Der Check-up

Während der COVID-19 Pandemie werden Check-ups immer beliebter. Aber sind sie wirklich sinnvoll? Einige Studien lassen daran zweifeln, denn sie können keine Evidenz für die Wirksamkeit aufzeigen. Die Praxis zeigt jedoch, dass diese Vorsorgeuntersuchungen oft sinnvoll sind, da viele Menschen nicht nur im Sinne einer Primärprävention einen Check-up machen wollen. Viel mehr gehen die Leute zum Arzt, weil sie im Frühstadium einer Krankheit die Progredienz der Erkrankung und daraus entstehende Komplikationen vermeiden möchten. Zudem gehen immer mehr Leute zum Check-up, weil sie damit eine Resilienz aufbauen wollen, und weil sie ihren Gesundheitszustand insgesamt verbessern möchten.

In der Bevölkerung wird aktuell viel darüber gesprochen, wie eine Infektion mit dem SARS-CoV-2 verhindert werden kann. Vorsorge, Check-ups und Präventionsmedizin sind inzwischen fast Modewörter geworden. Die Menschen wollen ihr Immunsystem aufbauen und Risikofaktoren für eine ungünstige Prognose bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 reduzieren. So sind auch Check-ups während der COVID-19 Pandemie immer beliebter geworden.
Oft versteht man unter Check-up eine periodische Allgemeinuntersuchung bei Menschen, die sich gesund fühlen. Somit ist ein Check-up für subjektiv Gesunde eine Vorsorgeuntersuchung im Rahmen der Primärprävention, bei der es vor allem um die Früherkennung bislang symptomloser Krankheiten geht (1).
Argumente gegen Check-ups basieren stark auf der bekannten Cochrane Metaanalyse aus dem Jahr 2019. Anhand von 17 Studien behaupten die Autoren, dass diese Vorsorgeuntersuchungen die Morbidität und Mortalität insgesamt nicht reduzieren würden (2).
Um diese Punkte zu adressieren, müssen die folgenden Fragen zwingend gestellt werden:
1) WARUM gehen Leute zum Check-up? Was sind die motivierenden Faktoren und Gründe? Gehen Menschen zum Arzt nur um Krankheiten zu vermeiden bzw. früh zu erkennen, oder wollen sie durch den Arztbesuch das Wohlbefinden und den Gesundheitszustand sowie ihre Leistung verbessern?
2) WIE wird ein Check-up durchgeführt und welche Diagnostik wird eingesetzt? Sind alle Check-up Angebote in der Schweiz gleichwertig?
3) WANN und zu welchem Zeitpunkt werden Check-ups durchgeführt?
Nach Beantwortung dieser Fragen, wird es klar, dass viele Menschen nicht nur im Sinne einer Primärprävention einen Check-up machen wollen. Viel mehr gehen die Leute zum Arzt, weil sie im Frühstadium einer Krankheit die Progredienz der Erkrankung sowie Komplikationen vermeiden möchten. Zudem gehen immer mehr Leute zum Check-up, weil sie sportlich ambitioniert sind, weil der Leistungsdruck bei der Arbeit hoch ist und sie Resilienz aufbauen wollen, und weil sie ihren Gesundheitszustand insgesamt verbessern wollen. Damit müssen die Studien zur Präventionsmedizin kritisch interpretiert werden, da sie oft nur die primärpräventiven Interventionen analysieren.

Ausgangslage

Warum wollen Leute zum Check-up?
Immer mehr Personen gehen zum Arzt, um Ihre Gesundheit zu optimieren. Auch Unternehmen interessieren sich vermehrt für die Gesundheit der Mitarbeiter, denn sie wissen, dass deren Gesundheit und Wohlbefinden die Produktivität steigert und Krankheitsausfälle reduziert (3). Damit die Firmen produktiv und erfolgreich bleiben, bieten sie daher Check-ups für Mitarbeiter an.
Aber auch Menschen mit chronischen Krankheiten wie z.B. arterielle Hypertonie, KHK, Diabetes und weitere metabolische Krankheiten wollen einen Check-up, um Komplikationen zu vermeiden und um ihr Wohlbefinden zu optimieren. Gerade multimorbide Patienten können von einem holistischen Ansatz eines Check-ups profitieren und sie bevorzugen oft Vorsorgeuntersuchungen beim Hausarzt, statt nur organspezifische Untersuchungen bei Spezialisten durchzuführen. Schliesslich muss der Mensch und die Organsysteme bei Multimorbidität und Polypharmazie als Ganzes betrachtet werden. Studien zeigen zudem, dass langjährige, regelmässige und vertrauliche Arzt-Patientenbeziehungen die besten Ergebnisse ermöglichen (4).
Schliesslich gibt es auch Leute bei denen die eigentlichen Motive, wie zum Beispiel Angststörungen und Geschlechtserkrankungen («Hidden Agenda») unausgesprochen bleiben, solange nicht danach gefragt wird. Im Rahmen der Anamneseerhebung ist es somit wichtig, eine «Hidden Agenda» aktiv herauszufinden oder auszuschliessen.

Wie wird ein Check-up gestaltet und durchgeführt
Grundsätzlich gehören zum Check-up die Anamnese, klinische Untersuchungen, Laboruntersuchungen und apparative Untersuchungen. Welche Untersuchungen vorgenommen und wie das Grundprogramm ergänzt wird, sind von Anamnese, Symptomen, Lebensstil und dem Untersucher abhängig (Tab. 1). Check-ups werden daher sehr unterschiedlich durchgeführt. Ähnlich wie z.B. in der Orthopädie, wo der Outcome einer Hüft-TP vom Operateur und dem chirurgischen Zentrum abhängig ist, wird die Qualität und das Nutzen eines Check-ups stark vom Arzt beeinflusst.
Entscheidet sich ein Arzt zum Beispiel ein Thorax-Röntgen als Screen­ing für Lungenkrebs bei Rauchern einzusetzen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er einen Tumor verpasst erheblich grösser als bei einem Low-Dose-CT. Studien zeigen eine relative Reduktion von sogar 20% in der Lungenkrebsmortalität für die Niedrigdosis-CT-Gruppe im Vergleich zum konventionellen Thorax-Röntgen (5).
Zudem ist es an der Zeit, die Gestaltung der Prävention umzudenken. Auf Populationsebene sind auch Coaching Programme sowie Digital- und Tele-Medizin nötig, gerade auch während eines Lock-Downs. Das traditionelle Modell, in welchem alles in der Arztpraxis gemacht werden soll, ist Vergangenheit (4).

Wann findet ein Check-up statt – «Timing is all»
Zum einen spielt die Frequenz von Check-ups eine Rolle. Die kritischen Meta-Analysen, messen die Kosten-Wirksamkeit von jährlichen Check-ups und schliessen Personen über 65 Jahren von den Studien aus. Aus rein ökonomischer Sicht kann die Frequenz von Check-ups eine signifikante Rolle in der Kosten-Wirksamkeit der Analyse spielen. Zum anderen sind Nutzen und Wirksamkeit vom Timing abhängig. Eine Koloskopie, Augendruckmessung oder PSA Bestimmung bei einem 35-Jährigen ohne Risikofaktoren ist sinnlos oder sogar schädlich. PAP ist jedoch bei sexuell aktiven Frauen bereits mit 21 Jahren indiziert (Tab 1).

Sollen Menschen, die sich kerngesund fühlen, eine Vorsorge Untersuchung angeboten bekommen?

Basierend vor allem auf der Cochrane Studie argumentieren einige Ärzte, dass keine sicheren Hinweise auf eine Senkung von Morbidität oder Mortalität durch Check-ups bei asymptomatischen Menschen gegeben seien (6). Bei vielen gesunden Personen geht es jedoch nicht primär um Mortalität und Morbidität, sondern vielmehr um Verbesserung der Leistung und Gesundheit, sowie von Förderung eines gesunden Lebensstils und somit auch um die Reduktion von Risikofaktoren.
Zum Beispiel bei Spitzensportlern und einigen Hobby Sportlern (je nach Disziplin) sind beispielsweise jährliche sportärztliche Screenings indiziert. Auch wenn z.B. EKG-Screening-Untersuchungen im Rahmen von Check-ups nicht bei allen Personen nötig sind, wird ein EKG bei Sportlern empfohlen (7).
Gemäss einer Studie vom National Research Council and Institute of Medicine in den Vereinigten Staaten sind bis zur Hälfte aller frühzeitigen Todesfälle durch Risikoverhalten und ungesunden Lebensstil verursacht. Durch motivierende Gespräche im Rahmen eines Check-ups, Beratung und Aufklärung, kann ein gesunder Lebensstil durch Sport, Ernährung, Schlaf, Health Litteracy, Rauchstopp und Gewichtsreduktion verbessert werden. Zudem können die Ärzte wichtige Themen zu psychosozialen Aspekten der Gesundheit und Depression gerade während der Zeit von Home-Office und Lock-down angehen. Schliesslich können auch Impfungen während eines Check-ups aufgefrischt werden.
Selbstverständlich ist die Früherkennung von Krankheiten für die Prognose sehr wichtig. Leider gehen Personen jedoch oft zum Check-Up erst wenn sie Symptome haben und sind bei dem Arzttermin gar nicht asymptomatisch (8). Zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die nach den Krebserkrankungen in der Schweiz die zweithäufigste Todesursache sind – ist die Früherkennung von familiären Hypercholesterinämien wichtig aber die Diagnosestellung findet oft mit Verzögerung statt. Das Motto «je früher die Diagnose, desto besser» ist hier von grosser Bedeutung, da einer ihrer wichtigsten Risikofaktoren das Cholesterin ist, besonders das LDL-Cholesterin (LDL-C) (AGLA 1). In einer Studie in Circulation konnte 2015 gezeigt werden, dass 4,4% der Patienten, bei denen die Hypercholesterinämie gerade erst entdeckt worden war, eine KHK entwickelten. Lag die Hypercholesterinämie schon ein bis zehn Jahre vor, waren es 8,1%. Bei 11 bis 20 Jahren waren es 16,5% (9). Daher messen die aktuellen Guidelines der European Society of Cardiology (ESC) dem Screening von kardiovaskulären Risikofaktoren und der konsequenten Senkung des LDL-C eine grosse Bedeutung bei.
Bluthochdruck ist bekannterweise einer der wichtigsten kardiovaskulären Risikofaktoren mit einer hohen Prävalenz in der Schweiz und weltweit (Abb. 1). 60% der über 60-Jährigen und 80% der über 75-Jährigen sind hyperton. Die frühzeitige Diagnose und Behandlung der Hypertonie und deren Risikofaktoren wie Adipositas und Dyslipidämie kann das Auftreten von Folgekrankheiten wie Koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall oder Nephropathien deutlich verringern. Leider sind jedoch bis 80% der Patienten mit einer arteriellen Hypertonie suboptimal eingestellt und profitierten so indirekt vom Check-up (10). Weitere Risikofaktoren, die während eines Check-ups anamnestisch erhoben werden, sind familiäre Belastungen, erhöhter Alkoholkonsum, Nikotinkonsum und Bewegungsmangel.
Ähnlich auch bei Lungenkrebs. Lungenkrebs ist die häufigste krebsbezogene Todesursache in der Schweiz – 85% der Fälle verlaufen tödlich. In der Schweiz stirbt jede 20. Person an Lungenkrebs. Machen sich Symptome wie Husten, Hämoptoe, Dyspnoe oder Schmerzen bemerkbar, ist es häufig schon zu spät. Auch bei Blutdruck und Diabetes ist die Früherkennung wichtig, um sekundäre Folgen zu vermeiden.

