Evidenz, Forschungsmethodik und QualitƤtskriterien in der Integrativen Onkologie: Grundlagen, Konsens und Perspektiven

Einleitung

Die Integrative Onkologie (IO) steht an der Schnittstelle zwischen konventioneller Krebsmedizin und komplementären Verfahren. Mit dem wachsenden Interesse an ganzheitlichen Behandlungsansätzen stellen sich jedoch grundlegende Fragen: Was gilt in diesem Feld als «Evidenz»? Welche methodischen Standards sind angemessen und praktikabel? Und wie lässt sich die Qualität integrativer Behandlungsangebote bewerten und sichern?

Der vorliegende Artikel beleuchtet zentrale Grundlagen der IO aus methodischer und wissenschaftstheoretischer Perspektive mit dem Ziel, zu einer fundierten, konsensorientierten und zukunftsfƤhigen Positionierung der IO im Spannungsfeld von Wissenschaft, klinischer Praxis und PatientenrealitƤt beizutragen.

Der Evidenzbegriff in der Integrativen Onkologie

Der Begriff «Evidenz» kann (lt. Duden) verstanden werden als «unmittelbare und vollständige Einsichtigkeit, Deutlichkeit, Gewissheit» sowie im Medizingebrauch als den «empirisch erbrachten Nachweis der Wirksamkeit eines Präparats / einer Therapieform etc.» (1). Die philosophischen Ursprünge der Evidenz liegen im 19. Jahrhundert. Der Begriff evidenzbasierte Medizin (EBM) wurde durch David Sackett et al. in den 1990er-Jahren geprägt und definiert als «gewissenhafter, ausdrücklicher und vernünftiger Gebrauch der gegenwärtig besten wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der Versorgung individueller Patient/-innen». Dabei liegt die Betonung auf der Integration von «individueller klinischer Expertise (inklusive der Identifikation und Verwendung der Werte des individuellen Patienten in dessen Situation) mit der «besten verfügbaren Evidenz von systematischer Forschung» (2). Auf dieser Basis wird manchmal der Begriff «Drei zentrale Säulen der EBM» verwendet (Evidenz, klinische Expertise, Individualität Patient/-in). Dabei sind nicht unabhängige Säulen gemeint, sondern die Kombination im Sinn eines Dreibeins.
Die erste SƤule der EBM benennt den aktuellen Stand der besten wissenschaftlichen Forschung oder die sog. externe Evidenz. Sackett gliederte diese hierarchisch in fünf Level (LoE) in AbhƤngigkeit von der mƶglichen Bias (Verzerrung). Diese Gliederung (3) dient noch heute als Grundlage für viele Leitlinien (z. B. ESMO [4], S3-Guidelines Onkologie [5]).

Level 1: Grosse randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit eindeutigen Ergebnissen
Level 2: Kleine RCTs mit nicht eindeutigen Ergebnissen
Level 3: Kohorten- oder Fall-Kontroll-Studien
Level 4: Historische Kohorten oder Fall-Kontroll-Studien
Level 5: Fallserien, Studien ohne Kontrollen
Der Entwicklungsprozess von Guidelines wurde vom LoE erweitert mit Checklisten zur systematischen Evaluation (AGREE [6]), Beschreibung der Intervention (TIDieR [7]) und Empfehlungen (GoR: Grades of Recommendation, GRADE [8]). Onkologische Guidelines der Supportive Care kƶnnen starke Empfehlungen (GoR A/B) bei tiefer Evidenz (LOE IV/V) enthalten (9, 10, 11).

Es kursieren noch immer Annahmen, dass komplementäre Massnahmen nicht wissenschaftlich überprüft seien. Dementgegen stehen gross angelegte RCTs und Metaanalysen (siehe Artikel Kerndisziplinen) sowie Leitlinien, welche die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und in Empfehlungen übersetzen (12, 13, 14, 15, 16, 17). In der deutschsprachigen S3-Leitlinie «Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patient/-innen» beispielsweise entspricht der Grossteil der Empfehlungen einem hohen Evidenzgrad (I oder II) (18).

Dennoch bringt das Konzept spezifische Herausforderungen mit sich. RCTs stellen den Goldstandard (19) der Evidenzgenerierung aufgrund der geringsten AnfƤlligkeit für Bias dar, allerdings auch mit Fehlentwicklungen (20, 21, 22, 23, 24, 25) inkl. Publication Bias (26, 27), Spin/Reporting Bias (28, 29) und Citation Bias (30), oft assoziiert mit Industriebeeinflussung (31, 32). RCTs sind vor allem geeignet bei standardisierbaren Interventionen (33, 34) wie der Wirksamkeitsprüfung eines Medikamentes. Bei komplexen multimodalen und/oder individualisierten Interventionen wie der IO oder z. B. der hochspezialisierten Medizin (35, 36, 37) stellen RCTs nur begrenzt die ideale Forschungsmethodik dar. Durch das Streben nach Ā«perfektenĀ» Studienszenarien wird oft die reale Population, die eventuell krƤnker und komplexer ist, nicht adƤquat abgebildet (Selection Bias [38, 39]; Referral Bias [40]), was die Aussagekraft der RCTs für die klinische Praxis limitiert (41). Das Expertenwissen ist (auch) in der Onkologie für die klinische Praxis und Guidelines wichtiger als RCTs (davon nur 7 % mit Placebokontrolle [42]): 94 % der Guideline-Empfehlungen basieren nicht auf RCTs (43), sondern auf Erfahrung (44) (mit Forderung nach robuster Begründung [45]), strukturierten QualitƤtsbeurteilungen für Onkologika (46, 47), Kohortenstudien (48, 49) und zunehmend Real-World-Daten (50, 51, 52). Erschwerend für die Generierung externer Evidenz kommt hinzu, dass die Forschungsfinanzierung zu komplementƤren Verfahren oft geringer ausfƤllt als für konventionelle Verfahren oder pharmakologische Studien (53), da die Verfahren selten patentierbar oder kommerziell weniger attraktiv sind.

Die zweite SƤule der EBM stellt die individuelle klinische Expertise dar. Die Mindestvoraussetzung sollte eine solide klinische Aus- und Weiterbildung sowie kontinuierliche Fortbildung und Erfahrungsgewinn darstellen (www.union-comed.ch). Neben den konventionellen medizinischen Fachrichtungen wie Ā«OnkologieĀ» gibt es SIWF-akkreditierte FƤhigkeitsausweise für die Kerndisziplinen (siehe Artikel Kerndisziplinen und Artikel Edukation). Eine doppelte Zertifizierung (z. B. onkologisches Fachgebiet sowie komplementƤrmedizinischer FƤhigkeitsausweis) ermƶglicht nicht nur die adƤquate AbwƤgung der passenden Therapieform (sowohl konventionell als auch komplementƤr) für die aktuelle Patientensituation, sondern stellt auch den QualitƤtsstandard für die Anwendung der Therapie sicher (1). Zertifizierungslabels wie Ā«Integrative KlinikĀ» (www.integrative-kliniken.ch) helfen dabei, ganze Institute und Abteilungen mit entsprechenden Qualifikationen hervorzuheben. Für nicht Ƥrztliches Gesundheitsfachpersonal gibt es Register (Erfahrungs-Medizinische Register [www.emr.ch], ASCA [www.asca.ch]).

Insgesamt ist die Bandbreite an Anbietern auf dem Feld der Komplementär- oder gar Alternativmedizin gross. Sie reicht von der oben genannten Doppelzertifizierung von Fachärzt/-innen bis hin zu Personen ohne jeglichen medizinischen Hintergrund (54). Hinzu kommt, dass durch Digitalisierung und Social Media die unkontrollierte Verbreitung von ungeprüften Inhalten und der Vertrieb für teils teure Produkte (siehe Artikel Integrative Palliative Care: «financial toxicity») ohne Wirksamkeits- und/oder Sicherheitsnachweis erleichtert werden (55). Es ist daher nicht immer einfach für Patient/-innen, Angehörige und gar medizinische Fachpersonen, in diesem Dschungel an Angeboten und Informationen die «Spreu vom Weizen» zu trennen. Der Abschnitt «Qualitätskriterien» beleuchtet diesen Aspekt.

Die dritte Säule der EBM stellt die Wünsche und Werte der Patient/-innen dar. Die Patientenpräferenz kann im Entscheidungsprozess systematisch einbezogen werden (56) und hat einen relevanten Einfluss auf das Behandlungsergebnis (57). In der IO spielt Patientenzentrierung eine tragende Rolle. Die Empfehlungen und Angebote sollten unter Einbezug der Bedürfnisse und Erfahrungen der Patient/-innen in die Beurteilung der klinisch verantwortlichen Fachperson mit Kenntnis der Evidenzgrundlagen (2) individuell angepasst sein. Um den Spagat zwischen Studiendaten/Leitlinienempfehlungen, eigenen klinischen Erfahrungswerten und Patientenpräferenz zu bewältigen, erfordert es neben entsprechenden Sachkenntnissen professionelles Einfühlungsvermögen und Kommunikationskompetenz (58). Dabei sind formelle Assessment­in­strumente für die Patientenpräferenz wenig verfügbar (59). Das konsequente Umsetzen von Shared Decision Making (60, 61), in palliativen Situationen evtl. kombiniert mit einem strukturierten Entscheidungsprozess (62), ist die Grundlage, um gemeinsam mit den Patient/-innen zu entscheiden, was im individuellen Fall sinnvoll, nachvollziehbar und verantwortbar ist.

Zusammenfassend wird ersichtlich, dass es sich bei «Evidenz» nicht nur um eine wissenschaftliche Grösse handelt, sondern auch um ein ethisches und kommunikatives Konzept. Um der Komplexität patientenzentrierter Krebsversorgung gerecht zu werden, bedarf es in der IO, als «evidenzinformiertem, patientenzentriertem Gebiet der Krebstherapie» (63), eines dynamischen, kontextsensiblen und vielschichtigen Verständnisses des Evidenzbegriffs, welcher Forschungsergebnisse, ärztliche Erfahrung und patientenbezogene Werte gleichwertig berücksichtigt.

Forschungsmethodik

Die konventionelle biomedizinische Forschung folgt typischerweise einem linearen Weg – von mechanistischen Entdeckungen im Labor über aufeinanderfolgende Phasen klinischer Studien bis hin zur behƶrdlichen Zulassung und klinischen Anwendung. Dieses klassische Ā«bench-to-bedsideĀ»-Modell hat sich in der Arzneimittelentwicklung bewƤhrt. Die Forschung in der Integrativen Medizin (IM) kehrt diesen Ablauf jedoch hƤufig um (64, 65). Viele IM-Interventionen wie Akupunktur, Yoga, Pflanzenheilkunde und Meditation stammen aus jahrhundertealten traditionellen klinischen Praktiken, die oft in ganzheitlichen Medizinsystemen verwurzelt sind und sich vom westlichen, biomedizinischen Paradigma unterscheiden (64). Sie begannen typischerweise am Ā«KrankenbettĀ», basierend auf gelebter therapeutischer Erfahrung, wƤhrend die wissenschaftliche Erforschung zur KlƤrung von Wirkmechanismen oder zur Quantifizierung von Effekten erst kürzlich einsetzte. Diese Verschiebung spiegelt einen eigenstƤndigen Erkenntnisansatz wider, der der IM zugrunde liegt. Im Gegensatz zur reduktionistischen Wissenschaftstheorie der konventionellen Biomedizin, die isolierte Mechanismen und kontrollierte Variablen priorisiert, verfolgt die IM einen ganzheitlichen Ansatz (64, 66). Sie bewertet nicht nur biologische Effekte, sondern auch die Bedeutung, die Patient/-innen ihren Behandlungen beimessen, den kulturellen Kontext, die therapeutische Beziehung und mƶglicherweise auch die Krankheit selbst (1).

IM lehnt wissenschaftliche Forschung nicht ab, im Gegenteil: Es gibt eine wachsende Zahl an qualitativ hochwertigen Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit komplementƤrmedizinischer AnsƤtze in der Krebsversorgung belegen, etwa Yoga gegen Fatigue oder Akupunktur gegen Gelenkschmerzen infolge einer endokrinen Therapie (16, 67, 68, 69). Dennoch stellt die IM die Dominanz der RCTs als universellen Evidenzstandard infrage. Sie fordert die Akzeptanz für ein breiteres methodisches Repertoire – eines, das der KomplexitƤt, dem Kontext und der persƶnlichen Erfahrung einer Intervention gerecht wird.

RCTs, systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen bleiben unverzichtbare SƤulen der EBM (vgl. weiter oben). Dennoch zeigen sie grundlegende EinschrƤnkungen bei der Anwendung auf die IM: Viele komplementƤre AnsƤtze sind komplex und multimodal, was eine Standardisierung erschwert, ohne dabei ihre ganzheitliche Natur zu verƤndern. Auch ist eine Verblindung hƤufig schwierig – Patient/-innen merken, wenn sie Yoga praktizieren oder Akupunktur erhalten –, und Placebos kƶnnen methodische SchwƤchen mit sich bringen, wie im Fall der Scheinakupunktur, die nicht physiologisch inert ist und daher die wahre BehandlungseffektivitƤt unterschƤtzen kann (70). Darüber hinaus finden viele IM-Interventionen in einem therapeutischen Ɩkosystem statt, die Patienteninteraktion mit dem Gesundheitsfachpersonal sowie individuelle Rahmenbedingungen und Anpassungen umfasst – Elemente, die sich in herkƶmmlichen Studiendesigns schwer isolieren oder quantifizieren lassen. Zudem zielen viele dieser AnsƤtze nicht nur auf die Linderung von SympĀ­tomen, sondern auch auf die Fƶrderung von Resilienz, KrankheitsbewƤltigung oder Sinnfindung – Ergebnisse, die sich oft von herkƶmmlichen Endpunkten abgrenzen. Schliesslich ist auch das klassische hierarchische Evidenzmodell mƶglicherweise zu eng gefasst, da RCTs auf hohem Evidenzniveau meist hochselektive Patient/-innen-Populationen einbeziehen, die nicht die klinische Praxis widerspiegeln. Gut dokumentierte Verzerrungen – wie selektive Berichterstattung, Publikationsbias und Industrieeinflüsse – erschweren die Interpretation solcher Evidenz zusƤtzlich (1, 71).

