Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom

Das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKH) ist eine einschneidende Diagnose für Jugendliche mit weitreichenden Konsequenzen. Das MRKH-Syndrom wird meist entdeckt durch das Ausbleiben der Menstruation in der Pubertät und wird in zwei Formen eingeteilt. Als Therapie gibt es die konservativen Dehnungsbehandlungen sowie chirurgisch-minimal invasive Techniken, welche unabhängig des operativen Ansatzes einer intensiven Nachsorge bedürfen.

Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser syndrome (MRKH) is a drastic diagnosis for young people with far-reaching consequences. MRKH syndrome is usually discovered due to the absence of menstruation during puberty and is categorised into two forms. There are conservative stretching treatments as well as surgically minimally invasive techniques, which require intensive aftercare regardless of the surgical approach.

Key words: Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom, Vecchietti Operation, Shears Operation, Dilatation nach Frank, Amenorrhoe

Krankheitsbild

Das MRKH-Syndrom ist eine Anomalie der Müller’schen Gänge. Diese zeichnet sich durch eine angeborene Aplasie des Uterus und der oberen 2/3 der Vagina aus bei einer phänotypisch weiblichen Person mit den Geschlechtschromosomen XX (1). Diese Malformation wurde bereits im 11. Jahrhundert von Albucassis und Avicenna beschrieben, jedoch ist das vollständige MRKH-Syndrom erst seit etwa 150 Jahren bekannt. Der Name wurde 1961 nach der Präzisierung der Definition durch Hauser und Schreiner von «uterus bipartitus solidus rudimentarius cum vagina solida» in Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom geändert, benannt nach den Erstbeschreibern (2). Das MRKH-Syndrom hat eine Inzidenz von 1:5’000, welche in zwei gross angelegten, europäischen epidemiologischen Studien erhoben wurde (3, 4).

Gemäss der ESHRE/ESGE-Klassifikation von 2013 wird die Anomalie als U5 C4 V4 klassifiziert (5). Die ESHRE/ESGE-Guidelines lassen alle Kombinationen von Müller’schen Anomalien klassifizieren (Abb. 1).

Embryologie und Genetik

In der Embryologie bildet sich der paramesonephrische Duct (Müller’scher Gang) ab der 5. / 6. Schwangerschaftswoche aus. Familiäre Konstellationen deuten auf eine monogenetische Ursache hin. Im Weiteren gibt es aber auch Hinweise auf polygenetische und multifaktorielle Faktoren als auch Umgebungsfaktoren sowie regulatorische Mechanismen, wo epigenetische und somatische Ereignisse eine Rolle spielen (6). In Tiermodellen wurden verschiedene Faktoren nachgewiesen. Die sich ständig entwickelnden Möglichkeiten genetischer Abklärung sind mit den Betroffenen zu besprechen und dürften das Wissen um mögliche Faktoren in Zukunft erweitern. Dies dürfte auch von Bedeutung sein, falls die Uterus-Transplantation in Zukunft für Betroffene zur Verfügung stehen wird.

Beim MRKHS werden zwei Formen unterschieden: Typ I, das isolierte Fehlen von Vagina und Uterus (ca. 60 % der Betroffenen) und Typ II, das atypische MRKHS mit asymmetrischer Hypoplasie einer oder beider Uterusknospen sowie Tubendysplasie zusätzlich zur Vaginalaplasie (ca. 40 % der Betroffenen). Diese Form ist mit weiteren Fehlbildungen verbunden, insbesondere im oberen Harntrakt und Skelettsystem. Eine schwerwiegende Form ist die MURCS-Assoziation (Müllerian-Renal-Cervicalthoracic-Somite abnormalities), bei der auch Herzanomalien und Hörverlust auftreten können.

Diagnostisches Work-up und Transition

Die meisten MRKH-Diagnosen werden zwischen dem Alter von 15 und 17 Jahren gestellt, wenn der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin stattfindet. Die diagnostischen Schritte können von jugend-gynäkologisch geschulten PädiaterInnen oder GynäkologInnen eingeleitet werden (Tabelle 1). Nach einer wegweisenden Anamnese folgen Blutuntersuchungen zum Hormonstatus und die Bildgebung. In der Bildgebung hat sich das MRI etabliert, da es mögliche Zusatzanomalien oder kranialisierte Ovarien, welche bei fehlender Vagina sonographisch nicht einfach erhoben werden können, visualisieren lässt (7). Differentialdiagnostisch ist an XY DSD (disorder of sex differenciation) zu denken. Es handelt sich dabei um eine seltene angeborene Genitalfehlbildung beim männlichen Geschlecht. Eine ebenfalls XY-assoziierte Ausprägung kann das CAI-Syndrom sein (CAIS = complete androgen insensitivity syndrome, auch Morris Syndrome genannt), wo eine Mutation im Androgenrezeptor Gen vorliegt. Phänotypisch sind die Personen weiblich mit blind endender kurzer Vagina und wenig Schambehaarung.

Die Diagnose MRKH trifft die jungen Frauen in der Adoleszenz, einer vulnerablen Lebensphase. Die Diagnose kann Betroffene in eine ernsthafte Krise stürzen, sind doch die Identität, die Sexualität und die Reproduktion betroffen. Eine sensible psychologische Begleitung durch eine hierzu geschulte Person ist anzusprechen und zu empfehlen. Es liegen bei MRKH-Betroffenen häufiger Ängste, Depression und Minderwertigkeitsprobleme vor (8).

Therapie des MRKH

Der optimale Zeitpunkt für die Durchführung einer Neovaginoplastik liegt nach Abschluss der Pubertätsentwicklung vor, sofern eine ausreichende Östrogenproduktion gewährleistet ist und die Patientin den Wunsch nach sexuellen Aktivitäten äussert. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Therapie erfordert die Einwilligungsfähigkeit und das Verständnis der Patientin, bei den Therapien einen aktiven Part einzunehmen, speziell was die Nachbehandlung mit Dilatationen betrifft. Auf diesen wichtigen Teil der Behandlung wird untenstehend weiter eingegangen. Die OP soll auf expliziten Wunsch der Betroffenen durchgeführt werden, denn eine vorzeitige Operation auf Wunsch der Eltern erhöht das Risiko von Misserfolgen, traumatischen Erfahrungen für die Patientin sowie die Notwendigkeit wiederholter Eingriffe zur Aufrechterhaltung der Vaginalintegrität, welche für ein späteres zufriedenstellendes Sexualleben ein entscheidender Faktor ist. Unabhängig davon, ob konservative oder operative Verfahren angewendet werden, erfordert die Durchführung der Vaginaldilatation im Verlauf beträchtliche Anstrengungen, insbesondere bei jüngeren Frauen, und eine mal-compliance kann den Therapieerfolg erheblich schmälern. Ziel ist eine Vaginallänge von mindestens 6.6 cm zu bekommen, da ab dieser Länge die sexuelle Zufriedenheit hoch war (9).

Nicht-invasive Therapie

Bei Patientinnen mit präsentem Scheidengrübchen und einem zentral gelegenen Meatus urethrae externus kann eine Dilatationstherapie angeboten werden. Die erste Beschreibung eines solchen Verfahrens erfolgte 1938 durch Frank und wurde dann durch Ingram weiterentwickelt. Die Therapie dauert 4–6 Monate, bis eine suffiziente Vaginallänge erreicht wird, welche penetrative Kohabitationen ermöglicht.
Täglich sollte für mindestens 30 Minuten ein Druck bzw. eine Dilatation des Vaginalgrübchens erfolgen. Hierzu sollte das Vaginalgrübchen nicht vernarbt sein. Dieses lange dauernde Verfahren hat Erfolgsquoten von bis zu 95 % und aufgrund der nicht-invasiven Natur der Methode wird sie z.B. in den USA als Methode der ersten Wahl angesehen (10). Es muss aber beachtet werden, dass die Therapie in ungefähr 15 % nicht erfolgreich ist, resp. abgebrochen wird.

In Studien zur sexuellen Zufriedenheit zeigte die Dilatationsmethode zwar die niedrigsten Werten im FSFI-Score (25.7 Punkte) bei gleichzeitig kürzester mittlerer Vaginallänge von 6.7 cm (11, 12). Der Female Sexual Function Index (FSFI) misst die sexuelle Zufriedenheit anhand eines Scores mit Werten zwischen 0–36. Je höher die Punktzahl, umso grösser ist die sexuelle Zufriedenheit. Dabei ist zu erwähnen, dass bei den in diesem Artikel diskutierten Methoden die FSFI-Werte in Studien ähnlich waren, nämlich zwischen 25.7 und 29.9 Punkten. Bei der Dilatationsmethode wird die Neovagina mit normalem Vaginalepithel ausgekleidet und bietet ein normales vaginales Milieu.

Operative Techniken

Das Verfahren nach Wharton-Shears-George basiert auf dem schrittweisen Dilatieren der rudimentär vorliegenden Müller-Gänge mit Hegarstiften bis auf Grösse 14 in jedem Kanal. Dann wird durch Inzision zwischen beiden Hegarstiften und Präparation in die Tiefe eine Neovagina im Spatium vesikorektale kreiert. Begrenzende Strukturen sind die hintere Blasenwand und die vordere Rektumwand, welche auf Integrität am Ende des Eingriffs kontrolliert werden müssen. Ein perinealer Hautlappen kann in die Neovagina transplantiert werden, um die Epithelialisierung zu verbessern. Ein Vaginalstent beschichtet mit Östrogencrème wird für ungefähr eine Woche eingelegt und danach durch grössere Dilatatoren ersetzt.

Im Verlauf wird empfohlen täglich zu dilatieren, da das Gewebe zu schrumpfen neigt. Dies auf alle Fälle, bis regelmässige Kohabitationen aufgenommen werden. Die Neovagina wird innerhalb von mehreren Monaten vom Introitusbereich aus mit physiologischem nicht-verhorntem Vaginalepithel epithelialisiert und erreicht im Mittel eine Länge von 8.3 cm (13). Diese Methode hatte in Studien einen hohen FSFI-Score von 29.9 Punkten bei 289 Frauen.

Eine Kombination aus operativer Anlage einer Neovagina mit einem Dehnungsverfahren bietet die Methode nach Vecchietti. Hierbei wird ein Phantom in die Vaginalgrube eingelegt und daran angebrachte Fäden auf Höhe des Bauchnabels mittels Laparoskopie ausgeführt. Mit Hilfe einer Spannungsapparatur wird jeden Tag der Zug auf die Fäden erhöht und somit eine Vaginaldehnung von bis zu 1 cm/Tag erreicht. Ziel ist, eine Vaginallänge von 10-12 cm zu erhalten. Die Phase der raschen Vaginaldehnung erfolgt unter stationären Bedingungen bei liegender Epiduralanästhesie (EDA) zur Vermeidung von Schmerzen. Heutzutage werden walking-EDAs angelegt, um eine längere Immobilität zu vermeiden. Wie bei der Wharton-Shears-George-Methode erfolgt die Epithelisierung vom Introitus aus mit normalem Vaginalepithel.

Es wird nach Entfernung des Spannapparates in den ersten 3 postoperativen Monaten empfohlen, 24 Stunden pro Tag mit reichlich östrogenhaltiger Creme ein Phantom zu tragen. Sollte nach der Abheilungs-/Epithelialisierungsphase keine regelmäßige Kohabitation möglich sein, sollte das Phantom zumindest nachts für einige weitere Monate getragen werden, da sonst ein Risiko für eine sekundäre Schrumpfung der Neovagina besteht. Die Länge und Breite des Dobbies lassen wir am Universitätsspital Zürich nach Entfernung des Spannapparates individuell anpassen.

Auch zeigten Studien zur sexuellen Zufriedenheit normale Werte im FSFI-Score von 29.8, bei einer mittleren Vaginallänge 7.9 cm. Urologische Komplikationen bei der Anlage des Spannapparates traten in 2 % der Fälle auf (11).

Bei der Darmscheidenanlage wird ein Darmabschnitt (in der Regel Sigma oder Ileum) isoliert und für die Konstruktion eines Vaginalkanals verwendet. Die Darmscheidenanlage ist unter den bisher vorgestellten Methoden die aufwändigste Operation. Diese Technik ist besonders in der Kinderchirurgie eine etablierte Methode. Das Darmsegment wird sorgfältig vorbereitet, um die Blutversorgung und die Integrität der Schleimhaut sicherzustellen. Anschliessend wird es chirurgisch in die Beckenhöhle implantiert, um die Neovagina zu bilden. Im Laufe der Zeit heilt die Neovagina und passt sich der Funktion eines natürlichen Vaginalkanals an, wobei Studien die längste Vaginallängen zeigten im Vergleich zu den anderen beschriebenen Techniken von 12.9 cm mit einem FSFI-Score von 27.8 (12). Zu beachten ist, dass diese Technik die höchsten Dyspareunieraten aufweist und Stenosen in knapp 10 % der Fälle im Verlauf vorkommen. Vor geplanter Uterus-Transplantation sollten diese Verfahren nicht angewandt werden.

Komplikationen oder unerwünschte Begleiterscheinungen reichen von mukösem, teils übelriechendem Ausfluss bis hin zu Strikturen oder Nekrosen im Anastomosenbereich. Darmkrebsfrüherkennungsuntersuchungen sind nach dieser Methode empfohlen.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Sören Lange

Oberarzt Klinik für Gynäkologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

PD Dr. med. Cornelia Betschart Meier

Stellvertretende Klinikdirektorin
Klinik für Gynäkologie, USZ
Frauenklinikstrasse 10
8006 Zürich

cornelia.betschart@usz.ch

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte angegeben.

Das MRKH-Syndrom ist eine seltene Anomalie der Müller’schen Gänge mit Anlagestörungen von Uterus und Vagina ohne chromo­somale Anomalien.
Die Diagnose MRKH trifft die Patientinnen meist in einer vulnerablen Lebensphase und kann ernsthafte psychologische Folgen haben, weshalb eine sensible psychologische Begleitung essenziell ist.
Operative Verfahren ermöglichen die Rekonstruktion der Vagina, u.a. durch Dissektion des Spatium vesikorektale, durch kontinuierliche Dilatation des residuellen Vaginalgrübchens oder durch Anlage einer Darmscheide.
Gut angelegte Studien zum Vergleich verschiedener operativer Methoden fehlen.

1. Herlin MK, Petersen MB, Brannstrom M. Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser (MRKH) syndrome: a comprehensive update. Orphanet journal of rare diseases. 2020;15(1):214.
2. Hauser GA, Schreiner WE. (Mayer-Rokitansky-Kuester syndrome. Rudimentary solid bipartite uterus with solid vagina). Schweiz Med Wochenschr. 1961;91:381-4.
3. Herlin M, Bjorn AM, Rasmussen M, Trolle B, Petersen MB. Prevalence and patient characteristics of Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser syndrome: a nationwide registry-based study. Hum Reprod. 2016;31(10):2384-90.
4. Aittomaki K, Eroila H, Kajanoja P. A population-based study of the incidence of Mullerian aplasia in Finland. Fertil Steril. 2001;76(3):624-5.
5. Grimbizis GF, Gordts S, Di Spiezio Sardo A, Brucker S, De Angelis C, Gergolet M, et al. The ESHRE/ESGE consensus on the classification of female genital tract congenital anomalies. Hum Reprod. 2013;28(8):2032-44.
6. Cunha GR, Robboy SJ, Kurita T, Isaacson D, Shen J, Cao M, et al. Development of the human female reproductive tract. Differentiation. 2018;103:46−65.
7. Preibsch H, Rall K, Wietek BM, Brucker SY, Staebler A, Claussen CD, et al. Clinical value of magnetic resonance imaging in patients with Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser (MRKH) syndrome: diagnosis of associated malformations, uterine rudiments and intrauterine endometrium. European radiology. 2014;24(7):1621-7.
8. Heller-Boersma JG, Schmidt UH, Edmonds DK. Psychological distress in women with uterovaginal agenesis (Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser Syndrome, MRKH). Psychosomatics. 2009;50(3):277-81.
9. Callens N, De Cuypere G, Wolffenbuttel KP, Beerendonk CC, van der Zwan YG, van den Berg M, et al. Long-term psychosexual and anatomical outcome after vaginal dilation or vaginoplasty: a comparative study. The journal of sexual medicine. 2012;9(7):1842-51.
10. Edmonds DK, Rose GL, Lipton MG, Quek J. Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser syndrome: a review of 245 consecutive cases managed by a multidisciplinary approach with vaginal dilators. Fertil Steril. 2012;97(3):686-90.
11. McQuillan SK, Grover SR. Dilation and surgical management in vaginal agenesis: a systematic review. International urogynecology journal. 2014;25(3):299-311.
12. McQuillan SK, Grover SR. Systematic review of sexual function and satisfaction following the management of vaginal agenesis. International urogynecology journal. 2014;25(10):1313-20.
13. Walch K, Kowarik E, Leithner K, Schatz T, Dorfler D, Wenzl R. Functional and anatomic results after creation of a neovagina according to Wharton-Sheares-George in patients with Mayer-Rokitansky-Kuster-Hauser syndrome-long-term follow-up. Fertil Steril. 2011;96(2):492-7 e1.

Hormonanalytik in der gynäkologischen Sprechstunde

Zyklusstörungen sind häufige Anliegen in der gynäkologischen Praxis und können auf hormonelle Dysregulationen wie das polyzystische Ovarialsyndrom hinweisen. Die Hormonanalyse dient dazu, verschiedene Hormone wie die Gonadotropine (FSH, LH) Östradiol, Testosteron, Sexualhormon-bindende Globuline (SHBG), Dihydroepiandrosteron (DHEAS), Thyroidea-stimulierendes Hormon (TSH), Prolaktin und das Anti-Müller-Hormon (AMH) zu bewerten. Diese Parameter ermöglichen Einblicke in die ovarielle Funktion, den Menstruationszyklus und das endokrine Gleichgewicht der Patientin. Insbesondere bei Hinweisen auf Androgenisierung oder Hyperandrogenismus ist eine differenzierte Hormonanalyse von grosser Bedeutung. Die Identifizierung von Zyklusstörungen und Hormonungleichgewichten eröffnet die Möglichkeit zur gezielten Therapie, die von der hormonellen Regulation bis zur Behandlung spezifischer Symptome reichen kann. Ein umfassendes Verständnis der zugrunde liegenden Pathophysiologie und eine individualisierte Herangehensweise sind entscheidend, um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen mit Zyklusstörungen und Androgenisierung effektiv zu managen.

Menstrual disorders are common concerns in gynecological practice and can signal hormonal dysregulations such as polycystic ovary syndrome. Hormone analysis serves to assess various hormones including gonadotropins (FSH, LH), estradiol, testosterone, sex-hormone-binding globuline (SHBG), dehydroepiandrosteron (DHEAS), prolactine, thyroidea stimulating hormone (TSH) and anti-mullerian hormne (AMH). These parameters offer insights into ovarian function, the menstrual cycle, and the patient’s endocrine balance. A detailed hormone analysis is particularly crucial when there are indications of androgenization or hyperandrogenism. Identifying menstrual disorders and hormonal imbalances provides the opportunity for targeted therapy, ranging from hormonal regulation to treating specific symptoms. A comprehensive understanding of the underlying pathophysiology and an individualized approach are essential for effectively managing the health and well-being of women experiencing menstrual disorders and androgenization.
Key words: Menstrual disorders, hormonal dysregulations, hormonal analysis

Hormonanalytik in der Praxis

Die Hormonanalytik spielt während der reproduktiven Phase einer Frau in der Diagnosestellung eine entscheidende Rolle. Sie ist unverzichtbar sowohl für das Monitoring des Menstruationszyklus als auch für die differenzierte Diagnose von Zyklusstörungen. Weitere häufige Anliegen wie Androgenisierungserscheinungen können oft nur durch endokrinologische Diagnostik geklärt werden.

Der vorliegende Artikel vermittelt die grundlegenden Prinzipien der Hormonanalytik, die in der täglichen Arbeit der gynäkologischen Praxis Anwendung finden.

Der weibliche Hormonhaushalt ist komplex und sollte nicht einseitig betrachtet werden. Daher sollten auch die Lebensumstände, Ernährungsgewohnheiten und die Einnahme von Medikamenten in die Diagnose miteinbezogen werden (1).

Physiologie

Die übergeordnete Funktionseinheit zur Steuerung des weiblichen Zyklus besteht aus dem Hypothalamus und der Hypophyse. Das Ovar fungiert als Zielorgan und bewirkt unter anderem durch die Produktion weiblicher Geschlechtshormone die charakteristischen Effekte des weiblichen Zyklus. Die Gonadotropine LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) erfüllen bei beiden Geschlechtern eine zweifache Funktion: Sowohl die Produktion der Keimzellen als auch die Bildung und Ausschüttung von Sexualhormonen aus den Eierstöcken und Hoden werden durch die beiden Gonadotropine gesteuert.

Die Voraussetzung für einen normalen ovulatorischen Zyklus ist die pulsatile Sekretion von LH, die unter anderem durch die Ausschüttung von GnRH (Gonadotropin Releasing Hormone) und die Rückkopplung des Östradiols beeinflusst wird. FSH vermittelt die Umwandlung zu Östrogenen in den Granulosazellen. Gonadotropine werden ihrerseits durch positive und negative Feedback-Mechanismen der Steroide reguliert (2).
Vor dem Einsetzen einer regulären Menstruation und dem Beginn eines neuen Menstruationszyklus, falls keine Schwangerschaft eingetreten ist, erfolgt die Luteolyse des Gelbkörpers, gefolgt von einem darauffolgenden Abfall der Östradiol- und Progesteron­spiegel.

Das Anti-Müller-Hormon und die Ovarreserve

Die Bedeutung des Anti-Müller-Hormons (AMH) im Zusammenhang mit der ovariellen Reserve nimmt eine besondere Stellung ein. Der Höchstwert im Lebensverlauf wird etwa im 25. Lebensjahr erreicht. AMH verringert die Anfälligkeit der Granulosazellen für FSH und blockiert somit die Rekrutierung von Follikeln aus dem Pool der primordialen Follikel sowie die Sekretion des dominierenden Follikels. AMH bestimmt in erheblichem Masse somit den Verbrauch von Follikeln (2).

Die AMH-Konzentration sinkt mit abnehmendem Follikelpool und somit mit einer altersbedingten Reduktion der Gesamtmasse an Granulosazellen. Eine AMH-Bestimmung ist daher sinnvoll, wenn Zyklusstörungen auftreten und das FSH auffällig hoch ist oder wenn eine Stimulation mit FSH-Medikamenten im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung geplant ist.

Basierend auf den Erkenntnissen lässt sich feststellen, dass die AMH-Werte nur dann eine valide Einschätzung der ovariellen Reserve und der Fertilität ermöglichen, wenn eine Subfertilität vorliegt, also wenn über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten aktiv eine Schwangerschaft angestrebt wurde. Die Messung von AMH bei Frauen ohne Kinderwunsch liefert keinen verlässlichen Hinweis darauf, ob der spätere Zeitpunkt für eine Schwangerschaft eher unter-, überdurchschnittlich oder altersgemäss sein wird (3,4).

Zur Beurteilung der ovariellen Reserve sind FSH, Östradiol (in der frühen Follikelphase) und das AMH geeignet. AMH wird als der aussagekräftigste Parameter für die Einschätzung der ovariellen Reserve betrachtet. Mit zunehmendem Alter nimmt der Follikelvorrat ab, was zu einem Rückgang des AMH-Werts führt. Ein AMH-Wert unterhalb der Nachweisgrenze bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass bereits die Wechseljahre eingetreten sind.

Selbst bei AMH-Werten unter-halb der Nachweisgrenze können noch ovulatorische Zyklen auftreten. Untersuchungen haben gezeigt, dass im Durchschnitt 5–6 Jahre nach dem Verlust der Nachweisbarkeit das Einsetzen der Menopause beobachtet wurde (3).

Zyklusdiagnostik

Für die Basisdiagnostik kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ein ovulatorischer Zyklus vorliegt, wenn die Patientin einen regelmässigen Menstruationszyklus angibt.

Eine Hormonanalyse kann dennoch im Rahmen des Zyklusmonitorings durchgeführt werden. Hierbei erfolgt die Basisbestimmung zur Erfassung der ovariellen Funktion zu Beginn des Menstruationszyklus in der Follikelphase (2.–5. Zyklustag). In dieser Phase sind üblicher-weise niedrige Östradiol- und Gonadotropinspiegel festzustellen.

Ein erhöhter FSH-Serumspiegel im Frühfollikelstadium (>12 U/l) deutet auf eine ovarielle Störung hin, deren Gründe weiter untersucht werden sollten.

Die Detektion eines LH-Peaks, der der Ovulation 18-24h vorausgeht, ist möglich, jedoch sind möglicherweise mehrere LH-Messungen erforderlich (5).

Klinisch hat sich die Einzelmessung von LH und Östradiol in der Zyklusmitte sowie die gleichzeitige sonographische Beurteilung der Endometriumdicke mit Grösse und Anzahl der Follikel als gängige Vorgehensweise etabliert. Als Alternative besteht die Möglichkeit, den LH-Peak durch den Gebrauch handelsüblicher, urinbasierter Ovulationstests mit akzeptabler Genauigkeit zu erfassen (6).
Die Lutealphase setzt nach der Ovulation ein, die durch den mitt-zyklischen Anstieg von LH ausgelöst wird. Durch die Freisetzung der Oozyte aus dem dominierenden Follikel entsteht das Corpus luteum. Neben Östrogenen, weiteren Hormonen und Wachstumsfaktoren sezerniert es vor allem Progesteron, das als Schlüsselhormon der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus fungiert.

Etwa 4-6 Tage nach der Ovulation wird im weiblichen Zyklus als der optimale Zeitpunkt für die Rezeptivität des Endometriums und eine erfolgreiche Implantation angesehen.

Gegen Ende der zweiten Zyklushälfte ist die Sekretion von Progesteron verstärkt mit der LH-Pulsatilität verbunden, was zu einer zunehmenden Schwankungsbreite der gemessenen Serumwerte für Progesteron führen kann. Aufgrund der variablen Ausschüttung von Progesteron im pulsierenden Rhythmus scheint ein einzelner, zu niedrig bestimmter Wert nicht geeignet zu sein, um eine Lutealphaseninsuffizienz zu dokumentieren.

Ein grundlegendes Problem in Bezug auf die Definition einer Lutealphaseninsuffizienz liegt daher in der fehlenden verlässlichen und validen diagnostischen Methode zur Beurteilung der Sekretionsleistung des Corpus luteum. Rein klinisch kann eine verkürzte zweite Zyklushälfte oder das Auftreten prämenstrueller Schmierblutungen sowie Spotting auf die Lutealphaseninsuffizienz hinweisen (2).

Hormonanalyse bei Zyklusstörungen

Die Beschreibung einer normalen Menstruation umfasst eine moderate Blutung von 3 bis 7 Tagen Dauer mit einem Blutverlust von unter 80 ml. Die Eumenorrhoe geht in der Regel mit minimalen Beschwerden einher und folgt einem Zyklus von 24 bis 35 Tagen.

Die Ursachen für Zyklusstörungen sind vielfältig. Hormonelle als auch organische Ursachen, (Stress, Polypen, Myome, Asherman-Syndrom, Essstörungen und Leistungssport) können unregelmässige Zyklen verursachen.

Eine eindeutige Indikation für eine umfassendere hormonelle Diagnostik liegt vor, wenn Zyklusstörungen auftreten, die sich als Unregelmässigkeiten im Menstruationsrhythmus oder im Menstruationstypus manifestieren können.

Diese Diagnostik sollte idealerweise zwischen dem 2. und 5. Zyklustag oder während der ovariellen Funktionsruhe (Amenorrhoe) durchgeführt werden. Relevante Parameter zur Untersuchung von Zyklusstörungen umfassen LH, FSH, Östradiol, Gesamttestosteron, Sexualhormon-bindendes-Globulin (SHBG), Dehydroepiandrosteron-Sulfat (DHEAS), Prolaktin und (Thyroidea stimulierendes Hormon) TSH, sowie den Ausschluss einer Schwangerschaft (6).

Präanalytik

Die Verwendung hormoneller Kontrazeptiva führte in verschiedenen Studien zu einer Senkung der AMH-Werte im Vergleich zu Frauen, die keine solchen Präparate einnehmen (bis zu 30 % niedrigere Werte) (7). Die Dosierung von Ethinylestradiol in den Präparaten hatte dabei keine Auswirkung. Nach dem Absetzen der hormonellen Kontrazeptiva wurde jedoch eine signifikante Zunahme der AMH-Spiegel festgestellt (8).
Auch andere Medikamente können einen Einfluss auf die Hormondiagnostik haben. Prolaktin ist ein typisches Beispiel eines hormonellen Parameters, der durch Medikamenteneinnahme beeinflusst wird. Insbesondere die Einnahme von Neuroleptika, Antidepressiva, Gastroprokinetika, aber auch einige Antihypertensiva führen zu erhöhten Prolaktinwerten im Serum und können so auch klinische Symptome (z. B. Galaktorrhö, Oligo-/Amenorrhö) bewirken (9) (siehe Tab. 1).

Diagnostik der Androgenisierung

Der Ausdruck Androgenisierung bezeichnet die serologischen oder phänotypischen Veränderungen einer Frau, die typischerweise zu männlich orientierten Merkmalen führen.

Zeichen der Androgenisierung, wie zum Beispiel vermehrter Haarwuchs im männlichen Muster (Hirsutismus), Akne, und androgenetische Alopezie (männlicher Haarausfall), mit oder ohne Zyklusstörungen gehören zu den häufigsten Gründen für eine gynäkologische Konsultation. Differenzialdiagnotisch müssen die funktionelle Androgenisierung (polyzystisches Ovarialsyndrom PCOS, Adrenogenitales Syndrom AGS), androgen produzierende Tumore und die pharmakologisch bedingte Androgeniserung (z.B. Anabolika) in Betracht gezogen werden.
Um eine Hyperandrogenämie oder einen Hyperandrogenismus differenzialdiagnostisch zu untersuchen, werden insbesondere folgende Hormone bestimmt:

– Gesamt-Testosteron
– DHEAS
– Androstendion
– SHBG

Testosteron ist ein lipophiles Steroidhormon, das im Blutplasma zu etwa 60 % an SHBG und zu etwa 30–40 % an Albumin gebunden wird. Obwohl bisher kein guter Assay für die direkte Messung des freien Testosterons verfügbar ist, wird empfohlen, neben der Bestimmung des Gesamttestosterons auch den SHBG-Spiegel zu messen. Dies ermöglicht die Ableitung des Anteils des freien, also wirksamen Testosterons. Der freie Androgenindex (FAI) kann auf diese Weise ermittelt werden. Bei einem Anstieg der adrenalen Androgene wie DHEAS und Androstendion wird im Rahmen der differenzialdiagnostischen Untersuchung, insbesondere bei entsprechender klinischer Symptomatik, ein Cushing-Syndrom als mögliche Ursache für die Hyper-androgenämie ausgeschlossen. Hierfür erfolgt die Bestimmung von Cortisol. Bei nachgewiesener Erhöhung des Cortisols wird ein Dexamethason-Kurztest durchgeführt.

Auch sollte bei einem Anstieg der adrenalen Androgene ein möglicher Enzymdefekt in der Nebenniere durch eine frühzyklische Überprüfung von 17-Hydroxyprogesteron (17-OHP) ausgeschlossen werden. Bei erhöhten 17-OHP-Spiegeln (>2 ng/ml) wird ein ACTH-Stimulationstest durchgeführt. Bei auffälligem ACTH-Test erfolgt eine anschliessende molekulargenetische Diagnostik zur Präzisierung des Enzymdefektes.
Ein Testosteronspiegel von >1,5–2 ng/ml oder ein DHEAS-Spiegel von >7 μg/ml, zusammen mit schnell fortschreitenden Androgenisierungssymptomen, können auf das Vorliegen eines androgenbildenden Tumors hinweisen.

Wenn die Hyperandrogenämie oder der Hyperandrogenismus auf das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) zurückzuführen ist, wird in der Grunddiagnostik zusätzlich ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT) empfohlen. Dies dient dazu, eine Insulinresistenz auszuschliessen, die bei mehr als 30% der Betroffenen nachgewiesen werden kann (6).

Zyklusstörungen spielen eine führende Rolle bei unerfülltem Kinderwunsch.

Ein unregelmässiger Zyklus oder eine Amenorrhoe deuten auf mögliche Störung der Follikelreifung oder Ovulation hin. Hormonveränderungen können auch die Lutealphase beinträchtigen.

Etwa 15% der Frauen mit einer Paarsterilität haben ihre Ursache in Anovulation oder einer Störung der Follikulogenese. Klinisch kann dies als primäre oder sekundäre Amenorrhoe auftreten.

Normogonadotrope Anovulationen werden sehr häufig durch PCOS verursacht.

Hypogonadotrope Anovulationen werden häufig durch eine hypothalamisch-hypophysäre Dysfunktion verursacht, die zum Beispiel auf einen niedrigen Body-Mass-Index (BMI) oder starke körperliche oder psychische Belastungen zurückzuführen sein kann.

Hypergonadotrope Anovulationen sind häufig ein Merkmal der prämaturen Ovarialinsuffizienz (9). Häufig gehen Zyklusstörungen mit Störungen des Prolaktinhaushalts einher. Ein erhöhter Prolaktinspiegel hemmt die Progesteronsekretion, was letztlich zu Zyklusstörungen und dem Ausbleiben der Ovulation führen kann.

Frauen mit PCOS haben ein erhöhtes Risiko für Endometriumhyperplasie aufgrund unregelmässiger oder fehlender Menstruationszyklen. Unbehandelte Zyklusstörungen bei PCOS können zu verschiedenen Komplikationen führen, darunter Sterilität, metabolische Störungen wie Insulinresistenz und Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das Endometriumkarzinom.

In der Regel strebt man an, mindestens alle drei Monate eine Menstruation zu haben, um das Risiko einer Endometriumhyperplasie zu reduzieren. Dies kann durch Lebensstiländerungen, Medikamente zur Regulation des Menstruationszyklus und andere therapeutische Ansätze erreicht werden.

Auch bei postmenopausalen Frauen besteht eine Verbindung zwischen hohen Androgenspiegeln, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes mellitus (10).

Das nicht-klassische adrenogenitale Syndrom (AGS) mit einer Minderung der Enzymaktivität von CYP21A2 manifestiert sich nicht mit offensichtlichen Genitalauffälligkeiten, Kortisol- oder Aldosteronmangel, wie es bei der klassischen Form des AGS der Fall ist. Stattdessen treten die Symptome des Androgenüberschusses normalerweise erst im späteren Alter auf.

Bei Frauen mit geringen Anzeichen von Androgenisierung können die Verwendung von oral kombinierten Kontrazeptiva gewählt werden. Als erste Wahl können Ethinylestradiol (EE)/Levonorgestrel (LNG) und als zweite Wahl antiandrogene Gestagene in Betracht gezogen werden.
Aufgrund der Zeit, die bis zum sichtbaren Therapieerfolg benötigt wird, empfiehlt es sich bei ausgeprägtem Hirsutismus, neben einer hochdosierten antiandrogenen Therapie auch eine gleichzeitige mechanische Haarentfernung wie Laserbehandlungen in Betracht zu ziehen.
Nach einer mechanischen Haarentfernung im Gesichtsbereich kann die Anwendung von Efflornithin (Vaniqua 11,5 % Creme) dazu beitragen, das Nachwachsen der Haare zu verlangsamen (11). Insgesamt unterstreicht die gezielte Hormondiagnostik die Bedeutung einer umfassenden und differenzierten Herangehensweise an die Untersuchung und Behandlung von Zyklusstörungen, insbesondere im Zusammenhang mit Androgenisierung und PCOS. Dies ermöglicht eine verbesserte Betreuung und optimale Gesundheitsergebnisse für betroffene Frauen.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Hülya Gülmez

Abteilung für Reproduktionsmedizin und
gynäkologische Endokrinologie
Frauenklinik Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

Prof. Dr. med. Alexandra Kohl Schwartz

Frauenklinik Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

alexandra.kohlschwartz@luks.ch

Die Autorinnen haben keine Interessenskonflikte im ­Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Die Hormondiagnostik sollte idealerweise zwischen dem 2. und 5. Zyklustag durchgeführt werden oder während der ovariellen Ruhephase (Amenorrhoe).
◆ Zu den bedeutenden Parametern für die Abklärung von Zyklusstörungen gehören TSH, LH, FSH, Östradiol, Testosteron, DHEAS, SHBG, Prolaktin und DHEAS.
◆ Die Messung des AMH bei Frauen ohne aktuellen Kinderwunsch gibt keine verlässliche Auskunft darüber, ob der spätere Zeitpunkt für eine Schwangerschaft eher unter-, über- oder altersgemäss sein wird.
◆ AMH ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass die Bestimmung eines Hormonspiegels nur dann sinnvoll ist, wenn das Ergebnis direkte Konsequenzen für die folgende Diagnostik oder Therapie hat.
◆ Frauen mit PCOS (Ausschlussdiagnose ) haben aufgrund unregelmässiger oder ausbleibender Menstruationszyklen ein erhöhtes Risiko für Endometriumhyperplasie. Es wird generell angestrebt, alle drei Monate mindestens eine Menstruation zu haben.

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11. Ludwig M. Gynäkologische Endokrinologie, 3. Auflage, 2019

Myome – so häufig und doch häufig nicht so einfach

Die Schweiz führt am meisten Hysterektomien im deutschsprachigen Europa durch. Weitaus am häufigsten ist der Uterus myomatosus als Hauptindikation zu erwähnen. Hauptsymptom ist die Abnorme Uterine Blutung nebst den Volumen-assoziierten Beschwerden abdominal. Um Hysterektomien zu vermeiden, gibt es neuere Therapie-Optionen, welche den Patientinnen aufgezeigt werden sollten. Dazu sollte neben der FIGO-Klassifikation, Grösse, Anzahl und Lokalisation berücksichtig werden. Ebenso macht es Sinn über eine «Prophylaxe» des (noch) asymptomatischen Uterus myomatosus nachzudenken.

Switzerland performs the most hysterectomies in German-speaking Europe. By far the most common indication is uterine myomatosus. The main symptom is abnormal uterine bleeding in addition to volume-associated abdominal complaints. In order to avoid hysterectomies, there are newer treatment options that should be explained to patients. In addition to the FIGO classification, size, number and localisation should be taken into account. It also makes sense to consider „prophylaxis“ of the (still) asymptomatic uterus myomatosus.
Key words: Myoma, hysterectomy, abnormal uterine bleeding, FIGO classification, asymptomatic uterus myomatosus

Prävalenz

Obwohl die Prävalenz von Myomen bei Schweizer Frauen und somit in einem mehrheitlich kaukasischen Kollektiv, nicht klar dokumentiert ist, wissen wir Folgendes.
– Leiomyome sind die häufigsten gutartigen Raumforderungen im weiblichen Becken (1, 2, 4).
– In einer Studie von 2010, Gruppe von Downes, welche in Spanien/Frankreich/UK/Deutschland/Italien bei über 1’700 Frauen durchgeführt wurde, zeigte sich eine Prävalenz von Myomen von 12–24 % (5).
– In einer weiteren Transvaginalsonographie-Studie fürs deutschsprachige Europa wurden bei 2’296 Patientinnen in 40.5 % der Fälle Myome diagnostiziert. Die höchste Prävalenz von 62.8 % wurde in der Altersgruppe 46–50 Jahren gefunden. In der Altersgruppe von 30–35-Jährigen fand man jedoch bereits eine Prävalenz von 21.3 % (20, 21).
– Leiomyome nehmen mit zunehmendem Alter der Patientin an Anzahl und auch an Grösse zu (1, 6, 7). Ein Wachstum nach der Menopause ohne Hormontherapie ist jedoch nicht mit einem Myom vergesellschaftet und sollte als neu entstandene Neoplasie abgeklärt und behandelt werden.
– Obwohl die Hysterektomierate im deutschsprachigen Europa in den letzten Jahren gesunken ist, führt die Schweiz im Vergleich zu Deutschland und Österreich am meisten Hysterektomien pro 100’000 Frauenjahre durch (Tabelle 1) (22). In der Schweiz ist die Hysterektomierate in den letzten Jahren nicht wesentlich gesunken.
– Gemäss Bundesamt für Statistik sind die folgenden Indikatio- nen die häufigsten für eine Hysterektomie (Abbildung 1, Abbil- dung 2.1). Myome sind somit die weitaus häufigste Ursache in der Schweiz für eine Hysterektomie (Abbildung 2.2).

Symptome

Die Zunahme des symptomatischen Uterus myomatosus ist erklärbar mit Zunahme von Anzahl und Grösse der Myome. Der Symptomatische Uterus myomatosus wird bei 54.3 % der Myom-Patientinnen gefunden, wobei die Abnorme Uterine Blutung (=AUB) mit 40.7 % DAS Hauptsymptom des Uterus myomatosus ist (20, 21). Daneben sind Dysmenorrhoe, Volumenprobleme abdominal, unerfüllter Kinderwunsch, Sarkom-Angst als zusätzliche Symptome zu erwähnen.

Diagnostik

Heutzutage stellen wir mit dem Transvaginalem Ultraschall sehr schnell die Diagnose Uterus myomatosus (8). Was einfach tönt, ist nicht immer so einfach. Schon nur die Einteilung in die FIGO-Klassifikation (Abbildung 3), ohne korrekte Darstellung des Endometriums, kann in gewissen Fällen schwierig sein. Hier hilft eine simple Hydrosonographie weiter. Schnell ist das Verhältnis von Myom zur Uteruswand ersichtlich und korrekt kann in die FIGO-Einteilung klassifiziert werden. Natürlich macht ein MRI in komplexen Fällen mit multiplen und/oder grossen Myomen Sinn, da die Eindringtiefe des Transvaginalen Ultraschalls seine Grenzen hat. Die FIGO-Klassifikation berücksichtigt jedoch nur die Lage des Myoms im Verhältnis zur Uteruswand. Grösse/Volumen, Anzahl und Lokalisation werden nicht berücksichtigt. Diese Kriterien sind jedoch wichtig zur Wahl der geeigneten Therapie.

Von Vorteil ist es nebst der FIGO-Klassifikation daher auch Lokalisation (z.B. Vorderwand, Tubenwinkel rechts, …) sowie Grösse/Volumen und Anzahl der Myome zu dokumentieren.

Wahl der Therapie-Optionen

Da nicht jedes Myom Symptome macht, sollte nur der Symptomatische Uterus myomatosus therapiert werden. Ohne Symptome macht in der Prämenopause eine sonographische Kontrolle 1–2/y Sinn. Ebenso könnten prophylaktische Optionen mit der Patientin besprochen werden (siehe weiter unten). Die Symptome können hauptsächlich in die Gruppen AUB und Volumen-assoziierte eingeteilt werden.

Therapie-Optionen der Myom-assoziierten AUB

In der AUB-Gruppe sollte nach Ausschluss einer Schwangerschaft und therapierter möglicher Anämie die PALM COEIN Klassifikation (Abbildung 3) beachtet werden; diese soll helfen, die Ursache der AUB abzuklären (28). Myome, welche eine AUB verursachen sind meist in den FIGO-Gruppen 0, 1, 2, 3 und 2–5 zu finden, da sie in direktem Kontakt mit dem Endometrium stehen.
Bevor eine operative oder interventionelle Therapie gewählt wird, sollten die medikamentösen und phytotherapeutischen Option angeboten werden. Sie können als präoperative Überbrückungs-Therapie oder langfristig angewendet werden, bis die Patientin in die Menopause eintritt (24).
– Eine Reservemedikation an starken Blutungstagen, wie die Tranex­am­säure stellt eine gute Option dar, bei nicht stark störender AUB. 1 g per os alle 2 h bis die Blutungsstärke reduziert ist, max. 4g/Tag.
– Die Phytotherapie kann als nicht-hormonelle Therapie besprochen werden; hier an vorderster Front sind sicher die Mönchspfefferfrüchte zu erwähnen.
– Progesteron only Präparate und kombinierten Kontrazeptiva haben eine direkte Wirkung aufs Endometrium und können so die Blutungsstärke und Frequenz positiv beeinflussen; sie haben jedoch kaum direkte Wirkung auf das Myom selbst.
– Die GnRH-Analoga werden meist kurzfristig angewendet, aufgrund des Nebenwirkungsprofils mit klimakterischen Beschwerden; sie können mit einer Add-Back-Therapie kombiniert werden. Bei längerer Anwendung, mehr als 6 Monate, müssen sie zwingend mit einer solchen kombiniert werden (29). Zu den neueren GnRH-Antagonisten fehlen aktuell noch die Daten zur Langzeitanwendung, sie scheinen jedoch die AUB suffizient zu reduzieren (30, 31).
– Ist jedoch ein Myom FIGO 0/1/2 und kleiner als 5 cm die AUB-Ursache, lohnt es sich diese operativ anzugehen, bevor eine jahrelange medikamentöse Therapie die Lösung ist. Auf Grund der mechanischen Komponente, mit welcher diese Myome die AUB und/oder Dysmenorrhoe verursachen, ist die Entfernung dieser Myome schnell, zielführend und nachhaltig. Heute durch moderne Techniken wie die Bipolare Resektion oder die intrauterine Morcellation kann dieser Eingriff auch risikoärmer als früher durch-geführt werden (23). Bis 3 cm Grösse des intrauterin liegenden Myoms ist die Entfernung auch einzeitig möglich (23, 24). Sind diese Myome grösser als 3 cm sollte ein zweizeitiges Vorgehen in Betracht gezogen werden. Die medikamentöse Therapie mittels LNG-IUD macht bei diesen Myomtypen wenig Sinn, da die Einlage erschwert sein kann und die Expulsionsrate hoch ist.
– FIGO 2/3/4/2–5, welche eine AUB verursachen, können nebst den medikamentösen Therapien mit folgenden organerhaltenden Therapien behandelt werden: Radiofrequenzablation, UAE oder MRIgHIFU. Hier hat die transcervicale sonographisch kontrollierte Radiofrequenzablation (Sonata) sicher einen grossen Stellenwert, da sie als schnelle, sichere und suffiziente Methode gegenüber den anderen beiden Methoden Vorteile bietet (25, 26, 27). Die thermische Ablation dauert nur wenige Minuten pro Myom. Durch einen live-Ultraschall kann die Serosa identifiziert werden, sodass keine thermischen Schäden an Nachbarorganen entstehen (32). Durch diese Methode entsteht kein Postembolisationssyndrom, ist somit schmerzarm und die Patientin kann sofort ihre Alltagsaktivitäten aufnehmen. Die Sonata-Methode ist jedoch nur bei Myomen kleiner als 9 cm suffizient anzuwenden.

Therapie-Option der Myom-assoziierten Volumenbeschwerden

Handelt es sich um mehrere und grössere Myome, v.a. Typ 2–5, 4, 5, 6 und 7 steht die Volumenkomponente, und nicht die AUB, im Vordergrund. Möchten wir suffizient medikamentös das Volumen reduzieren, wären da nur die GnRH-Analoga oder Antagonisten zu erwähnen. Wegen des Nebenwirkungsprofils der GnRH-Analoga fallen sie als Langzeitbehandlung weg. Phytotherapeutika, welche suffizient Volumen reduzieren, sind kaum bekannt. Was die GnRH-Antagonisten bzgl. Volumenreduktion in der Langzeitbehandlung bringt, wird die Zukunft zeigen.

Bei den Myomen FIGO 5/6/7 ist die laparoskopische Myomenukleation meistens möglich, jedoch stellen grössere und mehrere Myome ein Problem dar, v.a. wenn das Cavum uteri nicht eröffnet werden sollte. In dieser Gruppe wären als weitere organerhaltende Therapien noch die UAE und das MRIgHIFU zu erwähnen. Die Sonata-Therapie passt gut zu den FIGO 2/3/4/2–5, bei welchen nebst der AUB, die Volumenkomponente im Vordergrund steht.

Zusammengefasst ist somit ersichtlich, dass es nebst der Hysterektomie verschiedene weitere Therapie-Optionen zur Behandlung des symptomatischen Uterus myomatosus gibt; es somit keinen Grund mehr geben sollte, dass auch in der Schweiz die Hysterektomierate zu sinken beginnt.

Mögliche Prophylaxe

In der «wait and see» Phase bei (noch) asymptomatischen Myomen oder nach Behandlung kann Folgendes als Prophylaxe in der Prämenopause verwendet werden. Die Progesteron-only Präparate scheinen einen protektiven Schutz gegen Myomwachstum zu sein (10, 14 – 16). Dazu gehören auch die LNG-IUD (17), falls diese korrekt eingelegt werden können. IUD sind sicher eine gute Wahl bei FIGO > 2, da sonst die Expulsionsrate steigt bei eher intracavitär liegenden Myomen.

Gut zu wissen:

MHT könnte ein Myom-Wachstum in der Postmenopause unter-stützen, jedoch sind Myome keine Kontraindikationen zum Start einer MHT (18, 19). Jedoch ist ein Myomwachstum in der Menopause ohne MHT sicher abklärungsbedürftig. Kombinierte Kontrazeptiva mit < als 35 mcg Ethinylestradiol/Tag scheinen keinen Einfluss auf Wachstum oder Entstehung von Myomen zu haben. Somit sind die kombinierten Kontrazeptiva keine Kontraindikation bei Myomen (9–13). Myome FIGO 5/6/7 berühren das Endometrium per definitionem nicht und verursachen kaum eine AUB. Also Vorsicht bei Erklärung der AUB mit einem Typ 5/6 oder 7 Myom. Ebenso machen diese Myome kleiner als 5 cm kaum Volumenbeschwerden im kleinen Becken; sind somit asymptomatisch.

Abkürzungen:
AUB = Abnorme Uterine Blutung
MHT = Menopausale Hormontherapie
UAE = Uterusarterienambolisation
MRIgHIFU = MRI guided HIFU
HIFU = High intensive focused Ultrasound

Dr. med. Ladina Christoffel, EMBA HSG

Medizinische Leitung
Chesa Sana
Plazzet 25
7503 Samedan
www.chesasana.ch

happyuterus@chesasana.ch

Verbindung zu Gynesonics und Gedeon Richter bzgl. Wissenschaftliche Tätigkeit, Fortbildungen, Kongresse; jedoch keine Tantiemen oder Patente.

◆ Die Schweiz führt im deutsprachigen Europa am meisten Hysterektomien durch. Hauptindikation dafür sind Myome.
◆ Myome sind die häufigsten gutartigen Raumforderungen im weiblichen Becken.
◆ FIGO-Klassifikation ist nicht genug als Dokumentation von Myomen. Grösse/Volumen und Lokalisation gehören dazu.
◆ Myom ist nicht gleich Myom.
◆ Eine Hysterektomie kann häufig umgangen werden.

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Dysfunktionale Atmung

Dysfunktionale Atmung beschreibt eine Gruppe von chronischen Störungen des Atemmusters, die sowohl primär als auch in Zusammenhang mit kardiopulmonalen Erkrankungen vorkommen. Das Leitsymptom sind unspezifische Atembeschwerden. Daneben treten auch nicht-respiratorische Beschwerden wie thorakale Schmerzen, Schwindel oder Kribbelparästhesien auf. Die bekannteste Vertreterin der dysfunktionalen Atmung ist die chronische Hyperventilation, jedoch werden diverse weitere dysfunktionale Atemmuster beschrieben. Einen Goldstandard für die Diagnostik gibt es nicht. Häufig werden Fragebogen und funktionelle Untersuchungen zur Objektivierung der Atemstörung eingesetzt. Einen hohen Stellenwert hat dabei die Spiroergometrie. Die Behandlung besteht aus einer individuellen Atemphysiotherapie in Kombination mit einer guten Patientenedukation.

Dysfunctional breathing describes a group of chronic breathing disorders that occur either primarily and secondary to cardiopulmonary diseases. Key symptom is a non-specific breathlessness. Furthermore, non-respiratory symptoms such as thoracic pain, dizziness or tingling may occur. The most common form of dysfunctional breathing is known as chronic hyperventilation, but various other dysfunctional breathing patterns have been described. There is no gold standard for diagnosis. Questionnaires and functional examinations are frequently used to detect the breathing disorder. Thereby, cardiopulmonary exercise testing (CPET) plays an important role. The treatment consists of an individual respiratory physiotherapy in combination with a good patient education.
Dysfunktionale Atmung, chronische Hyperventilation, Nijmegen Questionnaire, Spiroergometrie

Einleitung und Definition

Der Überbegriff dysfunktionale Atmung beschreibt eine Gruppe von Atmungsstörungen, die zu chronischen Veränderungen des Atemmusters führen (1–5). Ein dysfunktionales Atemmuster kann auftreten, ohne dass eine organische Erkrankung zugrunde liegt. Eine solche primäre Störung liegt in etwa 10–20 % der Fälle vor (3, 6, 7). Häufiger tritt die dysfunktionale Atmung jedoch in Zusammenhang mit kardialen, pulmonalen oder neurologischen Erkrankungen auf (3, 6, 8, 9). Patient/-innen mit Asthma bronchiale sind besonders oft betroffen (bis zu 30 %). Auch bei der COPD tritt die Erkrankung gehäuft auf (1, 3, 8). Zuletzt ergaben sich zudem Hinweise, dass die dysfunktionale Atmung eine der Ursachen für die noch ungenügend verstandenen persistierenden Atembeschwerden nach COVID-19 Erkrankungen («long-COVID-19») sein könnte (10, 11) und auch beim post-Lungenembolie Syndrom wird eine dysfunktionale Atmung beschrieben (12).

Die bisher bekannteste Form der dysfunktionalen Atmung ist die chronische Hyperventilation. Oft wird die chronische Hyperventilation auch als Synonym für die dysfunktionale Atmung verwendet. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nur um eine von vielen Formen der Atmungsstörung (1). Eine einheitliche Definition und Klassifikation der dysfunktionalen Atmung gibt es bisher nicht. Die meisten bisherigen Klassifikations-Vorschläge basieren auf einer Beschreibung des Atemmusters. So definiert beispielsweise Boulding et al. fünf Formen der dysfunktionalen Atmung: Hyperventilation, periodisches tiefes Luftholen, thorakal-dominante Atmung, forcierte abdominale Exspiration und thorako-abdominale Asynchronie (1). Eine alternative Einteilung berücksichtigt zudem extrathorakale Erkrankungen. Die zwei Gruppen der thorakalen und extrathorakalen Erkrankungen werden zudem jeweils in funktionelle und strukturelle Ursachen eingeteilt (2, 3). Ein bekanntes Beispiel für eine Erkrankung aus der Gruppe der extrathorakalen, funktionellen Störungen ist die ILO (induzierbare laryngeale Obstruktion, früher vocal cord dysfunction) (3, 4) (Tab. 1).

Das Leitsymptom der dysfunktionalen Atmung sind unspezifische Atembeschwerden. Die Beschwerden können sowohl in Ruhe als auch unter Belastung auftreten. Oft wird ein «Lufthunger» beschrieben. Damit gemeint ist das Gefühl, trotz tiefer Einatmung nicht genügend Luft zu bekommen. Daneben erleben die Betroffenen auch verschiedene nicht-respiratorische Symptome, wie thorakale Schmerzen, Tachykardien, Schwindel, Kribbelparästhesien oder Fatigue. Die Beschwerden sind teilweise der respiratorischen Alkalose, die durch die chronische Hyperventilation entsteht, zuzuschreiben (1, 2, 4, 7).

Diagnosestellung

Die Diagnose der dysfunktionalen Atmung ist eine Ausschlussdiagnose. Eine sorgfältige Diagnostik ist deshalb sehr wichtig. Bei sekundären Formen der dysfunktionalen Atmung kann die Diagnose erst gestellt werden nach bestmöglicher Kontrolle der zugrundeliegenden Erkrankung. Es gibt bis heute keine validierte Untersuchungsmethode und keinen Gold-Standard für die Diagnosestellung der dysfunktionalen Atmung. Es wird deshalb eine multimodale Herangehensweise empfohlen, bestehend aus einer fundierten ­Anamnese, die ergänzt wird durch Fragebogen, der klinischen Untersuchung und funktionellen Tests (1, 2, 4, 13).

Es gibt verschiedene Fragebogen, die in der Diagnostik der dysfunktionalen Atmung eingesetzt werden. Der hierfür am häufigsten verwendete Fragebogen ist der Nijmegen Questionnaire (Tab. 2). Der Nijmegen-Fragebogen wurde ursprünglich als Screening-Tool für das Hyperventilationssyndrom bei Asthma bronchiale entwickelt und erfragt eine Liste von Symptomen und deren Häufigkeit, die bei der dysfunktionalen Atmung gehäuft auftreten (1, 14, 15).

Die funktionellen Untersuchungen haben zum Ziel, das dysfunktionale Atemmuster nachzuweisen. Die Lungenfunktionstestung fällt meist normal aus, sie ist aber wichtig für den Ausschluss anderer Dyspnoe-Ursachen und gehört deshalb dennoch zur Diagnostik dazu (3).
Ein einfacher diagnostischer Test, der auch in der Hausarztpraxis durchgeführt werden kann, ist der Hyperventilations-Provokationstest. Hier wird die/der Patient/-in angeleitet, für einen bestimmten Zeitraum (typischerweise 1–3 Minuten) so schnell und so tief wie möglich zu atmen. Treten dabei die gleichen Beschwerden auf, die der Patient im Alltag erlebt, ist das Vorliegen eines Hyperventilations-Syndroms sehr wahrscheinlich (3, 15). Ebenfalls einfach messbar ist die sogenannte «breath-holding time», die Zeitdauer, während der/die Patient/-in nach einer normalen Ausatmung die Atmung anhalten kann. Diese ist bei Patient/-innen mit dysfunktionaler Atmung typischerweise deutlich verkürzt (< 20 Sekunden vs. 45–90 Sekunden bei Kontrollpersonen) (1, 16).

Eine weitere Untersuchungsmethode ist das direkte Beobachten und die Palpitation der Thorax- und Abdomenbewegung (Manual Assessment of Respiratory Motion (MARM))(1, 3, 15, 17–19).

Einen hohen Stellenwert in der Diagnostik der dysfunktionalen Atmung hat zudem die Spiroergometrie. Bei der meist auf einem Fahrradergometer durchgeführten Untersuchung erfolgt im Anschluss an eine Ruhemessung eine Belastungstestung gemäss einem Rampenprotokoll mit kontinuierlich ansteigender Belastung. Idealerweise wird dabei die maximale Ausbelastung nach einer Belastungszeit von 8 bis 12 Minuten erreicht. Neben der Leistungsfähigkeit werden Parameter zum Sauerstoffverbrauch, der Herzleistung und dem Gasaustausch, sowie die Atemeffizienz und das Atemmuster erfasst (9, 13, 17). Die Spiroergometrie spielt dadurch eine wichtige Rolle in der primären Differenzierung der Atembeschwerden und ermöglicht gleichzeitig die direkte Objektivierung des dysfunktionalen Atemmusters. Im Vergleich zu anderen Untersuchungsmethoden hat die Spiroergometrie den Vorteil, dass die Atmung sowohl im Ruhezustand als auch unter Belastung beurteilt werden kann. Nicht alle Formen der dysfunktionalen Atmung können bereits im Ruhezustand nachgewiesen werden. Umgekehrt ist auch eine Normalisierung des Atemmusters unter Belastung möglich. Patient/-innen mit dysfunktionaler Atmung haben häufig bereits in Ruhe eine erhöhte Atemfrequenz mit dem typischen Bild eines irregulären und chaotischen Verlaufs der Atemfrequenz und des Atemzugvolumens unter Belastung (Abb. 1). Dies führt zu einer eingeschränkten Atemeffizienz mit oft schon im Ruhezustand erhöhten Atemäquivalenten für CO2. Je nach Form der dysfunktionalen Atmung können ausserdem eine Ruhe-Hypokapnie und ein tiefer endexspiratorischer CO2-Wert als Ausdruck der Hyperventilation nachgewiesen werden. (Tab. 3) Trotz des subjektiven Empfindens der respiratorischen Erschöpfung wird die Atemreserve bei Untersuchungsende typischerweise nicht ausgeschöpft (9, 13, 17, 20).

Behandlung

Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung der dysfunktionalen Atmung ist die Aufklärung der Patienten/-innen über das Krankheitsbild. Das Wissen, dass keine lebensbedrohlichen Erkrankungen des Herzkreislaufsystems vorliegen, führt bei vielen Patienten/-innen bereits zu einer Verbesserung der Symptome (4, 15, 16). Die Therapie der Wahl ist dann eine individualisierte Atemphysiotherapie. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass dadurch eine langfristige Reduktion der Beschwerden und eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden kann (4, 21, 22). Eine der etablierten Therapiemethoden ist die Atemphysiotherapie nach Buteyko, wobei eine Kombination aus konsequenter Nasen- und Bauchatmung und einer bewussten Entspannung und Verlangsamung der Atmung erlernt wird (1, 23, 24).

Patienten mit dysfunktionaler Atmung tendieren dazu, körperliche Aktivität zu vermeiden. Es ist deshalb zudem ein individuelles und kontrolliertes Training zu empfehlen, um der zunehmenden Dekonditionierung entgegenzuwirken (4).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Pascale Huber

Universitätsspital Zürich
Klinik für Pneumologie
Rämistrasse 100
8091 Zürich

PD Dr. med. Mona Lichtblau

Universitätsspital Zürich
Klinik für Pneumologie
Rämistrasse 100
8091 Zürich

mona.lichtblau@usz.ch

Die Autorinnen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Chronische Störungen des Atemmusters sind eine häufige Ursache von unspezifischen Atembeschwerden.
  • Wenn der Schweregrad einer Erkrankung das Ausmass der
    geschilderten Atembeschwerden nicht erklärt, sollte an eine
    dysfunktionale Atmung gedacht werden.
  • Die Spiroergometrie ist zentral in der Diagnostik der dysfunktionalen Atmung, da hiermit sowohl Differentialdiagnosen ausgeschlossen als auch das dysfunktionale Atemmuster direkt objektiviert werden kann.
  • Therapie der Wahl ist eine individuelle Atemphysiotherapie.

1. Boulding R, Stacey R, Niven R, Fowler SJ. Dysfunctional breathing: a review of the literature and proposal for classification. Eur Respir Rev. 2016;25(141):287-94.
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24. Bruton A, Lewith GT. The Buteyko breathing technique for asthma: a review. Complement Ther Med. 2005;13(1):41-6.

Herz und Adipositas

Auf Grund einer Sitzung mit drei sehr informativen Vorträgen an der diesjährigen 90. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim und guten Publikationen zu diesem hochaktuellen Thema möchten wir ein kurzes Summary wiedergeben. Die Adipositas, eine chronisch fortschreitende Erkrankung, ist heute und in der nahen Zukunft ein grosses gesundheitliches Problem, insbesondere in der kardiovaskulären Medizin. Sie hat aber auch metabolische, onkologische und weitere medizinische Auswirkungen. Somit ist sie eine enorme Herausforderung für Betroffene, Ärzte und das Gesundheitssystem.

Based on a session with three very informative presentations at this year‘s 90th Annual Meeting of the DGK in Mannheim and good publications on this highly topical subject, we would like to provide a brief summary. Obesity, a chronically progressive disease, is a major health problem today and in the near future, particularly in cardiovascular medicine. However, it also has metabolic, oncological and other medical implications. It is therefore an enormous challenge for patients, doctors and the healthcare system.
Key words: Adipositas, Cardiovascular disease and Mortality, Semaglutide, Weight reduction, HFpEF

Die Adipositas ist eine relevante kardiologische Komorbidität. Sie steigt weltweit überproportional an. 2022 waren gemäss BAG 12 % der schweizerischen Bevölkerung adipös; unter zusätzlicher Berücksichtigung des Übergewichts waren es 43 %. Innerhalb von 30 Jahren hat sich der Anteil der adipösen Menschen in der Schweiz verdoppelt.

In den letzten 35 Jahren (1980-2015) hat sich die Prävalenz in mehr als 70 Ländern bei Frauen und Männern verdoppelt (1). Bei Adipositas assoziierten Todesfällen haben vor allem die kardiovaskulären (cv) mit 41 % stark zugenommen. Heute ist eine von acht Personen adipös; bis 2035 ist wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös. Nach einer sehr grossen amerikanischen Kohortenstudie erhöht Übergewicht/Adipositas das cv Risiko mit vermehrten Schlaganfällen, Herzinfarkten, Herzinsuffizienz und cv Tod. Übergewicht war mit einem signifikant erhöhten Risiko verbunden, in einem früheren Alter an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkranken, was zu einem grösseren Anteil der Lebenszeit mit kardiovaskulärer Morbidität führte (2).

Adipositas bedeutet nach WHO ein BMI ≥30 kg/m2. Der BMI variiert nach Geschlecht, Alter und Ethnizität. Das Problem ist die viszerale Fettansammlung, darum wird auch der Taillenumfang als Mass diskutiert. Der BMI korreliert aber gut mit dem Gesamtkörperfett. So bleibt er vorerst immer noch als Mass erhalten. Die kardiovaskulären Erkrankungen sind mit ca. 6,5 % weltweit an erster Stelle der nicht infektiösen Erkrankungen.

Neben den nicht modifizierbaren cv Risikofaktoren (Alter, Geschlecht, Genetik, Ethnizität) gibt es die modifizierbaren cv Risikofaktoren. Diese sind: Hypertonie, Hyperlipidämie, Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM), Rauchen und körperliche Inaktivität. Mehr als 50 % des cv Risikos kann dadurch beeinflusst werden. In der Primärprävention ist die Hypertonie der wichtigste modifizierbare Risikofaktor (RF). Die Adipositas ist mit diesen cv RF assoziiert, sie begünstigt einige davon. Fünf modifizierbare RF (Body-Mass-Index, systolischer Blutdruck, Nicht-HDL-Cholesterin, Rauchen und Diabetes) sind mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dem Tod jeglicher Ursache verbunden. Daten aus einer globalen Kohorte zeigten, dass 57,2 % bzw. 52,6 % der Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen bzw. Männern und 22,2 % bzw. 19,1 % der Todesfälle jeglicher Ursache auf diese Risikofaktoren zurückzuführen sind (3). Bei der Hypertonie ist eine Körpergewichtsreduktion ein wichtiges Therapieziel, das primär durch Bewegung und Ernährungsmodifikation erreicht werden kann. Die Leitlinien betonen eine Gewichtsabnahme. Pro kg Gewichtsverlust bei übergewichtigen (BMI ≥25 kg/m2) oder adipösen (BMI ≥30) Menschen kann mit einem systolischen Blutdruckabfall von 0,5–2mmHg gerechnet werden.

Pathophysiologisch kommt es im viszeralen Fettgewebe bei vergrösserten Adipozyten zu einer systemischen Entzündung mit Erhöhung von Interleukin 6 und IL-β und weiteren Zytokinen und TNF-α. Dies führt zu einer Endotheldysfunktion, einer Oxidation von LDL mit Dyslipidämie, Plaquebildungen und späteren kardiovaskulären Events. Zusätzlich kommt es zu einer Insulinresistenz und einer verminderten Insulinsekretion mit Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) (Abb. 1) (4). Gastrointestinale Karzinome sind bei Adipositas gehäuft. Erwähnenswert sind die nichtalkoholische Fettlebererkrankung und weitere internistische, neurologische, psychische und orthopädische Leiden (5). Die Adipositas wird heute als chronisch fortschreitende Erkrankung anerkannt.

Bei der Prävention gibt es die individuelle und die Population basierte Form. Bei der ersten stehen Lifestyle-Massnahmen (körperliche Aktivität, Gewichtsreduktion, gesunde energiereduzierte Ernährung) neben spezifischen Interventionen im Vordergrund. Weitere cv Risikofaktoren sind zu vermeiden. Bei der zweiten Form sind zusätzliche Umwelt bedingte Massnahmen und Entscheidungen der Politik notwendig. Ein signifikanter Gewichtsverlust von ≥5–10 % ist für eine cv protektive Wirkung notwendig. Dies konnte bis vor kurzem nur durch eine bariatrische Chirurgie erreicht werden. In einer sehr grossen Kohortenstudie aus den USA konnte das cv Risiko in 4 bis 7 Jahren (Tod, MI, HI, Stroke) signifikant gesenkt werden (6).

Mit den GLP1-RA haben wir heute ein Medikament, welches als Antidiabetika ebenfalls zu einer signifikanten Gewichtsreduktion führt. GLP1-RA ahmen die Wirkung der körpereigenen Hormone GLP-1 und glukoseabhängiges insulinotropes Peptid (GIP) nach; diese werden bei T2DM vermindert ausgeschüttet, wodurch der Inkretin-Effekt, d.h. die blutzuckersenkende Wirkung, verringert ist (Abb. 2) (7, 8).

In der STEP-4 Studie kam es bei 902 jüngeren Patienten mit einem durchschnittlichen BMI von 38 kg/m2 mit einer Dosistitration auf 2.4 mg Semaglutid 1x/Woche sc nach 68 Wochen zu einer Gewichtsreduktion von 18 %. Wurde das Medikament nach 20 Wochen wieder abgesetzt, ging das Gewicht wieder hoch (9). In der SUSTAIN-6 Studie bei T2DM und Patienten mit sehr hohem cv Risiko schützt die Substanz in tieferer Dosierung von 0.5 resp. 1 mg 1 x/Woche sc über 2 Jahre vor kardiovaskulären Ereignissen (cv Tod, MI, Schlaganfall) bei einer HR von 0.74. Es kam auch zu einem signifikanten Abfall des HbA1c und des Körpergewichts (10).

In der SELECT-Studie konnte bei 17 604 adipösen Nicht-Diabetikern mit kardiovaskulären Erkrankungen (ASCVD) und einem BMI ≥27, mittlerer BMI von 33 kg/m2, die Eventrate nach 3.2 Jahren mit Semaglutid, Dosistitration von 2.4 mg 1x/Woche sc, um 20 % gesenkt werden. Es kam zu signifikant weniger cv Todesfällen, nicht fatalen MI und nicht fatalen Strokes und weniger Hospitalisationen wegen einer HI nach 40 Monaten. Der Gewichtsabfall betrug -8.5 %, der Taillenumfang nahm um 7.6 % ab. Eine sehr interessante Beobachtung war, dass die protektive Wirkung, unabhängig vom Ausgangsgewicht, Prädiabetes, GFR, chron. HI (24 %), sehr rasch einsetzte, was mit der Gewichtsreduktion nicht zu erklären war. Man vermutet, dass die systemische Entzündung rasch vermindert wird und dadurch die cv Events bei allen bereits in der Frühphase positiv beeinflusst werden. Das hs-CRP sank um 37. 8%, der BD um 3.3 mmHg (Gewichtsreduktion) und das LDL um 2.2 %. An NW waren die GI- und hepatobiliären Nebenwirkungen deutlich ausgeprägter als Placebo mit 16.6 % vs. 8.2 %. Diese können mit individuellen Massnahmen und einer langsamen Dosissteigerung oft reduziert werden (11). Es fehlen Daten bei jüngeren gesunden Adipösen.

«SELECT» identifiziert erstmals Adipositas als einen behandelbaren kardiovaskulären Risikofaktor und eröffnet damit eine neue Domäne für die Kardiologie. Die Reduktion von Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall durch Semaglutid wurde, zusätzlich zu einer guten leitliniengerechten Therapie, beobachtet. Der Befund war in allen Subgruppen konsistent. «Insbesondere ist interessant, dass Patient/-innen in der niedrigen BMI-Gruppe von 27-30 kg/m2 mindestens ebenso stark, numerisch evtl. sogar stärker, profitiert haben» schrieb Prof. Dr. U. Laufs aus Leipzig im November 2023 in «Herzmedizin» der DGK.

Seit mehr als 20 Jahren wissen wir, dass die Adipositas mit der Herzinsuffizienz (HI) assoziiert ist; vor allem mit einer HFpEF bei vielen Komorbiditäten. Am häufigsten eine Hypertonie in 60–80 %, ein höheres Alter, eine CHK, das weibliche Geschlecht, eine chronotrope Inkompetenz, die Adipositas in 30–40 % und viele weitere. Die Adipositas verschlechtert die HI-Symptome, die Lebensqualität und die Prognose (12). Pathophysiologisch kommt es zu einer diastolischen Funktionsstörung mit Elastizitätsabnahme, steiferem Ventrikel mit verminderter Compliance. Man findet einen erhöhten pulmonal vaskulären Widerstand mit erhöhten pulmonalen Druckwerten inkl. RV und RA und erhöhten Füllungsdrücken. Mit der Zeit kommt es zu einer RV-Dysfunktion. Adipöse HFpEF-Patienten haben einen niederen BNP/NT-pro-BNP Wert bei gleichem Wedge-Druck als normalgewichtige Personen. Unter Belastung Abfall des Cardiac-Index und überproportionaler Anstieg der pulmonalen Druckwerte/Füllungsdrücke. Dies führt zur Belastungseinschränkung.

Insbesondere bei Frauen mit hohem BMI ist auch das Blutvolumen erhöht. Das perikardiale Fettgewebe hat eine restriktive Wirkung. Klinisch periphere Ödeme, Orthopnoe und Belastungsdyspnoe, Anstieg des NT-pro BNP (12, 13). Nach einer bariatrischen Chirurgie gibt es nach einer schwedischen Studie mit 2 Registern bei fast 40 000 Patienten deutlich weniger HI-Fälle im Vergleich zu einer intensiven Änderung des Lebensstils (14).

In der STEP-HFpEF Studie konnte bei 529 medikamentös gut vorbehandelten Patienten ohne T2DM (noch ohne SGLT2-H., nur 3,6 %) mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren und einer LVEF ≥ 45 % mit einem BMI ≥30 kg/m2 (median 37) mit einer HFpEF (NYHA II-IV), eingeschränkter Lebensqualität und kardiovaskulären Vorerkrankungen (Hypertonie, Vorhofflimmern, chronische Nierenerkrankung) klar aufgezeigt werden, dass mit Semaglutid in aufsteigender Dosierung über 16 Wochen bis 2.4mg 1 x /Woche sc und einer Beobachtung über 1 Jahr, es zu einer starken Verminderung der Symptome und einer Verbesserung der körperlichen Einschränkung kam und die Lebensqualität (KCCQ) deutlich verbessert wurde mit einer stärkeren Gewichtsabnahme (–10.7 %) als Placebo. Alle Patienten profitierten unabhängig vom Ausgangs-BMI. Der Nutzen war besonders ausgeprägt bei starker Gewichtsreduktion. Die Frauen waren insgesamt stärker beeinträchtigt und wiesen eine grössere subjektive Verbesserung auf – vgl. Pathophysiologie. Neben der Senkung des hs-CRP wurde auch das NT-pro-BNP (–16 %) deutlich gesenkt (15). Semaglutid stellt eine neue, wertvolle Therapieoption für die Behandlung von Patienten mit HFpEF und Übergewicht dar.

In der am ACC 2024 vorgestellten STEP-HFpEF DM Studie bei 616 Patienten mit einer HFpEF bei Adipositas und einem T2DM kam es zu einer Gewichtsreduktion von minus 6.4 % und einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität über 52 Wochen. Das NT-pro BNP wurde 23.2 %, das HbA1c 0.7 % gesenkt; dies mit einer Dosistitration über 16 Wochen auf 2,4mg Semaglutid 1x/Woche sc. 33 % hatten zusätzlich einen SGLT2-Hemmer (16).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Urs N. Dürst

Zelglistrasse 17
8127 Forch

u.n.duerst@ggaweb.ch

Der Autor hat keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert

  • Die Adipositas als kardiovaskuläre Komorbidität nimmt weiterhin
    stark zu.
  • Adipositas begünstigt neben ischämischen cv Erkrankungen auch
    die Entwicklung einer HFpEF und ein Vorhofflimmern; 30–40 % der HFpEF Patienten haben eine Adipositas. Bei diesen bestehen charakteristische ungünstige hämodynamische Veränderungen (Frauen > Männer).
  • Eine substanzielle Gewichtsreduktion von ≥ 5–10 % bei adipösen ASCVD Patienten führte zu einer Reduktion der cv Ereignisrate (SELECT Studie). Möglicherweise über eine Reduktion
    der ­Inflammation jenseits des eigentlichen Gewichtsverlusts.
  • Bei Patienten mit einer HFpEF und Adipositas ist der GLP1-RA
    Semaglutid assoziiert mit einer stärkeren Verbesserung der Symptome, der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität bei einer signifikanten Gewichtsreduktion und Verringerung der Entzündung als bei Placebo.
  • Mit Semaglutid ist eine Langzeittherapie notwendig;
    die häufigsten NW sind gastrointestinal.
  • Eine Rückerstattung der hohen Kosten von Ozempic®, Wegovy®
    muss individuell abgeklärt werden – vgl. Spezialitätenliste BAG.

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14. Sundström J. et al., Weight loss and Heart Failure, Circulation 2017;135:1577-1585
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Vorschläge für einen ärztlichen Notfallkoffer für Hausbesuche bei Erwachsenen

Hausbesuche nehmen in der medizinischen Praxis in der Schweiz einen wichtigen Platz ein und tragen dazu bei, die Inanspruchnahme von Notfallzentren zu reduzieren. Um eine qualitativ hochstehende Dienstleistung zu gewährleisten, muss der Inhalt des Notfallkoffers an die Hausarztpraxis angepasst sein: Er muss ausreichend sein, um verschiedene klinische Situationen zu bewältigen, aber nicht zu umfangreich, um transportierbar zu bleiben. Wir schlagen hier einen aktualisierten Inhalt des Notfallkoffers vor, der sich an den für die Diagnose und Behandlung erforderlichen Mitteln orientiert. Wir unterscheiden zwischen Basiselementen und ergänzenden Mitteln, die eine Erweiterung der Versorgung ermöglichen, insbesondere in Regionen, in denen es keine wohnortnahe Gesundheitsversorgung gibt.

House calls are an important part of medical practice in Switzerland and help reducing the need for emergency room visits. To ensure quality service, the content of the doctor’s bag must be adapted to home practice: Enough to deal with a variety of clinical situations, while sufficiently limited to remain portable. We offer here an updated doctor’s bag content, focusing on the resources needed for diagnosis and treatment. We distinguish between basic items and additional resources that can be used for extended care, particularly in regions with no local health resources.
Keywords: House Call – Doctor’s bag – Primary care medicine – Emergency

Einleitung

Ärztliche Hausbesuche werden häufig durchgeführt und tragen dazu bei, die Inanspruchnahme von Notfalldiensten zu begrenzen (1, 2). Eine Studie im Kanton Waadt hat gezeigt, dass Hausbesuche etwa 2,5 % der ärztlichen Konsultationen ausmachen, sich hauptsächlich an Personen über 65 Jahre richten und zu 20 % dringende Konsultationen darstellen (3). Etwa 70 % der ärztlichen Hausbesuche werden aufgrund eingeschränkter Mobilität der Patienten durchgeführt (4). Am häufigsten treten muskulo­skelettale, zirkuläre, respiratorische, neurologische und psychiatrische Problematiken auf (5).

Angesichts der Alterung der Bevölkerung und der Strategien zur Förderung des Verbleibs älterer Menschen zu Hause dürften die ärztlichen Hausbesuche weiterhin einen wichtigen Platz in der Tätigkeit der Grundversorger einnehmen oder sogar noch an Bedeutung gewinnen, Dies zeigt die jüngste Entstehung von Unternehmen in der Westschweiz, die sich auf Hausbesuche spezialisiert haben («Docadom» in Lausanne, «Médecins à domicile» oder «Médecins Genève» in Genf, «SOSmed» an der Côte, «Médecins du Léman» an der Riviera und im Chablais, usw.).

Um eine qualitativ hochwertige Leistung zu gewährleisten, muss der Inhalt des Notfallkoffers, der bei Hausbesuchen verwendet wird, ausreichend sein, um verschiedene klinische Situationen zu bewältigen. Einige Elemente können mit der Praxisausstattung geteilt werden, insbesondere wenn es sich um teures Material handelt. In der Literatur gibt es keine validierten Empfehlungen für den Inhalt des Notfallkoffers, obwohl in einigen Veröffentlichungen (6, 7, 8) Vorschläge gemacht wurden.

Dieser Artikel ist ein aktualisierter Vorschlag für den Inhalt des medizinischen Notfallkoffers, der sich auf die Literatur stützt, soweit vorhanden, mit einem Basisinhalt, der je nach Art und Ort der Praxis (Hausbesuche, abgelegene Region usw.) und der Erfahrung des Arztes durch zusätzliche Ausrüstung und Behandlungen ergänzt werden kann.

Diagnostische Werkzeuge

Grundlegende Werkzeuge

Der Notfallkoffer sollte grundlegende diagnostische Werkzeuge enthalten, die in Tabelle 1 aufgelistet sind.

Gerät für das Elektrokardiogramm (EKG)

Ein EKG-Gerät ist hilfreich bei der Diagnose von Herzerkrankungen. Es gibt viele tragbare Modelle, die sich sowohl für den Einsatz in der Praxis als auch für Hausbesuche eignen. Bei Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom (ACS) sollte ein EKG innerhalb von 10 Minuten nach dem ersten Arztkontakt, idealerweise bereits in der Notaufnahme, durchgeführt werden, um einen STEMI-Infarkt zu erkennen und eine rasche Behandlung zu ermöglichen. Bei einem Nicht-STEMI-Infarkt oder instabiler Angina pectoris kann das EKG normal sein und schliesst ein ACS nicht aus (9).

Ultraschallgerät

Die Entwicklung des Point-of-Care-Ultraschalls (POCUS) für Hausärzte, das Aufkommen erschwinglicher, ultra-portabler Geräte und die Möglichkeit, die Untersuchung nach erfolgreicher Ausbildung abzurechnen, machen dieses Instrument für Hausbesuche interessant. Zu beachten ist, dass eine umfassende Schulung für die korrekte Erstellung und Interpretation der Bilder unerlässlich ist. Der Nutzen von POCUS ist mit hoher Evidenz für die Suche nach einer tiefen Venenthrombose, die Beurteilung einer akuten Dyspnoe, die Unterscheidung zwischen einer Dermohypodermitis und einem Abszess und mit mässiger Evidenz für die Suche nach Anzeichen einer Nierenkolik (Hydronephrose, Steine) oder einer Cholezystitis belegt (10). Er ist auch nützlich für die Erkennung einer akuten Harnverhaltung. POCUS hat somit das Potenzial, die diagnostischen Möglichkeiten zu erweitern, Unsicherheiten zu reduzieren und eine gezieltere Behandlung zu ermöglichen.

Biologische Tests

Point-of-Care (POC) Analysen werden immer häufiger durchgeführt und können zum Teil auch in der Wohnung des Patienten durchgeführt werden. Die am häufigsten verwendeten POC-Tests sind Blutzuckermessungen, Urinstix oder SARS-Cov2-Antigentests, Streptokokken-Tests und möglicherweise INR-Tests. Die Verwendung fortschrittlicherer POC-Tests wird durch das Aufkommen tragbarer Geräte ermöglicht, die Ergebnisse innerhalb weniger ­Minuten liefern und sich in dringenden Situationen oder bei Hausbesuchen ausserhalb der Geschäftszeiten als nützlich erweisen können (11). Beispielsweise sind mehrere Tests von Interesse, wie die Messung des CRP, um den Einsatz von Antibiotika bei Atemwegsinfektionen im ambulanten Bereich zu begrenzen (12), die Messung von D-Dimeren, um eine tiefe Venenthrombose oder Lungenembolie auszuschliessen (13), und die Messung von Kreatinin, um die Dosierung einer Behandlung zu steuern. Die Studien, in denen diese Tests beschrieben werden, wurden jedoch überwiegend in der Praxis oder im Krankenhaus durchgeführt und sind nicht formal für Hausbesuche validiert. Die Messung des hochsensitiven Troponins vom Typ POC («POC hs-Troponin») könnte sich ebenfalls als nützlich für die häusliche Pflege erweisen, aber der Rahmen für seine Anwendung muss ebenfalls durch Studien an dieser Bevölkerungsgruppe präzisiert und validiert werden.

Therapeutika

Pharmakologische Massnahmen (Tab. 2)

Die im Folgenden empfohlenen Behandlungen beziehen sich auf Situationen, die am ehesten bei einem dringenden Hausbesuch auftreten können. Wir haben Medikamente ausgewählt, die bei Raumtemperatur gelagert werden können (die Hersteller geben in der Regel eine Temperatur zwischen 15 und 25°C an). Das Set sollte an einem trockenen und dunklen Ort aufbewahrt werden. Um die Qualität der Medikamente zu gewährleisten, sollte es nicht über längere Zeit im Auto aufbewahrt werden, wo die Temperatur extreme Werte erreichen kann. Die Liste unterscheidet zwischen grundlegenden Bestandteilen und solchen, die je nach Praxis spezielle oder nützliche Erfahrungen und Kenntnisse erfordern. Die Aufnahme von teuren Medikamenten sollte entsprechend dem Kontext der Praxis und der Wahrscheinlichkeit ihres Gebrauchs erfolgen.

Analgesie

Leichte Schmerzen können mit Paracetamol oder einem NSAR behandelt werden. Bei mässigen Schmerzen können Paracetamol und ein NSAR kombiniert und ein schwaches Opioid (Tramadol oder Codein) hinzugefügt werden. Bei starken Schmerzen ist ein Opioid erforderlich. Der Verabreichungsweg hängt von der Art und Schwere der Schmerzen ab, und die Wahl des Medikaments hängt von den Fähigkeiten des Arztes und den Eigenschaften des Patienten ab (14). Die parenterale Verabreichung von Opioiden erfordert wegen des Risikos einer Atemdepression oder anderer Nebenwirkungen eine Überwachung. Sie kann sich als nützlich erweisen, wenn eine palliative Behandlung erforderlich ist oder die Zeit bis zur Verlegung in ein Krankenhaus überbrückt werden muss. Für die Anwendung muss ein Gegenmittel (Naloxon) zur Verfügung stehen.

Herz-Kreislauf

Bei Verdacht auf ACS wird die Gabe von 150–300 mg Aspirin PO in nicht magensaftresistenter Form (oder 75–250 mg IV) empfohlen, wobei eine frühe präklinische Gabe wahrscheinlich einen Mortalitätsvorteil hat (9, 15). Bei Allergien kann eine Ladedosis Clopidogrel (300–600 mg PO) verabreicht werden (16). Vor einer Koronarangiographie wird eine doppelte Antikoagulation nicht empfohlen (9). Bei ischämisch bedingten Thoraxschmerzen ist eine Nitrattherapie sinnvoll.

Bei einer hypertensiven Krise (ohne Organschaden) kann der Blutdruck – unter Vermeidung eines plötzlichen Blutdruckabfalls – durch Anpassung der üblichen Behandlung und Hinzufügen eines Moleküls gesenkt werden. Wir empfehlen Nifedipin retard (17). Die symptomatische Herzinsuffizienz erfordert eine Behandlung mit Diuretika, intravenös oder parenteral, und Nitratderivaten bei akutem Lungenödem (18). Bei Tachyarrhythmien (Vorhofflimmern, symptomatische Extrasystolen) empfehlen wir einen Betablocker, sofern eine begleitende Herzinsuffizienz vorliegt.

Atemsystem

Bei leichter bis mittelschwerer Asthmaexazerbation wird empfohlen, in der ersten Stunde alle 20 Minuten 4–10 Sprühstösse (400–1000 mcg) Salbutamol im Dosieraerosol, möglichst mit Inhalationskammer, und 20–40 mg Prednison PO zu verabreichen. Im Falle einer Verschlechterung oder einer schweren Exazerbation sollte Ipratropiumbromid hinzugefügt werden, bis eine notfallmässige Krankenhauseinweisung erfolgt (21). Eine leichte bis mittelschwere COPD-Exazerbation sollte mit einem kurzwirksamen Beta-Agonisten ± in Kombination mit Ipratropiumbromid, einer fünftägigen Kortikosteroidtherapie mit Prednison 40 mg und einer Antibiotikatherapie bei Verdacht auf eine Infektion behandelt werden (22). Die Behandlung von COPD-Exazerbationen sollte mit einem kurzwirksamen Beta-Agonisten ± in Kombination mit Ipratropiumbromid, einer fünftägigen Kortikosteroidtherapie mit Prednison 40 mg und einer Antibiotikatherapie bei Verdacht auf eine Infektion erfolgen.

Im Falle einer Sauerstoffentsättigung ist häufig eine Sauerstofftherapie erforderlich, die eine Überweisung in ein Krankenhaus nach sich zieht, wobei insbesondere bei Patienten in Pflegeheimen die Vor- und Nachteile einer Überweisung sorgfältig abgewogen werden müssen. Aufgrund der hohen Kosten eines Sauerstofftherapiegerätes (mehrere tausend Franken für einen tragbaren Konzentrator) haben wir dieses Gerät nicht in unser Set aufgenommen. Sie kann jedoch je nach Art der Praxis und der Wahrscheinlichkeit des Auftretens von lebensbedrohlichen Notfällen in Betracht gezogen werden.

Anaphylaxie

Bei einer Anaphylaxie mit kardiovaskulärer oder respiratorischer Beteiligung ist die frühzeitige Verabreichung von Adrenalin IM (auf der anterolateralen Seite des Oberschenkels) in einer Dosis von 0,5 mg, die bei Bedarf nach 5 Minuten wiederholt werden muss, von grösster Bedeutung. Bei Angioödemen oder ausschliesslichem Hautbefall ist eine Antihistaminika-Behandlung in der Regel ausreichend (23). Glukokortikoide werden häufig eingesetzt, um das Risiko einer biphasischen Reaktion zu verringern, aber es gibt keine Belege für ihre Wirksamkeit und ihre routinemässige Verabreichung wird nicht mehr empfohlen (24).

Metabolismus

Im Falle einer Hypoglykämie bei einem Diabetiker besteht die Behandlung in der Gabe von 15–20 g Glukose PO, gefolgt von einem Snack oder einer Mahlzeit. Wenn die Verabreichung PO nicht möglich ist, besteht die Behandlung in der Verabreichung von Glukose 20–25 g IV oder Glukagon 1 mg SC oder IM (25). Bei Hypoglykämie und Verdacht auf Thiaminmangel oder nachgewiesenem Gayet-Wernicke-Syndrom steht die sofortige Korrektur der Hypoglykämie im Vordergrund, die Thiaminsubstitution kann in einem zweiten Schritt so schnell wie möglich erfolgen (26).

Verdauungstrakt

Bei Verdauungsbeschwerden empfehlen wir als Antiemetikum Domperidon (nicht bei wahrscheinlicher Hypo­kaliämie oder langem QT wegen der Gefahr einer QT-Verlängerung), als Antidiarrhoikum Loperamid, als Antispasmodikum Butylscopolamin.

Verlängerung), Loperamid als Antidiarrhoikum, Butylscopolamin als Antispastikum und Lansoprazol als Protonenpumpenhemmer. Auch die Ausrüstung zur Durchführung eines Einlaufs sollte vorhanden sein.

Neuropsychiatrie

Als Antiepileptikum, das intravenös oder intramuskulär verabreicht werden kann, empfehlen wir Midazolam, das in einigen Apotheken auch in einer intranasalen Formulierung erhältlich ist. Diazepam ist eine Alternative, aber die Zeit bis zum Erreichen der Spitzenkonzentration ist bei den IM- und IN-Formen länger (27). Lorazepam als Injektionslösung muss im Kühlschrank aufbewahrt werden und ist daher nicht für ein Notfallset geeignet. Akute Dystonien, die sekundär zu einer antidopaminergen Therapie (typischerweise einem Neuroleptikum) auftreten, erfordern die Gabe eines Anticholinergikums wie Biperiden (Akineton®) als PO oder IV (28).

Bei akuter Agitation kann nach Versagen nicht-pharmakologischer Massnahmen eine Behandlung mit Benzodiazepinen (z.B. Lorazepam 2.5 mg PO, Midazolam IM oder IV) oder Antipsychotika erforderlich sein. Olanzapin hat ein geringeres Risiko für QT-Verlängerung und extrapyramidale Störungen als die Neuroleptika der ersten Generation. Haloperidol, ein Antipsychotikum der 1. Generation, hat jedoch den Vorteil, dass es wesentlich kostengünstiger ist (29). Benzodiazepine werden auch zur Behandlung von Angstzuständen eingesetzt.

Infektiologie

Wir schlagen Antibiotika für die empirische Therapie häufiger Infektionen vor, die ambulant behandelt werden können, gemäss den Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie (30). Die Behandlung ist den mikrobiologischen Befunden anzupassen, sofern diese vorliegen.

Bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen empfehlen wir Nitrofurantoin. Für Harnwegsinfektionen ohne Fieber bei Männern (die nicht auf die Ergebnisse einer Kultur warten können) oder Pyelonephritis bei Frauen empfehlen wir nach mikrobiologischer Untersuchung des Urins Ciprofloxacin (beachten Sie, dass die Food and Drug Administration eine «Boxed Warning» wegen des Risikos von Tendinopathien herausgegeben hat). Für Prostatitis wird derzeit Ceftriaxon IV empfohlen, die orale Alternative ist Ciprofloxacin, ebenfalls nach Kultur. Bei ambulant behandelter Pneumonie mit Komorbiditäten wird Co-Amoxicillin empfohlen, bei Penicillinallergie ein Chinolon wie Levofloxacin. Die SGI hat keine Empfehlung für die Dermohypodermitis veröffentlicht, aber das Co-Amoxicillin deckt die häufigsten verursachenden Keime ab. Ceftriaxon kann bei Verdacht auf Meningitis mit Meningokokkämie oder im Schockfall zur Verabreichung IM oder IV das Notfall-Set ergänzen (31).

Toxikologie

Angesichts des häufigen Gebrauchs von Opiaten wird empfohlen, das Antidot Naloxon bereitzuhalten. Das ­Benzodiazepin-Antidot Flumazenil kann bei einer Monotoxizität hilfreich sein, es besteht jedoch die Gefahr von epileptischen Anfällen, insbesondere bei Polyintoxikation, Benzodiazepin-Abhängigkeit oder zugrunde liegender Epilepsie. Bei anderen Vergiftungen besteht die Behandlung hauptsächlich in einer unterstützenden Behandlung, bis eine Überweisung in ein Krankenhaus erfolgt.

Sonstiges

Kristalloidbeutel (Natriumchlorid 0,9 % 500 ml oder Ringerlaktat 500 ml) sind als Fülllösung nützlich, Flaschen mit NaCl 0,9 % zur Spülung der Venenwege, Hautdesinfektionslösung zur Desinfektion von Wunden und kleinen Eingriffen, Lokalanästhesielösung für Nähte und Anästhesiegel zum Legen eines Blasenkatheters. Tranexamsäure kann lokal zur Blutstillung eingesetzt werden (Tab. 2).

Material

Grundausstattung

Die Grundausstattung wird für alle Notfallkoffer benötigt und ist in Tabelle 3 aufgeführt. Die erweiterte Ausrüstung hängt von der vorhandenen Praxisumgebung und der Erfahrung des Arztes ab. Für die Verabreichung von Sedativa oder Antiepileptika (z. B. Midazolam) kann ein Mucosal Atomization Device (MAD) hilfreich sein.

Kardiorespiratorisches System

Mit einer nasopharyngealen (Wendel) oder oropharyngealen (Guedel) Kanüle (Abb. 1) können die Atemwege bei Bewusstlosigkeit offen gehalten werden. Eine Taschenmaske und ein Beatmungsbeutel sind im Falle einer Reanimation hilfreich. Beim Einsatz von Bronchodilatatoren bei akuter Atemnot wird die Verwendung einer Inhalationskammer empfohlen.

Obwohl ein Herz-Kreislauf-Stillstand eines Patienten in der Arztpraxis ein seltenes Ereignis ist (32), sind Hausärzte potenziell einer Risikopopulation ausgesetzt. Die Durchführung der kardiopulmonalen Reanimation durch Hausärzte verbessert die Überlebenschancen der Patienten (33), und die Defibrillation eines Herz-Kreislauf-Stillstand mit schockbarem Rhythmus durch Ersthelfer ausserhalb des Krankenhauses verbessert das Überleben bei gutem neurologischem Status im Vergleich zur Defibrillation durch den Rettungsdienst ab einer Zeitspanne von 4 Minuten zwischen Notruf und Eintreffen des Rettungsdienstes (34). Die Ausstattung mit einem Defibrillator kann für Praxen mit erhöhtem Risiko für lebensbedrohliche Notfälle (abgelegene Gebiete, risikoreiche Eingriffe, Gemeinschaftspraxen) relevant sein und ist auch bei Hausbesuchen angezeigt, insbesondere bei Hausbesuchen ohne vorherige Telefontriage, in Gebieten, die für präklinische Notfallmassnahmen schwer zugänglich sind, oder in Gebieten mit geringer Dichte an verfügbaren automatischen externen Defibrillatoren.

Traumatologie

Es kann sinnvoll sein, eine kleine Naht beim Patienten zu Hause durchzuführen, um die Inanspruchnahme eines Notfalldienstes zu vermeiden. Gewebekleber kann bei kleinen, linearen, sauberen und spannungsfreien Wunden eine Naht ersetzen (35). Bei externen Blutungen können blutstillende Kompressen (z. B. Tabotamp oder Quik Clot) hilfreich sein. In Polytrauma-Situationen (z. B. Medikation bei Sportveranstaltungen) kann eine provisorische Schiene, ein Beckengurt oder ein Tourniquet hilfreich sein. Eine Halskrause kann hilfreich sein, ihr Nutzen in diesem Zusammenhang wird jedoch diskutiert (36).

Verschiedenes

Wir schlagen vor, dass die Möglichkeit besteht, einen peripheren Venenzugang zu legen, eine Infusion zu verabreichen und einen Blasenkatheter im Falle einer Harnverhaltung zu legen. Je nach den örtlichen Gegebenheiten kann es bei einem Todesfall mit einem Herzschrittmacher erforderlich sein, die Ausrüstung zur Extraktion des Herzschrittmachers und zur Durchführung einer Naht bereitzuhalten.

Administratives

Tabelle 4 enthält einen Vorschlag für administrative Unterlagen und Inhalte. Im Todesfall sind die Formulare für die Sterbeurkunde unerlässlich.

Schlussfolgerung

Der Inhalt des Notfallkoffers sollte grundlegende diagnostische und therapeutische Materialien enthalten, die je nach Praxiskontext und Erfahrung des Arztes durch umfangreichere Materialien ergänzt werden können. Eine umfassendere Ausstattung ermöglicht es, auf mehrere Situationen zu reagieren und möglicherweise Überweisungen in medizinische Einrichtungen zu vermeiden, insbesondere bei älteren Patienten, die zu Hause oder in Pflegeheimen leben.

Der Einsatz tragbarer Ultraschallgeräte kann die diagnostischen Möglichkeiten erweitern und eine gezieltere Behandlung ermöglichen. Die Entwicklung von Point-of-Care-Tests, die in wenigen Minuten auf tragbaren Geräten durchgeführt werden können, ist interessant und sollte regelmässig überprüft werden. Die Integration eines Defibrillators in die Ausrüstung ermöglicht die Reanimation bei Herzkreislaufstillstand und erhöht die Überlebenschancen bei gutem neurologischem Zustand im Falle eines defibrillierbaren Rhythmus. Je nach Art der Praxis oder der Entfernung zum präklinischen Rettungsdienst kann eine solche Ausstattung sinnvoll sein.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Olivier Thorens

GHOL – Hôpital de Nyon
Notfalldienst
Chemin Monastier 10
1260 Nyon

othorens@protonmail.com

Dr. med. Philippe Staeger

Unisanté – Département des policliniques
Rue du Bugnon 44
1011 Lausanne

Prof. Dr. med. Pierre-Nicolas Carron

CHUV – Notaufnahme
Abteilung für interdisziplinäre Zentren
Rue du Bugnon 44
1005 Lausanne

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Hausbesuche helfen in manchen Fällen die Inanspruchnahme von Notdiensten zu vermeiden.
  • Der Inhalt des Notfallkoffers sollte so umfassend sein, dass er für verschiedene Situationen geeignet ist. Er sollte je nach Art der Praxis und der
  • Erfahrung des Arztes/der Ärztin angepasst werden.
  • Die Utraschalluntersuchung ist auch zu Hause durchführbar und kann die diagnostischen Möglichkeiten verbessern.
  • Die Defibrillation bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand kann die Überlebenschancen bei gutem neurologischen Status verbessern und die Integration eines Defibrillators kann angemessen sein, wenn die Praxis in abgelegenen Gebieten stattfindet oder wenn die Interventionen nicht durch eine vorgeschaltete Zentrale geregelt werden.

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