KHK AbklƤrung und Therapie nach ISCHEMIA

Die ISCHEMIA Studie (1, 2) ist eine der relevantesten Studien der letzten Dekade was die Behandlung der chronischen Koronarsyndrome betrifft, und es ist wenig wahrscheinlich, dass vergleichbare Untersuchungen folgen werden. Insofern gilt es, die Ergebnisse kritisch zu beleuchten und im klinischen Alltag bestmöglich zu integrieren. Wir fassen die wichtigsten Studien­elemente zusammen und diskutieren deren Einfluss auf die Abklärung und Therapie unserer Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK).

Lā€™ā€ŠĆ©tude ISCHEMIA (1, 2) est lā€™ā€Šā€Šune des Ć©tudes les plus pertinentes de la derniĆØre dĆ©cennie concernant le traitement des syndromes coronariens chroniques, et il est peu probable que des Ć©tudes comparables suivent. ƀ cet Ć©gard, il est important dā€™ā€Šexaminer les rĆ©sultats de maniĆØre critique et de les intĆ©grer au mieux dans la pratique clinique. Nous rĆ©sumons les Ć©lĆ©ments dā€™ā€ŠĆ©tude les plus importants et discutons de leur impact sur lā€™ā€ŠĆ©valuation et le traitement de nos patients atteints de maladies coronariennes.

Zusammenfassung der Studie

Die ISCHEMIA Studie (1, 2) hat Patienten mit stabiler KHK und mindestens moderater Ischämie gemäss einem nicht-invasiven Stresstest randomisiert zu initial Leitlinien-konformer medikamentöser Therapie (n=2591) oder einer Revaskulariation (n=2588) mit entweder perkutaner Koronarintervention (PCI) (74%) oder aortokoronarer Bypass (ACB) Operation (26%) zusätzlich zur medikamentösen Therapie. Während einer Beobachtungsdauer von im Median 3.2 Jahren, zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Therapiestrategien in Bezug auf den primären Endpunkt kardiovaskuläre Mortalität, Myokardinfarkt, Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, überlebter plötzlicher Herztod (invasiv 16.4% versus konservativ 18.2%, HR=0.93, CI 0.80-1.08, p=0.34) oder den sekundären Endpunkt kardiale Mortalität oder Myokardinfarkt (invasiv 14.2% versus konservativ 16.5%, HR=0.90, CI 0.77-1.06, p=0.21). Die invasive Strategie zeigte jedoch eine deutliche Überlegenheit in Bezug auf die Lebensqualität, Häufigkeit von Angina pectoris und der körperlichen Belastbarkeit bei symptomatischen Patienten, welche unmittelbar nach dem Eingriff verzeichnet wurde und im Verlauf aufrechterhalten wurde.

Studiendesign

  • Randomisiert, unverblindet, parallel
  • Anzahl Patienten: 5179
  • Beobachtungsdauer: bis 5 Jahre (median 3.2 Jahre)
  • Patienten mit Verdacht auf KHK wurden mit einem nicht-invasiven Stresstest untersucht. Bei BestƤtigung einer moderaten bis schweren IschƤmie erfolgte eine koronare Computertomographie-Angiographie (CCTA) zum Ausschluss einer relevanten Hauptstammstenose und BestƤtigung mindestens einer signifikanten Koronarstenose.
  • PrimƤrer Endpunkt aufgrund langsamer Rekrutierung von initial kardiovaskulƤrer MortalitƤt und Myokardinfarkt erweitert auf zusƤtzlich Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, und überlebter plƶtzlicher Herztod
  • Konservativer Therapiearm (n=2591): initial Leitlinien-basierte medikamentƶse Therapie, falls nicht erfolgreich Cross-Over zu Revaskularisation mit PCI oder ACB-Operation
  • Invasiver Therapiearm (n=2588): Revaskularisation mit PCI (74%) oder ACB-Operation (26%)

Einschlusskriterien

  • >20 Jahre alt
  • Moderate bis schwere IschƤmie gemƤss einem nicht-invasiven Stresstest (nuklear (49.6%): ≄10% IschƤmie, Stressechokardiographie (20.9%): ≄3 Segmente mit IschƤmie, Magnetresonanz-tomographie (MRT) (5%): ≄12% IschƤmie und/oder ≄3 Segmente mit IschƤmie, Ergometrie (24.5%): ≄1.5mm ST Senkung in ≄2 Ableitungen oder ≄2mm ST Senkung in 1 Ableitung bei <7 METs mit Angina)

Ausschlusskriterien

  • ≄50% Hauptstammstenose gemƤss CCTA
  • Fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz (glomerulƤre Filtrationsrate (GFR) <30 ml/min)
  • Myokardinfarkt innerhalb der letzten 2 Monate
  • LinksventrikulƤre Ejektionsfraktion <35%
  • Inakzeptable Angina Symptome bei Studienbeginn
  • New York Heart Association (NYHA) Klasse III-IV Herzinsuffizienz
  • PCI oder ACB-Operation im Jahr vor Randomisierung

Studienpopulation

  • Mittleres Patientenalter: 64 Jahre
  • Frauen: 23%
  • Diabetes: 41%
  • Mediane linksventrikulƤre Ejektionsfraktion: 60%
  • Angina HƤufigkeit bei Studienbeginn: keine Angina 35%, mehrmals pro Monat 44%, tƤglich/wƶchentlich 20%

Crossover

  • Koronarangiographie: 96% in der invasiven Gruppe und 28% in der medikamentƶsen Gruppe
  • Revaskularisation: 79% in der invasiven Gruppe, 23% in der medikamentƶsen Gruppe

Hauptresultate

  • Stresstest zur Detektion der IschƤmie: nuklear 49.6%, Stressechokardiographie 20.9%, MRT 5%, Ergometrie 24.5%
  • PrimƤrer Endpunkt (kardiovaskulƤre MortalitƤt, Myokardinfarkt, Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, überlebter plƶtzlicher Herztod): invasiv 16.4% versus konservativ 18.2%, HR=0.93, CI 0.80-1.08, p=0.34
  • SekundƤrer Endpunkt (kardiale MortalitƤt oder Myokardinfarkt): invasiv 14.2% versus konservativ 16.5%, HR=0.90, CI 0.77-1.06, p=0.21
  • GesamtmortalitƤt: invasiv 9% versus konservativ 8.3%, HR=1.05, 95% CI 0.83-1.32, p=0.67
  • Peri-prozedurale Myokardinfarkte: invasiv versus konservativ HR=2.98, 95% CI 1.87-4.74, p<0.01
  • Spontane Myokardinfarkte: invasiv versus konservativ HR=0.67, 95% CI 0.53-0.83, p<0.01
  • LebensqualitƤt (hƶherer Score = hƶhere LebensqualitƤt): Seattle Angina Questionnaire (SAQ) summary Score (=LebensqualitƤt, HƤufigkeit von Angina, kƶrperliche EinschrƤnkungen) Differenz invasiv minus konservativ 4.1 Punkte (95% KredibilitƤtsinterval (KI) 3.2-5.0) nach 3 Monaten, 4.2 Punkte (95% KI 3.3-5.1) nach 12 Monaten, 2.9 Punkte (95% KI 2.2-3.7) nach 36 Monaten
  • Keine signifikante Interaktion zwischen anatomischen Schweregrad, Schweregrad der IschƤmie, oder Ramus interventricularis anterior (RIVA) und den 2 Therapiestrategien, aber ein Trend für besseres Outcome mit der invasiven Strategie

Integration in den klinischen Alltag
Für wen gilt ISCHEMIA ?

Für die Anwendung der Studienergebnisse in der Praxis sollte bestmƶglich verstanden werden, welche KHK Patienten in ISCHEMIA eingeschlossen wurden. Dies ist leicht nachzuvollziehen anhand der Ausschlusskriterien (siehe oben), welche auf einen beachtlichen Anteil der Patienten in der klinischen Routine zutreffen. Von den Ā«offiziellĀ» geprüften Patienten in ISCHEMIA wurden 78% aufgrund diverser Ausschlusskriterien nicht berücksichtigt (1, Appendix). Im Berner PCI Register erfüllen von 20ā€™ā€Š000 registrierten Patienten 67% der Patienten die drei einfach zu prüfenden Ausschlusskriterien ACS, Hauptstammstenose und LVEF <35% und kƤmen somit nicht für den Studieneinschluss in Frage (Daten beim Autor). Eine italienische Studie hat erhoben, dass von 5070 Patienten, die in einem Register für chronisches Koronarsyndrom (START) eingeschlossen wurden, 84,7% die Einschlusskriterien nicht erfüllten. Allerdings konnte der Schweregrad der IschƤmie gemƤss Stresstest in diesem Register nicht erhoben werden (in ISCHEMIA moderate bis schwere IschƤmie) (3). Wichtig ist weiter ein detaillierter Blick auf die Angina pectoris Kriterien, um potentiell schwerwiegende Ereignisse durch ein initial konservatives Vorgehen zu vermeiden. Nicht in ISCHEMIA berücksichtigt wurden Patienten mit Angina (Canadian Cardiovascular Society) CCS III und IV oder Angina pectoris jeglicher Klasse, die sich rasch verschlechtert oder zunimmt. WƤhrend Angina CCS IV (Ruheangina) beim stabilen chronischen Koronarsyndrom selten ist, ist die Angina CCS Klasse III hƤufiger. Diese ist definiert durch das Auftreten von Beschwerden bereits nach cirka 200 Metern Gehstrecke in der Ebene (Ā«2 BlocksĀ») oder dem Hochsteigen eines Stockwerkes. Solche Patienten sollen unverƤndert nach Echokardiographie direkt zur Koronarangiographie zugewiesen werden. Viel schwieriger einzuordnen ist die erhebliche und nicht dokumentierte Patientenselektion in ISCHEMIA. Es ist offensichtlich, dass eine Vielzahl von KHK Patienten nicht einer detaillierten Prüfung unterzogen wurden, wohl auch, weil die behandelnden Ƅrzte eine Studienteilnahme als zu gefƤhrlich beurteilten und ihren Patienten eine Randomisierung nicht zumuten wollten. Nur etwa 3 Patienten pro Jahr und Studienzentrum (!) wurden eingeschlossen (5179 Patienten über 6 Jahre an 320 Studienzentren). Daraus ergibt sich, dass die Studienresultate keinesfalls in dogmatischer Weise wegweisend sein dürfen für alle Ā«ISCHEMIA-likeĀ» Patienten im Bewusstsein, dass ein massgeblicher, nicht dokumentierter Selektionsprozess ablief und die externe ValiditƤt eingeschrƤnkt ist. Die Beurteilung des erfahrene Kardiologen/innen unter Berücksichtigung aller Aspekte bleibt somit ein unverzichtbares Element in der KHK AbklƤrung.

KHK AbklƤrung gemƤss ISCHEMIA

Obwohl die ISCHEMIA Studie nicht darauf angelegt war, den optimalen Abklärungsalgorithmus für die KHK zu untersuchen, und das klinische Outcome sowohl nach funktioneller als auch anatomischer KHK Abklärung gleichwertig ist (4), wird das Design der ISCHEMIA Studie unweigerlich einen Einfluss auf die zukünftigen Abklärungspfade haben.
Echokardiographie Der Ausschluss einer relevanten Valvulopathie oder einer eingeschränkten linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) mittels fachärztlich durchgeführter Echokardiographie steht am Anfang jeder KHK Abklärung. Entsprechend ist dies in den Richtlinien für das chronische Koronarsyndrom vorgesehen (Klasse IB) (5).
Anatomische KHK Tests Zweifelsohne stƤrkt die ISCHEMIA Studie die Rolle der CCTA wie vermutlich keine Studie zuvor und wird deren Rolle im AbklƤrungspfad der KHK festigen (Abbildung 1). Dies aus zwei Gründen: erstens muss zwingend eine Hauptstammstenose ≄50% ausgeschlossen werden, um ein initial konservatives Vorgehen gemƤss ISCHEMIA rechtfertigen zu kƶnnen, was mit funktionellen Stresstests nicht verlƤsslich mƶglich ist. Zweitens hatten etwa 20% der Patienten mit nachgewiesener moderater bis schwerer IschƤmie keine nachweisbare obstruktive KHK (diese Patienten wurden nicht randomisiert), was die Bedeutung des anatomischen Ausschlusses einer obstruktiven KHK unterstreicht. Im Zusammenhang mit dem zukünftig vermehrten Einsatz der CCTA sollte daran gedacht werden, dass gemƤss Leitlinien vor allem bei geringer bis mittlerer Vortest-Wahrscheinlichkeit eine hohe Aussagekraft hat und die Technik bei folgenden Patienten aus QualitƤts- oder Sicherheitsgründen nicht empfohlen ist: Kontraindikation für Nitroglycerin, Vorhofflimmern, Herzfrequenz nicht <70/min senkbar, Adipositas BMI >35kg/m2, bereits implantierte Stents, und GFR<30ml/min. In solchen FƤllen ist einem nicht-invasiven Stresstest oder direkt der Koronarangiographie der Vorzug zu geben.
Funktionelle Stresstests Überraschend gab es in ISCHEMIA keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der myokardialen Ischämie und Mortalität (p trend=0.33) und nur eine schwache Assoziation zwischen dem Grad der Ischämie und zukünftigen Myokardinfarkten (p for trend=0.04). Demgegenüber steht eine eindeutige Assoziation zwischen der anatomischen Komplexität (arteriosklerotische «Krankheitslast») und Mortalität wie auch Myokardinfarkt (p for trend für beide Endpunkte <0.001). Dies unterstreicht die Relevanz der anatomischen Bildgebung, ist aber auch ein Steilpass für die CCTA, vermehrt quantitative Aspekte über den Stenosegrad hinaus zu erheben. Es ist aber zu früh, das seit Dekaden manifeste Konzept der Ischämie zu verwerfen. Grössere Beobachtungsstudien (6, 7) weisen auf eine deutliche Assoziation zwischen Ischämie und Prognose hin und dienten als Basis für die bisherigen Leitlinien. Auch in diesem Kontext ist zu betonen, dass die im Median 3.2-jährige Beobachtungszeit für eine lebenslange, teils progrediente Erkrankung und einer Lebenserwartung von >20 Jahren nach der initialen KHK Abklärung (ISCHEMIA medianes Alter 64 Jahre) zu kurz ist. In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, die bereits signifikanten Unterschiede zugunsten der Revaskularisation im Hinblick auf spontane Myokardinfarkte im Langzeitverlauf zu verfolgen. Dass eine bestehende Koronarischämie bei betablockierten mehrheitlich sportlich nicht aktiven Patienten keine Arrhythmien zur Folge hat, mag sein. Wie sicher ein initial konservatives Vorgehen bei sportlich noch sehr aktiven Patienten ist, bleibt aber ungeklärt.
Unabhängig vom Ischämieausmass und vom anatomischen Schweregrad der KHK gab es keinen klaren Vorteil des invasiven im Vergleich zum initial konservativen Vorgehen. Allerdings zeigt der Forrest Plot (1), dass sich die Punktschätzwerte sehr konsistent in Richtung Nutzen für ein invasives Vorgehen bewegen, je schwerer die KHK ist, auch wenn die statistische Signifikanz nicht erreicht wird.

Früher Einsatz der Leitlinien-konformen medikamentösen Therapie

Bei Patienten mit Angina pectoris sollte möglichst beim ersten Kontakt bereits probatorisch eine anti-anginöse Therapie etabliert werden, um im Verlauf deren Wirksamkeit und allfällige Nebenwirkungen zu erfassen (5). Wenn die Resultate der erweiterten KHK Abklärung dann vorliegen, ermöglicht dies, das weitere Prozedere (initial konservativ versus invasiv) vor dem Hintergrund erster Erfahrungen mit der anti-anginösen Therapie zu besprechen. Bereits die ESC Leitlinien über die myokardiale Revaskularisation 2018 (8) haben empfohlen, vorerst zu überprüfen, ob die Angina pectoris mit Medikamenten gut eingestellt werden kann (Klasse IA).

Wertung der Ischemia Studie in der Diskussion mit Patienten

Die Ergebnisse der ISCHEMIA Studien sollten den Patienten erklärt und im Kontext Ihrer Erwartungen und Befürchtungen in der Gesamtschau der verfügbaren Evidenz diskutiert werden. Bei Vorliegen bestimmter Kriterien ist unverändert direkt die Koronarangiographie zu empfehlen (Abbildung 1). Sind diese nicht evident, eine Hauptstammstenose ausgeschlossen und die Angina mit Medikamenten zufriedenstellend kontrolliert ohne störende Nebenwirkungen, sollten mit dem Patienten die weiteren Optionen erläutert werden. Die Vor- und Nachteile betreffend Symptomatik und Prognose sind elementare Bestandteile dieser Diskussion (Abbildung 2). Eine Reduktion der Angina pectoris erfolgt durch Stent oder Bypass äusserst effizient (in einem von drei Patienten komplett eliminiert) ohne Notwendigkeit, längerfristig anti-anginöse Medikamente einzunehmen. Der Erfolg auf Symptomebene hängt von der Häufigkeit der Angina ab, d.h. je häufiger die Angina auftritt, desto wahrscheinlicher wird die Revaskularisation diesbezüglich erfolgreich sein.
Betreffend Prognose ist es für die Patienten von Belang, dass eine initial konservative Therapie über die Dauer von 3.2 Jahren betreffend Vermeidung prognostisch relevanter Ereignisse (Tod oder Myokardinfarkt) ähnliche Ergebnisse erbringt wie die Revaskularisation mit Stent oder Bypass. Dies unter ausgebauter medikamentöser Therapie mit guter Kontrolle der Risikofaktoren (Aspirin, Statin, Betablocker, u.a.). So war der mediane Blutdruckwert in der initial konservativen Gruppe 130/77 mmHg und das mediane LDL-C betrug 1.7 mmol/L am Ende der Studie. Die Patienten sollten wissen, dass mit einem initial invasiven Vorgehen das Risiko für spontane Herzinfarkte signifikant tiefer ist (HR 0.67, 95% CI: 0.53 bis 0.83) und die Kaplan-Meier Kurvenverläufe auf einen über die Zeit zunehmenden Vorteil (Scherenform) mit der invasiven Strategie zeigen, konsistent mit anderen grossen Studien (9). Zudem reihen sich diese Ergebnisse in die Resultate von mehreren Autopsiestudien ein, in welchen in der Mehrzahl der Patienten als Ursache für tödliche Myokardinfarkte signifikante (>75%) Stenosen vorlagen (10, 11). Dies ist auch konsistent mit angiographischen und intravasuklären Ultraschall (IVUS) Studien in ACS Patienten, die zeigen, dass mehrheitlich Stenosen >50% (12) und kleine Lumenflächen (2mm2) (13) vorlagen. Die relevante Koronarstenose, insbesondere wenn durch eine lipidhaltige Plaque bedingt, ist also kein benigner Befund und das Ansprechen derselben auf Statine variabel.
Es liegt in der Natur der Sache, dass das Risiko für einen peri-prozeduralen Myokardinfarkt nur bei einem invasiven Vorgehen besteht. Solche Infarkte stellen häufig eine Laborauffälligkeit dar, verlaufen für den Patienten nicht selten unbemerkt und haben häufig keine prognostische Relevanz (14). Man sollte nicht vergessen, dass bereits eine 90 Sekunden andauernde Balloninflation je nach Troponin-Assay zu einem formalen Myokardinfarkt (gemäss 4th Universal Definition) in 11-63% der untersuchten Studienpatienten führt (15).
Den Patienten sollte weiter bewusst sein, dass bei mindestens einem Drittel der FƤlle mit der initial konservativen Strategie im Verlauf trotzdem eine invasive AbklƤrung stattfinden wird, und dass jederzeit eine Neubeurteilung stattfinden muss, wenn sich der Schmerzcharakter- und/oder die HƤufigkeit Ƥndert.
Ein initial konservatives Vorgehen kann für Patienten von Vorteil sein, die gegenüber einem invasiven Vorgehen kritisch eingestellt sind oder wenn die Gefahren einer Intervention als höher eingestuft werden (z.B. sehr hohes Blutungsrisiko, schwere Niereninsuffzienz, hohe Komplexität der KHK etc.) als der potentielle Gewinn.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Sarah BƤr

Schweizer Herz- und GefƤsszentrum
Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
3010 Bern

Prof. Dr. Dr. Lorenz RƤber

Leiter Herzkatheterlabor
Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
Freiburgstrasse 18
3010 Bern

lorenz.raeber@insel.ch

Sarah BƤr erhƤlt ForschungsbeitrƤge an die Institution von Bangerter Rhyner Stiftung und Medis.
Lorenz RƤber erhƤlt ForschungsbeitrƤge and die Institution von Abbott
Vascular, Bangerter Rhyner Stiftung, Biotronik, BostonScientific, Heartflow, Medis, Sanofi, Schweizerische Herzstiftung, Regeneron und Beratungs- oder Sprecherhonorare von Abbott Vascular, AstraZeneca, Amgen, Canon, Occlutech, Sanofi, Vifor.

ā—† Zusammenfassend sollten die Ergebnisse der ISCHEMIA Studie unter Berücksichtigung ihrer Limitationen (Patientenselektion, Ein-/Ausschlusskriterien, Crossover, mediane Beobachtungsdauer 3.2 Jahre) in die AbklƤrung, Evaluation und Beratung von Patienten mit stabilem chronischen Koronarsyndrom im Gesamtkontext der verfügbaren Evidenz einfliessen.
ā—† Die klinisch relevante Reduktion der Angina, Steigerung der LebensqualitƤt und Vermeidung von spontanen Myokardinfarkten steht einer mittelfristig nicht unterschiedlichen Prognose hinsichtlich Sterblichkeit und einem Risiko für peri-prozeduralen Myokardinfarkte gegenüber.
ā—† Der Einfluss einer Revaskularisationstherapie auf die Prognose bei fortgeschrittener KHK muss nicht zuletzt wegen der limitierten Verlaufsdauer weiter untersucht werden, und ist derzeit noch als inkonklusiv zu beurteilen.

