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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Unter den kardiovaskulären (cv) Risikofaktoren nimmt Diabetes mellitus Typ II (T2DM) aufgrund der steigenden Prävalenz eine besondere Stellung ein. Koronare Herzkrankheit (KHK), Herzinsuffizienz (HI) und chronische Niereninsuffizienz (CKD) sind deutlich erhöht. Der Begriff CKM bezeichnet ein komplexes Gesundheitsproblem, das auf den Wechselwirkungen zwischen Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes und Adipositas beruht. Das Syndrom erhöht das Risiko für die Entwicklung und das Fortschreiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und betrifft sowohl Risikopersonen als auch Personen mit bestehenden cv-Erkrankungen. Das Stadium zum Zeitpunkt der Diagnose kann Aufschluss über den Schweregrad der Erkrankung geben.
Cardiovascular disease (CVD) is the leading cause of death worldwide. Among the cardiovascular (CV) risk factors, diabetes mellitus type II (T2DM) occupies a special position due to its increasing prevalence. Coronary heart disease (CHD), heart failure (HF) and chronic kidney disease (CKD) are significantly increased. The term CKM describes a complex health problem resulting from the interaction between heart disease, kidney disease, diabetes and obesity. The syndrome increases the risk of developing and progressing cardiovascular disease and affects both those at risk and those with existing cardiovascular disease. The stage of the disease at the time of diagnosis may indicate the severity of the disease. Key words: heart disease, kidney disease, diabetes and obesity, CKM-syndrome
Fallbeschreibung
Wir mƶchten einen 63-jƤhrigen Hochrisiko-Patienten mit einer neuen moderaten Anstrengungsdyspnoe vorstellen. Er hat seit ca. 8 Jahren einen T2DM und eine CKD: G3aA3; Erstdiagnose vor 2 Jahren. Seit kurzem eine HI mit einer LV-EF von 53ā% (HFpEF). Negative FA bez. koronarer Herzkrankheit, kein Nikotin. Die Details zum Fall vermittelt Abb.ā1. Der Fall aus der Praxis soll auch die aktuellen Leitlinien zu den vorhandenen Krankheiten beleuchten. Der Patient hat mit drei kardiovaskulƤren Risikofaktoren und der Anstrengungsdyspnoe, nach den neuen ESC-Guidelines 2024 des CCS, ein moderates Risiko von 17ā% für eine obstruktive KHK (1). In einer Koronar-CT-Untersuchung fand sich eine koronare diffuse 3-GefƤsserkrankung mit zwei 50ā60ā% Stenosen am mittleren RIVA und an der proximalen CX. In einer Stressechokardiographie wurde eine koronare IschƤmie ausgeschlossen. Die augenƤrztliche Kontrolle ergab eine leichte diabetische Retinopathie. Somit besteht wahrscheinlich eine diabetische Nephropathie. Der ABI betrug bei guten Fusspulsen bds 1.0 Die Transaminasen waren normal. Im erweiterten Echo nicht dilatierte, sklerosierte Aorta abdominalis, keine Lebersteatose, Nieren bds morphologisch normal.
Kommentar
Das BD-Ziel von 120ā129 mmHg systolisch haben wir mit obiger dualer Fixkombinatio (ACE-H./ Kalziumantagonist) erreicht. Dies ergibt eine bessere Progressionshemmung bei proteinurischen Nieren und eine geringere MortalitƤt (2). Die Triglyceride sind trotz des T2DM bei unserem Patienten normal, das Non-HDL ist <2,2mmol/l, das LDL misst unter obiger Kombinationstherapie 1,4mmol/l.
Bei Hypertonikern, kardiovaskulƤren- und diabetischen Patienten ist der regelmƤssige Ausschluss einer CKD mit einer eGFR (EPI) von <60ml/min/1.73m2 und/oder einer Mikro-/Albuminurie mit Hilfe der Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Spontanurin (A2-A3 >30mg/g Kreatinin) über >3 Monate entscheidend. In der Praxis wird ein Screening bei Risikopatienten viel zu selten durchgeführt. Eine CKD erhƶht das cv Risiko resp. die cv Events und die MortalitƤt. Die UACR ist ein unabhƤngiger PrƤdiktor der cv MortalitƤt über das gesamte Spektrum der Nierenfunktion, dies unabhƤngig von anderen cv Risikofaktoren. Eine UACR ā„10mg/g ist mit einer erhƶhten cv MortalitƤt assoziiert (30mg/g= HR 1,77), bei der eGFR ist dies <60ml/min/1.73m2 der Fall (2).
Das Risiko für eine HI bei einem T2DM, auch nach Kontrolle aller RF, betrƤgt nach verschiedenen Studien 25ā45ā%; davon haben ¾ eine HFpEF. Vier von 10 Patienten mit einem T2DM und vier von 10 mit einer HI haben eine CKD. 20ā% aller Hypertoniker, 50ā% aller T2DM-Patienten und 40ā% aller Patienten mit einer kardiovaskulƤren Vorerkrankung haben eine Albuminurie. 80ā% aller Diabetiker erleiden im Laufe ihres Lebens ein kardiovaskulƤres Ereignis oder eine CKD (2,3). Da bei unserem Patienten eine EndorganschƤdigung vorliegt, ist er ein Hochrisiko-Patient. Er hat auf Grund der eingeschrƤnkten eGFR und der Albuminurie eine 5x erhƶhte 10-Jahres-MortalitƤt und nach den KDIGO 2024 Risikokalkulationen ein Risiko von 16,5ā% in 5 Jahren ein terminales Nierenversagen zu erleiden ā ckdpcrisk.org/kidneyfailurerisk (4,ā5).
Wir haben neben den Lebensstilinterventionen mit einem regelmässigen körperlichen Training, einer gesunden Ernährung, einem Gewichtsmanagement und der Reduktion der kardiovaskulären Risikofaktoren drei neue wirksame medikamentöse Therapieoptionen, welche das kardiovaskuläre und renale Risiko deutlich senken. Zusätzlich kommt es zu einer Progressionshemmung der CKD. So wurde u.a. auch aufgrund der «ESC-Guidelines 2023: Diabetes und Herz», am ERA-Kongress 2024 anlässlich der Präsentation der FLOW-Studie, eine 6-Säulen-Therapie vorgestellt (5,6):
Die bisherigen 3 Säulen bestehen aus einem ACE-Hemmer/ARB, einem Statin/±Ezetimib und Metformin. RAAS-H. sind seit Jahren der Hauptpfeiler der Therapie, um das kardiovaskuläre und renale Outcome zu verbessern (2).
ACE-H./ARB: bei Diabetes; Hypertonie (>130/80mmHg); CKD mit Albuminurie >30mg/g (A2); BD-Selbstkontrolle, 24h-BD; cave: maskierte Hypertonie; wenn mƶglich max. zugelassene Dosis. Bei Hypertonie Fixkombinationen mit CCB/Diuretika, BD <130/80 mmHg bei Proteinurie; i.R. MRA.
Ein klarer cv Benefit ist bei den Statinen nachgewiesen. Metformin hat nach einer Metaanalyse von 40 Studien bei einem T2DM und einer koronaren Herzkrankheit günstige Auswirkungen mit einer MortalitƤtssenkung von 33ā% und eine Verminderung der cv Ereignisse um 17ā% (7). Es gibt aber keine grossen Endpunktstudien.
Die neuen 3 SƤulen sind: ein SGLT2-H., ein nicht steroidaler Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist (ns-MRA) und ein GLP-1 RA (5,6). Das Ziel ist eine kardio-renale Protektion: Verringerung der kardiovaskulƤren EndorganschƤden, der MortalitƤt und eine Verlangsamung der CKD-Progression.
Daher wurde die bisherige Therapie in unserem Fall auf Grund des T2DM, der HI und der eGFR von 46ml/min/1.73m2 und der Albuminurie neu angepasst: Anstelle eines DPP-4 Hemmers wurde dieser durch einen SGLT2-H. ersetzt.
Ein SGLT2-Hemmer wird als Antidiabetikum in den verschiedenen internationalen Guidelines, auf Grund seiner kardio- und renoprotektiven Wirkungen, bei obigen Erkrankungen primƤr eingesetzt (5,6,8). SGLT2-H. bei T2DM ± Atherosklerose; HI; CKD eGFR ā„20ml/min/1.73m2; Fortsetzung SGLT2-H. bis zur Dialyse; evtl. mit Metformin sofern eGFR ā„30ml/min/1.73m2 (Dosisanpassung).
Beispielsweise konnte in der DAPA-CKD Studie der renale Endpunkt innert 2,4 Jahren um 39ā% gesenkt werden bei einer NNT von 19 (9). In der EMPA-Kidney Studie bei diabetischer (31ā%) und nicht diabetischer CKD wurde der renale Endpunkt (Abfall eGFR, end stage renal disease, renaler od. cv Tod) um 28ā% über 2 Jahre gesenkt, bei einer NNT von 28 (10). Je nach Ausgangs-eGFR kann eine Nierenersatztherapie mit einem SGLT2-H. um viele Jahre verzƶgert werden. So z.B. bei einer eGFR von 85ml/min/1.73m2 um 26.6 Jahre, bei einer eGFR von 20ml/min/1.73m2 um 5.4 Jahre (11). Nach den KDIGO Leitlinien 2024 wird bei einer CKD ein SGLT2-H. eingesetzt bei einer ACR ā„200mg/g und oder einer eGFR <45ml/min./1.73m2 (5). Auch bei nicht albuminurischen Patienten haben diese nach einer gepoolten Analyse von DECLARE-TIMI 58 und DAPA-CKD eine positive Wirkung (HR 0,54); je hƶher die Proteinurie, desto grƶsser ist der Benefit. Es kommt zu einer Halbierung des GFR-Verlustes (12). Patienten mit einem initialen GFR-Dip haben den grƶssten Benefit. In den ESC-Guidelines 2023 (6) wird der SGLT2-H. bereits bei einer eGFR <60ml/min/1.73m2 eingesetzt. Eine CKD ohne Albuminurie findet man vor allem bei einer HI. Bei einer HI wird ein SGLT2-H. unabhƤngig von der LVEF und dem HbA1c als Klasse IA-Indikation gewertet (6,13).
Finerenon, ein nicht steroidaler Mineralokortikoid-Receptor Agonist, hat heute einen sicheren Stellenwert bei einem T2DM mit CKD und einer persistierenden Albuminurie ā„300mg/g bei eGFR: >60 (A3) oder >30mg/g bei eGFR: 25ā60 ml/min/1.73m2 (A2) trotz RAAS-H., eGFR: ā„25ml/min/1.73m2. Das Serumkalium darf bei Therapiebeginn nicht ā„4,8 mmol/l betragen; engmaschige Kontrollen sind wichtig. Stopp bei ā„5,5mmol/l. Die zusƤtzliche Gabe eines SGLT2-H. wirkt hier günstig.
Finerenon verhindert eine profibrotische und proinflammatorische Genexpression und zusƤtzlich Verminderung des oxidativen Stresses und Reduktion einer Vasokonstriktion. Klinisch kommt es zu einer Abnahme einer CKD-Progression, einer Abnahme einer Proteinurie, einer BD-Senkung und einem verbesserten cv Outcome.
Die Studien FIDELIO-DKD und FIGARO-DKD zeigen eine Risikoreduktion bezüglich CKD-Progression bei weniger kardiovaskulƤren Events (14,ā15). In der FIDELITY-Studie, welche diese beiden zusammenfasst, wurde über 4 Jahre der renale Endpunkt um 23ā%, das Risiko der cv MorbiditƤt (HI-Hospitalisationen) und cv MortalitƤt um 14ā% gesenkt (16). Es kommt zu einer Reduktion der Niereninsuffizienz, dies vor allem durch einen signifikanten Abfall der Albuminurie. Bei beiden war die Wirksamkeit über ein breites eGFR-Spektrum nachweisbar. Dabei war die Sicherheit gewƤhrleistet, auch bei Personen mit einer tiefen eGFR. Finerenon ist zugelassen bei einer eGFR: >25ml/min/1.73.m2. Eine Hyperkaliamie wurde in der FIDELITY Studie in 1.7ā% nachgewiesen.
Die aktuelle FINEARTS-HF Studie bei einer HI (HFmrEF, HFpEF) mit einer LVEF ā„40ā% zeigte mit und ohne T2DM bei 6016 symptomatischen, hovhrisiko und gut behandelten Ƥlteren Patienten, teils mit CKM, mit Finerenon bis 40mg/p.d. positive kardiale Resultate mit einer Reduktion des primƤr zusammengesetzten Ergebnisses, cv Tod und Gesamtverschlechterung der HI, um 16ā% bei diesen kardio-renalen-metabolischen Patienten. Dies unabhƤngig vom HbA1c (17). Dies ist als klinisch hochrelevant einzuschƤtzen, da es bisher neben der Gabe von SGLT2-Inhibitoren keine prognoseverbessernde Medikation für Betroffene mit einer HFpEF und einer evtl. CKD gibt. Interessant ist, dass auch bei mit SGLT2-Inhibitoren vorbehandelten Studienteilnehmenden eine Ƥhnliche Risikoreduktion zu beobachten war wie bei den nicht vorbehandelten Patienten.
Das ereignisfreie Ćberleben konnte um 3.1 Jahre verlƤngert werden ā je jünger ein Patient, desto besser (18). Nach einer HI-Verschlechterung sollte die Substanz mƶglichst rasch verordnet werden. Auch war der Gesundheitszustand deutlich besser. Gleichzeitig zeigte eine Subanalyse eine signifikante Reduktion eines neuen T2DM von 25ā%, in Kombination (bei 14ā%) mit einem SGLT2-H. um 27ā% (19). Im Gegensatz zu den bisherigen MRAs hat die Substanz eine hƶhere Wirkkonzentration an Niere und Herz.
In der FINE-HEART Analyse wurden die 3 genannten Finerenon Studien gepoolt mit 18ā991 Patienten (mittleres Alter 67ā±10 Jahre, 35ā% Frauen). Es zeigte sich eine deutliche Senkung der Nierenendpunkte (HR 0.80) und der ĀHI-Hospitalisation (HR 0.83). Der cv Tod wurde nicht signifikant gesenkt (20). Aktuell lƤuft bezüglich UACR-Verbesserung auch eine Studie bei Typ1-Diabetes (FINE-One).
GLP1-RA reduzieren die arteriosklerotischen Endpunkte und das Gewicht. Indikation: bei T2DM ± Atherosklerose, CKD bei zu hohen Bz-Werten, trotz SGLT2-H./Metformin (eGFR ā„ 30āml/min/1.73m2);
GLP-1 RA eGFR >15ml/min/1.73m2, evtl. weitere Bz senkende Medikamente. Gewichtsreduktion bis 15ā%, zusƤtzliche Senkung des cv Risikos und Senkung einer Albuminurie durch GLP-1 RA. Je hƶher das atherosklerotische Risiko und je adipƶser ein Pa-tient, desto eher Gabe eines GLP1-RA (6).
Die im Sommer 2024 publizierte Flow Studie zeigte, dass Sema-glutid 1.0mg sc./Woche bei einer diabetischen CKD bei 3160 Pa-tienten mit einem RAAS-Hemmer den renalen Endpunkt hochsignifikant um 24ā% gesenkt hat mit einer NNT von 20 in 3 Jahren (21). In einer am ERA-Kongress am 24.5.2024 vorgestellten Metaanalyse von 8 Studien inkl. FLOW mit GLP1-RA bei T2DM und CKD wurde bez. Nierenendpunkt eine Risikoreduktion von 18ā% nachgewiesen.
Bei Herzkreislauferkrankungen mit Ćbergewicht resp. Adipositas ohne einen T2DM konnte mit Semaglutid 2,4mg sc./Woche die kardiovaskulƤre MortalitƤt, die nichttƶdliche Myokardinfarkt- und die Schlaganfallrate gesenkt werden ā (HR 0.80) (22). Der mittlere Gewichtsverlust betrug über 33 Monate 9.4ā%. Bei einer HFpEF mit Adipositas ohne und mit T2DM zeigen sich unter Semaglutid 2.4 mg sc./Woche ebenfalls positive Resultate mit Verringerung der HI-Symptome und der kƶrperlichen EinschrƤnkung und Verbesserung der Bewegungsfunktion bei deutlichem Gewichtsverlust von im Mittel 13.3ā% ohne T2DM resp. 9.8ā% mit T2DM. Durch die Reduktion des Fettanteils kommt es u.a. zu einer Verbesserung der Entzündung (CRP-Abfall 42 resp. 43.5ā%), des prothrombotischen und metabolischen Milieus. Auch die HƤmodynamik wird günstig beeinflusst. GI-NW traten in 9.5ā% auf (23,24).
Es gibt auch einen additiven Effekt bei der KombinationSGLT2-āH. und GLP1-RA. In einer Kohortenstudie war die Kombination aus GLP1-Rezeptor-Agonist/SGLT-2-Inhibitor im Vergleich zu beiden Arzneimittelklassen allein mit einem geringeren Risiko für schwerwiegende ĀkardiovaskulƤre Ereignisse und schwerwiegende renale Ereignisse verbunden (25). Bei Patienten mit T2DM und zumindest mƤssig erhƶhter Albuminurie hat eine Kombinationsbehandlung von SGLT2i, GLP-1 RA und ns-MRA das Potenzial relevante Verbesserungen beim kardio-vaskulƤren und renalen ereignisfreien Ćberleben und beim Gesamtüberleben zu erzielen: Mace Reduktion für schwere cv Ereignisse (HR 0.65), HI-Hospitalisationen (HR 0.45), Verlangsamung Fortschreiten CKD (HR 0.42) (26). Die besprochenen neuen Medikamente wirken positiv auf den Metabolismus, den Entzündungszustand, den oxidativen Stress, die Insulinresistenz und die vaskulƤre Dysfunktion (27, 28). In Zukunft werden noch mehrere weitere Substanzen (u.a. Tirzepatid ein dualer Agonist an GIP- und GLP-1-Rezeptoren) oder Alternativen dazu kommen. Die soeben publizierte SUMMIT-Studie ergab, dass Tirzepatid das Risiko des primƤren Endpunkts ā einer Kombination aus Tod durch kardiovaskulƤre Ursachen oder einer sich verschlimmernden HI ā im Vergleich zu Placebo um 38 % reduzierte. Der Effekt wurde durch eine Verringerung der Verschlechterung der HI (HR 0,54) angetrieben, die als solche definiert wurde, die einen Krankenhausaufenthalt oder eine dringende intravenƶse medikamentƶse Therapie erfordern. Tirzepatid hatte auch signifikante Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, die Belastungstoleranz und auf systemische Entzündungen. Diese hoch aktuelle Studie zeigt den kardiovaskulƤren Nutzen von Tirzepatid bei Patienten mit HFpEF und Adipositas (29).
Durch diese drei neuen Substanzen (ein SGLT2-H., ein ns-MRA und ein GLP-1 RA) kann beim kardio-renalen-metabolischen Syndrom eine hocheffektive, evidenzbasierte, multidisziplinƤre, personenzentrierte Therapie nach den neuen Guidelines durchgeführt werden; waren doch bisher 1/3 aller TodesfƤlle in den USA auf ein CKM-Syndrom zurückzuführen. Bei unserem Pa-tienten sind, trotz des hohen cv Risikos mit einem CKM-Syndrom Stadium 4, aktuell die Kriterien für einen GLP1-RA nicht gegeben ā gut eingestellter T2DM und BMI < 27 kg/m2.
Copyright Aerzteverlag medinfo AG
Zweitabdruck aus info@herz+gefƤss 05/2024
Dr. med. Urs N. Dürst
Zelglistrasse 17
8127 Forch
u.n.duerst@ggaweb.ch
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Das CKM-Syndrom wird als eine systemische Stƶrung definiert, die durch patho-physiologische Wechselwirkungen zwischen metabolischen Risikofaktoren, chronischer Nierenerkrankung und dem Herz-Kreislauf-System gekennzeichnet ist.
Die Kombination von SGLT2-H., GLP-1 RA und ns-MRA bietet signifikante Vorteile in Bezug auf kardiovaskulƤre und Nierenereignis-freie Ćberlebenszeit sowie Gesamtüberlebenszeit bei Patienten mit T2DM und Albuminurie.
Die Implementierung der Ā«sechs SƤulenĀ» der Therapie für T2DM und CKD ā RAAS-Blockade, Metformin, Statin und neu SGLT2-H., GLP-1 RA und ns-MRA ā wird individuell empfohlen, um signifikante Vorteile für Patienten mit hohem kardiovaskulƤrem und renalem ĀRisiko zu bieten.
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Die Alzheimer-Krankheit ist eine schwere und hƤufige Erkrankung, bei der die derzeitigen Behandlungsmethoden nur symptomatisch wirken und den Krankheitsverlauf nicht beeinflussen. Im Juli 2023 und Juli 2024 wurden Behandlungen mit monoklonalen Antikƶrpern, die auf eines der an der Pathophysiologie der Krankheit beteiligten Proteine, das ss-Amyloid, wirken, von der FDA in den USA zugelassen und werden derzeit in der Schweiz geprüft. Diese Behandlungen, die einen statistisch signifikanten klinischen Nutzen gezeigt haben, sind mit Nebenwirkungen verbunden, die durch Ćdeme oder Hirnblutungen gekennzeichnet sind und als ARIA für Amyloid Related Imaging Abnormalities bezeichnet werden. Eine strenge Auswahl der Patienten und eine sorgfƤltige Ćberwachung sind daher unerlƤsslich, um ein günstiges Nutzen-Risiko-VerhƤltnis zu erzielen.
Alzheimerās disease is a serious and common illness, and current treatments have only a symptomatic effect and have no influence on its progres- sion. In July 2023 and July 2024, monoclonal antibody treatments acting on one of the proteins involved in the pathophysiology of the disease, B-amyloid, were approved by the FDA in the United States and are currently being evaluated in Switzerland. These treatments, which have shown a statistically significant clinical benefit, are associated with side effects characterised by cerebral oedema or haemorrhage, known as ARIA for Amyloid Related Imaging Abnormalities. Careful patient selection and monitoring will therefore be essential if the benefit-risk ratio is to be favourable. Key words: Alzheimer, Anti-Amyloid, ARIA
Einführung
Die Alzheimer-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung des Gehirns und die häufigste Ursache für neuro-kognitive Störungen, die meist nach dem 65. Lebensjahr auftreten. Weltweit sind derzeit 50 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen, davon etwa 25 000 in der französischsprachigen Schweiz. Aufgrund der Alterung der Bevölkerung wird diese Zahl voraussichtlich weiter steigen, wobei bis 2050 mit 152 Millionen Patienten weltweit gerechnet wird. Die Alzheimer-Krankheit hat nicht nur Auswirkungen auf die Patienten selbst, sondern auch auf deren Familien, die Gesundheitssysteme, die psychosozialen Systeme und den Arbeitsmarkt, wobei die weltweiten Kosten auf 1 Billion US-Dollar pro Jahr geschätzt werden (1).
Zu den häufigen klinischen Erscheinungsformen der Krankheit gehören Amnesie, Sprache (primär progressive logopenische Aphasie) oder visuelle Formen (posteriore kortikale Atrophie). Diese behindernden Symptome führen zu einem fortschreitenden Verlust der Selbstständigkeit aufgrund progressiv globaler kognitiver Störungen und zu einer verkürzten Lebenserwartung. Nach der Erstbeschreibung im Jahr 1906 durch Alois Alzheimer wurde nachgewiesen, dass diese Erkrankung insbesondere durch die fortschreitende extrazelluläre Akkumulation von Beta-Amyloid-Proteinen in abnormaler Konformation und die intrazelluläre Akkumulation von Neurofibrillen aus phosphoryliertem Tau-Protein gekennzeichnet ist, was zu zellulärer Dysfunktion und neuronalem Tod führt. Die Symptome treten jedoch erst Jahre nach Beginn dieser Proteinveränderungen auf, die Synergien und Wechselwirkungen mit mikroglialer und vaskulärer Aktivität aufweisen.
Derzeit zielen die Behandlungen für die Alzheimer-Krankheit hauptsächlich darauf ab, die Symptome zu lindern. Die beiden wichtigsten Medikamentenklassen sind Anticholinesterasehemmer wie Donepezil, Galantamin und Rivastigmin, die den Acetylcholinspiegel im Gehirn erhöhen, und Memantin, das die Aktivität von Glutamat, den Neurotransmittern, die am Lernen und Gedächtnis beteiligt sind, reguliert. Diese Behandlungen bieten jedoch oft nur einen geringen Nutzen und verändern die Pathophysiologie der Krankheit nicht.
Aufgrund der HƤufigkeit und Schwere dieser Krankheit versucht die Wissenschaft seit Jahrzehnten, Behandlungen zu entwickeln, die diese Krankheit behandeln oder ihren Verlauf deutlich verlangsamen kƶnnen.
Anti-Amyloid-Behandlungen
Nach der Entdeckung der senilen Plaques und dem Vorschlag der Hypothese der Amyloidkaskade durch Hardy et al. im Jahr 1992 (2) wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, um Ā«disease-modifyingĀ»-Therapien zu entwickeln, die auf die an den Krankheitsmechanismen beteiligten Proteine abzielen. Seit den ersten vielversprechenden Ergebnissen bei MƤusen von Schenk et al. im Jahr 1999 wurden mehrere Versuche beim Menschen durchgeführt, die jedoch aufgrund von Komplikationen, ungeeigneten Zielstrukturen oder dem Fehlen pathophysiologischer Biomarker nicht erfolgreich waren. In der Folgezeit führten eine bessere Auswahl der therapeutischen Ziele, verbesserte diagnostische Methoden (insbesondere der Zugang zu Amyloid-PET und die Bestimmung von Proteinen im Liquor) und hƶhere Dosierungen zu einer schrittweisen Verbesserung der Ergebnisse, bis 2021 die erste Anti-Amyloid-Therapie, Aducanumab, zugelassen wurde (und 2024 wieder zurückgenommen wurde). Seitdem wurde 2023 ein zweites Medikament, Lecanemab, und im Juni 2024 eine weitere Behandlung, Donanemab, zugelassen. Die beiden letztgenannten Medikamente werden derzeit von den Regulierungsbehƶrden in der Schweiz geprüft. Eine Nutzen-Risiko-AbwƤgung ist für die Beratung von Patienten und die Ćberwachung von Nebenwirkungen von entscheidender Bedeutung. In diesem Artikel geben wir einen Ćberblick über die Behandlungen, die sich im Zulassungsverfahren befinden, und diskutieren die erwarteten Vorteile und die damit verbundenen Risiken.
Bei diesen Molekülen handelt es sich um menschliche monoklonale Antikörper, die zielen selektiv auf Beta-Amyloid ab und induzieren eine mikrogliale Aktivierung, die zur Phagozytose und zum Abbau des toxischen Proteins führt. Obwohl diese Moleküle auf das gleiche Protein abzielen, verleihen ihre unterschiedlichen Wirkmechanismen Aducanumab eine höhere Affinität zu Oligomeren, Lecanmab mit Protofibrillen und Donanemab mit Amyloid-Plaque.
Nach einer Phase-2-Studie mit vielversprechenden Wirksamkeitsergebnissen wurde Aducanumab in zwei randomisierten klinischen Studien der Phase 3 (ENGAGE und EMERGE) mit über 3200 Patienten in 20 LƤndern untersucht. Die Studien zeigten eine deutliche dosisabhƤngige Senkung der Amyloid- und Tau-Belastung sowie eine Verlangsamung des Rückgangs des CDR-Scores um 18ā% über 18 Monate in der EMERGE-Studie und um 15ā% über 18 Monate in der ENGAGE-Studie, wobei nur in der ersten Studie signifikante Ergebnisse erzielt wurden (3).
Ćhnliche Ergebnisse wurden in den Phase-3-Studien CLARITY-AD und TRAILBLAZER-ALZ 2 mit Lecanemab bzw. Donanemab erzielt. Die erste Studie ergab eine Verlangsamung des kognitiven Verfalls um 27ā% auf der CDR-SB-Skala nach 18 Monaten zwischen der Experimental- und der Placebogruppe, die zweite um 36ā% auf der CDR-Skala und um 41ā% beim Verlust der SelbststƤndigkeit bei den AktivitƤten des tƤglichen Lebens.
Neben der Ƥhnlichen Wirkungsweise unterscheiden sich diese Behandlungen auch in der Art der Verabreichung. Lecanemab wird zweimal im Monat intravenƶs verabreicht. Donanemab wurde einmal im Monat intravenƶs verabreicht.
Diese Studien betrafen Patienten in frühen Stadien der Krankheit (MMSE > 22/30), mit einem gemeinsamen Phänotyp (Amnesie) und mit einer Pathophysiologie der pro- uvativen Alzheimer-Krankheit (Amyloid-positiv).
Diese positiven Ergebnisse für die primären Outcomes rechtfertigten die Zulassung durch die US-Behörden. Die klinische statistische Signifikanz und der pathophysiologische Proof of Concept sind unbestreitbar. Das klinische Ausmass des beobachteten Effekts und der langfristige Nutzen bleiben jedoch angesichts des Studiendesigns und der auf 18 Monate begrenzten Dauer bei einer wenig symptomatischen Population fraglich. Die ersten gemeldeten Ergebnisse der Erweiterungsphase und die günstigen Daten zu den Biomarkern der Krankheit (Tau-Protein) deuten auf einen langfristigen krankheitsmodifizierenden Effekt hin.
Dieser biologische Effekt wurde bei mehr als 30ā% der behandelten Patienten mit klinischen und radiologischen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, die grƶsstenteils asymptomatisch waren.
Unerwünschte Wirkungen ā ARIAs
Die wichtigsten Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Anti-Amyloid-Behandlungen sind die sogenannten Ā«Amyloid Related Imaging AbnormalitiesĀ», kurz ARIAs genannt. Diese AbnormitƤten, die durch bildgebende Verfahren im Gehirn (MRT) festgestellt werden, werden durch die Behandlung zur Entfernung von Amyloid-Plaques begünstigt. Es gibt zwei Arten von ARIAs: ARIA-E, die durch vasogene Ćdeme bedingte Anomalien aufweisen, und ARIA-H, bei denen es sich um Mikroblutungen oder oberflƤchliche HƤmosiderose handelt. Obwohl die eigentliche Physiopathologie der ARIAs nicht bekannt ist, scheint die SchƤdigung der GefƤsswandintegritƤt zu Beginn der Immunisierung (in den ersten 3ā6 Monaten der Behandlung), die durch die Eliminierung der pathologischen Proteine durch die Antikƶrper verursacht wird, signifikant damit in Verbindung zu stehen.
Neben der Behandlung und einer prävalenten Amyloidangiopathie ist das Vorhandensein eines ε4/ε4-APOE-Protein-Allels der dritte Faktor, der das Risiko für ARIAs signifikant erhöht. Obwohl in den meisten Fällen asymptomatisch, können sich diese Anomalien durch ungewöhnliche Kopfschmerzen, Verwirrung oder Schwindel bemerkbar machen. In schwereren Fällen können sie zu fokalen neurologischen Zeichen, Bewusstseinsstörungen, epileptischen Anfällen oder zum Tod führen.
Seit ihrer Beschreibung in den Bapineuzumab-Studien von Sperling et al. im Jahr 2011 haben Expertenausschüsse Empfehlungen für die Nachsorge von Patienten, die mit Anti-Amyloid-Medikamenten behandelt werden, und für den Umgang mit möglichen ARIAs formuliert (4, 5).
Welche Empfehlungen zur Nutzung gibt es?
In der Schweiz werden derzeit Empfehlungen für eine angemessene Anwendung erarbeitet, die auf den Kriterien der CLARITY-Studie und den von Cummings 2023 veröffentlichten Empfehlungen basieren.
(6). Die Behandlungen werden in geeigneten Einrichtungen durchgeführt, die über das nötige Fachwissen und die technischen Voraussetzungen für die Durchführung und den Umgang mit möglichen Nebenwirkungen verfügen. Die wichtigsten Elemente, die Sie kennen sollten, sind die folgenden:
1. Auswahl der Patienten
In Frage kommen Patienten mit Alzheimer-Krankheit im Frühstadium und Amyloid-Biologie. Diejenigen mit dem hƶchsten Risiko für Behandlungskomplikationen, wie z.āB. Patienten, die Antikoagulantien einnehmen, die einen ischƤmischen Schlaganfall innerhalb eines Jahres erlitten haben, die eine schwere Leukaroidose oder eine wahrscheinliche Amyloidangiopathie haben, sowie Patienten mit schweren somatischen oder psychiatrischen KomorbiditƤten (z. B. Krebs oder instabile Organinsuffizienz) müssen entsprechend behandelt werden. Es wird geschƤtzt, dass weniger als 10ā% der Alzheimer-Patienten, die in GedƤchtniszentren behandelt werden, Zugang zu einer Behandlung haben werden (7).
2. Nachverfolgung von Patienten
Patienten unter Behandlung sollten regelmƤssig radiologisch mittels MRT überwacht werden und bei Symptomen, die auf eine ARIA hindeuten, sofort eine Bildgebung erhalten. Bei Auftreten einer leichten, asymptomatischen ARIA kann die Behandlung unter engmaschiger Ćberwachung fortgesetzt werden. In den anderen FƤllen sollte die Behandlung ausgesetzt werden, wobei eine regelmƤssige radiologische Ćberwachung erfolgen sollte, bis die Anomalien und Symptome abgeklungen sind. Bei schweren Symptomen, Rezidiven oder schweren ARIAs sollte die Behandlung gemƤss den Empfehlungen der Arbeitsgruppe ADRD Therapeutics (6) endgültig abgebrochen werden.
3. Umgang mit symptomatischen ARIAs
Bei ARIAs wird eine neurologische Beratung empfohlen, sowie gegebenenfalls eine Krankenhauseinweisung. Je nach Symptomen kann eine Behandlung mit Kortikoiden oder Antikonvulsiva in Betracht gezogen werden (6).
Schlussfolgerung
Anti-Amyloid-Therapien sind die ersten krankheitsmodifizierenden Therapien, die für die Behandlung der Alzheimer-Krankheit im Frühstadium zugelassen wurden, und bieten neue Hoffnung für diese häufige und schwere Krankheit, die Millionen von Familien auf der ganzen Welt betrifft. Trotz dieser Hoffnung sind die bislang beobachteten Vorteile in den ersten Studien jedoch relativ bescheiden und die Auswirkungen auf die Gesundheit sind noch nicht absehbar.
Die Nebenwirkungen können schwerwiegend sein. Eine sorgfältige Auswahl von Patienten mit einem günstigen Ansprechprofil und einem geringen Risiko von Nebenwirkungen sowie eine sorgfältige Nachsorge durch spezialisierte Zentren sind daher unerlässlich, um eine optimale Behandlung zu gewährleisten.
Aging affects coordination and increases the risk of falls, impacting quality of life. Advances in neuroscience suggest the importance of an active lifestyle and balance training to mitigate these effects. The increasing life expectancy and differences in postural control between the young and elderly highlight the high incidence of falls among seniors, justifying the need for tailored rehabilitation programs. Collaboration between exercise physiologists and physiotherapists at RHNe introduces novel rehabilitation approaches within the institution, leading to the establishment of a coordination training group. This interdisciplinary work combines scientific expertise and clinical application for improved care. Key words: Aging, Coordination, Fall Prevention, Rehabilitation, Interprofessional Collaboration
Wissenschaft und Gleichgewicht: Die Mobilität von Senioren neu überdenken
Auch wenn einige Forschungsarbeiten in der Vergangenheit bereits auf die altersbedingten Funktionsverluste hingewiesen hatten (1), haben die Neurowissenschaften und die kognitive Forschung hauptsächlich der letzten Jahre unser Denken über das Altern verändert, vor allem in Bezug auf Gesundheit und Lebensqualität (2). Das Ausmass dieser Verluste, wie z.B. ein schlechteres Gedächtnis, ein erhöhtes Sturzrisiko oder eine langsamere Informationsverarbeitung, kann zwar von Person zu Person variieren, aber beim Vergleich von Senioren und jungen Erwachsenen zeigen sich die Unterschiede generell (3). Ein aktiver Lebensstil, der körperliche, kognitive und soziale Anreize bietet, scheint nicht nur für die Verringerung von Funktionsverlusten und die Verbesserung der Mobilität älterer Menschen Vorteile zu bringen, sondern auch für die Aufrechterhaltung guter kognitiver Fähigkeiten (4). Die Kontrolle des Gleichgewichts hat für die Aufrechterhaltung oder Wiedererlangung eines aktiven Lebensstils entscheidende Bedeutung, erfordern ja die verschiedenen Prozesse der motorischen Kontrolle schon bei alltäglichen Aktivitäten wie Gehen oder Radfahren eine kontinuierliche Integration von multisensorischen Informationen über den Körper im Raum (5).
Prävalenz von Stürzen bei Senioren
In den entwickelten LƤndern betrƤgt die Lebenserwartung von 65-jƤhrigen Personen etwa 17 Jahre für MƤnner und 21 Jahre für Frauen. Zudem ist belegt, dass der posturale Kontrollmechanismus zwischen jungen und alten Menschen erheblich variiert (6), was die Zunahme von Stürzen bei Senioren erklƤrt. Mindestens ein Drittel der über 65-JƤhrigen erleidet mindestens einen Sturz pro Jahr (7). Diese Rate steigt mit zunehmendem Alter rapide an und erreicht Werte von 56 % in den Altersgruppen von 90 bis 99 Jahren (8). In der Schweiz zeigen Statistiken, dass Stürze die Hauptursache für TodesfƤlle und Verletzungen durch nicht-berufliche UnfƤlle sind (9). JƤhrlich verletzen sich nicht weniger als 300ā000 Menschen aufgrund von Stürzen, was mehr als die HƤlfte aller UnfƤlle zuhause ausmacht (10).
BeeintrƤchtigung der posturalen Kontrolle
Ćltere Menschen zeigen signifikante Unterschiede in ihrer posturalen Kontrolle bei der Ausführung einer Doppelaufgabe (Dual-Task, DT) (11). Dieser Unterschied ist umso ausgeprƤgter, je komplexer die Aufgabe ist (12): Es ist eine Verminderung der Leistung in Verbindung mit der konkurrierenden Aufgabe zu beobachten. In Verbindung mit dieser Verschlechterung der posturalen Kontrolle kann die Zunahme von Stürzen bei Personen über 65 Jahren durch eine SchwƤchung bestimmter altersbedingter neuromechanischer FƤhigkeiten, wie z.āB. der sensorischen Gewichtung, erklƤrt werden (13). Die nachlassende Kontrolle der sensorischen Gewichtung scheint eine wichtige Rolle bei der Zunahme von Stürzen bei Senioren zu spielen (14). Die Gründe für diese positive Korrelation zwischen der BeeintrƤchtigung der posturalen Kontrolle und dem steigenden Alter sind vielfƤltig: Die Sarkopenie, d.h. der unfreiwillige Verlust von Muskelmasse, ist eine kritische pathophysiologische Komponente der Gebrechlichkeit (15), die Verschlechterung der sensorischen FƤhigkeiten wie Sehen, Hƶren und Tasten, eine verminderte kƶrperliche Fitness, die zu einem Verlust der Muskelkraft (insbesondere der Explosivkraft) führt, eine lƤngere Immobilisierung, die Nebenwirkungen, die sich aus der Einnahme bestimmter Medikamente ergeben, und schliesslich die Angst vor dem Ā«KontrollverlustĀ» und vor der Gefahr zu stürzen (6). Ein Sturz im Alter kann schwerwiegende Folgen haben und die LebensqualitƤt einer Person drastisch beeintrƤchtigen. Daher ist es wichtig, die Ursachen und Risiken von Stürzen bei Ƥlteren Menschen zu untersuchen. Ein besseres VerstƤndnis der BeeintrƤchtigung der posturalen Kontrolle ermƶglicht, den potentiellen Verminderungen gewisser neuromechanischer FƤhigkeiten vorzubeugen und so die Betreuung der Ƥlteren Menschen zu optimieren mit dem Ziel, ihr Sturzrisiko zu verringern.
Die Auswirkungen von Gleichgewichtstraining
Im Kampf gegen die Zunahme von Stürzen bei Ƥlteren Menschen scheint Gleichgewichtstraining insbesondere bei der Verbesserung gewisser Parameter der posturalen Kontrolle (16), aber auch auf struktureller Ebene (17) von Vorteil zu sein. Ausdauernde kƶrperliche AktivitƤt kann die posturale Kontrolle verbessern (18). Mehrere Studien (19) empfehlen das Gleichgewichtstraining als wirksame Massnahme, um der natürlichen BeeintrƤchtigung bestimmter neuromechanischer und kognitiver Funktionen entgegenzuwirken (20). Die positiven Effekte, die aus dem Training und Verbessern des Gleichgewichtes resultieren, zeigten Verhaltensverbesserungen auf mehreren Ebenen, wie z.āB.: geringere Inzidenz von Stürzen (mit oder ohne medizinische Folgen), bessere RehabilitationsfƤhigkeiten, weniger Nackenschmerzen, verbesserte sensomotorische Funktionen der HalswirbelsƤule und verbesserte plyometrische Leistungen. Diese Forschungsergebnisse unterstreichen die zahlreichen Vorteile, die sich aus dem Gleichgewichtstraining bei Ƥlteren Menschen ergeben. Daher ist die Einführung solcher Programme in der Rehabilitation von grosser Bedeutung.
Umsetzung: Erfahrungen in RHNe
Einrichtung einer Therapiegruppe «Koordination»
Die Notwendigkeit, ein Gleichgewichtstraining in die Rehabilitation zu integrieren, erscheint daher unerlässlich. Aus diesem Grund und im Rahmen eines institutionellen Projekts zur Verbesserung der Rehabilitationsprozesse wurde ein proaktiver Ansatz entwickelt und geschaffen, um die Lebensqualität unserer Patienten, insbesondere der älteren Rehabilitanden, durch die Gründung einer Therapiegruppe «Koordination» zu verbessern.
Ziele
Das Hauptziel dieser Koordinationsgruppe besteht darin, die motorische Koordination zu stärken; diese Kompetenz ist für ihre täglichen Aktivitäten und zur Vermeidung von Stürzen unerlässlich. Die praktische Arbeit kann sowohl im Sitzen als auch im Stehen durchgeführt werden und ist auf vier Ziele ausgerichtet:
1. Die Patienten für die lebenswichtige Bedeutung der Koordination für ihre täglichen Aktivitäten zu sensibilisieren
2. Die Koordination in allen Bereichen zu verbessern, was insbesondere eine wirksame Prävention vor Stürzen gewährleistet
3. Einfache und reproduzierbare Ćbungen für zu Hause anzubieten, was die SelbststƤndigkeit der Patienten und die KontinuitƤt der Pflege fƶrdert
4. Die Fortschritte jedes Patienten zu beobachten und zu quantifizieren, um die Ćbungen so anzupassen, dass sie den persƶnlichen Bedürfnissen entsprechen.
Kriterien
Die Gruppe ist so konzipiert, dass sie ein breites Spek-trum an Patienten aufnehmen und ihnen ein mass-geschneidertes und individuelles Programm bieten kann. Jedoch soll die Wirksamkeit und Sicherheit der Sitzungen für alle Teilnehmer gewƤhrleistet sein, weshalb bestimmte Ausschlusskriterien zur Anwendung kommen. Dieses Programm ist ideal für diejenigen, die sich aktiv an den Ćbungen beteiligen kƶnnen, mit folgenden Ausnahmen:
1. Patienten mit schweren kognitiven Stƶrungen und einem Mini-Mental State Examination (MMS)-Wert von weniger als 15
2. Patienten mit schwerer Taubheit oder Blindheit
3. Patienten mit Verhaltensstƶrungen, die die Gruppendynamik beeintrƤchtigen kƶnnten
4. Patienten mit einer zu starken Abhängigkeit, was durch einen FIM-Wert (Functional Independence Measure)von weniger als 4 für Transfers und Fortbewegung angezeigt wird.
HƤufigkeit und Ablauf der Sitzungen
Die Sitzungen der Therapiegruppe Ā«KoordinationĀ» finden dreimal pro Woche statt. Unser Ziel war es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse so genau wie mƶglich in die klinische Praxis zu integrieren. Die Forschung legt nƤmlich eine substantielle Verbesserung der LeistungsfƤhigkeit des Gleichgewichts bei einer Frequenz von drei wƶchentlichen Sitzungen nahe (21) (Abb.ā1).
Die Sitzungen dauern 45 Minuten. Jede Gruppe besteht aus bis zu sechs Patienten, die von einem Bewegungsphysiologen oder einem Physiotherapeuten betreut werden. Die Teilnehmer der Gruppe sind dem Spital bekannte Patienten. Dies ermƶglicht eine personalisierte Auswahl der Ćbungen und erlaubt, deren Anforderungen vorauswƤhlen und so individuell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen einzugehen.
Auswahl der Ćbungen
Die Ćbungen werden aus einer Reihe von gezielten Ćbungen ausgewƤhlt, welche sich um fünf Schlüsselthemen drehen: Orientierung, Reaktion, Differenzierung, Rhythmus und Gleichgewicht (ORDER). Jedes dieser Themen bietet sechs Schwierigkeitsgrade, vom einfachsten bis zum komplexesten. Diese Abstufung ermƶglicht einen hohen Grad an Personalisierung. Einfache Ćbungen, wie das Stehen auf einer instabilen OberflƤche, oder komplexere Ćbungen, wie die Ausführung einer Doppelaufgabe (DT), ermƶglichen es, den Schwierigkeitsgrad fein auf die FƤhigkeiten des Patienten abzustimmen (Abb.ā2) und auch seinen Fortschritten anzupassen. Diese AnpassungsfƤhigkeit sorgt nicht nur für maximale Sicherheit beim Ćben, sondern erhƤlt auch das Engagement der Patienten auf hohem Niveau, was ein Schlüsselfaktor für den Erfolg eines jeden Rehabilitationsprogramms ist.
Positives Feedback
Empirische Rückmeldungen deuten auf eine gute Adhärenz der Patienten hin und betonen, dass bestimmte Aspekte der Koordination, die lange Zeit vernachlässigt wurden, wie Rhythmus oder Reaktion, wieder antrainiert werden konnten. Die Patienten erhöhten die Anzahl ihrer täglichen Bewegungen und gaben an, die Vielfalt der Bewegung zu schätzen. Physiotherapeuten, die Einzelsitzungen als Teil ihrer spezifischen Rehabilitationspfads des Patienten anboten, gaben auch positive Rückmeldungen ab über den Trainingserfolg für ihre Patienten aus der Gruppe.
Neue Kooperationen: KomplementaritƤt von Physiologe und Physiotherapeut
Die Gründung einer Koordinationsgruppe innerhalb unseres Netzwerks ergab sich aus der bereichernden Zusammenarbeit zwischen dem Bewegungsphysiologen und dem Physiotherapeuten. Dies hat eine innovative Perspektive auf das Training und die Therapie unserer Patienten eröffnet.
Der Bewegungs- oder Sportphysiologe liefert eine solide wissenschaftliche Grundlage, die die gesundheitlichen Vorteile körperlicher Aktivität hervorhebt. Sein fundiertes Wissen in den Bereichen Gleichgewicht, Ausdauer, der Biomechanik der Bewegung und der Kraft ermöglicht die Einführung innovativer Praktiken. Insbesondere für den letztgenannten Bereich und im Rahmen eines Rehabilitationszentrums bringt er wissenschaftliche Präzision in die Kraftarbeit ein. Er passt die Arbeitsbelastung individuell an die relative Maximalkraft jedes Patienten an und nutzt das gesamte Spektrum des Trainings aus, dh. gegen Widerstand, Maximalkraft, Explosivkraft.
Um den für die Patienten fixierten Therapiezielen am besten gerecht zu werden, erarbeitet der Bewegungs- oder Sportphysiologe adaptierte Protokolle, die sich auf gesicherte Daten und wirksamen und abwechslungsreichen Methoden abstützen, wie das exzentrische (22) oder Maximalkraft-Training. Die letztere Form erfordert weniger Wiederholungen, aber mit mehr Gewicht, um den Zuwachs an Kraft zu maximieren (Abb.ā3).
Wenn z.āB. das gewünschte Ziel ist, Kraft zu gewinnen, empfehlen gƤngige Protokolle 10-20 Wiederholungen mit Gewichten unter 75ā% der MaximalkapazitƤt, gefolgt von kurzen Pausen.
Für eine optimale Verbesserung der Kraft empfiehlt die Fachliteratur jedoch seit langem kraftintensivere Uebungen (> 75ā%), die aber auf 8 Wiederholungen limitiert und von lƤngeren Pausen (2ā4 Min) gefolgt sind (23).
Durch diese wissenschaftliche Expertise erfƤhrt die Verschreibungspraxis von Ćbungen einen neuen Ansatz, der sich von konventionellen Praktiken entfernt und ausgeprƤgtere physiologische Adaptationen empfiehlt. Dieser Ansatz trƤgt auch dazu bei, die Zurückhaltung von Physiotherapeuten bei der Anwendung von Kraftübungen, insbesondere mit hƶheren IntensitƤten, bei als fragil geltenden Patienten zu zerstreuen.
Parallel dazu bringt der Physiotherapeut eine ergƤnzende Dimension ein, nƤmlich einen klinischeren und funktionelleren Blickwinkel einnimmt, der direkt auf die Bedürfnisse der Patienten ausgerichtet ist. Dieses Fachwissen ermƶglicht es, die Durchführbarkeit der vorgeschlagenen Ćbungen abzuschƤtzen und so ihre Anpassung und Sicherheit für jeden Einzelnen zu gewƤhrleisten. Darüber hinaus fƶrdert die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Professionen einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem wissenschaftliche Theorie auf klinische Praxis trifft, was einen optimalen Nutzen für den Patienten ergibt.
Diese Komplementarität hat zu einer neuen Sichtweise auf die Anwendung der Bewegungswissenschaften bei einer als gebrechlich geltenden Bevölkerung geführt. Sie ermöglicht, über traditionelle therapeutische Ansätze hinauszugehen, Befürchtungen zu beseitigen und etablierte Praktiken in Frage zu stellen.
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
Die Auswirkungen des Alterns auf die Koordination und das erhƶhte Sturzrisiko beeintrƤchtigen die LebensqualitƤt.
Die Aufrechterhaltung körperlicher Aktivität unterstützt die Koordinationsfähigkeit und reduziert die negativen Auswirkungen des Alterns.
Die Zusammenarbeit zwischen Bewegungsphysiologen und Physiotherapeuten kann zur Einführung neuer Ansätze führen, die die Betreuung älterer Patienten in der Rehabilitation erheblich verbessern.
Seit 50 Jahren verƶffentlicht die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) medizin-ethische Richtlinien. Diese bieten Informationen und Orientierungshilfen für den Arbeitsalltag von Ćrztinnen, Ćrzten und weiteren Gesundheitsfachpersonen. Die meisten Richtlinien sind Teil der FMH-Standesordnung. In einer losen Serie hatte die Zeitschrift Ā«Primary and Hospital CareĀ» die Inhalte einzelner SAMW-Richtlinien anhand praktischer Beispiele vorgestellt. Teil 9 erscheint erstmals in Ā«der informierte arzt/die informierte ƤrztinĀ». Alle bisher publizierten BeitrƤge dieser Serie sind hier zu finden: www.samw.ch/richtlinien/fallbeispiele
Ein Fortbildungsangebot einer pharmazeutischen Firma an einen hausärztlichen Qualitätszirkel wirft Fragen zu möglichen Interessenkonflikten auf. Die SAMW-Richtlinien betonen, dass medizinische Entscheidungen unabhängig von finanziellen Anreizen sein müssen und transparente Rahmenbedingungen erfordern. Insbesondere Gratisproben, Honorare und luxuriöse Rahmenprogramme stehen im Spannungsfeld zwischen Wissenserweiterung und Marketinginteressen.
An offer of further training from a pharmaceutical company to a GP quality circle raises questions about possible conflicts of interest. The SAMS guidelines emphasize that medical decisions must be independent of financial incentives and require transparent framework conditions. In particular, free samples, fees and luxurious supporting programs are caught between knowledge expansion and marketing interests.
Key Words: SAMS guidelines, conflict of interest, free samples, honoraria
Aus der Praxis: Fortbildungsangebot eines Aussendienstmitarbeiters
Dr. L.M. leitet einen hausƤrztlichen QualitƤtszirkel in der Zentralschweiz. Die zehn Mitglieder dieses QualitƤtszirkels, alle im gleichen Notfallkreis tƤtig, treffen sich einmal monatlich zu einem fachlichen Austausch.
Nun ist der Aussendienstmitarbeiter der Firma X bei Dr. L.M. zu Besuch und stellt ihm ein neues hochwirksames Medikament zur Behandlung von Asthma und COPD vor. Die Wirksubstanz dieses Medikamentes sei in keiner Weise vergleichbar mit den anderen sich auf dem Markt befindlichen Substanzen für diese Indikationen. Daher müsse das Medikament mit einem eigens hierfür entwickelten Inhalator appliziert werden.
Der Aussendienstmitarbeiter macht Dr. L.M. folgendes Angebot: Speziell für die Mitglieder des QualitƤtszirkels würde der Medical Advisor der Firma X, selbst Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, im Rahmen eines nƤchsten Treffens einen Vortrag zur Thematik Asthma und COPD halten. Die Ćrztinnen und Ćrzte sowie die medizinischen Praxisassistentinnen würden auch im Gebrauch des Inhalators geschult. Anschliessend an den Vortrag würden den zehn Mitgliedern des QualitƤtszirkels kostenlos je zehn Inhalatoren und zehn Originalpackungen des neuen Medikamentes abgegeben, damit die HausƤrztinnen und -Ƥrzte persƶnliche Erfahrungen sammeln kƶnnten. Die Firma X wƤre dankbar für Rückmeldungen der HausƤrztinnen und -Ƥrzte zu drei Fragen auf einem vorbereiteten Formular. Für jede erfolgte Rückmeldung kƶnne die Firma X ein Honorar von 250 CHF ausbezahlen. Falls Bedarf für weitere Inhalatoren und Originalpackungen bestehe, kƶnnten diese den HausƤrztinnen und -Ƥrzten zu einem vorteilhaften Preis abgegeben werden. Der Aussendienstmitarbeiter würde sich freuen, die zehn HausƤrztinnen und -Ƥrzte gemeinsam mit ihren Praxisassistentinnen und dem Medical Advisor der Firma X im Anschluss an den Vortrag in das nahe gelegene, mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant zum Abendessen einzuladen.
Was sagen die SAMW-Richtlinien (1) dazu?
Medizinisches Handeln muss sich stets am Patientenwohl und den Interessen der Gesellschaft orientieren. Wenn medizinische Fachpersonen und Gesundheitsorganisationen mit der Industrie zusammenarbeiten, können Eigeninteressen und Interessenkonflikte das professionelle Verhalten beeinflussen und die Glaubwürdigkeit von medizinischen Fachpersonen sowie das in sie gesetzte Vertrauen beeinträchtigen.
GemƤss Definition besteht ein Interessenkonflikt aus Āverschiedenen UmstƤnden, von denen insgesamt ein bedeutsames Risiko ausgeht, dass SekundƤrinteressen das Āprofessionelle Urteilsvermƶgen im VerhƤltnis zu PrimƤrinteressen unangemessen beeinflussen (2).
Die Zusammenarbeit von medizinischen Fachpersonen und der Industrie wird durch diverse rechtliche Bestimmungen geregelt. Hervorzuheben sind u.a. das Heilmittelgesetz (HMG), das Krankenversicherungsgesetz (KVG), die Verordnung über Integrität und Transparenz im Heilmittelbereich (VITH) und die Arzneimittel-Werbeverordnung. Die Fachpersonen sind verpflichtet, die Regelungen einzuhalten. Die SAMW-Richtlinien ergänzen und konkretisieren die Bestimmungen.
In den SAMW-Richtlinien werden Handlungsprinzipien dargelegt, die dazu dienen
ā Interessenkonflikte zu erkennen,
ā Interessenkonflikte zu vermeiden, sowie
ā transparent und proaktiv mit Interessenkonflikten umzugehen.
Besonders hervorgehoben seien an dieser Stelle die folgenden Prinzipien, die in den Richtlinien erläutert werden: Trennungsprinzip: Medizinisches Handeln muss den Patienten gegenüber unbeeinflusst sein von angebotenen, versprochenen oder erhaltenen Leistungen oder Vorteilen. Die entsprechenden Vorgänge und Entscheidungen sind klar voneinander zu trennen.
Transparenzprinzip: Interessenbindungen und damit verbundene mƶgliche Interessenkonflikte sind offenzulegen. Geldwerte Leistungen oder Vorteile sollen dargelegt und der Umfang der erhaltenen geldwerten Leistungen soll zugƤnglich sein.
Ćquivalenzprinzip: Interessenkonflikte sollen mƶglichst vermieden werden. Um Interessenkonflikte gar nicht entstehen zu lassen, müssen Leistungen und Gegenleistungen in einem angemessenen VerhƤltnis zueinander stehen. Bei der Bemessung des Werts der Gegenleistung ist zudem zu berücksichtigen, ob diese bereits durch anderweitige gesetzliche Leistungen vergütet wird.
Die Richtlinien leiten zu einer selbstkritischen Reflexion über Abhängigkeiten und Eigeninteressen an. Zudem empfehlen sie, bei Vorliegen von möglichen Interessenkonflikten Verträge mit der Industrie immer von je zwei Personen pro Institution unterzeichnen zu lassen. Vereinbarungen über die Gewährung von geldwerten Leistungen und Vorteilen sind schriftlich festzuhalten und Geschenke resp. Vorteile von bescheidenem Wert (maximal 300 CHF/Jahr) dürfen nur angenommen werden, wenn das Geschenk resp. der Vorteil in Zusammenhang mit der Berufsausübung steht, für die medizinische Praxis von Belang ist und den Patientinnen und Patienten zugutekommt.
Professionelle Integrität im Zusammenhang mit der Unterstützung von Aus-, Weiter- und Fortbildungsaktivitäten bedeutet, dass
ā Ausbildungsinhalte und Referentinnen unabhƤngig von den unterstützenden Organisationen gewƤhlt werden;
ā Fachthemen objektiv und gestützt auf wissenschaftliche Kriterien behandelt werden;
ā die Zusammenarbeit mit der Industrie schriftlich geregelt wird;
ā die Unterstützung durch die Industrie auch von den Veranstaltenden offengelegt wird und
ā FortbildungsanlƤsse von mehreren Firmen unterstützt werden (Multisponsoring).
Bedeutung der Richtlinien für den hausärztlichen Qualitätszirkel
In der oben geschilderten Situation ist es entscheidend, dass die Interessenkonflikte erkannt werden: Es besteht eine nicht zu unterschƤtzende Gefahr, dass das PrimƤrinteresse ā im vorliegenden Fall die Erhaltung und Fƶrderung der Gesundheit der Menschen mit Asthma und COPD nach den WZW-Kriterien gemƤss Art. 32 KVG ā durch SekundƤrinteresse beeinflusst wird. Im vorliegenden Fall durch die Abgabe von Gratispackungen des Medikaments und den geldwerten Leistungen des Honorars für das Ausfüllen des Fragebogens und das Abendessen. Der Erhalt von 250 CHF pro ausgefülltem Fragebogen mit insgesamt drei Fragen sowie das Abendessen im Nobelrestaurant stehen nicht in einem angemessenen VerhƤltnis zur Leistung der Ćrztin oder des Arztes, womit das Ćquivalenzprinzip verletzt ist. GemƤss den SAMW-Richtlinien handelt es sich bei dem angebotenen Abendessen um ein sogenanntes Rahmenprogramm, dessen Finanzierung durch eine pharmazeutische Firma nicht zulƤssig ist. Nicht problematisch erscheint mit Blick auf den Patientennutzen die Vermittlung von Informationen zur korrekten Handhabung des Inhalators.
Es muss allerdings davon ausgegangen werden, dass die hausärztlichen Erfahrungsberichte kaum wissenschaftlichem oder praktisch-medizinischem Erkenntnisgewinn dienen, sondern den Marketing-Interessen der Firma X. Auch wenn der Medical Advisor der Firma X Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie ist, muss davon ausgegangen werden, dass er in seiner Rolle als Medical Advisor bei der Firma X nicht neutral ist und damit als Referent nicht in Frage kommt.
Schlussfolgerungen
Die Richtlinien halten fest, dass die Zusammenarbeit von Ćrztinnen und Ćrzten mit der Industrie seit Langem etabliert ist. Sie liegt grundsƤtzlich im Interesse einer guten Gesundheitsversorgung und trƤgt zur Mehrung des Wissens, zur Entwicklung neuer und Verbesserung bestehender Therapien und insgesamt zum medizinischen Fortschritt bei. Gleichzeitig kann sie AbhƤngigkeiten mit sich bringen und zu Interessenkonflikten führen.
Die Richtlinien wenden sich an medizinische Fachpersonen und dabei insbesondere an Ćrztinnen und Ćrzte, nicht an die Industrie. Denn es ist nicht die Aufgabe der pharmazeutischen Firma, sondern der im vorliegenden Beispiel genannten Gesundheitsfachpersonen, Interessenkonflikte zu erkennen und den oben geschilderten Handlungsprinzipien gerecht zu werden. Allerdings sollte die Firma die Vorschriften des Verhaltenskodex der pharmazeutischen Industrie in der Schweiz einhalten.
Grundsätzlich ist es denkbar, als Ergänzung der interkollegialen Qualitätszirkelarbeit eine Referentin oder einen Referenten für ein spezifisches Fachgebiet einzuladen. Diese Person darf aber in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu den pharmazeutischen Firmen stehen, deren Produkte im Vortrag vorgestellt werden. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Abhängigkeiten oder Interessenkonflikte der Fachperson, sondern z. B. auch um die Unterstützung eines Forschungsvorhabens durch eine Firma.
Sollte sich eine pharmazeutische Firma an sogenannten Praxiserfahrungsberichten für bereits zugelassene Arzneimittel interessiert zeigen, gilt es, dieses Anliegen sehr kritisch zu prüfen. In den Richtlinien der SAMW ist klar festgehalten, dass Studien nach Marktzulassung von Arzneimitteln respektive Nutzerbewertungen von Produkten eine wissenschaftlich relevante Fragestellung untersuchen müssen. Es ist grundsätzlich zulässig, dass die Evaluationsprodukte im Austausch gegen eine Nutzerbewertung zur Verfügung gestellt werden. Medizinische Fachpersonen dürfen allerdings durch das Bereitstellen von Evaluationsprodukten und zugehörigen Leistungen nicht unangemessen abgegolten und/oder ermutigt werden, die Produkte oder Leistungen einzukaufen, zu empfehlen, zu verschreiben oder anzuwenden.
Dr. L.M., der Leiter des QualitƤtszirkels in der Innerschweiz, sowie seine hausƤrztlich tƤtigen Kolleginnen und Kollegen tragen den SAMW-Richtlinien dann Rechnung, wenn sie
ā eine ihnen aus der tƤglichen Arbeit vertraute unabhƤngige Fachperson für den Vortrag einladen;
ā das Anliegen der Firma X bezüglich Praxiserfahrungsberichten kritisch bewerten und eine Zusammenarbeit nur dann zusichern, wenn der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn durch die Praxiserfahrungsberichte im Vordergrund steht;
ā für die Praxiserfahrungsberichte hƶchstens ein Honorar annehmen, das in angemessenem VerhƤltnis zu ihrem Aufwand steht;
ā sich bewusst sind, dass Musterpackungen ein Mittel der Arzneimittelwerbung sind und das professionelle Verhalten beeinflussen kƶnnen;
ā sie diese Packungen im Sinne von Art. 9 VITH nicht verkaufen;
ā hƶchstens ein bescheidenes bezahltes Abendessen annehmen, dessen Sponsoring durch mehrere Firmen erfolgt und die Firmen zugleich keinerlei Einfluss auf Referentinnen und Referenten sowie Fortbildungsinhalte nehmen.
Letztlich lohnt sich in diesem Zusammenhang auch ein Blick auf die Webseite der Initiative unbestechlicher
Ćrztinnen und Ćrzte in Deutschland (https://mezis.de).
Copyright Aerzteverlag medinfo AG
Bianca Schaffert-Witvliet
APN, Spital Limmattal Schlieren und VizeprƤsidentin der ZEK der SAMW
lic. theol., dipl. biol. Sibylle Ackermann
Leiterin Ressort Ethik der SAMW und Mitglied der ZEK der SAMW
Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
1. Zusammenarbeit von medizinischen Fachpersonen mit der Industrie. Medizin-ethische Richtlinien der SAMW. 2022,
vgl. www.samw.ch/zusammenarbeit-industrie
2. Emanuel EJ, Thompson DF: The Concept of Conflicts of Interest. In: The Oxford Textbook of Clinical Research Ethics. edn. Edited by Emanuel EJ, Grady C, Crouch RA, Lie RK, Miller FG, Wendler D. Oxford: Oxford University Press; 2008: 758ā66.