Highlights ESMO 2019: Lungenkarzinom und Mesotheliom

CheckMate-227 Studie (1,2)

Die Phase-III-Studie CheckMate-227 hat Patienten mit metastasiertem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) ohne vorherige Behandlung eingeschlossen. Part 1 der CheckMate-227-Studie bestand aus 2 Kohorten: Patienten mit einer PD-L1-Expression von ≥1% (Part 1a) sowie solche mit einer PD- L1 Expression von < 1% (Part 1b). In Part 1a wurden die Patienten 1:1:1 in die folgenden Therapiearme randomisiert: Nivolumab plus niedrig dosiertes Ipilimumab (1mg/kg 6-wöchentlich), Nivolumab-Monotherapie (3 mg/ kg 2-wöchentlich) oder eine platinbasierte Chemotherapie. In Part 1b wurden die Patienten 1:1:1 einem Arm mit Nivolumab plus Ipilimumab, einer Chemotherapie oder einer kombinierten Immuno-Chemotherapie mit Nivolumab plus Chemotherapie zugeordnet. Die beiden unabhängigen primären Endpunkte der Studie verglichen Nivolumab plus Ipilimumab mit Chemotherapie im Hinblick auf das progressionsfreie Überleben in der Population mit hoher Tumormutationslast (TMB ≥ 10 Mutationen pro Megabase) (diese Ergebnisse wurden bereits publiziert (3)) und das Gesamtüberleben in der Population mit einer PD-L1 Expression von ≥ 1%. Am diesjährigen ESMO Kongress wurde nun der letztgenannte Endpunkt vorgestellt. In der Population mit einer PD-L1 Expression von ≥ 1% konnte ein signifikant verlängertes medianes Überleben mit Nivolumab und Ipilimumab gegenüber der Chemotherapie gezeigt werden (17,1 vs. 14,9 Monate; HR 0,79; 95% CI, 0,65-0,96; p = 0,007). Das mediane Überleben einer alleinigen Nivolumab-Therapie betrug 15,7 Monate. In der PD-L1 negativen Kohorte (Part 1b) steigerte die Kombination von Nivolumab und Ipilimumab das mediane Überleben von 12,2 Monaten (Chemotherapie) auf 17,2 Monate. In einer explorativen Subgruppenanalyse wurde der prädiktive Wert der Tumormutationslast auf die Immuntherapie (Nivolumab plus Ipilimumab) gegenüber der Chemotherapie untersucht. Interessanterweise zeigte sich die Tumormutationslast (cut-off ≥10 Mutationen pro Megabase) als kein guter prädiktiver Faktor.

Fazit: Nivolumab plus Ipilimumab ist eine neue Erstlinientherapie-Option für das metastasierte nicht-kleinzellige Lungenkarzinom. Der Stellenwert dieser Therapie im Kontext der kombinierten Immuno-Chemotherapie muss jedoch noch definiert werden.

FLAURA Studie (4)

In die Phase-III-FLAURA Studie wurden Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen oder metastasierten NSCLC mit einer sensibilisierenden EGFR-Mutation (Exon 19 Deletion oder L858R Mutation) eingeschlossen. Patienten wurden 1:1 in einen Osimertinib-Arm oder einen Standard-Therapie-Arm (Erlotinib oder Gefitinib) randomisiert. Ein Cross-Over vom Standard-Therapie- in den Osimertinib-Arm war bei Progression und Nachweis einer T790M Mutation erlaubt. Als primärer Endpunkt der Studie wurde das Progressions-freie Überleben (PFS) definiert. Wie bereits publiziert (5) wurde das mediane PFS mit Osimertinib gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant verbessert (Mediane PFS 18,9 vs. 10,2 Monate). Auch das Ansprechen (80% vs. 76%) und die mediane Ansprechzeit (17,2 vs. 8,5 Monate) waren in der Osimertinib-Gruppe deutlich höher. Am diesjährigen ESMO Kongress wurden nun die Daten zum Gesamtüberleben (OS) präsentiert. Das mittlere OS im Osimertinib-Arm betrug 38,6 Monate im Vergleich zu 31,8 Monaten im Standard-Therapie-Arm (HR 0,799; 95% CI, 0,647-0,997; p = 0,0462). Die Zeit bis zur Zweitlinien-Therapie wurde mit Osimertinib signifikant verlängert (25,4 vs. 13,7 Monate). Ein Cross-Over zu Osimertinib erfolgte bei 30% der Patienten. 30% aller Patienten in beiden Behandlungsarmen erhielten keine weiteren Anti-Tumor Therapien nach Progression.

Fazit: Osimertinib ist die neue Erstlinien-Therapie der Wahl für Patienten mit einem metastasierten NSCLC mit einer sensibilisierenden EGFR-Mutation.

PROMISE-meso Studie (6)

Die Phase-III-Studie PROMISE-meso hat Patienten mit einem malignen Pleuramesotheliom und einem Rezidiv nach einer platinbasierten Chemotherapie eingeschlossen. Die Patienten wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten den PD-1 Inhibitor Pembrolizumab oder eine Chemotherapie der Wahl (Gemcitabine, Vinorelbine). Ein Cross-Over vom Chemotherapie- auf den Immuntherapie-Arm war erlaubt. Das PFS als primärer Endpunkt der Studie wurde verfehlt. Das mediane PFS mit Pembrolizumab betrug 2,5 Monate, verglichen mit 3,4 Monaten im Chemotherapie-Arm. Auch im OS zeigte sich kein signifikanter Unterschied (Medianes OS 10,7 mit Pembrolizumab vs. 11,7 Monate mit Chemotherapie). Es zeigte sich zwar eine höhere Ansprechrate unter Pembrolizumab (22% vs. 6%), diese liess sich aber leider nicht in ein verlängertes Therapieansprechen übersetzen (4,6 Monate vs. 11,2 Monate).

Fazit: Die Pembrolizumab-Monotherapie ist der Standard-Chemotherapie in der zweiten Therapielinie nicht überlegen.

Dank: Mein Dank gilt der SAKK, die mir die Teilnahme an der Young Oncology Academy ermöglicht hat. Ein spezieller Dank gebührt Prof. Miklos Pless und PD Dr. Sacha Rothschild für ihre Unterstützung und das Feedback während des Förderungsprogrammes.