Erweiterung des methodischen Repertoires

Um den RealitƤten und der KomplexitƤt gerecht zu werden, hat sich die IM über die traditionellen RCTs hinaus gegenüber einem erweiterten Spektrum an Forschungsmethoden geƶffnet. Mixed-Methods-Forschung kombiniert quantitative Ergebnisse mit qualitativen Einsichten, um nicht nur die Frage Ā«Wirkt es?Ā» zu beantworten, sondern auch Ā«Wie fühlt es sich an?Ā», Ā«Hilft es den Patient/-innen?Ā», und erlaubt so eine tiefere Erforschung von Patientenerfahrungen, Werten und therapeutischen Beziehungen – Dimensionen, die im ganzheitlichen Ansatz der IM zentral sind (72). Pragmatische Studien hingegen bewerten Interventionen im realen Versorgungskontext und ermƶglichen flexible Protokolle sowie breite Einschlusskriterien, die der klinischen Praxis entsprechen. Ein gutes Beispiel ist die grosse Studie von Brinkhaus et al., die den Einsatz prophylaktischer Akupunktur wƤhrend Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen untersuchte (73). Ihr Design spiegelte zentrale pragmatische Elemente wider: Die Behandlungen fanden im alltƤglichen Krankenhausumfeld statt, mit FlexibilitƤt in der Wahl der Akupunkturtechniken entsprechend dem Zustand der Patientin; die Studienpopulation war breit gefƤchert und umfasste verschiedene Brustkrebsstadien und Chemotherapieregimes; die Ergebnisse konzentrierten sich auf patientenzentrierte Masse. Bemerkenswerterweise zeigten sich zwar keine signifikanten Verbesserungen in standardisierten LebensqualitƤtswerten, aber qualitative Interviews ergaben, dass die Patientinnen bedeutende psychologische und physische Vorteile wƤhrend der Behandlung durch die Akupunktur erlebten (73). Beobachtungsstudien und Register bieten ihrerseits wertvolle Erkenntnisse aus der Praxis hinsichtlich Anwendungsgewohnheiten, Sicherheit und Langzeitergebnissen, ergƤnzen RCT-Daten und helfen dabei, sowohl klinische Entscheidungen als auch Gesundheitspolitik zu informieren. Sie eignen sich besonders für individualisierte AnsƤtze wie homƶopathische PrƤparate, traditionelle Pflanzenheilkunde oder Therapiekonzepte aus der Anthroposophisch erweiterten Medizin (AEM) (52), bei denen personalisierte Betreuung und langjƤhrige klinische Anwendung sich nicht leicht durch konventionelle RCT-Designs abbilden lassen. Die Whole-Systems-Forschung wiederum bewertet die integrative Versorgung als kohƤrentes therapeutisches System statt isolierter Komponenten und erkennt synergetische Effekte sowie die Bedeutung des Kontextes an (74). Dieses Modell eignet sich besonders für komplexe medizinische Gesamtsysteme wie die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die Traditionelle Indische Medizin (Ayurveda), bei denen Ergebnisse aus dem dynamischen Zusammenspiel mehrerer TherapiesƤulen innerhalb eines kulturell bedeutungsvollen Rahmens hervorgehen. So zeigte eine kürzlich an der University of California durchgeführte Studie zu einer multimodalen ayurvedischen Intervention für Brustkrebsüberlebende sowohl Durchführbarkeit als auch vielversprechende Verbesserungen in LebensqualitƤt, Schlaf, Fatigue und emotionalem Wohlbefinden (75). PrƤferenzbasierte Studiendesigns stellen einen weiteren innovativen und Ƥusserst relevanten Ansatz in der IM-Forschung dar, da sie die Wahl der Patient/-innen explizit in das Studienprotokoll integrieren (76). Die kürzlich verƶffentlichte MATCH-Studie (77) – bislang die grƶsste Untersuchung zu Mind-Body-Verfahren in der Onkologie – bietet hierfür ein wegweisendes Beispiel: Krebsüberlebende konnten zwischen einem achtsamkeitsbasierten Trainingsprogramm und Tai Chi/Qi Gong wƤhlen oder wurden randomisiert, wenn keine starke PrƤferenz bez. Therapien bestand. Die Ergebnisse zeigen, dass die Berücksichtigung individueller PrƤferenzen sowohl die Teilnahmebereitschaft als auch die Zufriedenheit der Teilnehmenden erhƶhte, obwohl keine überlegene Wirksamkeit der frei gewƤhlten Intervention nachgewiesen werden konnte (77). Qualitative Daten verdeutlichten zudem, dass die PrƤferenzen stark von Erwartungen, Vorerfahrungen, Wissen und dem Gefühl der Selbstwirksamkeit geprƤgt waren (78). Die MATCH-Studie illustriert eindrucksvoll, wie durch die Integration von Wahlmƶglichkeiten sowohl die wissenschaftliche Aussagekraft als auch die klinische Relevanz von Studien in der IO gesteigert werden kƶnnen – insbesondere angesichts der Tatsache, dass Erwartungen eine zentrale Rolle in der IM haben (57). Viele IM-AnsƤtze sind kulturell stark besetzt und mit bestehenden Überzeugungen verbunden, die die wahrgenommene Wirksamkeit steigern und klinische Ergebnisse beeinflussen kƶnnen (79, 80, 81). In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die Weltgesundheitsorganisation kürzlich den Entwurf ihrer Global Traditional Medicine Strategy (2025–2034) verƶffentlicht hat (82). Diese hebt die Notwendigkeit hervor, Forschungsmethoden zu erweitern und anzupassen, um der besonderen KomplexitƤt der traditionellen, komplementƤren und integrativen Medizin gerecht zu werden. Die Strategie plƤdiert für verstƤrkte Fƶrderung von kultursensiblen und ganzheitlichen ForschungsansƤtzen, die menschenzentrierte Versorgung einbeziehen und traditionelles Wissen respektieren (82). Ein weiteres Beispiel für ein innovatives Design ist RISAT (random invitation single-arm trial design) (83).

IM stellt das konventionelle «bench-to-bedside»-Forschungsparadigma infrage, indem sie einen komplexen, kontextuellen und patientenzentrierten Ansatz verkörpert und flexiblere, kreativere und vielfältigere Forschungsmethoden fordert. Anstatt komplementäre Ansätze in die starren Rahmenbedingungen pharmakologischer Studien zu pressen, sollten Forschende Methoden anwenden, die der facettenreichen Natur integrativer Versorgung gerecht werden und wissenschaftliche Strenge mit Abbildung der Real-World-Komplexität und Patientenerfahrung verbinden. Letztlich wird durch diese Weiterentwicklung der Forschungsmethodik nicht nur den Eigenschaften der IM gerecht, sondern es wird auch der Horizont der medizinischen Wissenschaft erweitert. Damit ebnet sich der Weg für eine inklusivere, mitfühlendere und wirksamere Krebsversorgung.

Intervention und Regulation

Klinische Forschung in der IO erfordert die gleichen Anforderungen an Forschungsmethodik, Bewilligung durch die Ethikkommissionen (EK) wie konventionell-medizinische Projekte, was die Sicherstellung der Einhaltung von Patientenrechten und deren Sicherheit, Transparenz der Forschungsprojekte inkl. Registrierung und Publikation aller Ergebnisse (auch negative Resultate) beinhaltet.

Dies bedeutet praktisch, dass Aussagen von Fachpersonen im Bereich komplementƤrer und integrativer Medizin zu Ā«wissenschaftlich bewiesenĀ» oder Ā«durch eigene Forschung unterlegtĀ» nur dann als seriƶs und vertrauenswürdig beurteilt werden kƶnnen, wenn diese Forschungsprojekte in Datenbanken der EKs (in der Schweiz: BASEC), der Studienregister und der wissenschaftlichen Publikationen auffindbar sind (z. B. www.pubmed.gov).
Bei Forschungsprojekten mit Interventionen von medizinischen Gesamtsystemen (wie die AeM (1) oder TCM [siehe Artikel Kerndiszipinen]) werden aufgrund der hohen Komplexität und Wechselwirkungen individualisierter Behandlungen oft Einzelfallstudien durchgeführt. Diese Methode wird auch eingesetzt bei neuen Anwendungen von traditionellen Arzneimitteln. Für diese Forschungsprojekte und auch retrospektive Datenanalysen sind EK-Bewilligungen und eine Zustimmung von Patient/-innen («Generalkonsent» oder projektbezogene Einwilligung) erforderlich. Nur bei vollständig anonymisierten Daten ist keine Einwilligung notwendig.

Bei neuen u. a. intravenƶsen Anwendungen von potenzierten Arzneimitteln (siehe Kapitel Klassische Homƶopathie) i. R. eines Forschungsprojekts muss eine klinische Studie (Swissmedic, EK) der hƶchsten Sicherheitskategorie C durchgeführt werden.

Die klinische Forschung in der IO soll die Behandlungskonzepte mƶglichst authentisch und kliniknah belassen (d. h., durch ein Forschungsprojekt soll keine künstliche VerƤnderung einer komplexen klinischen RealitƤt erfolgen [75, 84, 85]), Forschungsfragen prƤzise formulieren (86) und darauf aufbauend die adƤquate Forschungsmethodik (siehe Abschnitt oben) entwickeln und anwenden.

SNIO-Konsensus

In die onkologische Versorgung an zertifizierten Schweizer Krebszentren wurden in den letzten Jahren zunehmend auch Angebote aus der IO implementiert. Im April 2024 haben sich einige dieser onkologischen Behandlungszentren dazu entschieden, gemeinsam das SNIO zu gründen. Die gemeinsamen Ziele fokussieren hierbei vor allem auf die Entwicklung gemeinsamer Qualitätskriterien, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Forschungsförderung im Bereich der IO.

Um das Ziel der gemeinsamen Qualitätskriterien zu erreichen, hat sich eine Arbeitsgruppe zu Konsensusfragen gebildet, welche die Definition gemeinsamer Prinzipien und Integrationskriterien für Schweizer Krebszentren mit integrativem Angebot verfolgt.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde durch die Arbeitsgruppe eine erste Liste möglicher Themen, beruhend auf einer narrativen Literatursuche, definiert, welche im Rahmen eines Workshops mit allen SNIO-Mitgliedern diskutiert wurde. Die Anmerkungen, Ergänzungen und Rückfragen wurden aufgenommen und durch je eine ärztliche und pflegerische Vertretung unabhängig voneinander weiter ausformuliert (Core Group).

Dieser Entwurf stellt nun im Weiteren die Basis für einen Konsensusprozess mit einer Patientenvertreterin und den weiteren Mitgliedern der Konsensusarbeitsgruppe dar. Das Ergebnis dieses Konsensusprozesses bildet wiederum den Ausgangspunkt für den geplanten formalen Delphi-Prozess. Im Rahmen des Delphi-Prozesses werden Vertreter/-innen der teilnehmenden Zentren eingeladen, an einer Onlineumfrage teilzunehmen. Die Umfrage enthƤlt die Statements zu den gemeinsamen Prinzipien (1. Teil) bzw. die Statements zu den Integrationskriterien (2. Teil). Die teilnehmenden Personen geben nun an, wie stark sie dem Statement zustimmen und für wie relevant sie dieses erachten. Die Core Group wird die Onlineumfrage auswerten und alle Statements mit einer Zustimmung > 80 % annehmen. Die Statements mit einer geringeren Zustimmungsrate werden entsprechend den Anmerkungen adaptiert und fliessen in eine nƤchste Befragungsrunde ein. Sollte nach den ersten beiden Runden weiter eine deutliche Uneinigkeit bestehen, wird eine dritte Runde im Rahmen eines persƶnlichen Treffens geplant. Dieses Vorgehen wird für beide Teile durchgeführt. Der Unterschied zwischen den beiden Teilen besteht jedoch darin, dass im 1. Teil ein zweistufiger Prozess stattfinden wird, in dem zuerst die Personen mit Doppelzertifizierung abstimmen werden, und dann in einem zweiten Schritt die leitenden Onkolog/-innen und Patientenvertreter/-innen einbezogen werden.

Dieses strukturierte Vorgehen im Rahmen eines Delphi-Prozesses bietet die Möglichkeit, eine stabile Basis für die weitere Zusammenarbeit der SNIO-Mitglieder zu legen und das gemeinsame Verständnis einer qualitativ hochwertigen, sicheren und nachhaltigen IO zu stärken. Insbesondere die interprofessionelle Herangehensweise und der aktive Einbezug von Patientenvertreter/-innen sind wichtige Elemente für das Gelingen.

Praktische Qualitätskriterien für ­Angebote in der Integrativen Onkologie

Wie bereits weiter oben im Text erwähnt, ist es aufgrund der vielfältigen Angebote im Bereich der IO insbesondere für interessierte Laien und nicht spezifisch geschultes medizinisches Personal oftmals schwierig, die unterschiedlichen, insbesondere auch interprofessionellen Angebote bezüglich ihrer inhaltlichen Qualität zu bewerten und unseriöse, an rein wirtschaftlichen Interessen orientierte Angebote von seriösen, qualitativ hochwertigen Angeboten zu unterscheiden. Obwohl Inhalte der IO in Kursen, Lehrplänen und Schulungen vorhanden sind, sind die Informationen über die erforderlichen Kernkompetenzen unvollständig und bisher noch nicht ausreichend standardisiert. Zur besseren Orientierung können daher praktische Qualitätskriterien dienen, welche konkrete Merkmale und Standards umfassen, die die Qualität und Sicherheit der angebotenen Massnahmen sicherstellen.

Die Angebote sollten nach Möglichkeit den Kriterien der EBM unterliegen, insbesondere sollten die Angebote idealerweise auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen beruhen, um Wirksamkeit und Sicherheit zu gewährleisten. Ebenso spielt die Patientenpräferenz bei der Auswahl des Angebots eine entscheidende Rolle, im besten Fall können bereits Vorerfahrungen oder vorhandene Ressourcen bei der Auswahl der Methode einfliessen und somit eine individuelle Beratung ermöglichen, welche auf die aktuellen Bedürfnisse und Lebenssituationen der Ratsuchenden abgestimmt ist.
Ein weiteres wichtiges Qualitätskriterium bei der Auswahl sollte die Qualifikation des anbietenden Personals sein. Fachkräfte, welche die Angebote durchführen, sollten angemessen qualifiziert sein (siehe Artikel Edukation). Des Weiteren sollten regelmässige Fortbildungen im Sinne einer dauerhaften Qualitätssicherung und laufenden Qualitätsverbesserung erfolgen. Die entsprechende Qualifikation beinhaltet auch eine individuelle Beratung der Patient/-innen.

Auch Transparenz und Aufklärung über Inhalte, Ziele und mögliche Risiken des Angebotes sowie eine Integration in das onkologische Therapiekonzept im Sinne eines komplementären Therapieangebots mit im besten Fall synergistischer Wirkung können als praktische Qualitätskriterien herangezogen werden und unterscheiden die IO somit deutlich von sogenannten alternativmedizinischen Angeboten, welche eine solche Herangehensweise ausschliesst.

Die Festlegung praktischer QualitƤtskriterien hilft dabei, die Sicherheit, Wirksamkeit und Akzeptanz der Angebote in der IO langfristig zu gewƤhrleisten.

SNIO-Arbeitsgruppe Forschung

Die Arbeitsgruppe Forschung von SNIO hat zum Ziel
a) multizentrische klinische Forschungsprojekte in der Schweiz zu fƶrdern, dabei
b) junge Forschende und Patient/-innen sowie mehrere Disziplinen aktiv einzubeziehen und
c) gleichzeitig zentrale Fragestellungen der Implementierungsforschung aufzugreifen.
Die Gruppe ist offen für alle forschungsinteressierten Menschen aus dem medizinischen Bereich und trifft sich alle 1–2 Monate virtuell (www.integrative-oncology.ch), um a) niederschwellig Ideen für Projekte zu besprechen, b) laufende Projekte inhaltlich zu diskutieren, c) neue Projekte in die Projektdatenbank (s. u.) aufzunehmen, d) sich über wissenschaftliche IO-Tagungen auszutauschen und e) neue wissenschaftliche Publikationen zu diskutieren.

Die Projektdatenbank (87) soll
a) den Einschluss von Patient/-innen in laufende Studien verbessern,
b) die Mitarbeit von klinischen und/oder akademisch interessierten Einzelpersonen fƶrdern,
c) die Teilnahme von SNIO-Zentren an laufenden Studien unterstützen.

In dieser Liste werden Projekte aufgenommen mit Bezug zu
1. der «Allgemeinen Integrativen Onkologie» (wie definiert durch SNIO),
2. den spezifischen Fachrichtungen, vertreten im SNIO Ā­(siehe Artikel Kerndisziplinen),
3. wichtigen IO-Aspekten anderer Bereiche (z. B. ErnƤhrung, kƶrperliche AktivitƤt, Psychoonkologie).

Um an diesen klinischen Forschungsprojekten teilnehmen zu können, müssen SNIO-Zentren die folgenden Qualitätskriterien erfüllen:
a) Einhaltung der Standardkriterien von Swiss Cancer Research (früher SAKK) für Studienzentren
b) Einhaltung der Qualitätsstandards für die diagnostische und interventionelle IO, wie sie in den SNIO-Konsensus-Kriterien definiert werden

Fazit

Die Integrative Onkologie (IO) ordnet sich an der Schnittstelle von wissenschaftlich fundierter Schulmedizin und erfahrungsbasierten und evidenzinformierten komplementären Therapieansätzen ein. Im Spannungsfeld zwischen konventioneller Evidenzhierarchie, individueller klinischer Expertise und den Bedürfnissen der Patient/-innen zeigt sich, dass eine rein lineare, reduktionistische Sichtweise der Komplexität integrativer Behandlungsansätze nicht gerecht wird. Stattdessen erfordert die IO ein erweitertes, dynamisches und kontextsensibles Evidenzverständnis, das auch qualitative Forschung, Mixed-­Methods-Designs und patientenzentrierte Studienformate berücksichtigt.

Die methodische Vielfalt der integrativen Forschung – von pragmatischen Studien über Whole-Systems-AnsƤtze bis hin zu prƤferenzbasierten Designs – trƤgt dazu bei, therapeutische RealitƤt, kulturelle Kontexte und individuelle Erwartungen angemessen abzubilden. Gleichzeitig bleibt wissenschaftliche Strenge ein zentrales QualitƤtsmerkmal: Studien müssen ethisch bewilligt, transparent registriert und nachvollziehbar publiziert werden. Ebenso gilt: Nur durch klare QualitƤtsstandards, definierte Ausbildungswege und transparente Kommunikation lassen sich inteĀ­grative Angebote von unwissenschaftlichen oder gar schƤdlichen Praktiken abgrenzen.

