KHK Abklärung und Therapie nach ISCHEMIA

Die ISCHEMIA Studie (1, 2) ist eine der relevantesten Studien der letzten Dekade was die Behandlung der chronischen Koronarsyndrome betrifft, und es ist wenig wahrscheinlich, dass vergleichbare Untersuchungen folgen werden. Insofern gilt es, die Ergebnisse kritisch zu beleuchten und im klinischen Alltag bestmöglich zu integrieren. Wir fassen die wichtigsten Studien­elemente zusammen und diskutieren deren Einfluss auf die Abklärung und Therapie unserer Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK).

L’ étude ISCHEMIA (1, 2) est l’  une des études les plus pertinentes de la dernière décennie concernant le traitement des syndromes coronariens chroniques, et il est peu probable que des études comparables suivent. À cet égard, il est important d’ examiner les résultats de manière critique et de les intégrer au mieux dans la pratique clinique. Nous résumons les éléments d’ étude les plus importants et discutons de leur impact sur l’ évaluation et le traitement de nos patients atteints de maladies coronariennes.

Zusammenfassung der Studie

Die ISCHEMIA Studie (1, 2) hat Patienten mit stabiler KHK und mindestens moderater Ischämie gemäss einem nicht-invasiven Stresstest randomisiert zu initial Leitlinien-konformer medikamentöser Therapie (n=2591) oder einer Revaskulariation (n=2588) mit entweder perkutaner Koronarintervention (PCI) (74%) oder aortokoronarer Bypass (ACB) Operation (26%) zusätzlich zur medikamentösen Therapie. Während einer Beobachtungsdauer von im Median 3.2 Jahren, zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Therapiestrategien in Bezug auf den primären Endpunkt kardiovaskuläre Mortalität, Myokardinfarkt, Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, überlebter plötzlicher Herztod (invasiv 16.4% versus konservativ 18.2%, HR=0.93, CI 0.80-1.08, p=0.34) oder den sekundären Endpunkt kardiale Mortalität oder Myokardinfarkt (invasiv 14.2% versus konservativ 16.5%, HR=0.90, CI 0.77-1.06, p=0.21). Die invasive Strategie zeigte jedoch eine deutliche Überlegenheit in Bezug auf die Lebensqualität, Häufigkeit von Angina pectoris und der körperlichen Belastbarkeit bei symptomatischen Patienten, welche unmittelbar nach dem Eingriff verzeichnet wurde und im Verlauf aufrechterhalten wurde.

Studiendesign

  • Randomisiert, unverblindet, parallel
  • Anzahl Patienten: 5179
  • Beobachtungsdauer: bis 5 Jahre (median 3.2 Jahre)
  • Patienten mit Verdacht auf KHK wurden mit einem nicht-invasiven Stresstest untersucht. Bei Bestätigung einer moderaten bis schweren Ischämie erfolgte eine koronare Computertomographie-Angiographie (CCTA) zum Ausschluss einer relevanten Hauptstammstenose und Bestätigung mindestens einer signifikanten Koronarstenose.
  • Primärer Endpunkt aufgrund langsamer Rekrutierung von initial kardiovaskulärer Mortalität und Myokardinfarkt erweitert auf zusätzlich Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, und überlebter plötzlicher Herztod
  • Konservativer Therapiearm (n=2591): initial Leitlinien-basierte medikamentöse Therapie, falls nicht erfolgreich Cross-Over zu Revaskularisation mit PCI oder ACB-Operation
  • Invasiver Therapiearm (n=2588): Revaskularisation mit PCI (74%) oder ACB-Operation (26%)

Einschlusskriterien

  • >20 Jahre alt
  • Moderate bis schwere Ischämie gemäss einem nicht-invasiven Stresstest (nuklear (49.6%): ≥10% Ischämie, Stressechokardiographie (20.9%): ≥3 Segmente mit Ischämie, Magnetresonanz-tomographie (MRT) (5%): ≥12% Ischämie und/oder ≥3 Segmente mit Ischämie, Ergometrie (24.5%): ≥1.5mm ST Senkung in ≥2 Ableitungen oder ≥2mm ST Senkung in 1 Ableitung bei <7 METs mit Angina)

Ausschlusskriterien

  • ≥50% Hauptstammstenose gemäss CCTA
  • Fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz (glomeruläre Filtrationsrate (GFR) <30 ml/min)
  • Myokardinfarkt innerhalb der letzten 2 Monate
  • Linksventrikuläre Ejektionsfraktion <35%
  • Inakzeptable Angina Symptome bei Studienbeginn
  • New York Heart Association (NYHA) Klasse III-IV Herzinsuffizienz
  • PCI oder ACB-Operation im Jahr vor Randomisierung

Studienpopulation

  • Mittleres Patientenalter: 64 Jahre
  • Frauen: 23%
  • Diabetes: 41%
  • Mediane linksventrikuläre Ejektionsfraktion: 60%
  • Angina Häufigkeit bei Studienbeginn: keine Angina 35%, mehrmals pro Monat 44%, täglich/wöchentlich 20%

Crossover

  • Koronarangiographie: 96% in der invasiven Gruppe und 28% in der medikamentösen Gruppe
  • Revaskularisation: 79% in der invasiven Gruppe, 23% in der medikamentösen Gruppe

Hauptresultate

  • Stresstest zur Detektion der Ischämie: nuklear 49.6%, Stressechokardiographie 20.9%, MRT 5%, Ergometrie 24.5%
  • Primärer Endpunkt (kardiovaskuläre Mortalität, Myokardinfarkt, Hospitalisation für instabile Angina pectoris oder Herzinsuffizienz, überlebter plötzlicher Herztod): invasiv 16.4% versus konservativ 18.2%, HR=0.93, CI 0.80-1.08, p=0.34
  • Sekundärer Endpunkt (kardiale Mortalität oder Myokardinfarkt): invasiv 14.2% versus konservativ 16.5%, HR=0.90, CI 0.77-1.06, p=0.21
  • Gesamtmortalität: invasiv 9% versus konservativ 8.3%, HR=1.05, 95% CI 0.83-1.32, p=0.67
  • Peri-prozedurale Myokardinfarkte: invasiv versus konservativ HR=2.98, 95% CI 1.87-4.74, p<0.01
  • Spontane Myokardinfarkte: invasiv versus konservativ HR=0.67, 95% CI 0.53-0.83, p<0.01
  • Lebensqualität (höherer Score = höhere Lebensqualität): Seattle Angina Questionnaire (SAQ) summary Score (=Lebensqualität, Häufigkeit von Angina, körperliche Einschränkungen) Differenz invasiv minus konservativ 4.1 Punkte (95% Kredibilitätsinterval (KI) 3.2-5.0) nach 3 Monaten, 4.2 Punkte (95% KI 3.3-5.1) nach 12 Monaten, 2.9 Punkte (95% KI 2.2-3.7) nach 36 Monaten
  • Keine signifikante Interaktion zwischen anatomischen Schweregrad, Schweregrad der Ischämie, oder Ramus interventricularis anterior (RIVA) und den 2 Therapiestrategien, aber ein Trend für besseres Outcome mit der invasiven Strategie

Integration in den klinischen Alltag
Für wen gilt ISCHEMIA ?

Für die Anwendung der Studienergebnisse in der Praxis sollte bestmöglich verstanden werden, welche KHK Patienten in ISCHEMIA eingeschlossen wurden. Dies ist leicht nachzuvollziehen anhand der Ausschlusskriterien (siehe oben), welche auf einen beachtlichen Anteil der Patienten in der klinischen Routine zutreffen. Von den «offiziell» geprüften Patienten in ISCHEMIA wurden 78% aufgrund diverser Ausschlusskriterien nicht berücksichtigt (1, Appendix). Im Berner PCI Register erfüllen von 20’ 000 registrierten Patienten 67% der Patienten die drei einfach zu prüfenden Ausschlusskriterien ACS, Hauptstammstenose und LVEF <35% und kämen somit nicht für den Studieneinschluss in Frage (Daten beim Autor). Eine italienische Studie hat erhoben, dass von 5070 Patienten, die in einem Register für chronisches Koronarsyndrom (START) eingeschlossen wurden, 84,7% die Einschlusskriterien nicht erfüllten. Allerdings konnte der Schweregrad der Ischämie gemäss Stresstest in diesem Register nicht erhoben werden (in ISCHEMIA moderate bis schwere Ischämie) (3). Wichtig ist weiter ein detaillierter Blick auf die Angina pectoris Kriterien, um potentiell schwerwiegende Ereignisse durch ein initial konservatives Vorgehen zu vermeiden. Nicht in ISCHEMIA berücksichtigt wurden Patienten mit Angina (Canadian Cardiovascular Society) CCS III und IV oder Angina pectoris jeglicher Klasse, die sich rasch verschlechtert oder zunimmt. Während Angina CCS IV (Ruheangina) beim stabilen chronischen Koronarsyndrom selten ist, ist die Angina CCS Klasse III häufiger. Diese ist definiert durch das Auftreten von Beschwerden bereits nach cirka 200 Metern Gehstrecke in der Ebene («2 Blocks») oder dem Hochsteigen eines Stockwerkes. Solche Patienten sollen unverändert nach Echokardiographie direkt zur Koronarangiographie zugewiesen werden. Viel schwieriger einzuordnen ist die erhebliche und nicht dokumentierte Patientenselektion in ISCHEMIA. Es ist offensichtlich, dass eine Vielzahl von KHK Patienten nicht einer detaillierten Prüfung unterzogen wurden, wohl auch, weil die behandelnden Ärzte eine Studienteilnahme als zu gefährlich beurteilten und ihren Patienten eine Randomisierung nicht zumuten wollten. Nur etwa 3 Patienten pro Jahr und Studienzentrum (!) wurden eingeschlossen (5179 Patienten über 6 Jahre an 320 Studienzentren). Daraus ergibt sich, dass die Studienresultate keinesfalls in dogmatischer Weise wegweisend sein dürfen für alle «ISCHEMIA-like» Patienten im Bewusstsein, dass ein massgeblicher, nicht dokumentierter Selektionsprozess ablief und die externe Validität eingeschränkt ist. Die Beurteilung des erfahrene Kardiologen/innen unter Berücksichtigung aller Aspekte bleibt somit ein unverzichtbares Element in der KHK Abklärung.

KHK Abklärung gemäss ISCHEMIA

Obwohl die ISCHEMIA Studie nicht darauf angelegt war, den optimalen Abklärungsalgorithmus für die KHK zu untersuchen, und das klinische Outcome sowohl nach funktioneller als auch anatomischer KHK Abklärung gleichwertig ist (4), wird das Design der ISCHEMIA Studie unweigerlich einen Einfluss auf die zukünftigen Abklärungspfade haben.
Echokardiographie Der Ausschluss einer relevanten Valvulopathie oder einer eingeschränkten linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) mittels fachärztlich durchgeführter Echokardiographie steht am Anfang jeder KHK Abklärung. Entsprechend ist dies in den Richtlinien für das chronische Koronarsyndrom vorgesehen (Klasse IB) (5).
Anatomische KHK Tests Zweifelsohne stärkt die ISCHEMIA Studie die Rolle der CCTA wie vermutlich keine Studie zuvor und wird deren Rolle im Abklärungspfad der KHK festigen (Abbildung 1). Dies aus zwei Gründen: erstens muss zwingend eine Hauptstammstenose ≥50% ausgeschlossen werden, um ein initial konservatives Vorgehen gemäss ISCHEMIA rechtfertigen zu können, was mit funktionellen Stresstests nicht verlässlich möglich ist. Zweitens hatten etwa 20% der Patienten mit nachgewiesener moderater bis schwerer Ischämie keine nachweisbare obstruktive KHK (diese Patienten wurden nicht randomisiert), was die Bedeutung des anatomischen Ausschlusses einer obstruktiven KHK unterstreicht. Im Zusammenhang mit dem zukünftig vermehrten Einsatz der CCTA sollte daran gedacht werden, dass gemäss Leitlinien vor allem bei geringer bis mittlerer Vortest-Wahrscheinlichkeit eine hohe Aussagekraft hat und die Technik bei folgenden Patienten aus Qualitäts- oder Sicherheitsgründen nicht empfohlen ist: Kontraindikation für Nitroglycerin, Vorhofflimmern, Herzfrequenz nicht <70/min senkbar, Adipositas BMI >35kg/m2, bereits implantierte Stents, und GFR<30ml/min. In solchen Fällen ist einem nicht-invasiven Stresstest oder direkt der Koronarangiographie der Vorzug zu geben.
Funktionelle Stresstests Überraschend gab es in ISCHEMIA keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der myokardialen Ischämie und Mortalität (p trend=0.33) und nur eine schwache Assoziation zwischen dem Grad der Ischämie und zukünftigen Myokardinfarkten (p for trend=0.04). Demgegenüber steht eine eindeutige Assoziation zwischen der anatomischen Komplexität (arteriosklerotische «Krankheitslast») und Mortalität wie auch Myokardinfarkt (p for trend für beide Endpunkte <0.001). Dies unterstreicht die Relevanz der anatomischen Bildgebung, ist aber auch ein Steilpass für die CCTA, vermehrt quantitative Aspekte über den Stenosegrad hinaus zu erheben. Es ist aber zu früh, das seit Dekaden manifeste Konzept der Ischämie zu verwerfen. Grössere Beobachtungsstudien (6, 7) weisen auf eine deutliche Assoziation zwischen Ischämie und Prognose hin und dienten als Basis für die bisherigen Leitlinien. Auch in diesem Kontext ist zu betonen, dass die im Median 3.2-jährige Beobachtungszeit für eine lebenslange, teils progrediente Erkrankung und einer Lebenserwartung von >20 Jahren nach der initialen KHK Abklärung (ISCHEMIA medianes Alter 64 Jahre) zu kurz ist. In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, die bereits signifikanten Unterschiede zugunsten der Revaskularisation im Hinblick auf spontane Myokardinfarkte im Langzeitverlauf zu verfolgen. Dass eine bestehende Koronarischämie bei betablockierten mehrheitlich sportlich nicht aktiven Patienten keine Arrhythmien zur Folge hat, mag sein. Wie sicher ein initial konservatives Vorgehen bei sportlich noch sehr aktiven Patienten ist, bleibt aber ungeklärt.
Unabhängig vom Ischämieausmass und vom anatomischen Schweregrad der KHK gab es keinen klaren Vorteil des invasiven im Vergleich zum initial konservativen Vorgehen. Allerdings zeigt der Forrest Plot (1), dass sich die Punktschätzwerte sehr konsistent in Richtung Nutzen für ein invasives Vorgehen bewegen, je schwerer die KHK ist, auch wenn die statistische Signifikanz nicht erreicht wird.

Früher Einsatz der Leitlinien-konformen medikamentösen Therapie

Bei Patienten mit Angina pectoris sollte möglichst beim ersten Kontakt bereits probatorisch eine anti-anginöse Therapie etabliert werden, um im Verlauf deren Wirksamkeit und allfällige Nebenwirkungen zu erfassen (5). Wenn die Resultate der erweiterten KHK Abklärung dann vorliegen, ermöglicht dies, das weitere Prozedere (initial konservativ versus invasiv) vor dem Hintergrund erster Erfahrungen mit der anti-anginösen Therapie zu besprechen. Bereits die ESC Leitlinien über die myokardiale Revaskularisation 2018 (8) haben empfohlen, vorerst zu überprüfen, ob die Angina pectoris mit Medikamenten gut eingestellt werden kann (Klasse IA).

Wertung der Ischemia Studie in der Diskussion mit Patienten

Die Ergebnisse der ISCHEMIA Studien sollten den Patienten erklärt und im Kontext Ihrer Erwartungen und Befürchtungen in der Gesamtschau der verfügbaren Evidenz diskutiert werden. Bei Vorliegen bestimmter Kriterien ist unverändert direkt die Koronarangiographie zu empfehlen (Abbildung 1). Sind diese nicht evident, eine Hauptstammstenose ausgeschlossen und die Angina mit Medikamenten zufriedenstellend kontrolliert ohne störende Nebenwirkungen, sollten mit dem Patienten die weiteren Optionen erläutert werden. Die Vor- und Nachteile betreffend Symptomatik und Prognose sind elementare Bestandteile dieser Diskussion (Abbildung 2). Eine Reduktion der Angina pectoris erfolgt durch Stent oder Bypass äusserst effizient (in einem von drei Patienten komplett eliminiert) ohne Notwendigkeit, längerfristig anti-anginöse Medikamente einzunehmen. Der Erfolg auf Symptomebene hängt von der Häufigkeit der Angina ab, d.h. je häufiger die Angina auftritt, desto wahrscheinlicher wird die Revaskularisation diesbezüglich erfolgreich sein.
Betreffend Prognose ist es für die Patienten von Belang, dass eine initial konservative Therapie über die Dauer von 3.2 Jahren betreffend Vermeidung prognostisch relevanter Ereignisse (Tod oder Myokardinfarkt) ähnliche Ergebnisse erbringt wie die Revaskularisation mit Stent oder Bypass. Dies unter ausgebauter medikamentöser Therapie mit guter Kontrolle der Risikofaktoren (Aspirin, Statin, Betablocker, u.a.). So war der mediane Blutdruckwert in der initial konservativen Gruppe 130/77 mmHg und das mediane LDL-C betrug 1.7 mmol/L am Ende der Studie. Die Patienten sollten wissen, dass mit einem initial invasiven Vorgehen das Risiko für spontane Herzinfarkte signifikant tiefer ist (HR 0.67, 95% CI: 0.53 bis 0.83) und die Kaplan-Meier Kurvenverläufe auf einen über die Zeit zunehmenden Vorteil (Scherenform) mit der invasiven Strategie zeigen, konsistent mit anderen grossen Studien (9). Zudem reihen sich diese Ergebnisse in die Resultate von mehreren Autopsiestudien ein, in welchen in der Mehrzahl der Patienten als Ursache für tödliche Myokardinfarkte signifikante (>75%) Stenosen vorlagen (10, 11). Dies ist auch konsistent mit angiographischen und intravasuklären Ultraschall (IVUS) Studien in ACS Patienten, die zeigen, dass mehrheitlich Stenosen >50% (12) und kleine Lumenflächen (2mm2) (13) vorlagen. Die relevante Koronarstenose, insbesondere wenn durch eine lipidhaltige Plaque bedingt, ist also kein benigner Befund und das Ansprechen derselben auf Statine variabel.
Es liegt in der Natur der Sache, dass das Risiko für einen peri-prozeduralen Myokardinfarkt nur bei einem invasiven Vorgehen besteht. Solche Infarkte stellen häufig eine Laborauffälligkeit dar, verlaufen für den Patienten nicht selten unbemerkt und haben häufig keine prognostische Relevanz (14). Man sollte nicht vergessen, dass bereits eine 90 Sekunden andauernde Balloninflation je nach Troponin-Assay zu einem formalen Myokardinfarkt (gemäss 4th Universal Definition) in 11-63% der untersuchten Studienpatienten führt (15).
Den Patienten sollte weiter bewusst sein, dass bei mindestens einem Drittel der Fälle mit der initial konservativen Strategie im Verlauf trotzdem eine invasive Abklärung stattfinden wird, und dass jederzeit eine Neubeurteilung stattfinden muss, wenn sich der Schmerzcharakter- und/oder die Häufigkeit ändert.
Ein initial konservatives Vorgehen kann für Patienten von Vorteil sein, die gegenüber einem invasiven Vorgehen kritisch eingestellt sind oder wenn die Gefahren einer Intervention als höher eingestuft werden (z.B. sehr hohes Blutungsrisiko, schwere Niereninsuffzienz, hohe Komplexität der KHK etc.) als der potentielle Gewinn.

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Dr. med. Sarah Bär

Schweizer Herz- und Gefässzentrum
Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
3010 Bern

Prof. Dr. Dr. Lorenz Räber

Leiter Herzkatheterlabor
Universitätsklinik für Kardiologie
Inselspital
Freiburgstrasse 18
3010 Bern

lorenz.raeber@insel.ch

Sarah Bär erhält Forschungsbeiträge an die Institution von Bangerter Rhyner Stiftung und Medis.
Lorenz Räber erhält Forschungsbeiträge and die Institution von Abbott
Vascular, Bangerter Rhyner Stiftung, Biotronik, BostonScientific, Heartflow, Medis, Sanofi, Schweizerische Herzstiftung, Regeneron und Beratungs- oder Sprecherhonorare von Abbott Vascular, AstraZeneca, Amgen, Canon, Occlutech, Sanofi, Vifor.

◆ Zusammenfassend sollten die Ergebnisse der ISCHEMIA Studie unter Berücksichtigung ihrer Limitationen (Patientenselektion, Ein-/Ausschlusskriterien, Crossover, mediane Beobachtungsdauer 3.2 Jahre) in die Abklärung, Evaluation und Beratung von Patienten mit stabilem chronischen Koronarsyndrom im Gesamtkontext der verfügbaren Evidenz einfliessen.
◆ Die klinisch relevante Reduktion der Angina, Steigerung der Lebensqualität und Vermeidung von spontanen Myokardinfarkten steht einer mittelfristig nicht unterschiedlichen Prognose hinsichtlich Sterblichkeit und einem Risiko für peri-prozeduralen Myokardinfarkte gegenüber.
◆ Der Einfluss einer Revaskularisationstherapie auf die Prognose bei fortgeschrittener KHK muss nicht zuletzt wegen der limitierten Verlaufsdauer weiter untersucht werden, und ist derzeit noch als inkonklusiv zu beurteilen.

Messages à retenir

◆ En conclusion, les résultats de l’ étude ISCHEMIA, compte tenu de ses limites (sélection des patients, critères d’ inclusion/exclusion, crossover, durée médiane d’ observation de 3,2 ans), devraient être intégrés dans la clarification, l’ évaluation et le conseil des patients atteints d’ un syndrome coronarien chronique stable dans le contexte global des preuves disponibles.
◆ La réduction cliniquement pertinente de l’ angine, l’ augmentation de la qualité de vie et l’ évitement de l’ infarctus du myocarde spontané sont contrastés avec un pronostic à moyen terme qui n’ est pas différent en ce qui concerne la mortalité et le risque d’ infarctus du myocarde péri-procédural.
◆ L’ impact de la thérapie de revascularisation sur le pronostic de la maladie coronarienne avancée doit être étudié plus en détail, notamment en raison de sa durée limitée.

am Online-Beitrag unter: www.medinfo-verlag.ch

Stellenwert der Radiologie bei inflammatorischen Arthritiden

Der Formenkreis der rheumatischen Erkrankungen gehört weltweit zu den häufigsten chronischen Krankheiten und die Osteoporose stellt mit steigender Prävalenz in unserer Gesellschaft ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dem Kliniker einen Überblick über die aktuelle Bildgebung bei beiden Entitäten zu geben. In diesem ersten Teil wird die Radiologie bei inflammatorischen Arthritiden beim Erwachsenen abgehandelt, ein zweiter Teil wird die Möglichkeiten der Bildgebung sowie Ausblicke auf minimalinvasive Interventionen des Radiologen zur Schmerzlinderung bei Osteoporose zum Inhalt haben.

