Seit über 60 Jahren steht die HƤmodialyse für Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen zur Verfügung. Trotz der kontinuierlichen Weiterentwicklung dieses lebensrettenden Verfahrens bleibt die MorbiditƤt und MortalitƤt von chronischen HƤmodialyse-Patienten mit terminalem Nierenversagen im Vergleich zur Normalbevƶlkerung erhƶht. Den relevantesten Anteil an dieser Ćbersterblichkeit hat die deutlich erhƶhte kardiovaskulƤre MortalitƤt. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass intermittierende HƤmodialyse-Behandlungen systemische Hypoperfusionsepisoden auslƶsen kƶnnen, die zu langfristigen kardialen und systemischen OrganschƤden führen kƶnnen und dadurch zur erhƶhten MortalitƤt und MorbiditƤt beitragen. Gleichzeitig deuten neue Daten darauf hin, dass eine verlƤngerte Dialysebehandlung, die Vermeidung der HypervolƤmie, eine kardiovaskulƤre Basismedikation und eine tiefe Temperatur des Dialysates Hypotonie-Episoden vermeiden und so einen protektiven Effekt haben kƶnnen.
Haemodialysis has been available to patients with chronic kidney failure for over 60 years. Despite the continuous development of this life-saving procedure, the morbidity and mortality of chronic haemodialysis patients with end-stage renal failure remains higher than in the general population. The most relevant factor in this excess mortality is the significantly increased cardiovascular mortality. In recent years, it has been shown that intermittent haemodialysis treatments can trigger systemic hypoperfusion episodes, which can lead to long-term cardiac and systemic organ damage and thus contribute to increased mortality and morbidity. At the same time, new data suggest that prolonged dialysis treatment, avoidance of hypervolaemia, baseline cardiovascular medication and a low temperature of the dialysate can prevent hypotension episodes and thus have a protective effect.
Key Words: haemodialysis, chronic kidney failure, systemic hypoperfusion episodes
Einleitung
Im MƤrz 1960 überlebte der 39-jƤhrige US-Amerikaner Clyde Shields aus Seattle als weltweit erster Patient ein chronisches Nierenversagen dank der chronischen HƤmodialyse. Dieser medizinische Durchbruch erlaubte es Shields weitere 11 Jahre zu leben, bis er wƤhrend einer Dialysebehandlung an einem Myokardinfarkt verstarb. Sein Tod war der Auslƶser für eine Ćberlebensanalyse der weltweit ersten 39 chronischen HƤmodialyse-Patientinnen und Patienten, die 1974 im New England Journal of Medicine verƶffentlicht wurde. Innerhalb der ersten 13 Jahre (mittleres Follow-Up 6,5 Jahre, mittleres Alter 37 Jahre) zeigte sich eine GesamtmortalitƤt von 56ā% mit einer ĆberreprƤsentation kardiovaskulƤrer TodesfƤlle von 60ā% (1). Knapp 50 Jahre nach dieser Publikation werden in der Schweiz aktuell ca. 4500 Patientinnen und Patienten (mediĀanes Alter 71 Jahre) chronisch hƤmodialysiert (2). Europaweit sind es ungefƤhr 310’000 Patientinnen und Patienten (3).
Obwohl die HƤmodialyse-assoziierte Ćbersterblichkeit in den letzten Jahren leicht gesunken ist (4), betrƤgt die Lebenserwartung eines 40-jƤhrigen HƤmodialyse-Patienten in Europa weniger als 20 Jahre und ist vergleichbar mit der Lebenserwartung eines ca. 75-JƤhrigen in der Allgemeinbevƶlkerung (3).
Die Gründe der Ćbersterblichkeit sind nur teilweise geklƤrt, den relevantesten Anteil stellt aber weiterhin die deutlich erhƶhte kardiovaskulƤre MortalitƤt (4). Die koronare Herzerkrankung scheint dabei allerdings nicht die Hauptursache für den Herztod bei chronischen Dialysepatienten zu sein, sondern die urƤmische Kardiomyopathie. Sie ist gekennzeichnet durch mediale GefƤsskalzifikationen, erhƶhte GefƤsssteifigkeit, linksventrikulƤre Hypertrophie, vermehrte interstitielle Fibrose und eine Rarefezierung kardialer Kapillaren (reviewed in (5)). Zusammen führen diese VerƤnderungen durch eine Abnahme des diastolischen Pulsdruckes, einem Myozyten/Kapillaren MissverhƤltnis und einer verlƤngerten Sauerstoffdiffusionsstrecke zu einer Neigung für BedarfsischƤmien (Abb.ā1).
HƤmodynamische Effekte der Dialysebehandlung
Kurze, repetitive HƤmodialyse-Behandlungen haben relevante hƤmodynamische Effekte. Eine Studie an 9 chronischen HƤmodialyse-Pa-tientinnen und Patienten, von denen keiner einen vorhergehenden Myokardinfarkt oder klinische Anzeichen eines autonomen Versagens hatte, konnte zeigen, dass es wƤhrend der Dialyse-Behandlung zu einem Blutdruckabfall von durchschnittlich 13āmmHg kam (6).
Eine Ƥhnliche Studie mit 100 chronischen HƤmodialyse-Patientinnen und Patienten ergab wƤhrend ca. 20ā% aller Dialyse-BehandlunĀgen einen symptomatischen Blutdruckabfall über 20āmmHg systoĀlisch, der eine pflegerische Intervention notwendig machte (7).
Aufgrund des Zusammenspiels dieser hƤmodynamischen VerƤnderunĀgen und der kardialen IschƤmieneigung besteht seit langem der VerĀdacht, dass repetitive HƤmodialyse-Behandlungen eine MyokardiĀschƤmie auslƶsen kƶnnen (8).
Dialyse-induzierte kardiale IschƤmie
Dieser Verdacht konnte durch eine H2150 PET-Studie, die den myokardialen Blutfluss mass, bestƤtigt werden. In einer Studie an 4 chronischen HƤmodialyse Patienten zeigte sich, dass der globale myokardiale Blutfluss vor Beginn der HƤmodialyse bei allen Patienten im normalen Bereich lag, wƤhrend der HƤmodialyse-Behandlung jedoch stark abnahm und sich über die Dialysedauer weiter verschlechterte. Eine koronare Herzerkrankung wurde im Vorfeld angiographisch ausgeschlossen. Am Ende der 4-stündigen Dialyse war der myokardiale Blutfluss in 90ā% aller untersuchten Regionen reduziert und das Ausmass der Blutfluss Abnahme war mit dem Auftreten echokardiographischer Wandbewegungsstƶrungen assoziiert. Obwohl es nach der Dialyse zu einer Erholung des myokardialen Blutflusses kam, waren die Ausgangswerte auch 30 Minuten nach Beendigung der HƤmodialyse-Behandlung noch nicht erreicht. Diese verlƤngerten Phasen von linksventrikulƤrer Dysfunktion sind als Ā«myoĀcardiales stunningĀ» im Rahmen der koronaren Herzerkrankung gut bekannt und kƶnnen langfristig zu einem irreversiblen Funktionsverlust und der Entwicklung einer Herzinsuffizienz beitragen. Weitere Arbeiten nutzten serielle intradialytische Echokardiographie, um die HƤufigkeit des HƤmodialyse-induzierten myokardialen Stunnings zu untersuchen. Dies wurde bewiesen durch das neue Auftreten und post-dialytische Verschwinden von regionalen Wandbewegungsstƶrungen und liess sich bei knapp 50ā% aller Patientinnen und Patienten nachweisen (9, 10). Die wichtigsten Risikofaktoren für das Auftreten eines dialyse-induzierten myokardialen Stunnings waren einerseits vorbestehende kardiale Erkrankungen (i.e. hƶherer LinksventrikulƤrer Masse Index, geringere linksventrikulƤre Ejektionsfraktion) und andererseits das Auftreten von intradialytischen BlutdruckabfƤllen, sowie die Menge des Ultrafiltrationsvolumens.
