Einleitung
GemƤss der Definition der Society for Integrative Oncology (SIO) ist Integrative Onkologie Ā«ein patientenzentriertes, evidenzinformiertes Gebiet der Krebstherapie, das Mind-Body-Verfahren, natürliche Produkte und/oder LebensstilƤnderungen aus unterschiedlichen Traditionen begleitend zu den konventionellen Krebstherapien einsetzt. Die InteĀgrative Onkologie versucht, Gesundheit, LebensqualitƤt und klinische Outcomes über den Behandlungsverlauf hinweg zu optimieren und Menschen zu befƤhigen, Krebs vorzubeugen und zu aktiven Teilnehmern vor und wƤhrend der Krebsbehandlung sowie über diese hinaus zu werdenĀ» (1).
HƤufig wird der Begriff Ā«Integrative OnkologieĀ» auch als Ā«die Integration von komplementƤrmedizinischen Therapien in die konventionelle OnkologieĀ» erklƤrt. Welche therapeutischen Verfahren ergƤnzend, d.āh. komplementƤr zur konventionellen Therapie, angewendet werden, ist abhƤngig von den lokalen Gegebenheiten, wie beispielsweise kulturellen oder gesundheitspolitischen Aspekten. Es gibt bisher keine allgemein akzeptierte Definition von KomplementƤrmedizin, ausser dass diese ergƤnzend zur konventionellen Medizin eingesetzt wird. Die sinnvolle synergistische Kombination von KomplementƤrmedizin und konventioneller Medizin wird dann Integrative Medizin genannt (2). Im deutschsprachigen Raum sind beispielsweise Ā«GesamtsystemeĀ» wie die Anthroposophisch erweiterte Medizin oder die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) verbreitete Methoden. Neben diesen Ā«GesamtsystemenĀ» spielt beispielsweise die therapeutische Anwendung von Arzneipflanzen in der Integrativen Medizin bzw. Integrativen Onkologie eine wichtige Rolle, und die Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln folgt gesetzlich geregelten Prozessen. Zudem sind verschiedene nicht pharmakologische Therapien wie Akupunktur/Akupressur, Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), Massageformen, achtsamkeitsbasierte Bewegungstherapien wie Tai Chi/Qi Gong, Yoga und Heileurythmie verbreitet, die teilweise ursprünglich ebenfalls aus den oben genannten Ā«GesamtsystemenĀ» stammen.
Die KomplementƤrmedizin ist seit einer Volksabstimmung im Jahr 2009 in der Schweizerischen Verfassung verankert, und vier der komplementƤrmedizinischen Fachrichtungen werden durch die Grundversicherung erstattet, wenn sie von Ćrzt/-innen ausgeübt werden, welche Inhaber/-in- nen eines entsprechenden SIWF-FƤhigkeitsausweises sind. Diese sind aktuell Anthroposophisch erweiterte Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin/Akupunktur, klassische Homƶopathie und Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Bedingungen für einen solchen FƤhigkeitsausweis sind ein Facharzttitel, um die 360 Stunden definierte Weiterbildung, eine Abschlussprüfung und regelmƤssige Rezertifizierung. Als Dachverband reprƤsentiert die UNION der komplementƤrmedizinischen Ćrzteorganisationen diese vier Richtungen (3). Neuere komplementƤrmedizinische Richtungen, die gerade in der Onkologie eine grosse Rolle spielen und in der Schweiz ebenfalls verbreitet sind, sind die sogenannte Mind Body Medicine und die medizinische Hypnose. Sie werden durch den Schweizer Fachverband Mind Body Medicine (SFMBM) und die Schweizerische Ćrztegesellschaft für Hypnose (SMSH) qualitƤtsgesichert. Zudem spielt die Integrative Pflege sowohl in der ambulanten als auch in der stationƤren Integrativen Onkologie eine zunehmende Rolle (siehe Abschnitt weiter unten) (4).
Die oben genannten Fachrichtungen weisen ā zumindest teilweise ā gewisse Gemeinsamkeiten auf, so z.āB. das Inszentrumstellen der Salutogenese (5), ein Betonen von Lebensstilfaktoren, ein explizites Menschenbild (hƤufig multidimensional, Ƥhnlich der Palliative Care) (6) und eine Individualisierung der Therapie. Diese Gemeinsamkeiten wurden bisher nicht explizit formuliert; eine solche gemeinsame Abstimmung von Ā«GrundprinzipienĀ» erscheint jedoch wichtig, um die konzeptuelle Basis für die Integrative Onkologie, wie sie in den Schweizer Krebszentren gelebt wird, festzuhalten. Das Formulieren solcher Ā«GrundprinzipienĀ» ist das Ziel eines Delphi Consensus des Swiss Network for Integrative Oncology (SNIO), der aktuell durchgeführt wird und mittels dessen mittelfristig auch Kriterien für hochqualitative Integrative Onkologie in Schweizer Krebszentren erstellt werden sollen.
Das Swiss Network for Integrative Oncology wurde 2024 als Zusammenschluss von zertifizierten Krebszentren, welche ein integrativ-onkologisches Angebot vorweisen, gegründet. Es hat zum Ziel, Zusammenarbeit, QualitƤt, Edukation und Forschung in der Integrativen Onkologie zu fƶrdern. Bedingung für die volle Mitgliedschaft im Swiss Network for Integrative Oncology ist die mindestens zweimal monatliche Sprechstunde oder Konsilien durch einen Arzt/eine Ćrztin mit einem FƤhigkeitsausweis in einer der oben genannten komplementƤrmedizinischen Fachrichtungen, einem FƤhigkeitsausweis in medizinischer Hypnose oder einem CAS in Mind Body Medicine oder jeweils einem Ćquivalent (7).
Im Folgenden werden diese verschiedenen Fachrichtungen insbesondere im Zusammenhang mit der Onkologie vorgestellt. Die Inhalte der folgenden Unterkapitel werden (nur) von den aufgeführten Autoren der Subkapitel verantwortet.
Fazit und Ausblick
Diese Kerndisziplinen der Integrativen Onkologie beruhen auf unterschiedlichen Konzepten und Traditionen, greifen jedoch ā wie bereits dargestellt ā auf gemeinsame Grundhaltungen zurück.
Im Rahmen der Integrativen Onkologie werden diese Disziplinen grundsƤtzlich begleitend zu konventionellen Therapien eingesetzt und erfordern eine enge, transparente Kommunikation mit onkologischen Fachpersonen sowie HausƤrztinnen und -Ƥrzten.
Die Auswahl geeigneter Verfahren richtet sich nach verfügbarer Evidenz aus klinischer Erfahrung und Studien für die individuelle Indikation, der lokalen Verfügbarkeit und den Präferenzen der Betroffenen.
Das Swiss Network for Integrative Oncology verfolgt das Ziel, Qualitätskriterien zu entwickeln, Behandlungsangebote (auch zukünftige, wenn Qualitätskriterien erfüllt sind) zu vernetzen und Weiterbildungen zu fördern, um eine koordinierte und qualitätsgesicherte Versorgung zu ermöglichen.
Literatur
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6. WHO Definition Palliative Care (https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/palliative-care)
7. www.integrative-oncology.ch
Anthroposophisch erweiterte Medizin in der Integrativen Onkologie
Autorenschaft
Dr. med. Natalie Kalbermatten
PD Dr. med. Florian Strasser
Prof. Dr. med. Ursula Wolf
Einleitung und Definition
Die Anthroposophisch erweiterte Medizin (AEM) ist ein integrativer, multimodaler, ganzheitlicher und individueller Ansatz und vereint konventionelle Medizin mit spezifischen anthroposophisch-medizinischen Therapien. Sie wurzelt in Mitteleuropa (1) und wurde ab ca. 1910 (2) von Drs. Rudolf Steiner und Ita Wegman in Zusammenarbeit mit Ćrzt/-innen und Pharmazeut/-innen entwickelt (3). Die AEM wird in vielen europƤischen LƤndern, auch global, praktiziert (4) und ist in Deutschland und in der Schweiz gut im Gesundheitswesen integriert (5, 6). In interprofessionellen Teams arbeiten Ćrzt/-innen, Apotheker/-innen, Pflegefachpersonen, Kunst-, Heileurythmie- und Massagetherapeut/-innen und weitere Berufsgruppen zusammen (7). In ihrem ganzheitlichen Menschenbild berücksichtigt die AEM die kƶrperlichen, vitalen, geistigen, spirituellen und sozialen Dimensionen eines Menschen (8). Durch die AEM-Linse betrachtet, stehen diese Dimensionen wƤhrend des gesamten Lebenszyklus in stƤndiger Wechselwirkung, was bedeutet, dass eine VerƤnderung in einer Dimension sich auch auf die anderen Dimensionen auswirkt (9). Daher umfasst die AEM Therapien, die spezifisch auf eine oder mehrere dieser Dimensionen einwirken im Sinn eines Ā«Whole Medical SystemsĀ» (10).