Die Prävention zahlt sich aus wenn die Qualität der Check-ups stimmt

Nach der Cochrane Studie von 2012 belasten Check-ups nach Ansicht der Autoren die Patienten durch unnötige Diagnosen. Die Diagnosen werden jedoch aufgrund objektiver Daten und Richtlinien oder nach systematischem Ausschlussverfahren erstellt und sind nicht «unnötig.» Die Diagnostik, die Interpretationen und die Therapien können jedoch sehr unnötig, unsinnig und auch schädigend sein.
Genauso wie eine verpasste Diagnose zu einer erheblichen Morbidität und Mortalität führen kann, kann auch eine Übertherapie höchst negative Auswirkungen haben. Daher geht es hier viel mehr darum, dass die Check-ups durch kompetente Fachleute durchgeführt werden mit individuellem Screening und richtigem Timing.
Zudem dienen die Check-ups nicht nur der Reduktion von Morbidität oder Mortalität. Viel mehr können Risikoverhalten und Risikofaktoren durch Beratung und Aufklärung angegangen werden und Check-ups können zu einem gesünderen und produktiveren Lebensstil führen.
Damit müssen die Studien zur Präventionsmedizin kritisch interpretiert werden, da sie oft nur die primärpräventiven Interventionen analysieren. Die Qualität der Check-ups müssen überprüft werden und neue Modelle der Präventionsmedizin sind gefragt.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Dr. phil. Anna Erat

Check-up Zentrum Hirslanden
Forchstrasse 420
8702 Zollikon

anna.erat@hirslanden.ch

Die Autorin ist Chefärztin am Hirslanden Check-up Zentrum. Ansonsten hat sie in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Früherkennung von Krankheiten hat einen signifikanten Einfluss auf die Prognose, Morbidität und Mortalität. Damit ein Check-up hoch qualitativ und sinnvoll ist, müssen zuerst die Fragen «warum, wie und wann» beantwortet werden.
  • Bei einem Check-up geht es jedoch nicht nur um die Primärprävention. Auch Patienten mit chronischen Krankheiten gehen zum Arzt, weil sie die Progredienz der Erkrankung und Komplikationen vermeiden möchten. Zudem gehen immer mehr Leute zum Check-up, weil sie sportlich ambitioniert sind und weil sie ihren Gesundheitszustand insgesamt verbessern wollen.
  • Daher sollten Studien zur Präventionsmedizin kritisch interpretiert werden, da sie oft nur die primärpräventiven Interventionen analysieren. Neue Studiendesigns sind hier gefragt. Wir brauchen mehr Daten und Studien, die weitere Aspekte der Prävention und Check-ups berücksichtigen.
  • Zudem ist es Zeit, die Gestaltung der Prävention umzudenken. Auf Populationsebene, sind auch Coaching Programme sowie Digital- und Tele-Medizin nötig. Das traditionelle Modell, in dem alles in der Arztpraxis gemacht werden soll, ist vorbei.

1. Huber F, Beise U. Guideline Check up. Medix 2016, 4.
2. Krogsbøll LT, Jørgensen KJ, Gøtzsche PC. General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 1. Art. No.: CD009009. DOI: 10.1002/14651858.CD009009.pub3
3. Dahik A, Lovich D, Kreafle C, Bailey A, Kilmann J, Kennedy D, Roongta P, Schuler F, Tomlin L, Wenstrup J. What 12,000 Employees Have to Say About the Future of Remote Work. BCG Report 2020.
4.. Horn DM, Haas JS. Covid-19 and the Mandate to Redefine Preventive Care. N Engl J Med. 2020, Aug 12. doi: 10.1056/NEJMp2018749. Epub ahead of print. PMID: 32786183.
5. National Lung Screening Trial Research T, Aberle DR, Adams AM, et al. Reduced lung-cancer mortality with low-dose computed tomographic screening. The New England journal of medicine 2011, Aug 4;365(5):395-409.
6. Mehrotra A, Prochazka A. Improving value in health care — against the annual physical. N Engl J Med 2015;373:1485-1487.
7. Erat A. Pre-participation Evaluation for Screening of Health Risks in Leisure and Young Competitive Athletes Swiss Sports & Exercise Medicine 2019, 67 (3), 6–11.
8. Hunziker S, Schläpfer M, Langewitz W. et al. Open and hidden agendas of „asymptomatic“ patients who request check-up exams. BMC Fam Pract 2011; 12, 22 https://doi.org/10.1186/1471-2296-12-22
9. Navar-Boggan AM, Peterson ED, D’Agostino RB Sr, Neely B, Sniderman AD, Pencina MJ. Hyperlipidemia in early adulthood increases long-term risk of coronary heart disease. Circulation 2015, Feb 3;131(5):451-8.
10. Grätzel von Grätz P. Check-up mit 35 – Sinn oder Unsinn? Aerztezeitung 2015, May 05.

Monoklonale Gammopathien

Der Einsatz von monoklonalen Antikörpern (mAbs – aus dem englischen «monoclonal antibodies») in der Medizin hat eine lange und faszinierende Geschichte, welche mit der Entwicklung der Hybridom-Technik nach Köhler und Milstein in den 70er-Jahre ihren Ursprung hat (1). Seitdem haben sich mAbs in mehreren Bereichen der Medizin, insbesondere auch als Arzneimittel, etabliert. Trotz nunmehr langjähriger Anwendung im klinischen Alltag wurden Interferenzen durch therapeutische mAbs bei labormedizinischen Abklärungen erst im letzten Jahrzehnt erkannt. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick des heutigen Kenntnisstands präsentiert.

Die ursprünglichen therapeutischen mAbs wurden aus Maus- und Ratten-Hybridomen erstellt (–momab). 1986 wurde Muromomab-CD3 als erster mAb zur Behandlung akuter Abstossungsreaktionen nach allogener Nieren-, Herz- oder Lebertransplantation zugelassen. Aufgrund der kurzen Halbwertszeit und der ausgeprägten Immunogenität, fand die erste Generation limitierten Eingang in den klinischen Alltag. Durch moderne biotechnologische Verfahren konnte die mAb-Struktur humanisiert werden. Es entstanden zunächst chimäre (-ximab), später humanisierte (-zumab) und humane (-umab) Antikörper mit verbesserter Pharmakokinetik, Antigen-Spezifität und reduzierter Immunogenität. Infolgedessen wurden therapeutische Antikörper zur prädominanten Klasse neuentwickelter Arzneimittel und Bestsellern der Pharmaindustrie mit einem geschätzten jährlichen Umsatz von ca. 115 Milliarden US$ im Jahr 2019 und erwarteten 300 Milliarden US$ bis 2025(2, 3) (Fig. 1).


Interferenzen durch therapeutische mAbs bei labormedizinischen Abklärungen wurden erst in jüngerer Zeit erkannt. Störungen unterschiedlicher analytischer Methoden können bei Laborabklärungen in der Transfusions- und Transplantationsmedizin sowie Hämato-Onkologie auftreten (4), wie in den folgenden Abschnitten dargestellt wird:

Interferenz bei Histokompatibilitätsprüfung (Crossmatch Testing):

Bei Transplantatempfängern vorkommende Antikörper gegen HLA-Antigene (HLA-Allele) des Spenders können zu einer Transplantatabstossung führen. Vor einer Transplantation erfolgt daher ein sogenannter HLA-Crossmatch, bei dem das Serum des Empfängers gegen B- und T-Lymphozyten des Spenders im lymphozyto­toxischen Test untersucht wird, um zu überprüfen, ob beim Empfänger zyto­toxische HLA-Antikörper vorhanden sind. Für eine erfolgreiche Transplantation wird ein negativer Crossmatch vorausgesetzt (5). Die Anwesenheit von bestimmten therapeutischen mAbs (z.B. Rituximab; anti-CD20) im Empfängerserum kann durch Bindung an CD20-Antigene auf B-Lymphozyten zu einem falsch-positiven Crossmatch und demzufolge zur Ablehnung des Transplantatspenders führen. Dank einer rechtzeitigen Mitteilung der aktuellen Medikation, kann das HLA-Labor durch Vorbehandlung des Patientenserums die Interferenz beseitigen und eine fehlerhafte Interpretation der Resultate vermeiden. Weitere therapeutische mAbs, die im Crossmatch interferieren, sind Daclizumab (anti-CD25) und Alemtuzumab (anti-CD52). Beide Arzneimittel werden für die Reduktion des Risikos einer Graft-versus-Host-Reaktion eingesetzt.

Interferenz beim Antikörpersuchtest und der Verträglichkeitsuntersuchung:

Störungen von Laboruntersuchungen in der Transfusionsmedizin durch Daratumumab-Behandlung wurden schon während Phase-I/II-Studien erkannt. Daratumumab und das neu zugelassene Isatuximab sind humane monoklonale IgG-Kappa-Antikörper mit einer hohen Affinität zum Oberflächenantigen CD38, welche immer häufiger für die Therapie des Multiplen Myeloms (MM) eingesetzt werden. Da CD38 auch auf der Erythrozytenoberfläche exprimiert wird, kann die Behandlung mit anti-CD38 mAbs bis zu sechs Monate nach der letzten therapeutischen Gabe zu Interferenzen bei Antikörpersuchtests, Antikörperdifferenzierungen und Kreuzproben führen. Daher sollte bei diesen Patienten vor Beginn der Behandlung eine umfassende Bestimmung transfusionsrelevanter Blutgruppen erfolgen, um eine möglichst rasche Freigabe kompatibler Erythrozytenkonzentrate zu ermöglichen.

Interferenz in der Serum-Elektrophorese und Immunfixation:

Seit 2016 sind Daratumumab (anti-CD38) und Elotuzumab (anti-SLAMF-7) sowie seit 2020 Isatuximab (anti-CD38) für die Behandlung des MM in der Schweiz zugelassen. Als neue Option wurde kürzlich Belantamab (anti-BCMA) Mafodotin zur Monotherapie bei rezidiviertem, refraktärem MM für die EU bestätigt – die Schweiz könnte nachziehen (6). Als humane monoklonale IgG-Kappa-Antikörper können diese mAbs sowohl mittels Serum-Protein Elektrophorese (SPE) als auch durch Immunfixations-Elektrophorese (IFE) nachgewiesen werden (Fig. 2). Beide Methoden werden routinemässig für das Screening (Gammopathie-Abklärung) und die Überwachung eines endogenen monoklonalen Proteins (M-Protein) angewendet (7). Diese Interferenz ist stark von der Pharmakokinetik der einzelnen mAbs abhängig. Bei Patienten mit einem endogenen IgG-Kappa-Myelomprotein unter Behandlung mit Daratumumab kann die Überwachung des Therapieansprechens erschwert und eine komplette Remission maskiert werden. Umgekehrt kann bei Myelom-Patienten in Remission ein Rezidiv oder sogar eine Progression der Erkrankung vorgetäuscht werden. Spezielle Analysenansätze erlauben heute die Unterscheidung zwischen endogenem und thera­peutischem monoklonalen M-Protein bei Daratumumab-Behandlung (8). Ob ein solch aufwändiger Ansatz erforderlich ist, kann nur durch das durchführende Labor aufgrund der elektrophoretischen Migrationseigenschaften des endogenen M-Proteins beurteilt werden.