Mit der Gründung des SNIO und der Etablierung eines strukturierten Konsensusprozesses wurde ein wichtiger Meilenstein für die Weiterentwicklung und Qualitätssicherung der IO in der Schweiz gesetzt. Durch gemeinsame Standards, interprofessionelle Zusammenarbeit, aktive Einbindung von Patient/-innen und Förderung klinischer Forschung entsteht eine solide Grundlage für eine sichere, wirksame und patientenzentrierte integrative Krebsversorgung. Damit leistet die IO nicht nur einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität onkologischer Patient/-innen, sondern auch zur Weiterentwicklung eines ganzheitlich orientierten, menschenzentrierten Gesundheitssystems.

Isabell Ge 1, Marie-Estelle Gaignard 2, Sara Kohler 3, Julia Reusch 4, Florian Strasser 5, 6, Arnoud J Templeton 7

1 Frauenklinik und Brustklinik, UniversitƤtsspital Basel, 4056 Basel, Schweiz
2 Department of Oncology, Swiss Cancer Center Leman, Geneva University Hospitals, Geneva, Schweiz
3 Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Institut für Pflege, Winterthur, Schweiz
4 Klinik für Onkologie und Hämatologie, Stadtspital Zürich Triemli, Schweiz
5 Zentrum Integrative Medizin, HOCH Health Ostschweiz, Kantonsspital St. Gallen, Schweiz
6 Cancer Fatigue Clinic (Münsterlingen, Sargans, Schaffhausen), Schweiz
7 Onkologie St. Claraspital Basel, St. Clara Forschung Basel, Medizinische FakultƤt UniversitƤt Basel, Schweiz

Dr. med. Isabell Ge

Frauenklinik und Brustklinik
UniversitƤtsspital Basel
Spitalstrasse 21
4056 Basel

Isabellxiang.ge@usb.ch

Marie-Estelle Gaignard ist Board Member des Swiss Network for Integrative Oncology. Florian Strasser ist Extended Board Member des Swiss Network for Integrative Oncology, er hat Honorare für Vorträge, Beratung oder Teilnahme an Advisory Boards erhalten (letzte 5 Jahre) von Abbott Nutrition, Danone-Nutricia, Fresenius, Helsinn, Ology, Pfizer, Sanofi; er führt in selbstständiger Tätigkeit die ambulanten Sprechstunden der Cancer Fatigue Clinic durch. Arnoud Templeton hat Honorare für Vorträge, Beratung oder Teilnahme an Advisory Boards erhalten von Astellas (I), Bayer (I), Janssen (I, P), Johnson&Johnson (P), Ipsen (I), Merck (P), MSD (I). Die weiteren Autor/-innen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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Integrative Onkologie im klinischen Alltag: Fort- und Weiterbildung

Einleitung

Die Integrative Onkologie gewinnt immer mehr an Bedeutung; die Nachfrage seitens der Patient/-innen, die Anzahl Fachpersonen in der Schweiz mit Weiterbildung in einer integrativ-onkologischen Kerndisziplin (siehe Artikel Gemeinsamkeiten und Kerndisziplinen der Integrativen Onkologie) und Forschungserkenntnisse nehmen zu (1–5). Beispiele für wachsende belastbare Evidenz (siehe Artikel Forschung) sind die deutschsprachige S3-Leitlinie KomplementƤrmedizin in der Behandlung onkologischer Patient/-innen (2) und die Leitlinien der Society Integrative Oncology (SIO) zusammen mit der American Society for Clinical Oncology (ASCO) zum Symptommanagement mit Integrativen Interventionen (3–5). Zudem werden komplementƤre Interventionen, wie bspw. Akupunktur oder Phytotherapie, zunehmend in allgemeinen onkologischen Supportive Care Guidelines integriert wie diejenigen vom Leitlinienprogramm Onkologie (S3-Guidelines Supportive Care: z. B. bei Tumortherapie-induzierter Nausea und Emesis, Supportive Massnahmen in der Radioonkologie) (6) des US-amerikanischen National Comprehensive Cancer Network (NCCN: Guidelines Supportive Care; https://www.nccn.org/guidelines/category_3; in den Kapiteln Adult Cancer Pain, Cancer-Related Fatigue, Distress Management, Palliative Care und Survivorship,) oder der Multinational Association of Supportive Care in Cancer (7).

Patient/-innen erhoffen sich vor allem den Einbezug ganzheitlicher physischer, emotionaler, sozialer und spiritueller Bedürfnisse (8, 9), und selbst aktiv zu sein im Leben mit Krebs i. S. von Selbstmanagement (10, 11), welche durch das onkologische Therapiekonzept oft nicht ausreichend adressiert werden (1). Es kƶnnen auch Aspekte der Schulbildung und der sozialen Situation eine Rolle spielen (12).

Als Reaktion auf den steigenden Bedarf offerieren immer mehr zertifizierte Tumorzentren ein integrativ-onkologisches Angebot. Das Angebot variiert, bedingt durch geografische und historisch geprƤgte Gegebenheiten und die Verfügbarkeit von FachkrƤften, stark. GrundsƤtzlich gibt es in der Schweiz zwei Personengruppen, welche Angebote zu komplementƤren Verfahren durchführen: medizinisches Fachpersonal (Ƅrzt/-innen und Gesundheitsfachpersonen) und Therapeut/-innen. Um die sichere Integration komplementƤrmedizinischer Verfahren in die Tumortherapie zu unterstützen, benƶtigt es Fort- und Weiterbildung (1, 13). Die Fort- und Weiterbildungslandschaft bezüglich komplementƤrer BehandlungsansƤtze ist vielfƤltig und unterscheidet sich nicht nur im Umfang und in der Tiefe, sondern auch in der QualitƤt. Zudem sind die Angebote zumeist spezifisch auf einzelne Verfahren, z. B. Phytotherapie oder Akupunktur, ausgerichtet. Immer mehr Ƅrzt/-innen, Pflegefachpersonen oder auch Therapeut/-innen erkundigen sich daher nach Angeboten, die verschiedene AnsƤtze verbinden oder eine Basis für weitere Vertiefung bieten (14).

In diesem Artikel erhalten Sie eine Übersicht über eine sichere Praxiseinbindung komplementärer Methoden, Basiskompetenzen für integrativ-onkologische Fachpersonen, aktuell verfügbare Angebote und erste Ideen für künftige Angebote.

Die Lehre in der Integrativen Onkologie (IO): Eine Notwendigkeit für die optimale kompetente Betreuung von Patient/-innen

Die onkologischen Kenntnisse und Erfahrungen von Therapeut/-innen sind sehr unterschiedlich. Einige behandeln regelmƤssig onkologische Patient/-innen, andere haben keine Routine in der Begleitung krebsbetroffener Menschen oder lehnen diese ab. Die EinschƤtzung hinsichtlich der onkologisch-fachlichen Kompetenz der Therapeut/
-innen ist sowohl für die Patient/-innen als auch medizinisches Fachpersonal ohne integrativ-medizinisches Wissen schwer möglich. Zudem liegt es häufig an den Patient/
-innen selbst, die Verbindung zwischen konventionell und komplementƤrmedizinisch tƤtigen Behandler/-innen herzustellen – obwohl eine patientenzentrierte, interprofessionelle Zusammenarbeit das Ideal wƤre (15).

WƤhrend ihres gesamten Krankheitsverlaufs werden Patient/-innen mit zahlreichen RatschlƤgen und Informationen unterschiedlicher QualitƤt konfrontiert – von Angehƶrigen und Bekannten (16), Therapeut/-innen (17), aber auch über das Internet und soziale Netzwerke (18). Insbesondere in Phasen emotionaler Belastung (Disstress) ist es für krebsbetroffene Menschen nicht einfach, zwischen all diesen Informationen zu unterscheiden und herauszufinden, was in ihrer individuellen Situation Ā«richtigĀ» und fachlich korrekt ist (19).

Mitunter wird die Anwendung komplementärer Therapien als «natürlich» verharmlost. Dies gilt sowohl für Patient/-innen als auch für medizinisches Fachpersonal. Doch kann der unreflektierte Einsatz eines Phytotherapeutikums, die unsachgemässe Anwendung einer manuellen Therapie oder eine restriktive Diät bei Krebspatient/-innen schwerwiegende Folgen haben (20). Potenzielle Risiken können so unterschätzt werden.

Oder aber medizinisches Fachpersonal rƤt aus Vorsicht oder mangels Wissens gƤnzlich vom Einsatz komplementƤrer Therapien ab (21). Dies kann dazu führen, dass Patient/-innen komplementƤre Verfahren ohne Rücksprache mit dem medizinischen Fachpersonal nutzen – oder im Gegenteil schweren Herzens darauf verzichten. In beiden FƤllen ist der geschlossene Dialog eine verpasste Chance, einem vermutlich unerfüllten Bedürfnis (unmet need) der Patient/-innen gerecht zu werden (22).

Die Risikobewertung einer KomplementƤrtherapie fƤllt zwischen Patient/-innen, konventionell-medizinischem Fachpersonal (z. B. Onkolog/-innen, Onkologiepflegefachpersonen oder HausƤrzt/-innen) und Therapeut/-innen sehr unterschiedlich aus (21). Um die potenziellen Risiken zu bewerten, sind daher folgende Voraussetzungen erforderlich:

a) eine proaktive, gegenseitig wertschätzende, offene Kommunikation über alle diagnostischen und therapeutischen Massnahmen (einschliesslich komplementärmedizinischer Verfahren)
b) Basiskenntnis des konventionell-medizinischen Fachpersonals der wichtigsten integrativ-onkologischen Fachdisziplinen (siehe Artikel Gemeinsamkeiten und Kerndisziplinen der Integrativen Onkologie)
c) Kenntnis und Kontakt zu regionalen Spezialisten für Integrative Onkologie (z. B. via SNIO-Verzeichnis www.integrative-oncology.ch) oder anderen Fachleuten, je nach dem im Zusammenhang mit dem identifizierten Risiko aufgetretenen Problem (z. B. Akupunktur bei Gerinnungsstƶrungen, ImmunschwƤche oder Infektionen [23]; Wechselwirkungen und mƶgliche Nebenwirkungen bei der gleichzeitigen Anwendung von phytotherapeutischen Behandlungen und onkologischen Therapien [24]; Mind-Body-Interventionen für psychisch instabile Patient/-innen oder bei Patient/-innen mit PTBS [20, 25]; Kƶrpertherapien wie rhythmische Massage, Osteopathie und Chiropraktik bei Skelettrisiken aufgrund lokaler Metastasen oder Osteoporose [20, 25]). Die wichtigsten Risiken sind bei den Kerndisziplinen (siehe Artikel) zusammengefasst.

Basiswissen bzgl. Integrativer Onkologie ist daher für medizinisches Fachpersonal im Umfeld von Krebspatient/-innen sowie für die Patient/-innen selbst unerlƤsslich – sei es, um einen offenen Dialog über den Nutzen komplementƤrer Verfahren zu fƶrdern (13, 26, 27), Risiken des Fehlgebrauchs zu erkennen (21), Patient/-innen an Fachpersonen der Integrativen Onkologie zu verweisen, auf deren Bedürfnisse einzugehen oder auch, um komplementƤrtherapeutische, in der supportiven Therapie validierte Optionen im Sinne eines integrativen Ansatzes anzubieten.

Im Sinne einer ganzheitlichen Patientenversorgung müssen zudem «indirekte» Risiken der Nutzung komplementärer Verfahren berücksichtigt werden wie
a) eine Verzƶgerung der konventionellen Behandlung (21);
b) Fehlinformationen über die onkologische Erkrankung, deren Schweregrad und Behandelbarkeit und Behandlungsoptionen bis zu falschen Heilsversprechungen;
c) isolierter Verweis auf die PatientenprƤferenz (die sog. 3. SƤule der Evidenz, siehe Artikel Forschung) ohne eine gleichzeitige klinisch-therapeutische und evidenzbasierte Mitverantwortung;
d) zusätzliche finanzielle Belastungen für die Patient/-innen (insbesondere bei kostspieligen Therapien oder Präparaten), die sog. finanzielle Toxizität;
e) ein überladener Terminkalender durch parallele «konventionelle» und «komplementäre» Termine (sog. Zeit-Toxizität);
f) sog. aggressive integrative onkologische Behandlung nahe am Lebensende (siehe Artikel Integrative Palliative und End-of-Life Care in der Onkologie);
g) mangelnde Koordination und Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren für eine optimale interdisziplinäre, patientenzentrierte Versorgung.

Eine gut strukturierte Integrative Onkologie mit enger, lokal vertrauter Zusammenarbeit ermƶglicht eine koordinierte und individualisierte Anwendung der Verfahren, minimiert die Risiken komplementƤrer Medizin und nutzt deren Potenziale zur Optimierung der LebensqualitƤt und Symptomkontrolle bei Krebspatient/-innen.

Grundlegende Fähigkeiten und ­Vor­schläge für die Aus-, Fort- und ­Weiterbildungen in IO

Im Rahmen eines zweiphasigen internationalen Projekts der SIO wurden durch systematische Literaturrecherche und ein interprofessionelles Konsensusverfahren 37 Kernkompetenzen für die Integrative Onkologie identifiziert (13). Diese Kompetenzen, die professionsübergreifend für Ƅrzt/-innen, Pflegefachpersonal, Psycholog/-innen, andere Gesundheitsberufe und Therapeut/-innen gelten, umfassen Wissen (Knowledge, n = 11), FƤhigkeiten (Abilities, n = 17) und Fertigkeiten (Skills, n = 9). Kommunikative Kompetenzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Kernkompetenzen dienen als Grundlage zur Entwicklung von Fortbildungsprogrammen, um eine sichere, evidenzbasierte und patientenzentrierte Versorgung in der Integrativen Onkologie auch im deutschsprachigen Raum zu gewƤhrleisten (28). Auch Bennardi et al. sehen neben formaler Vermittlung von Wissen das Lernen im Praxisfeld zum Erwerb von FƤhigkeiten und zur Entwicklung der Haltung als relevant (29). Integrative Onkologie versteht sich grundsƤtzlich als ein Ansatz, der unter Einbezug eines multiprofessionellen Teams stattfindet (13, 30). Betrachtet man die Forschungserkenntnisse zu erfolgreicher Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe in der Praxis, zeigt sich, dass interprofessionelle Aus-, Fort- und Weiterbildungen ein Kernelement für das Gelingen darstellen (29). Zudem stƤrkt ein interprofessioneller Ansatz die Versorgungsstrukturen und verbessert die Outcomes der Patient/-innen (31). Für die Entwicklung neuer Fort- und Weiterbildungsangebote scheinen daher ein multiprofessionelles Dozierendenteam und eine Ausrichtung der Inhalte auf ein multiprofessionelles Zielpublikum zentral (32). Die Interprofessional Education Collaborative (IPEC) formuliert 4 interprofessionelle Kernkompetenzen, die vermittelt werden sollten (33):

1) Werte und Ethik
2) Rollen und Verantwortlichkeiten
3) Kommunikation
4) Team und Teamwork

Der Weg von der onkologisch tätigen hin zur erfahrenen integrativ-onkologischen Fachperson folgt einem Lernprozess, den schon Patricia Benner 1984 beschrieben hat (34). Sie zeigt in ihrem Werk «From Novice to Expert» auf, welche Kompetenzentwicklungsschritte Fachpersonen bei einem Rollenwechsel durchlaufen und wie das Lernen in den einzelnen Stufen bestmöglich unterstützt werden kann (35). Daran angelehnt empfiehlt sich zu Beginn ein strukturiertes Lernen, gestützt auf vorhandenes Wissen, wenn immer möglich dargestellt in regulären Krankheitsverläufen unter Zuhilfenahme von Leitlinien. Im weiteren Verlauf prägen eigene Erfahrungen und die Reflexion den Lernprozess, und das Lernen wird vor allem durch Intervision mit Kolleg/-innen und Besprechung komplexer oder spezifischer Fälle gefördert. Benner bezeichnet dies als Lernen an Paradigmafällen (36).

Dieses Wissen kann die künftige Entwicklung von inte­grativ-onkologischen Edukationsmaterialien unterstützen.

Um rein theoretisches Wissen zu vermitteln, kƶnnen beispielsweise Podcasts, Webinare oder kurze Schulungssequenzen genutzt werden. Basierend auf den Kernkompetenzen von Witt et al. lassen sich die in Tab. 1 aufgeführten Inhalte ableiten und in Lernmodule einteilen (13).

Um das theoretische Wissen in einem nƤchsten Schritt effektiv in den Alltag zu integrieren und somit, wie von Benner (35) beschrieben, die Fertigkeiten zu schulen, braucht es zudem gemeinsame Lernsettings (29, 36). In der interprofessionellen Edukation haben sich hier Simulationen oder konkrete Fallarbeit bewƤhrt (36). Teilnehmende verschiedener Professionen lƶsen hierbei gemeinsam komplexe Behandlungsszenarien und lernen so nicht nur die praktische Anwendung von Inhalten, sondern zudem auch die Zusammenarbeit miteinander besser kennen. Zum Bereich der Fertigkeiten zƤhlt ausserdem das Erlangen praktischer Anwendungskompetenz zu konkreten komplementƤren Interventionen, wie bspw. Akupunktur oder auch Ƥussere Anwendungen.

Die konkrete Handlungsfähigkeit entsteht in einem weiteren Schritt durch kontinuierliche Reflexion, Intervision oder bspw. Mentoringprogramme (36). Es geht konkret darum, eine offene und empathische Haltung zu entwickeln. Fertigkeiten sind auch, ein Verständnis den verschiedenen komplementären Verfahren gegenüber zu entwickeln und mit fehlender wissenschaftlicher Evidenz in der Kommunikation und Therapie umzugehen (13).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein stufenweises Vorgehen, welches sich an konkreten Kompetenzen orientiert, zielführend für die Entwicklung künftiger Fort- und Weiterbildungsmaterialien zur Integrativen Onkologie ist. Die Angebote sollten interprofessionell für ein multiprofessionelles Zielpublikum entwickelt werden.

Ausbildung und primƤrqualifizierende Weiterbildung

In der Schweiz sind nur sehr grundlegende integrativ-medizinische Inhalte in der Ƥrztlichen studentischen Ausbildung enthalten (37). Die Ƥrztliche Weiterbildung zum medizinischen Onkologen (SIWF-SGMO) (38) umfasst im Weiterbildungsprogramm vom 1. Juli 2021 keine Inhalte der Integrativen Onkologie, diese fehlen auch im ESMO/ASCO Core Curriculum (39), es werden ErnƤhrung, kƶrperliche AktivitƤt, Survivorship, Palliative Care und psychosoziale Aspekte erwƤhnt, aber ohne explizit Themen der Integrativen Onkologie, die in Supportive Care Guidelines erwƤhnt sind, aufzunehmen.

Auch die Ausbildung zur Pflegefachperson HF sowie der Bachelorstudiengang zur Pflegefachperson FH enthalten nur sehr geringe Anteile an integrativ-medizinischen Inhalten. In der Regel beschrƤnken sich diese auf den Bereich der Palliative Care, der Grundpflege und/oder der Prophylaxe bzw. das allgemeine Symptommanagement und werden je nach Schwerpunkt der Fachhochschulen bzw. der hƶheren Fachschulen unterschiedlich stark ausgearbeitet.

In den Weiterbildungen zu Fachexpert/-innen Onkologie oder Palliative Care werden insbesondere Ƥussere Anwendungen zum erweiterten Symptommanagement thematisiert.

Weiterbildungsangebote für die ­Integrative Onkologie in der Schweiz

In der Schweiz existiert bisher keine für Ƅrzt/-innen SIWF-anerkannte Weiterbildung in Integrativer Onkologie, die Grundlagen der Integrativen Onkologie (z. B. Grundprinzipien, Menschenbild, Diagnostisches Vorgehen) und der einzelnen Kerndisziplinen (Anthroposophisch-erweiterte Medizin, Individualisierte Homƶopathie, Medizinische Hypnose, Integrative Pflege, Mind Body Medicine, Phytotherapie, TCM/Akupunktur) beinhaltet. Für einige der Ƥrztlichen Kerndisziplinen kƶnnen FƤhigkeitsausweise (https://www.siwf.ch/weiterbildung/faehigkeitsausweise.cfm) erworben werden (siehe auch SNIO Certification Courses unten).

Eine Übersicht über vom Swiss Network for Integrative Oncology (SNIO) veröffentlichte zertifizierte Weiterbildungen und Kurse finden Sie unter folgendem QR-Code:

https://integrative-oncology.ch/media/education_certification-courses.pdf

Weiterbildungsangebote für die ­Integrative Onkologie im Ausland

In Deutschland bietet die Arbeitsgemeinschaft GynƤkologische Onkologie bspw. einen Zertifizierungskurs Integrative Medizin in der Onkologie an (40), in den USA gibt es integrativ-onkologische Fellowships (41).

Fortbildungen

Im Bereich Fortbildungen besteht ein langsam wachsendes Angebot, auch mit Inhalten aus verschiedenen Kerndisziplinen der Integrativen Onkologie und Akkreditierung durch verschiedene Fachgesellschaften, wie z. B. wissenschaftliche Session des SNIO am SOHC (Schweizer HƤmatologie Onkologie Kongress).

In Zukunft wird das SNIO auch einen Kalender mit den in der Schweiz verfügbaren Fortbildungen veröffentlichen.

Herausforderungen der aktuellen Aus-, Fort- und Weiterbildungen

Eine wesentliche EinschrƤnkung bei den meisten Schweizer Aus-, Fort- und Weiterbildungen besteht darin, dass sie nicht speziell auf den onkologischen Kontext zugeschnitten sind. Das bedeutet, dass sie weder die spezifischen Risiken noch die evidenzbasierten Indikationen komplementƤrer Therapien (siehe Artikel Kerndisziplinen) bei Krebspatient/-innen vermitteln. Darüber hinaus werden in vielen Fort- oder Weiterbildungen wichtige Aspekte der Lebensstilmedizin im onkologischen Kontext – wie Bewegung, ErnƤhrung, Schlafhygiene, StressbewƤltigung und psychische Gesundheit – sowie die Beurteilung von NahrungsergƤnzungsmitteln oder pflanzlichen PrƤparaten nicht adƤquat thematisiert.

In den kommenden Jahren beabsichtigt das SNIO, die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Integrativer Onkologie zunächst für Onkolog/-innen und onkologische Pflegefachpersonen auszubauen, in einem zweiten Schritt dann auch für Patient/-innen und Komplementärtherapeut/-innen. Ein Anliegen von SNIO ist es, Gesundheitsfachpersonen, die Krebspatient/-innen behandeln, grundlegende Kenntnisse zu vermitteln und sie somit bei ihrer Befähigung zu unterstützen.

Durch den folgenden QR-Code erhalten Sie eine Auswahl an Informationsquellen, die von der medizinischen Fachgemeinschaft im Bereich der Integrativen Onkologie als zuverlƤssig eingestuft werden, sowie eine Sammlung von praktischen Werkzeugen (27, 42).

https://integrative-oncology.ch/media/education_resources.pdf

Mithilfe dieser evidenzbasierten Informationen kann jedes komplementärmedizinische Verfahren mit den Patient/-innen im eigenen Kontext und auf der Grundlage des ­Nutzen-Risiko- oder Wirksamkeit-Sicherheits-Verhältnisses besprochen werden, wie es in den SIO-Empfehlungen und den Modellen von Cohen und Eisenberg vorgeschlagen wird (20, 43, 44).

Schlussfolgerung

Integrative Onkologie ist ein zentraler Bestandteil moderner onkologischer Behandlung. Um ihr Potenzial sicher und wirksam zu nutzen, braucht es gezielte, interprofessionelle Fort- und Weiterbildungen, die den onkologischen Kontext berücksichtigen. Der Aufbau entsprechender Bildungsangebote in der Schweiz ist ein wichtiger nächster Schritt, um Patient/-innen ganzheitlich, evidenzbasiert und bedürfnisorientiert begleiten zu können.

GisĆØle Montavon 1, Sara Kohler 2, Theresia Knittel 3, Claudia M. Witt 4

1 Service dā€˜oncologie, HFR Fribourg – HĆ“pital Cantonal, Fribourg ;
Service dā€˜oncologie mĆ©dicale, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV), Lausanne
2 Institut für Pflege, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Winterthur
3 Klinik für Onkologie, Hämatologie und Transfusionsmedizin, Kantonsspital Aarau, Aarau
4 Lehrstuhl für Komplementär- und integrative Medizin, Universität Zürich, Zürich

Sara Kohler, MScN, MAS onkol. Pflege, RN

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
Departement Gesundheit; Institut für Pflege
Katharina-Sulzer-Platz 9
8400 Winterthur

sara.kohler@zhaw.ch

Gisèle Montavon ist Board Member des Swiss Network for Integrative Oncology. Claudia M. Witt ist Präsidentin des Schweizer Fachverbandes Mind Body Medicine und erhält Honorare für wissenschaftliche Vorträge zur Integrativen Onkologie und Entwicklung von Behandlungspfaden und Curricula von Schweizer und Deutschen Spitälern.
Die weiteren Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

1. Mao JJ, Pillai GG, Andrade CJ, Ligibel JA, Basu P, Cohen L, et al. Integrative oncology: Addressing the global challenges of cancer prevention and treatment. CA Cancer J Clin. 2022;72(2):144-64.
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3. Bower JE, Lacchetti C, Alici Y, Barton DL, Bruner D, Canin BE, et al. Management of Fatigue in Adult Survivors of Cancer: ASCO-Society for Integrative Oncology Guideline Update. J Clin Oncol. 2024;42(20):2456-87.
4. Carlson LE, Ismaila N, Addington EL, Asher GN, Bradt J, Mehta A, et al. Integrative Oncology Care of Symptoms of Anxiety and Depression in Adults With Cancer: SIO-ASCO Guideline Summary and Q&A. JCO Oncol Pract. 2023;19(10):847-51.
5. Mao JJ, Ismaila N, Bao T, Barton D, Ben-Arye E, Garland EL, et al. Integrative Medicine for Pain Management in Oncology: Society for Integrative Oncology-ASCO Guideline. J Clin Oncol. 2022;40(34):3998-4024.
6. Onkologie L. S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen [Available from: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/supportive-therapie.
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8. Wode K, Henriksson R, Sharp L, Stoltenberg A, Hƶk Nordberg J. Cancer patientsā€˜ use of complementary and alternative medicine in Sweden: a cross-sectional study. BMC Complement Altern Med. 2019;19(1):62.
9. Paterson C, Toohey K, Bacon R, Kavanagh PS, Roberts C. What Are the Unmet Supportive Care Needs of People Affected by Cancer: An Umbrella Systematic Review. Semin Oncol Nurs. 2023;39(3):151353.
10. Shneerson C, Taskila T, Holder R, Greenfield S, Tolosa I, Damery S, et al. Patterns of self-management practices undertaken by cancer survivors: variations in demographic factors. Eur J Cancer Care (Engl). 2015;24(5):683-94.
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Integrative Palliative und End-of-Life Care in der Onkologie

Einleitung

Palliative Care bezeichnet die multiprofessionelle, multidimensionale Begleitung von Menschen und deren Angehƶrigen mit lebenslimitierenden Erkrankungen mit dem Fokus auf LebensqualitƤt (1). Sie ist gemƤss heutigem VerstƤndnis früh – nƤmlich bereits nach Diagnosestellung einer nicht kurativ behandelbaren Erkrankung – anwendbar. Die spezialisierte Palliative Care ist in der Schweiz breit verfügbar, sowohl stationƤr (Palliativstationen, Hospize) als auch ambulant (Palliativsprechstunden, mobile palliative Dienste).

Viele Menschen mit onkologischen Erkrankungen fragen nach Komplementär- bzw. Integrativmedizin (2). Dies trifft für alle Krankheitsstadien, auch nicht kurative, zu (3). Verschiedene integrativmedizinische Methoden/Massnahmen können für diese Patient/-innen hilfreich sein; für eine Reihe davon existieren wissenschaftliche Daten, und/oder es gibt eine relevante empirische Basis. Dieser Artikel soll die Möglichkeiten und Grenzen von komplementär- bzw. integrativmedizinischen Methoden in der Palliative und End-of Life Care beleuchten.

Palliative Care

Die moderne Palliative Care (oder auch, hƤufig synonym verwendet, Palliativmedizin) wurde von der britischen Pflegefachfrau, Sozialarbeiterin und Ƅrztin Cicely Saunders (1918–2005) begründet (4). Die Definition der Palliative Care der WHO (2002 und 2023 [5]) bezeichnet Palliative Care als Ā«einen Ansatz, der die LebensqualitƤt von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind, verbessert durch Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitige Erkennung, sorgfƤltige EinschƤtzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen kƶrperlichen, psychosozialen und spirituellen ProĀ­blemenĀ» (1). Dieses bio-psycho-sozio-spirituelle VerstƤndnis bildet eine wichtige Grundlage für zentrale Konzepte der modernen Palliativmedizin. Palliativmedizin beinhaltet – ebenfalls gemƤss WHO – einen starken Fokus auf Symptomlinderung und -prƤvention, eine Lebensbejahung bis zum Schluss, aber auch die Akzeptanz des Sterbens als Teil des Lebens (6), den Einbezug der Angehƶrigen und des multiprofessionellen Teams; sie ist zudem nicht nihilistisch, sondern schliesst durchaus auch Untersuchungsmethoden und invasive Therapien mit ein, sofern diese das Ziel der LebensqualitƤtsverbesserung unterstützen.

Cicely Saunders prƤgte unter anderem den Begriff Ā«total painĀ» (7), welcher auch auf andere Symptome übertragen werden kann. Er bedeutet, dass ein Mensch, der das Symptom Schmerz Ƥussert, dieses hƤufig nicht auf den physischen Schmerz beschrƤnkt, sondern dass auch psychologische, soziale und spirituelle (8) Dimensionen in das Schmerzerleben einfliessen (9, 10) – und damit jene bio-psycho-sozio-spirituelle Gesamtsicht widerspiegeln, die in der WHO-Definition von Palliative Care verankert ist.

Bis etwa 2010 kam Palliative Care in der Onkologie überwiegend erst dann zum Einsatz, wenn onkologische Therapien mangels Wirksamkeit beendet wurden («transition from oncology to palliative care») (11). Einen Paradigmenwechsel leitete 2010 die Studie von Temel et al. im New England Journal of Medicine ein, in der 151 Patient/-innen mit neu dia­gnostiziertem NSCLC untersucht wurden. Jene, die zusätzlich zur onkologischen Standardtherapie regelmässige Konsultationen bei einem spezialisierten Palliative-Care-Team erhielten, zeigten nicht nur eine Verbesserung der Lebensqualität, sondern auch ein längeres medianes Überleben (12). Seitdem gilt an vielen onkologischen Zentren als Standard (13), dass Patient/-innen bereits während aktiver Krebstherapien (14) bei komplexen Symptomen oder psychosozialen bzw. spirituellen Belastungen frühzeitig an spezialisierte Palliative-Care-Teams überwiesen werden sollten (15, 16). Um die «frühe» Palliative Care klar von der Versorgung am Lebensende zu unterscheiden, hat sich für Letztere der Begriff «End-of-Life Care» etabliert (17).

Nicht alle Patient/-innen mit unheilbarer Krebserkrankung bedürfen spezialisierter Palliative Care. Viele Palliative-Care-Interventionen – etwa GesprƤche über KrankheitsverstƤndnis, Netzwerkplanung oder Symptomkontrolle – werden im Rahmen der allgemeinen Palliative Care durch HausƤrzt/-innen, Onkolog/-innen und onkologische Pflegefachpersonen durchgeführt (18). Bei komplexeren oder interagierenden Symptomen bzw. bei ausgeprƤgten psychosozialen oder spirituellen Belastungen ist die Überweisung an spezialisierte Teams angezeigt (19, 20).

In der Schweiz ist die Verfügbarkeit von sowohl stationärer Palliative Care (Palliativstationen, Hospize) als auch ambulanter Palliative Care (Palliativsprechstunden, mobile palliative Dienste) allgemein gut (regionale Unterschiede). Für die DKG-Zertifizierung von Krebszentren, welche in der Schweiz verbreitet ist, wird für alle Patient/-innen der Zugang zu stationärer und ambulanter Palliative Care gefordert (21).

Seit dem Jahr 2016 können Fachärzt/-innen, welche sich in Palliative Care spezialisieren möchten, den SIWF-interdisziplinären Schwerpunkttitel Palliativmedizin erlangen. Dieser beinhaltet neben einer strukturierten theoretischen Ausbildung in Palliativmedizin von 160 Stunden eine mindestens zweijährige Tätigkeit in der spezialisierten Palliativmedizin. Ein Schwerpunkttitel Palliativmedizin ist Bedingung, um eine Palliativstation zu leiten. Im länderspezifischen Vergleich liegt der Aufwand für die Erlangung der ärztlichen Spezialisierung in Palliative Care zwischen Grossbritannien, wo die Palliative Care ein eigener Facharzttitel darstellt, und Deutschland, wo die Zusatzbezeichnung Palliative Care für Facharzttitelträger/-innen in 40 Stunden Kursweiterbildung und 120 Stunden Fallseminaren (Letzteres kann ersetzt werden durch 6 Monate Weiterbildung an Weiterbildungsstätten) zu erlangen ist (22).

Integrative Medizin in der Palliative Care

Unter dem Begriff Ā«Integrative MedizinĀ» wird die sinnvolle Verbindung von KomplementƤr- und konventioneller Medizin verstanden (23). In der Schweiz sind seit dem Jahr 2009 vier komplementƤrmedizinische Richtungen (Anthroposophisch erweiterte Medizin, TCM/Akupunktur, klassische Homƶopathie und Phytotherapie) in der Verfassung festgehalten und deren Ƥrztliche Leistungen werden über die Grundversicherung vergütet, wenn sie von einem/einer Ƅrzt/-in erbracht werden, welche/-r den entsprechenden SIWF-FƤhigkeitsausweis besitzt (24). Viele Arzneimittel, die in den oben genannten komplementƤrmedizinischen Methoden verwendet werden, werden ebenfalls durch die Grundversicherung vergütet.

In den Schweizer Krebszentren, welche über ein integrativmedizinisches Angebot für onkologische Patient/-innen verfügen (Ā«Integrative OnkologieĀ»), werden in der Regel eine oder mehrere der oben genannten Methoden und/oder Mind-Body-Medizin angeboten. Mindestens zweimal monatliche integrativonkologische Sprechstunden durch einen/eine Ƅrzt/-in mit einem SIWF-FƤhigkeitsausweis in einer der oben genannten Methoden oder ein CAS in Mind-Body-Medizin und eine Zertifizierung des Krebszentrums sind die Bedingungen für eine Mitgliedschaft im Schweizer Netzwerk für Integrative Onkologie (www.inteĀ­grative-oncology.ch) (25).

Im Folgenden bezieht sich der Begriff KomplementƤr- bzw. Integrativmedizin (CIM) schwerpunktmƤssig auf die oben genannten Methoden. Bei verschiedenen (nicht allen) komplementƤrmedizinischen Methoden fƤllt ein Fokus auf Salutogenese und ein multidimensionales Menschenbild, das hƤufig die psycho-spirituelle Dimension einbezieht, auf (26). Insofern finden sich hier gewisse Parallelen zu den GrundsƤtzen der Palliative Care. Dieser Aspekt sowie mƶglicherweise auch der Fokus auf einen Ā«Team-ApproachĀ» mit der zentralen Rolle von Pflegefachpersonen in der Palliative Care sind mƶglicherweise ein Grund, warum in verschiedenen Palliative-Care-Settings Konzepte, wie z. B. Aromapflege, die als Teil der Phytotherapie angesehen wird, in den letzten Jahren etabliert wurden (27).

Vermeiden von «Aggressive End-of-Life Care» auch in Integrativer Onkologie

Der Begriff Ā«Aggressive End-of-life careĀ» bezeichnet belastende medizinische Massnahmen wie nebenwirkungsreiche Chemotherapie, Aufnahme auf die Intensivstation oder Reanimation in der letzten Lebensphase bei weit fortgeschrittener Krebserkrankung – Situationen, in denen der Nutzen in der Regel nur marginal ist. Studien zeigen, dass durch die frühzeitige Integration von Palliative Care die HƤufigkeit solcher Interventionen deutlich reduziert werden kann (28, 29, 30).

Dieses Prinzip – belastende Interventionen mit geringem Nutzen zu vermeiden – gilt nicht nur für konventionelle onkologische Therapien, sondern auch für komplementƤr-integrative Verfahren. Auch wenn CIM-Massnahmen von vielen Patient/-innen und Behandelnden als sanft und weitgehend frei von Nebenwirkungen eingeschƤtzt werden (31, 32), kƶnnen sie am Lebensende dennoch relevante Belastungen mit sich bringen. Dazu zƤhlen spezifische unerwünschte Wirkungen beispielsweise von pflanzlichen Arzneimitteln (siehe Kapitel Phytotherapie), invasive Applikationsformen wie Nadeln bei der Akupunktur (siehe Kapitel TCM) oder Infusionen/subkutane Injektionen sowie der logistische Aufwand (33) wiederholter Praxis- oder Klinikbesuche (34, 35) (sog. Time Toxicity [36]) und oft die finanzielle Belastung (sog. Financial Toxicity [37)]. Die finanzielle und logistische Belastung wird wahrscheinlich unterschƤtzt (38). Entsprechend sollten auch CIM-Interventionen in dieser Phase kritisch auf ihr Nutzen-Belastungs-VerhƤltnis geprüft und gegebenenfalls in Absprache mit der Patientin bzw. dem Patienten beendet oder nicht begonnen werden. Dazu kann ein strukturierter Entscheidungsprozess wie bei systemischer Krebstherapie in palliativer Absicht angewandt werden (39).

Darüber hinaus suchen viele Patient:innen angesichts der Krankheitsprogression und des nahenden Lebensendes nach einem letzten «Strohhalm». In dieser Situation steigt die Anfälligkeit für unseriöse Angebote der Komplementärmedizin, die teils sogar Heilung suggerieren. Solche Versprechungen bergen das Risiko von Enttäuschung, Fehlallokation von Ressourcen und zusätzlicher Belastung für Angehörige. In solchen Fällen erweist sich die Doppelkompetenz von Fachpersonen mit Erfahrung in Integrativer Medizin und Palliative Care als hilfreich. Sie können durch empathische Begleitung, hohe Kommunikationskompetenz und die fachliche Einordnung unseriöser Angebote dazu beitragen, dass fragwürdige «Strohhalme» nicht ergriffen werden. So bleibt Patient:innen mehr Zeit und Energie für das, was sie selbst als wesentlich erachten.

Beispiele von CIM-Interventionen in der Palliative und End-of-Life Care

Im Folgenden sollen exemplarisch die Möglichkeiten von zwei Kerndisziplinen der integrativen Onkologie (AEM, Phytotherapie) in der Palliative und End-of-Life Care dargestellt werden. Diese Auswahl ist begründet durch die Fähigkeitsausweise in den entsprechenden Disziplinen der Autoren dieses Artikels.

Anthroposophisch erweiterte Medizin

Im Vordergrund stehen erfahrungsbasierte und teilweise studienbasierte, gut nachvollziehbare AnsƤtze aus Ƥrztlicher, pflegerischer und therapeutischer Praxis, die die konventionelle Versorgung sinnvoll ergƤnzen.

Medikamentƶse AnsƤtze

Die AEM bietet ein differenziertes Spektrum an Arzneimitteln, die symptomorientiert und individuell angewendet werden (siehe Artikel Gemeinsamkeiten und Kerndisziplinen, Kapitel AEM). Meist handelt es sich um niedrig potenzierte PrƤparate (D1–D30) oder um nach anthroposophisch-spezifischen Verfahren hergestellte Medikamente pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs.

• Appetitlosigkeit: BitterstoffprƤparate wie WALA Magen-Darm Globuli velati oder WELEDA Amara Tropfen haben eine lange Anwendungstradition und fƶrdern durch ihre bittere Komponente Appetit und Verdauung (40, 41).
• Angst und Schlafstƶrungen: Zubereitungen aus Bryophyllum pinnatum (Brutblatt, verschiedene Hersteller) werden in der anthroposophischen Praxis breit eingesetzt und kƶnnen Angst sowie innere Anspannung positiv beeinflussen und das Ein- und Durchschlafen unterstützen (42, 43).
• Unruhe im Sterbeprozess: WELEDA Olibanum comp., ein potenziertes Komplexmittel aus Olibanum resina, Aurum metallicum und Myrrha, wird im Sterbeprozess angewendet, wenn Unruhe und existenzielle Not im Vordergrund stehen (44, 45).
• Übelkeit und Verdauungsbeschwerden: WELEDA Nux vomica comp. Dil. und WALA Magen-Darm Globuli velati werden eingesetzt, um Übelkeit und Verdauungsprobleme zu lindern (41).
• Misteltherapie: MistelprƤparate (in der Schweiz: Iscador, Helixor und Abnobaviscum) kƶnnen Müdigkeit (Fatigue), Appetitlosigkeit und das allgemeine Wohlbefinden günstig beeinflussen (46, 47).

Ƅussere Anwendungen in der Pflegepraxis

Ƅussere Anwendungen nehmen im anthroposophischen Pflegekonzept (siehe Kapitel Integrative Pflege) einen zenĀ­tralen Stellenwert ein – sie entfalten ihre Wirkung über die verwendeten, meist pflanzlichen, teils metallischen SubĀ­stanzen sowie über die physikalische Wirkung der (je nach Anwendung) WƤrme und/oder Feuchtigkeit bzw. rhythmischen Berührungen (44, 48).
• Aurum-Lavandula-Herzauflage kann sich positiv auf Angst und innere Unruhe auswirken (41).
• Schafgarben-Leberwickel kƶnnen die VitalitƤt stƤrken, den Stoffwechsel regulieren und die SchlafqualitƤt verbessern (49).
• Oxalis-Zwerchfellauflage wird bei nervƶser Anspannung, Verdauungsstƶrungen oder seelischer Erschütterung/Schock eingesetzt (41).
• Rhythmische Einreibungen nach Wegman/Hauschka: Diese Pflegemethode mit rhythmisch geführten Berührungen kann Kƶrperwahrnehmung und Vertrauen fƶrdern (41, 48). Je nach Ziel der Anwendung werden unterschiedliche Substanzen verwendet.

Künstlerische Therapien

Anthroposophische Kunsttherapien – Malen, Plastizieren, Musiktherapie, Sprachgestaltung oder Heileurythmie, eine achtsame Bewegungstherapie – spielen in der anthroposophisch erweiterten Palliative und End-of-Life Care eine wichtige Rolle.
• Systematische Übersichten zeigen, dass künstlerische Therapien Angst und depressive Symptome bei Krebspatient/-innen deutlich reduzieren kƶnnen (50, 51).
• Heileurythmie kann Atemnot, Schmerzen und Unruhe günstig beeinflussen, indem sie Rhythmus und Atmung harmonisiert (45, 52).
• Sprachgestaltung und Musik kƶnnen kƶrperliche und emotionale Symptome lindern, Entspannung fƶrdern und Raum für existentielle Themen schaffen (52).

Psychosoziale und spirituelle Begleitung

Das anthroposophische Menschenbild versteht Leib, Seele und Geist als Einheit und erweitert so die Begleitung im Sterbeprozess um einige Aspekte:
• Spirituelle Begleitung: Neben konventionellen AnsƤtzen (53, 54) integriert die AEM Biografiearbeit, Meditation und Entspannungsübungen, die auch nicht religiƶse Menschen in spirituell-existentiellen Themen begleiten kƶnnen (44, 45).
• Salutogenese und Selbstregulation: Die AEM legt grossen Wert auf die Fƶrderung innerer Ressourcen. Biografiearbeit, künstlerische ZugƤnge und Ƥussere Anwendungen zielen auf die Unterstützung der Selbstregulation (55, 56).

Der spezifische Beitrag der Ā­anthroposophischen Palliative Care

Die AEM erweitert die allgemeine Palliativversorgung in folgenden Punkten:
1. Ganzheitliches Pflegekonzept und äussere Anwendungen: Durch Rhythmus, Berührung und multisensorische Erfahrungen können Geborgenheit und Stabilität vermittelt werden (44).
2. Breites Spektrum symptomorientierter Arzneimittel – meist pflanzlichen, teils auch mineralischen Ursprungs, die eine individuell angepasste, gut vertrƤgliche Therapie ermƶglichen
3. Integration von Kunst und Natur: Kreative Therapien und natürliche Substanzen erweitern das Handlungsspektrum.
4. Fokus auf Salutogenese und Selbstregulation: Der anthroposophisch-medizinische Ansatz betont die inneren RegulierungsfƤhigkeiten auch bei weit fortgeschrittener Erkrankung (55).

Fazit: Die AEM bereichert die Palliativversorgung durch ein praxisnahes Repertoire aus Arzneimitteln, Ƥusseren Anwendungen, künstlerischen Therapien und psycho-spirituellen Begleitmƶglichkeiten – stets mit dem Ziel, den Menschen in seiner kƶrperlich-seelisch-geistigen Ganzheit in den Mittelpunkt zu stellen und seine inneren Ressourcen bis zuletzt zu stƤrken.

Phytotherapie

Phytotherapeutische Arzneimittel in verschiedenen Zubereitungsformen (siehe Kapitel Phytotherapie) kƶnnen in der Palliative und End-of-life Care in ausgewƤhlten Indikationen zur Symptomlinderung (u. a. Angst/Unruhe, Schlaf, Fatigue, Übelkeit) und zur positiven Beeinflussung des Gesamtbefindens beitragen (57). Neben den Daten aus klinischen Studien spielt für die Nutzenbewertung auch die lange Anwendungstradition, die beispielsweise in den Monografien internationaler Fachgremien wie der EuropƤischen Arzneimittelagentur (Committee on Herbal Medicinal Products, EMA-HMPC) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) systematisch aufgearbeitet und mit prƤklinischen Daten in Bezug gesetzt wird, eine Rolle.

Zu den innerlich angewendeten Arzneipflanzen zƤhlen u. a. Zubereitungen aus der Weissbeerigen Mistel (VisĀ­cum album), Hanf (Cannabis sativa/indica), Weihrauch (Boswellia serrata) sowie Ingwer (Zingiber officinale). Für MistelprƤparate zeigen systematische Übersichten inkonsistente Ergebnisse; einzelne randomisierte Studien berichten von Verbesserungen der LebensqualitƤt (46), wƤhrend Überlebenseffekte nicht gesichert sind. Medizinischer Cannabis kann als Add-on für einzelne Symptome (z. B. refraktƤre Übelkeit, Appetitverlust, Schmerzen) nach AufklƤrung und unter Beachtung von Interaktionen, Nebenwirkungen und Rechtslage erwogen werden (58, 59). In einer doppelblinden Pilot-RCT reduzierte Weihrauch (Boswellia serrata) peritumorales Hirnƶdem bei Hirntumoren unter Bestrahlung; die Datenbasis ist allerdings klein (60, 61). Für Ingwer bei CINV (Chemotherapie-induzierte Nausea und Vomitus) fallen Ergebnisse gemischt aus: Metaanalysen und RCTs zeigen teils Vorteile (v. a. akute Übelkeit), teils keine klaren Effekte (62, 63). Für standardisierte orale Lavendelƶl-PrƤparate (z. B. Silexan) zeigt eine Metaanalyse signifikante Angstreduktionen bei guter VertrƤglichkeit (64). Traditionelle und teilweise wissenschaftliche Evidenz besteht für Zubereitungen aus Baldrianwurzel, Hopfen, Passionsblumenkraut und Melisse bei Schlafstƶrungen (65, 66, 67, 68). Für Inappetenz verschiedenen Ursprungs werden traditionell Zubereitungen aus Bitterstoff-Arzneipflanzen eingesetzt; die Wirkung ist teilweise auch in klinischen Studien abgebildet (69, 70, 71). Die Übertragbarkeit auf die Situation des Patienten mit Inappetenz bei weit fortgeschrittener Erkrankung ist offen, ein Versuch kann jedoch, wenn vom Patienten toleriert, vertreten werden.

