Wann ist der Antibiotika-Einsatz sinnvoll, wann ein operativer Eingriff?

Lange Zeit handelte es sich sowohl bei der akuten Divertikulitis als auch bei der akuten Appendizitis um Erkrankungen, die klassischerweise chirurgisch therapiert wurden. Im Falle der Sigmadivertikulitis beispielsweise galt es bis vor kurzem als Standard, spätestens ab dem zweiten Erkrankungsschub eine Sigmaresektion durchzuführen (1,2). Erst in den letzten Jahren wurde diese Strategie verlassen. Dies führte zu einem deutlichen Rückgang der Indikationen zur chirurgischen Therapie der Divertikulitis (3).

Frühe, unkomplizierte Stadien einer Sigmadivertikulitis werden, auch wenn es im Verlauf zu mehreren Schüben kommt, primär konservativ behandelt. Auch im Falle der akuten Appendizitis mehren sich Hinweise, dass die konservative Therapie mit Antibiotika je nach Stadium der Erkrankung durchaus eine Alternative zur klassischen Appendektomie darstellen kann. Ziel des vorliegenden Artikels ist es daher, die aktuellen Behandlungsstrategien beider Krankheitsbilder vor dem Hintergrund der aktuellen Literatur zu diskutieren.

Divertikelkrankheit

Epidemiologie

In den westlichen Industrienationen ist die linksseitige Kolondivertikulose – also das Vorhandensein von Ausstülpungen der Darmmukosa durch die Darmwand – häufig. Die Prävalenz der Divertikulose steigt ab dem 50. Lebensjahr deutlich an, so dass in dieser Altersgruppe bereits über 30% der Menschen betroffen sind (3).
Auf dem Boden einer bestehenden Divertikulose steigt die Wahrscheinlichkeit, eine akute Divertikulitis zu erleiden, mit steigendem Alter an. So liegt die kumulative Wahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von 10 Jahren bei bekannter Divertikulose eine Divertikulitis zu entwickeln bei etwa 4.3% (4).
Das Vorhandensein von Divertikeln an sich hat keinen Krankheitswert, erst bei Vorliegen von Symptomen mit oder ohne Komplikationen spricht man von einer Divertikelkrankheit. Es wird dann zwischen einer akuten oder chronischen Entzündung und zwischen einer unkomplizierten oder komplizierten Entzündung unterschieden. Eine weitere Form der Divertikelkrankheit ist die Divertikelblutung.

Klinik

Das Leitsymptom der Divertikulitis ist der linksseitige Unterbauchschmerz in Kombination mit erhöhten Infektparametern in der Laborchemie (CRP, Leukozyten).

Diagnose

Zur Diagnosestellung und Klassifikation ist die sog. Triple Kontrast Computertomographie der heutige Goldstandard, also die computertomographische Darstellung nach Applikation von oralem, intravenösem und rektalem Kontrastmittel.
Die S2k-Konsensusleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) beinhaltet eine neue und umfassende Klassifikation der Divertikelkrankheit (Classification of Diverticular Disease – CDD), deren Anwendung im klinischen Alltag sich weitestgehend etabliert hat (Tab. 1).

Therapie

Akute unkomplizierte Divertikulitis (CDD Typ 1a und 1b)
Eine akute, unkomplizierte Divertikulitis ohne Umgebungsreaktion in der Computertomographie (Typ 1a) und ohne Fieber, Peritonitis oder Immunsuppression kann unter engmaschiger, ärztlicher Kontrolle ohne weiteres ambulant und ohne antibiotische Therapie behandelt werden. Wird hingegen eine Divertikulitis mit phlegmonöser Umgebungsreaktion diagnostiziert (Typ 1b), sollte eine antibiotische Therapie begonnen werden. Diese kann oral verabreicht werden, sofern eine suffiziente Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme gewährleistet ist. Bei Zeichen einer systemischen Entzündung sollte der Patient unter stationären Bedingungen intravenös antibiotisch behandelt werden.
Aufgrund der geringen Rezidivrate (80% der Patienten bleiben nach dem ersten Entzündungsschub rezidivfrei) stellt die erfolgreich behandelte akute unkomplizierte Sigmadivertikulitis keine Indikation zur Sigmaresektion dar.

Akute komplizierte Divertikulitis (CDD Typ 2a, 2b und 2c)
Wird die Diagnose einer akuten komplizierten Divertikulitis gestellt, erfolgt beim Typ 2a (gedeckte Perforation mit Mikroabszess < 1 cm) die intravenöse antibiotische Therapie, zum Beispiel mit Cefuroxim bzw. Ciprofloxaxin und Metronidazol. Eine operative Intervention ist in diesem Stadium der Divertikulitis in der Regel weder akut noch im Verlauf notwendig.
Der computertomographische Nachweis einer akuten komplizierten Divertikulitis vom Typ 2b (gedeckte Perforation mit Makroabszess > 1 cm) führt in der Regel zu einer radiologisch-interventionellen Therapie mit Punktion bzw. Drainage der Abszedierung.
Die klinische Symptomatik sollte sich so innerhalb von 48 Stunden deutlich bessern. Bei Versagen der konservativen Therapie ist die Sigmaresektion dringlich (innerhalb von wenigen Tagen) indiziert.
Der Typ 2b der Divertikelkrankheit ist mit einem signifikant erhöhten Rezidivrisiko assoziiert, da mehr als die Hälfe der Patienten in den folgenden Monaten einen erneuten Entzündungsschub entwickelt. Es wird daher empfohlen, 4 bis 6 Wochen nach dem akuten Entzündungsereignis eine Sigmaresektion durchzuführen.
Etwa 5% aller Patienten mit einer akuten Divertikulitis erleiden eine freie Perforation (Typ 2c) mit dem Nachweis freier Luft im Abdomen. Das Risiko einer Perforation ist beim ersten Schub einer Divertikulitis am grössten. Diese Patienten müssen notfallmässig operiert werden.

Operative Therapie der akuten komplizierten Divertikulitis (CDD Typ 2b und Typ 2c)
Das laparoskopische Vorgehen hat sich auch bei der Therapie der Divertikulitis als primäre Vorgehensweise durchgesetzt. Im Vergleich zum klassischen, offenen Vorgehen ist der minimal-invasive Zugang mit einem geringeren Risiko für Wundinfektionen und Narbenhernien assoziiert. Die Häufigkeit schwerer Komplikationen ist zwischen laparoskopischem und offenem Vorgehen identisch, so dass bei Patienten mit septischem Zustandsbild die offene Operation nicht zuletzt aufgrund der kürzeren OP-Zeit immer noch eine wichtige Rolle spielt. Die Sigmaresektion mit primärer Anastomose und allenfalls Anlage einer Schutzileostomie sollte dabei das Standardvorgehen sein.

Chronische Divertikulitis (CDD Typ 3a – 3c)
Eine chronische Divertikulitis ist geprägt von persistierenden oder wiederkehrenden Symptomen mit rezidivierenden Entzündungsschüben. Die Diagnostik und Therapie unterscheiden sich nicht von der Therapie der akuten Divertikulitis (siehe oben). Früher wurde den Patienten bereits nach dem zweiten Schub eine Sigmaresektion empfohlen (1) (6). Neuere Studien konnten allerdings zeigen, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Anzahl der Schübe und dem Risiko einer Perforation gibt (7, 8). Daher muss gemeinsam mit dem Patienten individuell der richtige Zeitpunkt der Sigmaresektion besprochen werden. Dringend empfohlen werden sollte die Operation bei Stenosen oder bei Harnblasen- oder interenterischen Fisteln.

Divertikelblutung (CDD Typ 4)
Bei Hämatochezie und bekannter Divertikulose muss an eine Divertikelblutung gedacht werden. Falls die Blutungsquelle endoskopisch nicht gesichert werden kann, besteht die Möglichkeit einer angiographischen Embolisation. Erst bei Versagen beider Interventionen sollte die dringliche Operation zwingend folgen.

Appendizitis

Epidemiologie

Die akute Appendizitis stellt eines der häufigsten Krankheitsbilder des unklaren Abdomens dar. Die Wahrscheinlichkeit im Verlauf des Lebens an einer Appendizitis zu erkranken, liegt zwischen 7-9 % (9, 12, 13).

Klinik

Typischerweise stellen sich die Patienten mit in den rechten Unterbauch gewandertem Bauchschmerz vor und zeigen bei der körperlichen Untersuchung eine lokale Druckdolenz mit Loslassschmerz im rechten unteren Quadranten. In der Blutuntersuchung finden sich erhöhte Entzündungswerte. Bei fehlender Leukozytose und normalem CRP-Wert ist eine akute Appendizitis eher unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen (13). Somit stellt die akute Appendizitis vor allem eine klinische Diagnose dar.

Diagnose

Die Computertomographie ist die Untersuchung der Wahl, dank welcher die Diagnose einer akuten Appendizitis mit einer hohen Spezifität und Sensitivität gestellt werden kann (Abb. 1). Diese Untersuchung ist an vielen Orten zur Standardabklärung bei Erwachsenen geworden. Zur Strahlenreduktion sollte eine «low dose» Computertomographie durchgeführt werden (11). Bei Kindern und jungen Erwachsenen, welchen keine Strahlenbelastung zugemutet werden soll, stellt die Sonographie die erste Wahl dar.
Die präzise Diagnose soll die Unterscheidung zwischen unkomplizierter und komplizierter Appendizitis möglich machen. Dies ist entscheidend, da so der Behandlungsplan auf die Diagnose abgestimmt werden kann.
Von einer unkomplizierten Appendizitis spricht man, wenn kein Appendikolith, keine Perforation und keine freie Flüssigkeit vorhanden sind.
Eine komplizierte Appendizitis entspricht einer Appendizitis perforata mit eitriger oder stuhliger Kontamination der Bauchhöhe bis hin zur Abszessformation im kleinen Becken.

