Die Bedeutung des Stentings

Einen kritischen Überblick über die Bedeutung des Stenting präsentierte Prof. Dr. Franz Eberli, Stadtspital Triemli, Zürich an den diesjährigen ZAIM MediDays. Die Behandlung der koronaren Herzkrankheit erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen Stenting und medikamentöser Therapie.

Stenting zur Verbesserung der Prognose


Studien wie ISCHEMIA und ORBITA zeigen, dass ein invasives Vorgehen bei einer stabilen koronaren Herzkrankheit (KHK) oft keinen langfristigen Überlebensvorteil bietet, aber Symptome deutlich lindert und die Lebensqualität verbessert, sagte Prof. Eberli. Die Kombination aus optimaler medikamentöser Therapie, Lebensstiländerungen und gezielten Revaskularisationsmassnahmen bleibt der Schlüssel zu einer patientenzentrierten Behandlungsstrategie.

Konservatives Management der KHK

Das konservative Management der koronaren Herzkrankheit umfasst eine Vielzahl von AnsƤtzen, die auf die Reduktion von Risikofaktoren und die Verbesserung der LebensqualitƤt abzielen:
• Risikoreduktion
– Anpassung des Lebensstils: Rauchstopp, Gewichtsreduktion, kƶrperliches Training, Essgewohnheiten
– Cholesterinsenkende Therapie
– Behandlung der Hypertonie
– Diabetestherapie
• Thrombozytenaggregationshemmer
• AntiischƤmische Therapie
• Betablocker
• Kalziumantagonisten
• Langwirkende Nitrate und Molsidomin (CorvatonĀ®)
• Nicorandil (DancorĀ®), Ranolazin (RanexaĀ®), Ivabradin  (ProcalaranĀ®)

Mehrwert von Stenting zusƤtzlich zum medikamentƶsen Management

• Die einzelnen Komponenten der medikamentƶsen Therapie haben oft nur einen begrenzten Einfluss auf Prognose und Symptome. Jedoch verbessert die Gesamtheit der medikamentƶsen Therapie die Prognose.
• LebensstilƤnderungen, eine optimale medikamentƶse Therapie und die koronare Revaskularisation spielen komplementƤre Rollen in der Behandlung der KHK.

Wann bringt die Revaskularisation mittels Stenting einen Mehrwert?

Beim akuten Koronarsyndrom zeigt die perkutane Koronarintervention (PCI) eine deutliche Senkung der MortalitƤt, wie der Referent anhand von Daten aus den Jahren 1997 bis 2015 darlegte.

Prognostischer Wert bei Hauptstammstenose und schwerer DreigefƤsserkrankung

Historisch zeigte sich ein Überlebensvorteil bei der Revaskularisation mittels Bypass-Operation im Vergleich zur rein medikamentƶsen Therapie. Dies wurde in einer Meta-Analyse der 10-Jahres-MortalitƤt (Lancet 1994;344:563–570) für folgende Patientenpopulationen bestƤtigt:
• Patienten mit einer Hauptstammstenose >50 %
• Patienten mit MehrgefƤss-KHK und hochgradiger proximaler RIVA-Stenose
• Patienten mit MehrgefƤss-KHK und einer linksventrikulƤren Ejektionsfraktion (EF) <40 %
Die Folge war, dass alle diese Patienten von allen Studien ausgeschlossen wurden.

Prognostischer Wert des invasiven Managements beim chronischen Koronarsyndrom mit Ein/Zwei­gefässerkrankung

• In randomisierten Einzelstudien über 3–5 Jahre wurde kein prognostischer Vorteil einer initial invasiven im Vergleich zu einer initial medikamentƶsen Therapie nachgewiesen.
• Meta-Analysen deuten jedoch auf mƶgliche prognostische Vorteile hin.
• Die Randomisierung erfolge in allen Studien nach Koronarographie mit Ausnahme der ICHEMIA Studie
• In allen Studien führte die Revaskularisation zu einer Reduktion der Symptome und der benƶtigten antiischƤmischen Medikamente
Beispiel ISCHEMIA-Studie (New Engl J Med 2020;382: 1395–1407:
In die Studie wurden 5179 Patienten mit moderater oder schwerer IschƤmie eingeschlossen. Sie wurden in zwei Gruppen randomisiert:
• Initial invasive Strategie: Koronarangiographie und, wenn mƶglich, Revaskularisation plus medikamentƶse Therapie.
• Initial konservative Strategie: Medikamentƶse Therapie allein, Angiographie und Revaskularisation nur bei Versagen der Therapie.
Der primäre Endpunkt war ein Komposit aus kardiovaskulärem Tod, Myokardinfarkt, Hospitalisation wegen instabiler Angina pectoris, Herzinsuffizienz oder reanimiertem Herzstillstand. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass es keine Evidenz dafür gab, dass die initial invasive Strategie das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse oder die Gesamtmortalität über einen Median von 3,2 Jahren reduzierte.

Studien bei stabiler Angina pectoris: Fast Check

Bei stabiler Angina gab es nie eine Studie, die PCI vs. medikamentƶse Therapie allein, d. h. unter Verbot/Ausschluss der jeweils anderen Therapie untersucht hat. Alle Studien bei stabiler Angina waren Strategiestudien initial medikamentƶse Therapie vs. initial invasives Vorgehen. Ein Drittel aller Patienten, die initial medikamentƶs behandelt wurden, mussten im Verlauf revaskularisiert werden.
ISCHEMIA: Ist es sicher, dass die Prognose durch das konservative Management im Langzeitverlauf nicht schlechter wird?
Es ist wichtig zu wissen, dass der erste erreichte Endpunkt auf der Kaplan-Meier-Kurve dargestellt ist. Das heisst: Wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, gilt dies als Erreichen des Endpunkts. Wenn der Patient drei Wochen spƤter stirbt, erscheint das nicht auf der Kaplan-Meier-Kurve.
ISCHEMIA Trial: Mehr spontane Myokardinfarkte (Typ 1) bei anfƤnglich konservativer Strategie
• Spontane Myokardinfarkte waren mit einer hƶheren Sterblichkeit im Verlauf von 3.2 Jahren verbunden
• Sorge, dass bei Weiterbestehen der erhƶhten Rate an spontanen Myokardinfarkten die konservative Strategie zu erhƶhter kardiovaskulƤrer MortalitƤt führt.

ISCHEMIA Extended (Hochman JS et al. Circulation 2023;147:8–19)

Es wurde eine 22 % erhƶhte kardiovaskulƤre MortalitƤt bei initial konservativem Management beobachtet:
• Beobachtungszeit betrug 7 Jahre
• MortalitƤt (GesamtmortalitƤt, kardiovaskulƤre MortalitƤt unbestimmt)
• Es wurden keine weiteren Ereignisse wie Myokardinfarkt, Revaskularisationen, Herzinsuffizienz oder medikamentƶse Therapie berücksichtigt
• Hazard Ration betrug 0.78 (0.63 bis 0.96)

Konklusionen zur Prognose

• Der Nutzen eines koronaren Stenting muss differenziert bezüglich Verbesserung der Prognose und der Symptome betrachtet werden
• Die Prognose hƤngt ab vom Ausmass der KHK (Hauptstammstenose, DreigefƤsserkrankung)
• Patienten, auch diabetische, kƶnnen initial eine medikamentƶse Therapie erhalten, sofern aus prognostischen und symptomatischen Gründen keine Revaskularisation erforderlich ist
• Bei konservativem Management muss im Verlauf eine erhƶhte Anzahl an spontanen Myokardinfarkten in Kauf genommen werden

Meta-Analyse aller Studien mit invasivem vs. konservativem Management

Das Risiko für einen spontanen Myokardinfarkt kann durch das invasive Management um 26 % gesenkt werden. Ebenso kann die kardiale MortalitƤt durch das invasive Management um 21 % reduziert werden (Navarese et al Eur. Heart J 2021;42:4638–4651.
OMT plus prƤventive PCI vs. medikamentƶse Therapie (Prevent trial Lancet 2024;403:1752).
• Patienten mit hƤmodynamisch nicht wirksamen Stenosen (FFR > 0.8) von > 50 %
• Vulnerable Plaque nach IVUS und/oder OCT
• Randomisiert zu 803 Patienten mit optimaler medikamentƶser Therapie versus 803 Patienten mit OMT plus Stenting (33 % ABSORB 67 % XIENCE)

Konklusionen I

• Der Nutzen von koronarem Stenting muss differenziert erfolgen, wobei einerseits die Verbesserung der Prognose und andererseits die Linderung der Symptome zu betrachten sind
• Die Prognose hƤngt ab vom Ausmass der koronaren Herzkrankheit KHK (Hauptstammstenose, DreigefƤsserkrankung)
• Auch Patienten mit Diabetes kƶnnen initial medikamentƶs behandelt werden, wenn aus prognostischen und symptomatischen Gründen keine Revaskularisation erforderlich ist
• Bei einem konservativen Management muss im Verlauf eine erhƶhte Anzahl an spontanen Myokardinfarkten in Kauf genommen werden

Stenting zur Verbesserung der Symptome

Messen der QualitƤt eines initial konservativen vs. invasiven Managements der chronisch koronaren Herzkrankheit

Clinical Reported Outcome Measures (CROM)
• KardiovaskulƤrer Tod
• GesamtmortalitƤt
• Myokardinfarkt
• Revaskularisation
• Instabile Angina pectoris
• Herzinsuffizienz
Patient Reported Outcome Measures (PROM)
• Symptome
• Funktioneller Status (physisch, psychisch, sozial)
• LebensqualitƤt bezüglich Gesundheit
• LebensqualitƤt insgesamt
• Gesundheitsverhalten (MedikamentenadhƤrenz, Selbstsorge)
• Erfahrung mit der Behandlung (PREM)

Resultate der ISCHEMIA-Studie

CROM: IschƤmische KV-Ereignisse oder Tod. Kein Vorteil der initial invasiven Strategie vs. initial konservatives Management.
PROM: Angina, QoL, physische Fitness. Weniger Angina und bessere LebensqualitƤt durch initial invasives vs. konservatives Management.
ISCHEMIA: Die initial invasive Strategie zeigt eine hƶhere EffektivitƤt bezüglich der Symptomfreiheit als die initial konservative Strategie. Die Wahrscheinlichkeit, frei von Angina pectoris zu sein, ist gegeben. In der Gesamtpopulation der Studie mit mƤssiger oder schwerer IschƤmie, zu der 35 % der Teilnehmer ohne Angina pectoris zu Studienbeginn gehƶrten, zeigten die Patienten, die nach dem Zufallsprinzip der invasiven Strategie zugewiesen wurden, eine grƶssere Verbesserung des Angina-bedingten Gesundheitszustands als diejenigen, die der konservativen Strategie zugewiesen wurden. Die geringen mittleren Unterschiede zugunsten der invasiven Strategie in der Gesamtgruppe reflektierten die minimalen Unterschiede bei den asymptomatischen Patienten sowie die grƶsseren Unterschiede bei denjenigen, die zu Beginn der Studie eine Angina pectoris auswiesen.

ORBITA-Studie

Die ORBITA-Studie stellt die PCI als Therapie der Angina pectoris in Frage.

Im Rahmen der ORBITA-Studie wurde untersucht, ob die PCI besser als die anti-anginƶse Therapie zur Leistungs- und Symptomverbesserung bei EingefƤsserkrankung ist.

Es wurden 200 Patienten mit stabiler KHK x 1 (≄ 70 % Stenose), im Mittel 3.1 anti-anginƶse Medikamente, 75 % AP CCS II, CCS 0-1, randomisiert zu PCI oder Sham-Intervention. Die Resultate zeigten keine signifikante Verbesserung der Belastbarkeit bei Stenting vs. OMT. Stenting reduzierte die IschƤmie, nach Sham gab es keine Reduktion der IschƤmie (p = 0.011). Je kleiner FFR (je grƶsser die IschƤmie), desto grƶsser war die Verbesserung. 20 % mehr PCI-Patienten waren nach 6 Wochen frei von Angina (NNT = 5).
Urteil der Patientinnen und Patienten: 85 % der Sham Gruppe wünschten und erhielten eine PCI.

ORBITA-2-Studie

PCI reduziert Angina pectoris bei instabiler KHK. Die ORBITA-2-Studie ging der Frage nach, ob die PCI die Angina bei Patienten, welche keine antianginƶse Therapie erhalten, verbessert. Es wurden 300 Patienten mit stabiler KHK (80 % EingefƤss-, 20 % MehrgefƤsserkrankung) in die Studie eingeschlossen. Die antianginƶse Therapie wurde unterbrochen, alle Patienten waren symptomatisch. Sie wurden randomisiert zu PCI oder Sham-Intervention (Ā«PlaceboĀ»). PrimƤrer Endpunkt war die Differenz im Angina-Symptom-Score nach 12 Wochen. Die PCI verbesserte die IschƤmie und alle Aspekte der Symptome und der LebensqualitƤt.

Konservatives vs. invasives Management der KHK

Die Kosten für ein Stenting belaufen sich auf 500 CHF pro eingesetztem Stent. Im Mittel werden zwei Stents pro Intervention eingesetzt, was einer Gesamtzahl von 25 933 Stents pro Jahr entspricht. Multipliziert mit einem Preis von 500 CHF pro Stent resultiert dies in Kosten von 25.9 Mio. CHF pro Jahr. Im Jahr 2022 beliefen sich die Kosten für Statine auf 200.5 Mio. CHF. Die jƤhrlichen Behandlungskosten der stabilen koronaren Herzkrankheit sind in Tab. 1 dargestellt.

Arteriosklerose in der CH: 1.2 Mio. Personen. Kosten für Medikamente und Ƥrztliche Betreuung 1.2 Mio. x 1901 = 2.73 Milliarden.

ODYSSEY Kosten für die Verhinderung eines nicht-tödlichen kardiovaskulären Ereignisses (MI, CVI, UAR, HF-Hospitalisierung, Revaskularisation wegen Ischämie). NNT für 4 Jahre: 44 für das erste Ereignis, 18 für alle Ereignisse. Kosten, um ein kardiovaskuläres Ereignis zu verhindern:
Erstereignis CHF 4993 x 44 x 4 = 878 768 CHF
Jedes Ereignis CHF 4993 x 18 x 4 = 359 496 CHF
STEMI = 8 % aller kardiovaskulƤrer Ereignisse. Kosten zur Verhinderung eines STEMI: 359 496 CHF x 12.5 = 4 493 700 CHF.

