AusgewƤhlte Studien aus der HƤmato-Onkologie

Bewertung der Wirksamkeit und Verträglichkeit von PET-gesteuertem BrECADD gegenüber eBEACOPP beim klassischen Hodgkin-Lymphom im fortgeschrittenen Stadium (HD21)

Hintergrund
Eine intensivierte systemische Chemotherapie hat die hƶchste Heilungsrate beim klassischen Hodgkin-Lymphom (cHL) im fortgeschrittenen Stadium, doch kann dies mit dem Preis schwerer und mƶglicherweise lebenslang anhaltender ToxizitƤten einhergehen. Mit dem neuen Regime aus Brentuximab Vedotin, Etoposid, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Dacarbazin und Dexamethason (BrECADD) sollte das Nutzen-Risiko-VerhƤltnis der cHL-Behandlung im fortgeschrittenen Stadium – gesteuert mit einer PET-CT Untersuchung nach zwei Zyklen – verbessert werden.

Methoden
Diese randomisierte, multizentrische, parallele, offene Phase-3-Studie wurde in 233 Prüfzentren in neun LƤndern an Erwachsenen im Alter von ≤60 Jahren mit neu diagnostiziertem fortgeschrittenen cHL (d.h. Ann-Arbor-Stadium III/IV, Stadium II mit B-Symptomen und entweder einem oder beiden Risikofaktoren – grosse mediastinale Masse und extranodale LƤsionen) durchgeführt. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip (1:1) vier oder sechs Zyklen Etoposid (200 mg/m² intravenƶs an den Tagen 1-3), Doxorubicin (35 mg/m² intravenƶs an Tag 1) und Cyclophosphamid (1250 mg/m² intravenƶs an Tag 1), sowie Standarddosen von Bleomycin (10 mg/m² intravenƶs an Tag 8), Vincristin (1āˆ™4 mg/m² intravenƶs an Tag 8), Procarbazin (100 mg/m² oral an den Tagen 1-7), und Prednison (40 mg/m² oral an den Tagen 1-14; eBEACOPP) oder dem BrECADD Regime gesteuert durch eine PET-CT Untersuchung nach zwei Zyklen zugeteilt. Hierarchische koprimƤre Endpunkte waren: 1. Der Nachweis einer verbesserten VertrƤglichkeit, und 2. eine nicht unterlegene Wirksamkeit, definiert durch das Progressions-freie Überleben (PFS) mit einer absoluten Nichtunterlegenheitsmarge von 6 Prozent für BrECADD im Vergleich zu eBEACOPP. Ein zusƤtzlicher Test auf Überlegenheit beim PFS sollte durchgeführt werden, wenn die Nichtunterlegenheit festgestellt worden war.

Ergebnisse
Zwischen Juli 2016 und August 2020 wurden 1500 Patienten eingeschlossen, von denen 749 nach dem Zufallsprinzip BrECADD oder 751 eBEACOPP erhielten. 1482 Patienten wurden in die Intention-to-Treat-Analyse einbezogen. Das mediane Alter der Patienten lag bei 31 Jahren. 838 (56%) der 1482 Patienten waren männlich und 644 (44%) weiblich. Die behandlungsbedingte Morbidität war bei BrECADD deutlich geringer (312 [42%] von 738 Patienten) als mit eBEACOPP (430 [59%] von 732 Patienten; p<0,0001). Bei einem medianen Follow-up von 48 Monaten verbesserte BrECADD das PFS mit einer Hazard Ratio von 0,66 (p=0,035); das geschätzte progressionsfreie 4-Jahres-Überleben betrug 94,3% für BrECADD und 90,9% für eBEACOPP. Die 4-Jahres-Gesamtüberlebensraten lagen bei 98,6% bzw. 98,2%.

Schlussfolgerung
Die PET-gesteuerte Behandlung mit BrECADD nach zwei Zyklen ist besser vertrƤglich und wirksamer als eBEACOPP in der Erstlinienbehandlung von erwachsenen cHL-Patienten im fortgeschrittenen Stadium.

Literatur
Peter Borchmann et al., Lancet. 2024;404(10450):341-352. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01315-1.