Therapie

Für viele Jahrzehnte war die offene Appendektomie die einzige Behandlungsoption der akuten Appendizitis. Heutzutage haben sich aber differenziertere und individualisierte Behandlungsstrategien etabliert. Als operative Standardtechnik hat die laparoskopische Appendektomie die offene Appendektomie weitgehend abgelöst.
In der Zwischenzeit gibt es zudem klare Hinweise, dass je nach Erkrankungsstadium auch eine konservative, nicht-chirurgische Therapie erfolgreich sein kann. So konnten Salminen et al. zeigen, dass bei unkomplizierter Appendizitis die alleinige antibiotische Therapie eine Option darstellen kann, die einer operativen Therapie nicht unterlegen ist (12). Allerdings wird bei einem relevanten Anteil der Patienten mit unkomplizierter Appendizitis, die mittels Antibiotika zunächst erfolgreich behandelt worden sind, im weiteren Verlauf doch eine laparoskopische Appendektomie erforderlich. In der Literatur liegt das Risiko nach primär erfolgreicher antibiotischer Therapie innerhalb von 90 Tagen eine erneute, operationsbedürftige Appendizitis zu entwickeln bei fast 40% (13). Bei der Entscheidung für oder gegen eine operative oder antibiotische Therapie einer unkomplizierten Appendizitis muss zudem berücksichtigt werden, dass Patienten 7 Jahre nach primärer Appendektomie oder antibiotischer Therapie eine identische Lebensqualität aufweisen (14).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG-

Dr. med.Barbara Freitag

Spital Männedorf AG, Chirurgische Klinik, Asylstrasse 10, 8708 Männedorf

PD Dr. med. Andreas Thalheimer

Stv. Chefarzt Viszeralchirurgie
Spital Männedorf
Asylstrasse 10
8307 Männedorf

a.thalheimer@spitalmaennedorf.ch

Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter

Universitätsspital Zürich, Klinik für Viszeralchirurgie,
& Spital Männedorf AG, Klinik Chirurgie

m.bueter@spitalmaennedorf.ch

Die Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenkonflikte deklariert.

Divertikulitis
◆ Die Divertikulitis wird, gestützt auf eine Triple Kontrast Computertomographie, gemäss Klassifikation der Divertikelkrankheit (Classification of Diverticular Disease, CDD) eingeteilt. Je nach vorliegendem Typ wird die entsprechende Therapie eingeleitet.
◆ Bei akuter unkomplizierter Divertikulitis (Typ 1a und 1b) und akuter komplizierter Divertikulitis mit Mikroabszess (<1cm, Typ2a) ist i.d.R. eine konservative antibiotische Behandlung ausreichend.
◆ Bei akuter komplizierter Divertikulitis mit Makroabszess (Typ2b) sollte 4-6 Wochen nach interventioneller Drainage und anschliessender antibiotischer Therapie die elektive laparoskopische Sigmaresektion erfolgen. Bei Nichtansprechen auf die Therapie in diesem Stadium ist innerhalb weniger Tage eine chirurgische Therapie angezeit. Patienten mit freier Perforation müssen notfallmässig operiert werden.
◆ Bei chronischer Divertikulitis (Typ 3a, b und c) sollte je nach Ausprägungsgrad auch eine laparoskopische Sigmaresektion evaluiert werden, insbesondere bei Vorliegen von Stenosen oder Fisteln.

Appendizitis
◆ Bei unkomplizierter Appendizitis (kein Appendikolith, keine Perforation, kein Abszess und keine freie Flüssigkeit) ist eine antibiotische, nicht operative Therapie formell möglich. Dadurch kann bis zu 60% der Patienten eine laparoskopische Appendektomie erspart werden.
◆ Innerhalb von 90 Tagen wird in bis zu 40% der Fälle doch eine Operation notwendig. Sie kann dann ohne erhöhte Komplikationswahrscheinlichkeit vorgenommen werden.
◆ Diese Zahlen sind mit den Patienten zu diskutieren und die unterschiedlichen Therapiealternativen im Sinne des Shared Decision
Making aufzuzeigen im Hinblick auf eine gute individuelle Lösung.
◆ Gemäss unserer Erfahrung entscheiden sich die meisten Patienten in dieser Situation für eine diagnostische Laparoskopie mit Appendektomie, die das Problem final löst und mit sehr niedriger Morbidität und äusserst kurzem Spitalaufenthalt durchgeführt werden kann.
◆ Bei Patienten mit komplizierter Appendizitis (mit Appendikolith, Perforation, Abszess oder freier intraabdomineller Flüssigkeit) ist unabhängig vom Alter weiterhin eine notfallmässige Appendektomie indiziert.

1. Hall J. The American Society of Colon and Rectal Surgeons Clinical Practice Guidelines for the Treatment of Left-Sided Colonic Diverticulitis, Prepared on behalf of the Clinical Practice Guidelines Committee of the American Society of Colon and Rectal Surgeons SO Dis Colon Rectum. 2020;63(6):728.
2. Rafferty J. Practice parameters for sigmoid diverticulitis. Diseases of the colon and rectum 2006; 49: 939-944
3. Lock J.F. erste deutsche Leitlinie zur Divertikelkrankheit, Bayerisches Aezteblatt 12/17,640-646
4. Strate LL, Modi R, Cohen E et al. Diverticular disease as a chronic illness: evolving epidemiologic and clinical insights. The American journal of gastroenterology 2012; 107: 1486-1493
5. S2k Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis (DGVS)(DGAV)021/20
6. van Dijk ST, Daniels L, Unlu C et al. Long-term effects of omitting antibiotics in uncomplicated acute diverticulitis. Am J Gastroenterol 2018; 113: 1045–52
7. Comparato G, Di Mario F. Recurrent diverticulitis. Journal of clinical gastroenterology 2008; 42: 1130-1134 335.
8. Janes S, Meagher A, Frizelle FA. Elective surgery after acute diverticulitis. The British journal of surgery 2005; 92: 133-142
9 Adiss DG, Shaffer N, Fowler BS, Tauxe RV (1990) The epidemiology of appendicitis and appendectomy in the unites states. Am J Epidemiol 132:910-925
10. de Carvalho BR, Diogo-Filho A, Fernandes C, Barra CB. [Leukocyte count, C reactive protein, alpha-1 acid glycoprotein and erythrocyte sedimentation rate in acute appendicitis]. Arq Gastroenterol. 2003 Jan-Mar. 40(1):25-30
11 Lietzen et al. Clinical and laboratory findings in the diagnosis of right lower quadrant abdominal pain: outcome analysis of the APPAC trial. Clin Chem Lab Med 201654(10)1691-1697
12. Salminen et al. Antibiotic Therapy vs Appendectomy for Treatment for Uncomplicated Acute Appendicitis (The APPAC Randomized Clinical Trial), JAMA 6/2015 2340-2348
13. Salminen et al. Five-Year Follow up of Antibiotic Therapy for Uncomplicated Acute Appendicitis in the APPAC Randomized Clinical Trial, JAMA 7/2018,1259-1265
14. Sippola et al. Quality of Life and Patient Satisfaction at 7-year Follow up of Antibiotic Therapy vs Appendectomy for Uncomplicated Acute Appendicitis, A secondary Analysis of a Randomized Clinical Trial, JAMA 4,2020, 283-289

Untypische Symptome erschweren Diagnosestellung

Aufgrund der hohen Letalität einer unbehandelten Aortendissektion innerhalb der ersten 48h ist eine rasche Diagnosestellung und Therapieeinleitung unumgänglich. Jedoch können, wie im geschilderten Fall, die Symptome der akuten Aortendissektion stark divergieren und damit das Einleiten der richtigen diagnostischen Schritte verzögern.

Fallbericht

Hintergrund

Ende September 2019 stellt sich eine bekannte, 74-jährige Patientin nach einem grippalen Infekt in der hausärztlichen Sprechstunde vor.
Die adipöse Patientin leidet unter einer mit Prolia® und Calcimagon D3® therapierten Osteopenie. Wegen einer Amaurosis fugax in der Vorgeschichte werden Aspirin® und ein Statin regelmässig eingenommen. Es besteht ein lumboradikuläres sowie vertebrogenes Schmerzsyndrom mit wiederholten Infiltrationen in der Vorgeschichte bei intermittierendem sensomotorischem Ausfallsyndrom im Segment L3 links. Auch erfolgte die prothetische Versorgung einer Gon- sowie Coxarthrose sechs respektive sieben Jahre zuvor. Ein Vitamin B12-Mangel wurde passager behandelt, im Rahmen einer Varikosis erfolgte die wiederholte, bedarfsgesteuerte Einnahme von Laxantien.

Anamnese

Die Patientin leidet nach grippaler Symptomatik in der vorausgehenden Woche unter wenig persistierendem Husten mit leichter Atemnot sowie begleitendem retrosternalem Schmerz, der von der Patientin im Rahmen des Hustens interpretiert wird. Der grippale Infekt sei bereits deutlich gebessert, sie fühle sich aber noch immer abgeschlagen. Fieber oder Schüttelfrost werden klar verneint.

Status

Es präsentiert sich eine 74-jährige Patientin in reduziertem Allgemein- und übergewichtigem Ernährungszustand. Kardial zeigen sich regelmässige Herztöne ohne pathologische Nebengeräusche. Weiterhin können vorbestehende, periphere Ödeme der unteren Extremitäten festgestellt werden.
Pulmonal präsentiert sich ein vesikuläres Atemgeräusch über allen Lungenfeldern, ebenfalls ohne pathologische Nebengeräusche. Es werden keine Druckdolenzen über der oberen Thoraxapertur festgestellt. Das Abdomen ist weich mit regelrechten Darmgeräuschen, über dem Epigastrium gibt die Patientin einen leichten Schmerz an.