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen
Die AEM ergƤnzt die üblichen diagnostischen Methoden der konventionellen Medizin mit zwei anthroposophisch-medizinischen diagnostischen Schlüsselkonzepten, namentlich der funktionellen Vier- und Dreigliederung des Menschen (11, 12, 13, 14). Nach anthroposophischem VerstƤndnis (15) wird der menschliche Organismus nicht nur durch physikalische und chemische KrƤfte geformt, sondern durch insgesamt vier Arten von GestaltungskrƤften (funktionelle Viergliederung) (16). Diese kƶnnen entweder direkt oder indirekt am Menschen wahrgenommen werden (3). Kurz formuliert, umfasst die funktionelle Viergliederung den physischen Kƶrper (sichtbar u.āa. an der Materie, quantifizierbar), die Lebensorganisation (Wachstum, Regeneration, Fortpflanzung), die Empfindungsorganisation (Emotionen, Schmerz, Freude, Sympathie, Antipathie) und die Ich-Organisation (Biografie) (17). Im Organismus wirken diese vier KrƤfteorganisationen unterschiedlich in drei Funktionssystemen, die die funktionelle Dreigliederung bilden (11ā14). Das Konzept wurzelt in dem methodischen Ansatz, dass PolaritƤten sich gegenseitig beleuchten und damit dem Erkenntnisgewinn dienen kƶnnen (Goethe) (18), welcher von Rudolf Steiner für die menschliche Gesundheit und Krankheit weiterentwickelt wurde. Die Dreigliedrigkeit umfasst das neurosensorische Nerven-Sinnes-System (NSS) und das Stoffwechsel-Gliedmassen-System (SWGS) als die beiden Pole und das Rhythmische System (RS) als das ausgleichende, vermittelnde System. Alle drei Systeme sind funktionell in allen Teilen des Organismus vorhanden, aber jedes hat einen vorherrschenden anatomischen Ort (NSS: SchƤdel/Kopf; RS: Brustkorb; SWGS: Bauchraum/untere ExtremitƤten). Die Wahrnehmung dieser KrƤfte und Funktionssysteme ist klinisch lernbar und Teil der AEM-Diagnose und -Therapie. Verschiebt sich der dynamische Zustand zu sehr oder zu lange, kann ein Krankheitszustand entstehen, zuerst funktionell und bei lƤngerem Bestehen organisch manifest. AEM zielt darauf ab, dieses dynamische Gleichgewicht zu erhalten oder wiederherzustellen.
Therapiert wird in der AEM mit Arzneimitteln und einer Vielfalt von «nicht medikamentösen» Therapien.
Die Arzneimittel werden aus Pflanzen, Mineralien, Metallen und tierischen Substanzen nach GMP und standardisierten AM-spezifischen pharmazeutischen Verfahren hergestellt (19) und haben einen ausgezeichneten Sicherheitsausweis (4). Sie werden in konzentrierter Form und als potenzierte Produkte (siehe Kapitel Homƶopathie) angewendet (Vademecum Anthroposophische Arzneimittel https://www.gaed.de/vademecum).
Die Misteltherapie (Viscum album) ist eine der bekanntesten AEM-Behandlungen bei Krebs (20) mit adƤquatem Sicherheitsprofil, auch bei onkologischen Immuntherapien (21, 22). Zur Misteltherapie liegen prƤklinische Daten vor, u.āa. zur Immunmodulation (23, 24, 25) und Hemmung von Tumorzellwachstum (26, 27). Sie wird primƤr durch subkutane Injektionen verabreicht. Die Misteltherapie wird eingesetzt, um Nebenwirkungen herkƶmmlicher Krebsbehandlungen (z.āB. Krebstherapie-assoziierte Fatigue) (28) und Symptome der aktiven Tumorerkrankung zu verringern (29, 30) sowie allgemein die LebensqualitƤt zu verbessern (31, 32, 33). Die deutsche S3-Guideline KomplementƤrmedizin (Version 2.0 ā Mai 2024) hat eine Ā«KannĀ»-Empfehlung ausgesprochen (Evidenz 1a) für eine subkutane Misteltherapie zur Verbesserung der LebensqualitƤt bei soliden Tumoren (34). Die Anwendung einer Misteltherapie (Wirtsbaumwahl, Produktwahl, Dosierungen, Intervalle, Begleitmedikation) sollte durch AEM-erfahrene Ćrzt/-innen individualisiert erfolgen, mit Kenntnis der AEM-Diagnostik (s.āo.) und allenfalls supportiven Begleitmassnahmen (z.āB. Tagesrhythmen/Schlaf, ErnƤhrung, Ƥussere Anwendungen).
Massnahmen der InteĀgrativen Pflege (siehe Kapitel IP) kƶnnen in der AEM als Ƥussere Anwendungen (https://pflege-vademecum.de/) (35), auch begleitend zur Misteltherapie, eingesetzt werden (z.āB. Schafgarben-Leberwickel [36], Oxalis-Zwerchfellwickel, Lavendel- oder Rosmarinƶl-Fusseinreibungen, Aurum/Lavandula/Rosen-Herzauflage). Bei chronischen Schmerzsyndromen kƶnnen rhythmische Einreibungen mit Solum (37) erfolgen.
Zur Behandlung verschiedenster Beschwerden und Nebenwirkungen der Krebstherapie (z.āB. Polyneuropathie, Schlafstƶrungen [siehe Artikel Survivorship] oder Strahlendermatitis) steht eine breite Palette von anthroposophisch-medizinischen Heilmitteln in Verbindung mit nicht medikamentƶsen Therapien zur Verfügung. Heileurythmie (38, 39) und Kunsttherapien (gestalterisch: Malen, Plastizieren) (40), Musik (41, 42), Sprachgestaltung (43) werden auch in der Onkologie eingesetzt, um die kƶrperlichen Funktionen (z.āB. bei Schmerzen oder Steifheit nach einer Operation), die VitalitƤt (z.āB. bei Erschƶpfung) und das emotionale Gleichgewicht (z.āB. bei Ćngsten, Depression) zu verbessern. Sie kƶnnen, evtl. ergƤnzt mit Biografiearbeit (44), ebenfalls die Patient/-innen unterstützen, sich neu zu orientieren und Zukunftsperspektiven für ihr Leben zu finden.
Evidenz der Anthroposophisch erweiterten Medizin
Die Beurteilung der Wirksamkeit der AEM, welche seit vielen Jahrzehnten traditionell angewandt wird, umfasst ein Spektrum von AEM-Interventionen bis zum Ā«Whole Medical System ResearchĀ» (45) und sollte Eigenheiten der AEM berücksichtigen (46). Eine Evaluation erfolgte vertieft 2011 im Programm Evaluation KomplementƤrmedizin mit insgesamt 265 klinischen Studien, davon 253 mit positiven Ergebnissen für AEM-Interventionen (47) (s.āo.). Die AMOS-Studie untersuchte AEM prospektiv bei 1631 Patient/-innen mit verschiedenen Indikationen, 21 PuĀblikationen dokumentierten eine Wirksamkeit im Ā«Real-World-SettingĀ» (48). Die Herausforderung, die komplexe, dynamische, individualisierte (49) und interprofessionelle AEM zu erforschen, erfordert innovative und wissenschaftlich fundierte Konzepte (siehe Artikel Forschung).
QualitƤtskriterien
Um eine wirksame, sichere und qualitƤtsgesicherte Anwendung der AEM zu gewƤhrleisten, sind spezialisierte AEM-Ausbildungen, verfügbar für alle medizinischen Berufe (7) (z.āB. Pflege Soleo-Akademie, Kunsttherapie und Heileurythmie Zertifikate SBFI), notwendig (siehe Artikel Edukation). Weitere allgemeine QualitƤtskriterien umfassen die kooperative und transparente Absprache mit onkologischen Fachpersonen, auch bei Patient/-innen, die keine Ā«SchulmedizinĀ» mƶchten (siehe Artikel Edukation).
Fazit
Die AEM bietet ein breites Spektrum an risikoarmen und sicheren Therapiemöglichkeiten für Symptome und Erkrankungen innerhalb des Krebskontinuums.
Literatur
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Klassische Homƶopathie in der ĀIntegrativen Onkologie
Autor
PD Dr. med. Florian Strasser
Einleitung und Definitionen
Die klassische Homöopathie (KH) basiert auf dem Ansatz, für individuelle, idealerweise einzigartige, Symptome eines Menschen ein darauf möglichst gut passendes Arzneimittel (sog. Simile) zu finden.
Die umfassende Anamnese zur Symptomsammlung mit offener und strukturierter Befragung, die Ā«Homƶopathische AnamneseĀ», mit Systemanamnese und Themen wie ErnƤhrungsprƤferenzen (GeschmacksqualitƤten; fettig), Erleben von WƤrme/KƤlte und Sonnenlicht/Durchzug, seelischen Themata, Schlafrhythmen. Idealerweise wird ein Ā«einzigartigesĀ» Symptom («§ 153 SymptomĀ»: z.āB. Halsschmerzen besser durch Schlucken von festen Speisen oder Verlangen nach Entblƶssen bei KƤlte) gefunden.
