Muskelaufbau und ­Gesundheit bei Älteren

In jedem Lebensalter ist aus Gesundheitsgründen eine moderate Dauerleistungsaktivität im Umfange von 150 Minuten pro Woche empfohlen. Im Pensionsalter kommt es aufgrund einer subklinischen Entzündungslage im Körper zu einem Muskelmasseverlust (Sarkopenie). Bis zum 80sten Lebensjahr wird die körperliche Leistungsfähigkeit dadurch in etwa halbiert. Es ist deswegen im Alter zum Erhalt der Muskelmasse indiziert, 2 – 3 mal wöchentlich, ein gezieltes Krafttraining aller Muskelgruppen der oberen und der unteren Extremität sowie der Rumpfmuskulatur durchzuführen. Dies sollte mit jeweils 10 – 15 erschöpfenden Kontraktionen geschehen. Die Gesundheitswirksamkeit des aeroben Trainings ist der Freisetzung von Zytokinen (Myokine oder Exerkine) aus der belasteten Muskulatur zuzuschreiben. Zum Muskelaufbau bedarf es zusätzlich eines Krafttrainings, welches einen gezielten mechanischen Reiz setzt, der im Dauerleistungstraining nicht erreicht wird.

It is generally accepted that 150 Minutes per week of moderate to intensive endurance activity has multiple health relevant benefits. Starting at retirement age a systemic low-grade inflammation leads to progressive muscle mass loss such that by age of 80, the physical performance capacity is practically halved. To reduce muscle loss a 2 – 3 times weekly strength training program is recommended including all major muscle groups of the upper and lower extremity as well as the trunk. Individual training sets should lead to exhaustion of the targeted muscles in 10 – 15 contractions. The health benefit of aerobic training is mediated by the release of cytokines (myokines or exerkines) from the activated muscles. Additional strength training is needed for muscle build-up or maintenance as endurance type training does not induce sufficient mechanical stress in activated muscles.
Key Words: Sarcopenia, muscle loss, elderly patients, training, muscle build-up

Leistungsfähigkeit im Alter

Es ist die allgemeine Erfahrung, dass unsere körperliche Leistungsfähigkeit mit dem Alter abnimmt. Allerdings stellen wir fest, dass der Abfall der Dauerleistungsfähigkeit, gemessen als maximal erreichbare Leistung auf dem Ergometer, bis zu einem Alter von 60 Jahren bescheiden ausfällt (1, 2). Nach 60 ist der Abfall allerdings steil; zwischen dem 60. und dem 80. Lebensjahr halbiert sich die aerobe Leistungsfähigkeit in etwa.

Als Hauptursache der Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit mit dem Älterwerden ist vor allem die lineare, altersbedingte Abnahme der maximalen Herzfrequenz zu nennen (3). Dazu kommt der in höherem Alter zunehmende Verlust an Muskelmasse (Sarkopenie), welcher die Abnahme der Leistungsfähigkeit stark beschleunigt (4). Der Erhalt dieser Muskelmasse und die Bekämpfung der Sarkopenie sind der Fokus dieser kurzen persönlichen Darstellung. Es wird dabei versucht, praktische Trainingsempfehlungen mit den Mechanismen der altersbedingten Leistungseinschränkungen zu begründen.

Bewegungsempfehlungen

Für gesunde Erwachsene fordert das ACSM (American College of Sports Medicine) 150 Minuten moderate bis intensive (vigorous) körperliche Tätigkeit pro Woche (5). Diese Empfehlung ist unbestritten und gilt grundsätzlich für alle Erwachsenen und alle Lebensalter. Die Vorgaben für ältere Erwachsene sind im Copenhagen Consensus Statement 2019 Physical Activity and Ageing, zusammengefasst und erscheinen etwas weniger strikt (6). Man geht davon aus, dass sich bei Älteren die günstigen Auswirkungen körperlicher Aktivität bei niedrigeren Volumina und Intensitäten einstellen. Dabei hält das Copenhagen Consensus Statement zusätzlich fest, dass körperliche Tätigkeit nicht nur gegen zivilisatorische Erkrankungen wirkt, sondern auch den altersbedingten kognitiven Abbau verzögert und einen günstigen Einfluss auf Parkinson und Alzheimer nimmt.

Praktisch bedeutet dies für Menschen im Pensionsalter (65+), dass sie idealerweise fünfmal in der Woche über mindestens 30 Minuten körperlich aktiv sein sollten. Aufgrund der niedrigeren geforderten Intensitäten ist es nicht mehr notwendig zu joggen; es genügt ein etwas akzentuierter Spaziergang z.B. mit dem Hund. Die Sportart, die man sich auswählt, spielt für den Erhalt der Gesundheit keine Rolle und sollte aufgrund der persönlichen Präferenz gewählt werden. Schwimmen, Rudern und Radfahren sind dabei ebenso geeignet wie Wanderungen oder Ausflüge mit dem E-Bike oder allenfalls Yoga und Pilates. Im Alter geht es nicht mehr um «schweisstreibendes Training», sondern um bewusst genussreiches Bewegen, wobei mehr das Volumen als die Intensität im Vordergrund stehen sollte. Im Alter braucht es keinen aufwändigen Trainingsplan, wie er notwendig ist, wenn man seine Leistungsfähigkeit gezielt verbessern will. Man trainiert nicht mehr für die Verbesserung der Leistung, sondern für den Erhalt der Gesundheit und der Lebensqualität.

Eine ideale Alterssportart ist das Golfspiel. Dabei ist man in jeder Golfrunde 3–4 Stunden intermittierend, aber nie maximal körperlich aktiv. Für das Golfspiel spricht zusätzlich der Umstand, dass für jeden Golfschlag höchste geistige Konzentration, Koordination und ein gutes Gleichgewicht gefordert sind. Es kommen damit eine ganze Reihe komplexer, kognitiver Fähigkeiten ins Spiel. Golf betreibt man idealerweise in einer Gruppe von zwei bis maximal 4 Personen. In diesem Sinne kann Golf zum Erhalt der sozialen Integration beitragen. Jeder Golfclub betreibt für weibliche (Ladies) und männliche Senioren spezielle Seniorengruppen und reserviert dafür auch Spielzeiten und Turniere. Leider ist Golf teuer und stellt psychomotorisch ausserordentlich hohe Anforderungen. Golf lässt sich aber auch noch im Pensionsalter erlernen, wenn man gewillt ist, die damit verbundenen Frustrationen zu ertragen.

Es gibt also beliebig viele Möglichkeiten, auch im Alter körperliche Dauerleistungstätigkeiten in genügendem Umfange und mit Spass zu betreiben, insbesondere da einem im Alter normalerweise genügend Zeit dazu zur Verfügung steht.

Sarkopenie

Mit den beschriebenen Tätigkeiten, auch wenn im erforderlichen Umfange betrieben, bleibt das Problem der Sarkopenie nur teilweise gelöst. Auch bei adäquater körperlicher Tätigkeit wird im Alter ein Verlust an Muskelmasse stattfinden und den Leistungszerfall beschleunigen. Der Begriff Sarkopenie wurde von Rosenberg (7) geprägt und bezeichnet im engeren Sinne den altersbedingten Verlust an Muskelmasse und Funktion. Rosenberg nennt als Ätiologie für Sarkopenie: Bewegungsarmut, vermehrtes Muskelfett, Insulin Resistenz, Verlust an Motoneuronen, verminderte Proteinaufnahme, erhöhtes Interleukin-6, Abnahme an Östrogen und Testosteron sowie verminderte Abgabe von Wachstumshormon (8). Die genannte Ätiologie benennt damit im Wesentlichen die bekannten positiven und negativen Regulatoren der Muskelmasse (Abb. 1).

Zentral wird die Muskelmasse durch den molekularen Effektor mTorc geregelt. Dabei ist mTorc für die translatorische Steuerung der Synthese der muskulären und anderer Proteine verantwortlich. Mechanischer Reiz und anabole Hormone scheinen einen dominanten Reiz auf das Wachstum der Muskelzelle zu haben. Wobei mechanischer Reiz kombiniert mit anabolen Hormonen besonders wirksam ist (9). Auch Insulin und Wachstumshormon gehören zu den wesentlichen positiven Regulatoren der Muskelmasse, dabei nimmt die Belastung der Muskulatur selbst einen wesentlichen Einfluss auf die Sekretion der genannten Hormone und Wachstumsfaktoren (10). Als weiterer kritischer Faktor für Muskelwachstum und Muskelerhalt ist die ausreichende Zufuhr von Proteinen über die Nahrung – dabei ist die Aminosäure Leucin der molekular relevante Effektor.

Der dominante negative Regulator der Muskelmasse ist das Myostatin, ein Mitglied der TGF-beta (transforming growth factor-beta) Superfamilie. Wird Myostatin in Mäusen ausgeschaltet, so entwickeln diese eine Muskelhypertrophie im Bereich einer zwei- bis dreifachen Zunahme der Masse individueller Muskeln (11). Der naheliegende klinische Einsatz von Myostatin-Antagonisten oder ­ähnlich wirkenden pharmakologischen Interventionen zur Bekämpfung der Sarkopenie scheint aber vorderhand noch ausser Reichweite (12). Als Therapien erster Wahl gelten deswegen körperliche Aktivität (vor allem ­Krafttraining) und die alimentäre Unterstützung (im Fokus steht die Protein Supplementierung).

Weitere wichtige negative Regulatoren der Muskelmasse sind Glucocorticoide und Hypoxie. Der Glucocorticoid induzierte Muskelmasseverlust muss als Kollateralschaden der Therapie mit Glucocorticoiden als Entzündungshemmer in rheumatischen Erkrankungen oder im Rahmen von Krebstherapien gesehen werden. Beim Muskelmasseverlust durch Hypoxie spielt es keine Rolle, ob die systemische Hypoxie aufgrund eines lange währenden Aufenthalts in grosser Höhe besteht oder durch COPD verursacht wird.

In den Vordergrund des klinischen Interesses ist in der letzten Zeit die durch eine chronische Entzündungslage im ­Organismus hervorgerufene Sarkopenie gerückt (13). Alterungsprozesse an der Mitochondrienpopulation, speziell in der Muskulatur, scheinen dabei besonders bedeutend. Verantwortlich sind Fehler im mitochondrialen Proteinmetabolismus, der mitochondrialen Biogenese und der Autophagie (14). Man geht davon aus, dass für die mitochondriale Dysfunktion vor allem für eine Anhäufung von Sauerstoffradikalen (ROS) verantwortlich ist. Dadurch kommt es zu einer Entzündungslage in der Muskulatur. Betroffen ist aber nicht nur die Muskulatur, das grösste Organ unseres Körpers, sondern alle Organsysteme. Diese altersbedingte Entzündungslage im Organismus wird mit dem Begriff «Inflammaging» belegt (15). Inflammaging wird als Hauptgrund für die altersbedingte Sarkopenie angesehen (16).

Myokine, Exosomen und Inflammaging

Über die letzten 20 Jahre konnte etabliert werden, dass der aktivierte Muskel als endokrines Organ funktioniert und eine Vielzahl von kleinen Peptiden (Zytokine) freisetzt, welche als Myokine bezeichnet werden. Die Myokine dienen primär der Kommunikation zwischen den Organen (organ crosstalk, (17)). Es ist ebenfalls etabliert, dass viele, der durch den aktiven Muskel freigesetzten Zytokine, eine anti-inflammatorische Aktivität besitzen (18). Der aktive Muskel setzt aber nicht nur Zytokine, sondern auch sogenannte Exosomen frei (19). Exosomen sind Mikrovesikel, welche die genannten Myokine enthalten, daneben aber auch verschiedene Nukleinsäuren wie, microRNA, messenger RNA und mitochondriale DNA. Der Inhalt dieser Exosomen soll für die multisysteme Wirkung von körperlicher Aktivität verantwortlich sein. Dies beinhaltet einerseits multiple, günstige metabole Anpassungen im Organismus, als auch die Verminderung des Risikos für Inaktivität assoziierte Erkrankungen wie Arteriosklerose, kardiovaskuläre Erkrankungen, einige Krebsarten, Osteoarthritis, Obesitas, metaboles Syndrom, Diabetes 2 und Depression. Safdar und Tarnopolski (19) schlagen deswegen den Begriff «Exerkine» für die Gesamtheit der durch Muskeltätigkeit freigesetzten Exosomen vor. Regelmässige körperliche Aktivität ist damit anerkanntermassen der wichtigste modifizierbare Faktor in der Ätiologie der genannten Erkrankungen. Einen wesentlichen Anteil der günstigen Wirkung der regulären, körperlichen Aktivität wird dabei deren anti-inflammatorischen Effekt zugeschrieben (20).