Stabile KHK

Unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse des Patienten kann eine Entscheidung bezüglich der zu wählenden Behandlungsstrategie getroffen werden. Dazu schilderte der Referent das Fallbeispiels Bill Clinton, 2004: vierfacher aorto-koronarer Bypass, 2010 Stentimplantation wegen Bypass-Verschluss. Der Patient hatte die Statintherapie abgesetzt.
Die Betreuung des Patienten mit chronischer koronarer Herzkrankheit erfolgt nach dem Prinzip der gemeinsamen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making).
Die Patientenperspektive umfasst folgende Aspekte:
• Symptome und LebensqualitƤt
• KardiovaskulƤres Risiko
• PrƤferenzen des Patienten
• Haltung gegenüber dem Risiko
Die Perspektive des Arztes beinhaltet:
• Wissen um Behandlungsoptionen
• Nutzen und Risiko der verschiedenen TherapieĀ­strategien

Konklusionen II

• Die koronare Revaskularisation reduziert zuverlƤssig die Symptome bei stenosierender koronarer Herzkrankheit
• Die medikamentƶse Therapie und die koronare Revaskularisation ergƤnzen einander in der Behandlung der KHK
• Therapieentscheide sollten patientenzentriert getroffen werden
• Die Kosten für eine Revaskularisation entsprechen den Kosten für 10 Jahre konservatives Management, solange kein PCSK9-Inhibitor eingesetzt wird.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Langzeitwirksamkeit und Sicherheit des tetravalenten Dengue-Fieber-Impfstoffs (TAK-003)

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Regionen, in denen Dengue-Fieber endemisch ist. Ziel einer kürzlich veröffentlichten Studie war es, die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von zwei Dosen des tetravalenten Dengue-Impfstoffs TAK-003 (Qdenga®) bei der Prävention symptomatischer Dengue-Erkrankungen unterschiedlicher Schweregrade zu untersuchen. Dabei wurden auch die verschiedenen Dengue-Virus-Serotypen (DENV) bei Kindern berücksichtigt.

Methodik

In dieser laufenden, doppelblinden, randomisierten und Placebo-kontrollierten Studie wurden gesunde Teilnehmer im Alter von 4 bis 16 Jahren aus 26 medizinischen und Forschungszentren in acht Dengue-endemischen LƤndern (Brasilien, Kolumbien, Dominikanische Republik, Nicaragua, Panama, Philippinnen, Sri Lanka und Thailand) rekrutiert. Zu den wesentlichen Ausschlusskriterien gehƶrten fieberhafte Erkrankungen (Kƶrpertemperatur ≄ 38 °C) zum Zeitpunkt der Randomisierung, Überempfindlichkeit gegen Impfstoffbestandteile, Schwangerschaft oder Stillzeit, schwere chronische Erkrankungen, beeintrƤchtigte Immunfunktion sowie frühere Impfungen gegen Dengue. Die Teilnehmer erhielten randomisiert im VerhƤltnis 2 : 1 (stratifiziert nach Alter und Region) zwei subkutane Dosen von TAK-003 oder Placebo im Abstand von drei Monaten. Sowohl die Ermittler als auch die Teilnehmer und deren Eltern oder Erziehungsberechtigten waren über die Gruppenzuteilung verblindet. Die Identifizierung von virologisch bestƤtigtem Dengue-Fieber erfolgte durch aktive Überwachung fieberhafter Erkrankungen sowie durch RT-PCR-Testungen bei den fieberhaften Episoden. Die Wirksamkeit des Impfstoffs wurde im Sicherheitsanalyse-Set (alle randomisierten Teilnehmer, die mindestens eine Dosis erhielten) sowie im Per-Protokoll-Set (Teilnehmer ohne schwerwiegende Protokollverstƶsse) bewertet. Die kumulative Wirksamkeit wurde von der ersten Impfung bis etwa 4.5 Jahre nach der zweiten Impfung ermittelt. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden kontinuierlich überwacht.

Ergebnisse

Zwischen dem 7. September 2016 und dem 31. MƤrz 2017 wurden insgesamt 20 099 Teilnehmer randomisiert (TAK-003: n = 13 401; Placebo: n = 6698). Von diesen erhielten 20 071 Teilnehmer, darunter 10 142 (50.5 %) MƤnner und 9929 (49.5 %) Frauen, TAK 003 oder Placebo. 18 257 (91 %) schlossen die Nachbeobachtung nach etwa 4.5 Jahren ab (TAK-003: 12 177/13 380; Placebo: 6080/6687). Von 27 684 gemeldeten fieberhaften Erkrankungen wurden insgesamt 1007 (Placebo:560; TAK-003:447) als virologisch bestƤtigtes Dengue-Fieber identifiziert, darunter 188 FƤlle (Placebo: 142; TAK-003: 46), die einen Krankenhausaufenthalt erforderten. Die kumulative Wirksamkeit des Impfstoffs betrug 61.2 % (95% KI 56–65.8) gegen virologisch bestƤtigtes Dengue-Fieber und 84.1 % (77.9–88.6) gegen hospitalisiertes virologisch bestƤtigtes Dengue-Fieber. Bei seronegativen Teilnehmern zu Studienbeginn betrugen die entsprechenden Wirksamkeiten 53.5 % (41.6–62.9) und 79.3 % (63.5–88.2). In einer explorativen Analyse zeigte sich, dass der Impfstoff gegen alle vier Serotypen bei seropositiven Teilnehmern wirksam war. Bei seronegativen Teilnehmern war die Wirksamkeit gegen DENV-1 und DENV-2 nachweisbar, wƤhrend der Impfstoff für DENV-3 keine statistische Wirksamkeit zeigte. Eine niedrige Inzidenz schloss eine Bewertung gegen DENV-4 aus. WƤhrend des dritten Teils der Studie (ca. 22–57 Monate nach der ersten Impfung) wurden bei 664 (5 %) der 13 380 TAK-003-EmpfƤnger und 396 (5.9 %) der 6687 Placebo-EmpfƤnger schwerwiegende unerwünschte Ereignisse berichtet. Es gab 17 Todesopfer (6 in der Placebogruppe und 11 in der TAK-003-Gruppe), von denen keiner als studienimpfstoffbezogen betrachtet wurde.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend zeigt TAK-003 (Qdenga®) eine kumulative Langzeitwirksamkeit bei der Prävention symptomatischer Dengue-Erkrankungen, die durch alle vier DENV-Serotypen bei zuvor exponierten sowie durch DENV-1 und DENV-2 bei Dengue-naiven Studienteilnehmern im Alter von 4 bis 16 Jahren in acht Dengue-endemischen Ländern verursacht wurden. Die 4.5-jährige Nachbeobachtung fand in einem Zeitraum mit niedriger DENV-4-Inzidenz statt, und die Daten deuteten auf eine begrenzte Wirksamkeit von TAK-003 gegen DENV-3 bei Dengue-naiven Teilnehmern hin. Der Impfstoff bietet einen anhaltenden hohen Schutz gegen Dengue-bedingte Hospitalisierungen und hat das Potenzial, die Belastung durch Dengue-Fieber signifikant zu verringern. Bei der Bewertung des Nutzen-Risiko-Profils von TAK-003 sollten die Gesundheitsbehörden das Verhältnis zwischen den Vorteilen, den bestehenden Wissenslücken und verschiedenen Faktoren wie der zunehmenden Belastung durch Dengue-Fieber, den begrenzten Präventionsmöglichkeiten und der praktischen Umsetzung von Impfprogrammen abwägen.

Quelle
Tricou V et al. Long-term efficacy and safety of a tetravalent dengue vaccine (TAK-003): 4Ā·5-year results from a phase 3, randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet Glob Health 2024 Feb;12(2):e257-e270. doi: 10.1016/S2214-109X(23)00522-3.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Behandlung des kardiogenen Schocks

Der kardiogene Schock verbleibt auch mit den heute verfügbaren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten eine schwer zu behandelnde Erkrankung. Patienten mit diesem Krankheitsbild widerspiegeln eine heterogene Population mit unterschiedlichen Schockursachen, Schockstadien und Komorbiditäten, welche zusammen die Gesamtprognose bestimmen. Die hohe Mortalität von circa 50% konnte in den vergangenen zwei Jahrzehnten trotz grossem Aufwand zur Generierung von Evidenz nicht merklich reduziert werden und die Therapie richtet sich weiterhin vorwiegend nach pathophysiologischen Gesichtspunkten und ist dazu zeitsensibel. Dies macht die Therapie für das behandelnde Team herausfordernd, aber auch spannend.

Even with the diagnostic and therapeutic options that are available nowadays, treatment of cardiogenic shock remains difficult to handle. Patients present with different causes and stages of shock and various comorbidities, which together determine the overall prognosis. The high mortality of around 50% could not be reduced in a significant manner over the past two decades, despite a great effort to generate evidence. Treatment strategies of such patients continue to be based primarily on pathophysiological considerations and are additionally time-sensitive. This leads to a challenge but also excitement for the whole team involved in the treatment of such patients.
Key Words: cardiogenic shock, vasoactive therapy, temporary mechanical circulatory support, advanced heart failure

Schock-Klassifikation

In der Klassifikation des Schweregrades des Schocks herrschte lange Zeit Uneinigkeit. Im Jahr 2019 wurde schliesslich von der amerikanischen Gesellschaft für kardiovaskuläre Angiographie und Interventionen (SCAI) ein mittlerweile international anerkanntes, auf dem Konsens von Experten basierendes Dokument veröffentlicht, welches den kardiogenen Schock in unterschiedliche Schweregrade unterteilt (1). Es wurden insgesamt fünf Stadien, von A bis E, anhand von klinischen, laborchemischen und hämodynamischen Kriterien definiert (Tab. 1).

In einer grossen Kohorte mit > 10 000 Patienten einer kardiologischen Intensivstation wurde die Klassifikation validiert: Es zeigte sich eine starke Assoziation zwischen den SCAI-Schockstadien und der MortalitƤt (2).

Die Einteilung der Patienten in eines dieser Schockstadien ist ohne komplizierte Berechnungen und rasch möglich und erlaubt, therapeutische Schritte (beispielsweise eine Eskalation der Therapie) frühzeitig in die Wege zu leiten.

Ein weiteres Ziel der Klassifikation ist es, eine einheitliche Definition für künftige Studien zu kreieren, um die Patientenpopulation möglichst homogen zu halten und die Aussagekraft der Studienergebnisse zu erhöhen.

NachtrƤgliche Analysen von publizierten Studien haben ergeben, dass die Schockstadien und –verteilung in den verschiedenen Studien betrƤchtlich variiert 3. Diese heterogenen Studienpopulationen mit unterschiedlichen Schock-Schweregraden sind sicherlich miterklƤrend für die diskrepanten Ergebnisse der verschiedenen Studien.

Behandlungsstrategien

Nach dem prompten Erkennen des kardiogenen Schocks geht es darum, die fortschreitende Schockspirale möglichst rasch zu durchbrechen. Dazu müssen folgende Massnahmen getroffen werden:
1. Rasche Identifikation und- wenn mƶglich- Behandlung der Ursache
2. Kreislaufstabilisierung zur Wiederherstellung einer genügenden Gewebeperfusion sowie kardioprotektive Massnahmen zum Schutz des Myokards

Ursachen

Die Ƅtiologie des kardiogenen Schocks ist vielfƤltig (Tab. 2) und die Diagnose kann gerade bei seltenen, schwer diagnostizierbaren Ƅtiologien verspƤtet oder gar nie gestellt werden, was zu Verzƶgerungen oder gar einer Unmƶglichkeit der kausalen Behandlung führt.

Exkurs: Kardiogener Schock im Rahmen eines akuten Myokardinfarkts

Die häufigste Ursache des kardiogenen Schocks ist der akute Myokardinfarkt mit Pumpversagen aufgrund der Myokardischämie. Der kardiogene Schock kompliziert 5-10% der akuten Myokardinfarkte und ist die häufigste Todesursache bei dieser Patientenpopulation. Die massgebliche Studie «SHould we emergently revascularize Occluded Coronaries for cardiogenic shocK (SHOCK)» wurde noch vor der Jahrtausendwende- im Jahr 1999- publiziert und zeigte einen signifikanten Überlebensvorteil nach 6 Monaten (Mortalität von 50.3% in der Revaskularisationsgruppe, versus 63.1% in der Kontrollgruppe (p = 0.027) (4). Dieser Vorteil hielt auch nach 6 Jahren weiter an (5). Die perkutane Revaskularisation wird heute routinemässig angewendet und ist breit verfügbar.

Die MortalitƤt bleibt aber trotz Revaskularisation hoch (um die 50%) und verblieb seit Beginn der 2000-er Jahre trotz der routinemƤssigen Anwendung neuer Technologien und zahlreichen Studien auf diesem Niveau.

Neben der Heterogenität dieser Population ist auch die hohe Rate an mechanisch reanimierten Patienten mit überwiegend neurologischem, und nicht kardial bedingtem Tod ursächlich für die persistierend hohe Mortalität des kardiogenen Schocks. Eine erste nachweisliche Mortalitätsreduktion gelang erst dieses Jahr. Dies nach Jahren an negativen Studien im Bereich der mechanischen Kreislaufunterstützung, auf welche wir weiter unten eingehen.

Andere Schockursachen als der Myokardinfarkt bedürfen zur Ursachenbehandlung beispielsweise:

  • Eine notfallmƤssige herzchirurgische oder ggf perkutane Behandlung (z. B. bei gewissen Klappenvitien)
  • Eine Immunsuppression (z. B. bei Riesenzellmyokarditis oder der kardialen Sarkoidose)
  • Eine Elektrokonversion (z. B. kreislaufrelevante Kammertachykardie)

Folgende Schocks werden oft fƤlschlicherweise als kardiogen beurteilt, fallen jedoch in die Kategorie der obstruktiven Schocks und sollten entsprechend primƤr mittels Desobstruktion behandelt werden:

  • Lungenembolie: Aufhebung der Obstruktion mittels Lyse (systemische Lyse oder- bei hƤmodynamisch zumindest knapp stabilen Patienten- die EKOS-Lyse (ultraschallverstƤrkte Katheterthrombolyse))oder chirurgische/interventionelle Thrombektomie. Daneben ist stets eine Antikoagulation nƶtig
  • Perikardtamponade: Perikardpunktion zur Entlastung des Perikards und Ermƶglichung der Entfaltung der Herzhƶhlen

Kreislaufstabilisierung

Die rasche Kreislaufunterstützung ist nebst der Behandlung der Ursache des kardiogenen Schocks wichtig, um ein lebensbedrohliches Multiorganversagen zu verhindern. Grundsätzlich bieten sich in der Akutsituation zwei Optionen, die auch kombiniert werden können:
a) die pharmakologische Therapie
b) die temporäre mechanische Kreislaufunterstützung
Die Kombination dieser beiden Optionen, und in fortgeschrittenen Schockstadien sogar die Kombination von mehreren Vasoaktiva/Inotropika mit mehreren mechanischen Unterstützungssystemen ist möglich, wenn auch (naturgemäss aufgrund der Erkrankungsschwere) mit einer höheren Mortalität vergesellschaftet (6).

A. Pharmakologische Therapie des kardiogenen Schocks

Die pharmakologische Behandlung mittels Vasoaktiva wird in > 90 % der Patienten notwendig. Gleichzeitig gibt es keine Evidenz, welche Wirkstoffklasse in der jeweiligen Situation überlegen ist (7).

Die Therapie richtet sich überwiegend nach pathophysiologischen Überlegungen und in Abwägung mit den Nebenwirkungen.

GrundsƤtzlich liegt der Zweck einer pharmakologischen Therapie in der Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Gewebes. Dies geht- in unterschiedlichem Ausmass je nach Typ und Dosis des Wirkstoffs- auf Kosten eines erhƶhten myokardialen Sauerstoffverbrauchs einher. Dies kann zu einem MissverhƤltnis zwischen Sauerstoffangebot und –bedarf der Kardiomyozyten führen, was die myokardiale Funktion weiter beansprucht und Verletzungen im kontraktilen Apparat verstƤrken, und die Regeneration aufhalten kann (8).

Vasoaktiva kƶnnen in folgende vier Kategorien eingeteilt werden:

1. Vasopressoren

Typische Vertreter: Noradrenalin, Phenylephrin, (Vasopressin, Dopamin → kaum mehr angewendet).
Verbessert die Gewebeperfusion durch Steigerung des systemischen Widerstands und damit dem Perfusionsdruck. Nebeneffekt: Nachlasterhöhung für den linken Ventrikel, was je nach Ausmass bei Linksherzinsuffizienz zu einer relevanten Reduktion des Schlagvolumens führen kann und das Remodeling verstärkt.

Anwendungsbereich (Beispiele):

  • Vor einer Revaskularisation beim akuten Myokardinfarkt mit Hypotonie, um die Koronarperfusion aufrechtzuerhalten. Dies zu Ungunsten der peripheren Sauerstoffversorgung, was in Anbetracht von Nutzen und Risiken in Kauf genommen wird. Man merke deswegen: PrimƤr Noradrenalingabe bei Hypotonie wƤhrend des Transports ins Herzkatheterlabor.
  • Korrektur bei schwerer Hypotonie im Rahmen einer Therapie mit Inodilatatoren

2. Inotropika

Typische Vertreter: Dobutamin, Adrenalin.
Erhƶhen das Herzminutenvolumen durch Steigerung der myokardialen KontraktilitƤt (= Inotropie) und oft auch der Herzfrequenz.
Grƶssten Einfluss auf den myokardialen Sauerstoffverbrauch hat die Herzfrequenz; einen geringeren Einfluss haben KontraktilitƤt und Wandspannung. Dobutamin wird Adrenalin wegen des geringeren Herzfrequenzanstiegs aus diesem Grund oft der Vorzug gegeben.
Anwendungsbereich (Beispiele):
Linksherz-Pumpversagen mit dem Ziel, das Herzminutenvolumen zu steigern (und nicht primƤr die Hypotonie zu korrigieren).

3. Inodilatatoren

Typische Vertreter: Levosimendan, Phosphodiesterasehemmer (= Milrinon) und in tiefer Dosierung Dobutamin (in hoher Dosierung wirkt Dobutamin vasokonstriktiv).
Weisen eine Kombination von Inotropika und Vasodilatatoren auf. Sie steigern die KontraktilitƤt und vermindern den systemischen Widerstand durch eine Vasodilatation. Achtung: Milrinon sollte nicht generell beim ischƤmisch bedingten kardiogenen Schock angewendet werden und ist dort mit einer erhƶhten MortalitƤt assoziiert (9).
Anwendungsbereich (Beispiele):

  • Linksherz-Pumpversagen mit dem Ziel, nebst der Inotropie die Nachlast zu senken (kardioprotektiver Effekt)

4. Vasodilatatoren

Typische Vertreter zur intravenƶsen Gabe: Nitratverbindungen (Nitroprussid, Nitroglyzerin)
Wirken vasodilatierend. Je nach Wirkstoff mit überwiegendem Effekt auf die präkapillären Arteriolen, was vor allem zur Nachlastsenkung führt.
Anwendungsbereich (Beispiele):
Linksherz-Pumpversagen bei arterieller Hypertonie, hypertensives Lungenƶdem.

Exkurs zum Levosimendan

Levosimendan ist anders als Dobutamin, Noradrenalin oder Adrenalin kein (künstliches oder echtes) Katecholamin, sondern ein Calcium-Sensitizer. Die Inotropie des Herzens wird durch eine Ca2+-Sensibilisierung der kontraktilen Proteine im Zellinneren erreicht, und die Nachlast durch eine K+-Kanal-vermittelte Vasodilatation und Phosphodiesterase-III-Inhibition gesenkt.
Vorteile am Levosimendan sind unter anderem:

  • lange Halbwertszeit (Wirkungsdauer 10-14 Tage nach Beendigung der Infusion)
  • der myokardiale Sauerstoffverbrach wird nicht erhƶht
  • die Wirksamkeit ist auch gegeben bei Patienten, die noch unter Betablocker stehen

In der Praxis wird anhand des klinischen Bildes und der verfügbaren Vitalparametern abgeschätzt, was das Therapieziel ist, um dann gezielt eine Therapie einzuleiten.

Der Einsatz eines adäquaten Monitorings ist also zentral, auch wenn hierfür die Evidenz fehlt und der Umfang häufig von den Gewohnheiten der jeweiligen Institution abhängt. Tabelle 3 gibt einen Überblick über die verfügbaren und oft angewendeten Methoden sowie einen typischen Zielbereich. Die angestrebten Zielwerte sind im Alltag aber je nach hämodynamischer Situation individuell festzulegen und variieren beträchtlich, wie folgende zwei Beispiele veranschaulichen:

Beispiel 1:
Kardiogener Schock bei akut dekompensierter Mitralinsuffizienz (bspw. flail leaflet bei Sehnenfadenabriss)

Beispiel 2:
Kardiogener Schock bei schwerer dekompensierter Aortenstenose vom Typ high gradient
WƤhrend den beiden Beispielen die rasche (chirurgische oder perkutane) Sanierung des Klappenvitiums gemeinsam ist, so sind die hƤmodynamischen Ziele bis zu dem Zeitpunkt abweichend:

Bei der Mitralinsuffizienz (Beispiel 1) steht die maximale Nachlastsenkung im Vordergrund. Und zwar mit einem Zielwert, der mƶglichst tief angesetzt wird und durch eine periphere Vasodilatation erreicht wird (das Ziel kann durchaus einem arteriellen Mitteldruck von 55mmHg oder tiefer entsprechen). Dies, um den VorwƤrtsfluss zu steigern.

Bei der schweren high gradient Aortenstenose (Beispiel 2) ist die Nachlast weitestgehend fixiert und entspricht im Wesentlichen dem Widerstand durch die Aortenstenose. Eine Senkung des peripheren Widerstands reduziert die Nachlast daher nicht, sondern führt bei systemischer Hypotonie in Verbindung mit einem hohen linksventrikulären Füllungsdruck u.a. zu einer Abnahme des koronaren Perfusionsdrucks bis auf kritische Werte, was zu einer myokardialen Globalischämie führen kann (mit deletären Folgen). Auch eine Hypotonie durch Vorlastsenkung kann durch Abnahme des Schlagvolumens zur kaum reversiblen Kreislaufinsuffizienz führen (Tab. 3).

B. Temporäre mechanische Kreislaufunterstützung

Bei der Behandlung des kardiogenen Schocks geht es einerseits um die Aufrechterhaltung der Endorganfunktionen durch Verbesserung der Gewebeperfusion, und andererseits sollten die Therapien die bereits strapazierte kardiale Funktion nicht weiter belasten.
Genau dies widerspricht sich bei der pharmakologischen Therapie im kardiogenen Schock in aller Regel, wie im vorherigen Abschnitt zur vasoaktiven Therapie dargestellt. Wenn immer mƶglich soll zur kardialen Protektion die Dauer der Vasoaktivatherapie also nicht lƤnger als absolut nƶtig verabreicht werden (Ausnahme: whs. Levosimendan). Eine ErgƤnzung oder Alternative zur pharmakologischen Therapie stellt die mechanische Kreislaufunterstützung dar, welche die Funktion des Herzens – und je nach Wahl des GerƤtes – auch der Lunge übernehmen kann.

Ob eine solche Kreislaufunterstützung auch eine kardioprotektive Wirkung hat, hängt von der Wahl des Gerätes ab: Das Linksherzunterstützungssystem «Impella®» (schematisch dargestellt in Bild 1) befördert als Mikroaxialpumpe das Blut vom linken Ventrikel in die Aorta ascendens und entlastet somit den linken Ventrikel. So kann der Vasoaktivabedarf gering gehalten werden oder gar unnötig bleiben. Es wird sogar angestrebt, bereits eine konventionelle Herzinsuffizienztherapie unter laufender Kreislaufunterstützung zu beginnen (mittels SGLT-2-Inhibitor, ACE-Inhibitor/AR(N)I, Mineralokortikoidantagonist und verzögert Betablocker).

Bei einem mutmasslich grossen Myokardschaden (wie beispielsweise beim ausgedehnten Vorderwandinfarkt) empfiehlt sich die Gabe von Levosimendan als unterstützende Massnahme. Die lange Wirkungsdauer von bis zu 2 Wochen kann genutzt werden, um auch beim hämodynamisch instabilen Patienten langsam eine Herzinsuffizienztherapie einzuleiten, um die Entwöhnung zu erleichtern (Abb. 1).

Eine andere hämodynamische Wirkung erzielt die Anwendung der veno-arteriellen ECMO oder ECLS («extrakorporale Membranoxygenierung» oder «extrakorporaler Life Support»), schematisch dargestellt in Bild 2. Das Blut wird über einen venösen Schenkel mittels Zentrifugalpumpe durch einen Membranoxygenator geleitet, wo es zum Gasaustausch kommt. Das sauerstoffreiche Blut wird dann über den arteriellen Schenkel dem Körper zugeführt.

Bei der gängigsten (peripheren) Anlage des VA-ECMO kommen die Schleusen femoral-venös und femoral-arteriell zu liegen. Die drainierende venöse Schleuse ist lang und reicht bis in den rechten Vorhof. Anders die zurückführende arterielle Schleuse: Diese ist kurz und gibt das Blut bereits auf Höhe der Aorta abdominalis ab. Das Blut fliesst entsprechend körperaufwärts und somit in umgekehrter Richtung als dies physiologischerweise der Fall ist.

Das Myokard wird damit, anders als bei der Impella®, nicht entlastet, sondern durch diese Nachlasterhöhung belastet. Bei eingeschränkter Myokardfunktion und hohem Fluss über das VA-ECMO ist der linke Ventrikel oft nicht mehr fähig den Aortendruck zu generieren, womit die Aortenklappe geschlossen bleibt. Dies führt zu einer Blutstase im gesamten Lungengefässbett, im linken Vorhof, linken Ventrikel und in der Aortenwurzel. Bleibt dieser Zustand über Stunden bestehen, sind die Folgen verheerend: Es kommt zu einer kompletten Thrombosierung und die Wiederaufnahme eines physiologischen Flusses wird verunmöglicht (Abb. 2).

Durch eine Entlastung des linken Ventrikels- typischerweise mittels zusƤtzlicher Einlage einer Impella®– lƤsst sich die Stase durch den kontinuierlichen Abfluss des linken Ventrikels und Wiederherstellung eines zumindest minimalen physiologischen Flusses über die PulmonalgefƤsse vermeiden (schematisch dargestellt in Abb. 3).

Das Ziel ist auch bei dieser Gerätekombination die sequentielle Entwöhnung. Aus naheliegenden Gründen wird in der Situation des kardiogenen Schocks mit Linksherzinsuffizienz in aller Regel versucht einen physiologischen Zustand zu erreichen, in dem zuerst die v-a- ECMO und in einem zweiten Schritt die Impella entfernt wird.

Wird angenommen, dass eine Linksherzunterstützung (Impella®) über eine längere Zeit nötig sein wird (entweder zur Erholung des Myokards oder zur neurologischen Beurteilung bei komatösen Patienten), so steht mit der «Impella 5.5®» eine axillär implantierbare Pumpe mit grösserer Förderleistung zur Verfügung (maximal 5.5 L/min im Vergleich zur Impella CP® mit maximal 3.8 L/min). Die Einlage erfolgt über einen axillären Zugang und ermöglicht anders als bei femoral eingelegten Systemen die Mobilisation der Patienten.
Zusätzliche Therapien können weiters eine Entwöhnung ermöglichen, oder bei schwer herzinsuffizienten Patienten auch ohne temporäre Kreislaufunterstützung zur Optimierung angewendet werden (Tab. 4).

Weitere Therapien, die im kardiogenen Schock häufig angewendet werden, sind die Beatmung (nicht-invasive und mechanische Beatmung), wobei die positive Druckbeatmung zu einer Nachlastsenkung für den linken Ventrikel, und einer Nachlasterhöhung für den rechten Ventrikel führt. Zudem kommen additive Therapien bei Endorganschäden zur Anwendung, wie die Hämodiafiltration beim akuten Nierenversagen.