1. Peters S, Ramalingam S, Paz-Ares L, et al. Nivolumab + low-dose ipilimumab versus platinum- doublet chemotherapy as first-line treatment for advanced non-small cell lung cancer: CheckMate- 227 part 1 final analysis. Presented at 2019 ESMO Congress. Abstract LBA4.
2. Hellmann MD, Paz-Ares L, Carbo RB, et al. Nivolumab plus ipilimumab in advanced non–small- cell lung cancer [published online September 28, 2019]. N Eng J Med. doi: 10.1056/NEJMoa1910231.
3. Hellmann MD, Ciuleanu T-E, Pluzanski A, et al. Nivolumab plus ipilimumab in lung cancer with a high tumor mutational burden. N Engl J Med 2018; 378: 2093–2104.
4. Ramalingam SS, Gray JE, Ohe Y, et al. Osimertinib vs comparator EGFR-TKI as first-line treatment for EGFRm advanced NSCLC (FLAURA): Final overall survival analysis. Presented at 2019 ESMO Congress. Abstract LBA5_PR.
5. Soria J-C, Ohe Y, Vansteenkiste J, et al. Osimertinib in untreated EGFR-mutated advanced non– small-cell lung cancer. N Engl J Med. 2018; 378:113-125.
6. Popat S, Cunoni-Fontecedro A, Polydoropoulou V, et al. A multicenter randomized phase III trial comparing pembrolizumab (P) vs single agent chemotherapy (CT) for advanced pre-treated malignant pleural mesothelioma (MPM)—results from the European Thoracic Oncology Platform (ETOP 9-15) PROMISE-meso trial. Presented at 2019 ESMO Congress. Abstract LBA91.

ESMO 2019: Urogenitale Tumore 2019

Auf dem diesjährigen Jahreskongress der ESMO wurden viele interessante Studienergebnisse aus dem Bereich der urogenitalen Onkologie vorgestellt. Wir stellen hier vier Studien vor, die für die tägliche Praxis wichtig sind.
In der RADICALS-Studie wurde die Wirkung der adjuvanten Strahlentherapie mit derjenigen der frühen Salvage-Strahlentherapie nach radikaler Prostatektomie untersucht. Der primäre Endpunkt – das Metastasen-freie Überleben – wurde zwar noch nicht erreicht, die Ergebnisse zum biochemischen Rezidiv-freien Überleben wurden aber bereits vorgestellt. Patienten nach radikaler Prostatektomie (mit mindestens einem der folgenden Kriterien: pT3/4, Gleason Score 7-10, präoperatives PSA ≥ 10 ng/ml und/oder positiver Resektionsrand) mit einem postoperativen PSA-Abfall auf ≤ 0.2 ng/ml wurden zur adjuvanten oder frühen Salvage-Strahlentherapie (verabreicht bei konsekutivem PSA-Anstieg und PSA > 0.1 ng/ml) randomisiert. Von 1 396 rekrutierten Patienten hatte die Mehrheit ein lokal fortgeschrittenes Tumorstadium (pT3/4: 75%) und/oder einen positiven Resektionsrand (R1: 63%). Nach einer medianen Beobachtungszeit von 5 Jahren wurde zwischen den beiden Studienarmen hinsichtlich des biochemischen Rezidiv-freien Überlebens kein Unterschied festgestellt (Hazard Ratio [HR]: 1.1 [95%-CI: 0.81-1.49]; p = 0.56). Im Salvage-Therapie Arm benötigten 63% der Patienten keine Bestrahlung. Diese vorläufigen Ergebnisse der RADICALS-Studie untermauern das Konzept einer frühen Salvage-Strahlentherapie, mit dem > 60% der Patienten eine Strahlentherapie erspart bleibt.
Die CARD Studie verglich in der Drittlinientherapie des metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinoms (mCRPC) die Behandlung mit Cabazitaxel gegenüber einer Therapie mit einem der neuartigen Hormontherapien (NHA: Abirateron oder Enzaltumid) (1). Patienten mit mCRPC, die mit Docetaxel vorbehandelt wurden und innerhalb von 12 Monaten unter einem NHA einen Progress zeigten, wurden zur Behandlung mit Cabazitaxel (n = 129) oder dem zuvor nicht verabreichten NHA (n = 126) randomisiert. Sowohl in der Cabazitaxel wie auch in der NHA-Gruppe wurden viele ältere Patienten eingeschlossen (medianes Alter ≥ 75 Jahre bei 35% respektive 27% der Patienten) und die Tumorprogressionsart war in 67% respektive 71% klinisch mit Schmerzen. Der primäre Endpunkt des radiologischen Progression-freien Überlebens zeigte sich in der Cabazitaxel-Gruppe mit einem Median von 8 Monaten (95%-CI: 5.7-9.2) im Vergleich zu 3.7 Monaten (95%-CI: 2.8-5.1) in der NHA-Gruppe deutlich und statistisch signifikant verbessert (HR: 0.54 [95%-CI: 0.40-0.73]; p< 0,0001). Das mediane Gesamtüberleben (OS) konnte mit Cabazitaxel mit 13.6 vs. 11.0 Monaten im NHA-Arm ebenfalls statistisch signifikant verbessert werden (HR: 0.64 [95%-CI: 0.46-0.89]; p = 0,0078). Die Resultate der CARD-Studie sind somit practice changing und machen Cabazitaxel bei mCRPC-Patienten, welche nach Docetaxel und innerhalb von 12 Monaten unter einem NHA einen Progress aufweisen, zum neuen Drittlinienstandard.
In einer Phase II-Studie wurde bei mCRPC-Patienten mit Aberrationen im DNA-Reparaturmechanismusapparat bereits die Wirksamkeit einer PARP-Inhibitor Therapie aufgezeigt (2). Aufbauend auf dieser Vorkenntnis wurde in der Studie PROFOUND bei mCRPC-Patienten mit Aberrationen des homologen Rekombinationsreparaturmechanismus (HRR), welche unter der NHA-Therapie einen Progress aufwiesen, die Wirksamkeit des PARP-Inhibitors Olaparib mit derjenigen eines weiteren NHA verglichen. Die 632 rekrutierten Patienten wurden anhand der vorhandenen Genaberrationen in die Kohorte A (Veränderungen in BRCA1, BRCA2 oder ATM; n = 245) und Kohorte B (ein anderes Gen des HRR betroffen; n = 142) eingeteilt. Patienten aus beiden Kohorten wurden 2:1 zur Therapie mit Olaparib oder einem NHA (Abirateron oder Enzalutamid; Wahl des behandelnden Arztes) randomisiert. Alle Patienten waren mit einem NHA vorbehandelt, wobei 19% sowohl bereits Abirateron als auch Enzalutamid erhalten hatten. Zudem waren 65% mit Docetaxel, Cabazitaxel oder beidem vorbehandelt. In der Kohorte A wurde der primäre Endpunkt des radiologischen progressionsfreien Überlebens (rPFS) durch Olaparib mehr als verdoppelt (HR: 0.34 [95%-CI: 0.25-0.47]; p< 0,0001). Dieser rPFS-Vorteil kam bei Patienten der Kohorte A mit einer BRCA2-Mutation am stärksten zum Tragen. PROFOUND ist die erste positive Biomarker-selektierte Phase-III-Studie beim mCRPC und untermauert die Testung von HRR-Aberrationen bei Patienten, die unter einem NHA einen Progress aufweisen, um ein Ansprechen auf den PARP-Inhibitor Olaparib vorauszusagen.
In der Studie IMvigor130 wurden 1’213 Patienten mit einem lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Urothelkarzinom, welche für eine Platin-haltige Chemotherapie qualifizieren, aber noch keine Behandlung erhalten hatten, zum Goldstandard einer Platin/Gemcitabin-Chemotherapie, einer Monotherapie mit dem anti-PD-L1-Inhibitor Atezolizumab oder der Kombination von Platin/Gemcitabin und Atezolizuamb randomisiert. Nennenswerterweise erhielt ein beträchtlicher Anteil der Patienten Carboplatin anstelle von Cisplatin, obwohl deutlich mehr Patienten entsprechend den Galsky-Kriterien für Cisplatin qualifiziert hätten. Es ist unklar, welche Auswirkungen dieser Umstand auf die Studienergebnisse hat. Der primäre Endpunkt eines besseren PFS für die Kombinationsbehandlung vs. Chemotherapie war positiv (HR: 0.82 [95%-CI: 0.70-0.96]). In einer Interimsanalyse zeigte sich das OS für die Kombinationstherapie vs. Chemotherapie mit 16.0 vs. 13.4 Monaten numerisch verbessert, überschritt aber nicht die vordefinierte statistische Schwelle. Es wird eine längere Beobachtungszeit benötigt, um eine Aussage bezüglich eines möglichen Überlebensvorteils der Kombinationstherapie von Platin-haltiger Chemotherapie und Atezolizumab gegenüber dem jetzigen Goldstandard einer Platin-haltigen Chemotherapie machen zu können.

1. deWit R et al. Cabazitaxel versus abiraterone or enzalutamid in metastatix prostate cancer. N Engl J Med NEJMoa1911206(2019).doi:10.1056/NEJMoa1911206
2. Mateo H et al DNA repair defects and olarib in metastatic prostate cancer N Engl J Me 2015;373:1697-170

Highlights EHA 2019: Multiples Myelom

Die Behandlung des rezidivierten und refraktären multiplen Myeloms ist eine Herausforderung. Der EHA-Kongress 2019 bot mehrere Highlights zu diesem Thema. Im Folgenden werden 3 Studien zusammengefasst.

COLUMBA Trial: Intravenous versus subcutaneous administration of daratumumab

Daratumumab, ein monoklonaler Antikörper gegen CD38, bewies seine Wirksamkeit beim multiplen Myelom über alle Therapielinien hinweg. Ähnlich wie beim Anti-CD20-Antikörper Rituximab dauert die intravenöse Verabreichung jedoch mehrere Stunden, insbesondere die erste Infusion dauert im Durchschnitt sieben Stunden (1). Eine subkutane Infusion hingegen benötigt nur 3-5 Minuten.
Die von Dr. Maria Victoria Mateos, aus Salamanca, vorgestellte Columba-Studie ist eine randomisierte Phase-III-Studie, die die intravenöse (IV) versus subkutane (SC) Verabreichung von Daratumumab bei Patienten mit rezidiviertem und/oder refraktärem multiplem Myelom (R/R MM) verglich (2). 522 Patienten mit R/R MM und ≥ 3 vorausgegangen Therapielinien wurden eingeschlossen und 1:1 randomisiert: Sie erhielten entweder Daratumumab SC (1800 mg) oder Daratumumab IV (16 mg/kg). Die Gesamtansprechrate (ORR) sowie die Talspiegel der Medikamente, als die beiden primären Endpunkte, waren zwischen der subkutanen und intravenösen Verabreichung von Daratumumab vergleichbar (41,1% vs. 37,1% ORR und Talspiegel dara-SC/dara-IV: 107,93%).
Darüber hinaus war das Sicherheitsprofil zwischen den beiden Verabreichungsarten ähnlich. Daratumumab SC war sogar mit einer signifikant niedrigeren Rate an Infusionsreaktionen verbunden (12,7% für SC gegenüber 34,5 % für IV; p < 0,0001).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die subkutane Verabreichung von Daratumumab sowohl sicher als auch effektiv ist und aufgrund der kürzeren Verabreichungszeit von den Patienten und dem Gesundheitspersonal als angenehmer empfunden wird.

The ICARIA-MM trial: Isatuximab plus pomalidomide and dexamethasone a new therapy option in patients with R/R MM?

Die von Dr. Paul Richardson vom Dana-Farber Cancer Institute, Boston, vorgestellte ICARIA-MM-Studie untersuchte Isatuximab, einen weiteren monoklonalen Anti-CD38-Antikörper (3). Die Funktion von Isatuximab ist in vielerlei Hinsicht ähnlich wie diejenige von Daratumumab. Isatuximab hat jedoch eine geringere komplementabhängige Zytotoxizität als Daratumumab. Daher führt Isatuximab möglicherweise zu weniger Infusionsreaktionen und hat eine kürzere Infusionszeit als Daratumumab.
In der ICARIA-Studie, einer internationalen Phase-III-Studie, wurden 307 Patienten mit R/R-MM und ≥ 2 vorausgegangen Therapielinien eingeschlossen und erhielten entweder Isatuximab in Kombination mit Pomalidomid und Dexamethason (Isa-Pd) oder eine alleinige Behandlung mit Pomalidomid und Dexamethason (Pd) (4).
Das mediane progressionsfreie Überleben war signifikant höher in der Patientengruppe, die Isa-Pd erhielt (11,53 Monate für den Isa-Pd-Arm gegenüber 6,47 für den Pd-Arm, (95% CI 0,44-0,81), P = 0,001). Im Einklang mit diesen Ergebnissen war auch die Gesamtansprechrate (ORR) mit 60,4% im Isa-Pd-Arm signifikant höher als mit 35,3% im Pd-Arm.
Das Sicherheitsprofil war beherrschbar trotz einer höheren Neutropenie- und Infektionsrate in der Kohorte mit Isatuximab. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Isatuximab in Kombination mit Pomalidomid und Dexamethason eine neue Therapieoption bei R/R MM darstellt.
Fragen bleiben jedoch offen: Ist Isatuximab noch wirksam bei Myelompatienten, die auf Daratumumab und/oder Elotuzumab nicht ansprachen? Kann Isatuximab nach einer Behandlung mit Daratumumab verabreicht werden? Diesbezüglich bräuchte es weitere Studien.
Bezüglich Pomalidomid ist aktuell für Patienten mit R/R MM in der Schweiz die SAKK 39/16-Studie, OptiPOM, verfügbar, die ein alternatives Dosierungsschema von Pomalidomid prüft.

AMG 420, an Anti-BCMA Bispecific T-Cell Engager (BITE®) Immunotherapie

Das B-Zell-Maturationsantigen (BCMA) ist ein Zelloberflächenrezeptor, der zur Superfamilie der Tumornekrosefaktorrezeptoren (TNFR) gehört und fast ausschliesslich auf Plasmazellen und Plasmablasten exprimiert wird (5). In den letzten Jahren wurden mehrere Immuntherapien gegen BCMA entwickelt, wie zum Beispiel BCMA CAR-T oder BCMA-BiTE®. BCMA-BiTE® bindet an CD3 auf T-Zellen sowie am BCMA auf Plasmazellen.
Auf der EHA Tagung präsentierte Prof. Dr. Max Topp aus Würzburg, die Ergebnisse einer First-in-Human Phase I Dosisfindungsstudie mit dem anti-BCMA BiTE® AMG 420. Primäre Endpunkte waren die dosislimitierende Toxizität (DLT) sowie die maximale verträgliche Dosis (MTD) (6).
AMG 420 wurde über eine kontinuierliche Infusion in 6-Wochen-Zyklen über 5 Zyklen, bis zur Krankheitsprogression(PD), oder bis zur nicht kontrollierbaren Toxizität verabreicht. Die DLT wurde bei drei von 42 Patienten und in zwei Fällen bei einer Dosis von 800 ug/d beobachtet. Die maximal verträgliche Dosis betrug somit 400 ug/d.
Insgesamt sprachen 13 von 42 Patienten auf die Behandlung an. Die höchste Ansprechrate von 70% wurde bei einer Dosis von 400 ug/d erreicht (7 von 10 Patienten). Daher ist die empfohlene Dosis für weitere Untersuchungen 400 ug/d.

1. DARZALEX® (Daratumumab)-Injektion, zur intravenösen Anwendung[Beipackzettel]. Horsham, PA:: Janssen Biotech, Inc.; 2019
2. Mateos M-V. et al., COLUMBA-Studie, mündliche Präsentation EHA 2019, Abstract S823
3. Richardson PG et al, Isatuximab plus Pomalidomid/Dexamethason versus Pomalidomid/Dexamethason bei schubförmig/refraktärem Multiplem Myelom: ICARIA Phase-III-Studiendesign, Future Oncol. 2018 Mai;14(11):1035-1047
4. Richardson PG et al., ICARIA-MM-Studie, mündliche Präsentation EHA 2019, Abstract S824
5. Yu-Tzu Tai & Kenneth C Anderson (2019), B cell maturation antigen (BCMA)-based immunotherapy for multiple myeloma, Expert Opin Biol Ther. 2019 Jul 11:1-14
6. Topp M et al., Oral presentation EHA 2019, Abstract S825

Highlights ESTRO 2019: Therapeutische Implikationen

Die European Society of Radiation Oncology (ESTRO) wurde 1980 gegründet. Im Jahr 2019 wurde der 38. Jahreskongress mit mehr als 6000 Teilnehmern aus 100 Ländern durchgeführt. Im Folgenden werden 3 Studien vorgestellt, die sich auf die Wirksamkeit der Kombination verschiedener Medikamente als Zielmoleküle mit Strahlung, die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten konzentrieren oder die Behandlungszeit verkürzen.

Hypofraktionierte vs. konventionelle Strahlentherapie bei Prostatakrebs: 7 Jahre Ergebnisse des HYPRO trial. Abstract OC-0272. Prof. L. Incrocci (1), Rotterdam

Die Studie basiert auf der Verbesserung der Wirksamkeit der Behandlung von Prostatakrebs mit moderater hypofraktionierte Strahlentherapie (HF). Die Verwendung des linear-quadratischen Modells deutet darauf hin, dass das HF-Schema weniger toxisch und bei Prostatakrebs effektiver ist. HYPRO ist eine randomisierte Phase-III-Studie, die bei 804 Patienten die Überlegenheit der hypofraktionierten (HF) gegenüber der konventionell fraktionierten (CF) Strahlentherapie für Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs in der mittleren und in der Hochrisikogruppe untersucht und nach einer 7-jährigen Nachbeobachtung aktualisiert wurde. Die Patienten wurden randomisiert zu HF (64,6Gy, in 19 fr) oder CF (78Gy in 39 fr). Der primäre Endpunkt war das rezidivfreie Überleben (RFS) nach 7 Jahren. Die Ergebnisse zeigen ein RFS 71,7% (95% CI 66,4-76,4) für HF gegenüber 67,6% (95% CI 62-72,5) für CF (p = 0,52). Die lokale RFS-Subanalyse zeigte eine signifikante Interaktion zwischen Behandlungsarm und dem Gleason-Score ≥ 8. Der HF-Therapiearm zeigte keine überlegene Tumorkontrolle. Unserer Meinung nach hat sich nun in mehreren RCTs-Studien gezeigt, dass moderate HF ähnliche Ergebnisse bei der Prostata-Krebskontrolle erzielt mit einer ähnlicher Inzidenz und Schweregrad von Spättoxizitäten verglichen mit einer konventionellen Fraktionierung. In Anbetracht der kürzeren Behandlungszeit für die Patienten und den niedrigeren Kosten (falls individuelle Strahlentherapiesitzungen verrechnet werden) der Behandlung können beide Optionen als mindestens gleichwertig betrachtet werden.

Stereotaktische Strahlentherapie (SRT) für oligoprogressive NSCLC: klinische Szenarien, die das Überleben beeinflussen. Zusammenfassung OC-0059. Dr. S. Kroeze, Zürich

Die TOaSTT Studie ist eine DEGRO initiierte Multicenter Register Studie. Sie untersuchte das Outcome bei 108 SRT Patienten mit 192 Läsionen die in 16 Zentren behandelt wurden. OS, PFS, LC und die Zeit bis zum Wechsel einer Systemtherapie nach SRT wurden analysiert. Eine gleichzeitige Behandlung von SRT und Medikamenten erfolgte zu 60% mit ALK- oder EGFR-TKI, zu 31% PD-L1/PD-1-Inhibitoren und zu 8% mit Bevacizumab. Die Patienten wurden in 3 Gruppen unterteilt: SRT von ≤ 5 Metastasen ohne zusätzliche Tumormanifestationen, SRT mit ≤ 5 progressiven Metastasen und kontrollierter Tumorerkrankung (aller anderen Metastasen) und SRT von ≤ 5 Metastasen mit gemischter oder unkontrollierter Tumorerkrankung. Die Ergebnisse zeigen, dass die LC nach SRT in allen 3 Gruppen sehr gut war und die Behandlung gut toleriert wurde (kaum Grad 3/4 Toxizitäten). Mit diesen ermutigenden Ergebnissen braucht es nun dringend prospektive Studien (2).

Darmmikrobiota SCFAs modulieren die Präsentation und Wirkung von dendritischen Zellantigenen in der Strahlen-therapie. Zusammenfassung SP-0331. Prof. A. Facciabene, Philadelphia

Die Rolle von Mikrobiota bei der Immunmodulation kann die Reaktion auf eine Strahlenbehandlung, die die spezifische T-Zell-Subpopulation fördert, beeinträchtigen (3). In dieser Studie wurde Vancomycin verwendet, um diesen Einfluss zu untersuchen. Die Autoren beschreiben, dass Vancomycin die RT-induzierte Anti-Tumor-Immunantwort und Tumorwachstumshemmung in einem Melanom- und Lungentumormodell verstärkt. Die Synergie zwischen Vancomycin-RT war abhängig von der TAA (Tumor-assoziierte Antigene) Kreuzpräsentation zu zytolytischen CD8+ T-Zellen und von IFN-g. Die Vancomycin-Behandlung erhöht die allgemeine und spezifische T-Zell-Infiltration im Tumor. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die passagere Verminderung/Eliminierung von vancomycinempfindlichen Bakterien die Anti-Tumor-Aktivität von RT erhöht, was relevante klinische Auswirkungen haben könnte. Meiner Meinung nach ist die Schlussfolgerung aus dieser Arbeit, dass Inhibitoren von SCFA möglicherweise in Kombination mit Strahlung als Radiosensibilisatoren wirken können.

1. De Vries KC et al. Hyprofractionated versus conventionally fractionated radiotherapy for patients with intermediate- or high-risk, localized, prostate cancer: 7-year outcomes from the randomized, multi-centre, open-label, phase 3 HYPRO trial. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2019 Oct 5.
2. Kroeze SGC et al. Toxicity of concurrent stereotactic radiotherapy and targeted therapies or immunotherapy: a systematic review. Cancer Treat Rev. 2017 Feb;53:25-3
3. Heather M. McGee et al. Targeting the Tumor Microenvironment in Radiation Oncology: Proceedings from the 2018 ASTRO-AACR Research Workshop. Clinical Cancer Research 2019 Feb; 25(10)

Sex and Gender in Medicine

Brauchen Frauen und Männer jeweils andere Medizin? Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den Krankheitsleitsymptomen oder der Wirkung von Therapien und Medikamenten? Diese Fragen wurden am Symposium über «Sex and Gender in Medicine» diskutiert, das am 15. November in Zürich stattfand.

Das Thema ist noch nicht ganz Mainstream, stellte die Direktorin Frau Prof. Dr. med. Beck-Schimmer, Direktorin Universitäre Medizin, Zürich, einleitend fest. Eine neue Sichtweise auf die Behandlung von Frauen und Männern ist heute angezeigt.

Die Referentin zitierte den französisch-kubanischen Maler und Dichter Francis Picabia: «Unser Kopf ist rund damit das Denken die Richtung wechseln kann».
Durch das Symposium führte in interaktiver und dynamischer Manier Frau Conny Czymoch.
Conny Czymoch, Journalistin und international tätige Moderatorin

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Interaktion zwischen Herz und Gehirn

Die Anzahl der vaskulären Todesfälle bei Frauen übertreffen heute diejenigen der Männer. 40% der kardiovaskulären Todesfälle werden bei Männern registriert im Vergleich zu 49% bei Frauen, so Frau Prof. Dr. med. Catherine Gebhard, Zürich.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren haben eine höhere Prävalenz und eine grössere klinische Bedeutung bei jungen Frauen im Vergleich zu Männern und/oder älteren Frauen und nach einem Herzinfarkt sind Frauen mehr gestresst als Männer. Die Nervenbelastung bei kardiovaskulärer Erkrankung unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Bei Frauen wird eine stärkere Reaktion beobachtet, was darauf hindeutet, dass Frauen disproportional anfällig für die negativen psychischen Auswirkungen chronischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Die hochregulierte Aktivität der Amygdala ist mit einem erhöhten Entzündungszustand bei weiblichen Patienten verbunden. Ein Fokus auf Entzündungsmarker und Belastungsindikatoren könnte die Ergebnisse bei Frauen mit koronarer Herzkrankheit verbessern.
Zukünftige Studien werden die klinische Bedeutung der neuronalen Bildgebung bei der Phänotypisierung von Patienten mit Risiko für künftige kardiale Ereignisse bewerten müssen, so die Perspektiven der Referentin.

Gibt es nur den «kleinen Unterschied» zwischen Mädchen und Knaben?

Zunächst erinnerte Prof. em. Dr. med.-David Nadal, Zürich, mit dem kleinen Unterschied an Alice Schwartzer vor 40 Jahren.
Der Referent zeigte den genetischen Unterschied zwischen Mädchen und Knaben, die Geschlechts-Chromosomen XX vs. XY, und stellte fest, dass eigentlich die Knaben das schwache Geschlecht darstellen. Er erwähnte den Dresscode mit blau und rosa und das Lied von Herbert Grönemeyer: «Männer führen Kriege Männer sind schon als Baby blau».

Die Unterschiede in Sterblichkeit und Morbidität bei Zwillingen mit unterschiedlichem Sex untermauern, dass Männer eigentlich das schwache Geschlecht darstellen, zumindest medizinisch.
So zeigen sie vermehrte kongenitale Abnormalitäten, höhere neonatale Mortalität vermehrte Häufigkeit von Atemstörungssyndromen. In der Frühkindlichen Entwicklung gibt es geringe Unterschiede in der Feinmotorik, im Sprechen.
Mädchen reden in der Regel einige Wochen früher als Knaben, haben einen grösseren Wortschatz und eignen sich Mamas Mimik und Gestik früher an als Knaben. Bei der Kraftanwendung sind allerdings Knaben früher als Mädchen.
Gender-Stereotypien beeinflussen das Verhalten. So werden hochrangige intellektuelle Fähigkeiten (Brillanz, Genialität, etc.) mehr mit Männern als mit Frauen in Verbindung gebracht. Diese Stereotypien entmutigen Frauen bei der Suche nach prestigeträchtigen Karrieren.
Mädchen und Knaben können – sei es als Neugeborene, Kleinkinder, Schulkinder oder Jugendliche – medizinisch nicht unbedingt über den gleichen Kamm geschoren werden.
Für eine menschenwürdige Medizin braucht es epidemiologische, diagnostische und therapeutische Forschung und Lehre, welche den alters-, sex- und gender-bedingten Unterschieden Rechnung tragen, so die Schlussfolgerungen des Referenten.

Geschlechtsunterschiede und -ähnlichkeiten aus der Perspektive der Neuropsychologie

Die Kernthesen sind: Geschlechtsspezifisches Verhalten wird determiniert durch geschlechtsspezifische Gehirne (Anatomie & Neurophysiologie), Testosteron und Östrogenkonzentration etc. und Genetik, so Prof. Dr. rer. nat. Lutz Jänke, Zürich.

Der Referent erinnerte an das Buch von Allan und Barbara Pease, Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen. Er nannte die Gebiete, bei denen Frauen im Vorteil und solche, bei denen Männer im Vorteil sind.
Um die Unterschiede mathematisch zu erfassen, definierte er die Effektstärke als Unterschied = (Leistung Männer – Leistung Frauen) / Streuung. Er wies auf die verschiedenen Effektstärken hin, die von 0.9 (Verträglichkeit: Offenheit für Erfahrung) zugunsten von Frauen bis 2.0 für Werfen und Geschwindigkeit zugunsten von Männern reicht. Die durchschnittlichen Effektgrössen zeigen 88% Überlappungen zwischen Männern und Frauen, also praktisch keinen Unterschied. Das für Frauen vielgenannte Multitasking zeigt eine Effektgrösse von weniger als 0.1 (sogar zugunsten von Männern). Der Referent schloss mit dem Zitat von Janet Shibley Hyde «Männer und Frauen sind in den meisten (nicht allen!) psychologischen Funktionen ähnlich bzw. identisch!» (Janet Shibley Hyde. The gender similarities hypothesis. Amer. Psyhologist 2005;60:581-592).

Was ist Gender-Medizin und wie kann sie im klinischen Alltag umgesetzt werden?


Menschen werden weiblich oder männlich geboren, aber lernen Mädchen oder Buben zu sein, welche zu Frauen oder Männern heranwachsen, so Frau Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Wien.
Ein Mann oder eine Frau zu sein, hat einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit, sagt die WHO.

Die Definition von Sex und Gender

Ein Drittel (6500) der untersuchten Gene in Männern und Frauen werden unterschiedlich exprimiert. Gene, welche vor allem in einem Geschlecht aktiv sind, spielen womöglich eine zentrale Rolle in der Evolution und Gesundheit.
Beispiele für geschlechtsspezifisch stärker exprimierte Gene sind bei Männern der Haarwuchs (in der Haut), der Muskelaufbau, Gene in der Brust (vermutlich um die Laktation zu unterdrücken). Bei Frauen sind es die Fettspeicher, Gene in der Leber, die den Metabolismus von Medikamenten beeinflussen, sowie unterschiedliche Gene des Zuckerstoffwechsels.

Gendermedizin: Verhalten und gesundheitliche Belastungen

Frauen nehmen häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teil und haben insgesamt mehr medizinische Konsultationen. Männer schätzen dagegen Bewegung eher als gesundheitsfördernd ein. Ernährung spielt wiederum im Gesundheitskonzept von Frauen eine zentrale Rolle.
Rauchen und Alkoholkonsum waren früher männlich dominiert und sind NOCH für einen wesentlichen Teil des Gender-Gaps in der Lebenserwartung verantwortlich.

Pathologische Geschlechter-Unterschiede des Stoffwechsels und Energiehaushalts

Frauen zeigen öfter gestörte Glukosetoleranz und später Diabetes, mehr Adipositas, häufiger auch Depressionen, höheres Risiko für Komplikationen (Herz, Hirn u.a.). Diätetische Hauptrisikofaktoren für Mortalität sind wenig Vollkorn bei Frauen und hoher Salzkonsum bei Männern. Männer weisen eine höhere Mortalität wegen ungesünderer Ernährungsgewohnheiten auf.

Gendermedizin und Medikamente

Frauen sind in klinischen Studien generell unterrepräsentiert, sie zeigen mehr Nebenwirkungen bei ACE-Hemmern, β-Blockern, Ca-Antagonisten, Statinen und mehr Blutungen unter antithrombotischer Therapie. Frauen zeigen eine 10-20% grössere Wahrscheinlichkeit für fehlende Therapieadhärenz. Die Ursachen können geringeres Bewusstsein für kardiovaskuläre Erkrankungen oder mehr Nebenwirkungen sein. Unterschiede wurden auch bei der Behandlung von Patientinnen durch weibliche gegenüber männlichen Ärzten festgestellt. Die Mortalitäts- und Wiederaufnahme-Raten von Patientinnen waren bei Internistinnen geringer als bei Internisten.
Die Referentin schloss mit dem Zitat von Rosa Meyreder, 1905: «Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind von einander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten.»

Sex- und Gender-Unterschiede bei Alzheimer-Krankheit – Update des Women’s Brain Project

Frauen weisen im Mittel mehr Neurotismus (vermehrte Ängstlichkeit, niedrigere Stresstoleranz) auf als Männer. Dies mag zu einem höheren Mass an Ängstlichkeit beitragen, von dem Frauen auf Googleghost berichten, und zu der geringeren Anzahl von Frauen in hochbelasteten Berufen, stellte Dr. Maria Teresa Ferretti, Zürich, fest.

35% des Risikos für Alzheimer-Krankheit sind modifizierbar. Sex und Gender beeinflussen die modifizierbaren Risikofaktoren. Spezifisch weibliche potentielle Risikofaktoren sind frühe Menopause, hypertensive Komplikationen während der Schwangerschaft, Schwangerschaften, und Migräne. Bei Frauen wird eine schnellere Krankheitsprogression festgestellt. Es gibt aber auch geschlechtsbedingte Unterschiede bei den Biomarkern für Alzheimer-Krankheit. So zeigen Frauen eine vermehrte Tau-vermittelte metabolische Dysfunktion im Vergleich zu Männern.
Die Referentin rief zum Handeln von der «One size fits all medicine» zur Precision Medicine auf. Dies bedeutet Sex-sensitive Präventionskampagnen, Frühdiagnose, Behandlung sowohl bei präklinischem Studiendesign als auch in der präklinischen Forschung.
Das Women’s Brain Project hat 4 Hauptarbeitsabläufe: W51: präklinische Wissenschaft, W52: Medikamententwicklung, W53: Neue Technologien, W54: Soziale Determinanten der Gesundheits- und Politikwissenschaft.

Geschlecht als biologische Variable in der Grundlagen- und präklinischen Forschung

Das Geschlecht ist eine wichtige biologische Variable in der medizinischen Forschung, stellte Prof. Dr. rer. nat. Thorsten Buch, Zürich, einleitend fest. In der Präklinik kommen oft nur männliche Tiere zum Einsatz. Sind die Geschlechter in der biomedizinischen Forschung gleich?

In der Zellkultur nehmen weibliche Neurone Dopamine zweimal so schnell auf wie männliche Neurone. Weibliche Neurone und Nierenzellen sind empfindlicher gegenüber Chemikalien, die den Zelltod auslösen. Weibliche Leberzellen haben mehr CYP3A-Protein, welches wichtig für den Abbau der Hälfte aller Medikamente ist. Beim Schmerz brauchen männliche Mäuse Mikroglia für mechanisches Schmerzempfinden, weibliche Mäuse brauchen dagegen T-Lymphozyten.
Von 71 Forschungsarbeiten mit Mäusen oder Ratten, die in der Zeitschrift Pain im Jahre 2015 publiziert wurden, waren 56 nur mit Männchen, nur 6 mit Weibchen, 6 Studien erwähnten das Geschlecht überhaupt nicht. Viele Forscher benutzen Männchen statt Weibchen. Die Gründe sind eine mögliche Variabilität aufgrund schwankender Hormonspiegel, die Befürchtung, dass die Gutachter der Studien fordern könnten, dass jede Phase des Östruszyklus zu wiederholen sei. Zudem glauben viele Forscher, dass die Stichprobengrösse verdoppelt werden müsste, was die Kosten für Experimente erheblich erhöht. De vero weisen weibliche Tiere eine geringere Variabilität auf als männliche Tiere, wie der Referent zeigte.

Warum brauchen wir Gendermedizin?

Handlungsfelder an der Universität sind Gender in Klinik, Therapie und Prävention, Gender in der Forschung, Gender in der Lehre, stellte Frau Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek, Berlin, z.Z. Anna Fischer Dückelmann Gastprofessorin an der Universität Zürich, fest. Die Referentin bezog sich insbesondere auf die kardiovaskuläre Forschung.

Junge Frauen zeigen weltweit eine erhöhte Sterblichkeit nach Bypass-Operation. Das klassische Bild der koronaren Herzerkrankung ist ein älterer rauchender Mann. Herzerkrankungen sind aber heute der «Killer Nr. 1» bei Frauen. Männer zeigen die klassischen Erkrankungen der grossen Koronargefässe. Frauen weisen Plaqueerosionen, Spasmen, Dissektionen, Erkrankungen der kleinen Gefässe auf. Sie haben ein grosses Spektrum an Beschwerden und zeigen ein unterschiedliches Ansprechen auf Therapien.
Geschlechterunterschiede gibt es auch bei psychischer Gesundheit/Krankheit. Frauen leiden häufiger an psychischen Krankheiten wie Angsterkrankungen, versuchtem Suizid. Männer zeigen antisoziale Persönlichkeitsstörung, Sucht und vollendeten Suizid. Endokrine und muskuloskelettale Erkrankungen sind bei Frauen häufiger als bei Männern. Die Osteoporose gilt als Frauenerkrankung. Bei Männern wird sie unterschätzt und ist unterdiagnostiziert.
Frauen sind auch bei der COPD überrepräsentiert. Sie weisen die Symptome in jüngerem Alter auf als Männer und bei geringerer Tabakexposition.
Die Prävalenz von kardiometabolischen Störungen bei Frauen und Männern hat weltweit zugenommen und ist mit einem Anstieg von Adipositas und Fettleibigkeit, damit verbundenen Konzentrationen anderer kardiometabolischer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, beeinträchtigter Glukosemetabolismus und Dyslipidämie verbunden. Die Referentin ruft zu den folgenden Handlungsfeldern an der Universität auf:
Geschlechtsunterschiede sollen bei allen Erkrankungen und in der Arzneimitteltherapie systematisch aufgearbeitet werden. In der Forschung müssen Geschlechter-Unterschiede in Tiermodellen berücksichtigt werden.

Quelle: Kickoff Symposium «Sex and Gender in Medicine», Universitäres Zentrum Zürich, 15.11.2019.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Psychiatrische Erkrankungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett

Am traditionellen 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe in Näfels widmete sich Frau Dr. phil. Kathrin Degen, St. Gallen, den psychiatrischen Erkrankungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett.

Peripartale Depression

Peripartale Depressionen lassen sich unterteilen in antepartale Depression (Schwangerschaftsdepression) und postpartale Depression. Die antepartale Depression tritt mit einer Prävalenz von 10-12% auf. Fünfzig Prozent der postpartalen Depressionen beginnen bereits in der Schwangerschaft, wie die Referentin ausführte.

Dr. phil. Kathrin Degen

Die postpartalen Depressionen kommen mit einer Prävalenz von 10 bis 15% vor, bei Einschluss der minoren Depressionen und depressiven Anpassungsstörungen kommt man auf eine Prävalenz bis 19%. Dazu kommt ein gehäuftes Auftreten von Angstsymptomatik und Panikattacken. Ein Jahr nach Geburt sind ca. 30% der Betroffenen immer noch depressiv. Die Rückfallrate für spätere peripartale und nichtperipartale Depressionen beträgt ca. 40%.
Die Depressionen können innerhalb von vier (DSM-5) bis sechs (ICD-10) Wochen nach Entbindung auftreten. Im klinischen Kontext ist eine Ausweitung auf 5 bis sogar 12 Monate sinnvoll. Tritt eine depressive Verstimmung mit frühem postpartalen Beginn auf, deutet dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hormonelle Auslöser hin.
Es können verschiedene Typen der postpartalen Depression unterschieden werden, stellte die Referentin fest: Beim «Insuffizienztyp» ist eine depressive Verstimmung mit Versagens- und Schuldgefühlen im Vordergrund. Beim «Zwangstyp» treten neben einer depressiven Verstimmung Zwangssymptome auf und beim «Paniktyp» ist die depressive Verstimmung begleitet vom meist erstmaligen Auftreten von Panikattacken. (1, 2)

Postpartum-Psychosen

Die Behandlungsprävalenzen betragen zwischen 0,1 und 0,2%. Meistens erfolgt ein abrupter Beginn mit kurzer Latenz nach Entbindung. Es besteht eine erhöhte Suizid- und Infantizidgefahr. Diese treten meistens im Rahmen einer bipolaren Erkrankung auf. Die isolierten Postpartum-Psychosen sind deutlich seltener. Vermutet wird eine erhöhte Vulnerabilität für endokrinologische und immunologische Veränderungen als Auslöser. (1)

Posttraumatische Belastungsstörungen

Geburtstraumata mit Vollbild einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen in 2% vor. Das subjektive Erleben der Geburt ist dabei entscheidender als ein objektiver medizinischer Geburtsverlauf, so die Referentin. Traumatisch erlebte Entbindungen mit daraus folgender posttraumatischer Belastungsstörung treten zehnmal häufiger auf als die postpartale Psychose.
Frauen mit Vortraumatisierung sind besonders gefährdet, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Peritraumatische Dissoziation während der Entbindung ist ein relevanter Prädiktor für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sexueller Missbrauch in der Kindheit ist ausserdem mit einem vielfach erhöhten Risiko einer postpartalen posttraumatischen Belastungsstörung assoziiert, weshalb eine sorgfältige Anamnese diesbezüglich im Vorfeld der Geburt zentral ist. (1, 2)

Zwangsstörungen

Eine antepartale Zwangssymptomatik kommt in 2.1% vor, eine postpartale Zwangssymptomatik in 2.4%. Häufige Inhalte der Zwänge sind Kontamination oder Gefährdung des Kindes. Im Gegensatz zu Zwangsgedanken beim «Zwangstyp» der postpartalen Depression werden die Zwangsgedanken ich-fremder erlebt. Aggressive Zwangsgedanken sind jedoch selten mit Handlungsumsetzung verbunden. (1)

Angststörungen

Es besteht keine erhöhte Prävalenz für Angststörungen in der Peripartalzeit. Die Komorbidität mit postpartaler Depression mit ungünstigem Einfluss auf den Verlauf ist jedoch hoch. Die isolierte Panikstörung wird nur diagnostiziert, wenn Panik das zentrale Symptom ist und depressive Verstimmung lediglich eine Begleiterscheinung darstellt. (1, 2)

Vulnerabilität

Vorbestehende psychische Erkrankungen sind ein wichtiger prädiktiver Faktor für das Auftreten einer peripartalen psychischen Episode. Postpartale Depressionen mit kurzer Latenz nach Entbindung (bis vier Wochen) sind assoziiert mit einer in der Vorgeschichte bestehenden prämenstruellen dysphorischen Störung und einer familiären Vorbelastung mit postpartalen Depressionen. Es besteht zudem ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer bipolaren Erkrankung.
Frauen mit anamnestisch gehäuften depressiven Episoden und Rückfällen (auch ausserhalb der Peripartalzeit) haben hohe Rückfallraten in der Schwangerschaft bei Absetzen der Medikation.
Risikofaktoren für eine postpartale Psychose sind insbesondere frühere bipolare Episoden oder schwere frühere postpartale Episoden.
Das Rückfallrisiko bei einer bipolaren Störung ist in der Schwangerschaft bei Absetzen der Medikation deutlich erhöht. (1)

Auswirkungen auf fetale und kindliche Entwicklung

Bei unterschiedlichen Störungsbildern zeigen sich erhöhte Frühgeburtenraten, geringes Geburtsgewicht, ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Totgeburten sowie plötzlicher Kindstod. Als korrelierende Faktoren müssen ungünstige Umweltfaktoren (z.B. Substanzgebrauch, schlechte Ernährung und häusliche Gewalt) berücksichtigt werden.
Peripartale psychische Störungen erhöhen das Risiko für emotionale, kindliche Probleme.
Depressive Symptomatik, welche nach der Postpartalzeit anhält, wirkt sich zudem ungünstig auf die kindliche kognitive Entwicklung aus.
Ein erhöhtes Risiko für Bindungsstörungen besteht bei schweren postpartalen depressiven Episoden.
Ante- und postpartale Angsterkrankungen scheinen insbesondere das Risiko für ADHS und Störungen des Sozialverhaltens zu erhöhen. (1)

Diagnostische Klassifikation

Peripartale Störungen sollen im ICD-10 unter der entsprechenden Hauptkategorie klassifiziert werden (F1-F6). Die Zuordnung der aktuellen Episode zur Peripartalphase erfolgt über den Zusatz O99.3 (Psychische Krankheiten sowie Krankheiten des Nervensystems, die Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett komplizieren).
Kategorie F53 (Psychische oder Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert) stellt lediglich eine Restkategorie für Störungen dar, welche nicht die Kriterien einer anderen Störung erfüllen und deren Beginn innerhalb der ersten sechs Wochen nach Entbindung liegt. (1)

Quelle: 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe, Näfels, 7.-8. November 2019

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

1. Kühner, C. Psychiatrische Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit: Häufigkeit, Verlauf und klinische Diagnostik. In: Der Nervenarzt 2016; 87: 926–936.
2. Rohde, Anke; Dorn, Almut (2007): Gynäkologische Psychosomatik und Gynäkopsychiatrie. Das Lehrbuch. Stuttgart New York: Schattauer.