Tatsächlich kann man mit 150 Minuten moderater Aktivität pro Woche die wesentlichen positiven Effekte auf die multiplen «zivilisatorischen» Erkrankungen erreichen. Wir können davon ausgehen, dass die Muskelmasse bis circa ins Pensionsalter ohne zusätzliche Massnahmen erhalten bleibt. Es ist offensichtlich, dass der ab dem 60. –65. Lebensjahr beschleunigt, auftretende Verlust an Leistungsfähigkeit vor allem dem in den Vordergrund tretenden Muskelabbau zuzuschreiben ist. Wir müssen deswegen in dieser Altersgruppe spezifische Massnahmen zum Erhalt der Muskelmasse ins Auge fassen.

Krafttraining im Alter

Die von der ACSM und vom Copenhagen Consensus Statement vorgeschlagenen 150 Minuten körperlicher Tätigkeit kann als Dauerleistungsbelastungen charakterisiert werden. Dabei wird eine grössere Muskelmasse bei einem Bruchteil der maximal möglichen Leistung über längere Zeit belastet. Dies führt zu einem Anstieg der Atmung und Herzfrequenz, weil der Energiebedarf aerob gedeckt werden muss. Die Wirkung der Belastung ist damit systemisch. Die mechanische Belastung der einzelnen, an der Bewegung beteiligten Muskeln bleibt allerdings gering. Dauerleistungstraining führt also per se nicht zu einer Zunahme der Muskelmasse der belasteten Muskeln oder deren Kraft, sondern nur zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Gesamtorganismus (21).

Ist das Ziel einer Belastung die Vergrösserung des Muskelquerschnitts oder der Kraft, muss dazu eine Form von Krafttraining gewählt werden. Beim Krafttraining werden Muskelgruppen mit wenigen, fast maximalen Belastungen bis zur Erschöpfung ausgelastet. Ein Satz (oder Set) beschreibt dabei eine Einheit aus mehreren nacheinander ausgeführten Wiederholungen derselben Bewegung. Steht der Gewinn an Muskelmasse im Vordergrund (Hypertrophie Training), wird die Belastung so gewählt, dass mit 8 –12 Wiederholungen eine vollständige Ausbelastung erfolgt. Das ACSM empfiehlt in seinen Guidelines für ältere und gebrechliche (frail) Personen 10 –15 Wiederholungen (22). Sind in einem Set 15 Wiederholungen möglich – kann das Gewicht bzw. die Belastung erhöht werden. Dabei wird die Einzelbelastung in einem Set auf die maximal mögliche Belastung in einer Einzelkontraktion bezogen. Diese Belastung wird als 1RM bezeichnet. Bei Hypertrophie Training wird typischerweise mit Belastungen von 65 bis 85 % von 1RM trainiert.

Im Krafttraining gibt es unendlich viele Varianten eines effektiven Trainings zum Gewinn oder Erhalt von Muskelmasse und Kraft (23). Man kann mit freien Gewichten trainieren oder an Kraftmaschinen, man kann das eigene Körpergewicht zum Training verwenden oder an elektronisch kontrollierten Maschinen, welche den ­Widerstand in beide Richtungen der Bewegung variieren können. Die Art und Weise des Krafttrainings spielt vermutlich eine geringe Rolle – Hauptsache man trainiert 2–3 mal in der Woche und vermeidet dabei häufig gemachte Fehler. In einer Metaanalyse von 47 Studien zeigt Peterson (23) an einer Population von 1047 über 50-Jährigen einen Kraftzuwachs in vier Muskelgruppen von 24 % bis 33 % bei zwei bis drei Trainings pro Woche, einer Trainingsdauer von 6 bis 24 Wochen und einer Belastung von 40 % bis 80 % von 1RM. Dieses erstaunliche Resultat zeigt, dass eigentlich jegliches Krafttraining, unabhängig von der gewählten Modalität, effektiv ist.

Hinweise zum effektiven Training im ­Älterwerden

Sinnvollerweise kombiniert man ab einem Alter von 60–65 Jahren Dauerleistungstraining nach Vorgaben des Copenhagen Consensus Statements mit zwei Krafttrainingseinheiten. Letztere sollten an nicht konsekutiven Tagen stattfinden. Es liegen zurzeit noch keine gesicherten Daten dazu da, inwieweit dabei die Krafttrainingseinheiten die Dauerleistungseinheiten in Bezug auf die Exerkin Produktion ersetzen können. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass auch im Krafttraining Exerkine in ähnlichem Umfange freigesetzt werden wie im Dauerleistungstraining (24).
Beim Krafttraining sollte auf ein vernünftiges Aufwärmen der zu trainierenden Muskulatur geachtet werden. Dazu eignen sich für die untere Extremität mindestens 10 Minuten auf dem Fahrradergometer bei leichter Belastung (50 –100 Watt). Für die obere Extremität wäre ein Oberkörperergometer ideal. Man kann die Oberkörpermuskulatur aber auch mit einem Cross-Trainer oder mit einer Rudermaschine für mindestens 10 Minuten aufwärmen.

Bei älteren Erwachsenen empfiehlt sich die Verwendung von Krafttrainingsgeräten. Training mit freien Gewichten ist koordinatorisch wesentlich anspruchsvoller und sinnvollerweise nur dann zu wählen, wenn schon Erfahrung im Training mit freien Gewichten besteht. Koordinatorische Aspekte sollten im Alter eher mit separaten Koordinationsübungen geübt werden. Zur Festlegung der Belastungen in den einzelnen Übungen sollte man die Hilfe des Personals des Trainingszentrums in Anspruch nehmen. Damit wird auch sichergestellt, dass die ­Ausführung der einzelnen Übungen korrekt erfolgt und auf richtiges Atmen geachtet wird.

Eine Trainingseinheit sollte alle grösseren Muskelgruppen der oberen und der unteren Extremität umfassen. Es ist darauf zu achten, dass auch die Rumpfmuskulatur, besonders die Rumpfrotation, in den gewählten Übungen zum Zuge kommt. Insgesamt ergeben sich dadurch etwa 10 –12 Übungen. Bei der Auswahl der Übungen ist darauf zu achten, dass mono artikuläre Übungen (z.B. reine Knieextension oder Knieflexion) ungünstig sind, weil bei diesen Übungen die Gelenkbelastungen höher sind als bei Übungen in einer sogenannten «geschlossenen» Muskelkette (z.B. der Beinpresse). Mono artikulare Übungen sind vor allem dann abzulehnen, wenn degenerative Gelenkerkrankungen vorliegen.
Im Gegensatz zu der häufig propagierten Ansicht, zwei bis drei Sets (also Wiederholungen einer Übung) zu machen, genügt gerade im Alter ein einzelnes Set vollständig (25, 26). Wenn nicht maximaler Muskelmasse- oder Kraftgewinn im Vordergrund steht, scheint es sinnvoller zu sein, die Trainingszeit auf eine grössere Anzahl verschiedener Übungen zu verteilen.

Die Datenlage für die gesundheitlichen Vorteile vermehrter körperlicher Aktivität in allen Lebensaltern ist erdrückend. Es besteht ein weitestgehender Konsens, dass dazu 150 Minuten körperliche Dauerleistungstätigkeit von moderater Intensität genügt. Aufgrund der im Alter zunehmend wichtiger werdenden Sarkopenie und dem damit assoziierten Muskelmasseverlust ist es dringend geraten, ab 60–65 Jahren mindestens zwei Trainingseinheiten Krafttraining an nicht konsekutiven Wochentagen in den individuellen Lebensplan einzubauen.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Prof. em. Dr. med. Hans Hoppeler

Universität Bern, Institut für Anatomie
Baltzerstrasse 2
3012 Bern

Barbara Grünig Hoppeler

Physiotherapie und Osteopathie
Hühnerbühlrain 40
3065 Bolligen

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • 150 Minuten/Woche moderate körperliche Aktivität ist in
    jedem Alter empfohlen
  • Im Pensionsalter führt eine subklinische Entzündungslage
    zu Sarkopenie
  • Gezieltes Krafttraining wird deswegen im Alter zum
    Muskelaufbau empfohlen
  • Dazu sind 10–15 erschöpfende Kontraktionen der wichtigsten
    Muskelgruppen nötig.

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Das kardio-renale metabolische Syndrom (KRM): eine neue kardiovaskuläre Entität

Ein von Boehringer Ingelheim gesponsertes Webinar, welches vom Zurich Heart House und vom London Heart House organisiert wurde, widmete sich einer neuen kardiovaskulären Entität, dem kardio-renalen-metabolischen Syndrom. Unter dem Vorsitz von Prof. Thomas Lüscher, London/Zürich, und Prof. Thomas Rosemann, Zürich, präsentierten internationale Experten neue Konzepte zu Herz- und Nierenkrankheiten.

Prof. Thomas F. Lüscher und Prof. Thomas Rosemann Chairmen am Webinar des Zürich Heart House und des London Heart House

Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechsel­erkrankungen (KRM): das neue klinische Konzept auf dem Vormarsch

Dr. Janaka Karalliedde

Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselkrankheiten stellen weltweit eine hohe Krankheitslast dar, stellte Dr. Janaka Karalliedde, London, eingangs fest. Diese Krankheiten sind miteinander verbunden und durch Behandlung der einen Krankheit verbessern wir auch die anderen, so der Referent. Ungefähr 50 % der Personen, die mit Herzinsuffizienz diagnostiziert werden, werden innerhalb von 5 Jahren nach Diagnose versterben. Es besteht ein grosser ungedeckter Bedarf in der Behandlung der Herzinsuffizienz und es gibt kaum zugelassene Therapien für einige ihrer Formen (z. B. HFpEF). Die geschätzte weltweite Prävalenz der chronischen Nierenkrankheit (CKD) beträgt mehr als 11 %. CKD ist in ihren frühen Stadien asymptomatisch, was dazu beiträgt, dass die Krankheit bei betroffenen Menschen und bei Ärzten kaum bekannt ist. Die Prävalenz von Typ 2 Diabetes (T2D) ist hoch und nimmt in allen Regionen zu.

Die Wechselwirkungen zwischen dem Stoffwechselsystem, dem Herzen und den Nieren sind multifaktoriell und komplex. Inflammation, oxidativer Stress und die Entwicklung von Insulinresistenz und Hyperglykämie führen zur Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS), zu einer Natrium- und Wasser­retention und zu Organschaden und -dysfunktionen. Überschüssiges dysfunktionales Fettgewebe, Glomerulosklerose, tubulointerstitielle Fibrose, glomeruläre Hyperfiltration, Hypertonie, Dyslipidämie, metabolisches Syndrom Diabetes führen zu chronischer Nierenerkrankung, Entzündung, oxidativem Stress, Insulinresistenz und münden in Gefässdysfunktion, Atherosklerose und Myokardinfarkt. Dabei lassen sich verschiedene Stadien unterscheiden, wie der Referent ausführte. Im Stadium 0 sind keine Risikofaktoren vorhanden, Stadium 1 zeichnet sich durch exzessives, dysfunktionales Fettgewebe aus. Im Stadium 2 tauchen metabolische Risikofaktoren und Nierenerkrankung auf. Im Stadium 3 und 4 kommen subklinische kardiovaskuläre Krankheit bei KRM-Syndrom dazu.
Kardiovaskuläre, renale und metabolische Zustände treten häufig nebeneinander auf, weil sie miteinander verbunden sind. Ein Patient – ein Fall – ein klinisches Team, so der Referent.

Bei Typ-2 Diabetes nimmt das Risiko für Herzinsuffizienz um das 3-fache zu. Das Risiko für chronische Nierenkrankheit um das 10-fache. 80 % der Patienten weisen eine Hypertonie auf.

Die chronische Nierenkrankheit zeigt eine zunehmende Rate an Todesfällen. 2013 lag sie an 19. Stelle, 2017 an 12. Stelle und gemäss Vorhersage für 2040 liegt sie an 5. Stelle. Chronische Nierenkrankheit und Herzinsuffizienz sind die häufigsten ersten kardiorenalen Krankheitsmanifestationen bei Patienten mit T2D trotz angemessenem Blutzuckermanagement. Der Referent begründete die Tatsache, warum wir früher handeln sollten, am Beispiel eines Hochrisiko-Patienten, dessen eGFR von 86 auf 20 innerhalb von nur 6 Jahren abfiel.

Ein klinischer Nutzen entsteht durch die Therapie mit einem SGLT2-Hemmer.