Diagnostik

Laborchemisch fällt neben einer leichten Anämie von 11,3 g/dl eine diskrete Leukozytose von 10,2 x 10^3/ml mit einer Granulozytose von 8,2 x 10^3/ml sowie ein deutlich erhöhtes CRP von 183,5 mg/dl auf.
Eine Untersuchung des Urins mittels Streifentest zeigte eine Leukozyturie sowie etwas Protein und eine leichte Erythrozyturie. Eine kulturelle Aufbereitung des Urins wurde veranlasst.
Im konventionellen Röntgenbild des Thorax ist bei nicht optimaler Aufnahme ein leichter Erguss rechts basal sowie eine basale, streifige Mehrzeichnung aber kein eindeutiges, pneumonisches Infiltrat feststellbar. Das Mediastinum ist mittelständig und klar abgrenzbar. Auch die Herzgrösse erscheint physiologisch.

Verlauf

Aufgrund des Allgemeinzustandes sowie des laborchemischen Befundes erfolgte bei Verdacht eines bakteriellen Infektes der Atemwege sowie eines Harnwegsinfekts der Start einer antibiotischen Behandlung mit Amoxicillin/Clavulansäure und eine Verlaufskontrolle am übernächsten Tag wurde vereinbart.
In der geplanten Verlaufskontrolle zeigte sich der Allgemeinzustand der Patientin verschlechtert. Die Atemnot sei unverändert, neu werden auch basodorsale Schmerzen am rechten Thorax beklagt.
Laborchemisch kommt es trotz einer resistenzgerechten Therapie des Harnwegsinfektes zu einem Anstieg der Leukozyten auf 12,8 x 10^3/ml, der Granulozyten auf 9,9 x 10^3/ml sowie des CRPs auf 224,2 mg/dl bei normalisiertem Hämoglobin.
Bei zusätzlicher Körpertemperatur erfolgt die Zuweisung ins lokale Regionalspital zur weiteren Diagnostik und Behandlung.
Hier erfolgt zur weiteren Differenzierung der respiratorischen und thorakalen Beschwerden eine computertomographische Untersuchung des Thorax, wo sich eine von der Aortenklappe bis vor die supraaortalen Aufzweigungen reichende Aortendissektion Stanford Typ A mit Erweiterung des aortalen Lumens auf 7 cm sowie einem 2 cm breiten Perikarderguss mit drohender Tamponade zeigt.
Zur operativen Versorgung erfolgte noch gleichentags die notfallmässige Verlegung in die thoraxchirurgische Abteilung des nächstgelegenem Universitätsspitals, wo noch am gleichen Tag der suprakoronare Ersatz der Aorta ascendens mit dem proximalen Aortenbogen sowie die Rekonstruktion der Aortenklappen erfolgte.
Im postoperativen Verlauf entwickelte sich ein paroxysmales, tachykardes Vorhofflimmern ohne hämodynamische Relevanz, welches unter Betablockade und nach Korrektur der Elektrolyte spontan in einen normokarden Sinusrhythmus konvertierte. Eine antikoagulante Behandlung mit Rivaroxaban wurde daraufhin etabliert.
Zusätzlich kam es zu beidseitigen Pleuraergüssen mit begleitender, erneuter Erhöhung des CRPs auf 140 mg/dl und eine erneute antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure bei Verdacht auf pneumonischen Infekt wurde begonnen. Zusätzlich initiierte man bei möglichem Dresslersyndrom eine Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika. Hierunter liess sich eine Stabilisierung und unter diuretischer Therapie im Verlauf eine deutliche Besserung erreichen.
Die weitere rehabilitative Behandlung gestaltete sich unauffällig und eine kardiologische Verlaufskontrolle konnte 6 Wochen postoperativ einen regelrechten Befund des Aortenersatzes mit leichtgradiger, zentraler Aortenklappeninsuffizienz bei guter linksventrikulärer Pumpfunktion darstellen.
Die Patientin ist seitdem beschwerdefrei und wieder voll belastungsfähig ohne Anzeichen von Belastungsdyspnoe. Bereits 7  Wochen postoperativ konnte sie eine lang geplante Auslandsreise antreten, welche problemlos verlief.

Diskussion

Mit einer Inzidenz von 5-30 Fällen pro 100 000 Personen ist die akute Aortendissektion kein häufiger, aber mit einer Letalität von bis zu 50% in den ersten 48 Stunden nach Symptombeginn, bei ausbleibender Behandlung, ein klar lebensbedrohlicher Zustand. Dies bedingt eine rasche Diagnosestellung und Behandlung (1, 2).
Bei einer akuten Aortendissektion kommt es initial zu einem Einriss der aortalen Intima und dann zu einer Wühlblutung zwischen Intima und Media [3]. Anamnestisch im Vordergrund stehen, in ca. 90% der Fälle plötzlich einsetzende, stechende oder reissende Schmerzen in der Brust, dem Rücken oder dem Abdomen (2).
In der klinischen Untersuchung lassen sich in weniger als 50% der Fälle ein peripheres Pulsdefizit, eine Seitendifferenz des Blutdruckes oder ein diastolisches Herzgeräusch feststellen (1). 10% der Patienten mit einer akuten Aortendissektion präsentieren sich nicht mit den «klassischen» Anzeichen, sondern können breit gefächerte, unspezifische Symptome aufzeigen (2). Hierzu zählen Blutdruckveränderungen (Hyper- oder Hypotonie), neurologische Auffälligkeiten, Anzeichen einer peripheren Ischämie, Heiserkeit, ein Horner Syndrom, Bewusstseinsveränderungen, Arrhythmien, Dyspnoe und Hämoptoe (1, 2, 4).
Aufgrund der Breite der Symptome ist die Diagnose einer akuten Aortendissektion nicht immer einfach und in 38% der Fälle wird die Aortendissektion in der initialen Beurteilung verpasst, in 28% findet man eine Aortendissektion erst postmortal bei der Autopsie (2).
Diagnostische Untersuchungen mittels EKG oder einem Röntgenbild des Thorax können Hinweise auf mögliche Differentialdiagnosen, wie eine pulmonale Embolie oder einen akuten Myokardinfarkt aufzeigen. In 31% respektive 12% der Fälle sind aber keine pathologischen Auffälligkeiten bei Patienten mit einer Aortendissektion erkennbar (4). Bis zu 8% der Fälle können mögliche EKG-Veränderungen, im Sinne eines akuten Myokardinfarktes aufweisen und die korrekte Diagnosestellung verzögern.
Die laborchemischen Untersuchungen spielen in der Diagnose einer Aortendissektion eine eher untergeordnete Rolle. Die D-Dimere mit einem Cut-off von 500ng/ml, zum Ausschluss einer pulmonalen Embolie, können während der ersten 24 Stunden in der Diagnosefindung eine Rolle spielen, weisen aber neben einer Sensitivität von 97% lediglich eine Spezifität von 56% auf (4).
Die hochsensitiven Troponine zeigen sich in ca. 50% der Patienten mit akuter Aortendissektion positiv, was in Anbetracht der möglichen Differentialdiagnose die korrekte Diagnosestellung erschweren und verzögern kann (4).
Inflammatorische Marker wie Interleukine oder TNF-α können sich ebenfalls erhöht zeigen, spielen wegen der zu geringen Spezifität jedoch keine Rolle (4).
Bezüglich einer Veränderung des CRP-Niveaus konnte in der zugrunde liegenden Literatur kein Hinweis gefunden werden. Dies äussert sich auch nicht in den Auswertungen der International Registry of Acute Aortic Dissection (IRAD) durch Hagan et al. (5).
Somit kann die deutliche Erhöhung des CRPs im geschilderten Fall nicht abschliessend geklärt werden.
Aufgrund der oben beschriebenen Limitationen ist der wichtigste Part, zwingend eine Angio-Computertomograpie zu erwirken, um im Rahmen der lebensbedrohlichen Differentialdiagnosen zwischen Lungenembolie, Myocardinfarkt und Aortendissektion zu unterscheiden.
Die schnelle Verfügbarkeit, sowie die gute Sensitivität von 100% und Spezifität von 98%, gibt der kontrastmittelgestützten und EKG-getriggerten Computertomographie des Thorax den Vortritt vor anderen Untersuchungsmethoden, die sichere Diagnose einer Aortendissektion zu stellen (4, 5).
Die transthorakale Echokardiographie (TTE) wird gelegentlich auch als rasche initiale Bildgebung bei instabilen Patienten empfohlen. Diese hat aber sehr oft ihre Begrenzung in der guten Darstellung der Aorta ascendens aufgrund beschränkter Einsehbarkeit und eventuell ungünstiger Schallbedingungen bei den Patienten.
Die transösophageale Echokardiographie (TEE) ist natürlich der transthorakalen Echokardiographie klar überlegen, jedoch ist bei einem nicht narkotisierten Patienten möglicherweise durch plötzlich provozierte starke Blutdruckspitzen eine Ruptur der Aortendissektion möglich (1, 4).
Das MRI kann zwar eine Sensitivität und Spezifität von 98% vorweisen, kommt im notfallmässigen Setting jedoch wegen der eingeschränkten Verfügbarkeit und der zeitlichen Dauer der Untersuchung kaum vor und wird eher in geplanten Verlaufskontrollen genutzt (4, 5). Eine Aortographie wird heutzutage nahezu nicht mehr eingesetzt (1, 5).
Die konventionelle Röntgenaufnahme wird aufgrund der Symptomkonstellation häufig durchgeführt, besitzt zur Diagnose einer akuten Aortendissektion eine jedoch nur geringe Sensitivität und Spezifität (4). Ein erweitertes Mediastinum, Deviation der Trachea und besonders ein linksseitiger Pleuraerguss, sollten differentialdiagnostisch immer auch an eine akute Aortendissektion denken lassen (1).
Die hohe Mortalität einer akuten Aortendissektion Typ-A macht eine rasche Therapie unumgänglich. Initiale Massnahmen sollten eine Kontrolle des Blutdruckes (Ziel 100-120 mmHg systolisch), der Herzfrequenz (Ziel ~60/min) sowie des Schmerzniveaus beinhalten (1).
Im Rahmen einer akuten Aortendissektion Typ-A nach Stanford ist eine notfallmässige herzchirurgische Intervention absolut indiziert. Diese wird meist als isolierter Ersatz der Aorta ascendens, inklusive des proximalen Bogens und meist noch mit klappenerhaltender Resuspension der Aortenklappe als intiale lebensrettende Massnahme durchgeführt (1, 3).
Eine Aortendissektion Typ-B nach Stanford kann in zwei Drittel der Fälle ohne gefässchirurgische Intervention, aber unter Kontrolle des Blutdrucks mit regelmässigen, bildgebenden Verlaufskontrollen konservativ behandelt werden. Ein Drittel der Stanford Typ-B Dissektionen zeigen Komplikationen, wie Entwicklungen zu einem Aneurysma, einer Aortenruptur, einer Ausweitung des Dissektionsareales oder eine Malperfusion und sollte dann interventionell oder chirurgisch angegangen werden. Zunehmend kommen hier endovaskuläre Massnahmen zum Zuge (3).
Die übergreifende Gesamtmortalität der chirurgisch und konventionell behandelten Dissektionen Typ-A und Typ-B nach Stanford liegt bei ca. 25%. Wobei die nicht operierte Dissektion Typ-A nach Stanford mit nahezu 60% die höchste und eine medikamentös behandelte Dissektion Typ-B nach Stanford mit ungefähr 10% die geringste Mortalität aufweist (5).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dipl. ArztRoland F. Arnold

