Das geschwollene Bein: Ein Symptom mit vielen Ursachen

Beinschwellungen gehören zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der hausärztlichen und internistischen Praxis.

Hinter diesem scheinbar einfachen Symptom verbirgt sich jedoch eine bemerkenswert breite Differenzialdiagnose – von harmlosen Flüssigkeitsretentionen bis hin zu potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen wie der tiefen Venenthrombose oder einer kardialen Dekompensation.

Der aktuelle Beitrag bietet hierzu eine ausgezeichnet strukturierte Ā­klinische Orientierung. Die Autoren führen systematisch durch die wichtigsten pathophysiologischen Mechanismen und Differenzialdiagnosen von Beinƶdemen – von kardialen, renalen und hepatischen Ursachen über venƶse Erkrankungen bis hin zu lymphatischen Stƶrungen. Dabei verbinden sie fundierte Hintergrundinformationen mit klaren diagnostischen und therapeutischen Handlungsschritten für den klinischen Alltag.

Gerade in der Geriatrie gewinnt dieses Thema besondere Relevanz, da Beinƶdeme bei Ƥlteren Patientinnen und Patienten hƤufig multifaktoriell entstehen. Eine strukturierte klinische Einordnung ist deshalb entscheidend, um sowohl gefƤhrliche Ursachen rasch zu erkennen als auch unnƶtige Diagnostik zu vermeiden.

Als Herausgeber des Geriatrie Forums freue ich mich besonders über Beiträge, die wissenschaftliche Evidenz mit praktischer klinischer Entscheidungsfindung verbinden. Genau dies gelingt den Autoren in überzeugender Weise. Ich danke dem Autorenteam herzlich für diesen sorgfältig ausgearbeiteten und ausgesprochen praxisrelevanten Beitrag.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

PD Dr. med. Mathias Schlƶgl, MPH, EMBA HSG

Chefarzt Geriatrie
Stv. Leiter Department Innere Medizin
5017 Barmelweid

mathias.schloegl@barmelweid.ch

(Chemo-)Präventive Strategien beim Hautkrebs: Wissensstand und Konsequenzen für die Praxis

Angesichts weltweit steigender Inzidenzen ist die Prävention von Hautkrebs eine zentrale Säule des öffentlichen Gesundheitswesens. Während der UV-Schutz das Fundament der Primärprävention bildet, gewinnen pharmakologische Strategien (Chemoprävention) zunehmend an Bedeutung. Die vorliegende Arbeit bietet eine praxisorientierte Synthese aktueller Evidenz von der Verhaltensprävention über systemische Ansätze mit Nicotinamid und Retinoiden bis hin zu experimentellen Strategien wie Immuncheckpoint-Inhibitoren und DNA-Reparaturenzymen.

In view of rising incidence rates worldwide, the prevention of skin cancer is a central pillar of public health. While UV protection forms the basis of primary prevention, pharmacological strategies (chemoprevention) are becoming increasingly important. This paper provides a practice-oriented synthesis of current evidence, ranging from behavioural prevention and systemic approaches with nicotinamide and retinoids to experimental strategies such as immune checkpoint inhibitors and DNA repair enzymes.
Keywords: Skin cancer prevention, field cancerization, nicotinamide, actinic keratosis, chemoprevention

Einleitung

Hautkrebserkrankungen, insbesondere Keratinozytenkarzinome (KC) wie das Basalzellkarzinom (BCC) und das Plattenepithelkarzinom (SCC), stellen eine wachsende Herausforderung dar. WƤhrend das BCC meist lokal deĀ­struierend wƤchst, weist das SCC ein signifikantes Metastasierungsrisiko auf (1). Eine zentrale Rolle spielt die aktinische Keratose (AK) als VorlƤuferlƤsion und Indikator einer Feldkanzerisierung (2, 3). Angesichts kumulativer UV-Exposition und steigender Lebenserwartung ist die PrƤvention nicht nur medizinisch, sondern auch gesundheitsƶkonomisch essenziell. Die Kosten für die Behandlung fortgeschrittener Tumoren übersteigen die Ausgaben für prƤventive Massnahmen um ein Vielfaches (2, 4–7).

VerhaltensprƤvention und UV-Schutz

UV-Strahlung induziert eine Migration von epidermalen Langerhans-Zellen und eine lokale Immunsuppression und ist der Hauptrisikofaktor für die Entstehung der meisten nicht melanozytären Hautkrebse (NMSC) sowie der einzige modifizierbare Risikofaktor in der Pathogenese des malignen Melanoms (4, 8). Effektive Prävention beginnt bereits vor der Anwendung von Topika durch gezielte Schulung und Verhaltensänderung.

Edukation und Public Health

Frühzeitige Sensibilisierung in Schulen und KindergƤrten ist der nachhaltigste Schutz vor UV-induzierten Neoplasien. Ein zentraler Faktor bildet das Expositionsmanagement, wobei Aufenthalte im Freien zwischen 11 Uhr und 15 Uhr, insbesondere bei starker Sonneneinstrahlung, gemieden werden sollen. ZusƤtzlich senken strukturelle AnsƤtze, wie beispielsweise die architektonische Schaffung von SchattenplƤtzen in ƶffentlichen RƤumen, das kollektive Expositionsrisiko kosteneffizient (9–13).

Mechanischer Schutz (Textilien)

UV-Schutzkleidung ist eine sehr effektive mechanische Massnahme. Sie ist kostengünstig, vermeidet Anwendungsfehler und erfordert kein Nachcremen. Die Schutzwirkung (Ultraviolet Protection Factor, UPF) korreliert mit der Webdichte und Stoffdicke. Ergänzt wird dies durch Kopfbedeckungen und zertifizierte Sonnenbrillen (UV400), um auch das Risiko für die Entstehung okulärer Neoplasien zu minimieren (12, 13).

Topischer UV-Schutz

Die tƤgliche Anwendung von Sonnenschutzmitteln fungiert als Barriere gegen DNA-SchƤden und unterstützt durch die Immunfunktionen der Haut (4). Moderne PrƤparate mit LSF > 50 decken das gesamte Spektrum von UVB über UVA bis hin zu hochenergetischem sichtbarem Licht ab. Die wegweisende Nambour-Studie belegt den hohen Stellenwert eines konsequenten UV-Schutzes in der PrimƤrprƤvention. Die tƤgliche Anwendung (LSF 15) senkte die SCC-Inzidenz signifikant auf 1115 vs. 1832 FƤlle/100 000 Personenjahre und besitzt einen Legacy-Effekt mit um 40 % niedrigerer SCC-Rate noch acht Jahre nach Studienende (4, 6).

Auch für das maligne Melanom zeigt eine Nachanalyse nach zehn Jahren eine Risikohalbierung, hinweisend auf eine latenzbegleitete Protektion (9).
Bei bestehender Feldkanzerisierung fƶrdert konsequenter Schutz die Remission aktinischer Keratosen (AK), wobei eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung besteht (5).

Compliance-Barrieren und Kosten
Wichtig für die Schutzwirkung ist somit auch eine adäquate Auftragsmenge. Der klinische Erfolg scheitert oft an einer Unterdosierung. Da der Zusammenhang zwischen Schichtdicke und Schutzwirkung nicht linear, sondern exponentiell verläuft, führt eine Unterschreitung der empfohlenen 2 mg/cm2 zu einem drastischen Schutzverlust (14).

Des Weiteren limitieren drei Hauptgründe die Compliance:
1. Galenik: Klebriges Hautgefühl, Ɩlfilme oder das AbfƤrben auf Kleidung werden hƤufig als stƶrend empfunden und verhindern die grossflƤchige Anwendung.
2. Das Sonnenschein-Paradoxon: Da die kutanen Schäden oft erst Jahrzehnte nach der UV-Exposition auftreten und die unmittelbare negative Konsequenz (abgesehen von Sonnenbrand) fehlt, ist die Motivation zur Adhärenz im Alltag gering. Hier ist frühzeitige Schulung von besonderer Wichtigkeit.
3. Kosten: Sonnenschutz muss meist privat finanziert werden, was hƤufig in insuffizientem und sparsamem Umgang endet. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass die Kosten einer konsequenten Prophylaxe bei Weitem nicht so hoch sind wie die Behandlungskosten von Hauttumoren (14, 15).

Ɩkologische ToxizitƤt
Neben der dermatologischen Sicherheit rückt die ƶkologische VertrƤglichkeit von UV-Filtern in den Fokus. Chemische Filter wie Oxybenzon oder Octocrylen schƤdigen marine Ɩkosysteme, fƶrdern virale Infektionen in symbiotischen Algen und führen zur Korallenbleiche sowie zum Absterben ganzer Riffe (16). Zur Schonung dieser gefƤhrdeten Ɩkosysteme gewinnen Ā«Reef SafeĀ»-PrƤparate (physikalische Filter, meist auf Basis von Zinkoxid oder Titandioxid, und moderne chemische Filter) an Bedeutung. In Kombination mit Schattensuche und photoprotektiver Kleidung fƶrdert dies nicht nur den Umweltschutz, sondern erhƶht auch die Akzeptanz bei umweltbewussten Personen (17).

Systemische Chemoprävention bei ­Hochrisikogruppen

Nicotinamid

Nicotinamid, die Amidform des Vitamins B3, fungiert als essenzieller VorlƤufer von NAD+ und ist damit ein zentraler Cofaktor der mitochondrialen ATP-Produktion. Durch die Bereitstellung dieser zellulƤren Energie optimiert die Substanz die Reparatur UV-induzierter DNA-SchƤden und wirkt der lokalen Immunsuppression entgegen, ohne die endogene Vitamin-D-Synthese zu beeintrƤchtigen (18, 19). Von dieser Immunprotektion profitieren besonders Personen mit hellem Hauttyp, bei denen bereits eine einwƶchige Gabe die UV-induzierte Immunsuppression signifikant und dosisunabhƤngig reduziert (18).

Einsatz bei Immunkompetenz
Die randomisierte ONTRAC-Studie belegte bei immunkompetenten Patienten die EffektivitƤt von 2 x 500 mg Nicotinamid tƤglich als SekundƤrprƤvention. Bei Patient/-innen mit mindestens zwei NMSC innerhalb von 5 Jahren sank die Inzidenz neuer Tumoren innerhalb von 12 Monaten um 23 % (SCC –30 %, BCC –20 %). Besonders superfizielle BCC-Subtypen sprachen stark an, was auf eine differenzierte Empfindlichkeit hinweist. Gleichzeitig sank die Zahl aktinischer Keratosen (AK) um 13 %, wƤhrend erste Effekte bereits nach drei Monaten messbar waren (1).

