsätze von Good Clinical Practice (GCP) sind die Aufgaben zur Durchführung einer Studie die gleichen, wie sie täglich in der Klinik vorkommen. Es braucht also keine zusätzliche Ausbildung in GCP. Der «Informed Consent» sollte eine zweiseitige einfache Information und ein einseitiges Formular umfassen. RECOVERY nutzte ein einfaches Randomisierungskonzept und einen einfachen Follow-up. In 36 Tagen wurden in RECOVERY 7300 Patienten randomisiert. Wir müssen einfach und pragmatisch werden, Synergien nutzen und alles Überflüssige weglassen.

Fazit

Vermeidung von Verwechslungen bei der Verwendung von Erkenntnissen aus der realen Welt durch randomisierte Patienten oder Gruppen

Grosse, einfache Plattformen und innovative Einwilligungsdesigns verwenden

Bayes’sche Ansätze zur Berücksichtigung vorhandener historischer Daten in Betracht ziehen

Berücksichtigung von Cross-Over- und Stepped-Wedges-Designs bei der Verwendung von Cluster-Designs.

Forschung mit Datenbanken – warum ist dies für die pharmazeutische Industrie wichtig?

Über die Verknüpfung von Daten aus randomisierten Studien mit Daten aus Real World Studien (RWD) berichtete Prof. Dr. med. Sebastian Schneeweiss, Harvard Medical School, Boston. Daten aus der realen Welt können nützlich für ein effizientes Design von randomisierten kontrollierten Studien sein: Wichtige RCT Bereicherungsstrategien können durch Real World Evidence (RWE) unterstützt werden. Praktische Bereicherung durch Reduktion des Grundrauschens, prognostische Bereicherung durch Erhöhung der Ereignisrate, prädiktive Bereicherung durch Optimierung des Nutzen/Risiko-Verhältnisses. Kombination von RCT Daten mit RWD mittel Tokenisierung. Verbesserung der Langzeitbeobachtung von RCTs, Untersuchung von Ausfällen, Übertragung der Ergebnisse von RCTs in die klinische Praxis. Verbesserung von RWE-Studien: Validierung der RWD. Messqualität Bewertung des Erfolgs der Confounding-Kontrolle, Anstreben von inkrementellen Indikationen mit RWE. RWE zur Validierung wiederverwendeter Medikamente. Der Referent erinnerte an Daten für Indomethacin bei COVID-9.

Von Real World Daten zu Real World Evidence

Prof Schneeweiss präsentierte den Duplicate Trial, einer Nachahmung von randomisierten klinischen Studien mit nicht randomisierten Real World Studien. Die Resultate zeigten, dass die Übereinstimmung zwischen RCT- und RWE-Ergebnissen variiert, je nachdem, welcher Übereinstimmungsmassstab verwendet wird. Vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswahl aktiver Vergleichstherapien mit ähnlichen Indikationen und Anwendungsmustern die Validität von RWE erhöht. Selbst im Zusammenhang mit aktiven Vergleichstherapien ist die Übereinstimmung zwischen RCT- und RWE-Ergebnissen nicht garantiert, was zum Teil daran liegt, dass die Studien nicht exakt nachgebildet werden. Um zu verstehen, wie oft und in welchen Zusammenhängen RWE-Ergebnisse mit RCTs übereinstimmen, sind weitere Studiennachbildungen erforderlich., merkten die Autoren der Studie an.

Wie können die Möglichkeiten, die «Real-World-Evidence» bieten kann, am besten genutzt werden?

Drei hochwertige Fälle mit hohem Wert für die translationale Wissenschaft:
1. externe Kontrollarme
2. Zulassungserweiterung, ergänzende Indikation, Kombinationstherapie
3. Anreicherung von Studien und Verknüpfung von Daten aus Studien und der realen Welt

Wesentliche Entwicklungen sind Verbesserung der Qualität von Sekundärdaten und stets die Prinzipien des Kausalschlusses im Design und in der Analyse befolgen (hier ist das Denken des Target Trial gefragt).

