Weiten sich die FSME-Naturherde in der Schweiz aus?

Für eine aussagekräftige Definition der FSME-Naturherde sind nebst klinisch erfassten Fällen auch tierische Infektionen aus Gebieten relevant, in denen der Erreger im Menschen bisher nicht aufgetreten ist. Resultate aus Feldstudien (1) ergänzt mit klinischen Falldaten könnten wesentliche Wissenslücken über die Verbreitung des FSME-Virus füllen. Ein interdisziplinärer Lösungsansatz (2) ist gefordert und sollte über Departementsgrenzen und Wissenschaftsdisziplinen hinaus umgesetzt werden.

Über häufige und weniger häufige durch Zecken übertragene Erreger haben die Kollegin Dr. Rahel Ackermann-Gäumann, Prof. Dr. Gilbert Greub und Reto Lienhard in der Nummer 04-2019 berichtet (3). Dieser Artikel widmet sich der geografischen Ausbreitung der FSME-Endemiegebiete.

FSME-Viren und Endemiegebiete

Erstmals nachgewiesen und isoliert wurde das FSME-Virus 1937 in Ostsibirien. Bereits 1931 beschrieb der Arzt Hans Schneider in seiner Publikation Ā«Epidemische akute ‹Meningitis serosa›» eine AnhƤufung von FSME-Ausbrüchen in Niederƶsterreich (4). Das FSME-Virus zirkuliert in einem komplexen System. Es wird in einem Kreislauf mit Zecken und Wirbeltieren in sogenannten Naturherden aufrechterhalten. Ob das Virus zirkulieren kann, ist vom Zusammentreffen bestimmter botanischer, zoologischer, klimatischer und ƶko-geologischer Bedingungen abhƤngig (4). Als ÜbertrƤger nimmt die Zecke (Ixodes ricinus) eine zentrale Position im natürlichen Kreislauf des FSME Virus ein. Nicht alle Tierarten sind für Zecken geeignete Blutwirte (Rehe, Hirsche, Wildschweine) und nur eine Auswahl dieser Arten ist auch fƤhig, als Reservoir (Nager, Insektenfresser) für das FSME-Virus zu dienen. Das VerhƤltnis Ā«BlutwirtĀ» zu Ā«ReservoirwirtĀ» entscheidet, ob an einem bestimmten Ort FSME-Viren zirkulieren oder nicht (5).

Ausweitung FSME in der Schweiz

Der erste Nachweis von FSME-Antikörpern gelang in der Schweiz 1969 im Serum zweier erkrankter Personen. Das beschreibt Thomas Kerch 1980 in seiner Doktorarbeit (6). Seit 1984 erfasst das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Inzidenz von FSME-Infektionen.
Die über klinische FSME-FƤlle identifizierten Risikogebiete lagen 2011 in der Nordostschweiz (Kantone TG, SH, SG, ZH), im Mittelland, im Berner Oberland und im Alpenrheintal / FL (Abb. 1). In der grƶssten FSME-Überwachungsaktion der Schweiz sammelt die Armee im Jahr 2009 über 65 000 Zecken. Das Labor Spiez analysierte die Zecken auf FSME-Viren. Die einzigartigen Resultate dieser Feldstudie (9) wurden für die Verbesserung der FSME-Risikobewertung in die aktualisierte Karte der Gebiete mit erhƶhtem FSME-Risiko 2013 (s. Abb. 2) integriert. Gleichzeitig beschlossen das BAG und die Eidgenƶssische Kommission für Impffragen(EKIF), den Ā«alleinigen Nachweis von infizierten ZeckenĀ» in der Darstellung der FSME-Risikogebiete nicht mehr zu berücksichtigen und zwei Karten zu publizieren. Eine mit FSME-Gebieten mit lokalen HƤufungen und eine mit dem Gebiet der FSME-Impfempfehlung (8).

FSME-Impfempfehlung 2019 – Ausweitung

Abb. 3 zeigt die räumliche Ausweitung der FSME-Risikogebiete zwischen 2009 und 2018 mit den vermuteten Zeckenstichorten (rot) und, falls diese Information fehlt, die Wohngemeinde (rosa) der an FSME erkrankten Personen. Abb. 4 zeigt die Gebiete mit der seit Februar 2019 gültigen FSME-Impfempfehlung (10) als Produkt des pragmatischen gesundheitspolitischen Umgangs mit den stark steigenden FSME-Fallzahlen. Die Impfung schützt vor der FSME-Infektion, nicht aber vor einer Borreliose. Erfahrungswerte aus über 40 Präventionsreferaten zeigen, dass über die Hälfte des interessierten Publikums diese Unterscheidung nicht kennt (11). Der Umkehrschluss bedeutet, dass ein Grossteil der Bevölkerung die Karte der FSME-Risikogebiete falsch interpretiert und meint, dass ausserhalb der roten Gebiete keine Zeckengefahr besteht. Ein Grund dafür könnte die ungenaue Begriffsverwendung der FSME-Schutzimpfung als «Zeckenimpfung» sein.

Gebiete mit FSME-Impfempfehlung ≠ Naturherde

Für die Auszeichnung der Risikogebiete mit FSME-Impfempfehlung werden nur klinische Fälle berücksichtigt. Dieser medizinische Ansatz weist zwei wesentliche Mängel auf. Erstens sind für die sehr kleinräumig definierten Naturherde die Kantone als kleinste Einheit nicht zureichend. Naturherde sind so gross wie ein halbes Fussballfeld und nur mit aufwändiger Feldrecherche identifizierbar (12-13). Zweitens ist der Mensch für das FSME-Virus ein Sackgassenwirt, der für die Weiterverbreitung des Virus keine Rolle spielt. Die Erfassung lediglich menschlicher FSME-Fälle liefert ein verzerrtes Bild der räumlichen FSME-Verbreitung (2).

FSME-Forschungsresultate, Stand September 2019

Der Deutsche Kollege Dobler gilt in der Zeckenforschung international als Referenz (4). Er konnte nach vierzig Jahren durch das Beflaggen bekannter Standorte identische FSME-Subtypen in Naturherden nachweisen. Das ist ein klarer Hinweis auf die Stabilität des FSME-Naturzyklus. Andererseits beweist die räumliche Ausdehnung, dass «ortstreue» FSME-Endemiegebiete auf natürliche und durch Menschen verursachte Einflüsse reagieren.

Landschaft, Umwelt und Wirte

Der Einbezug der Landschaft in die FSME-Epidemiologie wird in Osteuropa stƤrker gewichtet als in Westeuropa. Pavlovskys Methode der Beobachtung zur Beschreibung von FSME-Naturherden (Nidus) ist heute nicht minder relevant als 1939 (14). Landschaftselemente wie FlusstƤler haben einen Einfluss auf die Virusverbreitung (Dobler, unverƶffentlichte Daten). Studien an Wild- und Haustieren zeigen, dass das FSME-Virus weiter verbreitet ist als bisher angenommen, und dass es in Regionen ohne bisherigem Auftreten von Erkrankungen beim Menschen verbreitet ist (2). In Kasachstan und Kirgistan sind Endemiegebiete in Hƶhenlagen zwischen 1ā€Š000 – 2ā€Š100 m.ü.M. bekannt (15). Untersuchungen aus Tschechien (16) und Ɩsterreich (17) weisen darauf hin, dass die Verbreitung des Vektors Ā«ZeckeĀ» – vereinzelt mit FSME-Viren infiziert – in Lagen über 1000 m.ü.M. zunimmt. Die KlimaverƤnderung mit hƶheren Jahresdurchschnittstemperaturen wirkt sich auf Zecken und Krankheitserreger aus. Die Tendenz der FSME-Infektionsrate unter dem Einfluss der KlimaverƤnderung ist ansteigend (18).

Outdoor- und ReiseaktivitƤt

In der Reisemedizin ist FSME von Bedeutung, weil immer mehr Fälle in nicht-endemischen Gebieten (vormals Benelux, aktuell USA) auftreten (4). Mehrere gutverträgliche Impfstoffe sind zum Schutz vor Infektionen in hochendemischen Reisezielen in Europa, Russland und Asien empfohlen (19). Tourismusorte des Alpenbogens wären gut beraten, sich (pro-)aktiv mit der Zeckenthematik auseinanderzusetzen. Information über die sich verändernde FSME-Situation in Höhenlagen gehört in die Gästeinformation. Der umsichtige Gastgeber informiert vor der Anreise über existierende Risikopotenziale und präventive Schutzmassnahmen, die den ungetrübten Aktivurlaub in den Bergen unterstützen.

Alternative Darstellung des Zecken-Risikopotenzials

Aktuelle Information zur Verteilung von Zeckenstichen ist auf dem Geoportal des Bundes als Ā«Zeckenstichmodell 2018Ā» (20) publiziert. Das Modell stellt das Zeckenrisiko bei milder und feuchter Witterung im Frühsommer dar: Gebiete mit hoher (rote Zonen), mittlerer (gelbe Zonen) und kleiner ZeckenaktivitƤt (blaue Zonen). Ob die Zecken in den dargestellten Gebieten TrƤger von Erregern sind, kann nicht bestimmt werden. Anonymisiert erfasste Zeckenstichdaten (s. Abb. 5, schwarze Punkte) der PrƤventions-App Ā«Zecke – Tick Prevention (21)Ā» dienen der Validierung des Modells.
Im ZHAW-Forschungsprojekt «Fighting bites with bytes» kommen diese Datenpunkte zur Anwendung, um ein dynamisches Zecken-Risikopotenzialmodell zu entwickeln (22). Erste Erkenntnisse werden im Frühsommer 2020 erwartet.