Darüber hinaus können weitere therapeutische mAbs, hauptsächlich Rituximab und Bevacizumab (9), als niedrig-konzentriertes monoklonales IgG-Kappa-M-Protein bei einer Gammopathie-Abklärung nachgewiesen werden. Bei fehlenden Angaben zu einer mAb-Behandlung werden solche Fälle in der Regel als MGUS (monoklonale Gammopathie unbekannter Signifikanz) diagnostiziert, eine klinisch asymptomatische klonale Plasmazellproliferation ohne Malignitätskriterien und ohne Therapiebedarf. Nichtdestotrotz stellt eine MGUS die Vorstufe einer malignen lymphoproliferativen Erkrankung (MM, lymphoplasmozytisches Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom) dar und hat klinische Folgen. Weiterführende Abklärungsuntersuchungen, jährliche serologische Verlaufskontrollen und eine unnötige psychische Belastung der Patienten müssten in Kauf genommen werden. Um das Risiko einer Interferenz bei der Abklärung einer Gammopathie zu minimieren, sollte die entsprechende Blutentnahme frühestens zwei Tage nach der Gabe monoklonaler mAbs durchgeführt werden.
Durch die rasante Zunahme an neuen therapeutischen mAbs und deren potenziellem kombinierten Einsatz wird in näherer Zukunft der Umgang mit Interferenzen bei Laboruntersuchungen komplexer werden. Neue Labormethoden, die nicht durch therapeutische mAbs gestört werden, sind schon in Entwicklung (10). Ob diese Einsatz im Routinelabor finden werden, ist noch unklar. In der Zwischenzeit können die Kenntnis potenzieller Risiken und der systematische Informationsaustausch zwischen Klinikern und Labor die beschriebenen Interferenzen grossteils vermeiden.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. sc. nat. Luca Bernasconi

Institut für Labormedizin
Kantonsspital Aarau AG
Tellstrasse 25
5000 Aarau

luca.bernasconi@ksa.ch

Cand. FAMHPeter Neyer

Institut für Labormedizin
Kantonsspital Aarau AG
Tellstrasse 25
5000 Aarau

Dr. sc. ETH Gregoire Biollaz

Freiguterstr. 12
8022 Zürich

LB gibt an, von der Firma Sebia GmBH innerhalb der letzten 5 Jahre einmalig ein Vortrags-Honorar bekommen zu haben.
Die beiden anderen Autoren haben in Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

  • Die Behandlung mit therapeutischen mAbs führt zur Störung verschiedener Laboruntersuchungen.
  • Interferenzen können durch eine sorgfältige Planung der Blutentnahmezeit vermieden oder anhand geeigneter Labormethoden beseitigt werden.
  • Der Informationsaustausch zwischen Klinikern und Labor (und vice versa) erlaubt den meisten Interferenzen aus dem Weg zu gehen.

1. Kohler, G. and C. Milstein, Continuous cultures of fused cells secreting antibody of predefined specificity. Nature, 1975. 256(5517): p. 495-7.
2. Kaplon, H., et al., Antibodies to watch in 2020. MAbs, 2020. 12(1): p. 1703531.
3. Lu, R.-M., et al., Development of therapeutic antibodies for the treatment of diseases. Journal of Biomedical Science, 2020. 27(1): p. 1.
4. Lazar-Molnar, E. and J.C. Delgado, Implications of Monoclonal Antibody Therapeutics Use for Clinical Laboratory Testing. Clin Chem, 2019. 65(3): p. 393-405.
5. Kleesiek, K., et al., HLA-Crossmatch, in Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik, A.M. Gressner and T. Arndt, Editors. 2019, Springer Berlin Heidelberg: Berlin, Heidelberg. p. 1129-1129.
6. Holtick, U. and C. Scheid, Aktuelle immuntherapeutische Ansätze beim multiplen Myelom. best practice onkologie, 2019. 14(10): p. 412-422.
7. Bernasconi, L., Monoklonale Gammopathien – Klinische Assoziation und Labordiagnostik. Der informierte Arzt, 2015. 12.
8. Thoren, K.L., et al., Distinguishing Drug from Disease by Use of the Hydrashift 2/4 Daratumumab Assay. J Appl Lab Med, 2019. 3(5): p. 857-863.
9. Ruinemans-Koerts, J., et al., Interference of therapeutic monoclonal immunoglobulins in the investigation of M-proteins. Clin Chem Lab Med, 2014. 52(11): p. e235-7.
10. Mills, J.R., et al., A universal solution for eliminating false positives in myeloma due to therapeutic monoclonal antibody interference. Blood, 2018. 132(6): p. 670-672.

Amyloidose und Herz

Die kardiale Amyloidose ist durch Ablagerungen von Amyloid bedingt, die häufigsten Formen sind monoklonale Leichtketten (AL) oder Transthyretin (TTR). Beide Formen können das Herz befallen und sind mit einer ungünstigen Prognose vergesellschaftet. Die kardiale TTR Amyloidose wird aufgrund der modernen diagnostischen Möglichkeiten immer häufiger diagnostiziert und ist viel häufiger als ursprünglich angenommen. Dies ist wichtig, da seit kurzem eine Therapie verfügbar ist, welche die Prognose verbessert.

An eine kardiale Amyloidose sollte immer dann gedacht werden, wenn sich ein Patient mit Symptomen einer Herzinsuffizienz präsentiert und einen Echokardiographie- oder MRI-Befund aufweist der typisch für eine Amyloidose ist (Abb. 1 und Tab. 1) (1).
Bei der AL Amyloidose liegt die Ursache bei einer hämatologischen Erkrankung (monoklonale Gammopathie, meist Plasmazelldyskrasie, seltener lymphoplasmozytische Erkrankung) – hierbei bilden monoklonale Plasmazellen Leichtketten, welche sich im Herz und anderen Organen ablagern. Bei der TTR Amyloidose unterscheidet man die «wild-type (wt)» von der «variant» (genetische) Form. Bei der familiären Form liegt ein Gendefekt im TTR-Gen zugrunde, es kommt zu einer Fehlfaltung von TTR, das sich als Amyloid im Herzen, aber auch im Nervensystem ablagern kann (2). Der Pathomechanismus bei der wt-Form ist nicht abschliessend geklärt, wobei sich auch dort TTR als Amyloid in den Organen ablagert. Neben der kardialen Manifestation und insbesondere bei der wt-Form kann es typischerweise ein paar Jahre vor dem Herzbefall zum Karpaltunnel Syndrom, einer Bizeps-Sehnen-Ruptur oder einer Spinalkanalstenose kommen (3).


Die AL-Amyloidose ist eine seltene Erkrankung und hat immer noch eine schlechte Prognose, insbesondere wenn das Herz betroffen ist – neue Therapien haben aber hier deutliche Fortschritte erzielt. Auch die vATTR Amyloidose ist sehr selten, in gewissen Gebieten aber endemisch (z.B. Teilen von Portugal, Schweden oder Japan). Die wtATTR Amyloidose wurde bisher ebenfalls als seltene Erkrankung angesehen, in den letzten Jahren hat sich jedoch dank verbesserter Diagnostik gezeigt, dass diese Form viel häufiger ist und meist eine bessere Prognose aufweist als bisher angenommen. Für diese Form ist seit kurzem erstmals eine spezifische Therapie zugelassen.

Diagnostik

Bei Verdacht auf eine kardiale Amyloidose (Herzinsuffizienz-Beschwerden, typisches Echo oder MRI) sollten zuerst ausführliche Laboruntersuchungen inkl. kardiale Biomarker NT-pro BNP und Troponin (zur Abschätzung der Prognose) und eine Protein-Elektrophorese mit Immunfixation im Serum und Urin sowie Bestimmung der freien Leichtketten im Serum veranlasst werden. Letzteres ist entscheidend für die Unterscheidung zwischen AL und ATTR Amyloidose. Ein EKG sollte geschrieben werden, um die Frage nach Vorhofflimmern und Blockierungen zu beantworten. Die typischerweise beschriebene «low-voltage» findet sich eher bei der AL-Amyloidose, bei der ATTR ist dies jedoch nicht so häufig (ca. 22%), typischer ist dort ein Pseudoinfarktmuster (63%).
Bei unauffälliger Immunfixation ist eine AL-Amyloidose praktisch ausgeschlossen (Abb. 2). In diesem Fall sollte eine Technetium Szintigraphie durchgeführt werden. Fällt diese positiv aus, gilt die Diagnose einer ATTR-Amyloidose als gesichert (4), jedoch kann nicht zwischen wtATTR und vATTR unterschieden werden, weswegen eine genetische Testung sinnvoll ist. Diese kann nach Einholen einer Kostengutsprache durch die Krankenkasse durchgeführt werden kann. An eine hereditäre Form sollte insbesondere dann gedacht werden, wenn neurologische Symptome wie Polyneuropathie vorhanden sind. Bei negativer Szintigraphie und persistierend hohem Verdacht auf eine kardiale Amyloidose, sollte eine Endmyokardbiopsie durchgeführt werden (5).
Bei pathologischer Immunfixation und Verdacht auf eine kardiale Amyloidose ist die Situation etwas komplizierter, da die Diagnose mittels Biopsie und Nachweis von Amyloid gestellt werden muss. Normalerweise erfolgt bei pathologischer Immunfixation eine hämatologische Abklärung, gelegentlich gelingt der Nachweis von Amyloid schon in der Knochenmarksbiopsie (ca. 50%), ansonsten muss Amyloid an anderen Stellen (typischerweise Bauchfett, Speicheldrüsen, Endomyokard) gesucht und immunhistochemisch bestätigt werden, was gelegentlich herausfordernd sein kann (Abb. 2). Ein wichtiges Problem stellt die hohe Koinzidenz eines MGUS mit der wtATTR Amyloidose im fortgeschrittenen Alter dar.

Amyloidose mit Herzbefall

Während die AL-Amyloidose meist verschiedene Organe befällt (insb. Herz, Niere, Nervensystem und Magen-Darmtrakt), ist bei der wtATTR Amyloidose meist das Herz im Zentrum (bei der vATTR zusätzlich das Nervensystem). Was muss man besonders beachten bei einem Herzbefall? Im Zentrum steht die Herzinsuffizienz, mit den klinischen Zeichen einer restriktiven Kardiomyopathie (links- und rechtsseitige Volumenretention). Sehr wichtig ist die Neigung zu Vorhofflimmern und Hirninfarkten – ca. 90% der Patienten haben oder entwickeln im Verlauf ein VHF. Weitere Probleme sind Reizleitungsstörungen, welche insbesondere bei der ATTR-Amyloidose auftreten, sowie Synkopen und plötzlicher Herztod. Synkopen bei Anstrengung sind meist dadurch bedingt, dass das Herzminutenvolumen fixiert ist – die Hypotonie beziehungsweise die Orthostase aufgrund einer autonomen Dysfunktion. Auch Thoraxschmerzen aufgrund einer Beteiligung der Mikrozirkulation sind nicht selten.