Hausarztzentrum am Stadtweg, Stadtweg 4, 4310 Rheinfelden

Dipl. ÄrztinSabine Wirthlin

Ärzte im blauen Haus, Zürcherstrasse 11, 4310 Rheinfelden

Dr. med. Ulrich PF Schurr

Herzchirurgie Universitätsspital Basel, Spitalstrasse 21, 4031 Basel

Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Die akute Aortendissektion ist ein seltener, aber lebensbedrohlicher Zustand, der eine rasche Diagnose und Therapie benötigt.
◆ 10% der akuten Aortendissektion präsentieren «untypische Symptome» und erschweren die Diagnosestellung.
◆ Die Bildgebung der Aorta ist die empfohlene und zuverlässigste diagnostische Massnahme zur Diagnosestellung.

1. Levy D; Le JK. Aortic Dissection. StatPearls Publishing, Treasure Island (FL), 20 Jul 2017, PMID: 28722992.
2. Ayrik C, Cece H, Aslan O, Karcioglu O, Yilmaz E. Seeing the invisible: painless aortic dissection in the emergency setting. Emerg Med J. 2006 Mar; 23(3): e24.
3. Criado FJ. Aortic dissection: a 250-year perspective. Tex Heart Inst J. 2011;38(6):694-700.
4. Gawinecka J, Schönradt F, von Eckardstein A. Acute aortic dissection: pathogenesis, risk factors and diagnosis. Swiss Med Wkly. 2017;147:w14489.
5. Hagan PG, Nienaber CA, Isselbacher EM, Bruckman D, Karavite DJ, Russman PL, et al. The International Registry of Acute Aortic Dissection (IRAD): new insights into an old disease. JAMA.2000;283(7):897–903.

Wie kann man Denosumab absetzen?

Der monoklonale Antikörper Denosumab hat sich bei der Behandlung von Osteoporose durch eine zelluläre Wirkung, die die Osteoklastenreifung hemmt, als bemerkenswert wirksam erwiesen. Die Kontrolle der Knochenresorption ist stark, aber zeitlich begrenzt, was die strikte Einhaltung der halbjährlichen Injektionsabstände rechtfertigt (1). Nach dem Absetzen besteht bei einigen Probanden ein hohes Risiko für neue multiple und schwere Wirbelbrüche, die seit 2016 die Aufmerksamkeit der medizinischen Welt auf sich gezogen haben. Die Strategie zur Vermeidung dieser Komplikationen ist Gegenstand dieses Artikels, der eine regelmässige Überwachung der Knochenresorptionsmarker (KRM) und die Einführung einer zusätzlichen Behandlung vorschlägt. Die akute Wirbelfraktur, die in diesem Zusammenhang auftritt, wird Gegenstand einer speziellen Betrachtung sein.

Rolle und Wirksamkeit von Denosumab (Prolia®)

Denosumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen den RANK-Liganden gerichtet ist und als potenter Inhibitor der Osteoklasten wirkt. Er wurde 2010 in der Schweiz zur Behandlung von Osteoporose, Knochenmetastasen von Krebstumoren und zur Vorbeugung von Knochenschwund im Zusammenhang mit Anti-Aromatase-Behandlungen oder LHRH-Analoga zugelassen. Es übt einen hochsignifikanten günstigen präventiven Effekt bei 68 % der postmenopausalen Frauen aus, die nach einer osteoporotischen Fraktur behandelt wurden (2).
Der Vorteil seiner Verwendung in halbjährlichen subkutanen Injektionen, seine klinische Wirksamkeit und seine ausgezeichnete Verträglichkeit machen es zu einem anerkannten leistungsstarken Therapeutikum mit zuverlässiger Sicherheit in der Anwendung (3). Seine therapeutische Stellung wurde in den Empfehlungen 2020 der Schweizerischen Osteoporosevereinigung festgelegt (4), die für mehr Klarheit bei der Wahl der Therapieoptionen sorgen.
Eine Verbesserung der densitometrischen Scores, ein klinisches Ansprechen oder das Ende einer begleitenden antihormonellen oder kortikosteroidalen Behandlung kann jedoch eine therapeutische Vakanz oder sogar das Absetzen des Medikaments rechtfertigen. Der in klinischen Studien nachgewiesene kontinuierliche Anstieg des langfristigen Therapieerfolgs rechtfertigt jedoch die Fortführung der Behandlung über eine Gesamtdauer von 10 Jahren. Die Behandlung wird abgebrochen, wenn die in Abbildung 2 genannten Bedingungen erfüllt sind.

Risiken beim Absetzen von Denosumab

Nach dem Absetzen der Behandlung kommt es zu einem Rebound der KRM (5). Eine Schweizer Publikation aus dem Jahr 2016 macht auf das Auftreten von schweren multiplen Wirbelfrakturen im Jahr nach Behandlungsende aufmerksam (6). Diese Frakturen treten innerhalb von 7 bis 20 Monaten nach der letzten Injektion auf (7) und betreffen 1-10 % der Patienten, die mehr als eine Dosis Denosumab erhielten (8, 9). Dieser Rebound-Effekt war Gegenstand eines gemeinsamen Communiqués von Swissmedic und Amgen (10). Die Dauer der Behandlung und eine Vorgeschichte von Wirbelfrakturen vor oder während der Behandlung begünstigen ihr Auftreten (4), während eine vorherige Behandlung mit einem Bisphosphonat einen schützenden Effekt zu haben scheint (10, 11). Die Frakturen erstrecken sich durchschnittlich über 5 Wirbel und gehen mit einer starken Erhöhung der Marker der Knochenresorption sowie einem signifikanten Verlust der Knochendichte einher und werden auf eine massive Aktivierung von Osteoklasten bei den Betroffenen zurückgeführt (11, 12).

Regeln zur Vermeidung neuer Frakturen

In Anbetracht der noch unklaren epidemiologischen Daten und des Fehlens spezifischer Unterscheidungskriterien wird eine präventive Strategie in grossem Massstab daher notwendig sein, um alle Patienten vor Schaden zu bewahren, die von diesem osteoklastischen Tsunami bedroht sind.
Die breite Medienberichterstattung, die durch die Veröffentlichung dieses Rebound-Effekts (13) ausgelöst wurde, hat das Vertrauen unserer Patienten stark erschüttert. Detaillierte und transparente Informationen sind daher unerlässlich, um sicherzustellen, dass sie sich an die verschiedenen Phasen ihrer Nachsorge halten, wenn Denosumab abgesetzt wird (Abb. 3).

Während der Behandlung: Der Abstand zwischen den Injektionen muss sorgfältig überwacht werden. Idealerweise sollte ein möglicher zahnärztlicher Eingriff im 5. Monat nach der letzten Injektion ohne anschliessende Behandlungsunterbrechung erfolgen (14).
Die anhaltende Erhöhung der Knochenresorptionsmarker verbietet die Anwendung riskanter Verfahren durch Wirbelmanipulation oder Vertebroplastie.

Bei Beendigung der Behandlung: Das Risiko eines Rebounds tritt frühestens 6 Monate nach der letzten Injektion auf. Zu diesem Zeitpunkt wird eine Voruntersuchung durchgeführt, die eine Densitometrie und eine Bestimmung der Knochenresorptionsmarker (β-Crosslaps oder C-Telopeptid, morgens auf nüchternen Magen und vor 10 Uhr) beinhaltet. Bei einer therapeutischen Intervention wird ausschliesslich auf ein starkes Bisphosphonat wie Alendronat oder Zoledronat nach folgendem Protokoll zurückgegriffen, wobei wir es vorziehen, von Anfang an Alendronat zu verordnen:

  • Schema für Alendronat:
    – Beginn mit Alendronat in einer Dosierung von 70 mg/Woche, 6 Monate nach der letzten Denosumab-Injektion.
    – Danach Bestimmung der Knochenresorptionsmarker alle
    2 Monate.
    – Wenn Knochenresorptionsmarker > 600 ng/L, 5 mg Zoledronat infundieren und auf das Zoledronat-Regime umstellen.
  • Schéma Zolédronat:
    – Bestimmung der Knochenresorptionsmarker 6 Monate nach Absetzen von Denosumab, die monatlich zu wiederholen ist.
    – Wenn KRM > 200 ng/L, 5 mg Zoledronat infundieren.
    – Nach Zoledronat soll der Wert der Knochenresorptionsmarker vierteljährlich kontrolliert werden und sobald er 600 ng/l überschreitet, soll Zoledronat reinfundiert werden.