Messages Ć  retenir

ā—† En conclusion, les rĆ©sultats de lā€™ā€ŠĆ©tude ISCHEMIA, compte tenu de ses limites (sĆ©lection des patients, critĆØres dā€™ā€Šinclusion/exclusion, crossover, durĆ©e mĆ©diane dā€™ā€Šobservation de 3,2 ans), devraient ĆŖtre intĆ©grĆ©s dans la clarification, lā€™ā€ŠĆ©valuation et le conseil des patients atteints dā€™ā€Šun syndrome coronarien chronique stable dans le contexte global des preuves disponibles.
ā—† La rĆ©duction cliniquement pertinente de lā€™ā€Šangine, lā€™ā€Šaugmentation de la qualitĆ© de vie et lā€™ā€ŠĆ©vitement de lā€™ā€Šinfarctus du myocarde spontanĆ© sont contrastĆ©s avec un pronostic Ć  moyen terme qui nā€™ā€Šest pas diffĆ©rent en ce qui concerne la mortalitĆ© et le risque dā€™ā€Šinfarctus du myocarde pĆ©ri-procĆ©dural.
ā—† Lā€™ā€Šimpact de la thĆ©rapie de revascularisation sur le pronostic de la maladie coronarienne avancĆ©e doit ĆŖtre Ć©tudiĆ© plus en dĆ©tail, notamment en raison de sa durĆ©e limitĆ©e.

am Online-Beitrag unter: www.medinfo-verlag.ch

Stellenwert der Radiologie bei inflammatorischen Arthritiden

Der Formenkreis der rheumatischen Erkrankungen gehört weltweit zu den häufigsten chronischen Krankheiten und die Osteoporose stellt mit steigender Prävalenz in unserer Gesellschaft ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dem Kliniker einen Überblick über die aktuelle Bildgebung bei beiden Entitäten zu geben. In diesem ersten Teil wird die Radiologie bei inflammatorischen Arthritiden beim Erwachsenen abgehandelt, ein zweiter Teil wird die Möglichkeiten der Bildgebung sowie Ausblicke auf minimalinvasive Interventionen des Radiologen zur Schmerzlinderung bei Osteoporose zum Inhalt haben.

Obwohl mehr als 100 rheumatische Erkrankungen bekannt sind, gibt es bis heute kein allgemein anerkanntes Schema für deren Klassifikation (1). In dieser Übersichtsarbeit fassen wir unter inflammatorische Arthritiden die rheumatoide Arthritis (RA) sowie Spondylarthritiden (SpA) zusammen, da diese EntitƤten viele pathologische, klinische und bildgebende Eigenschaften teilen. Der Leser sollte sich jedoch bewusst sein, dass entzündliche Prozesse auch bei vielen anderen rheumatischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen, wie z.B. bei Arthrose oder Kristallarthropathien/Gicht, welche hier nicht abgehandelt werden. Die Rolle der Bildgebung zur Diagnose und Behandlung von rheumatischen Erkrankungen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verƤndert. Um den Patienten die bestmƶgliche Behandlung zu ermƶglichen, sollten behandelnde Ƅrzte die zur Verfügung stehenden radiologischen Untersuchungen kennen und wissen, wann welche ModalitƤten am sinnvollsten anzuwenden sind. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, dem Kliniker einen Überblick über die aktuelle Bildgebung bei RA und SpA zu geben mit einem Fokus auf Magnetresonanztomografie (MRT) und Ultraschall (US).

Rheumatoide Arthritis

Die RA ist eine rheumatische Erkrankung, welche durch persistierende Synovitis, systemische Entzündung und Autoantikörper definiert wird. Die Prävalenz liegt bei ca. 1% in der westlichen Bevölkerung, wobei Frauen über 65 Jahren am häufigsten betroffen sind (2). Die Pathogenese ist umstritten, wobei ein Zusammenspiel von genetischer Prädisposition und Umwelteinflüssen vermutet wird (3). Die Krankheit kann unterschiedlich verlaufen. Bei einigen Patienten kommt es nur zu einem langsamen Progress, bei anderen hingegen zu schweren entzündlichen Reaktionen und raschen strukturellen Veränderungen (z.B. Erosionen oder Gelenkspaltverschmälerungen) (4).
In den meisten Fällen wird die Diagnose einer RA klinisch gestellt und mit der Behandlung begonnen, bevor bildgebende Untersuchungen durchgeführt werden. Dies ist wichtig, da eine frühe Behandlung der Erkrankung mit einem besseren therapeutischen Outcome einhergeht (5). In Fällen, in welchen die Diagnose weniger klar ist, können US und MRT weiterhelfen. Im Vergleich zur klinischen Untersuchung allein sind beide Modalitäten besser in der Detektion von entzündlichen Veränderungen in und um die Gelenke (6, 7) und können so zu einer verbesserten Diagnostik der RA im Anfangsstadium beitragen (8, 9).
Mittels US kƶnnen sowohl strukturelle Knochen- als auch WeichteilverƤnderungen dargestellt werden. Studien haben gezeigt, dass US eine hƶhere SensitivitƤt zur Detektion von Erosionen aufweist als konventionelles Rƶntgen (10). Allerdings kƶnnen Knochenmarksƶdeme im Frühstadium der Erkrankung, dem sogenannten Ā«pre-radiographic stageĀ», im US nicht gesehen und KnochenkanƤle und Osteophyten bei ungeübten Anwendern fƤlschlicherweise als Erosionen interpretiert werden. Es ist daher wichtig, diejenigen Lokalisationen zu kennen, welche oftmals im frühen Stadium einer RA befallen werden: die metatarsophalangealen (MTP) Gelenke, insbesondere das 5. MTP-Gelenk plantarseits (11, 12). Auch Synovitis, Tenosynovitis und HyperƤmie kƶnnen mittels US gut nachgewiesen werden. Letztere wird durch eine Color- oder Power-Doppler-AktivitƤt im periartikulƤren Gewebe diagnostiziert (13). Die MRT liefert einen detaillierten Überblick über das untersuchte Gelenk und die umgebenden Strukturen. ZusƤtzlich zur Detektion von Synovitis, Tenosynovitis und Erosionen kann mittels MRT auch Ɩdem im subchondralen Knochenmark nachgewiesen werden, welches Ausdruck eines entzündlichen Infiltrats ist und als Vorstufe von Erosionen angesehen werden kann (14) (siehe Abb. 1). Obwohl Synovitis oftmals auch gut mittels flüssigkeitssensitiven MRT-Sequenzen wie einer Ā«short inversion time inversion-recoveryĀ» (STIR) Sequenz nachgewiesen werden kann, kann die SpezifitƤt durch intravenƶse Gabe eines auf Gadolinium (Gd) basierenden Kontrastmittels (KM) erhƶht werden (15, 16). Durch sogenannte Ā«Synovitis-MapsĀ» kƶnnen heute auch dynamische MRT-Sequenzen zur besseren Darstellbarkeit und Detektion entzündlicher Foci herangezogen werden (siehe Abb.2). Durch therapeutische Fortschritte wird bei RA Erkrankten hƤufig eine klinische Remission erreicht (17). Konventionell-radiologische Untersuchungen bilden in diesem Stadium die Basis für die Detektion von allfƤlligen neuen strukturellen VerƤnderungen, wie z.B. neuen Erosionen, welche Ausdruck einer subklinischen Progression der Erkrankung sein kƶnnen und eine Adaptation der bisherigen Therapie nƶtig machen (18, 19). Auch hier bietet die MRT den Vorteil einer erhƶhten SensitivitƤt gegenüber Rƶntgen bezüglich entzündlicher Weichteil- und KnochenverƤnderungen, noch bevor diese als struktureller Schaden sichtbar werden.

Spondylarthritiden

Das Konzept der seronegativen SpA wurde erstmals in den 1970er Jahren von Moll et al. (20) beschrieben als eine Gruppe von Erkrankungen, welche vormals als atypische Formen der RA galten, jedoch keine Rheumafaktoren und mehrere weitere Gemeinsamkeiten aufwiesen. Die Gruppe beinhaltete unter anderem die Entitäten der ankylosierenden Spondylitis (AS), der Psoriasis Arthritis (PA), der reaktiven Arthritis und der Colitis ulcerosa und Morbus Crohn assoziierten Arthritis. Die Prävalenz der SpA wird auf ca. 1% geschätzt (21), wobei AS die häufigste Entität darstellt (22). In der Vergangenheit wurden viele verschiedene Klassifikationen für die SpA ausgearbeitet. Zuletzt wurden in den Jahren 2009 und 2011 die Kriterien der Assessment of SpondyloArthritis International Society (ASAS) veröffentlicht (23, 24), welche zwischen axialen und peripheren SpA unterscheiden (siehe Tab. 1).

Axiale Spondylarthritis

Im Gegensatz zur RA spielt die Bildgebung bei der axialen SpA nicht nur für das Monitoring von Patienten, sondern auch für die Diagnose eine zentrale Rolle (25). Konventionell-radiologische, anteroposteriore und laterale Aufnahmen der ganzen Wirbelsäule sowie eine stehende Beckenübersichtsaufnahme zur Abbildung der Iliosakral- und Hüftgelenke stellen die Grundlage für eine diagnostische Bildgebung dar (26). Da konventionelle Röntgenbilder nicht sehr sensitiv sind für den Nachweis früher entzündlicher Veränderungen, kann bei normalem Röntgenbefund und persistierendem klinischen Verdacht auf eine axiale SpA als nächster Schritt eine MRT Untersuchung der Iliosakralgelenke (ISG) durchgeführt werden. Bei jungen Patienten oder solchen mit kurzer Symptomdauer stellt die MRT auch eine Alternative zur Erstuntersuchung dar (27).
MRT-Protokolle zur Bildgebung der ISG variieren von Institut zu Institut. Grundsätzlich sollten schräg-koronare Schnitte (tangential zur Hinterkante des S2-Wirbelkörpers) und schräg-axiale Schnitte (senkrecht zum schräg-koronaren Schnitt) akquiriert werden in T1-gewichteten und flüssigkeitssensitiven Sequenzen (z.B. STIR). Die Administration von Gd-haltigen KM ist in den meisten Fällen nicht nötig, erhöht jedoch die Sensitivität bezüglich Detektion von Kapsulitiden oder Enthesitiden (27).
Sowohl aktive entzündliche Läsionen (Knochenmarksödem, Kapsulitis, Synovitis und Enthesitis) als auch chronische strukturelle Veränderung (Sklerose, Erosionen, Verfettung und Ankylose) können mittels MRT Bildern der ISG nachgewiesen werden (23). Um eine aktive Sakroiliitis gemäss ASAS Kriterien zu klassifizieren, muss jedoch zwingend ein umschriebenes, subchondrales oder periartikuläres Knochenmarks­ödem vorhanden sein. Dieses ist typischerweise bilateral (91%), jedoch nicht zwingend symmetrisch (60%) (28). Solche Veränderungen können bereits 4 Monate nach Symptombeginn festgestellt werden (29).
Die MRT der Wirbelsäule wird zur Diagnostik bei axialer SpA nicht empfohlen, kann jedoch verwendet werden, um die Krankheitsaktivität zu beurteilen (27). Falls durchgeführt, sollte eine Untersuchung der gesamten Wirbelsäule erfolgen, da grundsätzlich alle Segmente von der Erkrankung betroffen sein können. Am häufigsten finden sich die entzündlichen Veränderungen jedoch an der Brustwirbelsäule (BWS) (26). Sagittale T1-gewichtete und STIR-Sequenzen sollten akquiriert werden inkl. der paravertebralen synovialen Gelenke (Facetten-, Costovertebral- und Costotransversalgelenke). Optionale, axiale, flüssigkeitssensitive Sequenzen können hilfreich sein für die Evaluation der posterioren Elemente, gehen jedoch mit einer längeren Untersuchungsdauer einher (23, 30).
Charakteristische aktive und chronische spinale Merkmale einer axialen SpA beinhalten Zeichen einer Spondylitis (typischerweise sogenannte «corner lesions» eines Wirbelkörpers, wie z.B. Romanus-Läsionen, welche anterior lokalisiert sind) oder Spondylodiziitis (Knochenmarksläsionen angrenzend an das Bandscheibenfach, sogenannte Andersson-Läsionen). Weitere typische Läsionen sind Arthritiden der paravertebralen synovialen Gelenke, Enthesitiden der spinalen Ligamente, Syndesmophyten und Ankylose (23) (siehe Abb. 3).

