Schmerzen in der Brust

Brustschmerzen sind für viele Patientinnen ein besorgniserregendes Symptom und Anlass, die hausärztliche oder gynäkologische Praxis aufzusuchen. Brustschmerzen können in zyklusabhängige, zyklusunabhängige und Schmerzen anderer Ätiologie, welche beispielsweise in die Brust ausstrahlen, eingeteilt werden (1). Hinter den Beschwerden können viele, häufig funktionelle oder benigne, Ursachen stecken, jedoch können auch Karzinome Schmerzen verursachen (1). Ebenso können Brustschmerzen Ausdruck einer psychischen Belastungssituation oder ein Hilferuf sein. Daher ist es wichtig, die Patientin und ihre Beschwerden ernst zu nehmen. Eine genaue Anamnese und klinische Untersuchung sind für die weitere Diagnostik wegweisend, beispielsweise, ob eine Bildgebung benötigt wird oder nicht. Eine Ultraschalluntersuchung ist bei Brustschmerzen die Diagnostik der Wahl vor der Mammographie, der MRT oder der Biopsie, deren Indikation zur Abklärung suspekter Befunde im Verlauf gestellt werden kann (1). Dieser Artikel soll einen Überblick über die häufigsten Ursachen des Brustschmerzes, die wichtigsten diagnostischen Schritte sowie Therapiemöglichkeiten geben.

Une douleur au sein représente pour beaucoup de patientes un symptôme angoissant qui la pousse à consulter chez son médecin généraliste ou chez son gynécologue. Les douleurs du sein peuvent se classer en douleurs cycliques, douleurs indépendantes du cycle et douleurs d’une autre étiologie qui irradient dans la glande mammaire (1). Les causes peuvent être multiples et sont souvent fonctionnelles ou bénignes, mais aussi des carcinomes peuvent occasionner des douleurs (1). De plus, des douleurs mammaires peuvent résulter d’une surcharge psychologique ou être un appel au secours. Dès lors, la patiente et ses plaintes doivent être prises au sérieux. L’anamnèse précise et l’examen clinique nous conduisent dans l’attitude diagnostique, notamment pour savoir si on doit avoir recours à une imagerie. L’échographe est l’imagerie de choix en cas de douleurs au sein. La mammographie, l’IRM ou une biopsie trouvent leur indication par la suite dans l’investigation de foyers suspects identifiés (1). Notre article passe en revue les raisons les plus fréquentes et les pas diagnostiques et thérapeutiques les plus importants en cas de douleurs mammaires.

Über 70% aller Frauen erleben mindestens einmal in ihrem Leben Brustschmerzen (2). Oft sind diese selbstlimitierend, falls nicht, stellt sich die Patientin häufig bei ihrem Hausarzt oder Gynäkologen vor. Zu Beginn gilt es, zu evaluieren, ob es sich um einen zyklischen oder nicht-zyklischen Brustschmerz handelt (3). Prädisponierende Faktoren wie stattgehabte Verletzungen, Operationen oder Infektionen sollten erfragt werden, ebenso Medikamente (z.B. Antidepressiva, Methyldopa, Spironolacton), rauchen oder exzessiver Kaffeekonsum, welche eine Mastodynie hervorrufen können (2).
In der klinischen Untersuchung sollte darauf geachtet werden, ob die Schmerzen ein- oder beidseitig bestehen, ob sie lokal oder diffus sind, ob oberflächlich oder tief und ob sie in die Brustwand ausstrahlen (1).
Ebenso ist es wichtig zu beachten, ob zusätzlich zu den Schmerzen Fieber besteht, sich eine Resistenz palpieren lässt, ob sich Auffälligkeiten der Haut oder eine Mamillenretraktion zeigen. Darüber hinaus gilt es zu erfragen, ob sich das Gewicht innerhalb des letzten Jahres signifikant verändert hat (mehr als 5 kg) (2).

Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung sollte eine beidseitige Mamma- sowie Axillapalpation beinhalten, um Resistenzen, Hautveränderungen und Mamillenveränderungen zu erfassen (1).
Der Untersucher sollte sich dessen bewusst sein, dass allein die Tatsache, dass ein Arzt die Patientin mit ihren Beschwerden ernst nimmt und sie untersucht, beruhigend und in manchen Fällen stress-bedingter Mastopathie sogar therapeutisch sein kann (4). Ebenso ist zu beachten, dass Brustschmerzen einen stillen Hilferuf darstellen und sich in der körperlichen Untersuchung Spuren körperlicher Misshandlung oder fortgeschrittener Karzinomerkrankungen zeigen können, welche die Patientin aus Scham verheimlichte.
Der Haut der Arme, Schultern und des Thorax sollte ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt werden, da sich hier Zeichen eines zu engen BHs oder Tragens schwerer Taschen zeigen können, welche ebenfalls eine Mastopathie hervorrufen können (2). Ebenso könnten ein Herpes zoster oder Narben entdeckt werden (1).

Bildgebende Verfahren

Insbesondere bei beidseitigen, zyklischen Brustbeschwerden ist in der Regel keine Bildgebung erforderlich. Falls symptomatische, palpable Resistenzen vorliegen sollten, sollte eine Ultraschalluntersuchung der Mammae und Axillae durchgeführt werden. Bei klinisch suspekten Befunden sollte ergänzend eine Mammographie veranlasst werden (1). Gerade bei persistierenden, einseitigen und ansonsten asymptomatischen Brustschmerzen wird die Mammographie jedoch kontrovers diskutiert. Einerseits kann sie die Patientin beruhigen, andererseits kann sie in vielen Fällen auch nicht zielführend sein (5). Jedoch empfiehlt es sich in der Praxis, bei über Vierzigjährigen im Falle von ansonsten asymptomatischen Brustschmerzen eine Mammographie durchzuführen (1).

Brustschmerzen – Differentialdiagnosen die Mammae betreffend

Zyklische Mastodynie

Die zyklische Mastodynie ist mit 2/3 die häufigste Ursache aller Brustschmerz-Fälle (6). Typischerweise ist der Schmerz symmetrisch, hauptsächlich in den äusseren Quadranten und nimmt in der Lutealphase zu. Er kann als stechend, schwer oder brennend empfunden werden und die Innenseite des Oberarms mit einbeziehen. Nach der Menstruation lässt der Schmerz nach (6). Nach der Menopause treten zyklische Schmerzen nicht mehr auf. Die Schmerzen hängen mit hormonellen Veränderungen während des Menstruationszyklus zusammen (2). Frauen mit diesen Beschwerden haben zwar keine erhöhten Hormonspiegel, spüren die physiologischen Veränderungen jedoch verstärkt. Zyklische Mastodynien treten häufiger in Zeiten instabiler Hormonspiegel wie der Pubertät, der Perimenopause, dem ersten Schwangerschaftstrimenon oder auch vor dem postpartalen Milcheinschuss auf (7). Die Therapie des zyklischen Brustschmerzes beinhaltet in erster Linie die Beruhigung der Patientin und Aufklärung über die Harmlosigkeit der Beschwerden. Häufig ist keine Therapie erforderlich (1). Bei starken Beschwerden können körperliche Aktivität oder das Tragen eines stützenden BHs empfohlen werden (7). Manche Studien empfehlen die Reduktion des Kaffeekonsums oder die Einnahme von Vitamin-E-Präparaten (8), wobei dies in anderem Guidelines kontrovers diskutiert wird (7). Die abendliche Einnahme von Schlüsselblumenöl-Kapseln oder abendliche Massage mit Schlüsselblumenöl können einen positiven Einfluss haben (4, 9). Bei lokalem Progesteronmangel kann auch die lokale Applikation eines progesteronhaltigen Gels (z.B. Progestogel®) hilfreich sein. Hierbei wird zwischen dem 10. bis 25. Zyklustag täglich je ein Hub à 2.5 g Gel auf jede Brust aufgetragen. Progesteronhaltige Gele sind hydroalkoholische Gele zur Prophylaxe und Therapie der vaskulären und zellulären Auswirkungen eines lokalen Progesteron-Mangels in der weiblichen Brust. Progesteron wirkt der östrogenbedingten Erhöhung der Kapillarpermeabilität entgegen, ist am Wachstum und an der Differenzierung der Milchgänge und der Acini mitbeteiligt und blockiert den Zyklus der unter Östrogeneinfluss beschleunigten Epithelialmitosen. Durch die perkutane Verabreichung im Bereich der Brust kann eine bestehende Progesteron-Insuffizienz behoben werden. Die Symptome einer Mastodynie gehen zurück oder verschwinden ganz, sobald das Gleichgewicht zwischen Östradiol und Progesteron wiederhergestellt ist (14). In einer kleineren Studie von McFadyen et al. konnte die Wirkung im Vergleich mit einem Placebo jedoch nicht belegt werden (15).

Mastodynie und Palpationsbefund

In der klinischen Untersuchung muss darauf geachtet werden, ob ein Palpationsbefund weich oder fest ist und ob er verschieblich oder mit der Haut oder tieferen Gewebsschichten verwachsen ist. Meistens liegen benigne Ursachen zu Grunde. Die Ultraschalluntersuchung der Mammae und Axillae sind die Untersuchungsmethoden der Wahl. Bei Auffälligkeiten müssen weitere diagnostische Schritte veranlasst werden, beispielsweise weitere bildgebende Verfahren oder eine Histologie mittels Stanzbiopsie.

Zysten

Retentionszysten sind eine häufige Ursache für Brustschmerzen. Sie sind einfach mittels Ultraschall darzustellen, es zeigt sich eine runde, echoleere Struktur mit posteriorer Schallverstärkung. Eine Aspiration kann ultraschallgesteuert durchgeführt werden und ist eine einfache und schmerzarme Behandlung. Im Anschluss muss keine Verlaufsbildgebung durchgeführt werden.

Mastitis non-puerperalis

Eine Mastitis verursacht eine gerötete, schmerzende, überwärmte Brust oder subkutan ödematöse «peau d’orange». Es kann eine benigne Ursache zu Grunde liegen, es muss jedoch immer an ein karzinomatöses Geschehen gedacht werden (10). Infektionen (> 50% der Fälle) oder Entzündungen (30% der Fälle) sind am häufigsten. Ein inflammatorisches Mammakarzinom liegt in weniger als 10% der Fälle vor (11, 12). Die klinische Untersuchung ist hier wegweisend, ergänzt durch eine Ultraschalluntersuchung der Mammae und Axillae um beispielsweise Abszesse ausfindig zu machen (1). Zudem ist es wichtig, den klinischen Zusammenhang zu beachten: Immunsuppressive Faktoren wie Diabetes, Rauchen, HIV-Infektion, Brustoperationen oder Biopsien prädisponieren für Infektionen und Abszesse.
Ein anderes Beispiel ist die idiopathische granulomatöse Mastitis: Diese mit den typischen Symptomen einhergehende Brustentzündung kann jeden Quadranten der Brust betreffen, häufig breitet sie sich radiär aus der retroalleolären Gegend aus und betrifft hauptsächlich Frauen im reproduktiven Alter. Die Diagnosestellung ist schwierig, häufig stellt sie eine Ausschlussdiagnose dar. Die Diagnostik besteht in einer klinischen Brustuntersuchung, einer Bildgebung (Ultraschall, Mammographie und/oder MRI), ggf. einer Biopsie und ggf. einer Mikrobiologie. Therapeutisch kommen Kortikosteroide zum Einsatz, z.B. Prednisolon 16 mg 2 x täglich für
2 Wochen mit im Anschluss langsamer Dosisreduktion über insgesamt 8 Wochen. Bei Beschwerdepersistenz kann Methotrexat versucht werden, wobei die Datenlage hierzu ungenügend ist. In Steroid-refraktären Fällen sollte daher besser eine grosszügige lokale Exzision erfolgen (16).

Stillzeit und Mastitis puerperalis

In der Stillzeit berichten viele Frauen über schmerzende Brüste und Brustwarzen, insbesondere in den ersten zwei Wochen nach Stillbeginn. Die Mastitis puerperalis zeigt meist einen plötzlichen Beginn mit Fieber, Gliederschmerzen, Müdigkeit und grippeähnlichen Symptomen. Meist ist nur eine Seite betroffen. Die Inzidenz wird zwischen 9-20% angegeben (13).
In der klinischen Untersuchung muss auf Verhärtungen, Rötungen und Überwärmung im Sinne eines Milchstaus oder eines möglichen Abszesses geachtet werden. Eine Laboranalytik ist in der Regel nicht notwendig. Auch die Untersuchung der kindlichen Mundhöhle auf Zungenbändchen und Infektionen gehört dazu. Bei Vorliegen eines Zungenbändchens ist aufgrund einer fehlerhaften Saugtechnik beim Säugling manchmal eine Frenotomie notwendig (13). Prädisponierende Faktoren für eine Mastitis puerperalis sind Milchstau, eine überschiessende Milchproduktion, abrupte Veränderungen der Stillfrequenz oder Abstillen. Traumata der Brustwarzen (Rhagaden) können Keimen als Eintrittspforte dienen.
Eine Mastitis puerperalis im frühen Stadium kann häufig durch eine suffiziente Entlastung (Stillen und/oder Abpumpen) behandelt werden. Antiphlogistika und viel Ruhe sollten ebenfalls Bestandteile der Therapie sein. Falls aber schwere Krankheitssymptome wie Fieber > 38.5°C oder systemische Krankheitszeichen auftreten sollten oder eine konservative Therapie über 24 Stunden keine Besserung bringen sollte, ist eine antibiotische Therapie indiziert.
Da häufig Streptokokken, Staphylokokken oder E. coli die ursächlichen Keime sind, werden typischerweise Penicilline eingesetzt, z.B. Amoxicillin/Clavulansäure 625 mg dreimal täglich p.o. über 10 bis 14 Tage. Bei Penicillin-Allergie wird beispielsweise Clindamycin 300 (bis 600) mg dreimal täglich p.o. eingesetzt.
Ein Mamma-Abszess sollte zunächst sonographisch gesteuert punktiert und gespült werden (ggf. wiederholt), bei ungenügender Wirksamkeit chirurgisch entlastet.

Brustschmerzen und Krebs

Es stellt sich immer wieder die Frage, ob ein Mammakarzinom Schmerzen verursacht. In der Regel ist dies nicht der Fall – daher können die meisten Patientinnen mit Brustschmerzen beruhigt werden. Jedoch muss stets eine adäquate Diagnostik erfolgen.

Brustschmerzen – Differentialdiagnosen andere Organsysteme betreffend

Differentialdiagnostisch kommen bei Brustschmerzen auch Erkrankungen in Frage, welche die Mammae nicht direkt betreffen, sondern deren Symptome lediglich in diese ausstrahlen können. Ein Beispiel hierfür ist das Tietze-Syndrom. Es ist eine selbstlimitierende, nicht-abszedierende Arthropathie, meist junge Erwachsene betreffend. In der Regel sind die sternocostalen oder sternoclavikulären Gelenke sowie costochondrale Verbindungen betroffen. Die charakteristischen Symptome sind Berührungsempfindlichkeit, lokale oder ausstrahlende Schmerzen und Ödeme. Die Diagnostik besteht in einer klinischen Untersuchung (Druckdolenz des betroffenen Gelenks), Labordiagnostik (erhöhte Infektparameter) und einer Bildgebung (Ultraschall, ggf. MRT, ggf. Skelett-Szintigraphie). Die Therapie ist primär konservativ (wärmende Wickel, Analgetika, NSAR, ggf. Lidocain- und steroidhaltige Infiltrationen), in persistierenden Fällen chirurgisch (Knorpelresektion) (17).
Thoraxwandschmerzen, induziert beispielsweise durch körperliche Aktivität, treten meist unilateral auf und sind sehr weit lateral oder sehr medial in der Brust zu spüren. Meist sind ältere, postmenopausale Frauen betroffen, insbesondere auch Frauen mit Spondylose und/oder Osteoarthrose. Diagnostisch wegweisend ist die Provozierbarkeit durch Druck auf die betroffene Stelle der Thoraxwand. Beruhigung mit Erklärung der Pathophysiologie, Analgetika/NSAR systemisch oder lokal, Infiltrationen mit Lidocain/Steroiden und Physiotherapie sind die therapeutischen Optionen der Wahl.
Dem praktischen Arzt ist bestens bekannt, dass sich hinter Brustschmerzen ebenso ein Myokardinfarkt, eine Pneumonie, Pleura-irritationen, ein Oesophagusspasmus oder auch Rippenfrakturen verbergen können (1). Ein EKG, Röntgen-Thorax, eine Blutgasanalyse und eine Laboranalytik (Troponin, D-Dimere, ggf. Infektlabor) gehören daher zur Diagnostik, ggf. ergänzt durch probatorische Therapien wie beispielsweise mit Protonenpumpenhemmern oder Nitroglycerinspray.
Auch seltenere Ursachen sollten bedacht werden – so stellte sich in unserer Klinik jüngst eine Patientin mit intramammärer Thrombophlebitis nach chirurgischer Therapie einer abszedierenden Mastitis puerperalis vor.

Dipl. ÄrztinAlice Kühn-Lichtenberg

Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

alice.kuehn-lichtenberg@kssg.ch

Prof. Dr. med. René Hornung

Frauenklinik
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Brustschmerzen sind ein häufiges Symptom meist harmloser Ursache. Häufig sind sie auf hormonelle Veränderungen während des Menstruationszyklus zurückzuführen.
  • Bei zyklischen Brustschmerzen ist nach einer ausführlichen Anamnese und klinischen Untersuchung eine Bildgebung meist nicht notwendig.
  • Ultraschall ist die Untersuchung der Wahl bei Brustschmerzen. Es können sich hier beispielsweise Retentionszysten zeigen.
  • In der Stillzeit kann ein Milchstau mittels konservativer Massnahmen entlastet werden, eine Mastitis puerperalis muss bei ungenügendem Ansprechen konservativer Massnahmen über 24 Stunden antibiotisch behandelt werden. Ein Mammaabszess muss punktiert oder inzidiert werden.
  • Der Arzt muss sich dessen bewusst sein, dass ungewöhnliche Brustschmerzen ein Hinweis für ein Mammakarzinom sein können.
  • Bei einer entzündeten Brust muss immer auch an ein inflammatorisches Mammakarzinom gedacht werden.

Messages à retenir

  • Les douleurs au sein sont un symptôme fréquent et pour la plupart sans gravité. Souvent elles sont occasionnées par les changements hormonaux au cours du cycle menstruel.
  • En cas de douleurs cycliques et après anamnèse et examen clinique soigneux, le recours à l’imagerie ne s’impose le plus souvent pas.
  • L’échographie est l’examen de choix en cas de douleurs mammaires. Il peut dévoiler p.ex. des kystes de rétention.
  • Pendant l’allaitement, un engorgement peut être traité de manière conservatrice. En cas de mastite et succès insuffisant de mesures conservatrices après 24 heures, une antibiothérapie doit être initiée. Un abcès doit être ponctionné ou incisé.
  • Le médecin doit garder en mémoire que des douleurs du sein inhabituelles peuvent être causées par un carcinome.
  • En cas de sein rouge l’existence d’un cancer inflammatoire doit toujours être envisagée.

1. Balleyguier C, Arfi-Rouche J, Haddag L, Canale S, Delaloge S, Dromain C. Breast pain and imaging. Diagnostic and Interventional Imaging 2015;96(10):1009-1016
2. Onstad M., Stuckey A. Benign breast disorders. Obstet Gynecol Clin North Am 2013;40:459-473
3. Santen RJ, De Groot LJ, Beck-Peccoz P, Chrousos G, Dungan K, Grossman A, Hershman JM et al. Benign breast disease in women. Endotext. South Dartmouth (MA) 2000
4. Kataria K, Dhar A, Srivastava A, Kumar S, Goyal A. A systematic review of current understanding and management of mastalgia. Indian J Surg 2014;76:217-222
5. Millet AV, Dirbas FM. Clinical management of breast pain: a review. Obstet Gynecol Surv 2002;57:451-461
6. Wisbey JR, Kumar S, Mansel RE, Peece PE, Pye JK, Hughes LE. Natural history of breast pain. Lancet, 1983;2:672-674
7. Rosolowich V, Saettler E, Szuck B, Lea RH, Levesque P, Weisberg F et al. Mastalgia. J Obstet Gynaecol Can 2006;28:49-71
8. Pruthi S, Wahner-Roedler DL, Torkelson CJ, Cha SS, Thicke LS, Hazelton JH et al. Vitamin E and evening primrose oil for management of cyclical mastalgia: a randomized pilot study. Altern Med Rev 2010;15:59-67
9. Bayles B, Usatine R. Evening primrose oil. Am Fam Physician 2009;80:1405-1408
10. Boisserie-Lacroix M, Debled M, Tunon de Lara C, Hurtevent G, Asad-Syed M, Ferron S. The inflammatory breast: management, decision-making algorithms, therapeutic principles. Diagn Interv Imaging 2012;93:126-136
11. Girardi V, Carbognin G, Camera L, Bonetti F, Manfrin E, Pollini G, et al. Inflammatory breast carcinoma and locally advanced breast carcinoma: characterisation with MR imaging. Radiol Med 2011;116:71-83
12. Woodward WA, Cristofanilli M. Inflammatory breast cancer. Semin Radiat Oncol 2009;19:256-265
13. Berens PD. Breast Pain: Engorgement, Nipple Pain, and Mastitis. Clinical Obstetrics and Gynecology 2015;58(4):902-914
14. Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz®: Progestogel® (https://compendium.ch/mpro/mnr/1759/html/de#7550)
15. McFadyen IJ, Raab GM, Macintyre CCA, Forrest APM. Progesterone cream for cyclic breast pain. BMJ 1989;298:931
16. Freeman CM, Xia BT, Wilson GC, Lewis JD, Khan S, Lee SJ, Lower EE, Edwards MJ, Shaughnessy EA. Idiopathic granulomatous mastitis: A diagnostic and therapeutic challenge. The American Journal of Surgery 2017; 214:701-706
17. Rokicki W, Rokicki M, Rydel M. What do we know about Tietze’s syndrome? Kardiochirurgia i Torakochirurgia Polska 2018;15(3):180-182

Gynäkologische Infektionen Teil 2

Mitarbeiter der Klinik für Gynäkologie und der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich führten unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. Daniel Fink, Direktor der Klinik für Gynäkologie am 4.4.2019 ein Symposium über gynäkologische Infektionen durch.

Gynäkologische Infektionen: STDs aus Sicht des Infektiologen

PD Dr. med. Dominique Braun

Die Fallzahlen für alle 4 sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) waren im Jahre 2016 ansteigend (Gonorrhoe + 4%, Syphilis 0%, Chlamydiose + 1%, HIV-16% (!). Die höchsten Werte wurden in der Grossregion Zürich und in der Genferseeregion festgestellt, so PD Dr. med. Dominique Braun, Klinik für Infektionskrankheiten & Spitalhygiene, USZ. Männer – insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)-sind am häufigsten betroffen, der häufigste Ansteckungsort ist die Schweiz. Im Jahre 2017 wurde keine wesentliche Zunahme an STIs festgestellt.

Gonorrhoe

Die Gonorrhoe bleibt bei Frauen auf tiefem Niveau stabil, Jüngere Frauen sind am häufigsten von Gonorrhoe betroffen. Die Ansteckung erfolgt am häufigsten bei festem Partner. Erreger ist die Neisseria Gonorrhoe. Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 10 Tage (kurz). Die Übertragung erfolgt durch ungeschützten vaginalen, analen oder oralen Verkehr. Die Symptome nach einer Infektion umfassen eine Zervizitis (am häufigsten), häufig ist die Urethra mitbetroffen (90%), eine Bartholinitis (6%), meistens verläuft die Infektion auch asymptomatisch (70%) mit Ausnahme der Bartholinitis. Selten wird Dysurie, vaginaler Pruritus, Ausfluss oder Schmerzen (PID) festgestellt. Komplikationen sind Infertilität, Dissemination (Arthritis-Dermatitis Syndrom), Übertragung auf Neugeborene (30-50%).
Gonokokkenstämme mit erhöhter MIC auf Ceftriaxon nehmen zu. Bei Probe ohne anschliessende Antibiotikatherapie initiale PCS-Diagnostik, falls positiv sollte eine Kultur nachbestellt werden. Spezialmedium «eSwab» für PCR, wenn positiv kann das Labor aus dem gleichen Material eine Kultur anlegen. Vor jeder Antibiotikatherapie «wünschenswert»: Zusätzlich zu PCR-Diagnostik Kultur abnehmen. Bei persistierenden oder neuen Symptomen nach Behandlung immer Diagnostik (PCR, Kultur inkl Resistenztestung).
Behandlung der Gonorrhoe: Behandlung von Urethritis, vaginaler, analer oder oropharyngealer Gonorrhoe mit Ceftriaxon 500 mg i.m. (4 ml Lidocain 1% statt aqua ad inj. aufziehen) PLUS Arithromycin 1g p.o. Einmaldosis (Ratio: Doppeltherapie Gonokokken).
Disseminierte Gonorrhoe: Ceftriaxon 1g i.v. alle 24h während 7 Tagen. evtl. Wechsel auf p.o. nach 24-48h sobald Klinik besser, bei negativer Resistenzprüfung: Cefixim 4oomg alle 12 h p.o.
Cephalosporin-Allergie: Nur wenn tatsächlich gesicherte, schwere Allergie: Azithromycin 2g einmalig p.o., Therapiererfolg klinisch nachkontrollieren.

Chlamydiose

Die Chlamydiose bleibt bei Frauen auf hohem Niveau stabil. Jüngere Frauen sind am häufigsten von Chlamydiose betroffen. Erreger ist die Chlamydia trachomatis. Die Inkubationszeit beträgt 2-6 Wochen (sie ist länger als bei der Gonorrhoe). Die Übertagung geschieht durch ungeschützten vaginalen, analen oder oralen Verkehr; bei Frauen Autoinokulation vaginal/anal. Erste Symptome sind Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen, Ausfluss aus Harnröhre, Cervix oder After. 50-90% der Ansteckungen verlaufen aber asymptomatisch. Eine Sonderform ist das Lymphogranuloma venereum (LGV), v.a. bei MSM. Heilung mit Antibiotika: Doxycyclin 2 x 100mg während 7 Tagen oder Azithromycin 1g per os Einmaldosis. PRO Doxycyclin: geringerer Kollateralschaden, weniger Resistenzentwicklung, bessere Wirksamkeit bei rektaler Infektion. Bei LGV Doxycyclin 2 x 100mg während 3 Wochen per os oder Azithromycin 1g Einmaldosis wöchentlich während 3 Wochen.
Test of cure bei Chlamydiose und Gonorrhoe?
Test of cure frühestens 4 Wochen nach Therapieende. Nicht nötig bei Patienten, die unter der Therapie asymptomatisch geworden sind. Indiziert bei Symptomresistenz, zweifelhafter Adhärenz, v.a. Reinfektion, in der Schwangerschaft, PID, Resistenzproblematik, (LGV).
Partnerinformation und Behandlung
Grundsätze: Idealerweise alle Partner der letzten 6 Monate. Mindestens die Partner der letzten 4 Wochen. Zeitgleiche Behandlung der regelmässigen Sexualpartner ist Voraussetzung für langfristigen Therapiererfolg.
Die Partnertherapie ist in der Regel eine empirische Therapie. Es erfolgt keine Testung der Sexualpartner, bzw. vor Therapie werden nicht erst Testergebnisse abgewartet. Der Partner erhält die gleiche Therapie wie der dokumentierte infizierte Patient.

Syphilis

Die Syphilis ist bei Frauen auf tiefem Niveau stabil. Erreger ist Treponema pallidum. Die Inkubationszeit beträgt 1-3 Wochen. Die Übertragung erfolgt durch ungeschützten analen, vaginalen oder oralen Verkehr über Haut- oder Schleimhautläsionen (Ansteckung durch Küssen möglich). Das Übertragungsrisiko einer Syphilis beträgt bei einmaligem ungeschütztem sexuellem Kontakt zwischen 30 und 60%. 50% sind asymptomatisch.
Die verschiedenen Stadien der Syphilis sind Frühsyphilis: primär (2-4 Wochen bis max. 12 Wochen, schmerzloses Ulkus, heilt spontan); sekundär (0-8 Wochen nach Abheilen des Ulkus, grosse Variation von Symptomen; frühlatent (Infektion <1 Jahr.
Spätsyphilis: Spätlatent (Infektion >1 Jahr oder von unbestimmter Dauer); tertiär (>1 Jahr bis Jahrzehnte nach Infektion (Aortenaneurysmas)
Neurosyphilis: Frühe Neurosyphilis (<1 Jahr nach Infektion). Visusverlust, plötzliche Taubheit, Meningitis, grosse Variation neurologischer Symptome. Späte Neurosyphilis (> 1 Jahr nach Infektion). Tabes dorsalis, progressive Paralyse.
Wann ist eine Lumbalpunktion indiziert? Bei klinischen Zeichen einer Neurosyphilis, bei Knochenbeteiligung, bei Therapieversagen, bei asymptomatischer Syphilis und gleichzeitiger HIV-Infektion, sofern VDRL > 1:32 und/oder CD4-Zellen < 350/mm3
Therapie der Syphilis:
Frühsyphilis: Benzathin-Penicillin 2.4 Mio. I.E. i.m. einmalig
Spätsyphilis: Benzathin-Penicillin 2.4 Mio. I.E. i.m. an Tag 0, 8, 15
Neurosyphilis: Penicillin G (Benzyl-Penicillin) i.v. 18-24 Mio. I.E./ Tag d.h. 3-4 Mio. I.E. alle 4 Stunden während 14 Tagen.
Alterativen nur nach Rücksprache mit dem Facharzt. Management der Sexualpartner: Serologische Testung von Partnern mit Sexualkontakt > 90 Tage her. Präemptive Therapie bei Sexualpartnern innerhalb der letzten 90Tage, Ungeschützter Geschlechtsverkehr nach Abheile des Ulkus oder nach Verschwinden der Syphilide, sofern Partner/Partnerin zeitgleich behandelt. Bei asymptomatischen Fällen: ungeschützter Geschlechtsverkehr sieben Tage nach Benzathin-Penicillintherapie.

Mycoplasma genitalium

Biologisch ähnlich wie Chlamydia trachomatis. Kein Nachweis von Mycoplasma genitalium in gesunder Bevölkerung. Erreger der akuten Urethritis bei Männern in 9-25%. Ursächlich in 20-40% der rezidivierenden/persistierenden Urethritiden. Bedeutung bei Zervizitis und PID noch nicht restlos geklärt (Odds Ratio Zervizitis 1.7, PID 2.1). Einmaldosis 1 g Azithromycin, nur 85% Eradikationsrate. Zunehmende Resistenz auf Makrolide. Personalisiertes Therapieschema: Lead-in mit Doxycyclin 2x 100 mg während 7 Tagen. Ohne Makrolidresistenz: Azithromycin 1 g Tag 1, 500 mg Tage 2-5. Mit Makrolidresistenz: Moxifloxacin 400 mg x 14 Tage.

Präventionsmassnahmen gegen STI

HIV-Infektion: Frühtestung und Partner-Information, Kondomgebrauch: 80% Risikoreduktion für HIV-Infektion. Zirkumzision: 60% Risikoreduktion für heterosexuelle Männer.
Syphilis: Eingeschränkte Schutz-wirkung durch Kondome, da die infektiösen Läsionen nicht zwingend vom Kondom bedeckt werden, Hohe Infektiosität, oraler Übertragungsweg häufiger. Gonorrhoe: Eingeschränkte Schutzwirkung durch Kondome (62% Reduktion der Infektionen bei Frauen. Häufiger asymptomatische pharyngeale Infektionen. Infektionen bei Frauen in 50% asymptomatisch.
Gemischte Ergebnisse für Mikrobixide: in drei Studien Reduktion der Infektionen, in zwei Studien Anstieg. Frühdiagnose, Therapie und Partnerbehandlung stehen im Vordergrund.

Fazit

  • Sexuell übertragbare Infektionskrankheiten (STIs) sind häufig und nehmen v.a. bei den MSM zu.
  • Frauen sind im Vergleich zu Männern seltener von STIs betroffen. Eine Ausnahme bildet die Chlamydiose (CAVE: Selektions-Bias).
  • STIs verlaufen meistens symptomlos oder symptomarm.
  • Bei Gonorrhoe und Mycoplasma genitalium besteht eine zunehmende Resistenzproblematik
  • Eine regelmässige Testung auf STIs bei wechselnden Partnern oder Risikoverhalten ist indiziert.
  • Bei Nachweis einer STI sollt immer auf HIV getestet werden und vice versa.

Zervizitis – Endometritis – Adnexitis

Dr. med. Eleftherios Pierre Samartzis

Aufsteigende Infektionen sind Zervizitis – Endometritis – Salpingitis/ Oophoritis /Tubo-ovarialer Abszess – Perotinitis. Infektiöse Ursachen sind: Chlamydia trachomatis (Serovare D-K) bis zu 60%, Neisseria gnonorrhoeae, Seltener: Herpes simplex virus, Trichomonas vaginalis, Mycoplasma genitalium (5-10%), bakt. Vaginose (allerdings meist vaginale Mitbeteiligung), Strept. A, Tbc möglicherweise in Begleitung von Tbc-Endometritis, stellte Dr. med. Eleftherios Pierre Samartzis, Oberarzt Klinik für Gynäkologie, USZ, fest.
HPV als Ursache für Dysplasien, jedoch nicht für Zervizitis (allerdings kann Zervizitis HPV-Infektionsverlauf whs. mitbeeinflussen).
Nicht-infektiöse Ursachen sind Verletzungen durch chirurgische Instrumente oder Fremdkörper (z.B. Pessare, Diaphragma, Tampon, Zervixkappe (Kondom).
Chemische Irritation durch Latex, Vaginalspülungen, Spermizide, etc.
Seltenere Ursachen wie M. Behçet, Lichen planus, allerdings meist nicht auf die Zervix beschränkt, so der Referent.

Zervizitis

Hauptsächliche Zeichen sind eitriges oder mukopurulentes Exsudat aus dem CK (sichtbar bei der Portio-Einstellung oder auf Wattestäbchen) «pos. swab test».
Vulnerable Portio, d.h. deutliche Blutung nach Einführen eines feinen Wattestäbchens.
Häufig asymptomatisch. Abnormer vaginaler Ausfluss oder Kontaktblutungen als mögliches Symptom.

Endometritis

Akut: 1. Nicht schwangerschaftsbedingt: PID aufgrund STD, PID aufgrund gyn. Eingriff.
2. Schwangerschaftsbedingt: Postpartum Endometritis, Schwangerschafts-Restmaterial
Chronisch: 1. Nicht schwangerschaftsbedingt:
A) Infektiös: Chlamydien, Tuberkulose, weitere Zervizitis /PID assoziierte Organismen
B) Intrauterine Fremdkörper oder Risikofaktoren: IUD, Submuköses Myom
C) Strahlenbedingt
D) Unklare Ätiologien
2. Schwangerschaftsbedingt
Schwangerschafts-Restmaterial
Endometritis und Salpingitis treten häufig gemeinsam auf.

Pelvic Inflammatory Disease (PID)

Akute Salpingitis: Flüssigkeits-gefüllter, länglicher, multilokulär-zystischer Hohlraum. Deutlich verdickte, echogene Wände und Septen (> 4-5 mm), echogene Flüssigkeit, Schmerzen bei Sonopalpitation, TVS: Sensitivität 85%, Spezifität 100% bei klinisch diagnostizierter PID.
Chronisch: Flüssigkeits-gefüllter, länglicher, multilokulär-zystischer Hohlraum, dünnere Septen (< 4-5 mm), echoleere Flüssigkeit, indolent.

Häufigste Erreger einer PID

PID ist meist polymikrobiell bedingt.
Häufigste Ursachen sind N. Gonorrhoeae in 30-80% nachweisbar, C. Trachomatis in 20-40% nachweisbar, N. gonorrhoeae und C. Trachomatis gleichzeitig nachweisbar in 25-75%.
M. genitalium 5-10%, Co-Infektionen mit Anaerobiern (Peptostreptococcus spp., Prevotella spp.)
Bakterielle Vaginose: Gewöhnlich wird ein nicht entzündliches Bild festgestellt. Falls sie von Leukozyten begleitet ist, spricht der Befund für das Vorliegen einer PID. Die PID wird klassifiziert in milde bis moderate Symptome (36%), schwere Symptome (4%), zusammen offensichtliche Krankheit (40%) und subklinische, stumme Krankheit (60%). Differentialdiagnosen zu PID sind Appendizitis, EUG, Ovarialtorsion, intraabdominale Blutung, Ruptur einer Ovarialzyste, Endometriose, Gastroenteritis. Der Behandlungsgrundsatz lautet: Breitspektrumantibiose, Abdeckung von N. gonorrhoeae, C. trachomatis, Anaerobiern, Gram-negativen Bakterien und Streptokokken, Beginn so früh wie möglich, um (Langzeit-)Komplikationen zu vermeiden.
Hospitalisationskriterien sind chirurgischer Notfall nicht ausschliessbar, Schwangerschaft, fehlendes Ansprechen auf Antibiose, fehlende Möglichkeit eine ambulante/p.o. Behandlung wahrzunehmen, schwere Symptomatik, Nausea, Erbrechen, hohes Fieber, Tubo-Ovarialabszess
Follow-up: deutliche Besserung innerhalb 72 Stunden zu erwarten. Ansonsten Indikation zur Hospitalisation, weiterer Diagnostik und ggf. Laparoskopie. Abstrichkontrolle nach Chlamydien oder Gonokokken. Nachweis nach 8 Wochen (CDC 3-6 Monate) nach Behandlung. Zusätzlichen HIV-Test bei allen akuten PID anbieten.
Komplikationen der PID sind Infertilität, Extrauteringraviditäten, chronische Unterbauchschmerzen.
In ca. 25% nach PID Komplikationen wie EUG, Infertilität, chron. Unterbauchschmerzen. Infertilität in 8-16% nach PID, in 20% nach PID-Rezidiv und in 50% nach drei PID-Episoden.

Prävention

Ein erheblicher Teil von neu auftretenden STIs entfällt auf junge Leute: Gonorrhoe 70%, Chlamydia 63%, HPV 49%, Genital-Herpes 45%, HIV 26%, Syphilis 20%. In Amerika machen 15-34 Jährige 27% der sexuell aktiven Population aus. Auf sie entfallen aber 50% der jedes Jahr neu auftretenden STIs, wie der Referent festhielt.
Screening auf Chlamydien und Gonokokken (Empfehlungen der CDC für die USA, in der Schweiz gibt es hierzu keine offizielle Richtlinie. Das Screening wird hier opportunistisch gehandhabt): Ein alljährliches Chlamydia-Screening ist empfohlen für sexuell aktive Frauen im Alter von 25 Jahren und darunter, bei sexuell aktiven Frauen über 25 Jahren und hohem Risiko, schwangeren Frauen im ersten Trimester. Schwangere Frauen im Alter von 25 Jahren und darunter und solche, die ein erhöhtes Risiko für Chlamydien aufweisen sollten während des dritten Trimesters erneut getestet werden.
Gonorrhoe-Screening ist empfohlen bei sexuell aktiven Frauen im Alter von 25 Jahren und darunter, bei früherer Infektion mit Gonorrhoe, bei solchen, die mit einer andern STI diagnostiziert wurden, neuen oder mehrfachen Sexualpartnern, bei inkonsistentem Kondomgebrauch, bei gewerbsmässigem Sex und Drogenmissbrauch.
Alle Partner mit GV in den letzten 60 Tagen vor Symptombeginn und falls vor mehr als 60 Tagen , der letzte Partner davor sind zu behandeln. Partner von Patienten mit C trachomatis oder N. gonorrhoeae sind häufig asymptomatisch. Sie sind empirisch auf C- trachomatis und N. gonorrhoeae, unabhängig von der scheinbaren Aetiologie der PID bzw. dem Testresultat des Patienten zu behandeln.

Quelle: Symposium «Gynäkologische Infektionen» organisiert durch die Klinik für Gynäkologie am USZ, 4. April 2019.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

SGGG-Jahreskongress 2019

Im Rahmen der Veranstaltungen zum 7. Hauptthema, das der Prävention perinealer Traumata gewidmet war und das Spektrum von der Geburtshilfe bis zur Urogynäkologie umfasste, beleuchtete Dr. med. Nina Kimmich, Klinik für Geburtshilfe, Universitätsspital Zürich, das Thema Prävention von Beckenbodenschäden bei vaginalen Geburten.

Dr. med. Nina Kimmich

Unter dem Begriff des Beckenbodentraumas werden die Harninkontinenz und Analinkontinenz, der Genitalprolaps sowie Levator ani-Abrisse und Überdehnungen des Hiatus des Levator ani subsumiert, stellte Frau Dr. Nina Kimmich fest. Die Mechanismen der Inkontinenzprobleme werden vor allem auf eine Schädigung der Pudendusnerven zurückgeführt, weniger auf ein direktes Muskeltrauma. Der Genitalprolaps dagegegen ist hauptsächlich durch ein direktes Muskeltrauma, v.a. in Form von kompletten oder partiellen Avulsionen des Levator ani, bedingt.

Prävention des Beckenbodenschadens

Pränatale Bildgebung

In einer norwegischen Studie an 234 nulliparen Frauen während der Schwangerschaft (bei 21 und 37 SSW) sowie postpartal nach 6 Wochen wurden mittels translabialem Ultraschall die Dimensionen des Levator ani-Hiatus und Levator-Avulsionen untersucht.
Frauen mit Levator-Avulsionen zeigten schon während der Schwangerschaft kleinere Hiatus-Dimensionen und eine schlechtere Kontraktilität.
Richtige Referenzwerte für die Hiatus-Dimensionen, ab denen mit einer Avulsion zu rechnen ist gibt es jedoch nicht. Eine Studie von Dietz et al fand bei nulliparen Frauen eine grosse Bandbreite normaler Werte von 6-18cm2 in Ruhe und 7-35cm2 während Valsalva.
Ein grösserer fetaler Kopfumfang und ein höheres Geburtsgewicht sind mit höheren Raten an Levator ani-Avulsionen und Hiatus-Überdehnungen verbunden. Hierbei scheint aber vor allem das Verhältnis von fetalem Kopfumfang zu den Dimensionen des maternalen Hiatus entscheidend. Auch hierzu existieren bisher keine klaren Cut-off-Werte.

Schützen wir den Beckenboden mit einem nicht-selektiven Kaiserschnitt?

Das Risiko für eine Urinstressinkontinenz nach vaginaler Geburt beträgt 16-33% vs. 10-15% nach Kaiserschnitt. Das Risiko für Harndranginkontinenz nach vaginaler Geburt beläuft sich auf 3-13% vs. 3-5% nach Kaiserschnitt. Es wären ca. 10-15 Kaiserschnitte notwendig, um eine leichte Inkontinenz zu verhindern. Um schwere Fälle von Inkontinenz, welche mit 0,8-3,1% nach vaginaler Geburt und mit 0,4-1,3% nach elektivem Kaiserschnitt noch seltener sind, wären sogar 110 Kaiserschnitte notwendig.
Es gibt daher keine klare Indikation für einen Kaiserschnitt im Hinblick auf Harninkontinenz. Für die Indikation Kaiserschnitt im Hinblick auf Genitalprolaps sind die Indikationen kontrovers. Gemäss einer Studie mit Daten aus dem schwedischen Geburtenregister mit 1.4 Mio. Frauen wurde eine Assoziation zwischen einem Kaiserschnitt und Genitalprolaps untersucht. Ein Kaiserschnitt war hier mit einem niedrigeren Risiko für Genitalprolaps assoziiert als die vaginale Geburt.
Ebenso gibt es keine Indikation für präventiven Kaiserschnitt im Hinblick auf Analinkontinenz, wie aus einem Cochrane Review (Nelson RL et al 2010) hervorgeht.

Dammvorbereitung

Der Epi-No® Geburtstrainer verhindert Beckenbodentraumata nicht, wie aus einer Studie von Atan et al (BJOG. 2016) hervorgeht. Dagegen scheint eine Dammmassage bzw. die Anwendung warmer Kompressen unter der Geburt die Episiotomie-Rate, Analschliessmuskelverletzungen, postpartale Dammschmerzen und Flatus senken zu können.

Körperliches Training und Beckenbodentraining

Regelmässiges körperliches Training während der Schwangerschaft von mind. 3 x wöchentlich je mind. 30 Min. ändert das Outcome einer vaginaler Geburt hinsichtlich Geburtsmodus, Rate an PDA, Wehenunterstützung, Episiotomie, Dammverletzungen und kindlichem Outcome nicht (Bo et al, BrJSportsMed 2015).
Gemäss einem Cochrane Review von 2017 erscheint ein unselektives Beckenbodentraining sowohl in der Prävention als auch in der Therapie wenig wirksam. Am ehesten profitieren kontinente Frauen während der Schwangerschaft sowie Risikogruppen, wie z.B. Übergewichtige. Auch hinsichtlich der Behandlung des Genitalprolapses sind die bisherigen Ergebnisse zum Beckenbodentraining eher ernüchternd, unabhängig vom Vorliegen von Levator ani-Avulsionen.
Auch mit dem Mythos, dass ein zu straffer Beckenboden zu einem schlechteren Geburtsoutcome führt, konnte die Referentin brechen. Bei straffem Beckenboden zeigt sich lediglich eine längere Austreibungsperiode, nicht jedoch eine abweichende Rate an sekundären Kaiserschnitten, Episiotomien, vaginal-operativen Entbindungen oder höhergradigen Dammverletzungen. Während der Geburt sollte jedoch eine zusätzliche Aktivierung des Beckenbodens vermieden werden, z.B. aus Angst oder wegen Schmerzen.

Fetale Position im Geburtskanal

Die occipito-anteriore Position erscheint deutlich günstiger hinsichtlich Levatoravulsionen, da hierbei die Dehnung des Beckenbodens und die Kräfte auf den Beckenboden gegenüber der occipito-posterioren Position geringer ausfallen.

Geburtsdauer

Mit verlängerter Wehentätigkeit entstehen wahrscheinlich mehr Mikrotraumata und Nervenschäden, was zu Überdehnung des Beckenbodens führt. Mit schnellem Fortschreiten der Geburt hingegen steht wahrscheinlich weniger Zeit für die Dehnung des Levator ani und für die Positionierung des Babys entlang des Geburtskanals zur Verfügung, was zu Avulsion führen könnte. Eine optimale Zeitdauer ist auch hierbei jedoch bisher unklar.

Dammschutz, Episiotomie und Geburtsmodus

Ein adäquater Dammschutz ist dringend empfohlen. Diverse Arbeiten, v.a. aus Skandinavien, konnten nach Schulung des geburtshilflichen Personals hinsichtlich hands on-geführten Dammschutzes mit Visualisierung des Dammes und Kopfbremse bei Geburt des Kindes eine deutliche Reduktion höhergradiger Dammverletzungen zeigen. Das Pressen unter der Geburt kann dabei nach Vorliebe der Frau erfolgen – es gibt keine Evidenz für ein differierendes Outcome bzgl. «early vs. late pushing» oder Valsalva vs. spontan. Hinsichtlich des Geburtsmodus existieren ebenfalls z.T. widersprüchliche Daten. Die Unterschiede hinsichtlich Inkontinenzproblemen und Genitalprolaps unterscheiden sich nicht wesentlich zwischen Spontangeburten und Vakuumextraktionen, jedoch erscheinen die Outcomes diesbezüglich nach Forcepsextraktionen deutlich schlechter. Wichtiger als die Wahl des Instruments sind jedoch wahrscheinlich die Technik der Kindsentwicklung, der vaginal-operativen Technik sowie diejenige des Dammschutzes. Eine Epiosotomie sollte nur auf Indikation, d.h. restriktiv angewendet werden, und wenn, dann sollte mediolateral geschnitten werden.

Parität

Letztlich stellte sich noch die Frage, inwieweit die Anzahl an Geburten eine Frau dem Risiko von Beckenbodenproblemen aussetzt. Hierzu stellte die Referentin fest, dass hinsichtlich des Genitalprolapses v.a. die erste Geburt einer Frau den Schaden setzt, die weiteren Geburten eher wenig entscheidend sind.

Fazit

  • Schwangerschaft und Geburt sind mit einem erhöhten Risiko für Beckenbodentraumata assoziiert.
  • Ein elektiver Kaiserschnitt reduziert das Risiko für einen Beckenbodenschaden, ist aber nicht vollständig präventiv. Es existiert keine generelle
  • Empfehlung für einen Kaiserschnitt, dieser kann aber in Einzelfällen in Betracht gezogen werden.
  • Bekannte Risikofaktoren für Beckenbodenschäden sollten, soweit möglich, ausser Kraft gesetzt oder optimiert werden.
  • Das Ziel sollte eine Primärprävention in der Gebärabteilung zur Vermeidung mütterlicher Traumata sein sowie eine frühzeitige Sekundärprävention.
  • Wünschenswert sind Werkzeuge zur pränatalen Risikoberechnung für eine individuelle Beratung von Frauen.

Quelle: SGGG-Jahrestagung 2019, 28. Juni 2019, St. Gallen

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Experteninterviews ASCO 2019

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Roger von Moos, Chur

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Der diesjährige ASCO war mehr durch Evolution als Revolution geprägt. Die ganz grossen Überraschungen und überwältigenden News blieben aus.
Zu meinen persönlichen Highlights gehören drei Studienresultate:
Die Studie Monaleesa 7 hat prä- und perimenopausale Frauen mit einem ER-positiven Tumor in eine Gruppe mit Standard endokrine Therapie (Goserelin plus Tamoxifen oder nicht steroidaler Aromataseinhibitor) gegenüber Standard endokrine Therapie plus Ribociclib verglichen (LBA 1008). Am ASCO wurde nun der sekundäre Endpunkt Gesamtüberleben präsentiert. Das mediane Überleben im experimentellen Arm war noch nicht erreicht, im Standard-Arm betrug es 40.9 Monate. Die Landmark-Analyse nach zwei Jahren zeigte ein Überleben von 72 versus 65%. Dies sind die ersten Daten für einen CDK4/6-Inhibitor, welche einen Überlebensvorteil zeigen. Natürlich sind noch viele Fragen offen, wie welche Subgruppe am meisten profitiert und ob diese Kombination wirklich für alle Frauen notwendig sein wird.
Eine zweite kleinere Studie, welche als Poster präsentiert wurde, zeigt ebenfalls interessante Resultate. Im Rahmen einer Phase-1-Studie mit Extension Cohort wurden Patienten mit Magen- respektive Colonkarzinom untersucht (Abstract 2522). Alle Patienten hatten einen mikrosatelliten stabilen Tumor. Die Patienten wurden mit Regorafenib in steigender Dosierung zusammen mit Nivolumab behandelt. Die maximal tolerable Dosis für Regorafenib lag bei 80 mg. Die Overall Response Rate lag bei 40%, beim Colonkarzinom bei 33%, beim Magenkarzinom bei 44%. Das progressionsfreie Überleben beim Colonkarzinom lag bei 6.3 Monaten, beim Magenkarzinom bei 5.8 Monaten. Das sind sehr ermutigende Resultate für eine solch stark vorbehandelte Gruppe mit MSS-Tumoren. Auf jeden Fall sollte diese Kombination in diesen als auch anderen Entitäten weiter untersucht werden.
Last but not least zeigten die Kanadier um den Studienleiter Marc Clemons die ersten Vergleichsdaten von Denosumab alle 12 versus alle 4 Wochen (Abstract 11501). Im REaCT-BTA Trial wurden Patientinnen mit ossär metastasiertem Mammakarzinom oder Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom eingeschlossen. Ob eine Vortherapie oder keine durchgeführt wurde war egal. Der primäre Endpunkt war Quality of life, der sekundäre Endpunkt Rate der symptomatischen skelettalen Events (SSE). Die Studie lief über 1 Jahr und es wurden insgesamt 263 Patienten eingeschlossen. Betrachtet man die Subgruppe der Patienten mit Denosumab, waren 77 versus 71 Patienten in den zwei Armen. Für die Gesamtgruppe war die Studie im primären Endpunkt Lebensqualität positiv. Die postulierte Gleichwertigkeit von Denosumab alle 12 versus alle 4 Wochen mit dem Endpunkt SSE kann durch die Studiendaten aber in keiner Weise gestützt werden. Trotz interessantem Ansatz muss hier auf die SAKK-Studie 96/12 (REDUSE) gewartet werden.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Wie bereits oben erwähnt, sind die grossen Überraschungen am ASCO ausgeblieben. Möglicherweise wird aber bereits im Herbst am ESMO in Barcelona wieder Highlight nach Highlight präsentiert. Durch die stetigen sensationellen Resultate der letzten Jahre ging man natürlich auch mit sehr grossen Erwartungen nach Chicago.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Schaut man alle Resultate im Detail an, so geht es immer mehr in Richtung individualisierte Therapie. Die Möglichkeiten der therapeutischen Optionen nehmen exponentiell zu, viele Fragen aus der täglichen Praxis bleiben aber offen. So zum Beispiel: Kann ich Patienten, die nicht durch die Ein- und Ausschlusskriterien der Studien abgedeckt waren genau gleich behandeln? Sind in diesen Patienten die Toxizitäten und die Vorteile gleich? Hier haben wir leider keinerlei Antworten. Ein weiteres Problem ist die Sequenz der Therapien. Auch hier kriegen wir meist keine Antworten, ob wir zuerst die Therapie A und dann B und C nehmen sollen oder zuerst C dann A und dann B.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Wir haben wieder viele Resultate für den durchschnittlichen Patienten gehört. Welche Patientengruppe aber am meisten oder kaum profitiert, wissen wir nicht. Es sind viel mehr Anstrengungen nötig, zielgerichtete Therapien auch gezielt nur den Patienten zu verabreichen, welche am meisten profitieren. Daneben braucht es mehr Forschung zur optimalen Dosierung von Substanzen, besseres Nebenwirkungsmanagement, und Fragen zur Therapiesequenz müssen gelöst werden. In diesen Bereichen wird die SAKK weitere Anstrengungen vornehmen.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Die SAKK ist an den grossen Kongressen jeweils gut repräsentiert. Natürlich können wir nicht jedes Jahr gross auftreten, für das sind wir zu klein und das Studienportfolio in der Gesamtzahl ist zu gering. Dieses Jahr durften wir viele Gespräche mit unseren Partnern zu neuen Studienideen besprechen. Insgesamt bin ich mit den Resultaten zufrieden.

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit PD Dr. med. Richard Cathomas, Chur

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Ich finde, dass ASCO dieses Jahr ein sehr gutes Motto für den Kongress gefunden hat:«Caring for every patient, learning from every patient». Tatsächlich ist das unsere tägliche Aufgabe und Herausforderung und einer der Gründe, warum die Arbeit als Onkologe Freude macht. Wenn wir zudem gemeinsam von jedem Patienten lernen und dieses Wissen weitergeben, dann können sowohl Patienten wie Ärzte von diesem grossen Erfahrungsschatz profitieren. Passend zum Motto wurden in verschiedenen Sessions die Schwierigkeiten in der täglichen Patientenbetreuung thematisiert. Dazu gehören auch Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Therapien; dieses Thema wurde sogar in der Plenary session aufgenommen (Abstract LBA1). Diese Problematik betrifft jedoch nicht nur die USA, sondern zunehmend auch die Schweiz und daher sollten wir die Entwicklung mitgestalten.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Wie auch in anderen Bereichen, so stand der ASCO 2019 auch im urogenitalen Bereich im Zeichen einer gewissen Konsolidierung der Resultate. Insofern gab es nicht so viele neue Erkenntnisse. Etwas überraschend war, dass die Kombination von Abirateron und Enzalutamid beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC) in einer grossen randomisierten Studie keine Verbesserung gegenüber einer Monotherapie mit einer der beiden Substanzen zeigte (Abstract 5008). Enttäuschend war auch das Resultat einer Studie Metformin beim mCRPC: die Zugabe von Metformin zu Docetaxel hatte keinerlei Einfluss auf die Wirksamkeit, aber führte zu etwas verstärkter Toxizität (Abstract 5004).
Als positive Überraschung zu werten ist das Resultat einer Phase-2-Studie mit dem Antibody-drug conjugate Enfortumab vedotin, das gegen Nectin-4 auf Urothelkarzinomzellen gerichtet ist. Bei stark vorbehandelten Patienten (Chemotherapie und Immuntherapie) mit metastasiertem Urothelkarzinom wurde eine Ansprechrate von 44% und ein mittleres Überleben von mehr als 11 Monaten gezeigt bei akzeptabler Toxizität (Abstract LBA4505).

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Praxisrelevant sind die Resultate der beiden grossen Phase-3-Studien für Patienten mit
metastasiertem hormonsensitiven Prostatakarzinom (mHSPC): sowohl mit der Gabe von Apalutamid (TITAN-Studie, Abstract 5006, Publikation im NEJM) wie auch mit Enzalutamid (ENZAMET-Studie, Abstract LBA2, Publikation im NEJM) kann das Überleben dieser Patienten signifikant verlängert werden. Beide Substanzen ergänzen nun die Therapieoptionen für Pateinten mit neu diagnostiziertem mHSPC. Diese Resultate bestätigen vorangehende Studien mit Abirateron sowie Docetaxel in der gleichen Population. Interessant an beiden Studien war der Einschluss von Patienten mit vorangehender Gabe von Docetaxel. Für diese Patienten schien die zusätzliche Gabe von Apalutamid oder Enzalutamid keinen Einfluss auf das Gesamtüberleben zu haben.
Wichtig ist auch das Update der CARMENA-Studie zum Einsatz der Nephrektomie beim metastasierten Nierenzellkarzinom (Abstract 4508). Die Studie wurde im vergangenen Jahr in der Plenary session vorgestellt und im NEJM publiziert, aber sehr kontrovers diskutiert. Das Update zeigt nun, dass die zytoreduktive Nephrektomie bei Patienten der intermediären Risikogruppe gemäss IMDC, die nur einen Risikofaktor aufweisen, ihren Stellenwert behält. Für Patienten mit mehr als einem Risikofaktor soll jedoch primär eine Systemtherapie begonnen werden und die Nephrektomie allenfalls im Verlauf bei gutem Ansprechen erfolgen.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Nach wie vor fehlen für die immer häufiger angewendeten Immuntherapien verlässliche prädiktive Biomarker. Trotz grosser Anstrengungen in vielen verschiedenen Studien hat sich bislang immer noch kein Marker wirklich etablieren können. Interessant in diesem Zusammenhang war eine retrospektive Analyse bei Melanompatienten , die mit Checkpoint-Inhibitoren behandelt worden waren: Der Nachweis einer Erhöhung von CRP oder Interleukin-6 ist ein starker negativer prognostischer Faktor (Abstract 100). Beide Laborwerte sind einfach zu bestimmen und günstig und könnten uns im Alltag hilfreich sein.
Im Bereich des Prostatakarzinoms müssen für viele Patienten mittlerweile mehrjährige Therapien mit intensivierter Androgendeprivation vorgenommen werden. Hier erscheint es sinnvoll, Ansätze für eine Deeskalierung zu prüfen. Allenfalls könnte weniger auch mal mehr sein.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Am diesjährigen ASCO war die Schweiz weniger präsent als in den Vorjahren. Aufgrund der vielen laufenden und gut rekrutierenden SAKK-Studien in vielen verschiedenen Bereichen ist damit zu rechnen, dass sich dies bald wieder ändern wird. Die Schweiz hat den grossen Vorteil, dass wir über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und so relevante Fragestellungen angehen können. Ich freue mich auf jeden Fall bereits jetzt auf die Schweizer Präsentationen an kommenden ASCO-Kongressen!

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Dieter Köberle, Basel

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Aus Sicht der Gastrointestinalonkologie waren dies zwei Studien: Die IDEA-Analyse zum Kolonkarzinom im Stadium II mit Risikofaktoren und die erste positive randomisierte Studie zur Präzisionsonkologie beim metastasierten Pankreaskarzinom. Beide Studien sind praxisrelevant und werden unter Punkt 3 näher ausgeführt. Daneben gab es ein reichhaltiges Programm zu diversen Themen der GI-Tumoren, welche interessante Erkenntnisse gebracht haben – in Summe ein hochattraktives Meeting für diesen Fokus.
Das Meeting selbst stand unter dem Namen «Caring for every patient, learning from every patient». Betreffend «Caring», bzw. «patient care» fanden sich, wie auch in den Vorjahren, zahlreiche und beachtenswerte Beiträge am ASCO-Meeting. Die Parole «learning from every patient» ist hochrelevant, da weiterhin nur ein Bruchteil der Patienten in klinischen Studien behandelt werden und die Majorität aus vielen Gründen ausgeschlossen bleibt. Der gemeinsam nutzbare Erkenntnisgewinn aus dieser riesen Ressource liegt noch brach. Das Thema «real-world evidence» hat enormes Potenzial  , die onkologische Versorgung zu verbessern, vorbehaltlich der grundsätzlichen Bereitschaft und mittelfristig der technischen Lösungen zum Datenaustausch, sowie einer übergeordneten Strategie, aus diesen Daten einen Nutzen zu generieren.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Ein Beispiel einer positiven Überraschung war für mich eine Studie aus dem UK zum metastasierten Magen- und Speiseröhrenkarzinom (Abstract 4006). Es handelt sich um die bislang grösste Studie für ältere und schwächere Patienten, bei der die Frage gestellt wurde, ob eine XELOX-Chemotherapie mit 100%, 80% oder 60% der Zieldosis gegeben werden soll, ohne dass ein relevanter Nachteil entsteht (Non-Inferioritätsstudie). Eingeschlossen wurden 512 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 76 Jahren. Mehr als die Hälfte der Patienten wurde als sehr schwach eingestuft. Betreffend Lebenszeit, wie auch progressionsfreie Zeit, ergab sich keine Unterlegenheit für die 60% Dosis, welche auch in der sogenannten «overall treatment utility» (einer Betrachtung von klinischem Profit, Patientenzufriedenheit, Toxizität und Lebensqualität) am besten abgeschnitten hat.
Eine Enttäuschung war für mich die KEYNOTE-240-Studie, welche eine Immuntherapie gegenüber BSC in der zweiten Behandlungslinie beim HCC untersucht hat. Diese randomisierte Studie hat negative Ergebnisse präsentiert. Die entstandene Enttäuschung beruht auf der (weiter bestehenden) Erwartung einer Wirksamkeit von Checkpoint-Inhibitoren beim HCC, basierend auf verschiedenen Phase-II-Studien. Weitere, gross angelegte Studien beim HCC werden folgen, weswegen es aktuell voreilig wäre, breitere Schlüsse aus der KEYNOTE-240-Studie zu ziehen.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Die IDEA-Analyse (Abstract 3505) zum Kolonkarzinom im Stadium II mit Risikofaktoren zeigt, dass man mit einer XELOX-Chemotherapie über 3 Monate den Patienten eine zeitverkürzte Alternative zu einer 6-monatigen Chemotherapie mit FOLFOX oder mit Capecitabine (mono) anbieten kann. Für mich stellt dies eine attraktive Variante für die Praxis dar.
Das Thema Olaparib beim metastasierten Pankreaskarzinom (Abstract LBA 4, vgl. auch die entsprechende Publikation im NEJM) ist ein erstes Indiz, dass ein zielgerichteter Therapieansatz beim Pankreaskarzinom möglich ist. Die praktische Umsetzung lässt aber noch viele Fragen offen. Aus meiner Sicht sollte bei jüngeren Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom, insbesondere, wenn eine Familienanamnese vorliegt und/oder ein gutes Ansprechen auf FOLFIRINOX, eine Keimbahnanalyse auf BRCA 1&2 vorgenommen werden. Bei Nachweis einer gBRCA-Mutation erweitert eine Therapie mit Olaparib das bestehende Behandlungsspektrum und verspricht bei Erreichen einer Remission unter dieser Therapie eine chemotherapiefreie Zeit von rund 2 Jahren.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Die personalisierte Onkologie macht zahlreiche Fortschritte – dazu zählte eine vielbeachtete ASCO-Präsentation zu frühen klinischen Daten von einem neuen Molekül namens AMG 510, einem oralen KRASG12C-Inhibitor. Dieser, wie auch andere KRAS-Inhibitoren werden hoffentlich die bislang verschlossene Tür zu den KRAS-getriebenen Tumoren öffnen und damit – aufgrund ihrer hohen Mutationsfrequenz – einen Meilenstein in der Onkologie bilden. Frühe Daten wohlgemerkt, die aber vielversprechend sind!

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Christoph Renner, Zürich

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Bezogen auf die Hämato-Onkologie waren die High-lights recht dünn gesät. Zu erwähnen sind 2 Studien:
1. CASSIOPEIA mit der Frage der CD38 MAb - Therapie in Kombination mit dem Triplet VTD als Induktion in der Erstlinientherapie von bisher unbehandelten fitten Myleom-Patienten.
2. Venetoclax + Obinutuzumab in der Erstlinien-Behandlung komorbider CLL-Patienten für einen definierten Zeitraum von 12 Monaten.
In beiden Studien war der experimentelle (neue) Arm dem bisherigen Standard überlegen und legt damit einen Wechsel im Therapiealgorithmus nahe.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Oben genannte Resultate waren vielleicht nicht überraschend, aber haben erfreulicherweise doch gezeigt, dass Medikamente mit Wirksamkeit in sog. späteren Therapielinien auch in der Erstlinientherapie wirksam sind und sich gut mit bestehenden Medikamenten kombinieren lassen. Das ist vielversprechend. Enttäuschend aus hämato-onkologischer Sicht waren die Daten zum Hodgkin-Lymphom und den aggressiven Lymphomen, da wurden schlicht keine wegweisenden Studiendaten präsentiert.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Schwierig abzuschätzen, da sämtliche Studien bzw. die eingesetzten Medikamente in der verabreichten Form einen Off-Label use darstellen und damit einer Kostengutsprache durch die Krankenkassen bedürfen. Prinzipiell würde man aber gerne die neuen Medikamente frühzeitig zum Wohle der Schweizer Patienten einsetzen.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Patienten mit frühem Rezidiv. Dies gilt sowohl für Patienten mit Lymphomen als auch Myelomen. Für beide Entitäten gilt, dass ein frühes Rezidiv bzw. eine primär refraktäre Situation mit einer sehr raschen Krankheitsprogression einhergeht. Auch wenn zum Teil wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, so sind die Kombinationsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt und es Bedarf einer intensiven Studientätigkeit.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Auch dies ist schwierig. Die Schweiz wird keine eigenständigen grossen Studien durchgführen können. Aufgrund der zunehmenden Fragmentierung der Erkrankungen (z.B. durch die molekulare Definition von Subgruppen) fehlen uns die Patientenzahlen. Daher können wir in der Regel nur kleinere Phase-I/II-Studien im Sinne einer «Hypothesis-generating»-Studie durchführen.

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Markus Jörger, St. Gallen

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Die wichtigsten und praktisch relevantesten Highlights dieses Jahr kamen aus den Bereichen des androgensensitiven Prostatakarzinomes, des fortgeschrittenen Magenkarzinomes und des fortgeschrittenen Pankreaskarzinomes. Die TITAN-Studie zeigte einen Überlebensvorteil durch Addition des Androgenrezeptorblockers Apalutamid zu einer konventionellen Androgenblockade in Patienten mit metastasiertem, androgensensitivem Prostatakarzinom (HR  =  0.67, P  =  0.005). Die ENZAMET-Studie untersuchte ebenfalls Patienten mit metastasiertem, androgensensitivem Prostatakarzinom, und zwar wurde Enzalutamid verglichen mit einem nichtsteroidalen Antiandrogen (Bicalutamid, Nilutamid, Flutamid), und beide Patientengruppen erhielten eine konventionelle Androgenblockade und konnten auch Docetaxel erhalten haben. Auch die ENZAMET - Studie zeigte einen Überlebensvorteil unter Enzalutamid (HR =  0.66, P  =  0.002).
Die Keynote-062 Studie untersuchte Pembrolizumab versus Standardchemotherapie versus Pembrolizumab und Standardchemotherapie in Patienten mit fortgeschrittenem, PDL1-positivem, HER2-negativem Magenkarzinom in der ersten Therapielinie. Pembrolizumab präsentierte sich als nicht-inferior gegenüber Chemotherapie, allerdings war die Kombination von Pembrolizumab und Chemotherapie auch superior gegenüber Chemotherapie. In Patienten mit einem PDL1 CPS von ≥10 war Pembrolizumab allerdings einer Chemotherapie signifikant überlegen (HR = 0.69, P < 0.05). Die POLO-Studie schliesslich untersuchte den Wert einer Olaparib-Erhaltungstherapie in Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom nach mindestens einer Krankheitsstabilisierung unter Chemotherapie. Alle Patienten hatten Keimbahnmutationen in BRCA1 oder BRCA2. Das progressionsfreie Überleben wurde durch Olaparib deutlich verbessert (HR 0.53, = 0.004), das Gesamtüberleben allerdings blieb kaum verändert (HR = 0.91, P =  0.68). Die NCCN-Richtlinien empfehlen in der Zwischenzeit die Testung von Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom auf BRCA-Mutationen, was auch eine entsprechende genetische Beratung mit sich bringt.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Enttäuscht haben die Resultate der ANNOUNCE-Studie, welche keinen Vorteil des anti-PDGFRa monoklonalen Antikörpers Olaratumab zu Doxorubicin gegenüber Doxorubicin- Monotherapie in Patienten mit fortgeschrittenem Weichteilsarkom zeigen konnte. Diese Resultate waren im Januar diesen Jahres bereits vom Hersteller verkündet worden und werden die provisorische FDA-Zulassung von Olaratumab in dieser Indikation beenden. Ebenfalls enttäuschend waren Resultate der APACT-Studie, welche keinen Benefit einer Hinzugabe von Abraxane zu Gemzitabine in der adjuvanten Situation beim Pankreaskarzinom aufzeigen konnte (DFS: HR = 0.88, P = 0.18). Positiv überrascht haben sehr vielversprechende Daten für einige frühklinische Substanzen beim Bronchialkarzinom, etwa JNJ-732 (28% Tumoransprechen beim EGFR-mutierten Bronchialkarzinom nach Osimertinib), U3-1402 (31% Tumoransprechen beim EGFR-mutierten Bronchialkarzinom nach Osimertinib), Poziotinib (55% Tumoransprechen beim EXON20-mutierten Bronchialkarzinom), Tepotinib (58% Tumoransprechen beim MET-Exon14 mutierten Bronchialkarzinom), BLU-667 (60% Tumoransprechen beim RET-mutierten Bronchialkarzinom) oder AMG510 (30% Tumoransprechen beim KRAS G12C-mutierten Bronchialkarzinom).