FSME-Vergleich: Ɩsterreich – Schweiz

Die Ɩsterreichische Bevƶlkerung ist zwischen 82% bis 90% geimpft (23). In der Schweiz liegt die FSME-Impfrate der 2-, 8- und 16-JƤhrigen in der Schweiz zwischen 22% und 75% (24). Der Schweizer Durchschnitt liegt bei Erwachsenen bei 32,9% (25).
Zwischen 2010 und 2017 wurden in Ɩsterreich neue FSME-Infektionen vor allem aus dem Westen (Tirol und Vorarlberg) und teilweise in Hƶhenlagen über 1000 m.ü.M. erfasst. In der Schweiz findet bei den klinischen FƤllen die Ausweitung auch in Ost-
West-Richtung statt. Dass in der Schweiz über 1000 m.ü.M. FSME-Viren zirkulieren, ist anzunehmen. Der Nachweis ist eine Frage
der Zeit.

Werner Tischhauser

Umweltingenieur FH ZHAW
A&K Strategy GmbH
ZHAW WƤdenswil
Grüental
8820 WƤdenswil

tischhauser@ak-strategy.ch

Dr. Rahel Ackermann-GƤumann

Co-Leiterin Molekulare Analytik
Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern
Friedbühlstrasse 51
3010 Bern

Als Co-Gründer und GeschƤftsleiter des ZHAW Spin-offs Ā«A&K Strategy GmbHĀ» ist Werner Tischhauser zusammen mit Jürg Grunder für den Betrieb und die Weiterentwicklung der vom BAG finanziell unterstützten PrƤventions-App Ā«Zecke – Tick PreventionĀ» verantwortlich. Er arbeitet im ZHAW-Projekt Ā«Fighting bites with bytes – promoting public health with crowdsourced tick preventionĀ» mit. Frau Dr. Ackermann hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Ausweitung der FSME-Risikogebiete, die mit der Revision der FSME-Impfempfehlung erfolgte, ist eine pragmatische gesundheitspolitische Umsetzung der Behƶrden, um auf das gestiegene FSME-Infektionsrisiko aufmerksam zu machen und mehr Menschen zur FSME-Schutzimpfung zu motivieren.
  • Die effektive Verbreitung der FSME-Naturherde – das sind sehr kleinrƤumig definierte RƤume, in denen das FSME-Virus zirkuliert – ist nicht bekannt. Nur einzelne Standorte wurden bisher stichprobenartig identifiziert und beschrieben (9).
  • In FSME-Endemiegebieten der Schweiz sind rund 1% (0.5% – 5% je nach Naturherd) der Zecken infiziert und tragen das FSME-Virus in sich (26). Das Risiko, nach einem Zeckenstich eine FSME-Infektion durchzumachen, ist gering. Trotzdem ist zu bedenken, dass jƤhrlich rund 300 Personen eine FSME-Infektion mit klinischen Symptomen durchmachen und dass jedes Jahr ein paar wenige FSME-Infektionen tƶdlich enden. Das kƶnnte mit der FSME-Schutzimpfung verhindert werden.
  • Die Zahlen zeigen, dass es weitere Anstrengungen braucht, damit diejenigen Personen, welche sich exponieren, PrƤventionsmassnahmen treffen und sich impfen lassen. Die Rolle der Ƅrztinnen und Ƅrzte als Vermittler von Grundlagenwissen ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

1. C. Bregnard, O. Rais, L. Gern, und M. J. Voordouw, «Increase of tick density over a 15-year period on Chaumont Mountain in Switzerland», University of Neuchâtel, Laboratory of Ecology and Evolution of Parasites, Neuchâtel, 2019.
2. G. Dobler, D. Gniel, R. Petermann, und M. Pfeffer, Ā«Epidemiology and distribution of tick-borne encephalitisĀ», Wien. Med. Wochenschr., Bd. 162, Nr. 11–12, S. 230-238, Juni 2012.
3. R. Ackermann-Gäumann und G. Greub, «Der informierte Arzt», Medinfo Arztverlag, 04.2019, Apr. 2019.
4. G. Dobler, W. Erber, und H.-J. Schmitt, The TBE book, Bd. 2nd Edition. 2019.
5. G. T. Stewart, Ā«Natural Nidality of Transmissible Diseases: by Evegeny N. Pavlovsky, edited by Norman D. Levine, translated by Frederick K. Plous. University of Illinois Press, Urbana and London, 1966. Am. J. Trop. Med. Hyg., Bd. 16, Nr. 1, S. 120–121, Jan. 1967.
6. T. Krech, «Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in der Schweiz», Institut für Medizinische Mikrobiologie des Kantons St.Gallen, Arbeit unter der Leitung von prof. Dr. u. Krech, 1980.
7. Ā«Zecken: Neue Gefahr – BeobachterĀ», 2011. (Online). Verfügbar unter: https://www.beobachter.ch/gesundheit/medizin-krankheit/zecken-neue-gefahr. (Zugegriffen: 25-Sep-2019).
8. BAG Bulletin, «Aktualisierung und neue Darstellung der Karte mit Impfempfehlung für Frühsommer-Meningoenzepahlitis per April 2013», 18/2013, Apr. 2013.
9. R. Ackermann-Gäumann, «Molecular epidemiology of tick-borne encephalitis viruses in Switzerland», Bern, 2010.
10. BAG, Ā«BAG Bulletin 06/19, Revision FSME-ImpfempfehlungĀ», S. 12–14, Feb. 2019.
11. Liga für Zeckenkranke Schweiz, Sandra Werth, «Liga für Zeckenkranke Schweiz, Kontakt». (Online). Verfügbar unter: http://www.zeckenliga.ch/kontakt.html. (Zugegriffen: 04-Okt-2019).
12. G. Dobler u. a., Ā«Gefahren der Übertragung von Krankheitserregern durch Schildzecken in DeutschlandĀ», Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, Bd. 57, Nr. 5, S. 541–548, 2014.
13. T. Krech, Ā«TBE foci in SwitzerlandĀ», Int. J. Med. Microbiol., Bd. 291, S. 30–33, Juni 2002.
14. E. N. Pavlovskij, On the natural focality of infectious and parasitic diseases, Bd. 10. Vestn. Akad. Nauk SSSR, 1939.
15. J. Hay u. a., «Biosurveillance in Central Asia: Successes and Challenges of Tick-Borne Disease Research in Kazakhstan and Kyrgyzstan», Front. Public Health, Bd. 4, Feb. 2016.
16. V. DanielovÔ, S. KliegrovÔ, D. Milan, und B. Čestmír, «Influence of Climate Warming on Tick-borne Encephalitis Expansion to Higher Altitudes during the Last Decade (1997-2006) in the Highland Region (Czech Republic)», S. 8.
17. F. X. Heinz u. a., «Emergence of tick-borne encephalitis in new endemic areas in Austria: 42 years of surveillance», Eurosurveillance, Bd. 20, Nr. 13, Apr. 2015.
18. M. Daniel, V. DanielovĆ”, A. FialovĆ”, M. Malý, B. Kříž, und P. A. Nuttall, Ā«Increased Relative Risk of Tick-Borne Encephalitis in Warmer WeatherĀ», Front. Cell. Infect. Microbiol., Bd. 8, MƤrz 2018.
19. R. Steffen, Ā«Tick-borne Encephalitis—Need to know for Professionals outside Endemic AreasĀ», Dr Sulaiman Al Habib Med. J., 2019.
20. Bundesamt für Gesundheit, BAG und A&K Strategy GmbH, Werner Tischhauser, Ā«Swiss Geoportal – Zeckenstichmodell 2018Ā», geo.admin.ch. (Online). Verfügbar unter: https://map.geo.admin.ch. (Zugegriffen: 02-Okt-2019).
21. Ā«Startseite PrƤventions-App ‹Zecke – Tick Prevention›», zecke-tique-tick.ch. .
22. «Fighting bites with bytes: Promoting public health with crowdsourced tick prevention», ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (Online). Verfügbar unter: https://www.zhaw.ch/no_cache/de/forschung/forschungsdatenbank/projektdetail/projektid/2966/. (Zugegriffen: 02-Okt-2019).
23. Ā«The Austrian Vaccination Paradox: Tick-borne Encephalitis Vaccination Versus Influenza VaccinationĀ», Cent. Eur. J. Public Health, Bd. 23, Nr. 3, S. 223–226, Sep. 2015.
24. BAG, «Kantonales Durchimpfungsmonitoring Schweiz». (Online). Verfügbar unter: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/gesundheitsfoerderung-und-praevention/impfungen-prophylaxe/informationen-fachleute-gesundheitspersonal/durchimpfung.html. (Zugegriffen: 30-Okt-2019).
25. P. Sinniger, J. Fehr, und P. Lang, «Analysis of TBE vaccination coverage and compliance in adults in Switzerland, 2018», University of Zurich, Department of Public Health, Epidemiology, Biostatistics and Prevention Insitute, Vienna, 21st ISW-TBE Meeting, May 16-17, 2019.
26. R. Ackermann-Gäumann, «Zecken. Die Zecken in der Schweiz. Die durch Zecken übertragenen Krankheiten. Schutz vor Zecken.», Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, Labor Spiez, Aug. 2019.

Das Schlaf-Apnoe Syndrom (SAS)

Nachdem in der epidemiologischen Studie in Lausanne (SomnoLaus) die HƤufigkeit des Schlaf-Apnoe Syndroms deutlich hƶher ausfiel als bisher international bekannt, ist das Interesse an Diagnostik und Behandlung des SAS auch in der Schweiz insbesondere in der Geriatrie weiter gewachsen. In diesem Artikel werden aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen zusammengefasst.

Als Haupttreiber für das Entstehen einer Alzheimer Demenz wird die Akkumulation von Beta-Amyloid angesehen. Dies wird im Schlaf über die Blut-Hirn-Schranke aus dem Gehirn transportiert. Gestƶrter Schlaf, insbesondere durch Arousal im Rahmen der Apnoen führt zu einem erhƶhten Risiko für die Entwicklung von kognitiven Defiziten oder Demenz. In 2 Studien mit 298, bzw. 1414 Patienten und > 7000 Kontrollpersonen ergab sich eine odds ratio von 2,04, bzw. 1,7.
Im Alter steigt die Neigung der oberen Atemwege zum nƤchtlichen Kollaps und damit die HƤufigkeit von Apnoen. Bisher war die Notwendigkeit einer Behandlung umstritten und bis heute wird diskutiert, die Normwerte im Alter evtl. auf einen Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) von 15/h anzupassen. ZusƤtzliche Parameter wie v.a. die SauerstoffsƤttigung, aber auch die Schlafstruktur und ArousalhƤufigkeit sollten in die Therapieentscheidungen mit einfliessen.
In kleineren Untersuchungen konnte ein positiver Effekt einer CPAP-Behandlung bereits nach 2 Monaten nachgewiesen werden. Verbesserungen zeigten sich neben Schlafarchitektur und TagesschlƤfrigkeit v.a. bei verbalem Lernen und kognitiver FlexibilitƤt.
Aus meiner Sicht hat es sich in der Praxis bewƤhrt, bei ausreichender Mitarbeit von Betroffenen und/oder Angehƶrigen einen Therapieversuch über 2 Monate ab einem AHI von 10/h, evtl. bei TagesschlƤfrigkeit auch schon bei > 5/h, durchzuführen.
Eine intensive Anleitung und Begleitung, sowie Ergebnisevaluation sind aber nƶtig.
In Zukunft wäre eine Zusammenarbeit mit geriatrischen Spitälern und Alten- sowie Pflegeheimen sinnvoll, da dort bereits Fachpersonen arbeiten. Eine kontinuierliche Weiterbildung, Anleitung und auch Ansprechbarkeit von Schlafspezialisten ist dafür erforderlich.

SAS ist mit UnfƤllen assoziiert

Eine erhöhte Unfallgefährdung bei Patienten mit SAS ist bekannt, als mögliche Ursache wird Tagesschläfrigkeit angenommen, die zu Aufmerksamkeitsstörungen führen kann. Eine kürzlich publizierte Studie konnte nun nachweisen, dass auch das Haltungsgleichgewicht bei Patienten mit SAS gestört ist, und zwar bereits in den ersten Stunden des Tages, mit einer Korrelation mit der tiefsten nächtlichen O2-Sättigung.

Therapiealternativen zur Ventilationstherapie

Goldstandard und von den Krankenkassen finanzierte Behandlung eines OSAS ist weiterhin die CPAP-Therapie, die jedoch nur symptomatisch und mechanisch die Atmung verbessert. Unterkieferprotrusionsschienen bleiben bei AHI < 30/h und BMI < 30 nach S3-Leitlinie weiter eine Behandlungsoption.
In den letzten Jahren werden erneut operative Alternativen diskutiert. Seit der Einführung der transoralen Roboterchirurgie hat sich die Repositions-Pharyngoplastik mittels mit Widerhaken versehenem Nahtmaterial (barbed repositioning pharyngoplasty) als wenig invasive Behandlungsoption für das SAS erwiesen, dessen Wirksamkeit in kleinen Studien dokumentiert ist, dessen Stellenwert im Rahmen aller Behandlungsmöglichkeiten aber noch offen ist. Neben den bekannten Optionen im Bereich des weichen Gaumens, der Kiefer und der Nase gewinnt die Behandlung einer der Hauptursachen, des Übergewichts, mittels Adipositaschirurgie an Bedeutung.
Die Zusammenarbeit mit Adipositaszentren zur umfassenden Behandlung wird deshalb wichtiger. Bei Adipositas Grad 2-3 führt eine deutliche Gewichtsreduktion in etwa 50% zu einer signifikanten Verbesserung, evtl. sogar Normalisierung des AHI.
Trotz der zunehmenden OP-Zahlen (2014 weltweit 579000) gibt es aber bisher keine grƶsseren Studien sondern nur ein Konsensuspapier einer internationalen Expertengruppe (2017).
Bei Kindern ist die Tonsillektomie als Therapie der Wahl bereits bei AHI von > 2/h zu diskutieren bei im Alltag relevanten Stƶrungen, wie Entwicklungsverzƶgerung oder Leistungsknick.
Eine weitere Option ist die Zungengrundstimulation. Hierbei wird über eine atemgesteuerte Stimulation des Nervus Hypoglossus ein Zungenvorschub ausgelöst, der die Atemwege offen hält. Voraussetzung ist ein gescheiterter CPAP-Versuch und ein AHI >15/h. Dann ist sie als 2. Linienbehandlung zugelassen. Nach Abklärung des Kollapsortes in Propofolschlaf wird analog zum Herzschrittmacher eine Elektrode am Zwerchfell platziert und eine am Zungengrund. Den Generator kann der Patient abends mit Magnet einschalten. Eine individuelle Einstellung unter Schlaflaborbedingungen ist notwendig. In der STAR-Studie wird der AHI auch über 3 Jahre um ¾ reduziert, ebenso die Tagesschläfrigkeit. Die Compliance ist hoch. In der Schweiz sind bisher etwa 40 Patienten mit dieser noch sehr teuren Therapie versorgt.

Verbesserte Diagnostik

Bei der Diagnostik gibt es weiter Bestrebungen, die ambulanten Möglichkeiten zu verbessern. Als Screening-Methoden v.a. für die hausärztliche Anwendung gibt es immer kleinere Polygraphie-Geräte. Zum Teil können diese mit EEG zur Erfassung des Schlafs ergänzt werden.
Ideal wäre eine Screeningmethode auf Grund von Biomarkern. Ein Team aus Tschechien hat kürzlich die Resultate einer Studie vorgestellt, in welcher unter anderem Pentraxin-3 (PTX-3) als potenzieller Biomarker evaluiert wurde. Dabei zeigte es sich, dass die Erhöhung des PTX-3-Serumspiegels signifikant mit einem mittleren bis schweren obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom verbunden ist und in der Lage sein könnte, Patienten mit OSAS von gesunden Personen zu unterscheiden. Zur endgültigen Diagnose ist aber weiter die Polysomnographie sinnvoll, vor allem zur Differentialdiagnose von Beinbewegungsstörungen (RLS) oder anderen Schlafstörungen.

Dr. med. Christian Neumann

Schlaflabor Fluntern
Ƅrztehaus Fluntern
Zürichbergstrasse 70
8044 Zürich

schlaflabor-fluntern@gmx.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die HƤufigkeit des Schlaf-Apnoe Syndroms ist gemƤss SomnoLaus-Studie deutlich hƶher als bisher international bekannt. Gestƶrter Schlaf, insbesondere durch Arousals im Rahmen der Apnoen führt zu einem erhƶhten Risiko für die Entwicklung von kognitiven Defiziten oder Demenz.
  • Zur Beurteilung der Notwendigkeit einer Behandlung des OSAS sollen neben dem Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) zusƤtzliche Parameter wie die SauerstoffsƤttigung, die Schlafstruktur und HƤufigkeit von Arousals berücksichtigt werden.
  • Ein positiver Effekt einer CPAP-Behandlung kann bereits nach 2 Monaten nachgewiesen werden. Neben der klassischen CPOAP-Behandlung stehen Gewichtsverlust, gegebenenfalls mittels Bariatrischer Chirurgie, Unterkieferprotrusionsschienen, Tonsillektomie bei Kleinkindern und Zungengrundschrittmacher je nach Situation zur Diskussion.

Skabies, welche Behandlungen sind dem Grundversorger zugƤnglich?

Die Skabies ist eine mit quƤlendem Juckreiz einhergehende Hauterkrankung des Menschen, die durch eine Infestation mit dem humanpathogenen Parasit Sarcoptes scabiei variatio hominis (KrƤtzmilbe) ausgelƶst wird. Der Begriff Infestation beschreibt hierbei, dass die Sarcoptesmilbe als Ektoparasit die Epidermis nicht durchdringt (1). Die Lebensdauer ausserhalb der menschlichen Haut betrƤgt gerade einmal 1-3 Tage. Die Skabiesmilbe gehƶrt zu den Spinnentieren (Arachnida) und hat im Nymphen- und Adultstadium vier Beinpaare. Weibliche Skabiesmilben erreichen eine Grƶsse von 0,3-0,5 mm, MƤnnchen sind mit 0,2-0,3 mm etwas kleiner. Nach der Paarung der Milben an der HautoberflƤche stirbt das MƤnnchen ab und das Weibchen beginnt, sich in das Stratum corneum einzugraben. Die Weibchen legen dort tƤglich 2 bis 3 Eier ab, aus denen nach 2 bis 3 Tagen die Larven schlüpfen (2). Der Weg führt die Larven an die HautoberflƤche, wo sie sich zu Nymphen und schliesslich zu adulten Milben entwickeln. Mit blossem Auge ist eine adulte weibliche Skabiesmilbe gerade eben noch zu erkennen. Dermatoskopisch kƶnnen Gangstrukturen und brƤunliche Dreiecke, die dem Vorderleib der Milben entsprechen, sowie Kotballen erkannt werden.

Klinik

Die ansteckende Erkrankung wird gekennzeichnet durch MilbengƤnge, einen morphologisch heterogenen Hautausschlag und quƤlenden Juckreiz (Ā«scabereĀ», lat. Kratzen). Die ersten Symptome erscheinen bei der Erstinfestation nach zwei bis fünf Wochen, bei einer Reinfestation aufgrund einer bereits bestehenden Sensibilisierung auf Milbenprodukte geschieht dies bereits innerhalb der ersten ein bis vier Tage. PrƤdilektionsstellen sind die Interdigitalfalten der HƤnde und Füsse, Ellenbogenstreckseiten, vordere Axillarfalten, Brustwarzenhof, Nabelregion, Gürtellinie, GesƤss, Analfalte, Perianalregion, Leisten, Knƶchelregion, die medialen FussrƤnder und beim Mann insbesondere der Penisschaft (lƤngliche Papeln in dieser Lokalisation sind nahezu beweisend für eine Skabies) (1). Die PrimƤreffloreszenzen sind kommaartige, oft unregelmƤssig gewundene, wenige Millimeter bis ein Zentimeter lange MilbengƤnge, an deren Ende sich manchmal ein kleines BlƤschen ausbildet (3). Im Sinne einer zellvermittelten Immunantwort vom verzƶgerten Typ gegen den Kot der Milben kommt es zu einer Ekzemreaktion mit disseminierten erythematƶsen und teilweise krustƶsen Papeln, BlƤschen und Papulovesikeln (Abb. 1) (4, 5). Charakteristisch ist eine Zunahme des Pruritus in der Nacht, wahrscheinlich aufgrund einer Senkung der Juckreizschwelle. Das klinische Bild im SƤuglings- und Kleinkindalter umfasst hƤufig BlƤschen, Blasen und Pusteln. Betroffene Kinder fallen ausserdem durch Appetitlosigkeit bis hin zu Gedeihstƶrungen auf (6, 7).

Typischerweise leben lediglich 5 bis 15 adulte weibliche Milben auf einem Patienten mit einer klassischen Skabies. Diese Zahl kann bei der Borkenkrätze (Skabies crustosa) Hunderte oder sogar Millionen Milben betragen (8). Die Skabies crustosa tritt überwiegend bei immunsupprimierten Patienten auf, bei denen sich die Milben ungehemmt vermehren können (9). Daher ist diese Form der Skabies hoch ansteckend.
Zur Diagnosestellung einer Skabies eignet sich neben dem nativen lichtmikroskopischen Nachweis von Milben, Eiern und Skybala (Milbenkot) aus Hautgeschabsel («skin scraping») insbesondere auch die Dermatoskopie, mit der sich eine Sensitivität von bis zu 91% bei einer Spezifität von 86% erreichen lässt (Abb. 2) (10). Insbesondere bei typischer Anamnese mit mehreren betroffenen engen Kontaktpersonen und bei typischer Klinik mit gewundenen Gangstrukturen an den Prädilektionsstellen in Kombination mit Juckreiz lässt sich die Diagnose auch ohne direkten Milbennachweis stellen (11).

Therapie

In der Schweiz ist Permethrin (Scabi-med® Creme 5%) das einzige zugelassene Antiscabiosum, welches in den Apotheken verfügbar ist. Crotamiton (Eurax®, eingestellt 2012) und Benzylbenzoat sind beide nicht mehr im Handel und nicht registriert, und können allenfalls noch mittels Magistralrezeptur bei entsprechend motivierten Apotheken hergestellt werden lassen. Als systemisches Reservemedikament ist Ivermectin (z.B. Stromectol®, Scabioral®) in einigen Kantonsapotheken verfügbar. Der Einsatz sollte reserviert bleiben für Fälle, die resistent auf eine topische Behandlung sind, da Ivermectin auch für viele andere parasitäre Infestationen (u.a. Helminthen, Fadenwürmer, Läuse) ein wichtiges Medikament darstellt.
Permethrin (Scabi-medĀ® 5%) ist das Medikament der ersten Wahl für die Skabies in der Schweiz. Es ist zugelassen bei Kindern ab dem 3. Lebensmonat, die Sicherheit und Wirksamkeit von Scabi-med 5% Creme bei Kindern unter 2 Monaten ist bisher nicht geprüft worden. SƤuglinge < 3 Monaten empfehlen wir in den entsprechenden Kinderkliniken stationƤr zu behandeln, gegebenenfalls auch SƤuglinge < 1 Jahr bei schwieriger Compliance oder familiƤrer Situation. SƤuglingen sollten in der Folge der Anwendung Baumwollhandschuhe angezogen werden, damit Permethrin nicht abgeleckt und peroral aufgenommen wird. Die Autoren der S1-Leitlinie der AWMF halten eine off label Therapie in den ersten beiden Lebensmonaten für mƶglich (1).
Einige Studien legen nahe, dass eine einmalige Anwendung von Permethrin bei unkomplizierter Skabies zumeist ausreicht, da der Wirkstoff scabizid und ovozid ist (12-14). Aufgrund mƶglicher Anwendungsfehler und zur sicheren Abtƶtung frisch geschlüpfter Larven aus verbliebenen Eiern empfehlen wir typischerweise eine zweite Anwendung nach 7-10 Tagen (15, 16). Die Lokaltherapie erfolgt auf den ganzen Kƶrper lückenlos vom Unterkiefer abwƤrts einschliesslich der Retroaurikularfalten sowie inklusive HandflƤchen, Fusssohlen, unter Finger- und ZehennƤgeln, Ƥusseres Genitale und GesƤss (Tab. 1).

Das Kürzen der Fingernägel ist wichtig, da es die subunguale Verfügbarkeit von Permethrin erhöht und die Rezidivfrequenz mindert. Bei Personen über 60 Jahren und Kindern unter 3 Jahren wird zusätzlich auch die Gesichts- und Kopfhaut mitbehandelt, da in diesen Altersgruppen gehäuft ein Befall in diesen Regionen beobachtet wird. Bei klinischem Verdacht sollten diese Hautstellen auch bei Erwachsenen mitbehandelt werden. Nach 8-12 Stunden soll Permethrin gründlich mit Wasser und Seife abgespült werden.
Studiendaten weisen darauf hin, dass die lokale Therapie mit Permethrin auch in der Schwangerschaft und Stillzeit als sicher und effizient betrachtet werden kann (17). Dennoch lautet die Empfehlung der Fachinformation, eine Behandlung wƤhrend des 1. Trimenons aus Vorsichtsgründen zu vermeiden, es sei denn, der klinische Zustand der Frau erfordere eine Behandlung. Da sich Permethrin in der Muttermilch nachweisen lƤsst, lautet die Empfehlung ausserdem, nach der Anwendung von Permethrin eine Stillpause von 5 Tagen einzuhalten.
Wir empfehlen unseren Patienten nach der Behandlung jeweils frische UnterwƤsche, Kleider, Schuhe, usw. anzuziehen, und zuvor getragene Kleider sowie BettwƤsche und Handtücher bei mindestens 60°C zu waschen. Nicht waschbare GegenstƤnde sollen für mindestens 7 Tage in geschlossenen PlastiksƤcken aufbewahrt werden. Alternativ kƶnnen GegenstƤnde etc. für mindestens 24 Stunden ins Gefrierfach gelegt, und Schuhe für 7 Tage ausgelüftet werden. Handschuhe und Socken sollten wƤhrend mindestens 24 Stunden weggelassen werden.
Die Nachbehandlung des Juckreizes erfolgt durch eine Polidocanol-enthaltende Lotion/Creme 1x täglich für 4 Wochen, eventuell sind topische Steroide 1x täglich für 1-2 Wochen sinnvoll, um ein postskabiöses Ekzem abzufangen. Generell sollten die Patienten darauf hingewiesen werden, dass nach der akariziden Behandlung die Tiere noch bis zu 4 Wochen (tot) in der Haut verbleiben können, bis die normale Abschilferung die Epidermis vollständig ersetzt hat. Erst dann ist der immunologisch-entzündliche Trigger vollständig eliminiert. Falls im Verlauf die Beschwerden des Patienten nicht besser sind, ist nach eingehender Überprüfung der Diagnose und Evaluation anderweitiger Differentialdiagnosen die ganze Therapie gegebenenfalls noch einmal zu wiederholen. Multiple Runden von antiskabiöser Behandlung ohne Skabiesnachweis sind wegen der psychosozialen Belastung für die Patienten und wegen der generierten Kosten nicht zu rechtfertigen.
Ivermectin (ScabioralĀ®, StromectolĀ®): Orales Ivermectin ist in der Schweiz bisher nicht registriert und muss deshalb im Bedarfsfall importiert oder bei einer spezialisierten Apotheke bezogen werden. An grƶsseren SpitƤlern mit einer eigenen Dermatologie ist der Wirkstoff in der Regel für dort behandelte Patienten erhƤltlich. Ivermectin führt über eine Bindung an ChlorkanƤle zur LƤhmung und zum Tod der Skabiesmilben; die Tabletten sollen nüchtern als Einzeldosis eingenommen werden (hƶhere Resorption mit potenziellen Nebenwirkungen bei Einnahme mit fettreicher Kost, zwei Stunden vor und nach Einnahme Nahrungskarenz). Bei rein akarizider, nicht ovozider Wirkung ist eine Therapiewiederholung nach 7 Tagen notwendig. Die EffektivitƤt ist etwa vergleichbar mit topischem Permethrin (12, 18). Die Dosis betrƤgt 0,2 mg/kg Kƶrpergewicht, die Tabletten sind als 3 mg Tabletten erhƤltlich, bis zur Maximaldosis von 12 mg pro Einnahmetag. Die Anwendungssicherheit ist bei Patienten < 15 kg nicht belegt (eine Altersbegrenzung wird nicht angegeben in der europƤischen Zulassung), wobei aber neue Studien zeigen, dass die orale Gabe von Ivermectin bei Patienten zwischen 4-14.5 kg, bei denen in 90% eine zweite Gabe verabreicht wurde, nur bei insgesamt 4% zu unerwünschten Nebenwirkungen führte. Mehrere Studien belegen die Unbedenklichkeit einer oralen Ivermectin-Gabe bei Patienten unter 15 kg Kƶrpergewicht, aber die Behandlung erfolgt off label (19, 20). Die zweite Ivermectingabe sollte innert 7-15 Tagen erfolgen, da lƤngere Intervalle mit hƶherer Rezidivrate assoziiert sind.
Für eine Massenbehandlung bei einer nachgewiesenen Skabiesepidemie in einem Heim/Spital empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit einem Dermatologiezentrum/Spitalhygiene, um das Vorgehen zu planen. Die publizierten Daten deuten darauf hin, dass die Ivermectingabe hier die besten Resultate zeigt und gerade in dieser Altersgruppe nicht nur die lästige Skabies hocheffizient kurieren kann, sondern auch postskabiöse Komplikationen wie Ekzeme, Abszesse oder Poststreptokokken-Glomerulonephritis deutlich reduzieren kann.
Bei Therapieresistenz (echter oder Complianceproblematik oder Reinfektion) empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einer Klinik für Dermatologie, unter Einsatz von Magistralrezepturen von Crotamiton, Benzylbenzoat in Kombination mit Ivermectin. Allerdings existieren inzwischen Berichte über Resistenzen gegen Permethrin, Benzylbenzoat, Crotamiton, Lindan und Ivermectin.

Dr. med. Nikolaus Wagner

Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

nikolausbenjamin.wagner@kssg.ch

Prof. Dr. med. Dr. sc. nat. Antonio Cozzio

Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
Haus 20
9007 St. Gallen

antonio.cozzio@kssg.ch

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Beitrag keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Skabies ist eine stark juckende Parasitose und bedarf einer
    konsequenten Therapie
  • Medikament der ersten Wahl ist Permethrin 5% Creme, zweimalig anzuwenden
  • Bei Versagen der Erstlinientherapie oder bei immunsupprimierten
    Patienten oder bei Skabies crustosa wird eine systemische Behandlung mit Ivermectin empfohlen
  • Eine zusƤtzliche Therapie des immunvermittelten Ekzems mit topischen Glukokortikosteroiden und juckreizlindernden Externa sollte erfolgen
  • Der Patient sollte informiert werden, dass der Juckreiz und das Ekzem auch nach erfolgreicher Behandlung noch einige Wochen anhalten kƶnnen.

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19. del Mar Saez-De-Ocariz M, McKinster CD, Orozco-Covarrubias L, Tamayo-Sanchez L, Ruiz-Maldonado R. Treatment of 18 children with scabies or cutaneous larva migrans using ivermectin. Clin Exp Dermatol. 2002;27(4):264-267.
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Nahrungsmittelallergien

Die schwerste Manifestation einer Nahrungsmittelallergie ist der potentiell letal verlaufende anaphylaktische Schock. In den Spitälern ist eine drastische Zunahme der Notfalleinweisungen wegen lebensbedrohender Reaktionen infolge Nahrungsmittelallergie zu verzeichnen. Adrenalin ist das First-Line-Medikament für die Behandlung einer anaphylaktischen Reaktion. Der Allergiker sollte immer das Notfallset auf sich tragen.

TodesfƤlle auf Grund einer Nahrungsmittelallergie sind ein neues PhƤnomen der letzten 3 Jahrzehnte: noch 1982 stand in einem Artikel in Annals of Allergy: Ā»In der medizinischen Literatur gibt es keine Dokumentation einer tƶdlichen NahrungsmittelreaktionĀ» (1). Der erste Fall einer tƶdlich verlaufenden Nahrungsmittelallergie bei Erwachsenen datiert auf 1988 und betraf eine 24-jƤhrige Frau mit bekannter Erdnussallergie nach Genuss eines Haselnusscakes mit Marzipan (Mandel)-Glasur (2). Die kanadische Patientin hatte wiederholt das GebƤck in dieser BƤckerei gekauft und reaktionslos ertragen. Die gerichtsmedizinische AbklƤrung dieses ausserordentlichen Todesfalles ergab, dass die Paste für die Herstellung der Glasur inzwischen Ā«arachidesĀ» enthielt; diese Bezeichnung wurde vom englischsprechenden BƤcker nicht erkannt. Es folgten regelmƤssige Berichte in der medizinischen Literatur und in der Laien-Presse über letale FƤlle (3 – 7), wie aus den folgenden Zeitungsartikeln hervorgeht.

MƤdchen stirbt an Kuss

Ein 15-jƤhriges MƤdchen mit einer Erdnuss-Allergie ist nach einem Kuss seines Freundes gestorben. Auch eine sofortige Adrenalinspritze konnte den Teenager nicht mehr retten. Der Junge hatte vorher ein Erdnussbutterbrot gegessen (The Edmonton Journal , Saturday, November 26, 2005; Spiegel Online, 25.11.2005).

Killed by an Ice Cream

Katrina, 37 J., gestorben in einem Restaurant nach Genuss eines einzigen Löffels von Eiscreme (mit Walnuss), obwohl sie einen Ausweis über ihre Nussallergie in verschiedenen Sprachen auf sich trug und denselben dem Servicepersonal vorgelegt hatte (Daily Telegraph, 5.5.1995).

Tragedy of Nuts Allergy Student

Nicola, eine 18-j. Studentin mit bekannter Nussallergie, starb nach einer Mahlzeit mit Ihrem Freund in einem indischen SpezialitƤten-Restaurant (The Northern Echo, 22.1. 2000).

Groom with fish allergy dies after hotel party

Der BrƤutigam, Meeresfischallergiker, starb nach Essen einer Frühlingsrolle – offenbar mit Seafood kontaminiert – anlƤsslich der Cocktail Party zur Hochzeit, obwohl er den Chef de Service vorgƤngig über seine Allergie orientiert hatte (Daily Mirror, September 27, 1996).

Tod durch Erdnussallergie nach Konsum eines einzeln verpackten Müsliriegels, gesetzkonform ohne Deklaration der Inhaltsstoffe.

(Allergo Journal, 2006; 15: 521-608).

Lucia starb einen tragischen Tod

16-jähriges Bibersteiner Mädchen ass versehentlich Erdnüsse, auf die es allergisch war, in der Meinung, es seien gebrannte Mandeln (Aargauer Zeitung, 27.6.2009).

Welche sind die risikoreichen Nahrungsmittel?

  • In den verschiedenen Statistiken stehen Erdnüsse und Nüsse, Soja, Eier, Milch, Fisch, Schalentiere, Sellerie u.a. im Vordergrund.
  • Nahrungsmittel mit Ā«verstecktenĀ» Allergenen wie Pizza (Abb. 1), Hamburger, Kuchen, GebƤcke, Saucen, Salat Dressings, orientalische SpezialitƤten sind für Allergiker besonders gefƤhrlich.
  • Konfektionierte Nahrungsmittel mit unbefriedigender Etikettierung (kann …. enthalten) sind heimtückisch oder der Allergiker beachtet die Etikette nicht.

Das Anaphyklaxie-Register

Aus Statistiken verschiedener LƤnder, z.B. in den UK, geht hervor, dass in den letzten Jahren die Inzidenz schwerer Anaphylayxien zunimmt (8). Im Jahre 2006 wurde in Deutschland ein Anaphylaxie-Register eingeführt. GemƤss den Daten vom Statistischen Bundesamt Deutschland waren in den Jahren 2006 bis 2008 92 TodesfƤlle, die Diagnoseschlüssel einer Anaphylaxie beinhalten, und in den Jahren 2009 bis 2011 113 TodesfƤlle gemeldet worden (9). Dies zeigt eine steigende Tendenz, die sich auch in Ɩsterreich und der Schweiz abzeichnet (Ɩsterreich: 2006 bis 2008 5 FƤlle, 2009 bis 2011 7 FƤlle; Schweiz: 2006 bis 2008 16 FƤlle, 2009 bis 2011 27 FƤlle) (9). Da nicht alle TodesfƤlle infolge einer Anaphylaxie erkannt werden, ist davon auszugehen, dass die realen Todesfallzahlen wahrscheinlich um den Faktor 10 bis 50 hƶher liegen (9). Bis 2019 wurden mehr als 10 000 AnaphylaxiefƤlle aus dem deutschsprachigen Raum, zusammen mit einzelnen europƤischen LƤndern erfasst (10). Die Daten zeigen, dass Nahrungsmittel vor allem bei Kindern hƤufige allergische Reaktionen auslƶsen.

Behandlung der Nahrungsmittelallergien

Die einzige wirksame Therapie einer Nahrungsmittelallergie ist die EliminationsdiƤt: trotz der neuen, verschƤrften Lebensmittelverordnung (LV), die seit dem 1. Mai 2018 in der Schweiz verpflichtend ist (Tab. 1), bleiben weiterhin für den Nahrungsmittelallergiker Restrisiken: Allergene, die nicht auf der Liste figurieren, z.B. Buchweizen, oder Verunreinigungen von < 1000 mg/kg, welche bei hochgradigen Allergikern noch Reaktionen auslƶsen kƶnnen, sowie beim AuswƤrtsessen und bei Ā«take-awayĀ» food. Die Etikettierung: Ā«kann …. enthaltenĀ» ist keine Lƶsung. Der Nahrungsmittelallergiker lebt deshalb in grosser Unsicherheit: er sollte daher nach schweren Reaktionen in der Vergangenheit immer ein Notfallset (Kortison- und Antihistaminika-Tabletten oder -Lƶsungen, z.B. Levocetirizin 2 x 5 mg oder Bilastin 2 x 20 mg oder Bilastin Schmelzablette 2 x 10 mg für Kinder, bw. 4 x 10 mg für Erwachsene, und 2 x 50 mg Prednisolon, sowie Adrenalin-Autoinjektor) auf sich tragen (Abb. 2). Die Handhabung des Adrenalin-Autoinjektors ist zu instruieren und zu kontrollieren (11). Leider zeigt das Anaphylaxie-Register bei der Analyse der letalen und der schwersten anaphylaktischen FƤlle, dass Adrenalin, obwohl von nationalen und internationalen Leitlinien als First-Line-Medikament empfohlen, nur sehr wenig unter Real-Life-Bedingungen eingesetzt wird (9). Es ist wichtig, dass der Hausarzt immer wieder bei seinen Patienten mit schweren allergischen Reaktionen auf diese lebensrettende Massnahme hinweist.
Lösungsansätze für eine bessere Lebensqualität der Nahrungsmittelallergiker sind Kampagnen wie «Allergendeklaration in Gastronomie und Offenverkauf in Zusammenhang von aha!-Patientenorganisation» (12), «Ratgeber: Allergene im Offenverkauf» (13) und das Allergie-Gütesiegel von aha (14).

Prof. em. Brunello Wüthrich

LangjƤhriger Leiter der Allergiestation
der Dermatologischen Klinik,
Universitätsspital Zürich,
Im Ahorn 18, 8125 Zollikerberg

bs.wuethrich@bluewin.ch

Der Autor hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Anaphylaxie ist die schwerste Manifestation einer mastzellabhƤngigen Sofortreaktion und kann auch tƶdlich verlaufen
  • In den letzten Jahrzehnten ist eine Zunahme lebensbedrohender und sogar letaler allergischen Reaktionen auf Nahrungsmittel zu verzeichnen
  • Nahrungsmittel lƶsen vor allem bei Kindern hƤufig schwere allergische Reaktionen aus
  • Erdnüsse und Nüsse, Soja, Eier, Milch, Fisch, Schalentiere und Sellerie sind die hƤufigsten Auslƶser tƶdlicher Nahrungsmittelreaktionen
  • Die einzige wirksame Therapie einer Nahrungsmittelallergie ist die EliminationsdiƤt
  • Adrenalin wird von nationalen und internationalen Leitlinien als First-Line-Medikament empfohlen. Jedoch zeigt das Anaphylaxie-Register bei der Analyse der letalen und der schwersten anaphylaktischen FƤlle, dass Adrenalin von Patienten unter Real-Life-Bedingungen selten eingesetzt wird
  • Der Hausarzt sollte bei der Betreuung seiner Patienten mit schweren allergischen Reaktionen nicht nur ein Notfallset mit einem Adrenalin-Auto-Injektor verschreiben, sondern auch immer wieder auf die Notwendigkeit seiner Benützung bei allergischen ZwischenfƤllen hinweisen (immer das Notfallset auf sich tragen, Verfall-Datum der Adrenalin-Spritze beachten).

1. Fries JH. Peanuts: allergic and other untowards reactions. Ann Allergy 1982;48:220-226.
2. Evans S, Skea D, Dolovitch J. Fatal reaction to peanut antigen in almond icing, Can Med Assoc J 1988;139:232-233
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8. Sheikh A, Alves B. Hospital admission for acute anaphylaxis: time trend study. Br Med J 2000: 320:1441.
9. JossƩ S. Interview mit Worm M. Anaphylaxie Register: Wie werden Anaphylaxie Patienten versorgt? 2013: https://www.mein-allergie-portal.com/anaphylaxie/200-anaphylaxie-register-wie-werden-anaphylaxie-patienten-versorgt/all-pages.html
10. Worm M. Das Anaphylaxie-Register: Erkenntnisse für Patienten, Ƅrzte und Wissenschaft. Allergologie 2017;40:205.
11. Helbling, A; Fricker, M; Bircher, A; Eigenmann, P; Eng, P; Köhli-Wiesner, A; Müllner, G; Pichler, W; Schmid-Grendelmeier, P; Spertini, F. Notfallbehandlung beim allergischen Schock. Swiss Medical Forum 20;1:206-212.
12. Sereina. Allergen- und Deklarationsmanagement in der Gastronomie. https://www.saviva-blog.ch › allergen-und-deklarationsmanagement-in-der…
13. Information im Offenverkauf – BLV. https://www.blv.admin.ch › blv › tagung-lmr-2017 › Offenverkauf-de.
14. Aha Allergiezentrum Schweiz – aha.ch. Zertifizierte Produkte. Das Schweizer Allergie-Gütesiegel: Mehr über die zertifizierten Produkte und Dienstleistungen.
https://www.aha.ch/allergiezentrum-schweiz/leben-mit-allergien

Clinical Pearls: Ein Feuerwerk von speziellen Fallvignetten

Eine Reihe von speziellen Fällen aus der Praxis bereicherte auch in diesem Jahr das Programm der SGAIM-Herbsttagung. Prof. Dr. med. Martin Krause präsentierte unerwartete Notfälle, die in die Klinik für Innere Medizin am Kantonsspital Münsterlingen eingewiesen worden waren.

Fall 1: Bei diesem handelt es sich um einen 23-jƤhrigen Studenten, der in der Notfallambulanz vorstellig wird. Er ist mit dem linken Fuss (barfuss) in einen Rechen getreten, hat eine Schwellung an der Fusssohle und rote Pappeln am inneren Fussrand, berichtete

Prof. Martin Krause

Prof. Dr. med. Martin Krause, Münsterlingen. Es erfolgt eine Eiterentleerung aus einer der Verletzungsstellen. Nach einer Woche Behandlung mit Ciprofloxacin po stellt sich wenig Besserung ein. Um welchen Erreger könnte es sich handeln?
Der Referent zƤhlt die folgenden mƶglichen Erreger dieser Infektion auf: Staphyloccus aureus, Sporothrix schenkii, Nocardia asteroides, Mycobacterium marinum und Leishmania infantum.
Der Patient besitzt ein Aquarium, neben welchem der Rechen lag. Damit erhebt sich der Verdacht auf eine Infektion mit Mycobacterium marinum (Schwimmbadgranulom). Die Kultur/PCR erfolgt aus einer Hautbiopsie.
Die Behandlung mit Clarithromycin 2ā€Šxā€Š500 mg (plus Ethambutol/Rifampicin) wurde bis zur Abheilung durchgeführt und 2 zusƤtzliche Monate, d.h. 4-6 Monate lang.

Fazit:

Bei Aquariumbesitzern mit Infektion an Mycobacterium marinum denken.

Fall 2: Bei einer zweiten klinischen Perle handelte es sich um einen Architekten, der über rechtsseitige Oberbauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Erbrechen und dunklen Urin klagte. Der Patient hat gelbe Augen. Er trinkt ein Glas Wein alle 2 Tage und nimmt keine Medikamente. Vor zwei Monaten war er in Ungarn auf der Jagd. Der Patient ist 184 cm gross, hat einen BMI von 28.4 kg/m2, er weist einen Ikterus auf, keine Kratzspuren, Druckdolenz im rechten Oberbauch. Seine Laborwerte sind Bilirubin 226 µmol/l (< 17), ASAT 2135 U/l (< 50), ALAT 2788 U/l (< 50), Alk. Phosphatase 131 U/l (< 129), gamma-GT 220 U/l (< 66), INR 1.6.
Handelt es sich um eine aethylische, virale oder medikamentöse Hepatitis oder eine Cholangitis? Die Zuhörerschaft tippt mit überwiegender Mehrheit auf eine virale Hepatitis. Die Virusserologie ergibt eine Hepatitis-E-Infektion (serologisch und PCR).
Die E-Virus-Hepatitis ist die hƤufigste virale Hepatitis, so der Referent. Weltweit gibt es 20 Mio. HEV-Infektionen pro Jahr. 3.3 Mio. sind symptomatisch, 60000 TodesfƤlle werden jƤhrlich registriert. Die HEV-SeroprƤvalenz in der Schweiz betrƤgt 5-20% beim Menschen, 12% bei Wildschweinen und > 50% bei Hausschweinen. Die Übertragung erfolgt von Tieren über die Lebensmittelkette auf den Menschen (Europa und Nordamerika). In Teilen Asiens, Afrikas und Mexikos gelangt das Virus fƤko-oral, d.h. durch die direkte oder indirekte Einnahme von FƤkalien, in den Organismus. Dies geschieht meistens durch kontaminiertes Wasser. HEV-Infektionen sind meldepflichtig. Es existiert eine Impfung gegen HEV.

Fazit des Referenten:

JƤger oder Liebhaber von Wild mit einer Gelbsucht = Hepatitis E.

Fall 3: betrifft einen 34-jƤhrigen Mann, der seit 6 Wochen an Kopfschmerzen vom Nacken nach frontal ausstrahlend leidet. Er arbeitet in der IT-Branche, lebt allein.
Es wird bei ihm eine Wesensveränderung festgestellt, Fehlleistungen am Arbeitsplatz, Antriebsminderung, Gleichgültigkeit, Rückzug aus dem Freundeskreis. Es erfolgen zahlreiche Mahnungen und schliesslich die Kündigung der Arbeitsstelle, KESB.
Status: antriebslos, orientiert. Internistischer sowie neurologischer Status unauffƤllig. Im Labor werden keine Elektrolytstƶrungen gefunden, Nieren- und Leberfunktion normal.
Im MRI wird ein Tumor festgestellt. Folgende Diagnosen werden durch den Referenten hervorgehoben: Malignes Meningeom, Melanom-Metastase, Glioblastoma multiforme, Herpesenzephalitis, Cocain-induzierter «stroke». Die Zuhörerschaft tippt mehrheitlich auf ein Glioblastom.

Fazit:

Ein Neurostatus ohne fokale AusfƤlle und der depressiv-inhibitorische Symptomkomplex passen zu einem Glioblastom.

Fall 4: eine 66 Jahre alte Frau aus der Psychiatrie mit einer SelbstgefƤhrdung und Aggression und einer Vigilanzverminderung. Sie war kaum ansprechbar (soporƶs). Der Blutdruck betrug 160/85 mmHg, Herzfrequenz 108/min, AF 20/min, Temperatur 37.8°C, sO2 88%. Kein Meningismus, Pupillen isokor und lichtreagibel, kein fokal neurologisches Defizit. Laborwerte: Na 144 mmol/l, Ca 4.70 mmol/l (2.1-2.6), Mg 1.00 mmol/l (0,7- 1.1), Kreatinin 388µmol/l, Phosphat 1.78 mmol/l (0.87-1.45). AuffƤllig war der hohe Calciumwert. ErklƤrt das hohe Calcium die Vigilanzverminderung? Etwa 60% meinen Ja, je ca. 20% nein oder vielleicht. Ist die Niereninsuffizienz durch das hohe Calcium zusammen mit dem hohen Phosphat erklƤrt? Etwas mehr als die HƤlfte der Zuhƶrerschaft meint Ja. Für die weitere Untersuchung ist die Bestimmung des Parathormons entscheidend. Dabei ergab sich ein Wert von 233pmol/l! (Norm 1.6-6.9). Normalerweise ist bei hohem Ca das Parathormon tief und umgekehrt. Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen Hyperparathyreoidismus. Die operative Entfernung der krankhaften Nebenschilddrüsen stellt bei einer Nebenschilddrüsenüberfunktion die einzige therapeutische Option dar.

Fazit:

HypercalcƤmie macht zerebrale Symptome, hohes Calcium/Phosphatprodukt = Risikofaktor für Organ- und GefƤssverkalkungen. Entscheidender Parameter in der AbklƤrung einer HypercalcƤmie ist das Parathormon.

Fall 5: Eine 55-jährige Frau beklagt, dass sie seit 6 Monaten Schnupfen habe und nie mehr gesund sei. Vor 4 Jahren erkrankte sie an einem Burkitt Lymphom. Die Frau hat Gesichtsschmerzen, eitrige Rinorrhoe, Schleim im Hals, morgendlicher Husten mit eitrigem Auswurf, verstopfte Ohren mit Taubheitsgefühl, Konjunktivitis bds.
Handelt es sich um eine Allergie, einen Immundefekt oder ein Rezidiv des Burkitt-Lymphoms? Die Zuhƶrerschaft Ƥussert sich mehrheitlich für einen Immundefekt. Die Frau weist keine Eosinophilie auf, und keine IgE gegen Katzenhaare, aber ein tiefes IgA mit 0.06 g/l > 0.7), IgG 2.4 g/l (> 6.9), IgM ist nicht nachweisbar. Vor 4 Jahren erhielt die Patientin Rituximab-Hyper-CVAD, Rituximab-Methotrexat-Cytarabin. Es handelt sich um ein sekundƤres Antikƶrpermangelsyndrom.

Fazit:

Nach Rituximab-Therapie kann ein jahrelanger symptomatischer Immunglobulinmangel entstehen.

Fall 6: Kann eine Hypophosphatämie Bewusstseinsverminderung, Gefühlsstörungen und Kraftlosigkeit verursachen?
Der Referent stellt eine 45-jƤhrige Frau mit diesen Symptomen vor. Bereits vor 2 Monaten hatte sie ein Ƥhnliches Ereignis. Der Phosphatwert betrƤgt 0.18 mmol/l (> 0.87). Ein Phosphatwert < 0.32 mmol/l bedeutet schwere HypophosphatƤmie. Er geht einher mit metabolischer Encephalopathie (Delir, KrampfanfƤlle, Koma), MuskelschwƤche/Rhabdomyolyse, Ateminsuffizienz. Die Blutgasanalyse ergibt einen pH-Wert von 7.68, pCO2 1.9kPa, pO2 15.5 kPa, HCO3 18 mmol/l. Es handelt sich um eine akute respiratorische Alkalose. Die Patientin erhƤlt 1mg Lorazepam. 4 Stunden spƤter ist der Phosphatwert von 0.17 auf 0.69mmol/l angestiegen.

Fazit:

Eine akute respiratorische Alkalose induziert einen Phosphat-Shift nach intrazellulƤr und dadurch eine schwere HypophosphatƤmie. Diese muss nicht substituiert werden – sie ist nach der Korrektur der Hyperventilation rasch reversibel.

Quelle: SGAIM-Herbsttagung, St. Gallen 20.09.2019

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

10. Wiler Hausarzt-Symposium der SRFT

Das Hausarzt-Symposium der Spitalregion Fürstenland Toggenburg nimmt seit Jahren im Terminkalender der prakt. Ƅrzte der Ostschweiz eine zentrale Stelle ein, und so vermochte auch die 10. Ausgabe am 28. November 2019 über 70 interessierte Mediziner anzulocken. Es hat sich auch diesmal für alle gelohnt. Die ganztƤgige Fortbildungsveranstaltung (unter Leitung von Dr. M. Rütti, internistischer Chefarzt am Spital Wil) war sehr gut organisiert und der Mix aus sechs Hauptreferaten und den dazwischen gestreuten Workshops in vier SƤlen hat sich auch diesmal voll bewƤhrt.

An erster Stelle referierte Prof. Dr. Mathias Binswanger (Fachhochschule Nordwestschweiz) über die leidige Frage «Warum die Gesundheitskosten auch in Zukunft steigen werden». Seine Antwort lautete klar: weil rundum die (Fehl-)Anreize zur Mengenausdehnung allzu gross sind. Es bestünde ein zu geringes Kostenbewusstsein beim Bezug von Leistungen, und die Nachfrage würde über das Angebot gesteuert (Asymmetrie zwischen Anbietern und Nachfrage). Der Referent nannte in seinem humorvollen, beachtenswerten Vortrag eine lange Liste von angedachten Sparmöglichkeiten, diese werden aber durch immer neues gewinnorientiertes Wettbewerbsdenken «überrundet». Gleichzeitig nimmt die Bürokratie im Gesundheitswesen bedrohlich zu. Das Referat musste nachdenklich stimmen.
Auch der Schlussvortag von Prof. Dr. med. dipl. soz. Tanja Krones (LA Klinische Ethik am USZ) betraf dieselbe Problematik: Ā«Wo wir auch in Zukunft auf keinen Fall sparen sollenĀ». Sie plƤdierte für ethisches Denken in der Medizin (Stichwort: advanced care planning), der Patient müsse trotz aller Fehlanreize im Mittelpunkt stehen. Die Ƅrzte seien vorab aufgerufen, einen vorzeitigen Tod zu vermeiden, den Krankheiten vorzubeugen, die Kranken zu betreuen, das Leiden zu vermindern. Die Liste Ā«Choosing wiselyĀ» der verschiedenen Fachgesellschaften sei zu beachten.
Das zweite Hauptreferat am Vormittag, von PD Dr. med. Chr. Schmied (Facharzt Kardiologie und Sportmedizin, USZ), stand unter dem provokativen Titel Ā«Ist Sport wirklich Mord?Ā», wie es immer wieder z.B. nach einem plƶtzlichen Herztod in der Presse heisst. Aber Sport ist gesund, mindestens 30 Min. tƤglich (2,5 Std. pro Woche), die prƤventive Wirkung auf Herz-Kreislauf ist klar bewiesen.Trotzdem sind über 50% der Schweizer unter 60 Jahre Ā«sportfaulĀ». Das Optimum wƤre sogar 2 Std. kƶrperliche Bewegung tƤglich. Vergl. Schweizerische Empfehlungen auf www.hepa.ch. – 90% der plƶtzlichen Herztod-FƤlle bei Sportlern kƶnnten vermieden werden, wenn diese vorgƤngig genau abgeklƤrt würden (inkl. EKG) und wenn sie bei Ermüdung (die berühmten letzten 10 Minuten beim Langstreckenlauf) auf ihren Kƶrper achten würden. Die Ā«Internistischen Seattle KriterienĀ» zur Beurteilung des Sportler-EKGs sind massgeblich.
Das Referat Ā«Eisen-UpdateĀ» von Dr. med. M. Rütti (Chefarzt Medizin Spital Wil) vermochte das kontrovers diskutierte Ā«EisenmangelsyndromĀ» etwas zu klƤren. Die Kontroverse bezüglich nichtanƤmischem Eisenmangel (Hb über 110-120 g/l, Ferritin unter 16-30 μg/l) bleibt zwar weiter bestehen. Eine Eisensubstitution bei entsprechenden Symptomen (Müdigkeit, SchwƤche, Fatigue) kann aber sehr oft Besserung bringen. Kurzinfusionen (15 min.) von Ferinject sind oft besser vertrƤglich als die per os-Medikation.
Iatrogene Eisenüberlastung ist unbedingt zu vermeiden. Eisensubstitution, vor allem auch bei Schwangeren, ist vielfach notwendig. Nach Absetzen einer Eisen-Substitution empfiehlt sich die Ferritin-Kontrolle erst nach 6-8 Wochen.
Der Chefarzt Chirurgie Spital Wil, Dr. med. Sandro Lionetto, referierte über das praxisnahe Thema Ā«Gallenstein – wie weiter?Ā». Die Cholelithiasis nimmt mit zunehmendem Alter zu; 20% der europƤischen Bevƶlkerung sind SteintrƤger (besonders Frauen, Diabetiker, Übergewichtige), dauernd symptomfrei bleiben nur wenige. Asymptomatische SteintrƤger sind nicht zu behandeln. Bei akuter Kolik stehen NSAR und Spasmolytika an erster Stelle. Da über 50% der Patienten spƤter Komplikationen aufweisen und doch operiert werden müssen, wird die rasche Operation innert 72 Std. empfohlen, auch bei Schwangeren (besonders im 2.Trimester). Die biliƤre Pankreatitis ist abzuwenden. Auch bei der akuten Cholecystitis empfiehlt sich die blosse konservative Therapie nicht. (Ā«Einmal symptomatisch bedeutet OperationĀ») Wenn die Operation (bei High-Risk-Patienten) nicht mƶglich ist, muss 6-8 Wochen zugewartet werden.
Am Symposium berichten traditionsgemƤss auch zwei Praktiker über ganz besonders lehrreiche, eindrückliche KrankheitsfƤlle aus ihrer Praxis. – Dr. med. B. GrƤsel (Wilen bei Wil) referierte einerseits über einen schweren Fall von Zerebraler Sinus-Venen-Thrombose und spƤterer Subduraler Blutung C7-Th 3, wobei sich die Pat. von beiden gefƤhrlichen NotfƤllen wieder erholte. Eine Gerinnungsstƶrung bestand auffallenderweise nicht. Anschliessend wurde von einem chronischen MigrƤne-Patienten berichtet, der plƶtzlich multiple embolische Hirninfarkte bei unbekanntem persistierenden Foramen Ovale erlitt. Der RoPE Score ist hier für die Beurteilung massgebend. – Dr. med. Th. Clerc (Aadorf) stellte einen verzwickten Fall eines zu lang verkannten Pankreaskopfkarzinoms vor. Die vorgƤngige extreme Gewichtsabnahme und die langdauernden therapieresistenten DurchfƤlle waren lange verwirrend.
Die vier Workshops in kleineren Gruppen erfreuen sich jedes Jahr grosser Beliebtheit. Leider können nur drei von 4 besucht werden: so kann hier über den sicher interessanten, bildreichen Kurs «Fallbeispiele aus der Dermatologie» (Dr. med. U. Hauswirth, Dermatologe in Wattwil) nicht berichtet werden.
Der Workshop Ā«Muskelschmerzen in der RheumatologieĀ» (Dr. med. N. Krüger, Klinik Rheumatologie KSp St. Gallen) behandelte vorerst die unklare Ursache, die schwierige Diagnostik (vergl. Deutsche FMS-Leitlinien) und die oft frustrierende Therapie der Fibromyalgie. Typischerweise sind die Schmerzen in GelenknƤhe (11 von 18 Trigger-Points positiv), die Symptomatik ist meist mit psychischen AuffƤlligkeiten (Depression!) verbunden. Die individualisierte Behandlung ist vorab nicht-medikamentƶs (es sind explizit keine Medikamente für die FMS zugelassen). Amitriptylin, SSRI und Pregabalin werden versucht. – Bei der Polymyalgia rheumatica wies die Referentin auf die neue PMR-Klassifikation hin und riet zu einem modifizierten Therapieschema: Beginn der Prednison-Therapie mit nur 15 mg (2 Wochen), dann 2 Wochen 12,5 mg, 2 Wochen 10 mg, und dann nur 1 mg pro Monat reduzieren. Therapiedauer 11 Monate. Allenfalls muss Methotrexat erwogen werden. HƤufige Verlaufskontrollen sind nƶtig (KomorbiditƤten?). Schliesslich wurden die Dermatomyositis, das Antisynthetase-Syndrom und die immunvermittelte nekrotisierende Myopathie (meist Statin-assoziiert, aber auch als paraneoplastisches Geschehen) erƶrtert, sie ist nicht zu verwechseln mit der Ā«gewƶhnlichenĀ» Statin-Myopathie.


Im Workshop «Psychosomatische Notfälle» präsentierte der Moderator (Dr. med. M. Brabetz, Klinik Littenheid) eindrückliche Fälle von anfänglich falsch beurteilten «psychiatrischen» Fällen: «Depression» bei HIV-Patient mit Sepsis, Erschöpfungszustand und vegetative Symptome bei verkannter schwerer Hyperkalzämie (prim. Hyperparathyreoidismus), Psychose bei Drogenabusus vs. schwere Kardiomyopathie bei unbekanntem Brugada-Syndrom, sowie auffällige Persönlichkeitsstörung (Alexithymie) bei akuter lymphatischer Leukämie.
Schliesslich behandelte Dr. med. M. Diethelm (Chefarzt-Stv. Ksp St. Gallen) im Workshop Ā«Arterielle Hypertonie – neue Zielwerte, alte DiskussionenĀ» die Kontroverse über die anzustrebenden Zielwerte in den verschiedenen Guidelines unter Berücksichtigung der Ā«number needed to treatĀ». Die Empfehlungen sind je nach Kontinent unterschiedlich; Alter, Geschlecht, Nierenfunktion, übrige Risikofaktoren sind zu berücksichtigen. Da hilft der AGLA-Risikorechner oder die Webseite chd.bestsciencemedicine.com/calc2.html weiter. Eine evidenzbasierte Blutdruck-Therapie strebt – natürlich bei modifiziertem life style – systolische Werte von 130-140/80 mmHg an, bei kardiovaskulƤrem Risiko eventuell 10% tiefer. Aber was gilt bei Ƅlteren: Ā«How low is too low?Ā»; sicher diastolisch nicht unter 70  mm Hg, meinte der Moderator.
Bei der Verabschiedung konnte der Symposiumsleiter wiederum feststellen: Der Fortbildungstag (5 Credits) hat sich mehr als gelohnt und die Teilnehmer haben sich bereits das 11. Wiler Hausarzt-Symposium am 26.11.2020 vorgemerkt. – Die Referate sind unter www.wiler-symposium.ch abzurufen.

Quelle: 10. Wiler Hausarzt-Symposium der SRFT, katholisches Pfarreizentrum Wil, 28. November 2019

Dr. med. Hans-Ulrich Kull

Küsnacht