Periphere Spondylarthritis

GemƤss der 2011 verƶffentlichten ASAS Kriterien erfolgt die Diagnose einer peripheren SpA durch den Kliniker durch Nachweis einer peripheren Arthritis, Enthesitis oder Dactilitis (24). Im klinischen Alltag werden jedoch hƤufig auch bildgebende Verfahren wie US oder MRT hinzugezogen, um diese Manifestationen zu bestƤtigen, die AktivitƤt der Krankheit zu beurteilen oder Komplikationen zu diagnostizieren (z.B. KnorpelschƤden, Sehnen- oder Bandverletzungen und Knochennekrosen) (27, 30). Obwohl sich die Pathogenese der peripheren SpA von derjenigen der RA unterscheidet, finden sich in der US und MRT Bildgebung sehr Ƥhnliche Befunde mit einer Kombination aus knƶchernen und WeichteillƤsionen wie vorangehend bereits beschrieben.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Jonas M. Getzmann

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

jonas.getzmann@usz.ch

PD Dr. med. univ. Roman Guggenberger

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
RƤmistrasse 100
8091 Zürich

jonas.getzmann@usz.ch

Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Die Diagnose der rheumatoiden Arthritis wird in den meisten FƤllen klinisch gestellt. Bei Unsicherheiten kƶnnen bildgebende Methoden wie die Magnetresonanztomografie eingesetzt werden, um entzündliche VerƤnderungen in den Gelenken frühzeitig nachzuweisen und so zu einer verbesserten Diagnostik im Anfangsstadium der Erkrankung beizutragen.
◆ Im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis spielt die Bildgebung bei der axialen Spondylarthritis für die Diagnose eine zentrale Rolle. Konventionell-radiologische Aufnahmen der ganzen WirbelsƤule sowie eine Beckenübersichtsaufnahme werden meist als Erstuntersuchungen durchgeführt. Bei normalem Rƶntgenbefund kann die Magnetresonanztomografie der Iliosakralgelenke weiterhelfen.

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Suche nach Fernmetastasen beim neudiagnostizierten Mammakarzinom

Jahrzehntelang waren bei der Diagnose eines Mammakarzinoms Stagingabklärungen zur Suche nach Fernmetastasen etabliert, üblicherweise wurde hierfür neben einem Röntgen des Thorax eine Oberbauchsonographie und eine Skelett­szintigraphie durchgeführt. Dies mit der Intention, bei metastasierten Patientinnen, welche keine Chance auf Heilung haben, eine Übertherapie zu vermeiden. Im Weiteren sollen die aktuelle Studienlage und die Empfehlungen der interna­tionalen Guidelines (1- 3) zur Frage, welche Patientin welche Abklärungen zum Staging erhalten sollte, diskutiert werden.

Pendant des dĆ©cennies, lors d’un diagnostic de cancer du sein, un bilan dā€™ā€Šextension Ć©tait effectuĆ© avec radiographie des poumons, Ć©chographie de l’abdomen supĆ©rieur et scintigraphie osseuse. L’objectif Ć©tait d’exclure un Ć©tat mĆ©tastatique dĆ©jĆ  prĆ©sent, sans chance de guĆ©rison, afin d’éviter un sur-traitement. L’article examinera l’état actuel des recherches et recommandations dans les guide-lines internationaux (1-3) pour le bilan d’extension (Ā«ā€Šstagingā€Š Ā») en termes de pertinence et contenu (quels examens pour quelle patiente ?).

Wie hƤufig werden Fernmetastasen bei der Erstdiagnose entdeckt?

Nicht überraschend ist die Tatsache, dass die Detektionsraten von Fernmetastasen mit dem Tumorstadium bei der Primärdiagnose korrelieren. In Frühstadien ist die Detektionsrate sehr gering, sie beträgt beispielsweise in einer aktuellen Metaanalyse beim konventionellen Routine-Staging bei Patientinnen im Tumor-Stadium I lediglich ca. 1,0% und im Stadium II 1,9% (4). Bei höheren Tumorstadien ist die Rate nachweisbarer Fernmetastasen wesentlich höher, in der erwähnten Metaanalyse fand sich bei asymptomatischen Patientinnen mit einer Erkrankung im Stadium III eine mediane Prävalenz von 21%.

Falsch positive Raten (FPR)

Die Rate von falsch positiven Befunden bei Staging-Untersuchungen ist hoch. Aus Ƥlteren Studien wissen wir, dass diese je nach Untersuchungsmethode variieren von FPR bei der Sklettszintigraphie von 10-22%, bei der Oberbauchsonographie von 33-66% und beim Thorax Rƶntgen von 0-23% (5). Auch das Staging mittels CT bringt keine Verbesserung mit ebenfalls hohen FPR bis zu 26% (6). Im Rahmen eines Routine-Stagings muss aufgrund der hohen Rate falsch positiver Befunde damit gerechnet werden, dass ungefƤhr jede zehnte Frau weitere teils invasive AbklƤrungen benƶtigt und unnƶtige belastende Zeit mit Angst vor einer potentiellen metastasierten Erkrankung erfahren muss ohne dass sich die Verdachtsdiagnose bestƤtigen lƤsst (7).

Welchen Einfluss hat die Tumorbiologie auf die Detektionsrate?

Einige Studien geben Hinweise, dass eine ungünstige Tumorbiologie (triple-negativ und Her2-positiv) ein unabhängiger Risikofaktor für das Vorliegen für Fernmetastasen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose ist (8, 9). Andere Studien konnten diesen Zusammenhang nicht nachweisen (10, 11).
Relevant kann dies v.a. im Stadium II sein, welches nur aufgrund des klinischen Tumorstadiums keinem Staging zugeführt würde und so bei ungünstiger Tumorbiologie evtl. metastasierte Patientinnen verpasst würden.

18FDG-PET-CT versus konventionelles Staging

Die Bildgebung mit 18FDG-PET-CT zeigt besonders bei Patientinnen im klinischen Stadium III hƤufiger Fernmetastasen und periklavikulƤre Lymphknotenmetastasen als das konventionelle Staging (12, 13). Im Vergleich zum konventionellen Staging zeigt sich nicht nur eine bessere SensitivitƤt (97% PET versus 85% konventionellen Staging) sondern auch in der SpezifitƤt (91% PET versus 67% konventionellen Staging) (14).
Der Therapieplan Ƥndert sich durch ein PET-CT bei etwa 15-30% der Patientinnen im Sinne einer verƤnderten adjuvanten Radiotherapie oder eines Wechsels von einem adjuvanten zu einem palliativen Therapiekonzept (15). Ob sich die Behandlung der Patienten dadurch verbessert ist unklar, prospektive Daten dazu sind nicht vorhanden. Diskutiert wird hier auch die Gefahr einer allfƤlligen Untertherapie. Da aktuell unklar ist ab wann Mammakarzinomerkrankungen nicht mehr kurativ behandelbar sind (Vorhandensein von Tumorzellen, Mikrometastasen, Oligometastasen) bekommt auch die Definition von cM0 eine neue Bedeutung.
Im Kontext der aktuellen immer wirksameren adjuvanten Therapien ist es vorstellbar, dass eine Überdiagnose von Fernmetastasen durch ein sensitiveres Staging (inkl. PET-CT) nicht vor Übertherapie bei unheilbarer Krankheit schützt, sondern zu Untertherapie bei potentiell heilbaren Patienten führt (16). Diese Erkenntnisse werden durch die aktuellen Guidelines unterschiedlich widerspiegelt, aktuell ist ein Staging-PET-CT jedenfalls kein akzeptierter Standard.

Staging beim Lokalrezidiv

Etwa ein Drittel der Patienten mit einem Lokalrezidiv haben zum Zeitpunkt ihres lokoregionären Ereignisses eine synchrone Fernmetastasierung und dies ist bereits in Frühstadien der Fall (in 23% bei T1 N0, in kürzlich publizerten Basler Daten (17)). Aus diesem Grund ist die routinemässige Umgebungsabklärung eine wichtige Voraussetzung für die Planung einer weiteren Therapie.

Kosten des Stagings

Die modernen Abklärungsmethoden (CT, PET) sind in den letzten Jahren günstiger und besser verfügbar geworden und haben sich dem Preisniveau dem konventionellen Staging angenähert. Momentan sind die ungefähren Kosten für das konventionelle Staging-Paket (Rx, US, Szinti) mit ca. CHF 670 im ähnlichen Bereich wie ein CT Thorax/Oberbauch 630 CHF. Ein PET-CT hat weiterhin höhere Kosten im Bereich von ca. CHF 2500.

Was sagen die Guidelines?

Alle Richtlinien empfehlen Anamnese und klinische Untersuchung als Basis und bei Symptomen weitere Abklärungen zu indizieren. Die vielerorts noch immer angewandte Praxis, bei allen Patientinnen präoperativ ein «laborchemisches Screening» mit dem Tumormarker CA 15-3 durchzuführen, sollte wegen erwiesener Ineffizienz (18) verlassen werden und wird in keiner Guideline empfohlen. Alle Guidelines empfehlen im Stadium I keine bildgebende Metastasensuche, ausser beim klinischen Verdacht. In den NCCN (1) wird erst ein Staging ab Stadium III, in den S3 Leitlinie (2) und ESMO (3) wird ab Stadium II ein Staging empfohlen falls Risikofaktoren vorliegen (d.h. ungünstige Tumorbiologie). Gemäss der S3 Leitlinie soll das Ganzkörperstaging generell mittels CT Thorax/Abdomen und Skelettszintigraphie erfolgen. Das PET CT wird in den NCCN Guidelines nur bei spezieller Fragestellung bezüglich dem Lymphknotenstatus und gemäss ESMO als alternative Bildgebung in fortgeschrittenen Stadien oder vor neoadjuvanter Therapie erwähnt (Tab. 1).

