Vaduzer Diabetes Symposium

Am 30. Oktober 2019 fand die Abendfortbildung für Hausärzte in Liechtenstein in Vaduz statt. Dabei wurden praxisrelevante Inhalte aus der Diabetologie für den klinischen Alltag besprochen. Prof. em. Dr. med. Giatgen Spinas führte durch den Abend.

Die Rolle der Ernährungsberatung bei der Diabetesbehandlung

Die Diabetesbehandlung fusst auf der interdisziplinären Zusammenarbeit der Ernährungsberatung, der Diabetesberatung, des Hausarztes und des Endokrinologen, wobei der Patient mit Diabetes im Mittelpunkt steht, stellte Frau Bettina Graber-Jehle, dipl. Ernährungsberaterin HF, Schaan, fest.
Die Ziele der ernährungstherapeutischen Intervention sind die Senkung des Blutzuckers in den Normalbereich, ein normales Blut-Lipid-Profil und ein Blutdruck im Normalbereich. Adipöse Patienten sollen das Zielgewicht erreichen und es halten. Spätkomplikationen gilt es zu vermeiden oder zu verzögern. Die Patienten sollen die Freude am Essen beibehalten und z.B. den massvollen Genuss von Süssigkeiten einplanen, so die Referentin.
Das ernährungstherapeutische Kurzprinzip DM2 besteht aus Gewichtsreduktion bei Adipositas. Kohlenhydratquantität: Kohlehydratmenge definieren, Zwischenmahlzeiten definieren, Kohlenhydratqualität: Glykämischer Index. Ausreichende Aufnahme von Nahrungsfasern anstreben. Zucker maximal 10% der Gesamtenergie, bei guter Blutzuckereinstellung. Alkohol bis zu 10 g/Tag (Frauen) bzw. bis zu 20 g/Tag (Männer).
Die Ernährungsberatung hat in Bezug auf Kohlenhydrate unterschiedliche Ziele, je nach Diabetestyp, Typ 1 oder Typ 2 , Typ 2 mit und ohne Insulin, Gestationsdiabetes mit und ohne Insulin, speziellen Formen von Diabetes und Diabetes mit Adipositas.
Die Schulungsmethoden umfassen das Tellermodell, Kohlenhydrat-Austauschtabellen, individuelle Ernährungspläne, Essprotokolle zum Anleiten, Auswerten und optimieren und zum Visualisieren der Kohlenhydrate. Das Tellermodell soll zusätzlich zu der gängigen Darstellung der Lebensmittel-Pyramide verdeutlichen, wie viel von welcher Lebensmittelgruppe verzehrt werden soll. Durch die einfache Darstellung in Form eines «gesunden Tellers» sollen die Verbraucher auf leicht verständliche Weise dabei unterstützt werden, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.
Die Referentin zeigte anhand von Illustrationen die Kohlenhydratmenge, die in verschiedenen Nahrungsmitteln enthalten sind: z.B. 10 g in 3 Würfeln Zucker oder 6 Erdbeeren, 20 g in 6 Würfeln Zucker oder einer Banane, 40g in 12 Würfeln Zucker oder einem Hamburger.
Bezüglich Auswirkungen von Kohlenhydraten auf den Blutzucker ist nicht nur wichtig, wie viel man davon einnimmt, sondern auch aus welcher Quelle sie stammen. Einige Nahrungsmittel verursachen einen schnellen Anstieg des Blutzuckers nach einer Mahlzeit, während andere einen langsameren Anstieg und eine gleichmässigere Abnahme verursachen. Zur Messung, wie schnell ein Nahrungsmittel einen Anstieg des Blutzuckers verursacht, dient der Glykämische Index. Beispiele für glykämische Indizes sind in der Tabelle 2 wiedergegeben.
Faktoren, die die Verdauungsgeschwindigkeit beeinflussen sind Fett und Eiweissgehalt der Nahrung, Alkohol, Gehalt und Art der Nahrungsfasern sowie Verarbeitungsgrad und Zubereitung.
Frau Graber-Jehle zeigte anschliessend das Beispiel einer 61-jährigen Patientin mit frisch diagnostiziertem Diabetes Typ 2, Hypercholesterinämie und Hypertonie, Adipositas Grad I (BMI 34), 100 kg bei 172 cm, HbA1c 7.8%, 100% berufstätig. Die Patientin hat in den letzten 20 Jahren 30 kg zugenommen. Bewegungsanamnese: sitzender Beruf, 3 x pro Woche Tennis, Grundumsatz liegt bei 1600 kcal. Ernährungsanamnese: Frühstück: 2 dl Orangensaft, 1 Gipfeli. Mittagessen: unregelmässig Menu im Personalrestaurant, Wasser, Espresso. Zvieri: 1 Nussgipfel oder 1 Brancheli. Abendessen: 1 grosse Portion Spaghetti Bolognese oder 3 Scheiben Brot mit Käse. Getränke tagsüber: Wasser und Espresso, Wochenende 1 Glas Rotwein. Die Ernährung ist kohlenhydratreich und nahrungsfaserarm. Die Ernährungsdiagose zeigt eine übermässige Aufnahme ungeeigneter Kohlenhydrate aufgrund mangelnden Ernährungswissens, wie die HbA1c-Entgleisung und die Adipositas anzeigen.
Als ernährungstherapeutisches Kurzprinzip bei Diabetes Typ 2 nannte die Referentin: Gewichtsreduktion bei Adipositas mit moderner Low-carb-Ernährung. Kohlenhydrat-Qualität: Glykämischen Index beachten, flüssige Kohlenhydrate stoppen, ausreichende Aufnahme von Nahrungsfasern anstreben, maximal 10% der Gesamtenergie in Form von Zucker bei guter Blutzuckereinstellung einnehmen und Alkohol bis 10 g pro Tag (Diabetes Care 2008; 31: Suppl 1: 61-78, Diabetes Care 2014; 37: Suppl. 1: 14-80 ).
Die Patienten sollen den Umgang mit Süssigkeiten bei Diabetes lernen. Im Anschluss an eine Mahlzeit sollte nur eine Hand voll zuckerhaltiges Dessert eingenommen werden. Die weitere Ernährungsintervention umfasst auswärtige Mahlzeiten, deren Fettqualität und -quantität, das Weiterführen von Essprotokollen, Menügestaltung, Blutzuckerselbstmessungen, Vermeidung von Stress- und Frustessen.
Standortsituation der Patientin vier Monate nach Ernährungsintervention: HbA1c von 7.8% auf 6.8% verbessert, Körpergewicht um 8kg gesenkt (Low-carb-Diät mit 1-2 KH-haltigen MZ/Tag). Die Patientin geht neu zu Fuss zur Arbeit (1/2 bis 1h Bewegung pro Tag).
Low-carb-Diäten sind Kohlenhydratquellen mit niedrigem glykämischem Index (Vollkornbrot und Hülsenfrüchte), Fisch, Meeresfrüchte, Raps- und Olivenöl. Menschen mit Diabetes profitieren von Low-carb-Diäten, mit denen die Gewichtsreduktion erfolgreicher ist als mit Low-fat-Diäten, betonte die Referentin.

Typ 2 Diabetes 2019

Zur Definition des Diabetes nannte Dr. med. Niklaus Kamber, Chur, die Glukose (Nüchternglukose, Zufallsglukose, HbA1c, Glukosewerte über einer statistisch ermittelten statistischen Normgrenze nach oraler Belastung). Diabetes kann aber auch aufgrund der Ätiologie klassifiziert werden: Diabetes mellitus Typ 1 :Immunologisch (Typ 1A), Sondertyp: LADA, Idiopathisch (Typ 1B), Diabetes mellitus Typ 2, weitere spezifische Diabetestypen (Typ 3): Genetische Defekte der β-Zellfunktion: MODY Gestationsdiabetes (Typ 4) sowie Diabetes unbekannter Ätiologie (Kombination von Insulinsekretionsdefekt und Insulinresistenz). Der Referent zeigte, dass in den letzten Dekaden die Mortalitätsraten in der Allgemeinbevölkerung substanziell abgenommen haben, dass dies aber für Patienten mit Diabetes weniger der Fall ist. Er erwähnte die wichtigsten Studien vor den Gliflozinen, die UKPDS-Studie, die zeigte, dass unter Blutzuckersenkung die mikro- und makrovaskulären Komplikationen bei Typ 2 Diabetes gesenkt werden. In den nachfolgenden Studien ACCORD, ADVANCE und VADT stellte sich allerdings kein Unterschied zwischen intensiver und Standardtherapie im Hinblick auf makrovaskuläre Ereignisse ein. Im Jahr 2009 empfahl die Expertengruppe der Schweiz .Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) zur Behandlung des Typ 2 Diabetes ein zweistufiges Schema mit einer Lifestylemodifikation plus Metformin in der ersten Stufe und Sulfonylharnstoff oder Glinid in der zweiten Stufe. Wenn HbA1c immer noch > 7 zusätzlich Glitazon oder DPP-4 Hemmer oder ein GLP-1 Analogon. Falls HbA1c immer noch > 7 wird zusätzlich lang wirksames Insulin empfohlen und falls HbA1c noch > 7 soll eine intensivierte Insulintherapie (Basis Bolus) angewendet werden. Der Referent erwähnte die Empfehlung der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) aus dem Jahr 2012, die ebenfalls Metformin und Lifestyleänderungen als erste Stufe vorschlagen, danach eine Zweierkombinationstherapie (Metformin + Sulfonylharnsoff, Metformin + Thiazolidindione, Metformin + DPP-4 Inhibitoren, Metformin + GLP-1 RA, Metformin + Insulin (gewöhnlich basal) und falls notwendig eine Kombination aus 3 Medikamenten.
Im März 2014 wurde der erste SGLT2-Hemmer verfügbar, Canagliflozin (Invokana®). Inzwischen sind mit Empagliflozin (Jardiance®) und Dapagliflozin (Forxiga®) weitere SGLT2-Hemmer zugelassen. Sie führen über die Hemmung der Rückresorption aus dem Tubulus zu Glukosurie. Die Patienten verlieren substantiell Glukose über den Urin. Der glukosesenkende Effekt ist mässig, aber in der EMPA-REG-Studie mit Empagliflozin konnte nicht nur eine Senkung der kardiovaskulären Mortalität, sondern erstmals auch eine Senkung der Gesamtmortalität um 32% gezeigt werden.
Eine weitere wichtige Etappe in der Diabetesbehandlung war die Einführung der GLP-1 Rezeptoragonisten Semaglutid, Liraglutid und Exenatid. Sie senken nicht nur den Blutzucker, sondern auch das Körpergewicht und sowie die kardiovaskuläre Mortalität. Entsprechend sind sie in die Guidelines der SGED 2015 aufgenommen worden. Die Empfehlungen setzen auf individualisierte HbA1c-Ziele, die spezifische Behandlung empfiehlt SGLT2-Hemmer bei Herz- und Niereninsuffizienz und GLP-1 RA nach Metformin bei Übergewicht.
Der Referent schloss mit einem Fallbeispiel:

Fallvignette: Herr A*1975

Diagnose 2001. Zufallsbefund bei «Routineuntersuchung». Gewicht 119 kg (Grösse 1.76m, BMI 38.42 kg/m2). Behandlung mit Metformin (2x 1000 mg/Tag). 2003 zusätzlich Glibenclamid bei HbA1c von 8.2%. Gewicht 118 kg. Bis 2008 HbA1c unter unveränderter Therapie 7.5% und 8.6% (keine Dokumentation des Gewichts). Neu ab 2008 Sitagliptin. 2010 HbA1c unter obiger Therapie 10.2%. 97 kg. Kein Krankheitsbewusstsein. Er sei vielleicht etwas müde, vielleicht müsse er nachts etwas mehr aufs Klo, vielleicht sehe er etwas schlechter.
Oktober 2010 Beginn mit Insulin Glargin (Lantus®) Sitagliptin und weiterhin Metformin. April 2011 HbA1c 7.5%. Gewicht 94 kg, November 2011 HbA1c 8.3%, Gewicht 98kg. Sitagliptin-Stopp. Beginn mit Liraglutid (Victoza®). Dezember 2012 HbA1c 6.6%, Gewicht 91 kg, Liraglutid (Victoza®) 1.8mg/Tag). Bis März 2015 Gewichtszunahme auf 95 kg, HbA1c 7.9%.
Massnahmen:
Entsprechend den Guidelines vermehrte körperliche Aktivität, Metformin, bei Herz- und Niereninsuffizienz SGLT2-Inhibitor, bei BMI > 28 und hohem kardiovaskulärem Risiko GLP-1-RA , unterstützt durch körperliche Aktivität und diätetische Massnahmen, so die Empfehlungen des Referenten.

Diabetes Typ 1 unterwegs

Über Altbewährtes und Neues zu Epidemiologie, Diagnose, Blutzuckermessung und Therapie referierte Frau Dr. med. Silvia Schmid, Chur. Der Typ 1 Diabetes entsteht durch Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen des Pankreas infolge von Autoimmunprozessen, begünstigt durch eine genetische Prädisposition und Umweltfaktoren. Dank der Entdeckung des Insulins durch Fredrick Grant Banting und Charles Best im Jahre 1921 kann diese vorher tödliche Krankheit behandelt werden. Typ 1 Diabetes ist die häufigste Stoffwechselkrankheit und nach Asthma die zweithäufigste chronische Krankheit bei Kindern (8 Kinder pro 100 000 Personenjahre im Jahr 1990 und 15 Kinder im Jahr 2015). In der Schweiz werden jährlich 220 neue Fälle bei Kindern und Jugendlichen festgestellt. Bei Erwachsenen beträgt die Inzidenz 7 pro 100 000 Personenjahre, und rund 500-600 Erwachsene mit Typ 1 Diabetes werden pro Jahr in der Schweiz entdeckt. Die klinische Diagnose fusst auf Durst, Harndrang, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Neben der Klinik umfasst die Diagnose den Blutzuckerwert, HbA1c und die diabetesspezifischen Autoantikörper. Die diagnostischen Kriterien sind Blutzuckerwerte nüchtern ≥7mmol/l oder ≥ 11.1mmol/l im oGTT oder HbA1c ≥ 6.5% oder Plasmaglukose 11.1 mmol/l zu einem beliebigen Zeitpunkt plus die klassischen Hyperglykämiesymptome. Autoimmunitätsmarker sind Autoantikörper gegen Glutamatdecarboxylase (GAD), Antikörper gegen Tyrosin-Phosphatase (IA2), Antikörper gegen Zinktransporter-8 (ZnT8), Insulin-Autoantikörper (IAA). Wichtig bei Kleinkindern: Inselzell-Antikörper (ICA)-Sensitivität von 96%.
Eine spezielle Form ist der LADA (Late onset autoimmune diabetes in the adult): Zuerst wird ein Diabetes mellitus Typ 2 diagnostiziert. Vermutlich haben ca. 10% der Typ 2 Diabetiker Typ 1 Diabetes (kein Übergewicht, Alter < 50 Jahre, weitere Autoimmunerkrankungen beim Patienten oder in Familie, rascher Wirkverlust der oralen Antidiabetika, gutes Ansprechen auf Insulin).
Der Goldstandard in der Therapie ist die funktionelle Insulintherapie (FIT), dabei ist das Ziel, die Insulinsekretion eines Gesunden möglichst genau nachzuahmen. Die Therapie erfolgt mit schnell wirkenden und langwirkenden Insulinanaloga (Tab. 2).