Lässt sich eine schwere Herzinsuffizienz oder ein kardiogener Schock auch unter den oben beschriebenen Therapien nicht mindestens so weit beheben, dass es zu einer genügenden Endorganperfusion und akzeptablen Lebensqualität kommt, so soll frühzeitig eruiert werden, ob Patienten für eine fortgeschrittene Herzinsuffizienztherapie in Frage kommen. Hierbei kommt als klassische Therapie der «fortgeschrittenen Herzinsuffizienz» ein linksventrikuläres Unterstützungsdevice (LVAD) und/oder die Herztransplantation in Frage.
Es versteht sich von selbst, dass nicht alle Patienten im kardiogenen Schock von diesen fortgeschrittenenen Therapieoptionen profitieren. Sei es wegen der Gesamtsituation mit refraktƤrem Multiorganversagen, relevanten Nebenerkrankungen oder fortgeschrittenem Alter.
Es empfiehlt sich, in solchen Fällen frühzeitig den Patienten und Angehörigen eine psychologische Unterstützung anzubieten und Palliativgespräche einzuleiten.

Studienlage zur temporären Kreislaufunter­stützung

Die Behandlung von Patienten mit Bedarf einer mechanischen Kreislaufunterstützung sind mit einem enormen personellen, monetären und infrastrukturellen Aufwand verbunden und berechtigterweise stellt sich die Frage nach der Evidenz, die dieses Vorgehen rechtfertigt.

Es lohnt sich ein kritischer Blick auf die aktuelle Studienlage, wobei wir uns hier auf die relevantesten beschrƤnken:
Eine erste grosse randomisierte Studie untersuchte den Nutzen der intraaortalen Ballonpumpe (IABP)- der historisch gesehen ersten perkutanen Kreislaufunterstützung:

In der «IABP-Shock II»-Studie wurden 600 Patienten (45% reanimierte Patienten) mit Myokardinfarkt und kardiogenem Schock (AMICS: «acute myocardial infarction complicated by cardiogenic shock») eingeschlossen und 1:1 randomisiert zur Standardtherapie versus IABP plus Standardtherapie: Die Einlage der IABP zusätzlich zur frühen Revaskularisation und optimalen medikamentösen Therapie führte zu keiner Reduktion der Gesamtmortalität (welche sowohl den neurologisch bedingten, als auch den kardialen Tod einschliesst) (10). Diese und weitere kleinere negative Studien führte zu einer Klasse III Empfehlung (= nicht routinemässig empfohlen) der IABP.

Im August 2023 wurden die Ergebnisse der ECLS-SHOCK II Studie veröffentlicht, wo 420 Patienten mit AMICS 1:1 randomisiert wurden zu VA-ECMO-Einlage zusätzlich zur Standardtherapie, oder alleinige Standardtherapie. Die übliche Behandlung- insbesondere die Revaskularisation- wurde bei allen Patienten rasch durchgeführt. Auch diese Studie fiel negativ aus: Es ergab sich kein Vorteil in Bezug auf die Gesamtmortalität nach 30 Tagen (11). Auffallend war auch in dieser Studie der hohe Anteil an Patienten, die reanimiert wurden (knapp 80%, mit einer mittleren Reanimationsdauer von 20 Minuten).

In der rezentesten Studie im Bereich der temporären Kreislaufunterstützung bei AMICS, der im April dieses Jahres publizierten «DanGer Shock» -Studie, wurde im experimentellen Arm eine Impella® implantiert (355 Patienten, 1:1 Randomisierung). Anders als bei den beiden vorgenannten Studien wurden hier sämtliche Patienten, welche nach einer Reanimation keinen Glasgow coma scale von 9 oder höher erreichten, ausgeschlossen. Durch dieses Ausschlusskriterium gelang es, den Störfaktor des neurologisch bedingten Todes weitestgehend zu eliminieren.

Und die routinemässige Anwendung einer Impella® zusätzlich zur Standardbehandlung erwies sich in diesem Patientenkollektiv als nützlich: Das Überleben konnte im Interventionsarm um über 10% erhöht werden (Gesamtmortalität nach 6 Monaten in der «Impella®-Gruppe» 45.8%, versus 58.5% in der Standardgruppe; HR 0.74, P = 0.04). Ein solch klares Zeichen für einen therapeutischen Nutzen einer Therapie bei Patienten mit AMICS gab es seit der «SHOCK»-Studie zur Revaskularisation bei AMICS um die Jahrtausendwende nicht mehr und stimmt zuversichtlich.

Die Anwendung temporƤrer Kreislaufunterstützungen hat aber – so hoffnungsvoll ihr hƤmodynamischer Nutzen im korrekt ausgewƤhlten Patientenkollektiv auch sei – auch negative Auswirkungen: so kommt es hƤufig zu Komplikationen wie Blutungen im Bereich der Punktionsstelle, BeinischƤmie oder HƤmolyse. Die PrƤvention, rasche Erkennung und Behebung solcher Ereignisse ist von grosser Wichtigkeit und bestimmt mitunter den weiteren Verlauf.

In den Richtlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) wurde die temporäre Kreislaufunterstützung (die klar nicht mehr routinemässig empfohlene IABP ausgenommen) in den 2021 erschienenen Herzinsuffizienzrichtlinien mit einer Klasse IIa Empfehlung versetzt («sollte in Betracht gezogen werden») (12). In den 2023 erschienenen Guidelines für akutes Koronarsyndrom wurde eine IIb-Empfehlung ausgesprochen («kann in Betracht gezogen werden») (13).

Diese Empfehlungen stammen aus einer Zeit vor Verƶffentlichung der DanGer-Studie. Damals konnte noch keine Studie einen klaren Nutzen hinsichtlich MortalitƤtsreduktion zeigen.

Dies unterstreicht die Tatsache, dass es in der Behandlung des kardiogenen Schocks legitim ist, die Therapie nach pathophysiologischen Überlegungen zu steuern. Die Durchführung von aussagekräftigen Studien in diesem heterogenen, schwer kranken Patientenkollektiv ist derart erschwert, dass dies wohl auch in den kommenden Jahren so bleiben wird.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Monika Fürholz

Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Universitätsklinik für Kardiologie
Herz GefƤss Zentrum
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Dr. med. LukƔs Capek

Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Universitätsklinik für Kardiologie
Herz GefƤss Zentrum
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Prof. Dr. med. Lukas Hunziker

Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Universitätsklinik für Kardiologie
Herz GefƤss Zentrum
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Die Behandlung des kardiogenen Schocks bleibt auch heutzutage eine Herausforderung. Evidenzbasierte Handlungsanweisungen gibt es weder für die pharmakologische Therapie noch bis vor kurzem für die mechanische Kreislaufunterstützung, was aber nicht mit Sinnlosigkeit der Behandlung gleichzusetzen ist. Vielmehr spielt Erfahrung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und vor allem der Einbezug pathophysiologischer Überlegungen eine grosse Rolle zur erfolgreichen Behandlung dieser Patienten.

1. Baran DA, Grines CL, Bailey S, Burkhoff D, Hall SA, Henry TD, Hollenberg SM, Kapur NK, O’Neill W, Ornato JP, Stelling K, Thiele H, Diepen S van, Naidu SS. SCAI clinical expert consensus statement on the classification of cardiogenic shock: This document was endorsed by the American College of Cardiology (ACC), the American Heart Association (AHA), the Society of Critical Care Medicine (SCCM), and the Society of Thoracic Surgeons (STS) in April 2019. Catheter Cardiovasc Interv Off J Soc Card Angiogr Interv 2019.
2. Jentzer JC, Diepen S van, Barsness GW, Henry TD, Menon V, Rihal CS, Naidu SS, Baran DA. Cardiogenic Shock Classification to Predict Mortality in the Cardiac Intensive Care Unit. J Am Coll Cardiol 2019;74:2117–2128.
3. Naidu SS, Baran DA, Jentzer JC, Hollenberg SM, Diepen S van, Basir MB, Grines CL, Diercks DB, Hall S, Kapur NK, Kent W, Rao SV, Samsky MD, Thiele H, Truesdell AG, Henry TD. SCAI SHOCK Stage Classification Expert Consensus Update: A Review and Incorporation of Validation Studies: This statement was endorsed by the American College of Cardiology (ACC), American College of Emergency Physicians (ACEP), American Heart Association (AHA), European Society of Cardiology (ESC) Association for Acute Cardiovascular Care (ACVC), International Society for Heart and Lung Transplantation (ISHLT), Society of Critical Care Medicine (SCCM), and Society of Thoracic Surgeons (STS) in December 2021. J Am Coll Cardiol 2022;79:933–946.
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6. Basir MB, Schreiber TL, Grines CL, Dixon SR, Moses JW, Maini BS, Khandelwal AK, Ohman EM, O’Neill WW. Effect of Early Initiation of Mechanical Circulatory Support on Survival in Cardiogenic Shock. Am J Cardiol 2017;119:845–851.
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10. Thiele H, Zeymer U, Neumann F-J, Ferenc M, Olbrich H-G, Hausleiter J, Waha A de, Richardt G, Hennersdorf M, Empen K, Fuernau G, Desch S, Eitel I, Hambrecht R, Lauer B, Bƶhm M, Ebelt H, Schneider S, Werdan K, Schuler G, Intraaortic Balloon Pump in cardiogenic shock II (IABP-SHOCK II) trial investigators. Intra-aortic balloon counterpulsation in acute myocardial infarction complicated by cardiogenic shock (IABP-SHOCK II): final 12 month results of a randomised, open-label trial. Lancet Lond Engl 2013;382:1638–1645.
11. Thiele H, Zeymer U, Akin I, Behnes M, Rassaf T, Mahabadi AA, Lehmann R, Eitel I, Graf T, Seidler T, Schuster A, Skurk C, Duerschmied D, Clemmensen P, Hennersdorf M, Fichtlscherer S, Voigt I, Seyfarth M, John S, Ewen S, Linke A, Tigges E, Nordbeck P, Bruch L, Jung C, Franz J, Lauten P, Goslar T, Feistritzer H-J, Pƶss J, Kirchhof E, Ouarrak T, Schneider S, Desch S, Freund A, ECLS-SHOCK Investigators. Extracorporeal Life Support in Infarct-Related Cardiogenic Shock. N Engl J Med 2023;389:1286–1297.
12. McDonagh TA, Metra M, Adamo M, Gardner RS, Baumbach A, Bƶhm M, Burri H, Butler J, Čelutkienė J, Chioncel O, Cleland JGF, Coats AJS, Crespo-Leiro MG, Farmakis D, Gilard M, Heymans S, Hoes AW, Jaarsma T, Jankowska EA, Lainscak M, Lam CSP, Lyon AR, McMurray JJV, Mebazaa A, Mindham R, Muneretto C, Francesco Piepoli M, Price S, Rosano GMC, Ruschitzka F, Kathrine Skibelund A, ESC Scientific Document Group. 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure. Eur Heart J 2021;42:3599–3726.
13. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, Barbato E, Berry C, Chieffo A, Claeys MJ, Dan G-A, Dweck MR, Galbraith M, Gilard M, Hinterbuchner L, Jankowska EA, Jüni P, Kimura T, Kunadian V, Leosdottir M, Lorusso R, Pedretti RFE, Rigopoulos AG, Rubini Gimenez M, Thiele H, Vranckx P, Wassmann S, Wenger NK, Ibanez B, ESC Scientific Document Group. [2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes]. G Ital Cardiol 2006 2024;25:e1–e112.

Update 2023 ESC Guidelines Endocarditis

Die infektiƶse Endokarditis ist eine seltene Erkrankung, die jedoch aufgrund ihrer hohen MorbiditƤt und MortalitƤt für die globale Gesundheit von grosser Bedeutung ist. Die EuropƤische Gesellschaft für Kardiologie hat im Jahr 2023 die Leitlinien zur infektiƶsen Endokarditis aktualisiert. Was die PrƤvention betrifft, so wurde die Risikogruppe für die Entwicklung einer Endokarditis auch aufgrund des zunehmenden Einsatzes von Transkatheterverfahren zur Klappenreparatur aktualisiert und die Indikation für eine Antibiotikaprophylaxe verstƤrkt. Die zentrale Rolle des Endokarditis-Teams bei der Behandlung des Patienten in allen Phasen von der Erstvorstellung bis zur Entlassung wird stigmatisiert. Die Diagnose der Endokarditis wird zunehmend mit multimodaler Bildgebung gestellt. Die Indikationen und der Zeitpunkt für herzchirurgische Eingriffe wurden überarbeitet, wobei auch das Vorhandensein mƶglicher neurologischer Komplikationen berücksichtigt wurde. Bei stabilen Patienten nach der kritischen Anfangsphase wird nun ein ambulantes Management eingeführt. Dieses Papier fasst die wichtigsten Ƅnderungen und Neuerungen des Dokuments zusammen, die für Spezialisten verschiedener medizinischer Disziplinen bei der Behandlung von Patienten mit Endokarditis von Nutzen sein kƶnnen.

Infective endocarditis is a rare disease, but due to its high morbidity and mortality it is of great importance for global health. In 2023, the European Society of Cardiology updated the guidelines on infective endocarditis. In terms of prevention, the population at risk for endocarditis has been updated also in consideration to the increasing use of transcatheter procedures for valve repair and the indication for antibiotic prophylaxis has been strengthened. The central role of the endocarditis team in the management of the patient at all stages from the initial presentation to discharge is stigmatized. The use of multimodality imaging for the diagnosis of endocarditis is introduced with specific diagnosis pathways. The indications and timing for cardiac surgery have been revised, also taking into account the presence of possible neurological complications. Outpatient management is now introduced for stable patients after the critical initial phase. This paper summarizes the main changes and innovations of the document that may be useful for specialists from different medical disciplines in the management of patients with endocarditis.
Keywords: Endocarditis; antibiotic prophylaxis; cardiac surgery; cardiac imaging.

Einleitung

Endokarditis ist eine schwere Erkrankung, die mit einer hohen MorbiditƤt und MortalitƤt verbunden ist und weltweit eine grosse Herausforderung für die Gesundheitsversorgung darstellt. Trotz zahlreicher Fortschritte in der Medizin steht die Endokarditis immer noch vor grossen Herausforderungen in Bezug auf die PrƤvention, die rechtzeitige Diagnose, die angemessene Behandlung und den Outcome für die Patienten. Neueren Daten aus Europa und Amerika entsprechend nimmt die Gesamtinzidenz der Endokarditis zu, und die Ā«Global Burden of DiseaseĀ» meldet 13.8 FƤlle pro 100 000 Personen pro Jahr im Jahr 2019 (1).

Ein im Jahr 2019 verƶffentlichtes prospektives internationales europƤisches Register über Endokarditis berichtet über eine Spital-MortalitƤt von 17 % und eine hohe PrƤvalenz von Komplikationen, einschliesslich embolischer Ereignisse in 20 %, akutem Nierenversagen in fast 18 % und Herzinsuffizienz in 14 % der Betroffenen; ein grosser Teil der Patienten musste zudem einer Herzoperation unterzogen werden (51 %). In Europa sind die hƤufigsten Erreger Staphylokokken (44 %), Enterokokken (16 %), orale Streptokokken (12 %) und Streptococcus gallolyticus (7 %); andererseits sind bei etwa 21 % der Patienten die Blutkulturen negativ (2).

Im Jahr 2023 hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie neue Leitlinien für die Behandlung von Endokarditis herausgegeben, acht Jahre nach dem vorhergehenden Dokument, im Lichte mehrerer neuer Daten in Bezug auf die Risikopopulation für Endokarditis, diagnostische Kriterien und Bildgebungsmodalitäten, medikamentöse Therapie und chirurgische Behandlung (3). Das aktuelle Dokument fasst die wichtigsten Neuerungen zusammen und konzentriert sich auf praktische Informationen für die spezialisten verschiedener medizinischer Disziplinen.

PrƤvention

Das Rationale der Antibiotikaprophylaxe ist, dass durch die Reduzierung der Bakteriämie, die mit verschiedenen (vor allem oralen) Eingriffen verbunden ist, das Risiko einer bakteriellen Kolonisierung von Herzstrukturen minimiert wird. Tatsächlich befindet sich in der Mundhöhle eine reichhaltige kommensale Flora, und obwohl selbst alltägliche Tätigkeiten wie Zähneputzen, Kauen und die Verwendung von Zahnseide für eine Bakteriämie verantwortlich sein können, gibt es Hinweise darauf, dass eine Reihe von zahnärztlichen Eingriffen mit einem erhöhten Endokarditis-Risiko verbunden sein können. Dazu gehören: Zahnextraktionen, oralchirurgische Eingriffe (einschliesslich Parodontal-Chirurgie, Implantat-Chirurgie und orale Biopsien) und zahnärztliche Eingriffe, bei denen das Zahnfleisch oder der periapikale Bereich der Zähne manipuliert wird (einschliesslich Zahnsteinentfernung und Wurzelbehandlung) (4, 5).

TatsƤchlich kƶnnen ZahnƤrztliche Eingriffe etwa 30–40 % aller FƤlle von Streptokokken-Endokarditis erklƤren. (4, 5) Thornhill et al. haben 2022 in einer sehr grossen Cross-over-Studie, die fast 8 Millionen Patienten in den USA umfasste, berichtet, dass der Einsatz einer Antibiotikaprophylaxe bei Hochrisikopatienten mit einer signifikanten Reduzierung der Inzidenz von infektiƶser Endokarditis verbunden war (4). Die Verwendung einer Antibiotikaprophylaxe in der klinischen Praxis wurde daher unterstützt.

In den ESC-Leitlinien 2023 wird das Risiko der Bevölkerung für Endokarditis in Hoch-, Mittel- und Niedrigrisikogruppen eingeteilt. Die Antibiotikaprophylaxe vor zahnärztlichen ­Eingriffen wird nur bei Patienten mit hohem Risiko (Klasse I) empfohlen, während bei Patienten mit mittlerem Risiko (und idealerweise auch bei solchen mit niedrigem Risiko) Präventionsmassnahmen zwingend empfohlen werden (Abb. 1, 2 und 3).

Zur Hochrisikogruppe gehƶren die folgenden vier Kategorien von Patienten:
• Patienten mit vorheriger Endokarditis;
• Patienten, die mit chirurgisch oder per Transkatheter implantierten Herzklappenprothesen oder mit jeglichem Material für die Herzklappenreparatur behandelt wurden;
• Patienten mit unbehandeltem zyanotischem angeborenem Herzfehler und Patienten, die mit chirurgischen oder Transkatheterverfahren, mit postoperativen palliativen Shunts, Conduits oder anderen Prothesen behandelt wurden. Nach der Reparatur, bei Abwesenheit von Restdefekten oder Herzklappenprothesen wird eine Antibiotikaprophylaxe nur für die ersten 6 Monate nach dem Eingriff empfohlen.
• Patienten mit Ā«Ventricular Assist DevicesĀ», die als Zieltherapie implantiert wurden.
Auch wenn die Evidenz begrenzt ist und hauptsƤchlich auf Fallberichten beruht, schlƤgt die Arbeitsgruppe vor, dass eine Antibiotikaprophylaxe auch bei Patienten mit Transkatheter-Edge-to-Edge-Reparatur der Mitral- oder Trikuspidalklappe in Betracht gezogen werden kann (Klasse IIa).

Zu den Patienten mit mittlerem Risiko gehƶren: rheumatische Herzkrankheiten, nicht-rheumatische degenerative Klappenerkrankungen, angeborene Klappenanomalien ohne hohes Risiko, implantierte kardiovaskulƤre elektronische GerƤte und hypertrophe Kardiomyopathie. Bei diesen Patienten wird eine Antibiotikaprophylaxe nicht routinemƤssig empfohlen.

Abgesehen von zahnärztlichen Eingriffen haben einige Observationsstudien gezeigt, dass auch andere Eingriffe ein erhöhtes Risiko für Endokarditis tragen können, beispielsweise kardiovaskuläre Eingriffe, Hauteingriffe und Wundbehandlung, Transfusionen, Dialyse, Knochenmarkspunktionen und endoskopische Eingriffe. (5, 6) Aus diesem Grund wurde in den Leitlinien 2023 die Klasse der Antibiotikaprophylaxe von III auf IIb (kann in Betracht gezogen werden) heraufgestuft.

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Antibiotikaprophylaxe vor kardiologischen Eingriffen. Diese wird in der Regel vor der Implantation einer Transkatheter-Klappenprothese, der Implantation eines elektronischen GerƤts und von Verschlüssen oder Transplantaten empfohlen (Klasse I). Das empfohlene Antibiotikum ist Cefazolin 1g i.v. für die Implantation von elektronischen GerƤten und Amoxicillin / Clavulanic 2 g oder Ampicillin 3 g für die Implantation von Transkatheterprothesen.

Endokarditis-Team

Die Endokarditis ist eine sehr komplexe und multisystemische Erkrankung, die einen multidisziplinƤren Ansatz für die Diagnose, die Erkennung von Komplikationen, die Antibiotikabehandlung, die chirurgische Behandlung und die Nachsorge der Patienten erfordert. Ein solcher multidisziplinƤrer Ansatz verbessert nachweislich den Outcome der Patienten mit einer geringeren Spital- und erste-Jahres-MortalitƤt. Daher wird ein Endokarditis-Team, das sich aus mehreren Fachleuten des Gesundheitswesens zusammensetzt, bereits in der Frühphase und wƤhrend der Nachsorge dringend empfohlen. (7) Es ist sehr wichtig, dass das Team erkennt, ob der Patient z. B. in einem kleinen peripheren Spital behandelt werden kann oder ob er in ein hochspezialisiertes Zentrum mit herzchirurgischen Mƶglichkeiten (Herzklappenzentrum) verlegt werden muss. Diese Situationen sind unter anderem: hƤmodynamische InstabilitƤt, Vorliegen einer schweren Klappenfunktionsstƶrung, Infektion einer Klappenprothese oder eines implantierten elektronischen GerƤts, Vorliegen von perivalvulƤren Komplikationen, Schlaganfall, Auftreten von embolischen Ereignissen, Persistenz positiver Blutkulturen trotz Therapie > 7 Tage oder Vorliegen schwer abzutƶtender Keime. Zu den Kernmitgliedern des Endokarditis-Teams sollten Kardiologen, Experten für kardiale Bildgebung, Herzchirurgen, Spezialisten für Infektionskrankheiten und Mikrobiologen gehƶren; auch Mitglieder des Referenzzentrums (Herzklappenzentrum) kƶnnen dem Team angehƶren. Weitere Fachleute aus dem Gesundheitswesen, die in die Diskussion einbezogen werden kƶnnen, sind Neurologen, Pharmakologen, Spezialisten für Nierenerkrankungen und Krankenschwestern.

Diagnose

Der erste Verdacht auf eine Endokarditis ergibt sich in der Regel aus klinischen und Labordaten, wobei die kardiale (und extrakardiale) Bildgebung wichtige diagnostische Anhaltspunkte bietet. Die klassischen Duke-Kriterien für die Diagnose wurden in den ESC-Leitlinien 2023 leicht modifiziert und sind in Abb. 4 zusammengefasst.

Anhand der Diagnosekriterien wird eine definitive Endokarditis durch das Vorhandensein von 2 Major- oder 1 Major- und mindestens 3 Minor-Kriterien definiert; eine mƶgliche Endokarditis wird durch 1 Major- und 1 oder 2 Minor-Kriterien oder 3–4 Minor-Kriterien definiert.
Die wichtigsten Hinweise und Neuerungen für die Diagnose, die in die Leitlinien 2023 aufgenommen wurden, sind die folgenden:
• Enterococcus faecalis wurde zuletzt als hƤufiger Erreger von Endokarditis beschrieben und wurde als typischer Endokarditis-Erreger in die Major-Kriterien aufgenommen.

• Bei positiven Blutkulturen wird eine MALDI-TOF MS (matrix-assisted laser desorption ionization time-of-flight mass spectrometry) zur schnellen Identifizierung des kausalen Erregers und zur schnellen Empfindlichkeitsprüfung empfohlen, um die geeignete Antibiotikabehandlung festzulegen.

• Im Falle negativer Blutkulturen sollte eine Serologie auf atypische Mikroorganismen durchgeführt werden (C. burnetii, Bartonella spp., Aspergillus spp., L. pneumophila, Brucella spp., M. pneumoniae). Zudem kann eine molekularbiologische Untersuchung (Polymerase-Kettenreaktion-Sequenzierung) von Blut, Emboliematerial, Vegetation oder explantiertem Herzgewebe zur Identifizierung des Mikroorganismus beitragen. LƤsst sich weiterhin kein Mikroorganismus identifizieren, kann eine nicht bakterielle thrombotische Endokarditis in Betracht gezogen werden, und die Patienten sollten für eine Antiphospholipid-Antikƶrper, antinukleƤre Antikƶrper und Anti-Schweinefleisch-Antikƶrper untersucht werden. Neuere Daten scheinen darauf hinzudeuten, dass eine Endokarditis mit negativen Blutkulturen mit einer schlechteren Prognose verbunden sein kann als eine Endokarditis mit positiven Blutkulturen (8).

• Was die Echokardiographie anbelangt, so ist die Indikation zur Transoesophageale über die Transthorakale Echokardiographie hinaus inzwischen zu einer Indikation der Klasse I aufgewertet worden. TatsƤchlich erlaubt die transoesophageale Echokardiographie bei vielen Patienten eine bessere diagnostische Performance (mit der einzigen mƶglichen Ausnahme einer isolierten rechtsseitigen Endokarditis) und ermƶglicht die frühzeitige Erkennung von Komplikationen, Abb. 5.

• Ein multimodaler Bildgebungsansatz wird dringend empfohlen. Neuere Studien haben gezeigt, dass die kardiale CT-Scan eine sehr gute diagnostische Aussagekraft für die Diagnose von HerzklappenlƤsionen und perivalvulƤren Komplikationen bei nativer Klappenendokarditis hat, wƤhrend die PET-CT eine sehr gute Aussagekraft für die Diagnose von Endokarditis bei Herzklappenprothesen hat (9, 10), Abb. 6 und 7. Die Magnetresonanz Untersuchung ist nicht geeignet, um kardiale Vegetation oder Komplikationen zu erkennen, kann aber nützlich sein, um FernlƤsionen zu entdecken.

• Für Patienten mit nativer oder prothetischer Herzklappenendokarditis wurden spezielle diagnostische Verfahren entwickelt. Insbesondere für den Fall, dass die Diagnose einer linksseitigen nativen oder prothetischen Herzklappenendokarditis nicht definitiv, aber mƶglich ist, empfiehlt die Leitlinie eine regelmƤssige Wiederholung der Blutkulturen (falls negativ oder zweifelhaft) und eine Wiederholung der Echokardiographie je 5–7 Tage; falls die Echokardiographie nicht diagnostisch ist, wird bei Patienten mit nativen Herzklappen ein CT-Scan empfohlen; bei prothetischen Herzklappen wird stattdessen ein kardiales CT-Scan oder PET-CT (oder, falls nicht verfügbar, ein White-Blood-Cell-SPECT) empfohlen. Wenn die Diagnose noch immer nicht definit ist, kƶnnte ein weiteres Kriterium hinzugefügt werden, wenn eine extrakardiale Dissemination durch extrakardiale BildgebungsmodalitƤten festgestellt wird.

• Im Falle einer definitiven Endokarditis wird eine kardiale CT-Scan empfohlen, um eine paravalvulƤre Komplikation zu erkennen, wenn die Echokardiographie nicht diagnostisch ist. ZusƤtzlich wird bei symptomatischen Patienten (Klasse I) eine extrakardiale Bildgebung zur Suche nach einer peripheren Dissemination empfohlen und kann bei asymptomatischen Patienten (Klasse IIb) in Betracht gezogen werden.
• Wenn nach den diagnostischen Kriterien eine Endokarditis des implantierten elektronischen GerƤts nicht sicher ist, aber für mƶglich gehalten wird, empfehlen die Leitlinien, die Blutkulturen zu wiederholen (falls negativ oder zweifelhaft) und die Echokardiographie innerhalb von 5–7 Tagen zu wiederholen; falls die Diagnose immer noch unsicher ist, wird ein PET-CT empfohlen, um eine Pocket-Infektion oder eine septische Lungenembolie (Klasse I) oder sogar eine Elektrodeninfektion (Klasse IIb) zu erkennen, oder es kann ein CT-Scan durchgeführt werden, um eine Lungenembolie zu erkennen.

• Die Herz-CT kann auch als Alternative zur invasiven Koronarangiographie für die prƤoperative Beurteilung der Koronararterien verwendet werden (insbesondere bei Patienten mit Aortenklappenendokarditis).

Antibiotika-Therapie

Die Leitlinien 2023 enthalten sehr detaillierte Tabellen für die spezifische Antibiotikabehandlung entsprechend dem jeweiligen Erreger sowie für die empirische Erstbehandlung. Es wird daher empfohlen, das Dokument zur Entscheidung und Dosierung von Antibiotika heranzuziehen (3). Eine Neuerung der aktuellen Leitlinien besteht darin, dass die MIC-Werte für die Antibiotika gemäss dem EUCAST (European Committee on Antimicrobial Susceptibility Testing) eingeführt wurden (11).

Die Dauer der Antibiotikabehandlung variiert von 2 Wochen bei nicht komplizierten nativen Klappeninfektionen bis zu > 6 Wochen bei Herzklappenprothesen. In beiden FƤllen, native oder prothetischen Klappen, richtet sich die Dauer der Behandlung nach dem ersten Tag einer wirksamen Antibiotikatherapie (negative Blutkultur im Falle einer anfƤnglich positiven Blutkultur), nicht nach dem Tag der Operation.
Die wichtigste Neuerung bei der antibiotischen Behandlung der infektiƶsen Endokarditis ist die Mƶglichkeit, nach der Anfangsphase auf eine orale Behandlung umzusteigen, wenn bestimmte StabilitƤtskriterien erfüllt sind. Diese Empfehlung stammt aus der POET-Studie, einer randomisierten, multizentrischen Studie, die an 400 Patienten mit linksseitiger Endokarditis durchgeführt wurde; nach einer ersten Phase mit intravenƶser Behandlung wurden die Patienten randomisiert, um die intravenƶse Behandlung fortzusetzen oder auf eine orale Antibiotikabehandlung umzusteigen, wenn StabilitƤtskriterien erfüllt waren. Es gab keinen Unterschied zwischen den intravenƶs (12 %) und oral (9 %; p = .40) behandelten Patienten in Bezug auf die GesamtmortalitƤt, ungeplante Herzoperationen, embolische Ereignisse oder ein Rezidiv der BakteriƤmie (12). Bei der nachfolgenden verƶffentlichten VerlƤngerung der Follow-up-Studie auf mehr als 5 Jahren zeigte sich die Ā«Step-downĀ»Behandlung mit oraler Therapie sogar als besser mit einer geringeren Inzidenz von Ereignissen bei den oral Behandelten (33 %) im Vergleich zur intravenƶsen Behandlung (45 %) (13).

Dementsprechend hat die Endokarditis-Leitlinie 2023 nun zwei Phasen der Antibiotikabehandlung definiert. Die erste Phase ist die so genannte kritische Phase, in der der Patient hospitalisiert wird, eine intravenöse Antibiotikabehandlung durchgeführt wird und die Komplikationen chirurgisch behandelt werden. Nach der Anfangsphase wird eine transösophageale Echokardiographie durchgeführt, und wenn keine neuen Komplikationen auftreten und der Patient klinisch stabil ist, kann eine «Step-down»-Behandlung mit oralen Antibiotika (mit einem 2-Antibiotika-Schema) oder eine ambulante parenterale Behandlung (OPAT) in Betracht gezogen werden, siehe Abb. 8.

Chirurgische Behandlung

Bei einem grossen Teil der Patienten ist die antibiotische Behandlung nicht ausreichend, um die Infektion und ihre Komplikationen zu behandeln, sodass die Patienten einer herzchirurgischen Behandlung bedürfen, um das infektiƶse Gewebe zu entfernen und die BeschƤdigungen zu beheben. Im Euro-Endo-Register lag die PrƤvalenz der Herzchirurgie in der Population der Patienten mit infektiƶser Endokarditis bei 51 % (2).

Die drei Hauptindikationen für eine Operation sind Herzinsuffizienz, Anzeichen einer unkontrollierten Infektion und die Vermeidung von Embolierisiken. Der Zeitpunkt der Operation kann als Notfall eingestuft werden, wenn der Eingriff innerhalb von 24 Stunden durchgeführt werden muss, als dringend, wenn der Eingriff innerhalb von 3 bis 5 Tagen durchgeführt werden sollte, und als nicht dringend, wenn die Indikation zur Durchführung des Eingriffs innerhalb desselben Spitalaufenthalts besteht. Die Abb. 9 gibt einen Überblick über die Indikation und den Zeitpunkt für einen herzchirurgischen Eingriff. Darüber hinaus wird eine chirurgische Behandlung auch bei einer frühen Endokarditis der Herzklappenprothese (innerhalb von 6 Monaten nach der Implantation) empfohlen als Indikation der Klasse I.

Im Hinblick auf die rechtsseitige Endokarditis wurden die folgenden Bedingungen von Klasse IIa in den vorherigen Leitlinien zu Indikationen der Klasse I für eine Operation in den aktuellen Leitlinien überarbeitet: rechtsventrikulƤre Dysfunktion aufgrund einer schweren Trikuspidalregurgitation, die nicht auf Diuretika anspricht; persistierende Vegetationen mit wiederkehrenden septischen Lungenembolien, die eine Beatmungsunterstützung erfordern; persistierende Vegetationen > 20 mm nach wiederkehrenden septischen Lungenembolien.

Neurologische Komplikationen

Neurologische Komplikationen sind die am meisten gefürchteten bei Patienten mit Endokarditis, da sie mit einer schlechten Prognose verbunden sind. Ein dringender chirurgischer Eingriff kann in der Tat bei Patienten mit zerebralen Embolien Sorgen verursachen, mit Blick auf das Risiko einer mƶglichen hƤmorrhagischen Konversion, die mit dem intraoperativen Einsatz von Heparin verbunden ist; tatsƤchlich ist in diesen FƤllen die MortalitƤtsrate extrem hoch. Dieses Risiko sollte jedoch mit dem Risiko hƤmodynamischer Komplikationen, die eine Verzƶgerung des Eingriffs mit sich bringen, und mit der Gesamtprognose der Patienten abgewogen werden. Hier ist die Diskussion im Rahmen des Endokarditis-Teams, dem auch ein Neurologe angehƶrt, sehr wichtig. Eine transitorische ischƤmische Attacke gilt in der Regel nicht als Grund, eine Herzoperation zu verzƶgern, wenn sie indiziert ist. Bei einem ischƤmischen Schlaganfall wird die Operation, wenn sie indiziert ist, empfohlen (Klasse I), es sei denn, es gibt Hinweise auf eine hƤmorrhagische Transformation oder der Patient weist einen schlechten neurologischen Status auf (Glasgow Coma Scale < = 4 oder National Institutes of Health Stroke Scale Score (NIHSS) > 18).

Im Falle eines hƤmorrhagischen Schlaganfalls ist das Szenario vƶllig anders, und die Entscheidung sollte von Fall zu Fall nach sorgfƤltiger Bewertung und Diskussion im Endokarditis-Team getroffen werden. Wenn dies vernünftig erscheint, sollte die Operation unter strikter Überwachung der hƤmodynamischen Parameter und der neurologischen Bildgebung um 4 Wochen verschoben werden (Klasse IIa), wenn dies nicht mƶglich ist, sollte eine Notfall- oder Dringlichkeitsoperation unter AbwƤgung von Risiko und Nutzen in Betracht gezogen werden und wenn ein vernünftiges Ergebnis mƶglich ist (Klasse IIa). Günstige hƤmorrhagische Merkmale sind ein HƤmorrhagievolumen von < 30 ml oder ein NIHSS < 12.

KardiovaskulƤre implantierte elektronische GerƤte

Die Empfehlungen für Patienten mit Endokarditis und kardiovaskulären implantierten elektrischen Geräten wurden auch gemäss einem aktuellen Dokument der European Heart Rhythm Association (14) aktualisiert. Eine konservative Behandlung der Geräteinfektion ist mit einer erhöhten Mortalität verbunden, daher empfehlen die Leitlinien bei definitiver Diagnose einer Geräteinfektion eine vollständige Systemextraktion in erfahrenen Zentren (Indikation Klasse I) (15). Im Falle einer Herzklappenendokarditis, auch ohne Hinweise auf eine Geräte- oder Elektrodenbeteiligung, kann im Falle einer S. Aureus-Infektion eine vollständige Extraktion in Betracht gezogen werden (Klasse IIa); im Falle einer möglichen Geräteendokarditis wird zunächst eine antimikrobielle Therapie empfohlen, aber wenn die Blutkulturen anhaltend positiv sind, sollte das gesamte System entfernt werden. Die Reimplantation des Geräts sollte nach einer angemessenen Antibiotikatherapie an einer anderen Stelle der vorherigen Implantation mindestens 2 Wochen nach Negativierung der Blutkultur (bei Patienten mit Vegetationen) oder mindestens 72 Stunden nach Negativierung der Blutkultur (bei Patienten ohne Vegetationen) erfolgen. Als Überbrückung bis zur nächsten Geräte-Implantation können schrittmacherabhängige Patienten mit einem transjugulären Schrittmacher behandelt werden, oder bei Patienten mit implantierbaren Defibrillatoren kann ein «wearable defibrillator» in Betracht gezogen werden.

Schlussfolgerungen

Mit mehr als dreissig neuen Empfehlungen und einer grossen Anzahl überarbeiteter und aktualisierter Empfehlungen stellen die Leitlinien 2023 der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie zur Endokarditis einen grossen Fortschritt gegenüber dem vorherigen Dokument von 2015 dar. Die Arbeitsgruppe räumt ein, dass es noch einige wissenschaftliche Lücken gibt und dass vor allem die Robustheit einiger Empfehlungen aufgrund des Fehlens randomisierter klinischer Studien schwächer ist. Nichtsdestotrotz geben die Leitlinien 2023 den aktuellen Wissensstand im Lichte der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse wieder und sind ein sehr praktisches und nützliches Dokument für alle Angehörigen der Gesundheitsberufe, die an der Behandlung von Patienten mit Endokarditis beteiligt sind.

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Dr. med. PhD, FESC Stefano Caselli

HerzgefƤsszentrum im Park
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Tel. 044 209 20 20

stefano.caselli@hirslanden.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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2. Habib G, Erba PA, Iung B, Donal E, Cosyns B, Laroche C, Popescu BA, Prendergast B, Tornos P, Sadeghpour A, Oliver L, Vaskelyte JJ, Sow R, Axler O, Maggioni AP, Lancellotti P; EURO-ENDO Investigators. Clinical presentation, aetiology and outcome of infective endocarditis. Results of the ESC-EORP EURO-ENDO (European infective endocarditis) registry: a prospective cohort study. Eur Heart J. 2019 Oct 14;40(39):3222-3232. doi: 10.1093/eurheartj/ehz620. Erratum in: Eur Heart J. 2020 Jun 7;41(22):2091. doi: 10.1093/eurheartj/ehz803. PMID: 31504413.
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11. European Committee on Antimicrobial Susceptibility Testing. The European Committee on Antimicrobial Susceptibility Testing. Breakpoint Tables for Interpretation of MICs and Zone Diameters. Version 12.0, 2022. http://www.eucast.org.
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14. Blomstrƶm-Lundqvist C, Traykov V, Erba PA, Burri H, Nielsen JC, Bongiorni MG, Poole J, Boriani G, Costa R, Deharo JC, Epstein LM, SƔghy L, Snygg-Martin U, Starck C, Tascini C, Strathmore N. European Heart Rhythm Association (EHRA) international consensus document on how to prevent, diagnose, and treat cardiac implantable electronic device infections-endorsed by the Heart Rhythm Society (HRS), the Asia Pacific Heart Rhythm Society (APHRS), the Latin American Heart Rhythm Society (LAHRS), International Society for Cardiovascular Infectious Diseases (ISCVID), and the European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. 2020 Jun 1;41(21):2012-2032. doi: 10.1093/eurheartj/ehaa010. PMID: 32101604.
15. Donal E, Tribouilloy C, Sadeghpour A, Laroche C, Tude Rodrigues AC, Pereira Nunes MDC, Kang DH, Hernadez-Meneses M, Kobalava Z, De Bonis M, Dworakowski R, Ivanovic B, Holicka M, Kitai T, Cruz I, Huttin O, Colonna P, Lancellotti P, Habib G. Cardiac device-related infective endocarditis need for lead extraction whatever the device according to the ESC EORP EURO-ENDO registry. Eur Heart J Open. 2023 Jul 3;3(4):oead064. doi: 10.1093/ehjopen/oead064. PMID: 37465258; PMCID: PMC10351571.

Die transformative Rolle der ­Künstlichen Intelligenz in der ­personalisierten Medizin

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2024, der vom 30. August bis 2. September in London stattfand, brachte die weltweit führenden Experten der kardiovaskulären Medizin zusammen, um die Patientenversorgung zu verbessern und das Fachgebiet durch bahnbrechende Forschung, wegweisende Technologien und kooperative Initiativen voranzutreiben (1).

Mit über dreissigtausend Teilnehmern und über fünftausend FakultƤtsmitgliedern und Referenten, einschliesslich nationaler kardiologischer Gesellschaften und Industriepartnern, fungiert dieser bedeutende Kongress als Katalysator für die Gestaltung der Zukunft der kardiovaskulƤren Medizin auf globaler Ebene. Neben der Bereitstellung neuester klinischer Updates, wie z.B. neuer Leitlinien für das Patientenmanagement in verschiedenen klinischen Bereichen, legte der Kongress auch grossen Wert auf die wachsende Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Kardiologie. Zahlreiche Sitzungen und PrƤsentationen behandelten das Thema KI, von ihrer Anwendung in der Diagnostik und Risikostratifizierung bis hin zu Fortschritten in KI-gestützten Behandlungsstrategien. Der diesjƤhrige ESC-Kongress unterstrich die nahtlose Integration von Technologie in die klinische Praxis und lƤutete eine neue Ƅra in der kardiovaskulƤren Versorgung ein. TatsƤchlich wurden mehr als hundert wissenschaftliche BeitrƤge zur KI in der Kardiologie auf dem Kongress vorgestellt (1). Hier fassen wir eine Auswahl interessanter Studien aus unserer Sicht zusammen, um wertvolle Einblicke in die sich entwickelnde Rolle der KI in der kardiovaskulƤren Versorgung zu geben.