Wie werden Staging Untersuchungen in der Schweiz angewendet?

Die teils erheblich unterschiedlichen Guidelines widerspiegeln sich auch in der Tatsache, dass diese sehr unterschiedlich angewendet werden. Eine Umfrage von Dr. Andreas Müller (Onkologie KSW) von 2017 zeigte, dass die tägliche Routine in den Schweizer Brustzentren unterschiedlich aussieht und sich deutlich unterscheidet von den universitären- zu den nichtuniversitären Zentren, welche zwar in Frühstadien konsequenter gänzlich auf Staging verzichten, jedoch bei höheren Tumorstadien das PET-CT deutlich häufiger einsetzen (Abb. 1).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Rahel Hiltebrand

Stv. Leiterin Brustchirurgie
FMH GynƤkologie und Gebursthilfe
Brustzentrum Ostschweiz
Schuppisstrasse 10
9016 St. Gallen

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenkonflikte bekundet.

  • Obwohl geeignete Staging-Untersuchungen bei Patienten mit neu diagnostiziertem Mammakarzinom bei der Planung einer angepassten Behandlung helfen kƶnnen, kann eine übermƤssige Verwendung zu unnƶtigen invasiven Biopsien, unnƶtiger Exposition gegenüber potenziell schƤdlicher Strahlung durch die Bildgebung, psychischer Not, erhƶhter Angst und mƶglichen Verzƶgerungen bei der Behandlung führen.
  • Staginguntersuchungen sollen deswegen bei asymptomatischen Patientinnen im Stadium I auch bei ungünstiger Tumorbiologie aufgrund der geringen Inzidenz von Fernmetastasen nicht durchgeführt werden.
  • Ab Stadium II kƶnnen Risikofaktoren (Tumorbiologie) mitberücksichtigt werden.
  • Ab Stadium III ist ein generelles Staging empfohlen, ein PET CT kann bei lokal fortgeschrittenem oder inflammatorischem Mammakarzinom oder vor neoadjuvanter Chemotherapie alternativ eingesetzt werden.
  • Generell gibt es keine Daten mit der Fragestellung ob sich durch StagingabklƤrungen die Behandlung von Brustkrebspatientinnen verbessern lƤsst oder ein positiver Effekt auf das Overall-Survival erzielt werden kann.

Messages Ć  retenir

  • D’une part, un staging de dĆ©part adĆ©quat chez une patiente avec un diagnostic de cancer du sein peut contribuer Ć  planifier un traitement adaptĆ©. Mais d’autre part, un staging surdimensionnĆ© peut aboutir Ć  des prĆ©lĆØvements invasifs non-nĆ©cessaires, exposer inutilement la patiente Ć  des rayons potentiellement nocifs dus Ć  l’imagerie, gĆ©nĆ©rer un stress psychologique et une angoisse augmentĆ©e et Ć©ventuellement retarder le dĆ©but du traitement.
  • Par consĆ©quent, chez les patientes avec un cancer du sein au stade I, par ailleurs asymptomatiques, un bilan d’extension ne devrait plus ĆŖtre effectuĆ©, mĆŖme en cas de biologie tumorale dĆ©favorable (HER2-pos, triple nĆ©gatif), car le risque de mĆ©tastases Ć  distance est trĆØs faible.
  • DĆØs le stade II, des facteurs de risque (biologie tumorale) peuvent ĆŖtre pris en compte pour proposer un staging.
  • DĆØs le stade III un staging traditionnel (Ā« conventionnel Ā» dans l’article) est en principe recommandĆ©. En cas de cancer localement avancĆ© ou inflammatoire ou avant une chimiothĆ©rapie nĆ©o-adjuvante, un PET-CT offre une alternative intĆ©ressante.
  • Il n’existe pas de donnĆ©es examinant la question de savoir si les procĆ©dures de staging amĆ©liorent effectivement le traitement des patientes avec un cancer du sein ou obtiennent un effet positif sur la survie globale.

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Entwicklungen in der Systemtherapie bei Tumoren des Kopf-Hals-Bereichs

Trotz intensiver multimodaler Therapie kommt es bei ca. 30% der Patienten mit lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs (LAHNSCC) zu Lokalrezidiven oder Fernmetastasierung (r/m HNSCC). In einigen FƤllen besteht die Mƶglichkeit, die Patienten mit einer Salvage-Operation oder Re-Bestrahlung nochmals in kurativer Intention zu behandeln. Die Mehrheit der Patienten befindet sich jedoch in einer Palliativsituation.

MalgrĆ© un traitement multimodal intensif, une rĆ©cidive locale ou une mĆ©tastase Ć  distance (HNSCC r/m) survient chez environ 30% des patients atteints d’un carcinome Ć©pidermoĆÆde de la tĆŖte et du cou (LAHNSCC) localement avancĆ©. Dans certains cas, il est possible de traiter Ć  nouveau les patients par une chirurgie de sauvetage ou une rĆ©-irradiation Ć  visĆ©e curative. Cependant, la majoritĆ© des patients sont en situation de soins palliatifs.

Die in 2008 publizierte «Extreme» Studie galt über viele Jahre als Standardbehandlung. Durch Zusatz des gegen EGFR-gerichteten monoklonalen Antikörpers (mAk) Cetuximab zur Chemotherapie mit Platin und 5-Fluorouracil (5-FU) konnten das Gesamtüberleben, das progressionsfreie Überleben und die Ansprechsraten signifikant verbessert werden. Das Gesamtüberleben in dieser Studie betrug 10.1 Monate (1).
Seit der Publikationen von Checkmate 141 Studie in 2016 und von Keynote 048 Studie in 2019 haben sich Checkpoint-Inhibitoren (CPI) in Behandlung von r/m HNSCC etabliert (2, 3). Weitere Studien im sowohl palliativen wie auch im kurativen Setting sind am Rekrutieren oder haben die Rekrutierung abgeschlossen und die Resultate werden erwartet. Die Ergebnisse von zwei Studien, welche die Rolle von Checkpoint-Inhibitoren in Behandlung von frühen Stadien untersucht haben, sind erstmals am ESMO 2020 präsentiert worden.

Checkpoint-Inhibitoren in der Erstlinientherapie des r/m HNSCC

Die frühen Daten betreffend die Wirksamkeit vom anti-PD-1 Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab (P) kamen aus den initialen und erweiterten Kohorten der Keynote 012, einer Phase 1b Basket-Studie. Die Resultate der beiden Kohorten mit Patienten mit r/m HNSCC wurden zusammen analysiert. Das mediane Überleben war 8 Monate (95% CI 6-10 Monate) und die Ansprechsraten 18% (95% CI, 13-24) mit prolongierter Dauer des Ansprechens. Die Daten zeigten zudem, dass PD-L1 combined positive score (CPS) ein prädiktiver Faktor für das Ansprechen und für das Überleben ist. Für die Berechnung des PDL-1 CPS werden die PD-L1 exprimierenden Zellen (Tumorzellen, Immunzellen und Makrophagen) zusammengezählt, durch Anzahl der Zellen im untersuchten Präparat dividiert und mit 100 multipliziert (4).
Keynote 048 war eine randomisierte Phase 3 Studie für die Patienten mit Fernmetastasierung oder Lokalrezidiven ohne Möglichkeit einer kurativ intendierten Behandlung (3). Der Zeitpunkt des Rezidivs. musste mindestens 6 Monate nach dem Abschluss der initialen Behandlung aufgetreten sein. Insgesamt wurden 882 Patienten 1:1:1 randomisiert: Pembrolizumab Monotherapie (P), Pembrolizumab in Kombination mit Platin und 5-FU (P+C) oder der bisherige Standard (SoC) mit Cetuximab, Platin und 5-FU nach Extreme Schema (E) (Abb. 1).
Die Stratifizierung erfolgte nach der PD L-1 Expression, HPV Status und ECOG Status. Die Endpunkte waren das Gesamtüberleben und das progressionsfreie Überleben für die Gesamtpopulation und für die Gruppen mit einem PD L-1 CPS von ≄1 und ≄ 20.
Circa 85% der Patienten hatten ein CPS≄ 1 und ca. 44% ein CPS≄ 20. Etwa 20% der Patienten waren p16 positiv und 80% waren aktive oder ehemalige Raucher.
Im P+C vs. E Arm zeigte sich in allen Protokoll-definierten Gruppen eine signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens. Für die Gesamtpopulation betrug das Überleben für P+C vs. E 13.0 vs. 10.7 Monate, was mit einer hazard ratio (HR) von 0.77 (95% CI 0.63-0.93), und einem p=0.034 signifikant war. In der Gruppe von Patienten mit einem CPS≄1 war das Gesamtüberleben 13.6 vs. 10.4 Monate (HR 0.65, [95% CI 0.53-0.80], p<0.0001) und bei Patienten mit einem CPS≄20 14.7 vs. 11 Monate (HR 0.60 [0.45-0.82] p=0.0004) (Abb. 2).
Das progressionsfreie Überleben (PFS) und das objektive Ansprechen (ORR) wurden gegenüber dem Kontrollarm in keiner der nach CPS aufgeteilten Gruppen verbessert. Bei den Patienten, bei welchen es zu einem objektiven Ansprechen kam, dauerte dieser im P+C Arm lƤnger als im E Arm (6.7 vs. 4.3 Monate in der Gesamtpopulation, 6.7 vs. 4.3 in CPS≤ 1 Gruppe und 7.1 vs. 4.2 Monate in der CPS ≄  Gruppe).
Die Pembrolizumab Monotherapie verbesserte bei Patienten mit einem CPS≄ 20 das mediane Überleben um 4 Monate (14.9 vs. 10.7, HR 0.61 [0.45-0.83], p = 0.0007) und bei Patienten mit einem CPS≄ 1 um 2 Monate (12.3. vs. 10.3, HR 0.78 [0.64-0.96], p = 0.0086). In der Gesamtpopulation war die Therapie mit P gegenüber dem Standardarm nicht unterlegen (11.6. vs. 10.7 Monate; HR 0.85 [0.71-1.03]) (Abb. 3). Die Ansprechraten unter einer Monotherapie mit Pembrolizumab sind wesentlich tiefer im Vergleich zum Kontrollarm (23% vs. 36% in der Gruppe mit CPS≄ 20 und 17%vs. 36% in der Gruppe mit CPS ≤ 1). Die Dauer des Ansprechens ist lƤnger im P vs. E Arm (Abb. 4).
Bezüglich der Verträglichkeit zeigte der Chemotherapie-freie Arm P das günstigste Toxizitätsprofil mit wenigsten Nebenwirkungen Grad 3 oder höher (55%). Toxizität Grad 3 oder höher im P+C and im E+C Arm war 85% und 83%.
Die Langzeitdaten nach 48 Monaten Beobachtungszeit bestƤtigten die anhaltende signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens (5). Im P Arm war das Gesamtüberleben nach 48 Monate für Gruppen mit CPS≄2 0, CPS ≄1 und für die Gesamtpopulation 21.6%, 16.7% und 15.4 % verglichen mit 8.0%, 5.9% und 6.6% im E.
Im P+C Arm war das Gesamtüberleben nach 48 Monaten 28.6%, 21,8% und 19.4% für CPS≄ 20, CPA≄1 und für die Gesamtpopulation, verglichen mit 6.6%, 4.1% und 4.5% im Standardarm.
Am AACR 2019 wurden zusätzlich die Daten für die Subgruppen von Patienten mit einem CPS<1 sowie einem CPS zwischen 1-19 diskutiert. Zu bedenken ist, dass bei diesen retrospektiven Analysen die Patientenzahlen pro Gruppe relativ klein sind.
In der Gruppe von Patienten mit einem CPS<1 war P (n=44) in allen Hauptendpunkten dem Kontrollarm E (n=45) unterlegen. Das mediane Überleben war im P mehr als drei Monate kürzer als im E Arm (7.9 vs. 11.3 Monate, HR 1.05 [CI 0.96-2.37]). Sowohl das objektive Ansprechen wie auch das progressionsfreie Überleben waren hƶher im E (ORR 42.2 % vs. 4.5% und PFS 6.2 vs. 2.1 Monate (HR 4.31 [CI 2.63-7.08]). In der Gruppe mit einem CPS 1-19 war das Gesamtüberleben für P vs. E vergleichbar (10.8. vs. 10.1 ; HR 0.86 [0.66-1.12]). Die Ansprechraten waren im P Arm wesentlich tiefer (18% vs. 45%) und PFS kürzer (2.2 vs. 4.9. Monate, HR 1.25 [0.96-1.61]).
Im P+C Arm war in der Gruppe mit CPS<1 das mediane Überleben gegenüber E vergleichbar (11.7. vs. 10.7, HR 1.21 [0.76-1.94]). Ƅhnlich waren für P+C vs. E auch das Ansprechen (12% vs. 17%) und das progressionsfreie Überleben (4.7 vs. 6.2)
In der Gruppe mit CPS≄ 1-19 war das Gesamtüberleben im P+C hƶher als im E (12.7 vs. 9.9 Monate, HR 0.71 [0.54 vs. 0.94]). Das progressionsfreie Überleben war mit 4.9 Monaten in beiden Armen gleich (HR 0.93 (0.71-1.21)) und PFS numerisch etwas hƶher im E als in P+C Arm (42% vs. 34%).

Abgeschlossene Studien in der Erstlinientherapie bei r/m HNSCC

Mehrere Studien in der Erstlinientherapie haben die Rekrutierung abgeschlossen und die Resultate werden erwartet.
Checkmate 651 ist eine randomisierte Phase 3 Studie in welcher 950 Patienten mit r/m HNSCC entweder in den Studienarm mit Ipilimumab und Nivolumab, oder in den Standardarm mit Cetuximab, Platin und 5FU randomisiert worden sind. Die Rekrutierung ist abgeschlossen.
KESTREL ist eine dreiarmige Studie bei platin-sensitiven Patienten die in den Arm mit Durvalumab und Tremelimumab, Durvalumab Monotherapie oder Extreme randomisiert worden sind. Auch da werden die Resultate erwartet.
INDUCE-3 ist eine Phase 2/3 Studie in welcher Pembrolizumab in Kombination mit entweder Studienmedikament GSK609 oder Placebo geprüft wird. GSK609 ist ein IgG4 Antikörper mit agonistischer Wirkung auf T-Cells Inducible Co-Stimulatory Rezeptor (ICOS). ICOS ist involviert in Proliferation und Differenzierung von T-Zellen und wird auf den tumor-infiltrierenden Lymphozyten exprimiert. Die Rekrutierung ist im Oktober 2020 erreicht worden.

Checkpoint-Inhibitoren in kurativer Therapie der lokal fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren (LAHNSCC)

Der Stellenwert von Checkpoint-Inhibitoren in kurativ intendierter Therapie von LAHNSCC ist noch unklar und wird in mehreren laufenden Studien untersucht. Am ESMO 2020 sind zum ersten Mal zwei randomisierte Studien prƤsentiert worden. Diese Studien haben ihre Endpunkte nicht erreicht.
GORTEC 2015-01 («PembroRad») ist eine randomisierte Phase 2 Studie in welche 131 Patienten mit LAHNSCC Stadium III-IVb eingeschlossen worden sind.
Nur die Patienten, die für eine konkomitierende Radiochemotherapie (RCT) mit hochdosiertem Cisplatin nicht qualifiziert haben konnten in der Studie teilnehmen.
Die Patienten erhielten konkomitierend zu Radiotherapie (RT) entweder Pembrolizumab 200 mg q3w (P-RT) oder Cetuximab nach üblichem Schema (400 mg/m2d1, danach 250 mg/m2 wƶchentlich) (C-RT). Es gab keine Erhaltungstherapie. Der primƤre Endpunkt war die lokoregionƤre Kontrolle (LRC) nach 15 Monaten. Es gab keinen Unterschied zwischen den beiden Armen (LRC von 59% im C-RT und 60% im P-RT Arm. HR = 1.05 (95%CI: 0.43- 2.59, p = 0.91).
Auch bezüglich des progressionsfreien Überlebens waren beide Arme gleich. Nach 2 Jahren waren 40% der Patienten im C-RT Arm und 42% im P-RT Arm progressionsfrei. Das Gesamtüberleben war mit HR=0.83 (95%CI:0.49-1.4, p=0.49) nicht signifikant verbessert. Nach 2 Jahren lebten 55% der Patienten im C-RT Arm vs. 62%im P-RT Arm (7) (Abb. 5). JAVELIN ist eine Phase 3 Studie für Patienten mit LAHNSCC Stadium III-IVb. Die Patienten sind mit konkomitierender definitiver RCT (70 Gy, Cisplatin 100 mg/m2 q3w) behandelt worden und erhielten zusätzlich entweder den anti-PD-L1 Antikörper Avelumab oder Placebo. Avelumab (10 mg/kg) wurde einmalig vor Beginn der RCT (lead-in), danach jede 2 Wochen konkomitiered zur RCT, und anschliessend während eines Jahres als Erhaltung gegeben.
Die Resultate der interim Analyse zeigen keine Verbesserung des Gesamtüberlebens bei einer HR von 1.31 (95% CI: 0.93-1.85) und einem p = 0.937. Das progressionsfreie Überleben wurde nicht verbessert (HR 1.21, [95%CI:0.93-1.57], p = 0.920). ToxizitƤt Grad ≄ 3 war hƶher im Avelumab Arm. Aufgrund dieser Daten wurde die Studie frühzeitig gestoppt (6) (Abb. 6).

Neoadjuvante Immuntherapie gefolgt von Operation

Im Verlauf drr letzten 10 Jahre haben mehrere Studien die Rolle der neoadjuvanten Chemotherapie vor definitiver Radiochemotherapie geprüft. Die Ansprechraten waren hoch und die Fernmetastasierung konnte reduziert werden, jedoch zeigte sich wiederholt, dass neoadjuvante Chemotherapie das Gesamtüberleben nicht verbessert. Die neoadjuvante Chemotherapie hat heute einen Stellenwert als eine der Optionen in Therapie des Larynxkarzinoms.
Nun wird in laufenden Studien die Rolle einer präoperativen Immuntherapie geprüft. Eine vor kurzem publizierte randomisierte Phase 2 Studie prüfte die Rolle einer präoperativen neoadjuvanten Immuntherapie. Insgesamt 29 Patienten mit Stadium II-IVA wurden eingeschlossen, davon 14 in den Arm mit Nivolumab Monotherapie (N) und 15 in den Arm mit der Kombination von Nivolumab/Ipilimumab (N+I). Alle Patienten erhielten 2 Zyklen Nivolumab. Ipilimumab wurde im Arm N+I nur im ersten Zyklus gegeben. Die Nebenwirkungen Grad 3 und 4 traten in insgesamt 7 Patienten vor. Bei keinem Patienten musste die Operation verschoben werden.
Es wurden das Ansprechen gemäss RECIST, volumetrisches Ansprechen sowie pathologisches Ansprechen evaluiert. Das pathologische Ansprechen wurde in 54% der Patienten im N und 73% im N+I beschrieben. Die geplanten Operationen konnten wie vorbereitet durchgeführt werden, auch bei drei Patienten bei welchen es unter Immuntherapie zum Progress kam (8).
Am ESMO 2020 wurden die ersten Daten der Phase 1b/2 Studie IMCISION präsentiert. Bei 32 Patienten im Stadium II-IVB war eine kurativ intendierte Operation geplant, davon handelte es sich bei sechs Patienten um eine Salvage-Operation nach einer RCT. Die Patienten erhielten präoperativ entweder zwei Zyklen Nivolumab (240 mg) oder einen Zyklus Nivolumab und Ipilimumab (1mg/kg) gefolgt von einem Zyklus mit nur Nivolumab. Bei acht Patienten im Kombinationsarm und einem Patienten im Nivolumab-Arm zeigte sich ein fast vollständiges pathologisches Ansprechen (near complete pathological response, ncPR) definiert als Reduktion des «viablen» Anteils der Tumorzellen von 90% oder mehr. Weitere 31% hatten ein pathologisches Ansprechen zwischen 20-89%. Bei den Patienten mit einer nCPR kam es im bisherigen Beobachtungszeit zu keinen Rezidiven (9).

Weitere neue Substanzen

Xevinapant (Debio 1143)
Xevinapant ist ein Antagonist von «Inhibitor of Apoptosis Proteins» (IAPs). Die Patienten mit nicht operablem LAHNSCC Stadium III-IVB sind mit konkomitierender RCT behandelt worden. Zusätzlich erhielten sie Xevinapant (D1-14 für 3 Zyklen) oder Placebo.
Am ESMO 2020 prƤsentierte Daten zeigten eine Verbesserung der lokoregionƤren Kontrolle (LRC) mit einer HR von 0.47 ([CI 0.19-1.15]; p = 0.095). Das mediane progressionsfreie Überleben ist im Xevinanapant-Arm nicht erreicht und im Placebo-Arm 16.9 (HR 0.34 [0.17-0.68] p = 0.0023). Auch das mediane Überleben konnte signifikant verlƤngert werden (not reached vs. 36.1. Monate, HR 0.49 [0.26 vs. 0.92], p = 0.0261). Die Phase 3 Studie mit Xevinapant ist am Rekrutieren (10).