Für jedes homƶopathische Arzneimittel erfolgt eine Arzneimittelprüfung: Gesunde Probanden beschreiben neue Symptome, zusammen mit toxikologischen und klinischen Beobachtungen entsteht das Ā«ArzneimittelbildĀ». Die homƶopathischen PrƤparate sind potenziert und gelistet (EuropƤische Pharmakopƶe). Zur Potenzierung wird eine Substanz (Pflanzenteile, Tierprodukte, chemisch definierte Stoffe, Mineralien) wiederholt 1:10/1:100 verdünnt und intensiv verschüttelt/verrieben. Damit werden auch Arzneimittel von unvertrƤglichen (z.āB. Silber, Jod, Petrol) oder giftigen (Schlangengift, Eisenhut, Arsen) Substanzen hergestellt. Die Wirkung von homƶopathischen Hochpotenzen (ohne nachweisbare Moleküle) kann u.āa. Modifikationen der Moleküldynamik betreffen (1, 2) neben insgesamt 14 verschiedenen theoretischen Modellen (3) und erklƤrt werden durch eine Erweiterung des naturwissenschaftlichen MaterieverstƤndnisses (4).
Ein passendes Arzneimittel wird in der Arzneimittel-SympĀtomsammlung (Ā«Materia medicaĀ») gesucht mithilfe eines Ā«RepertoriumsĀ» (Bücher, Software).
Die Verlaufsbeobachtung evaluiert den Symptomverlauf und allgemeine Verlaufsparameter (Energieniveau, Wohlbefinden, Temperaturempfindlichkeiten, Appetit, Menses, Schlaf etc.) und fokussiert auf eine Erstreaktion, die Krankheitsentwicklung und die Entwicklung der Symptome nach der Anwendung des homƶopathischen Arzneimittels. Bei akuten Verletzungen oder Infekten existieren sog. bewƤhrte Arzneimittel, die mittels einer sehr kurzen Anamnese ermittelt werden kƶnnen (Commotio, Distorsion, Insektenstich, Otitis media etc.).
Die KH erfordert eine ärztliche Weiterbildung mit SIWF-Fähigkeitsausweis Homöopathie (SVHA) (5). Daneben existieren nicht ärztliche Ausbildungen (eidgenössisches Diplom, Abrechnung nur über Zusatzversicherung).
Der Begriff Homƶopathie wird auch verwendet (6) bei Anwendung von potenzierten Arzneimitteln bei Situationen mit allgemeinen Krankheitsbegriffen (z.āB. Ā«Schnupfen/ErkƤltungĀ», Ā«GelenkschmerzenĀ»), aber ohne individualisierte Anamnese und Arzneimittelwahl. Eine Umfrage bei allen Ćrzten des Kantons Zürich (n = 4052, Antwortrate 38ā%; 2.4ā% homƶopathische Spezialisten) (7) zeigte, dass 23ā% mind. 1 x/Jahr homƶopathische Arzneimittel verschrieben, davon 50.4ā% mit Erwartungen an eine spezifische Wirkung und 21.4ā% eines Placeboeffekts; 53ā% aller Ćrzte unterstützen den Einsatz von homƶopathischen Arzneimitteln (8).
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen der KH in der Integrativen Onkologie
Die KH-Erstkonsultation beinhaltet typischerweise eine fokussierte kƶrperliche Untersuchung, aber keine speziellen Laboruntersuchungen. Die homƶopathische Behandlung erfolgt begleitend zur onkologischen Behandlung.
Bei krebsbetroffenen Menschen kƶnnen akute Nebenwirkungen (ToxizitƤt) der krebsspezifischen Behandlung oder der Krebserkrankung und deren Folgen (z.āB. Fatigue, CINP, Angst, Schlafprobleme, Wallungen [9], postoperatives Serom/Blutungen nach Mastektomie) [10]) mit einer (typischen, nur teilweise individualisierten) Auswahl (s.āo.) von homƶopathischen Arzneimitteln behandelt werden (11), dies als Teil einer supportiven onkologischen Behandlung (12). Diese wird in Frankreich von einer Mehrheit von Onkologen unterstützt (13) und in Strasbourg von 1/3 der Patienten angewendet (14). Bei 98ā009 Patientinnen mit neuer Brustkrebsdiagnose und Mastektomie (nationales franzƶsisches Datenregister) bekam jede 4. Frau homƶopathische Arzneimittel, die supportive Medikation für Nebenwirkungen der Krebstherapie war signifikant weniger bei ā„ 3 homƶopathischen Dosen (15). Die günstige und nebenwirkungsarme homƶopathische Behandlung mit fokussierter Anamnese wird in ressourcenarmen Situationen gerne eingesetzt (16).
Die Risiken der KH sind klein aufgrund der minimalen substanziellen Arzneimittelwirkung.
Evidenzlage der Homƶopathie
Die Grundlagenforschung (17) untersucht die Frage, ob potenzierte homöopathische Arzneimittel spezifische Wirkungen zeigen im Vergleich zu nicht potenzierten Arzneimitteln: Die Datenlage unterstützt mit Evidenz aus physikalisch-chemischen (18), In-vitro- (19), Pflanzen- (20) und Tier- (21)-basierten Experimenten eine solche Wirkung, die aber nicht mit einer heute verfügbaren Begrifflichkeit und Messmethode definiert werden kann.
Die Datenlage der klinischen Homƶopathieforschung basiert auf mehreren Hundert randomisierten Studien (z.āB. Insomnie [22]) mit vielen Metaanalysen zu verschiedenen spezifischen Indikationen (z.āB. schwere Depression [23], Fibromyalgie [24]). Der indikationsübergreifende Unterschied von Homƶopathie und Placebo wurde in sechs Metaanalysen untersucht, welche zusammengefasst wurden (25), mit besserer Gesamtwirkung allgemeiner Homƶopathie als Placebo. Die Gesamtevidenz für Homƶopathie (hoch/moderat/niedrig/sehr niedrig) war hoch für KH (Metaanalyse mit niedrigem [26] und hohem [27] Verzerrungsrisiko) und moderat für nicht individualisierte Homƶopathie (niedriges Verzerrungsrisiko [28]).
Eine individualisierte KH-Behandlung wurde bei onkologischen Patienten in vier randomisierten Studien eingesetzt (29). Zwei Ā«Single-centerĀ»-Pilotstudien (Glasgow/UK, n = 47) (30); Seattle/USA, n = 83) (31) dokumentierten Hinweise für bessere Wirkung gegenüber Placebo von KH (Vergleich 1:1) oder einer homƶopathischen Einzel- oder Kombinationssubstanz (Vergleich 1:2). Eine Ā«Single-centerĀ»-Studie dokumentierte bei 194 Patienten mit KH paĀrallel zur systemischen Krebstherapie Hinweise für bessere LebensqualitƤt gegenüber 179 Kontrollpatienten (32). Eine nachfolgende doppelblind-placebokontrollierte randomisierte Studie dokumentierte bei 98 Menschen mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom (NSCLC) positive Effekte von KH als ergƤnzende supportive Behandlung im Vergleich zu Placebo auf LebensqualitƤt und Gesamtüberleben (33). Die Studie wurde kritisiert aus konzeptueller Ā«GeneralkritikĀ» (34) und methodischen Gründen (35), die fehlenden methodischen Angaben wurden nach vertiefter Analyse ergƤnzt (36).
Die Placeboforschung dokumentiert Hinweise für bessere Wirkungen von «aktivem» Placebo (der Patient wird informiert, sog. open-label) (37) gegenüber klassischem Placebo (38). In der individualisierten Homöopathie werden den Patienten typischerweise keine Informationen abgegeben über die erwartete Wirkung des Arzneimittels.
QualitƤtskriterien und Zusammenarbeit mit Āweiteren Disziplinen der Integrativen Onkologie
Der Einsatz von KH in der (komplexen) Onkologie erfordert sehr gute Zusammenarbeit und proaktive, transparente Kommunikation und Absprache mit onkologischen und anderen integrativ-medizinischen Disziplinen. Dazu gehört auch eine aktive Zuweisung bei ungenügenden Effekten oder (zu) hohen Erwartungen von Patienten (siehe Artikel Edukation).
Fazit
Die KH kann als eine von Patient/-innen oft erwünschte, nebenwirkungsarme und wissenschaftlich belegte Behandlungsform in der Integrativen Onkologie eingesetzt werden, sofern eine transparente und proaktive Zusammenarbeit mit onkologischen Fachpersonen gewährleistet wird.
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Medizinische Hypnose
Autorinnen
Dr. med. Natacha Bordry
Prof. Dr. med. Chantal Berna
Einleitung und Definition
Hypnose ist eine Intervention, die Kƶrper und Geist einbezieht und einen Zustand fokussierter Aufmerksamkeit und erhƶhter SuggestibilitƤt herbeiführt (1). Sie wird eingesetzt, um Patienten dabei zu helfen, ihre Wahrnehmungen, Empfindungen und Reaktionen auf Symptome zu verƤndern (2). Dieser psychologische Zustand wird durch geführte therapeutische Kommunikation, positive Sprache und massgeschneiderte Suggestionen erreicht, unterstützt durch eine starke Beziehung zwischen Therapeuten und Patient (3). Die klinische Hypnose, angewandt von ausgebildeten Therapeut/-innen, wird bei Krebspatienten (noch) wenig angewandt (4), mƶglicherweise bedingt durch begrenztes Bewusstsein, begrenzte Verfügbarkeit und verbreitete MissverstƤndnisse ā wie Ćngste, die Kontrolle zu verlieren oder manipuliert zu werden (5).