Diese therapeutische Überwachung wird über einen Zeitraum von zwei Jahren fortgesetzt und durch eine jährliche Kontroll-Densitometrie untermauert. Wenn feststeht, dass kein signifikanter Knochenverlust vorliegt und auch der KRM-Serumspiegel unterhalb von 600 ng/l liegt, kann eine Therapiepause nach dem ersten Jahr ins Auge gefasst werden (14, 15).
Für alle Patienten, die mit Denosumab behandelt werden, wird das kontrollierte Management, sobald es abgesetzt wird, sicherlich schrittweise verfeinert und damit eine präzisere Ausrichtung auf Risikosituationen ermöglicht. Zwischenzeitlich lassen sich durch eine systematische Nachsorge viele Komplikationen und vor allem das damit verbundene Leid vermeiden.

Akute Wirbelfraktur nach Absetzen von Denosumab

Bei einer neuen Wirbelsäulenfraktur ist eine MRI-Kontrolle erforderlich. Die Dringlichkeit der Situation rechtfertigt den Rückgriff auf eine starke und schnell wirksame antiresorptive Behandlung wie Denosumab 60 mg s.c., das bereits in den ersten Tagen eine nahezu sofortige antiresorptive Wirkung hat (13). In einem zweiten Schritt wird die Indikation für ein Knochenaufbaupräparat wie Teriparatid oder eines seiner Biosimilars mit dem Spezialisten für Knochenerkrankungen besprochen (14, 15).

Verdankung: Wir danken Dr. Eloi Baumgartner, Porrentruy, der uns die Abbildungen und das Fallbeispiel zur Verfügung gestellt hat.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine übersetzung des in der «la gazette médicale» 02-2021 erschienen Originalartikels.

Dr. med.Roxana Valcov

Chefärztin
Hôpital du Jura
2800 Delémont

Roxana.Valcov@h-ju.ch

Dr. med. Michel Braun

Institut de Radiologie du Jura Bernois (IRJB) Judexa
2610 Saint-Imier

michel.braun_judexa@hin.ch

MB: Kostenerstattung für Schulungen (Amgen);
RV: im Zusammenhang mit Osteoporose (Amgen 2020), Ausserdem Honorare für Beratung (Pfizer) und für wissenschaftliche Tätigkeiten (Abbvie, ACR Pharma Talent Experts). Kostenerstattung für Trainingskurse (Amgen und Pfizer 2020, Abbvie, Celgene und Menarini).

◆ Erstaunlich wirksam und oft zu Unrecht kritisiert, hat Denosumab einen prominenten Platz in der Behandlung der Osteoporose.
◆ Das Absetzen der Behandlung mit Denosumab ist mit einem hohen Risiko für osteoklastische Rebound-Frakturen verbunden.
◆ Eine systematische Strategie mit Knochendichtemessung zur Kontrolle und regelmässiger Überwachung der Knochenresorptionsmarker wird empfohlen.
◆ Der Einsatz einer Zoledronat-basierten Therapie ist von primärer Bedeutung, sobald erneut eine signifikante Wiederaufnahme der Knochenresorption nachgewiesen ist.

1. Jusqu’ où et jusqu‘ à quand traiter l‘ostéoporose ? Brigitte Uebelhart, Serge
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tion in Patients with or without Prior Exposure to Bisphosphonates. Uebelhart
et al. Osteoporos Int. 2017;28:2701-2705.

COVID-19 vaskuläre Auswirkungen

«Coronavirus disease 2019» (COVID-19) beschreibt eine Infektion, welche durch das «severe acute respiratory syndrome»-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2) verursacht wird. COVID-19 kann sich auf die oberen Atemwege beschränken oder aber auch in der Lunge manifestieren. Letzteres ist durch eine ausgesprägte Hypoxämie gekennzeichnet und kann sich bei einer Untergruppe von Patienten zu einer hyperinflammatorischen prothrombotischen Erkrankung mit Multiorganbeteiligung und Thrombo­embolie entwickeln. Erhöhte Titer von inflammatorischen Zytokinen und D-Dimeren sind bei hospitalisierten Patienten häufig. Thrombotische Komplikationen können zu einem akuten Atemnotsyndrom (ARDS) und anderen Organdysfunktionen beitragen. Das Vorhandensein einer vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankung ist mit einem erhöhten Sterberi-siko bei gleichzeitiger COVID-19-Erkrankung verbunden.

Coronavirus disease 2019 (COVID-19) wird durch das severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2 (SARS-CoV-2) verursacht und kann ein schweres akutes respiratorisches Syndrom auslösen. Manifestationen schliessen Pneumonie und das akute Atemnotsyndrom (acute respiratory distress syndrome – ARDS) ein. Etwa die Hälfte der an COVID-19 erkrankten Patienten sind asymptomatisch oder zeigen nur milde Symptome, 3-10 % der Betroffenen müssen jedoch ins Krankenhaus eingeliefert werden, von denen wiederum bis zu 20 % von einer schweren Erkrankung und einer hohen Sterblichkeitsrate betroffen sind (1, 2). Patienten mit schwerer bis kritischer Erkrankung präsentieren mit Hypoxämie (niedriger Sauerstoffgehalt im Blut) und Dyspnoe (Kurzatmigkeit), die sich möglicherweise zu einem ARDS entwickeln können (3). Dieses Stadium der Erkrankung ist auch durch hohe Konzentrationen von pro-inflammatorischen Zytokinen, wie Interleukin-6 (IL-6), IL-1β, IL-18 und Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor (GM-CSF) gekennzeichnet (4, 5). Letzteres sind Merkmale einer Hyperaktivierung des Immunsystems mit abnormalen Zytokin-Leveln, auch «Cytokine Storm» genannt (6). Ein weiteres entscheidendes Merkmal von COVID-19 ist die Entwicklung eines prothrombotischen Zustands (7). Innerhalb der Gruppe von Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen sind signifikant mehr mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Diabetes mellitus. Letzteres könnte auf eine synergistische Aktivierung von vaskulären Entzündungswegen zurückzuführen sein, die sowohl mit COVID-19 als auch mit kardiometabolischen Erkrankungen assoziiert sind (8).

Kennzeichen einer COVID-19-spezifischen Koagulopathie

Das Auftreten einer COVID-19-spezifischen Koagulopathie ist gekennzeichnet durch erhöhte Spiegel von Fibrinogen, von Willebrand-Faktor (VWF) und dem Fibrinabbauprodukt D-Dimer im Blut. COVID-19 Patienten haben im Allgemeinen geringe oder keine Veränderungen in der Prothrombinzeit (ein Mass für die Zeit bis zur Gerinnung), der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (Gerinnungszeit), im Antithrombinspiegel, im aktivierten Protein-C-Spiegel und in der Thrombozytenzahl (7, 9, 10). Letztere beschreiben eine klassische disseminierte intravaskuläre Gerinnung (DIC), während die Hyperkoagulabilität in COVID-19 eher mit einem schweren Entzündungszustand korreliert (7).
Nach aktuellem Stand lassen sich vier Kriterien für eine COVID-19-spezifische Koagulopathie festhalten: a) eine Abnahme der Thrombozyten (< 150 × 109/L); b) ein Anstieg der D-Dimer Spiegel (um mehr als das Zweifache der oberen Grenze der Norm); c) Prothrombinzeit > 1 s oder internationale normalisierte Ratio (INR) >1,2; d) das Vorhandensein einer Thrombose (Makrothrombose und/oder Mikrothrombose) (11). Zusätzlich können erhöhte Fibrinogenspiegel, erhöhte VWF-Spiegel (um mehr als das Zweifache der oberen Normgrenze) oder das Vorhandensein von Lupus-Antikoagulans und/oder hochtitrige Antiphospholipid-Antikörper detektiert werden (11). Wichtig ist ausserdem, dass COVID-19-assoziierte Koagulopathien weiter fortschreiten und/oder für DIC prädisponieren können, wenn der COVID-19-Schweregrad zunimmt.

Merkmale einer COVID-19-assoziierten endothelialen Dysfunktion

Obwohl COVID-19 als systemische Erkrankung verstanden werden muss, kommt es initial hauptsächlich zur Schädigung des vaskulären Lungenendothels. Die endotheliale Dysfunktion, als wichtiges pathophysiologisches Ereignis, ist auch bei Infektionen durch andere Coronaviren vorhanden, bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 aber verstärkt (12-14). COVID-19-assoziierte Pneumonie ist gekennzeichnet durch Infiltration der Lunge mit Makrophagen und Neutrophilen, welche diffuse Lungenalveolarschäden (ARDS) hervorrufen (15, 16). Bei COVID-19 tragen neben Alveolarschäden auch Gefässwandödeme, hyaline Thromben, Mikroblutungen und diffuse Thrombosen der peripheren kleinen Gefässe zur Ateminsuffizienz bei (17, 18). Endothelzellen der Lungenblutgefässe können ausserdem durch die hohen Konzentrationen von proinflammatorischen Zytokinen (IL-1, IL-6 und Tumornekrosefaktor) und Ferritin bei schweren COVID-19-Verläufen geschädigt werden (14). Weiterhin spiegelt auch die Konzentration von löslichem P-Selektin (ein Marker für endotheliale und Thrombozytenaktivierung)
die Schwere der Erkrankung wider, da Patienten, welche auf der Intensivstation behandelt werden mussten höhere Titer aufwiesen als Patienten, die keine intensivmedizinische Behandlung benötigten. Erhöhte Spiegel von Thrombomodulin (ein spezifischer Marker für endotheliale Aktivierung, welcher bei Endothelzellverletzungen freigesetzt wird) ging ausserdem mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko bei COVID-19 Patienten einher (10). Höhere Zahlen von zirkulierenden Endothelzellen in Patienten mit COVID-19 konnten ausserdem mit der Anzahl der Thrombozyten und Lymphozyten und der Konzentration des Endothelmarkers soluble vascular cell adhesion molecule 1 (sVCAM1) korreliert werden (19). Darüber hinaus ist die Thrombozytenaktivierung bei Patienten mit schwerem COVID-19 innerhalb der Mikrovaskulatur erhöht und korreliert mit ungünstigen Verläufen (20).