Rekrutierende Studien bei lokal fortgeschrittenen HNSCC

Keynote 689 ist eine randomisierte Phase 3 Studie für die Patienten mit LA HNSCC Stadium III-IVA welche mit einer Operation gefolgt von der Radiotherapie oder Radiochemotherapie behandelt werden sollen. Im Studienarm erhalten die Patienten Pembrolizumab neoadjuvant, danach konkomitierend zur adjuvanten RT oder RCT und anschliessend als Erhaltungstherapie.

Zusammenfassung: Erstlinientherapie bei r/m HNSCC und erste Daten im kurativen Setting

Die Studie Keynote 048 hat Pembrolizumab in Kombination mit Platin und 5FU oder als Monotherapie als Standard für Patienten in der Erstlinientherapie von r/m HNSCC etabliert. Die Wahl zwischen diesen beiden Optionen soll unter Berücksichtigung von CPS, Allgemeinzustand des Patienten, Symptomatik und dem Tumorload getroffen werden.
Die Kombination von Pembrolizumab mit Chemotherapie kann empfohlen werden für die Patienten bei welchen diese Therapie von Seite des Allgmeinzustandes und KomorbiditƤten vertretbar ist, und insbesondere, wenn ein objektives Ansprechen erreicht werden soll. Diese Empfehlung basiert auf dem verbesserten Gesamtüberleben in den Gruppen mit CPS ≄ 1, CPS ≄ 20 sowie in der Gesamtpopulation bei vergleichbarem progressionsfreiem Überleben und Ansprechraten. In der Subgruppe der Patienten mit CPS<1 gab es im Vergleich zu Extreme keinen Unterschied in Bezug auf das Gesamtüberleben oder progressionsfreies Überleben. Pembrolizumab Monotherapie hat das Gesamtüberleben in der CPS≄ 20 und CPS ≄ 1 verbessert und ist in der Gesamtpopulation dem Standard nicht unterlegen. Die Ansprechraten sind im P Arm insgesamt, insbesondere aber bei tiefem PD-L1 CPS dem Standardarm E deutlich unterlegen. Bei einem CPS < 1 zeigten die prƤsentierten, bisher noch nicht publizierten Daten tieferes OS, PFS und ORR für P im Vergleich zu E.
Somit ist eine Chemotherapie-freie Behandlung mit Pembrolizumab Monotherapie eine Option für asymptomatische oder oligosymptomatische Patienten bei welchen aufgrund der Klinik und Lokalisation des Rezidivs kein Bedarf nach einem objektiven Ansprechen besteht und welche ein CPS von mindestens 1 aufweisen. Der Benefit steigt mit steigendem CPS. Das klar ungelöste Problem auch bei diesen neuen Optionen bleibt das objektive Ansprechen, welches bei einer Behandlung mit Pembrolizumab Monotherapie sehr niedrig ist und im P+C im Vergleich zum bisherigen Standard nicht verbessert werden konnte.
Gerade bei Patienten mit r/m HNSCC, bei denen die Lokalrezidive symptomatisch sind und wichtigen Funktionen wie Schlucken, Sprechen oder Atmen beeinträchtigen, wäre das objektive Ansprechen für die Lebensqualität von grosser Bedeutung. Es ist zu hoffen, dass in weiteren Studien mit neuen Substanzen und Kombinationen höhere Ansprechraten erreicht werden. Bezüglich der kurativ intendierten Therapie zeigten bis jetzt präsentierte Daten keinen Vorteil von Kombination von CPI und konkomitierender R(C)T. Die Ergebnisse von weiteren Studien sind ausstehend. Die ersten Daten für Checkpoint-Inhibitoren im neoadjuvanten Setting zeigen interessante Daten bezüglich des objektiven, vor allem pathologischen Ansprechens.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. (HR) Tamara Rordorf

Kantonsspital St. Gallen, Klinik für HƤmatologie
und Onkologie und Brustzentrum
Rorschacherstrasse 95
9007 St. Gallen

Die Autorin deklariert Advisory board fees von BMS und MSD.

  • Ā 30% der Patienten mit lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs (LAHNSCC) werden trotz initialer multimodaler Therapie Lokalrezidive oder Fernmetastasierung (r/m HNSCC) entwickeln.
  • Ā PD-L1 Combined Positive Score (CPS) ist ein prƤdiktiver Faktor für das Ansprechen und das Überleben.
  • Mit den Studien Checkmate 141 und Keynote 048 haben sich Checkpoint-Inhibitoren (CPI) in Behandlung von r/m HNSCC etabliert.
  • Der Stellenwert von Checkpoint-Inhibitoren in kurativ intendierter Therapie von LAHNSCC ist noch unklar und wird in mehreren laufenden Studien untersucht.

Messages Ć  retenir

  • 30% des patients atteints d’un carcinome Ć©pidermoĆÆde de la tĆŖte et du cou localement avancĆ© (LAHNSCC) dĆ©velopperont une rĆ©cidive locale ou des mĆ©tastases Ć  distance (HNSCC r/m) malgrĆ© un traitement multimodal initial.
  • Le score positif combinĆ© PD-L1 (CPS) est un facteur prĆ©dictif de la rĆ©ponse et de la survie.
  • Les Ć©tudes Checkmate 141 et Keynote 048 ont Ć©tabli l’existence d’inhibiteurs de point de contrĆ“le dans le traitement du HNSCC r/m.
  • Le rĆ“le des inhibiteurs de point de contrĆ“le dans la thĆ©rapie curative du LAHNSCC n’est pas encore clair et fait l’objet de plusieurs Ć©tudes en cours.

1. Vermorken JB, Mesia R, Rivera F et al. Platinum-based chemotherapy plus cetuximab in head and neck cancer. N Engl J Med 2008; 359: 1116-1127.
2. Ferris RL, Blumenschein G, Jr., Fayette J et al. Nivolumab for Recurrent Squamous-Cell Carcinoma of the Head and Neck. N Engl J Med 2016.
3. Burtness B, Harrington KJ, Greil R et al. Pembrolizumab alone or with chemotherapy versus cetuximab with chemotherapy for recurrent or metastatic squamous cell carcinoma of the head and neck (KEYNOTE-048): a randomised, open-label, phase 3 study. Lancet 2019; 394: 1915-1928.
4. Mehra R, Seiwert TY, Gupta S et al. Efficacy and safety of pembrolizumab in recurrent/metastatic head and neck squamous cell carcinoma: pooled analyses after long-term follow-up in KEYNOTE-012. Br J Cancer 2018; 119: 153-159.
5. Greil R, Rischin D, Harrington KJ et al. 915MO Long-term outcomes from KEYNOTE-048: Pembrolizumab (pembro) alone or with chemotherapy (pembro+C) vs. EXTREME (E) as first-line (1L) therapy for recurrent/metastatic (R/M) head and neck squamous cell carcinoma (HNSCC). Annals of Oncology 2020; 31: S660-S661.
6. Cohen EE, Ferris RL, Psyrri A et al. 910O Primary results of the phase III JAVELIN head &amp; neck 100 trial: Avelumab plus chemoradiotherapy (CRT) followed by avelumab maintenance vs. CRT in patients with locally advanced squamous cell carcinoma of the head and neck (LA SCCHN). Annals of Oncology 2020; 31: S658.
7. Bourhis J, Sire C, Tao Y et al. LBA38 Pembrolizumab versus cetuximab, concomitant with radiotherapy (RT) in locally advanced head and neck squamous cell carcinoma (LA-HNSCC): Results of the GORTEC 2015-01 &#x201c;PembroRad&#x201d; randomized trial. Annals of Oncology 2020; 31: S1168.
8. Schoenfeld JD, Hanna GJ, Jo VY et al. Neoadjuvant Nivolumab or Nivolumab Plus Ipilimumab in Untreated Oral Cavity Squamous Cell Carcinoma: A Phase 2 Open-Label Randomized Clinical Trial. JAMA Oncol 2020.
9. Zuur L, Vos JL, Elbers JB et al. LBA40 Neoadjuvant nivolumab and nivolumab plus ipilimumab induce (near-) complete responses in patients with head and neck squamous cell carcinoma: The IMCISION trial. Annals of Oncology 2020; 31: S1169.
10. Bourhis J, Sun X, Pointreau Y et al. Double-blind randomized phase II results comparing concurrent high-dose cisplatin chemorradiation (CRT) plus debio 1143 or placebo in high-risk patients with locally advanced squamous cell carcinoma of the head and neck (SCCHN): A GORTEC study. Annals of Oncology 2019; 30: v902.

Neue Schweizer Empfehlungen 2020 zur Therapiewahl gemƤss Frakturrisiko

Die Schweizer Vereinigung gegen die Osteoporose (SVGO) teilt das Risiko, eine schwerwiegende osteoporotische Fraktur zu erleiden, neu in vier verschiedene Kategorien ein und liefert klare Behandlungsempfehlungen für jede dieser Risikogruppen. Die im September 2020 verƶffentlichten SVGO-Empfehlungen kƶnnen Ƅrzte bei der Identifizierung von Patienten mit hohem und sehr hohem Frakturrisiko sowie bei der Auswahl der geeigneten Therapie unterstützen (1).

Hier finden Sie den ganzen Pharma-Sonderreport

Pharma-Sonderreport verantwortet von AMGEN Switzerland AG, Rotkreuz

Chronische Wunden in der Hausarztpraxis

Chronische Wunden sind in der Hausarztpraxis keine Seltenheit. Studien aus den USA und Deutschland gehen davon aus, dass rund 1-2% der Erwachsenen betroffen sind (1, 2). Eine Umfrage der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW) in einer Region mit über 400 Grundversorgern hat 2019 gezeigt, dass grundsƤtzlich 75% der Ƅrzte am Thema der chronischen Wunden interessiert sind, dass aber nur 15% regelmƤssig (> 1 Fall/Woche) Wundpatienten behandeln. Von einer chronischen Wunde spricht man in der Regel, wenn eine Wunde trotz adƤquater Therapie nach acht Wochen nicht abgeheilt ist.

Auch bei chronischen Wunden gilt, dass vor einer Therapie eine Diagnose gestellt werden sollte. Im Praxisalltag findet sich die Mehrheit der chronischen Wunden im Bereich der unteren ExtremitƤt. Sie kƶnnen in drei Hauptkategorien eingeteilt werden:

  • Ulcus cruris
  • Dekubitus
  • Diabetisches Fuss-Syndrom (DFS).

WƤhrend beim Dekubitus und DFS die Ƅtiologie weitgehend klar ist, braucht das Ulcus cruris eine weitergehende AbklƤrung. Die drei hƤufigsten Ursachen des Ulcus cruris machen in der Hausarztpraxis bis zu 90% aus und kƶnnen mit einfachen Mitteln diagnostiziert werden (Tab. 1). Beim venƶsen Ulcus cruris kann die Pathologie sowohl das oberflƤchliche (Varikose) als auch das tiefe Venensystem (postthrombotisches Syndrom) betreffen. Bei beiden Formen finden sich die typischen HautverƤnderungen der chronischen venƶsen Insuffizienz wie Ɩdem, Hyperpigmentierung, Corona phlebectatica, Stauungsdermatitis, Atrophie blanche und in spƤten Stadien auch eine Dermatoliposklerose (Abb. 1). Venƶse Ulcera finden sich oft an typischer Stelle am medialen Unterschenkel.

Das arterielle Ulcus tritt in der Regel am lateralen Unterschenkel oder prätibial auf, findet sich aber oft auch im Fussbereich. Nebst der Anamnese mit dem Vorhandensein von vaskulären Risikofaktoren hilft ein pathologischer Pulsstatus bei der Diagnose. Eine Claudicatio kann hinweisend sein, fehlt aber nicht selten bei Diabetikern und älteren Personen mit eingeschränkter Mobilität. Letztlich wird das arterielle Ulcus anhand einer verminderten Perfusion diagnostiziert, was mit der Messung der Knöchelverschlussdrücke erfolgt. Ein Knöchel-Arm-Index (KAI oder ABI für engl. Ankle-Brachial-Index) von unter 0.9 beweist eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK). Je tiefer der ABI, desto schwieriger wird die Wundheilung. Bei Werten unter 0.4 kann eine chronische kritische Ischämie vorliegen, eine Abheilung von Läsionen ist spontan kaum mehr möglich (4). Beim gemischten Ulcus cruris finden sich Pathologien im venösen wie auch arteriellen Bereich, die Behandlung ist entsprechend schwieriger. Die arterielle Komponente hat bei der Behandlung immer Vorrang.
Wenn eine klare Zuteilung zu den drei Hauptursachen des Ulcus cruris nicht möglich ist, entstehen oft diagnostische Schwierigkeiten. In diesen Fällen muss an eine grosse Zahl von möglichen, insgesamt aber seltenen Ursachen gedacht werden. Tabelle 1 nennt einige dieser Ursachen, ist aber nicht abschliessend, die Differentialdiagnose des Ulcus cruris enthält mehr als 70 Entitäten (5). Serologische Tests (z.B. bei vaskulitischen Ulcera) und eine Hautbiospie können auch in der Hausarztpraxis durchgeführt werden. Eine Stanzbiopsie sollte bei einer ätiologisch unklaren und insbesondere bei nicht heilenden Wunden spätestens nach 4 Wochen durchgeführt werden. Seltene Ursachen können zum Beispiel bei atypischer Lokalisation, ungewöhnlicher Morphologie, fehlender Wundheilung trotz adäquater Therapie sowie bei inadäquat starken Schmerzen vermutet werden. Falls keine spezifische Diagnose gestellt werden kann, sollte früh daran gedacht werden, den Patienten zur Abklärung und/oder Behandlung weiterzuweisen (z.B. Angiologie, Dermatologie, Diabetologie, Chirurgie). Eine Weiterweisung an ein anerkanntes Wundzentrum kann eine sinnvolle Alternative sein. Die SAfW hat bisher 24 Zentren (www.safw.ch) anerkannt, die Betroffene mit einer chronischen Wunde nachweislich mit hoher Kompetenz betreuen können.

Therapiemanagement

Zur kausalen Therapie des venƶsen Ulcus cruris gehƶrt die Kompression und Sanierung der bestehenden Varikosis. Die Kompression erfolgt in der Entstauungsphase mit VerbƤnden (Kurzzugbinden
oder Mehrkomponentensysteme), anschliessend mit einem Ulcus-Strumpfsystem. Zur Rezidivprophylaxe sind medizinische Kompressionsstrümpfe indiziert. Die Grundversorger sollten auf eine konsequente Anwendung achten, da diese Therapie eine hohe Evidenz aufweist (8). Die Sanierung von Stamm- und Astvarizen beschleunigt die Abheilung von venösen Ulcera. Dazu kann entweder ein endovenöses oder ein chirurgisches Vorgehen gewählt werden, die Sklerotherapie wird oft ergänzend aber auch als Einzelmassnahme eingesetzt. Beim arteriellen Ulcus sollte die Perfusion am betroffenen Bein verbessert werden. Dies geschieht bevorzugt mit einer perkutanen transluminalen Angioplastie (PTA), gegenüber der Gefässchirurgie besteht der grosse Vorteil der geringeren Invasivität. Die kausale Behandlung der übrigen Ursachen des Ulcus cruris ist diagnoseabhängig und erfordert oft die Mitbetreuung der entsprechenden Spezialisten.
Beim Diabetischen Fuss-Syndrom und beim Dekubitus liegt als gemeinsame Ursache eine DruckschƤdigung vor. Beim DFS ist die Neuropathie entscheidend, sie führt dazu, dass der Patient den pathologischen Druck, z.B. durch falsches Schuhwerk, nicht bemerkt. Entsprechend wird sowohl das DFS als auch ein Dekubitus mittels Druckentlastung behandelt. Die Konsequenz bei der Druckentlastung entscheidet über den Therapieerfolg. Beim Malum perforans – das neuropathische Ulcus an der planta pedis – erreicht man eine Abheilung oft erst, wenn das Bein vollstƤndig entlastet wird. Hier hat sich der Vollkontaktgips (Total Contact Cast) als Goldstandard erwiesen.Ā  Zu einem ganzheitlichen Behandlungskonzept gehƶrt auch die Beurteilung des ErnƤhrungszustandes des Patienten. Auch wenn es wenig Evidenz gibt, macht es Sinn, dass eine oft vorhandene MangelernƤhrung vermieden bzw. konsequent behandelt wird (9).

Lokales Wundmanagement

Die Evidenz der feuchten Wundversorgung basiert auf den Erkenntnissen von Georg G. Winter, der bereits 1962 nachweisen konnte, dass die Epithelisierung in einem feuchten Wundmilieu schneller erfolgt (10). Makrophagen und Fibroblasten – Zellen, welche für die Wundheilung unabdingbar sind – kƶnnen auf einem trockenen Wundgrund nicht überleben. Feuchte Bedingungen sind ideal für die neutrophilen Zellen. Gleichzeitig werden Enzyme ausgeschüttet, die das autolytische DĆ©bridement fƶrdern. In einer Metaanalyse von 170 publizierten Studien wurde die klinische Evidenz für hydroĀ­aktive Wundauflagen untersucht (11). Die Überlegenheit hydroĀ­aktiver Wundauflagen zeigte sich unabhƤngig der Kausaltherapie, obwohl tendenziell eine grƶssere Überlegenheit in den Studien mit Angabe zur Kausaltherapie vorlag. Die Autoren konnten nachweisen, dass mit hydroaktiven Wundauflagen die Chance auf eine Abheilung mit 52% signifikant hƶher ist. Die Überlegenheit einer bestimmten Wundauflage konnte aber nicht nachgewiesen werden.
Die Tab. 2 enthält die Anforderungen an den idealen Wundverband, die bereits 1979 von Turner formuliert wurden (12). Es gibt keine Wundauflage, welche in jeder Wundsituation geeignet ist. Die Aufgabe des Verbandes besteht darin, ein optimales Feuchtigkeitsmilieu zu schaffen und so das autolytische Débridement und die Bildung von Granulationsgewebe zu fördern. Deshalb ist das Exsudatmanagement eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl der Wundauflage. Dabei müssen die Wundheilungsphase und die bakterielle Besiedelung der Wunde bekannt sein.
Eine adäquate Wundreinigung ist nebst der kausalen Therapie der Wundursache eine Voraussetzung für die Wundheilung. Eine Grundreinigung (mechanisches Débridement) erfolgt meistens mit Tupfer und mit isotonischer Kochsalzlösung/Wundspüllösung und einer Nass-Trocken-Phase. Nicht empfohlen ist hingegen die routinemässige Anwendung von Antiseptika (13). Die schnellste und effektivste Wundreinigung ist das chirurgische Débridement. Avitales Gewebe und Beläge werden bis in intakte Strukturen abgetragen. Dazu werden Pinzette, Skalpell, Ringkürette und Wasserstrahldruck verwendet. Die autolytische Wundreinigung unterstützend, stehen heute eine Vielzahl an verschiedenen Wundauflagen zur Verfügung. Die Hauptgruppen (Tab. 3) besitzen unterschiedliche Eigenschaften, der korrekte Einsatz erfordert viel Fachwissen und Erfahrung. Dank den feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften müssen die Verbände nicht mehr täglich gewechselt werden. Dies dient einerseits der Wundruhe, andererseits fallen die Kosten geringer aus, da die Zeit des involvierten Personals immer noch der grösste Kostenfaktor ist. Die teilweise beachtlichen Preise der Wundauflagen rechtfertigen sich, wenn die Intervalle des Verbandwechsels möglichst lang sind und die Wunden mit deren Hilfe schneller abheilen. Dies bedingt jedoch ein grosses Wissen der involvierten Therapeuten und einen Einsatz nach den WZW-Kriterien. Eine Kosten-Nutzen-Analyse dazu lässt sich aber kaum finden. In der Praxis zeigt sich, dass sich eine effiziente und kostensparende Wundheilung am besten durch ein interdisziplinäres Team realisieren lässt. Hausärzte, Spezialärzte und Wundexpertinnen ergänzen sich optimal in der Behandlung komplexer Wundsituationen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Abklärung und Kausaltherapie, die adäquate Reinigung und Behandlung mit hydroaktiven, phasengerechten Wundauflagen in einem interdisziplinären Team, die besten Voraussetzungen für das rasche Abheilen einer chronischen Wunde sind.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Thomas Zehnder

Chefarzt Medizin
Spital Thun
Krankenhausstrasse 12
3600 Thun

thomas.zehnder@spitalstsag.ch

Wundexpertin SAfW, MAS in WoundcareElisabeth Kohler-von Siebenthal

SPITEX Region Interlaken AG
Untere Gasse 2
3800 Unterseen

Die Autoren sind Vorstandmitglieder im Verein «Schweizerische Gesellschaft für Wundbehandlung» SAfW und haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine anderweitigen Interessenskon­flikte zu deklarieren.

Chronische Wunden im Bereich der unteren ExtremitƤten fallen in den meisten FƤllen in die Kategorien Ulcus cruris, Dekubitus oder Diabetisches Fuss-Syndrom. Bei den letzteren Beiden liegt als gemeinsame Ursache eine DruckschƤdigung vor.
ā—† Gegen 90% aller Ulcera cruris in der Hausarztpraxis sind venƶser, arterieller oder gemischt venƶs-arterieller Genese.
ā—† Ein ABI unter 0.9 beweist eine PAVK und bei einem Wert unter 0.4 ist eine spontane Abheilung eines Ulcus nicht mehr zu erwarten.
ā—† Die Kausaltherapie umfasst beim venƶsen Ulcus die Kompressionsbehandlung und Sanierung der Varikosis, beim arteriellen Ulcus die Verbesserung der Perfusion, beim DFS und dem Decubitus eine konsequente Druckentlastung.
ā—† Bezüglich lokaler Wundbehandlung fƶrdert eine feuchte Wundversorgung die Wundheilung mit hoher Evidenz. Die Überlegenheit von hydroaktiven Wundauflagen konnte unabhƤngig von der Kausaltherapie gezeigt werden.