Therapieziel HbA1c

HbA1c widerspiegelt indirekt den Blutzuckerspiegel der letzten 3 Monate. Es zeigt einen hohen Vorhersagewert für diabetesbedingte mikro- und makrovaskuläre Komplikationen. Es gibt aber keine Auskunft über die Schwankungsbreite des Blutzuckers. Das HbA1c-Ziel ist < 7.5% für alle pädiatrischen Altersgruppen, bei Erwachsenen ist es < 7.9%.
Die kombinierte Beurteilung der Blutzuckerkontrolle erfolgt mit Blutzuckerprofilen (CGMS), durch die Zeit im Zielbereich (3.9-10 mmol/l). Diese sollte so hoch wie möglich sein.

Messmethoden von Gewebezucker

  • Flash-Glucosemesssystem (FGM)
  • Continuous Glucose Monitoring System (CGMS)

Therapie mit Insulinpumpen

Das G670-System

  • Verbesserung der BZ Einstellung: leichte Abnahme des HbA1c um etwa 0.3 %; deutliche Abnahme der Blutzuckerschwankungen und der Hypoglykämiefrequenz; viel bessere Blutzuckerkontrolle in der Nüchternphase (Nacht)
  • Vereinfachung im Alltag: Ja (Nacht, nach Pizza und Sport einfacher einzustellen); Nein: Viele Alarme brauchen anfänglich viel Nerven); Geeignet sind Personen, die die Pumpe mit Katheter und CGMS (100%) akzeptieren, die bereit sind VOR jeder Mahlzeit Bolus abzugeben + Kohlenhydratmenge bestmöglich zu beurteilen.
  • Neueste Daten mit einem nicht an den Fc-Rezeptor bindenden monoklonalen CD3-Antikörper (Teplizumab) zeigten, dass diese Therapie die Progression zu klinischem Diabetes Typ 1 bei Hochrisikopersonen verzögert.
  • Das Therapiesetting erfolgt bei Kindern eher stationär, bei Erwachsenen eher ambulant: Die ambulante Ersteinstellung wird bei Kindern in Zürich seit 2006 durchgeführt. Aus medizinischer Sicht sind über 90% ambulant einstellbar.

Bezüglich Diabetes Typ 1 schloss die Referentin mit der Ermahnung: Denkt dran!

Quelle: Abendfortbildung für Hausärzte in Lichtenstein. Vaduz, 30. Oktober 2019

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Auf das Verhältnis von Mehrkosten und Zuwachs an Nutzen kommt es an

Dass regionale Fortbildungsveranstaltungen über Neuentwicklungen in der Medizin, aber ebenso zum kollegialen und gesundheitspolitischen Gedankenaustausch sehr beliebt sind, zeigte sich auch am 12. Thurgauer Symposium Innere Medizin. Knapp 100 Teilnehmer vorwiegend aus dem Kanton Thurgau liessen sich zum Thema «Warum steigen die Gesundheitskosten in meinem Fachbereich – Was können wir besser als vor 10 Jahren, und ist es das wert» von ausgewiesenen Fachleuten orientieren. Die moderierende Leitung hatten Prof. Dr. Robert Thurnheer (Kantonsspital Münsterlingen) und PD Dr. Andreas Kistler (Kantonsspital Frauenfeld) inne.

Behandlungskosten versus Nutzen

PD Dr. med. Christine Manser (LA Gastroenterologie KSp Frauenfeld) sprach in ihrem Referat «Optimierte Therapiestrategien bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen – behandeln wir wirklich kosteneffizient?» zuerst über die beängstigende globale Steigerung besonders der medikamentösen Behandlungskosten (etwas weniger beim Hospitalisationsaufwand) und erinnerte auch an die mannigfaltigen indirekten Kostenfolgen der immer älter werdenden, polymorbiden und auch anspruchsvolleren Bevölkerung. Die optimalen Therapiestrategien richten sich nach der Kosteneffizienz, welche mittels der ICER (incremental cost effectiveness ratio) abgeschätzt werden kann. Als Beispiele wurden z.B. die neuen Therapiemöglichkeiten der chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten erwähnt: Die sehr teuren, langfristig eingesetzten Biologica sind zwar nicht «kosteneffektiv», verkürzen aber die Hospitalisationsdauer, verbessern die Lebensqualität und haben relativ wenig Nebenwirkungen. Es gibt deshalb in schweren Fällen kaum Alternativen.
«Steigende Gesundheitskosten – die Nephrologie als Täterin oder Opfer?» -Diese Frage stellte sich
Dr. med. Stefan Flury (OAz Nephrologie KSp Frauenfeld). Tatsache ist, dass die Zahl an älteren Patienten mit terminalem Nierenversagen (ESRD) und damit Dialysebedarf ständig steigt. Der Referent besprach vor allem die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (Rang 4 für Dialysepflicht) und deren neue Behandlung mit Tolvaptan (Jinarc®, einem Vasopressin-Antagonisten), welches den GFR-Verlust, bzw. die Abnahme der Kreatinin-Clearance sicher verlangsamt und damit die Lebenserwartung steigert, die Krankheit aber natürlich nicht heilt. Die Jahreskosten betragen ca. Fr. 25 000.- (regelmässige Dialyse ca. 80 000.-) – Das atypische hämolytische Syndrom aHUS, eine thrombotische Mikroangiopathie, ist durch akutes Nierenversagen, Thrombozytopenie und hämolytische Anämie charakterisiert. Es kann neuerdings mit Eculizumab (einem monoklonalen Antikörper) bei ungenügender Wirkung der wiederholten Plasmapherese angegangen werden. Die Kosten sind zwar auch hier sehr hoch, die Überlebensdauer aber länger. – In der Diskussion verglich der Referent zudem die Kostenfolge der verschiedenen Nierenersatz-Möglichkeiten: Nierentransplantation, Hämodialyse und Peritonealdialyse.
Mit viel feu sacré verteidigte dipl. Ärztin Michaela Petre (LA Rehabilitation und Langzeitpflege, Klinik St. Katharinental Diessenhofen) die geriatrische Rehabilitation, kurz GR. Ihre Fragestellung «Geriatrische Rehabilitation kostet. Ist sie für «d’Chatz» oder braucht es sie?» schien am Schluss des Referates rein rhetorisch. Der möglichst lange Erhalt der Selbständigkeit ist Ziel aller betagten Menschen. 80% der Patienten können nach der GR wieder nach Hause. Wichtig für den nachhaltigen Erfolg der GR ist aber das genaue geriatrische Assessment am Anfang, das Beachten der Ausschlusskriterien (vergl. KK-Gutsprache), der strukturierte zielgerichtete Behandlungsplan (3 x 30 min. Therapieeinheiten pro Tag) und die gut vorbereitete Entlassung nach Hause (u.a. Round-Table-Gespräch!).
Als didaktisch sehr talentierter Referent erweist sich jedes Mal der Diabetologe Prof. Dr. med. Peter Wiesli (Chefarzt KSp Frauenfeld); er sprach über die «Moderne Therapie des Diabetes». Da hat sich ja sehr viel verändert und die älteren Kollegen finden sich in den neuen Stoffklassen kaum mehr zurecht. Die Sulfonamide haben praktisch ausgedient (cave Hypoglykämien!), mehrere mit viel Propagandaaufwand später neu eingeführte blutzuckersenkende Präparate sind wegen Nebenwirkungen wieder verschwunden. Die therapeutischen Guidelines werden deshalb gerade jetzt wieder überarbeitet. Als Take-Home-Messages können gelten: a) Das extrem billige Metformin steht trotz knapper Datenlage noch immer im Vordergrund und kann fast mit allen neuen Stoffgruppen kombiniert werden. b) Der HbA1c-Wert hat noch nicht ausgedient. Mikrovaskuläre Diabetes-Spätschäden treten bei gut eingestelltem D.m. weniger häufig auf, auf die kardiovaskulären Endpunkte ist der Einfluss aber gering. Wichtig ist die Vermeidung von Hypoglykämien. c) Das richtige Vorgehen kann so zusammengefasst werden: An erster Stelle den eigentlichen Insulin-Mangel ausschliessen. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung (eGFR < 30 ml/min) keine SGLT-2-Hemmer (Gliflozine) geben, sondern Insulin, DPP-4-Hemmer (Gliptine) und/oder GLP-1-Rezeptor-Agonisten (z.B. Liraglutid). Bei GFR >30ml/min und vor allem bei Herzinsuffizienz sind an erster Stelle SGLT-2-Hemmer indiziert!
Als besonders teuer gelten die Innovationen in der Onkologie; aber sind sie auch effizient? Darüber orientierte Dr. med. Christian Taverna (LA Onkologie, KSp Münsterlingen) in seinem Referat «Der Preis der Innovation: Beispiele aus der Onkologie». Zwischen 2014-2018 waren in der Schweiz 38 Neuzulassungen zu verzeichnen, vor allem die monoklonalen Antikörper (mit Suffix –mab), die Tyrosinkinase-Hemmer (Suffix –nib), die «Immun-Checkpoint-Inhibitoren» (z.B. günstige Wirkung von Nivolumab beim Melanom), gezielte antihormonale Therapien und die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, u.a. Die Krebstherapie wird dadurch immer zielgerichteter und personalisierter (rezeptorbasiert, molekular-gesteuert etc.). Besondere Biomarker erlauben eine Abschätzung eines Therapieerfolges (z.B. die PD-L1- und HER2-Diagnostik). Als Fazit gilt: Die Fortschritte in der Onkologie sind sehr gross, die Nebenwirkungen der neuen Stoffklassen sind kontrollierbar, die Kosten sind aber sehr hoch und die Preisgestaltung zu wenig transparent.
«Wird Leben unbezahlbar?» – so lautete die Titelfrage von Dr. med. Rudolf Benz (LA Hämatologie KSp Münsterlingen). Er besprach als positives Beispiel dazu die aktuelle Therapie der chronischen myeloischen Leukämie CML mit dem Proteinkinaseinhibitor Imatinib/Glivec®. Die Wirkung ist bemerkenswert (50% bleiben schlussendlich ohne Therapie «geheilt»), die Nebenwirkungen sind aber nicht unerheblich, die Kosten auch hier hoch. (Zudem ist die Preisgestaltung des Medikamentes sehr unterschiedlich: USA: 140 000 $, Indien 400 $). Lohnt es sich schlussendlich? Der Referent liess die Frage offen.

Auch Dr. med. Florian Schliephake (Oaz Kardiologie KSp Münsterlingen) stellte sich der Frage «Klappen, Katheter, Schrittmacher – kostspielige Hightech oder sinnvolle Medizin?». Er wies auf die praktischen Vorteile der sondenlosen Mini-Herzschrittmacher (allerdings nur einkammerig, Kosten um 12 000.-) gegenüber den konventionellen Pacemakern (Fr. ca. 5000.- bis 8000.-) hin, schilderte die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapien des Vorhofflimmern (Ablation versus medikamentöse Therapie) und deren Kostenfolgen und er kam auch auf die unterschiedlich beurteilte Effizienz des perkutanen Aortenklappenersatzes TAVI zu sprechen. Hier wird die Implantation einer neuen biologischen Aortenklappe am schlagenden Herzen in Lokalanästhesie durchgeführt, eine teure Prozedur, welche nur gewissen Patienten (vor allem in Hochrisiko-Fällen) einen Vorteil bringt. Bei sonst gesunden Patienten unter 70 Jahren wird die konventionelle offene Operation noch als Standard betrachtet.

Bevor die Gesundheitspolitikerin Heidi Grau Gemeindepräsidentin von Zihlschlacht-Sitterdorf) ganz am Schluss ihr sehr bemerkenswertes allgemeines Votum über die Kostenentwicklung in der Medizin abgab und vor allem auch auf die Probleme zu sprechen kam, die auf die Gemeindebudgets zurück fallen (z.B. bei säumigen Prämienzahlern), beeindruckte der Gastgeber des Fortbildungs-Nachmittages (Prof. Dr. med. Robert Thurnheer, Chefarzt am KSp Münsterlingen) mit der Suggestiv-Frage: «Wie konnte ich nur Pneumologe werden?». Dabei blickte er aber auf die Fortschritte in den letzten 30Jahren zurück. Wie hat sich doch vor allem die Behandlung der verschiedenen entzündlichen Bronchial-Erkrankungen («Asthma» und COPD) gewandelt. Speziell erwähnenswert ist das Mepolizumab (Nucala), das sich als monoklonaler Antikörper an Interleukin-5 bindet. Es wird bei eosinophilem Asthma alle 4 Wochen subkutan injiziert (Einzeldosis Fr. 1410.-), der subjektive Gewinn für den Patienten ist gross (auch wenn die gemessene Lungenfunktion kaum verändert wird). – Das zweite Beispiel war die idiopathische Lungenfibrose, für die neuerdings Pirfenidon (Esbriet®, monatliche Kosten Fr. 3211.35) oder Nintedanib (Ofev®, Fr. 2929.- monatlich) zugelassen sind. Die Nebenwirkungen, die Interaktionen und eben die Kosten sind sehr hoch, der Behandlungserfolg «mässig» − Schliesslich wurde noch die Chronisch-thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) erwähnt, welche den Patienten schwer beeinträchtigt und eine 3-Jahres-Mortalität von 50% hat. Klinisch stehen Belastungsdyspnoe, Fatigue, Palpitationen und Synkopen im Vordergrund. Die einzige, nur an wenigen Zentren mögliche kurative Behandlung ist die pulmonale Thrombendarteriektomie (pTEA). Der kostenaufwendige Eingriff lohnt sich in diesem Falle allemal, man kann fast gar von «Heilung» sprechen. Ein zukunftsweisender Abschluss eines eindrücklichen Fortbildungs-Nachmittags über Kostenentwicklung und -effizienz in der Medizin also.

Dr. med. Hans-Ulrich Kull

Küsnacht

Aktuelle Nachrichten aus der Welt des Lymphoms

Vom 18. bis 22. Juni 2019 nahmen mehr als 3700 Kliniker, Pathologen und Forscher aus 90 Ländern weltweit an der
15. Internationalen Konferenz über bösartige Lymphome (ICML) in Lugano teil und hatten die Gelegenheit, die neuesten Fortschritte im Management von lymphatischen Malignomen zu präsentieren und zu diskutieren.

Einsatz der «liquid biopsy» beim Lymphom

Am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Sitzung nahm eine begrenzte Anzahl von Klinikern und Forschern an einem geschlossenen Workshop über den Einsatz von Liquid Biopsies beim Lymphom teil. Der Titel des Workshops lautete «Überführung der Liquid Biopsy in das Management von Lymphompatienten: Entwicklung für die klinische Forschung und Empfehlungen für die klinische Praxis». Bei der Liquid Biopsy handelt es sich um die Probenahme und Analyse von nicht-festem biologischem Gewebe. Sie bietet die Möglichkeit, verschiedene Neoplasien zu diagnostizieren und zu überwachen, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass sie weitgehend nicht-invasiv und sensitiv ist. Die aus den ersten Studien gewonnenen Daten sind ermutigend, und es werden zukünftige Studien erwartet, um die Rolle der Liquid Biopsy in der klinischen Praxis zu bestätigen und personalisierte Behandlungsansätze für Lymphompatienten zu unterstützen. Der Workshop wurde gemeinsam von Dr. Davide Rossi, Bellinzona, Dr. Wyndham Wilson, Bethesda, USA und Dr. Emanuele Zucca, Bellinzona, geleitet und in Zusammenarbeit mit der American Association for Cancer (AACR) und der European School of Oncology (ESO) sowie mit Unterstützung der Leukemia & Lymphoma Society (LLS) organisiert.
Der wissenschaftliche Inhalt der 15. ICML ist von extrem hoher Qualität. Mehr als 500 Abstracts mit Daten über neue Medikamente und neue Behandlungsmethoden wurden für die wissenschaftlichen Sitzungen eingereicht, was es schwierig macht, die besten Abstracts für die mündlichen Präsentationen auszuwählen.

CAR-T-Zelltherapie

Das wahrscheinlich attraktivste Thema, das in diesem Jahr diskutiert wurde, waren die aufkommenden Daten von chimären Antigenrezeptor CAR-T-Zellen, wie die 12 Vorträge und eine spezielle Sitzung zeigten. Die CAR-T-Zelltherapie, die in der Infusion von autologen T-Lymphozyten besteht, die dazu bestimmt sind, Tumorzellen selektiv zu erkennen und abzutöten, ist ein neuer Ansatz gegen Krebs, und die Erfahrung mit dieser Therapie beim Lymphom wächst mit Hunderten von Patienten, die inzwischen erfolgreich behandelt wurden.
Dementsprechend wurde die Henry Kaplan Memorial Lecture in Verbindung mit der Vergabe des San Salvatore Award von Dr. Carl June, Philadelphia, USA gehalten, der «CAR-T-Zellen der nächsten Generation für Lymphome und darüber hinaus» diskutierte und den Prozess der Entwicklung dieser Technologie, den aktuellen Stand der Technik und Zukunftsperspektiven beschrieb. Aktuelle und zukünftige molekulare Ziele, Toxizität und deren Management sowie mögliche Assoziationen mit anderen Medikamenten wurden ausführlich diskutiert.

Präzisionsmedizin beim B-Zell-Lymphom

Ein weiteres diskutiertes Thema war die Präzisionsmedizin beim B-Zell-Lymphom. Das Konzept der Präzisionsmedizin ist bei der ICML nicht neu, aber in diesem Jahr wurde erneut die brillante Arbeit mehrerer Forscher vorgestellt. Bemerkenswert ist, dass Dr. Ari Melnick, New York, die von der AACR geförderte Gianni Bonadonna Memorial Lecture hielt, deren Thema die epigenetische Präzisions-Therapie für das B-Zell-Lymphom war, die als Adjuvans für Immuntherapien verwendet wird, indem die Fähigkeit der T-Zellen, Lymphomzellen zu erkennen, wiederhergestellt wird.
Während der gemeinsamen Sitzung von AACR und ICML hielt Dr. Ankur Singh, New York, einen Vortrag über die Designer-Organoide zur Modellierung von Epigenetik, Signalgebung und Therapien beim Lymphom und diskutierte die Entdeckungen, die durch Designer-Lymphoidorganoide und On-Chip-Technologien ermöglicht werden, um die kritischen Signalwege zu verstehen, die sich als neue therapeutische Ziele beim Lymphom abzeichnen.

Das diffuse grosszellige B-Zell-Lymphom

Die Plenarsitzung war weitgehend dem diffusen grosszelligen B-Zell-Lymphom (DLBC) gewidmet. Das DLBCL wird derzeit mit dem R-CHOP Chemo-Immuntherapieschema behandelt, und mehrere klinische Studien mit neuen Medikamenten konnten das Behandlungsergebnis gegenüber R-CHOP weiterhin nicht verbessern.
Die Ergebnisse zweier wichtiger klinischer Studien, bei denen die Zugabe des immunmodulatorischen Wirkstoffs Lenalidomid zur Standard-R-CHOP-Chemotherapie bei naiven DLBCL-Patienten untersucht wurde, wurden in diesem Jahr vorgestellt. Die von Prof. Umberto Vitolo, Turin, vorgestellte ROBUST Phase-III-Studie mit aktiviertem B-Zell (ABC) DLBCL zeigte keinen Nutzen durch die Zugabe von Lenalidomid, während Dr. Grzegorz S. Nowakowski, Rochester, USA andrerseits Ergebnisse der randomisierten Phase-II-Studie mit ECOG-ACRIN1412 in nicht selektiertem DLBCL (einschliesslich ABC und Keimzentrum-B (GCB)) präsentierte, die eine Verbesserung des progressionsfreien Überlebens (PFS) im experimentellen Arm zeigte. Die Diskussionen, die darauf abzielten, die verschiedenen Ergebnisse der beiden Studien zu erklären, waren sehr interessant und konzentrierten sich hauptsächlich auf die Einbeziehung der verschiedenen Patienten (ABC vs. DLBCL), die unterschiedliche Dosis an Lenalidomid, die in den beiden Studien verwendet wurde, und die unterschiedliche Zeit bis zum Beginn der Therapie (mit einem möglichen Selektionsbias) zwischen den beiden Studien. Der gemeinsame Eindruck nach den Diskussionen war, dass R-CHOP immer noch die Standard-Erstlinien-Therapie für DLBCL-Patienten ist, aus diesen beiden Studien jedoch wichtige Informationen gewonnen wurden, die für die Gestaltung zukünftiger klinischer Studien verwendet werden können.
Neben den beiden klinischen Studien konzentrierte sich eine Arbeit von Dr. Christopher Rushton, Burnaby, Kanada, ebenfalls auf DLBCL und insbesondere auf die genetischen Defekte bei Patienten mit DLBCL, die gegen eine Standardchemotherapie resistent sind. Die Autoren beschrieben Mutationen in spezifischen Genen (TP53, IL4R, HVCN1, RB1 und MS4A1). Dieses Wissen kann helfen, die molekularen Mechanismen zu verstehen, die zum Versagen von Standardtherapien führen.

Resultate zu niedrig gradigen Lymphomen

Im Bereich der niedrig gradigen Lymphome wurden Ergebnisse verschiedener chemotherapiefreier Kombinationen vorgestellt und auch Daten von neuartigen monoklonalen Antikörpern (einschliesslich anti-CD19, anti-CD40), bispezifischen Antikörpern, neuen Antikörper-Medikamentenkonjugaten und BTK- und PI3K-Inhibitoren der zweiten Generation. Zusätzlich zu den Daten bei niedrig gradigen Lymphomen präsentierte Dr. Jason Westin, Houston, interessante Ergebnisse mit der Kombination von Rituximab, Lenalidomid und Ibrutinib vor der Kombination mit Chemotherapie für Patienten mit neu diagnostiziertem DLBCL und führte ein neues Konzept der chemotherapiefreien Behandlung bei Patienten mit aggressiven Lymphomen ein.

Was kann gegen die hohen Medikamentenkosten getan werden?

Ein weiterer Höhepunkt der diesjährigen Sitzung war die brillante Präsentation von Dr. S. Vincent Rajkumar, Rochester, zu einem speziellen Vortrag mit dem Titel «The high cost of cancer drugs: what can we do?». Das Problem der sehr hohen Kosten, die mit vielen neuen Medikamenten verbunden sind, wurde sehr gut dargestellt, zusammen mit einigen Ideen, die eine nachhaltigere Medikamentenentwicklung in der Zukunft ermöglichen könnten.
Insgesamt hatte die 15. ICML einen enormen Erfolg, der einmal mehr beweist, dass es sich um eine der wichtigsten Konferenzen über lymphatische Malignome handelt. Die 16. ICML, die vom 15. bis 19. Juni 2021 wiederum in der schönen Stadt Lugano stattfinden wird, fällt mit dem 40-jährigen Jubiläum seit der ersten Veranstaltung im Jahr 1981 zusammen.

Quelle: 15. ICM, Lugano, 18.-22. Juni 2019

PD Dr. Anastasios Stathis

Istituto Oncologico della Svizzera Italiana (IOSI)
Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli
Via Ospedale
6501 Bellinzona

Anastasios.Stathis@eoc.ch

Dr. med. Guido Ghilardi

Istituto Oncologico della Svizzera Italiana (IOSI)
Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli
Via Ospedale
6501 Bellinzona

Dr. med. Davide Facchinelli

Istituto Oncologico della Svizzera Italiana (IOSI)
Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli
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6501 Bellinzona

Erstlinientherapie älterer Patienten mit akuter myeloischer Leukämie

Welche Faktoren sollten bei älteren Patienten mit akute myeloischer Leukämie (AML) bei der Wahl der Erstlinientherapie berücksichtig werden? Welche Optionen stehen für sie überhaupt zur Verfügung und was befindet sich noch in klinischen Studien? Antworten auf diese Fragen gab Prof. Dr. med. Gerwin Huls, Groningen/NL.

Die Wahl der am besten für einen älteren AML-Patienten geeigneten Therapiestrategie wird durch verschiedene patientenbezogene Faktoren beeinflusst. Einer der wichtigsten Punkte in diesem Zusammenhang stellt dar, ob ein älterer Patient überhaupt fit genug ist, um eine intensive Chemotherapie zu tolerieren. «Ganz generell bei Krebserkrankungen spielen in dieser Hinsicht die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, der Ernährungszustand, Komorbiditäten und eine damit allenfalls einhergehende Polymedikation, sozio-ökonomische Parameter und die emotionale Gesundheit eine Rolle», erklärte Prof. Huls, Groningen/NL. Spezifisch für Patienten mit AML hätten Untersuchungen für folgende Parameter eine Relevanz nachgewiesen: Alter, ECOG Performance Status, Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens, den Hematopoietic Cell Transplantation-specific Comorbidity Index (HCT-CI > 3), kognitive Einschränkungen (modified Mini-Mental-Status Examination (3MS) Score < 77) sowie eine eingeschränkte körperliche Leistung (Short Physical Performance Battery (SPPB) Score < 9). «Für alle diese Faktoren konnte gezeigt werden, dass sie prädiktiv für ein Ansprechen auf eine intensive Therapie bzw. das Überleben sind», fügte der Redner an.

Relevante krankheitsbezogene Faktoren

Neben patientenbezogenen Faktoren beeinflussen in zweiter Linie auch krankheitsbezogene Faktoren die Wahl der Therapie. «AML stellt bei älteren Patienten eine andere Erkrankung dar als bei jüngeren», sagte Prof. Huls. So würden ältere Patienten unter anderem häufiger eine ungünstige Zytogenetik und eine höhere Inzidenz an Multisubstanz-Resistenzen aufweisen. Auch die Inzidenz einer sekundären AML sei bei älteren Patienten höher als bei jüngeren. Einige Studie konnten jedoch zeigen, dass auch Patienten mit ungünstiger Zytogenetik von bestimmten Therapieansätzen profitieren können. So fanden Welch et al., dass Patienten mit einem ungünstigen zytogenetischen Profil und/oder einer T53-Mutation besser auf Decitabin (20 mg/m2, monatlich für 10 aufeinanderfolgende Tage) ansprachen als solche mit einem intermediären oder günstigen zytogenetischen Profil und solche ohne T53-Mutation (1). Keiner dieser Risikofaktoren war mit einem schlechteren Gesamtüberleben (OS) assoziiert als es Patienten mit einem intermediären zytogenetischen Risikoprofil erreichten. Pollyea et al. stellten fest, dass Enasidenib bei älteren AML-Patienten mit IDH2-Mutationen zu einer Gesamtansprechrate (ORR) von 30,8% führte und 18% der Patienten ein komplettes Ansprechen (CR) erreichten (2). Nach einem medianen Follow-up von 8,4 Monaten war das mediane OS bei den Respondern noch nicht erreicht.

Mehrere Optionen besser als beste Supportivtherapie

Bereits 1989 konnte nachgewiesen werden, dass eine intensive Chemotherapie bei älteren Patienten zu einem besseren Überleben führt als die beste Supportivtherapie (BSC) (3). «Interessant war, dass Patienten mit einer intensiven Chemotherapie weniger Tage im Spital verbrachten als die Patienten der Vergleichsgruppe», ergänzte der Redner. Mittlerweile haben sich weitere Optionen, so z.B. die hypomethylierenden Substanzen Decitabin und Azacitidin, aber auch niedrig dosiertes Cytarabin und Gemtuzumab Ozogamicin gegenüber einer BSC als überlegen erwiesen (Tab. 1) (3-8). Azacitidin hat zudem in einer retrospektiven Analyse ein gleich gutes Resultat hinsichtlich OS erreicht wie eine intensive Chemotherapie, sich jedoch als besser verträglich gezeigt (9). In der laufenden prospektiven Studie EORTC AML-21 wird Decitabin (10 Tage) mit einer konventionellen Chemotherapie verglichen. «Das Design dieser Studie sieht auch eine Transplantation vor, d.h. es sollen so viele Patienten wie möglich transplantiert werden. Je nachdem wie das Resultat ausfallen wird, könnte diese Studie die gängige Praxis entscheidend verändern», so Prof. Huls.
Verschiedene weitere neue Ansätze werden aktuell ebenfalls in Studien untersucht, so z.B. Azacitidin + /V- Venetoclax und LDAC + / - Venetoclax. Die Studie HOVON135/SAKK 30/15 evaluiert die Behandlung mit Decitabin im Vergleich zu Decitabin plus Ibrutinib bei Patienten > 66 Jahren, die sich nicht für eine intensive Chemotherapie eignen (HCT-CI > 3). Abschliessend meinte Prof. Huls: «Wir können bei älteren AML-Patienten nicht einfach eine bestimmte Therapie als Standard einsetzen. Der Allgemeinzustand sowie die molekularen Charakteristiken der Erkrankung und die Präferenz der Patienten sollten uns bei der individuellen Wahl der am besten geeigneten Therapie leiten.»

Fazit:

  • Eine Behandlung sollte bei (fast) allen älteren AML-Patienten in Betracht gezogen werden.
  • Eine intensive Chemotherapie, tief dosiertes Cytarabin, Gemtuzumab Ozogamicin und hypomethylierende Substanzen haben sich in Studien gegenüber einer besten Supportivtherapie als überlegen erwiesen.
  • Eine intensive Therapie ist zu bevorzugen, mit Ausnahme von:
    o nicht fitten Patienten (z.B. HCT-CI > 3, SPPB < 9, 3MS <v77)
    o Patienten mit ungünstigem Risiko (z.B. ungünstige Zytogenetik, TP53-Mutation)
  • Bei Patienten mit komplettem Ansprechen sollte eine allogene Stammzelltransplantation in Betracht gezogen werden.
  • Verschiedene neue Optionen werden aktuell in Studien untersucht.
Dr. Therese Schwender

1. Welch JS et al. TP53 and Decitabine in Acute Myeloid Leukemia and Myelodysplastic Syndromes. N Engl J Med 2016;375:2023-2036.
2. Pollyea DA et al. Enasidenib, an inhibitor of mutant IDH2 proteins, induces durable remissions in older patients with newly diagnosed acute myeloid leukemia. Leukemia. 2019 Apr 9. doi: 10.1038/s41375-019-0472-2. (Epub ahead of print)
3. Löwenberg B et al. On the value of intensive remission-induction chemotherapy in elderly patients of 65+ years with acute myeloid leukemia: a randomized phase III study of the European Organization for Research and Treatment of Cancer Leukemia Group. J Clin Oncol1989;7:1268-74.
4. Burnett AK et al. A comparison of low-dose cytarabine and hydroxyurea with or without all-trans retinoic acid for acute myeloid leukemia and high-risk myelodysplastic syndrome in patients not considered fit for intensive treatment. Cancer 2007;109:1114-24.
5. Amadori S et al. Gemtuzumab Ozogamicin Versus Best Supportive Care in Older Patients With Newly Diagnosed Acute Myeloid Leukemia Unsuitable for Intensive Chemotherapy: Results of the Randomized Phase III EORTC-GIMEMA AML-19 Trial. J Clin Oncol 2016;34:972-9.
6. Fenaux P et al. Azacitidine prolongs overall survival compared with conventional care regimens in elderly patients with low bone marrow blast count acute myeloid leukemia. J Clin Oncol 2010;28:562-9.
7. Dombret H et al. International phase 3 study of azacitidine vs conventional care regimens in older patients with newly diagnosed AML with >30% blasts. Blood. 2015;126:291-9.
8. Kantarjian HM et al. Multicenter, randomized, open-label, phase III trial of decitabine versus patient choice, with physician advice, of either supportive care or low-dose cytarabine for the treatment of older patients with newly diagnosed acute myeloid leukemia. J Clin Oncol 2012;30:2670-7.
9. van der Helm LH et al. Azacitidine might be beneficial in a subgroup of older AML patients compared to intensive chemotherapy: a single centre retrospective study of 227 consecutive patients. J Hematol Oncol. 2013;6:29.

Maternales Geburtstrauma: Warum sollte es uns wichtig sein?

Im Rahmen der Veranstaltungen zum 7. Hauptthema, das der Prävention von perinealen Traumata gewidmet war, sprach Prof. Dr. med. Hans P. Dietz, Sydney, über die Bedeutung des maternalen Geburtstraumas.

Prof. Dr. med. Hans P. Dietz

Bei der Mehrheit aller Frauen kommt es während der Geburt zu einem Trauma am Beckenboden mit Damm- und Scheidenrissen. Die Konsequenzen sind langfristig enorm. In den USA erfolgten in 2010 200 000 Operationen wegen Prolaps, 120 000 wegen Harninkontinenz und 10 000 wegen Analinkontinenz, so Prof. Dr. Dietz. Das relative Risiko steigt mit der Anzahl Geburten, wobei die erste vaginale Geburt jedoch generell den meisten Schaden anrichtet.
Die Identifikation und Behandlung von Dammrissen Grad III-IV ist ein Schwerpunkt der geburtshilflichen Ausbildung. «In den letzten 10 Jahren ist jedoch klar geworden, dass der Begriff Beckenbodentrauma eine zusätzliche Kategorie von Verletzungen umfasst, die meist verborgen bleiben und nur selten unter der Geburt diagnostiziert werden», so der Referent. Fortschritte in der bildgebenden Diagnostik, insbesondere in der Kernspin- und 3-D-/4-D-Ultraschalldiagnostik, ermöglichen dem Geburtshelfer heute die routinemässige Darstellung des M. levator ani, vor allem des M. puborectalis (Abb. 1). Es ist inzwischen klar, dass das Puborectalis-Trauma recht häufig ist und Avulsionen bei bis zu 30% aller vaginalen Geburten vorkommen. «Dies könnte der numerisch wichtigste Faktor in der Pathogenese von Prolapsbeschwerden sein und damit der wichtigste modifizierbare Risikofaktor», folgerte Prof. Dietz.
Der Referent präsentierte einen Überblick des aktuellen Standes der klinischen Forschung auf diesem Gebiet. Darin eingeschlossen waren Levatorschäden wie auch neue Erkenntnisse zu Sphinktertraumata. Für beide Formen von Geburtstrauma ist die Zangenentbindung bei weitem der wichtigste Risikofaktor, hob Prof. Dietz hervor.
Die Abteilung von Prof. Dietz in Sydney hat in den letzten 15 Jahren tomographische Ultraschallverfahren zur Beurteilung solcher Schäden entwickelt, welche zunehmend globale Verbreitung erfahren (Abb. 1 und 2).

Der Referent zeigte neue Ansätze für Prävention und chirurgische Behandlung von Levator-Traumata, eine bisher vollständig vernachlässigte Form des Geburtstraumas, auf. Bei Sphinkter-Traumata bietet die gezeigte tomographische Diagnostik sowohl in der klinischen Praxis als auch in der Forschung umfassende neue Möglichkeiten.

Fazit des Referenten

Avulsion ist häufig (2-30%), meist okkult, wahrscheinlich im Zunehmen, und der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für Prolaps.
OASI (obstetrical anal sphincter injury) ist häufiger als bisher bekannt (2-20%) und oft übersehen oder ungenügend versorgt.
Der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für beide Trauma-Formen ist die Zangenentbindung.
Das optimale diagnostische Verfahren ist der tomographische 4-D Ultraschall. Dies bedeutet minimalen Aufwand für Patient und Arzt, da schnell und nichtinvasiv, und mit vorhandenem Gerät durchführbar.

Quelle: SGGG-Jahreskongress, 28. Juni 2019, St. Gallen

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Aktuelle Fragen aus der Frauenheilkunde

An der Nachlese zum Jahreskongress des American College of Physicians, welche die VZI unter dem Motto «Highlights from Philadelphia als Multiple small Feedings of the Mind» präsentiert hat, wurden 3 klinisch aktuelle Fragen an die Frauenärztin von KD Dr. med. Stephanie von Orelli mit Blick auf die Antworten der amerikanischen Kollegen aus Schweizer Sicht beantwortet.

Frau KD Dr. med. Stefanie von Orelli, Zürich, nimmt Stellung zur Frage «Was sind die neuesten Erkenntnisse bezüglich Risiken, Nutzen und Dauer der postmenopausalen Hormonersatztherapie?» Die Referentin präsentiert neue Daten der Womens Health Initiative (WHI), der Studie, die ursprünglich dazu geführt hat, dass bei vielen Frauen in der Menopause die Hormonersatztherapie abgebrochen wurde mit der Folge von erheblichen Beschwerden. Nach einem Follow up von 18 Jahren zeigt sich nun bei den 16608 beobachteten Frauen, die im Schnitt während 5.6 Jahren unter Östrogen und Gestagen standen, dass sich kein Unterschied ergibt bezüglich Gesamtmortalität, kardiovaskulärer Mortalität und totaler Krebsmortalität. Auch bei den 10 739 während im Schnitt 7.2 Jahren nur mit Östrogen behandelten Frauen zeigt sich nach 18 Jahren kein Unterschied bezüglich Gesamtmortalität, kardiovaskulärer Mortalität und Krebsmortalität. Zu einem ähnlichen Schluss kam eine koreanische Metaanalyse. Weder unter Östrogen Monotherapie noch unter Kombinationstherapie konnte eine Verschlechterung der Überlebensraten aufgezeigt werden, im Gegenteil ergaben sich Hinweise auf eine geringe, nicht signifikante Verbesserung. Eine 2016 im New England Journal publizierte Berichtigung von 2 der Autoren der WHI-Studie führte zu einem kleinen Erdbeben. Nach deren Einschätzung seien die Resultate der WHI-Studie unangemessen verwendet worden, um Entscheidungen bei Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die unter Wallungen leiden, zu treffen. Viele Nebenwirkungen der WHI-Studie würden sich nicht auf jüngere Frauen anwenden lassen. Der minimale Anstieg von Herzkrankheiten, Stroke und Brustkrebs in der Gruppe der Kombinationsbehandlung wird durch die reduzierte Gesamtmortalität mehr als kompensiert, nebst einer Reduktion an Frakturen und Diabetes. Die Resultate unter Östrogen-Monotherapie sind noch günstiger. Konkret ist das Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse im Alter < 60 Jahre mit 1-2/ 10 000 Frauenjahre sehr klein, jedoch im Alter > 60 signifikant erhöht. Es gibt ein optimales Fenster für eine Hormonsubstitution, man soll eine solche nicht bei Frauen über 60 Jahre beginnen. Bei Frauen unter 60 Jahre soll nach zusätzlichen Risiken gemäss Framingham Risk Score geforscht werden und positivenfalls eine transdermale Substitution, die ein etwas weniger grosses Risiko aufweist, in Betracht ziehen. Das gleiche gilt bei Risiko für venöse Thromboembolien. Zusammenfassend hält die Referentin fest, dass bei starken menopausalen Symptomen, wie insbesondere starken Hitzewallungen, Östrogene und Gestagene gegeben werden dürfen. Prophylaktische Ziele stellen eher keine Indikation dar. Es gibt ein günstiges Fenster – wenn die Ersatztherapie innert 10 Jahren nach der Menopause respektive vor dem 60. Lebensjahr gegeben wird, übersteigt der Nutzen das Risiko. Möglichst nicht länger als 5 Jahre. Bei persistierendem Leidensdruck kann versucht werden, die Dosierung ausschleichend auf das tiefst mögliche Niveau zu reduzieren. Der Begriff der «bioidentischen Hormone» ist nicht einheitlich definiert, einige Autoren verwenden den Ausdruck für 17-beta-Estradiol (v.a. transdermal in Gel und Pflaster verwendet) im Gegensatz zu Estradiol-Valerat. Bei allen Östrogenen gilt die Pflicht zur Kombination mit Gestagenen bei erhaltenem Uterus.

«Wie beraten wir Patientinnen über Brustkrebsrisiko im Zusammenhang mit topischen Östrogenen und oralen Verhütungsmitteln». Basierend auf einer dänischen Register Studie kommt die Referentin zum Schluss, dass das Brustkrebsrisiko in Abhängigkeit von der Anwendungsdauer gering erhöht ist, das relative Risiko steigt nach 5 - 10-jähriger Anwendung auf rund 1.3 und nach über 10 Jahren auf 1.5. Dabei muss berücksichtigt werden, dass eine Reihe von weiteren Faktoren das Risiko ebenfalls um rund 20% steigern, wie z.B. Obesitas oder moderater Alkoholkonsum. Sicher ungünstig ist die Kombination all dieser Risikofaktoren, während der alleinige Östrogengebrauch bei einer schlanken, sportlichen Person ohne signifikanten Alkoholkonsum klinisch kaum ins Gewicht fällt. Dementsprechend ist eine kombinierte hormonelle Kontrazeption gemäss der neuesten Empfehlung des CDC sogar bei Patientinnen mit gutartigen Brusterkrankungen und bei positiver Familienanamnese für Brustkrebs ohne Einschränkung möglich.
Hingegen ist eine menopausale Hormonsubstitution während oder nach einem Mammakarzinom ein absolutes «no go». Eine entsprechende randomisierte Studie musste abgebrochen werden, nachdem innert 2,1 Jahren unter Hormonsubstitution das Risiko für ein Brustkrebsereignis um den Faktor 3,3 auf über 25% gesteigert war.
Zur Frage, ob wenigstens lokal Östrogene nach Brustkrebs eingesetzt werden können, erläutert eine aktuelle ACOG Commitee Opinion, dass üblicherweise lokal Estriol, E3, angewendet wird, welches als grosses Molekül kaum resorbiert wird und dementsprechend die Östrogenwerte im Blut kaum ansteigen. Ausnahme bei Patientinnen unter Therapie mit Aromatasehemmern. Aktuelle Daten zeigen keine erhöhte Rückfallraten. Trotzdem sollen lokale Östrogene in dieser Population nur bei fehlender Wirksamkeit anderer lokaler Applikationen, wie Befeuchtungsmittel o.ä. angewendet werden.

«Wie beeinflusst die Brustdichte unser Vorgehen in der Brustkrebsvorsorge?». Die Dichte der Brust wird in 4 Kategorien eingeteilt, «Primär Fett», «Fibroglandulär», «Heterogen» und «Extrem dicht». Die mittleren beiden sind am häufigsten anzutreffen, die Dichte nimmt tendenziell mit dem Alter zu, so dass v.a. Frauen ab 50 von einem Screening profitieren, während bei jüngeren Frauen die Bildgebung oft falsch positiv ist oder nicht aussagekräftig. Das ist eine Frage an den Radiologen, aber Frau Dr. von Orelli nimmt sie zum Anlass, grundsätzlich auf das Thema Brustkrebsvorsorge einzugehen. Sie ist in der Schweiz nicht einheitlich organisiert, so dass oft ein sog. wildes Screening durchgeführt wird. Für die Referentin ist essenziell, dass Frauen über das Mammographie Screening informiert sind, wenn sie sich ihm unterziehen. Als Grundlage ist das Faktenblatt der Krebsliga nützlich. Von 1000 Frauen mit Screening benötigen 250 weitere Abklärungen wegen unklaren Befunden. Schlussendlich kann die Diagnose bei 65 Frauen gestellt werden, davon versterben 20 am Brustkrebs. Bei 1000 Frauen ohne Screening wird in 55 Fällen die Diagnose gestellt, davon versterben 16 an Brustkrebs, also 4 weniger als mit Screening. Von den 10 häufiger diagnostizierten Fällen werden lediglich 4 gerettet, bei den übrigen bestehen Überdiagnosen und Übertherapien. Ein Vorteil bezüglich Gesamtmortalität besteht nach ungezieltem Screening nicht! Im 2014 publizierten Canadian Trial fand sich sogar über 25 Jahre kein Vorteil bezüglich Brustkrebs-spezifischer Mortalität. So kommt Frau Dr. von Orelli zum Schluss, dass keine Empfehlungen bestehen zu einer Änderung des Screenings bei erhöhter Brustdichte und auch in Leitlinien keine Empfehlungen für den Einsatz von CT oder Tomosynthese. Jedoch favorisiert die Referentin, Frauen mit einem hohen à priori-Risiko (>20% Lebensrisiko) zu identifizieren und diese dann einer Beratung für genetische Testung und gegebenenfalls einer intensivierten Bildgebund mit MRI zuzuführen. Dazu eignet sich der modifizierte IBIS Kalkulator, welcher neben dem neuen Kriterium Brustdichte das Alter, den BMI, die Parität, Alter bei Menarche, Familienanamnese für Brust- oder Ovarialkarzinom, Ashkenazy Jüdische Herkunft, eigene Anamnese für High Risk Läsionen, lobuläres Ca in situ oder Ovarialkarzinom, Menopausenstatus und menopausale Hormontherapie berücksichtigt
(http://www.ems-trials.org/riskevaluator/).

Quelle: VZI Highlights from Philadelphia, 4. Juli 2019, Lake Side, Zürich

Dr. med. Hans-Kaspar Schulthess

Facharzt FMF Innere Medizin und Gastroenterologie
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8044 Zürich

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