Der Begriff Hypnose kann auch verwendet werden bei Anwendung einer Sprache (Ā«kommunikative HypnoseĀ») mit Vermeidung negativer Formulierungen (z.āB. wird Ā«das wird stechenĀ» ersetzt durch Ā«diese Medikation betƤubt die StelleĀ») und Optimierung von Patientenerwartungen (6). Die bewusste Fokussierung auf positive Lebens- und Erfahrungsaspekte wie Dankbarkeit (7, 8), eigene Ressourcen (9) und Lebenssinn (10, 11), als einzelne Massnahmen oder kombiniert als Ā«Positive Psychologie InterventionĀ» (12), enthƤlt auch Elemente der Hypnose, es kann der Begriff Selbsthypnose verwendet werden. Dies betrifft auch VerƤnderungen der eigenen Denkweise (Mindset-Change) mit wachsender neurowissenschaftlicher Grundlage (13) und viele Aspekte der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) (14) (z.āB. bei Insomnie [15] oder Fatigue [16], siehe Kapitel Survivorship). Bei vielen Mind-Body-Interventionen spielen (selbst-)hypnotische Elemente eine Rolle (siehe Kapitel Mind Body Medicine), auch bei Anwendung von Open-label-Placebo (17, 18).
Klinische Anwendungen von Therapeut/-innen geleiteten Hypnosen werden zunehmend in der perioperativen AnƤsthesie (19) eingesetzt, bei menopausalen Symptomen (20) und auch in der Onkologie (s.āu.).
Diagnostik und therapeutischer Ansatz
Eine sorgfƤltige diagnostische Beurteilung des Patienten ist notwendig, um Sicherheit und Eignung der klinischen Hypnosetherapie zu gewƤhrleisten. Wichtige Aspekte ist der medizinische und psychologische Zustand des Patienten, seine Bereitschaft sowie das Fehlen wesentlicher Gegenanzeigen.
Zu den wichtigsten Kontraindikationen der klinischen Hypnose gehƶren:
⢠schwere psychotische Erkrankungen wie Schizophrenie und paranoide Störungen
⢠starke dissoziative Störungen
⢠aktive Wahnvorstellungen oder Halluzinationen
⢠schwere kognitive Beeinträchtigungen und Demenz
⢠nicht kontrollierte Epilepsie
⢠akute Intoxikationen oder aktueller Konsum von SubĀstanzen, die die Bewusstseinslage stark beeintrƤchtigen (z.āB. Alkohol, Drogen)
Zur Diagnose gehƶren auch die KlƤrung und Vereinbarung der Indikation resp. des individuellen Ziels der klinischen Hypnosetherapie.
Klinische Hypnose wird klassischerweise in EinzelgesprƤchen von Fachleuten ā Ćrzten, Psychologen oder PflegekrƤften mit zertifizierter Expertise (21) in klinischer Hypnose ā durchgeführt. Indikationen für Gruppensitzungen umfassen z.āB. StressbewƤltigung, Angststƶrungen, bestimmte Suchterkrankungen (z.āB. Rauchentwƶhnung) oder Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, bei denen die StƤrkung der persƶnlichen Ressourcen in der Gruppe vorteilhaft ist.
Der Prozess der klinischen Hypnosesitzung dauert von wenigen Minuten bis 1ā3 Stunden und umfasst üblicherweise:
⢠Induktion in einen entspannten, fokussierten Zustand
⢠Ćbermittlung personalisierter Suggestionen und Nutzung mentaler Bilder, z.āB.
ā zur VerƤnderung der Wahrnehmung von Symptomen
ā zum Kennenlernen von Ā«inneren FamilienmitgliedernĀ»
ā zum Entdecken und StƤrkung sog. innerer Kraftwesen
⢠allmähliche Rückkehr zum normalen Bewusstsein
Das Intervall zwischen Sitzungen der klinischen Hypnose umfasst typischerweise 1ā3 Wochen, angepasst an die individuelle Situation, den Zustand des Patienten und die Art des Problems. Die Behandlungsdauer variiert je nach Bedarf.
Evidenz der klinischen Hypnose und HauptĀindikationen in der Integrativen Onkologie
Die Datenlage für die potenzielle Wirksamkeit von klinischer Hypnose in der Onkologie nimmt zu, angewandt sowohl in Einzelsitzungen als auch in Selbsthypnoseformaten (1, 22). Es werden positive Effekte auf Angst, Schmerz (postoperativ, neuropathisch), Nausea, Fatigue, Medikamentenverbrauch und Hospitalisationsdauer sowie auf depressive Symptome, Insomnie, Hitzewallungen und Lebensqualität gezeigt (23).
Prozedurale Angst
Hypnose wird (ASCO-/SIO-Guideline) (24) empfohlen bei diagnostischen und therapeutischen Prozeduren in der Onkologie (intermediƤre Evidenz, moderate Empfehlung).
Perioperativ-Hypnosedierung
Beispielhaft zeigte eine randomisierte Studie (Aufmerksamkeitskontrolle), dass eine 15-Minuten-Hypnosesitzung (Psychologe: geführte Imagination zur Muskelrelaxation, angenehme innere Bilder/Friede, spezifische «innere Linderung» von Nausea, postoperativer Schmerz) vor Brustkrebsoperation eine verbesserte Schmerzreduktion (25) und Patientinnenerfahrung (26) bewirkte.
Fatigue
Beispielhaft zeigte eine randomisierte Studie (Aufmerksamkeitskontrolle; nā=ā200 Brustkrebs, Radiotherapie), dass 15 Minuten Hypnose (zu Beginn und Ende der RadioĀtherapie, dazwischen wƶchentlich 5 Minuten) in Kombination mit KVT eine klinisch und statistisch signifikante Verbesserung der Fatigue nach Abschluss der Radiotherapie und 1 bis 6 Monate danach aufweist (27) (siehe auch Artikel Survivorship).
Schlafstƶrungen
Beispielhaft zeigte eine Wartelisten-randomisierte Studie (n = 95 cancer survivors), dass eine kombinierte Self-
Care- / Self-Hypnosis-Gruppen-Intervention (8-wƶchentliche 2-Stunden-Sitzungen mit 15 Minuten Hypnose) eine signifikante Verbesserung der Schlafstƶrung (ISI) nach 3 bis 12 Monaten bewirkte (28) (siehe auch Artikel Survivorship).
Für andere Symptome (z.āB. chronische Schmerzen, Ćbelkeit/Erbrechen bei Erwachsenen und Kindern [29] bei Chemotherapie, Krebstherapie-bedingte Hitzewallungen oder Angst ausserhalb prozeduraler Kontexte) ist die wissenschaftliche Evidenz noch limitiert.
QualitƤtskriterien
Die therapeutische Qualität der Hypnose in der Onkologie hängt ab von der Kompetenz der Behandler, der Einhaltung ethischer Standards und transparenter Kommunikation. Der Titel «Hypnotherapeut» ist in den meisten Ländern nicht geschützt.
Verschiedene Anbieter können Hypnose je nach Kontext und lokalen Vorschriften durchführen, weshalb die Qualifikation der Therapeuten idealerweise durch renommierte Organisationen wie die International Society for Hypnosis (ISH) geprüft werden sollte.
Qualitativ hochwertige Hypnose erfordert:
⢠Therapeut/-innen mit medizinischem Hintergrund und Hypnoseexpertise
⢠ethisches Arbeiten im Rahmen ihrer Zulassung (z.āB. nach ISH-Ethikkodex)
⢠sorgfältige Dokumentation der Techniken und Patientenergebnisse
⢠Kommunikation mit anderen Gesundheitsfachkräften
⢠Aufmerksamkeit für Patientensicherheit und verbale Einwilligung
Fazit
Klinische Hypnose kann als wirksame unterstützende Therapie bei onkologischen Patient/-innen eingesetzt werden zur Behandlung akuter und postoperativer Schmerzen, von Fatigue, Schlafproblemen oder anderen Symptomen bei qualifizierter Anwendung durch gut ausgebildete Therapeut/-innen mit medizinischem Hintergrund.
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Mind Body Medicine und Mind-Body- Verfahren in der Integrativen Onkologie
Autorinnen
Dr. med. Marie-Estelle Gaignard
Prof. Dr. med. Claudia M. Witt
Einleitung und Definitionen
Mind Body Medicine ist ein modernes, wissenschaftlich basiertes, integratives Konzept. Es verbindet den Körper mit der Psyche, vermittelt Self Care und wird sowohl präventiv als auch therapeutisch eingesetzt. Durch multimodale Therapiekonzepte sollen Symptome reduziert, Ressourcen und Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Eine universitäre Weiterbildung erfolgt in der Schweiz nur an der Universität Zürich (1) und sichert zusammen mit dem Fachverband (2) die Qualität der Angebote.