Obwohl mehr als 100 rheumatische Erkrankungen bekannt sind, gibt es bis heute kein allgemein anerkanntes Schema für deren Klassifikation (1). In dieser Übersichtsarbeit fassen wir unter inflammatorische Arthritiden die rheumatoide Arthritis (RA) sowie Spondylarthritiden (SpA) zusammen, da diese Entitäten viele pathologische, klinische und bildgebende Eigenschaften teilen. Der Leser sollte sich jedoch bewusst sein, dass entzündliche Prozesse auch bei vielen anderen rheumatischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen, wie z.B. bei Arthrose oder Kristallarthropathien/Gicht, welche hier nicht abgehandelt werden. Die Rolle der Bildgebung zur Diagnose und Behandlung von rheumatischen Erkrankungen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Um den Patienten die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen, sollten behandelnde Ärzte die zur Verfügung stehenden radiologischen Untersuchungen kennen und wissen, wann welche Modalitäten am sinnvollsten anzuwenden sind. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, dem Kliniker einen Überblick über die aktuelle Bildgebung bei RA und SpA zu geben mit einem Fokus auf Magnetresonanztomografie (MRT) und Ultraschall (US).

Rheumatoide Arthritis

Die RA ist eine rheumatische Erkrankung, welche durch persistierende Synovitis, systemische Entzündung und Autoantikörper definiert wird. Die Prävalenz liegt bei ca. 1% in der westlichen Bevölkerung, wobei Frauen über 65 Jahren am häufigsten betroffen sind (2). Die Pathogenese ist umstritten, wobei ein Zusammenspiel von genetischer Prädisposition und Umwelteinflüssen vermutet wird (3). Die Krankheit kann unterschiedlich verlaufen. Bei einigen Patienten kommt es nur zu einem langsamen Progress, bei anderen hingegen zu schweren entzündlichen Reaktionen und raschen strukturellen Veränderungen (z.B. Erosionen oder Gelenkspaltverschmälerungen) (4).
In den meisten Fällen wird die Diagnose einer RA klinisch gestellt und mit der Behandlung begonnen, bevor bildgebende Untersuchungen durchgeführt werden. Dies ist wichtig, da eine frühe Behandlung der Erkrankung mit einem besseren therapeutischen Outcome einhergeht (5). In Fällen, in welchen die Diagnose weniger klar ist, können US und MRT weiterhelfen. Im Vergleich zur klinischen Untersuchung allein sind beide Modalitäten besser in der Detektion von entzündlichen Veränderungen in und um die Gelenke (6, 7) und können so zu einer verbesserten Diagnostik der RA im Anfangsstadium beitragen (8, 9).
Mittels US können sowohl strukturelle Knochen- als auch Weichteilveränderungen dargestellt werden. Studien haben gezeigt, dass US eine höhere Sensitivität zur Detektion von Erosionen aufweist als konventionelles Röntgen (10). Allerdings können Knochenmarksödeme im Frühstadium der Erkrankung, dem sogenannten «pre-radiographic stage», im US nicht gesehen und Knochenkanäle und Osteophyten bei ungeübten Anwendern fälschlicherweise als Erosionen interpretiert werden. Es ist daher wichtig, diejenigen Lokalisationen zu kennen, welche oftmals im frühen Stadium einer RA befallen werden: die metatarsophalangealen (MTP) Gelenke, insbesondere das 5. MTP-Gelenk plantarseits (11, 12). Auch Synovitis, Tenosynovitis und Hyperämie können mittels US gut nachgewiesen werden. Letztere wird durch eine Color- oder Power-Doppler-Aktivität im periartikulären Gewebe diagnostiziert (13). Die MRT liefert einen detaillierten Überblick über das untersuchte Gelenk und die umgebenden Strukturen. Zusätzlich zur Detektion von Synovitis, Tenosynovitis und Erosionen kann mittels MRT auch Ödem im subchondralen Knochenmark nachgewiesen werden, welches Ausdruck eines entzündlichen Infiltrats ist und als Vorstufe von Erosionen angesehen werden kann (14) (siehe Abb. 1). Obwohl Synovitis oftmals auch gut mittels flüssigkeitssensitiven MRT-Sequenzen wie einer «short inversion time inversion-recovery» (STIR) Sequenz nachgewiesen werden kann, kann die Spezifität durch intravenöse Gabe eines auf Gadolinium (Gd) basierenden Kontrastmittels (KM) erhöht werden (15, 16). Durch sogenannte «Synovitis-Maps» können heute auch dynamische MRT-Sequenzen zur besseren Darstellbarkeit und Detektion entzündlicher Foci herangezogen werden (siehe Abb.2). Durch therapeutische Fortschritte wird bei RA Erkrankten häufig eine klinische Remission erreicht (17). Konventionell-radiologische Untersuchungen bilden in diesem Stadium die Basis für die Detektion von allfälligen neuen strukturellen Veränderungen, wie z.B. neuen Erosionen, welche Ausdruck einer subklinischen Progression der Erkrankung sein können und eine Adaptation der bisherigen Therapie nötig machen (18, 19). Auch hier bietet die MRT den Vorteil einer erhöhten Sensitivität gegenüber Röntgen bezüglich entzündlicher Weichteil- und Knochenveränderungen, noch bevor diese als struktureller Schaden sichtbar werden.

Spondylarthritiden

Das Konzept der seronegativen SpA wurde erstmals in den 1970er Jahren von Moll et al. (20) beschrieben als eine Gruppe von Erkrankungen, welche vormals als atypische Formen der RA galten, jedoch keine Rheumafaktoren und mehrere weitere Gemeinsamkeiten aufwiesen. Die Gruppe beinhaltete unter anderem die Entitäten der ankylosierenden Spondylitis (AS), der Psoriasis Arthritis (PA), der reaktiven Arthritis und der Colitis ulcerosa und Morbus Crohn assoziierten Arthritis. Die Prävalenz der SpA wird auf ca. 1% geschätzt (21), wobei AS die häufigste Entität darstellt (22). In der Vergangenheit wurden viele verschiedene Klassifikationen für die SpA ausgearbeitet. Zuletzt wurden in den Jahren 2009 und 2011 die Kriterien der Assessment of SpondyloArthritis International Society (ASAS) veröffentlicht (23, 24), welche zwischen axialen und peripheren SpA unterscheiden (siehe Tab. 1).

Axiale Spondylarthritis

Im Gegensatz zur RA spielt die Bildgebung bei der axialen SpA nicht nur für das Monitoring von Patienten, sondern auch für die Diagnose eine zentrale Rolle (25). Konventionell-radiologische, anteroposteriore und laterale Aufnahmen der ganzen Wirbelsäule sowie eine stehende Beckenübersichtsaufnahme zur Abbildung der Iliosakral- und Hüftgelenke stellen die Grundlage für eine diagnostische Bildgebung dar (26). Da konventionelle Röntgenbilder nicht sehr sensitiv sind für den Nachweis früher entzündlicher Veränderungen, kann bei normalem Röntgenbefund und persistierendem klinischen Verdacht auf eine axiale SpA als nächster Schritt eine MRT Untersuchung der Iliosakralgelenke (ISG) durchgeführt werden. Bei jungen Patienten oder solchen mit kurzer Symptomdauer stellt die MRT auch eine Alternative zur Erstuntersuchung dar (27).
MRT-Protokolle zur Bildgebung der ISG variieren von Institut zu Institut. Grundsätzlich sollten schräg-koronare Schnitte (tangential zur Hinterkante des S2-Wirbelkörpers) und schräg-axiale Schnitte (senkrecht zum schräg-koronaren Schnitt) akquiriert werden in T1-gewichteten und flüssigkeitssensitiven Sequenzen (z.B. STIR). Die Administration von Gd-haltigen KM ist in den meisten Fällen nicht nötig, erhöht jedoch die Sensitivität bezüglich Detektion von Kapsulitiden oder Enthesitiden (27).
Sowohl aktive entzündliche Läsionen (Knochenmarksödem, Kapsulitis, Synovitis und Enthesitis) als auch chronische strukturelle Veränderung (Sklerose, Erosionen, Verfettung und Ankylose) können mittels MRT Bildern der ISG nachgewiesen werden (23). Um eine aktive Sakroiliitis gemäss ASAS Kriterien zu klassifizieren, muss jedoch zwingend ein umschriebenes, subchondrales oder periartikuläres Knochenmarks­ödem vorhanden sein. Dieses ist typischerweise bilateral (91%), jedoch nicht zwingend symmetrisch (60%) (28). Solche Veränderungen können bereits 4 Monate nach Symptombeginn festgestellt werden (29).
Die MRT der Wirbelsäule wird zur Diagnostik bei axialer SpA nicht empfohlen, kann jedoch verwendet werden, um die Krankheitsaktivität zu beurteilen (27). Falls durchgeführt, sollte eine Untersuchung der gesamten Wirbelsäule erfolgen, da grundsätzlich alle Segmente von der Erkrankung betroffen sein können. Am häufigsten finden sich die entzündlichen Veränderungen jedoch an der Brustwirbelsäule (BWS) (26). Sagittale T1-gewichtete und STIR-Sequenzen sollten akquiriert werden inkl. der paravertebralen synovialen Gelenke (Facetten-, Costovertebral- und Costotransversalgelenke). Optionale, axiale, flüssigkeitssensitive Sequenzen können hilfreich sein für die Evaluation der posterioren Elemente, gehen jedoch mit einer längeren Untersuchungsdauer einher (23, 30).
Charakteristische aktive und chronische spinale Merkmale einer axialen SpA beinhalten Zeichen einer Spondylitis (typischerweise sogenannte «corner lesions» eines Wirbelkörpers, wie z.B. Romanus-Läsionen, welche anterior lokalisiert sind) oder Spondylodiziitis (Knochenmarksläsionen angrenzend an das Bandscheibenfach, sogenannte Andersson-Läsionen). Weitere typische Läsionen sind Arthritiden der paravertebralen synovialen Gelenke, Enthesitiden der spinalen Ligamente, Syndesmophyten und Ankylose (23) (siehe Abb. 3).

Periphere Spondylarthritis

Gemäss der 2011 veröffentlichten ASAS Kriterien erfolgt die Diagnose einer peripheren SpA durch den Kliniker durch Nachweis einer peripheren Arthritis, Enthesitis oder Dactilitis (24). Im klinischen Alltag werden jedoch häufig auch bildgebende Verfahren wie US oder MRT hinzugezogen, um diese Manifestationen zu bestätigen, die Aktivität der Krankheit zu beurteilen oder Komplikationen zu diagnostizieren (z.B. Knorpelschäden, Sehnen- oder Bandverletzungen und Knochennekrosen) (27, 30). Obwohl sich die Pathogenese der peripheren SpA von derjenigen der RA unterscheidet, finden sich in der US und MRT Bildgebung sehr ähnliche Befunde mit einer Kombination aus knöchernen und Weichteilläsionen wie vorangehend bereits beschrieben.

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Dr. med. Jonas M. Getzmann

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

jonas.getzmann@usz.ch

PD Dr. med. univ. Roman Guggenberger

Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

jonas.getzmann@usz.ch

Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Die Diagnose der rheumatoiden Arthritis wird in den meisten Fällen klinisch gestellt. Bei Unsicherheiten können bildgebende Methoden wie die Magnetresonanztomografie eingesetzt werden, um entzündliche Veränderungen in den Gelenken frühzeitig nachzuweisen und so zu einer verbesserten Diagnostik im Anfangsstadium der Erkrankung beizutragen.
◆ Im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis spielt die Bildgebung bei der axialen Spondylarthritis für die Diagnose eine zentrale Rolle. Konventionell-radiologische Aufnahmen der ganzen Wirbelsäule sowie eine Beckenübersichtsaufnahme werden meist als Erstuntersuchungen durchgeführt. Bei normalem Röntgenbefund kann die Magnetresonanztomografie der Iliosakralgelenke weiterhelfen.

Literatur:
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2. Scott DL, Wolfe F, Huizinga TW. Rheumatoid arthritis. Lancet 2010;376(9746):1094-1108.
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Das Drama der Hormone

«Frau Doktor, ich muss meine Hormone testen lassen!» Hinter diesem Wunsch liegen Beschwerden verschiedenster Art: Schmerzen, Stimmungsschwankungen, der lästige Fettgürtel. Das ganze Drama wird «den Hormonen» zugeschrieben. Die Hoffnung auf Besserung liegt auf dem Wundermittel bioidentische Hormone. Wenn vor fünfzig Jahren die Pille als Befreiung der Frau gefeiert wurde und vor dreissig Jahren Hormone zur Optimierung des Life-Styles eingesetzt wurden, so haben körpereigene Hormone und hormonelle Verhütung heute den Part des Bösewichts. «Bioidentische» Hormone gelten dagegen als «natürlich» und gut. Verherrlichung und Verteufelung führen beide zu einer unzulänglichen Reduktion der Komplexität der Sachlage.

« Madame le docteur, il faut que vous me fassiez un bilan hormonal ». Les raisons pour cette demande peuvent être des symptômes de tout genre : des douleurs, des changements d’humeur, un pannicule adipeux dérangeant etc. Tout est mis sur le compte « des hormones ». L’espoir de guérison est placé sur le remède miracle des « hormones bioidentiques ». Si il y a 50 ans, la pilule a été saluée en tant que libératrice de la femme et il y a 30 ans des hormones ont été utilisées pour optimiser le life-style , actuellement nos propres hormones et la contraception hormonale se trouvent dans le rôle de faiseurs de tous troubles. Des hormones « bioidentiques » par contre sont jugées « naturelles » et bonnes. Les deux appréciations extrêmes, la glorification et la diabolisation créent une distorsion inadmissible de la complexité du sujet.

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) hat durchaus eine biologische Grundlage. Das zeigen Beobachtungen an Affen: Pavianweibchen haben prämenstruell eine gesteigerte Aggressivität – aber nur dominante Weibchen, die untergeordneten Artgenossinnen kennen kein PMS. Nicht alles, das biologisch begründet werden kann, ist auch als pathologisch zu werten. Testosteron kann einen Affen aggressiv machen, aber nur, wenn er sein Gegenüber schon vorher dominiert (1). Bei Männern erhöht Testosteron Aggression nur dann, wenn sie ohnehin zu Aggression neigen (1). Ein Mann, der viel auf seine Ehrlichkeit hält, wird im Spiel unter dem Einfluss von Testosteron hingegen weniger Schummeln. Testosteron fördert bei dem einen Männlichkeit und Aggressivität, unter anderen Grundbedingungen jedoch Sozialität und Ehrlichkeit (1). Oxytocin erleichtert das Bonding zwischen Mutter und Kind sowie die Festigung monogamer Beziehungen. Es reduziert Angst und fördert vertrauensvolles, kooperatives Verhalten – aber nur zwischen engen Bezugspersonen! Fremden gegenüber wirkt Oxytocin abweisend (1).
Hormone wirken auch über die Regulation von Neurotransmittoren: Exemplarisch erhöht Testosteron die Reizbarkeit von amygdaloiden Neuronen, Glucocorticoide hingegen senken die Reizbarkeit präfrontaler kortikaler Neurone. Progesteron unterstützt die Wirkung von GABA-ergen Neuronen, welche wiederum die Reizbarkeit anderer Neuronen senken. Neurone können sich innerhalb von Stunden plastisch adaptieren (1). Neurobiologie hängt nicht von einem absoluten Hormonwert ab, sondern vom Verhältnis und Wechselspiel verschiedener Hormone. Progesteron entwickelt seine zentrale Wirkung in der Regel erst nach einer Umwandlung in verschiedene «Neurosteroide», die wiederum je nach Hirnregion eine andere Wirkung aufweisen (1).
Es ist falsch, zu behaupten, die Pille mache dick oder depressiv. Hormone determinieren nicht direkt ein bestimmtes Verhaltensmuster, vielmehr erhöhen sie die Sensitivität für emotionale Trigger und verstärken vorbestehende Tendenzen.
Bisweilen entbehrt die ablehnende Haltung gegen kombinierte hormonelle Kontrazeptiva (KHK) jeglicher Rationalität. Lena ist 17-jährig, an der Grenze zu Untergewicht. Sie ernährt sich vegan, leidet an einer primären Hyper- und Dysmenorrhoe und kommt mit dem Wunsch nach einer Kupferspirale. Ich empfehle ihr eine 20mcg Ethinylestradiol/Levonorgestrel (EE/LNG) Pille aufgrund des günstigen Risiko-/Nutzenprofils. Lena und ihre Mutter beharren auf einer Kupferspirale. Erst nach einer Eiseninfusion, zwei Dislokationen, und einer Abruptio ist Lena bereit, die Pille zu nehmen. Sie verträgt sie zu ihrem Erstaunen problemlos und schätzt die deutliche Abnahme der Mensbeschwerden.
Was steckt hinter dem tiefen Misstrauen gegen die Pille? Wieso ist dieses sichere, nebenwirkungsarme Verhütungsmittel so in Verruf geraten? Meist sind die Begründungen diffus und irrational (man möchte keine «Hormonbombe» nehmen, es sei doch nicht gut usw.). Nur selten werden objektive Risiken als Argumente angeführt. Im Folgenden möchte ich einige Bedenken unserer Patientinnen an der aktuellen Datenlage prüfen.

«Die Pille ist gefährlich, man kann daran sterben»

Der Fall einer Lungenembolie unter Yasmin mit schweren Folgen aus dem Jahre 2008 wurde gross durch die Medien gezogen. Als Faustregel gilt heute, dass die Pille das Thromboserisiko verdoppelt, eine Schwangerschaft vervielfacht jedoch dieses Risiko. In absoluten Zahlen ist ein thromboembolisches Ereignis (VTE) unter einer kombinierten hormonellen Kontrazeption (KHK) extrem selten (Tab. 1) – sofern die gut bekannten Risikofaktoren berücksichtigt werden. Nicht erst seit den Blickartikeln erheben wir deshalb vor dem Ausstellen eines Pillenrezeptes eine sorgfältige Anamnese incl. Familienanamnese und verschreiben als erste Wahl in der Regel eine EE/LNG Pille, wenden jedoch die 3./4. Generation Pillen mit einem höheren VTE Risiko nur bei entsprechenden Zusatzindikationen (Hyperandrogenämie, Akne) an.

«Die Pille ist krebsfördernd»

Verschiedene neuere grosse Studien weisen auf ein geringfügig erhöhtes Mammakarzinomrisiko durch hormonelle Antikonzeption. So weist die prospektive Kohortenstudie von Mørch (2) für Frauen, die irgendwann einmal KHK brauchten, ein relatives Risiko (RR) auf von 1.2 (95% CI 1.14-1.26). Während des aktuellen KHK Gebrauchs wird das relative Risiko erhöht auf 1.46. Die Risikoerhöhung ist ähnlich für LNG-IUD mit einem RR 1.21 (Tab. 2.) Andererseits senken KHK das Risiko für Kolon-, Endometrium- und Ovarialkarzinom (3, 4). Berücksichtigt man also nicht das einzelne Krankheitsbild, sondern das lebenslängliche Krebsrisiko, so hat die Verhütungsmethode keinen signifikanten Einfluss (Tab. 3).

«Die Pille macht depressiv»

Stimmungsschwankungen sind multifaktoriell bedingt und gerade in der Adoleszenz sehr häufig. Hormonelle Umbruchsphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder die Menopause gehen oft mit einem Gefühl der erhöhten Vulnerabilität einher. Eine dänische Studie hat gezeigt, dass Frauen unter KHK verglichen mit Frauen, die nie eine KHK hatten, signifikant häufiger ein Erstrezept für Antidepressiva erhalten (RR 1.7 (95% CI, 1.66-1.71)) (5). Besonders hoch war die Risikoerhöhung bei Adoleszenten: RR 1.8 (95% CI 1.75-1.84)) und bei reinen Gestagenpräparaten (POP): RR 2.2 (95% CI 1.99-2.52). Noch beunruhigender ist die Korrelation von hormoneller Verhütung und Suiziden. Die gleiche Arbeitsgruppe fand eine Risikoerhöhung für erfolgreichen Suizid von RR 3.08 (95%CI = 1.34-7.08) (6).
Diese Daten sind seit ihrer Publikation breit kritisiert worden, meines Erachtens sollten wir sie aber nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein Verhütungsmittel ist kein lebenswichtiges Medikament. Wenn eine Frau merkt, dass sie unter der Pille depressiv wird oder gar suizidale Gedanken hat, so müssen wir sie ernst nehmen. In der Regel soll sie die KHK dann absetzen.
«Ich habe meine Pille gern», hat mir gestern eine 18-jährige junge Frau gesagt. Dabei ist mir aufgefallen, wie selten ich einen solchen Satz höre. Dennoch werde ich stutzig. Erst im weiteren Verlauf des Gesprächs erfahre ich den impliziten Grund für die Konsultation: Nach einem Einnahmefehler hatten wir das pillenfreie Intervall einmalig verkürzt, sodass seither das neue Blister am Donnerstag, nicht mehr am Montag beginnt. In der Folge fühlte sich die junge Frau emotional instabil, fast depressiv. Sie hat sich bei mir angemeldet, weil sie die Vermutung hatte, das Verschieben der Pille um drei Tage hätte eine Depression ausgelöst. Wie ich erfahre, ist aber auch sonst einiges in ihrem Leben passiert: Nach einem Austausch­aufenthalt hat die Patientin Panikstörungen entwickelt. Während der Coronakrise fiel ihr das Zusammensein auf Distanz sehr schwierig. In dieser Zeit ging es ihr nicht gut. Zum Zeitpunkt der Konsultation zu Beginn der Sommerferien hatte sie sich wieder erholt. Eine Verschiebung der ersten Pille um drei Wochentage schlimmer als Lebenskrise und Coronaisolation? Ich weiss nicht, wie eine solche Vermutung entstehen kann. Es scheint mir jedoch wichtig, wahrzunehmen, dass die junge Frau zwei widersprüchliche Botschaften aussendet: den Worten nach («ich ha mini Pille gern!») ist sie mit der Pille sehr zufrieden. Ihre Haltung und Handlung (vereinbart Termin, als es ihr psychisch schlecht ging) signalisieren aber, dass sie Angst hat vor der Pille. Es lohnt sich, im Beratungsgespräch auf solche impliziten Botschaften zu achten, um mit der Frau zusammen den individuell für sie richtigen Weg abzustecken.
Die tägliche Einnahme eines Hormons bedeutet für viele Frauen eine Veränderung ihrer Lebensweise. Auch Frauen, denen die zyklischen Beschwerden wie PMS oder Mensschmerzen stark zu schaffen machen, sind heute oft nicht bereit, durch KHK ihren Alltag grundsätzlich, «von innen her» zu verändern. Dies hat wenig zu tun mit rationalen Argumenten, es ist eine Frage der Einstellung. Vielleicht ist das Anliegen der heutigen Adoleszenten gar nicht so weit entfernt vom Anliegen, das ihre Mütter damals hatten: es ist ihnen wichtig, die Kontrolle über den eigenen Körper nicht aus der Hand zu geben. Für die Generation der jetzigen Mütter bedeutete dies, sich effizient vor einer Schwangerschaft zu schützen ohne aber auf Sex verzichten zu müssen – dank der Pille. Für die Tochtergeneration kommt nun die Befreiung von der Fremdsteuerung durch die Pille. Vielleicht möchten auch sie die Kontrolle über den eigenen Körper haben – auf ihre Art.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christina Schlatter

FMH Gynäkologie und Geburtshilfe
Gentinetta, Sonneggstrasse 55
8006 Zürich

christina.schlatter@hin.ch

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Hormone sind ein kleiner Teil eines komplexen Ineinanderwirkens verschiedener Faktoren, die Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen.
  • Je nach Situation kann die Wirkung als positiv oder aber negativ empfunden werden.
  • Auch angesichts der neueren Studienlage bietet die KHK gesunden, risikoarmen Frauen eine effiziente, praktische und sichere Verhütung.
  • Im Beratungsgespräch gilt es zu besprechen, dass Selbstbestimmung auch die Übernahme von Selbstverantwortung bedeutet.

Messages à retenir

  • Les hormones sont de petits composants dans le jeu complexe des interactions des différents facteurs qui déterminent notre santé et bien-être.
  • Selon le contexte, leurs effets peuvent être ressentis comme positifs ou alors négatifs.
  • Aussi d’après les résultats d’études plus récentes, la contraception hormonale combinée offre à la femme à bas risque et en bonne santé une contraception pratique, sûre et efficace.
  • Pour l’entretien de conseil il est important de souligner qu’auto-détermination signifie aussi prise de responsabilité individuelle.

1. Sapolsky, Robert 2017: Behave, London
2. Mørch LS, Skovlund CW, Hannaford PC, Iversen L, Fielding S, Lidegaard Ø. Contemporary hormonal contraception and the risk of breast cancer. N Engl J Med. 2017; 377:2228-39.
3. Hannaford PC, Selvaraj S, Elliott AM, Angus V, Iversen L, Lee AJ. Cancer risk among users of oral contraceptives: cohort data from the Royal College of General Practitioner’s oral contraception study. BMJ. 2007; 335(7621):651
4. Iversen L, Sivasubramaniam S, Lee AJ, Fielding S, Hannaford PC. Lifetime cancer risk and combined oral contraceptives: the Royal College of General Practitioners‘ Oral Contraception Study. Am J Obstet Gynecol. 2017; 216(6):580.e1-580.e9
5. Skovlund CW, Lidegaard et al. Association of hormonal contraception with Depression. JAMA Psychiatry 2016;73:1154-62
6. Skovlund CW et al. Association of hormonal contraception with suicide attempts and suiciides Am J Psychiatry 2018; 175(4):336-42. doi: 10.1176

Genitourinary syndrome of the menopause (GSM)

Rund 50% aller Frauen in der Peri- und Postmenopause haben Symptome des «Genitourinary syndrome of the menopause» (GSM). Dieses Syndrom umfasst, ergänzend zur vulvovaginalen Atrophie (VVA), zusätzlich die durch absinkende Hormonspiegel entstehenden Symptome der ableitenden Harn­wege. Die Lebensqualität der betroffenen Frauen kann als Folge der Gewebeveränderungen stark eingeschränkt sein. Ziel dieser Übersicht ist die Darstellung der aktuellen Therapiemöglichkeiten und deren stufenweiser Einsatz.

Env. 50% de toutes les femmes autour et après la ménopause présentent des symptômes du « syndrome génito-urinaire de la ménopause » (GSM). Ce syndrome comprend, en plus de l’atrophie vulvo-vaginale (VVA), des symptômes des voies urinaires provoqués par les taux hormonaux qui baissent. La qualité de vie des femmes touchées peut en être fortement affectée en raison de l’altération des tissus dans la sphère uro-génitale. La présente revue décrit les modalités thérapeutiques actuelles et leur utilisation séquentielle.

Zu den typischen Symptomen des GSM gehören genitale Trockenheit, Dyspareunie, Irritation des Gewebes, Brennen und Juckreiz an der Vulva und Vagina sowie Dysurie, vermehrter Harndrang und Urge-Symptomatik. Die gängigen Behandlungsmethoden sind nur bei einem Teil der Patientinnen erfolgreich. Daher hat die Entwicklung neuer Methoden eine besondere Bedeutung.

Terminologie: VVA und GSM

Das «Genitourinary syndrome of the menopause» (GSM) ist ein Komplex von Symptomen der Vulva, der Vagina und der ableitenden Harnwege, welche bei postmenopausalen Frauen auftritt (1). Der neue Begriff wurde 2014 eingeführt. Die neue Terminologie GSM beinhaltet alle urogenitalen Symptome, die in der Menopause durch den Hormonabfall hervorgerufen werden können und sich an den Labien, am Introitus, an der Vagina, der Urethra und der Blase manifestieren. Ergänzend zu den Symptomen der VVA sind Belastungsinkontinenz, Dranginkontinenz und Bakteriurie typische Symptome des GSM. Sowohl die VVA als auch das GSM sind häufig unterdia­gnostiziert und auch untertherapiert. Deshalb soll im ärztlichen Gespräch gezielt nach Beschwerden des GSM gefragt werden, zumal diese von vielen Frauen nicht offen kommuniziert werden (2).

Veränderungen des Gewebes und Konzepte zur Behandlung

Infolge der menopausal absinkenden Östrogenspiegel entwickelt sich eine progrediente, chronische Involution des vaginalen Gewebes. Die daraus entstehenden Symptome sind Ausdruck der morphologischen und funktionellen Veränderungen. Die Haut der Vagina wird dünner und weniger elastisch. Die Vagina wird insgesamt enger und kürzer. Die Oberfläche der Vagina erscheint trocken und es können Blutungen nach minimalem Trauma entstehen. Die Vulva wird atrophisch und leichter vulnerabel, insbesondere im Bereich der Klitoris. Die Atrophie der Vagina kann mit der Zeit zunehmen und die Lebensqualität deutlich negativ beeinflussen. Etwa 50 % der postmenopausalen Frauen entwickeln eine VVA (3). Da die Lebenserwartung immer mehr zunimmt, können die Beschwerden für die Dauer von mehr als einem Drittel der Lebenszeit bestehen.
Zur Behandlung der Symptome der VVA werden meist folgende lokale Behandlungsoptionen genutzt (Abb. 1):
a) hormonfreie Produkte zur Lokaltherapie in Form von Gleitmitteln oder Befeuchtungsmitteln
b) lokale Hormontherapie.
Als weiteres Konzept etabliert sich momentan zunehmend die Lasertherapie der Vagina und der Vulva. Mit DHEA gibt es zudem ein neues, weiteres Konzept zur lokalen Behandlung.

Gleitmittel und Befeuchtungsmittel

Internationalen Leitlinien entsprechend sind Gleitmittel und Befeuchtungsmittel die Therapie der ersten Wahl zur Therapie der VVA. Der Hauptunterschied zwischen vaginalen Gleitmitteln und Befeuchtungsmitteln ist der Zeitpunkt der Anwendung.
Vaginale Gleitmittel sind indiziert bei Frauen, deren Hauptsorge die vaginale Trockenheit beim Geschlechtsverkehr ist. Gleitmittel können die Trockenheit kurzfristig lindern und die Dyspareunie lindern. Vaginale Befeuchtungsmittel sind nicht-lösliche hydrophile Polymere mit der Eigenschaft der Bioadhäsivität. Sie können häufiger verwendet werden als allein in Zusammenhang mit sexueller Aktivität, sind länger wirksam, verbessern die Feuchtigkeit der Vaginalhaut und reduzieren den pH-Wert.
Die initiale Dosierung besteht in der lokalen Anwendung am Abend, vor dem Schlafengehen, an 7 bis 10 aufeinanderfolgenden Tagen. Anschliessend erfolgt meist eine Erhaltungstherapie durch zwei Applikationen pro Woche. Die am häufigsten verwendeten Befeuchtungsmittel basieren auf Hyaluronsäure. Bei bestimmungsgemässer Anwendung können die auf Hyaluronsäure basierenden Produkte die Symptome der vaginalen Trockenheit lindern.

Hormonelle Behandlungen

Internationale Leitlinien empfehlen zur Behandlung der VVA, einschliesslich Dyspareunie, die lokale Hormontherapie als zweiten Schritt für den Fall, dass vaginal applizierte Gleit- und Befeuchtungsmittel nicht die gewünschte Wirkung haben  (4).
Für die lokale Therapie stehen Estriol und Estradiol zur Verfügung, die Applikation erfolgt in Form von Gels, Cremes, Ovula, Tabletten, oder Ringen. Vaginal applizierte Estrogene zeigten sich in Studien mit 6- bis 12-monatiger Dauer wirksamer als Gleit- und Befeuchtungsmittel.
Die häufigste Empfehlung zur Dosierung ist die tägliche einmalige Applikation vaginal für die Dauer von 2 Wochen und anschliessend eine Erhaltungstherapie durch die Anwendung zweimal pro Woche (5).
Bei Anwendung in niedriger Dosierung innerhalb der Empfehlung für das verwendete Präparat ist es nicht erforderlich, zusätzlich ein Progesteronpräparat zur Endometriumprotektion einzusetzen. In grossen Observationsstudien zeigte sich kein erhöhtes Risiko für ein Endometriumkarzinom bei Frauen, die Estrogene vaginal verwendeten.
Bei erhöhtem Risiko für ein Endometriumkarzinom oder bei höher dosierter vaginaler Oestrogengabe werden Kontrollen mittels Transvaginalsonographie oder der intermittierende Einsatz von Progesteron empfohlen. Vaginale Blutungen oder Spotting bei postmenopausalen Frauen unter lokaler Hormontherapie müssen unbedingt abgeklärt werden mit Ultraschall und/oder einer Histologie. Ein bestehendes oder früheres Mammakarzinom bzw. entsprechender Verdacht gelten als Kontraindikation. 12-13% der Frauen zeigen trotz lokaler Hormontherapie weiterhin Beschwerden eines GSM.

DHEA

Die Wirksamkeit von DHEA (Dehydroepiandrosteron) als Lokaltherapie ist durch mehrere Studien belegt, unter anderem durch eine prospektive randomisierte Placebo-kontrollierte Phase III-Studie (9). DHEA führt nicht zu Veränderungen am Endometrium, weder sonographisch noch histologisch. DHEA führt nicht zur Erhöhung der Estrogenspiegel. Jedoch ist auch DHEA für Frauen mit Mammakarzinom kontraindiziert. DHEA ist in der Schweiz zur Lokalbehandlung seit September 2020 zugelassen.

Vaginale Lasertherapie

Die Lasertherapie ist ein neues Konzept bei Patientinnen mit VVA, sie hat eine wachsende Akzeptanz und Verbreitung. Der grundsätzliche Mechanismus des Lasereffekts basiert auf der Bildung supraphysiologischer Hitze mit nachfolgender lokaler Hitzeschockreaktion. Zur vaginalen Lasertherapie wurden verschiedene Systeme eingesetzt. Die meisten wissenschaftlichen Daten basieren auf der CO2-Lasertechnologie. Dieser Laser besteht aus infra­roten Strahlen, die Hitze erzeugen und das Wasser in den Zellen des behandelten Gewebes vaporisieren.
Die CO2-Lasertechnologie wird in der vaginalen Therapie eingesetzt, um eine Regeneration mit minimalem Aufwand zu erreichen. So werden die Elastizität und die Hydratation der Vaginalwand verbessert, was zu einer Linderung der Beschwerden führt.
Das fraktionierte Lasersystem kann in tieferen Schichten der Haut der Vagina wirken und sowohl die extrazelluläre Matrix reaktivieren als auch die Bildung von Kollagen, was zu Veränderungen des vaginalen Gewebes führt, mit nur minimalem Trauma der oberflächlichen Schicht.

Studienergebnisse zur vaginalen Lasertherapie

Salvatore et al. veröffentlichten eine Studie zur Behandlung der VVA bei postmenopausalen Frauen (6). Die Linderung der Symptome der vaginalen Trockenheit, des vaginalen Brennens und des vaginalen Juckens, der Dyspareunie und der Dysurie war statistisch signifikant (p< 0,001).
Weitere Studien zeigten ebenfalls positive Ergebnisse zur Praktikabilität und Wirksamkeit. Dies konnte durch eigene Resultate mit dem für diese Indikation zugelassenen CO2-Laser MonaLisa Touch (Fa. Lasermed AG, Roggwil) bestätigt werden (7).
Aktuell wurde die grösste Studie zur Wirksamkeit der CO2-Lasertherapie bei VVA veröffentlicht, eine Multicenterstudie mit den Daten von 645 Patientinnen. Bei allen Patientinnen fand sich nach der Laserapplikation im Vergleich zu der Situation vor der Therapie eine signifikante Verbesserung der Symptome Dyspareunie, Schmerzen im Introitus vaginae, vaginale Trockenheit, Jucken, Brennen und pH-Wert-Veränderung bei gleichzeitig guter Toleranz der Behandlung (8).
Randomisierte kontrollierte Studien mit Langzeitdaten zur Sicherheit und Wirksamkeit der Lasertherapie liegen noch nicht vor und dementsprechend machte die amerikanische FDA 2018 darauf aufmerksam, dass die Lasertherapie des GSM nicht freigegeben oder genehmigt sei (11). Dieser Hinweis war wichtig, um einer Ausweitung von Indikationen jenseits der Zulassung entgegenzuwirken. Jedoch ist er nicht sehr präzise – es gibt unterschiedliche Lasergeräte mit unterschiedlicher FDA-Zulassung. Heute wird die Warnung aufgrund von Sicherheitsdaten als fraglich begründet diskutiert (12).

Praktische Aspekte der Lasertherapie

Die Laserbehandlung wird gut toleriert. Nebenwirkungen sind selten. Die meisten Patienten erleben die vaginale Anwendung nicht als schmerzhaft. Es ist keine Vorbehandlung und keine Nachbehandlung erforderlich. Zumeist werden 3 Lasertherapien im Abstand von 4 Wochen durchgeführt, gefolgt von einer Auffrischung nach Ablauf eines Jahres in Form von einer Sitzung.
Die Lasertherapie der Vulva wird im Vergleich zu vaginaler Lasertherapie mit einem anderen Applikator durchgeführt. Um auch die Lasertherapie der Vulva schmerzfrei durchführen zu können hat sich die Vorbehandlung mit Emla® Creme 5% unmittelbar vor der Laserbehandlung bewährt. Die Lasertherapie ist aktuell noch keine Pflichtleistung der Krankenkassen, dies muss den Patientinnen unbedingt mitgeteilt werden.
Zum Schluss sei erwähnt, dass weitere nichtpharmakologische Therapieoptionen zur Verfügung stehen, wie insbesondere Sexual­therapie und Becken-Bodentherapie, welche gemäss amerikanischer Konsensusempfehlungen bei durch GSM verursachten sexuellen Beschwerden zum Einsatz kommen können (10).

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in «der informierte arzt» 11-2020 erschienen Originalartikels.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Harald Meden

Spezialarzt Gynäkologie und Geburtshilfe FMH
Praxis am Bahnhof Rüti
Dorfstrasse 43, 8630 Rüti

meden@praxisambahnhof.ch

Der Autor hat deklariert, dass in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte bestehen.

  • Ziel der Lokaltherapie bei Frauen mit vulvovaginaler Atrophie ist die Optimierung der Lebensqualität.
  • Therapie der ersten Wahl sind Gleit- und Befeuchtungsmittel.
  • Therapie der zweiten Wahl sind Hormonpräparate.
  • DHEA als Lokaltherapie ist eine neue lokale Behandlungsmöglichkeit.
  • Die Lasertherapie ist eine weitere Option, insbesondere für Frauen,
    bei denen eine Hormonersatztherapie kontraindiziert ist oder nicht gewünscht wird.

Messages à retenir

  • L’ objectif d’un traitement local pour la femme souffrant d’atrophie vulvo-vaginale est l’optimisation de la qualité de vie.
  • Le premier choix thérapeutique sont les lubrifiants et les préparations hydratantes.
  • Le deuxième choix thérapeutique sont les préparations hormonales.
  • Le DHEA, en application locale, représente une nouvelle possibilité de traitement. .
  • Le traitement au Laser (CO2 fractionné) est une option supplémentaire, notamment pour les femmes présentant des contre-indications ou ne souhaitant pas de thérapie hormonale (systémique).

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vulvovaginal atrophy from the International Society for the Study of Women’s Sexual
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2. Kingsberg S, Wysocki S, Magnus L, Krychman M. J. Sex Med. 2013 Jul;10(7)
1790-9
3. Nappi RE, Kokot-Kierepa M. Women’s voices in the menopause: results from an
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4. The NAMS 2017 Hormone Therapy Position Statement Advisory Panel. The 2017
hormone therapy position statement of the North American Menopause Society.
Menopause 2017, 24, 728–753
5. Salwowska, NM et al.: Physiochemical properties and application of hyaluronic
acid: A systematic review. J. Cosmet. Dermatol. 2016, 15, 520–526
6. Salvatore S et al.: A 12-week treatment with fractional CO2 laser for vulvovaginal
atrophy: a pilot study. Climacteric 2014;17:363–9.
7. Meden H, Zeller C.: Vulvovaginale Atrophie (VVA): CO2-Lasertherapie als neues
Konzept. In: Rabe T (Hrsg.). Seminar in Gynäkologischer Endokrinologie – Band
6: Update, Trends & Fallberichte. Ein Praxisleitfaden, Baier Digitaldruck Heidelberg
2017, S. 300-304, ISBN 978-3-00-053173-6.
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Die elektive Kryokonservierung von reifen, unbefruchteten Eizellen

Social Egg Freezing (SF) ist eine neue und vielversprechende reproduktionsmedizinische Methode, die es ermöglicht, die altersbedingte Abnahme der Fertilität zu überwinden. Die vitrifizierten Oozyten dürfen in der Schweiz maximal 10 Jahre gelagert werden. Bei Eintritt einer Sterilität können sie aufgetaut und für eine ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) verwendet werden. SF eröffnet nicht nur Chancen. Es ist eine für die Frau belastende und teure Option zur Erhaltung der Fruchtbarkeit, die auch Risiken aufweist.

La cryoconservation élective d’ovules pour des raisons non médicales (Social Egg Freezing, « SF ») est une nouvelle méthode prometteuse de la médecine de la procréation qui permet de surmonter le déclin de la fertilité lié à l’âge. En cas de stérilité ultérieure, ils peuvent être décongelés et utilisés pour une ICSI (injection intracytoplasmique de spermatozoïde). Les ovocytes vitrifiés peuvent être conservés en Suisse pendant dix ans au maximum. Le SF n’ouvre pas seulement des opportunités. C’est une option pour la femme lourde et coûteuse pour préserver sa fertilité, qui comporte également des risques.

Seit einigen Jahren besteht in der Schweiz die Möglichkeit für Frauen, ihre reifen und unbefruchteten Oozyten einzufrieren und für einen späteren Gebrauch zu lagern. Ausgangspunkt dieser neuen, sich schnell ausbreitenden Fortpflanzungsmethode waren die USA. In Europa wurde das Social Freezing einer breiteren Bevölkerung bekannt durch das Angebot von Apple und Facebook, ihren Mitarbeiterinnen die Kosten für ein SF zu erstatten. Zwar wurde und wird SF in Europa nicht nur freudig begrüsst, sondern auch kritisch diskutiert. Umso überraschender ist es, dass SF in der ansonsten der Reproduktionsmedizin gegenüber eher reservierten Schweiz bei vielen Frauen schnell Akzeptanz und eine rasch zunehmende Nachfrage gefunden hat. Bedingt ist dies – mindestens teilweise – durch die in dieser Sache für einmal, vom Parlament jedoch nicht beabsichtigte, liberale Schweizer Gesetzgebung.
Die Gründe für die zunehmende Popularität des SF sind vielfältig. So ist bei uns seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Lebenserwartung von rund 50 auf heute weit über 80 Jahre angestiegen. Der Lebensentwurf erstreckt sich heute also auf eine um Jahrzehnte längere Zeitperiode als derjenige unserer Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern. Es war deshalb auch kein Wunder, dass sich in dieser Zeit der Kinderwunsch in ein immer höheres Lebensalter verschoben hat. Problematisch ist jedoch, dass die Lebenserwartung der Oozyten weitgehend unverändert geblieben ist. So betrug das durchschnittliche Menopausenalter, also das Alter der letzten spontanen Ovulation und somit der letzten Möglichkeit einer Schwangerschaft, im Jahre 1900 50 Jahre, heute erst 51 Jahre. Im Bewusstsein, dass die Fertilität der Frau ab 35 rapide abnimmt, wird es für viele Frauen durch die altersbedingte Abnahme von Qualität und Zahl der Eizellen immer schwieriger Kinder zu haben (1). Methodisch entscheidend für den Durchbruch des SF war die Entwicklung der Vitrifikationstechnik, einer ultraschnellen Einfriermethode. Während bei älteren Kryokonservierungstechniken ein Grossteil der Oozyten beim Einfrier- und Auftauprozess degenerierten, darf heute davon ausgegangen werden, dass nahezu alle vitrifizierten Eizellen nach dem Auftauen intakt sind.

Indikation

Vom Social Egg Freezing muss das Medical Freezing (MF) abgegrenzt werden. In beiden Fällen geht es darum, die Fertilität zu erhalten.
Beim MF werden Gameten oder Embryonen präventiv kryokonserviert, typischerweise vor einer gonadotoxischen Therapie zur Bekämpfung eines Malignoms, welche zur kompletten Zerstörung des Follikelpools führt. Damit kann eine betroffene Patientin trotz eliminiertem Follikelpool nach der Genesung ohne heterologe Eizellspende noch schwanger werden.
Beim SF geht es darum, elektiv Keimzellen einzulagern mit dem Ziel, die bei Oozyten ab 35 Jahren schnell fortschreitende Alterung zu überwinden, die eine reduzierte Befruchtungschance und ein höheres Abortrisiko nach sich zieht. So kann auch diesen Frauen ermöglicht werden, später mit guten Chancen und den eigenen Eizellen Mutter zu werden. Für optimale Chancen sollten die Gewinnung und Einlagerung der Eizellen spätestens mit 35 Jahren erfolgen. Allerdings kann diese Altersgrenze individuell abweichen. Spätere Kryokonservierungen sind möglich. Jedoch muss die Erfolgsprognose bei Verwendung dieser Oozyten entsprechend angepasst werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Erfolgschancen eines SF auf die Geburt eines Kindes gleich hoch und die Risiken vergleichbar sind wie bei der Verwendung frischer Eizellen (2).
Meistens interessieren sich in der Schweiz Frauen für ein SF, die mit 35 oder später noch nicht den richtigen Partner für die Erfüllung des Kinderwunsches gefunden haben. Eine andere wichtige Gruppe von Frauen hat sich in der zweiten Hälfte der Dreissiger von ihrem langjährigen Partner getrennt, ohne dass sie ihren Kinderwunsch aufgeben möchten. Eher die Ausnahme sind die in den Medien immer wieder kolportierten Frauen, die zugunsten ihrer Karriere den Kinderwunsch aufschieben wollen. Da das zunehmende Lebensalter ein zunehmendes Schwangerschaftsrisiko darstellt, ist von der letztgenannten Indikation auch abzuraten. Grundsätzlich ist es deswegen ratsam, in jedem Falle nicht die maximale Lagerdauer auszureizen.

