Integrative medikamentöse Behandlung in der Primär- und Sekundärprävention

Die Atherothrombose ist eine chronisch progrediente Erkrankung. Nach einem ersten vaskulären Ereignis besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für ein weiteres und somit ist das Sterberisiko erhöht. Deshalb sollten alle Möglichkeiten der Sekundärprävention genutzt werden. Dazu gehören neben Lifestyle-Veränderungen und optimaler Kontrolle der Risikofaktoren wie Diabetes und Hypertonie die antithrombotische Therapie und die Lipidsenkung.

Im Vergleich mit Gesunden ist die Lebenserwartung bei Patienten nach einem kardiovaskulären Ereignis um 7,7 Jahre, nach einem Infarkt um 9,2 Jahre und nach einem Insult sogar um 12 Jahre verkürzt. «Diese Zahlen untermauern die Notwendigkeit für eine optimale Sekundärprävention», so Professor Jan Steffel, Zürich. Die stabile KHK sei gar nicht stabil, deshalb sei es sinnvoll, von einem chronischen Koronarsyndrom zu sprechen.

Hochrisiko-Patienten profitieren von einer verlängerten dualen Plättchenhemmung

Das akute Koronarsyndrom (ACS) ist zwar ein akutes Ereignis, bedeutet jedoch eine chronische lebenslange Erkrankung, so dass die Sekundärprävention mit zwei Plättchenhemmern nicht immer nach 12 Monaten enden sollte. Die bisherigen Empfehlungen für eine duale Thrombozytenaggregationshemmung über 12 Monate bei diesem Krankheitsbild sind ausschliesslich der Dauer der entsprechenden Studien geschuldet, aber nicht dem klinischen Verlauf. Registerstudien zeigen, dass bei einem von fünf Patienten mit einem ACS erst im zweiten oder dritten Jahr nach dem initialen ACS ein erneutes kardiovaskuläres Ereignis auftritt. Dieses manifestiert sich in ca. 50% der Fälle an einer anderen Stelle des Koronarsystems. Dies ist die Rationale für eine über 12 Monate hinausgehende duale Thrombozytenaggregationshemmung mit dem Ziel, bei Hochrisiko-Patienten die kardiovaskuläre Rezidivrate weiter zu senken.
Im Rahmen der PEGASUS-TIMI 54-Studie (PrEvention with TicaGrelor of SecondAry Thrombotic Events in High-RiSk Patients with Prior AcUte Coronary Syndrome – Thrombolysis In Myocardial Infarction Study Group) , einer prospektiven, kontrolliert-randomisierten klinischen Studie mit 21.000 Patienten, wurde die Wirksamkeit einer Kombinationstherapie mit 2 x 60 mg oder 2 x 90 mg Ticagrelor (Brilique®) plus 75-100 mg ASS mit einer ASS-Monotherapie verglichen. Aufgenommen in die Studie wurden Hochrisiko-Patienten, bei denen das ACS ein bis drei Jahre zurücklag, die ein Mindestalter von 50 Jahren hatten und mindestens ein weiteres Hochrisiko-Charakteristikum aufwiesen. Dazu gehören ein Alter von mindestens 65 Jahren, ein medikamentös behandlungspflichtiger Diabetes mellitus, ein zweiter Myokardinfarkt in der Anamnese, eine koronare Mehrgefässerkrankung und/oder eine chronische Niereninsuffizienz mit einer Kreatinin-Clearance < 60 ml/Minute. Nach einer 36-monatigen Laufzeit mit einer medianen Beobachtungszeit von 33 Monaten wurde der kombinierte Endpunkt kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall um relativ 16% gesenkt (7,7% vs. 9,04%; HR: 0.84; 95% KI: 0,74-0,95; p = 0,004). Auch die Auswertung der Einzelkomponenten ergab eine signifikante Überlegenheit für Ticagrelor. Der Vorteil von Ticagrelor fand sich in allen Subgruppen (Diabetes, Stent, chronische Niereninsuffizienz) und stieg im Laufe der 33-monatigen medianen Nachbeobachtungszeit sogar an. Die eingeschränkte Nierenfunktion war mit einem erhöhten Risiko für ischämische Ereignisse bei vergleichbarem Blutungsrisiko assoziiert. Bei gleicher relativer Risikoreduktion ergibt sich daraus angesichts des erhöhten Risikos aber eine höhere absolute Risikoreduktion. Zwischen den beiden Dosisregimen fand sich kein signifikanter Unterschied.
Bzgl. der Sicherheit traten schwere Blutungen unter Ticagrelor signifikant häufiger auf (2,3% vs. 1,06%; HR: 2,32; 95% KI: 1,68-3,21; p < 0,001). Die jährlichen Raten schwerer Blutungen und der Unterschied zu Placebo nahmen jedoch im Studienverlauf ab. Keine signifikanten Unterschiede wurden hinsichtlich intrakranieller und fataler Blutungen beobachtet. Unter Ticagrelor wurde statistisch signifikant häufiger über Dyspnoe geklagt. Diese trat meist zu Beginn der Behandlung auf, war von relativ kurzer Dauer und von leichter bis mittlerer Intensität. Auch Gicht-Anfälle wurden häufiger beobachtet.

Fortschritte mit Faktor-Xa-Inhibitor

Bei der Atherothrombose handelt es sich immer um eine chronisch-progressive, systemische, multivaskuläre Erkrankung. Für den KHK-Patienten bedeutet das: Nach dem Infarkt ist vor dem Infarkt. Und 3 von 5 Patienten mit pAVK leiden auch unter atherothrombotischen Läsionen an anderen Gefässen. «Bereits in den ersten zwölf Monaten nach erstmaliger Behandlung der chronischen Extremitätenischämie verstirbt jeder Vierte, und zwar meist an einem kardiovaskulären Ereignis», so Steffel. Die gegenwärtigen antithrombotischen Therapien mit Plättchenhemmern seien im Hinblick auf die Reduktion kardiovaskulärer und Extremitäten-bezogener Ereignisse nur begrenzt wirksam. Deshalb bestehe Bedarf an neuen therapeutischen Ansätzen, wobei nach den Ergebnissen der COMPASS-Studie die duale Strategie mit dem direkten Faktor-Xa-Inhibitor plus ASS einen grossen Fortschritt darstellt.
Im Rahmen dieser Studie wurde die Kombination von Rivaroxaban in vaskulärer Dosierung (2 x 2,5 mg täglich) plus 100 mg ASS mit einer ASS-Monotherapie verglichen. Mit der zusätzlichen Gabe von Rivaroxaban konnte bei pAVK-Patienten die MACE-Rate um 28% und die Rate an Extremitäten-bezogenen Endpunkten (MALE) sogar um 46% gesenkt werden. Die Majoramputationen nahmen um 70% ab. Trotz eines Anstiegs schwerwiegender Blutungen (Rivaroxaban 3,1% vs. 1,9% ASS-Monotherapie) kam es nicht zu einem Anstieg bei tödlichen oder kritischen Organblutungen. Bei KHK-Patienten wurde die MACE-Rate um 26% und die Gesamt­sterblichkeit um 23% gesenkt. Und Diabetiker profitierten gleichermassen von der dualen Therapie wie Stoffwechselgesunde.