Ein Forschungsteam des University College London und des Karolinska Instituts nutzte Künstliche Intelligenz zur Analyse von kardialen Magnetresonanzbildern (MRT) von 45 789 Teilnehmern der UK Biobank, um genetische Faktoren zu untersuchen, die mit der Steifigkeit der Aorta in Zusammenhang Ā­stehen. Die Steifigkeit der Aorta ist als Risikofaktor für kardiovaskulƤre Ereignisse bekannt, und diese Studie verwendete ein neues Mass für die Steifigkeit. Die Forscher identifizierten 17 genetische Varianten, die mit der Aortensteifigkeit verbunden sind, darunter vier neue Varianten in der NƤhe von Genen, die mit koronarer Herzkrankheit und Myokardinfarkt assoziiert sind. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bestimmte genetische Faktoren, die zur Aortensteifigkeit beitragen, mƶglicherweise auch mit kardiovaskulƤren Erkrankungen in Verbindung stehen und neue Einblicke in die potenziellen genetischen Mechanismen zu diesen Erkrankungen liefern (2).

Eine Forschergruppe aus der Schweiz und den USA, angeführt von Wissenschaftlern des UniversitƤtsspitals Bern und der Harvard Medical School, entwickelte ein Deep-Learning-Modell zur Vorhersage des Ā«HerzaltersĀ» anhand von Daten der UK Biobank. Die Studie zielte darauf ab, Personen mit hƶherem kardiovaskulƤrem Risiko zu identifizieren, auch wenn sie gesund erscheinen, indem das Herzalter sowohl anhand von MRT-Aufnahmen des Herzens als auch von EKG-Daten geschƤtzt wurde. Das Modell analysierte Daten von 45 000 Teilnehmern und erreichte eine hohe Genauigkeit, wobei das Herzalter mit einem mittleren Fehler von nur 2.5 Jahren vorhergesagt wurde. Die Studie ergab, dass die Form und Struktur des Herzens (basierend auf MRT) bessere PrƤdiktoren für das Herzalter waren als die elektrische AktivitƤt (basierend auf EKG). Die Forscher entdeckten auch genetische und nicht-genetische Faktoren, die mit beschleunigteb Herzaltern verbunden sind, wobei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Gesundheit bedeutende Faktoren waren. Dieser Ansatz kƶnnte dazu beitragen, PrƤventionsstrategien für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu personalisieren, indem das Altern des Herzens besser verstanden wird (3).

Eine Forschungsgruppe der Yale University entwickelte einen neuartigen Ansatz mit digitalen Zwillingen, um die Ergebnisse von randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) auf unterschiedliche Patientengruppen zu übertragen. Anhand von Daten aus zwei grossen Studien, SPRINT und ACCORD, die unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich der Wirkung einer intensiven Blutdruckkontrolle zeigten, erstellten die Forscher einen digitalen «Zwilling» jeder Studie, der auf den Merkmalen der anderen Studienpopulation basiert. Auf diese Weise simulierten sie, wie die Ergebnisse einer Studie auf die andere Gruppe angewendet würden. Ihr Modell replizierte erfolgreich die nicht signifikanten Ergebnisse von ACCORD, wenn sie auf die SPRINT-Population angewendet wurden, und umgekehrt. Dieser innovative Ansatz könnte die Anwendung von RCT-Ergebnissen auf reale Patientengruppen verbessern (4).

Ein Forscherteam von ELEM Biotech in Spanien, dem University College London und der Washington University entwickelte eine Pipeline zur Erstellung personalisierter digitaler Herzmodelle, sogenannter «kardialer Zwillinge», mithilfe fortschrittlicher kardiovaskulärer MRT und elektrographischer Bildgebung (ECGI). Die Studie, die Teil des MyoFit46-Projekts war, umfasste 406 Teilnehmer der National Survey of Health and Development, die alle in derselben Woche im Jahr 1946 geboren wurden. Die digitalen Zwillinge sind detaillierte virtuelle Versionen des Herzens jedes Teilnehmers, die anatomische, funktionelle und elektrische Eigenschaften auf der Grundlage realer klinischer Daten beinhalten. Durch die Integration von CMR-Daten mit ECGI-Karten konnten die Forscher die Fehler bei der Vorhersage der Herzaktivierung und -repolarisation reduzieren. Diese digitalen Zwillinge bieten ein neues Werkzeug zur Bewertung des arrhythmischen Risikos und könnten in zukünftigen In-silico-Studien eingesetzt werden, um den Weg für eine personalisierte kardiovaskuläre Versorgung zu ebnen (5).

Unsere Gruppe «Künstliche Intelligenz in der kardiovaskulären Bildgebung» war auf dem ESC-Kongress 2024 stark vertreten, mit acht KI-orientierten Präsentationen. Eine bemerkenswerte Studie des Universitätsspitals Bern in der Schweiz entwickelte ein KI-Modell zur Vorhersage der langfristigen kardiovaskulären Mortalität bei Patienten nach der Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI). Mithilfe von Daten von fast 4000 Patienten über einen Zeitraum von 16 Jahren analysierte das Team multimodale Eingaben, einschliesslich klinischer Anamnese, Labortests, Bildgebung (CT-Scans, EKG, Echokardiogramme) und Verfahrensdetails. Fortgeschrittene KI-Algorithmen wurden verwendet, um den Zeitpunkt und die Wahrscheinlichkeit eines kardiovaskulären Todes bis zu 10 Jahre nach der TAVI vorherzusagen. Das KI-Modell übertraf traditionelle Methoden und zeigte eine überlegene Genauigkeit bei der Vorhersage von Ergebnissen. Dieser innovative Ansatz könnte es Klinikern ermöglichen, Hochrisikopatienten besser zu identifizieren und eine personalisierte Nachsorge nach TAVI zu steuern. Diese Studie wurde mit dem Young Investigator Award an Dr. Isaac Shiri in der Sitzung zur valvulären Herzkrankheit ausgezeichnet.

Zusammenfassend hat der ESC-Kongress 2024 die tiefgreifenden Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf verschiedene Aspekte der kardiovaskulären Versorgung hervorgehoben, von der Vorhersage des Herzalters und der Aortensteifigkeit bis hin zur Personalisierung von Behandlungsplänen für komplexe Verfahren wie TAVI und den digitalen Zwillingen des Herzens. Diese Fortschritte zeigen das enorme Potenzial der KI, die diagnostische Genauigkeit zu verbessern, die Risikobewertung zu optimieren und personalisierte Behandlungsstrategien zu entwickeln.

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Dr. Isaac Shiri

Inselspital, UniversitƤtsspital Bern
Universitätsklinik für Kardiologie
Herz GefƤss Zentrum
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

1. https://www.escardio.org/Congresses-Events/ESC-Congress
2. Paliwal N, Henry A, Finan C, Davies R, Hughes A, Williams B, Malarstig A, Lumbers RT, Hingorani AD. Genome-wide association study of CMR image-based aortic stiffness in 45,789 individuals identifies loci linked with cardiovascular diseases. Presented at: ESC Congress 2024; August 30 – September 2, 2024; London, UK.
3. Siontis G, Le Goallec A, Prost JB, Collin S, Diai S, Vincent T, Patel C. Multi-modality deep learning prediction of heart age: insights from UK-Biobank. Presented at: ESC Congress 2024; August 30 – September 2, 2024; London, UK.
4. Thangaraj P, Vasisht Shankar S, Oikonomou E, Khera R. A novel digital twin strategy to enable the translation of evidence from randomized control trials to new populations. Presented at: ESC Congress 2024; August 30 – September 2, 2024; London, UK.
5. Gonzalez-Martin P, Webber M, Chan F, De S, Topriceanu CC, Falconer D, Zingaro A, Pozo JM, Butakoff C, Rudy Y, Hughes AD, Orini M, Vazquez M, Aguado-Sierra J, Captur G. A pipeline for developing digital cardiac twins integrating cardiovascular magnetic resonance and electrocardiographic imaging: results from the MyoFit46 study. Presented at: ESC Congress 2024; August 30 – September 2, 2024; London, UK.
6. Shiri I, Tomii D, Nakase M, Balzer S, Windecker S, Pilgrim T, Grani C. Multi-modal artificial intelligence-based prediction for cardiovascular mortality after transcatheter aortic valve implantation: a time-to-event survival prediction. Presented at: ESC Congress 2024; August 30 – September 2, 2024; London, UK.

Das kardiovaskulƤre-renale-metabolische Syndrom (CKM)

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Unter den kardiovaskulären (cv) Risikofaktoren nimmt Diabetes mellitus Typ II (T2DM) aufgrund der steigenden Prävalenz eine besondere Stellung ein. Koronare Herzkrankheit (KHK), Herzinsuffizienz (HI) und chronische Niereninsuffizienz (CKD) sind deutlich erhöht. Der Begriff CKM bezeichnet ein komplexes Gesundheitsproblem, das auf den Wechselwirkungen zwischen Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes und Adipositas beruht. Das Syndrom erhöht das Risiko für die Entwicklung und das Fortschreiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und betrifft sowohl Risikopersonen als auch Personen mit bestehenden cv-Erkrankungen. Das Stadium zum Zeitpunkt der Diagnose kann Aufschluss über den Schweregrad der Erkrankung geben.

Cardiovascular disease (CVD) is the leading cause of death worldwide. Among the cardiovascular (CV) risk factors, diabetes mellitus type II (T2DM) occupies a special position due to its increasing prevalence. Coronary heart disease (CHD), heart failure (HF) and chronic kidney disease (CKD) are significantly increased. The term CKM describes a complex health problem resulting from the interaction between heart disease, kidney disease, diabetes and obesity. The syndrome increases the risk of developing and progressing cardiovascular disease and affects both those at risk and those with existing cardiovascular disease. The stage of the disease at the time of diagnosis may indicate the severity of the disease.
Key words: heart disease, kidney disease, diabetes and obesity, CKM-syndrome

Fallbeschreibung

Wir mƶchten einen 63-jƤhrigen Hochrisiko-Patienten mit einer neuen moderaten Anstrengungsdyspnoe vorstellen. Er hat seit ca. 8 Jahren einen T2DM und eine CKD: G3aA3; Erstdiagnose vor 2 Jahren. Seit kurzem eine HI mit einer LV-EF von 53 % (HFpEF). Negative FA bez. koronarer Herzkrankheit, kein Nikotin. Die Details zum Fall vermittelt Abb. 1. Der Fall aus der Praxis soll auch die aktuellen Leitlinien zu den vorhandenen Krankheiten beleuchten. Der Patient hat mit drei kardiovaskulƤren Risikofaktoren und der Anstrengungsdyspnoe, nach den neuen ESC-Guidelines 2024 des CCS, ein moderates Risiko von 17 % für eine obstruktive KHK (1). In einer Koronar-CT-Untersuchung fand sich eine koronare diffuse 3-GefƤsserkrankung mit zwei 50–60 % Stenosen am mittleren RIVA und an der proximalen CX. In einer Stressechokardiographie wurde eine koronare IschƤmie ausgeschlossen. Die augenƤrztliche Kontrolle ergab eine leichte diabetische Retinopathie. Somit besteht wahrscheinlich eine diabetische Nephropathie. Der ABI betrug bei guten Fusspulsen bds 1.0 Die Transaminasen waren normal. Im erweiterten Echo nicht dilatierte, sklerosierte Aorta abdominalis, keine Lebersteatose, Nieren bds morphologisch normal.

Kommentar

Das BD-Ziel von 120–129 mmHg systolisch haben wir mit obiger dualer Fixkombinatio (ACE-H./ Kalziumantagonist) erreicht. Dies ergibt eine bessere Progressionshemmung bei proteinurischen Nieren und eine geringere MortalitƤt (2). Die Triglyceride sind trotz des T2DM bei unserem Patienten normal, das Non-HDL ist <2,2mmol/l, das LDL misst unter obiger Kombinationstherapie 1,4mmol/l.

Bei Hypertonikern, kardiovaskulƤren- und diabetischen Patienten ist der regelmƤssige Ausschluss einer CKD mit einer eGFR (EPI) von <60ml/min/1.73m2 und/oder einer Mikro-/Albuminurie mit Hilfe der Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Spontanurin (A2-A3 >30mg/g Kreatinin) über >3 Monate entscheidend. In der Praxis wird ein Screening bei Risikopatienten viel zu selten durchgeführt. Eine CKD erhƶht das cv Risiko resp. die cv Events und die MortalitƤt. Die UACR ist ein unabhƤngiger PrƤdiktor der cv MortalitƤt über das gesamte Spektrum der Nierenfunktion, dies unabhƤngig von anderen cv Risikofaktoren. Eine UACR ≄10mg/g ist mit einer erhƶhten cv MortalitƤt assoziiert (30mg/g= HR 1,77), bei der eGFR ist dies <60ml/min/1.73m2 der Fall (2).

Das Risiko für eine HI bei einem T2DM, auch nach Kontrolle aller RF, betrƤgt nach verschiedenen Studien 25–45 %; davon haben ¾ eine HFpEF. Vier von 10 Patienten mit einem T2DM und vier von 10 mit einer HI haben eine CKD. 20 % aller Hypertoniker, 50 % aller T2DM-Patienten und 40 % aller Patienten mit einer kardiovaskulƤren Vorerkrankung haben eine Albuminurie. 80 % aller Diabetiker erleiden im Laufe ihres Lebens ein kardiovaskulƤres Ereignis oder eine CKD (2,3). Da bei unserem Patienten eine EndorganschƤdigung vorliegt, ist er ein Hochrisiko-Patient. Er hat auf Grund der eingeschrƤnkten eGFR und der Albuminurie eine 5x erhƶhte 10-Jahres-MortalitƤt und nach den KDIGO 2024 Risikokalkulationen ein Risiko von 16,5 % in 5 Jahren ein terminales Nierenversagen zu erleiden – ckdpcrisk.org/kidneyfailurerisk (4, 5).

Wir haben neben den Lebensstilinterventionen mit einem regelmässigen körperlichen Training, einer gesunden Ernährung, einem Gewichtsmanagement und der Reduktion der kardiovaskulären Risikofaktoren drei neue wirksame medikamentöse Therapieoptionen, welche das kardiovaskuläre und renale Risiko deutlich senken. Zusätzlich kommt es zu einer Progressionshemmung der CKD. So wurde u.a. auch aufgrund der «ESC-Guidelines 2023: Diabetes und Herz», am ERA-Kongress 2024 anlässlich der Präsentation der FLOW-Studie, eine 6-Säulen-Therapie vorgestellt (5,6):
Die bisherigen 3 Säulen bestehen aus einem ACE-Hemmer/ARB, einem Statin/±Ezetimib und Metformin. RAAS-H. sind seit Jahren der Hauptpfeiler der Therapie, um das kardiovaskuläre und renale Outcome zu verbessern (2).

ACE-H./ARB: bei Diabetes; Hypertonie (>130/80mmHg); CKD mit Albuminurie >30mg/g (A2); BD-Selbstkontrolle, 24h-BD; cave: maskierte Hypertonie; wenn mƶglich max. zugelassene Dosis. Bei Hypertonie Fixkombinationen mit CCB/Diuretika, BD <130/80 mmHg bei Proteinurie; i.R. MRA.

Ein klarer cv Benefit ist bei den Statinen nachgewiesen. Metformin hat nach einer Metaanalyse von 40 Studien bei einem T2DM und einer koronaren Herzkrankheit günstige Auswirkungen mit einer MortalitƤtssenkung von 33 % und eine Verminderung der cv Ereignisse um 17 % (7). Es gibt aber keine grossen Endpunktstudien.

Die neuen 3 SƤulen sind: ein SGLT2-H., ein nicht steroidaler Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist (ns-MRA) und ein GLP-1 RA (5,6). Das Ziel ist eine kardio-renale Protektion: Verringerung der kardiovaskulƤren EndorganschƤden, der MortalitƤt und eine Verlangsamung der CKD-Progression.

Daher wurde die bisherige Therapie in unserem Fall auf Grund des T2DM, der HI und der eGFR von 46ml/min/1.73m2 und der Albuminurie neu angepasst: Anstelle eines DPP-4 Hemmers wurde dieser durch einen SGLT2-H. ersetzt.

Ein SGLT2-Hemmer wird als Antidiabetikum in den verschiedenen internationalen Guidelines, auf Grund seiner kardio- und renoprotektiven Wirkungen, bei obigen Erkrankungen primƤr eingesetzt (5,6,8). SGLT2-H. bei T2DM ± Atherosklerose; HI; CKD eGFR ≄20ml/min/1.73m2; Fortsetzung SGLT2-H. bis zur Dialyse; evtl. mit Metformin sofern eGFR ≄30ml/min/1.73m2 (Dosisanpassung).

Beispielsweise konnte in der DAPA-CKD Studie der renale Endpunkt innert 2,4 Jahren um 39 % gesenkt werden bei einer NNT von 19 (9). In der EMPA-Kidney Studie bei diabetischer (31 %) und nicht diabetischer CKD wurde der renale Endpunkt (Abfall eGFR, end stage renal disease, renaler od. cv Tod) um 28 % über 2 Jahre gesenkt, bei einer NNT von 28 (10). Je nach Ausgangs-eGFR kann eine Nierenersatztherapie mit einem SGLT2-H. um viele Jahre verzƶgert werden. So z.B. bei einer eGFR von 85ml/min/1.73m2 um 26.6 Jahre, bei einer eGFR von 20ml/min/1.73m2 um 5.4 Jahre (11). Nach den KDIGO Leitlinien 2024 wird bei einer CKD ein SGLT2-H. eingesetzt bei einer ACR ≄200mg/g und oder einer eGFR <45ml/min./1.73m2 (5). Auch bei nicht albuminurischen Patienten haben diese nach einer gepoolten Analyse von DECLARE-TIMI 58 und DAPA-CKD eine positive Wirkung (HR 0,54); je hƶher die Proteinurie, desto grƶsser ist der Benefit. Es kommt zu einer Halbierung des GFR-Verlustes (12). Patienten mit einem initialen GFR-Dip haben den grƶssten Benefit. In den ESC-Guidelines 2023 (6) wird der SGLT2-H. bereits bei einer eGFR <60ml/min/1.73m2 eingesetzt. Eine CKD ohne Albuminurie findet man vor allem bei einer HI. Bei einer HI wird ein SGLT2-H. unabhƤngig von der LVEF und dem HbA1c als Klasse IA-Indikation gewertet (6,13).

Finerenon, ein nicht steroidaler Mineralokortikoid-Receptor Agonist, hat heute einen sicheren Stellenwert bei einem T2DM mit CKD und einer persistierenden Albuminurie ≄300mg/g bei eGFR: >60 (A3) oder >30mg/g bei eGFR: 25–60 ml/min/1.73m2 (A2) trotz RAAS-H., eGFR: ≄25ml/min/1.73m2. Das Serumkalium darf bei Therapiebeginn nicht ≄4,8 mmol/l betragen; engmaschige Kontrollen sind wichtig. Stopp bei ≄5,5mmol/l. Die zusƤtzliche Gabe eines SGLT2-H. wirkt hier günstig.

Finerenon verhindert eine profibrotische und proinflammatorische Genexpression und zusƤtzlich Verminderung des oxidativen Stresses und Reduktion einer Vasokonstriktion. Klinisch kommt es zu einer Abnahme einer CKD-Progression, einer Abnahme einer Proteinurie, einer BD-Senkung und einem verbesserten cv Outcome.

Die Studien FIDELIO-DKD und FIGARO-DKD zeigen eine Risikoreduktion bezüglich CKD-Progression bei weniger kardiovaskulƤren Events (14, 15). In der FIDELITY-Studie, welche diese beiden zusammenfasst, wurde über 4 Jahre der renale Endpunkt um 23 %, das Risiko der cv MorbiditƤt (HI-Hospitalisationen) und cv MortalitƤt um 14 % gesenkt (16). Es kommt zu einer Reduktion der Niereninsuffizienz, dies vor allem durch einen signifikanten Abfall der Albuminurie. Bei beiden war die Wirksamkeit über ein breites eGFR-Spektrum nachweisbar. Dabei war die Sicherheit gewƤhrleistet, auch bei Personen mit einer tiefen eGFR. Finerenon ist zugelassen bei einer eGFR: >25ml/min/1.73.m2. Eine Hyperkaliamie wurde in der FIDELITY Studie in 1.7 % nachgewiesen.

Die aktuelle FINEARTS-HF Studie bei einer HI (HFmrEF, HFpEF) mit einer LVEF ≄40 % zeigte mit und ohne T2DM bei 6016 symptomatischen, hovhrisiko und gut behandelten Ƥlteren Patienten, teils mit CKM, mit Finerenon bis 40mg/p.d. positive kardiale Resultate mit einer Reduktion des primƤr zusammengesetzten Ergebnisses, cv Tod und Gesamtverschlechterung der HI, um 16 % bei diesen kardio-renalen-metabolischen Patienten. Dies unabhƤngig vom HbA1c (17). Dies ist als klinisch hochrelevant einzuschƤtzen, da es bisher neben der Gabe von SGLT2-Inhibitoren keine prognoseverbessernde Medikation für Betroffene mit einer HFpEF und einer evtl. CKD gibt. Interessant ist, dass auch bei mit SGLT2-Inhibitoren vorbehandelten Studienteilnehmenden eine Ƥhnliche Risikoreduktion zu beobachten war wie bei den nicht vorbehandelten Patienten.

Das ereignisfreie Überleben konnte um 3.1 Jahre verlƤngert werden – je jünger ein Patient, desto besser (18). Nach einer HI-Verschlechterung sollte die Substanz mƶglichst rasch verordnet werden. Auch war der Gesundheitszustand deutlich besser. Gleichzeitig zeigte eine Subanalyse eine signifikante Reduktion eines neuen T2DM von 25 %, in Kombination (bei 14 %) mit einem SGLT2-H. um 27 % (19). Im Gegensatz zu den bisherigen MRAs hat die Substanz eine hƶhere Wirkkonzentration an Niere und Herz.

In der FINE-HEART Analyse wurden die 3 genannten Finerenon Studien gepoolt mit 18 991 Patienten (mittleres Alter 67 ±10 Jahre, 35 % Frauen). Es zeigte sich eine deutliche Senkung der Nierenendpunkte (HR 0.80) und der HI-Hospitalisation (HR 0.83). Der cv Tod wurde nicht signifikant gesenkt (20). Aktuell lƤuft bezüglich UACR-Verbesserung auch eine Studie bei Typ1-Diabetes (FINE-One).

GLP1-RA reduzieren die arteriosklerotischen Endpunkte und das Gewicht. Indikation: bei T2DM ± Atherosklerose, CKD bei zu hohen Bz-Werten, trotz SGLT2-H./Metformin (eGFR ≄ 30 ml/min/1.73m2);

GLP-1 RA eGFR >15ml/min/1.73m2, evtl. weitere Bz senkende Medikamente. Gewichtsreduktion bis 15 %, zusƤtzliche Senkung des cv Risikos und Senkung einer Albuminurie durch GLP-1 RA. Je hƶher das atherosklerotische Risiko und je adipƶser ein Pa-tient, desto eher Gabe eines GLP1-RA (6).

Die im Sommer 2024 publizierte Flow Studie zeigte, dass Sema-glutid 1.0mg sc./Woche bei einer diabetischen CKD bei 3160 Pa-tienten mit einem RAAS-Hemmer den renalen Endpunkt hochsignifikant um 24 % gesenkt hat mit einer NNT von 20 in 3 Jahren (21). In einer am ERA-Kongress am 24.5.2024 vorgestellten Metaanalyse von 8 Studien inkl. FLOW mit GLP1-RA bei T2DM und CKD wurde bez. Nierenendpunkt eine Risikoreduktion von 18 % nachgewiesen.

Bei Herzkreislauferkrankungen mit Übergewicht resp. Adipositas ohne einen T2DM konnte mit Semaglutid 2,4mg sc./Woche die kardiovaskulƤre MortalitƤt, die nichttƶdliche Myokardinfarkt- und die Schlaganfallrate gesenkt werden – (HR 0.80) (22). Der mittlere Gewichtsverlust betrug über 33 Monate 9.4 %. Bei einer HFpEF mit Adipositas ohne und mit T2DM zeigen sich unter Semaglutid 2.4 mg sc./Woche ebenfalls positive Resultate mit Verringerung der HI-Symptome und der kƶrperlichen EinschrƤnkung und Verbesserung der Bewegungsfunktion bei deutlichem Gewichtsverlust von im Mittel 13.3 % ohne T2DM resp. 9.8 % mit T2DM. Durch die Reduktion des Fettanteils kommt es u.a. zu einer Verbesserung der Entzündung (CRP-Abfall 42 resp. 43.5 %), des prothrombotischen und metabolischen Milieus. Auch die HƤmodynamik wird günstig beeinflusst. GI-NW traten in 9.5 % auf (23,24).

Es gibt auch einen additiven Effekt bei der Kombination SGLT2- H. und GLP1-RA. In einer Kohortenstudie war die Kombination aus GLP1-Rezeptor-Agonist/SGLT-2-Inhibitor im Vergleich zu beiden Arzneimittelklassen allein mit einem geringeren Risiko für schwerwiegende kardiovaskulƤre Ereignisse und schwerwiegende renale Ereignisse verbunden (25). Bei Patienten mit T2DM und zumindest mƤssig erhƶhter Albuminurie hat eine Kombinationsbehandlung von SGLT2i, GLP-1 RA und ns-MRA das Potenzial relevante Verbesserungen beim kardio-vaskulƤren und renalen ereignisfreien Überleben und beim Gesamtüberleben zu erzielen: Mace Reduktion für schwere cv Ereignisse (HR 0.65), HI-Hospitalisationen (HR 0.45), Verlangsamung Fortschreiten CKD (HR 0.42) (26). Die besprochenen neuen Medikamente wirken positiv auf den Metabolismus, den Entzündungszustand, den oxidativen Stress, die Insulinresistenz und die vaskulƤre Dysfunktion (27, 28). In Zukunft werden noch mehrere weitere Substanzen (u.a. Tirzepatid ein dualer Agonist an GIP- und GLP-1-Rezeptoren) oder Alternativen dazu kommen. Die soeben publizierte SUMMIT-Studie ergab, dass Tirzepatid das Risiko des primƤren Endpunkts – einer Kombination aus Tod durch kardiovaskulƤre Ursachen oder einer sich verschlimmernden HI – im Vergleich zu Placebo um 38 % reduzierte. Der Effekt wurde durch eine Verringerung der Verschlechterung der HI (HR 0,54) angetrieben, die als solche definiert wurde, die einen Krankenhausaufenthalt oder eine dringende intravenƶse medikamentƶse Therapie erfordern. Tirzepatid hatte auch signifikante Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, die Belastungstoleranz und auf systemische Entzündungen. Diese hoch aktuelle Studie zeigt den kardiovaskulƤren Nutzen von Tirzepatid bei Patienten mit HFpEF und Adipositas (29).

Durch diese drei neuen Substanzen (ein SGLT2-H., ein ns-MRA und ein GLP-1 RA) kann beim kardio-renalen-metabolischen Syndrom eine hocheffektive, evidenzbasierte, multidisziplinƤre, personenzentrierte Therapie nach den neuen Guidelines durchgeführt werden; waren doch bisher 1/3 aller TodesfƤlle in den USA auf ein CKM-Syndrom zurückzuführen. Bei unserem Patienten sind, trotz des hohen cv Risikos mit einem CKM-Syndrom Stadium 4, aktuell die Kriterien für einen GLP1-RA nicht gegeben – gut eingestellter T2DM und BMI < 27 kg/m2.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Urs N. Dürst

Zelglistrasse 17
8127 Forch

u.n.duerst@ggaweb.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Das CKM-Syndrom wird als eine systemische Stƶrung definiert, die durch patho-physiologische Wechselwirkungen zwischen metabolischen Risikofaktoren, chronischer Nierenerkrankung und dem Herz-Kreislauf-System gekennzeichnet ist.
  • Die Kombination von SGLT2-H., GLP-1 RA und ns-MRA bietet signifikante Vorteile in Bezug auf kardiovaskulƤre und Nierenereignis-freie Überlebenszeit sowie Gesamtüberlebenszeit bei Patienten mit T2DM und Albuminurie.
  • Die Implementierung der Ā«sechs SƤulenĀ» der Therapie für T2DM und CKD – RAAS-Blockade, Metformin, Statin und neu SGLT2-H., GLP-1 RA und ns-MRA – wird individuell empfohlen, um signifikante Vorteile für Patienten mit hohem kardiovaskulƤrem und renalem Ā­Risiko zu bieten.

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