Thrombose-Management bei COVID-19

Da die Gerinnungskaskade bei COVID-19 dysreguliert ist, wurden Antikoagulationsansätze für die Behandlung erforscht. Insbesondere bei Patienten mit inzidenter venöser Thromboembolie (VTE) oder akutem Koronarsyndrom aufgrund einer Plaqueruptur (21) sind antithrombotische Behandlungen indiziert. Aus der Literatur geht hervor, dass 40 % der mit COVID-19 hospitalisierten Patienten ein erhöhtes VTE-Risiko aufweisen (22), und Daten aus einer grossen retrospektiven Patientenkohorte in den USA deuten darauf hin, dass eine Antikoagulation bei schweren Verläufen die Mortalität senken kann (23). Eine pharmakologische VTE-Prophylaxe, einschliesslich täglicher Gabe von niedermolekularem Heparin oder zweimal täglich subkutan verabreichtem unfraktioniertem Heparin, kann auch für Patienten von Nutzen sein, die mit COVID-19 hospitalisiert wurden und bettlägerig sind oder Intensivpflege benötigen, oder für Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen wurden, aber ein relevantes VTE-Risiko aufweisen – d.h. Personen mit eingeschränkter Mobilität, prothrombotischen Begleiterkrankungen (aktive Krebserkrankung oder Adipositas), höherem Alter, VTE in der Vorgeschichte und anhaltend erhöhten D-Dimer-Werten (21, 24). Studien zur Heparin-Behandlung von COVID-19 haben positive Ergebnisse gezeigt (21, 24), und dieser Wirkstoff ist nur einer von einer wachsenden Anzahl von Wirkstoffen, die zur Behandlung von COVID-19 entweder als prophylaktisches oder therapeutisches Medikament zur Verfügung stehen (25). Neben Heparin werden auch FXII-blockierende Antikörper und ein Serinprotease-Inhibitor von Thrombin, Plasmin und Trypsin in klinischen Studien zum Thrombosemanagement in COVID-19
untersucht.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. rer. nat. Yvonne Döring

Medizinbereich Herz und Gefässe
Universitätsklinik für Angiologie
Inselspital, Universitätsspital Bern
Freiburgstrasse 18, 3010 Bern

yvonne.doering@insel.ch

Die Autorin hat in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenkonflikte deklariert

◆ Aktuelle Studien unterstreichen die pathophysiologische Rolle von COVID-19-induzierten thrombotischen Komplikationen, die zu einer breiten Palette von Gewebepathologien und klinischen Komplikationen führen können.
◆ Eine gerinnungshemmende Therapie und immunmodulatorische Wirkstoffe sind wahrscheinlich wichtig, um hyperinflammatorische und prothrombotische Zustände bei COVID-19 zu lindern.
◆ Medikamente mit gerinnungshemmenden und entzündungshemmenden Eigenschaften, die für die Behandlung von kardiometabolischen Erkrankungen entwickelt wurden, werden in klinischen Studien mit COVID-19-Patienten untersucht.

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2. Berlin DA, Gulick RM, Martinez FJ. Severe Covid-19. N Engl J Med. 2020;383(25):2451-60.
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23. Paranjpe I, Fuster V, Lala A, Russak AJ, Glicksberg BS, Levin MA, et al. Association of Treatment Dose Anticoagulation With In-Hospital Survival Among Hospitalized Patients With COVID-19. J Am Coll Cardiol. 2020;76(1):122-4.
24. Barnes GD, Burnett A, Allen A, Blumenstein M, Clark NP, Cuker A, et al. Thromboembolism and anticoagulant therapy during the COVID-19 pandemic: interim clinical guidance from the anticoagulation forum. J Thromb Thrombolysis. 2020;50(1):72-81.
25. Bonaventura A, Vecchié A, Dagna L, Martinod K, Dixon DL, Van Tassell BW, et al. Endothelial dysfunction and immunothrombosis as key pathogenic mechanisms in COVID-19. Nat Rev Immunol. 2021:1-11.

Chronisch rezidivierendes Erysipel

Das Erysipel ist eine scharf begrenzte flächenhafte Rötung, auf Epidermis und Dermis beschränkt, einhergehend mit Fieber, Lymphangitis und Schmerzen. Diverse Risikofaktoren, insbesondere das Lymphödem können zu chronisch rezidivierenden Erysipelen führen. Durch die konsequente Behandlung der Risikofaktoren kann das Risiko eines Rezidivs minimiert werden. Das Erkennen potenzieller Differenzialdiagnosen ist hierfür notwendig. Die Behandlung umfasst eine Therapie im Akutstadium und möglicherweise eine langzeitige Prophylaxe.

Etwa 10% der Patienten mit einem akuten Erysipel weisen ein Rezidiv innerhalb von 6 Monaten und 30% innerhalb von 3 Jahren auf (1). Überwiegend sind ältere Menschen, betroffen. Genaue Zahlen zu Geschlechterverteilung gibt es nicht. Es kann eine saisonale Verteilung mit Häufung im Sommer festgestellt werden (2). Je nach vorliegenden Risikofaktoren sind prädisponierte Körperregionen Unterschenkel, insbesondere Füsse und die Arme. Jedes Hautareal kann betroffen sein. Im Gesicht und Kopf fehlen meist zugrundeliegende Risikofaktoren. Beim erstmaligen Auftreten eines Erysipels ist häufig die Tibiaregion betroffen, im Fall eines Rezidivs die Füsse (2). Hier bleibt die aktuelle Datenlage jedoch lückenhaft.

Ätiopathogenese

Risikofaktoren

Eine gestörte Hautbarriere wie beim Stauungsekzem, Zehenmykose und Dermatomyositis können Eintrittspforte für Erysipel-Rezidive sein. Die Läsionen erleichtern eine bakterielle Invasion des Gewebes (3). Der wichtigste Prädiktor für das Rezidivrisiko eines Erysipels ist das Vorliegen eines chronischen Lymphödems (1). Wiederholte Erysipele führen zur zunehmenden irreversiblen Schädigung der Lymphgefässe. Das resultierende serumreiche Ödem ist so weiteres Risiko für erneute Rezidive. Ursächlich für Lymphabflussstörungen sind Schädigungen der Lymphgefässe durch Infektionen, Radiotherapien und operative Eingriffe. Zur letzteren gehören beispielsweise eine Lymphadenektomie beim Tumorleiden und die Saphenektomie in der Bypasschirurgie. Des Weiteren zählen die Neuropathie beim Diabetiker, die chronisch venöse Insuffizienz und Adipositas zu Risikofaktoren. Insbesondere gilt Diabetes mellitus als begünstigender Faktor für eine nekrotisierende Fasziitis (4). Sehr selten können primäre Immundefekte zur Pathogenese der rezidivierenden Erysipele beitragen. Letztlich ausschlaggebend für die Entstehung eines Erysipelrezidivs bleiben Lymphödeme (Abb. 1).

Protektive Faktoren

Interessanterweise weisen COPD Patienten weniger häufig rezidivierende Erysipele auf (6). Eine mögliche Erklärung könnten häuige Antibiotikatherapien zur Behandlung pulmonaler Infektionen sein.

Erreger

Häufigster pathogener Erreger beim Erysipel sind beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (Streptococcus pyogenes). Auch Streptokokken der Gruppe C, G oder B gehören zum Erregerspektrum. Letztere kommen vor allem bei Patienten mit Diabetes mellitus, in der Tumorchirurgie und nach Bestrahlung vor. Bei immunsupprimierten Patienten spielen auch gramnegative Keime wie Pseudomonas aeruginosa und Escherichia Coli eine Rolle. Staphylococcus aureus kann häufig ein ähnliches klinisches Bild auslösen und ist der häufigste Erreger bei Zellulitis, zudem häufig nachgewiesen bei Phlegmonen (6).

Diagnose

Klinische Präsentation und Diagnostik

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch. Typische Trias des Erysipels sind ein Erythem, Fieber und Lymphadenitis. Beim wiederholt auftretenden Rezidiv zeigt sich ein weniger ausgeprägtes klinisches Bild mit diskreter Rötung und Überwärmung, zudem geringen Blutbildveränderungen. Hierzu tragen insbesondere die vorbestehenden Hautveränderungen wie bei der chronisch venösen Insuffizienz, beim Lymphödem und Dermatosen wie Intertrigo und Tinea pedis bei. Blutkulturen sind routinemässig empfohlen. Die Gewinnung von Biopsien oder Aspirate der Läsionen ergeben häufig keinen kulturellen Erregernachweis. Nutzen erbringt die Resistenzprüfung beim Vorliegen eines Staphylococcus aureus und differenzialdiagnostisch dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (4). Biopsie- oder Aspiratgewinnung sollten vor allem bei Immunsupprimierten, Tierbissverletzungen oder möglichen Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus erfolgen (5).