Innovative Visionen

Trotz aller interventionellen und operativen Fortschritte ist die Behandlung der zugrunde liegenden Arteriosklerose bisher unbefriedigend. Weder mit einer Bypass-Operation noch durch die Implantation von Stents kann dieser Erkrankung, bei der es sich um eine chronische Entzündung handelt, Einhalt geboten werden. Folgerichtig sind innovative Forschungsansätze notwendig, mit dem Ziel neue pharmakologische Therapieverfahren zu entwickeln, die das Potential haben, die Behandlung der Atherosklerose wesentlich zu verändern. Dabei könnten spezifisch wirkenden antientzündlichen Strategien z.B. mit spezifischen Antikörpern, die gegen Entzündungsmediatoren oder Entzündungszellen gerichtet sind, eine grosse Bedeutung auch im Sinne einer individualisierten Therapie zukommen vergleichbar mit der personalisierten Tumortherapie. Studien mit unspezifisch wirkenden Substanzen wie Methotrexat konnten dagegen nicht überzeugen. Mit spezifisch wirkenden Therapieoptionen könnten gezielt Signalkaskaden attackiert werden, die an der Progression der KHK beteiligt sind. Auch die Idee, eine Impfung gegen Epitope von Cholesterinpartikeln, die besonders atherogen wirken, zu entwickeln, ist sehr attraktiv und gegenwärtig Ziel intensiver Forschungsbemühungen. Es wäre aber naiv zu glauben, dass man mit einer einzigen Substanz ein so komplexes Krankheitsbild wie die Atherosklerose rückgängig machen oder ihre Entstehung verhindern könnte.

Neue ESC-Guideline für die Lipidsenkung

«Der entscheidende Risikofaktor für die KHK ist ein erhöhtes LDL-Cholesterin», erläuterte Steffel. Das LDL-Cholesterin sei kein Risiko­marker, sondern kausal in die Manifestation und Progression der Atherogenese involviert.
Nach der neuen ESC Leitlinie von 2019 sollten sich die Zielwerte für das LDL-C am individuellen Risiko orientieren, wobei ein höchstes, sehr hohes, hohes und moderates Risiko unterschieden werden. Der niedrigste Zielwert von < 40 mg/dl wird für Höchst-Risiko-Patienten empfohlen, die ein zweites vaskuläres Ereignis innerhalb von zwei Jahren trotz maximaler lipidsenkender Therapie erlitten haben. Bei Patienten mit einem sehr hohen Risiko (bekannte KHK, St.n. Myokardinfarkt, St.n. ischämischen Schlaganfall, pAVK, dokumentierte atherosklerotische Gefässerkrankung, Typ-2-Diabetiker, Typ-1-Diabetiker mit Endorganschäden) sollte ein LDL-C-Wert von < 55 mg/dl bzw. eine > 50%ige LDL-C-Senkung angestrebt werden. Als hohes Risiko gilt, wenn ein Risikofaktor wie eine familiäre Hypercholesterinämie oder eine schwere Hypertonie oder ein Diabetes mellitus ohne Folgeschäden vorliegt bzw. die Ereignisrate in den nächsten 10 Jahren 5 – 10% beträgt. Bei solchen Patienten sollte ein Zielwert von < 70 mg/dl erreicht werden. Bei einem moderaten Risiko, d.h. einer Ereigniswahrscheinlichkeit in den nächsten 10 Jahren von 1 – 5%, gilt als LDL-Zielwert < 116 mg/dl.
Durch ein Statin kann das kardiovaskuläre Risiko aber nur um relativ 20-25% gesenkt werden. Und auch bei einer Hochdosis und unter modernen Kombinationen mit Ezetimib oder PCSK9-Inhibitoren werden die Zielwerte oft nicht erreicht, wobei aber Nebenwirkungen und auch eine unzureichende Adhärenz eine Rolle spielen.

Innovative Diabetestherapie

2018 wurde von der amerikanischen (ADA) und der europäischen (EASD) Diabetes-Gesellschaft ein gemeinsames Konsensus-Statement veröffentlicht. «Konkret sollte bei einem Patienten mit einer KHK oder einer anderen atherosklerotischen Erkrankung nach Metformin vorrangig ein GLP-1-Rezeptor-Agonist oder ein SGLT2-Inhibitor mit einem nachgewiesenen kardiovaskulären Vorteil eingesetzt werden» so Steffel. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder chronischer Niereninsuffizienz (CKD) sollte nach Metformin als Zweites ein SGLT2-Inhibitor mit bei diesen Krankheitsbildern nachgewiesenem Wirkprofil zum Einsatz kommen. Wenn der SGLT2-Inhibitor aber nicht vertragen wird oder bei stark erniedrigter GFR nicht gegeben werden kann, sollte als Alternative der GLP-1-Rezeptor-Agonist verordnet werden.
2019 wurde von der ESC und der EASD eine Aktualisierung der Leitlinie vorgestellt. Danach kann bei Vorliegen einer atherosklerotischen Erkrankung die Therapie auch sofort mit einem GLP-1-RA oder einem SGLT2-Inhibitor begonnen werden, also auch ohne vorangegangene Metformin-Therapie.

Quelle: Prof. Jan Steffel, MediDays 2020, Zürich, 3.9.2020

Dr. med.Peter Stiefelhagen

Überlastungsbedingte Tendinopathien im Sport

Schmerzen an einer grossen Sehne (Achilles- und Patellarsehne) sind ein häufig geklagtes Symptom vor allem von Sportlern. Dabei muss eine Tendinopathie, die nicht entzündlich bedingt ist, zunächst von anderen ähnlichen Krankheitsbildern mit entzündlichen Prozessen in der Umgebung abgegrenzt werden. Therapeutisch wird vieles propagiert, aber nicht alles ist auch evidenzbasiert.

Unter einer Tendinopathie versteht man eine schmerzhafte Dysfunktion einer Sehne. «Tendinitis und Tendinose gelten als überholte Bezeichnungen», so Dr. Stefan Fröhlich, Oberarzt an der orthopädischen Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Abzugrenzen von der eigentlichen Tendinopathie sind die Peritendinitis, Tendosynovitis und Tendovaginitis, die durch einen entzündlichen Prozess in der Umgebung charakterisiert sind. Und der Begriff Enthesiopathie bezeichnet das Problem des Sehnen-Knochen-Übergangs.

Keine Entzündung

Die Pathogenese der Tendinopathien ist nicht vollständig geklärt. «Früher hat man das Krankheitsbild als klassische Entzündungsreaktion verstanden, doch nach heutigem Verständnis handelt es sich um einen degenerativen Prozess», so Fröhlich. Intrinsische Risikofaktoren sind männliches Geschlecht, Alter, Diabetes, Autoimmunerkrankungen, Hyperlipidämie und Adipositas und der entscheidende extrinsische Risikofaktor ist die Überbelastung.
Das wichtigste Prinzip im Hinblick auf die Pathogenese und die Therapie ist: Die Sehnen reagieren auf eine Belastung mit strukturellen Mal-Adaptationen. So kommt es an der tendopathischen Sehne zu vielfältigen Veränderungen, nämlich zu einer Proliferation von Tenozyten, einem erhöhten Gehalt an Proteoglykanen und zu einem ungeordnet erhöhten Kollagengehalt. Dadurch verdickt sich die Sehne und es kommt zu einer verstärkten Neovaskularisation.

Ultraschall ist Goldstandard

Die Tendinopathie ist primär eine klinische Diagnose mit typischem Palpitationsbefund. Bei der Bildgebung ist der Ultraschall der Goldstandard. Ein MRI kann ergänzend zum Einsatz kommen, jedoch eher zum Ausschluss zusätzlicher Pathologien wie auch das konventionelle Röntgen.

Viele Therapieoptionen

Für die Therapie der Tendinopathien wird vieles propagiert. «Die beste Evidenz liegt für aktives Training vor», so Fröhlich. Eine vollständige Entlastung bzw. Schonung sei daher nicht empfehlenswert. Besonders kritisch zu bewerten sei der Wechsel zwischen kompletter Schonung und hochintensiver Belastung. Keine Evidenz gebe es für Orthesen/Bandagen bei einer Achillessehnen-Tendinopathie. Eine geringe Evidenz für Taping/Bandagen gebe es bei einer Patellasehnen-Tendinopathie bzgl. kurzfristiger Symptomlinderung. Eine mässige Evidenz besteht auch für die Stosswellentherapie der Patella- und Achillessehnen-Tendinopathie.
Und wie steht es mit der Injektion von plättchenreichem Plasma (PRP), einer besonderen Form der Eigenbluttherapie? Je nach Aufbereitung unterscheiden sich die verschiedenen PRP-Präparate deutlich, wobei zwischen Leukozyten-armen und Leukozyten-reichen Präparaten unterschieden wird. Die Evidenz ist gering, doch bei Tendinopathien wurden Vorteile der Leukozyten-reichen PRP-Präparate gezeigt.

Keine generelle Empfehlung für Kortikosteroid Infiltrationen

Sehr beliebt, aber auch umstritten sind Kortikosteroid Infiltrationen. «Es gibt zwar Evidenz für eine kurzfristige Wirksamkeit, jedoch nicht für eine langfristige Wirkung», so Fröhlich. Dem gegenüber stünden jedoch mögliche Nebenwirkungen wie Ruptur und Atrophie. Daher könne keine generelle Empfehlung für Kortikosteroid Infiltrationen an Körpergewicht-tragenden Sehnen gegeben werden. Auch was chirurgische Massnahmen bei der Tendinopathia patellae angeht, ist die Evidenz unsicher. Eine gute Evidenz gibt es nur für das chirurgische Debridement bei der Tendinopathie der Achillessehne.

Training ist wichtig

Das klassische exzentrische Training ist am besten erforscht und die Wirkung entsprechend belegt. Doch das Problem ist die Schmerzhaftigkeit, was die Compliance senkt. Auch ein isometrisches Training reduziert die Symptomatik bei einer Tendinopathie und die Wirkung tritt schnell ein. Deswegen kommt ein solches Training vor allem, jedoch nicht nur zu Beginn einer Therapie zum Einsatz. Diese Wirkung konnte auch für Athleten während der Wettkampfsaison gezeigt werden, für die eine Sport-Pause nicht in Frage kam.

Quelle: Dr. Stefan Fröhlich, MediDays 2020, 2.9.2020

Dr. med.Peter Stiefelhagen

Mikrobiom interdisziplinär: Adipositas, metabolisches Syndrom, Darminfektionen, Psychosen

Der Hype um das Thema «Mikrobiom» ist ungebrochen. Und es mehren sich die wissenschaftlichen Daten, die zeigen, dass an der kausalen Bedeutung der Darmflora nicht nur bei Darminfektionen, sondern auch bei metabolischen Störungen und zentralnervösen Erkrankungen etwas dran sein könnte.

Die Schleimhäute des Menschen sind mit Bakterien besiedelt, wobei das Kolon die höchste Bakteriendichte aufweist. Insgesamt besteht das intestinale Mikrobiom aus bis zu 100 Trillionen (1014) Organsimen aus 300 - 1000 Spezies. Bis vor einigen Jahren war kaum etwas darüber bekannt, um welche Bakterienstämme es sich handelt und welche Funktionen diese wahrnehmen. «Wir wissen heute, dass das Mikrobiom eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit spielt», so Professor Michael Scharl, Zürich. Es entfalte metabolische, strukturelle und metabolische Funktionen.
Neue molekularbiologische Methoden erlauben heute die detaillierte Analyse der Bakterienspezies und ihrer Funktionen, auch solcher Bakterien, die kaum kultivierbar sind. Auch ist unbestritten, dass eine Modulation des Mikrobioms durch Ernährung, Prä- und Probiotika oder Stuhltransplantation positive Wirkungen zeigt. Grundsätzlich scheint eine Abnahme der Bakterienstämme, also eine geringere Diversität für Alles ungünstig zu sein. Dieser neue Angriffspunkt für therapeutische Massnahmen wird die medizinische Therapie der Zukunft verändern. Darüber sind sich die Experten einig.

Eine ursächliche Bedeutung bei Darmerkrankungen

Eine wichtige Schlüsselfunktion des Mikrobioms ist die Unterstützung der mukosalen Immunabwehr. Eine Dysbiose im Bereich des Darmmikrobioms führt in tierexperimentellen Untersuchungen zu Störungen im Bereich des intestinalen Immunsystems. Folgen sind vermehrte Darminfektionen, Entzündungen und Diarrhöen. Und auch der Reizdarm ist mit Veränderungen des Mikrobioms assoziiert. Dasselbe gilt für intestinale Tumorerkrankungen; denn sie treten bei Dysbiose häufiger auf. Sollten sich diese Ergebnisse beim Menschen reproduzieren lassen, so könnten daraus neue Behandlungskonzepte zur Prävention und Therapie von Darmentzündungen und -tumoren entwickelt werden. Schon heute ist die fäkale Microbiota Transfer (FMT) eine etablierte Therapie bei der refraktären Clostridium difficile-Infektion. «Und erste randomisierte Studien belegen eine gewisse Wirksamkeit bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen», so Scharl. Auch könne der FMT ein neuer Ansatz bei der Checkpoint-Inhibitor-Kolitis und auch beim Reizdarm sein. Erste Studienergebnisse sprechen dafür, dass die mikrobielle Stuhlanalyse beim Kolonkarzinom als prognostischer Marker und als Screening-Test Verwendung finden könnte.

Darm und Psyche

Schon in Volksweisheiten wird eine Verbindung zwischen Darm und Psyche beschrieben: «Stress schlägt auf den Magen». «Nach neueren Forschungsergebnissen können Veränderungen des Mikrobioms, also eine Dysbiose, wesentliche Körperfunktionen auch im ZNS verändern», so Dr. Patrick Pasi, Zürich. Das Mikrobiom sei entscheidend für die Entwicklung einer gesunden Stressreaktion. Auch können Bakterien wichtige Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin produzieren. In der Tat scheinen Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom und neurologisch-psychiatrischen Krankheitsbildern wie Autismus und Depression, aber auch Anorexia nervosa, M. Parkinson, MS, Abhängigkeiten und M. Alzheimer zu bestehen. Doch die diesen Beobachtungen zugrundeliegenden Mechanismen der «Darm-Hirn-Achse» sind bisher nicht vollständig verstanden. Auch hier besteht Hoffnung auf neue Therapieansätze z. B. mit Probiotika. «Bakterien können vielleicht helfen, die Stimmung zu verbessern», so Pasi.