CARAMEL: Die Häufung von Herz-Kreislauf-, Nieren-, Fettstoffwechsel-, Augen- und Lebererkrankungen bei Typ-2-Diabetes

Dr. Karalliedde wies auf den Begriff CARAMEL hin. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzversagen, Nieren-, Leber-, Augen- und Beinleiden sind Erscheinungsformen derselben (CARAMEL) Erkrankung. Typ-2-Diabetes ist sowohl ein Symptom der CARAMEL-Krankheit als auch eine treibende Kraft für ihr Fortschreiten in verschiedenen Geweben. Die Diabetes-Leitlinien konzentrieren sich jetzt auf die Identifizierung und das aggressive Management von Hochrisikopersonen mit der CARAMEL-Krankheit.

Chronische Nierenkrankheit und Herzinsuffizienz sind die häufigsten ersten Krankheitsmanifestationen bei Patienten mit T2D trotz angemessenem Glucose-Management. In einer grossen multinationalen Kohorten-Studie (N=772’336) bei Patienten mit T2D (18 %) ergab sich als erste klinische Manifestation die chronische Nierenkrankheit (39 %), gefolgt von Herzinsuffizienz (24 %), Schlaganfall (16 %) Myokardinfarkt (14 %) und Periphere Verschlusskrankheit (19 %).

SGLT-2 Inhibition

Wir haben nun ein Medikament, welches nicht nur die Blutglucose reguliert, sondern auch einen kardiovaskulären Nutzen bringt. Die SGLT2-Hemmer haben sich von der Blutzuckerkontrolle zum Organschutz entwickelt. Sie zeigen einen kardiovaskulären Benefit auch bei Patienten ohne Diabetes. Es sind damit Medikamente, die nicht nur den Diabetologen vorbehalten sind, sondern uns allen gehören, so der Referent.

Frühes Eingreifen wichtig

Der Referent demonstrierte anhand eines Patienten, bei dem die eGFR innerhalb von sechs Jahren von 86 auf 20 abfiel, die Notwendigkeit einer umfassenden klinischen Abklärung. Diese umfasste die Hausarztpraxis, die Diabetesklinik, eine Hospitalisierung in der Diabetes- und kardiologischen Klinik sowie eine Hospitalisierung in der Diabetesklinik, der Kardiologie und Nierenklinik.

Fazit

– Patienten mit Diabetes haben ein signifikant höheres Risiko für Krankheit und frühen Tod und der Schaden kann entstehen, bevor sich die Symptome entwickeln.
– Klinische Trägheit hat nachteilige Auswirkungen auf die klinischen Ergebnisse und die Lebensqualität der Patienten. Wir verfügen mittlerweile über Medikamente, die die klinischen Ergebnisse schnell verbessern. Diese Gelegenheit, die Krankheit früh zu behandeln, sollte nicht verpasst werden.
– Die weit verbreitete Erkrankung durch CRM und die damit verbundenen Komorbiditäten können die Auswahl der Behandlung zu einem komplizierten Prozess machen. Die SGLT2-Hemmer können dies vereinfachen und sind einfach zu verabreichende Medikationen.
– Wirksamere und frühe Behandlung von CRM und den Komorbiditäten reduziert die gesamten Gesundheitskosten und verbessert die Lebensqualität der Patienten.
– Bei T2DM müssen wir uns auf den Nutzen von Diabetes-Medikamenten zur Prävention von CRM-Komplikationen konzentrieren.

Wie lassen sich die klinischen ­Ergebnisse bei CRM-Patienten mit Diabetes verbessern?

Prof. Marc Donath

Der typische Diabetes-Patient, den Prof. Marc Donath, Basel, vorstellte, hat unter anderem ein vergrössertes Herz, geschwollene zyanotische Füsse und Flüssigkeit, die die Lunge umgibt. Der Referent wies zunächst auf die Inhibition der Glucoseausscheidung in den Urin durch die SGLT2-Hemmer hin. Die Glukosurie mit SGLT2-Inhibition beträgt 50-80 g Glucose pro Tag, was 200 bis 320 Kalorien entspricht. Dies gilt auch für Personen ohne Diabetes.

SGLT2-Inhibitoren senken HbA1c, das Körper­gewicht (80–100 g Glucose sind ca. 300 bis 400 Kal/Tag) sowie den Blutdruck. Es entstehen keine Hypoglykämien und alle Kombinationen sind möglich.

Aber

Die Behandlung mit SGLT2-Hemmern kann mit genitalen Infektionen oder Ketoazidosen (selten) einhergehen.

Die SGLT2-Hemmung senkt den renalen Schwellenwert für die Glukoseausscheidung, was zu renaler Glykosurie, einer Verschiebung der Substratverwertung von der Kohlenhydrat- zur Fettoxidation und Hyperglukagonämie führt; dies stellt ein theoretisches Risiko für eine Ketoazidose (einschliesslich einer euglykämischen Ketoazidose) dar, wenn andere auslösende Faktoren vorliegen, insbesondere eine Verringerung der Insulindosis oder eine geringe Kohlenhydratzufuhr.

Übergewicht ist ein Hauptrisikofaktor für viele Krankheiten

1. Diabetes
2. Kardiovaskuläre Krankheiten (Herzattacken, Schlaganfall …)
3. Krebs
4. Gelenkschmerzen und -erkrankungen (Osteoarthritis, Gicht …)
5. Neuroinflammation (Depression, Alzheimer …)

Das therapeutische Ziel bei Typ 2 Diabetes ist die Behandlung des metabolischen Syndroms, d.h. Senkung des Körpergewichts, von HbA1c, der Lipide und des Blutdrucks.
Solange der BMI nicht normalisiert ist, wird das therapeutische Ziel nicht erreicht.

Die chronische Nierenkrankheit: das verbindende Organ für KRM

Prof. Christoph Wanner

Ein Patient mit frühem T2D hat ein erhöhtes Risiko von Komplikationen wegen metabolischen Störungen und damit zusammenhängenden Risikofaktoren, stellte Prof. Christoph Wanner, Würzburg/Oxford, fest. Das Vorhandensein der kardio-renalen Krankheit geht mit einem erhöhten Risiko für Mortalität bei Personen mit Typ 2 Diabetes einher. Beim Vergleich gepoolter Sterberisiken in Verbindung mit dem Vorhandensein einer kardiovaskulären oder Nierenerkrankung im Vergleich zu einer kardiovaskulär und renal Risiko-freien Gruppe von Menschen mit T2D (N=772’336) entwickelten 137’081 von 772’336 Menschen (18 %) eine erste CVRD-Manifestation. Die Lebenserwartung ist beim Vorhandensein der kardio-renalen metabolischen Krankheit bei 60-Jährigen um 9–11 Jahre reduziert. Erhaltung der Nierengesundheit bedeutet Verlangsamung der Progression.

Das kardiovaskuläre Risiko und die Nierengesundheit werden gemäss den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie zur Primärprävention aufgrund der Punkte A (Albuminurie), B (Blutdruck), C (Cholesterin), D (Diabetes), E (eGFR) bewertet.

Warum A und E?

Gemäss den KDIGO CKD-Guidelines (Kidney Int Suppl 2013;3:1–150) stellen die eGFR und die Albuminurie wichtige Marker für die kardiovaskuläre Vorhersage dar. Sie sind nicht nur Prädiktoren für die Nierenkrankheit, sondern auch für kardiovaskuläre Ereignisse. Bei einer eGFR von 60–90 ist noch keine Funktionseinschränkung vorhanden. Dies ändert sich jedoch bei einer erhöhten Albuminurie. Eine erhöhte Albuminurie stellt ein frühes Zeichen für eine Nierenkrankheit dar. Das Urinalbumin/Kreatinin-Verhältnis (UACR) gibt die Geschwindigkeit der Progression an und ist damit ein entscheidendes Kriterium in der Vorhersage einer Nieren­erkrankung.

Praktische Hinweise zur Identifizierung durch ­Albuminurie-Messungen

Die meistenHausärzte messen UACR nicht. UACR ist aber mindestens ebenso wichtig wie eGFR. Bezüglich UACR stellte der Referent die folgenden Fragen (die 5 Ws)
Wann? Nehme ich eine Probe? Spoturin am Morgen
Wo? Wohin senden? Zentrallaboratorium
zusammen mit Blutprobe
Was? Was kostet es? 3 Euro 40 Cent (in Deutschland)
Wer? Wer bezahlt? Krankenkasse (Unterschiedlich nach Ländern)
Was? Was bedeutet es (mg/g)? UACR ist ein Mass für die Durchlässigkeit der Niere. Und ein Mass für die Geschwindigkeit der Progression einer Nierenfunktionsstörung.

Multifaktorieller Ansatz zur Verringerung des kardio-­renalen Risikos bei Personen mit KHK und T2DM – heute und morgen

RAS-Blockade: RENAAL, IDNT
SGLT2 Inhibition: CREDENCE, DAPA-CKD,
EMPA-KIDNEY
Ns-MRA: FIDELIO-DKD
GLP-1-RAs: FLOW
Die medikamentöse Therapie wird immer kombiniert mit Lebensstilmodifikation und Diabetes-Schulung.
Die weltweite Prognose der Todesursachen im Jahre 2040: Die chronische Nierenkrankheit wird vom derzeitigen 15. Platz auf Platz 5 vorstossen, dies die Prophezeiung der WHO.

Was muss ein Hausarzt über KRM wissen?

Dr. Sarah Jarvis

Mit den 5 W’s begann Frau Dr. Sarah Jarvis, London. Was ist die chronische Nierenkrankheit? Warum müssen wir auf CKD screenen? Wen sollten wir auf CKD screenen? Was verwenden wir für das CKD-Screening? Was tun wir als nächstes?

Eine chronische Nierenkrankheit ist eine Reduktion der Nierenfunktion oder ein struktureller Schaden (oder beides) während mehr als 3 Monaten mit assoziierten gesundheitlichen Auswirkungen: eGFR < 60 ml/min/1.73 m2 und/oder UACR > 3 g/mmol2

In der Schweiz leben 10 % der Bevölkerung mit CKD. In UK sind ca. 44 % der Personen mit CKD nicht diagnostiziert.

Warum sollen wir für CKD screenen?

Die Inzidenz beträgt 89 %, die Prävalenz 87 %, Tod durch Nierenversagen 98 %. Invalidität und angepasste Lebensdauer 62 %.
Die Referentin wies auf die Prognose der Nieren­krankheit durch GFR und Albuminurie hin. Ein Nierenschaden kann aber sogar vorkommen, bevor die Nierenfunktion abzunehmen beginnt.

Wer sollte auf CKD gescreent werden?

Screening mit egGFR, Serumkreatinin und Urin ACR sollte bei Personen mit den folgenden Risikofaktoren durchgeführt werden: Diabetes, Hypertonie, akuter Nierenschaden, strukturelle Nierenerkrankung, rezidivierende Nierensteine, Prostatahypertrophie, kardiovaskuläre Erkrankung, Multisystemerkrankung, Familienanamnese für Endstadium der Nierenerkrankung, Hämaturie oder Proteinurie, Gicht.

Was verwenden wir zum Screening?

eGFR ist ein Mass für die Restnierenfunktion. UACR ist ein Mass für Albuminurie; hohe Werte deuten auf einen Nierenschaden hin.

Weitere Schritte

Als Nächstes folgt die entsprechende Kodierung der Diagnose und die Befolgung der Guidelines zur Überwachung, Überprüfung auf zusätzliche Faktoren, die die Nierenfunktion beeinflussen, und die Anwendung der empfohlenen Therapien.

Dies sollte aber nicht nur bei Patienten mit Diabetes getestet werden, sondern auch bei Patienten mit erhöhtem Blutdruck. eGFR und UACR sind beide unabhängige Prädiktoren nicht nur für die Nierenkrankheit, aber auch für das Risiko für kardiovaskuläre Krankheit. Wenn wir vom Stadium A1 der Albuminurie zu Stadium A2 gehen, verdoppeln wir das Risiko, wenn wir zu Stadium A3 gehen, nimmt das Risiko um weitere 50 % zu.

Behandlung mit SGLT2-Inhibitoren

Die EMPA-KIDNEY Studie umfasste ein breiteres Spektrum von Patienten als andere SGLT2i CKD Studien – einschliesslich Patienten mit niedrigen eGFR ohne Albuminurie. Die Behandlung mit Empagliflozin führte zu einem geringeren Risiko für das Fortschreiten der Nierenerkrankung oder den Tod durch kardiovaskuläre Ursachen als Placebo. In der DAPA-CKD bei Patienten mit eGFR 25–75 und UACR 200 bis 5000, unabhängig vom Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Diabetes, war das Risiko für eine anhaltende Abnahme der eGFR um mindestens 50 %, für eine Nierenerkrankung im Endstadium oder für den Tod durch Nieren- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Dapagliflozin signifikant geringer als unter Placebo. Auch in der CREDENCE Studie mit Canagliflozin das Risiko für Nierenversagen und kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und Nierenerkrankung eGFR 30bis < 90, UACR >300 bis 5000) war das Risiko für Nierenversagen und kardiovaskuläre Ereignisse in der Canagliflozin-Gruppe geringer als in der Placebo-Gruppe bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 2.62 Jahren.

Die Guidelines empfehlen eine frühe Intervention mit SGLT2-Inhibitoren als Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie.

Was ist bei der Verschreibug von Empagliflozin zu ­beachten?

Indikation: Schule den Patienten in der Indikation, für welche Empagliflozin verschrieben wird.
Hypoglykämie (bei Patienten mit T2D): Bei Anwendung in Kombination mit einem Sulfonyharnstoff oder mit Insulin muss eine niedrigere Dosis des Sulfonylharnstoffs oder des Insulins in Betracht gezogen werden, um das Risiko einer Hypoglykämie zu verringern.
Volumenverlust: Vorsicht bei Patienten, bei denen ein Blutdruckabfall ein Risiko darstellen könnte, z. B. bei Patienten mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Patienten, die eine blutdrucksenkende Therapie einnehmen und bei denen in der Vergangenheit eine Hypotonie aufgetreten ist, oder bei Patienten über 75 Jahren.
Über die Nieren hinaus, kann Empagliflozin einen dreifachen Schutz für eine breite Palette von Patienten bieten:
T2D und CVD: Verringerung der 3P-MACE, Verringerung der CV-Todesfälle
Herzinsuffizienz: primäres Komposit-Ergebnis Verringerung des Risikos eines Todesfalls oder einer Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz, sowohl bei HFrEF als auch bei HFpEF
CKD: Verringerung des Risikos des Fortschreitens der Nierenerkrankung oder des kardiovaskulären Todes.

SGLT2-Inhibitoren werden nicht nur für die Prävention der Nierenkrankheit verschrieben, sondern auch für die kardiovaskuläre Prävention und für Typ 2 Diabetes. Sie sind einfach in der Applikation, es ist eine Tablette pro Tag, keine langsame Einführung, keine Dosisanpassung, so die Referentin.

Fettleibigkeit und Herzinsuffizienz: Wie passen sie in das kardio-renale-metabolische Konzept?

KHK, CKD und T2DM: die maligne Triade.

Prof. John Deanfield

Richard Bright stellte vor bald 200 Jahren fest, dass es eine wichtige Beziehung zwischen Herz und Niere gibt. Dies bildet die Grundlage für die maligne Triade von Herz, Niere und Diabetes, stellte Prof. John Deanfield, London, eingangs fest.

Die KHK verursacht mehr als 30 % der Morbidität und Mortalität der Bevölkerung. 799 Mio. leiden weltweit an KHK, einer in 20 Todesfällen. Mehr als 460 Mio. Erwachsene leiden an T2DM, 40 % haben auch eine CKD. Eine der beiden Krankheiten verschlechtert das Ergebnis in den anderen beiden Fällen. Welche Disziplin erwischt Dich als erstes? Der Kardiologe, der Diabetologe, der Nephrologe, der Psychologe, der Onkologe, der Neurologe, der Gastroenterologe oder ein anderer «-ologe»?

Die Fettleibigkeit ist eine schwere chronische Krankheit mit alarmierende Fakten

764 Mio. Erwachsene leben mit Fettleibigkeit (WHO-Daten von 2020). 30–49 % der Weltbevölkerung sind übergewichtig/fettleibig (2.8–3.5 Bio Personen). Ein erhöhter BMI führte zu 4 Mio. Todesfällen im Jahre 2015 mit mehr als 2/3 wegen KHK.

Fettleibigkeit ist mit multiplen Komplikationen vergesellschaftet: Chronische Nierenkrankheit, Kardiovaskuläre Krankheiten wie Stroke, Dyslipidämie, Hypertonie, koronare Herzkrankheit, Lungenembolie, HFpEF, HFrEF. Type 2 Diabetes, Prädiabetes, Schlafapnoe, Thrombose. Dazu kommen als Folge Depression, Angstzustände, Asthma, NAFLD, Gallensteine, chronische Rückenschmerzen, Unfruchtbarkeit, Inkontinenz, Knie-Osteoarthritis.

Zusammenwirkende Ursachen und Triebkräfte der HFpEF sind myokardiale Fibrose, Stau, Herzmuskelverdickung, abnormale Herzkontraktion, abnormale Herzrelaxation, Hypertonie, Nierenfunktionseinschränkung, Vorhofflimmern, Inflammation, Diabetes, Fettleibigkeit, chronotrope Inkompetenz, Rechtsherzinsuffizienz, Lungengefässfunktionsstörung, mikrovaskuläre koronare Herzkrankheit, epikardiale koronare vaskuläre Krankheit.

Anti-Obesitas-Medikamente in der Pipeline

Eine ganze Reihe von neuen Medikamenten zur Senkung des Blutzuckers und zur Gewichtsreduktion befindet sich in Phase 2 oder ist bereits zugelassen.
– GLP-1 RA SEMAGLUTID zugelassen für Fettleibigkeit von der FDA 2021
– GIP/GLP-1RA TIRZEPATID FDA. 2023 zugelassen für Fettleibigkeit
– AMYLIN/GLP-1RA CAGRI-SEMA- Phase2
– GLUCAGON/GLP-1 RA SURVOTIDE-Phase 2
– PEMVIDUTIDE -Phase 2
– GIP/GLUCAGON/GLP-1 RA RETRATRUDE – Phase 2
– SEMAGLTUIDE oral -OASIS – Phase 3
– ORAL GLP-1RA ORFORGLIPRON – Phase 2
– DANUGLIPRON – Phase 2
– AMG133 – Phase 2

Kardio-renale Guidelines

Einsatz neuartiger Wirkstoffe. Alle Guidelines empfehlen SGLT2-Hemmer, Glp-1RA als First-Line Medikamente bei T2DM-Patienten mit KHK und CKD. Was geschieht mit Nicht-Diabetikern? Die Studien mit SGLT2 Inhibitoren haben gezeigt, dass ihre Wirkung auch bei Patienten ohne Diabetes vorhanden ist.

Frühzeitige Massnahmen zur Verhinderung von T2DM, CKD und KHK

Übergewicht mit 2 Jahren sagt den Status mit 35 Jahren voraus. Ein BMI in der 50. bis 74. Perzentile, d. h. innerhalb des akzeptierten Normalbereichs, während der Adoleszenz wurde mit einer erhöhten kardiovaskulären und Gesamtmortalität während der 40-jährigen Nachbeobachtungszeit in Verbindung gebracht. Übergewicht und Fettleibigkeit waren stark mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit im Erwachsenenalter verbunden (Twig G et al. NEJM 2016;374:2430-2440).

Fettleibigkeit, und Herzinsuffizienz: Wie passen sie in das kardio-renale Konzept?

Fettleibigkeit verändert die Landschaft der kardio-renalen Erkrankungen in der Bevölkerung.

HF mit erhaltener Auswurffraktion entwickelt sich zur vorherrschenden Erscheinungsform. Neue Medikamente können bei Patienten mit Übergewicht, T2DM, CKD und CVD sowie Herzinsuffizienz helfen.

Frühzeitiges Eingreifen zur Verhinderung der Entwicklung dieser bösartigen Triade könnte einen Paradigmenwechsel bei der Erhaltung der Gesundheit von Patienten und Bevölkerung bedeuten. Dies das Fazit des Referenten.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Swiss Melanoma Guidelines: Was ist neu?

Die Behandlung des Malignen Melanoms unterliegt einem stetigen Wandel mit vielen Neuerungen, die seit den zuletzt publizierten Schweizer Guidelines (2016) Einzug in den klinischen Alltag finden sollten. Es ist wichtig, klare und praxisnahe Richtlinien für die niedergelassenen Kollegen aber auch andere Fachbereiche zu formulieren, die mit dieser Entität in Berührung kommen, um möglichst eine einheitliche, evidenz-basierte Behandlung schweizweit anzustreben. Wir möchten die wichtigsten Neuerungen im folgenden Artikel zusammenfassen.

The treatment of malignant melanoma is subject to constant change with many innovations that should find their way into everyday clinical practice since the last published Swiss guidelines in 2016. It is important to formulate clear and practical guidelines for colleagues in private practice as well as other specialist areas that come into contact with this entity in order to strive for standardized, evidence-based treatment throughout Switzerland. We would like to summarize the most important new features in the following article.
Key Words: Malignant, Melanoma, guidelines, Switzerland, update

Die WHO-Klassifikation des Melanoms wurde an neue Erkenntnisse, welche durch molekulare Sequenzierungen gewonnen ­wurden, an­gepasst und ergänzt (1).

Neu wird der Begriff des low-CSD (low cumulative sun damage melanoma) für das SSM (superficial spreading melanoma) verwendet. Das high-CSD schliesst desmoplastische Melanome und das Lentigo maligna Melanom (LMM) ein. Zudem wurde das Konzept des Melanocytoms eingeführt, welches molekular dezidierte Subtypen einschliesst und die Entität des Spitz-Melanocytoms welcher den atypischen Spitz-Tumor ersetzt, einführt. Diese neuen Subtypen haben aufgrund ihrer molekularen Unterschiede wichtige Implikationen im Hinblick auf die Prognose, Nachsorge und Behandlung.

Bezüglich chirurgischer Exzision wird darauf hingewiesen, dass die diagnostische Biopsie eine Beurteilung der Gesamtdicke der Läsion zulassen sollte, mit kleinem Randsaum. Die pathologische Beurteilung sollte durch ein erfahrenes Institut erfolgen.
Die empfohlenen Sicherheitsabstände bleiben gleich, jedoch ist die Empfehlung für den Sicherheitsabstand beim Vorliegen eines Melanoma in situ mindestens 5mm (Tab. 1).

Neoadjuvante Systemtherapie

Interessant sind die Entwicklungen im Hinblick auf die neoadjuvante Immuntherapie. Es wird vermutet, dass bei der neoadjuvanten Anwendung von Checkpoint-Inhibitoren eine höhere Anzahl von T-Zell-Populationen bereits im Tumorbett aktiviert wird und somit eine bessere Wirkung am Primarius und in eventuell vorhandenen Mikrometastasen erzielt werden kann. Zwei randomisierte Phase-2-Studien führten zu einer frühen Berücksichtigung eines neoadjuvanten Ansatzes, gefolgt von einer «practice changing» Phase-III-Studie, welche die neoadjuvante Immuntherapie als neuen Behandlungsstandard für Patienten im Stadium III und tastbaren oder bestätigten Lymphknotenmetastasen etabliert (2-4).

Während in der SWOG-S1801-Studie die Monotherapie mit Pembrolizumab über drei Zyklen vor der Operation evaluiert wurde, untersuchte die NADINA-Studie die Kombination aus Ipilimumab und Nivolumab. Die 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichte randomisierte Phase-III-NADINA-Studie überprüfte die Kombination mit Ipilimumab und Nivolumab über zwei Zyklen vor der Operation mit adjuvanter Weiterführung bei nicht ansprechenden oder bei partieller Remission im Vergleich zu einer direkten Operation mit anschliessender adjuvanter Immuntherapie. Nicht nur ein signifikanter Vorteil für das ereignisfreie Überleben (EFS), sondern auch ein Unterschied in der mittleren Überlebenszeit von 8 Monaten (P<0,001) konnte gezeigt werden (4). Deswegen muss die neoadjuvante Immuntherapie bei Patienten im Stadium III mit tastbaren oder vergrösserten und bestätigten Lymphknotenmetastasen vor der definitiven Operation im interdisziplinären Tumorboard evaluiert werden. Renommierte Experten weltweit setzen sich für die Umsetzung dieses Ansatzes ein (5).

Sentinel-Lymphknoten

Die Indikationen für die Durchführung des Sentinel-Lymphknotens bleiben gleich. Dieser ist empfohlen bei einer Breslow-Tumordicke von 0.8 mm oder grosser oder bei Vorliegen einer Exulzeration (pT1b). Dies selbstverständlich bei klinisch negativen, regionären Lymphknoten. Die prognostische Bedeutung bleibt hoch, auch wenn aufgrund aktueller Daten die Notwendigkeit einer regionären Lymphonodektomie zu Recht hinterfragt wird. Ein korrektes Staging ist im Hinblick auf die Evaluation der adjuvanten Therapie wichtig.

Zu beachten gilt es, dass die pathologische Aufarbeitung der Sentinel-Lymphknoten aufwändig ist und diverse Kriterien aufgeführt gehören: die genaue Lokalisation der Metastase (subkapsulär, parenchymal oder beides), der Abstand der Metastase von der Kapsel, die maximale Dimension der Metastase und das Vorhandensein von extranodalem Befall. Die maximale Dimension ist ebenfalls wichtig in Bezug auf die Indikation zur adjuvanten Therapie.

Bei Vorhandensein von Melanom Zellen im Sentinel-Lymphknoten, wird nicht mehr routinemässig eine Komplettierungs-Lymonodektomie (CLND) empfohlen. Dies, da zwei wichtige Studien (DeCoG & MSLT-II) zwar eine tiefere Lokal Rezidivrate für Letztere zeigen konnten, jedoch keine Verbesserung des Gesamtüberlebens bei doch in Kauf zu nehmender höherer Morbidität, gegenüber alleiniger Observation mit regelmässigen sonographischen Verlaufskontrollen und sequenzieller CLND (2, 3). Nach Diskussion an einem interdisziplinären Tumorboard, soll vor allem die adjuvante Therapie diskutiert werden.

Bei Vorhandensein von klinisch oder radiologisch nachgewiesenen oder vermuteten Lymphknotenmetastasen ist die Therapeutische Lymphonodektomie (TLND) unverändert indiziert. Dies, nach vorangegangenem Staging mittels PET-CT oder Kontrastmittel-CT und einem Schädel-MRI. Die Therapeutische Lymphonodektomie soll die Totalität des befallenen Lymphknotenareals beinhalten und als en-bloc Dissektion erfolgen. Eine gezielte Lymphknotenexzision (node-picking) ist nicht empfohlen.

Adjuvante Systemtherapie

Über Jahre waren Interferone für die adjuvante Therapie zugelassen und deren Indikation kontrovers diskutiert worden. Diese werden, nach Einzug der Immun-Checkpoint-Inhibitoren und der zielgerichteten Therapie in Form der Tyrosin-Kinase-Inhibitoren, nicht mehr angewendet.

Für Stadien III und IV besteht eine Indikation für eine adjuvante Therapie nach Besprechung am interdisziplinären Tumorboard. Es besteht einerseits die Möglichkeit der Immuntherapie (Checkpoint-Inhibitor in Monotherapie), welche bevorzugt Anwendung findet. Bei BRAF mutierten Melanomen kann auch die Kombinationsbehandlung eines BRAF & MEK-Inhibitors zur Anwendung kommen (4,5). Deshalb ist eine molekulare Untersuchung vor der Tumorboard-Besprechung Voraussetzung.

Bei Patienten mit BRAF-Mutation sollte die Entscheidung möglichst personalisiert erfolgen unter Berücksichtigung des Toxizitätsprofils, der Begleiterkrankungen, des Alters und der Lebensqualität sowie eines künftigen Kinderwunsches.

Für Stadien IIIA mit einer Tumorlast im Sentinel-Lymphknoten von < 1 mm wird eine adjuvante Systemtherapie nicht routinemässig empfohlen. Bei der kleinen Untergruppe von Patienten im Stadium IIIA mit höherem Rückfallrisiko (SLNB > 1 mm) sollte eine adjuvante Behandlung im Rahmen klinischer Studien erwogen werden. Gibt es keine klinische Studie, kann eine adjuvante Behandlung nach ausgewogener Diskussion über Risikominderung und Langzeittoxizität mit dem Patienten diskutiert werden.

Für die Stadien II ist eine adjuvante Systemtherapie grundsätzlich nicht empfohlen, wobei diese Fälle auch am Tumorboard besprochen werden sollten, um einen Einschluss in laufenden Studien zu ermöglichen. Eine ausgewogene Evaluierung des Nutzen-Risikos ist in allen Fällen durchzuführen und das Potenzial für Langzeit-Toxizitäten mit den Patient/-innen zu diskutieren. Ganz aktuell hat Swissmedic für die Stadien IIB und C Pembrolizumab zugelassen, jedoch ist eine Listung auf der Spezialitätenliste noch nicht erfolgt.

Lokalisiertes und loco-regionäres Melanom

Bei resektabler oder oligometastasierter Erkrankung sollte ein chirurgischer Eingriff angeboten werden. Vor allem, wenn er mit einer akzeptablen und begrenzten Morbidität einhergeht. Eine adjuvante Behandlung sollte geprüft werden, nach Besprechung am interdisziplinären Tumorboard in Bezug auf eine Radiotherapie bzw. Systemtherapie.

In selektionierten Fällen, die unter Immuntherapie ansprechen, aber eine lokalisierte Progression zeigen, kann eine chirurgische Resektion erwogen werden, wenn eine vollständige Resektion als sinnvoll erachtet wird. Im palliativen Kontext kann eine Chirurgie bei metastasierter Erkrankung eine wirksame palliative Behandlungsoption sein.

Strahlentherapie

Verschiedene Studien konnten eine gute Wirksamkeit der Strahlentherapie in Bezug auf eine lokale Kontrolle zeigen. Abhängig von Lokalisation und Patientenpräferenz kann diese als Alternative bei inoperablen Tumoren oder bei älteren Patienten mit hoher Komorbidität angeboten werden. Insbesondere bei Lentigo-Maligna ist eine primäre, definitive Bestrahlung eine etablierte Option mit hervorragenden Kontrollraten. Weiterhin kann die Radiotherapie in den palliativen Situationen zur lokalen Kontrolle und zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden.

Adjuvante Strahlentherapie

Für eine Strahlentherapie des primären Tumorbettes im postoperativen, adjuvanten Setting gibt es kaum Daten, ausser für das desmoplastische Melanom, welches eine höhere lokale Rezidivrate aufweist. Eine postoperative Bestrahlung der beteiligten Lymphabflusswege nach Lymphonodektomie führt generell zu einer signifikanten Verbesserung der regionalen Tumorkontrolle, jedoch ohne Auswirkung auf das Überleben. Es ist jedoch mit einer Zunahme an Toxizität (Lymphödeme, Fibrose) verbunden. Diese sollte deshalb am interdisziplinären Tumorboard besprochen werden.

Palliative Strahlentherapie

Palliative perkutane Strahlentherapie von unkontrollierten Knochenmetastasen führt bei den meisten Patienten zu signifikanter Schmerzlinderung. Eine palliative perkutane Strahlentherapie von destabilisierenden Skelettmetastasen führt innerhalb von 3-6 Monaten zu einer Rekalzifizierung und Stabilisierung des betroffenen Knochens. Aus diesem Grunde wird eine palliative Strahlentherapie sowohl für symptomatische als auch für asymptomatische, aber kritische Knochenmetastasen empfohlen.

Oligometastatische Erkrankung

Für extrakranielle oligometastatische Erkrankung zeigen Studien potenzielle Vorteile in Krankheitskontrolle und Überleben durch stereotaktische, ablative Radiotherapie (SABR) im Vergleich zur Standardbehandlung, obwohl spezifische Studien für malignes Melanom fehlen. Die Kombination von SABR mit Immuntherapie ist sicher, aber Vorsicht ist bei gleichzeitiger BRAF-Hemmung geboten. Aufgrund begrenzter Daten für Melanome wird die Einbeziehung dieser Patienten in laufende Studien stark empfohlen.

Systemtherapie bei fortgeschrittenen Stadien

Bei der systemischen Behandlung von Melanomen mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren haben Phase-3-Studien gezeigt, dass Anti-PD1-Monotherapien (Pembrolizumab, Nivolumab) oder die Kombination aus Anti-PD1 (Nivolumab) und Anti-CTLA4 (Ipilimumab) für nicht resektable oder metastasierte Melanome eine Standarderstlinientherapie darstellen. Die Checkmate 067-Studie ergab, dass die mediane Gesamtüberlebenszeit (OS) bei der Kombination von Ipilimumab und Nivolumab 72,1 Monate, bei Nivolumab allein 36,9 Monate und bei Ipilimumab-Monotherapie 19,9 Monate beträgt (9). In der Keynote 006-Studie war das mediane OS bei Pembrolizumab 32,7 Monate und bei Ipilimumab 15,9 Monate (10). Die Kombination aus Nivolumab und dem Anti-LAG3-Antikörper Relatlimab zeigte eine längere mediane progressionsfreie Überlebenszeit im Vergleich zu Nivolumab allein (10,1 vs. 4,6 Monate) (11). Allerdings ist die Nivolumab-Ipilimumab-Kombination mit einer höheren Rate an schweren immunbezogenen Nebenwirkungen verbunden.

Biomarker, um Patienten zu identifizieren, die von einer Kombinationstherapie profitieren, sind bisher nicht etabliert. Die Therapieentscheidung zwischen Anti-PD1-Monotherapie und Nivolumab-Ipilimumab sollte auf prognostischen Markern wie Vorhandensein von Hirnmetastasen, hohen LDH-Werten, ECOG-Status und Komorbiditäten basieren. Ipilimumab-Nivolumab wird bevorzugt bei asymptomatischen Hirnmetastasen und hohen LDH-Werten empfohlen. Bei Patienten mit vorbestehenden Autoimmunerkrankungen sollte eine multidisziplinäre Teamberatung erfolgen. Im Gegensatz zu früher stellen Autoimmunerkrankungen per se nicht zwingend Kontraindikationen für eine Checkpoint-Inhibitor-Therapie dar.

Bei BRAF-mutiertem Melanom zeigten drei Kombinationen von BRAF/MEK-Inhibitoren (Vemurafenib-Cobimetinib, Dabrafenib-Trametinib, Encorafenib-Binimetinib) eine Verbesserung der PFS und OS im Vergleich zur BRAF-Inhibitor-Monotherapie (12, 13). Bei Bedarf auf ein rasches Ansprechen bzw. eine hohe Ansprechrate kann bei BRAF-mutierten Patienten die Kombination der oben genannten erfolgen. Ansonsten bildet auch hier die Immuntherapie die empfohlene erste Linie. Die Kombination von Atezolizumab, Vemurafenib und Cobimetinib kann bei Patienten mit BRAF-mutiertem Melanom, die für eine ICI-Kombinationsbehandlung ungeeignet sind, in Erwägung gezogen werden, bzw. als Salvage-Therapie im weiteren Verlauf der Erkrankung.

Zweitlinienbehandlung

Ipilimumab-Nivolumab wird als bevorzugte Zweitlinientherapie nach Anti-PD(L)1-Inhibitoren für BRAF-nicht-mutierte Melanome dar und für BRAF-mutierte Patienten nach einer Kombinationsbehandlung mit einem BRAF- und MEK-Inhibitor empfohlen. T-VEC, eine onkolytische Virustherapie, ist für die lokale Behandlung von nicht resezierbarem Stadium IIIB-IIID-M1a Melanom zugelassen. Vor allem bei gut zugänglichen, oberflächlichen Lymphknotenmetastasen und kutanen Metastasen gilt T-VEC als gute Option. Die klassische, anti-neoplastische Chemotherapie wird bei metastasiertem Melanom seltener oder als letzte Option angesehen. Dacarbazin und Temozolomid, die am häufigsten verwendeten Wirkstoffe, zeigen jedoch nur eine kurze Wirkung und eine begrenzte Verbesserung des Gesamtüberlebens. Chemotherapie hat weiterhin einen Stellenwert bei prognostisch schlechten Melanomen, z.B. bei Patienten mit einer hohen LDH und refraktärer Erkrankung (Tab. 2).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Marco Siano

SEELAND CANCER CENTER
Tumorzentrum – Biel
Hans-Hugi Strasse 3
2502 Biel

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • WHO-Klassifikation: Aktualisierung mit neuen Begriffen wie «low-CSD» für SSM, Einführung des Melanocytom-Konzepts und Ersetzung des atypischen Spitz-Tumors durch Spitz-Melanocytome.
  • Chirurgische Exzision und Sentinel-Lymphknoten: Wichtigkeit einer vollständigen diagnostischen Biopsie und Beibehaltung der Indikationen für Sentinel-Lymphknoten-Biopsie bei bestimmten Tumordicken.
  • Komplettierungs-Lymonodektomie: Empfehlung gegen routinemässige Komplettierungs-Lymonodektomie bei Melanomzellen im Sentinel-Lymphknoten zugunsten individueller Therapieentscheidungen.
  • Adjuvante Systemtherapie: Ersetzung von Interferonen durch Immun-Checkpoint-Inhibitoren und Tyrosin-Kinase-Inhibitoren, insbesondere bei BRAF-mutierten Melanomen.
  • Neoadjuvante und lokalisierte Therapien: Neoadjuvante Immuntherapie bietet Vorteile, chirurgische Eingriffe sind bei resektablen Fällen indiziert und Strahlentherapie wird für lokale Kontrolle oder Palliation eingesetzt.

1. WHO blue book: classification of skin tumours 5th edition.
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14. Dummer R, Ascierto PA, Gogas HJ, Arance A, Mandala M, Liszkay G, et al. Encorafenib plus binimetinib versus vemurafenib or encorafenib in patients with BRAF-mutant melanoma (COLUMBUS): a multicentre, open-label, randomised phase 3 trial. Lancet Oncol. 2018;19(5):603-15.

Früherkennung von Frailty Geriatrisches Assessment in der Hausarztpraxis

Der demographische Wandel wird sich sehr schnell auch in der hausärztlichen Sprechstunde bemerkbar machen. Die dort gesehenen älteren Patienten sind bereits jetzt zahlreich und werden in Zukunft noch älter und zahlreicher! Für deren adäquate Betreuung wird nicht das chronologische, sondern das biologische Alter (einhergehend mit Gesundheitszustand und vorhandenen funktionellen Reserven) entscheidend sein. Eine auf Alltagsfunktionalität basierte Frailty-Klassifikation (wie z.B. die Frailty-Klassifikation nach Fried) kann hier nicht nur schnell Klarheit schaffen, sondern auch die Indikationsstellung für weitere Diagnostik und Therapie beeinflussen. Ein umfassendes Frailty-Assessment ist sehr zeitaufwändig und im ambulanten Setting meist unrealistisch. Gezielt gewählte kurze geriatrische Assessments können hier ebenso zielführend sein, einen frühen Abbau in den wichtigsten Gesundheitsdimensionen zu identifizieren und entsprechend anzugehen. Frühe Interventionen haben die grösste Chance, Frailty zu verhindern oder zu verzögern und damit die Unabhängigkeit und hohe Lebensqualität von Patienten so lange wie möglich zu sichern.

Demographic change will very quickly make itself felt in GP consultations. The older patients seen there are already numerous and will become even older and more numerous in the future! It is not chronological age, but biological age (together with state of health and existing functional reserves) that will be decisive for their adequate care. A frailty classification based on everyday functionality (such as Fried’s frailty classification) can not only quickly provide clarity here, but also influence the indication for further diagnostics and therapy. A comprehensive frailty assessment is very time-consuming and usually unrealistic in an outpatient setting. Targeted, brief geriatric assessments can be just as effective in identifying and addressing early deterioration in the most important health dimensions. Early interventions have the greatest chance of preventing or delaying frailty and thus ensuring patients‘ independence and high quality of life for as long as possible.
Key words: elderly patients, frailty, geriatric assessments

Einleitung

Die von Hausärzten und stationären medizinischen Gesundheitsinstitutionen zu behandelnden hochaltrigen Patienten werden – angesichts der immer noch steigenden Lebenserwartung – nicht nur stetig älter, sie nehmen auch zahlenmässig aus demographischen Gründen zu. Viele Hochaltrige sind heute – im Vergleich zu vor 20 Jahren – in viel besserem, ja ausgezeichnetem Gesundheitszustand. So hat sich z.B. das Durchschnittsalter für operative Wahleingriffe zum Hüftersatz massiv nach oben verschoben. Im Gegensatz zur Altersmedizin und Inneren Medizin, wo invasive diagnostische oder therapeutische Interventionen mit möglichen Zusatzrisiken für den Patientengesamtzustand eher die Ausnahme bilden, sind z.B. Grundversorger bei der Indikationsstellung für chirurgische Eingriffe bei älteren und hochaltrigen Pa-tienten zunehmend gefordert, Eingriffsrisiken hinsichtlich Operationsbenefit und -risiko abzuwägen. Unter den medizinischen (Spezial-)Disziplinen besteht zunehmend Einigkeit, dass hier nicht primär das chronologische Alter, sondern die individuelle Vulnerabilität («Frailty») eines älteren Patienten berücksichtigt werden muss. Dass diese Vulnerabilität für Operations-Outcomes entscheidend ist, wird allgemein nicht bestritten, aber wie diese Vulnerabilität älterer Patienten erkannt respektive definiert werden soll, ist – je nach medizinischer Disziplin und Sichtweise – sehr verschieden. Aus Hausarztperspektive ist neben der bewussten Diagnosestellung einer bereits existierenden «Frailty» für die bewusste Indikationsstellung weiterführender Spezialuntersuchungen/-eingriffe, die frühzeitige Erfassung eines beginnenden Frailty-Prozesses und rechtzeitig eingeleitete Präventivmassnahmen von grösster Bedeutung.

Der vor 2 Jahren publizierte und in chirurgisch behandelten älteren Patienten validierte modifizierte Frailty Index (FI) «mFI-5» basiert auf 5 Komorbiditäts-Risikofaktoren (Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, chronisch obstruktive Lungenerkrankung oder Pneumonie, abhängiger funktioneller Status (total oder partiell) zum Zeitpunkt der Operation, arterielle Hypertonie) (Tab. 1) (1). Im Vergleich zu einer jüngeren Patientenpopulation wurde der «mFI-5» in einer geriatrischen Patientenpopulation als schlechter, aber immer noch effektiver Prädiktor für Mortalität und postoperative Komplikationen befunden.

Der «Study of Osteoporotic Fractures (SOF) frailty index» (2) ist ein weiterer sehr einfach anwendbarer Index, der lediglich aus drei Items besteht: a) Nicht intentionaler Gewichtsverlust von > 5 % binnen des letzten Jahres, b) Verneinung der Frage «Fühlen Sie sich energiegeladen?», c) Unfähigkeit, 5-mal vom Stuhl aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Die Klassifizierung als Frail tritt dann ein, wenn mindestens 2 der 3 genannten Kriterien erfüllt werden. Hierdurch kann es unter medizinischen Akutbedingungen zu systematischen Überschätzungen der Frailtyprävalenz kommen. Dennoch hat sich der SOF als valides Untersuchungsinstrument behauptet und die konvergente Validität zu umfangreicheren anderen FIs bestätigen können.

Mehrere nationale und internationale Empfehlungen, unter anderem die «Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie» der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) heben klar die Bedeutung der Verwendung der Clinical Frailty Scale (CFS) / deutsch: Klinischen Frailty Skala hervor. Ziel ist die Identifizierung von Pa-tienten mit einem erhöhten Risiko für einen ausbleibenden Behandlungserfolg, welche nicht von einer intensivmedizinischen Intervention profitieren dürften. Die CFS (deutsch: Klinische Frailty Skala) kann von allen adäquat geschulten Fachkräften im Gesundheits- oder Pflegedienst durchgeführt werden. Die Skala besteht aus 9 Kategorien (Abb. 1) (3).

Frailty: die altersmedizinische Sicht

Das geriatrische Frailty-Konzept basiert auf einer funktionellen Sichtweise und definiert sich als physiologische Vulnerabilität, die durch reduzierte homeostatische Reserven mit daraus resultierender verminderter Stressresistenz zustande kommt (4). Anders als in den obengenannten rein Diagnosen- oder Komorbiditäten-basierten Assessments kommen hier auch funktionelle, am Patienten gemessene Parameter zur Anwendung: Gewichtsverlust, empfundene Erschöpfung, körperliche Aktivität, Ganggeschwindigkeit und Handschlusskraft (Abb. 2). Die erhaltenen Messresultate werden anhand von Normwerten beurteilt. Bei 3 oder mehr positiven Kriterien gilt der Patient als «frail». Dieser Frailty-Phänotyp war in der Originalstudie (auf drei Jahre) unabhängig prädiktiv für Stürze, verschlechterte Mobilität oder eingeschränkte ADLs, Hospitalisation, und Tod mit Risikoassoziationen von 1.82 bis 4.46. Die Studie zeigte auch, dass Frailty weder Synonym für Komorbidität noch körperliche Behinderung war, sondern vielmehr Komorbidität ein ätiologischer Risikofaktor für und Behinderung ein Resultat von Frailty ist! Die Messung der Hirnleistung ist nicht Teil der Fried Frailty Klassifikation. Da eine demenzielle Entwicklung immer auch zu einer Frailty beitragen kann, muss die Fried-Klassifikation immer in Kombination eines kognitiven Assessments erfolgen!

Ob ein Patient als «frail» oder «fit» klassifiziert wird, hat wesentliche Voraussagekraft bei Auftreten von Stressoren wie z.B. Infekten. Ein fitter Patient wird bei einer Pneumonie nach anfänglicher Verschlechterung des Gesundheitszustandes wieder schnell seinen gesundheitlichen Vorzustand erreichen. Anders bei einem fragilen Patienten: Hier wird der Genesungsprozess deutlich länger dauern und – ganz wesentlich – er wird gesundheitsmässig nicht mehr das Niveau seines Vorzustandes erreichen. Im konkreten Beispiel eines hospitalisierten, zuhause lebenden Seniors, der vor einer Pneumonie-Erkrankung bereits einen voll ausgeschöpften Unterstützungsbedarf von drei täglichen SPITEX-Visiten hatte, muss eine Rückkehr nach Hause – nach abgeheilter Pneumonie – bereits bei Spitaleintritt als unrealistisch gesehen werden. Entsprechend gilt es hier, sehr schnell eine Institutionalisierung zu planen (Abb. 3a).

Die Kenntnis des Frailty-Status eines Patienten kann aber auch für andere medizinische Entscheide und Aussagen wesentliche Bedeutung haben. In der Sekundärprävention (z.B. Hypercholesterinämie und Verordnung von Statinen!) ist es bei hochaltrigen Patienten hilfreich, deren mittlere Lebenserwartung zu kennen. Je nach Frailty-Status ist dies bei einem 90-jährigen Mann 5.8 Jahre (fit), 3.2 Jahre (am Übergang zu «frail») oder 1.5 Jahre («frail») (Tab. 2).

Pathophysiologie und klinische Symptome von Frailty

Frailty entsteht durch reduzierte physiologische Reserven in meist mehreren Organsystemen. Die dadurch entstandene verminderte Stressresistenz wird bei plötzlich auftretenden Stressfaktoren wie z.B. Infekten, Schmerzen, Operationen etc. sichtbar mittels drei «stereotyper» Hauptsymptome: Stürze, Delirium oder fluktuierender Behinderung (Abb. 3b) (7).

Das Geriatrische Assessment als Instrument zur Identifizierung von funktionellen Ressourcen

Ein vollumfängliches geriatrisches Assessment eines älteren Patienten (Abb. 4) zeigt nicht nur allfällige Defizite auf, sondern lässt auch sinnvolle und realistische Behandlungsziele für einen besseren Gesundheitsgesamtzustand sichtbar werden. Bei einem elektiv geplanten chirurgischen Eingriff kann dies z.B. eine Möglichkeit sein, den Patienten in einen für die Operation besseren Vorzustand zu bringen. Die Durchführung eines geriatrischen Assessments ist zeitaufwändig und gehört in die Hände eines geriatrischen Spezialisten-Teams. Nicht nur müssen die richtigen Assessment-Instrumente gewählt (zur Vermeidung von Boden- resp. Deckeneffekten), sondern auch die therapierbaren Defizite identifiziert und festgelegt ­werden. Als stellvertretendes Beispiel für therapeutische Möglichkeiten soll hier die gezielte Behandlung eines Proteindefizits mit Leucin-verstärkten Molkeprotein-Supplementen sein, womit Mobilität und Muskelkraft (ohne Training!) selbst bei Pflegeheimbewohnern substanziell verbessert werden kann (8). Eine derartige Vorbereitung z.B. bei einem chirurgischen Elektiv-Eingriff kann für die postoperative Rekonvaleszenz- und Rehabilitationsphase (und letztlich für das Operationsresultat) entscheidend sein!

Aus obigen Gründen und als Beispiel einer gesamtheitlichen Betreuung älterer Patienten hat sich in den letzten 10 Jahren vielerorts eine enge Zusammenarbeit zwischen Altersmedizin und operativen Disziplinen wie Orthopädie/Traumatologie mit der formalen Gründung von Alters-Traumazentren etabliert (9). Hier werden – unter Einhaltung von Qualitätsstandards – ältere Patienten entsprechend ihrer Gesamtbedürfnisse vor und nach der Operation interdisziplinär behandelt.

Der «Timed Up & Go Test» als modernes und schnelles Screening für Mobilität und Kognition

Um sich – auch ohne direkten Einbezug eines Geriaters – schnell und informativ zu Mobilität und kognitiver Fitness eines Patienten ein Bild machen zu können, gibt es einfache Screening-Tests, die sich ohne grosse Kosten oder Platzbedürfnisse auch in der hausärztlichen Praxis durchführen lassen.

Mobilität und «Frailty»: Für den Timed Up & Go Test (Abb. 5) (10) braucht es z.B. lediglich einen Stuhl mit Armlehnen und ein drei Meter davor aufgestelltes Ziel (Verkehrskonus, Flasche etc.), sowie eine Stopp-Uhr. Der Patient nimmt im Stuhl Platz. Auf das Kommando «Los» (Beginn der Zeitmessung) soll er aufstehen (normal, keine Kompetition, wenn nötig mit Gehhilfe!), nach vorne und um den Verkehrskonus herumgehen und sich wieder im Stuhl niedersetzen. Berührt sein Gesäss die Stuhlfläche, ist die Zeitmessung beendet. Braucht der Patient dafür länger als 10 Sekunden, steht eine mögliche «Frailty» im Raum (11). Ab 13.5 Sekunden besteht ein erhöhtes Sturzrisiko (12), mit für den Alltag relevanten Mobilitätsproblemen ist ab 20 Sekunden zu rechnen (10, 12).

Motorisch-kognitives Dual-Tasking (Exekutivfunktion): Ein weiter entwickelter «Imagined Timed Up&Go» (13) kann auch sehr schnell über die kognitive Fitness (Exekutivfunktion) eines Patienten Auskunft geben: Dazu lässt man den Patienten – nach Durchführung des obigen ­Testablaufs – im Stuhl die gleiche Aufgabe nochmals durchführen, allerdings nur in seiner Vorstellung. Auf das Kommando «Los» macht er sich – in seiner Vorstellung – nochmals auf denselben Parcours und sagt «Stopp», wenn er sich wieder auf dem Stuhl zurückbefindet. Braucht der Patient für diese imaginäre Aufgabe weniger als halb so lang wie in Wirklichkeit, ist von einer erheblichen Hirnleistungsstörung (mit z.B. potentiellem postoperativem Delir-Risiko!) auszugehen (Abb. 6)!

Kognition und Emotion

Ist der «Imagined Timed Up&Go» Test pathologisch, lohnt es sich allenfalls, einen «BrainCheck» durchzuführen. Hier kann mittels drei einfacher Fragen an den Patienten, 7 Fragen an den nächsten Angehörigen und einem Uhrentest in 90 % Sicherheit zwischen «normal» oder «weiter abklärungsbedürftig» unterschieden werden (14, https://braincheck.ch/de). Nicht selten kann auch eine depressive Verstimmung (im Alter am häufigsten verpasste psychiatrische Diagnose) die Hirnleistung verschlechtern. Hier lohnt sich die Durchführung eines kurzen Screenings mittels «Geriatric Depression Scale» (GDS) (Tab. 3, (15)).

Sarkopenie und Malnutrition

Dass ältere Menschen zum Erhalt ihrer Muskelmasse und -kraft sich nicht nur bewegen, sondern auch mehr Proteine essen müssen als jüngere Erwachsene, ist mittlerweile bekannt (16). Die frühe Identifizierung einer beginnenden Sarkopenie/Malnutrition hat – insbesondere auch angesichts der hier verfügbaren und therapeutisch sehr wirksamen Leucin-angereicherten Molkeprotein-Supplementen – für den Erhalt von Mobilität und funktioneller Unabhängigkeit entscheidende Bedeutung. Zur klinischen Diagnosestellung reicht meist die Bestimmung der Handschlusskraft (Vigorimetrie nach Martin, Abb. 7 (17)). Noch einfacher: auch die Messung des Wadenumfangs (Abb 8, (18)) kann hier schnell richtungsweisend sein.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig

Ärztlicher Direktor & Klinischer Professor für Geriatrie
Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER & Universität Basel
Burgfelderstrasse 101
4002 Basel

RetoW.Kressig@felixplatter.ch

Der Autor hat keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Ein kurzes, klinisch orientiertes geriatrisches Assessment in der Hausarztpraxis kann Patienten mit beginnender oder bereits etablierter Frailty identifizieren, gleichzeitig aber auch allfällig vorhandene therapeutisch nutzbare Ressourcen aufzeigen. Dies kann einerseits für die sinnhafte Indikationsstellung weiterer Untersuchungen/Interventionen hilfreich sein, aber auch Hinweise auf mögliche therapeutische/präventive Massnahmen zur Verbesserung/Verzögerung von Frailty geben.

1. Subramanian S, Aalberg JJ, Soriano RP, Divino CM. The 5-Factor Modified Frailty Index in the Geriatric Surgical Population. The American Surgeon 2021;87:1420-1425.
2. Ensrud KE, Ewing SK, Taylor BC et al. Comparison of 2 frailty indexes for prediction of falls, disability, fractures, and death in older women. Arch Intern Med 2008;168:382–9.
3. Rockwood K, Song X, MacKnight C, Bergman H, Hogan DB, McDowell I, Mitnitski A. A global clinical measure of fitness and frailty in elderly people. CMAJ. 2005 Aug 30;173(5):489-95. doi: 10.1503/cmaj.050051. PMID: 16129869; PMCID: PMC1188185.
4. Fried LP et al. Cardiovascular Health Study Collaborative Research Group. Frailty in older adults: evidence for a phenotype. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2001;56:M146-56.
5. Benzinger P, Eidam A, Bauer JM. Klinische Bedeutung der Erfassung von Frailty [Clinical importance of the detection of frailty]. Z Gerontol Geriatr 2021;54(3):285-296. German. doi: 10.1007/s00391-021-01873-z. Epub 2021 Mar 29. PMID: 33782735; PMCID: PMC8006639.
6. Walter LC, Covinsky KE. Cancer screening in elderly patients: a framework for individualized decision making. JAMA.2001;285(21):2750-6. doi: 10.1001/jama.285.21.2750. PMID: 11386931.
7. Clegg A, Young J, Iliffe S, Rikkert MO, Rockwood K. Frailty in elderly people. Lancet. 2013 Mar 2;381(9868):752-62. doi: 10.1016/S0140-6736(12)62167-9. Epub 2013 Feb 8. Erratum in: Lancet 2013;382(9901):1328. PMID: 23395245; PMCID: PMC4098658.
8. Bauer JM, Verlaan S, Bautmans I, Brandt K, Donini LM, Maggio M, McMurdo ME, Mets T, Seal C, Wijers SL, Ceda GP, De Vito G, Donders G, Drey M, Greig C, Holmbäck U, Narici M, McPhee J, Poggiogalle E, Power D, Scafoglieri A, Schultz R, Sieber CC, Cederholm T. Effects of a vitamin D and leucine-enriched whey protein nutritional supplement on measures of sarcopenia in older adults, the PROVIDE study: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. J Am Med Dir Assoc 2015;16(9):740-7. doi: 10.1016/j.jamda.2015.05.021. Epub 2015 Jul 10. PMID: 26170041.
9. https://www.bv-geriatrie.de/images/INHALTE/Qualitaet/1406_Anforderungskatalog_atz.pdf
10. Podsiadlo D, Richardson S. The timed „Up & Go“: a test of basic functional mobility for frail elderly persons. J Am Geriatr Soc 1991;39(2):142-8. doi: 10.1111/j.1532-5415.1991.tb01616.x. PMID: 1991946.
11. Turner G, Clegg A; British Geriatrics Society; Age UK; Royal College of General Practioners. Best practice guidelines for the management of frailty: a British Geriatrics Society, Age UK and Royal College of General Practitioners report. Age Ageing 2014;43(6):744-7. doi: 10.1093/ageing/afu138. PMID: 25336440.
12. Shumway-Cook A, Brauer S, Woollacott M. Predicting the probability for falls in community-dwelling older adults using the Timed Up & Go Test. Phys Ther 2000;80(9):896-903. PMID: 10960937.
13. Bridenbaugh SA, Beauchet O, Annweiler C, Allali G, Herrmann F, Kressig RW. Association between dual task-related decrease in walking speed and real versus imagined Timed Up and Go test performance. Aging Clin Exp Res 2013;25(3):283-9. doi: 10.1007/s40520-013-0046-5. Epub 2013 May 17. PMID: 23740587.
14. Ehrensperger MM, Taylor KI, Berres M, Foldi NS, Dellenbach M, Bopp I, Gold G, von Gunten A, Inglin D, Müri R, Rüegger B, Kressig RW, Monsch AU. BrainCheck – a very brief tool to detect incipient cognitive decline: optimized case-finding combining patient- and informant-based data. Alzheimers Res Ther 2014;6(9):69. doi: 10.1186/s13195-014-0069-y. PMID: 25422675; PMCID: PMC4241397.
15. Yesavage JA, Brink TL, Rose TL, Lum O, Huang V, Adey M, Leirer VO. Development and validation of a geriatric depression screening scale: a preliminary report. J Psychiatr Res 1982-1983;17(1):37-49. doi: 10.1016/0022-3956(82)90033-4. PMID: 7183759.
16. Ernährungsempfehlungen für Seniorinnen und Senioren, BLV 2022; https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/lebensmittel-und-ernaehrung/ernaehrung/empfehlungen-informationen/lebensphasen-und-ernaehrungsformen/ernaehrung-fuer-aeltere-menschen.html
17. Gagesch M, Wieczorek M, Abderhalden LA, Lang W, Freystaetter G, Armbrecht G, Kressig RW, Vellas B, Rizzoli R, Blauth M, Orav EJ, Egli A, Bischoff-Ferrari HA. Grip strength cut-points from the Swiss DO-HEALTH population. Eur Rev Aging Phys Act 2023;20(1):13. doi: 10.1186/s11556-023-00323-6. PMID: 37543639; PMCID: PMC10403936.
18. Kiss CM, Bertschi D, Beerli N, Berres M, Kressig RW, Fischer AM. Calf circumference as a surrogate indicator for detecting low muscle mass in hospitalized geriatric patients. Aging Clin Exp Res 2024;36(1):25. doi: 10.1007/s40520-024-02694-x. PMID: 38321234; PMCID: PMC10847205.

Harninkontinenz im Alter

Die Urininkontinenz ist bei älteren Patientinnen und Patienten ein häufiges und die Lebensqualität oft erheblich beeinträchtigendes Problem. Weil neben der somatischen Problematik oft auch die psychische und soziale Ebene tangiert ist, muss die Urininkontinenz als ein multidimensionales Problem bezeichnet und auch so behandelt werden. Durch die Bindung von erheblichen materiellen und personellen Ressourcen stellt die Problematik bereits heute eine sozio-ökonomische Belastung dar, diese wird vor dem Hintergrund einer stetig alternden Bevölkerung aber noch deutlich akzentuiert werden. Urininkontinenz gilt leider auch heutzutage immer noch an vielen Orten als Tabu-Thema, mit den Folgen von sozialer Isolation bis hin zur Depression Betroffener. Dabei kann oft bereits mit einfachen Massnahmen die Lebensqualität Betroffener deutlich verbessert werden. Urininkontinenz muss nicht einfach hingenommen werden – sprechen wir mit unseren Patientinnen und Patienten offen darüber.

Urinary incontinence is a most prevalent problem in elderly people with substantial negative impact on quality of life. Beside the somatic bother, the problem affects psychological and social dimensions of life often as well, hence it must be seen and treated as a multi-dimensional problem. Due to the enormous resources needed for care and treatment of urinary incontinence, urinary incontinence leads, especially taking the ongoing aging of the population in mind, to a substantial socio-economic burden. Sadly, but true, urinary incontinence is still considered a taboo by society with all consequences of social isolation and depression in affected people. It is even more sad, since often, already with simple measures, a substantial improvement in quality of life of affected patients can be achieved. Urinary incontinence should not be reluctantly endured – let’s talk with our patients about the topic.
Key words: elderly patients, urinary incontinence, diagnosis and therapy

Einführung

Die Harninkontinenz, definiert als der unwillkürliche Verlust von Urin, ist ein äusserst prävalentes Problem bei älteren Menschen; die Inzidenz steigt mit zunehmendem Alter stetig an. Im Kollektiv der über 80-Jährigen liegt die Prävalenz bei gut 25 %, bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeinstitutionen bei bis zu 70 % (1, 2). Da das Thema oft mit Scham belegt ist und leider auch heute noch oft ein gesellschaftliches Tabu-Thema darstellt, ist die Dunkelziffer Betroffener vermutlich hoch und die wahre Prävalenz somit möglicherweise noch höher. Zwei Dinge sind zentral für das Verständnis: erstens, die Urininkontinenz in dieser Population ist nicht einfach «normal», respektive ein normaler Teil des Alt-Seins oder -Werdens (3) und zweitens, für die Betroffenen oft eine grosse und multidimensionale Belastung mit grosser Auswirkung auf die Lebensqualität. Diverse Studien haben längst den negativen Einfluss der Urininkontinenz auf die psychische und physische Gesundheit Betroffener gezeigt (4, 5). Sozialer Rückzug bis hin zur sozialen Isolierung und Depression sowie funktionelle Behinderung mit erhöhter Inzidenz von Stürzen, Frakturen oder Traumata und dementsprechend Morbidität bis hin zur Mortalität sind klar belegt (6). Vor dem Hintergrund einer stetig alternden Bevölkerung stellt die Urininkontinenz aber nicht nur für eine immer grösser werdende Population ein medizinisches Problem dar, sondern auch für das Gesundheitswesen eine enorme Belastung und Herausforderung: für die Pflege sowie die medizinische Versorgung der häufig auftretenden Komplikationen sind erhebliche personelle Ressourcen notwendig, zusammen mit den hohen Kosten für Materialien und Medikamente ergeben sich daraus substanzielle finanzielle Belastungen für die Kostenträger und somit die Gesellschaft.