Komplikationen

Die unzureichende oder fehlende Behandlung eines Erysipels, sowie zugrundeliegende Risikofaktoren führen zum Erysipel-Rezidiv. Bei etwa 25%-31% (6) der Patienten treten Komplikationen auf. Durch das zunehmende Auftreten eines Rezidivs resultiert die irreversible Lymphgefässschädigung, welche gleichzeitig als wichtigster Prädiktor eines erneuten Rezidivs gilt. Dermatologische Komplikationen sind die Sklerose, Pigmentverschiebungen und Pachydermie. Weitere Folgen können eine Elephantiasis inflammatoria, venöse Insuffizienz, Abszedierungen und ausbreitende Infektionen (Sepsis, Osteomyelitis, Arthritis, septische Tendinitis) sein.

Differentialdiagnosen

Die korrekte Diagnosestellung setzt das Erkennen ähnlicher Krankheitsbilder voraus. Zu den häufigsten Fehldiagnosen gehören die akute Stauungsdermatitis und ausgeprägte Insektenstiche (7).
Das Erysipel ist eine oberflächliche Hautinfektion beschränkt auf Epidermis und Dermis. Die Zellulitis hingegen betrifft auch das subkutane Gewebe. Klinisch ist vor allem in Anfangsstadion häufig nicht zu unterscheiden, ob es sich um ein Erysipel oder Zellulitis handelt. Demzufolge werden in der Regel Antibiotika eingesetzt, die auch gegen Staphylococcus aureus wirken (4).

  • Akute Stauungsdermatitis: Eine weniger glänzende erythematöse Fläche, die meist beide Beine betrifft. Begleitend ist ein tiefer eindrückbares Ödem und tastbare Dermatoliposklerose. Bei vorliegenden Lymphödemen sind akute rezidivierende Stauungsödeme eine häufige Ursache. Die Abgrenzung vom Erysipel ist schwierig, jedoch wichtig, um unnötige Antibiotika Gaben zu vermeiden.
  • Insektenstichreaktion: Innerhalb von Stunden, schneller als beim Erysipel treten nach bestimmten Mückenstichen helle Erytheme mit zungenförmigen Ausläufern auf. Eine einhergehende Allgemeinsymptomatik ist gering ausgeprägt.
  • Periodisches Mittelmeerfieber: Das rezidivierende Erythem kann dem Bild eines Erysipels sehr ähneln. Begleitende Symptome sind Fieber, arthritische, peritonitische und pleuritische Beschwerden.
  • Erythema migrans: Das schmerzlose, scharf abgegrenzte blasse Erythem mit zentrifugaler Ausbreitung hat keine Ausläufer und verläuft weniger akut als das Erysipel.
  • Kontaktdermatitis: Nach einem Kontaktgeschehen tritt innert Stunden ein juckendes scharf begrenztes Erythem auf. Eine Allgemeinsymptomatik besteht nicht.
  • Herpes Zoster: Im initialen Stadium sind Schmerzen vordergründig. Im Verlauf treten Vesikel auf und die Ausbreitung ist anders als bei Erysipel Dermatom-gebunden.
  • Erysipeloid: Lokalisationen sind häufig Hände und Finger nach dem Kontakt mit Geflügel, Schweinen und Meerestieren. Initial zeigt sich ein flach-rotlivider Plaque und im Verlauf eine zentrale Aufhellung mit scharf begrenztem, livid-erhabenem Rand. Die Diagnose wird mikrobiologisch oder histologisch gestellt.
  • Thrombophlebitis: Die schmerzhafte, strangartige Verhärtung kann Ursache für ein Erysipel sein.
    Erysipelas carcinomatosum: Das klinische Bild der harten Infiltration tritt nicht akut auf.
  • Lymphangitis acuta: Dies charakterisiert sich durch eine lineare Rötung entlang einer Lymphbahn, die in der Regel ohne ausgeprägte Allgemeinsymptomatik einhergeht.

Therapie

Patienten benötigen eine interdisziplinäre Therapie. Vordergründig steht die Behandlung der auslösenden Faktoren um eine intakte Haut- und Weichteilbarriere zu gewährleisten. Dies ermöglicht einen zielgerichteten Einsatz von Antibiotika und die Erhaltung eines intakten Mikrobioms. Nicht medikamentöse Massnahmen haben bei der Therapie von rezidivierenden Erysipelen einen zentralen Stellenwert.

Nicht medikamentöse Therapie

Die wichtigste Massnahme ist die Behandlung der Eintrittspforte wie Tinea pedis und eine gute Hautpflege. Es bedarf die Therapie von Lymphabflussstörungen. Kompressionsbehandlung mit elastischen Binden, manuellen oder apparative Lymphdrainagen sind wichtig. Aufgrund der Gefahr einer Infektausbreitung sind Lymphdrainagen im Fall einer aktiven Entzündung nur unter antibiotischer Therapie durchzuführen.

Akutbehandlung

Im Akutstadium ist die antibiotische Therapie mittels Amoxicillin/Clavulansäure 3x 625 mg/Tag indiziert. Der Entscheid für eine per orale oder intravenöse Therapie hängt vom Schweregrad der Infektion und bestehenden Komorbiditäten ab. Bei vorliegender Penicillin-Allergie wird Clindamycin 3x 300 mg/Tag per oral oder 3x 600 mg/Tag intravenös verwendet (4).

Therapiedauer

Die empfohlene Therapiedauer im Akutstadium beträgt 5-7 Tage.

Prophylaxe

Die Sanierung der Eintrittspforte und Behandlung von prädisponierenden Faktoren sind das wichtigste Element.

Erneutes Rezidiv

Nach Risikoabwägung wird der Patient ausnahmsweise für einen raschen und selbständigen Antibiotikabeginn instruiert.

Risikoabwägung einer antibiotischen Prophylaxe

Eine Antibiotikaprophylaxe sollte nur nach Rücksprache mit einem Infektiologen erfolgen und bedarf in Anbetracht der widersprüchlichen Datenlage eines sorgfältigen Abwägens von Nutzen und Risiko. Studien zeigen, dass der Nutzen einer antibiotischen Langzeittherapie nach dem ersten Rezidiv besteht, andere Studien beschreiben einen Nutzen nach 3-4 Rezidiven (5, 8).
Eine Langzeitprophylaxe kann mit Penicillin V (Phenoxymethyl-penicillin) 250 mg 2x/Tag per os erfolgen (5, 9, 10). Als Prophylaxe ist die perorale Gabe indiziert und besser belegt als eine parenterale Therapie (11). Bei fehlender Compliance ist eine 2-3x wöchentliche intramuskuläre Therapie mit Benzylpenicillin-Benzathin (Tardocillinc®) empfehlenswert. Wenn nach 6 Monaten kein Rezidiv aufgetreten ist, kann das Intervall verlängert werden (11, 12). In der Schweiz steht kein Depotpenicillin Benzylpenicillin-Benzathin zur Verfügung, so dass die Substanz aus dem Ausland importiert werden muss. Ein mögliches Präparat ist Tardocillin®, welches in Deutschland hergestellt wird. Für die Anwendung von Präparaten mit EU Zulassung in der Schweiz ist keine Sonderbewilligung notwendig. Die Bestellung von Benzathin-Penicillin G kann über die Spitalapotheken oder internationale Apotheken erfolgen. Bei vorliegender Penicillin-Allergie wird Clarithromycin 250 mg/d peroral für 12  Monate angewendet. Für die empfohlene Dosis liegt jedoch keine Evidenz vor. Erythromycin wird aufgrund der unerwünschten Wirkungen und ungünstigen Resorptionsrate nicht mehr empfohlen (11). Die intermittierende antibiotische Behandlung senkt die Anzahl von Rezidiven. Bei einer Rezidivprophylaxe mit Penicillin über einen Zeitraum von nur 6 Monaten kann das Rezidivrisiko um etwa 50% reduziert werden (13).

Weitere medikamentöse Therapie

Die Kombination von Kortikosteroiden und Antibiotika bei der Behandlung eines Erysipels sollte insbesondere bei schweren Fällen und hohem Rezidivrisiko in Betracht gezogen werden (14). Eine begleitende Kortisontherapie kann zur raschen Besserung von Schmerzen, Fieber und des lokalen Befundes führen. Die Datenlage und Empfehlungen für Kortikosteroiden beim chronischen Erysipel sind jedoch spärlich.

Rezidiv trotz antibiotischer Prophylaxe

Häufiger und alltäglich ursächlicher Grund für ein Rezidiv ist die Malcompliance des Patienten. Erkennen von möglichen unerwünschten Nebenwirkungen, inkorrekter oder fehlender Einnahme der antibiotischen Prophylaxe gehört zu den häufigsten Gründen des wiederkehrenden Erysipels (Tab. 1).
Zum Erkennen der korrekten Diagnose ist das Beherrschen möglicher Differenzialdiagnosen Voraussetzung. Für die Wahl des Antibiotikums kann eine Kultur zwecks Differenzierung zwischen Streptokokken und Staphylokokken hilfreich sein. (15).

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Dr. med.Kristina Hersch

Spital Männedorf
Asylstr. 10, 8708 Männdedorf

Dr. med. Dominik Schneider

Spital Männedorf
Asylstr. 10, 8708 Männdedorf

d.schneider@spitalmaennedorf.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel zu deklarieren.

◆ Wichtigste Elemente für eine Prophylaxe des rezidivierenden Erysipels sind die Sanierung einer gestörten Hautbarriere und die Behandlung anderer prädisponierender Faktoren wie das Lymphödem.
◆ Eine mögliche antibiotische Langzeittherapie sollte sehr sorgfältig abgewogen werden und in Rücksprache mit einem Infektiologen
erfolgen.
◆ Eine begleitende Therapie mit Kortikosteroiden ist bei wiederholt auftretendem Erysipel in Erwägung zu ziehen.