Veränderungen des Metabolismus führen zur Adipositas

Unbestritten ist auch, dass Darmbakterien z.B. bei Kälteexposition die Energieaufnahme optimieren, indem die Mikrobiom-Funktionen angepasst werden und die Darmoberfläche vergrössert wird. Doch was bei Kälte und Hunger vorteilhaft ist, kann bei einem Überfluss an Nahrung und Kälte von Nachteil sein. Zwischen Normal- und Übergewichtigen gibt es Unterschiede im Darmmikrobiom. Dies könnte erklären, warum Menschen bei gleicher Ernährung einen unterschiedlichen Gewichtsverlauf zeigen. Man hofft, daraus neue Ansätze für die Prävention der Adipositas und damit auch der kardio-metabolischen Folgeerkrankungen entwickeln zu können.
Die Hyperalimentation, insbesondere von Zuckern und Fetten, kann zu Störungen der Darmbarriere führen und die Translokation von Bakterien oder Bakterienbestandteilen wie Lipopolysacchariden begünstigen. Folge ist eine subklinische Entzündung, eine Leberverfettung und metabolische Veränderungen. So ist der Darm neben dem Fettgewebe und dem Immunsystem an der Entstehung des metabolischen Syndroms bei Adipositas beteiligt und bietet somit eine Chance, solche metabolischen Störungen gezielt zu verhindern. Dass dies funktioniert, konnte bereits in tierexperimentellen Studien gezeigt werden.

Quelle: Prof. Michael Scharl, Prof. Christian Matter, Dr. Patrick Pasi, MediDays 2020, 3.9.2020

Dr. med.Peter Stiefelhagen

Intensiver Gedankenaustausch um den Bluthochdruck und seine Folgen

Am 23. Januar fand am Universitätsspital Zürich der traditionelle, von der Klinik für Kardiologie organisierte Hypertonietag statt. Das Ziel war ein intensiver Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen medizinischen Disziplinen rund um den Bluthochdruck und seine Folgen, wobei es galt, neue Horizonte zu entdecken und auch bisher Bekanntes in neuem Lichte zu sehen. Dies ist der zweite Teil der Berichterstattung.

Weisskittelhypertonie und maskierte Hypertonie

Die Weisskittelhypertonie (WKT) ist bei bis zu 30% der Patienten mit erhöhtem Praxis-Blutdruck (> 50% bei sehr betagten Patienten) vorhanden. Die Prävalenz ist tiefer, wenn der Praxis-Blutdruck auf repetitiven Messungen basiert und wenn die Messung nicht durch den Arzt geschieht, stellte Prof. Dr. med. Alain Bernheim, Zürich, einleitend fest.
Die Definitionen für maskierte Hypertonie, anhaltende Hypertonie, normalen Blutdruck und Weisskittelhypertonie sind in der Abb. 1 wiedergegeben.
Die entsprechenden Patientencharakteristika sind häufigeres Vorkommen mit zunehmendem Alter, bei Frauen häufiger als bei Männern und häufiger bei Nicht-Rauchern. Die Weisskittelhypertonie stellt ein kardiovaskuläres Risiko dar, wie Untersuchungen der 10-Jahresinzidenz zeigten. Bei etabliertem Bluthochdruck beträgt die Hazard Ratio WKT vs. normoton 2.51 (p < 0.0001), bei linksventrikulärer Hypertrophie 1.98 (< 0.002) und bei Diabetes 2.89 (p <v00.7). In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2017 ergab sich auch eine signifikante Assoziation zur Gesamtmortalität (Huang Y et al. J Hypertens 2017; 35:677-99). In einem nationalen multizentrischen Register in Spanien wurden an 63 910 Probanden die Praxis-Blutdruckmessung und die 24h Blutdruckmessung miteinander verglichen. Es wurde kategorisiert zwischen Hypertonie, Weisskittelhypertonie, maskierter Hypertonie und Normotonie. Das Outcome wurde nach 4.7 Jahren erfasst. Ambulante Blutdruckmessungen waren ein stärkerer Prädiktor für die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität als klinische Blutdruckmessungen. Die Weisskittel-Hypertonie war nicht gutartig, und die maskierte Hypertonie war mit einem höheren Sterberisiko verbunden als die anhaltende Hypertonie (Banegas JR et al NEJM 2018; 378:1509-20).
Das Management der Weisskittelhypertonie beinhaltet die Suche nach Endorganschäden, regelmässige «Office» und «Out-of Office» Blutdruckmessungen (HBDM und ABDM), Lebensstiländerungen zur Senkung des kardiovaskulären Risikos. Diese Punkte werden auch in den Guidelines erwähnt (Empfehlung I/C). Gemäss Guidelines kann eine antihypertensive Therapie in Betracht gezogen werden bei Evidenz für HMOD (hypertension-mediated organ damage) oder bei Vorhandensein von hohem oder sehr hohem kardiovaskulärem Risiko (IIb/C). Eine routinemässige medikamentöse Therapie wird nicht empfohlen (III/C).

Maskierte Hypertonie

Sie kommt vor bei ca. 15% der Patienten mit normalem Praxis-Blutdruck. Die Prävalenz ist bei jüngeren Patienten und bei Männern höher als bei Frauen. Sie ist häufiger, wenn der Praxis-Blutdruck im Borderline-Bereich liegt (130-139/80-89 mmHg) und sie ist selten bei Praxis-Blutdruck < 130/80 mmHg. Prädispositionen sind Stress bei der Arbeit oder zu Hause, Rauchen oder übermässiger Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsarmut, Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, Schlafmangel, OSAS → maskierte Hypertonie vor allem infolge nächtlicher Hypertonien.
Diagnostische Aspekte: An eine maskierte Hypertonie sollte gedacht werden bei Patienten mit Borderline Praxis-Blutdruckwerten, bei Prädisposition, bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko sowie bei Hinweisen für Endorganschäden. Bei Verdachtsmomenten sollte eine ABDM durchgeführt werden.
Gemäss dem bereits erwähnten spanischen Register (Banegas JR et al. NEJM 2018; 378:1509-20)beträgt die Hazard Ratio bei markierter Hypertonie sowohl für Gesamtmortalität als auch für kardiovaskuläre Mortalität 2.92 (p < 0.oo1). Die Daten einer Metaanalyse aus dem Jahre 2007 zeigen eine Hazard Ration bei maskierter Hypertonie in der Grundversorgung und bei Spezialisten von insgesamt 2.00 (1.58-2.52). Bei anhaltender Hypertonie betrug die entsprechende HR 2.28 (1.87-2.78).
Das Management der maskierten Hypertonie besteht in der Vermeidung auslösender Faktoren, in Lifestyle-Änderungen zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos und im periodischen Monitoring des «Out-of-Office» Blutdrucks (Empfehlung I/C in den Guidelines). Eine antihypertensive Therapie wird empfohlen wegen des deutlich erhöhten kardiovaskulären Risikos in dieser Population; kardiovaskuläre Outcome-Resultate sind allerdings keine vorhanden (IIa/C). Bei maskierter unkontrollierter Hypertonie (MUCH) ist die Hochtitrierung der antihypertensiven Therapie empfohlen (IIa/C).

ESC Hypertonieguidelines: «der Teufel liegt im Detail»

Die besagten Guidelines beginnen mit dem folgenden Aufruf: «Die Angehörigen der Gesundheitsberufe werden ermutigt, die ESC ESH-Leitlinien bei der Ausübung ihres klinischen Urteils sowie bei der Festlegung und Umsetzung von präventiven, diagnostischen oder therapeutischen medizinischen Strategien voll zu berücksichtigen. Die ESC/ESH-Leitlinien setzen jedoch in keiner Weise die individuelle Verantwortung der Angehörigen der Gesundheitsberufe ausser Kraft, angemessene und genaue Entscheidungen in Bezug auf den Gesundheitszustand jedes Patienten und in Absprache mit dem Patienten oder dessen Betreuer zu treffen, wo dies angemessen und/oder notwendig ist. Es liegt auch in der Verantwortung der Angehörigen der Gesundheitsberufe, die zum Zeitpunkt der Verschreibung geltenden Regeln und Vorschriften für Arzneimittel und Geräte zu überprüfen» stellte Prof. Dr. med. Isabella Sudano, Zürich fest.

47 Empfehlungen haben einen Level of Evidence C, d.h. Konsens der Meinung der Experten und/oder kleine Studien, retrospektive Studien, Register. 20 Empfehlungen sind IIa «sollte in Betracht gezogen werden», 14 Empfehlungen sind IIb «kann in Betracht gezogen werden». Wenn die Guidelines eine Diagnose beschreiben aber keine Lösung bieten: Out-of-Office Blutdruckmessung ist eine I/A Empfehlung bei der Identifikation von Weisskittelhypertonie und maskierter Hypertonie zur Quantifizierung der Wirkung der Behandlung und Identifikation der Ursachen von möglichen Nebenwirkungen (z.B. symptomatische Hypotension). In den gleichen Guidelines werden bei der Weisskittelhypertonie die Implementation von Lifestyleänderungen zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos, sowie regulärer Follow-up mit periodischem Out-of-Office Blutdruck-Monitoring als I/C Empfehlung aufgeführt, medikamentöse Behandlung kann bei Personen mit HMOD oder bei solchen mit hohem oder sehr hohem kardiovaskulärem Risiko in Betracht gezogen werden (IIb/C). Die Referentin nennt einige ähnliche Beispiele bei der maskierten Hypertonie.
Eine antihypertensive Therapie kann auch in Betracht gezogen werden, falls sie toleriert wird, bei gebrechlichen alten Patienten (IIb/B), wenn sie keinen Diabetes haben, keine Schlaganfall-Vergangenheit, keine symptomatische Herzinsuffizienz innerhalb der letzten 6 Monate, keine reduzierte Auswurffraktion (< 35%), keine klinische Diagnose oder Behandlung für Demenz, wenn die erwartete Lebensdauer nicht weniger als 3 Jahre beträgt, wenn kein unerwarteter Gewichtsverlust (> 10%) während der letzten 6 Monate auftrat, der systolische Blutdruck nicht weniger als 110 mmHg beträgt nach einer Minute im Stehen.
Die Referentin kam zum Schluss auf den eingangs erwähnten Abschnitt zurück und empfahl «wer die Guidelines korrekt anwenden möchte, sollte sie mit Aufmerksamkeit und Neugier selbst lesen».

Lipide und Blutdruck: neue Daten, neue Guidelines

Die erste Beschreibung der Atherosklerose geht auf einen Obduktionsbericht von Edward Jenner aus dem Jahr 1787 zurück. Er schrieb «die Koronararterien wurden zu knöchernen Kanälen, darauf begann ich ein wenig zu verdächtigen». Fast 130 Jahre später publizierte der russische Pathologe Anitzkow einen Beitrag mit dem Titel «Über experimentelle Cholesterinsteatose und ihre Bedeutung für die Entstehung einiger pathologischer Prozesse», so Prof. Dr. med. Augusto Gallino, Bellinzona.

Hundert Jahre nach Anitzkow publizieren die Nobelpreisträger Brown und Goldstein «A century of cholesterol and coronaries» (Cell 2015;161-172), wobei sie feststellen, dass die LDL-Cholesterin Konzentration für sämtliche Apo B enthaltenden Partikel repräsentativ ist. Die Evidenz für die Beziehung zwischen der LDL-Cholesterinsenkung und dem Risiko für koronare Herzkrankheit, sowie die Folgen der Expositionsdauer mit erhöhten LDL-Cholesterinwerten wurden anhand einer Metaanalyse von über 20 Mio. Personenjahre und über 150 000 kardiovaskulären Ereignissen (EHJ 2017;38:2459-2472) eindrücklich demonstriert. Der Referent präsentierte die neuen Zielwerte für die verschiedenen kardiovaskulären Risikokategorien (Tab. 1).
Die neuen Guidelines empfehlen ferner das kardiovaskuläre Imaging als Risikomodulator: Arterieller Ultraschall bei tiefem bis moderatem Risiko (Klasse IIa/B) und Koronarkalk (IIb/B). Der Referent betonte die Bedeutung der familiären Hypercholesterinämie und die Notwendigkeit einer frühen Intervention. Er nannte als wichtigste Erkenntnisse: Je tiefer der LDL-Cholesterinwert desto besser und je früher die Behandlung desto besser. Der neue Zielwert für LDL-Cholesterin bei sehr hohem Risiko ist < 1.4 mmol/l sogar für die Primärprävention. Über die echte Sekundärprävention hinaus sollen alle Personen mit entweder klinisch oder mit Imaging dokumentierter ASCVD eingeschlossen werden.

Telemedizin in der Hypertonie

Die Selbstüberwachung mit oder ohne Telemonitoring führt, wenn sie von Allgemeinmedizinern zur Titration von blutdrucksenkenden Medikamenten bei Personen mit schlecht kontrolliertem Blutdruck eingesetzt wird, zu einem signifikant niedrigeren Blutdruck als die Titration nach klinischen Messungen. Da die meisten Allgemeinmediziner und viele Patienten die Selbstkontrolle verwenden, könnte sie zum Eckpfeiler der Blutdruckbehandlung in der Primärversorgung werden (MacManus RJ et al Lancet 2018; 391:949-959) zitierte Dr. med. Christian Grebner, Luzern.

Die Ziele der EUSTAR® (Eur Soc of Hypertension Telemedicine in Arterial Hypertension Register) sind eine schnelle und sichere Datenbank, telemedizinische Standards für ausgewählte Indikationen etablieren und auswerten, neue telemedizinische Interventionen für zusätzliche Indikationen, epidemiologische Daten, digitale Schnittstelle für Interaktionen zwischen Spezialisten und Allgemeinmedizinern.
Der Referent wies auf die zukünftigen Möglichkeiten hin, so beispielsweise die Smartphone-basierte Blutdruckmessung mi transdermaler optischer Bildgebungstechnologie.
Telemedizin ist bestimmt nicht die Antwort auf alle Probleme unseres sich wandelnden Gesundheitssystems, aber als Instrument könnte die Telemedizin nach einer genauen Indikation eine bedeutende Bereicherung in Bezug auf häufige Krankheiten sein (Schulz EG et al. Swiss Medical Weekly 2015; 145:w14077), so die abschliessende Feststellung des Referenten.