Studie
Diese Studie wurde bei ClinicalTrials.gov registriert (NCT02661503) und von Takeda Oncology finanziert.

Nivolumab+AVD beim klassischen Hodgkin-Lymphom im fortgeschrittenen Stadium

Hintergrund
Die Einbeziehung von Brentuximab Vedotin in die Behandlung des klassischen Hodgkin-Lymphoms (cHL) im fortgeschrittenen Stadium verbessert die Ergebnisse bei erwachsenen und pädiatrischen Patienten. Allerdings erhöht Brentuximab Vedotin die toxische Wirkung der Behandlung bei Erwachsenen. Zudem müssen mehr als die Hälfte der behandelten Kinder sich nach der Systemtherapie noch einer konsolidierenden Bestrahlung unterziehen und die Behandlung im Rückfall bleibt eine Herausforderung, auch wenn die Therapie mit PD1-blockierenden Antikörpern eine hohe Wirksamkeit in dieser Situation aufweist. Der Stellenwert einer PD1-blockierenden Antikörpertherapie in der Erstlinientherapie von cHL ist bisher nur in kleinen Kollektiven mit hoffnungsvollen Ergebnissen geprüft worden.

Methoden
Die Studie beruht auf einer multizentrischen, offenen, randomisierten Phase-3-Studie mit Patienten im Alter von mindestens 12 Jahren mit neu diagnostiziertem cHL im Stadium III oder IV. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip entweder Brentuximab Vedotin mit Doxorubicin, Vinblastin und Dacarbazin (BV+AVD) oder Nivolumab mit Doxorubicin, Vinblastin und Dacarbazin (N+AVD) zugeteilt. Vorab festgelegte Patienten konnten eine Strahlentherapie erhalten, die auf verbleibende stoffwechselaktive Läsionen gerichtet war. Der primäre Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS), definiert als die Zeit von der Randomisierung bis zur ersten Beobachtung eines Fortschreitens der Erkrankung oder des Todes aus beliebiger Ursache.

Ergebnisse
Von 994 randomisierten Patienten wurden 970 in die Intention-to-treat-Population für die Wirksamkeitsanalysen aufgenommen. Bei der zweiten geplanten Zwischenanalyse mit einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 12,1 Monaten wurde der Schwellenwert für die Wirksamkeit überschritten, was darauf hindeutet, dass N+AVD das PFS im Vergleich zu BV+AVD signifikant verbessert (zweiseitiges p = 0,001). Aufgrund der kurzen Nachbeobachtungszeit wurde die Analyse mit einer längeren Nachbeobachtungszeit wiederholt und bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 2,1 Jahren betrug das 2-Jahres-PFS 92% für N+AVD im Vergleich zu 83% für BV+AVD. Insgesamt erhielten 7 Patienten eine Strahlentherapie. Immunbedingte Nebenwirkungen traten bei Nivolumab selten auf; bei Brentuximab Vedotin kam es häufiger zu Behandlungsabbrüchen.

Schlussfolgerung
N+AVD führt bei Jugendlichen und Erwachsenen mit cHL-Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium III oder IV zu einem längeren PFS als BV+AVD und hat ein besseres Nebenwirkungsprofil.

Literatur
Herrera AF et al., N Engl J Med 2024;391:1379-89. DOI: 10.1056/NEJMoa2405888

Studie
Diese Studie wurde bei ClinicalTrials.gov unter NCT03907488 registriert und durch das National Cancer Institute der National Institutes of Health und andere finanziert.

Risiko für das Auftreten von Melanomen bei Personen mit monoklonaler B-Zell-Lymphozytose

Hintergrund
Eine monoklonale B-Zell-Lymphozytose (MBL) vom Phänotyp einer Chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) ist eine prämaligne Erkrankung, die etwa 500-mal häufiger als eine CLL auftritt. Es ist nicht bekannt, ob das mit einer CLL assoziierte zweifach erhöhte Risiko, an einem Melanom zu erkranken, auch für MBL-Personen gilt.

Methoden
Mit Hilfe der Mayo Clinic Biobank wurden Teilnehmer 40 Jahre oder älter identifiziert, die keine früheren hämatologischen Malignome aufwiesen, in den 27 Bezirken um die Mayo Clinic wohnten und über verfügbare Bioproben für das Screening verfügten. Eine Acht-Farben-Durchflusszytometrie wurde für das MBL-Screening verwendet. Personen mit MBL wurden auf der Grundlage des prozentualen Anteils an klonalen B-Zellen als MBL mit geringer (LC-MBL) oder mit hoher Leukozyten-/Lymphozytenzahl (High-Count-MBL) klassifiziert. Auftretende Melanome wurden anhand von International Classification of Diseases-Codes identifiziert und durch Überprüfung der Krankenakten bestätigt.

Ergebnisse
Von den 7334 untersuchten Teilnehmern wurden 1151 mit einer CD5-positiven MBL bzw. 1098 mit einer LC-MBL identifiziert. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 3,2 Jahren entwickelten 131 Teilnehmer ein Melanom, von denen 36 Personen MBL-positiv waren. Die geschätzte kumulative 5-Jahres-Inzidenz von Melanomen betrug 3,4% bei den Teilnehmern mit MBL und 2,0% bei den Teilnehmern ohne MBL. Nach Anpassung von Alter, Geschlecht und Melanomvorgeschichte wiesen Personen mit MBL ein 1,86-faches (95% CI, 1,25 bis 2,78) Melanomrisiko auf. Dieses erhöhte Risiko blieb auch bestehen, als die Analyse auf Personen ohne Melanom in der Vorgeschichte beschränkt wurde (HR, 2,05 [95% CI, 1,30 bis 3,23]). Personen mit LC-MBL hatten ein 1,92-fach (95% CI, 1,29 bis 2,87) erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Melanoms insgesamt und ein 2,74-fach (95% CI, 1,50 bis 5,03) erhöhtes Risiko für ein Melanom in situ im Vergleich zu Personen ohne MBL.

Schlussfolgerung
Der Nachweis einer LC-MBL ist mit einem etwa zweifach erhöhten Risiko für ein Melanom insgesamt und einem 2,74-fach erhöhten Risiko für ein Melanom in situ verbunden.

Literatur
Vallejo BA et al., J Clin Oncol. 2024. doi: 10.1200/JCO.24.00332.

Studie
Für diese Studie wurden die Ressourcen des Rochester Epidemiology Project (REP) genutzt, das vom National Institute on Aging (NIA; AG 058738) unterstützt wird.

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Christoph.renner@hirslanden.ch

AusgewƤhlte Studien zu soliden Tumoren

Normales Brustgewebe enthƤlt seltene Populationen aneuploider Epithelzellen

Aneuploide Epithelzellen sind bei Brustkrebs hƤufig anzutreffen; ihr Vorkommen in normalem Brustgewebe ist jedoch nicht gut bekannt. Um diese Frage zu klƤren, wurden mit Hilfe der Einzelzell-DNA-Sequenzierung ein Profil der VerƤnderungen in der Zahl der Kopien in 83 206 Epithelzellen aus dem Brustgewebe von 49 gesunden Frauen erstellt und die Proben von 19 Frauen mit Einzelzell-DNA und einem Assay für Transposase-zugƤngliche Chromatin-Sequenzierung untersucht. Die Daten zeigen, dass alle Frauen seltene aneuploide Epithelzellen (Median 3,19 %) aufwiesen, die mit dem Alter zunahmen. Viele aneuploide Epithelzellen (Median 82,22 %) in normalem Brustgewebe expandierten klonal und wiesen VerƤnderungen der Zahl der Kopien auf, die an invasiven Brustkrebs erinnern (Gewinne von 1q; Verluste von 10q, 16q und 22q). Das Co-Assay-Profiling zeigte, dass die aneuploiden Zellen hauptsƤchlich mit den beiden luminalen Epithellinien assoziiert waren, und das rƤumliche Mapping zeigte, dass sie in duktalen und lobulƤren Strukturen mit normaler Histopathologie lokalisiert waren. Insgesamt zeigen diese Daten, dass selbst gesunde Frauen klonale Expansionen von seltenen aneuploiden Epithelzellen in ihrem Brustgewebe aufweisen.

Prof. Dr. med. Beat Thürlimann

SwissBreastCare
Bethanienspital
Toblerstrasse 51
8044 Zürich

Lin Y et al. Normal breast tissues harbour rare populations of aneuploid epithelial cells. Nature 2024 ; https://doi.org/10.1038/s41586-024-08129-x

Tislelizumab – Neue Behandlungsoption beim Plattenepithelkarzinom des Ɩsophagus

Im Jahr 2020 war das Ɩsophaguskarzinom die siebthƤufigste Krebserkrankung weltweit und die sechsthƤufigste Ursache für krebsbedingte TodesfƤlle (1). Das Plattenepithelkarzinom der Speiserƶhre (ESCC) ist der hƤufigste histologische Subtyp und macht mehr als 85 % der Ɩsophaguskarzinome weltweit aus (2, 3).

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Urothelkarzinom

Am ESMO-Kongress 2024 in Barcelona wurden verschiedene Studien zum Management von nicht-muskelinvasivem Blasenkrebs (NMIBC), muskelinvasivem Blasenkrebs (MIBC) sowie lokal fortgeschrittenem/metastasiertem (la/m) Blasenkrebs präsentiert. Dieser Artikel gibt einen kurzen Überblick über je eine herausragende Studie aus jeder Gruppe.

NMIBC – SunRISe-1-Studie

Dr. Michiel Van der Heijden präsentierte aktualisierte Daten aus der SunRISe-1-Studie, die TAR-200, ein intravesikales Gemcitabin-Abgabesystem, und Cetrelimab bei Patienten mit BCG-unempfindlichem Hochrisiko-NMIBC untersucht, die für eine radikale Zystektomie nicht geeignet sind oder diese ablehnen. Die Studie testete in den Kohorten 1-3 TAR-200 in Kombination mit Cetrelimab, TAR-200 allein und Cetrelimab allein.

Die Ergebnisse zeigen, dass TAR-200 allein die hƶchste vollstƤndige Ansprechrate von 84 % erzielte, mit einer 12-Monats-Ansprechrate von 57,4 %. Die Ansprechdauer war nachhaltig, da 82 % der Patienten nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 9,2 Monaten weiterhin in Remission waren. Die Kombinationstherapie (TAR-200 + Cetrelimab) führte zu einer niedrigeren vollstƤndigen Ansprechrate (68 %) und hƤufiger zu schweren Nebenwirkungen (35,8 %) im Vergleich zu den Einzeltreatments.

MIBC – NIAGARA-Studie

Die Ergebnisse der mit Spannung erwarteten NIAGARA-Studie wurden von Dr. Thomas Powles vorgestellt. Diese Phase-3-Studie untersuchte die Wirksamkeit von neoadjuvantem Durvalumab in Kombination mit Gemcitabin/Cisplatin (GC), gefolgt von einer radikalen Zystektomie und adjuvantem Durvalumab, im Vergleich zur aktuellen Standardtherapie mit neoadjuvanter GC-Behandlung bei Cisplatin-geeigneten MIBC-Patienten.

Mit 1063 randomisierten Patienten zeigte die Studie eine signifikante Verbesserung des ereignisfreien Überlebens (EFS) und des Gesamtüberlebens (OS) in der Durvalumab-Gruppe. Die EFS-Rate nach zwei Jahren lag bei 67,8 % in der Durvalumab-Gruppe gegenüber 59,8 % in der Kontrollgruppe (Hazard Ratio [HR] 0,68; p<0,0001). WƤhrend die anfƤngliche Analyse der pathologischen kompletten Remission (pCR) nicht statistisch signifikant war, zeigte eine Re-Analyse 2024 einen nominalen Vorteil zugunsten von Durvalumab (p=0,0005). Nach 24 Monaten betrug die OS-Rate 82,2 % für die Durvalumab-Gruppe im Vergleich zu 75,2 % in der Kontrollgruppe (HR 0,75; p=0,016), was auf einen deutlichen Überlebensvorteil hindeutet. Die Sicherheitsprofile beider Gruppen waren Ƥhnlich, mit gut handhabbaren Nebenwirkungen und ohne Auswirkungen auf das Timing der Operation. Diese Ergebnisse unterstützen Durvalumab in Kombination mit Chemotherapie als potenziellen neuen Standard für MIBC.

la/m Urothelkarzinom – Disitamab Vedotin und Pembrolizumab

Laufende Studien deuten darauf hin, dass Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugate eine gezielte Therapie für fortgeschrittenes und metastasiertes Urothelkarzinom bieten kƶnnten. Dr. Matthew Galsky prƤsentierte Phase-2-Ergebnisse zu Disitamab Vedotin (DV) in Kombination mit Pembrolizumab (P) zur Behandlung von HER2-exprimierendem, unbehandeltem la/m Urothelkarzinom. Unter 20 Patienten zeigte die Kombination eine Gesamtansprechrate (ORR) von 75 %, wobei 35 % eine komplette und 40 % eine partielle Remission erreichten. Die Therapie war sowohl bei HER2-positiven als auch HER2-niedrigen FƤllen wirksam (ORR von 66,7 % bzw. 78,6 %). Die Kombination DV+P wurde allgemein gut vertragen, obwohl 45 % Nebenwirkungen ≄ Grad 3 erlebten. Diese vielversprechenden Ergebnisse unterstützen DV+P als potenzielle Therapie für HER2-exprimierende la/m Urothelkarzinome. Eine Phase-3-Studie (NCT05911295) rekrutiert derzeit 700 Patienten und soll 2029 abgeschlossen werden.

Dr. med. Silvan Sigg

Kantonsspital Luzern
Klinik für Urologie
6000 Luzern

Prof. Dr. med. Richard Cathomas

Klinik für Onkologie/Hämatologie
Kantonsspital Graubünden
Loƫstrasse 170
7000 Chur

richard.cathomas@ksgr.ch

Aktuelle Krebspolitik

Aktueller Stand: Der Bundesrat will die Prämienbelastung für die Menschen in der Schweiz dämpfen. Nach einem ersten Massnahmenpaket hat er an seiner Sitzung vom 7. September 2022 das zweite Massnahmenpaket zur Kostendämpfung zuhanden des Parlaments verabschiedet. Die Massnahmen verbessern die medizinische Versorgung und bremsen das Kostenwachstum im Gesundheitswesen.

Der Ständerat befasst sich am 13.6.2024 als Zweitrat mit der Vorlage. Er nahm die zuvor vom Nationalrat gestrichenen Netzwerke zur koordinierten Vorsorge wieder auf. Mit Art. 52e ergänzte er die Vorlage mit Kostenfolgenmodellen (Ausgleichszahlungen, wenn Medikament gewissen Umsatz überschreitet). Die Nutzung von Versichertendaten wurden präzisiert und die Taxpunkte plafoniert.
Weiter nahm der Rat auf Antrag seiner Kommission Anpassungen am neuen Vergütungsmodell (Art. 52d) vor. So soll die Eidgenössische Arzneimittelkommission angehört werden, bevor ein Medikament auf eine provisorische Liste aufgenommen und anschliessend, während zwei Jahren, zu einem vorläufigen Preis von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung vergütet wird. Entsprechend sollen nicht alle Medikamente, die im beschleunigten Verfahren von Swissmedic zugelassen werden, auf diese provisorische Liste aufgenommen werden. Zudem soll es keine Beschwerdemöglichkeiten zur Aufnahme auf diese Liste geben und auch nicht zum Entfernen nach Ablauf der zwei Jahre. Wird das Medikament nach Ablauf der zwei Jahre nicht auf die Spezialitätenliste aufgenommen, soll der vorläufige Preis auch für eine allfällige Vergütung im Einzelfall massgeblich sein. Damit will die Kommission ein ausgewogenes Vergütungsmodell einführen, das auf dringend benötigte und besonders vielversprechende Therapien ausgerichtet ist.

Wie der Bundesrat und der Nationalrat sprach sich der Ständerat auf Antrag seiner Kommission dafür aus, Preismodelle für teure, innovative Arzneimittel im Gesetz zu verankern. Sie präzisierte aber, dass diese nur ausnahmsweise angewendet werden sollen, und lehnt die Ergänzung des Nationalrates ab, wonach das Bundesamt für Gesundheit nur auf Antrag der Zulassungsinhaberin Preismodelle vereinbaren kann.
Gleichzeitig beriet der StƤnderat über die Motion Zugang zu Orphan Drugs. Mit dieser Motion soll der „Orphan Drug“-Status automatisch für einen „Early Dialogue“ qualifizieren. Demnach würden Medikamente direkt nach ihrer Zulassung durch Swissmedic ohne Prüfung durch die Eidgenƶssischen Arzneimittelkommission (EKA) und das BAG zu provisorischen Preisen vergütet werden. Nach der definitiven Aufnahme in die SpezialitƤtenliste müssten die Krankenversicherer bei der Zulassungsinhaberin, die allenfalls zu hohen Kosten zurückfordern. Mit 22 zu 18 Stimmen bei 3 Enthaltungen lehnte der StƤnderat die Motion ab.

Am 20./21. Juni 2024 startete die SGK-N mit der Differenzbereinigung. Mit 12 zu 12 Stimmen bei 1 Enthaltung und Stichentscheid der PrƤsidentin beantragt sie dem Nationalrat, die Bestimmungen zu vertraulichen Preismodellen zu streichen. Entgegen dem StƤnderat lehnt sie es ab, dass gewisse Informationen zu den Rückerstattungen in den Preismodellen vom Ɩffentlichkeitsgesetz ausgenommen werden kƶnnen. Zuvor hatte sie sich mit 17 zu 6 Stimmen bei 1 Enthaltung für die vom StƤnderat beschlossene Kann-Formulierung ausgesprochen. Eine Minderheit beantragt, dem StƤnderat zu folgen. Generell unterstützt die Kommission, dass Preismodelle bei Arzneimitteln ausnahmsweise – und nicht nur auf Antrag der Zulassungsinhaberin – umgesetzt werden kƶnnen. Sie schliesst sich damit einstimmig dem Beschluss des StƤnderats an. Zu Preismodellen bei Mitteln und GegenstƤnden, die ebenfalls im Paket vorgesehen sind, hat sie die Verwaltung mit weiteren AbklƤrungen beauftragt. Neu (AD):

Am 15./16. August zeigt sich die SGK-N grundsätzlich offen gegenüber den Kostenfolgemodellen, die der Ständerat neu dem Paket hinzugefügt hatte. Sie hat aber entschieden, diese gewichtige Massnahme erst zu beraten, wenn zusätzliche Erkenntnisse zu Umsetzungsfragen vorliegen. Das Bundesamt für Gesundheit hat deshalb eine Arbeitsgruppe mit Vertretungen der pharmazeutischen Industrie und der Krankenkassen eingesetzt, um Umsetzungsfragen zu klären. Mit ihrem Entscheid möchte die Kommission diesen Arbeiten mehr Zeit einräumen mit dem Ziel, eine mehrheitsfähige und gesamthaft stimmige Lösung zu finden. Die vom Konzept betroffenen Artikel sind die folgenden und können alle noch einmal neu diskutiert werden:

Art. 32 Differenzierte Überprüfung der WZW-Kriterien
Art. 52 Analyse und Medikamente; Mittel und GerƤte
Art. 52b ā€žPreismodelleā€œ – Rückerstattung
Art. 52c ā€žPreismodelleā€œ – Vertraulichkeit
Art. 52d Erstattung ā€žab Tag 0ā€œ – Beschleunigte Zulassungsverfahren
Art. 52e Kostenfolgemodell

Das Geschäft 22.062 ist auf die Wintersession verschoben worden. Die Standesinitiative des Kantons Jura (19.320) möchte die eidgenössischen Räte auffordern, neue Rechtsbestimmungen zu erlassen, auf deren Grundlage das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Anstieg der Medikamentenpreise stoppen und die Preise langfristig auf ein vernünftiges Niveau senken kann.

Ausblick: Die Kommission wird die Beratungen der Differenzen zu den Kostenfolgemodellen sowie zu den bisher noch nicht behandelten Massnahmen bis am 8. November 2024 fortsetzen.

Aktueller Stand: Ziel der Ƅnderung ist es, die gesetzliche Grundlage für die Umsetzung des Projektes SpiGes (SpitalstationƤre Gesundheitsversorgung) zu schaffen. Dabei sollen die Leistungserbringer die Daten, die im spitalstationƤren Bereich zur Erfüllung der Aufgaben nach dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) und dem Bundesstatistikgesetz (BStat) notwendig sind, entsprechend dem Ā«Once-only-PrinzipĀ», an eine vom Bundesamt für Statistik (BFS) geführte Plattform übermitteln.

Ausblick: Erƶffnung der Vernehmlassung geplant im Oktober 2024 (noch ausstehend).

Aktueller Stand: Der Bundesrat wird beauftragt, eine gesamtheitliche Strategie für die Gesundheitsförderung und Prävention bis ins Jahr 2040 auszuarbeiten. Es sollen dabei klare Ziele definiert und auch aufgezeigt werden, wie das Kosten/Nutzenverhältnis von geplanten Massnahmen überprüft werden kann. Konkret sollen die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessert und die effektivsten Massnahmen in einem übergeordneten Zusammenhang geplant und umgesetzt werden und dies im Rahmen der bereits budgetierten Finanzen für Prävention und Gesundheitsförderung. Dabei sind insbesondere auch die Kantone und Gesundheitsligen einzubeziehen.
Die Homepage des BAG zur Gesundheitsfƶrderung und PrƤvention ist vom 23.1.2020 datiert und zeigt verschiedene Themenkreise, in welchen der Bund prƤventive Massnahmen fƶrdert oder durchführt. JƤhrlich fliessen rund 42 Millionen Franken (KVG, Art 20) unserer PrƤmiengelder an die vom Bund kontrollierte „Gesundheitsfƶrderung Schweiz“, die laut Strategie vor allem PrƤventionsprogramme gegen chronische und Sucht-Krankheiten mitfinanziert. Die nationale Strategie zur PrƤvention nichtübertragbarer Krankheiten wird verlƤngert, der nationale Krebsplan erarbeitet (Motion 23.3014), eine gesamtheitliche Betrachtung von notwendiger PrƤvention fehlt aber weiterhin.
Der Bundesrat beantragt in seiner Stellungnahme vom 28. August 2024 Annahme der Motion. Wie von der Motion gefordert, soll als Nachfolgelösung eine möglichst gesamtheitliche Strategie erarbeitet werden. Die Umsetzung der Strategie liegt grossmehrheitlich bei den Kantonen, die in erster Linie für die Gesundheitsförderung und Prävention zuständig sind. Die Motion wird von NR Glarner bekämpft.

Ausblick: Da die Motion im Nationalrat bekämpft wird, wurde die Diskussion und die Beratung des Geschäfts verschoben. Frühestmöglicher Termin ist die Wintersession 2024.

Dr. sc. nat. Michael Rƶthlisberger

Co-Gesamtprojektleiter NSK
Nationale Strategie gegen Krebs
c/o Oncosuisse
Effingerstrasse 40
Postfach
3001 Bern

michael.roethlisberger@nsk-krebsstrategie.ch

Immuntherapeutische Fortschritte bei der Behandlung von Gliomen: Die Bedeutung impfstoffbasierter AnsƤtze

Gliome, insbesondere das Glioblastoma multiforme (GBM), sind hochaggressive Hirntumore, die aufgrund ihres schnellen Fortschreitens und ihrer Resistenz gegen konventionelle Therapien eine grosse Herausforderung in der Onkologie darstellen.

Trotz Fortschritten in der Behandlung bleibt die Prognose für Patienten mit GBM schlecht, was die Erforschung neuer therapeutischer Ansätze erforderlich macht. Eine dieser neuen Strategien ist die Entwicklung von Gliom-Impfstoffen, die darauf abzielen, das Immunsystem zu stimulieren, damit es Tumorzellen gezielt angreift und zerstört.

Eine kürzlich publizierte Übersicht stellte eine umfassende Bewertung der aktuellen Landschaft der Entwicklung von Gliom-Impfstoffen zusammen, indem die Arten der untersuchten Impfstoffe, die Ergebnisse klinischer Studien sowie die mit ihrer Umsetzung verbundenen Herausforderungen und Chancen analysiert wurden. Ziel war es, das Potenzial von Gliom-Impfstoffen für die Entwicklung wirksamerer und personalisierter Behandlungen für Gliom-Patienten aufzuzeigen.

Materialien und Methoden

In dieser narrativen Übersicht wurde die Rolle von Gliom-Impfstoffen systematisch bewertet, indem Volltextartikel, die zwischen 2000 und 2024 in englischer Sprache veröffentlicht wurden, einbezogen wurden. Datenbanken wie PubMed/MEDLINE, EMBASE, die Cochrane Library und Scopus wurden mit Schlüsselbegriffen wie «Gliom», «Hirntumor», «Glioblastom», «Impfstoff» und «Immuntherapie» durchsucht. Die Überprüfung umfasste sowohl präklinische als auch klinische Studien, darunter deskriptive Studien, Tiermodellstudien, Kohortenstudien und Beobachtungsstudien. Es wurden Ausschlusskriterien angewendet, um Abstracts, Fallberichte, Poster und nicht von Experten begutachtete Studien auszuschliessen und so die Einbeziehung hochwertiger Nachweise sicherzustellen.

Ergebnisse

Klinische Studien, in denen verschiedene Gliom-Impfstoffe untersucht wurden, darunter peptidbasierte, DNA/RNA-basierte, Ganzzell- und dendritische Zellimpfstoffe, haben vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Diese Impfstoffe zeigten Potenzial bei der Verlängerung der Überlebensraten und der Bewältigung von Nebenwirkungen bei Gliom-Patienten. Es bestehen jedoch weiterhin erhebliche Herausforderungen, wie z.B. Therapie­resistenz aufgrund von Tumorheterogenität und Immunevasionsmechanismen. Darüber hinaus erschweren das Fehlen standardisierter Richtlinien zur Bewertung von Impfreaktionen und Probleme im Zusammenhang mit ethischen Erwägungen, regulatorischen Hürden und der Akzeptanz von Impfstoffen bei Patienten die Einführung von Gliom-Impfstoffen zusätzlich.

Diskussion

Die Bewältigung der Herausforderungen im Zusammenhang mit Gliom-Impfstoffen erfordert die Erforschung von Kombinationstherapien, gezielten Ansätzen und personalisierter Medizin. Die Kombination von Impfstoffen mit herkömmlichen Therapien wie Strahlentherapie oder Chemotherapie kann die Wirksamkeit erhöhen, indem sie die Fähigkeit des Immunsystems zur Bekämpfung von Tumorzellen stärkt. Personalisierte Impfstoffe, die auf individuelle Patientenprofile zugeschnitten sind, bieten die Möglichkeit für bessere Ergebnisse. Darüber hinaus sind globale Zusammenarbeit und gerechte Verteilung von entscheidender Bedeutung, um den Zugang zu Gliom-Impfstoffen zu gewährleisten, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die nur über begrenzte Ressourcen im Gesundheitswesen verfügen Gliom-Impfstoffe stellen einen vielversprechenden Weg im Kampf gegen Gliome dar und bieten Hoffnung auf bessere Behandlungsergebnisse bei einer Krankheit, die bekanntermassen schwer zu behandeln ist. Trotz der Herausforderungen sind kontinuierliche Forschung und die Entwicklung innovativer Strategien, einschliesslich Kombinationstherapien und personalisierter Ansätze, unerlässlich, um die derzeitigen Hindernisse zu überwinden und die Behandlungslandschaft für Gliom-Patienten zu verändern.

Quelle:
Awuah WA et al. Immunotherapeutic advances in glioma management: The rise of vaccine‐based approaches. CNS Neurosci Ther 2024;30:e70013. doi: 10.1111/cns.70013

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch