Beinƶdeme sind ein hƤufiger Vorstellungsgrund in der hausƤrztlichen und internistischen Praxis. Sie entstehen durch Flüssigkeitsansammlung im Interstitium und kƶnnen sowohl physiologische Auslƶser ā wie Hitzeƶdeme, statische Belastungsƶdeme, prƤmenstruelle VerƤnderungen oder Schwangerschaft ā als auch vielfƤltige pathologische Ursachen haben. Der Artikel beschreibt die wichtigsten Differenzialdiagnosen wie Herzinsuffizienz, nephrotisches Syndrom, Leberzirrhose, tiefe Venenthrombose, chronisch venƶse Insuffizienz, postthrombotisches Syndrom und Lymphƶdem. Für jede Ursache werden typische Anamnese- und Befundkonstellationen, zentrale diagnostische Schritte sowie leitlinienbasierte Therapieoptionen erlƤutert. Ziel ist die strukturierte Ƥtiologische Einordnung, um frühzeitig angemessene FachabklƤrungen und wirksame Behandlungen einzuleiten.
Leg edema is a common reason for presentation in general practice and internal medicine. It results from the accumulation of fluid in the interstitial space and may be caused by physiological factor ā such as heat edema, dependent (gravitational) edema, premenstrual or pregnancy related edema as well as a wide range of pathological conditions. The article outlines the most important differential diagnoses, including heart failure, nephrotic syndrome, liver cirrhosis, deep vein thrombosis, chronic venous insufficiency, post-thrombotic syndrome, and lymphedema. For each cause, typical patterns in medical history and clinical findings, key diagnostic steps, and guideline-based therapeutic options are described. The aim is to enable a structured etiological classification to initiate timely specialist evaluation and effective treatment.
Keywords: Beinƶdeme, Differenzialdiagnostik, Venenerkrankungen, Lymphƶdem
Einleitung
Bein- und Fussƶdeme sind ein hƤufiger Konsultationsgrund für Patientinnen und Patienten in der hausƤrztlichen Praxis. Sie entstehen durch eine Ansammlung von Flüssigkeit im interstitiellen Raum (1). Verschiedene Mechanismen kƶnnen hierfür verantwortlich sein. Ćtiologisch kommen sowohl physiologische Flüssigkeitseinlagerungen als auch eine Vielzahl von Krankheitsbildern in Betracht, die sich als Beinschwellung manifestieren. Zu den physiologischen Ćdemen zƤhlen etwa Hitzeƶdeme, statische Ćberlastungsƶdeme nach langem Sitzen oder Stehen, zyklische prƤmenstruelle Ćdeme sowie das physiologische Schwangerschaftsƶdem. Pathologische Ćdeme treten hingegen im Rahmen verschiedener Erkrankungen auf, darunter Herz- und Niereninsuffizienz, Leberzirrhose, chronisch-venƶse Insuffizienz, Thrombose, Infektionen oder ein Lymphƶdem. Das Lipƶdem wurde zwar historisch zu den Ćdemen gezƤhlt, jedoch handelt es sich um eine anlagebedingte Fettverteilungs- und Vermehrungsstƶrung (1). Einen Ćberblick ausgewƤhlter Ursachen von Ćdemen ā orientierend eingeordnet nach der AkuitƤt und Lokalisation ihres Auftretens ā gibt Abb.ā1.
Die Vielzahl mƶglicher Differenzialdiagnosen stellt eine relevante Herausforderung im klinischen Alltag dar. Ziel ist es, mittels sorgfƤltiger Anamnese, klinischer Untersuchung sowie gezielter Labor- und apparativer Diagnostik die ursƤchliche Pathologie korrekt zu identifizieren, um anschliessend adƤquate Behandlungsmassnahmen einzuleiten.
Bei infektiƶsen Ursachen (z.āB. Erysipel oder Phlegmone) stehen neben gezielter Anamnese und klinischer Untersuchung vor allem die labordiagnostische Bestimmung der Entzündungsparameter und die mikrobiologische Diagnostik im Vordergrund. Eine kalkulierte, idealerweise resistogrammgerechte Antibiose stellt die wichtigste therapeutische Massnahme dar. Je nach Befund kann ergƤnzend eine chirurgische Sanierung erforderlich werden.
Eine kardiale, renale, hepatische oder vaskulƤre Ursache von Ćdemen erfordert eine umfangreiche diagnostische Aufarbeitung und ein komplexes therapeutisches Management. Diese Krankheitsbilder werden daher im Folgenden genauer dargestellt.
Herzinsuffizienz
Eine Rechtsherzinsuffizienz ā etwa infolge pulmonaler Hypertonie, ischƤmischer Herzerkrankung oder Kardiomyopathie ā führt zum Rückstau des Blutes ins venƶse System. Der dadurch erhƶhte hydrostatische Druck begünstigt den Austritt von Flüssigkeit ins Interstitium und somit die Entstehung von Ćdemen. Insbesondere bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz kƶnnen zusƤtzliche Faktoren wie eine chronische Nierenerkrankung (chronic Ākidney disease, CKD), Cirrhose cardiaque und MangelernƤhrung die Symptomatik weiter verstƤrken.
In der Anamnese sollte nach der Lokalisation, dem zeitlichen Verlauf der Ćdeme sowie weiteren kardialen Kardinalsymptomen (Brustschmerzen, Dyspnoe, Orthopnoe, nƤchtliches Husten, Schwindel, Synkopen, Palpitationen, Herzrasen), KƶrpergewichtsƤnderungen und Fieber gefragt werden. Die Labordiagnostik sollte neben Blutbild, Nierenwerten, Elektrolyten, TSH und Transaminasen auch die Bestimmung der natriuretischen Peptide beinhalten (NT-proBNP oder BNP). Falls letztere normwertig sind, kann eine kardiale Genese der Ćdeme weitgehend ausgeschlossen werden. Bei erhƶhten natriuretischen Peptiden ist eine Ćberweisung zum Kardiologen zur transthorakalen Echokardiographie indiziert. Diese ermƶglicht die BestƤtigung der Verdachtsdiagnose, die Klassifikation der Herzinsuffizienz anhand der Auswurffraktion sowie die Gewinnung wichtiger Hinweise zur zugrunde liegenden Ćtiologie, wie z. B. Klappenerkrankungen oder strukturellen MyokardschƤden.
Neben Allgemeinmassnahmen (Nikotinkarenz, Kƶrpergewichtsnormalisierung, regelmƤssige kƶrperliche AktivitƤt) ist oft eine spezifische Behandlung der Grunderkrankung (z.āB. Revaskularisation bei KHK, Klappenersatz/-rekonstruktion) mƶglich. Neben lokaler Kompressionsbehandlung und (Schleifen-)Diuretika zur Flüssigkeitsretention kommen je nach PhƤnotyp der Herzinsuffizienz als medikamentƶse Therapie primƤr die sog. Ā«phantastischen vierĀ» Wirkstoffgruppen zum Einsatz:
⢠Herzinsuffizienz mit reduzierter LVEF (HFrEF): SGLT2i (IA), ACEi/ARB/ARNI (IA), MRA (IA), Beta-blocker (IA) (2)
⢠Herzinsuffizienz mit leicht reduzierter LVEF (HFmrEF): SGLT2i (IA), ACEi/ARB/ARNI (IIb), MRA (IIb), Beta-blocker (IIb) (3)
⢠Herzinsuffizienz mit erhaltener LVEF (HFpEF): SGLT2i (IA) (3)
Nephrotisches Syndrom
Glomerulonephritiden, diabetische Nephropathie, multiples Myleom, Amyloidose u.āa. führen zu einer erhƶhten PermeabilitƤt der Kapillaren für Plasmaeiweisse mit Verlust von Proteinen in den Urin. Kompensatorisch wird die Proteinsynthese in der Leber gesteigert. Sobald der Verlust die SynthesekapazitƤt der Leber übersteigt (3ā3.5 g/Tag) kommt es zu den klassischen Symptomen des nephrotischen Syndroms.
⢠Proteinurie >ā3.5 g/d
⢠Hypalbuminämie und Hyperlipoproteinämie
⢠Ćdeme
⢠Hyperkoagulabilität (1)
Hypothetisch werden zwei wesentliche Mechanismen der Ćdembildung angenommen: einerseits die Retention von Natrium und Wasser durch geschƤdigte Nephrone, andererseits die Senkung des kolloidosmotischen Drucks mit relativer HypovolƤmie durch den Verlust von Albumin im Rahmen der erhƶhten KapillarpermeabilitƤt mit konsekutiver Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) mit wiederum zusƤtzlicher Natrium- und Wasserretention. Es kommt auch zum Verlust anderer Funktionsproteine wie Immunglobuline oder Antithrombin mit den Folgen einer erhƶhten InfektanfƤlligkeit und einer Thromboseneigung (4).
Die Anamnese sollte u.a. quantitative und qualitative VerƤnderungen des Urins (z.āB. vermehrte Schaumbildung) umfassen. Die klinische Untersuchung zeigt primƤr oft periorbitale, im Verlauf generalisierte Ćdeme. Die Labordiagnostik sollte neben Blutbild, Kreatinin, geschƤtzter glomerulƤrer Filtrationsrate (eGFR), Harnstoff, Elektrolyten, TSH und Transaminasen auch die Bestimmung der natriuretischen Peptide beinhalten. Eine Teststreifen-Analyse des morgendlichen Mittelstrahlurins kann als Screeninguntersuchung auf eine Albuminurie ā insbesondere auch bei chronischen Erkrankungen, die typischerweise zu einer NierenschƤdigung führen (Diabetes mellitus oder arterielle Hypertonie) ā erfolgen. Um eine Albuminurie zu bestƤtigen und zu quantifizieren, sollte nachfolgend immer die Bestimmung der Albumin-/Kreatinin-Ratio (ACR) erfolgen (5). Ein Wert von ā„ 30 mg/g oder ā„ 3 mg/mmol wird als pathologisch angesehen (5). Auf die Bestimmung von ACR und eGFR stützt sich auch das CKD-Klassifikationssystem. Weiterführende diagnostische Methoden umfassen u.a. eine Nierensonographie und eine Nierenbiopsie. Die Therapie der Grunderkrankung steht an erster Stelle, bspw. mittels Immunsuppressiva bei Glomerulonephritiden. Zur Verlangsamung der CKD-Progression kommen ACE-Hemmer und Sartane in der hƶchsten vertrƤglichen Dosis, sowie SGLT2-Inhibitoren zum Einsatz (5). Eine Proteinaufnahme >1.3 g/kgKG/d und eine Kochsalzaufnahme >5 g/d, Nikotinkonsum und die Einnahme nephrotoxischer Medikamente (z.āB. NSAID) sollten vermieden werden (5). Die akute Behandlung der Ćdeme erfolgt primƤr durch die Gabe von Schleifendiuretika, ggf. unter Hinzunahme von Thiaziden oder Thiazidanaloga (z.āB. Metolazon) als sequenzielle Nephronblockade.
Leberzirrhose
Verschiedene Auslöser (u.a. kardio-renal, metabolisches Syndrom, toxisch oder infektiös) können zu einer Zerstörung der physiologischen Leberstruktur führen. In der Folge treten eine reduzierte Syntheseleistung der Leber, eine portale Hypertension und die Bildung intrahepatischer portosystemischer Shunts zwischen Portalgefässen und Lebervenen mit konsekutiver Minderperfusion der Leber auf (1).
Mehrere Mechanismen liegen der Ćdementstehung zugrunde:
1. Die portale Hypertension bewirkt eine HypervolƤmie der SplanchnikusgefƤsse und eine vermehrte Lymphproduktion (1).
2. Die verminderte Syntheseleistung der Leber führt zur Hypalbuminämie, so dass der kolloidosmotische Druck erniedrigt wird (1).
3. Der resultierende intravasale Volumenmangel bewirkt die Aktivierung des RAAS-Systems, sowie eine gesteigerte Produktion von Antidiuretischem Hormon (ADH) und Katecholaminen. Hierdurch werden renal vermehrt Natrium und Wasser retiniert (1).
Durch die Anamnese sollten unter anderem Risikofaktoren für eine Lebererkrankung evaluiert werden (v.a. Alkoholkonsum, Hepatitiden). In der klinischen Untersuchung kƶnnen sich neben Aszites, Pleuraergüssen, Ćdemen bei gleichzeitig typischerweise kachektischem Habitus die Leberhautzeichen (z.āB. Caput medusae, Spider naevi, Teleangiektasien, Lackzunge, WeissnƤgel, Palmarerythem) zeigen. Labordiagnostisch sollten neben kleinem Blutbild (Thrombozytopenie), Nierenwerten, Elektrolyten, TSH und NT-pro-BNP vor allem Transaminasen, gGT, Albumin, INR, PTT, Antithrombin, Cholinesterase, Bilirubin und eine Hepatitis-Serologie bestimmt werden. PrimƤre Bildgebung ist eine Sonographie der Leber. Therapeutisch steht ā neben der Behandlung der Grunderkrankung ā vor allem die symptomatische Behandlung der Ćdeme im Vordergrund. Diuretikum der 1. Wahl ist Spironolacton, ggf. in Kombination mit Schleifendiuretika (6). Hepatotoxische Substanzen (insbesondere Alkohol sowie gewisse Medikamente) (1) und eine Kochsalzaufnahme >5 g/d (6) sollten vermieden werden. Hinsichtlich der ErnƤhrung sollte ein ausreichender Eiweissgehalt (1.2ā1.5 g/kgKG/d) und Energiegehalt (30ā35 kcal/kgKG/d) angestrebt werden (6).
Tiefe Beinvenenthrombose (TVT)
GemƤss der Virchow-Trias kƶnnen der Entstehung einer Thrombose drei wesentliche Ursachen zugrunde liegen:
1. SchƤdigung des Endothels: Inflammation, Trauma (1)
2. VerƤnderung des Blutflusses: Verwirbelung, Verlangsamung (z.āB. lokale Stase, Herzinsuffizienz) (1)
3. VerƤnderung der Zusammensetzung des Blutes: Dysbalance von Gerinnung und Fibrinolyse (1)
Hinweisend in Anamnese und klinischer Untersuchung sind ein akutes ā i.d.R. einseitiges Auftreten, mit Schmerzen, Rƶtung, Schwellung und harter, gespannter Haut. Als auslƶsende Faktoren sollten kürzliche Immobilisationen (lƤngere Reisen, Hospitalisationen), die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva, Nikotinabusus und bekannte Thrombophilie (auch familiƤr) erfragt werden. Mittels validierter Scores (z.āB. Wells-Score, Tab.ā1) kann die klinische Wahrscheinlichkeit für eine TVT abgeschƤtzt werden. Bei niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit (Wells Score 0ā1 Punkte) und negativen D-Dimeren gilt eine TVT als ausgeschlossen (7). Bei einem Wells-Score ā„2 Punkte sollte primƤr eine vollstƤndige Kompressionssonographie des betroffenen Beins erfolgen (7). Sie stellt die Diagnostik der ersten Wahl dar ā auch als BestƤtigungstest bei positiven D-Dimeren und niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit (7). Da bei einer Schwangerschaft die D-Dimere als Ausdruck der physiologischen Aktivierung des Gerinnungssystems physiologisch ansteigen, sollte ein D-Dimer-unabhƤngiger Vortest verwendet werden, beispielsweise der LEFt-Score (8). Je nach Klinik (Angabe von Dyspnoe/Thoraxschmerzen/EKG-VerƤnderungen wie Rechtsschenkelblock, Rechtslagetyp, Sinustachykardie) muss an eine Lungenarterienembolie gedacht und diese mittels CT-Angiographie des Thorax ausgeschlossen werden. Die Therapie einer TVT lƤsst sich in drei Phasen gliedern: Im Rahmen der Initialtherapie (5ā21 Tage) und der Erhaltungstherapie (mind. 3ā6 Monate) sollte eine therapeutische Antikoagulation erfolgen. Ziel ist die Verhinderung einer Thrombose-Progression und die Verhinderung von Lungenembolien (7). Nach 6 Monaten beginnt die Phase der SekundƤrprophylaxe. Hier muss sorgfƤltig abgewogen werden, ob eine verlƤngerte oder gar dauerhafte Fortführung der Antikoagulation in therapeutischer oder niedrigerer Dosis erforderlich ist (7). Andernfalls kann diese beendet und ggf. eine medikamentƶse Prophylaxe venƶser Thromboembolien (VTE) in Risikosituationen etabliert werden. Konstant vorhandene Risikofaktoren ā wie eine Thrombophilie oder ein unheilbares Malignom ā erfordern im Gegensatz zu nur passager vorhandenen Risikofaktoren ā wie einer Immobilisation in Folge eines Langstreckenfluges ā i.d.R. eine dauerhafte Fortführung der therapeutischen Antikoagulation. Zur Antikoagulation bei TVT werden grundsƤtzlich direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) gegenüber Vitamin-K-Antagonisten oder niedermolekularen Heparinen bevorzugt, ausser bei substanzspezifischen Kontraindikationen (z.āB. Antiphospholipidsyndrom, Schwangerschaft, schwere Niereninsuffizienz) (7). In den letzten Jahren gewinnen minimalinvasive Verfahren zur Rekanalisation iliofemoraler Thrombosen (Entfernung des Thrombus, Behebung einer anatomischen Enge, z.āB. bei May-Thurner), mit entsprechender Symptomatik, zunehmend an Bedeutung. Dann sollte auch primƤr mit einem niedermolekularen Heparin bis zur KlƤrung des weiteren therapeutischen Vorgehens begonnen werden.
Zu beachten sind die jeweiligen Dosierungsempfehlungen gemƤss der gültigen Fachinformationen (z.āB. initial hƶhere Dosis von Rivaroxaban und Apixaban). Die lokale Kompressionstherapie sollte initial mittels eines phlebologischen Kompressionsverbands und bei bereits rücklƤufiger Beinschwellung mittels eines Kompressionsstrumpfs der Klasse II erfolgen. Auch die Fortführung der Kompressionstherapie sollte nach 3ā6 Monaten reevaluiert werden (7). Die Phlegmasie ist die fulminanteste Form einer (meist ilio-femoralen) TVT und stellt einen akuten GefƤssnotfall dar. Generell wird zwischen einer Phlegmasia alba dolens und der zyanotischen Phlegmasia cerulea dolens unterschieden. Die letztere kann in eine venƶse GangrƤn übergehen und benƶtigt eine umgehende notfallmedizinische Betreuung. Pathophysiologisch führt der nahezu komplette venƶse Abflussverschluss zu massivem Gewebsƶdem, Druckanstieg und sekundƤr auch zu arterieller Minderperfusion, was klinisch eine akute ExtremitƤten-IschƤmie imitieren kann. Die Soforttherapie umfasst eine therapeutische Antikoagulation, Hochlagerung und konsequente Kompression zur Stabilisierung und Embolie-Prophylaxe sowie ā bei geeigneterer Anatomie ā eine endovaskulƤre Venenintervention zur Wiederherstellung des venƶsen Abflusses (8).
Chronisch-Venƶse Insuffizienz
Die chronisch-venƶse Insuffizienz entsteht durch eine venƶse Hypertonie infolge eines Refluxes (Klappeninsuffizienz) und/oder durch eine venƶse Obstruktion (postthrombotisch, Kompression). Im Alltag wird die CEAP-Klassifikation (Tab.ā2) zur standardisierten Beschreibung verwendet (9). Klinisch wegweisend sind das Schwere-/ Spannungsgefühl, Schmerzen, das Ćdem, HautverƤnderungen (Pigmentierung, Dermatoliposklerose, Atrophie blanche, aktive oder abgeheilte Ulzerationen) aber auch Besenreiservarizen/Teleangiektasien, retikulƤre Varizen oder bereits im Liegen oder Stehen sichtbare Varizen (10). ErgƤnzend kann der klinische Schweregrad über den VCSS (Venous Clinical Severity Score) erfolgen. Liegen mit erhƶhten Beinen (passiver Rückstrom) und Laufen (aktive Muskelpumpe) wirken sich günstig aus, wƤhrend Sitzen und Stehen (Stase) zu vermehrter Ćdembildung führen. Per Labordiagnostik und Sonographie sollten zunƤchst andere Ursachen eines Beinƶdems ausgeschlossen werden. Die klinische Untersuchung erfolgt im Stehen mit Inspektions- und Funktionstests; der Nachweis der Ursache (Reflux/Obstruktion) erfolgt mittels Duplexsonografie (9). Das Fundament der Therapie der chronisch-venƶsen Insuffizienz bleibt die Kompressionstherapie zur Symptomkontrolle, Ulkusheilung und Rezidivprophylaxe. Bei nachweisbarem Reflux in den Stammvenen oder Perforansvenen existieren endovenƶse und chirurgische Verfahren, wobei hier mittlerweile die endovenƶse Ablation bei anatomischer Eignung gegenüber den chirurgischen Verfahren vorgezogen wird (11). Phlebektomien und Sklerosierungsverfahren ergƤnzen hierbei die Intervention. Venoaktive Substanzen (Flavonoide wie z.āB. MPFF, Saponine wie z.āB. Rosskastaniensamen-Extrakt oder Polysaccharide wie Sulodexid) kƶnnen Symptome reduzieren, ersetzen aber keine kausale Refluxbehandlung. Ist die chronisch-venƶse Insuffizienz bereits soweit fortgeschritten, dass ein venƶses Ulcus besteht, sind die effektive Kompressionstherapie und die Varizensanierung essentiell für eine rasche Heilung und zur Verhinderung eines Rezidivs (12).
Postthrombotisches Syndrom
Das postthrombotische Syndrom (PTS) ist eine chronische SpƤtfolge einer proximalen Beinvenenthrombose (Beckenvenenthrombose, femoro-popliteale Venenthrombose). Das Risiko für die Entstehung eines PTS durch eine distale Beinvenenthrombose (Unterschenkelthrombose, Muskelvenenthrombose) bleibt gering. In Folge der direkten KlappenschƤdigung durch den Thrombus und/oder durch die anhaltende venƶse Obstruktion entsteht eine venƶse Hypertonie, welche zu einer chronisch-venƶsen Insuffizienz führt. In den meisten FƤllen entwickelt sich ein PTS innerhalb weniger Monate nach einer symptomatischen Beinvenenthrombose, kann aber auch Jahre nach einem thrombotischen Ereignis auftreten (13). Je nach Patientenkollektiv kƶnnen 5ā10% der Patienten mit einem PTS ein Ulcus cruris entwickeln (14). Das klinische Bild gleicht der chronisch-venƶsen Insuffizienz. Eine (belastungsabhƤngige) venƶse Claudicatio kann auf eine proximale/zentrale Abflusshinderung hinweisen. Die Beurteilung des PTS-Schweregrades erfolgt mittels des Villalta-Scores (Tab.ā3). Der Villalta-Score ist validiert und in den Leitlinien empfohlen (15). Zudem existiert eine patientenberichtete Version (PRV2). Die venoĢse Claudicatio als ein Schweregrad-relevantes Merkmal wird leider nicht erfasst. Zur Beurteilung eines venƶsen Refluxes oder einer Obstruktion ist die Duplexsonografie das ĀMittel der Wahl, wobei sowohl die oberflƤchlichen als auch die tiefen Beinvenen und Perforansvenen beurteilt werden sollten. Bei einer Beckenvenenthrombose kann eine CT-Venografie/MR-Venografie die Diagnostik ergƤnzen ā vor allem im Hinblick auf eine mƶgliche Intervention. Hauptpfeiler der Therapie sind ā wie bei der chronisch-venƶsen Insuffizienz ā die Symptomkontrolle, die UlkusprƤvention sowie die Verhinderung eines Rezidivs. Die Verwendung von Kompressionsstrümpfen ist symptomorientiert. Der Einsatz von Kompressionsstrümpfen zur Prophylaxe eines PTS nach einer TVT ist nach aktueller Evidenz nicht obligat (9, 16). Bei inadƤquater Antikoagulation der zugrundeliegenden TVT hingegen besteht ein erhƶhtes Risiko für die Entwicklung eines PTS (17). Eine endovaskulƤre Rekanalisation der TVT senkt zwar nicht die Inzidenz für ein PTS, kann aber in ausgewƤhlten FƤllen den Schweregrad eines PTS positiv beeinflussen (18).
Lymphƶdem
Das Lymphƶdem ist eine der hƤufigsten Ursachen chronischer Beinƶdeme (Tab.ā4). Im klinischen Alltag dominiert das sekundƤre Lymphƶdem, welches v.a. nach Operation und Radiatio vorkommt (19). In endemischen Regionen (v.a. Subsahara) ist die Filariose die führende Ursache sekundƤrer Lymphƶdeme. Das primƤre Lymphƶdem ist selten und seine Diagnostik bzw. Therapie sollte in Spezialzentren erfolgen. Das weibliche Geschlecht, hƶheres Alter, Adipositas und wiederholte Operationen sind mit einem hƶheren Risiko assoziiert. Das Lymphƶdem kann jedoch auch im Rahmen einer fortgeschrittenen chronisch-venƶsen Insuffizienz oder immobilitƤtsbedingt entstehen. Pathophysiologisch liegt eine verminderte TransportkapazitƤt des Lymphsystems in Folge von Fehlbildungen, Funktionsstƶrungen oder Abflusshinderungen zugrunde, wodurch es zur Zunahme der interstitiellen Flüssigkeit mit ā in weiterer Folge ā fibrosierenden/sklerosierenden Gewebsumbauten, SchƤdigung der Hautbarriere, Ulzerationen und rezidivierenden Infekten kommt (20). Typischerweise ist lediglich eine Seite betroffen, oder eine Seite ist deutlicher geschwollen als die Gegenseite. Die Zehen sind ā anders als bei venƶsen Ćdemen ā mitbetroffen (quaderfƶrmige Schwellung, sog. Kastenzehen sowie ein positives Stemmer-Zeichen) (1). Der zeitliche Verlauf ist langsam progredient. Im initialen Latenzstadium liegt noch keine Schwellung vor. Dann findet sich zunƤchst eine weiche Schwellung mit eindrückbarer Delle. Bei lƤnger bestehendem Befund kommt es zum fibrotischen Umbau mit VerhƤrtung. Dann ist das Ćdem kaum noch eindrückbar. Im Endstadium stellt sich eine lymphostatische Elephantiasis dar. Per Labordiagnostik und Sonographie sollten zunƤchst andere Ursachen eines Beinƶdems ausgeschlossen werden. Rezidivierende Erysipele sind internistische Warnsignale und verschlechtern den klinischen Verlauf eines Lymphƶdems. Die Tagesfluktuation der Ćdemneigung ist ā im Gegensatz zur chronisch-venƶsen Insuffizienz ā deutlich geringer ausgeprƤgt. Unbehandelt drohen bleibende FormverƤnderungen und erhebliche LebensqualitƤtsverluste (21). Die Diagnose eines Lymphƶdems wird klinisch gestellt und stützt sich auf die Anamnese und den klinischen Befund. Die Duplexsonografie dient dem Nachweis bzw. Ausschluss venƶser Abflussstƶrungen und der Dokumentation eines Phlebo-Lymphƶdems bei konkomitanter chronisch-venƶser Insuffizienz. Eine Lymphszintigrafie kann die Transportstƶrung objektivieren. Die ICG-Lymphografie erlaubt die Darstellung der Lymphbahnen und den Nachweis von Lymphkollektoren, v.a. im Hinblick auf eine operative Sanierung. Eine standardisierte Einteilung des Lymphƶdems in Stadien (ISL-Stadium) erleichtert die Verlaufskontrollen und Therapieplanung (19, 21). Hauptpfeiler der Therapie ist wie bei der chronisch-venƶsen Insuffizienz die Symptomkontrolle, die Hautpflege, die UlkusprƤvention sowie die Verhinderung von rezidivierenden Weichteilinfekten. Im Gegensatz zur CVI ist zur Ćdemreduktion eine mehrlagige Kompressionsbandagierung in der Initialphase essenziell. SpƤter erfolgt eine Bestrumpfung mittels flachgestrickter Kompressionsstrümpfe der Kompressionsklasse III. Die manuelle Lymphdrainage sowie Bewegungstherapie sind weitere Kernelemente der Therapie des Lymphƶdems. Eine Kompressionstherapie ist jedoch bei schwerer pAVK, akuter Entzündung, akuter kardialer Dekompensation und malignem Lymphom kontraindiziert. Die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) gilt als Goldstandard, wird jedoch in der Schweiz nicht vollumfƤnglich über die GV übernommen und bedarf in den meisten FƤllen einer Zusatzversicherung. In ausgewƤhlten FƤllen kommen mikrochirurgische Verfahren (lympho-venƶse Anastomosen, vaskularisierter Lymphknoten-Transfer) in spezialisierten Zentren zum Einsatz. Die Evidenz ist jedoch begrenzt und sollte nur bei selektiven Patienten durchgeführt werden (19).
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Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
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