Vorgehen

Prinzipiell handelt es sich beim SF um eine IVF- (In-Vitro-Fertilisation) bzw. ICSI-Behandlung (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion), wie wir sie schon seit Jahrzehnten kennen. Im Unterschied zur Therapie bei aktuell unerfülltem Kinderwunsch wird die IVF beim SF mit der Gewinnung und Vitrifizierung der Eizellen unterbrochen (Abb. 1, 2 und 3). Erst bei späterem Bedarf – bei unerfülltem Kinderwunsch – werden die Eizellen aufgetaut, der Prozess mittels ICSI fortgeführt und die Embryonen transferiert. Gelagert werden dürfen die Gameten in der Schweiz gemäss Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) maximal 10 Jahre.
Es muss vor Aufnahme der Behandlung in jedem Fall eine ausführliche Information erfolgen über den Ablauf eines SF (analog ICSI), die Chancen, die kindlichen und mütterlichen Risiken sowie die Kosten und gesetzlichen Regelungen. Dabei muss erwähnt werden, dass die Chancen abhängig sind vom Alter der Frau zum Zeitpunkt der Vitrifikation der Eizellen und der Anzahl der gewonnenen Eizellen. Für eine optimale Chance müssen 20-30 Oozyten kryokonserviert werden, was mehrere hormonelle Stimulations- und Punktionszyklen nötig machen kann. In Einzelfällen kann es vorkommen, dass wider Erwarten keine befruchtungsfähigen Oozyten gewonnen werden können. Der ganze Sammelprozess kann mehrere Monate dauern mit konsekutiven Kosten von CHF 10’000-20’000. Darin eingeschlossen sind die Kosten für die Vorabklärung, die in der Regel mindestens eine Abklärung der aktuellen Eizellreserve (AMH und AFC (Antral Follicle Count) sowie eine Infektdiagnostik umfasst.

Gesetzliche Grundlagen und Kassenzulässigkeit

SF war zum Zeitpunkt der Revisionsdiskussion des FMedG in den 90er-Jahren noch nicht bekannt. Deshalb ist das SF trotz heutigem Stirnrunzeln breiter Bevölkerungsteile in der Schweiz im aktuell gültigen Fortpflanzungsmedizingesetz nur teilweise geregelt. Die primäre Ablehnung des SF durch viele Menschen, die nach korrekter Information häufig Verständnis weicht, ist in erster Linie durch die einseitigen Medienberichte über angeblich karriereorientierte Amerikanerinnen verschuldet.
Ohne wesentliche Einschränkungen möglich ist die Gewinnung und Kryokonservierung der Eizellen. Einzig die Lagerdauer ist auf maximal 10 Jahre limitiert. Die nach dem Auftauen notwendige ICSI ist jedoch im Fortpflanzungsmedizingesetz detailliert geregelt. Diese Regelungen gelten nicht nur bei der Erfüllung eines aktuellen Kinderwunsches, sondern bei jeder ICSI und somit auch beim SF. So darf die ICSI nur bei einem heterosexuellen Paar erfolgen bei Vorliegen einer Sterilität.
Wie IVF und ICSI ist analog auch das SF in der Schweiz nicht kassenzulässig – dies im Unterschied zum Medical Freezing, bei dem seit Juli 2019 zumindest die Kosten für die Gewinnung der Gameten und deren Lagerung von den Kassen übernommen werden müssen. Dass in den USA die SF-Kosten von diversen Firmen bezahlt werden, ist dadurch begründet, dass dort die Kassenzugehörigkeit nicht eine persönliche Angelegenheit, sondern über den Arbeitsvertrag geregelt ist. Trotzdem ist diese Grosszügigkeit auch im internationalen Kontext eine Ausnahme, zumal SF beispielsweise in Österreich oder Frankreich verboten ist.

Ethische Diskussion

Seit den ersten Meldungen zum SF in den USA wird in der Öffentlichkeit der Sinn eines SF auch in unseren Breitengraden intensiv diskutiert. So wird immer wieder darauf hingewiesen, dass nur wenige Frauen auf ihre kryokonservierten Eizellen zurückgreifen (3). Dies ist aber auch zu erwarten. So geben viele Frauen ihren Kinderwunsch auf oder werden trotz fortgeschrittenem Fertilitätsalter spontan schwanger. Das SF ist also eine Art Fruchtbarkeitsversicherung. Wie bei jeder Versicherung üblich kommt es nur selten zum Schadenfall. Zudem wird das SF in vielen Ländern erst seit relativ kurzer Zeit in einem grösseren Rahmen durchgeführt. Es ist also durchaus möglich, dass in Zukunft weitere Frauen auf ihre Eizellreserven zurückgreifen müssen.
SF ist eine Antwort der Reproduktionsmedizin auf das Problem der frühzeitigen Alterung der Oozyten. Eine weitere Option ist, dass Gesellschaft und Staat es den Frauen leichter machen, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, z.B. mit einfacherem Zugang zu Kindertagesstätten und Tagesschulen vor allem auch auf dem Lande. Das würde bestimmt viele Paare dazu motivieren, in jüngeren Jahren Kinder zu haben. Dieser Lösungsansatz kann jedoch nur von der Politik umgesetzt werden und ist kein Widerspruch zum SF. SF und bessere Vereinbarung von Beruf und Kindern sind sich ergänzende Methoden.
Ein Diskussionspunkt ist immer wieder, ob durch das SF Frauen unter Druck gesetzt werden, auch im höheren Fertilitätsalter Kinder haben zu müssen. Das kann leider nicht mit Sicherheit in jedem Fall ausgeschlossen werden. Die breite Masse der Frauen in Mitteleuropa ist aber in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise zunehmend selbstbewusster geworden. Das beinhaltet auch die Kontrolle der Fruchtbarkeit, sei es zur Schwangerschaftsverhütung oder zur Bestimmung des Zeitpunktes, Kinder haben zu wollen.
In den letzten Jahrzehnten konnte der Kinderwunsch bei Frauen ohne oder ohne befruchtungsfähige Eizellen mit der (heterologen) Eizellspende erfüllt werden. Allerdings ist diese reproduktionsmedizinische Methode in der Schweiz nicht zugelassen. Schätzungsweise mehrere Hundert Schweizer Paare müssen pro Jahr für eine Eizellspendenbehandlung ins europäische Ausland reisen, v.a. Spanien und die Tschechei, wo die Schweiz keine Einflussmöglichkeiten hat. SF kann also Fortpflanzungstourismus verhindern.
Im Unterschied zur heterologen Eizellspende sind beim SF, das faktisch einer Eigeneizellspende entspricht, die Schwangerschaftsrisiken geringer. So ist bekannt, dass das Präeklampsie-Risiko bei Schwangerschaften nach heterologer Eizellspende signifikant höher ist als bei der Verwendung eigener Eizellen (4).

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Prof. em. Dr. med. Bruno Imthurn

Senior Consultant Kinderwunschzentrum
360° Zürich

bruno.imthurn@uzh.ch

Die Autoren haben im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Social Egg Freezing ist eine Methode zur Überwindung der altersbedingten Abnahme der Fertilität
  • Social Egg Freezing entspricht im Ablauf einer ICSI-Therapie, die aber mit der Gewinnung und Kryokonservierung reifer, unbefruchteter Eizellen unterbrochen wird. Erst mit dem Aktuellwerden eines Kinderwunsches wird die eigentliche ICSI fortgesetzt.
  • Die Chancen auf die Geburt eines Kindes beim Social Egg Freezing sind in erster Linie abhängig vom Alter der Frau zum Zeitpunkt der Gewinnung und Kryokonservierung der Eizellen und der Zahl der Oozyten.
  • Social Egg Freezing ist nicht kassenzulässig. Es handelt sich um eine Selbstzahlerleistung.
  • Die für ein Social Freezing kryokonservierten Eizellen dürfen in der Schweiz maximal 10 Jahre aufbewahrt werden.

Messages à retenir

  • Le « social egg freezing » (SF) est une méthode permettant de surmonter la baisse de la fécondité liée à l’ âge.
  • Le déroulement du SF correspond à une thérapie par ICSI interrompue après la collecte et la cryoconservation d’ ovocytes matures et non fécondés. Elle est poursuivie avec l’ ICSI proprement dite seulement lorsque le désir d’ enfant devient actuel mais reste inassouvi.
  • Les chances d’ avoir un enfant avec la congélation sociale des œufs dépendent principalement de l’ âge de la femme au moment du prélèvement et de la cryoconservation des œufs et du nombre d’ ovocytes.
  • Le SF n’ est pas couvert par l’ assurance de maladie. Il s’ agit d’une prestation à la charge de la patiente.
  • Les ovocytes cryopréservés pour des raisons non médicales peuvent être conservés en Suisse pendant 10 ans au maximum.

1. Steiner AZ, Jukic AM. Impact of female age and nulligravidity on fecundity in an older reproductive age cohort. Fertil Steril. 2016; 99:1584-8
2. Practice Committees of American Society for Reproductive Medicine; Society for Assisted Reproductive Technology. Mature oocyte cryopreservation: a guideline. Fertil Steril. 2013;99:37-43.
3. Blázquez A, García D, Rodríguez A, Vassena R, Figueras F, Vernaeve V. Is oocyte donation a risk factor for preeclampsia? A systematic review and meta-analysis. J Assist Reprod Genet. 2016;33:855-63.
4. Cobo A, García-Velasco JA, Coello A, Domingo J, Pellicer A, Remohí J. Oocyte vitrification as an efficient option for elective fertility preservation. Fertil Steril. 2016;105:755-64.

Schwangerschaft nach Tumorerkrankungen

Das zunehmende Alter von Schwangeren in der Schweiz stellt Gynäkologen wie Geburtshelfer vor verschiedene Herausforderungen. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Alter der Mütter bei der ersten Geburt kontinuierlich bis aktuell auf 31 Jahre gestiegen (1). Gynäkologen und Geburtshelfer werden nicht selten damit konfrontiert, dass Schwangere in der persönlichen Anamnese über eine Tumorerkrankung berichten oder dass Patientinnen mit einem Brustkrebs oder einer gynäkologischen Krebserkrankung noch eine offene Familienplanung haben.

L’ âge continuellement croissant des femmes enceintes en Suisse met les gynécologues et obstétriciens devant de nombreux défis. Ainsi, dans les dernières décennies, l’ âge des mères au moment de la naissance de leur premier enfant a évolué jusqu’à actuellement 31 ans (1). De ce fait, il n’est pas rare que les gynécologues et obstétriciens se voient confrontés avec la situation d’une femme enceinte ayant une maladie tumorale dans son anamnèse ou celle d’ une femme atteinte d’un cancer du sein ou de la sphère gynécologique qui aimerait encore avoir des enfants.

Immerhin 5% aller Tumorerkrankungen werden in der Altersgruppe der 15-39-Jährigen diagnostiziert. Schaut man sich die 5-Jahresüberlebensraten von Kindern, Adoleszenten und jungen Erwachsenen nach einer Tumorerkrankung an, finden sich hier erfreulicherweise Raten von fast 85% (2). Somit ist nach abgeschlossener Primärbehandlung nicht selten die Familienplanung ein wichtiges Thema. Der Brustkrebs ist bekanntermassen das häufigste Karzinom der Frau und ca. 11% der Frauen sind bei Diagnosestellung unter 45 Jahren alt, damit ist die Brustkrebserkrankung die zweithäufigste Tumorerkrankung in der Altersgruppe der bis 39-jährigen. Häufiger findet sich nur das Schilddrüsenkarzinom. Abhängig von der Art des Karzinoms finden sich Schwangerschaftsraten vergleichbar zur Normalpopulation (nach Melanom oder Schilddrüsenkarzinom) oder eben doch deutlich schlechtere Schwangerschaftsraten (Brustkrebs), vergleich hierzu Tabelle 1 (18).