Hypertonie bei Frauen: die lautlose Gefahr

Achtzig Prozent der kardiovaskulären Krankheit bei Frauen können entsprechend eines epidemiologischen europäischen Updates aus dem Jahre 2016 (Townsend N et al Eur Heart J 2016; 37:3232-3245) vermieden werden, stellte PD Dr. med. Jelena Rima Templin Ghadri, Zürich, fest.

Die Hypertonie stellt den wichtigsten kardiovaskulären Risikofaktor bei Frauen dar. Sie betrifft Frauen über den ganzen Lebenszyklus hinweg. Während jüngere Männer häufiger eine Hypertonie aufweisen als jüngere Frauen ist die Prävalenz der Hypertonie im Alter bei Frauen höher als bei Männern; neuere Daten aus der Schweiz zeigen eine Angleichung der Prävalenzen im Alter. Die Referentin erwähnte den Einfluss der Östrogene auf den Blutdruck. Der Verlust der hormonellen Schutzfunktion beeinflusst Gefässwiderstand und Hämodynamik. Hypertensive Frauen entwickeln häufiger Schlaganfall und Demenz, diastolische Dysfunktion, linksventrikuläre Hypertrophie, Herzinsuffizienz, chronische Nierenkrankheit und vermehrte arterielle Steifigkeit. Das Risiko für Schlaganfall steigt bei zunehmendem Blutdruck bei Frauen mehr an als bei Männern.
Frauen sind in Studien zu kardiovaskulären Krankheiten unterrepräsentiert. Allerdings hat sich dies in den letzten Jahren gebessert. Die Teilnahme von Frauen ist aber immer noch gering im Verhältnis zu ihrer Gesamtrepräsentation in Krankheitspopulationen.
Als Antihypertensiva kommen bei der Schwangerschaftshypertonie Alphamethyldopa, Labetalol und Kalziumantagonisten in Frage. ACE-Hemmer, ARBs, direkte Reninhemmer und Diuretika gehen mit schlechten Outcomes auf den Foetus und das Neugeborene einher.
In einem namhaften Anteil der schwangerschaftsbedingten Hypertonie handelte es sich um eine Präeklampsie. Mit Aspirin lässt sich diese wirksam verhindern (1.6% unter Aspirin vs. 4.3% in der Kontrollgruppe, p < 0.004).

Viele Fragen sind noch unbeantwortet, wie die Referentin feststellte. Dazu gehören die folgenden:

  • Gibt es möglicherweise andere Blutdruckgrenzen bei Männern und Frauen, sollen Alter und Hormone berücksichtigt werden?
  • Warum sind besonders Frauen mit Hypertonie vom Schlaganfall betroffen?
  • Warum sind immer noch nicht genügend Frauen in Hypertoniestudien eingeschlossen und warum werden genderspezifische Aspekte immer noch nicht genügend analysiert?
  • Welches Antihypertensivum ist das «Beste» für die Frau?
  • Sollen Antihypertensiva bei Frauen anders dosiert werden?

Quelle: Zürcher Hypertonietag, Universitätsspital Zürich, 23. Januar 2020

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Wichtige kardiometabolische Themen für die Praxis

Bedingt durch die Covid-19 Pandemie fand das durch die Firmen Amgen und Bayer unterstützte Cardio-Metabolic Update Meeting als Videokonferenz statt. Die von Medworld organisierte Veranstaltung, die wegen der grossen Nachfrage mehrmals stattfand, war ein überaus grosser Erfolg dank hervorragender Referate, guter Themenauswahl und optimaler praktischer Durchführung.

Die beiden Referenten Frau Prof. Dr. med. Isabella Sudano und Prof. Dr. med. Jan Steffel, beide Klinik für Kardiologie, USZ, stellten zwei extrem wichtige Themen für die Praxis vor, die durch Covid-19 etwas in den Hintergrund geraten sind, aber nach wie vor der häufigsten Todesursache zu Grunde liegen und deshalb grösste Aufmerksamkeit verdienen, wie Prof. Steffel eingangs betonte.
Der Bericht über das Update erfolgt in zwei Teilen. Beim folgenden Teil handelt es sich um das Update zu den Antithrombotika.

Update Antithrombotika, neue Evidenz, neue Guidelines und Therapie bei der chronischen KHK

Das Schema der Gerinnung mit der Plättchen-getriebenen Hämostase und der plasmatischen Gerinnung hat in den letzten Jahrzehnten nicht sehr viel geändert, wie Prof. Dr. med. Jan Steffel feststellte. Man hat früher die Gerinnung stets mit diesen zwei verschiedenen Kaskaden dargestellt, die hintereinander ablaufen und miteinander nichts zu tun haben. Dies stimmt in der Form nicht, denn diese beiden Kaskaden sind an den verschiedensten Stellen miteinander verbunden, unter anderem im Bereich des Thrombins, aus den Plättchen, dem sog. Thrombinburst, mit dem überhaupt die ganze Kaskade erst an Fahrt gewinnt und um den Faktor tausend amplifiziert wird. Dies ist entscheidend, denn, wenn man die eine Kaskade hemmt, hat man immer zwangsläufig einen Effekt auf die gesamte Gerinnung.
Das Ganze wird naturgemäss nochmals eine Spur komplexer, wenn man sich überlegt, wo man überall interagieren kann.
Traditionell spielte die thrombozytäre Gerinnung vor allem eine Rolle im High Shear Stress Bereich, also bei der KHK, beim Infarkt. Dort müssen wir die Plättchenhemmer einsetzen. Während die plasmatische Gerinnung traditionell mit den Vitamin K Antagonisten (VKA) und jetzt seit 10 Jahren mit den DOAC (direkte orale Antikoagulantien) eher im Low Shear Stress Bereich, im venösen System, im linken Vorhof eine Rolle spielt. So ganz stimmt dies eben nicht, wie der Referent feststellte. Die beiden Systeme hängen miteinander zusammen. Das Problem ist, dass viele dieser Substanzen nicht übergreifend untersucht worden sind. Grundsätzlich müssen wir, wenn wir über die DOAC reden, zwischen 2 verschiedenen Situationen bei Patienten mit chronischem Koronarsyndrom (früher stabile KHK) unterscheiden:

  • Patienten mit Vorhofflimmern (VHF)
  • Patienten ohne Vorhofflimmern

Abhängig davon sind die Möglichkeiten, die wir haben, fundamental verschieden.

Patienten mit chronischem Koronarsyndrom mit Vorhofflimmern

Patienten mit KHK plus VHF wurden traditionell vor allem nach einer Intervention oder einem Ereignis mit Triple Antikoagulation behandelt. Seit der Woest Studie wissen wir, dass die Triple Antikoagulation z.T. mehr Schaden als Nutzen anrichtet, insbesondere wenn die Patienten während eines Jahres mit Tripletherapie antikoaguliert werden. Die Zeit ist schon lange vorbei, wo die Patienten mit einem VKA, Aspirin und Clopidogrel während eines Jahres behandelt wurden. Was man aber lange Zeit nicht wusste ist, wie es sich mit den DOAC verhält, da diese eine andere Pharmakokinetik- und Pharmakodynamik haben. Heute verfügen wir über 4 grosse klinische Studien, mit den einzelnen DOAC bei AF-PCI, nämlich die PIONEER AF-PCI mit Rivaroxaban, die RE-DUAL AF-PCI mit Dabigatran, die ENTRUST AF-PCI mit Edoxaban und die AUGUSTUS AF-PCI mit Apixaban. Ohne auf die einzelnen Unterschiede einzutreten, hat sich daraus eine Standardtherapie entwickelt, wie lange man die Patienten mit Tripletherapie, dualer Therapie und dann mit DOAC Monotherapie behandeln soll. Dies haben wir im Eur. Heart Rhythm Association Guide von 2018 zusammengefasst, so der Referent. Er präsentierte dabei eine modifizierte Variante, da die beiden letzten Studien damals noch nicht publiziert waren. Wenn man alle Studien zusammennimmt gibt man heute nach einer elektiven PCI nur während weniger Tage eine Tripletherapie und danach lässt man einen der Plättchenhemmer weg, in der Regel das Aspirin. Danach schwenkt man auf eine duale Therapie um. Duale Therapie bedeutet nicht duale Plättchenhemmertherapie, sondern DOAC plus in aller Regel Clopidogrel. Beim ACS ist es so, dass gewöhnlich eine Tripletherapie nur während eines Monats empfohlen wird, dies weil durch eine Verlängerung der Tripletherapie die Wirksamkeit in Bezug auf ischämische Endpunkte nicht erhöht wird, aber das Risiko für Blutungen zunimmt. Diese Standardempfehlungen können aber durchaus Variationen je nach Situation des Patienten erfahren. Für die optimale Dauer gibt es noch keine belastbaren Daten. Zur Dauer der Tripletherapie haben wir jedoch Daten: wenn sie zu lange gegeben wird, erhöht man das Blutungsrisiko, wenn sie zu kurz gegeben wird, erhöht man das Risiko eines Reinfarkts oder sogar einer Stentthrombose.
Ein Aspekt, der über die Jahre etwas ausgeblendet war, ist das chronische Koronarsyndrom bei Patienten mit VHF. Dort hat man immer gesagt, dass ein VKA allein ohne Aspirin reicht, wenn der Patient aus der Akutphase heraus ist. Dies wurde auch auf die DOAC ausgedehnt, ohne die entsprechenden Daten zu haben. Im letzten Jahr wurde nun die AFIRE Studie publiziert, die sich explizit dieser Problematik angenommen hat. In der AFIRE Studie wurden Patienten mit chronischem Koronarsyndrom mit Rivaroxaban allein vs. Rivaroxaban plus Aspirin untersucht. Dabei ging die Monotherapie mit Rivaroxaban allein mit deutlich weniger Blutungen einher, was nicht erstaunt; was hingegen überraschend war ist, dass der primäre Effizienzendpunkt numerisch mit der Monotherapie gegenüber der Kombination sogar seltener auftrat. Dies ist wahrscheinlich darin begründet, dass bei Blutungen die Antikoagulation während einer gewissen Zeit gestoppt wurde und daher die Zahl der ischämischen Ereignisse zunahm. Das ASS kann also beim chronischen Koronarsnydrom mit VHF weggelassen werden.

Patienten mit chronischem Koronarsyndrom ohne Vorhofflimmern

Die Patienten sind nur relativ stabil. Je nach Vorgeschichte weisen sie eine wesentliche Einschränkung der Lebensdauer auf, wie der Referent zeigte. Deshalb sollten alle Risikofaktoren behandelt werden. Bei Patienten mit chronischem Koronarsyndrom und VHF können alle DOAC eingesetzt werden. Bei solchen ohne Vorhofflimmern gibt es nur eine Option, das Rivaroxaban, weil dieses als einziges in dieser Indikation untersucht worden ist. Rivaroxaban wird hier in einer Dosis, die sonst nicht üblich ist, gegeben, nämlich 2 x 2.5 mg. Dies ist extrem wichtig, weil seit der Zulassung letztes Jahr schon einige falsche Verordnungen vorgekommen sind. Rivaroxaban läuft in dieser Indikation unter Xarelto vascular, damit es nicht verwechselt wird.

COMPASS-Studie

Das Ganze basiert auf der COMPASS Studie an der insgesamt 27.395 Patienten mit klinisch stabiler KHK oder PAVK beteiligt waren. Durch die Behandlung mit Rivaroxaban (2.5 mg 2 x täglich) plus ASS (100mg täglich) wurde die Inzidenzrate für den primären kombinierten Effizienzendpunkt (kardiovaskulär verursachter Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall) im Vergleich zur alleinigen ASS-Therapie relativ um 24% reduziert. Die Studie wurde wegen des grossen Nutzens der Kombinationstherapie vom unabhängigen Data Safety Management Board vorzeitig beendet. Diese Risikoreduktion ist vor allem durch die Reduktion der Schlaganfälle bedingt aber auch durch die Reduktion des kardiovaskulären Todes. Demgegenüber steht aber auch eine Zunahme der Blutungshäufigkeit um 70%. Dazu ist zu bemerken, dass es nicht signifikant mehr schwere Blutungen und nicht mehr intrakranielle oder tödliche Blutungen zwischen den beiden Gruppen gab. Insgesamt war die Gesamtmortalitätsrate geringer in der Rivaroxaban plus ASS-Gruppe. Weil aber die Studie vorzeitig abgebrochen wurde und daher andere statistische Voraussetzungen gelten, war dieses Ergebnis statistisch nicht signifikant.
Man kann sich nun fragen, ob die Zunahme der Blutungen die Reduktion der ischämischen Ereignisse aufwiegen und damit der Netto klinische Effekt nicht positiv ist. Der Referent hat mit Kollegen das Konzept des präspezifizierten Netto klinischen Effekts in einer kürzlichen Publikation genauer untersucht (Steffel J et al. Circulation.2020). Im Vergleich zur ASS-Monotherapie führte die Kombination von Rivaroxaban 2,5 mg zweimal täglich + ASS zu weniger Netto klinischen-Ereignissen (HR 0.8 =, p < 0.001, vor allem durch die Verhinderung unerwünschter Wirksamkeitsereignisse, insbesondere Schlaganfall und kardiovaskuläre Mortalität, während schwere Blutungen viel seltener und mit geringerer klinischer Wirkung auftraten. Die Reduktion der Netto klinischen Ereignisse war besonders günstig in den Hochrisiko-Untergruppen und in solchen mit multiplen Risikomerkmalen. Wichtig ist, dass der Netto klinische Effekt über die Zeit zunimmt, während die Blutungsrate gleich bleibt. Dies war bei jeder Hochrisikopopulation der Fall. Der relative Benefit bleibt gleich, aber der absolute Benefit nimmt zu.
Das Ganze hat sich auch in den ESC-Empfehlungen niedergeschlagen, wo die Zugabe einer zweiten antithrombotischen Substanz zu Aspirin für die Langzeitsekundärprävention bei Patienten mit hohem Risiko für ischämische Ereignisse und ohne hohes Blutungsrisiko eine IIa/A Empfehlung ist, die Zugabe einer zweiten antithrombotischen Substanz zu Aspirin in der Langzeitprävention bei Patienten mit moderat erhöhtem Risiko für ischämische Ereignisse und ohne hohes Blutungsrisiko eine IIb/A Empfehlung.
Die Zulassung für Xarelto vascular in der Schweiz entspricht den Studiendaten. Über 65-Jährige mit KHK können nach Ausschluss von Kontraindikationen direkt behandelt werden. Unter 65-Jährige müssen mindestens 2 Risikofaktoren aufweisen (Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, rechtslakunärer ischämischer Schlaganfall vor ≥ 1 Monat, Rauchen). Der Referent wies zudem auf den Schweizer Expertenbericht zur praktischen Anwendung von Rivaroxaban 2.5 mg plus ASS zur Behandlung von Patienten mit koronarer Herzkrankheit und/oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit hin.