Behandlung der kardialen Amyloidose

Für den Patienten steht initial die symptomatische Therapie im Vordergrund. Am wichtigsten ist die Behandlung mit Diuretika, um den Patienten von den Symptomen der Volumenretention zu entlasten. Hierbei gibt es aber zu bedenken, dass die Druck-Volumen-Kurven sehr steil sind und zu viel Diuretika auch einen übermässigen Blutdruck-Abfall bewirken können. Trotzdem müssen die Diuretika genügend hoch dosiert werden um den Patienten wirklich zu entlasten. Im Verlaufe der Erkrankung sind meist immer höhere Dosen notwendig. Die Erkrankung hat einen HFpEF Charakter und die Auswurffraktion ist meist «normal.» Das bedeutet, dass trotz Herzinsuffizienz-Symptomen keine Beta-Blocker, ACE-Hemmer (ACHI), Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) oder gar Sacubitril/Valsartan verabreicht werden sollten. Beta-Blocker werden meist schlecht vertragen da das Herzminutenvolumen kaum mehr gesteigert werden kann (das Schlagvolumen ist fixiert und der kardiale Output kann nur noch mit der Herzfrequenz gesteigert werden). Vor allem bei der AL-Amyloidose, aber auch bei der fortgeschrittenen TTR-Amyloidose werden ACEI und ARB aufgrund ihrer peripher vasodilatierenden Wirkung sehr schlecht vertragen und können Orthostase und Synkopen verursachen.
Von grösster Wichtigkeit ist das Erkennen von Vorhofflimmern und eine rechtzeitige orale Antikoagulation, um den Patienten vor einem Schlaganfall zu bewahren (häufige Erstmanifestationen einer Amyloidose). Wir empfehlen deshalb ein Holter-EKG alle 6 Monate durchzuführen. Bei einem dokumentieren VHF sollte unabhängig vom CHA2DS2-VASc Score eine orale Antikoagulation (OAK) begonnen werden. Einige Zentren beginnen damit schon, wenn der Patient noch im Sinus-Rhythmus ist, jedoch in der Echokardiographie ein restriktives Füllungsmuster aufweist. Die Rationale dahinter ist, dass in solchen Fällen die intraatrialen Druckwerte so hoch sind, dass kaum mehr Fluss erzeugt wird und der Patient zu Thromben neigt. Daten für Vorhofflimmern-Ablationen in der Amyloidose sind kaum vorhanden, wir sind hier zurückhaltend.
Die Indikationen für einen Herzschrittmacher unterscheiden sich nicht wesentlich von Patienten ohne Amyloidose, eine relevante Blockierung ist jedoch häufiger. Eine der grössten Schwierigkeiten ist die Prävention des plötzlichen Herztods. ICD-Implantation müssen im Team und mit dem Patienten gut besprochen werden und der Nutzen und die Risiken gegeneinander abgewogen werden. Es gilt zu bedenken, dass Fälle von elektromechanischer Entkoppelung und nicht Kammerflimmern die häufigsten Ursachen für einen rhythmogenen Tod bei Amyloidose darstellen – ein ICD hilft hier nicht. Auch sind inadäquate (und adäquate) Schocks häufiger als bei Nicht-Amyloidose und die Wirksamkeit eines Schocks kann aufgrund der Amyloid-Ablagerungen auch eingeschränkt sein.
Eine ATTR-Amyloidose wird immer häufiger bei Patienten mit Aortenstenose, welche für eine TAVI abgeklärt werden, festgestellt. Hier stellt sich die Frage ob man besser die Amyloidose oder die Aortenstenose behandelt. Es konnte gezeigt werden, dass eine TAVI bei diesen Patienten sicher ist und den Patienten nicht aufgrund der kardialen Amyloidose vorenthalten werden sollte (6).
In seltenen Fällen kommt auch die Herztransplantation in Frage. Hier ist es jedoch so, dass insbesondere bei der AL-Amyloidose die Patienten häufig bereits einen Multiorganbefall aufweisen, was eine relative Kontraindikation für eine Transplantation darstellt. Das Ausmass der systemischen Beteiligung ist hierbei entscheidend. Selten kann man bei einem isolierten Herzbefall eine Transplantation durchführen um anschliessend eine intensive Chemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation zu ermöglichen. Bei der ATTR Amyloidose mit rein kardialem Befall ist eine Transplantation in einigen Fällen gut möglich, meist haben die Patienten das TPL-Alter jedoch bereits überschritten.

Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung

Bei der AL-Amyloidose richtet sich die Therapie gegen die zugrundeliegende Erkrankung. Hier hat es in den letzten Jahren grosse Fortschritte gegeben, welche hier nicht im Detail besprochen werden. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit einem für die Amyloidose spezialisierten Zentrum, um den Patienten in einem interdisziplinären Umfeld optimal zu betreuen und auch die neusten Therapien im Rahmen von Studien zugänglich zu machen.
Auch bei der ATTR-Amyloidose gab es in den letzten Jahren mehrere entscheidende Durchbrüche in der Behandlung. Mit Patisiran (RNA-Interferenz) und Inotersen (RNA antisense Oligonukleotid) kann die Bildung von Transthyretin in der Leber fast ganz blockiert werden (7). Zwei Studien bei Patienten mit einer familiären Amyloid-Polyneuropathie (familiär bedingte ATTR-Amyloidose welche das periphere Nervensystem befällt) zeigen eindrücklich, wie die Polyneuropathie in vielen Fällen aufgehalten oder gar verbessert wurden – auch bezüglich kardialer Symptome gibt es erste Hinweise für einen Nutzen. Entsprechende Studien bei der kardialen Amyloidose (vATTR und wtATTR) werden aktuell durchgeführt.
Ein weiterer Meilenstein ist die Zulassung von Tafamidis, einem TTR Stabilisator, für die Behandlung der kardialen ATTR-Amyloidose. Die ATTR-ACT Studie (mittleres Alter ca. 74 Jahre, 90% Männer, 75% wtATTR) zeigte, dass die Mortalität und die kardiovaskulär bedingten Hospitalisierungen über die Studiendauer von 30 Monaten signifikant gesenkt werden konnte (8). Bis dieser Effekt eintrat, dauerte es jedoch einige Monate. Interessant ist auch, dass die Lebensqualität und die Gehstrecke unter Tafamidis bei einem günstigen Nebenwirkungsprofil (kaum Therapieabbrüche in der Studie) weniger schnell abnehmen. Die Medikation ist zwar jetzt in der Schweiz zugelassen, jedoch nicht auf der Spezialitätenliste zu finden. Ein Kostengutsprache-Gesuch muss deshalb zwingend gestellt werden, die Verfügbarkeit ist zur Zeit limitiert.

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Dipl. Ärztin Natallia Laptseva

LA Klinik für Kardiologie
Amyloidose-Netzwerk Zürich
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Rahel Schwotzer

LA Klinik für Kardiologie
Amyloidose-Netzwerk Zürich
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

PD Dr. med. Andreas J. Flammer

LA Klinik für Kardiologie
Amyloidose-Netzwerk Zürich
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

andreas.flammer@usz.ch

NL: In Verbindung mit dem Manuskript: Honorare von Pfizer und Kongressbeiträge von Alnylam
RS: In Verbindung mit dem Manuskript: Honorare von Alnylam und Pfizer und einen ‘unrestricted research grant’ von Pfizer
Nicht in Verbindung mit dem Manuskript: Honorare oder Kongressbeiträge von Janssen, Mundipharma und Takeda
AFL: In Verbindung mit dem Manuskript: Honorare von Alnylam und Pfizer
Nicht in Verbindung mit dem Manuskript: Honorare oder Kongressbeiträge von AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Bristol Myers Squibb, Fresenius, Imedos Systems, Medtronic, Mepha, Mundipharma, Novartis, Roche, Schwabe Pharma, Vifor und Zoll

  • An eine Amyloidose sollte bei Patienten mit Herzinsuffizienz und einer typischen Echokardiographie oder MRI gedacht werden
  • Die Diagnose einer kardialen ATTR-Amyloidose kann bei fehlender monoklonalen Gammopathie (normale Immunfixation) mittels Technetium Szintigraphie gestellt werden. Die Diagnose einer AL-Amyloidose erfolgt immer mit dem Nachweis von AL-Amyloid im Gewebe
  • Die kardiale Amyloidose ist gekennzeichnet durch Symptome der Herzinsuffizienz, orthostatische Hypotonie, Synkopen und plötzlicher Herztod, Vorhofflimmern mit Hirninfarkten und mikrovaskulärer Angina
  • Die Therapie besteht aus der Behandlung der Herzinsuffizienz-Symptome und der zugrundeliegenden Erkrankung.
  • Mit Tafamidis steht für die ATTR-Amyloidose erstmals eine Therapie zur Verfügung, welche die Prognose signifikant verbessert

1. Brouwers S, et al.: Cardiac Amyloidosis
Cardiovasc Med. 2018;21(11):282-289
2. Rauch PJ et al.: Systemische Amyloidosen
Schweiz Med Forum 2014 14;943-048
3. Maurer MS et al: Expert Consensus Recommendation for the Suspicion and Diagnosis of Transthyretin Cardiac Amyloidosis
Circulation: Heart Failure 2019; 12
4. Gillmore JD et al.: Nonbiopsy Diagnosis of Cardiac Transthyretin Amyloidosis
Circulation 2016: j133(24):2404-12
5. Laptseva N et al.: Cardiac amyloidosis: still challenging
Eur Heart J 2017, 38(22):122
6 Scully PR et al: Prevalence and outcome of dual aortic stenosis and cardiac amyloid pathology in patients referred for transcatheter aortic valve implantation
EHJ, 2020; 41; 759-2767
7. Maurer MS et al.: Tafamidis Tratment for Patients with Transthyretin Amyloid Cardiomyopathy, N Engl J Med 2018; 379(11):1007-1016
8. Adams D et al.: Patisiran, an RNAi Therapeutic, for Hereditary Transthyretin Amyloidosis
N Engl J Med 2018; 379(1):11-21

Akute Tonsillitis – Duplizität der Fälle?

Fallvorstellung 1

Ein 24-jähriger Maurer stellt sich notfällmässig an einem Freitagnachmittag in Ihrer Hausarztpraxis vor, da er seit 1 Woche unter zunehmenden Halsschmerzen leidet. Er fühlt sich subjektiv auch etwas fiebrig, weswegen er vor zwei Tagen einen Covid-19-Test durchführen liess, der dann negativ ausgefallen war. Zurzeit fühlt er sich insgesamt in einem guten Allgemeinzustand, hat jedoch erhebliche Halsschmerzen und kann nur noch schlecht schlucken. Er hat keinen Husten und riecht normal.
Persönliche Anamnese: Unterschenkelfraktur links nach Motorradunfall vor 3 Jahren, sonst gesund. Nichtraucher. Keine Allergien.
Medikation: Keine regelmässigen Medikamente
Vitalparameter: BD 135/85, Puls 78, regelmässig, SO2 98%, Temperatur: 38.3 °C., Grösse 184 cm, Gewicht 84 kg
Klinischer Status: Leicht vergrösserte und leicht dolente Halslymphknoten beidseits, keine Rötung, keine Überwärmung. Kein Exanthem. Herz-, Lungen- und Abdomen-Untersuchung bland.