Fertilitätserhaltende Massnahmen vor Therapiebeginn

Unbestritten ist, dass sowohl bei Jugendlichen als auch bei jungen Erwachsenen die Beratung rund um das Thema Fertilitätserhalt vor Beginn der Tumortherapie erfolgen soll. In einigen Studien erfolgte dies nur bei 50% aller Tumorpatientinnen (3). Nicht nur das teilweise lückenhafte Wissen der erstbehandelnden Ärzte stellt bisweilen eine Herausforderung dar, auch Patientinnen sind rund um die Diagnose mit vielen Informationen und Ängsten konfrontiert (3). Bereits eine einzelne Dosis einer gonadentoxischen Therapie kann die Fertilität negativ beeinflussen, mit jeder weiteren Gabe kumuliert dies aber deutlich. Hier ist vor allem das Cyclophosphamid zu nennen, welches einen Stellenwert in der Behandlung des Mammakarzinoms hat. Nach Abschluss der Pubertät ist die Oozytenkonservierung oder die Embryonenkonservierung die optimale Therapie für den Fertilitätserhalt. Dies setzt voraus, dass eine Verzögerung der Chemotherapie für 2-3 Wochen möglich ist, um eine ovarielle Stimulation und anschliessende Punktion durchzuführen. Auch bei hormonabhängigen Tumoren, i.b. dem rezeptorpositiven Mammakarzinom, ist durch den regelmässigen Einsatz von Aromataseinhibitoren im Rahmen des mittlerweile zyklusunabhängigen Protokolls nicht mit einem schlechteren Outcome zu rechnen. Sollte die Tumorbehandlung keinen Aufschub erlauben oder handelt es sich um präpubertäre Mädchen ist eine operative Entfernung, meist laparoskopisch, von Ovarialgewebe mit Kryokonservierung möglich. Die Gabe von GnRH-Analoga zur Ovarprotektion während der Chemotherapie wird widersprüchlich diskutiert; so gibt es Stimmen, die dies nicht empfehlen, wenn vor Chemotherapiestart eine erfolgreiche fertilitätserhaltende Massnahme durchgeführt wurde (5).

Fertilitätserhaltende Operationen abhängig vom Tumorstadium

Während das Endometriumkarzinom in nur 4% unter 40 Jahren diagnostiziert wird und das Ovarialkarzinom nur in ca. 10% der Fälle bei Frauen unter 45 Jahren, stellt diese Altersgruppe bei Zervixkarzinompatientinnen mit fast 40% einen grossen Anteil dar. Abhängig vom Tumorstadium bei Erstdiagnose und den begleitenden Risikofaktoren kann in folgenden Situationen ein fertilitätserhaltendes Vorgehen mit den Patientinnen diskutiert werden: es muss sich um Plattenepithel- oder Adenokarzinome handeln, die Tumorgrösse soll ≤ 2 cm betragen und es finden sich keine positiven Lymphknoten. Der histologische Subtyp des neuroendokrinen Zervixkarzinom sollte bei schlechteren Langzeitprognosen mit erhöhtem Rezidivrisiko nicht fertilitätserhaltend operiert werden. Konkret wird stadienabhängig das folgende Vorgehen empfohlen: im Stadium T1a1 und fehlender Lymphgefässinvasion ist kein operatives Lymphknotenstaging gefordert. Eine Konisation oder einfache Trachelektomie ist in den Stadien T1a1 und T1a2 mit negativen Lymphknoten und L0 möglich. In allen anderen Fällen ist eine radikale Trachelektomie gefordert. Bei allen Patientinnen mit einer Trachelektomie sollte eine permanente Cerclage gelegt werden (6). Die Schwangerschaftsrate nach radikaler Trachelektomie beträgt in retrospektiven Studien bis zu 66%. In einer Untersuchung von Speiser et al. (7) wurden 50 von 76 Patientinnen, die schwanger werden wollten, schwanger. Die Lebendgeburtenraten betrugen bis zu 70%, wobei kein Unterschied festgestellt werden konnte, welches operative Verfahren bei der Trachelektomie angewendet wurde (8). Die Standardtherapie des frühen Endometriumkarzinoms umfasst die einfache Hysterektomie mit Adnexektomie beidseits +/- Lymphonodektomie. Damit wird eine 5 Jahresüberlebensrate von 95% erreicht. Weicht man davon ab, müssen Patientinnen darüber aufgeklärt werden, dass sich allenfalls ihre Langzeitprognose verschlechtert (9). Ein organerhaltendes Vorgehen sollte bislang nur angeboten werden, wenn es sich um ein G1 Karzinom handelt, das mit einer Curettage diagnostiziert wurde, eine Pipelle-Untersuchung scheint hier unterlegen zu sein. Um die klinische Tumor­ausdehnung zu beurteilen ist neben dem Ultraschall eine MRI Untersuchung empfohlen. Einige Autoren weisen zudem daraufhin, dass durch das organerhaltende Vorgehen das synchrone Vorliegen eines Ovarialkarzinoms übersehen wird, dies lag in Studien bei bis zu 25% (10). Unter der Therapie mit oralen Gestagenen oder levonor­gestrelhaltiger Spirale kam es in den Studien bei 75% der Patientinnen zu einer Remission. Das Therapieansprechen muss nach 6 Monaten mittels Curettage kontrolliert werden. Zeigt sich hier kein Therapieansprechen muss der Patientin die Operation empfohlen werden. Zu beachten ist ebenso ein Rezidivrisiko in 30-40%. Daher sollte auch nach abgeschlossener Familienplanung die Hysterektomie mit beidseitiger Adnexektomie empfohlen werden. Im Fall einer erfolgreichen medikamentösen Tumortherapie liegt die Lebengeburtenrate nach Endometriumkarzinom bei 28-39%. Bislang empfehlen alle Guidelines lediglich bei G1 Endometriumkarzinomen die Möglichkeit des konservativen Vorgehens. Eine aktuelle Studie untersuchte bei 23 Patientinnen mit einem G2 endometrioiden Endometriumkarzinom, ob auch hier ein solches Vorgehen möglich sei. Auch in diesem Kollektiv zeigt sich ein Ansprechen auf die Therapie von 58.8 % sowie eine Lebendgeburtenrate von 30%. Bis zum Ende der Beobachtungszeit waren 22 von 23 Patientinnen rezidivfrei. Kritisch betrachtet wird der Umstand, dass die Patientinnen, denen aufgrund des Alters oder der abgeschlossenen Familienplanung die definitive Operation empfohlen wurde, dies abgelehnt haben (11). Bei den Erkrankungen des Ovars müssen wir zwischen den epithelialen Tumoren mit einer Häufigkeit von 90-95%, mit der Unterscheidung in Borderlinetumore oder invasive Tumore und den nicht epithelialen Tumoren, die wesentlich seltener sind, unterscheiden. Insgesamt beträgt der Anteil der Borderlinetumoren an den epithelialen Tumoren ca. 15% und betrifft häufiger junge Patientinnen. Allen Ovarialtumoren gemein ist, dass ein korrektes operatives Staging gefordert ist. Wird ein fertilitätserhaltendes Vorgehen gewählt, ist die Patientin über das erhöhte Rezidivrisiko zu informieren. Im Falle der Borderlinetumoren ist die einfache Zystenentfernung mit einem signifikant höheren Rezidivrisiko verbunden als die einseitige Adnexektomie. In Bezug auf die Schwangerschaftsrate zeigten sich abhängig vom gewählten Vorgehen sehr ähnliche Schwangerschaftsraten von 40-45%, so dass auch aus diesem Grund die alleinige Zystenentfernung nicht bevorzugt werden soll (12). Das seltene einseitige frühe Ovarialkarzinom kann fertilitätserhaltend operiert werden, wobei sich hier in Studien 5-Jahresüberlebensraten von 87% zeigen mit Schwangerschaftsraten bis zu 60% (13).

Schwangerschaftsbetreuung

Bei der Schwangerschaftsbetreuung gilt es zu eruieren, ob die Patientinnen nach der Tumordiagnose spezielle Risiken aufgrund der erfolgten Therapie haben. Frauen, die im Kindesalter eine erfolgreiche Tumortherapie hatten, zeigten in Studien ein erhöhtes Risiko für Frühgeburtlichkeit und Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht (14). Ebenso wird teilweise ein erhöhtes Risiko für Präeklampsie postuliert (15). Ein erhöhtes Risiko für kongenitale Anomalien oder chromosomale Syndrome wird hingegen nicht beschrieben. Bei der Betreuung von Patientinnen nach radikaler Trachelektomie sollte eine Schwangerschaft erst nach 6-12 Monaten angestrebt werden. In diesem Kollektiv ist das Hauptrisiko die Frühgeburt mit bis zu 57%. Durch den verkürzten Gebärmutterhals ist das Infektrisiko mit Chorioamnionitis und damit verbunden das Auftreten eines vorzeitigen Blasensprungs die Hauptursache für die Frühgeburt. Daher ist jede Schwangerschaft in dieser Situation als Hochrisikoschwangerschaft zu behandeln. Eine primäre Sectio ist obligat zu indizieren. Nach der Therapie eines Mammakarzinoms scheint das Risiko für Frühgeburtlichkeit und small-for-gestational-age-Kinder kleiner zu sein, wenn die Therapie, insbesondere eine Chemotherapie, mehr als 2 Jahre zurück liegt (16), in diesem Zeitraum treten zudem häufig Rezidive auf, so dass auch aus diesem Grund so lange mit der Familienplanung gewartet werden sollte. Eine obligate Kontrolle der Herzfunktion mittels Echokardiogarphie nach einer anthrazyklinhaltigen Chemotherapie oder Trastuzumabgabe ist individuell zu entscheiden. Eine Schwangerschaft nach Brustkrebs zeigte in Studien bessere Überlebensdaten für diese Frauen als für die Patientinnen, die nicht schwanger wurden, dies auch unabhängig vom Rezeptorstatus des Karzinoms (17). Unbestritten ist, dass nach der Schwangerschaft und Stillzeit eine unterbrochene antihormonelle Therapie für die verbleibende Zeitdauer fortgesetzt werden soll.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Heike Passmann

Stadtspital Triemli
Frauenklinik
Birmensdorferstrasse 501
8063 Zürich

heike.passmann@triemli.zuerich.ch

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Jede Patientin mit offener Familienplanung und Krebsdiagnose soll
    vor Therapiebeginn eine Fertilitätsberatung erhalten.
  • Die Oozytenkonservierung, Embryonenkonservierung oder die
    Kryokonservierung von Ovarialgewebe sind je nach Altersgruppe die Möglichkeiten für einen Fertilitätserhalt.
  • Die operativen Guidelines sollten stadienabhängig korrekt durchgeführt werden, um die Prognose nicht negativ zu beeinflussen.
  • Schwangere nach einer Krebsdiagnose haben kein erhöhtes Risiko
    für kongenitale Anomalien oder chromosomale Syndrome.

Messages à retenir

  • Toute patiente n’ayant pas complété son planning familial chez qui un cancer est diagnostiqué doit être conseillée sur les possibilités de préservation de sa fertilité avant le début du traitement oncologique.
  • La conservation d’ovocytes, la conservation d’embryons ou la cryoconservation de tissu ovarien sont, selon le groupe d’âge, les possibilités de préservation de la fertilité.
  • Pour le traitement chirurgical, les directives des guide-lines devraient être suivies par stades, afin de ne pas influencer négativement le pronostic.
  • Dans une grossesse après traitement pour cancer il n’y a pas de risque accru pour des anomalies congénitales ou des syndromes
    chromosomiques.

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