Einsatz bei Hochrisikogruppen
Im Gegensatz dazu konnte die ONTRANS-Studie bei Organtransplantierten (OTR) keinen signifikanten prƤventiven Effekt auf NMSC oder AK nachweisen. Aufgrund vorzeitiger Beendigung und unzureichender Rekrutierung bleibt die Wirksamkeit unter manifester Immunsuppression unklar (20, 21).
Retrospektive Daten stützen allerdings die Annahme: In einer weiteren Studie profitierten OTR nicht von der Therapie, wƤhrend das allgemeine Hautkrebsrisiko in der Gesamtkohorte sank (14 % Risikoreduktion). Besonders eindrücklich war der Effekt bei einem Einsatz unmittelbar nach dem ersten NMSC (Reduktion von Folgetumoren um bis zu 54 %), wobei der stƤrkste Effekt bei SCC beobachtet wurde (22, 23).

Klinische Implementierung und Kosten
Nicotinamid ist in der klinischen Praxis dadurch attraktiv, dass es ein kostengünstiges, nicht verschreibungspflichtiges Präparat ist, welches anders als Nicotinsäure kein «Flush­ing» verursacht. Eine Hürde bei der Compliance stellt allerdings die «Pill Fatigue» dar, was bedeutet, dass insbesondere multimorbide Patienten, welche bereits zahlreiche Medikamente einnehmen, das Präparat eher absetzen. Trotz dieser Hürde sollte der Einsatz von Nicotinamid aufgrund der geringen Kosten und des hohen Nutzens sowie der Sicherheit in Erwägung gezogen werden.

Retinoide (Acitretin)

Systemische Retinoide sind eine etablierte Methode zur Hemmung der malignen Transformation von Keratinozyten (7, 24). Ihre Wirksamkeit ist jedoch stark vom Immunstatus und dem Zeitpunkt des Therapiebeginns innerhalb der Tumorgenese abhƤngig.

Einsatz bei Hochrisikogruppen
Besonders bei immunsupprimierten Organtransplantierten (OTR) mit hoher Feldkanzerisierung zeigen Retinoide eine ausgeprƤgte chemoprƤventive Wirkung. Eine doppelblinde Studie an Nierentransplantierten belegt unter Acitretin (30 mg/d) eine drastische Reduktion der SCC-Inzidenz von 47 % auf 11 %. Parallel sank die Zahl der AKs um 13.4 %, wƤhrend sie in der Placebogruppe signifikant anstieg (24).

Der protektive Effekt zeigt sich über Jahre stabil, betrifft allerdings primär das SCC, während für BCC lediglich ein nicht signifikanter Trend beobachtet wurde (7, 24).

Einsatz bei Immunkompetenz
Bei immunkompetenten Patienten scheint der präventive Nutzen vor allem in frühen Stadien der Feldkanzerisierung zum Tragen zu kommen. Die SKICAP-AK-Studie belegte bei Patient/-innen mit moderater Tumorlast eine signifikante SCC-Reduktion (HR 0.74) (25).

Wurden hingegen Hochrisikopatienten mit bereits ≄ 4 vorausgegangenen Tumoren behandelt (SKICAP-S/B- Studie), blieb ein signifikanter Nutzen aus (25, 26). Dies unterstreicht, dass Retinoide primƤr die Frühstadien der Tumorentwicklung beeinflussen (25).

Klinische Barrieren
Trotz der hohen Evidenz wird der klinische Einsatz von Retinoiden limitiert. Zum einen gibt es dosisabhƤngige Nebenwirkungen wie Cheilitis, Xerosis cutis und Haarausfall, welche die Compliance einschrƤnken. Zum anderen erfordert die Therapie ein engmaschiges Labormonitoring (Leberwerte, Lipide), was die indirekten Behandlungskosten erhƶht und AdhƤrenz ebenfalls vermindert.

Feldtherapie: PrƤvention durch Sanierung

Die Behandlung der Feldkanzerisierung zielt auf die Beseitigung subklinischer Dysplasien ab und dient so der TertiƤrprƤvention, indem die Progression zu invasiven KC eingedƤmmt wird.

Topisches 5-Fluorouracil (5-FU)

5-Fluorouracil (5-FU) zerstƶrt als Antimetabolit selektiv dysplastische Keratinozyten, gilt als eine der wirksamsten Therapien zur Stabilisierung der Feldkanzerisierung und hemmt die Progression zu invasiven Tumoren (27).

Evidenz
Eine gross angelegte RCT zeigt, dass ein konventionelles Schema (5 % 5-FU, 2 x tƤglich über 2–4 Wochen) das Risiko für chirurgisch interventionsbedürftige SCC um 75 % reduziert (27). Insbesondere galt dies für solche, welche aufwendige Mohs-Chirurgie erfordert hƤtten, was den hohen Stellenwert von 5-FU in der Vermeidung invasiver VerlƤufe unterstreicht. Für BCC hingegen konnte kein signifikanter prƤventiver Effekt nachgewiesen werden (19).

Nebenwirkungen und Verbesserung der Compliance
Die Anwendung im konventionellen Schema führt häufig zu schmerzhaften Erythemen und Erosionen, was die Compliance im Praxisalltag massiv limitiert. Um diese Barriere zu überwinden, rücken zwei Ansätze in den Fokus:

Einerseits gibt es inzwischen ein galenisch optimiertes PrƤparat mit einer Konzentration von 4 %, das in klinischen Studien eine vergleichbare Wirksamkeit zeigt, aber nur einmal pro Tag angewendet werden muss.

Andererseits zeigen intermittierende Protokolle, dass eine dreimal wöchentliche Applikation über 120 Tage (in Kombination mit Nicotinamid) (28) zu einer signifikanten Senkung der AK-Last und Lichtschäden führt, während die Lokalreaktionen mild und gut kontrollierbar bleiben (28). Diese moderneren Schemata adressieren direkt das Pro­blem der Therapieabbrüche und ermöglichen eine langfristige Sanierung der Feldkanzerisierung bei hoher Patientenakzeptanz.

Weitere AnsƤtze der Feldtherapie

Neben 5-FU tragen auch die photodynamische Therapie (PDT) wie auch medikamentƶse Wirkstoffe wie Diclofenac oder Tirbanibulin zur prƤventiven Feldsanierung bei und verhindern wahrscheinlich in unterschiedlicher AusprƤgung die Progression zu invasiven Karzinomen.

Photodynamische Therapie (PDT)
Die PDT ist ein Verfahren, das sowohl für einzelne Läsionen als auch zur Feldtherapie Anwendung findet. Die Wirkung beruht auf dem Applizieren von Vorstufen des Häm-Biosynthesewegs, die weiter intrazellulär in Porphyrine umgewandelt werden. Diese Porphyrine werden durch sichtbares Licht aktiviert, wobei reaktive Sauerstoffspezies (ROS) entstehen, die selektiv Zielzellen zerstören.

Die Therapie führt zur Verzögerung der Entstehung neuer Läsionen und zeigt sich bei immunkompetenten Personen effektiver als bei Immunsupprimierten. Der Vorteil ist, dass grossflächige Areale behandelt werden können und die Therapie keiner regelmässigen oralen Einnahme von Medikamenten bedarf, was eine bessere Compliance ermöglicht. Die PDT hat zudem die Eigenschaft, auch beginnende, klinisch noch nicht sichtbare Läsionen zu detektieren und anzugreifen (29, 30).

Weitere AnsƤtze und Zukunftsperspektiven

COX-2-Inhibition

WƤhrend Diclofenac als topisches Mittel Einsatz bei der Therapie von Feldkanzerisierung findet, gibt es auch Evaluationen zum systemischen Einsatz von COX-2-Inhibitoren (z. B. Celecoxib) in der ChemoprƤvention.

Evidenz
Die Cyclooxygenase-2 (COX-2) spielt eine Schlüsselrolle in der Pathogenese UV-induzierter Neoplasien. Die Einnahme von 2 x 200 mg Celecoxib täglich über neun Monate zeigte bei Personen mit ausgeprägten AKs eine differenzierte Wirkung je nach Stadium der Karzinogenese.

Nach neun Monaten ergab sich kein signifikanter Unterschied in der Anzahl verbliebener AKs, was verdeutlicht, dass die COX-2-Inhibition die klinisch sichtbare Feldkanzerisierung nicht reduziert.

Im Gegensatz dazu sank die Inzidenz neuer NMSC bis Monat 11 signifikant. Dieser protektive Effekt trat bereits nach drei (BCC) bzw. sechs Monaten (SCC) ein und blieb auch im Follow-up ohne Rebound-PhƤnomen stabil (23).

Limitationen
Trotz des nachgewiesenen chemoprotektiven Potenzials bleibt dieser Ansatz in der Langzeitprävention die Ausnahme. Das Haupthindernis stellt das kardiovaskuläre Risikoprofil der COX-2-Inhibition dar. Da diese Komplikationen statistisch meist erst bei einer Einnahmedauer von über einem Jahr auftreten, blieben sie in der genannten Neun-Monats-Studie aus (23). Dennoch limitiert das Nutzen-Risiko-Profil den breiten Einsatz, insbesondere bei der oft älteren, multimorbiden Zielgruppe der Hautkrebspatienten.

Immuntherapie mittels PD-1-/PD-L1-Blockade

Immuncheckpoint-Inhibitoren, insbesondere Antikörper gegen PD-1 oder PD-L1 (z. B. Cemiplimab, Pembrolizumab), haben die Therapie fortgeschrittener kutaner Malignome revolutioniert. Über die Tumortherapie hinaus rückt nun deren präventives Potenzial auf die Feldkanzerisierung in den Fokus.

Evidenz
Eine prospektive Studie (n = 23) verdeutlicht dieses Potenzial: Bei Patient/-innen, die aufgrund fortgeschrittener Neoplasien mittels I.v.-Therapie mit PD-1- oder PD-L1-Inhibitoren behandelt wurden, zeigte sich ein signifikanter Nebeneffekt auf VorlƤuferlƤsionen. Die AK-Last sank innerhalb von 12 Monaten von 47.2 auf 14.3 LƤsionen (70 %). Jüngere Patienten und solche mit anamnestisch schweren SonnenbrƤnden profitierten am stƤrksten.

Auch bei der Entwicklung invasiver Hauttumoren zeigte sich eine günstige Tendenz, diese allerdings nicht signifikant. Die Gesamtzahl der NMSC sank im Beobachtungszeitraum von 42 auf 17, die Zahl der SCC von 16 auf 5 (3).

Limitationen
Trotz dieser vielversprechenden Resultate ist die Datenlage derzeit noch begrenzt. Bei fast der HƤlfte der Patienten (47.8 %) traten immunvermittelte Nebenwirkungen auf, primƤr makulopapulƶse Exantheme und Pruritus. Ausserdem sind die Therapiekosten sehr hoch, was einen Einsatz ausserhalb der Onkologie in der PrƤvention derzeit nicht vertretbar macht. Die Ergebnisse unterstreichen die Rolle des Immunsystems bei der Kontrolle der Feldkanzerisierung, doch grƶssere randomisierte Studien sind erforderlich, um das Potenzial einer gezielten Immunprophylaxe für Hochrisikogruppen zu evaluieren (3).

DNA-Reparaturenzyme

Topische Reparaturenzyme wie Photolyase und Endonu­klease verfolgen den Ansatz, UV-induzierte DNA-­Schäden, insbesondere Cyclobutan-Pyrimidin-Dimere (CPDs), aktiv rückgängig zu machen und so die Karzinogenese chronisch lichtgeschädigter Haut abzuschwächen (19).

Eine kleine prospektive Studie (n = 28) verglich LSF 50 allein mit einer Kombination aus LSF 50 und Enzymen (1 % Photolyase/Endonuklease) über sechs Monate. WƤhrend die Hyperkeratose in beiden Gruppen sank, reduzierte die Enzymgruppe die Feldkanzerisierung signifikant stƤrker (–29 % vs. –10 %) und senkte die epidermalen CPDs um 61 % (vs. 35 % in der Kontrollgruppe) (19).

Eine Pilotstudie ohne zusƤtzlichen Sonnenschutz bestƤtigte diesen Trend. Die Enzymcreme senkte die AK-Zahl nach acht Wochen um 29.2 %, wƤhrend die Placebogruppe eine Zunahme um 31.4 % verzeichnete (21).

Diese Ergebnisse legen nahe, dass DNA-Reparaturenzyme eine effektive ErgƤnzung zum Standardlichtschutz bei Patienten mit ausgeprƤgtem chronischem Lichtschaden darstellen kƶnnten.

HPV-Impfung

Die Assoziation zwischen humanen Papillomviren (HPV) und kutaner Dysplasie ist insbesondere bei Immunsupprimierten bekannt, wo bis zu 85 % der SCC-LƤsionen HPV-positiv sind. Die VAXAK-Studie untersuchte nun erstmals den Effekt der 9-valenten HPV-Impfung auf die AK-Last bei Immunkompetenten.

In dieser doppelblinden RCT (n = 70; ≄ 15 AKs) erhielten die Probanden die Impfung oder Placebo zum Monat 0, 2 und 6. Bereits nach zwei Monaten zeigte die Impfgruppe eine signifikant stƤrkere Reduktion der AK-Zahl sowie eine geringere LƤsionsdicke im Vergleich zu Placebo. Der Effekt blieb bis zum 12. Monat stabil.

Obwohl die Inzidenz neuer Keratinozytenkarzinome im kurzen Beobachtungszeitraum nicht signifikant sank, liefert die Studie eine starke Evidenz für das präventive Potenzial der Impfung. Dies stützt die Hypothese, dass die gegen mukosale Typen entwickelte Vakzine eine immunologische Kreuzreaktion oder Protektion gegenüber kutanen HPV-Typen induziert, was die Tumorlast auf chronisch lichtgeschädigter Haut senken könnte (2).

Zusammenfassung und klinische Ā­Konsequenz

Angesichts der steigenden Inzidenzen von Hautkrebs rückt die Wichtigkeit einer wirksamen Präventionsstrategie immer weiter in den Vordergrund. Diese dient der Entlastung des Gesundheitssystems, indem chirurgische und medikamentöse Behandlungen invasiver Malignome minimiert werden können.

Die Grundlage bleibt die Verhaltensänderung sowie Public-Health-Massnahmen, da sie die Hautkrebsraten am kosteneffizientesten senken und in jeder Altersklasse implementierbar sind. Die Edukation bereits in frühen Jahren, besonders zur Aufklärung über das «Sonnenschein-Paradoxon», also dass UV-Schäden erst mit grosser Latenz klinisch manifest werden, ist essenziell. Weiterhin sollte der mechanische Schutz durch UV-Schutzkleidung nicht unterschätzt werden, insbesondere aufgrund der niedrigen Fehleranfälligkeit. Topischer Lichtschutz bleibt wichtig, ist jedoch im klinischen Alltag durch mangelnde Adhärenz limitiert. Neben galenischen Barrieren erschwert die private Finanzierung oft die konsequente Anwendung.

Bei Immunkompetenten mit einer Vorgeschichte multi­pler NMSC stellt Nicotinamid eine gut verträgliche und kostengünstige Option dar. Bei Hochrisikogruppen wie Organtransplantierten (OTR) mit ausgeprägter Feldkanzerisierung hingegen zeigt sich trotz des Monitoring-Aufwands ein früher Einsatz von Retinoiden (Acitretin) als geeignetes Mittel zur Senkung der SCC-Last.

Die Behandlung der Feldkanzerisierung, z. B. mittels 5-FU oder PDT, dient nicht nur der Therapie bestehender Läsionen, sondern auch der aktiven Karzinomprophylaxe und Verhinderung der Progression zur Invasivität. Hier zeigen moderne, intermittierende Schemata ein vielversprechendes Potenzial für eine verbesserte Adhärenz.

Der ƶkonomische Einfluss ist eindeutig: Die Behandlung fortgeschrittener oder metastasierter Hauttumoren mittels Chirurgie oder Immuntherapien belastet das Gesundheitssystem mit hohen Kosten. Dies kann durch eine konsequente, lebenslange Prophylaxe direkt adressiert werden, um die Gesundheitskosten nachhaltig zu senken.

Innovative AnsƤtze wie die HPV-Impfung oder der Einsatz topischer Reparaturenzyme bieten einen Blick in die Zukunft und kƶnnten insbesondere bei therapierefraktƤrer Feldkanzerisierung eingesetzt werden. Was jedoch schlussendlich entscheidend bleibt, ist die langfristige Compliance und die Ƥrztliche Rolle in der adƤquaten AufklƤrung.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus der «PRAXIS» 02/2026

Cand. med. Ainoa Galdos

UniversitƤt Bern

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer

– Senior Consultant
Klinik für Dermatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
reinhard.dummer@usz.ch

– Leiter Hautkrebszentrum
Kantonsspital Aarau, Hautkrebszentrum
Bahnhofplatz 3C
5001 Aarau
reinhard.dummer@ksa.ch

Angesichts weltweit steigender Inzidenzen ist die Prävention von Hautkrebs eine zentrale Säule des öffentlichen Gesundheitswesens. Während der UV-Schutz das Fundament der Primärprävention bildet, gewinnen pharmakologische Strategien (Chemoprävention) zunehmend an Bedeutung. Die vorliegende Arbeit bietet eine praxisorientierte Synthese aktueller Evidenz von der Verhaltensprävention über systemische Ansätze mit Nicotinamid und Retinoiden bis hin zu experimentellen Strategien wie Immuncheckpoint-Inhibitoren und DNA-Reparaturenzymen.

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Kombination von Stosswellentherapie und plƤttchenreichem Plasma in der Schmerzmedizin

Der Artikel beschreibt die kombinierte Anwendung von Stosswellentherapie (ESWT) und plƤttchenreichem Plasma (PRP) in der Schmerzmedizin und OrthopƤdie als regenerativen, minimal-invasiven Therapieansatz für chronische muskuloskelettale Beschwerden. Die Kombination beider Verfahren schafft eine gute Voraussetzung, indem Stosswellen die Heilung anstossen und PRP diese gezielt verstƤrkt. Anwendungsgebiete sind vor allem chronische Tendinopathien (z.B. Rotatorenmanschette, Epikondylitis, Achillodynie, Plantarfasziitis) und frühe bis mittelgradige Arthrose und Sportverletzungen. Gegenüber medikamentƶser Schmerztherapie und vielen operativen Verfahren werden der geringere InvasivitƤtsgrad, die gewebeschonende Regeneration, die ambulante Durchführbarkeit und die niedrigere systemische Nebenwirkungsrate hervorgehoben. Als Limitationen nennt der Artikel die noch heterogene Evidenzlage – insbesondere zur Kombination –, fehlende Standardisierung von PRP, zeitverzƶgerten Wirkungseintritt und das Fehlen langfristiger, hochwertiger Studien im direkten Vergleich zu etablierten invasiven Verfahren. Insgesamt wird die kombinierte ESWT-PRP-Therapie als ein vielversprechender Bestandteil, in ein stufenweises orthopƤdisch schmerzmedizinisches Behandlungskonzept eingeordnet.

The article describes the combined use of extracorporal shockwave therapy (ESWT) and platelet-rich plasma (PRP) in pain medicine and orthopedics as a regenerative, minimally invasive treatment approach for chronic musculoskeletal disorders. The combination of both procedures is intended to create a biological precondition in which shockwaves initiate healing and PRP specifically amplifies these processes. Main indications include chronic tendinopathies (e.g., rotator cuff disease, epicondylitis, Achilles tendinopathy, plantar fasciitis), early to moderate osteoarthritis, as well as sports injuries. Compared with pharmacological pain therapy and many surgical procedures, the approach is characterized by lower invasiveness, tissue-preserving regeneration, outpatient feasibility, and a lower rate of systemic side effects. As limitations, the article highlights the still heterogeneous evidence base – especially for the combination – lack of standardization of PRP preparations, delayed onset of action, and the absence of long-term, high-quality comparative studies versus established invasive procedures. Overall, combined ESWT–PRP therapy is presented as a promising component within a stepwise orthopedic and pain-medicine treatment concept.
Keywords: Chronische muskuloskelettale Schmerzen, Extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT), PlƤttchenreiches Plasma (PRP)

Einleitung

Chronische muskuloskelettale Schmerzen stellen eine erhebliche individuelle und volkswirtschaftliche Belastung dar und führen häufig zu wiederholten invasiven Eingriffen oder langandauernder Pharmakotherapie. In den letzten Jahren haben sich die extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT) und plättchenreiches Plasma (PRP) als zentrale Bausteine regenerativer, minimal-invasiver Schmerzmedizin etabliert, wobei deren Kombination das Potenzial hat, additive oder synergistische Effekte zu entfalten.

Wirkmechanismen der Stosswellentherapie

Die ESWT basiert auf der Applikation hochenergetischer Schallwellen, die extrakorporal erzeugt, im Gewebe fokussiert und über Flüssigkeiten sowie muskuläres und bindegewebiges Gewebe weitergeleitet werden. An Gewebegrenzflächen entstehen Scherkräfte, die mechanische Reize in zelluläre Signalwege übersetzen und eine Reihe von Regenerationsprozessen initiieren.

Zu den zentralen Effekten zählen die Stimulation der Mikrozirkulation und die Verbesserung der lokalen Durchblutung mit konsekutiver Aktivierung des Stoffwechsels. Gleichzeitig kommt es zur Freisetzung von Wachstumsfaktoren, zur Induktion von Neovaskularisation sowie zur Förderung von Geweberegeneration und Knochenheilung. Darüber hinaus werden entzündliche Prozesse durch eine vermehrte Ausschüttung entzündungshemmender Mediatoren moduliert. Ein weiterer wichtiger Effekt ist das Lösen myofaszialer Triggerpunkte und fixierter Aktin-Myosin-Filamente in der Muskulatur, was zu einer unmittelbaren Tonus- und Schmerzreduktion führt. Zudem können Kalk- und Verkalkungsherde, etwa bei Kalkschulter oder Fersensporn, durch lokale mechanische Fragmentierung aufgelöst werden.

Wirkmechanismen der PRP-Therapie

PlƤttchenreiches Plasma wird aus autologem Vollblut durch Zentrifugation gewonnen und enthƤlt eine hohe Konzentration an Thrombozyten sowie damit assoziierte Wachstumsfaktoren und Zytokine (Abb. 1). Nach Aktivierung setzen Thrombozyten diese Faktoren frei und steuern damit zentrale Aspekte der Gewebereparatur.

Wesentliche Wirkungen von PRP sind die Stimulation von Fibroblasten, Tenocyten und chondrogenen Zellen mit Fƶrderung der Matrixneubildung und Kollagensynthese. Zudem kommt es zur Induktion von Angiogenese und damit zu einer Verbesserung der lokalen Gewebeperfusion.

PRP wird unter Bildgebung (häufig Sonographie) gezielt in das betroffene Gewebe appliziert, etwa an Sehnenansätze, intraartikulär oder in muskulo-tendinöse Übergangsbereiche. Die schmerzreduzierenden Effekte treten typischerweise verzögert über Wochen ein, da es sich um einen klar regenerativen und nicht primär analgetischen Mechanismus handelt.

Rationale der Kombination von ESWT und PRP

Die Kombination aus ESWT und PRP adressiert sowohl die initiale Aktivierung lokaler Heilprozesse als auch deren anhaltende Modulation und Unterstützung. Stosswellen steigern Durchblutung und Gefässpermeabilität, setzen endogene Wachstumsfaktoren frei und schaffen damit ein biologisch aktiviertes Milieu. PRP ergänzt dieses Setting durch eine hohe Konzentration autologer Wachstumsfaktoren und regenerativer Signale direkt am Defekt.

Klinisch wird die Kombination beispielsweise bei Tendinopathien der Rotatorenmanschette eingesetzt, insbesondere bei Teilrupturen oder persistierenden Entzündungen trotz konservativer Therapie. Sie findet zudem Anwendung bei chronischen Sehnenansatzerkrankungen wie Epicondylitis oder Plantarfasziitis, bei denen die Stosswellentherapie bereits etabliert ist und PRP eine zusƤtzliche regenerative Komponente bereitstellt. Ausserdem wird die Kombination bei degenerativen Gelenkerkrankungen, zum Beispiel bei Kniearthrose, eingesetzt, wobei PRP – mit oder ohne HyaluronsƤure – direkt ins Gelenk injiziert wird.

In der Praxis wird ESWT häufig in mehreren Sitzungen appliziert (z.B. drei bis fünf Behandlungen im Wochenabstand), während PRP gezielt in ein bis wenige Injektionen nach Diagnostik und ggf. nach initialer Stosswellenserie verabreicht wird.

Praktische Einordnung

In der orthopädischen Praxis wird die Kombination ESWT + PRP vor allem bei therapieresistenten Tendinopathien, frühen Arthrosestadien und Sportverletzungen eingesetzt, häufig nach Ausschöpfen von Basismassnahmen wie Physiotherapie, NSAR und Aktivitätsmodifikation. Besonders im Sportbereich gilt sie als wichtiger Baustein, um Heilungszeiten zu verkürzen und Operationen möglichst zu vermeiden.

Sehnen- und Sehnenansatzerkrankungen

• RotatorenmanschettenlƤsionen (Teilrupturen, Tendinopathien) und Impingement der Schulter, inkl. Kalkschulter, zur Schmerzreduktion.
• Epikondylitis humeri radialis/ulnaris (Tennis- und GolferĀ­ellenbogen) mit chronischen Sehnenreizungen am Ellenbogen.
• Patellaspitzensyndrom (Ā«Jumper’s kneeĀ») und LƤuferknie bei sportassoziierten Überlastungstendinopathien.
• Achillodynie und andere Achillessehnenprobleme (Reizung, Teilrupturen) als ErgƤnzung zu Physiotherapie und Belastungsanpassung.
• Chronische SchmerzzustƤnde an weiteren SehnenĀ­ansƤtzen (z.B. Plantarfasziitis/Fersensporn, Patellarsehne, proximaler Tractus iliotibialis)

Arthrose und osteochondrale LƤsionen

• Früh- bis mittelgradige Gonarthrose (Kniearthrose) als konservative Option zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung, teils in Kombination von PRP mit HyaluronsƤure.
• Arthrosen anderer Gelenke (Coxarthrose, SprungĀ­gelenksarthrose, Rhizarthrose) in frühen Stadien zur Verzƶgerung invasiver Eingriffe.

Sportverletzungen

• Muskelverletzungen (Muskelfaserrisse, Zerrungen) mit verzƶgerter Heilung, um die Regeneration zu beschleunigen und die Rückkehr zum Sport zu fƶrdern.
• Bandverletzungen (z.B. laterale Sprunggelenksdistorsion, Innenbandverletzungen am Knie) im Rahmen eines konservativen, funktionsorientierten Rehabilitationskonzepts (1).

Vorteile gegenüber anderen nicht invasiven Verfahren

Im Vergleich zu klassischen physikalischen Therapien und rein symptomorientierter Pharmakotherapie bietet die Kombination aus ESWT und PRP mehrere potenzielle Vorteile: Regenerativer Ansatz statt alleiniger Analgesie: Beide Verfahren zielen auf strukturelle und funktionelle Gewebeheilung (2).

Geringe Systembelastung: Es handelt sich vorwiegend um lokal wirksame Verfahren mit minimaler systemischer Exposition. Dies im Gegensatz zu NSAR oder Opioiden mit potenziellen gastrointestinalen, kardiovaskulƤren oder zentralnervƶsen Nebenwirkungen und nur kurzfristiger Schmerzlinderung.

Nachteile und Limitationen der kombinierten Therapie

Zeitverzögerter Wirkungseintritt: PRP entfaltet seine Wirkung typischerweise erst nach Wochen; Patienten müssen über den fehlenden Soforteffekt aufgeklärt werden und begleitend adäquate Schmerztherapie erhalten.

Standardisierung: Es existieren keine einheitlichen Standards zur Herstellung (Leukozytengehalt, Thrombozytenkonzentration) und Applikation von PRP, was die Vergleichbarkeit von Studien und die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen erschwert.

Ausblick

Die Stosswellentherapie in Kombination mit PRP repräsentiert einen vielversprechenden, regenerativ orientierten Ansatz in der Schmerzmedizin, der invasiven Verfahren eine zusätzliche konservative, gewebeschonende Alternative entgegenstellt. Zur endgültigen Bewertung sind jedoch weitere randomisierte, kontrollierte Studien mit klar definierten Protokollen, standardisierten PRP-Präparaten und langzeitiger Nachbeobachtung erforderlich.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med.Patrick Nordmann

Gemeinschaftspraxis Gerbergasse
Gerbergasse 6
8001 Zürich

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • ESWT und PRP wirken synergistisch: Stosswellen aktivieren lokale Heilungsprozesse und Durchblutung, PRP verstƤrkt diese Regeneration durch hohe Konzentrationen an Wachstumsfaktoren.
  • Die Kombination ist v. a. bei chronischen Tendinopathien, früher bis mittlerer Arthrose und sportassoziierten Muskel /Bandverletzungen als konservative, gewebeschonende Alternative zu Operationen sinnvoll.
  • Gegenüber konventioneller Schmerzmedikation und vielen operativen Eingriffen bietet die Kombination eine geringere InvasivitƤt, ein geringeres Komplikationsrisiko und keine systemische Pharmakobelastung.

1. A comparative analysis of platelet-rich plasma alone versus combined with extracorporeal shockwave therapy in athletes with patellar tendinopathy and knee pain: a randomized controlled trial ;Knee Surg Relat Res . 2024 Dec 17;36(1):47
2. The Clinical Efficacy of Extracorporeal Shock Wave Therapy Combined With Platelet-Rich Plasma and Exercise for Lateral Epicondylitis: Prospective Randomized Sham-Controlled Ultrasonographic Study.;Arch Phys Med Rehabil 2025 Aug.106(8):1173-1182.

Kidney Care Indikatorenset zur Messung der ­hausärztlichen Nierenversorgung in der Schweiz

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) ist eine bedeutende, aber oftmals unterdiagnostizierte und unterbehandelte Erkrankung. Auf der Basis der Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Nephrologie (SGN) und Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) wurde ein evidenzbasiertes Set von 12 Indikatoren entwickelt, das die QualitƤt der Versorgung von Risikogruppen und CKD-Betroffenen im Hinblick auf Prozesse und Zielwerterreichung rund um die Ā«NierengesundheitĀ» abbildet. Dieses Indikatorenset wurde an einem grossen Datensatz hausƤrztlicher Routinedaten getestet. Dabei zeigten sich sehr heterogene Ergebnisse mit teils hohen Erfüllungsraten, mit einem Median von 86.8 % bei der Nichtverschreibung von NSAR bis zu 18.3 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit arterieller Hypertonie. Insgesamt konnte gezeigt werden, dass das vorliegende Indikatorenset ein pragmatisches, evidenzbasiertes und leicht anwendbares Template darstellt, um die QualitƤt der Nierenversorgung von Risikopatienten und CKD-Patienten abzubilden.

Chronic kidney disease (CKD) is a significant but often underdiagnosed and undertreated condition. Based on the recommendations of the Swiss Society of Nephrology (SSN) and Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), an evidence-based set of 12 indicators was developed to map the quality of care for at-risk groups and those affected by CKD with regard to processes and target achievement related to kidney health. This set of indicators was tested on a large dataset of routine primary care data, revealing highly heterogeneous results, with some high compliance rates ranging from a median of 86.8 % for non-prescription of NSAID to 18.3 % for eGFR and albuminuria assessment in patients with arterial hypertension. Overall, it was shown that the present set of indicators represents a pragmatic, evidence-based and easily applicable template to depict the quality of kidney care of patients at risk or affected by CKD.
Keywords: Chronic kidney disease, quality indicators, primary care, kidney care, chronic care

Einleitung

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) ist eine bedeutende gesundheitliche Herausforderung. Die WHO hat im Mai 2025 eine Resolution verabschiedet, um die chronische Nierenkrankheit als globale Gesundheitspriorität anzuerkennen und zu bekämpfen. Sie will die Länder zur stärkeren Integration der Nierenversorgung in nationale Gesundheitsstrategien sowie zur besseren Prävention, Früherkennung und Behandlung der CKD auffordern und die primären Gesundheitsdienste stärken (1).

Aktuell sind weltweit und in der Schweiz circa 10 % der erwachsenen Bevƶlkerung von einer CKD betroffen, wobei über zwei Drittel undiagnostiziert bleiben (2–4). CKD-Patientinnen und -Patienten haben ein hƶheres Risiko, frühzeitig zu versterben als eine terminale Niereninsuffizienz zu entwickeln (5). Prognosen zufolge wird die CKD bis zum Jahr 2040 weltweit die fünfthƤufigste Todesursache darstellen (6). CKD-Betroffene, die das Endstadium – eine terminale Niereninsuffizienz – erreichen und ein Nierenersatzverfahren wie Dialyse oder Nierentransplantation benƶtigen, leiden unter einer reduzierten LebensqualitƤt und Ā­verursachen erhebliche Gesundheitskosten. In den IndustrielƤndern entfallen derzeit schƤtzungsweise zwei bis drei Prozent des jƤhrlichen Gesundheitsbudgets auf Nierenersatzverfahren wie Nierentransplantation und Dialyse (7). Mit einer wachsenden PrƤvalenz und steigenden Kosten stellt die CKD eine erhebliche Belastung für das ƶffentliche Gesundheitssystem dar. In der Schweiz wird bis 2032 ein Anstieg auf 1.03 Millionen Betroffene erwartet, was mit geschƤtzten Kosten von 4.2 Milliarden Franken verbunden ist (8, 9).

Diese Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit einer effektiven Früherkennung bei Risikogruppen sowie eines optimalen Krankheitsmanagements in der Grundversorgung, um die Mortalität und den Bedarf an Nierenersatzverfahren so weit wie möglich zu reduzieren und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
In diesem Zusammenhang hat die Schweizerische Gesellschaft für Nephrologie (SGN) einfache Empfehlungen für Fachpersonen der Allgemeinen Inneren Medizin / Hausarztmedizin zur Früherkennung einer CKD bei Risikogruppen publiziert, welche sich auf die internationalen Empfehlungen von Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) stützen (10, 11). Kernpunkt in den Empfehlungen ist ein regelmässiges Screening bei Risikopatientinnen und -patienten mit Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mittels eGFR und Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin (UACR), um eine CKD früh zu erkennen und eine Progression der Erkrankung rechtzeitig zu detektieren sowie adäquat zu behandeln.

Nach den aktuellen Empfehlungen wird eine chronische Nierenkrankheit (CKD) definiert als das Vorliegen einer strukturellen oder funktionellen Störung der Nieren, die über mehr als drei Monate besteht und Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Die Diagnose CKD kann gestellt werden, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien für mehr als drei Monate persistiert (10, 11):
1. geschƤtzte glomerulƤre Filtrationsrate (eGFR) < 60 ml/min/1.73 m2 und/oder
2. Albumin-/Kreatinin-Quotient (ACR) ≄ 30 mg/g und oder
3. morphologische Indikatoren für NierenschƤden, wie z. B. VerƤnderung des Urinsediments, histologische VerƤnderungen oder strukturelle NierenschƤden
Anhand dieser Parameter wird die CKD in fünf eGFR-Kategorien (G1 bis G5) und drei Stadien der Albuminurie (A1 bis A3) eingeteilt (Abb. 1).

Eine Analyse zur VersorgungsqualitƤt von CKD-PatienĀ­tinnen und -Patienten in der Grundversorgung im Rahmen des FIRE-CKD-Projekts hat jedoch deutliches Verbesserungspotenzial in Bezug auf die Umsetzung der bestehenden Empfehlungen aufgezeigt: Hierzu wurde die Erfüllung von 14 evidenzbasierten QualitƤtsindikatoren zum CKD-Management über einen gewissen Zeitraum in den an das FIRE-Projekt angeschlossenen Hausarztpraxen erhoben. AuffƤllig war dabei der geringe Anteil an CKD-Patientinnen und -Patienten, die innerhalb von 18 Monaten Follow-up eine UACR-Messung erhielten: Dieser lag bei nur 18.1 %. Diese Erkenntnisse weisen auf Defizite in der aktuellen Praxis in der Grundversorgung hin, die adressiert werden sollten (12). Die Umsetzung der SGN-Empfehlungen in der Praxis bleibt für viele HausƤrztinnen und HausƤrzte eine Herausforderung, die eine systematische Hilfestellung in der Implementierung der Guidelines erfordert.

Ein vielversprechender Ansatz zur Unterstützung des Chronic-Care-Managements ist die Implementierung von Qualitätsindikatoren und Adhärenz-Scores, die helfen, evidenzbasierte Behandlungsstrategien zu quantifizieren. Qualitätsindikatoren sowie Adhärenz-Scores ermöglichen es, auf einfache und effiziente Weise die Qualität der medizinischen Versorgung zu messen, und fördern das Bewusstsein für Behandlungslücken und Optimierungspotenziale.

Der SGED-Score, der in der Schweiz als erstes Instrument zur Messung der Versorgungsqualität bei Diabetes vorgeschlagen wurde, basiert auf internationalen Standards wie dem «Diabetes Recognition Program» des National Committee for Quality Assurance (NCQA) und der American Diabetes Association (ADA) und wurde von der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) für die Schweizer Versorgungslandschaft angepasst (13, 14). Zur Messung der Versorgungsqualität von Patientinnen und Patienten mit einem kardiovaskulären Risiko wurde der CARE-Score entwickelt, welcher zuverlässig und reproduzierbar die Performance eines Hausarztkollektivs oder individueller Hausärztinnen und Hausärzte abbilden kann (15).

Die Beispiele des SGED-Scores und CARE-Scores zeigen den Erfolg der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Fachärztinnen/Fachärzten, Fachgesellschaften und der Versorgungsforschung in der Schweiz. Diese Zusammenarbeit ist entscheidend, um Daten zur Evaluation der gegenwärtigen Praxis zu generieren, Barrieren bei der Umsetzung neuer Empfehlungen und Strategien zu überwinden sowie die Qualität der Versorgung kontinuierlich zu verbessern.

Die Autoren haben sich als Experten der Versorgungsforschung, Hausarztmedizin und Allgemeinen Inneren Medizin sowie Nephrologie in einer Arbeitsgruppe zum Ziel gesetzt, ein Set von Indikatoren zur Unterstützung der Nierenversorgung in der Schweiz anhand der Beispiele des SGED- und CARE-Scores zusammenzustellen, um die systematische Früherkennung der CKD in der Grundversorgung zu unterstützen und das Management von CKD- Patientinnen und -Patienten zu erleichtern.

Das so entstandene Kidney Care Indikatorenset wurde anschliessend genutzt, um anhand der FIRE-Datenbank deren Erfüllungsgrad für das Jahr 2024 zu berechnen und den gegenwärtigen Stand der Nierenversorgung von Risikogruppen und CKD-Betroffenen durch ein breites Hausarztkollektiv abzubilden. Das Kidney Care Indikatorenset kann als Basis für einen Adhärenz-Score zur Messung der Versorgungsqualität von Nierenpatienten dienen.

Methodik: Das Kidney Care Indikatorenset

Beginnend im Juli 2024, haben die Autoren sich in einer interdisziplinären Projektgruppe aus Experten der Versorgungsforschung, Allgemeinen Inneren Medizin und Nephrologie formiert, um anhand der Erfahrungen aus dem SGED-Score und CARE-Score ein Instrument für die Qualität der Nierenversorgung in der Schweiz zu entwickeln.

Das Ziel war es, ein pragmatisches, evidenzbasiertes Set an Qualitätsindikatoren auf akademischer Basis zusammenzutragen, das die Qualität der Versorgung von ­Risikogruppen und CKD-Betroffenen im Hinblick auf Prozesse und Zielwerterreichung rund um die «Nierengesundheit» aufzeigt und die Bestrebungen zur Reduktion einer CKD- Progression beschreibt. Grundlage für die einzelnen Indikatoren waren die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Nephrologie (SGN) und KDIGO.

Die Indikatoren sollten aus den üblichen hausƤrztlichen Routinedaten errechenbar sein, die im Rahmen der Betreuung von Risikopatientinnen und -patienten gemƤss Leitlinien zu dokumentieren sind. Ziel des Indikatorensets ist es, dem einzelnen Arzt / der einzelnen Ƅrztin langfristig in einem Dashboard einen einfachen und pragmatischen Überblick über die Ā«PerformanceĀ» im Sinne einer Guideline-AdhƤrenz der eigenen Versorgung zu bieten. Die Ergebnisse der Kidney Care QualitƤtsindikatoren kƶnnen auch in QualitƤtszirkeln oder in Netzwerken zu QualitƤtsmassnahmen genutzt werden. Langfristig ist erstrebenswert, ein Dashboard zu haben, welches auf Ā­einfache Weise den Istzustand beschreibt, zu mehr VisibilitƤt für die bislang vernachlƤssigte chronische Nierenkrankheit führt und eine Verbesserung der Nierenversorgung in der Schweiz über die nƤchsten Jahre unterstützt.
Eine StƤrke des SGED- und des CARE-Scores besteht darin, nicht nur Prozesse, sondern auch klinische Outcomes wie das HbA1c oder den Blutdruck abzubilden. Es wurde daher auch Wert darauf gelegt, im Kidney Care Indikatorenset nicht nur Prozessindikatoren zu inkludieren, sondern auch mindestens einen klinisch relevanten Outcome-Parameter anzugeben.

Die Expertengruppe hat sich nach eingehender Literaturrecherche, Prüfung der bestehenden Empfehlungen und Diskussion auf nachfolgende Indikatoren geeinigt (Tab. 1). Wichtig ist anhand des Konsensus der Expertengruppe, dass das ausgewƤhlte Set an Kidney Care Indikatoren die VersorgungsqualitƤt für 2 Populationen abbildet, um eine aussagekrƤftige Orientierung zur Nierenversorgung in der Hausarztpraxis zu erhalten: Zum einen wird das regelmƤssige Screening zur CKD-Früherkennung für die Risikopopulationen mit Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie und etablierten kardiovaskulƤren Erkrankungen gemessen, zum anderen wird das CKD-Management für Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten CKD dargestellt. Die Empfehlung der Experten ist, das Assessment der Nierenwerte bei Diabetes mellitus analog zum SGED-Score einmal jƤhrlich durchzuführen. Das Assessment der Nierenwerte bei arterieller Hypertonie und etablierter kardiovaskulƤrer Erkrankung sollte laut Expertenempfehlung individuell am jeweiligen Risikoprofil orientiert sein und mindestens alle 3–5 Jahre durchgeführt werden (16–18). Bei etablierter CKD-DiaĀ­gnose wird eine mindestens einmal jƤhrliche Messung respektive Kontrolle der einzelnen Parameter empfohlen.

Proof of Concept: Erste Ergebnisse des Ā­Kidney Care Indikatorensets im FIRE-Kollektiv

Eine erste Evaluation des Kidney Care Indikatorensets wurde mit Daten aus dem FIRE-Projekt des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich durchgeführt (www.fireproject.ch) (19). Die FIRE-Datenbank besteht seit 2009 und sammelt verschiedene Komponenten der elektronischen Krankengeschichte von über 400 Deutschschweizer Hausärztinnen und Hausärzten. Insbesondere können in der FIRE-Datenbank Patientinnen und Patienten mit chronischer Nierenerkrankung anhand von Kreatinin- und Albuminurie-Messungen sowie Einträgen in den Diagnoselisten identifiziert werden. Für die vorliegende Auswertung wurden alle Mitglieder des FIRE-Projekts berücksichtigt, die im Jahr 2024 über einen Zeitraum von mindestens 10 Monaten Konsultationen bei mindestens 100 Patientinnen und Patienten aufwiesen. Für jedes dieser FIRE-Mitglieder wurde für jeden Indikator die Nennerpopulation extrahiert, die aus allen Patientinnen und Patienten bestand, welche für den jeweiligen Indikator infrage kamen. Innerhalb dieser Nennerpopulation wurde das Kollektiv bestimmt, welches das Messkriterium des jeweiligen Indikators erfüllte und somit die Zählerpopulation bildete. Anschliessend wurde eine rohe Erfüllungsrate als prozentualer Anteil der Zählerpopulation an der Nennerpopulation berechnet. Da Unterschiede in der demografischen Zusammensetzung der Patientenkollektive verschiedener Hausärztinnen und Hausärzte zu unterschiedlichen Voraussetzungen für die Erfüllung von Indikatoren führen können, haben wir diese rohen Erfüllungsraten nach Alters- und Geschlechtsverteilung standardisiert, um eine bessere Vergleichbarkeit zu ermöglichen.

Zusätzlich zu den Erfüllungsraten in den einzelnen Indikatoren wurde das Ziel verfolgt, diese zu einer Gesamterfüllungsrate zu aggregieren. Ziel ist es, mit einer einzigen Performance-Zahl einen Gesamtüberblick über die Qualität der Versorgung der chronischen Nierenkrankheit durch die einzelnen Hausärztinnen und Hausärzte geben zu können. In der Literatur finden sich verschiedene Möglichkeiten, die Erfüllungsraten von Einzelindikatoren zu Gesamtscores zu aggregieren, wobei am häufigsten die mit der Grösse der jeweiligen Nennerpopulation gewichteten Mittelwerte der Erfüllungsraten der Einzelindikatoren anzutreffen sind (20). Somit erhält jeder Indikator eine Gewichtung, die proportional zur Anzahl der interessierenden Patientinnen und Patienten ist.

Auf diese Weise haben wir eine erste Version einer aggregierten Erfüllungsrate als gewichtetes Kidney Care Indikatorenset berechnet. Obwohl diese Art der Aggregation intuitiv verständlich ist, ist sie mit einigen Nachteilen verbunden. Einerseits unterliegt die Schätzung der Versorgungsqualität bei Hausärztinnen und Hausärzten mit kleinen Patientenkollektiven starken Schwankungen, was die Genauigkeit des Scores beeinträchtigt. Andererseits wird bei dieser Art der Aggregation nicht berücksichtigt, dass ein Grossteil der Indikatoren in einem gemeinsamen Patientenkollektiv erfasst wird und Mehrfachbeobachtungen einzelner Patienten in mehreren Indikatoren möglich sind, sodass die individuellen Erfüllungsraten korreliert sein sollten. Um diese Limitationen zu umgehen, haben wir eine zweite Methode angewandt, die auf einem modellbasierten Ansatz beruht. Zu diesem Zweck haben wir ein gemischtes logistisches Regressionsmodell über den gesamten Datensatz verwendet, das neben einer Adjustierung für Alter und Geschlecht auch die Berücksichtigung von Mehrfachbeobachtungen einzelner Patienten in mehreren Indikatoren erlaubt. Auf Basis dieses Modells wurde die durchschnittliche Performance der Hausärztinnen und Hausärzte in einer Standardpopulation berechnet, die in ihrer demografischen Zusammensetzung der in der Auswertung berücksichtigten Gesamtpopulation entspricht. Diese Performance haben wir als modellbasiertes Kidney Care Indikatorenset definiert (technische Details zur Berechnung im Anhang).

Für die Auswertung wurden die Daten von 290 Teilnehmenden des FIRE-Projekts analysiert. Die Auswertung der Indikatoren 1–3 (Assessment bei Risikogruppen) beruhte auf 95 786 Patientinnen und Patienten mit Diabetes, Hypertonie oder etablierter kardiovaskulƤrer Erkrankung (mittleres Alter 66.8 ± 15.7 Jahre [SD]; 48.6 % weiblich), wƤhrend die Auswertung der Indikatoren 4–12 auf 23 992 Patientinnen und Patienten mit zu Beginn des Jahres 2024 vorbestehender CKD beruhte (mittleres Alter 74.3 ± 15.6 Jahre [SD]; 50.9 % weiblich; hƤufigste Stadien G2 zu 29.5 % und G3a zu 24.8 %).

Die Verteilungen der individuellen standardisierten Erfüllungsraten sind in (Abb. 2) zusammengefasst. Die hƶchsten Erfüllungsraten wurden bei Indikatoren 11 (Verzicht auf Verschreibung von nicht steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten) und 4 (eGFR-Monitoring bei bekannter CKD) beobachtet, mit Medianen bei 86.8 % bzw. 79.9 %. Die tiefsten Erfüllungsraten wurden bei Indikatoren 2 (eGFR- und Albuminurie-Assessment bei arterieller Hypertonie) und 3 (eGFR- und Albuminurie-Assessment bei etablierter kardiovaskulƤrer Erkrankung) sowie beim Outcome-Indikator 12 (arterieller Blutdruck < 130/80 mmHg im Jahresdurchschnitt) ermittelt: 18.3 % und 18.9 % bzw. 14.7 %. Tab. 2 gibt eine Übersicht über die Verteilungen der beiden aggregierten Kidney Care Indikatorensets.

Diskussion

Die Entwicklung des Kidney Care Indikatorensets stellt einen pragmatischen Ansatz zur strukturierten Beschreibung der VersorgungsqualitƤt bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) dar und soll den Istzustand einer Erkrankung, welche bislang aufgrund von fehlenden therapeutischen Konsequenzen nicht im Fokus war, darstellen. Die Kidney Care Indikatoren visualisieren die bedeutende Herausforderung des Managements von Risikogruppen sowie CKD-Patientinnen und -Patienten in der Grundversorgung. Die Ergebnisse der ersten Erhebung, basierend auf der umfangreichen Datenbank des FIRE-Projekts, zeigen Diskrepanzen zwischen den Leitlinien-empfehlungen und der realen Praxis. Bemerkenswert sind die stark variierenden Erfüllungsraten der 12 Indikatoren, die von einem Median von 86.8 % bei der Nichtverschreibung von NSAR bis zu 18.3 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit arterieller Hypertonie und 18.9 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit kardiovaskulƤren Erkrankungen innerhalb eines Zeitraums von 3 Jahren reichen.

Die UACR-Messraten bleiben selbst über einen ausgedehnten Zeitraum von 3 Jahren bei Risikogruppen in einem niedrigen Bereich. Genauso ist auch die jƤhrliche UACR-Messrate bei diagnostizierter CKD niedrig und liegt nur bei 21.6 %. Die UACR-Messung scheint somit ein Ā«FlaschenhalsĀ» für eine gute Nierenversorgung in der Praxis zu sein. Da inzwischen wirksame Therapiemƶglichkeiten zur Verbesserung des Outcomes bei CKD existieren, empfiehlt es sich, bei Risikopatienten regelmƤssig die UACR zu bestimmen. Das Kidney Care Indikatorenset kann als Hilfestellung dienen, um an die zentralen Aspekte der Früherkennung und des Managements der CKD zu erinnern und den Verlauf zu visualisieren.
Das Kidney Care Indikatorenset bietet nicht nur eine strukturierte Bewertung der Versorgungsqualität bei CKD, sondern lässt auch Raum für individuelle Bedürfnisse und flexible Anwendung im Praxisalltag. Die Möglichkeit, Qualitätsindikatoren an patientenspezifische Profile und unterschiedliche Praxisstrukturen anzupassen, macht es zu einem vielseitigen Instrument. So können Hausärztinnen und Hausärzte gezielt auf die Besonderheiten ihres Patientinnen- und Patientenkollektivs eingehen und das Management an die jeweiligen klinischen Situationen anpassen. Dies erlaubt zum Beispiel, Patientengruppen aktiv abhängig von Alter, Gesundheitszustand (Frailty, aktives Malignom, Pflegeheimpatienten) und Compliance zur Berechnung des Indikatorensets auszuschliessen. Diese Anpassungsfähigkeit fördert eine personalisierte und bedarfsgerechte Nierenversorgung, ohne die Vorteile einer standardisierten Qualitätsmessung zu verlieren.

Eine Einschränkung auf die Patientenpopulation der unter 75-Jährigen wurde eingehend diskutiert. Eine Analyse der Kidney Care Indikatoren mit Einschluss der unter 75-Jährigen zeigt jedoch keine grossen Abweichungen in den Erfüllungsraten (Supplement). Vor diesem Hintergrund ist daher eine altersunabhängige Implementierung der Kidney Care Indikatoren zu befürworten, um ein einfaches und konsistentes Management gemäss den aktuellen Empfehlungen zu ermöglichen.

In den Diskussionen der Expertenrunde wurde auch deutlich, dass starre Zielwertvorgaben für Erfüllungsraten aktuell nicht sinnvoll sind, um die Akzeptanz und Umsetzung der Kidney Care Indikatoren in der Hausarztpraxis zu unterstützen. Eine einfachere Darstellung, beispielsweise durch Boxplot-Diagramme, ist hingegen wertvoll und sinnvoll, um eine individualisierte Orientierung für HausƤrzte zu bieten, Vergleiche mit der Peergroup zu ziehen und die kritische Reflexion der eigenen Versorgungsleistung zu fƶrdern. Daher wurde bewusst auf Zielwertvorgaben verzichtet. Die Experten empfehlen generell das Anstreben akzeptabler oder optimaler Werte (Abb. 3), um die laut Empfehlungen notwendigen medizinischen Massnahmen für eine adƤquate Nierenversorgung umzusetzen. Ziel ist es, die Anschaulichkeit der Kidney Care Indikatoren in den Fokus zu stellen, um durch die Visualisierung eine langfristige Verbesserung der Nierenversorgung zu fƶrdern.

LƤngerfristig soll die praktische Anwendung der Kidney Care Indikatoren durch Integration in bestehende Dashboards unterstützt werden, die Ƅrztinnen und Ƅrzten eine benutzerfreundliche Visualisierung der Indikatoren bieten und den Bedarf für gezielte Interventionen bei einzelnen Patientinnen und Patienten oder ganzen Patientengruppen klar erkennbar machen.

Limitierungen

Der gegenwärtige Ansatz weist Limitationen auf, die berücksichtigt werden müssen, um die Validität ­und ­Akzeptanz zu erhöhen. Beispielsweise basiert der Ansatz auf der Annahme, dass die Erfüllung von Prozessindikatoren automatisch zu verbesserten klinischen Outcomes führt, was noch durch langfristige empirische Studien zu validieren wäre. Ausserdem bestehen derzeit Herausforderungen in der Konsistenz der Erfüllungsraten, insbesondere in kleineren Praxen, die zu signifikanten Schwankungen führen können. Zukünftige Optimierungen sollten auf die Weiterentwicklung der dokumentationsbezogenen Strukturprozesse sowie Darstellung über Dashboards und die Anpassung an patientenspezifische Bedürfnisse abzielen, um die langfristige Implementierung und Effektivität der Indikatoren zu sichern.

Dr. med. Levy JƤger 1
Dr. med. Leander Muheim 2
Dr. med. Christian HƤuptle 3
Prof. Dr. med. Michael BrƤndle 4
PD Dr. med. Harald Seeger 5
Prof. Dr. med. Thomas Rosemann 1
1 Institut für Hausarztmedizin, UniversitƤt Zürich, Zürich
2 mediX Zürich AG, Zürich
3 WHM/FMF Stiftung zur Fƶrderung der Weiterbildung in Hausarztmedizin
4 HOCH Health Ostschweiz, St.Gallen
5 Institut für Nephrologie und Dialyse, Kantonsspital Baden AG, Baden

Abkürzungen
BMI Body-Mass-Index
CKD Chronische Nierenkrankheit, engl. Chronic Kidney Disease
eGFR geschƤtzte glomerulƤre Filtrationsrate
KDIGO Kidney Disease: Improving Global Outcomes
RAASi Inhibition des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems
SGED Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie
SGLT2i Natrium-Glucose-Cotransporter-2-Inhibitoren
SGN Schweizerische Gesellschaft für Nephrologie
UACR Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus der «PRAXIS» 11/2025

Dr. med. Levy JƤger

Institut für Hausarztmedizin, Universität Zürich, Zürich

Dr. med. Leander Muheim

 mediX Zürich AG, Zürich

Prof. Dr. Dr. med.Thomas Rosemann

Institut für Hausarztmedizin
Universitätsspital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

thomas.rosemann@usz.ch

Michael Brändle hat Honorare für Advisory Boards und Vorträge von AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, E. Lilly, Novartis, Novo Nordisk erhalten. Harald Seeger hat Honorare von AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Bayer, NovoNordisk, Vifor, Medice, FOMF und Reisepesen von AstraZeneca, Bayer, Vifor erhalten. Thomas Rosemann hat Honorare für Advisory Boards und Vorträge von Amgen, AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Moderna, Novartis, MSD, GlaxoSmithKline und Mepha erhalten.
Die wissenschaftliche Analyse des Kidney Care Indikatorensets anhand hausärztlicher Routinedaten wurde unterstützt von AstraZeneca.

  • Das Kidney Care Indikatorenset kann die VersorgungsqualitƤt von Patienten mit CKD in hausƤrztlichen Praxen darstellen. Die Auswertung anhand der FIRE-Datenbank verdeutlicht bestehende Versorgungslücken, insbesondere bei der Erfüllung wichtiger Indikatoren wie der UACR-Messung.
  • Diese Defizite spiegeln wider, dass die CKD bislang aufgrund begrenzter therapeutischer Optionen wenig Beachtung fand. Durch neue Therapien und gesundheitspolitische Impulse – etwa durch die WHO-Resolution – rückt die leitliniengerechte Nierenversorgung nun stƤrker in den Fokus.
  • Die Implementierung der Kidney Care Indikatoren in benutzerfreundliche Dashboards und Praxismanagement-Softwares ist nun wünschenswert, um die praktische Anwendung zu fƶrdern und damit zur Unterstützung der leitliniengerechten Nierenversorgung in der Schweiz beizutragen.
  • Das Indikatorenset bietet eine solide Grundlage, um die QualitƤt der Nierenversorgung langfristig systematisch und Schritt für Schritt zu verbessern.

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Soins de longue durĆ©e, quels dĆ©fis d’ici Ć  2040

Selon les diffĆ©rents scĆ©narios de l’OMS (1, 2), l’EMS deviendra un centre d’expertise de prise en charge de la grande dĆ©pendance et de la fin de vie. Il pourrait devenir le Hub qui regroupera les compĆ©tences de prise en charge des soins de longue durĆ©e, tant stationnaires qu’ambulatoires.

ConstituĆ© de spĆ©cialistes du grand Ć¢ge et de la complexitĆ© rompus au travail interprofessionnel, il devra rĆ©pondre au dĆ©fi que reprĆ©sente dĆ©jĆ  aujourd’hui le financement des soins de santĆ© liĆ©s au vieillissement. DĆØs 2032, EFAS (3) imposera une redistribution des parts payĆ©es par les caisses-maladie et les cantons. L’objectif sera d’intĆ©grer les soins de longue durĆ©e, de dĆ©cloisonner l’hospitalier de l’ambulatoire, en implĆ©mentant un financement unique liĆ© Ć  un budget allouĆ©, ou Ć  des forfaits par trajectoire de soins. Cette nouvelle rĆ©partition des coĆ»ts imposera une obligation de pilotage qui pourrait transformer le mĆ©decin d’EMS en administrateur d’indicateurs de performance. ƀ la clĆ©, une charge bureaucratique et une responsabilitĆ© financiĆØre, le mĆ©decin devenant le garant du parcours de soins du grand Ć¢ge.

Sans gouvernance centralisĆ©e par l’état, le danger rĆ©sidera dans l’assujettissement des mĆ©decins aux caisses-maladie. ƀ ces dĆ©fis, il convient d’ajouter le programme REFORMER (4), qui vise Ć  organiser la formation tout en assurant une rĆ©partition des spĆ©cialistes en fonction des besoins de santĆ© publique. Comment, Ć  l’heure où plus d’un quart des jeunes mĆ©decins pensent Ć  quitter la profession, pouvons-nous leur donner l’envie de venir relever le dĆ©fi des soins de longue durĆ©e? En 2040, la qualitĆ© des soins de longue durĆ©e sera le rĆ©sultat de notre capacitĆ© Ć  innover, Ć  penser hors du cadre, en interprofessionnalitĆ©, en interculturalitĆ©. Elle sera l’aboutissement d’une politique de santĆ© unifiĆ©e au plan fĆ©dĆ©ral et cohĆ©rente pour l’ensemble de la sociĆ©tĆ©, donc pour chacun d’entre nous. Investir dans la formation, dans un financement des soins Ć©quilibrĆ© en assurant la juste rĆ©munĆ©ration de tous, ne doit pas ĆŖtre perƧu comme un coĆ»t, mais comme un pacte intergĆ©nĆ©rationnel.

Dre Yolanda Espolio Desbaillet

La Chaux-de-Fonds

1. World Health Organization. State of long-term care. A conceptual framework for assessment and continuous learning in long-term care systems. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe, 2024. Licence: CC BY-NCSA 3.0 IGO
2. Policy Brief Ā«DĆ©velopper les soins de longue durĆ©e pour rĆ©pondre aux Ā­besoins de soins et d’accompagnement de la population Ć¢gĆ©e: un dĆ©fi sans prĆ©cĆ©dentĀ». UnisantĆ©. AoĆ»t 2025
3. Policy Brief «La réforme du financement uniforme des soins sous la loupe». Unisanté. Octobre 2024
4. Re-former.ch (15.02.2026)

Journal Watch de nos experts

Syndrome des jambes sans repos: une revue

Le SJSR est un trouble du mouvement liĆ© au sommeil qui touche environ 3 % de la population adulte aux ­États-Unis de maniĆØre cliniquement significative, et qui peut entraĆ®ner des troubles du sommeil importants.

Observation clinique
Le SJSR se caractĆ©rise par une envie irrĆ©sistible de Ā­bouger les membres, gĆ©nĆ©ralement les jambes, souvent accompagnĆ©e de sensations dĆ©sagrĆ©ables dans les membres (douleurs, fourmillements, etc.). Les symptĆ“mes s’attĆ©nuent avec le mouvement et apparaissent gĆ©nĆ©ralement le soir ou la nuit, ou sont alors plus prononcĆ©s. Ces symptĆ“mes peuvent entraĆ®ner des troubles de l’endormissement, du sommeil ou du rĆ©veil. Selon des Ć©tudes menĆ©es auprĆØs de la population, environ 8 % des adultes aux Ɖtats-Unis prĆ©sentent des symptĆ“mes du SJSR de maniĆØre variable chaque annĆ©e, et 3 % souffrent de symptĆ“mes modĆ©rĆ©s Ć  sĆ©vĆØres et invalidants au moins deux fois par semaine. Les patients atteints de ce syndrome ont une qualitĆ© de vie rĆ©duite et prĆ©sentent un risque accru de maladies cardiovasculaires (29.6 % souffrent d’une maladie coronarienne, d’un accident vasculaire cĆ©rĆ©bral ou d’une insuffisance cardiaque), de dĆ©pression (30.4 %) et de pensĆ©es suicidaires ou d’automutilation (0.35 cas pour 1000 personnes-annĆ©es). La polysomnographie n’est pas recommandĆ©e pour poser le diagnostic. En cas de taux de ferritine sĆ©rique infĆ©rieur ou Ć©gal Ć  100 ng/ml ou de saturation de la transferrine infĆ©rieure Ć  20 %, une supplĆ©mentation en fer par sulfate ferreux (325 Ć  650 mg par jour ou tous les deux jours) ou par voie intraveineuse (1000 mg) est recommandĆ©e.

Si possible, il faut arrĆŖter les mĆ©dicaments associĆ©s au SJSR, notamment les antidĆ©presseurs sĆ©rotoninergiques, les antagonistes de la dopamine et les antihistaminiques H1 Ć  action centrale (par exemple, la diphĆ©nhydramine). Les gabapentinoĆÆdes (par exemple, la gabapentine, la gabapentine enacarbil ou la prĆ©gabaline) constituent le traitement pharmacologique de premier choix. Dans des essais cliniques randomisĆ©s, environ 70 % des patients traitĆ©s par gabapentinoĆÆdes ont prĆ©sentĆ© une amĆ©lioration significative ou trĆØs Ā­significative des symptĆ“mes du SJSR, contre enĀ­viron 40 % des patients ayant reƧu un placebo (P < 0.001). Les agonistes de la dopamine (par exemple, le ropinirole, le pramipexole ou la rotigotine) ne sont plus recommandĆ©s comme traitement de premiĆØre intention en raison du risque d’aggravation iatrogĆØne des symptĆ“mes du SJSR, qui survient avec ces mĆ©dicaments Ć  une incidence annuelle de 7 Ć  10 %. Les Ā­patients qui ne prĆ©sentent aucune amĆ©lioration avec le Ā­traitement de premiĆØre intention ou qui voient leurs symptĆ“mes s’aggraver peuvent bĆ©nĆ©ficier d’opioĆÆdes Ć  faible dose (par exemple, de la mĆ©thadone Ć  raison de 5 Ć  10 mg par jour).

Conclusion et pertinence
Le syndrome des jambes sans repos touche environ 3 % de la population adulte et peut avoir des effets nĆ©gatifs sur le sommeil et la qualitĆ© de vie. Le traitement initial comprend l’arrĆŖt des mĆ©dicaments qui aggravent la maladie et une supplĆ©mentation en fer chez les patients dont les taux de fer sont bas. Si un traitement mĆ©dicamenteux est indiquĆ©, les gabapentinoĆÆdes constituent le traitement de premiĆØre intention.

Pr Walter F. Riesen

Source
Winkelman JW, Wipper B. Restless legs syndrome: a review. JAMA. 2026;335(8):703–714. doi:10.1001/jama.2025.23247. Published online January 21, 2026.

Rupture du mƩnisque et douleurs au genou: les exercices Ơ domicile aussi efficaces que les thƩrapies plus coƻteuses

Contexte
Un tiers des personnes d’âge moyen et 80 % des patients atteints d’arthrose du genou prĆ©sentent une dĆ©chirure du mĆ©nisque. Il est difficile de dĆ©terminer si les douleurs au genou sont causĆ©es par la dĆ©chirure du mĆ©nisque, par l’arthrose, ou par les deux. Plusieurs Ć©tudes randomisĆ©es ont montrĆ© qu’une mĆ©niscectomie partielle arthroscopique n’avait aucun effet positif sur la douleur et la fonction un an aprĆØs l’intervention. Aux Ɖtats-Unis, 400 000 interventions de ce type sont encore pratiquĆ©es chaque annĆ©e. Selon les directives, la premiĆØre mesure thĆ©rapeutique pour ces patients doit ĆŖtre une physiothĆ©rapie ou des exercices sous supervision. On ignore si l’amĆ©lioration des symptĆ“mes (douleur et fonction) est due aux exercices, Ć  l’interaction avec les physiothĆ©rapeutes ou aux deux.

Cette Ć©tude a cherchĆ© Ć  dĆ©terminer si des aides-mĆ©moire pour la rĆ©alisation d’exercices Ć  domicile ou une physiothĆ©rapie supplĆ©mentaire apportaient un bĆ©nĆ©fice supplĆ©mentaire par rapport Ć  la seule pratique d’exercices Ć  domicile (1). Elle a Ć©galement comparĆ© l’efficacitĆ© de la physiothĆ©rapie Ć  celle d’une physiothĆ©rapie fictive, avec une interaction thĆ©rapeutique similaire.

CritĆØres d’inclusion
• des personnes Ć¢gĆ©es de 45 Ć  85 ans souffrant de douleurs au genou et prĆ©sentant une dĆ©chirure du mĆ©nisque confirmĆ©e par IRM dans le compartiment douloureux, c’est-Ć -dire soit latĆ©ral, soit mĆ©dial;
• prĆ©sence d’au moins un ostĆ©ophyte;
• un dĆ©faut cartilagineux, partiel ou complet, dans l’un des compartiments.

Conception de l’étude et mĆ©thode
Ɖtude randomisĆ©e
Lieu de l’étude: plusieurs cliniques aux Ɖtats-Unis.

Interventions
(avec une description succincte)
• Groupe 1:
exercices Ć  domicile. Les Ā­patients ont reƧu des instructions Ā­(Ć©tirement des Ā­quadriceps, du tendon d’Achille et du muscle gastrocnĆ©mien, renforcement de diffĆ©rents muscles).
• Groupe 2:
exercices à domicile et ­rappels; en plus des instructions pour les exercices, les participants ont reçu trois SMS par ­semaine pour renforcer leur motivation et deux lettres par mois pour les encourager à faire les exercices régulièrement;
• Groupe 3:
exercices Ć  domicile, rappels et physiothĆ©rapie fictive (14 sĆ©ances au total Ā­Ā­comprenant un examen approfondi du genou, une pseudo-Ć©chographie et Ā­l’application de crĆØmes sans effet pharmacologique).
• Groupe 4:
exercices Ć  domicile, rappels et physiothĆ©rapie standard (14 sĆ©ances au total, comprenant un examen approfondi du genou, une pseudo-Ć©chographie et l’application de crĆØmes sans effet pharmacologique).

RƩsultat principal
Modification du score de douleur Ā«Knee Injury and Osteoarthritis Outcome ScoreĀ» (KOOS), un questionnaire validĆ© pour l’évaluation des douleurs au genou, 3 mois aprĆØs le dĆ©but du traitement.

RƩsultats secondaires
• pourcentage de patients ne rĆ©pondant pas au traitement, c’est-Ć -dire ne prĆ©sentant pas d’amĆ©lioration d’au moins 8 points du score de douleur KOOS (ce qui correspond Ć  la diffĆ©rence minimale cliniquement significative).
• Chez combien de patients ayant obtenu une amĆ©lioration du score de 8 points ou plus, l’effet du traitement Ć©tait-il persistant aprĆØs un an?

Conclusion
Sur les plus de 26 000 patients Ć©valuĆ©s pour leur aptitude Ć  participer Ć  l’étude, 879 ont Ć©tĆ© randomisĆ©s. Chaque groupe comptait un peu plus de 200 patients.
L’âge moyen Ć©tait de 60 ans, un peu plus de la moitiĆ© des patients Ć©taient des femmes et deux tiers prĆ©sentaient un stade Kellgren-Lawrence (largeur de l’interligne articulaire) compris entre 0 et 2 (c’est-Ć -dire des stades peu avancĆ©s sur le plan radiologique).

Aucune diffĆ©rence pertinente ou significative n’a Ć©tĆ© constatĆ©e entre les diffĆ©rents groupes, que ce soit pour les critĆØres d’évaluation primaires ou secondaires.

La plus grande diffĆ©rence, avec 2.5 points dans le score de douleur KOOS, mais qui n’était pas statistiquement significative, a Ć©tĆ© observĆ©e entre les groupes 1 (exercices Ć  domicile) et 4 (exercices Ć  domicile, rappels et physiothĆ©rapie standard): le groupe 4 Ć©tait meilleur que le groupe 1.

Commentaire
Chez les patients prĆ©sentant une rupture du mĆ©nisque et des douleurs au genou, la physiothĆ©rapie standardisĆ©e associĆ©e Ć  des rappels Ć©crits pour motiver la pratique d’exercices Ć  domicile n’était pas plus efficace que les exercices Ć  domicile sans autres interventions telles que la physiothĆ©rapie et les rappels.

Il n’est pas encore possible de savoir si ces rĆ©sultats auront une influence sur les recommandations futures (exercices Ć  domicile uniquement, sans physiothĆ©rapie).

Pr Johann Steurer

Source
1. Katz JN et al. A Randomized Trial of Physical Therapy for Meniscal Tear and Knee Pain. N Engl J Med. 2025; 393: 1694-703