1. Jorup-Rönström C, Britton S. Recurrent erysipelas: predisposing factors and costs of prophylaxis. Infection. 1987 Mar-Apr;15(2):105-106.
2. Brishkoska-Boshkovski V, Dimitrovska I, Kondova-Topuzovska I. Clinical Presentation and Laboratory Characteristics in Acute and Recurrent Erysipelas. Open Access Maced J Med Sci. 2019;7(5):771-774.
3. Seybold U, Erysipel: Wann wird es kritisch? MMW Fortschritte der Medizin 2018 . 10 / 160
4. Bassetti S, Haut- und Weichteilinfektionen: Zellulitis, Erysipel und nekrotisierende Fasziitis, Schweiz Med Forum 2013;13(35):672–677
5. Thomas KS, Crook AM, Nunn AJ, et al. Penicillin to prevent recurrent leg cellulitis. N Engl J Med. 2013;368(18):1695-1703.
6. Inghammar M, Rasmussen M, Linder A. Recurrent erysipelas–risk factors and clinical presentation. BMC Infect Dis. 2014;14:270.
7. Sunderkötter, C. and Becker, K. (2015), Häufige bakterielle Infektionen der Haut- und Weichgewebe: Klinik, Diagnostik und Therapie. JDDG: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 13: 501-5 .
8. Stevens DL, Bisno AL, Chambers HF, et al. Practice guidelines for the diagnosis and management of skin and soft tissue infections: 2014 update by the Infectious Diseases Society of America [published correction appears in Clin Infect Dis. 2015 May 1;60(9):1448.
9. Oh CC, Ko HC, Lee HY, Safdar N, Maki DG, Chlebicki MP. Antibiotic prophylaxis for preventing recurrent cellulitis: a systematic review and meta-analysis. J Infect. 2014;69(1):26-34.
10. Dalal A, Eskin-Schwartz M, Mimouni D, et al. Interventions for the prevention of recurrent erysipelas and cellulitis. Cochrane Database Syst Rev. 2017;6(6):CD009758. Published 2017 Jun 20.
11. S2k Leitlinie: Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen AWMF-Registernummer 082-006
12. Brishkoska-Boshkovski V, Kondova-Topuzovska I, Damevska K, Petrov A. Comorbidities as Risk Factors for Acute and Recurrent Erysipelas. Open Access Maced J Med Sci. 2019;7(6):937-942.
13. Thomas K, Crook A, et al. Prophylactic antibiotics for the prevention of cellulitis (erysipelas) of the leg: results of the UK Dermatology Clinical Trials Network’s PATCH II trial. Br J Dermatol. 2012;166(1):169-178
14. Solomon M, Barzilai A, Elphasy H, Trau H, Baum S. Corticosteroid Therapy in Combination with Antibiotics for Erysipelas. Isr Med Assoc J. 2018;20(3):137-140.
15. Koster JB, Kullberg BJ, van der Meer JW. Recurrent erysipelas despite antibiotic prophylaxis: an analysis from case studies. Neth J Med. 2007;65(3):89-94.

Nasenfraktur – Management in der Praxis

Fallvorstellung
Ein 26-jähriger Student stellt sich notfallmässig an einem Donnerstagmorgen in Ihrer hausärztlichen Praxis vor, da er am Vorabend beim Fussballtraining einen heftigen Schlag an die Nase durch den Ellbogen eines Kollegen erhielt. Er hatte nach dem Unfall kurzdauernd etwas Nasenbluten, zudem atmet er seither schlechter durch die Nase. Er war immer bei Bewusstsein. In der Praxis präsentierte er sich in einem guten Allgemeinzustand. Doppelbilder oder Okklusionsstörungen werden verneint.

Nasenfraktur

Persönliche Anamnese: St. n. Tonsillektomie vor Jahren. Nichtraucher. Keine Allergien.
Medikation: Keine regelmässigen Medikamente
Vitalparameter: BD 135/85, Puls 66, regelmässig S02 98%, Temperatur 36.7°

Klinischer Status: Deutlicher Achsenschiefstand der Nase nach links, leichte Schwellung. Integument intakt. Kein Brillenhämatom, keine Epistaxis, keine Augenmotilitätsstörung, keine Sensibilitätsstörungen im Gesicht, Okklusion unauffällig.

Fragen:

Welche Traumafolge liegt bei dieser Anamnese und dem klinischen Befund am ehesten vor?
A. Gesichts- und Nasenkontusion
B. Zentrale Mittelgesichtsfraktur
C. Geschlossene Nasenfraktur
D. Offene Nasenfraktur

Korrekt ist C: Anamnese und Klinik zeigen eine isolierte, geschlossene Nasenfraktur auf

Welche Untersuchung veranlassen Sie als Nächstes?
A. Konventionelles Röntgen Gesichtsschädel und Nase seitlich
B. CT Schädel
C. Anteriore Rhinoskopie
D. Rhinomanometrie

Korrekt ist C. Mit einer anterioren Rhinoskopie muss ein Septumhämatom ausgeschlossen werden.

Welche Behandlung empfehlen Sie?
A. Symptomatische und abschwellende Massnahmen
B. Sofortige Klinikeinweisung zur stationären Therapie
C. Symptomatische und abschwellende Massnahmen, Nachkontrolle in der Praxis oder bei einem HNO-Arzt 4- 5 Tagen nach dem Unfall zur Reposition
D. Symptomatische und abschwellende Massnahmen, Nachkontrolle zur Reposition 4-5 Wochen nach dem Unfall

Korrekt ist C. Eine unkomplizierte, dislozierte Nasenfraktur wird idealerweise nach 4-5 Tagen in Lokalanästhesie reponiert.

Diskussion

Bei diesem Patienten liegt eine unkomplizierte, geschlossene und dislozierte Nasenfraktur mit einem Achsenschiefstand vor. Dazu passen die Anamnese mit adäquatem Trauma sowie, der Befund der deviierten Nase mit leichter Epistaxis und Nasenatmungsbehinderung. Hinweise für eine Mittelgesichtsfraktur liegen nicht vor, da Zeichen wie ein Brillenhämatom, Augenmotilitätsstörungen mit Doppelbildern, Stufenbildung des Orbitarandes, Sensibilitätsstörungen im Bereich des N. infraorbitalis, Okklusionsstörungen oder eine tropfende wässrige Rhinorrhoe fehlen. So darf bereits im klinischen Untersuch eindeutig die Diagnose einer dislozierten Nasenfraktur gestellt werden.
Eine dislozierte Nasenfraktur imponiert klinisch durch einen Fehlstand der Nase. Zur weiteren Abklärung ist eine anteriore Rhinoskopie mit dem Nasenspekulum oder dem Handotoskop mit dem grossen Trichter notwendig, um ein Septumhämatom auszuschliessen. Dieses präsentiert sich als ein- oder beidseitige ballonierte schmerzhafte Schwellung am Nasenseptum und muss umgehend entlastet werden. Ein nicht erkanntes Septumhämatom infiziert sich häufig und führt zu einem Septumabszess mit Knorpelnekrose und langfristig Ausbildung einer Sattelnase.
Bei einer isolierten, unkomplizierten Nasenfraktur ist ein konventionelles Röntgenbild obsolet geworden. Zur Dokumentation werden gute Fotoaufnahmen erstellt. Wenn jedoch differenzialdiagnostisch bei einer Nasenfraktur Hinweise für eine Mittelgesichtsfraktur oder für eine Beteiligung der Orbita oder Schädelbasis vorliegen, wäre eine Abklärung mittels CT-Schädel indiziert.
Zur Behandlung wird heute empfohlen, eine unkomplizierte Nasenfraktur initial symptomatisch und abschwellend mit vasokonstriktorischen Nasensprays, NSAR und kühlenden Massnahmen zu behandeln. Ein Antibiotikum ist nur bei offenen Frakturen mit Infektzeichen notwendig. Zudem sollte bei einer offenen Nasenfraktur eine Tetanus-Auffrischimpfung evaluiert werden.
Eine unkomplizierte dislozierte Nasenfraktur kann entweder direkt nach dem Trauma (also noch vor einem grösseren Schwellungszustand) oder nach dem Abschwellen idealerweise nach 4-5 Tagen, spätestens nach 7 Tagen, geschlossen reponiert werden. Dies erfolgt in endonasaler Oberflächen- und Bruchspaltanästhesie in der hausärztlichen oder bei Bedarf in der HNO-ärztlichen Praxis. Der Erfolg einer geschlossenen Reposition liegt bei etwa 50%. Sollte also eine Beeinträchtigung von Form und Funktion der Nase persistieren, kann 6-8 Monate später eine rhinologische Beurteilung bei einem HNO-Arzt und gegebenenfalls eine Septo-Rhinoplastik erfolgen.
Komplexe mehrfragmentäre Nasenfrakturen mit Sattelbildung und Beteiligung des Nasenseptums sollten primär operativ versorgt werden.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christoph Schlegel-Wagner

Klinik für Hals-Nasen-Ohren- und Gesichtschirurgie (HNO)
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6004 Luzern

christoph.schlegel@luks.ch

Dr. med. Firat Elmas

Luzerner Kantonsspital, Spitalstrasse, 6004 Luzern 16

Kein Konflikt in Zusammenhang mit diesen Fallbesprechungen.

◆ Eine isolierte dislozierte Nasenfraktur ist eine klinische Diagnose und wird fotografisch dokumentiert. Ein konventionelles Röntgenbild ist nicht notwendig.
◆ Bei jeder Nasenfraktur sollte ein Septumhämatom ausgeschlossen werden.
◆ Eine unkomplizierte, dislozierte Nasenfraktur wird idealerweise nach 4-5 Tagen, jedoch spätestens nach 7 Tagen in Lokalanästhesie reponiert.