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Die Resultate der TITAN- und ENZAMET-Studien werden die neuen Androgenrezeptorblocker im Setting des metastasierten, hormonsensitiven Prostatakarzinoms einführen. Die
Daten der Keynote-062 Studie werden gewissen Patienten mit fortgeschrittenem PDL1-positivem, HER2-negativem Magenkarzinom eine Alternative zur Chemotherapie bieten.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Es gibt leider weiterhin einige Tumorentitäten, welche nur wenige Fortschritte in der Behandlung erzielen konnten, insbesondere das Glioblastom, die Sarkome sowie die kleinzelligen Karzinome. Hier herrscht der grösste Forschungsbedarf. Grosse Aufmerksamkeit dürfte das Thema «synthetische Lethalität» bei soliden Tumoren in den nächsten Jahren erhalten. Nachdem dieses Prinzip für die PARP-Inhibitoren klar aufgezeigt wurde, gibt es eine Vielzahl neuerer Substanzen, die ebenfalls zielgerichtet – und möglicherweise präferentiell in Kombination – effektiv eingesetzt werden können, etwa Inhibitoren von ATR, WEE1, CKH u.a.m.

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit Prof. Dr. Reinhard Dummer, Zürich

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Im Themenbereich Hautkrebs gab es einige beachtenswerte Beiträge. Ein Schwerpunktthema war die Behandlung von Patienten mit Hirnmetastasen. Hier hat eine grosse internationale Studie den Stellenwert der adjuvanten Ganzhirnbestrahlung (zusätzlich zu stereotaktischer Bestrahlung oder Operation) untersucht. Diese sehr aufwändige Studie in der ca. 200 Patienten randomisiert wurden, zeigte ganz klar, dass die adjuvante Ganzhirnbestrahlung keinen Nutzen für Melanompatienten bringt. Dies bestätigt das Vorgehen in der Schweiz und zeigen insbesondere die Entscheidungen des Hautkrebstumorboards am Universitätsspital, die die Ganzhirnbestrahlung nur in Ausnahmefällen empfehlen.
Gleich in der anschliessenden Präsentation wurden Resultate zur Kombinationsbehandlung von Ipilimumab und Nivolumab gezeigt. Wie schon im Vorjahr konnte eindeutig gezeigt werden, dass Patienten mit kleinen Hirnmetastasen ähnlich gut auf die Kombinationsimmunbehandlung reagieren wie Patienten ohne Hirnmetasten. Die Ansprechrate im Gehirn ist durchaus vergleichbar mit der ausserhalb des ZNS. Nun wurden zusätzliche Patienten untersucht, die eine höhere Tumorlast im Gehirn zeigten. Die Auswertung dieser Patienten war leider weniger erfreulich. Nur ca. 20% der Patienten zeigten die gewünschten Resultate. Diese Remissionsrate ist etwa nur halb so hoch wie die bei Patienten mit kleiner Tumorlast im ZNS. Das bestätigt die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen, insbesondere zur Kombinationstherapie von Kinase-Inhibitoren, Immunmodulatoren und radiotherapeutischen Therapieverfahren.
Weitere Highlights waren die aktuellen Ergebnisse der neoadjuvanten Therapieansätze. Darunter verstehen wir eine Systemtherapie vor der operativen Entfernung von Melanommetastasen. Alle Therapieverfahren wurden inzwischen im neoadjuvanten Setting untersucht einschliesslich Immuntherapie, zielgerichtete Behandlung und replizierenden Herpesviren. Bei allen kommt es zu einem histologischen dokumentierten kompletten Verschwinden von Melanommetastasen, das mit einem sehr positiven Langzeiteffekt verbunden ist.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Überrascht haben mich die Resultate einer neoadjuvanten Studie mit dem replizierenden Herpesvirus T-VEC bei Patienten mit Melanom. Diese nur 12 Wochen dauernde
Behandlung hat zu einer überraschend deutlichen Verbesserung des Rezidiv-freien Intervalls geführt. Soweit beurteilbar wahrscheinlich auch zu einer Verbesserung des Gesamtüberlebens. Sehr vielversprechend sind auch neue rekombinante T-Zell-Rezeptoren für die Behandlung des Aderhautmelanoms. Negative Überraschungen blieben weitgehend aus. So lagen die 5-Jahres-Überlebensrate bei der Behandlung mit kombinierten Kinase-Inhibitoren (Dabrafenib und Trametinib) und die 4-Jahres-Überlebensrate mit der Kombination Encorafenib und Binimetinib in dem Bereich, der erwartet werden durfte.
Bestätigt wurden auch positive Behandlungsergebnisse mit dem Anti-PD1-Antikörper Cemiplimab bei Patienten mit fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinom der Haut.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Als grosses international anerkanntes Forschungszentrum haben wir an vielen der beschriebenen Projekte federführend mitgearbeitet und kennen ihre Bedeutung. Diese Ergebnisse fliessen schon sehr früh in unsere täglichen Therapieentscheidungen ein. Insbesondere ist der Einschluss in klinischen Studien zu erwähnen. Das führt dazu, dass wir durchschnittlich neue therapeutische Verfahren 2-3 Jahre vor der Einführung einsetzen. Das gilt aktuell zum Beispiel für die Behandlung von Patienten mit einer 3-fachen Immuntherapie oder mit einer Kombinationsbehandlung aus 2 Kinase-Inhibitoren sowie einem immunmodulatorischen Antikörper. Somit werden unsere internen Algorithmen nicht geändert.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Der grösste Forschungsbedarf besteht meines Erachtens im Bereich der Biomarker. Es ist äusserst wichtig, Patienten zu identifizieren, die von bestimmten Behandlungsansätzen profitieren bzw. Patienten, die nur einen Behandlungsansatz benötigen, damit Kosten und Nebenwirkungen reduziert werden können.
Daneben ist es äussert dringend notwendig, Behandlungsoptionen für seltene Melanomformen wie das Aderhautmelanom oder die Schleimhautmelanome zu entwickeln. Entsprechende Studien sind inzwischen am Universitätsspital Zürich in der Dermatologischen Klinik etabliert worden.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Die Schweiz ist ein Land mit höchster medizinischer Qualität und mit sehr guter allgemeiner Versorgung. Das Schweizer Gesundheitssystem erhebt zu Recht den Anspruch auf einen der besten Plätze in der Welt. Leider ist dies aus meiner Sicht an internationalen Kongressen nicht genügend zu sehen. Dies liegt in erster Linie daran, dass die Fallzahlen in klinischen Studien eingebracht werden und die Fallzahlen für Biomarker-Analysen zu gering sind. Hier wäre es zwingend notwendig, dass die universitären Zentren, die diese Forschung vorantreiben, durch die niedergelassenen Onkologen besser unterstützt werden und Patienten gezielt zur Behandlung in klinischen Studien zugewiesen werden. Leider sehe ich in den letzten Jahren genau die gegenteilige Entwicklung. Unter wirtschaftlichem Druck macht man erst einmal das, was man auch peripher machen kann und schickt den Patienten erst spät, oft ist es dann schon zu spät für klinische Studien. Ein Umdenken wäre dringend angezeigt.

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit PD Dr. Aurelius Omlin, St.Gallen

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Das Highlight am ASCO ist jeweils die Interaktion mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt. Dieser Austausch, die Diskussionen und Interpretationen helfen, das neu erworbene Wissen in den Kontext der bestehenden Informationen zu integrieren.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Gross überraschende Erkenntnisse gab es dieses Jahr keine am ASCO, aber es gibt immer Erweiterungen und neue Aspekte, welche evtl. auch in Zukunft wichtig sein könnten. Interessant waren die Daten aus dem Royal Marsden/ICR zur PSMA-Expression an Tumorbiopsien, präsentiert von Dr. Paschalis. Die grosse Intra- und Inter-Patienten-Variabilität war uns so sicher nicht bewusst. Diese Information kann wichtig sein bei der Interpretation von Daten zur Radio-Liganden-Therapie (RLT) mittels Lutetium-177 (Lu-177) markierten PSMA-Antagonisten. Diese Therapie ist in der Schweiz noch nicht verfügbar und bislang liegt nur eine prospektive Studie mit weniger als 50 behandelten Männern vor, grosse
prospektive und randomisierte Studien sind am Laufen.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Zwei Studien wurden zum metastasierten kastrations-sensitiven Prostatakarzinom präsentiert (TITAN, ENZAMET), welche zeigen, dass die neuen Androgenrezeptor-Antagonisten Apalutamide und Enzalutamide in Kombination mit ADT zu einem Gesamtüberlebensvorteil führen gegenüber ADT alleine. Allerdings gibt es in dieser Indikation bereits zwei therapeutische Optionen (Abiraterone und Docetaxel) und somit stellen die neuen Resultate mehr eine Erweiterung der Therapie-Möglichkeiten in diesem Bereich dar.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Beim Prostatakarzinom sind es ganz klar prädiktive Marker, welche bislang leider mehrheitlich fehlen. Dies hat vor allem Auswirkungen bei der Wahl der Therapien, es gilt überwiegend noch der «one-size fits all»-Approach.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Im Uro-onkologischen Bereich war, soweit ich das überblicken kann, die Schweiz nur minimal vertreten. Prof. Silke Gillessen hat eine Education Session zum Thema «Disparities in Prostate Cancer» geleitet und eine Discussion von 3 Abstracts in der Session «Symptoms and Survivorship» geführt.

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit Prof. Dr. Silke Gillessen, St.Gallen

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Aus der Perspektive des Urogenitalkarzinoms ist für mich das Highlight die ENZAMET-Studie, in der getestet wurde, ob die Zugabe von Enzalutamid, einem der neueren Androgenrezeptor-Antagonisten, zu ADT bei Start der ADT-Therapie, also in der kastrastions-sensitiven/naiven Situation, das Überleben verbessert. Das Gesamtüberleben war durch diese Kombinationstherapie klar signifikant verbessert. ENZAMET ist die Studie einer kollaborativen Gruppe und keine Firmenstudie, was einmal mehr zeigt, dass man gute akademische Studien machen kann.
Generelles Highlight ist, wie die «medicaid expansion» im Rahmen des ACA (Affordable Care Act) klar die «racial disparities» bei «access to care» reduziert hat. Ich denke, ein Thema das in den USA besonders dominant ist, aber auch bei uns in der Schweiz wichtig ist. Die Unterschiede in verschiedenen Bevölkerungsschichten in Bezug auf Information, Prävention, Frühdiagnose und Behandlung sind auch in Europa vorhanden und sollten angegangen werden.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Ich war positiv überrascht, wie viel man durch eine gesundheitspolitische Änderung erreichen kann, auch wie relativ schnell das gehen kann.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Auch wieder die Erkenntnisse aus der ENZAMET-Studie. Sobald die Zulassung erfolgt ist, ergibt sich mit Enzalutamid in Kombination mit ADT eine weitere Option für Männer mit einem neu diagnostizierten metastasierten Prostatakarzinom.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

«Best use» von zugelassenen Medikamenten und die Erforschung einiger seltener Krebsarten.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Leider habe ich nicht viel Schweizer Studien gesehen, aber ich habe in meiner Discussion in der Oral Survivorship Session, die REDUSE (SAKK 96/12) Studie erwähnt, meines Erachtens eine sehr wichtige Studie, die vor allem dank des grossen Engagements von Prof. Roger von Moos durchgeführt wird. Wir müssen unbedingt mehr Werbung dafür machen, damit die Zentren Patienten in die Studie einschliessen und wir diese bald abschliessen können. Man wartet auf diese Resultate!

Eleonore E. Droux

Im Gespräch mit PD Dr. med. Arnoud Templeton, Basel

Welches waren für Sie die Highlights am diesjährigen ASCO?

Wenn in der Plenary session eine akademische Prostatakarzinom-Studie präsentiert wird, ist das sicher ein Highlight.

Welche Resultate/Erkenntnisse haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Mir fallen gleich zwei Beispiele ein, die zeigen wie wichtig Phase-3-Studien sind: Nachdem Olaratumab zur Behandlung von Sarkomen bereits zugelassen war (in Ergänzung zu Doxorubicin), war die Phase-3-Studie klar negativ. Oder: Avastin bei metastasiertem Urothelkarzinom sah in einer einarmigen Studie super aus, hat aber in der randomisierten Phase- 3-Studie überhaupt nichts gebracht. Positiv überrascht war ich z.B. über die Wirkung von Enfortumab vedotin, einem Antibody Drug Conjugate, bei metastasiertem Urothelkarzinom nach vielen Vortherapien. Aber auch hier gilt: Jetzt braucht es randomisierte Studien.

Welche Erkenntnisse haben für Ihre tägliche Praxis die grösste Bedeutung?

Enthusiasmus für Neues ist gut, eine kritische Reflektion über Neues aber mindestens so wichtig.

Welches sind die Bereiche mit dem noch grössten Forschungsbedarf?

Kosten-Nutzen-Analysen neuer Therapien und Verfahren.

Wie sehen Sie die Schweiz als Forschungsplatz am ASCO repräsentiert?

Mein Eindruck war, dass am diesjährigen ASCO Referenten und Arbeiten aus der Schweiz und Europa klar unterrepräsentiert waren.

Eleonore E. Droux

Innovation – Frühjahrskongress SGAIM 2019

Der traditionelle wissenschaftliche Kongress der SGAIM fand auch dieses Jahr im Congress Center Basel statt und stand unter der wissenschaftlichen Leitung von Frau PD Dr. med. Esther Bächli und Prof. Dr. med. Thomas Fehr. Das Kongressthema «Innovation» erwies sich nicht nur als zeitgemäss, sondern vielmehr als äusserst fruchtbar, da es geradezu einlud, das Thema von allen Seiten her zu beleuchten. So resultierte ein gelungener Anlass, welcher mit seinen vielfältigen Facetten allen Bedürfnissen in Spital und Praxis zu genügen vermochte.

Wie wurde das Motto «Innovation» umgesetzt? Es war der erste papierlose Kongress der SGAIM, was den Teilnehmern erlaubte, den Kongress bereits vor Antritt detailliert zu planen und während dem Kongress vermehrt mit den Veranstaltern in den Dialog zu treten. Sodann wurden neben den altbewährten Veranstaltungen dem Nachwuchs in Klinik und Forschung die Möglichkeit zu neuartigen Posterpräsentationen geboten unter dem Motto «kein Beitrag ohne eine Form von Präsentation und Feedback». Unter dem Eindruck von sich immer wieder verändernden bahnbrechenden neuen Erkenntnissen in der Medizin wurden in ausgewählten Bench-to-bedside Referaten exemplarisch die Entwicklungen von der Zellkultur bis zum Patienten gezeigt. In Pro/Con Sessions wurde der Diskurs geführt, welche Innovation bei welchen Patienten angewandt werden soll – im Sinne von gelebter «smarter Medizin». Aber auch für die Diskussion von Kehrseiten der Innovation stand genügend Raum zur Verfügung, so zur Debatte über die hohen Preise moderner Therapieformen, Fragen der Datensicherheit und -Zuverlässigkeit im Zusammenhang mit eHealth sowie Perspektiven der ärztlichen Honorierung.

Workshop Dr. med. Adrian Forster «Arthrose – konservative Therapien: was gibt es Neues?»

In seinem Workshop «Arthrose – konservative Therapien: was gibt es Neues?» erläuterte Dr. med. Adrian Forster, Zürich, die wichtigsten Neuerungen in der konservativen Behandlung einer Arthrose, wobei er seine Ausführungen auf das Kniegelenk fokussierte, welches am besten untersucht ist und dessen prothetische Behandlung tendenziell weniger problemlos ist als zum Beispiel die der Hüfte. Er basiert seine Ausführungen auf die OARSI Guidelines (2014), welche der physikalischen Therapie einen höheren Stellenwert zumisst als der medikamentösen.

Nicht-medikamentöse Massnahmen

Es ist üblich, Arthrosepatienten zu Gymnastik sowie Kraft- und Ausdauertraining zu motivieren. Dabei war lange Zeit unklar, welchen Einfluss Laufen auf die Entwicklung einer Gonarthrose ausübe. Diese Frage klärte eine im vergangenen Jahr publizierte Studie: 1854 Patienten wurden über 5 Jahre bezüglich Kniegelenkersatz bei Arthrose untersucht in Abhängigkeit von Ausmass und Geschwindigkeit von Gehen. Dabei erwies sich eine Gehgeschwindigkeit von 100 Schritten pro Minute als kritisch, langsameres Gehen blieb ohne Einfluss auf die Entwicklung einer Arthrose, während schnelleres Gehen diese signifikant zu hemmen vermochte (Master J. et al. ACR Meeting 2018).
Die Diskussionen, ob es mit Medikamenten gelinge, den Verlauf einer Arthrose zu beeinflussen, empfindet der Referent als bemühend in Anbetracht der Tatsache, dass es eine Therapie, nämlich Gewichtsreduktion gibt, deren Effektivität hieb und stichfest bewiesen ist. Sie wirkt sich nicht nur positiv auf Funktion und Schmerzen eines erkrankten Gelenkes aus, sondern bewirkt auch eine signifikante Verlangsamung der Degradation des Knorpels. Der Nutzen der Gewichtsabnahme ist am grösstem, wenn diese durch eine Kombination von Diät und körperlichem Training herbeigeführt wird (Gerrsing AS et al 2019), und mit Diät besser als mit alleinigem Training. Die Frage nach dem Nutzen einer lateralen Fersenkeileinlage bei medialer Kniegelenksarthrose wurde kürzlich in einer Studie untersucht, bei der Femoropatellararthrosen sorgfältig ausgeschlossen worden waren. Nach 8 Wochen konnte ein klarer Effekt bezüglich Schmerzlinderung nachgewiesen werden, jedoch mit geringer Effektgrösse (Felson DT et al. 2019). Aber immerhin denkt der Referent, dass sich bei rein medialer Kniegelenksarthrose ein Versuch rechtfertigt.

Medikamentöse Therapie von Arthroseschmerzen

Dazu werden 2 Studien referiert, einerseits der Vergleich von Cox-2-spezifischen versus unspezifische Antirheumatika und andererseits Voltaren gegenüber Naproxen. In einer vom Pfizer durchgeführten Studie wurde bei Patienten mit bekanntem kardiovaskulären Risiko Celebrex mit Naproxen verglichen, wobei sich bezüglich kardiovaskulärer Ereignisse kein Unterschied nachweisen liess. Ibuprofen war in sehr hoher Dosis geringgradig um 13% schlechter (Nissen SE et al 2016). Bezüglich gastrointestinaler Ereignisse war Celecoxib um rund 29-35% besser als Ibuprofen/Naproxen, allerdings erhielten alle Patienten gleichzeitig einen PPI. Bezüglich Ereignisse der Niere war Ibuprofen etwas schlechter, sodass der Referent zum Schluss kam, dass man Arthrosepatienten mit 200 mg Celecoxib täglich nicht schade und dass diese Substanz bezüglich gastrointestinaler und renaler Ereignisse etwas besser abschneide als die übrigen Antirheumatika. Eine 2. Studie untersuchte die Inzidenz von Myokardinfarkten bei Patienten mit Spondylarthritis oder Arthrose unter Diclofenac oder Naproxen. Patienten mit Spondylarthritis hatten unter Diclofenac ein dreifach erhöhtes Risiko, einen Myokardinfarkt zu erleiden, als unter Naproxen. Auch bei Patienten mit Arthrose war die Inzidenz signifikant, aber absolut nur geringgradig erhöht. Diese Studie bestätigt das hohe kardiovaskuläre Risiko von Diclofenac und der Autor empfiehlt, diese Substanz Patienten mit einem kardiovaskulären Risiko vorzuenthalten.
Vor dem Hintergrund der aktuell in den Vereinigten Staaten laufenden Prozesswelle wegen der dortigen Opioide-Epidemie hält der Referent fest, dass Patienten mit chronischen Schmerzen von Opioiden nicht profitieren. Wenn auch die Schmerzen geringgradig beeinflusst werden können, ist das Aktivität- und Partizipationsniveau unter Opioiden schlechter und auch die Lebensqualität wird negativ beeinflusst. Patienten mit einer Opioidmedikation vor Knie-Arthroplastik hatten 6 Monate postoperativ ein signifikant schlechteres Resultat als Vergleichspatienten (Smith SR et al. 2017). In einer randomisierten Studie an 240 Patienten im Durchschnittsalter von 58 Jahren führte eine Opioidmedikation im Vergleich zu einer üblichen Schmerzmedikation über 12 Monate nicht nur zu keiner Verbesserung der Schmerzen allgemein, sondern auch zu einer Verdoppelung der Rate an Nebenwirkungen (Krebs EE et al 2018).

Intraartikuläre Therapien: Eine vor 2 Jahren publizierte Studie hilft, die Wirkung von intraartikulären Steroiden auf die Knorpeldichte zu beurteilen. Nach 3-monatlichen Injektionen von Steroiden liess sich nach 24 Monaten eine Verdoppelung der Abnahme der Knorpeldicke von 1 mm unter NaCl auf 2 mm unter Triamcinolon nachweisen (Mc Alindon TE et al. 2017). Der Referent hält fest, dass Steroide intraartikulär bei einer aktivierten Arthrose nach wie vor sinnvoll sein können, er warnt aber vor repetitiver Steroidinjektion. Die Viskosupplementation mit Hyaluronsäure wird kontrovers diskutiert, wenn auch eine gewisse Wirkung anerkannt ist, ist deren Ausmass umstritten. Eine Studie verglich die Zeit von der Erstkonsultation bis zur Implantation einer Kniegelenkprothese von Kohorten ohne und mit Hyaluronsäure. Während es ohne Supplement im Schnitt 326 Tage dauerte bis zur Prothese profitierte die Gruppe mit Hyaluronsäure von einer Wartezeit von 908 Tagen, was einer Verlängerung von 582 Tagen entspricht (Altmann R et al 2016). Die Aspiration zur vollständigen Entleerung des Kniegelenks vor Viskosupplementation führt nach 25 Wochen zu einem deutlich besseren Therapieeffekt. Derzeit ist eine Vielzahl von Substanzen zur intraartikulären Anwendung in klinischer Entwicklung, einige Substanzen befinden sich in Phase II, die meisten in Phase III, sodass in den nächsten Jahren mit einigen Fortschritten, vor allem von zellbasierten Substanzen gerechnet werden darf.
Zum Einsatz von Bisphosphonaten bei Patienten mit Kniegelenksarthrose konnte eine Studie zeigen, dass die Inzidenz von Kniegelenksersatz über einen Beobachtungszeitraum von 3 Jahren von 29/1000 auf knapp 22/1000 gesenkt werden konnte. Der Referent schliesst daraus, dass Arthrosepatienten, bei welchen aus anderen Gründen eine Indikation für den Einsatz von Bisphosphonaten besteht, sicher ohne Schaden in Bezug auf Gelenke behandelt werden können.
Als Schlussfolgerung wird festgehalten, dass jede einzelne Massnahme zur konservativen Therapie der Arthrose eine kleine Effektgrösse aufweist, dass die Behandlung aber umso erfolgreicher wird je multimodaler sie erfolgt.

«Track Family Doctors» Prof. Milo Puhan «Lungenkarzinom: Braucht es ein Screening Programm für die Schweiz»

Die Sitzung «Track Family Doctors» wird eröffnet durch Prof. Milo Puhan, Zürich, der seinem Referat «Lungenkarzinom: Braucht es ein Screening Programm für die Schweiz» folgende Probleme zu Grunde legt: Das Lungenkarzinom ist in der Schweiz häufig und verursacht hier einen von 20 Todesfällen. Weltweit gesehen ist das Lungenkarzinom mittlerweile Todesursache Nummer 12. Das 5-Jahres-Überleben ist trotz aller modernen Medikamente immer noch tief, wobei sich die Schweiz nicht wesentlich von anderen europäischen Ländern unterscheidet. Von den Männern leben nach 5 Jahren noch knapp und von den Frauen noch gut 15%. Gegenwärtig rauchen immer noch rund 30% aller Bewohner der Schweiz, das Einstiegsalter liegt in den meisten Fällen zwischen 14-20 Jahre. Ein Tabakproduktegesetz, das Minderjährige schützt, hätte das Potenzial, zu einer tieferen Raucherprävalenz mit vielen positiven Folgen zu führen. Um das zu erreichen ist in Anbetracht der Tabak- und industriefreundlichen Politik in der Schweiz eine enorme Anstrengung von Nöten.
Die Hoffnung für ein Lungenkarzinom-Screening beruht darauf, dass der Ersatz einer symptombasierten Diagnose durch eine screeningbasierte Diagnose zu einem Stageshift führt, in welchem potenziell mehr Betroffene kurativ therapiert werden können. Dabei ist bekannt, dass ein Lungenkarzinom-Screening mit einem Röntgenthorax die Mortalität nicht senkt. Geschichtlich betrachtet war die 2006 publizierte Elcap-Studie die erste, welche die Hoffnung aufkommen liess, dass mit einem tiefdosierten CT Lungenkrebs in einem früheren Stadium diagnostiziert werden könne. Von 484 diagnostizierten Lungen Karzinomen befanden sich 85% in einem Stadium I. Das Problem der Studie war die Tatsache, dass bei ihr der potentielle Schaden einer Screening-Untersuchung nicht systematisch erfasst wurde und dass sich deshalb über den Nettonutzen der Screening-Untersuchung keine Aussage machen liess. Dieses Manko wurde im 2011 publizierten amerikanischen National Lung Screening Trial (NLST) beseitigt, 53.454 Teilnehmer im Alter von 55-64 Jahren mit über 30 Pack-Years oder weniger als 15 Jahre Exraucher wurden 3-jährlichen Screenings mit low dose CT in hochspezialisierten Zentren unterzogen. Pro Jahr fanden sich bei 24% der untersuchten positive Befunde, wovon 96% falsch positiv waren. 16 Patienten starben innert 60 Tagen an Komplikationen des diagnostischen Work-ups. Trotzdem konnte durch die Massnahme die Mortalität infolge Lungenkarzinom um 20% reduziert werden und die Gesamtmortalität um 7%. Derzeit ist eine Reihe von Studien mit unterschiedlichen Protokollen im Gang, kürzlich wurde die italienische MILD-Studie publiziert mit einer Reduktion der Lungenkrebsmortalität um 39% und bei der berühmten europäischen Nelson-Studie, deren Publikationen unmittelbar bevorsteht, wurde an Kongressen über eine Reduktion der Mortalität bei Männern um 26% und bei Frauen um gar 39% nach 10 Jahren berichtet. Die Nelson-Studie unterscheidet sich von der amerikanischen Studie in 2 wichtigen Punkten, einerseits wurden die radiologischen Veränderungen nicht unmittelbar behandelt, sondern beobachtet und bei Veränderung behandelt. Andererseits basiert die Diagnostik auf der Bestimmung des Volumens von pathologischen Befunden, was zusammen zu einer markanten Senkung von falsch positiven Resultaten von 23,3 auf 1,6% führte bei unveränderter Rate von richtig positiven Befunden (1,1 versus 1,0%), die Rate an Diagnosen im Stadium I lag mit 63 respektive 64% hoch. Bei der Einschätzung von Nutzen und Schaden einer Screening-Untersuchung stehen dem Nutzen in Form einer reduzierten Mortalität und Morbidität der potentielle Schaden in Form von Strahlenbelastung, invasiven Abklärungen oder Therapienebenwirkungen sowie Kosten entgegen. Als Globalparameter gelten die Gesamtmortalität, die gewonnenen Lebensjahre oder QALYs. Dabei ist zu bedenken, dass beim Screening die absoluten Zahlen praktisch immer sehr tief sind. Beispiel Lungenkrebs: ohne Screening versterben 14 von 1000 Personen, mit Screening 10-11. D.h. das Screening von 1000 Personen führt zu einer Reduktion um 3-4 Sterbefälle. In dieser Situation ist die Balance von Nutzen und Schaden und Kosten besonders kritisch und ist abhängig von Einschlusskriterien und der Art der Durchführung des Screenings.
Um zu untersuchen, wie ein Lungenkarzinom-Screening in der Schweiz am besten eingeführt werden könne, wurde eine Studie zur Kosteneffizienz in europäischen Ländern mit hoher Prävalenz von Rauchern in Abhängigkeit verschiedener Faktoren durchgeführt und im vergangenen Jahr publiziert. Mittels Mikrosimulation wurde das Leben einzelner Personen analysiert, ausgehend von einer Kohorte, welche zwischen 1935 und 64 geboren war und bis 2015 verfolgt wurde. Es gelang so, unter Annahme verschiedener Screeningsstrategien die Anzahl von Todesfällen in Relation zu setzen zur Anzahl von verhüteten Todesfällen, gewonnenen Lebensjahre und falsch positiven Resultate sowie den entstehenden Kosten. Diese Strategie erlaubte, die Kosteneffizienz des Screenings zu berechnen, die sich pro gewonnenes Lebensjahr in der Grössenordnung von 27 500-37 800 Fr. bewegte.
Der Referent kam zum Schluss, dass beim Lungenkarzinom Screening mittels low dose CT in der Schweiz die Balance von Nutzen-Schaden-Kosten von den Einschlusskriterien, den Rauchstopp Angeboten und dem Umgang mit falsch-positiven Befunden abhängt. Ein Screeningsprogramm sollte nur mit klar definierten Standards, in dafür qualifizierten Zentren und mit Evaluation stattfinden. Eine ausgewogene Information und bewusste Entscheidungsfindung zur Teilnahme sind sehr wichtig. Als nächster Schritt ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, was für die Schweiz Sinn machen würde.

Dr. med. Philipp Bruggmann «Hepatitis C: ist die Elimination von HCV in der Schweiz realisierbar?»

In der gleichen Sitzung referiert Dr. med. Philipp Bruggmann, Zürich, abschliessend über das Thema «Hepatitis C: ist die Elimination von HCV in der Schweiz realisierbar?». In der Schweiz leiden rund 40 000 Personen an einer chronischen Hepatitis C. Diese Erkrankung ist der häufigste Grund für Leberkrebs und Lebertransplantation. Die jährliche Mortalität beträgt 200 und hat diejenige infolge HIV schon vor Jahren überschritten. 74% aller Erkrankten sind zwischen 1950 und 1979 geboren. Die Folgen einer chronischen Infektion sind neben Leberzirrhose und Leberkrebs Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Depression, Diabetes Typ 2, Arthritis, Hautveränderungen, Glomerulonephritis und Lymphome. In gesellschaftlicher Hinsicht kommt es zu Stigmatisation. Zur Testung auf Hepatitis C empfiehlt der Referent die Entnahme einer Blutprobe, darin werden zuerst HCV Antikörper bestimmt und erst sekundär, wenn diese positiv sind, die HCV RNA. Auf die Bestimmung des HCV Genotyps darf heute primär verzichtet werden. Die Therapie der Hepatitis C hat seit 2014 einen Quantensprung gemacht, die Heilungsrate ist unter den heutigen direkt wirkenden antiviralen Medikamenten (DAA) auf über 95% angestiegen bei deutlicher Abnahme von Komplexität und Nebenwirkungsrate. Der Verein Hepatitis Schweiz strebt in seinem aktuellen Strategiepapier die Elimination der Hepatitis C in der Schweiz bis 2030 an. Berechnungen zeigen, dass dieses Ziel erreichbar ist, falls in der Schweiz die Rate an Diagnosen und Behandlungen um 30% gesteigert werden. Dabei zeigt eine Berechnung der Kosteneffektivität, dass die Behandlung aller Individuen mit chronischer Hepatitis C kosteneffizient ist. Um das Ziel zu erreichen, wären zum Beispiel in der Schweiz 2019 4000 Behandlungen notwendig. Der aktuelle Trend weist jedoch eine fallende Tendenz auf in Richtung von weniger als 2000 Behandlungen im laufenden Jahr.

HepCare wurde vom Netzwerk Schweizer Hepatitis-Strategie entwickelt, welches von Hepatitis Schweiz koordiniert wird, und ist eines der Schlüsselprojekte zur Erreichung des Eliminationsziels. Darin sollen die Grundversorger eine wesentliche Rolle spielen und ihren Patienten die neuen Behandlungen in der Praxis verabreichen können. Dabei arbeiten sie mit einem Spezialisten im Hintergrund zusammen, welcher für die Rezeptausstellung und die Beratung beigezogen werden muss. Für weiterführende Informationen verweist er auf https://www.hepcare.ch/grundversorger.php.
Der Referent kommt zum Schluss, dass die Elimination der Hepatitis C in der Schweiz ein realistisches Ziel darstellt und kosteneffektiv ist. Dazu sind Anstrengungen nötig, um das Bewusstsein um die Erkrankung, deren Diagnostik und Behandlung zu verbessern. Im Rahmen des Projekts HepCare können Grundversorger Ihre Patienten mit Hepatitis C direkt in der Praxis behandeln.

Dr. med. Hans-Kaspar Schulthess

Facharzt FMF Innere Medizin und Gastroenterologie
Neuhausstrasse 18
8044 Zürich

Schulthess_hk@swissonline.ch

Eine Gletschertour

Diese Gletschertour sind wir mit der ganzen Familie bereits einmal vor vier Jahren gegangen, einmal bis zum Pass, und einmal bis zum Refuge des Bouquetins. Schon damals war ich erschüttert angesichts des Gletscherschwundes, der seit meiner Jugendzeit und der alljährlichen Gebirgsausbildung im Centre Alpin d’Arolla stattgefunden hat. Der Bas Glacier d’Arolla ist zu einem Nichts zusammengeschrumpft, unvorstellbar, dass wir auf ihm damals Spaltenrettung trainiert hatten. Selbst der Glacier du Mont Collon weist bereits ein grosses eisfreies Fenster auf. Der Gletscherarm des Glacier de Vuibé, der unterhalb der Pointe des Vignettes herunterfloss und erfüllt war vom Krachen der berstenden Séracs, ist mittlerweile ganz verschwunden. Wir schätzen, dass die Zunge des Haut Glacier d’Arolla, den wir heute erneut begehen wollen, sich in den letzten vier Jahren um gut 40 Meter zurückgezogen hat.

Wir beginnen unseren Aufstieg (August 2017) beim Parkplatz von Les Magines, der bei der letzten Hahrnadelkurve der Talstrasse nach Arolla gelegen ist. Dieses erste Wegstück, das entlang der Borgne d’Arolla bis zum Vorfeld des Bas Glacier d’Arolla führt, ist leider teils asphaltierte, teils naturbelassene Fahrstrasse. Vor uns dominiert der mächtige Klotz des Mont Collon, der zum Dent Blache-Gebirgssockel gehört und ganz aus dem basischen Eruptivgestein Gabbro besteht. Eher ungewöhnlich ist, dass dieser von sauren Magmen begleitet wird, weshalb wir auf unserer Tour immer wieder auf farbige Granite stossen. Der gesamte Talabschluss wird von mehreren Tunnels durchzogen, die die verschiedenen Stauseen zwischen Zermatt und Grande Dixence verbinden.

Am Ende der Fahrstrasse, beim früheren Parkplatz im Gletschervorfeld, folgen wir gegen Südosten dem Hüttenweg der Cabane de Bertol bis in das Tälchen oberhalb der Zugangsstollen mit der Madonnenstatue, wo der Pfad zum tiefer liegenden südlichen Teil der Plan de Bertol abzweigt. Eine Tafel erinnert hier an den Tod eines Mädchens, das im ersten Schnee verloren ging und in der Blütezeit der ersten Bergblumen des darauffolgenden Jahres wieder gefunden wurde. Auf Plan de Bertol beeindruckt der Blick über den Eisabbruch des Glacier du Mont Collon hinaus zum Petit Mont Collon und Pigne d’Arolla, dessen Normalroute gegenüber früher keine reine Eistour mehr ist (Abb. 1). Seine Nordwand, einst eine bekannte Eiswand, ist mittlerweile vollständig ausgeapert.
In einem kurzen Abstieg erreichen wir das Tal des Haut Glacier d’Arolla zwischen Mont Collon und der Gipfelkette der Bouquetins. Wir passieren zahlreiche Murgänge, die die Instabilität der Moränenhänge unterhalb der Dents de Bertol erkennen lassen. Kurz vor der Gletscherzunge beginnt die blau-weisse Wegmarkierung. Vor vier Jahren erreichte man über den seitlichen Eisrand die Mittelmoräne des Gletschers. Dieses Mal ist der östliche Gletscherrand von Spalten durchzogen, sodass wir eine schmale, von Geröll bedeckte Eisrippe benutzen müssen, um auf den Gletscher zu gelangen.

Wir folgen der Mittelmoräne bis auf Höhe der im Westen gelegenen Mitre de l’Evêque und wenden uns erst dann in Richtung des vom Col de l’Evêque herunterziehenden oberen Teils des Gletschers. So umgehen wir das westlich gelegene Spaltenfeld. Oberer und unterer Teil des Haut Glacier d’Arolla haben ihre Verbindung verloren. Das Gelände dazwischen ist instabil und birgt teilweise noch Eis unter den Geröll- und Schuttmassen (Abb. 2). Deshalb kann der Routenverlauf in Abhängigkeit der aktuellen Verhältnisse stark variieren. Vor vier Jahren stiegen wir über die nördliche Moräne zum Col Collon auf, der südwestlich des Felszackens der La Vierge gelegen ist. Dieses Mal müssen wir das südliche Moränenfeld wählen, da die alte Route unter Muren längst begraben worden ist.
Der Col Collon ist mittlerweile ebenfalls frei von Eis und Firn. Zurück bleibt auf der italienischen Seite ein kleiner Gletschersee. Unmittelbar unterhalb des Passes überraschen uns zwei Steingeissen mit ihren Jungen (Abb. 3). Zuerst beobachten sie uns, dann beginnen sie in atemberaubender Weise herumzuklettern, als wollten Sie uns Zweibeinern zeigen, wie man sich wirklich elegant im schwierigen Gelände bewegt. Nach ausgiebiger Rast kehren wir auf demselben Weg nach Arolla zurück (Abb. 4).

Abb. 4: Routenverlauf

Gutes Wetter vorausgesetzt, handelt es sich um eine einfache Gletschertour. Nebel kann die Orientierung allerdings wesentlich erschweren, da die Stangenmarkierungen auf dem Gletscher wenig zuverlässig sind und diese im Übergang zum oberen Gletscherfeld gänzlich fehlen. Es empfiehlt sich, Eispickel, Steigeisen und Seil dabeizuhaben, da die stetigen Veränderungen des Terrains einzelne Passagen ohne Hilfsmittel deutlich erschweren können. Wer nicht gletscherkundig ist, dem sei der Weg bis zur Gletscherzunge trotzdem empfohlen, da er Einblick in eine gewaltige Gebirgslandschaft bietet. Der Unermüdliche mag auch noch das nicht bewirtete Refuge des Bouquetins besuchen wollen. Zu beachten sind die Spalten westlich der Hütte, die man gegen Süden umgeht. So erreicht man auch den im Süwesten der Schutzhütte beginnenden Pfad, über den man das rund hundert Meter höher gelegene Biwak erreicht. Dieser Umweg beansprucht hin und zurück rund zwei Stunden und sollte in seiner Länge nicht unterschätzt werden.

Aufgepasst

In dieser Rubrik werden Berg- und Schneeschuhwanderungen vorgestellt, die in der Regel wenig bekannt sind, zu aussergewöhnlichen Orten führen und die Genugtuung einer besonderen persönlichen Leistung bieten, sei es, dass man sich am Abend nach der Arbeit noch zu einer kleinen körperlichen Anstrengung überwindet, bzw. sich in ein oder zwei Tagen abseits breit getretener Wege unvergessliche Naturerlebnisse erschliesst. Zur besseren Beurteilbarkeit des Schwierigkeitsgrades der Tourenvorschläge wird jeweils eine Einschätzung anhand der SAC-Skala für Berg- (B, EB, BG) und für Schneeschuhwanderungen (WT 1 – 6) gegeben. Die schwierigste Wegstelle, unabhängig von ihrer Länge, bestimmt jeweils die Gesamtbewertung der Route. Letztendlich bleibt aber jeder selbst für die Beurteilung seiner Fähigkeiten und Eignung für die vorgestellte Wanderung verantwortlich. Die Gehzeiten sind Richtwerte und gelten für normal trainierte Wanderer. Sie müssen nicht zwingend mit den Angaben auf Wegweisern übereinstimmen.

Prof. Dr. med. dent. Christian E. Besimo

Riedstrasse 9
6430 Schwyz

christian.besimo@bluewin.ch