Werden einzelne Interventionen verwendet, spricht man von Mind-Body-Verfahren (z.āB. Achtsamkeitsinterventionen, Yoga, Tai Chi, Qi Gong, geführte Imagination, Atemübungen und klinische Hypnose). Ziel der Anwendung der Verfahren ist es, Krebspatient/-innen durch Reduktion psychischer Belastungen, verbessertes Symptommanagement und gesteigerte LebensqualitƤt wƤhrend der gesamten Behandlung zu unterstützen. Trotz unterschiedlicher Formen beruhen die eingesetzten Techniken auf einem gemeinsamen Prinzip: Sie fƶrdern die bewusste Wahrnehmung innerer Erfahrungen ā emotional, kognitiv und kƶrperlich ā und ermƶglichen einen verƤnderten Umgang damit (3). Unter den Mind-Body-Verfahren sind achtsamkeitsbasierte Interventionen am bekanntesten. Sie basieren auf dem Konzept der Achtsamkeit ā hƤufig beschrieben als Ā«nicht wertende Wahrnehmung des gegenwƤrtigen MomentsĀ» ā und werden meist in strukturierten Gruppenformaten angeboten, insbesondere im Rahmen des Programms Ā«Mindfulness-Based Stress ReductionĀ» (MBSR) (4). MBSR-Angebote in der Schweiz findet man über den Fachverband (5). In einigen Kerndisziplinen der Integrativen Onkologie (siehe Kapitel Anthroposophisch erweiterte Medizin, Integrative Pflege und TCM in diesem Artikel) werden auch Mind-Body-Verfahren eingesetzt.
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen
In der Mind Body Medicine steht das konzeptionelle Vorgehen im Vordergrund. Mind Body Medicine versteht den Menschen als Ganzes, bezieht seine Lebenswelt ein, orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen der Patient/
-innen und integriert Achtsamkeit als zentrales Element in die therapeutischen Ansätze (2). Konzepte und Methoden aus der Gesundheitspsychologie inkl. Motivation für Verhaltensänderungen (HAPA-Modell [6]) spielen eine wichtige Rolle, und die Mind-Body-Verfahren werden individualisiert.
Diagnostik und das Vorgehen der einzelnen Mind-Body-Verfahren unterscheiden sich stark und hƤngen auch von deren Einbettung in komplementƤrmedizinische Therapiesysteme ab (z.āB. Tai Chi als Teil der TCM oder Heileurythmie als Teil der Anthroposophisch erweiterten Medizin). Mind-Body-Verfahren sind in der Regel nicht medikamentƶs und nicht invasiv und damit zumeist risikoarm. Bei bekannter schwerer Depression oder Angststƶrungen ist eine Ƥrztlich-psychiatrische Verordnung und Begleitung notwendig (30).
Onkologie-spezifische Angebote
Es gibt spezielle für Krebspatient/-innen entwickelte Angebote (siehe www.integrative-oncology.ch). Zum Beispiel sind «Mindfulness-Based Cancer Recovery» (MBCR) und «Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Cancer» (MBCT-Ca) Onkologie-spezifische Weiterentwicklungen der MBSR (7, 8). MBCR integriert Achtsamkeitspraktiken mit psychoedukativen Inhalten (7), und MBCT-Ca basiert auf dem ursprünglichen MBCT-Protokoll (Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie) und kombiniert Achtsamkeit mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Strategien (8). Beide Programme werden, ebenso wie die MBSR, über acht Wochen mit wöchentlichen Gruppensitzungen sowie einem ganztägigen Retreat angeboten.
Evidenzlage zu Mind-Body-Verfahren in der Onkologie
Mind-Body-Verfahren gehƶren zu den hƤufigsten Empfehlungen in Leitlinien (siehe Artikel Edukation). Für achtsamkeitsbasierte Interventionen zeigen Studien und Metaanalysen eine EffektivitƤt bei der Reduktion von Angst, Depression und Stress ā hƤufige Belastungen bei Menschen mit Krebs. Auch bei der Verbesserung von Schmerzen, Fatigue, SchlafqualitƤt und der allgemeinen LebensqualitƤt zeigten sich kleine bis grosse EffektstƤrken (9, 10). In der MINDSET-Studie war z.āB. die MBCR der supportiv-expressiven Therapie deutlich überlegen sowohl in der Stressreduktion als auch in der Fƶrderung sozialer Unterstützung ā mit anhaltenden Effekten nach einem Jahr (11). Eine weitere randomisierte Studie zeigte, dass sowohl die PrƤsenz- als auch die Onlineversion von MBCT psychische Belastungen wirksamer reduzierten als die übliche Versorgung ā insbesondere hinsichtlich Rückfallangst, Achtsamkeit und mentaler LebensqualitƤt (12). Die MATCH-Studie verglich Achtsamkeitsmeditation und Tai Chi, wobei auch die PrƤferenzen der Teilnehmenden berücksichtigt wurden, was zwar die Teilnahmebereitschaft und Zufriedenheit erhƶhte, aber keinen Einfluss auf die Wirksamkeit hatte (13). Ćber die reine Symptomreduktion hinaus fƶrdern achtsamkeitsbasierte Interventionen eine nachhaltige psychologische Anpassung, indem sie die emotionale Regulation, Resilienz und FƤhigkeit zur BewƤltigung existenzieller Belastungen ā wie Angst vor RückfƤllen oder Unsicherheit ā mit grƶsserer Klarheit und Akzeptanz stƤrken (12, 14, 15). Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen auch biologische Prozesse beeinflussen kƶnnen, die mit Stress und zellulƤrer Alterung in Verbindung stehen (VerƤnderungen in Bezug auf den Tagesrhythmus des Cortisols [6, 17], die HerzratenvariabilitƤt [18], Entzündungsmarker [19ā21] und die TelomerlƤnge [22] nach regelmƤssiger Achtsamkeitspraxis [23ā26]).
Implementierung und QualitƤtskriterien
Die Formate der Angebote variieren von Einzelkonsultationen bis hin zu Gruppenangeboten, wobei sie zumeist von Ćrztinnen, Psychologinnen und Personal der Gesundheitsberufe angeboten werden. Mit der digitalen Transformation der Medizin werden Angebote zunehmend flexibel und skalierbar ā was den Zugang für Patient/-innen mit MobilitƤtseinschrƤnkungen, Fatigue oder geografischer Isolation erleichtert. Die kürzlich verƶffentlichte randomisierte CanRelax-Studie (27) zeigte beispielsweise, dass eine App mit Achtsamkeits- und Entspannungsübungen, unterstützt durch einen Chatbot, psychische Belastung reduzieren kann.
Die einzelnen Mind-Body-Verfahren unterscheiden sich in der QualitƤtssicherung und den Ausbildungsstandards und werden durch spezialisierte FachverbƤnde (z.āB. MBSR-Verband Schweiz [5]) geregelt. Der Schweizer Fachverband für die Mind Body Medicine hat auch GrundsƤtze zur QualitƤtssicherung formuliert (2) . Mind Body Medicine soll ausschliesslich von qualifizierten Fachpersonen (Medizin, Psychologie Gesundheitsberufe) mit Zusatzqualifikation in Mind Body Medicine in einem adƤquaten Setting angeboten werden. Das Angebot ist zudem methodisch nachvollziehbar, transparent und frei von ideologischen PrƤgungen zu gestalten und soll sich kontinuierlich weiterentwickeln, basierend auf wissenschaftlicher Evidenz und praktischen Erfahrungen.
Fazit
Mind Body Medicine und Mind-Body-Verfahren lassen sich gut mit der Tumortherapie kombinieren und ermƶglichen eine aktive Teilnahme von Patient/-innen im Therapieprozess. Eine hochwertige Implementierung erfordert institutionelle Unterstützung (28, 29) und ausreichend Ressourcen. Die Angebote müssen die vielfƤltigen Bedürfnisse der Patient/-innen ā einschliesslich schwer erkrankter Personen ā berücksichtigen und kulturell, sprachlich sowie sozioƶkonomisch sensibel gestaltet sein. Die Integration dieser Interventionen in bestehende onkologische Versorgungspfade und die Fƶrderung der interprofessionellen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen stƤrken eine nachhaltige Implementierung.
Literatur
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Phytotherapie in der Integrativen ĀOnkologie
Autorinnen
Dr. med. Natalie Kalbermatten
Dr. med. Tilly Nothhelfer
Einleitung und Definition
Phytotherapie ā die medizinische Anwendung pflanzlicher Arzneimittel ā gehƶrt zu den Ƥltesten Heilverfahren der Menschheitsgeschichte (1, 2). Sie ist seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil verschiedener traditioneller Medizinsysteme. Viele ihrer historischen Anwendungen konnten im Verlauf durch moderne pharmakologische Forschung bestƤtigt oder zumindest plausibilisiert werden (3ā6). Phytotherapie besitzt im mitteleuropƤischen Raum eine lange kulturelle Tradition und ist insbesondere in der Volksmedizin fest verankert (7). In der Schweiz ist sie insbesondere im deutschsprachigen Teil beliebt und wird breit genutzt (8).
Pflanzliche Arzneimittel liegen in vielfƤltigen Darreichungsformen vor ā von Tees und Tinkturen über standardisierte Extrakte bis zu Zubereitungen für die Ƥussere Anwendung. Ihre Herstellung erfolgt mittels definierter Extraktionsverfahren (ethanolisch, wƤssrig, COā), wodurch Zusammensetzung und Dosierung nachvollziehbar werden. Entscheidend ist die Abgrenzung von zugelassenen pflanzlichen Arzneimitteln zu nicht geprüften NahrungsergƤnzungsmitteln (NEM), die keiner Zulassungspflicht unterliegen und teils erhebliche QualitƤtsunterschiede aufweisen; insbesondere im onkologischen Kontext wird von nicht geprüften NEM abgeraten (9, 10).
Pflanzliche Arzneimittel unterscheiden sich grundlegend von konventionellen MonosubstanzprƤparaten: Sie stellen komplexe Vielstoffgemische dar, deren therapeutische Wirksamkeit hƤufig auf synergistischen oder modulierenden Effekten mehrerer Inhaltsstoffe beruht. Im Gegensatz dazu gelten isolierte Einzelsubstanzen pflanzlichen Ursprungs, wie beispielsweise Cannabidiol (CBD) oder Curcumin, nicht als pflanzliche Arzneimittel im eigentlichen Sinn. Ein Beispiel für den beschriebenen synergistischen Effekt ist Johanniskraut (Hypericum perforatum), dessen antidepressive Wirkung nur im Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe reproduzierbar ist (11, 12). Ein weiteres Charakteristikum pflanzlicher Vielstoffgemische ist ihre sogenannte Pleiotropie: Viele phytotherapeutische Arzneimittel entfalten gleichzeitig mehrere Wirkungen. Ein Beispiel hierfür ist Ingwer (Zingiber officinale), welcher, vermutlich über eine Modulation serotonerger (5HT3) und weiterer Rezeptorsysteme im Gastrointestinaltrakt und Zentralnervensystem, antiemetisch wirksam ist (13ā15) ā für Chemotherapie-induzierte Ćbelkeit und Erbrechen (CINV) ist die Evidenzlage allerdings heterogen (16) ā und darüber hinaus analgetische, antiinflammatorische und antioxidative Eigenschaften besitzt (17).
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen
Eine Orientierungshilfe für die klinische Anwendung pflanzlicher Arzneimittel bieten die Monografien internationaler Fachgremien wie der EuropƤischen Arzneimittelagentur (Committee on Herbal Medicinal Products, EMA-HMPC), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der European Scientific Cooperative on PhytotheĀrapy (ESCOP). Diese Monografien unterscheiden zwischen Ā«well-established useĀ» (wissenschaftlich belegte Wirksamkeit auf Grundlage klinischer Studien) und Ā«traditional useĀ» (langjƤhrige medizinische Nutzung mit PlausibilitƤt durch pharmakologische Daten und Erfahrung) (18). Diese Unterscheidung verdeutlicht die Spannbreite zwischen studiengestützter Anwendung und systematisch dokumentiertem Erfahrungswissen.
Evidenz der Phytotherapie und typische ĀIndikationen in der Onkologie
Viele Patient/-innen mit Krebserkrankungen interessieren sich für pflanzliche Arzneimittel als ErgƤnzung zu ihrer konventionellen Therapie (19). Orientierung kƶnnte hier für behandelnde Ćrzt/-innen die S3-Leitlinie Ā«KomplementƤrmedizin in der Behandlung von onkologischen Patient/-innenĀ» bieten (20). Sie fokussiert jedoch ausschliesslich auf randomisierte kontrollierte Studien in onkologischen Populationen. Das schafft zwar eine hohe methodische QualitƤt, grenzt die Anwendbarkeit aber erheblich ein: PrƤparate mit guter Evidenz in nicht onkologischen Populationen ā etwa orales Lavendelƶl bei Angststƶrungen (21) ā werden nicht berücksichtigt. Entsprechend enthƤlt die Leitlinie nur wenige Ā«KannĀ»-Empfehlungen, etwa für Mistel (Viscum album) zur Verbesserung der LebensqualitƤt, Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) bei klimakterischen Beschwerden unter antihormoneller Therapie, Indischen Weihrauch (Boswellia serrata) beim tumorassoziierten Hirnƶdem, Ginseng (Panax ginseng bzw. quinquefolius) bei Fatigue oder Cannabinoide bei Schmerzen und CINV. Die limitierte Evidenzlage ist im Wesentlichen methodisch bedingt: Die komplexe Zusammensetzung pflanzlicher PrƤparate mit variablen Inhaltsstoffgehalten erschwert eine Standardisierung, verlƤssliche Daten zu Dosierung und pharmakokinetischen Parametern fehlen hƤufig, gerade auch in besonderen Patientenkollektiven. Zudem ist eine adƤquate Placebokontrolle aufgrund charakteristischer sensorischer Eigenschaften vieler PrƤparate nur eingeschrƤnkt mƶglich (22). Um den tatsƤchlichen Nutzen pflanzlicher Arzneimittel im klinischen Alltag besser abzubilden, fordern Fachgesellschaften zunehmend eine ErgƤnzung durch hochwertige Real-World-Daten (23, 24).
QualitƤtskriterien für Phytotherapie in der ĀOnkologie
Zugelassene pflanzliche Arzneimittel weisen in der Allgemeinbevölkerung in der Regel ein günstiges Sicherheitsprofil auf (25). Bei onkologischen Patient/-innen können jedoch besondere Bedingungen wie eingeschränkte Organfunktionen oder parallele medikamentöse Therapien das Risiko verändern (26, 32).
Vor dem Einsatz von Phytotherapeutika im onkologischen Kontext ist ā wie bei anderen Arzneimitteln ā eine sorgfƤltige Prüfung mƶglicher Interaktionen erforderlich. Hierfür stehen verschiedene spezialisierte Datenbanken zur Verfügung, etwa Ā«About Herbs, Botanicals & Other ProductsĀ» des Memorial Sloan Kettering Cancer Center (https://www.mskcc.org/cancer-care/diagnosis-treatment/symptom-management/integrative-medicine/herbs). Die dort aufgeführten Interaktionsrisiken beruhen jedoch hƤufig auf In-vitro-Daten und sind daher nur begrenzt auf die klinische Situation übertragbar. So sind viele Pflanzeninhaltsstoffe schlecht resorbierbar oder werden rasch metabolisiert (27), sodass angenommen wird, dass sie zumindest teilweise lokal im Gastrointestinaltrakt oder über das intestinale Mikrobiom wirksam sein kƶnnten (28). Um das Interaktionsrisiko weder zu über- noch zu unterschƤtzen, ist neben der Datenbankrecherche pharmakologisches sowie fundiertes phytotherapeutisches Fachwissen erforderlich. Neben den vorher genannten pharmakokinetischen sind auch pharmakodynamische Interaktionen zu berücksichtigen. Ein wichtiges Beispiel hierfür sind Phytoƶstrogene, die eine schwache AffinitƤt zu Ćstrogenrezeptoren aufweisen. Hauptquellen sind Soja (Glycine max) und Rotklee (Trifolium pratense). WƤhrend niedrig dosierte Nahrungsquellen wie traditionelle Sojaprodukte als unproblematisch gelten, sollten hoch dosierte Isoflavon-Extrakte bei Hormonrezeptor-positivem Mammakarzinom vermieden werden (20, 29).
Fazit
Phytotherapie gewinnt im Kontext von Ā«One HealthĀ» und Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung. In einigen Indikationen ā etwa unkomplizierte Harnwegsinfekte ā empfehlen nationale Leitlinien bereits den bevorzugten Einsatz pflanzlicher Arzneimittel, um den Antibiotikaverbrauch zu reduzieren (30). In der Onkologie kann Phytotherapie ā studiengestützt oder sorgfƤltig begründet erfahrungsbasiert eingesetzt ā einen Beitrag zur Symptomkontrolle und LebensqualitƤt leisten. Neben pharmakologischen Effekten spielen auch kulturelle und sinnliche Aspekte eine Rolle: Zubereitungsrituale, der Duft einer Pflanze oder die Verbindung zu einer langen medizinischen Tradition kƶnnen das subjektive Erleben positiv beeinflussen. Diese Aspekte sollten jedoch nicht als Ā«blosser PlaceboeffektĀ» verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil einer patientenzentrierten, ganzheitlichen Therapie, die sowohl physiologische als auch psychosoziale Wirkmechanismen berücksichtigt (31).
Literatur
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Integrative Pflege
Autorin
Sara Kohler, MScN
Einleitung und Definition
Die Integrative Pflege (IP) basiert auf der Definition professioneller Pflege (1). Diese umfasst [Zitat] «die eigenverantwortliche Versorgung und Betreuung, allein oder in Kooperation mit anderen Berufsangehörigen, von Menschen aller Altersgruppen, in allen Lebenssituationen (Settings). Weitere Schlüsselaufgaben der Pflege sind Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse (Advocacy), Förderung einer sicheren Umgebung, Forschung, Mitwirkung in der Gestaltung der Gesundheitspolitik sowie im Management des Gesundheitswesens und in der Bildung» (1).
Sie versteht sich als Ergänzung oder Erweiterung der professionellen, «konventionellen» Pflege (KP) (2, 3).
Die Erweiterung ist anhand von sechs Prinzipien darstellbar (3):
1. Menschliche Wesen sind untrennbar mit ihrer Umgebung verbunden.
2. Der Mensch hat die angeborene FƤhigkeit zu Gesundheit und Wohlbefinden.
3. Die Natur hat heilende und stƤrkende Eigenschaften.
4. Integrative Pflege ist personenzentriert und beziehungsorientiert.
5. Integrative Pflege ist eine evidenzbasierte Praxis, die das gesamte Spektrum therapeutischer ModalitƤten nutzt ā von wenig bis stark intensiv/invasiv.
6. Sie konzentriert sich auf das Wohlbefinden der Pflegefachpersonen und der betreuten Personen.
Die IP umfasst ein koordiniertes professionelles Assessment des Kontextes, der Patient/-innen-Bedürfnisse (4) sowie den Einbezug der vorhandenen Evidenz (2). Sie beinhaltet zudem die Selbstfürsorge der Fachpersonen (3). IP verfolgt das Ziel, die Gesundheit der Patient/-innen zu stärken und deren Wohlbefinden sowie das ihrer Angehörigen zu fördern (3), und findet im interprofessionellen Team statt (2).
Die Salutogenese (5, 6) leitet das pflegerische Handeln ebenso wie das bio-psycho-sozial-spirituelle Modell und den Ansatz der Patientenzentrierung.
Integrative Pflegefachpersonen sind in der Lage, Patient/-innen bezüglich komplementärer Methoden zu beraten, Risiken zu erkennen und auf Basis eines integrativen Assessments (4) individualisierte Behandlungspläne zu erstellen. Je nach Hintergrund führen sie komplementäre Pflegeinterventionen (KPI) durch, die den Heilungsprozess unterstützen können. Die integrative Pflegefachperson bemüht sich aktiv um das eigene Wohlbefinden sowie das ihrer Kolleg/-innen und der behandelten Personen.
Die Curricula der KP enthalten heute, entgegen dem historischen PflegeverstƤndnis (7, 8), meist keine KPI mehr (9). Der ganzheitliche Pflegeansatz (z.āB. Ā«Anwendung von frischer Luft, Licht, WƤrme, Ruhe und ErnƤhrung, Fƶrderung der LebenskraftĀ») (10, 11) gerƤt immer mehr unter Druck. Dies kƶnnte bspw. ein Grund für 40ā% Berufsaussteiger/-innen (12) sein. Auch der von 50ā% der Onkologiepflegefachpersonen beklagte Zeitmangel für Zuwendung im Alltag (13) kƶnnte hierin begründet sein. Sinnhaftigkeit und die Mƶglichkeit, das Leben anderer positiv beeinflussen zu kƶnnen, sind PrƤdiktoren für den Verbleib im Beruf (14, 15). Auch die Integration ist von jeher Bestandteil der Pflege als Disziplin ā sie leitet das Denken, Handeln und die Beziehungen (3).
Um die Aus- und Weiterbildung der IP künftig zu stärken, wurden, basierend auf einem Forschungsprojekt, ein Kompetenzprofil sowie ein Handbuch für Lehrpersonen entwickelt (2). Zudem besteht ein breites Angebot an Fort- und Weiterbildungen im Bereich der komplementären Pflegeinterventionen.
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen
Die Diagnostik wird geleitet vom Pflegeprozess (16, 17). Ausgehend von der Anamnese und dem integrativen Assessment (4) wird im interprofessionellen Team (18) die gemeinsame Zielsetzung für die Patient/-innen geplant. Die Zielsetzungen bilden dann wiederum die Basis für den individuellen Interventionsplan, welcher um KPI (18) erweitert ist und dem Prinzip folgt, sich von am wenigsten invasiv zu invasiv vorzuarbeiten (3). Aufklärung, Beratung und Anleitung sind hierbei ebenso elementare Bestandteile (19, 20). Die gemeinsame Evaluation mit den Patient/-innen und die erneute Besprechung im interprofessionellen Team setzen den diagnostisch- therapeutischen Kreislauf fort. Es handelt sich hierbei um einen iterativen Prozess, der sich jeweils an der aktuellen Situation der Patient/-innen orientiert (16).
KomplementƤre Pflegeinterventionen
KPI verfolgen typischerweise das Ziel, Symptome oder Nebenwirkungen der Antitumortherapie vorzubeugen oder zu lindern (21, 22). Es gibt einfache KPI, welche alle IP nach kurzer Einführung anwenden kƶnnen (z.āB. Salbenauflagen), und komplexere KPI, welche eine gezielte Fort- oder Weiterbildung benƶtigen (z.āB. rhythmische Einreibungen oder Aromatherapie) (3). Die Auswahl der Interventionen basiert immer auf der vorhandenen Evidenz, der Expertise der IP sowie der individuellen Patient/-innen-Situation. Die KPI sollten zudem immer im Kontext der interprofessionellen Interventionsplanung gewƤhlt werden.
Beispielhaft wird in Tab.ā1 dargestellt, welcher integrative Pflegeansatz bei der Behandlung einer Schlafstƶrung Einsatz finden kann. In dieser Darstellung wird zudem deutlich, dass nicht zwingend alle Massnahmen durch die Pflegefachperson durchgeführt werden müssen, sondern allenfalls eine Anleitung (unter Einbezug vorhandener Angebote, bspw. der Krebsliga) oder auch eine Beratung stattfinden kann. Zudem werden immer auch andere Symptome berücksichtigt, welche allenfalls Einfluss auf den Schlaf zeigen kƶnnen (z.āB. Schmerz oder Hitzewallungen).

Kontraindikationen
KomplementƤre Pflegeinterventionen sind meist nebenwirkungsarm (18), sollten jedoch trotzdem immer unter Berücksichtigung verschiedener Kontraindikationen wie relevanten HautverƤnderungen, Allergien auf EinzelsubĀstanzen oder klinisch instabilen Situationen wie Fieber betrachtet werden. Auch Abneigungen gegen Gerüche oder Sturzgefahr (z.āB. nach Ćleinreibungen an den Füssen) kƶnnen Aspekte sein, welche in die Entscheidungsfindung einbezogen werden sollten.
Evidenz der Integrativen Pflege
Für die Forschungsfrage der potenziellen Wirksamkeit der IP als Konzept gibt es keine spezifischen Studien. Es werden zunehmend einzelne Interventionen untersucht (30ā35) und Konsensusprozesse (36) etabliert. Die methodische QualitƤt dieser Studien schwankt jedoch sehr und erlaubt zum aktuellen Zeitpunkt für viele Interventionen lediglich Aussagen bezüglich eines positiven Potenzials. Im Bereich der IP sollte es daher künftig ein Ziel sein, die Interventionen vermehrt auch im Setting multimodaler Therapien oder komplexer Pflegeinterventionen (37) zu untersuchen.
Implikationen für das Schweizer Setting
Ćbertragen auf den Schweizer Kontext bedeutet dies, dass integrative Pflegefachpersonen in der Onkologie gemeinsam im multiprofessionellen Team für die Patient/-innen einen echten Mehrwert leisten kƶnnen.
In verschiedenen SNIO-Zentren (www.integrative-oncology.ch) bestehen oder entwickeln sich Angebote der IP, gefƶrdert durch Weiterbildungen und Integration von KPI in die RoutineablƤufe der onkologischen Tageskliniken und Abteilungen.
Fazit
Das Konzept der IP bietet eine Chance, sowohl den Bedürfnissen der Patient/-innen als auch den Herausforderungen des Fachkräftemangels zu begegnen. Die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Integrativen Onkologie bieten eine einmalige Chance, auch die IP zu entwickeln und damit einen Beitrag für den Erhalt und die Erweiterung professioneller Pflege zu leisten. «Das kollektive Bestreben und die Passion der Pflegefachpersonen im integrativen Setting ist, dass Integrative Pflege künftig Pflege sein wird» (3).
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Akupunktur und Traditionelle ĀChinesische Medizin (TCM)
Autorinnen
Dr. med. Isabell Ge
Dr. med. Nurgül Usluoglu
Definition
Das Huang Di Nei Jing (Innerer Klassiker des Gelben Fürsten) ist das grundlegende Werk der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird um 200 v. Chr datiert. Die TCM besteht aus fünf Säulen, welche neben der Akupunktur, Arzneimitteln (Kräutern), Ernährung auch Tuina (Massage) und Gesundheitsübungen in Form von Qi Gong/Tai Chi umfassen.
Diagnostik
Yin und Yang bilden zusammen mit dem Qi das grundlegende Konzept. Yin und Yang stehen für Gegensätze, aber gleichzeitig auch für Ergänzungen. Krankheitssymptome gelten als Ausdruck eines Yin/Yang-Ungleichgewichts oder gestörten Qi-Flusses. Neben Anamnese, Inspektion und Palpation ähnlich der westlichen Medizin sind insbesondere Zungen- und Pulsdiagnostik charakteristisch für die TCM. Die Zunge wird nach Form, Farbe, Belag, Feuchtigkeit sowie Besonderheiten wie Rissen beurteilt, welche Rückschlüsse über die gestörten Funktionskreise und den Schweregrad der Erkrankung geben (1). Der Puls wird mit drei Fingern an beiden Handgelenken ertastet und nach Frequenz, Rhythmus, Volumen und Form beurteilt, wobei jede Tastposition einem bestimmten Funktionskreis zugeordnet ist (2).
Therapeutisches Vorgehen und RisikoĀabschƤtzung
Alle therapeutischen Interventionen zielen auf die Harmonisierung des Qi-Flusses und der Yin/Yang-Dynamik ab: Bewegen von Qi-Stagnationen, Lösen von Qi-Blockaden, Auffüllen bei Qi-Mangel, Zerstreuen bei pathologischen Qi-Ansammlungen. Dies geschieht durch Stimulation von Akupunkturpunkten und Leitbahnen (Akupunktur, Tuina, Qi Gong/Tai Chi) und durch Qi-beeinflussende Arznei- und Nahrungsmittel.
⢠Akupunktur: 12 Hauptleitbahnen (6 Yin-Meridiane,
6 Yang-Meridiane) verbinden Gewebe und Strukturen des Kƶrpers wie ein komplexes Netzwerk zu einer integrierten Ganzheit. 360 klassische Akupunkturpunkte liegen auf diesen Meridianen und besitzen neben der lokoregionalen Wirkung eine Fernwirkung auf zugehƶriges Organ, Gewebe, zugehƶrige Emotion. ZusƤtzlich gibt es viele sogenannte Extrapunkte. Durch Setzen von Metallnadeln an definierten Akupunkturpunkten sollen Funktionskreise angeregt und die kƶrpereigene Regulation wiederhergestellt werden. Kontraindikationen sind u.āa. schwere Thrombozytopenie, schwere Immunsuppression, eine aktive Infektion oder Fieberzustand (3) (Abb.ā1).
⢠In der KrƤutertherapie werden Rezepturen gemƤss Krankheitsmustern, individuellen Symptomen und der Konstitution der Patient/-innen zusammengestellt. Der breite Anwendungsbereich reicht vom einfachen Infekt bis hin zu Schmerzen, menopausalen Beschwerden, Schlafstƶrungen, Fatigue usw. Mƶgliche theoretische Interaktionen (v.āa. Lebermetabolismus-CYP-System, Phytoƶstrogene) müssen beachtet werden (4). Jedoch gibt es kaum Daten zur klinischen Relevanz dieser Interaktionen. Entscheidend in der Praxis sind eine offene Kommunikation und der fachliche Austausch (5).
⢠Nahrungsmittel in der TCM werden nach Temperaturverhalten, Geschmack und Wirkung auf die Funktionskreise eingesetzt, um Yin/Yang auszugleichen und Qi zu stärken. Risiken bestehen in restriktiven Diäten oder unkritischer Selbstmedikation, daher sollten Empfehlungen individuell und interdisziplinär abgestimmt werden.
⢠Qi Gong und Tai Chi sind Bewegungstherapien, die fliessende Körperbewegungen mit Atmung und Achtsamkeit verbinden. Sie zielen darauf ab, den Qi-Fluss zu fördern, Stress zu reduzieren und Wohlbefinden zu vermitteln. Vor allem Qi Gong ist auch für geschwächte oder untrainierte Patient/-innen geeignet. Bei jeder Bewegungstherapie müssen instabile Knochenmetastasen oder Blutungsrisiken bei Sturz mit schwerer Thrombozytopenie beachtet werden.

Evidenz
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Evidenz vor allem zu Akupunktur und Qi Gong/Tai Chi deutlich zugenommen.
Neurophysiologische Untersuchungen zeigen, dass Akupunktur v.āa. über neuronale Reize lokale und systemische Effekte im Kƶrper auslƶsen kƶnnen (6). Lokale Effekte sind Fƶrderung der Durchblutung und Wundheilung (Schmerzen, Dysgeusie) (7, 8). Zentral und systemisch kann es zur Freisetzung von Endorphinen, Serotonin und anderen Neurotransmittern kommen (DepressivitƤt, Schmerzen, LebensqualitƤt) (9, 10), zur Regulation des Sympathikus-Parasympathikus-Systems (Schlaf, menopausale Beschwerden) (11) sowie zur VerƤnderung der Schmerzverarbeitung und -perzeption (12, 13).
Qi Gong/Tai Chi sprechen durch kombinierte Kƶrperarbeit mit Achtsamkeit mehrere Ebenen (kƶrperlich, geistig, emotional) an. Der Wirkmechanismus beruht einerseits auf dem Training von Kraft, Koordination und Kognition, andererseits auf einer verƤnderten ReaktivitƤt in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse sowie auf der Modulation des autonomen Nervensystems zugunsten einer parasympathischen Dominanz (14). Aufgrund der mehrschichtigen Wirkung kƶnnen beide Therapieformen auch als Teil der Mind Body Medicine angesehen werden (15).
Im klinischen Kontext zeigen eine Reihe von randomisierten kontrollierten Studien, systematische Reviews sowie Metaanalysen positive Effekte. Zusammengefasst in den Leitlinien zu Integrativer Onkologie (z.āB. S3-Leitlinie oder ASCO-/SIO-Practice-Guidelines) werden insbesondere folgende Bereiche hervorgehoben (16ā19):
⢠Schmerzen: Akupunktur zeigt signifikante Verbesserungen bei tumor- oder therapiebedingten Schmerzen (16, 17).
⢠Chemotherapie-induzierte Ćbelkeit und Erbrechen: v.āa. durch die Akupunktur oder Akupressur des Punktes Perikard 6 (16, 18)
⢠Fatigue: Qi Gong/Tai Chi, (Selbst-)Akupressur und Akupunktur haben einen moderaten Effekt auf tumorbeĀdingte Fatigue wƤhrend und nach abgeschlossener Therapie (16, 19).
⢠Schlafstörungen: Qi Gong/Tai Chi sollte bei Ein- und Durchschlafstörungen bei onkologischen Patient/-innen während und nach abgeschlossener Therapie zum Einsatz kommen. (Selbst-)Akupressur und Akupunktur können ebenfalls angewandt werden (16, 20).
⢠Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie und kognitive Beeinträchtigung: In beiden Fällen kann Akupunktur die Beschwerden lindern (16, 17).
⢠Menopausale Symptome: Akupunktur kann eine SympĀtomlinderung erzielen, Ƥhnlich der Wirkung von Gabapentin/Venlafaxin, bei gleichzeitig deutlich geringeren Nebenwirkungen. Da Akupunktur keinen Einfluss auf die Sekretion der Geschlechtshormone hat, kann sie auch bei hormonsensitiven Krebsarten zum Einsatz kommen (16).
QualitƤtskriterien
Folgende Kriterien sollten erfüllt sein für die Anwendung von Akupunktur und TCM in der Schweiz:
⢠Zertifizierte Weiterbildung: siehe Artikel Edukation
⢠Interdisziplinäre Abstimmung: Als Teil der Integrativen Onkologie sollte die Anwendung interdisziplinär mit den behandelnden onkologischen Fachpersonen abgesprochen sein (Indikation, Risiken [siehe oben], Ergebniserwartung).
⢠Kontinuierliche berufliche Weiterentwicklung und Evaluation (Qualitätszirkel), Teilnahme an Forschungsprojekten
Fazit
TCM als ganzheitliches Medizinsystem bietet vor allem durch die nicht pharmakologischen Interventionen wie Akupunktur, Akupressur, Qi Gong/Tai Chi wirksame, nebenwirkungsarme Optionen zur Unterstützung onkologischer Patient/-innen und kann substanziell zur patientenzentrierten, evidenzbasierten Ergänzung konventioneller Krebstherapien beitragen.
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Natalie Kalbermattenā1, Chantal Bernaā2, Natacha Bordryā2, Marie-Estelle Gaignardā3, Isabell Geā4, Sara Kohlerā5, Tilly Nothhelferā6, Florian Strasserā7, 8, Nurgül Usluogluā9, Claudia M. Wittā10, Ursula Wolfā11
1 Onkologie/Hämatologie, Kantonsspital Münsterlingen, Schweiz
2 Centre de mƩdecine intƩgrative et complƩmentaire, CHUV, Lausanne, Schweiz
3 Department of Oncology, Swiss Cancer Center Leman, Geneva University Hospitals, Schweiz
4 Frauenklinik und Brustklinik, UniversitƤtsspital Basel, Schweiz
5 Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Institut für Pflege, Winterthur, Schweiz
6 Klinik für Onkologie und Hämatologie, Kantonsspital Baden, Schweiz
7 Zentrum Integrative Medizin, Hoch Health Ostschweiz, Kantonsspital St. Gallen, Schweiz
8 Cancer Fatigue Clinic (Münsterlingen, Sargans, Schaffhausen), Schweiz
9 Onkologie und HƤmatologie, Spital Thun, Schweiz
10 Lehrstuhl Komplementär- und Integrative Medizin, Universität Zürich, Schweiz
11 Institut für Komplementäre und Integrative Medizin, Universität Bern, Schweiz