Die elektive Kryokonservierung von reifen, unbefruchteten Eizellen

Social Egg Freezing (SF) ist eine neue und vielversprechende reproduktionsmedizinische Methode, die es ermöglicht, die altersbedingte Abnahme der Fertilität zu überwinden. Die vitrifizierten Oozyten dürfen in der Schweiz maximal 10 Jahre gelagert werden. Bei Eintritt einer Sterilität können sie aufgetaut und für eine ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) verwendet werden. SF eröffnet nicht nur Chancen. Es ist eine für die Frau belastende und teure Option zur Erhaltung der Fruchtbarkeit, die auch Risiken aufweist.

La cryoconservation élective d’ovules pour des raisons non médicales (Social Egg Freezing, « SF ») est une nouvelle méthode prometteuse de la médecine de la procréation qui permet de surmonter le déclin de la fertilité lié à l’âge. En cas de stérilité ultérieure, ils peuvent être décongelés et utilisés pour une ICSI (injection intracytoplasmique de spermatozoïde). Les ovocytes vitrifiés peuvent être conservés en Suisse pendant dix ans au maximum. Le SF n’ouvre pas seulement des opportunités. C’est une option pour la femme lourde et coûteuse pour préserver sa fertilité, qui comporte également des risques.

Seit einigen Jahren besteht in der Schweiz die Möglichkeit für Frauen, ihre reifen und unbefruchteten Oozyten einzufrieren und für einen späteren Gebrauch zu lagern. Ausgangspunkt dieser neuen, sich schnell ausbreitenden Fortpflanzungsmethode waren die USA. In Europa wurde das Social Freezing einer breiteren Bevölkerung bekannt durch das Angebot von Apple und Facebook, ihren Mitarbeiterinnen die Kosten für ein SF zu erstatten. Zwar wurde und wird SF in Europa nicht nur freudig begrüsst, sondern auch kritisch diskutiert. Umso überraschender ist es, dass SF in der ansonsten der Reproduktionsmedizin gegenüber eher reservierten Schweiz bei vielen Frauen schnell Akzeptanz und eine rasch zunehmende Nachfrage gefunden hat. Bedingt ist dies – mindestens teilweise – durch die in dieser Sache für einmal, vom Parlament jedoch nicht beabsichtigte, liberale Schweizer Gesetzgebung.
Die Gründe für die zunehmende Popularität des SF sind vielfältig. So ist bei uns seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Lebenserwartung von rund 50 auf heute weit über 80 Jahre angestiegen. Der Lebensentwurf erstreckt sich heute also auf eine um Jahrzehnte längere Zeitperiode als derjenige unserer Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern. Es war deshalb auch kein Wunder, dass sich in dieser Zeit der Kinderwunsch in ein immer höheres Lebensalter verschoben hat. Problematisch ist jedoch, dass die Lebenserwartung der Oozyten weitgehend unverändert geblieben ist. So betrug das durchschnittliche Menopausenalter, also das Alter der letzten spontanen Ovulation und somit der letzten Möglichkeit einer Schwangerschaft, im Jahre 1900 50 Jahre, heute erst 51 Jahre. Im Bewusstsein, dass die Fertilität der Frau ab 35 rapide abnimmt, wird es für viele Frauen durch die altersbedingte Abnahme von Qualität und Zahl der Eizellen immer schwieriger Kinder zu haben (1). Methodisch entscheidend für den Durchbruch des SF war die Entwicklung der Vitrifikationstechnik, einer ultraschnellen Einfriermethode. Während bei älteren Kryokonservierungstechniken ein Grossteil der Oozyten beim Einfrier- und Auftauprozess degenerierten, darf heute davon ausgegangen werden, dass nahezu alle vitrifizierten Eizellen nach dem Auftauen intakt sind.

Indikation

Vom Social Egg Freezing muss das Medical Freezing (MF) abgegrenzt werden. In beiden Fällen geht es darum, die Fertilität zu erhalten.
Beim MF werden Gameten oder Embryonen präventiv kryokonserviert, typischerweise vor einer gonadotoxischen Therapie zur Bekämpfung eines Malignoms, welche zur kompletten Zerstörung des Follikelpools führt. Damit kann eine betroffene Patientin trotz eliminiertem Follikelpool nach der Genesung ohne heterologe Eizellspende noch schwanger werden.
Beim SF geht es darum, elektiv Keimzellen einzulagern mit dem Ziel, die bei Oozyten ab 35 Jahren schnell fortschreitende Alterung zu überwinden, die eine reduzierte Befruchtungschance und ein höheres Abortrisiko nach sich zieht. So kann auch diesen Frauen ermöglicht werden, später mit guten Chancen und den eigenen Eizellen Mutter zu werden. Für optimale Chancen sollten die Gewinnung und Einlagerung der Eizellen spätestens mit 35 Jahren erfolgen. Allerdings kann diese Altersgrenze individuell abweichen. Spätere Kryokonservierungen sind möglich. Jedoch muss die Erfolgsprognose bei Verwendung dieser Oozyten entsprechend angepasst werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Erfolgschancen eines SF auf die Geburt eines Kindes gleich hoch und die Risiken vergleichbar sind wie bei der Verwendung frischer Eizellen (2).
Meistens interessieren sich in der Schweiz Frauen für ein SF, die mit 35 oder später noch nicht den richtigen Partner für die Erfüllung des Kinderwunsches gefunden haben. Eine andere wichtige Gruppe von Frauen hat sich in der zweiten Hälfte der Dreissiger von ihrem langjährigen Partner getrennt, ohne dass sie ihren Kinderwunsch aufgeben möchten. Eher die Ausnahme sind die in den Medien immer wieder kolportierten Frauen, die zugunsten ihrer Karriere den Kinderwunsch aufschieben wollen. Da das zunehmende Lebensalter ein zunehmendes Schwangerschaftsrisiko darstellt, ist von der letztgenannten Indikation auch abzuraten. Grundsätzlich ist es deswegen ratsam, in jedem Falle nicht die maximale Lagerdauer auszureizen.

Vorgehen

Prinzipiell handelt es sich beim SF um eine IVF- (In-Vitro-Fertilisation) bzw. ICSI-Behandlung (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion), wie wir sie schon seit Jahrzehnten kennen. Im Unterschied zur Therapie bei aktuell unerfülltem Kinderwunsch wird die IVF beim SF mit der Gewinnung und Vitrifizierung der Eizellen unterbrochen (Abb. 1, 2 und 3). Erst bei späterem Bedarf – bei unerfülltem Kinderwunsch – werden die Eizellen aufgetaut, der Prozess mittels ICSI fortgeführt und die Embryonen transferiert. Gelagert werden dürfen die Gameten in der Schweiz gemäss Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) maximal 10 Jahre.
Es muss vor Aufnahme der Behandlung in jedem Fall eine ausführliche Information erfolgen über den Ablauf eines SF (analog ICSI), die Chancen, die kindlichen und mütterlichen Risiken sowie die Kosten und gesetzlichen Regelungen. Dabei muss erwähnt werden, dass die Chancen abhängig sind vom Alter der Frau zum Zeitpunkt der Vitrifikation der Eizellen und der Anzahl der gewonnenen Eizellen. Für eine optimale Chance müssen 20-30 Oozyten kryokonserviert werden, was mehrere hormonelle Stimulations- und Punktionszyklen nötig machen kann. In Einzelfällen kann es vorkommen, dass wider Erwarten keine befruchtungsfähigen Oozyten gewonnen werden können. Der ganze Sammelprozess kann mehrere Monate dauern mit konsekutiven Kosten von CHF 10’000-20’000. Darin eingeschlossen sind die Kosten für die Vorabklärung, die in der Regel mindestens eine Abklärung der aktuellen Eizellreserve (AMH und AFC (Antral Follicle Count) sowie eine Infektdiagnostik umfasst.