Ƅussere Anwendungen von Arzneipflanzenzubereitungen in der Form von Wickeln/Auflagen und Aromapflege werden zur Fƶrderung von Wohlbefinden, Entspannung und Schlaf eingesetzt. Eine kleine Pilotstudie wies auf eine Fatigue-Reduktion unter Leberauflagen mit Schafgarbentee wƤhrend palliativer Radiatio hin (72). Aromatherapie zeigt in systematischen Reviews Effekte auf Angst und Schlaf (73). Im Spektrum der Aromatherapie ist Lavendel (Lavandula angustifolia) am besten untersucht: Inhalative/topische Anwendungen (Diffusor, Duftkissen, Einreibungen) erzielen in RCTs und Reviews – auch in palliativnahen Settings – kurzfristige, überwiegend moderate Effekte auf Angst und Schlaf (73). Eine neue Studie zeigte signifikante Verbesserungen von SchlafqualitƤt, Angstsymptomen und Schmerzen bei Brustkrebspatientinnen unter Chemotherapie, die eine Massage mit Lavendelƶl erhielten, gegenüber der Placebogruppe (Massage mit Mandelƶl) (74).

Symptomorientiert lassen sich beispielhaft folgende Einsatzbereiche ableiten:

– Angst/Unruhe und Schlaf: Lavendelƶl (oral, inhalativ beispielsweise über Diffusor, dermal), Zubereitungen aus Baldrian, Passionsblume, Melisse, Hopfen (65, 66, 67)
– Fatigue (insbesondere unter Radiotherapie): Leberauflagen mit Schafgarbentee (72)
– Inappetenz: Zubereitungen aus Bitterstoff-Arzneipflanzen (bspw. Wermut, gelber Enzian, Lƶwenzahn)
– Übelkeit/Erbrechen: Zubereitungen aus Ingwer als Add-on zur leitliniengerechten Antiemese (62, 63), medizinischer Cannabis (58, 59)
– Hirnƶdem/Hirndruck: Extrakte aus indischem Weihrauch in selektierten FƤllen off-label nach interdisziplinƤrer AbwƤgung und AufklƤrung; ggf. zum Versuch der Steroidreduktion (60, 61)
Sicherheit und QualitƤt: Phytotherapeutische PrƤparate unterscheiden sich in Extraktart, Dosis, Standardisierung und QualitƤt; bevorzugt sollten HMPC-/Pharmakopƶe-konforme Zubereitungsformen eingesetzt werden. Zu beachten sind mƶgliche Interaktionen (z. B. mit Sedativa, Antikoagulanzien, CYP/P-gp-Substraten) sowie eine sorgfƤltige Dosisfindung, insbesondere bei medizinischem Cannabis. Für die Anwendung Ƥtherischer Ɩle sollten ausschliesslich zugelassene PrƤparate in geeigneter Dosierung und QualitƤt in Betracht gezogen werden.

Abschluss und Ausblick

Palliative Care vereint bio-psycho-sozio-spirituelle Begleitung und multiprofessionelle Zusammenarbeit mit dem Ziel, die LebensqualitƤt von Menschen mit lebenslimitierenden Erkrankungen und ihren Angehƶrigen zu sichern – mƶglichst früh im Krankheitsverlauf (1, 12, 16). Viele Patient/-innen in der Palliative Care Ƥussern den Wunsch nach integrativmedizinischen Angeboten (3). Zahlreiche Verfahren der Integrativen Medizin lassen sich aufgrund ihres multidimensionalen Menschenbildes mit Einbezug psycho-spiritueller Aspekte und ihres Ƥhnlichen Teamansatzes gut mit den Grundprinzipien der Palliative Care verbinden und kƶnnen, wenn sie gezielt ausgewƤhlt und in das individuelle Behandlungskonzept eingebettet werden, wertvolle Impulse setzen (23, 26). Ein zentrales Prinzip der Palliative Care ist es dabei, belastende Massnahmen ohne klaren patientenrelevanten Nutzen zu vermeiden – unabhƤngig davon, ob sie aus der konventionellen oder aus der komplementƤr-integrativen Medizin stammen (8, 29, 30). Die AEM und die Phytotherapie stehen exemplarisch für zwei in der Palliative und End-of-life Care hƤufig eingesetzte Richtungen der Integrativen Medizin, die – jeweils mit eigenen Konzepten und Therapieschwerpunkten – Potenzial für die Unterstützung in dieser Lebensphase bieten, jedoch Fachkompetenz sowohl in der jeweiligen CIM-Richtung als auch in der Palliative Care erfordern, um die jeweilige Situation individuell und differenziert beurteilen zu kƶnnen. Integrativmedizinische Verfahren kƶnnen – richtig eingesetzt – dazu beitragen, Menschen am Lebensende umfassend, individuell und im Einklang mit den Prinzipien der Palliative Care zu begleiten.

Sandra Pittl 1, Corrado Bertotto 2, Natalie Kalbermatten 3

1 Zentrum für Integrative Onkologie, Zürich, Schweiz
2 Zentrum für Integrative Medizin, HOCH Health Ostschweiz, Kantonsspital St. Gallen, Schweiz
3 Onkologie/Hämatologie, Kantonsspital Münsterlingen, Schweiz

Dr. med.Natalie Kalbermatten, M.Sc.

Onkologie/Hämatologie Kantonsspital Münsterlingen
Spitalcampus 1
CH-8596 Münsterlingen

natalie.kalbermatten@stgag.ch

Natalie Kalbermatten ist Vizepräsidentin des Swiss Network for Integrative Oncology und ist Mitglied der Eigentümerfamilie eines Unternehmens, das pflanzliche Arzneimittel herstellt und vertreibt. Die weiteren Autor/-innen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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Die Rolle der Integrativen Onkologie in der (post-kurativen) Survivorship Care

Einleitung

In der Schweiz erkranken jedes Jahr circa 45 500 Menschen an einer Krebserkrankung (1). Die Zahl der Cancer Survivors – Menschen, die eine Krebserkrankung überstanden haben oder mit der Erkrankung leben – steigt aufgrund besserer Diagnostik und Therapie kontinuierlich an. Viele Betroffene sind jedoch mit Langzeitfolgen konfrontiert und kƶnnen auch Jahre nach Abschluss der aktiven Behandlung unter anhaltenden, mit der Erkrankung oder der Therapie assoziierten Beschwerden leiden. Die überwiegende Mehrheit aller Cancer Survivors berichtet über anhaltende kƶrperliche Beschwerden (z. B. Fatigue, therapieinduzierte Polyneuropathie, Schlafstƶrungen, kognitive Dysfunktionen) und psychische Symptome (z. B. emotionale Belastung/Disstress, Ƅngste, depressive Symptome) sowie relevante soziale Herausforderungen im Bereich von Beziehungen, Familie sowie ErwerbstƤtigkeit im weiteren zeitlichen Verlauf. Der Begriff der sogenannten Survivor-ship Care, d. h. die Langzeitbetreuung nach einer Krebserkrankung, gewinnt aufgrund der oben geschilderten ZusammenhƤnge zunehmend an Bedeutung (2).

Definition Cancer Survivorship

Der von Fitzhugh Mullan 1985 geprƤgte Begriff Ā«Cancer SurvivorshipĀ» (3) wurde in den letzten Jahren unterschiedlich definiert. International durchgesetzt hat sich die Definition der US-amerikanischen Patientenorganisation Ā­National Coalition for Cancer Survivorship (NCCS), die jedes betroffene Individuum vom Zeitpunkt der Diagnose an bis zu seinem Tod als Cancer Survivor – als Krebsüberlebenden – bezeichnet (4). Diese Definition, der sich zahlreiche internationale Fachgesellschaften angeschlossen haben, ermƶglicht es, die onkologische Versorgung entlang eines Kontinuums zu verstehen und damit die mƶglichen Auswirkungen der Krebstherapie auf die LebensqualitƤt des Cancer Survivor bereits wƤhrend der PrimƤrtherapie zu berücksichtigen (5). Andere DefinitionsvorschlƤge orientieren sich an Phasenmodellen (6), welche sich am Behandlungs- und Krankheitsverlauf orientieren. Hier wird zum Beispiel die akute Behandlungsphase vom mittleren (bis ca. 5 Jahre nach Diagnosestellung) sowie Langzeitüberleben ab dem 5. Jahr nach Diagnosestellung abgegrenzt. Unterschieden werden darüber hinaus das krebsfreie Überleben und das Überleben mit einer chronischen oder fortschreitenden Krebserkrankung (4). In der Schweiz entwickelt Oncosuisse als Teil des Masterplans (7) mit zwei Expertenworkshops nationale Konsensusempfehlungen für Ā«Cancer Survivorship CareĀ» (Publikation in Vorbereitung) unter Verwendung der NCCS-Definition.

Survivorship Care

Studien weisen darauf hin, dass viele Krebsüberlebende im Langzeitverlauf gute Funktions- und Lebensqualitätswerte aufweisen (8). Vergleiche mit Referenzdaten zeigen jedoch, dass Cancer Survivors auch Jahre nach der Behandlung gegenüber der Allgemeinbevölkerung (nach Alter und Geschlecht angepasst) klinisch relevante Beeinträchtigungen in körperlichen, psychischen und sozialen Aspekten aufweisen (2). Diese Beeinträchtigungen dienen als Ansatzpunkte für Survivorship Care Plans (SCPs), welche optimalerweise kurz nach Beendigung der Primärtherapie erstellt werden und welche neben Informationen zur Notwendigkeit zukünftiger Nachsorgeuntersuchungen in Hinblick auf mögliche Langzeit- und Spätfolgen Empfehlungen zu gesundheitsfördernden Massnahmen und zur Symptombehandlung enthalten (6). Konkret bedeutet dies, dass SCPs neben primär krankheitsspezifischen Themen auch Empfehlungen zum Lebensstil, sozialrechtliche Themen sowie psychosoziale Unterstützungsangebote enthalten sollten. Da die Probleme der Cancer Survivors oft vielschichtig sind und sich gegenseitig bedingen und/oder verstärken, erfordern SCPs einen multidisziplinären Ansatz, um dieser Problematik gerecht zu werden (9). Obwohl die Anzahl der Cancer Survivors stetig steigt, gibt es innerhalb des Schweizer Gesundheitssystems erst wenige koordinierte Nachsorgeangebote für die Zeit nach der medizinischen Erstbehandlung (10). Das Projekt All.Can hat die «Ist-Situation der Versorgungslandschaft und Empfehlungen zur Verbesserung der Krebsnachsorge» untersucht, inkl. qualitativer Interviews mit 18 Experten, einem Online-Survey und einem Validierungsworkshop, der finale Bericht ist veröffentlicht (1.5.2025 [11]).

In der Schweiz wird Survivorship Care erforscht. Die Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt aktuell das «Cancer Survivors Support Program», welches sowohl digitale als auch persönliche Elemente eines Coachings nutzt, und koordiniert den medizinischen Nachsorgeplan, psychosoziale Unterstützungsangebote sowie die Förderung des Selbstmanagements von krebsbetroffenen Menschen. Das Projekt ist im Sommer 2024 gestartet und dauert 4 Jahre (12). Das PACE-Partnership-Projekt der Berner Fachhochschule erforscht ab Oktober 2025 für 4 Jahre mit SNF-Förderung im transdisziplinären Team, wie Fachpersonen und Menschen mit chronischer Fatigue einander besser verstehen und begegnen können (13).

Perspektive der Integrativen Onkologie

In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Integrative Onkologie (IO) als zunehmend sichtbarer Bestandteil der Krebsbehandlung ein deutliches Wachstum erlebt. Ihr Ziel ist es, evidenzbasierte komplementƤre Therapien mit konventionellen Behandlungen zu kombinieren, um das Wohlbefinden und die LebensqualitƤt von Menschen mit Krebserkrankungen zu verbessern. Zudem sollen die betroffenen Personen befƤhigt werden, Krebserkrankungen vorzubeugen und sich vor, wƤhrend und nach einer Krebsbehandlung aktiv zu beteiligen (14). Die Verbreitung von Programmen für IO in grossen Krebszentren weltweit spiegelt diese RealitƤt ebenfalls wider. Verschiedene Studien zeigen, dass bis zu 50 % der Cancer Survivors traditionell-komplementƤr-integrative Medizin (TCIM) (15) beanspruchen (16); eine Studie aus dem Jahr 2010 kam auf einen Prozentsatz von 65 % (17). Es gibt zunehmend Forschungsarbeiten dazu, ob und wie integrative medizinische AnsƤtze dazu beitragen kƶnnen, die Symptome und die LebensqualitƤt (QoL) von Krebsüberlebenden zu verbessern. Durch die Entwicklung nationaler (AWMF: Deutsche S3-Guidelines) (18) und internationaler Leitlinien (Society for Integrative Oncology, SIO) (19), die anschliessend von den entsprechenden Expertengremien gebilligt wurden, unterstützen evidenzbasierte Empfehlungen eine Reihe von therapeutischen AnsƤtzen für die Behandlung in diesem Bereich (siehe auch Artikel Edukation). Die drei klinischen Praxisleitlinien von ASCO-SIO, die als Leitfaden für die integrative unterstützende Behandlung dienen, umfassen Integrative Medizin zur Schmerzbehandlung (20), von Angst- und Depressionssymptomen (21) und die Behandlung von Cancer-related Fatigue (CRF) (22) und adressieren somit relevante Langzeitsymptome der betroffenen Personen. Aktuell erfolgen Umsetzungsprojekte für die Implementierung (23, 24). Im Weiteren sollen nun am Beispiel der CRF, von Schlafstƶrungen im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung sowie der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie konkrete Anwendungsbereiche von Therapiekonzepten aus der IO und die Zusammenarbeit und Überlappungen mit anderen medizinischen Fachgebieten beispielhaft bezüglich ErnƤhrung und kƶrperlicher AktivitƤt erlƤutert werden.

Cancer-related Fatigue (CRF)

Krebsbedingte Müdigkeit (CRF) ist eine der hƤufigsten Nebenwirkungen, die mit der Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen einhergehen (25). Sie ist durch ein Ā«anhaltendes und oft überwƤltigendes Gefühl kƶrperlicher, geistiger und/oder emotionaler ErschƶpfungĀ» gekennzeichnet und unterscheidet sich von durch Anstrengung verursachter Müdigkeit, da sie nicht ohne Weiteres durch ausreichend Schlaf oder Ruhepausen nachlƤsst. Ihre Auswirkungen sind in allen Stadien der Krebserkrankung zu spüren, von der Erstdiagnose bis hin zu den Cancer Survivors. SchƤtzungen zur PrƤvalenz sind abhƤngig von der Definition des Schweregrads, der Behandlungsphase (wƤhrend multimodaler onkologischer Erstbehandlung, Langzeit-Cancer-Survivor, End-of-Life), der onkologischen BehandlungsmodalitƤt (Chemo-, Immun-, Hormon-, Radio- und Protonentherapie, Operation in Vollnarkose oder Kombinationen davon [26]), der Tumorart, dem Tumorstadium (aktive/inaktive Krebserkrankung), dem Geschlecht und auch dem Jahrzehnt der Publikation (früher PrƤvalenzraten hƶher) (27, 28, 29, 30, 31). WƤhrend der onkologischen Behandlung leiden 30 % bis 60 % der Betroffenen an mƤssiger bis schwerer Fatigue, bei Mammakarzinom deutlich mehr (58 % bis 94 %) (29). Auch Jahre nach Abschluss der Erstbehandlung in kurativer Absicht ohne Hinweis auf ein Rezidiv persistiert bei ca. 20 % bis 35 % ein klinisch relevantes Fatigue-Syndrom. Viele betroffene Cancer Survivors fühlen sich hiermit nicht gut wahrgenommen und behandelt (32).

Cancer-related Fatigue (CRF) wird heute nicht mehr nur als isoliertes Symptom angesehen, sondern als eine komplexe Stƶrung unter Berücksichtigung von Schlafstƶrungen. Dies verdeutlicht sich bei der Betrachtung der gƤngigen Definition von CRF im ICD-10, bei der z. B. zwei von zehn A-Kriterien diesen Bezug zu Schlafstƶrungen belegen, u.a. Insomnie und Hypersomnie sowie die Erfahrung, den Schlaf als nicht erholsam zu erleben (33). In einer deutschen Studie wurden als am stƤrksten ausgeprƤgte Symptome von Mammakarzinom-Patientinnen drei Jahre nach Erstdiagnose neben Fatigue (38 %) auch Insomnie mit 46 % in der EORTC QLQ-C30-Symptom-Skala angegeben (34). Interessanterweise persistieren gemƤss einer Langzeitstudie bei über 6900 Patienten (45 % Mammakarzinom) diese Symptome über 14 Jahre mit einer Symptomlast von über 35% (35). Schlafstƶrungen werden im nƤchsten Abschnitt diskutiert.

Bei der Ƅtiologie der CRF werden verschiedene Faktoren postuliert: eine mitochondriale SchƤdigung (36) inklusive der astralen Gliazellen (37, 38, 39), neuro-immunologische VerƤnderungen sowie autonome Dysfunktion (41). Zur Diagnostik werden neben der ausführlichen Anamnese der ergƤnzende Einsatz von verschiedenen Assessments wie z.B. SIF (42), CFS-D (43), DICRFS (44) und BFI (45) empfohlen.

Zusätzlich sollten mögliche Funktionseinschränkungen wichtiger Organe wie Leber, Niere oder Herz ausgeschlossen werden sowie laborchemische Untersuchungen mit dem Fokus auf eine mögliche entzündliche Aktivität, Elektrolytstörungen oder Glukosestoffwechselstörungen sowie Substratmangel (Vitamine, Mineralstoffe inkl. Selen und Zink) oder hormonelle Imbalancen sowie Status nach Virusinfektionen wie z.B. Covid-19 durchgeführt werden. Bei kognitiven Einschränkungen wird die Durchführung einer neuropsychologischen Untersuchung (optimalerweise in den Nachmittagsstunden) empfohlen, bei ausgeprägten Schlafstörungen eine ergänzende schlafmedizinische Untersuchung, des Weiteren einfache körperliche Funktionstests (52) (z.B. FTSTS) (53). Therapeutisch ist bei einem CRF ein evidenzbasiertes, multimodales Interventionsprogramm empfohlen. Dieses besteht aus Ausdauer- und Krafttraining (54), Energiemanagement (55), psychologischer Begleitung mit Fokus auf emotionalen Energieverlust, Achtsamkeits- bzw. Mind-Body-Interventionen (56), Beratung zu einer antientzündlichen (57), pflanzenbasierten sowie proteinreichen Ernährung (58), Schulung zur Schlafhygiene (Berücksichtigung von Nacht/Tag-Rhythmen) (59). Die einzelnen Bestandteile des Programms sollten aufeinander abgestimmt sein, um sowohl eine Unter- als auch eine Überforderung (insbesondere auch in Hinblick auf das körperliche Training) zu vermeiden.

Die Behandlungsleitlinien der onkologischen Fachgesellschaften (60, 61, 62) beinhalten sowohl nichtmedikamentöse Interventionen der IO (siehe Artikel Kerndisziplinen), hier insbesondere bezüglich Mind-Body-Verfahren wie MBSR/MBCT, Tai Chi, Qi Gong oder restorativem (63) Yoga, Kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) mit oder ohne Hypnose zum Energiemanagement und Akupunktur/Akupressur sowie phytotherapeutischer Präparate (Ginseng) und die Verwendung von Mistelgesamtextrakt. Ein kürzlicher Übersichtsartikel (open access) fasst die Evidenz und Empfehlungen zusammen (64).

Bei der Beurteilung der verschiedenen BehandlungsmodalitƤten sollten der Kontext und Kombinationsbehandlungen berücksichtigt werden. Beispielhaft zeigte eine klinische Hypnoseintervention wƤhrend der Radiotherapie in kurativer Absicht bei Brustkrebs (15 Minuten Beginn und Ende, dazwischen wƶchentlich 5 Min. entspannende innere Bilder und Anregungen zur Reduktion von Stress und Fatigue) in Kombination mit KVT im Vergleich zur randomisierten Kontrollgruppe (Aufmerksamkeit) eine klinisch und statistisch signifikante Verbesserung der Fatigue nach Abschluss der Radiotherapie und 1 bis 6 Monate danach (alle P < 0.001) (65). Auch kƶnnen PatientenprƤferenzen eine Rolle spielen (siehe Artikel Forschung). Cancer Survivors nach Brustkrebs (bis 18 Monate nach Erstdiagnose) wurden 3 Interventionen angeboten: Yoga, KVT und Selbsthypnose-Self-Care in Kleingruppen, 69 % wƤhlten Self Care/Hypnose (6 Sitzungen alle 2 Wochen, jeweils 120 Minuten, davon 15 Minuten Hypnose). Die Verbesserung der Fatigue (EORTC QLQ-C30) war klinisch signifikant (Baseline 2.59 [0.78], nach 9 Monaten 2.18 [0.67], p = 0.002) (66). Ein anderes Beispiel ist eine intensive Yoga-Intervention im lƤndlichen Indien mit wenig verfügbaren anderen Behandlungen (67).

Schlafstƶrungen bei Cancer Survivors

Das National Comprehensive Cancer Network der USA verweist darauf, dass Schlafstƶrungen mit PrƤvalenzen von 30 %–75 % nicht nur ein hƤufiges, sondern auch ein vernachlƤssigtes Problem bei Krebspatient/-innen darstellen (68, 69). Die European Society for Medical Oncology (ESMO) stellt in ihrer Leitlinie zu Schlafstƶrungen dar, dass in der erwachsenen AllgemeinbevƶlkerunĀ­g die Ā­HƤufigkeit von Insomnie 6-10 % betrƤgt, wƤhrend Insomnie bei Krebspatient/-innen dreimal hƤufiger auftritt (70). Dabei beziehen sich die Autoren auf Ā­Insomnie im Sinne der ICD-11, DSM-5-TR und der International Classification of Sleep Disorders (ICSD 3). Unter Insomnie werden die drei Hauptsymptome verstanden (Einschlafstƶrung, Durchschlafstƶrung, frühes Erwachen), welche mindestens dreimal pro Woche über mindestens drei Monate bestehen und auch mit TagesfunktionseinschrƤnkungen einhergehen (71). Die ICSD-3 definiert dies als chronische Insomnie (72).

Bis zu 95% Krebsbetroffene berichten über Schlafstörungen (70). Laut einer kanadischen Studie traten Schlafstörungen im Sinne eines insomnischen Syndroms am häufigsten bei Brustkrebspatientinnen auf, im Vergleich eher selten bei Prostatakrebspatienten. Die Ergebnisse zeigten eine Inzidenzrate von 18,6 %, eine Persistenzrate von 68,0 % und eine Remissionsrate von 32,0 % (73). Weitere Daten zeigen, dass es bei Brustkrebspatientinnen unter Chemotherapie zu einer Störung des Ruhe-und Aktivitätsrhythmus kommt, dies spiegelt sich in einer verminderten Tagesaktivität und einer vermehrten nächtlichen Unruhe wieder (74).

Aus pathophysiologischer Sicht bestehen Hinweise darauf, dass es bei Krebserkrankungen zu komplexen Dysregulationen u.a. im Bereich der Melatoninproduktion kommen kann, ausgelöst u.a. auch durch die Grösse der Primärtumoren (75, 76). Des Weiteren konnten Daten eine Assoziation zwischen einer bereits zwei Jahre vor Erstdiagnose eines Mammakarzinoms bestehenden kurzen Schlafdauer unter 6 Stunden mit einem höheren (schlechteren) Rezidiv-Score im Oncotype-DX (umfasst 21 Gen-Marker, welche auf eine stärkere Ent­differenzierung, Aggressivität oder Invasivität des Karzinoms hinweisen) aufzeigen (77).

In polysomnographischen Untersuchungen von Patient/-innen mit Mammakarzinom und Lungenkarzinom ergaben sich im Vergleich zu den Kontrollgruppen signifikant häufiger Durchschlafstörungen im Sinne von Awake-after-Sleep-Onset sowie Body-Movements (78). Epidemiologische Studien der letzten Jahre liefern Hinweise, welche auf einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Risiko für die Entstehung einer Krebserkrankung und dem Vorliegen eines Schlafapnoe-Syndroms hindeuten. Aus pathophysiologischer Sicht scheinen hier neben dem Auftreten von Arousal insbesondere auch die mit den Apnoen assoziierten Desaturationen als relevante Faktoren eine Rolle zu spielen (79). Insbesondere Patienten mit einem schwergradigen Schlafapnoe-Syndrom mit langen Desaturationszeiten weisen eine Risikozunahme von Krebserkrankungen auf (80).

In einer retrospektiven Studie an Patienten mit einem CRF, welche mittels Polysomnographie untersucht wurden, wurde bei 33 von 39 Patienten ein Schlafapnoe-Syndrom nachgewiesen und zusätzlich auch vermehrte periodische Beinbewegungen dokumentiert (81). Neben chronischen Insomnien und einer höheren Prävalenz von schlafbezogenen At­mungsstörungen bei Krebs-Patienten wird auch von Rest­less-Legs Syndromen unter Chemotherapien berichtet (82). Therapeutisch kommen sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Konzepte zum Einsatz: Bei der kognitiven Verhaltenstherapie Insomnie (CBTI), welche neben Elementen der Schlafhygiene und Schlafedukation auch Schlafrestriktion, Stimuluskontrolle und Entspannungsverfahren beinhaltet, liegt für den Einsatz bei Cancer Survivors als auch bei Brustkrebsbetroffenen mit chronischen Insomnien eine A-Empfehlung bezüglich der Evidenz dieses Verfahrens vor (70). Dabei sind Effekte auf die Schlafeffizienz, die Schlafqualität sowie die Schlaflatenz gut belegt (83).

Auch für auf Mind-Body-Medizin basierende Verfahren wie Meditationen (z.B. Mindfulness Meditation, MAPS) sowie Tai Chi/Chi Gong oder andere achtsamkeitsbasierte Techniken (84, 85) besteht eine B-Empfehlung (70). CBTI kann über eine Verbesserung der Schlafqualität auch eine bestehende CRF-Symptomatik verbessern (86). Bei symptomassoziierten Ursachen der Schlafstörungen, wie z. B. Schmerzen, Depression, Hypoxämie oder Anämie stehen die symptombezogenen Therapien im Vordergrund (87).

Bei der medikamentösen Therapie der Insomnie liegen für den Einsatz von Benzodiazepin- Agonisten und Benzodiazepinen nur wenige Studien bei Tumorpatienten vor, für die Wirksamkeit bei Cancer-Survivors existieren keine Studiendaten (70).

Da neben fehlenden Hinweisen auf einen fƶrderlichen Effekt auf eine physiologische Schlafstruktur und Schlafregulation auch Hinweise auf ein erhƶhtes Risiko für eine Verschlechterung der kognitiven Funktion durch den Einsatz von langwirksamen Benzodiazepinen bestehen (88), sollten Benzodiazepine zur schlaffƶrdernden medikamentƶsen Therapie nicht eingesetzt und Benzodiazepin-Agonisten Ƥusserst restriktiv und zeitlich nur kurz begrenzt eingesetzt werden (87). Eine weitere Therapieoption stellt Bryophyllum pinnatum 50 % zur Behandlung bei insomnischen Stƶrungen bei Krebspatienten dar (90). Es kann die Bryophyllum-50 %-Kautablette eingesetzt werden. Zudem wurde für die Misteltherapie in einer Metaanalyse eine Reduktion von Fatigue gezeigt (91), und in einem Review zu randomisierten Studien wurden bei 7 von 10 Studien eine signifikante Abnahme von Fatigue/Müdigkeit sowie bei 6 von 9 randomisierten Studien eine signifikante Verbesserung der SchlafqualitƤt/Schlaf-Items gefunden (92). Ferner kann auch mittels Akupunktur eine Verbesserung der SchlafqualitƤt erzielt werden (93).

Bei Mammakarzinom-Patientinnen mit CRF wurde im Rahmen einer multimodalen Therapie über zehn Wochen, bestehend aus Psychoedukation, Schlafedukation mit einer chronoadaptierten Schlafrestriktion und Stimuluskon­trolltherapie, Mal- und Eurythmietherapie und einer Kombinationstherapie, bestehend aus multimodaler Therapie und einem aeroben Training, sechs Monate nach Ende der Therapie (94) und nach vier Jahren (95) eine nachhaltige Verbesserung und Überlegenheit gegenüber einem alleinigen Ausdauertraining auf die Schlafqualität und das kombinierte Outcome Fatigue/Schlafqualität gezeigt.

Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie

Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine hƤufige und belastende Nebenwirkung der Behandlung mit bestimmten Chemotherapeutika, die die LebensqualitƤt der Patienten erheblich beeintrƤchtigen kann.

Die Symptome reichen von Schmerzen und Kribbeln bis hin zu Taubheit und motorischen BeeintrƤchtigungen. Eine Einteilung kann in Funktionsverlust (Minus-Symptome) und Übererregbarkeit durch Nerven(membran)schƤdigung (Plus-Symptome) erfolgen. Zu den Minus-SympĀ­Ā­tomen zƤhlen sensorisch HypƤsthesien und motorisch Funktionsverlust, zu den Plus-Symptomen zƤhlen Missempfindungen wie Kribbeln/Ameisenlaufen, Stromgefühl oder Brennen und Schmerzen (S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patient/-innen [96]). WƤhrend der Chemotherapie erleiden bis zu 71 % der Patienten eine CIPN (z. B. nach Taxan, Platin) (97). Bis zu 42 % verspüren die CIPN noch 2 Jahre nach ihrer taxan- und platinhaltigen Therapie (98).

Betroffene berichten als Hauptsymptome über Taubheit, Kribbeln, eingeschrƤnkte Empfindlichkeit, stechende und brennende Schmerzen, KƤltegefühl, MuskelkrƤmpfe u. a. (99). Das Risiko, eine periphere NeurotoxizitƤt zu entwickeln, ist massgeblich von der Art und Dosis des eingesetzten Wirkstoffs abhƤngig (für HƤufigkeiten und klinische Charakterisierung der substanzabhƤngigen Neuropathie: siehe S3-Guideline [96]). Das Risiko einer CIPN ist bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren, wie z. B. Diabetes mellitus, Alkoholkonsum, Vitamin-B-Mangel oder einer anderen Neuropathie in der Familie oder Anamnese, erhƶht (96, 100).

Die Pathophysiologie von CIPN ist komplex und nicht vollstƤndig verstanden, aber sie wird mit der direkten neurotoxischen Wirkung der Chemotherapeutika (Platinverbindungen, Taxane, Vinca-Alkaloide, Bortezomib etc.) in Verbindung gebracht (101).

Zu den medikamentösen Optionen gehören Antikonvulsiva wie Gabapentin und Pregabalin sowie Antidepressiva wie Duloxetin oder Venlafaxin. Diese Medikamente können helfen, neuropathische Schmerzen zu lindern. Ihre Wirksamkeit variiert, und Nebenwirkungen müssen berücksichtigt werden. Laut ASCO-Guideline ist Duloxetin das Medikament mit der besten, wenn auch begrenzten Evidenz bei schmerzhafter CIPN (100). Nicht-medikamentöse Ansätze spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der CIPN: Physikalische Therapie und Ergotherapie zielen darauf ab, die funktionelle Kapazität der Patienten zu erhalten und die Auswirkungen der Neuropathie auf das tägliche Leben zu minimieren (102, 103). Körperliche Aktivität (Ausdauer-, Krafttraining [104], sensomotorisches Training, Balanceübungen) kann ebenfalls helfen, die Lebensqualität zu verbessern und die funktionelle Mobilität zu erhalten (105, 106).

Für die Behandlung der CIPN werden evidenzbasierte Behandlungsmassnahmen aus verschiedenen IO-Kerndisziplinen (siehe Artikel Gemeinsamkeiten und Kerndisziplinen) eingesetzt. Ein kürzlich publizierter umfangreicher Expertenkonsensus (107) mit Durchsicht von 75 Studien unter Berücksichtigung einer früheren Metaanalyse (108) unterstützt, mit einer Beurteilung von mehr als der HƤlfte der Interventionen von moderater bis hoher (v. a. subjektiver) klinischer EffektivitƤt, eine Vielfalt von kƶrperbasierten Therapien (Massage, rhythmische Einreibungen u. a.), Mind-Body-Verfahren, Akupunktur/Akupressur und einige phytotherapeutische Arzneimittel und Anwendungen. Exemplarisch zeigten Akupunktur/Akupressur (109, 110, 111) eine Verbesserung der Schmerzen und anderer sensorischer Symptome oder Yoga (112) eine Verbesserung der LebensqualitƤt und des Sturzrisikos. Es wird die lokale Applikation von Mentholcreme (1 %), Aconit- oder Solum-Ɩl sowie Arnica-comp-Ɩl, Formica-Ɩl oder -Salbe, Rosmarinsalbe, Pfefferminz-, Eukalyptusƶl oder auch ein Leinsamenbad empfohlen.