Abb. 1 Mundinspektion

Fragen:

1. Welche Form einer akuten Tonsillitis liegt am ehesten vor?
A. Mononukleose
B. Unspezifischer viraler Infekt der oberen Luftwege
C. Herpangina (Coxsackie-Viren)
D. Streptokokkenangina

Richtig ist Antwort D. Es zeigt sich das klassische Bild einer Streptokokken-Tonsillitis im Stadium der Angina lacunaris.

Welche diagnostischen Abklärungen führen Sie durch?
A. Keine
B. Streptokokken-Schnelltest
C. Hämatogramm mit differenziertem Blutbild, Leberwerte
D. Rachenabstrich

Beste Antwort ist B. Mit 4 Punkten im McIsaac-Score hat der Patient eine Wahrscheinlichkeit von gut 50% für einen Streptokokkeninfekt. C ist allerdings je nach klinischer Situation ebenfalls zusätzlich möglich. Ein Lymphozyten-/Leukozytenquotient von > 0.35 und erhöhte Leberwerte könnten differentialdiagnostisch für das Vorliegen einer Mononukleuose sprechen

Welche Behandlung empfehlen Sie?
A. Körperliche Schonung, ausreichende Trinkmenge (z.B. heisser Tee)
B. Körperliche Schonung, ausreichende Trinkmenge (z.B. heisser Tee), Ibuprofen
C. Körperliche Schonung, ausreichende Trinkmenge (z.B. heisser Tee), Ibuprofen, Nachkontrolle in 3 Tagen
D. Körperliche Schonung, ausreichende Trinkmenge (z.B. heisser Tee), Ibuprofen, Nachkontrolle in 3 Tagen, orales Penicillin für 10 Tage

Richtig ist C. Unter symptomatischer Therapie besteht bei diesem jungen Mann ohne Grundkrankheiten eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine komplikationslose Spontanheilung der akuten Tonsilliti

Fallvorstellung 2

Zwei Stunden später meldet sich nochmals eine Patientin notfallmässig in Ihrer Praxis. Diesmal ist es eine 32-jährige Coiffeuse, welche seit 4 Tagen unter starken Halsschmerzen leidet, eher linksbetont. Sie hat eine ausgeprägte Odynophagie, vor allem beim Essen von sauren Speisen, und kann sich kaum noch ernähren. Sie gibt weder Husten, Schnupfen noch Kopfschmerzen an.
Persönliche Anamnese: Atopische Dermatitis. Keine Allergien.
Medikation: Keine regelmässigen Medikamente
Vitalparameter: BD 115/65, Puls 84, regelmässig, SO2 98%, Temperatur: 37,4 °C., Grösse 172 cm, Gewicht 62kg
Klinischer Status: Halspalpation unauffällig. Kein Exanthem. Herz-, Lungen- und Abdomen-Untersuchung bland.

Abb. 2 Mundinspektion

Frage:

1. Welche primären diagnostischen Abklärungen führen Sie durch?
A. Serologische Abklärungen
B. Streptokokken-Schnelltest
C. Hämatogramm mit differenziertem Blutbild, Leberwerte
D. Rachenabstrich mit Gram-Färbung

Die beste Antwort ist D. Wenn sich in der Gram-Färbung Spirochäten und fusiforme Bakterien zeigen, kann die Diagnose einer Angina Plaut-Vincent gestellt werden. Antwort A ist ebenfalls richtig. Differentialdiagnostisch kommt bei einer einseitigen, ulcerösen Tonsillitis z.B. auch ein luetischer Primäraffekt in Frage, so dass eine Lues-Serologie angezeigt ist. Sekundär müssen im Verlauf unter anderem ein Lymphom oder ein Tonsillenkarzinom ausgeschlossen werden.

Diskussion

Bei Patienten mit einer akuten Tonsillitis stellt sich grundsätzlich die Frage, ob neben einer suffizienten symptomatischen Therapie die Behandlung mit einem Antibiotikum notwendig ist. Da es bei der Inspektion schwierig ist, eine virale von einer bakteriellen Tonsillitis zu unterscheiden, insbesondere von einer Streptokokken-Gruppe-A-Tonsillitis, kann als erster Schritt z.B. der McIsaac-Score zu Hilfe genommen werden. Bei einem hohen Score wird die Wahrscheinlichkeit grösser, dass ein positiver Rachenabstrich für Gruppe-A-Streptokokken vorliegt. Differenzialdiagnostisch ist immer auch eine Mononukleose möglich. Bei einem McIsaac-Score von 3 oder mehr Punkten wird empfohlen, ergänzend einen Streptokokken-Schnelltest durchzuführen. Ist dieser Schnelltest positiv, darf von einer Tonsillitis der Streptokokken-Gruppe A ausgegangen werden. Kann nun also die Behandlung mit einem Antibiotikum den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, sprich, wird eine raschere Heilung erreicht und werden Komplikationen vermieden? Es konnte gezeigt werden, dass eine Streptokokkenangina unter symptomatischer Therapie eine hohe Spontanheilung aufzeigt. Bei der Behandlung mit einem Antibiotikum kann die Spontanheilung innert durchschnittlich 7 Tagen auf 6 Tage reduziert werden, was also einem Gewinn von etwa einem Tag entspricht. Zudem kann eine Therapie mit einem Antibiotikum Komplikationen wie einen Peritonsillarabszess nicht verhindern. Daneben ist das akute rheumatische Fieber, ursprünglich der Hauptgrund für die Behandlung der Streptokokkenangina mit einem Antibiotikum, in unseren Breitengraden zu einer Rarität geworden.
Zusammengefasst wird heute empfohlen, eine akute Tonsillitis primär rein symptomatisch zu behandeln. Im Sinne einer rationalen Antibiotikatherapie ist bei der Streptokokkenangina die Behandlung mit einem Antibiotikum in den meisten Fällen nicht oder nur zeitlich verzögert indiziert. Hingegen gehört neben einer suffizienten Analgesie bei der Behandlung der akuten Tonsillitis auch die Aufklärung des Patienten dazu, weshalb kein Antibiotikum notwendig ist, und welche Vorteile er hat, wenn nicht mit einem Antibiotikum behandelt werden muss. Selbstredend müssen immer die klinische Situation berücksichtigt werden (schwere Erkrankung, Immunsuppression, ungewöhnlicher Verlauf, akutes rheumatisches Fieber in der Anamnese, u. a. m.) und Warnsignale wie einseitig vorgewölbter Gaumenbogen, einseitig geschwollener und geröteter Hals, schwere Allgemeinerkrankung (Peritonsillarabszess, Abszedierung der Halslymphknoten, Lemierre-Syndrom etc.) erkannt werden.
Beim zweiten Notfall, dem der Patientin mit einer unilateralen ulzerösen Tonsillitis, liegt eine Angina Plaut-Vincent vor. Der Name stammt vom deutschen Bakteriologen H.C. Plaut und dem französischen Arzt und Epidemiologen J.H. Vincent. Diese Mischinfektion wird durch Spirochäten und Fusobakterien ausgelöst, welche am einfachsten in einer Gram-Färbung nachgewiesen werden können. Die Erkrankung ist relativ selten und zeigt meist einen eindrücklichen lokalen Befund. Die Behandlung hängt vom klinischen Zustandsbild ab und reicht von lokalen Antiseptika bis hin zu einer Therapie mit oralen Antibiotika, zum Beispiel mit Penicillin. Differenzialdiagnostisch muss man bei einer einseitigen ulzerösen Tonsillitis unter anderem auch an einen syphilitischen Primäraffekt denken und eine Lues-Serologie veranlassen. Je nach Verlauf müssen zudem ein Tonsillenkarzinom oder ein Lymphom ausgeschlossen werden.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christoph Schlegel-Wagner

Klinik für Hals-Nasen-Ohren- und Gesichtschirurgie (HNO)
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6004 Luzern

christoph.schlegel@luks.ch

Keiner in Zusammenhang mit diesen Fallbesprechungen.

  • Eine Streptokokken-Gruppe-A-Angina muss in den meisten Fällen nicht oder nur verzögert mit einem Antibiotikum behandelt werden.
  • Das akute rheumatische Fieber als Folge einer Streptokokkenangina ist in Europa eine Rarität geworden. Dieser Umstand unterstreicht den rationalen Einsatz von Antibiotika bei einer Streptokokkenangina.
  • Bei einer unilateralen, ulzerösen Tonsillitis stehen bei der Differenzialdiagnose die Angina Plaut-Vincent, der luetische Primäraffekt, das Tonsillenkarzinom und das Lymphom im Vordergrund.

1. Hofmann Y, Berger H et al. Behandlung der Streptokokkenangina. Swiss Med Forum. 2019;19(2930):481-488
2. ESCMID Sore Throat Guideline Group, Pelucchi C, Grigoryan L, et al. Guideline for the management of acute sore throat. Clin. Microbiol. Infect. 2012;1–28.
3. McIsaac WJ et al. A clinical score to reduce unnecessary antibiotic use in patients with sore throat. CMAJ. 1998 Jan 13; 158(1): 75–83

Suche nach Fernmetastasen beim neudiagnostizierten Mammakarzinom

Jahrzehntelang waren bei der Diagnose eines Mammakarzinoms Stagingabklärungen zur Suche nach Fernmetastasen etabliert, üblicherweise wurde hierfür neben einem Röntgen des Thorax eine Oberbauchsonographie und eine Skelett­szintigraphie durchgeführt. Dies mit der Intention, bei metastasierten Patientinnen, welche keine Chance auf Heilung haben, eine Übertherapie zu vermeiden. Im Weiteren sollen die aktuelle Studienlage und die Empfehlungen der interna­tionalen Guidelines (1- 3) zur Frage, welche Patientin welche Abklärungen zum Staging erhalten sollte, diskutiert werden.

Pendant des décennies, lors d’un diagnostic de cancer du sein, un bilan d’ extension était effectué avec radiographie des poumons, échographie de l’abdomen supérieur et scintigraphie osseuse. L’objectif était d’exclure un état métastatique déjà présent, sans chance de guérison, afin d’éviter un sur-traitement. L’article examinera l’état actuel des recherches et recommandations dans les guide-lines internationaux (1-3) pour le bilan d’extension (« staging  ») en termes de pertinence et contenu (quels examens pour quelle patiente ?).

Wie häufig werden Fernmetastasen bei der Erstdiagnose entdeckt?

Nicht überraschend ist die Tatsache, dass die Detektionsraten von Fernmetastasen mit dem Tumorstadium bei der Primärdiagnose korrelieren. In Frühstadien ist die Detektionsrate sehr gering, sie beträgt beispielsweise in einer aktuellen Metaanalyse beim konventionellen Routine-Staging bei Patientinnen im Tumor-Stadium I lediglich ca. 1,0% und im Stadium II 1,9% (4). Bei höheren Tumorstadien ist die Rate nachweisbarer Fernmetastasen wesentlich höher, in der erwähnten Metaanalyse fand sich bei asymptomatischen Patientinnen mit einer Erkrankung im Stadium III eine mediane Prävalenz von 21%.

Falsch positive Raten (FPR)

Die Rate von falsch positiven Befunden bei Staging-Untersuchungen ist hoch. Aus älteren Studien wissen wir, dass diese je nach Untersuchungsmethode variieren von FPR bei der Sklettszintigraphie von 10-22%, bei der Oberbauchsonographie von 33-66% und beim Thorax Röntgen von 0-23% (5). Auch das Staging mittels CT bringt keine Verbesserung mit ebenfalls hohen FPR bis zu 26% (6). Im Rahmen eines Routine-Stagings muss aufgrund der hohen Rate falsch positiver Befunde damit gerechnet werden, dass ungefähr jede zehnte Frau weitere teils invasive Abklärungen benötigt und unnötige belastende Zeit mit Angst vor einer potentiellen metastasierten Erkrankung erfahren muss ohne dass sich die Verdachtsdiagnose bestätigen lässt (7).

Welchen Einfluss hat die Tumorbiologie auf die Detektionsrate?

Einige Studien geben Hinweise, dass eine ungünstige Tumorbiologie (triple-negativ und Her2-positiv) ein unabhängiger Risikofaktor für das Vorliegen für Fernmetastasen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose ist (8, 9). Andere Studien konnten diesen Zusammenhang nicht nachweisen (10, 11).
Relevant kann dies v.a. im Stadium II sein, welches nur aufgrund des klinischen Tumorstadiums keinem Staging zugeführt würde und so bei ungünstiger Tumorbiologie evtl. metastasierte Patientinnen verpasst würden.

18FDG-PET-CT versus konventionelles Staging

Die Bildgebung mit 18FDG-PET-CT zeigt besonders bei Patientinnen im klinischen Stadium III häufiger Fernmetastasen und periklavikuläre Lymphknotenmetastasen als das konventionelle Staging (12, 13). Im Vergleich zum konventionellen Staging zeigt sich nicht nur eine bessere Sensitivität (97% PET versus 85% konventionellen Staging) sondern auch in der Spezifität (91% PET versus 67% konventionellen Staging) (14).
Der Therapieplan ändert sich durch ein PET-CT bei etwa 15-30% der Patientinnen im Sinne einer veränderten adjuvanten Radiotherapie oder eines Wechsels von einem adjuvanten zu einem palliativen Therapiekonzept (15). Ob sich die Behandlung der Patienten dadurch verbessert ist unklar, prospektive Daten dazu sind nicht vorhanden. Diskutiert wird hier auch die Gefahr einer allfälligen Untertherapie. Da aktuell unklar ist ab wann Mammakarzinomerkrankungen nicht mehr kurativ behandelbar sind (Vorhandensein von Tumorzellen, Mikrometastasen, Oligometastasen) bekommt auch die Definition von cM0 eine neue Bedeutung.
Im Kontext der aktuellen immer wirksameren adjuvanten Therapien ist es vorstellbar, dass eine Überdiagnose von Fernmetastasen durch ein sensitiveres Staging (inkl. PET-CT) nicht vor Übertherapie bei unheilbarer Krankheit schützt, sondern zu Untertherapie bei potentiell heilbaren Patienten führt (16). Diese Erkenntnisse werden durch die aktuellen Guidelines unterschiedlich widerspiegelt, aktuell ist ein Staging-PET-CT jedenfalls kein akzeptierter Standard.

Staging beim Lokalrezidiv

Etwa ein Drittel der Patienten mit einem Lokalrezidiv haben zum Zeitpunkt ihres lokoregionären Ereignisses eine synchrone Fernmetastasierung und dies ist bereits in Frühstadien der Fall (in 23% bei T1 N0, in kürzlich publizerten Basler Daten (17)). Aus diesem Grund ist die routinemässige Umgebungsabklärung eine wichtige Voraussetzung für die Planung einer weiteren Therapie.

Kosten des Stagings

Die modernen Abklärungsmethoden (CT, PET) sind in den letzten Jahren günstiger und besser verfügbar geworden und haben sich dem Preisniveau dem konventionellen Staging angenähert. Momentan sind die ungefähren Kosten für das konventionelle Staging-Paket (Rx, US, Szinti) mit ca. CHF 670 im ähnlichen Bereich wie ein CT Thorax/Oberbauch 630 CHF. Ein PET-CT hat weiterhin höhere Kosten im Bereich von ca. CHF 2500.

Was sagen die Guidelines?

Alle Richtlinien empfehlen Anamnese und klinische Untersuchung als Basis und bei Symptomen weitere Abklärungen zu indizieren. Die vielerorts noch immer angewandte Praxis, bei allen Patientinnen präoperativ ein «laborchemisches Screening» mit dem Tumormarker CA 15-3 durchzuführen, sollte wegen erwiesener Ineffizienz (18) verlassen werden und wird in keiner Guideline empfohlen. Alle Guidelines empfehlen im Stadium I keine bildgebende Metastasensuche, ausser beim klinischen Verdacht. In den NCCN (1) wird erst ein Staging ab Stadium III, in den S3 Leitlinie (2) und ESMO (3) wird ab Stadium II ein Staging empfohlen falls Risikofaktoren vorliegen (d.h. ungünstige Tumorbiologie). Gemäss der S3 Leitlinie soll das Ganzkörperstaging generell mittels CT Thorax/Abdomen und Skelettszintigraphie erfolgen. Das PET CT wird in den NCCN Guidelines nur bei spezieller Fragestellung bezüglich dem Lymphknotenstatus und gemäss ESMO als alternative Bildgebung in fortgeschrittenen Stadien oder vor neoadjuvanter Therapie erwähnt (Tab. 1).

Wie werden Staging Untersuchungen in der Schweiz angewendet?

Die teils erheblich unterschiedlichen Guidelines widerspiegeln sich auch in der Tatsache, dass diese sehr unterschiedlich angewendet werden. Eine Umfrage von Dr. Andreas Müller (Onkologie KSW) von 2017 zeigte, dass die tägliche Routine in den Schweizer Brustzentren unterschiedlich aussieht und sich deutlich unterscheidet von den universitären- zu den nichtuniversitären Zentren, welche zwar in Frühstadien konsequenter gänzlich auf Staging verzichten, jedoch bei höheren Tumorstadien das PET-CT deutlich häufiger einsetzen (Abb. 1).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Rahel Hiltebrand

Stv. Leiterin Brustchirurgie
FMH Gynäkologie und Gebursthilfe
Brustzentrum Ostschweiz
Schuppisstrasse 10
9016 St. Gallen

Die Autorin hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenkonflikte bekundet.

  • Obwohl geeignete Staging-Untersuchungen bei Patienten mit neu diagnostiziertem Mammakarzinom bei der Planung einer angepassten Behandlung helfen können, kann eine übermässige Verwendung zu unnötigen invasiven Biopsien, unnötiger Exposition gegenüber potenziell schädlicher Strahlung durch die Bildgebung, psychischer Not, erhöhter Angst und möglichen Verzögerungen bei der Behandlung führen.
  • Staginguntersuchungen sollen deswegen bei asymptomatischen Patientinnen im Stadium I auch bei ungünstiger Tumorbiologie aufgrund der geringen Inzidenz von Fernmetastasen nicht durchgeführt werden.
  • Ab Stadium II können Risikofaktoren (Tumorbiologie) mitberücksichtigt werden.
  • Ab Stadium III ist ein generelles Staging empfohlen, ein PET CT kann bei lokal fortgeschrittenem oder inflammatorischem Mammakarzinom oder vor neoadjuvanter Chemotherapie alternativ eingesetzt werden.
  • Generell gibt es keine Daten mit der Fragestellung ob sich durch Stagingabklärungen die Behandlung von Brustkrebspatientinnen verbessern lässt oder ein positiver Effekt auf das Overall-Survival erzielt werden kann.

Messages à retenir

  • D’une part, un staging de départ adéquat chez une patiente avec un diagnostic de cancer du sein peut contribuer à planifier un traitement adapté. Mais d’autre part, un staging surdimensionné peut aboutir à des prélèvements invasifs non-nécessaires, exposer inutilement la patiente à des rayons potentiellement nocifs dus à l’imagerie, générer un stress psychologique et une angoisse augmentée et éventuellement retarder le début du traitement.
  • Par conséquent, chez les patientes avec un cancer du sein au stade I, par ailleurs asymptomatiques, un bilan d’extension ne devrait plus être effectué, même en cas de biologie tumorale défavorable (HER2-pos, triple négatif), car le risque de métastases à distance est très faible.
  • Dès le stade II, des facteurs de risque (biologie tumorale) peuvent être pris en compte pour proposer un staging.
  • Dès le stade III un staging traditionnel (« conventionnel » dans l’article) est en principe recommandé. En cas de cancer localement avancé ou inflammatoire ou avant une chimiothérapie néo-adjuvante, un PET-CT offre une alternative intéressante.
  • Il n’existe pas de données examinant la question de savoir si les procédures de staging améliorent effectivement le traitement des patientes avec un cancer du sein ou obtiennent un effet positif sur la survie globale.

1. National Comprehensive Cancer Network. Breast Cancer. Version 1.2018. Download am 20.11.2018: https://www.nccn.org/professionals/physician_gls/default.aspx #breast.
2. Leitlinie Früherkennung, Diagnose, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, Version September 2020. Download am 20.09.2020.
https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/mammakarzinom/
3. Cardoso, F. et al. Early breast cancer: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up†. Ann. Oncol. 30, 1194–1220 (2019).
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13. Groheux, D. et al. The yield of 18F-FDG PET/CT in patients with clinical stage IIA, IIB, or IIIA breast cancer: a prospective study. J. Nucl. Med. Off. Publ. Soc. Nucl. Med. 52, 1526–1534 (2011).
14. Niikura, N. et al. FDG-PET/CT compared with conventional imaging in the detection of distant metastases of primary breast cancer. The Oncologist 16, 1111–1119 (2011).
15. Klaeser, B. et al. Therapeutic impact of 2-[fluorine-18]fluoro-2-deoxy-D-glucose positron emission tomography in the pre- and postoperative staging of patients with clinically intermediate or high-risk breast cancer. Ann. Oncol. Off. J. Eur. Soc. Med. Oncol. 18, 1329–1334 (2007).
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Entwicklungen in der Systemtherapie bei Tumoren des Kopf-Hals-Bereichs

Trotz intensiver multimodaler Therapie kommt es bei ca. 30% der Patienten mit lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs (LAHNSCC) zu Lokalrezidiven oder Fernmetastasierung (r/m HNSCC). In einigen Fällen besteht die Möglichkeit, die Patienten mit einer Salvage-Operation oder Re-Bestrahlung nochmals in kurativer Intention zu behandeln. Die Mehrheit der Patienten befindet sich jedoch in einer Palliativsituation.

Malgré un traitement multimodal intensif, une récidive locale ou une métastase à distance (HNSCC r/m) survient chez environ 30% des patients atteints d’un carcinome épidermoïde de la tête et du cou (LAHNSCC) localement avancé. Dans certains cas, il est possible de traiter à nouveau les patients par une chirurgie de sauvetage ou une ré-irradiation à visée curative. Cependant, la majorité des patients sont en situation de soins palliatifs.

Die in 2008 publizierte «Extreme» Studie galt über viele Jahre als Standardbehandlung. Durch Zusatz des gegen EGFR-gerichteten monoklonalen Antikörpers (mAk) Cetuximab zur Chemotherapie mit Platin und 5-Fluorouracil (5-FU) konnten das Gesamtüberleben, das progressionsfreie Überleben und die Ansprechsraten signifikant verbessert werden. Das Gesamtüberleben in dieser Studie betrug 10.1 Monate (1).
Seit der Publikationen von Checkmate 141 Studie in 2016 und von Keynote 048 Studie in 2019 haben sich Checkpoint-Inhibitoren (CPI) in Behandlung von r/m HNSCC etabliert (2, 3). Weitere Studien im sowohl palliativen wie auch im kurativen Setting sind am Rekrutieren oder haben die Rekrutierung abgeschlossen und die Resultate werden erwartet. Die Ergebnisse von zwei Studien, welche die Rolle von Checkpoint-Inhibitoren in Behandlung von frühen Stadien untersucht haben, sind erstmals am ESMO 2020 präsentiert worden.

Checkpoint-Inhibitoren in der Erstlinientherapie des r/m HNSCC

Die frühen Daten betreffend die Wirksamkeit vom anti-PD-1 Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab (P) kamen aus den initialen und erweiterten Kohorten der Keynote 012, einer Phase 1b Basket-Studie. Die Resultate der beiden Kohorten mit Patienten mit r/m HNSCC wurden zusammen analysiert. Das mediane Überleben war 8 Monate (95% CI 6-10 Monate) und die Ansprechsraten 18% (95% CI, 13-24) mit prolongierter Dauer des Ansprechens. Die Daten zeigten zudem, dass PD-L1 combined positive score (CPS) ein prädiktiver Faktor für das Ansprechen und für das Überleben ist. Für die Berechnung des PDL-1 CPS werden die PD-L1 exprimierenden Zellen (Tumorzellen, Immunzellen und Makrophagen) zusammengezählt, durch Anzahl der Zellen im untersuchten Präparat dividiert und mit 100 multipliziert (4).
Keynote 048 war eine randomisierte Phase 3 Studie für die Patienten mit Fernmetastasierung oder Lokalrezidiven ohne Möglichkeit einer kurativ intendierten Behandlung (3). Der Zeitpunkt des Rezidivs. musste mindestens 6 Monate nach dem Abschluss der initialen Behandlung aufgetreten sein. Insgesamt wurden 882 Patienten 1:1:1 randomisiert: Pembrolizumab Monotherapie (P), Pembrolizumab in Kombination mit Platin und 5-FU (P+C) oder der bisherige Standard (SoC) mit Cetuximab, Platin und 5-FU nach Extreme Schema (E) (Abb. 1).
Die Stratifizierung erfolgte nach der PD L-1 Expression, HPV Status und ECOG Status. Die Endpunkte waren das Gesamtüberleben und das progressionsfreie Überleben für die Gesamtpopulation und für die Gruppen mit einem PD L-1 CPS von ≥1 und ≥ 20.
Circa 85% der Patienten hatten ein CPS≥ 1 und ca. 44% ein CPS≥ 20. Etwa 20% der Patienten waren p16 positiv und 80% waren aktive oder ehemalige Raucher.
Im P+C vs. E Arm zeigte sich in allen Protokoll-definierten Gruppen eine signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens. Für die Gesamtpopulation betrug das Überleben für P+C vs. E 13.0 vs. 10.7 Monate, was mit einer hazard ratio (HR) von 0.77 (95% CI 0.63-0.93), und einem p=0.034 signifikant war. In der Gruppe von Patienten mit einem CPS≥1 war das Gesamtüberleben 13.6 vs. 10.4 Monate (HR 0.65, [95% CI 0.53-0.80], p<0.0001) und bei Patienten mit einem CPS≥20 14.7 vs. 11 Monate (HR 0.60 [0.45-0.82] p=0.0004) (Abb. 2).
Das progressionsfreie Überleben (PFS) und das objektive Ansprechen (ORR) wurden gegenüber dem Kontrollarm in keiner der nach CPS aufgeteilten Gruppen verbessert. Bei den Patienten, bei welchen es zu einem objektiven Ansprechen kam, dauerte dieser im P+C Arm länger als im E Arm (6.7 vs. 4.3 Monate in der Gesamtpopulation, 6.7 vs. 4.3 in CPS≤ 1 Gruppe und 7.1 vs. 4.2 Monate in der CPS ≥  Gruppe).
Die Pembrolizumab Monotherapie verbesserte bei Patienten mit einem CPS≥ 20 das mediane Überleben um 4 Monate (14.9 vs. 10.7, HR 0.61 [0.45-0.83], p = 0.0007) und bei Patienten mit einem CPS≥ 1 um 2 Monate (12.3. vs. 10.3, HR 0.78 [0.64-0.96], p = 0.0086). In der Gesamtpopulation war die Therapie mit P gegenüber dem Standardarm nicht unterlegen (11.6. vs. 10.7 Monate; HR 0.85 [0.71-1.03]) (Abb. 3). Die Ansprechraten unter einer Monotherapie mit Pembrolizumab sind wesentlich tiefer im Vergleich zum Kontrollarm (23% vs. 36% in der Gruppe mit CPS≥ 20 und 17%vs. 36% in der Gruppe mit CPS ≤ 1). Die Dauer des Ansprechens ist länger im P vs. E Arm (Abb. 4).
Bezüglich der Verträglichkeit zeigte der Chemotherapie-freie Arm P das günstigste Toxizitätsprofil mit wenigsten Nebenwirkungen Grad 3 oder höher (55%). Toxizität Grad 3 oder höher im P+C and im E+C Arm war 85% und 83%.
Die Langzeitdaten nach 48 Monaten Beobachtungszeit bestätigten die anhaltende signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens (5). Im P Arm war das Gesamtüberleben nach 48 Monate für Gruppen mit CPS≥2 0, CPS ≥1 und für die Gesamtpopulation 21.6%, 16.7% und 15.4 % verglichen mit 8.0%, 5.9% und 6.6% im E.
Im P+C Arm war das Gesamtüberleben nach 48 Monaten 28.6%, 21,8% und 19.4% für CPS≥ 20, CPA≥1 und für die Gesamtpopulation, verglichen mit 6.6%, 4.1% und 4.5% im Standardarm.
Am AACR 2019 wurden zusätzlich die Daten für die Subgruppen von Patienten mit einem CPS<1 sowie einem CPS zwischen 1-19 diskutiert. Zu bedenken ist, dass bei diesen retrospektiven Analysen die Patientenzahlen pro Gruppe relativ klein sind.
In der Gruppe von Patienten mit einem CPS<1 war P (n=44) in allen Hauptendpunkten dem Kontrollarm E (n=45) unterlegen. Das mediane Überleben war im P mehr als drei Monate kürzer als im E Arm (7.9 vs. 11.3 Monate, HR 1.05 [CI 0.96-2.37]). Sowohl das objektive Ansprechen wie auch das progressionsfreie Überleben waren höher im E (ORR 42.2 % vs. 4.5% und PFS 6.2 vs. 2.1 Monate (HR 4.31 [CI 2.63-7.08]). In der Gruppe mit einem CPS 1-19 war das Gesamtüberleben für P vs. E vergleichbar (10.8. vs. 10.1 ; HR 0.86 [0.66-1.12]). Die Ansprechraten waren im P Arm wesentlich tiefer (18% vs. 45%) und PFS kürzer (2.2 vs. 4.9. Monate, HR 1.25 [0.96-1.61]).
Im P+C Arm war in der Gruppe mit CPS<1 das mediane Überleben gegenüber E vergleichbar (11.7. vs. 10.7, HR 1.21 [0.76-1.94]). Ähnlich waren für P+C vs. E auch das Ansprechen (12% vs. 17%) und das progressionsfreie Überleben (4.7 vs. 6.2)
In der Gruppe mit CPS≥ 1-19 war das Gesamtüberleben im P+C höher als im E (12.7 vs. 9.9 Monate, HR 0.71 [0.54 vs. 0.94]). Das progressionsfreie Überleben war mit 4.9 Monaten in beiden Armen gleich (HR 0.93 (0.71-1.21)) und PFS numerisch etwas höher im E als in P+C Arm (42% vs. 34%).

Abgeschlossene Studien in der Erstlinientherapie bei r/m HNSCC

Mehrere Studien in der Erstlinientherapie haben die Rekrutierung abgeschlossen und die Resultate werden erwartet.
Checkmate 651 ist eine randomisierte Phase 3 Studie in welcher 950 Patienten mit r/m HNSCC entweder in den Studienarm mit Ipilimumab und Nivolumab, oder in den Standardarm mit Cetuximab, Platin und 5FU randomisiert worden sind. Die Rekrutierung ist abgeschlossen.
KESTREL ist eine dreiarmige Studie bei platin-sensitiven Patienten die in den Arm mit Durvalumab und Tremelimumab, Durvalumab Monotherapie oder Extreme randomisiert worden sind. Auch da werden die Resultate erwartet.
INDUCE-3 ist eine Phase 2/3 Studie in welcher Pembrolizumab in Kombination mit entweder Studienmedikament GSK609 oder Placebo geprüft wird. GSK609 ist ein IgG4 Antikörper mit agonistischer Wirkung auf T-Cells Inducible Co-Stimulatory Rezeptor (ICOS). ICOS ist involviert in Proliferation und Differenzierung von T-Zellen und wird auf den tumor-infiltrierenden Lymphozyten exprimiert. Die Rekrutierung ist im Oktober 2020 erreicht worden.

Checkpoint-Inhibitoren in kurativer Therapie der lokal fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren (LAHNSCC)

Der Stellenwert von Checkpoint-Inhibitoren in kurativ intendierter Therapie von LAHNSCC ist noch unklar und wird in mehreren laufenden Studien untersucht. Am ESMO 2020 sind zum ersten Mal zwei randomisierte Studien präsentiert worden. Diese Studien haben ihre Endpunkte nicht erreicht.
GORTEC 2015-01 («PembroRad») ist eine randomisierte Phase 2 Studie in welche 131 Patienten mit LAHNSCC Stadium III-IVb eingeschlossen worden sind.
Nur die Patienten, die für eine konkomitierende Radiochemotherapie (RCT) mit hochdosiertem Cisplatin nicht qualifiziert haben konnten in der Studie teilnehmen.
Die Patienten erhielten konkomitierend zu Radiotherapie (RT) entweder Pembrolizumab 200 mg q3w (P-RT) oder Cetuximab nach üblichem Schema (400 mg/m2d1, danach 250 mg/m2 wöchentlich) (C-RT). Es gab keine Erhaltungstherapie. Der primäre Endpunkt war die lokoregionäre Kontrolle (LRC) nach 15 Monaten. Es gab keinen Unterschied zwischen den beiden Armen (LRC von 59% im C-RT und 60% im P-RT Arm. HR = 1.05 (95%CI: 0.43- 2.59, p = 0.91).
Auch bezüglich des progressionsfreien Überlebens waren beide Arme gleich. Nach 2 Jahren waren 40% der Patienten im C-RT Arm und 42% im P-RT Arm progressionsfrei. Das Gesamtüberleben war mit HR=0.83 (95%CI:0.49-1.4, p=0.49) nicht signifikant verbessert. Nach 2 Jahren lebten 55% der Patienten im C-RT Arm vs. 62%im P-RT Arm (7) (Abb. 5). JAVELIN ist eine Phase 3 Studie für Patienten mit LAHNSCC Stadium III-IVb. Die Patienten sind mit konkomitierender definitiver RCT (70 Gy, Cisplatin 100 mg/m2 q3w) behandelt worden und erhielten zusätzlich entweder den anti-PD-L1 Antikörper Avelumab oder Placebo. Avelumab (10 mg/kg) wurde einmalig vor Beginn der RCT (lead-in), danach jede 2 Wochen konkomitiered zur RCT, und anschliessend während eines Jahres als Erhaltung gegeben.
Die Resultate der interim Analyse zeigen keine Verbesserung des Gesamtüberlebens bei einer HR von 1.31 (95% CI: 0.93-1.85) und einem p = 0.937. Das progressionsfreie Überleben wurde nicht verbessert (HR 1.21, [95%CI:0.93-1.57], p = 0.920). Toxizität Grad ≥ 3 war höher im Avelumab Arm. Aufgrund dieser Daten wurde die Studie frühzeitig gestoppt (6) (Abb. 6).

Neoadjuvante Immuntherapie gefolgt von Operation

Im Verlauf drr letzten 10 Jahre haben mehrere Studien die Rolle der neoadjuvanten Chemotherapie vor definitiver Radiochemotherapie geprüft. Die Ansprechraten waren hoch und die Fernmetastasierung konnte reduziert werden, jedoch zeigte sich wiederholt, dass neoadjuvante Chemotherapie das Gesamtüberleben nicht verbessert. Die neoadjuvante Chemotherapie hat heute einen Stellenwert als eine der Optionen in Therapie des Larynxkarzinoms.
Nun wird in laufenden Studien die Rolle einer präoperativen Immuntherapie geprüft. Eine vor kurzem publizierte randomisierte Phase 2 Studie prüfte die Rolle einer präoperativen neoadjuvanten Immuntherapie. Insgesamt 29 Patienten mit Stadium II-IVA wurden eingeschlossen, davon 14 in den Arm mit Nivolumab Monotherapie (N) und 15 in den Arm mit der Kombination von Nivolumab/Ipilimumab (N+I). Alle Patienten erhielten 2 Zyklen Nivolumab. Ipilimumab wurde im Arm N+I nur im ersten Zyklus gegeben. Die Nebenwirkungen Grad 3 und 4 traten in insgesamt 7 Patienten vor. Bei keinem Patienten musste die Operation verschoben werden.
Es wurden das Ansprechen gemäss RECIST, volumetrisches Ansprechen sowie pathologisches Ansprechen evaluiert. Das pathologische Ansprechen wurde in 54% der Patienten im N und 73% im N+I beschrieben. Die geplanten Operationen konnten wie vorbereitet durchgeführt werden, auch bei drei Patienten bei welchen es unter Immuntherapie zum Progress kam (8).
Am ESMO 2020 wurden die ersten Daten der Phase 1b/2 Studie IMCISION präsentiert. Bei 32 Patienten im Stadium II-IVB war eine kurativ intendierte Operation geplant, davon handelte es sich bei sechs Patienten um eine Salvage-Operation nach einer RCT. Die Patienten erhielten präoperativ entweder zwei Zyklen Nivolumab (240 mg) oder einen Zyklus Nivolumab und Ipilimumab (1mg/kg) gefolgt von einem Zyklus mit nur Nivolumab. Bei acht Patienten im Kombinationsarm und einem Patienten im Nivolumab-Arm zeigte sich ein fast vollständiges pathologisches Ansprechen (near complete pathological response, ncPR) definiert als Reduktion des «viablen» Anteils der Tumorzellen von 90% oder mehr. Weitere 31% hatten ein pathologisches Ansprechen zwischen 20-89%. Bei den Patienten mit einer nCPR kam es im bisherigen Beobachtungszeit zu keinen Rezidiven (9).

Weitere neue Substanzen

Xevinapant (Debio 1143)
Xevinapant ist ein Antagonist von «Inhibitor of Apoptosis Proteins» (IAPs). Die Patienten mit nicht operablem LAHNSCC Stadium III-IVB sind mit konkomitierender RCT behandelt worden. Zusätzlich erhielten sie Xevinapant (D1-14 für 3 Zyklen) oder Placebo.
Am ESMO 2020 präsentierte Daten zeigten eine Verbesserung der lokoregionären Kontrolle (LRC) mit einer HR von 0.47 ([CI 0.19-1.15]; p = 0.095). Das mediane progressionsfreie Überleben ist im Xevinanapant-Arm nicht erreicht und im Placebo-Arm 16.9 (HR 0.34 [0.17-0.68] p = 0.0023). Auch das mediane Überleben konnte signifikant verlängert werden (not reached vs. 36.1. Monate, HR 0.49 [0.26 vs. 0.92], p = 0.0261). Die Phase 3 Studie mit Xevinapant ist am Rekrutieren (10).

Rekrutierende Studien bei lokal fortgeschrittenen HNSCC

Keynote 689 ist eine randomisierte Phase 3 Studie für die Patienten mit LA HNSCC Stadium III-IVA welche mit einer Operation gefolgt von der Radiotherapie oder Radiochemotherapie behandelt werden sollen. Im Studienarm erhalten die Patienten Pembrolizumab neoadjuvant, danach konkomitierend zur adjuvanten RT oder RCT und anschliessend als Erhaltungstherapie.

Zusammenfassung: Erstlinientherapie bei r/m HNSCC und erste Daten im kurativen Setting

Die Studie Keynote 048 hat Pembrolizumab in Kombination mit Platin und 5FU oder als Monotherapie als Standard für Patienten in der Erstlinientherapie von r/m HNSCC etabliert. Die Wahl zwischen diesen beiden Optionen soll unter Berücksichtigung von CPS, Allgemeinzustand des Patienten, Symptomatik und dem Tumorload getroffen werden.
Die Kombination von Pembrolizumab mit Chemotherapie kann empfohlen werden für die Patienten bei welchen diese Therapie von Seite des Allgmeinzustandes und Komorbiditäten vertretbar ist, und insbesondere, wenn ein objektives Ansprechen erreicht werden soll. Diese Empfehlung basiert auf dem verbesserten Gesamtüberleben in den Gruppen mit CPS ≥ 1, CPS ≥ 20 sowie in der Gesamtpopulation bei vergleichbarem progressionsfreiem Überleben und Ansprechraten. In der Subgruppe der Patienten mit CPS<1 gab es im Vergleich zu Extreme keinen Unterschied in Bezug auf das Gesamtüberleben oder progressionsfreies Überleben. Pembrolizumab Monotherapie hat das Gesamtüberleben in der CPS≥ 20 und CPS ≥ 1 verbessert und ist in der Gesamtpopulation dem Standard nicht unterlegen. Die Ansprechraten sind im P Arm insgesamt, insbesondere aber bei tiefem PD-L1 CPS dem Standardarm E deutlich unterlegen. Bei einem CPS < 1 zeigten die präsentierten, bisher noch nicht publizierten Daten tieferes OS, PFS und ORR für P im Vergleich zu E.
Somit ist eine Chemotherapie-freie Behandlung mit Pembrolizumab Monotherapie eine Option für asymptomatische oder oligosymptomatische Patienten bei welchen aufgrund der Klinik und Lokalisation des Rezidivs kein Bedarf nach einem objektiven Ansprechen besteht und welche ein CPS von mindestens 1 aufweisen. Der Benefit steigt mit steigendem CPS. Das klar ungelöste Problem auch bei diesen neuen Optionen bleibt das objektive Ansprechen, welches bei einer Behandlung mit Pembrolizumab Monotherapie sehr niedrig ist und im P+C im Vergleich zum bisherigen Standard nicht verbessert werden konnte.
Gerade bei Patienten mit r/m HNSCC, bei denen die Lokalrezidive symptomatisch sind und wichtigen Funktionen wie Schlucken, Sprechen oder Atmen beeinträchtigen, wäre das objektive Ansprechen für die Lebensqualität von grosser Bedeutung. Es ist zu hoffen, dass in weiteren Studien mit neuen Substanzen und Kombinationen höhere Ansprechraten erreicht werden. Bezüglich der kurativ intendierten Therapie zeigten bis jetzt präsentierte Daten keinen Vorteil von Kombination von CPI und konkomitierender R(C)T. Die Ergebnisse von weiteren Studien sind ausstehend. Die ersten Daten für Checkpoint-Inhibitoren im neoadjuvanten Setting zeigen interessante Daten bezüglich des objektiven, vor allem pathologischen Ansprechens.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. (HR) Tamara Rordorf

Kantonsspital St. Gallen, Klinik für Hämatologie
und Onkologie und Brustzentrum
Rorschacherstrasse 95
9007 St. Gallen

Die Autorin deklariert Advisory board fees von BMS und MSD.

  •  30% der Patienten mit lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs (LAHNSCC) werden trotz initialer multimodaler Therapie Lokalrezidive oder Fernmetastasierung (r/m HNSCC) entwickeln.
  •  PD-L1 Combined Positive Score (CPS) ist ein prädiktiver Faktor für das Ansprechen und das Überleben.
  • Mit den Studien Checkmate 141 und Keynote 048 haben sich Checkpoint-Inhibitoren (CPI) in Behandlung von r/m HNSCC etabliert.
  • Der Stellenwert von Checkpoint-Inhibitoren in kurativ intendierter Therapie von LAHNSCC ist noch unklar und wird in mehreren laufenden Studien untersucht.

Messages à retenir

  • 30% des patients atteints d’un carcinome épidermoïde de la tête et du cou localement avancé (LAHNSCC) développeront une récidive locale ou des métastases à distance (HNSCC r/m) malgré un traitement multimodal initial.
  • Le score positif combiné PD-L1 (CPS) est un facteur prédictif de la réponse et de la survie.
  • Les études Checkmate 141 et Keynote 048 ont établi l’existence d’inhibiteurs de point de contrôle dans le traitement du HNSCC r/m.
  • Le rôle des inhibiteurs de point de contrôle dans la thérapie curative du LAHNSCC n’est pas encore clair et fait l’objet de plusieurs études en cours.

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5. Greil R, Rischin D, Harrington KJ et al. 915MO Long-term outcomes from KEYNOTE-048: Pembrolizumab (pembro) alone or with chemotherapy (pembro+C) vs. EXTREME (E) as first-line (1L) therapy for recurrent/metastatic (R/M) head and neck squamous cell carcinoma (HNSCC). Annals of Oncology 2020; 31: S660-S661.
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7. Bourhis J, Sire C, Tao Y et al. LBA38 Pembrolizumab versus cetuximab, concomitant with radiotherapy (RT) in locally advanced head and neck squamous cell carcinoma (LA-HNSCC): Results of the GORTEC 2015-01 &#x201c;PembroRad&#x201d; randomized trial. Annals of Oncology 2020; 31: S1168.
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9. Zuur L, Vos JL, Elbers JB et al. LBA40 Neoadjuvant nivolumab and nivolumab plus ipilimumab induce (near-) complete responses in patients with head and neck squamous cell carcinoma: The IMCISION trial. Annals of Oncology 2020; 31: S1169.
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