Besonders auffƤllig war die prognostische Bedeutung des dialyse-induzierten myokardialen Stunning: Patientinnen und Patienten, die bei der ersten Untersuchung ein myokardiales Stunning zeigten hatten nach einem Jahr eine signifikant niedrigere linksventrikulƤre Pumpfunktion in Ruhe, eine zunehmende Ausdehnung der dialyse-induzierten Wandbewegungsstƶrungen und eine deutlich hƶhere MortalitƤt verglichen mit Patienten ohne myokardiales Stunning bei Studieneinschluss (9,10). Eindrücklicherweise hatten Patientinnen und Patienten ohne Zeichen eines dialyse-induzierten myokardialen Stunning ein 100ā% Ćberleben in der 1-jƤhrigen Nachbeobachtungszeit (9, 10).
Die hƤmodynamischen Effekte der HƤmodialyse-Behandlung haben nicht nur kardiale, sondern auch systemische Auswirkungen.
Systemische Effekte der chronischen HƤmodialyse
Eine Studie, die die renale Perfusion bei 29 chronischen HƤmodialyse Patienten mittels CT-Perfusions-Studien vor, wƤhrend und nach einer HƤmodialyse-Behandlung untersuchte, konnte nachweisen, dass die renale Perfusion wƤhrend der Dialyse Behandlung um 18ā% abfiel und mit der Diureseabnahme nach Beginn der chronischen HƤmodialyse assoziiert ist. Dabei ist die Restdiurese nach Dialysebeginn mit einer besseren Kontrolle von Serumphosphat, HypervolƤmie, Bluthochdruck und sogar einem verbesserten Ćberleben verbunden. Der systemische hƤmodynamische Effekt der Dialyse-Behandlung wurde durch eine hohe Ko-Okkurrenz von myokardialen Stunning und reduzierter renaler Perfusion bestƤtigt (11). Erste Untersuchungen deuten sogar auf eine Umverteilung der hepatischen Perfusion mit negativem Einfluss auf die Leberfunktion und eine erhƶhte Endotoxinfreisetzung wƤhrend einer HƤmodialyse-Behandlung hin (12).
Selbst die zerebrale Durchblutung wird durch die hƤmodynamischen Effekte der HƤmodialyse beeinflusst. In MRI-Studien mit chronischen HƤmodialyse-Patientinnen und Patienten konnte im Vergleich zu Kontrollpatienten eine diffuse SchƤdigung der weissen Hirnsubstanz nachgewiesen werden, die mit schlechteren Werten in neurokognitiven Tests korrelierten (13). In einem Beobachtungsverlauf von 12 Monaten kam es bei den HƤmodialyse-Patientinnen und Patienten zu einer Zunahme der zerebralen LƤsionen, wobei der Schweregrad der zerebralen SchƤdigung mit dem Ausmass der hƤmodynamischen InstabilitƤt an der HƤmodialyse zusammenhing (14).
Zusammenfassend ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass Hämodialyse-Behandlungen eine erhebliche, wiederkehrende Kreislaufbelastung auslösen, die in vulnerablen Gefässbetten zu Hypoperfusionsepisoden führen kann und langfristig zu relevanten Organschäden führt. Interventionen mit dem Ziel, die erhöhte Mortalität und die organspezifischen Langzeitfolgen einer Dialysebehandlung zu senken, sollten daher primär versuchen, die dialyse-induzierte Kreislaufbelastung zu reduzieren.
Therapeutische Mƶglichkeiten zur Reduktion der Dialyse-induzierten Hypoperfusion
Eine der bestuntersuchten Interventionen zur Reduktion der dialyse-assoziierten Kreislaufbelastung ist die Senkung der Dialysat-Temperatur unter die Kƶrpertemperatur, die im Vergleich zu einer Dialysat-Temperatur von 37.5°C die HƤufigkeit intradialytischer BlutdruckabfƤlle, das Auftreten von dialyse-induzierten myokardialen Wandbewegungen und dialyse-assoziierter SchƤdigungen der weissen Hirnsubstanz signifikant reduzieren konnte (14ā16). Es wird angenommen, dass diese positiven Effekte einer niedrigeren Dialysat-Temperatur hauptsƤchlich auf einen verbesserten GefƤsswiderstand zurückzuführen sind.
Eine weitere Massnahme zur Vermeidung der Dialyse-assoziierten Kreislaufbelastung ist das Verhindern einer chronischen HypervolƤmie bei Dialyse-Patientinnen und Patienten.
So konnte zum Beispiel eine Interventionsstudie mit 120 chronischen Dialysepatienten nachweisen, dass eine verbesserte VolƤmiebeurteilung durch den zusƤtzlichen Einsatz einer Bioimpedance-Messung im Vergleich zu einer rein klinischen Volumenbeurteilung innerhalb einer 12-monatigen Verlaufsbeurteilung zu einer Reduktion der prƤ- und postdialytischen HypervolƤmie, der linksventrikulƤren Hypertrophie und des systolischen Blutdrucks bei einer geringeren Anzahl notwendiger Blutdruckmedikamente erreicht werden kann (17). Allerdings war nach 12 Monaten der Anteil anurischer Patienten in der Interventionsgruppe hƶher als in der Standardgruppe. Die bessere prƤdialytische Volumenkontrolle hat bei gleichbleibender Dauer einer Dialyse-Behandlung einen direkten positiven Einfluss auf den notwendigen Flüssigkeitsentzug (Ultrafiltrationsmenge) wƤhrend der nachfolgenden Dialyse-Behandlung. Dies ist von Bedeutung, da die Menge des Flüssigkeitsentzugs nicht nur ein wichtiger Risikofaktor für Dialyse-assoziierte Hypotonie und kardiale Wandbewegungsstƶrungen ist, sondern grosse Entzugsmengen auch mit einer Ćbersterblichkeit einhergehen (18).
Die Dialyse-assoziierte Kreislaufbelastung kann zusƤtzlich durch eine Reduktion der Entzugsgeschwindigkeit (Ultrafiltrationsrate) positiv beeinflusst werden. Die kann neben einer Reduktion der Gewichtszunahme zwischen zwei Dialyse-Behandlungen auch durch die Dauer einer Dialyse-Behandlung beeinflusst werden. Insbesondere sehr kurze Dialyse-Behandlungen unter 3h, die eine hohe UltrafiltraĀtionsrate zur Erhaltung der EuvolƤmie benƶtigen, sind mit einer Ćbersterblichkeit verbunden (18).
Gleichzeitig konnte eine Reihe von nicht-randomisierten Studien zeigen, dass eine verlƤngerte wƶchentliche Dialyse-Dauer (nƤchtliche Dialyse oder hƤufigere Dialyse-Behandlungen) mit einer verbesserten LebensqualitƤt, einer verbesserten Blutdruck- und Phosphat-Kontrolle und sogar einer Reduktion der linksventrikulƤren Hypertrophie verbunden war (19, 20).
Diese Ergebnisse wurden allesamt in der randomisierten Frequent Hemodialysis Network Study bestätigt, welche 245 Patienten in eine Standardgruppe mit dreimal wöchentlicher Dialyse oder eine Gruppe mit kürzerer, sechsmal wöchentlicher Dialyse, (insgesamt zwei Stunden längere wöchentliche Dialysedauer) randomisierte (21).
In der verlängerten Studienbeobachtung zeigte sich sogar, dass die durch die verlängerte Dialyse-Dauer erzielten positiven kardiovaskulären Veränderungen auch nach dem Wechsel auf eine dreimal wöchentliche Standarddialyse zu einer signifikanten Mortalitätssenkung führten (22).
Last but not least, erscheint eine gute kardiovaskulƤre Basis-Therapie mit RAAS-inhibierenden Medikamenten und Aldosteronantagonisten nach neuesten Daten der Cochrane Library und der internationalen Dialysis Outcomes and Practice Patterns Study (DOPPS) nicht nur nicht schƤdlich zu sein, sondern sogar eine moderate MortalitƤtsreduktion zu ermƶglichen (23, 24).
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Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
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