Die Rolle junger Firmen in der pharmazeutischen Innovation

Die derzeitigen pharmazeutischen Topfirmen und ihre Gründungsjahre sind GSK 1715, Sanofi 1718, Takeda 1781, Pfizer 1849, Novartis 1857, Bristol-Myers Squibb 1858, Bayer 1863, Eli Lilly 1876, Johnson & Johnson 1886, Abbvie 1888, Merck & Co 1891, Roche 1896, AstraZeneca 1913, CSL 1916, Novo Nordisk 1923, stellte Dr. Chandra P. Leo, HBM Partners AG Zug fest. Als junge Firmen bezeichnete er Amgen 1980, Gilead Sciences 1987, Regeneron 1988, Vertex 1989, Moderna 2010. Übernahmen von Firmen waren Genzyme von Sanofi 1981, Shire von Takeda 1988, Celgene von Bristol Myers-Squibb 1986, Actelion von Johnson & Johnson 1997, Genenetech von Roche 1978, Medimmune von AstraZeneca 1989, Immunex von Amgen 1981, Onyx von Amgen 1992, Pharmasset 1988 von Gilead Sciences, Kite von Gilead Sciences 2009 und Immunomedics von Gilead Sciences 1982.

Junge Firmen brauchen Finanzierung. Der Referent zeigte auf, dass von der Gründung bis zum ersten selbst vermarkteten Medikament durchschnittlich 10 Jahre vergehen. Risikokapital hat Hunderte von Biotech Firmen hervorgebracht. Aufstrebende Biopharma-Unternehmen sind in 72 % der Medikamenten-Pipeline involviert. Ihr Anteil nimmt stetig zu. Sie machen 42 % der bei der FDA eingereichten Produkte und 56% der weltweiten Markteinführungen von Medikamenten in den letzten 10 Jahren aus. Zwei Drittel der FDA Zulassungen stammen von kleinen Firmen. Pharmaunternehmen erhalten Zugang zu externen Innovationen durch Fusionen und Übernahmen.

Wodurch zeichnen sich Junge Unternehmen aus? Nähe zu akademischen Institutionen? Zugang zu Risikokapital? Geschwindigkeit und Agilität? Teamkultur? Risikotoleranz? Finanzielle Anreize? Fokus auf spezifische Ziele? Neue Modalitäten/Plattformen? Spezifische Indikationen? Als Beispiel für neue Ziele nannte der Referent die PARP Inhibitoren, welche 2005 als Mechanismus zur Behandlung von nBRCA-mutiertem Brustkrebs vorgeschlagen wurden. Dies führte dazu, dass eine Reihe von Bioctech Unternehmen sich auf die Entdeckung und Entwicklung von PARP Inhibitoren konzentrierten. Als Beispiel für den Fokus auf Modalitäten/Plattformen nannte der Referent Alnylam und die RNA Interferenz. Alnylam wurde 2002 gegründet und im Jahre 2018 wurde das erste auf RNA-Interferenz basierende Medikament von der FDA zugelassen. Seither wurden vier zusätzliche RNAi-Medikamente von der FDA zugelassen, die alle ursprünglich von Alnylam entwickelt worden sind.

Fazit

In den letzten 50 Jahren hat das Aufkommen von Risikokapital eine wachsende Zahl junger Unternehmen im Biopharma-Sektor angekurbelt. Heute sind diese jungen Unternehmen für die Mehrheit aller klinischen Arzneimittelentwicklungsprogramme und Zulassungen neuer Medikamente verantwortlich. Junge Unternehmen haben oft einen starken Fokus, z. B. auf neuartige Modalitäten oder Plattformen, was es ihnen ermöglicht, die etablierten Pharmaunternehmen zu überholen. Zell- und Gentherapien sind aktuelle Beispiele für neuartige Modalitäten, auf die etablierte Pharmaunternehmen später durch Lizenzvergabe und Fusionen zugreifen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch