Osteoporose beim Mann

Die Osteoporose wird beim Mann unterschätzt. 1 auf 5 Männer besitzen ein erhöhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. FRAX® ermittelt auch beim Mann die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur («major fracture»). Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Bei hohem Frakturrisiko sind die Präparate der ersten Wahl orale Bisphosphonate, die der zweiten Wahl Denosumab oder Zoledronat. Bei Patienten mit Hypogonadismus muss immer auch eine zusätzliche Testosteronsubstitution erwogen werden. Die Früherkennung ist vor allem Aufgabe der Grund­versorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei sexualmedizinischen Beratungen auch an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko des Partners denken.

In men, osteoporosis is still underestimated. One in five men possesses an increased risk for osteoporotic fractures. Also in men, determination of BMD by DXA is still the gold standard for the diagnosis of osteoporosis. FRAXĀ® calculates fracture probability from easily obtainable clinical risk factors also in men. Its output is the 10-year probability of a major fracture. Because there is no network for early detection of male osteoporosis, the medications available for the reduction of fragility fractures are used in man only rarely and often late. In men with a high fracture risk, the first-line preparations are oral bisphosphonates, the second-line preparations denosumab or zoledronate. In patients with hypogonadism, an additional testosterone substitution has always to be evaluated. Early detection is mainly the task of the general practitioners and the urologists. But gynaecologists should always think of the possibility of male hypogonadism with consecutive osteoporosis in the partners of their female patients consulting for infertility, menopause or sexual problems.
Key words: Osteoporosis – Man – Hypogonadism – Therapy – Testosterone

I. Einleitung

Die Osteoporose ist die hƤufigste Knochenerkrankung. Weltweit tritt alle 3 Sekunden eine osteoporotische Fraktur ein. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen darunter, davon waren 4.2 Mio. MƤnner. Die Osteoporose beim Mann wird immer noch stark unterschƤtzt, unterdiagnostiziert und untertherapiert (1–5), obwohl das Lebenszeitrisiko einer osteoporotischen Fraktur bei einem 50-jƤhrigen Mann 13–25 % betrƤgt (Tab. 1). Ƅrzt/-innen, die Paare mit Sexualproblemen und menopausale Frauen betreuen, sollen dafür sensibilisiert sein, denn sie haben am ehesten die Gelegenheit, deren mƤnnliche Partner einer rechtzeitigen AbklƤrung zuzuführen. Zum Beispiel, wenn sie in Rahmen von Eheproblemen auf Symptome treffen, die mit einem mƤnnlichen Hypogonadismus vereinbar sind.

Diese Übersicht für Nichtspezialisten soll grundlegende Hinweise zu Erkennung und Abklärung bei Verdacht auf Osteoporose und zum Vorgehen bei erhöhtem Risiko für Fragilitätsfrakturen bei Männern geben.

II. Definition der Osteoporose gemäss WHO (World Health Organization) und IOF ­(International Osteoporosis Foundation)

Die Osteoporose ist eine systemische Skeletterkrankung, die durch eine niedrige Knochenmasse und einen mikroarchitektonischen Abbau des Knochengewebes charakterisiert ist. Daraus resultiert eine suboptimale Knochenstruktur und eine schlechte Knochenqualität mit konsekutiver Zunahme der Knochenfragilität und Frakturanfälligkeit. Osteoporose führt zu einer Schwächung des Skeletts und einem erhöhten Frakturrisiko (1).

Die IOF fügt bei, dass die Osteoporose ein Zustand mit hoher oft vernachlässigter Prävalenz ist und primär Frauen betrifft, und dass eine relative Unsicherheit zu dieser Krankheit beim Mann besteht, so dass Männer unterdiagnostiziert und unterbehandelt werden (1).

III. Epidemiologie von FragilitƤtsfrakturen (1–4)

Bei über 59-jƤhrigen MƤnnern wird die PrƤvalenz der Osteoporose auf 7 % geschƤtzt, bei über 50-jƤhrigen Frauen auf 23 %.
Beim Mann steigt das Frakturrisiko erst ab dem Alter von 75 Jahren signifikant an, also rund 10 Jahre spƤter als bei Frauen. MƤnner besitzen dickere Knochen mit massiveren Strukturen. Ihre Peak Bone Mass (PMB; maximale erreichte Knochenmasse) ist grƶsser als diejenige der Frau. Beide Vorteile senken das Risiko einer FragilitƤtsfraktur. Zudem erfolgt die Abnahme der Konzentration der Sexualsteroide und damit die VerƤnderungen im kennt keinen der Menopause vergleichbaren abrupten Funktionsabfall der Gonadenachse mit konsekutiver rascher Abnahme der Bone Mineral Density (BMD).

1 auf 3 Frauen und 1 auf 5 MƤnner besitzen ein erhƶhtes Risiko für eine osteoporotische Fraktur. 68 % betreffen Frauen, 22 % MƤnner. Die PrƤvalenz von Vorderarmfrakturen ist bei Frauen im Alter von 50 Jahren ungefƤhr viermal hƶher als bei MƤnnern (0.4 % versus 0.1 % der Risikopopulation) mit einer Risiko-Ratio von 4.5 zwischen den Geschlechtern (6).

Die HƤufigkeit einer Schenkelhalsfraktur ist mit 70 % bei Frauen grƶsser als bei MƤnnern mit 30 % (6), allerdings vermindert sich dieser Unterschied mit zunehmendem Alter. In der Dubbo Osteoporosis Epidemiology Study (7) lag bei Schenkelhalsfrakturen das VerhƤltnis der Inzidenzrate zwischen MƤnnern und Frauen im Alter von 60–69 Jahren bei 1 : 4.5 (95 % CI 1.3–15.7), im Alter von 70–79 Jahren bei 1 : 1.5 (95 % CI 0.9–2.5), und im Alter ≄ 80 Jahren bei 1:1.19 (95 % CI 1.2–2.8).

Andererseits haben MƤnner nach Schenkelhalsfrakturen eine hƶhere MortalitƤt als Frauen (8, 9), vermutlich wegen einer erhƶhte Ko-MorbiditƤt und einer hƶheren Infektionsrate. Bei hospitalisierten Ƥlteren Patienten (≄ 60 Jahre alt) betrug die MortalitƤt nach einer Schenkelhalsfraktur bei MƤnnern 10.2 % gegenüber 4.7 % bei Frauen, die 1-JahresmortalitƤt 37.5 % bei MƤnnern gegenüber 28.2 % bei Frauen (mediane Aufenthaltsdauer der Überlebenden 8 Tage [interquartiler Bereich 6–13 Tage]). Das erhƶhte mƤnnliche Risiko kann für mehr als 10 Jahre fortbestehen.

IV. Osteoporose als Folge von Ā­Hypogonadismus

Der mƤnnliche Hypogonadismus mit seiner Abnahme der Testosteronproduktion hat eine Erhƶhung des Knochenstoffwechsels zur Folge. Dies führt wiederum über den vermehrtem Knochenabbau zu einem erhƶhten Frakturrisiko (10, 11). Doch hat auch beim Mann nicht nur Testosteron, sondern auch Ɩstradiol einen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel (12). Ɩstradiol wird aus Testosteron aromatisiert und korreliert mit diesem direkt. Den hauptsƤchlichen protektiven Effekt auf den Knochen scheint Ɩstradiol zu besitzen. Jede Abnahme des Testosterons führt somit auch zu einer Senkung von Ɩstradiol und damit zu einer SchwƤchung seines protektiven Effekts bei beschleunigtem Knochenabbau (10–11).

Das Erkennen eines Hypogonadismus ist beim Mann nicht immer offensichtlich. Die Diagnose folgt oftmals einer Vielzahl von klinischen Zeichen (Tab. 2), die jeweils einzeln oder in Kombination auftreten, aber zum Teil auch fehlen können (13). Für das Erkennen eines Hypogonadismus im Rahmen einer Osteoporoseabklärung ist die Beurteilung der klinischen Bedeutung der jeweiligen Symptome zentral (z.B. Rückenschmerzen oder Kyphose).

Eine Subgruppe des Hypogonadismus stellt die iatrogene Gonadensuppression dar, insbesondere bei MƤnnern mit Prostatakarzinom (14–16). Früher die Kastration, heute die in der Regel medikamentƶse Testosteronsuppression induziert gezielt einen supraphysiologischen Testosteronabfall auf das Kastrationsniveau. Ein solcher rapider und subtotaler Testosteronverlust führt zu einem Verlust an Knochendichte im peripheren und zentralen Skelett und zu erhƶhter Frakturneigung. Aufgrund der Schwere des induzierten Hypogonadismus bedürfen betroffene MƤnner eines besonderen Augenmerks hinsichtlich der Einleitung einer Osteoporose-Prophylaxe oder -Therapie im Rahmen regelmƤssiger Nachsorgeuntersuchungen (16).

Die gleiche Problematik besteht bei der Suppression der Gonadenachse im Rahmen der Gender-Medizin.

V. Erkennung und Diagnose der Osteoporose beim Mann

V.1 Klinische Untersuchung

Zuerst müssen in einer gezielten Anamnese die Risikofaktoren für Osteoporose und Fragilitätsfrakturen herausgearbeitet werden (Tab. 3). Die klassischen Zeichen und Symptome einer Osteoporose sind in (Tab. 4) zusammengefasst.

V.2 Osteodensitometrie mittels DXA

WƤhrend die konventionelle Radiologie zur Frakturerkennung dient, bleibt die Knochendichtemessung mittels DXA auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose (Tab. 5). Die BMD erlaubt es, die Osteoporose zu definieren, aber sie ist nur einer der Risikofaktoren für eine FragilitƤtsfraktur. Sie gilt als spezifischer Marker für ein hohes Frakturrisiko, doch ist ihre SensitivitƤt gering. Personen mit einer niedrigen BMD besitzen individuell ein hohes Frakturrisiko. Allerdings tritt die Mehrzahl aller Frakturen in einer Population mit einem T-Score oberhalb der Schwelle von āˆ’2.5 ein (17). Diese Population besitzt individuell betrachtet ein niedrigeres Frakturrisiko, aber sie schliesst viel mehr Personen ein als die osteoporotische Gruppe mit einem T-Score von < 2.5.

V.3 FRAXĀ®

FRAX® ist ein erstmals 2008 publizierter Computer-basierter Algorithmus (18, 19). Er ist auf den Einsatz in der ärztlichen Grundversorgung ausgerichtet und berechnet bei Männern und Frauen die Probabilität einer Fraktur über einfach erhältliche klinische Risikofaktoren. FRAX® ermittelt die 10-Jahres-Probabilität einer schweren Fraktur (= major fracture; Schenkelhals, Wirbelsäule (klinisch), Oberarm, Handgelenk). Die Wahrscheinlichkeit berechnet sich aus dem Risiko für Fraktur und Tod in Bezug auf Alter, BMI und einfache dichotome Risikofaktoren wie frühere Fragilitätsfrakturen, Anamnese von Schenkelhalsfrakturen bei den Eltern, aktuelles Zigarettenrauchen, Langzeitanwendung von Glucocorticoiden, rheumatoider Arthritis, anderer Ursachen einer sekundären Osteoporose und Alkohol-Abusus.

Optional kann die BMD am Schenkelhals bei der Berechnung von FRAXĀ® eingeschlossen werden. Dadurch wird die Voraussage des Frakturrisikos verbessert.

V.4. Laboruntersuchungen

Laboruntersuchungen werden vor allem zur Abklärung einer sekundären Osteoporose benötigt und sind nicht Thema dieser Übersicht.

VI. PrƤvention und Therapie

VI.1. Allg. PrƤvention: ausgewogenen ErnƤhrung, Supplemente (20)
Bei Männern mit Osteoporose ist eine ausgewogene Ernährung ein absolutes «must». Für beide Geschlechter dürfen die gleichen Richtlinien verwendet werden.

Wichtig ist eine adäquate Eiweisszufuhr. Bei Risikopatienten scheint ein höherer Proteinkonsum als die übliche für Gesunde empfohlene tägliche Menge die Knochenqualität zu verbessern (21, 22).

Als Grundregel sollten pro Tag 800–1200 mg Calzium über die normale ErnƤhrung aufgenommen werden. Die Gabe eines Calzium-Supplements muss dann erwogen werden, wenn die tƤgliche Aufnahme unter 800 mg liegt. Eine Supplementation mit Vit D (in der Regel 800 IU) macht für jüngere MƤnner nur bei erhƶhtem Frakturrisiko oder zu niedrigen Vitamin D Spiegel Sinn. Hingegen sollten MƤnner über 65 Jahren generell Supplemente von Calcium und Vit D erhalten (5, 17) (starke Empfehlung nach 17).

VI.2. SturzprƤvention

Eine neue systematische Übersicht (23) zur Evidenz des Nutzens von kƶrperlichem Training zur Sturzprophylaxe kommt unter Einbezug einer Cochrane Analyse (24) zum Schluss, dass Training das Sturzrisiko um 23 % senkt.
Der Effekt von Stürzen auf das Frakturrisiko ist in FRAX®-plus als Option zur Verbesserung der 10-Jahres Wahrscheinlichkeit einer Fraktur aufgenommen worden (17). In FRAX®-plus wird die Anzahl der eingetretenen Stürze im letzten Jahr angegeben (0, 1, 2 und 3 oder mehr Stürze).

VI.3. Interventionsschwelle

Beim Mann liegen deutlich weniger Daten zur Berechnung und Definition der Interventionsschwelle für eine Therapie vor als bei der Frau. Die Endocrine Society empfiehlt bei Männern mit hohem Frakturrisiko, eine Behandlung vor allem unter folgenden Voraussetzungen einzuleiten (25):
– Anamnese einer FragilitƤtsfraktur von Schenkelhals oder WirbelsƤule
– (Europa) BMD ≤ 2.5 Standardabweichungen unter dem Mittelwert für normale junge weisse MƤnner (benützen von weissen jungen MƤnnern als Referenzpopulation)
– (USA) solche mit einer BMD innerhalb des osteopenischen Bereichs und einem 20 % 10-Jahresrisikos einer schweren osteoporotischen Fraktur oder einem 10 % Risiko einer Schenkelhalsfraktur.

Die heute verfügbare Evidenz stützt den Gebrauch einer gemeinsamen Interventionsschwelle (T-Score-Schwellenwert) und die Verwendung des weiblichen NHANES Referenz-Bereichs auch für MƤnner (17, 25). Die in der Schweiz für MƤnner zu empfehlende Interventionsschwelle zeigt (Abb. 1).

VI.4. Medikamentƶse Therapie

Die erste Wahl zur Behandlung der Osteoporose ist bei MƤnnern mit erhƶhtem Frakturrisiko und überschrittener Interventionsschwelle (Abb. 1) die medikamentƶse Therapie. Das gleiche gilt für alle MƤnner mit einer vorbestehenden FragilitƤtsfraktur (starke Empfehlung, nach 17). Die Palette der zur Verfügung stehenden PrƤparate ist die gleiche wie bei der Frau: die Antiresorptiva Bisphosphonate, Denosumab, Romosozumab, und die Anabolica Teriparatid und Abaloparatid. Die PrƤparate der ersten Wahl bei MƤnnern mit hohem Frakturrisiko sind orale Bisphosphonate (Alendronat oder Risedronat) (starke Empfehlung, 17), zu denjenigen der zweiten Wahl gehƶren Denosumab oder Zoledronat (starke Empfehlung, 17). Gestützt auf die verfügbaren BMD-Daten gilt Abaloparatid international als Therapie der ersten Wahl für MƤnner mit Osteoporose und einem sehr hohen osteoporotischen Frakturrisiko (schwache Empfehlung, 17). In der Schweiz ist Abaloparatid seit dem 07.03.2024 zugelassen, doch erst für die postmenopausale Frau. (Abb. 2) zeigt die Wirksamkeit der verschiedenen therapeutischen Mƶglichkeiten nach dem Modell von Fuggle et al. (17).

MƤnnern mit sehr hohem Frakturrisiko muss eine sequentielle Behandlung (27) empfohlen werden. Diese wird mit einem knochenbildenden PrƤparat begonnen, gefolgt von einer antiresorptiven Substanz (starke Empfehlung nach 17).

Die Durchführung der medikamentösen Therapie gehört auch beim Mann in die Hände des Spezialisten. Zur Sicherstellung einer wirksamen Senkung des Frakturrisikos soll auch bei hypogonaden Männern eine medikamentöse Osteoporosetherapie eingesetzt werden, unabhängig von einer Testosteron-Substitution (17).

VI.5. Substitution mit Testosteron

Der Nutzen einer Testosteronsubstitution auf das Skelett wird kontrovers diskutiert (114). Frakturdaten fehlen. Eine positive Wirkung ist bisher bei einer hypogonaden Population einzig auf die BMD der LWS und des Schenkelhalses erwiesen (28–30).

Doch ist eine zur medikamentƶsen Therapie zusƤtzliche Testosteronsubstitution bei Hypogonadismus indiziert. Der Entscheid muss unter Einbezug eines Endokrinologen ganzheitlich gefƤllt werden. Zu den Entscheidungskriterien gehƶren die Symptome des mƤnnlichen Hypogonadismus inklusive Sexualfunktion, das kardiovaskulƤre System und der freie oder totale Testosteronwert im Serum.

Bisher wurde beim Ƥlteren Mann unter einer physiologisch dosierten Testosterongabe kein Anstieg des kontrovers diskutierten kardiovaskulƤren Risikos nachgewiesen (31). Die bisherigen RCTs weisen trotz zu geringer Power auf den gleichen Schluss hin. Eine klare Antwort zum kardiovaskulƤren Risiko kƶnnte die noch laufende TRAVERSE-Studie geben, in der bei MƤnnern mit hypogonaden Symptomen, niedrigen Serum-Testosteronwerten und hohem kardiovaskulƤrem Risiko Testosteron gegen Placebo getestet wurde (31, 32). Der primƤre Endpunkt der TRAVERSE-Studie ist die kardiovaskulƤre Sicherheit.

VII. Schlussfolgerung

Die Osteoporose ist beim Mann unterschätzt und bleibt ein medizinisches und gesundheitspolitisches Sorgenkind. Da es noch kein Netz zur Früherkennung der männlichen Osteoporose gibt, werden die vorhandenen zur Senkung des Frakturrisikos wirksamen Medikamente beim Mann zu wenig und oft zu spät eingesetzt. Der Goldstandard zur Diagnose der Osteoporose ist auch beim Mann die Messung der BMD mittels DXA. Die First-Line Präparate sind bei hohem Frakturrisiko orale Bisphosphonate, die Second-Line-Präparate Denosumab oder Zoledronat. Bei hypogonaden Patienten muss gleichzeitig eine Testosteronsubstitution erwogen werden.

Die Früherkennung ist Aufgabe der Grundversorger und der Urologen. Gynäkologen sollten in Kinderwunsch- und Menopause-Sprechstunden sowie bei einer sexualmedizinischen Beratung beim männlichen Partner vermehrt an einen Hypogonadismus mit erhöhtem Osteoporoserisiko denken.