Gesetzliche Grundlagen und Kassenzulässigkeit

SF war zum Zeitpunkt der Revisionsdiskussion des FMedG in den 90er-Jahren noch nicht bekannt. Deshalb ist das SF trotz heutigem Stirnrunzeln breiter Bevölkerungsteile in der Schweiz im aktuell gültigen Fortpflanzungsmedizingesetz nur teilweise geregelt. Die primäre Ablehnung des SF durch viele Menschen, die nach korrekter Information häufig Verständnis weicht, ist in erster Linie durch die einseitigen Medienberichte über angeblich karriereorientierte Amerikanerinnen verschuldet.
Ohne wesentliche Einschränkungen möglich ist die Gewinnung und Kryokonservierung der Eizellen. Einzig die Lagerdauer ist auf maximal 10 Jahre limitiert. Die nach dem Auftauen notwendige ICSI ist jedoch im Fortpflanzungsmedizingesetz detailliert geregelt. Diese Regelungen gelten nicht nur bei der Erfüllung eines aktuellen Kinderwunsches, sondern bei jeder ICSI und somit auch beim SF. So darf die ICSI nur bei einem heterosexuellen Paar erfolgen bei Vorliegen einer Sterilität.
Wie IVF und ICSI ist analog auch das SF in der Schweiz nicht kassenzulässig – dies im Unterschied zum Medical Freezing, bei dem seit Juli 2019 zumindest die Kosten für die Gewinnung der Gameten und deren Lagerung von den Kassen übernommen werden müssen. Dass in den USA die SF-Kosten von diversen Firmen bezahlt werden, ist dadurch begründet, dass dort die Kassenzugehörigkeit nicht eine persönliche Angelegenheit, sondern über den Arbeitsvertrag geregelt ist. Trotzdem ist diese Grosszügigkeit auch im internationalen Kontext eine Ausnahme, zumal SF beispielsweise in Österreich oder Frankreich verboten ist.

Ethische Diskussion

Seit den ersten Meldungen zum SF in den USA wird in der Öffentlichkeit der Sinn eines SF auch in unseren Breitengraden intensiv diskutiert. So wird immer wieder darauf hingewiesen, dass nur wenige Frauen auf ihre kryokonservierten Eizellen zurückgreifen (3). Dies ist aber auch zu erwarten. So geben viele Frauen ihren Kinderwunsch auf oder werden trotz fortgeschrittenem Fertilitätsalter spontan schwanger. Das SF ist also eine Art Fruchtbarkeitsversicherung. Wie bei jeder Versicherung üblich kommt es nur selten zum Schadenfall. Zudem wird das SF in vielen Ländern erst seit relativ kurzer Zeit in einem grösseren Rahmen durchgeführt. Es ist also durchaus möglich, dass in Zukunft weitere Frauen auf ihre Eizellreserven zurückgreifen müssen.
SF ist eine Antwort der Reproduktionsmedizin auf das Problem der frühzeitigen Alterung der Oozyten. Eine weitere Option ist, dass Gesellschaft und Staat es den Frauen leichter machen, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, z.B. mit einfacherem Zugang zu Kindertagesstätten und Tagesschulen vor allem auch auf dem Lande. Das würde bestimmt viele Paare dazu motivieren, in jüngeren Jahren Kinder zu haben. Dieser Lösungsansatz kann jedoch nur von der Politik umgesetzt werden und ist kein Widerspruch zum SF. SF und bessere Vereinbarung von Beruf und Kindern sind sich ergänzende Methoden.
Ein Diskussionspunkt ist immer wieder, ob durch das SF Frauen unter Druck gesetzt werden, auch im höheren Fertilitätsalter Kinder haben zu müssen. Das kann leider nicht mit Sicherheit in jedem Fall ausgeschlossen werden. Die breite Masse der Frauen in Mitteleuropa ist aber in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise zunehmend selbstbewusster geworden. Das beinhaltet auch die Kontrolle der Fruchtbarkeit, sei es zur Schwangerschaftsverhütung oder zur Bestimmung des Zeitpunktes, Kinder haben zu wollen.
In den letzten Jahrzehnten konnte der Kinderwunsch bei Frauen ohne oder ohne befruchtungsfähige Eizellen mit der (heterologen) Eizellspende erfüllt werden. Allerdings ist diese reproduktionsmedizinische Methode in der Schweiz nicht zugelassen. Schätzungsweise mehrere Hundert Schweizer Paare müssen pro Jahr für eine Eizellspendenbehandlung ins europäische Ausland reisen, v.a. Spanien und die Tschechei, wo die Schweiz keine Einflussmöglichkeiten hat. SF kann also Fortpflanzungstourismus verhindern.
Im Unterschied zur heterologen Eizellspende sind beim SF, das faktisch einer Eigeneizellspende entspricht, die Schwangerschaftsrisiken geringer. So ist bekannt, dass das Präeklampsie-Risiko bei Schwangerschaften nach heterologer Eizellspende signifikant höher ist als bei der Verwendung eigener Eizellen (4).

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Prof. em. Dr. med. Bruno Imthurn

Senior Consultant Kinderwunschzentrum
360° Zürich

bruno.imthurn@uzh.ch

Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Social Egg Freezing ist eine Methode zur Überwindung der altersbedingten Abnahme der Fertilität
  • Social Egg Freezing entspricht im Ablauf einer ICSI-Therapie, die aber mit der Gewinnung und Kryokonservierung reifer, unbefruchteter Eizellen unterbrochen wird. Erst mit dem Aktuellwerden eines Kinderwunsches wird die eigentliche ICSI fortgesetzt.
  • Die Chancen auf die Geburt eines Kindes beim Social Egg Freezing sind in erster Linie abhängig vom Alter der Frau zum Zeitpunkt der Gewinnung und Kryokonservierung der Eizellen und der Zahl der Oozyten.
  • Social Egg Freezing ist nicht kassenzulässig. Es handelt sich um eine Selbstzahlerleistung.
  • Die für ein Social Freezing kryokonservierten Eizellen dürfen in der Schweiz maximal 10 Jahre aufbewahrt werden.

Messages à retenir

  • Le « social egg freezing » (SF) est une méthode permettant de surmonter la baisse de la fécondité liée à l’ âge.
  • Le déroulement du SF correspond à une thérapie par ICSI interrompue après la collecte et la cryoconservation d’ ovocytes matures et non fécondés. Elle est poursuivie avec l’ ICSI proprement dite seulement lorsque le désir d’ enfant devient actuel mais reste inassouvi.
  • Les chances d’ avoir un enfant avec la congélation sociale des œufs dépendent principalement de l’ âge de la femme au moment du prélèvement et de la cryoconservation des œufs et du nombre d’ ovocytes.
  • Le SF n’ est pas couvert par l’ assurance de maladie. Il s’ agit d’une prestation à la charge de la patiente.
  • Les ovocytes cryopréservés pour des raisons non médicales peuvent être conservés en Suisse pendant 10 ans au maximum.

1. Steiner AZ, Jukic AM. Impact of female age and nulligravidity on fecundity in an older reproductive age cohort. Fertil Steril. 2016; 99:1584-8
2. Practice Committees of American Society for Reproductive Medicine; Society for Assisted Reproductive Technology. Mature oocyte cryopreservation: a guideline. Fertil Steril. 2013;99:37-43.
3. Blázquez A, García D, Rodríguez A, Vassena R, Figueras F, Vernaeve V. Is oocyte donation a risk factor for preeclampsia? A systematic review and meta-analysis. J Assist Reprod Genet. 2016;33:855-63.
4. Cobo A, García-Velasco JA, Coello A, Domingo J, Pellicer A, Remohí J. Oocyte vitrification as an efficient option for elective fertility preservation. Fertil Steril. 2016;105:755-64.

Schwangerschaft nach Tumorerkrankungen

Das zunehmende Alter von Schwangeren in der Schweiz stellt Gynäkologen wie Geburtshelfer vor verschiedene Herausforderungen. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Alter der Mütter bei der ersten Geburt kontinuierlich bis aktuell auf 31 Jahre gestiegen (1). Gynäkologen und Geburtshelfer werden nicht selten damit konfrontiert, dass Schwangere in der persönlichen Anamnese über eine Tumorerkrankung berichten oder dass Patientinnen mit einem Brustkrebs oder einer gynäkologischen Krebserkrankung noch eine offene Familienplanung haben.

L’ âge continuellement croissant des femmes enceintes en Suisse met les gynécologues et obstétriciens devant de nombreux défis. Ainsi, dans les dernières décennies, l’ âge des mères au moment de la naissance de leur premier enfant a évolué jusqu’à actuellement 31 ans (1). De ce fait, il n’est pas rare que les gynécologues et obstétriciens se voient confrontés avec la situation d’une femme enceinte ayant une maladie tumorale dans son anamnèse ou celle d’ une femme atteinte d’un cancer du sein ou de la sphère gynécologique qui aimerait encore avoir des enfants.

Immerhin 5% aller Tumorerkrankungen werden in der Altersgruppe der 15-39-Jährigen diagnostiziert. Schaut man sich die 5-Jahresüberlebensraten von Kindern, Adoleszenten und jungen Erwachsenen nach einer Tumorerkrankung an, finden sich hier erfreulicherweise Raten von fast 85% (2). Somit ist nach abgeschlossener Primärbehandlung nicht selten die Familienplanung ein wichtiges Thema. Der Brustkrebs ist bekanntermassen das häufigste Karzinom der Frau und ca. 11% der Frauen sind bei Diagnosestellung unter 45 Jahren alt, damit ist die Brustkrebserkrankung die zweithäufigste Tumorerkrankung in der Altersgruppe der bis 39-jährigen. Häufiger findet sich nur das Schilddrüsenkarzinom. Abhängig von der Art des Karzinoms finden sich Schwangerschaftsraten vergleichbar zur Normalpopulation (nach Melanom oder Schilddrüsenkarzinom) oder eben doch deutlich schlechtere Schwangerschaftsraten (Brustkrebs), vergleich hierzu Tabelle 1 (18).

Fertilitätserhaltende Massnahmen vor Therapiebeginn

Unbestritten ist, dass sowohl bei Jugendlichen als auch bei jungen Erwachsenen die Beratung rund um das Thema Fertilitätserhalt vor Beginn der Tumortherapie erfolgen soll. In einigen Studien erfolgte dies nur bei 50% aller Tumorpatientinnen (3). Nicht nur das teilweise lückenhafte Wissen der erstbehandelnden Ärzte stellt bisweilen eine Herausforderung dar, auch Patientinnen sind rund um die Diagnose mit vielen Informationen und Ängsten konfrontiert (3). Bereits eine einzelne Dosis einer gonadentoxischen Therapie kann die Fertilität negativ beeinflussen, mit jeder weiteren Gabe kumuliert dies aber deutlich. Hier ist vor allem das Cyclophosphamid zu nennen, welches einen Stellenwert in der Behandlung des Mammakarzinoms hat. Nach Abschluss der Pubertät ist die Oozytenkonservierung oder die Embryonenkonservierung die optimale Therapie für den Fertilitätserhalt. Dies setzt voraus, dass eine Verzögerung der Chemotherapie für 2-3 Wochen möglich ist, um eine ovarielle Stimulation und anschliessende Punktion durchzuführen. Auch bei hormonabhängigen Tumoren, i.b. dem rezeptorpositiven Mammakarzinom, ist durch den regelmässigen Einsatz von Aromataseinhibitoren im Rahmen des mittlerweile zyklusunabhängigen Protokolls nicht mit einem schlechteren Outcome zu rechnen. Sollte die Tumorbehandlung keinen Aufschub erlauben oder handelt es sich um präpubertäre Mädchen ist eine operative Entfernung, meist laparoskopisch, von Ovarialgewebe mit Kryokonservierung möglich. Die Gabe von GnRH-Analoga zur Ovarprotektion während der Chemotherapie wird widersprüchlich diskutiert; so gibt es Stimmen, die dies nicht empfehlen, wenn vor Chemotherapiestart eine erfolgreiche fertilitätserhaltende Massnahme durchgeführt wurde (5).

Fertilitätserhaltende Operationen abhängig vom Tumorstadium

Während das Endometriumkarzinom in nur 4% unter 40 Jahren diagnostiziert wird und das Ovarialkarzinom nur in ca. 10% der Fälle bei Frauen unter 45 Jahren, stellt diese Altersgruppe bei Zervixkarzinompatientinnen mit fast 40% einen grossen Anteil dar. Abhängig vom Tumorstadium bei Erstdiagnose und den begleitenden Risikofaktoren kann in folgenden Situationen ein fertilitätserhaltendes Vorgehen mit den Patientinnen diskutiert werden: es muss sich um Plattenepithel- oder Adenokarzinome handeln, die Tumorgrösse soll ≤ 2 cm betragen und es finden sich keine positiven Lymphknoten. Der histologische Subtyp des neuroendokrinen Zervixkarzinom sollte bei schlechteren Langzeitprognosen mit erhöhtem Rezidivrisiko nicht fertilitätserhaltend operiert werden. Konkret wird stadienabhängig das folgende Vorgehen empfohlen: im Stadium T1a1 und fehlender Lymphgefässinvasion ist kein operatives Lymphknotenstaging gefordert. Eine Konisation oder einfache Trachelektomie ist in den Stadien T1a1 und T1a2 mit negativen Lymphknoten und L0 möglich. In allen anderen Fällen ist eine radikale Trachelektomie gefordert. Bei allen Patientinnen mit einer Trachelektomie sollte eine permanente Cerclage gelegt werden (6). Die Schwangerschaftsrate nach radikaler Trachelektomie beträgt in retrospektiven Studien bis zu 66%. In einer Untersuchung von Speiser et al. (7) wurden 50 von 76 Patientinnen, die schwanger werden wollten, schwanger. Die Lebendgeburtenraten betrugen bis zu 70%, wobei kein Unterschied festgestellt werden konnte, welches operative Verfahren bei der Trachelektomie angewendet wurde (8). Die Standardtherapie des frühen Endometriumkarzinoms umfasst die einfache Hysterektomie mit Adnexektomie beidseits +/- Lymphonodektomie. Damit wird eine 5 Jahresüberlebensrate von 95% erreicht. Weicht man davon ab, müssen Patientinnen darüber aufgeklärt werden, dass sich allenfalls ihre Langzeitprognose verschlechtert (9). Ein organerhaltendes Vorgehen sollte bislang nur angeboten werden, wenn es sich um ein G1 Karzinom handelt, das mit einer Curettage diagnostiziert wurde, eine Pipelle-Untersuchung scheint hier unterlegen zu sein. Um die klinische Tumor­ausdehnung zu beurteilen ist neben dem Ultraschall eine MRI Untersuchung empfohlen. Einige Autoren weisen zudem daraufhin, dass durch das organerhaltende Vorgehen das synchrone Vorliegen eines Ovarialkarzinoms übersehen wird, dies lag in Studien bei bis zu 25% (10). Unter der Therapie mit oralen Gestagenen oder levonor­gestrelhaltiger Spirale kam es in den Studien bei 75% der Patientinnen zu einer Remission. Das Therapieansprechen muss nach 6 Monaten mittels Curettage kontrolliert werden. Zeigt sich hier kein Therapieansprechen muss der Patientin die Operation empfohlen werden. Zu beachten ist ebenso ein Rezidivrisiko in 30-40%. Daher sollte auch nach abgeschlossener Familienplanung die Hysterektomie mit beidseitiger Adnexektomie empfohlen werden. Im Fall einer erfolgreichen medikamentösen Tumortherapie liegt die Lebengeburtenrate nach Endometriumkarzinom bei 28-39%. Bislang empfehlen alle Guidelines lediglich bei G1 Endometriumkarzinomen die Möglichkeit des konservativen Vorgehens. Eine aktuelle Studie untersuchte bei 23 Patientinnen mit einem G2 endometrioiden Endometriumkarzinom, ob auch hier ein solches Vorgehen möglich sei. Auch in diesem Kollektiv zeigt sich ein Ansprechen auf die Therapie von 58.8 % sowie eine Lebendgeburtenrate von 30%. Bis zum Ende der Beobachtungszeit waren 22 von 23 Patientinnen rezidivfrei. Kritisch betrachtet wird der Umstand, dass die Patientinnen, denen aufgrund des Alters oder der abgeschlossenen Familienplanung die definitive Operation empfohlen wurde, dies abgelehnt haben (11). Bei den Erkrankungen des Ovars müssen wir zwischen den epithelialen Tumoren mit einer Häufigkeit von 90-95%, mit der Unterscheidung in Borderlinetumore oder invasive Tumore und den nicht epithelialen Tumoren, die wesentlich seltener sind, unterscheiden. Insgesamt beträgt der Anteil der Borderlinetumoren an den epithelialen Tumoren ca. 15% und betrifft häufiger junge Patientinnen. Allen Ovarialtumoren gemein ist, dass ein korrektes operatives Staging gefordert ist. Wird ein fertilitätserhaltendes Vorgehen gewählt, ist die Patientin über das erhöhte Rezidivrisiko zu informieren. Im Falle der Borderlinetumoren ist die einfache Zystenentfernung mit einem signifikant höheren Rezidivrisiko verbunden als die einseitige Adnexektomie. In Bezug auf die Schwangerschaftsrate zeigten sich abhängig vom gewählten Vorgehen sehr ähnliche Schwangerschaftsraten von 40-45%, so dass auch aus diesem Grund die alleinige Zystenentfernung nicht bevorzugt werden soll (12). Das seltene einseitige frühe Ovarialkarzinom kann fertilitätserhaltend operiert werden, wobei sich hier in Studien 5-Jahresüberlebensraten von 87% zeigen mit Schwangerschaftsraten bis zu 60% (13).

Schwangerschaftsbetreuung

Bei der Schwangerschaftsbetreuung gilt es zu eruieren, ob die Patientinnen nach der Tumordiagnose spezielle Risiken aufgrund der erfolgten Therapie haben. Frauen, die im Kindesalter eine erfolgreiche Tumortherapie hatten, zeigten in Studien ein erhöhtes Risiko für Frühgeburtlichkeit und Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht (14). Ebenso wird teilweise ein erhöhtes Risiko für Präeklampsie postuliert (15). Ein erhöhtes Risiko für kongenitale Anomalien oder chromosomale Syndrome wird hingegen nicht beschrieben. Bei der Betreuung von Patientinnen nach radikaler Trachelektomie sollte eine Schwangerschaft erst nach 6-12 Monaten angestrebt werden. In diesem Kollektiv ist das Hauptrisiko die Frühgeburt mit bis zu 57%. Durch den verkürzten Gebärmutterhals ist das Infektrisiko mit Chorioamnionitis und damit verbunden das Auftreten eines vorzeitigen Blasensprungs die Hauptursache für die Frühgeburt. Daher ist jede Schwangerschaft in dieser Situation als Hochrisikoschwangerschaft zu behandeln. Eine primäre Sectio ist obligat zu indizieren. Nach der Therapie eines Mammakarzinoms scheint das Risiko für Frühgeburtlichkeit und small-for-gestational-age-Kinder kleiner zu sein, wenn die Therapie, insbesondere eine Chemotherapie, mehr als 2 Jahre zurück liegt (16), in diesem Zeitraum treten zudem häufig Rezidive auf, so dass auch aus diesem Grund so lange mit der Familienplanung gewartet werden sollte. Eine obligate Kontrolle der Herzfunktion mittels Echokardiogarphie nach einer anthrazyklinhaltigen Chemotherapie oder Trastuzumabgabe ist individuell zu entscheiden. Eine Schwangerschaft nach Brustkrebs zeigte in Studien bessere Überlebensdaten für diese Frauen als für die Patientinnen, die nicht schwanger wurden, dies auch unabhängig vom Rezeptorstatus des Karzinoms (17). Unbestritten ist, dass nach der Schwangerschaft und Stillzeit eine unterbrochene antihormonelle Therapie für die verbleibende Zeitdauer fortgesetzt werden soll.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Heike Passmann

Stadtspital Triemli
Frauenklinik
Birmensdorferstrasse 501
8063 Zürich

heike.passmann@triemli.zuerich.ch

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Jede Patientin mit offener Familienplanung und Krebsdiagnose soll
    vor Therapiebeginn eine Fertilitätsberatung erhalten.
  • Die Oozytenkonservierung, Embryonenkonservierung oder die
    Kryokonservierung von Ovarialgewebe sind je nach Altersgruppe die Möglichkeiten für einen Fertilitätserhalt.
  • Die operativen Guidelines sollten stadienabhängig korrekt durchgeführt werden, um die Prognose nicht negativ zu beeinflussen.
  • Schwangere nach einer Krebsdiagnose haben kein erhöhtes Risiko
    für kongenitale Anomalien oder chromosomale Syndrome.

Messages à retenir

  • Toute patiente n’ayant pas complété son planning familial chez qui un cancer est diagnostiqué doit être conseillée sur les possibilités de préservation de sa fertilité avant le début du traitement oncologique.
  • La conservation d’ovocytes, la conservation d’embryons ou la cryoconservation de tissu ovarien sont, selon le groupe d’âge, les possibilités de préservation de la fertilité.
  • Pour le traitement chirurgical, les directives des guide-lines devraient être suivies par stades, afin de ne pas influencer négativement le pronostic.
  • Dans une grossesse après traitement pour cancer il n’y a pas de risque accru pour des anomalies congénitales ou des syndromes
    chromosomiques.

1. bfs.admin.ch 2019
2. seer.cancer.gov/statfacts/htmlC.
3. Armuand et al. Sex differences in fertility -related information received by young adult cancer survivors. J. Clin Oncol 2012 ; 30 : 2147
4. Benedict et al: Fertility preservation and cancer. Challenges for adolescent and young adult patients, Curr Opin Support Palliat Care, 2016 March, 10 (1) : 87-94
5. Oktay K, Harvey B. et al : Fertility preservation in Patients with Cancer : ASCO Clinical Practice Guideline Update, J Clin Oncol 36 : 1994-2001
6. Cibula D. et al : The European Society of Gynaecological Oncology/European Society for Radiotherapy and Oncology/European Society of Pathology Guidelines for the Management of Patients with Cervical Cancer 2018 Jun;472(6):919-936.
7. Speiser D. et al.: Radikale vaginale Trachelektomie. Dtsch Arztebl International, 2013. 110(17): p. 289-295.
8. Bentivegna E. et al. : Fertility results and pregnancy outcomes after conservative treatment of cervical cancer: a systematic review of the literature. Fertil Steril, 2016. 106(5): p. 1195-1211.e5
9. Gallos I.D. et al. : Regression, relapse, and live birth rates with fertility-sparing therapy for endometrial cancer and atypical complex endometrial hyperplasia: a systematic review and metaanalysis. Am J Obstet Gynecol, 2012. 207(4): p. 266 e1-12.
10. Walsh C. et al. : Coexisting ovarian malignancy in young women with endometrial cancer. Obstet Gynecol, 2005. 106(4): p. 693-9.
11. Falcone F. et al : Fertility-sparing treatment for intramucous, moderately differentiated, endometrioid endometrial cancer: a Gynecologic Cancer Inter-Group
12. (GCIG) study ; J Gynecol Oncol. 2020 Sep;31(5):e74
13. Vasconcelos I. et al : Conservative surgery in ovarian borderline tumours: a meta-analysis with emphasis on recurrence risk; Eur J for Cancer 2015 Mar;51(5):620-31
14. Feichtinger et al. : Fertility Preservation in women with cervical, endometrial or ovarian cancers ; Gynecol Oncol Res Pract. 2016 Jul 27;3 :8.
15. Mueller BA et al. : Pregnancy outcomes in female childhood and adolescent cancer survivors. A linked cancer-birth registry analysis : Arch Pediatr Adolesc Med. 2009 ; 163 :879-886
16. Armuand G. : Adverse obstetric outcomes among female childhood and adolescent cancer survivors in Sweden: A population‐based matched cohort study ; Acta Obstet Gynecol Scand. 2019 Dec (12) : 1603-1611
17. Black Kz et al. : Prevalance of preterm, low birthweight, and small for gestational age delivery after breast cancer diagnosis : a population based study. Breast Cancer Res. 2017 ; 19(1) :11
18. Azim HA Jr et al : Prognostic impact of pregnancy after breast cancer according to estrogen receptor status : a multicenter retrospectiv study. J Clin Oncol 2013 ; 31 :73
19. Stensheim et al: Pregnancy after adolescent and adult cancer : a population.based matched cohort study ; Int J Cancer. 2011 ;129 (5):1225-36

Gemeinsames Symposium der Frauenkliniken Aarau und Frauenfeld

Das gemeinsame Symposium der Frauenkliniken Aarau und Frauenfeld fand dieses Jahr in Folge der COVID-19 Pandemie online aus dem Kantonsspital Aarau statt. Der Organisator, Prof. Dr. med. Gabriel Schär, hatte einmal mehr ein äussert attraktives Programm zusammengestellt, das Themen wie Altersgynäkologie, Mikrobiom, Inkontinenzschlingen, Stammzellen für Belastungsinkontinenz, Urogynäkologische Sonographie, Prolapsoperationen, Physiotherapie der betagten Frauen, physiotherapeutische Diagnostik, Sexualität und Beckenboden, umfasste. Der folgende Bericht enthält eine Auswahl aus den verschiedenen Präsentationen.

Urogynäkologie der alten Frau – eine Übersicht


Die Lebenserwartung nimmt seit dem 19. Jahrhundert stetig zu. Im Jahre 2050 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Damit müssen wir umgehen können und dabei sollten wir viele Dinge wissen, stellte Prof. Dr. med. Gabriel Schär, Direktor der Klinik für Gynäkologie, UniversitätsSpital Zürich, eingangs fest. Der Alterungsprozess tut uns allen weh – es gibt sichtbare Dinge, die sehen wir im Gesicht und es gibt Dinge, die sehen wir nicht aber die spüren wir, wir haben Symptome, weil unser Organismus die Altersringe spürt. Dass wir dies beeinflussen können durch gesündere Lebensweise wissen wir, nur müssen wir es unter die Menschen bringen. Das Ziel von uns allen ist gesund zu sterben, so der Referent.

Bereits im Jahre 1980 hat T. Rud mit Hilfe eines Mikro-Tip-Katheters Urethradrucke gemessen und hat eine lineare Beziehung zwischen dem Urethraverschlussdruck und dem Alter zeigen können. Der Grund ist eine altersabhängige Abnahme der Muskelfasern, wie die Zusammenarbeit einer Gruppe um Daniele Perucchini mit einer Gruppe aus Ann Arbor bei der auch der Referent mitwirkte, zeigen konnte (Perucchini D et al Am J Obstet Gynecol. 200; 186: 356-60). Mit dem Verlust der Muskelfasern sinkt auch der Druck. Mit diesen Veränderungen steigt die Inzidenz der Harninkontinenz an. Es ist wichtig zu wissen, dass 80-90jährige Frauen eine Inzidenz an Harninkontinenz von 40-45% haben werden. Das Leben mit Harninkontinenz geht mit einer erheblichen Komorbidität an psychischen Störungen einher. So sind Depressionen 2.5-fach häufiger, und Angsterkrankungen 3.5-fach häufiger als in der Normalbevölkerung. Sie korrelieren positiv mit dem Ausmass der Inkontinenz und der sozialen Beeinträchtigung. Depressionen bei Dranginkontinenz sind stärker als bei Stressinkontinenz.
Diagnostik bei der betagten Patientin Mit Anamnese, Miktionskalender und klinischer Untersuchung können 90% der Diagnosen gestellt werden. Es braucht keine komplexe Diagnostik. Mit Besprechung, Miktionskalender und Hustentest kann festgestellt werden, ob es eine Belastungsinkontinenz, eine überaktive Blase oder eine Mischform ist. Mit dem Alter steigen aber sog. «einfache» Störfaktoren an, wie Harnwegsinfektionen, die Kolpitis und die Genitalatrophie. Diagnostik und Therapie sind hier einfach. Etwas schwieriger wird es bei den «komplexen» Störfaktoren. Aus Untersuchungen weiss man, dass die Miktionsstörungen häufiger werden. Die Blase degeneriert und die Restharnbildungen nehmen zu. Häufig sind die Frauen voroperiert und haben Rezidive, Blasenschmerzen und komplizierende Grunderkrankungen. Da braucht es manchmal eine spezialisierte Diagnostik und da sind Beckenbodenzentren und Blasenzentren oft gefordert.

Therapie – Spezifische Problemstellung «Alter»

Bei der Therapie sind wir darauf angewiesen, mit dem Umfeld Kontakt zu halten. Es sind die Familienmitglieder, die unterstützen, es sind die Ärzte, die uns die eingenommenen Medikamente und die Frage der Polypharmazie melden. Auch bei alten Frauen ist eine konservative Therapie möglich. Dazu braucht es kognitive Kompetenz und Kooperation. Beckenbodentherapie und körperliche Ertüchtigung verbessern die Kontinenz und erhöhen die Lebensqualität. Aufmerksamkeitstraining und Unterstützung zum Toilettengang reduzieren Urinverlust.
Pessare werden leider bei den betagten Frauen selten angewendet. Pessare werden gut toleriert. Sie verbessern das Senkungsgefühl und die Lebensqualität und können Miktions- und Defäkationsprobleme verbessern. Komplikationen sind minimal und können gut behandelt werden. Kontinuierliche Pessarträger-Betreuung ist wichtig und verhindert bedeutendere Komplikationen wie aus einer Studie von Griebling (Curr. Opin. Urol. 2016) hervorgeht. Auch die Wahl des Pessars ist wichtig. Dabei helfen die unverzichtbaren Fachfrauen der Urogynäkologie.
Ein weiteres Thema ist die vaginale Oestrogentherapie. Sie wird oft wegen Thromboembolien und Brustkrebs als gefährlich angesehen. Das ist aber nicht richtig, stellte der Referent fest. Es gibt evidenzbasierte Informationen, dass die vaginale Oestrogentherapie wirksam ist bei Harnwegsinfektionen, sie verbessert die Belastungsinkontinenz, aber nur wenn sie vaginal appliziert wird und verbessert nachweislich die Trophik. Sie ist damit eine wichtige Vorbedingung für die Pessartherapie. Die Cochrane Database äussern keine Bedenken wegen Sicherheit und attestieren der Therapie Wirksamkeit und Sicherheit. Dasselbe sagt die Nurses’ Health Study. Die Gefahren für die kardiovaskulären Nebenwirkungen sind nicht vorhanden, wenn topisch behandelt wird. Die Therapie kann auch durchgeführt werden bei Frauen, die Brustkrebs hatten. Diese Sicherheit ist gegeben. Bei Patientinnen die gerade einen Aromatasehemmer erhalten, gibt es andere Therapieoptionen. Es ist zu beachten, dass es verschiedene lokale Oestrogene gibt. Wenn die Patientin Schmerzen hat, muss eine andere Form gewählt werden. Prof. Schär beginnt nie mit Ovula, die Trägersubstanzen haben, die oft zu Schmerzen führen. Er verwendet zunächst Crèmen. Ferner muss daran gedacht werden, dass Anticholinergika das Risiko für dementielle Erkrankungen erhöhen.
Die grösste Gefahr besteht durch das Oxybutinin, das direkt durch die Blut-Hirnschranke gehen kann. Es hat deutlich mehr zentrale Nebenwirkungen. Die Angehörigen müssen orientiert werden, um Demenzen zu verhindern. Alternativ kann ein Antimimetikum gegeben werden, wovon es nur eines gibt, Betmiga®. Bei der Therapie mit Betmiga® sollte der Blutdruck überwacht werden. Zehn Prozent der Patientinnen entwickeln unter Betmiga® eine Hypertonie, die sie sonst nicht hätten.
Die operative Therapie beinhaltet ein 13mal höheres Mortalitätsrisiko bei über 80jährigen. Hier gibt es einen guten Screeningwert auf rein anamnestischer Basis für die kardiopulmonale Belastbarkeit. Im Falle eines erhöhten Risikos muss eine weitere Abklärung erfolgen.
Zuallerletzt erinnert der Referent daran, dass es nachgewiesen ist, dass alte Menschen ein erhöhtes Risiko für Hauterkrankungen haben. Eine der schwierigsten Stellen ist der Genitaltrakt. Deshalb sollten die Patientinnen entsprechend instruiert werden. Es sollten keine aggressiven Seifen, gar keine oder pH-neutrale Seifen verwendet werden und immer eine Rückfettung erfolgen Es ist unsere Aufgabe, die alten Menschen zu begleiten damit sie eine gute Lebensqualität haben. Die Altersgynäkologie kann hier viel sehr gute Dinge tun, wenn wir auch wissen was wir tun, so die Schlussworte des Referenten.

Ernährung des alten Menschen – «Muskel-Food» für den Beckenboden


Ist es überhaupt möglich, nur mit Ernährungsmassnahmen die Muskulatur bei älteren Menschen zu stärken? So die initiale Frage von Prof. Dr. med. Reto W. Kressig, Basel. 80% antworteten mit Ja. In grossen Kohortenstudien wurde gezeigt, wie die Muskelkraft bis zum 70. Lebensjahr abnimmt und dies beginnt bereits im Alter von 30 Jahren. Nach 75 Jahren erfolgt ein starker Knick zu weiterem Abfall in der Muskelkraft und ein Abbau der Muskelmasse. Rund ein Drittel der Muskelmasse geht zwischen 30 und 80 Jahren verloren, so der Referent. Wir unterscheiden langsame und schnelle Muskelfasern, Typ 1 und Typ 2. Im Alterungsprozess sind vor allem die schnellen Muskelfasern betroffen, die für schnelle Kompensationsbewegungen, etwa bei Stürzen, wichtig sind. Man spricht von einer krank machenden Muskelerkrankung, wenn eine funktionelle Einschränkung besteht. Eine sehr einfache Messung dazu ist die Messung der Ganggeschwindigkeit: wenn sie geringer ist als 80cm/s spricht man von einer Sarkopenie. Als Beispiel dazu ist die Grünphase bei der Strassenüberquerung. Bei einer Ganggeschwindigkeit von 120cm/s schafft man die Überquerung bei grün. Es gibt auch mehrere andere Verfahren wie die Handschlusskraftmessung oder der «Timed Up and Go»-Test zur Beurteilung der Muskelkraft. Zur Abklärung einer Sarkopenie gehört nicht nur die Bestimmung der Masse, sondern immer auch eine funktionelle Messung.
Mittlerweile gibt es gute Evidenz, dass parallel zur Sarkopenie auch Urininkontinenzsymptome auftreten. Training funktioniert bei allen Muskeln auch im Beckenboden. Ein körperliches Training ist aber bei sehr alten Personen, insbesondere wenn kognitive und kräftemässige Probleme vorhanden sind, häufig schwierig.
Ernährungsmässig wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Man braucht im Alter weniger Kalorien, aber gleichzeitig gleich viel Nährstoffe, d.h. nährstoffdichter essen oder weniger Kalorien aber mehr Proteine. Die neuesten Empfehlungen der Ernährungskommission lauten: Bei gesunden Senioren ab Alter 65 1-1.2g Protein/kg Körpergewicht. Das bedeutet, dass jemand, der 75kg schwer ist, 90g Protein pro Tag konsumieren muss. 90g Protein ist nicht gleich 90g Fleisch, sondern entspricht ungefähr 450g Fleisch. Dies ist fast nicht erreichbar. Eine grosse Studie zeigt aber, dass man bei 1.2g Protein/kg Körpergewicht viel weniger Muskelmasse verliert als bei 0.8g Protein/kg Körpergewicht. In der Schweiz konsumiert gemäss der menuCH Studie nur jeder zweite über 65jährige genügend Protein. Jüngere konsumieren mehr als die empfohlene Fleischmenge, während bei den über 65jährigen das umgekehrte Verhältnis beobachtet wird. Protein findet sich glücklicherweise nicht nur im Fleisch, sondern auch in anderen Lebensmitteln. Beispielsweise enthalten Nüsse mehr Protein als Fleisch, aber auch Milch und Milchprodukte enthalten Protein und diese werden zudem um fast 20% besser verwertet als Fleisch. Man kann sich also sogar vegan mit genügend Protein ernähren. Letztlich braucht es, wenn man wirksam an der Muskelmasse arbeiten will, auch die körperliche Aktivität. In einer amerikanischen Studie bei 90jährigen wurde gezeigt, dass nur mit Training allein innerhalb von 10 Wochen sich die Kraft verdoppelte und wenn noch zusätzlich mit Protein supplementiert wurde (in der Studie war es Soja-protein), nochmals ein um 30% oder 40% zusätzlicher Kraftgewinn verzeichnet wurde.

Molkenprotein, Leucin und «Pavé du Soleil»

Wichtig ist, wie schnell diese Proteine im Muskel ankommen. Der Referent zeigte, dass das Molkenprotein diesbezüglich das schnellste ist. Das Molkenprotein enthält zudem viel Leucin, welches für die Stimulation der Muskelsynthese entscheidend ist. Beim älteren Menschen braucht es mehr Leucin zur Stimulation als bei jüngeren. Ältere brauchen 5g Leucin. Leucin kommt in Erdnüssen vor, auch der Parmesankäse enthält viel Leucin. Mit Hilfe von mit Leucin verstärkter Molke kann Muskelmasse gewonnen werden. Ein Produkt mit so viel Leucin gab es bisher nicht, da Leucin bitter schmeckt. Der Referent hat mit einer Start Up Firma 2 Produkte kreiert: Eine Linie, Moltein, enthält 5g Leucin und Low carb, die andere Linie enthält 5 g Leucin und auch Kohlenhydrate (Moltein plus). Sie ist vom BAG als Nahrungsmittel zugelassen.
Zum Schluss wandte sich Prof. Kressig noch dem Vitamin D zu. Vitamin D lässt die Muskelkraft ansteigen. Es hat einen positiven Effekt auf die schnellen Muskeln. Prof. Kressig hat zusammen mit einem Confiseur in Interlaken und einem Apotheker ein Produkt kreiert, welches Vitamin D enthält. Er nennt es «Pavé du Soleil».
Der Referent hielt zum Schluss fest:

  • Muskelgesundheit im Alter braucht Proteine und körperliche Aktivität.
  • Milchprodukte und Eier sind ausgezeichnete Proteinquellen (bereits zum Frühstück), «gute Zwischenmahlzeiten» sind Nüsse (40g Nüsse enthalten 10g reines Protein).
  • Molkenprodukte (Ziger/Ricotta) sind schnelle und hochwirksame «Muskelproteine». Für den spezifischen Muskelaufbau im Alter (in
  • Kombination mit oder ohne körperliche Aktivität) ist Leucin-verstärkte Molke empfohlen.
  • Vitamin D Supplementierung im Alter dient zur verbesserten Sturzreduktion.
  • Wichtig für die Funktionalität im Alter ist Training von Muskelschnellkraft, Gleichgewicht und Koordination (T’ai Chi, Rhythmik, Tanz).

Stammzellen zur Therapie der Belastungsinkontinenz


MUS.I.C. – Neustart der Stammzellentherapie nach dem Absturz.
Weltweit sind etwa 423 Mio. Personen von einer Belastungsinkontinenz betroffen, vorwiegend Frauen. 55% leiden an Stressurininkontinenz oder gemischter Urininkontinenz, stellte Prof. Dr. Dr. med. Daniel Eberli, Zürich eingangs fest. Die Folgen sind Depression, Angst, Scham und Verlust des Selbstwertgefühls.
Allgemeine Therapien umfassen Bulking-Agenzien, Suspensions- und Schlingen-Chirurgie, künstliche Schliessmuskel, die alle Mängel aufweisen (kurzlebig, Arrosion, Infektion) und die Stammzelltherapie.

Bioengineering mit Stammzellen

Der Referent stellte eine eigene Studie zur funktionellen Wiederherstellung des Schliessmuskels mit autologen Muskelvorläuferzellen (MPCs) als injizierbare, zellbasierte Therapie vor. Durch mikrochirurgische Entfernung eines Teils des Schliessmuskels bei 24 Hunden wurde ein Hundemodell einer Harnschliessmuskelinsuffizienz erstellt. Es wurden autologe MPCs gewonnen, in Kultur expandiert und in den geschädigten Schliessmuskel von 12 Tieren injiziert. Die Tiere wurden bis zu 6 Monate nach der Injektion verfolgt. Es wurden urodynamische Studien, funktionelle Organstudien, ultrastrukturelle und histologische Untersuchungen durchgeführt. Tiere, die MPC-Injektionen erhielten, wiesen Schliessmuskeldrucke von etwa 80% der Normalwerte auf, während die Drucke bei den Kontrolltieren ohne MPC-Injektionen bei 20% der Normalwerte blieben. Die histologische Analyse zeigte, dass die implantierten Zellen überlebten und Gewebe, einschliesslich neuer innervierter Muskelfasern, innerhalb der injizierten Sphinkterregion bildeten. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass autologe Muskelvorläuferzellen in der Lage sein könnten, die ansonsten irreversibel geschädigte Funktion des Harnschliessmuskels klinisch wiederherzustellen.
Das MUS.I.C Projekt (MUS.I.C. – Multisystem Cell Therapy for Improvement of Urinary Continence)
Das MUS.I.C. Konsortium plant die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Behandlungsansatzes für Patientinnen mit Harninkontinenz zu untersuchen. Dabei werden körpereigene Muskelvorläuferzellen aus dem Unterschenkel in den Schliessmuskel der Blase verpflanzt, mit anschliessendem Training des Beckenbodens. Parallel dazu werden im Konsortium neue Methoden etabliert, um diesen Ansatz noch effizienter zu gestalten. Die klinische Studie am Universitätsspital Zürich hat im Januar 2020 begonnen.

Die Darm-Hirn-Connection


Die Darm-Hirn-Achse ist die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Darm und dem Gehirn, die über mehrere Wege erfolgt, zu denen hormonelle, neuronale und Immunmediatoren gehören. Die Signale entlang dieser Achse können vom Darm, vom Gehirn oder von beiden ausgehen, mit dem Ziel, eine normale Darmfunktion und ein angemessenes Verhalten aufrechtzuerhalten. Die Rolle, die dem Darmmikrobiom bei der Bestimmung der normalen Darmphysiologie und -immunität und als Modulator des Wirtsverhaltens («Mikrobiota-Darm-Gehirn-Achse») zukommt, hat vermehrte Aufmerksamkeit erweckt. Seit langem ist bekannt, dass die Exposition gegenüber Stressoren die Anfälligkeit für und den Schweregrad von Magen-Darm-Erkrankungen erhöht, so Prof. Dr. med. Gregor Hasler, Fribourg,

Zwischen depressiven und gesunden Patienten gibt es deutliche Unterschiede im Darmbakterien-Mix und die Transplantation von Darmbakterien von MDD (major depression disorder)-Patienten in Mäuse machen diese depressiv. Probiotikum dagegen, macht Mäuse mutiger. Die Myelinisierung von Nervenzellen wird durch das Mikrobiom beeinflusst. Darmbakterien als Ursache und Therapie gegen Schizophrenie? Das Mikrobiom ist bei der Maus essentiell für die soziale Entwicklung. Es stellt sich die Frage ob Darmbakterien Ursache und Therapie für Autismus und soziale Phobie sind.
Bei Autismus im Menschen hat man eine geringere Bakterienvielfalt festgestellt. Bei Mäusen wurde ein geringeres soziales Interesse und mehr Angstverhalten nach Stuhltransplantation von autistischen Menschen beobachtet.
Der Referent zeigte ausserdem Beispiele zur Ernährung und ihren Folgen. Die Schäden bei Darmbakterien durch schlechte Diät (wenig Faserstoffe, viel Zucker und Fett) sind nur teilweise reversibel. Übermässiger Zuckerkonsum führt zu Insulin-Resistenz, auch im Gehirn und zu einer Abnahme der Nervenwachstumssignale, sowie einer Abstumpfung des Hirnbelohnungssystems, wie bei einer Sucht. Das Depressionsrisiko wird erhöht und die Darmflora verändert.

Mediterrane Diät als Weg aus der Depression

Die möglichen therapeutischen Auswirkungen von Ernährungsumstellungen auf bestehende psychische Erkrankungen sind weitgehend unbekannt. Anhand eines randomisierten, kontrollierten Studiendesigns wurde die Wirksamkeit eines Programms zur Ernährungsumstellung bei der Behandlung schwerer depressiver Episoden untersucht (Jacka FN et al. BMC Med 15, 23 (2017). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Verbesserung der Ernährung eine wirksame und zugängliche Behandlungsstrategie für die Therapie von psychischen Störungen darstellen könnte.

Quelle: 20. Symposium für Urogynäkologie 2020, Kantonsspital Aarau, Kantonsspital Frauenfeld, Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie, Aarau, 23. Okt. 2020

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Klinische Merkmale und Risikofaktoren im Zusammenhang mit dem COVID-19-Schweregrad bei Patienten mit hämatologischen Malignomen

Klinische Merkmale und Risikofaktoren im Zusammenhang mit dem COVID-19-Schweregrad bei Patienten mit hämatologischen Malignomen in Italien: eine retrospektive, multizentrische Kohortenstudie

Quelle: Passamonti F et al. Clinical characteristics and risk factors associated with COVID-19 severity in patients with haematological malignancies in Italy: a retrospective, multicentre, cohort study. Lancet Haematol 2020, Published OnlineAugust 13, 2020https://doi.org/10.1016/S2352-3026(20)30251-9

Hintergrund

Es liegen mehrere kleine Studien über Patienten mit COVID-19 und hämatologischen Malignomen vor, die eine hohe Mortalität in dieser Population zeigen. Diese multizentrische, retrospektive Kohortenstudie umfasste erwachsene Patienten (im Alter von ≥18 Jahren) mit der Diagnose einer von der WHO definierten hämatologischen Malignität, die zwischen dem 25. Februar und dem 18. Mai 2020 in 66 italie­nischen Krankenhäuser eingewiesen wurden, mit laborbestätigtem und symptomatischem COVID-19. Der Datenschluss für diese Analyse war der 22. Juni 2020. Der primäre Endpunkt war die Mortalität und die Identifikation potenzieller prädiktiver Marker für Mortalität. Die Autoren berechneten standardisierte Mortalitätsverhältnisse zwischen dem beobachteten Tod in der Studienkohorte und dem erwarteten Tod, indem schichtspezifische Mortalitätsraten der italienischen Bevölkerung mit COVID-19 und einer italienischen Kohorte von 31993 Patienten mit hämatologischen Malignomen ohne COVID-19 (Daten bis zum 1. März 2019) zugrunde gelegt wurden. Das multi­variable Cox-Proportionalrisikomodell wurde verwendet, um Faktoren zu identifizieren, die mit dem Gesamtüberleben assoziiert sind. Diese Studie ist bei ClinicalTrials.gov, NCT04352556, registriert, und der prospektive Teil der Studie ist noch nicht abgeschlossen.

Resultate

536 Patienten wurden mit einem medianen Follow-up von 20 Tagen (IQR 10-34) zum Zeitpunkt des Datenschlusses aufgenommen, 85 (16%) davon wurden ambulant behandelt. 440 (98%) der 451 hospitalisierten Patienten schlossen ihren Krankenhausaufenthalt ab (wurden entweder lebend entlassen oder starben). 198 (37%) von 536 Patienten starben. Verglichen mit der italienischen Allgemeinbevölkerung mit COVID-19 betrug die standardisierte Mortalitätsrate in der gesamten Studienkohorte 2.04 (95% CI 1.77-2.34) und bei Personen unter 70 Jahren 3.72 (2.86-4.64). Im Vergleich mit der Nicht-COVID-19-Kohorte mit hämatologischen Malignomen betrug das standardisierte Mortalitätsverhältnis 41.3 (38.1-44.9). Älteres Alter (Hazard Ratio 1.03, 95% CI 1.01-1.05); fortschreitende Erkrankung (2.10, 1.41-3.12); Diagnose einer akuten myeloischen Leukämie (3.49, 1.56-7.81), eines indolenten Non-Hodgin-Lymphoms (2.19, 1.07-4.48), eines aggressiven Non-Hodgkin-Lymphoms (2.56, 1.34-4.89) oder einer Plasmazellneoplasie (2-48, 1.31-4.69), und schweres oder kritisches COVID-19 (4.08, 2.73-6.09) waren mit einem schlechteren Gesamtüberleben assoziiert.

Interpretation

Diese Studie ergänzt die Evidenz, dass Patienten mit hämatologischen Malignomen eine schlechtere Prognose aufweisen als sowohl die Allgemeinbevölkerung mit COVID-19 als auch Patienten mit hämatologischen Malignomen ohne COVID-19. Die hohe Sterblichkeitsrate bei Patienten mit hämatologischen Malignomen, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, unterstreicht die Notwendigkeit aggressiver Strategien zur Infektionsprävention, zumindest solange, bis wirksame Impf- oder Behandlungsstrategien zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. med.Markus G. Manz

Zentrum für Hämatologie und Onkologie
UniversitätsSpital Zürich

PD Dr. med. Alexandre Theocharides

Zentrum für Hämatologie und Onkologie
UniversitätsSpital Zürich

Alexandre.Theocharides@usz.ch

Warum arbeiten beim TRIPEL-NEG Mammakarzinom eine immunsup-pressive Chemotherapie und ein Immunmodulator-Antikörper zusammen?

Warum arbeiten beim TRIPEL-NEG Mammakarzinom eine immunsup-pressive Chemotherapie und ein Immunmodulator-Antikörper zusammen?

Cortes J et al. Pembrolizumab plus chemotherapy versus placebo plus chemotherapy for previously untreated locally recurrent inoperable or metastatic triple-negative breast cancer (KEYNOTE-355): a randomised placebo-controlled double-blind phase 3 clinical trial. Lancet 2020; 396: 1817.

Zusammenfassung: first-line treatment of metastatic triple-negative breast cancer with pembrolizumab–chemotherapy showed a significant and clinically meaningful improvement in progression-free survival versus placebo.

Präoperative Chemotherapie beim Pankreaskarzinom: klare und unklare Daten

Kunzmann V et al. Nab-paclitaxel plus gemcitabine versus nab-paclitaxel plus gemcitabine followed by FOLFIRINOX induction chemotherapy in locally advanced pancreatic cancer (NEOLAP-AIO-PAK-0113): a multicenter randomised phase 2 trial. Lancet Gastroenterol Hepatol 2020; doi.org/10.1016/ S2468-1253(20)30330-7

Zusammenfassung: Nab-paclitaxel plus gemcitabine is similarly active and safe as nab-paclitaxel plus gemcitabine followed by FOLFIRINOX as induction chemotherapy for locally advanced pancreatic cancer. Although conversion to resectability was achieved in about a third of patients, additional evidence is required to determine whether this translates into improved overall survival.

Was lehrt uns die Coronavirus-Pandemie in der Onkologie?

Pennell NA et mult al. American Society of Clinical Oncology road to recovery report: learn-ing from the Covid-19 experience to improve clinical research and cancer care. J Clin Oncol 2020; doi.org/10.1200/JCO.20.02953

Zusammenfassung: This report provides a road map of actions that Congress, the Administration, ASCO, research sponsors, health systems, and other stakeholders in the healthcare system can take to help improve access to affordable and equitable care and clinical research, streamline excessive and unnecessary regulatory requirements in practice and research, and achieve improved outcomes for patients with cancer.

«Unhappy birthday to you! …»

Kato H, et al. Patient mortality after surgery on the surgeon’s birthday: observational study. Brit Med J 2020; 371: m4381

Zusammenfassung: Patients who received surgery on the surgeon’s birthday, experienced higher mortality compared with patients who underwent surgery on other days.

Prof. em. Dr. med. Martin Fey

Bern

martin.fey@insel.ch

Aktien von Novartis, Roche und Johnson & Johnson

Kombination von Immunotherapie mit Radiotherapie

Viel wurde und wird berichtet über die Potentiale der Kombination von immunmodulatorischen Behandlungen und Radiotherapie. Die experimentell im Vordergrund stehenden Mechanismen liegen dabei in der in-situ-Vakzinierung am Ort der Bestrahlung, der Unterstützung des T-Zell-Primings in den Lymphknoten bis hin zu der Verstärkung immuntherapeutischen Aktivität durch Veränderung des Tumor-Microenvironments (1). Neben direkten lokalen Bestrahlungs-Effekten können somit auch systemische Effekte erzielt werden – ein Phänom, welches schon seit den 1950er Jahren anhand von einzelnen Fallberichte identifiziert und als «abskopaler Effekt» bezeichnet wird. Da abskopale Effekte in der klinischen Routine, d.h. ohne begleitende immunmodulatorische Intervention, nur äusserst selten zu beobachten sind, liegt es nahe, die potentielle systemische Wirkung von Bestrahlung durch die Kombination mit immuntherapeutischen Strategien auszuloten.
Kürzlich berichteten McBride et al. über eine gut durchgeführte randomisierte Phase II Studie, deren Bedeutung über Kopf- und Hals-Tumoren (KHT) hinausgeht und sich mit grösseren Fragen der Kombinationstherapien im Zeitalter der Immuntherapie befasst (2). Patienten mit metastasierten KHT wurden 1:1 randomisiert der Anti-PD-1-Therapie (Nivolumab) allein respektive der Anti-PD-1-Therapie in Kombination mit stereotaktischer Körperbestrahlung (SBRT) zugeordnet, die simultan in 3 Fraktionen zu je 9 Gy verabreicht wurde. Dabei wurde nur 1 Läsion bestrahlt, und mindestens eine weitere unbestrahlte Läsion musste vorhanden sein, um die Induktion von systemischen Immuneffekten zu evaluieren. Die Studie war bezüglich primärem Endpunkt negativ: Es konnte keine Verbesserung des Tumoransprechens der Index-Läsion durch die Kombination von Nivolumab mit SBRT erzielt werden. Auch das Gesamtüberleben, das progressionsfreie Überleben und die Therapie-Ansprechdauer waren gleich. Somit konnten die ermutigenden Resultate in ähnlichem Setting beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (3) vorerst nicht bestätigt werden. Neben der hier diskutierten Studie sind weitere Trials zur Kombination von Radiotherapie mit PD-1 Inhibitoren bei KHT unterwegs, vornehmlich jedoch im kurativen Setting (z.B. RTOG 3507, Keynote 412).
Die exzellente Studiendurchführung, die ausgewogene Rekrutierung und die Biomarker-Zusatzuntersuchungen machen die McBride-Studie trotz primär negativem Resultat zu einem wichtigen Datensatz. Zum ersten bestätigt die Studie die Rolle sowohl der PD-L1-Expression als auch der Tumor-Mutations-Last (tumor mutational burden TMB) als prädiktive Biomarker für die Anti-PD-1-Antikörper-Therapie unabhängig von der Anwendung von SBRT. Zweitens liefert sie Hinweise zu den potenziellen Unterschieden zwischen Virus-assoziierter (EBV, HPV) und nicht-viraler KHT auf: die Zugabe von SBRT zu Anti-PD-1-Antikörper-Therapie scheint einen potenziellen differentiellen Nutzen bei nicht-viralen Tumoren zu zeigen. Dies ist primär Hypothesen generierend und basiert auf kleinen Zahlen, ist aber zusätzlicher Untersuchungen wert. Die Hinweise zielten auch in dieselbe Richtung wie die Resultate der PACIFIC-Studie (4) bei nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom – einer Tumorentität, die ähnliche biologische Merkmale wie nicht-virale KHT aufweist (z.B. häufiger Funktionsverlust von TP53 und CDKN2A).
Angesichts der Vielzahl der Kombinationstherapie-Variablen (z.B. Radiotherapie-Fraktionierung, Sequenz, Dosis, Volumen) und im weiteren Sinne von Kombinationen mit anderen Immuntherapien, zielgerichteter Therapien und traditionellen Mono- und Poly-Chemotherapieschemata sind wir aktuell schlecht gerüstet, um unsere Ansätze allein anhand von Messungen der klinischen Ergebnisse zu optimieren und die besten Kombinationen effizient zu identifizieren. Stattdessen sollte sich unser Schwerpunkt auf die Verwendung verbesserter, relevanterer Modellsysteme sowie auf die Entwicklung dynamischer und sensitiver Biomarker (z.B. blutbasierte Assays) verlagern, die frühere Wirksamkeitsanzeigen zu verschiedenen Zeitpunkten ermöglichen und auch potenzielle mechanistische Erkenntnisse liefern können. Die Chancen wären dann besser, die mechanistisch klar greifbaren Opportunitäten der Kombination von Immunotherapie mit Radiotherapie effizienter zu testen und die dafür geeigneten Patienten identifizieren zu können.
Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold

Inselspital
Universitätsspital Bern
Universitätsklinik für Radio-Onkologie
Freiburgstrasse
3010 Bern

1. Herrera, F. G., Bourhis, J., & Coukos, G. (2017). Radiotherapy combination opportunities leveraging immunity for the next oncology practice. CA Cancer J Clin, 67(1), 65–85. https://doi.org/10.3322/caac.21358
2. McBride, S., Sherman, E., Tsai, C. J., Baxi, S., Aghalar, J., Eng, J., … Lee, N. (2020). Randomized Phase II Trial of Nivolumab With Stereotactic Body Radiotherapy Versus Nivolumab Alone in Metastatic Head and Neck Squamous Cell Carcinoma. Journal of Clinical Oncology, JCO.20.00290. https://doi.org/10.1200/jco.20.00290
3. Theelen, W. S. M. E., Chen, D., Verma, V., Hobbs, B. P., Peulen, H. M. U., Aerts, J. G. J. V, … Welsh, J. W. (2020). Pembrolizumab with or without radiotherapy for metastatic non-small-cell lung cancer: a pooled analysis of two randomised trials. The Lancet Respiratory Medicine, 2600(20), 1–9. https://doi.org/10.1016/s2213-2600(20)30391-x
4. Antonia, S. J., Villegas, A., Daniel, D., Vicente, D., Murakami, S., Hui, R., … Özgüroğlu, M. (2018). Overall Survival with Durvalumab after Chemoradiotherapy in Stage III NSCLC. New England Journal of Medicine, 379(24), 2342–2350. https://doi.org/10.1056/nejmoa1809697