Der Expertenkonsensus betont die Bedeutung eines interprofessionellen Vorgehens (107)(Abb. 1).

Weitere Indikationen für IO-Behandlungen in der Survivorship Care

Neben den exemplarisch erwähnten Indikationen Fatigue, Schlafstörungen und CIPN liegen zunehmend Daten vor, welche die Vielzahl an Beschwerden und Einschränkungen der Cancer Survivors adressieren. Es liegen IO-Guidelines für Schmerzen (20) bei Krebs und Angst/Depression (21) vor, die S3-Guidelines Komplementärmedizin (18) und Supportive Care (96) (siehe Artikel Edukation) erwähnen weitere Massnahmen. Beispielhaft Akupunktur bei Xerostomie (113), Hitzewallungen (114) oder TCM bei therapieassoziierter Nausea (CINV) (115).

ErnƤhrung und kƶrperliche AktivitƤt in der Survivorship Care

Krebsbetroffene Menschen interessieren sich zunehmend für eine Ernährung, die die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls oder einer Progression der Erkrankung positiv beeinflusst. Aufgrund der Bedeutung der Mangelernährung und der Tumorkachexie in der Onkologie, die weiterhin zu wenig beachtet werden (116, 117), mit negativen Folgen auf die Lebensqualität, körperliche Funktion und die Verträglichkeit und Wirksamkeit der krebsspezifischen Behandlungen (118), liegt der Schwerpunkt der meisten Onkologen (119) und Ernährungsfachleute bisher auf einer Erkennung und Verbesserung der Mangelernährung und Tumorkachexie (120). Bisherige Guidelines fokussieren auf diese Thematik. In den Aktualisierungsprozess der ESPEN Guideline «Clinical Nutrition in Can­cer» (121) wurden nun auch Kapitel zu Fasten, ketogener Ernährung, Mikrobiom und pflanzlichen Eiweissquellen aufgenommen. Hier zeigt sich, dass auch eine zunehmend vorliegende wissenschaftliche Evidenz mit Studien zu den positiven Auswirkungen einer antiinflammatorisch-mediterranen (122) Ernährung Aufmerksamkeit in der modernen Ernährungsmedizin erlangt hat, mit primär pflanzenbasierten (123), auf biologischen Böden angebauten Lebensmitteln, sowie einer zuckerarmen und mikrobiomunterstützenden Ernährung (124) einschliesslich Fastenimpulsen. Auch liegt eine zunehmende wissenschaftliche Evidenz vor, dass die positive Wirkung der Ernährung auf Therapie und Krankheitsverlauf mit körperlicher Aktivität kombiniert werden sollte (125), wobei körperliche Aktivität mit bester Evidenz (126) ein obligatorischer Bestandteil jeder onkologischen Behandlung darstellen sollte.

Die erfolgreiche Implementierung von Lebensstiländerungen im klinischen Alltag erfordert entsprechende Kenntnisse der Psychologie und Praxis von Gewohnheitsänderungen des Lebensstils (126). Die Wahrnehmung von körperlichen Signalen wie Sättigung oder Hunger, von verbesserter Energie nach einer körperlichen Aktivität oder nach einem hochwertigen mediterranen, pflanzlich-eiweissreichem Essen oder Umgang mit Emotionen beim Verlangen nach Zucker kann unterstützt werden durch Mind-Body-Verfahren, Anwendung von Phytotherapie (z.B. Bitterstoffen) oder bewusstes Pflegen von Tagesrhythmen, unterstützt durch äussere Anwendungen. In diesem Sinne können und sollen IO-Kerndisziplinen die für Veränderung von Ernährung und körperlicher Aktivität notwendigen Lebensstilveränderungen (14) begleiten, dies in Ergänzung zu einer transparenten Zusammenarbeit mit Fachpersonen der modernen, konventionellen Ernährungsmedizin.

Fazit

Massnahmen aller Kerndisziplinen der IO können in vielen Bereichen der Survivorship Care evidenzbasiert (siehe Artikel Forschung) Anwendung finden, teils ergänzend, kollaborativ und transparent zu sogenannten konventionell-medizinischen Behandlungen eingesetzt werden. Dabei verwischen sich zunehmend die «Grenzen». Das Gesundheitswesen kann transformiert werden, indem das «Neue» und «Innovative» (einschliesslich traditioneller Weisheiten und Erfahrungen) unter Beachtung von intuitiv-mentalen und sozialen Interaktionen von Fachpersonen zur neuen Normalität in der Medizin werden kann.

Julia Reusch 1, Matthias Krƶz 2, 3, 4, Tilly Nothhelfer 5, Florian Strasser 6, 7

1 Klinik für Onkologie und Hämatologie, Stadtspital Zürich Triemli, Schweiz
2 Schlafmedizin und Forschungsabteilung, Klinik Arlesheim, Arlesheim, Schweiz
3 Forschungsinstitut Havelhƶhe, Berlin, Deutschland
4 Institut für Integrative Medizin, Universität Witten/Herdecke, Deutschland
5 Klinik für Onkologie und Hämatologie, Kantonsspital Baden, Schweiz
6 Zentrum Integrative Medizin, Hoch Health Ostschweiz, Kantonsspital St. Gallen, Schweiz
7 Cancer Fatigue Clinic (Münsterlingen, Sargans, Schaffhausen), Schweiz

Dr. med. Julia Reusch

Klinik für Onkologie und Hämatologie
Stadtspital Zürich Triemli
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

julia.reusch@stadtspital.ch

Matthias Krƶz ist Mitarbeiter der Klinik Arlesheim AG.
Tilly Nothhelfer hat Honorare für Vorträge, Beratung oder Teilnahme an Advisory Boards erhalten von Abbvie, Daiichi Sankyo, Eli Lilly Suisse, Novartis, Pfizer, Pierre Fabre, Astra Zeneca, Takeda.
Florian Strasser ist Extended Board Member des Swiss Network for Integrative Oncology, er hat Honorare für Vorträge, Beratung oder Teilnahme an Advisory Boards erhalten (letzte 5 Jahre) von Abbott Nutrition, Danone-Nutricia, Fresenius, Helsinn, Ology, Pfizer, Sanofi; er führt in selbstständiger Tätigkeit die ambulanten Sprechstunden der Cancer Fatigue Clinic durch.

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Lā€™ā€Šincontinence: une urgence discrĆØte, mais impĆ©rative

Dans ce numĆ©ro, nous abordons une problĆ©matique souvent relĆ©guĆ©e au second plan, mais dont lā€™ā€Šā€Šimpact sur la qualitĆ© de vie des personnes Ć¢gĆ©es et sur nos systĆØmes de santĆ© est considĆ©rable: lā€™ā€Šincontinence urinaire.

Lā€™ā€Šincontinence urinaire:
sortir du tabou pour structurer la prise en charge

L’incontinence urinaire touche jusqu’à 45 % des femmes et 32 % des hommes, avec une prĆ©valence dĆ©passant 50 % en milieu hospitalier (1). Trop souvent banalisĆ©e, elle mĆ©rite une Ć©valuation rigoureuse et une prise en charge structurĆ©e. Au-delĆ  des consĆ©quences physiques et psychiques, le poids Ć©conomique est colossal: 69.1 milliards dā€™ā€Šeuros en Europe en 2023, avec une projection Ć  la hausse de 25 % dā€™ā€Šici 2030 (2). Face Ć  ce constat, la systĆ©matisation des pratiques et la formation des Ć©quipes sont des leviers essentiels pour amĆ©liorer la qualitĆ© des soins et prĆ©server la dignitĆ© des patients.

Aux HĆ“pitaux universitaires de GenĆØve, un groupe multidisciplinaire a dĆ©veloppĆ© un algorithme innovant pour guider les soignants dans l’identification des facteurs favorisants (DIAPPERS), la reconnaissance des drapeaux rouges et la mise en œuvre de mesures simples avant tout traitement spĆ©cifique. Ce travail, portĆ© par le programme ResoContinence, s’appuie sur des enquĆŖtes internes, des recommandations validĆ©es et une collaboration Ć©troite entre mĆ©decins et infirmiers.

L’algorithme, conƧu pour ĆŖtre utilisĆ© par les soignants de premiĆØre ligne, propose une approche en plusieurs Ć©tapes : Ć©valuation initiale, identification des types d’incontinence, gestion des facteurs favorisants, et initiation de traitements adaptĆ©s. Il est dĆ©jĆ  intĆ©grĆ© dans des formations ciblĆ©es et pourrait ĆŖtre transposĆ© aux soins Ć  domicile ou en institution.

Ce projet suisse romand illustre parfaitement comment la standardisation des pratiques et l’innovation peuvent amĆ©liorer la qualitĆ© des soins tout en prĆ©servant la dignitĆ© des patients.

Pre Patrizia D’ Amelio

Service de gƩriatrie et rƩadaptation gƩriatrique CHUV
Ch. de Mont-Paisible 16
1011 Lausanne

1. Cardozo L, Rovner E, Wagg A, Wein A, Abrams P. Incontinence 7th Edition (2023). ICI-ICS.
2. European Association of Urology. An urge to act. Socio-Economic, and Environmental Costs of Continence Problems in the EU (2023).

Journal Watch de nos experts

Le rĆ“le de la supplĆ©mentation en vitamine D dans Ā­lā€™ā€Šaugmentation de la force musculaire aprĆØs une opĆ©ration chirurgicale: une revue systĆ©matique

La vitamine D est essentielle Ć  la santĆ© du systĆØme musculo-squelettique, et de nouvelles dĆ©couvertes soulignent son rĆ“le dans la fonction musculaire. Si ses bienfaits pr-Ć© et postopĆ©ratoires pour la santĆ© osseuse sont bien documentĆ©s, lā€™ā€Šeffet de la supplĆ©mentation en vitamine D sur la rĆ©cupĆ©ration musculaire postopĆ©ratoire reste peu Ć©tudiĆ©. Cette revue systĆ©matique rĆ©sume les connaissances Ā­actuelles sur lā€™ā€Šinfluence de la supplĆ©mentation en vitamine D sur lā€™ā€Šaugmentation de la force musculaire aprĆØs une opĆ©ration. Ā­MĆ©thodes: cette revue est conforme aux directives PRISMA et a Ć©tĆ© enregistrĆ©e auprĆØs de PROSPERO. Une recherche systĆ©matique a Ć©tĆ© effectuĆ©e dans les bases de donnĆ©es PubMed, EMBASE et Ā­Cochrane, couvrant les articles publiĆ©s depuis le dĆ©but jusquā€™ā€Šau 15 janvier 2025.

Des Ć©tudes examinant lā€™ā€Šeffet dā€™ā€Šune supplĆ©mentation en vitamine D sur la force musculaire dans un contexte chirurgical ont Ć©tĆ© Ā­incluses. Lā€™ā€Šextraction des donnĆ©es sā€™ā€Šest concentrĆ©e sur la conception de lā€™ā€ŠĆ©tude, la dĆ©mographie de la population, la posologie de la vitamine D, le moment de la prise et les rĆ©sultats mesurĆ©s.

En raison de lā€™ā€ŠhĆ©tĆ©rogĆ©nĆ©itĆ© des conceptions des Ć©tudes et des Ā­rĆ©sultats, une synthĆØse narrative a Ć©tĆ© rĆ©alisĆ©e.

RĆ©sultats: Sur 701 enregistrements initiaux, 10 Ć©tudes rĆ©pondaient aux critĆØres dā€™ā€Šinclusion. Les rĆ©sultats suggĆØrent que la supplĆ©mentation en vitamine D, en particulier les traitements Ć  forte dose administrĆ©s avant ou peu aprĆØs lā€™ā€ŠopĆ©ration, amĆ©liore de maniĆØre significative la force musculaire et les rĆ©sultats fonctionnels dans le cadre dā€™ā€ŠopĆ©rations orthopĆ©diques, telles que les prothĆØses de hanche et de genou, ainsi que dans le cadre dā€™ā€ŠopĆ©rations bariatriques. Les avantages variaient en fonction du type de chirurgie, des niveaux initiaux de vitamine D et de la stratĆ©gie de supplĆ©mentation. Cependant, lā€™ā€ŠhĆ©tĆ©rogĆ©nĆ©itĆ© des schĆ©mas posologiques et le nombre limitĆ© dā€™ā€ŠĆ©tudes de suivi Ć  long terme empĆŖchent dā€™ā€Šobtenir des preuves concluantes.

Conclusions: La supplĆ©mentation en vitamine D semble susceptible dā€™ā€ŠamĆ©liorer la rĆ©cupĆ©ration musculaire postopĆ©ratoire et les Ā­rĆ©sultats fonctionnels. Il est essentiel de mettre en place des stratĆ©gies de supplĆ©mentation personnalisĆ©es, basĆ©es sur les besoins spĆ©cifiques du patient et le contexte chirurgical. Les recherches Ā­futures devraient se concentrer sur les schĆ©mas posologiques Ā­optimaux et Ć©valuer les effets Ć  long terme sur la rĆ©cupĆ©ration et la Ā­qualitĆ© de vie.

Pr Walter F. Riesen

Source
Wang Jja-Dong. The Role of Vitamin D Supplementation in Enhancing Muscle Strength Post-Surgery: A Systemic Review. Nutrients 2025;17:1512. doi: 10.3390/nu17091512

Aucun effet du cannabidiol sur la fibromyalgie

Sur 273 patients atteints de fibromyalgie suivis dans un service ambulatoire spĆ©cialisĆ© au Danemark, 200 patients (Ć¢gĆ©s de 50 ans, 95 % de femmes, 63 % mariĆ©s, IMC 29 mg/kg2, niveau de douleur au cours des sept derniers jours VAS 7) ont Ć©tĆ© traitĆ©s dans cette Ć©tude monocentrique, en double aveugle, randomisĆ©e et contrĆ“lĆ©e par placebo, soit avec des comprimĆ©s de cannabidiol (CBD) Ć  base de plantes Ć  50 mg par jour (n = 100), soit avec un placebo (n = 100). ƀ la semaine 24, la variation moyenne de lā€™ā€ŠintensitĆ© de la douleur Ć©tait de –0.4 point (IC Ć  95 %: –0.82 Ć  0.08) dans le groupe CBD et de –1.1 point (IC Ć  95 %: –1.53 Ć  –0.63) dans le groupe placebo, ce qui correspond Ć  une diffĆ©rence entre les groupes de –0.7 point (IC Ć  95 %: –1.2 Ć  –0.25; p = 0.0028) en faveur du placebo. En tant que critĆØres dā€™ā€ŠĆ©valuation secondaires, lā€™ā€Šauto-Ć©valuation des activitĆ©s de la vie quotidienne a donnĆ© par exemple –0.12 contre –0.10 (p = 0.91), et les autres paramĆØtres ne diffĆ©raient pas non plus de maniĆØre significative, Ć  lā€™ā€Šexception de la qualitĆ© de vie (EQ5D global) 0.20 vs 6.50 (p = 0.012), qui Ć©tait plus favorable avec le placebo quā€™ā€Šavec le CBD. Les effets indĆ©sirables Ć©taient gĆ©nĆ©ralement lĆ©gers et rĆ©partis de maniĆØre Ć©gale entre les groupes.

Conclusions: sans surprise dans le cadre dā€™ā€Šessais thĆ©rapeutiques sur la douleur avec du cannabis, cette Ć©tude mĆ©thodologique rigoureuse menĆ©e auprĆØs de patients atteints de fibromyalgie montre que le cannabidiol est non seulement inefficace, mais aussi statistiquement significativement (bien que cliniquement non pertinent) infĆ©rieur Ć  un comprimĆ© placebo.

Dr Marcel Weber

Source
Uggen Rasmussen M. et. al. Cannabidiol versus placebo in patients with fibromyalgia: a randomised, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, single-centre trial.
Ann Rheum Dis 2025 Aug 21:S0003-4967(25)04238-4. doi: 10.1016/j.ard.2025.07.008. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40846590/