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PD Dr. med. FrƩdƩric D. BirkhƤuser

– Urologie St. Anna
St. Anna-Strasse 32
6006 Luzern
– Senior Consultant
Klinik für Urologie
UniversitƤtsspital Basel

frederic.birkhaeuser@hin.ch

Prof. em. Dr. med. Martin BirkhƤuser

Gartenstrasse 67
4052 Basel

martin.birkhaeuser@bluewin.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Osteoporose wird beim Mann unterschƤtzt. 2015 litten in der EU 20 Mio. Menschen an Osteoporose, davon waren 4.2 Mio. MƤnner.
  • Gesunde ErnƤhrung mit genügend Proteinen und Ca ist essentiell.
  • MƤnner über 65 Jahren sollten generell Supplemente von Calcium und Vitamin D erhalten. Sturzprophylaxe empfehlen!
  • Die Knochendichtemessung mittels DXA ist auch beim Mann der Goldstandard zur Diagnose einer Osteoporose.
  • FRAXĀ® eignet sich auch beim Mann zur Ermittlung des 10-Jahres-Frakturrisikos. Die Evidenz stützt eine gemeinsame Interventionsschwelle für Frau und Mann.
  • Wird die Interventionsschwelle überschritten oder liegt eine vorbestehende FragilitƤtsfraktur vor, so muss eine medikamentƶse Therapie eingeleitet werden.
  • Bei Hypogonadismus und niedrigen Serum-Testosteronwerten muss unabhƤngig von der medikamentƶsen Osteoporosetherapie eine Testosteron-Substitution erwogen werden.

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MigrƤne in der Frauenheilkunde: Einblicke und therapeutische AnsƤtze

MigrƤne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die Frauen im reproduktiven Alter besonders hƤufig betrifft. Hormonelle Schwankungen, insbesondere im Zusammenhang mit Ɩstrogen und Progesteron, spielen eine zentrale Rolle in der MigrƤneentstehung und beeinflussen die HƤufigkeit und IntensitƤt der AnfƤlle. Dr. Susanne Fasler stellte beim 27. Kongress für praktische GynƤkologie und Geburtshilfe in NƤfels aktuelle Erkenntnisse zur hormonellen MigrƤne und zu therapeutischen Mƶglichkeiten vor. Der Bericht beleuchtet den Einfluss hormoneller VerƤnderungen auf das MigrƤnegeschehen und gibt einen Überblick über prƤventive sowie therapeutische AnsƤtze.

Epidemiologie und hormonelle Faktoren

Dr. med. Susanne Fasler

MigrƤne ist weltweit eine der hƤufigsten Kopfschmerzerkrankungen und betrifft Frauen etwa dreimal so hƤufig wie MƤnner. Dieser Unterschied wird primƤr auf hormonelle Einflüsse zurückgeführt, da die MigrƤneprƤvalenz wƤhrend der Kindheit noch Ƥhnlich ist. Mit Beginn der PubertƤt steigt sie jedoch bei MƤdchen deutlich an und bleibt bis zur Menopause erhƶht. Studien zeigen, dass hormonelle Schwankungen, insbesondere VerƤnderungen des Ɩstrogen- und Progesteronspiegels, MigrƤneauslƶser sein kƶnnen. WƤhrend die MigrƤneprƤvalenz in der Schwangerschaft hƤufig abnimmt, steigt sie in der Perimenopause hƤufig erneut an. Auch bei der Einnahme hormoneller Kontrazeptiva und wƤhrend einer Hormonersatztherapie (HRT) kƶnnen sich MigrƤneanfƤlle verƤndern.

Das trigeminusvaskulƤre System

Ein zentrales Thema war das trigeminusvaskuläre System, das eine Schlüsselrolle in der Migränepathophysiologie spielt. Dieses System umfasst den Nervus trigeminus, der die Schmerzempfindlichkeit des Gesichts und des Kopfes reguliert, sowie vaskuläre Komponenten, die an der Migräneentstehung beteiligt sind. Besonders relevant ist das Neuropeptid Calcitonin-Gene-Related Peptide (CGRP), das während Migräneattacken verstärkt ausgeschüttet wird und eine Dilatation der Blutgefässe sowie eine Entzündungsreaktion hervorruft. Oxytocin, ein weiteres Hormon, das u. a. soziale Interaktionen und Schmerzempfinden moduliert, zeigt im Trigeminusganglion eine hemmende Wirkung auf die CGRP-Ausschüttung. Dieser Mechanismus eröffnet neue therapeutische Ansätze zur gezielten Migränebehandlung.

Hormonelle Einflüsse auf die Migräne

Ɩstrogen ist einer der Hauptfaktoren, der den MigrƤneverlauf bei Frauen beeinflusst. WƤhrend des Zyklus sinkt der Ɩstrogenspiegel kurz vor der Menstruation ab, was bei vielen Frauen zur sogenannten menstruellen MigrƤne führt. Diese MigrƤneform tritt meist ohne Aura auf und ist hƤufig intensiver und schwerer zu behandeln als zyklusunabhƤngige MigrƤne. Studien legen nahe, dass eine Stabilisierung des Ɩstrogenspiegels, beispielsweise durch eine transdermale Ɩstrogengabe wƤhrend der Perimenstruation, die HƤufigkeit und IntensitƤt der MigrƤneattacken reduzieren kann. Allerdings sind Dosierung und Anwendungsdauer entscheidend, um eine mƶgliche MigrƤneverschlechterung nach dem Absetzen der Hormone zu vermeiden.

Progesteron spielt ebenfalls eine Rolle in der Schmerzmodulation bei MigrƤne. Es ist bekannt, dass Progesteron die Schmerzempfindlichkeit im trigeminalen System reduziert und dadurch die MigrƤnesymptome lindern kann. In der Praxis wird Progesteron jedoch eher selten isoliert zur MigrƤnetherapie eingesetzt, da die Wirksamkeit und Dosierung individuell stark variieren.

Therapeutische Optionen: Antikonzeption und HRT

Hormonelle Interventionen bieten bei hormoninduzierter Migräne vielversprechende Therapieoptionen. Eine Möglichkeit zur Prävention menstrueller Migräneattacken ist die Anwendung kombinierter oraler Kontrazeptiva (COC) im Langzyklus, wodurch hormonfreie Intervalle und somit starke hormonelle Schwankungen vermieden werden. Diese Methode sollte jedoch bei Frauen mit Migräne mit Aura mit Vorsicht angewendet werden, da das Schlaganfallrisiko unter COC signifikant erhöht ist. Alternativ kann die Einnahme des Progestin-Only-Pills (POP) eine günstige Wirkung auf menstruelle Migräne haben und sowohl die Anzahl als auch die Intensität der Migränetage moderat verringern.

Eine Hormonersatztherapie (HRT) zur Behandlung klimakterischer Beschwerden ist bei migrƤneanfƤlligen Frauen mit Bedacht zu wƤhlen. WƤhrend eine orale HRT die MigrƤne hƤufig verschlechtert, kƶnnen niedrig dosierte, kontinuierliche transdermale PrƤparate den Ɩstrogenspiegel stabilisieren und menstruelle MigrƤne verbessern. Tibolon, ein synthetisches HormonprƤparat, hat sich bei einigen postmenopausalen Frauen als günstiger erwiesen, da es keine zyklischen HormonverƤnderungen induziert.

Akuttherapie und Prophylaxe

Neben hormonellen Interventionen spielt die Akuttherapie eine wichtige Rolle in der Migränebehandlung. Triptane, die spezifisch bei Migräne und Clusterkopfschmerzen eingesetzt werden, zeigen eine gute Wirksamkeit bei Attacken mit und ohne Aura. Mutterkornalkaloide sind eine weitere Möglichkeit, jedoch aufgrund von Nebenwirkungen wie Übelkeit und Gefässverengung nur bedingt geeignet. Zur Unterstützung können Antiemetika und Analgetika verabreicht werden.

Die Prophylaxe umfasst nicht-hormonelle Massnahmen wie Verhaltensmodifikationen und psychologische Verfahren, die zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Medikamentös stehen Betablocker, Calciumantagonisten, Antikonvulsiva und Antidepressiva zur Verfügung. Neue therapeutische Optionen umfassen monoklonale Antikörper gegen CGRP oder dessen Rezeptor, die eine gezielte Migräneprophylaxe ermöglichen.

InterdisziplinƤre Zusammenarbeit und patientenorientierte Therapie

Die Behandlung der Migräne erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen und Neurologen. Während Neurologen die primäre Therapie der Migräne übernehmen, spielen Gynäkologen eine wichtige Rolle bei der Auswahl von Verhütungsmethoden und Hormontherapien. Eine sorgfältige Anamnese vor der Verschreibung hormoneller Präparate ist essenziell, um mögliche Risiken wie ein erhöhtes Schlaganfallrisiko zu identifizieren und die geeignete Behandlung für die Patientin auszuwählen.

Take-Home-Message

MigrƤne bei Frauen ist oft eng mit hormonellen Schwankungen verknüpft, insbesondere mit dem Abfall des Ɩstrogenspiegels vor der Menstruation. Eine gezielte Stabilisierung des Hormonspiegels durch geeignete HormonprƤparate kann MigrƤneattacken mindern oder verhindern. Bei der Wahl hormoneller Interventionen ist eine gründliche Anamnese erforderlich, wobei die MigrƤneanamnese stets in die Entscheidung einbezogen werden sollte. Die Behandlung von MigrƤne erfordert eine interdisziplinƤre Herangehensweise, bei der GynƤkologen und Neurologen gemeinsam optimale Therapieentscheidungen für ihre Patientinnen treffen.

Heinrich Lehmann, MSc, MAE

lehmann@medinfo-verlag.ch

TherapieansƤtze für somatische Beschwerden in der Menopause – Überblick über aktuelle Empfehlungen

Im Rahmen des Referats von Prof. Dr. med. Petra Stute, Frauenklinik Inselspital Bern, wurden aktuelle Therapieansätze zur Behandlung somatischer Beschwerden in der Menopause vorgestellt. Besonderer Fokus lag auf den Empfehlungen zur Behandlung der vaginalen Atrophie, bekannt als genitourinary syndrome of menopause (GSM), sowie auf weiteren häufigen Beschwerden wie trockenen Augen, Akne und muskuloskelettalen Symptomen. Die vorgestellten Therapien beinhalten sowohl hormonelle als auch nicht-hormonelle Optionen und bieten einen umfassenden Überblick über Behandlungsmöglichkeiten, die den Bedürfnissen betroffener Frauen gerecht werden sollen.

Vaginale Atrophie und genitourinary syndrome of menopause (GSM)

Prof. Petra Stute

Ein zentraler Schwerpunkt des Referats lag auf den therapeutischen Optionen für das genitourinary syndrome of menopause (GSM), das durch vaginale Atrophie charakterisiert ist und bei vielen Frauen nach der Menopause auftritt. Die aktuellen NAMS-Empfehlungen von 2020 bieten einen Leitfaden zur Behandlung, der sowohl hormonelle als auch nicht-hormonelle Ansätze umfasst. Für Frauen, die primär eine hormonfreie Therapie wünschen oder benötigen, werden Gleitmittel bei sexueller Aktivität sowie lang wirkende Feuchtigkeitscremes für die regelmässige Anwendung empfohlen. Diese Produkte sind in der Regel gut verträglich und dienen als Erstlinientherapie bei leichten Symptomen.

Wenn Patientinnen jedoch mittelschwere bis schwere Symptome haben oder auf die Erstlinientherapie nicht ausreichend ansprechen, empfiehlt sich der Einsatz von lokalem, niedrig dosiertem Ɩstrogen oder vaginalem Dehydroepiandrosteron (DHEA). DHEA-PrƤparate, wie das in Europa zugelassene IntrarosaĀ® mit einer Dosierung von 6,5 mg tƤglich, bieten eine effektive Option, um die lokale Ɩstrogenproduktion im Gewebe zu fƶrdern und die vaginale Atrophie zu mindern. Studien zeigen, dass dies bei vielen Frauen zu einer Verbesserung der vaginalen Lubrikation und Reduktion von Beschwerden wie Trockenheit und Schmerzen führt. Alternativ kann eine systemische Ɩstrogentherapie in Betracht gezogen werden, insbesondere wenn zusƤtzlich vasomotorische Symptome wie Hitzewallungen auftreten.

Ein neuer Ansatz in der Behandlung von GSM ist die Nutzung von Vaginallasern, die jedoch noch in der Erforschung sind und hinsichtlich ihrer Langzeitwirkung und Sicherheit weiter untersucht werden müssen. Die vorläufigen Ergebnisse sind vielversprechend, und diese Methode könnte in Zukunft als ergänzende oder alternative Therapie bei schwerem GSM infrage kommen.

Trockenes Auge und topische Androgene

Eine häufige Begleiterscheinung der Menopause ist die peri- und postmenopausale Keratokonjunctivitis sicca, die sich in Form von trockenen Augen äussert und die Lebensqualität vieler Frauen erheblich beeinträchtigen kann. Im Vortrag wurde auf die Möglichkeit der topischen Anwendung von Androgenen hingewiesen. Da Androgene im Gewebe lokal aromatisiert werden können, ist eine Anwendung auf der Haut der Augenlider sinnvoll. Es wurde beispielhaft eine magistrale Rezeptur aus Estriol Vaginalcreme mit 1 % Testosteronpropionat erwähnt, die einmal täglich abends auf die Augenlider aufgetragen werden kann. Diese Behandlung ist jedoch noch nicht umfassend erforscht, und es fehlen Studien zur Langzeitsicherheit und systemischen Wirkung. Daher wird empfohlen, diese Therapieoption nur unter enger augenärztlicher Überwachung und mit Vorsicht anzuwenden.

Aknetherapie in der Menopause

Neben dem GSM und trockenen Augen kann die Menopause auch zur Verschlechterung oder zum Neuauftreten von Akne führen. Die Behandlungsmöglichkeiten wurden ausführlich dargestellt und umfassen eine Kombination aus topischen und systemischen Therapien. Zu den topischen Mitteln gehören Retinoide wie AIROL® 0,05 % Creme und Differin®, die entzündungshemmend wirken und die Talgproduktion regulieren. Ergänzend dazu können Antibiotika wie Clindamycin, häufig in Kombination mit Benzoylperoxid, in Form von Gelen wie Duac Akne Gel® angewendet werden, um das Bakterienwachstum zu hemmen.

In schwereren Fällen wird die Einnahme von Doxakne® (50 mg täglich für 6-12 Wochen) empfohlen, einem oralen Antibiotikum, das gezielt bei hormonell bedingter Akne wirkt. Für Frauen, die von hormonellen Schwankungen betroffen sind, kann ausserdem eine antiandrogene Therapie mit Aldactone® (50-100 mg täglich) vorteilhaft sein. Diese off-label-Anwendung zielt darauf ab, die Wirkung von Androgenen im Körper zu mindern und so die Hautprobleme zu reduzieren. Als wichtige ergänzende Massnahmen wird auf die Bedeutung von Lichtschutz, einer ausgewogenen Ernährung und gesunder Lebensführung hingewiesen, die zur Stabilisierung des Hautbildes beitragen.

Muskulatur und Gelenke – Erhalt und PrƤvention durch Hormontherapie

Ein weiterer, oft unterschƤtzter Aspekt der menopausalen Beschwerden betrifft das muskuloskelettale System. Frauen in der Menopause leiden nicht selten unter MuskelschwƤche und Gelenkschmerzen, die ihre MobilitƤt und LebensqualitƤt beeintrƤchtigen kƶnnen. Studien zeigen, dass eine Hormontherapie, insbesondere eine Kombinationstherapie aus Ɩstrogen und Gestagen, positiven Einfluss auf die Muskulatur und die Gelenke hat und somit prƤventiv wirken kann. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollstƤndig erforscht, jedoch wird angenommen, dass der Rückgang von Ɩstrogen wƤhrend der Menopause eine Rolle bei der MuskelschwƤche und den Gelenkschmerzen spielt. Durch eine gezielte Hormontherapie kann der Muskeltonus verbessert und das Risiko für Gelenkbeschwerden reduziert werden.

Ganzheitliche AnsƤtze und Lebensstilmassnahmen

Ergänzend zu den medikamentösen Therapien wurde im Vortrag die Bedeutung von nicht-pharmakologischen Massnahmen und einem ganzheitlichen Ansatz betont. Dazu zählen regelmässige körperliche Aktivität, die zum Erhalt der Muskelkraft und Gelenkgesundheit beiträgt, sowie gezielte Massnahmen zur Stressbewältigung. Auch eine ausgewogene Ernährung mit einem Fokus auf entzündungshemmenden Lebensmitteln kann zur Reduktion von Beschwerden beitragen und die allgemeine Gesundheit fördern. Der Verzicht auf Rauchen und eine Kontrolle des Körpergewichts sind zusätzliche Faktoren, die die Therapie unterstützen und das Risiko für verschiedene Begleiterscheinungen der Menopause verringern können.

Take-Home-Message:

Die Therapie somatischer Beschwerden in der Menopause sollte individuell angepasst sein und eine Kombination aus pharmakologischen und nicht-pharmakologischen Optionen umfassen. Vaginale Gleitmittel und Feuchtigkeitscremes stellen die Basistherapie für GSM dar, während bei stärkeren Beschwerden vaginale Hormone oder DHEA-Präparate hinzugezogen werden können. Für trockene Augen und Akne existieren spezialisierte Behandlungsoptionen. Die Bedeutung von Lebensstilfaktoren darf in der Therapieplanung nicht unterschätzt werden, da sie wesentlich zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der Massnahmen beitragen.

Heinrich Lehmann, MSc, MAE

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HƤufigkeit, Komplikationen und Behandlung von Eisenmangel in der Schwangerschaft

Eisenmangel und/oder EisenmangelanƤmie verkomplizieren fast 50 % der Schwangerschaften weltweit und wirken sich negativ auf die Gesundheit von Mutter und Kind aus. Eisenmangel kann eine Reihe von Symptomen verursachen, die von erschwerend bis hin zu lƤhmend reichen, darunter Müdigkeit, schlechte LebensqualitƤt, Heißhungerattacken und das Restless-Legs-Syndrom.

Eisenmangel und Eisenmangelanämie werden auch mit Komplikationen bei der Mutter in Verbindung gebracht, darunter vorzeitige Wehen, eine erhöhte Rate an Kaiserschnittentbindungen, postpartale Blutungen und Müttersterblichkeit. Zu den fetalen Komplikationen gehören eine erhöhte Rate an Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht und Neugeborenen, die für ihr Gestationsalter zu klein sind. Eine vorgeburtliche Anämie der Mutter wurde auch mit Autismus-Spektrum-Störungen beim Neugeborenen in Verbindung gebracht, obwohl ein kausaler Zusammenhang nicht nachgewiesen ist. Ein Mangel beim Neugeborenen geht mit einer Beeinträchtigung des Gedächtnisses, der Verarbeitung und der Bindung einher, wobei einige dieser Defizite bis ins Erwachsenenalter vorhanden bleiben. Trotz der Prävalenz und der Folgen, die mit einem Eisenmangel in der Schwangerschaft verbunden sind, zeigen Daten, dass er routinemäßig unterbehandelt wird. Aufgrund der physiologischen Veränderungen in der Schwangerschaft sollten alle schwangeren Personen eine orale Eisenergänzung erhalten. Die Bioverfügbarkeit von oralem Eisen ist jedoch gering und es ist oft unwirksam bei der Vorbeugung und Behandlung von Eisenmangel. Ebenso verursacht es häufig gastrointestinale Symptome, die die Lebensqualität in der Schwangerschaft verschlechtern können. Es sind jetzt intravenöse Eisenpräparate erhältlich, die in einer Einzeldosis oder in mehreren Dosen verabreicht werden. Es gibt immer mehr Daten, die darauf hindeuten, dass neuere intravenöse Präparate im zweiten und dritten Trimester sicher und wirksam sind und bei schwangeren Personen, die nicht optimal auf eine orale Eisenergänzung ansprechen, unbedingt in Betracht gezogen werden sollten.

Quelle:
The incidence, complications and treatment of iron deficinecy in pregnancy. Eur J Haematol 2022 ;109 :633-642

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Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Kongressausgabe der „info@herz+gefƤss“ 2024

Hier finden Sie das PDF der ESC-Kongresszeitung

Kongress der European Society of Cardiology 2024

Die weltweit grösste kardiologische Veranstaltung, der Kongress der European Society of Cardiology, fand dieses Jahr in London statt. Die Tagung beeindruckte erneut mit einem umfassenden wissenschaftlichen Programm, das sämtliche Gebiete der Kardiologie abdeckte. Das Kongressthema lautete «Personalising Cardiovascular Care». Im Mittelpunkt stand die Stärkung der Patienten durch eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Behandlung, mit dem übergeordneten Ziel, die Ergebnisse zu verbessern, die Risiken zu verringern und die Versorgungsstandards neu zu definieren.

Die mit Spannung erwarteten Ergebnisse der klinischen Studien wurden in zwƶlf Hot-Line-Sessions prƤsentiert. Diese Sessions boten nicht nur detaillierte Einblicke in die neuesten Forschungsergebnisse, sondern ermƶglichten auch eine kritische Diskussion der Daten durch führende Ƅrztinnen und Ƅrzte sowie international anerkannte Experten.

Wie jedes Jahr wurden auch 2024 neue ESC-Leitlinien vorgestellt. Dieses Jahr lag der Fokus auf vier zentralen Praxisleitlinien: erhƶhter Blutdruck und Hypertonie, chronisches Koronarsyndrom, Vorhofflimmern sowie periphere Arterien- und Aortenkrankheiten.
Insgesamt wurden mehr als 4.000 wissenschaftliche BeitrƤge prƤsentiert, darunter zahlreiche kleinere Studien, Registerstudien und Studienupdates sowie experimentelle Arbeiten aus der Grundlagenforschung in mehreren Late-Breaking Science Sessions.

In dieser Sonderausgabe haben wir die wichtigsten Studienergebnisse und Highlights des Kongresses für Sie zusammengefasst. Neben einer Übersicht der bedeutendsten Hot-Line-Sitzungen und den neuen Leitlinien finden Sie auch Interviews mit führenden Schweizer Experten wie Prof. Kuster, Prof. Sudano und Prof. Steffel, die zusätzliche Perspektiven und persönliche Einschätzungen zu den Kongresshighlights bieten.

Wir wünschen Ihnen viel Freude und wertvolle Erkenntnisse beim Lesen!

Eleonore E Droux
Verlegerin & Publizistische Leitung

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen
Wissenschaftliche Leitung

Journal Watch von unseren Experten

Die Einnahme von MultivitaminprƤparaten ist ohne Einfluss auf die MortalitƤt

Frage: Geht die Einnahme von MultivitaminprƤparaten mit einer geringeren MortalitƤt einher?

Hintergrund
Die Einnahme von Multivitaminpräparaten ist weit verbreitet, allein in den USA nimmt jede dritte Person täglich ein Multivitaminpräparat ein. Weltweit handelt es sich um einen Milliardenmarkt, der unter anderem darauf begründet, dass diese Präparate bessere Gesundheit und/oder ein längeres Leben ermöglichen sollen.

Methodik
Kohortenstudie mit Daten aus drei prospektiven Kohortenstudien aus den USA. Es erfolgte ein propensity score matching, das heisst, MultivitaminprƤparate-Einnehmenden wurden mƶglichst identische Personen (Alter und weitere Faktoren) zugematcht. Der Follow-up-Zeitraum reichte von 1998 bis 2004).

Ein-Ausschlusskriterien
Die Daten stammen von Teilnehmern der National Institute of Health-AARP Diet and Health Studie (327 732 Teilnehmer), der Prostata-, Lungen- und Ovarial Carcinom-Screening Studie (42 732 Teilnehmer) und der Agricultural Health Studie (19 660 Personen). Von allen Teilnehmern waren detaillierte Daten zum Gesundheitszustand und Lebensstil vorhanden. Alle Teilnehmer waren gesund, litten insbesondere nicht an chronischen Erkrankungen.

Intervention
Die Einnahme des Multivitaminpräparates beruhte auf einer Selbstdeklaration, erfasst wurde hierbei der Zeitraum für die Einnahme von 1993 bis 2001.

Outcome: MortalitƤt im Follow-up Zeitraum 1998–2004.

Studienort: Vereinigte Staaten von Amerika, USA.

Ergebnisse
Unter den Personen, die tƤglich Multivitamine einnahmen, waren 49.3 % weiblich, 11 % Raucher und 42 % hatten einen Collegeabschluss, verglichen mit 39.3 % Frauen, 13 % Rauchern und 37.9 % mit Collegeabschluss unter denjenigen, die keine MultivitaminprƤparate einnahmen.
Insgesamt traten unter den 390 124 Teilnehmern (medianes Alter 61.5 [IQR: 56.7–66] Jahre, 216 202 [55.4 %] MƤnner), 164 762 TodesfƤlle in der Follow-up Periode auf.
Die für zahlreiche Faktoren (Alter, Ethnie, Rauchen, kƶrperliche AktivitƤt, BMI, Beziehungsstatus, Alkohol- und Kaffeekonsum) korrigierte Einnahme von MultivitaminprƤparaten war nicht assoziiert mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit in der ersten HƤlfte der Follow-up Periode (1.04; 95 % CI, 0.99–1.08) oder der zweiten HƤlfte des Follow-up (HR, 1.04; 95 % CI, 1.02–1.07).
Die Autoren kommen zur Schlussfolgerung, dass die Einnahme von Multivitaminpräparaten in ihrer Studie nicht mit einem Überlebensvorteil verbunden war.

Kommentar
• Der Benefit durch die Einnahme von VitaminprƤparaten wird hƶchstwahrscheinlich massiv überschƤtzt, wie Ā­Studien zu einzelnen Vitaminen, wie Vitamin D, Vitamin B12, Ā­Vitamin A und E bereits zeigten.

• Diese Studie zeigt an einem grossen Sample, dass dies auch für MultivitaminprƤparate gilt. Eine StƤrke der Studie ist die Korrektur der Ergebnisse für zahlreiche, die Lebenserwartung beeinflussende Faktoren, wie kƶrperliche Ā­AktivitƤt, Rauchen, BMI und Alkoholkonsum.

• Trotz der Korrekturen, respektive des Propensity-Score Matchings, handelt es sich dennoch nicht um einen prospektive RCT und mƶgliche Einflussfaktoren, wie dass im Verlauf erkrankte Personen eher ein MultivitaminprƤparat einnahmen, konnten nicht ausgeschlossen werden. Insgesamt erhƤrtet die Studie anhand eines grossen Samples eine Datenlage, die keinerlei Benefit für die Einnahme von Vitaminen zeigt.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Rosemann

Literatur: JAMA Network Open. 2024;7(6):e2418729. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.18729.

Xanomelin/Trospium als neues Medikament für Schizophrenie

Die Kombination des zentral wirksamen selektiven Muskarinrezeptoragonisten Xanomelin mit dem peripheren Muskarinantagonisten Trospium (KarXT), der die Nebenwirkungen von Xanomelin abschwächt, konnte die FDA überzeugen, dieses neue Medikament für Schizophrenie zuzulassen.

Das Krankheitsbild der Schizophrenie zeichnet sich durch drei Symptomkreise aus: Die Positivsymptome äussern sich in Wahnvorstellungen und Halluzinationen sowie ein gestörtes Denken und Sprechen, die Negativsymptome machen sich durch eine mangelnde Motivation und einen fehlenden emotionalen Ausdruck/flachen Affekt mit sozialem Rückzug bemerkbar und die dritte Domäne umfasst kognitive Störungen wie Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnis-, Konzentrations- und Entscheidungsdefizite.

Bisherige Medikamente beeinflussten die Dopaminrezeptoren (Blockierung der D2-Dopaminrezeptoren) und damit vorwiegend die Positivsymptome der Schizophrenie wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Wirkung von Xanomelin kommt durch die selektive Stimulierung der Muskarin 1- und 4-Rezeptoren zustande.

In der EMERGENT-2-Studie erhielten die 126 Teilnehmer der Verumgruppe in den ersten 2 Tagen zweimal tƤglich 50 mg Xanomelin und 20 mg Trospium und dann 100 mg Xanomelin und 20 mg Trospium zweimal tƤglich für die Tage 3-7; ab Tag 8 war die Dosierung von KarXT flexibel mit einer optionalen Erhƶhung auf 125 mg Xanomelin und 30 mg Trospium zweimal tƤglich und der Option, je nach VertrƤglichkeit auf 100 mg Xanomelin und 20 mg Trospium zurückzukehren. Der primƤre Endpunkt war die VerƤnderung der „Positive and Negative Syndrome Scale“ (PANSS, 1 bis 7 Punkte für 7 Positivsymptome und 7 Negativsymptome sowie 16 allgemeine psychopathische Symptome). Nach 5 Wochen betrug der PANSS in der KarXT-Gruppe -21,2 Punkte gegenüber Placebo -11,6 Punkte (p<0,0001). Alle sekundƤren Endpunkte wurden ebenfalls erreicht und sprachen für KarXT gegenüber Placebo. Die hƤufigsten unerwünschten Ereignisse unter KarXT im Vergleich zu Placebo waren Verstopfung (21% vs. 10%), Dyspepsie (19% vs. 8%), Kopfschmerzen (14% vs. 12%), Übelkeit (19% vs. 6%), Erbrechen (14% vs. 1%), Bluthochdruck (10% vs. 1%), Schwindel (9% vs. 3%), gastroƶsophageale Refluxkrankheit (6% vs. 0%) und Durchfall (6% vs. 3%). Die Raten von behandlungsbedingten unerwünschten Ereignissen bei extrapyramidalen motorischen Symptomen (KarXT 0% vs. Placebo 0%), Akathisie (1% vs. 1%), Gewichtszunahme (0% vs. 1%) und SchlƤfrigkeit (5% vs. 4%) waren zwischen der KarXT- und der Placebogruppe Ƥhnlich, ebenso wie die Abbruchraten wegen unerwünschter Ereignisse (7% vs. 6%).

Die EMERGENT-3-Studie umfasste 256 Teilnehmer (125 in der Xanomelin-Trospium-Gruppe und 131 in der Placebo-Gruppe). In Woche 5 reduzierte KarXT den PANSS-Gesamtscore signifikant (KarXT -20,6 vs. Placebo -12,2, p<0,001). Die Abbruchraten aufgrund von behandlungsbedingten unerwünschten Ereignissen (TEAEs) waren in beiden Gruppen (KarXT 6,4% vs. Placebo 5,5%) ähnlich. Die häufigsten TEAEs unter KarXT vs. Placebo waren Übelkeit (19,2% vs. 1,6%), Dyspepsie (16,0% vs. 1,6%), Erbrechen (16,0% vs. 0,8%) und Verstopfung (12,8% vs. 3,9%). Extrapyramidale Symptome, Gewichtszunahme und Schläfrigkeit waren in beiden Gruppen ähnlich.

Fazit: Die neuentwickelte Substanzkombination ist vielversprechend und kann die Lebensqualität von Schizophreniekranken verbessern. Nicht zu unterschätzen ist das Nebenwirkungsprofil (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwitzen und vermehrter Speichelfluss), welches in den beiden Studien zu erstaunlich wenigen Therapieabbrüchen führte; dies könnte in der täglichen Praxis anders aussehen. Langfristige Ergebnisse liegen leider noch nicht vor. Die Anwendung in den USA wird uns helfen, mehr Einblick in Xanomelin mit Trospium (KarXT) zur Behandlung der Schizophrenie zu erhalten.

KD Dr. med. Marcel Weber

Literatur: Kaul I. et al. Efficacy and safety of the muscarinic receptor agonist KarXT (xanomeline-trospium) in schizophrenia (EMERGENT-2) in the USA: results from a randomised, double-blind, placebo-controlled, flexible-dose phase 3 trial. Lancet 2024;403(10422):160-170. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38104575/

Kaul I. et al. Efficacy and Safety of Xanomeline-Trospium Chloride in Schizophrenia: A Randomized Clinical Trial. [EMERGENT-3] JAMA Psychiatry 2024;81(8):749-756. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2024.0785. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38691387/