VOYAGER Studie bei PAD

Die COMPASS Kombination zeigte auch bei Patienten mit einer PAD der unteren Extremitäten, die sich einer Revaskularisierung unterzogen, in der VOYAGER Studie, günstige Ergebnisse. Rivaroxaban/Aspirin war im Vergleich zu Placebo/Aspirin nach 3 Jahren mit einer 2,6%igen absoluten Risikoreduktion für kardiovaskuläre Todesfälle, akute Ischämie der Extremitäten, grössere Amputationen, Myokardinfarkte oder Schlaganfälle assoziiert. Rivaroxaban/Aspirin war mit einer ähnlichen Häufigkeit von grösseren TIMI-Blutungen assoziiert; allerdings gab es im Vergleich zu Placebo/Aspirin eine erhöhte Inzidenz von grösseren ISTH-Blutungen. Die intrakraniellen Blutungen waren zwischen den Behandlungsgruppen ähnlich.

Fazit

  • DOACs sind Standardtherapien zur Schlaganfallprävention bei VHF
  • Individualisierung! Es gibt kein «one size fits all» DOAC.
    -> Komplexes Gebiet aber «wert zu investieren» …
  • Patienten mit KHK und VHF:
    • Hochrisiko für Blutungen
    • Hochrisiko für Schlaganfall/Myokardinfarkt/Tod
    • Triple Therapie: Je kürzer desto besser
    • Optimale Daue? Unklar > Individuell unterschiedlich …
    • 1 Jahr nach Ereignis: DOAC Monotherapie
  • Patienten mit KHK ohne VHF:
    • Chronische KHK! Nicht «stabil» …
    • Rivaroxaban 2x 2.5mg + ASS gute Option (Schlaganfall, Tod
    • Je höher das Risiko desto höher der Benefit
  • Gemeinsame Entscheidungsfindung-Patientenbeteiligung /
    Empowerment
Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Die späte Schwangerschaft

Am 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe 2019 widmete sich Prof. Dr. med. Olav Lapaire, Basel, dem immer wichtiger werdenden Thema der späten Schwangerschaft.

Im Jahr 1970 waren 33.1 % der Mütter unter 25-jährig und nur 11.3% 35 Jahre alt oder älter. Im Jahr 2018 waren dagegen nur 5.9% unter 25- jährig und 33% 35-jährig oder älter. Die Gründe dafür sind Multiparität, Lifestyle Choice, Berufstätigkeit und Vereinbarkeit, stellte Prof. Dr. med. Olaf Lapaire, Basel, fest. Obwohl die Fekundität (Anzahl erfolgreicher Schwangerschaften pro Frau) bereits ab 25 Jahren zu sinken beginnt, ist in einem Alter von 35 Jahren der Wendepunkt erreicht, an dem die Fekundität steil abfällt und die Spontanabortrate stark zuzunehmen beginnt (Moffat R et al. Swiss Med Forum. 2018;18(43):875-880). Bis zum 30. Lebensjahr werden noch 400 von 1000 Frauen pro Jahr Mutter, während die Fekundität im Alter von 45 Jahren auf unter 50 von 1000 Frauen pro Jahr absinkt. Wichtig ist ein ausführliches Beratungsgespräch und das Ersttrimester-Screening zur Bestimmung des Risikos für eine Trisomie 21 anhand der Nackenfaltenmessung.

Präeklampsie

Ferner ist dem Risiko für eine Präeklampsie Rechnung zu tragen, wie der Referent ausführte. Die Präeklampsie gilt als Hauptursache mütterlicher und perinataler Morbidität und Mortalität. Als Risikofaktoren gelten: Frauen mit einer Präeklampsie in der Vorgeschichte haben ein 4-fach höheres Risiko für eine spätere Hypertonie und ein 2-fach höheres Risiko für eine ischämische Herzerkrankung, einen Schlaganfall oder Thromboembolien. Dieses Risiko scheint insbesondere erhöht, wenn die Präeklampsie vor der 34. Schwangerschaftswoche auftritt.
Es gilt als erwiesen, dass die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) einer Präeklampsie vorbeugen kann. Die prophylaktische Gabe von ASS ergibt eine Senkung der Inzidenz einer frühen Präeklampsie (< 32 SSW) um 82% und eine Senkung der Inzidenz einer frühgeburtlichen Präeklampsie um 62% (< 37 SSW), wie der Referent darlegte.
Mit dem mütterlichen Alter und mit dem Gestationsalter nimmt auch die Wahrscheinlichkeit eines intrauterinen Fruchttods zu und zwar bis zum fünffachen Wert, wie der Referent zeigte.

Aetiologie einer Intrauterinen Wachstumsretardierung (IUGR)

Die Ursachen für eine fetale Wachstumsretardierung sind vielfältig und können im Wesentlichen in mütterliche, plazentäre und fetale Ursachen gegliedert werden.
Foetal: Malformationen, Aneuploidien, Syndrome, Infekte, Mehrlinge, konstitutionell, Entbindung Kaiserschnitt.
Plazentär: Plazentationsstörung, Insertio velamentosa, Infarkte, Lösung, Pl. praevia, Uterusmalformation.
Maternal: Extrinsisch: Medikamente, Nikotin, Alkohol etc. Intrinsisch: konstitutionell, arterielle Hypertonie, Präeklampsie, Thrombophilie, Autoimmunerkrankungen, Diabetes mellitus, maternales Alter.

Relatives Risiko einer Kaiserschnittgeburt

Das fortgeschrittene mütterliche Alter ist mit mehreren ungünstigen Schwangerschaftsausgängen verbunden, weshalb diese Schwangerschaften als «hohes Risiko» betrachtet werden. Dazu gehören Ineffizienz des alternden Myometriums, verringerte Anzahl von Oxytocin-Rezeptoren, medizinische Krankheiten wie Präeklampsie und Gestationsdiabetes, klinische Schwellenwerte für geburtshilfliche Eingriffe, Hoch-Risiko-Bezeichnung und Mütterliche Ängste, sowie medizinisch-rechtliche Bedenken., wie der Referent zeigte (Bayrampour H and Heaman M, Birth 2010;37:219-26).

Fazit

  • Präkonzeptionelle Beratung – Folsäure Gabe.
  • Beachte: Abfall der Fertilität und Anstieg der Abortrate!
  • Ausführliche Beratung (inkl. Ersttrimester Screening, NIPT, invasive Diagnostik, Präeklampsie-Screening, Aspirin Gabe).
  • Beachte Risiken (Präeklampsie, Gestationsdiabetes, IUGR (intrauterine Wachstumsretardierung), Frühgeburtlichkeit).
  • Anstieg des IUFD (intrauteriner Fruchttod) Risikos am Termin – Einleitung diskutieren.
  • Ausführliche Besprechung der Geburtsmodalität.
  • Cave: Risiko einer postpartalen Hämorrhagie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Quelle: 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe, 7.-8. November 2019, Näfels