Ein Blick auf die Evidenz in der Literatur zeigt, dass all das Wissen um diese Probleme keineswegs neu ist, trotzdem scheinen viele Aspekte, allem voran der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema, ungelöst. Dabei ist die Urininkontinenz kein Zustand, welcher einfach hingenommen werden muss, und in den meisten Fällen kann allein durch eine Optimierung der Hilfsmittel eine erhebliche Verbesserung der Situation erreicht werden mit deutlichem Benefit für die Lebensqualität Betroffener. Einer der wichtigsten Schritte in der Behandlung der Urininkontinenz ist dabei das schlichte Erkennen des Problems!

An dieser Stelle kommen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens im pflegerischen und ärztlichen Bereich in eine ganz besondere Pflicht, indem das leider auch in diesen Berufsgruppen oft noch mit einem Tabu belegte Thema aktiv überwunden und im konkreten Fall angesprochen wird. Dabei sind einfachste Beobachtungen bei den Patientinnen und Patienten oft genügend, um die simple Frage: «Haben Sie eventuell ein Problem der Harn-Kontinenz?» zu rechtfertigen. Und in den allermeisten Fällen ist nichts weiter notwendig als diese eine simple Frage, um die Barrieren für ein anschliessendes Gespräch zu öffnen.

Die gründliche und präzise Diagnostik mit Identifizierung des Inkontinenz-Typus und der klinischen Hauptprobleme sowie die anschliessende Integration dieser Problematik in die individuelle Gesamtsituation der betroffenen Person ist dabei der Schlüssel für die Findung der optimalen Therapie. Insbesondere in der Population der hochbetagten Personen sollte die Urininkontinenz zudem nicht nur als eine isolierte Problematik, sondern vielmehr als ein multidimensionales Problem gesehen werden, welches neben der organischen auch die psychische und soziale Ebene tangiert. Bei gebrechlichen Patientinnen und Patienten ist der Einbezug von Bezugspflege-Personen oder Angehörigen in die Therapie-Findung wichtig. Diese Punkte sollen in den folgenden Abschnitten beleuchtet werden.

Die verschiedenen Formen und Einteilungen der Urin-Inkontinenz

Verschiedene Formen der Blasenfunktionsstörung können mit einer Inkontinenz einhergehen, diese wiederum kann nach verschiedenen Kriterien eingeteilt werden. Dabei gibt es drei mögliche Gruppen: 1. Einteilung nach der Ätiologie, 2. Einteilung nach der klinischen Präsentation / Funktionalität und 3. Einteilung nach dem zeitlichen Verlauf.

Ätiologisch können zentral-nervös neurogenen Ursachen (wie zum Beispiel im Rahmen von neuro-degenerativen Erkrankungen wie Demenz, Parkinson, Multipler ­Sklerose, …) von peripher-organischen Ursachen der Harntraktes selbst (wie zum Beispiel einem Obstruktionssyndrom oder einer altersbedingt myogenen Detrusor-Schwäche) und diese wiederum von funktionellen, Harntrakt-fernen Ursachen (wie zum Beispiel bei Immobilität mit konsekutiver Unfähigkeit zum rechtzeitigen Erreichen der Toilette oder Dekompensation des Harntraktes durch ausschwemmend diuretische Medikamente) unterschieden werden. Gerade diese letztere, sogenannte funktionelle Inkontinenz, welche sich neben dem isolierten Auftreten natürlich zu den anderen Formen der Inkontinenz dazugesellen kann, ist in der Population der betagten Patientinnen und Patienten ein häufiges Problem.

Bei der zeitlichen Einteilung der Inkontinenz können sogenannte transiente und chronische Inkontinenz-Formen unterschieden werden. Der transienten Inkontinenz liegt ein vorübergehender Faktor, respektive eine Ursache (wie zum Beispiel eine Harnwegsinfektion, eine medikamentös induzierte Polyurie oder ein Delir) zugrunde. Bei einer neu aufgetretenen Harn-Inkontinenz, gerade bei betagten Patientinnen und Patienten, muss in diesem Fall an die möglichen, oft reversiblen Elemente der funktionellen Inkontinenz gedacht werden. Bei der chronischen Inkontinenz liegt eine solche vorübergehende ­Ursache nicht vor, ein klassisches Beispiel ist die Belastungsinkontinenz bei Sphinkter-Insuffizienz.

Bei der Einteilung nach klinischer Präsentation lässt sich die Inkontinenz in die Kategorien der Blasenspeicher- und der Blasenentleerungsstörungen einteilen. Die Blasenspeicherstörung geht mit Drang oder eben auch Drang-Inkontinenz einher bei überaktivem Detrusor-Muskel. Der Begriff «überaktive Blase» (oder OAB, overactive bladder) sollte hier mit Vorsicht verwendet werden, respektive im Wissen, dass damit nicht eine präzise Diagnose, sondern die pauschale Beschreibung der Symptomatik bei überaktivem Detrusor-Muskel gemeint ist. Mit anderen Worten, mehrere Formen einer Blasenfunktionsstörung können sich klinisch als überaktive Blase bemerkbar machen. Eine weitere Form der Blasenspeicherstörung kommt durch einen insuffizienten Verschlussmechanismus der Urethra im Rahmen von Sphinkter-Insuffizienzen zustande. Hier wird von Belastungs-Inkontinenz gesprochen, welche eben bezeichnenderweise nicht mit begleitenden Drangbeschwerden einhergeht und dann auftritt, denn der Abdominal-Druck den Sphinkter-Verschlusstonus übersteigt (wie zum Beispiel beim Niesen, Husten, Lachen oder Aufstehen). Neben den Blasenspeicherstörungen kann auch eine Blasenentleerungsstörung bei Dekompensation mit einer sogenannten Überlauf-Inkontinenz vergesellschaftet sein (Beispiele hierfür sind ein dekompensiertes Prostataobstruktions-Syndrom oder eine myogene Detrusor-Insuffizienz). Des Weiteren kommen Mischformen, respektive Misch-Inkontinenz-Formen aus Blasenspeicher- und Entleerungsstörungen vor; in der Population der betagten Personen ist diese Mischform, insbesondere bei Männern, sehr häufig und dementsprechend die Behandlung anspruchsvoll. Abbildung. 1 gibt einen Überblick über die entsprechende Einteilung (Abb. 1).

Die Figur zeigt die Urin-Inkontinenz-Problematik in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit schön auf. Fokussiert man diese Problematik nun auf die Population von betagten Patientinnen und Patienten, so geht schnell hervor, dass ätiologisch häufig mehrere, wenn nicht sogar alle Kategorien betroffen sind. Auf funktioneller Seite liegt häufig ein Mischbild vor. Zudem sind – wie oben angetönt – meist weitere gesundheitliche Dimensionen im psychischen und sozialen Bereich durch die Inkontinenz-Problematik mindestens tangiert, oft aber relevant eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass es oft nicht eine schnelle und einfache Lösung gibt und der sinnvollen Therapie eine sorgfältige Diagnostik vorausgehen muss. Es ist wichtig, betroffenen Patientinnen und Patienten, aber auch Angehörigen diesen Sachverhalt von Beginn weg klar darzulegen, damit keine falschen Erwartungshaltungen bezüglich allfälliger Therapieerfolge vorliegen. Der folgende Abschnitt beleuchtet nun die Schritte der Abklärung und Therapie.

Abklärung und Therapie

Wie oben erwähnt, ist die Eintrittspforte in den konsekutiven Vorgang der Abklärung und Therapiefindung das schlichte Erkennen des Problems. Diese an sich selbsterklärende Tatsache kann aber bei diesem Thema nicht genug betont werden. Wie üblich beginnt der Prozess dann mit einer gründlichen Anamnese, wobei es in der Regel Sinn macht, zuerst den funktionellen Aspekt der Inkontinenz mit Einteilung in Blasenspeicher- und Entleerungs-Störung zu eruieren. Die sorgfältige Erfassung von Nebendiagnosen und Medikamenten sowie der zeitliche Verlauf der Problematik ergänzen dann die in Abbildung 1 zusammengefassten Aspekte. Auch Begleitprobleme somatischer Art (wie zum Beispiel Dermatitis) oder im psychischen oder sozialen Bereich sollten von Beginn weg immer berücksichtigt und erfasst werden. Natürlich benötigt dieser Vorgang Zeit und oft auch Geduld. Leider stellt genau dies aber in der gesundheitspolitischen Situation hierzulande ein reales Problem dar, denn Zeit zum Zuhören, Zeit für ein Gespräch und Zeit für die gemeinsame Planung von massvollen weitergehenden Massnahmen schlägt – ganz im Gegensatz zu technischen Leistungen – punkto Vergütung mit einem sehr schlechten Gegenwert zu Buche; die Erfahrung und Expertise der Ärztin / des Arztes ist in diesem Punkt sogar belanglos. Vielleicht ist dies neben dem genannten Tabu ein weiterer Grund, warum die Problematik oft nicht aktiv angesprochen wird. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier künftig wieder ein Richtungswechsel und eine Besinnung auf wichtige Werte der ärztlichen Tätigkeit mit entsprechender Vergütung zeigen wird; dies als kleine Exkursbemerkung.

Primär einfache Untersuchungen wie körperliche Untersuchung (inklusive Genital-Untersuchung und digital rektaler Untersuchung), Urinanalysen sowie sonographische Resturinkontrollen und Erfassung der Abflussverhältnisse im oberen Harntrakt liefern in einer ersten Instanz ohne weitere invasive oder fachärztlich-geleitete Diagnostik die wichtigen Aspekte zur Erfassung der Situation. Weitergehende Untersuchungen wie Zystoskopie, Schichtbildgebungen (CT, MRI) oder Urodynamik sind oft primär nicht notwendig und sollten betreffend Indikation im Einzelfall dann erst im Anschluss an eine fachärztliche Beurteilung folgen. Je komplexer allerdings die Situation, desto niederschwelliger sollte von Beginn weg ein interdisziplinärer Ansatz zur Abklärung und Therapiefindung gewählt werden.

Die präzise Diagnose triggert wie üblich auch hier die Therapie. Bei betagten Patientinnen und Patienten ist auf Aspekte der funktionellen Inkontinenz dabei ganz speziell zu achten. Wenn immer möglich, sollte die Therapie bei betagten Personen konservativ sein (7). Der Einbezug der individuellen Wünsche Betroffener, im Pflegefall auch der Bezugspflegepersonen und Angehörigen, ist wichtig. Die Komplexität der Situation erlaubt es leider nicht immer, dass ein optimales Ziel erreicht werden kann. Die Identifizierung (i) des Aspekts der Inkontinenz, der die Lebensqualität am meisten einschränkt, und (ii) der Aspekte der Inkontinenz, die therapeutisch behandelt werden können, ist dabei essenziell. Trotzdem, auch wenn nur Etappenziele erreicht werden können, kann das die Lebensqualität Betroffener substanziell verbessern. Die offene Kommunikation und ein gemeinsames Abstecken der real erreichbaren Ziele sind somit zentral, um falsche Erwartungen und unrealistische Zielvorstellungen zu vermeiden – bei Betroffenen, wie auch bei Angehörigen.

Abbildung 2 gibt einen Überblick über die Abklärung und Therapien sowie erweiterte Massnahmen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
In der Population von betagten Patientinnen und Patienten sollte immer auch ein spezielles Augenmerk auf die Harntrakt fernen Massnahmen geworfen werden (Abb. 2). Diese meist nicht-invasiven und nicht-medikamentösen Massnahmen können im Einzelfall wesentlich zur Verbesserung der Situation beitragen, ohne ihrerseits wiederum ein potenziell unerwünschtes Nebenwirkungsprofil zu bergen. Bei der medikamentösen Therapie ist insbesondere bei Verwendung von anticholinergen Substanzen Vorsicht geboten. Wichtig ist hier die stimmige Indikation für solch ein an sich sehr gut wirksames und darum auch wertvolles Medikament. So benötigt nicht jede überaktive Blase primär diese Therapie. Beispielsweise kann ein Prostataobstruktions-Syndrom mit deutlich irritativen Beschwerden bis hin zur Drang-Inkontinenz vergesellschaftet sein; die primäre Problematik ist aber eine Entleerungs- und nicht eine Speicherstörung. Wenn anticholinerge Substanzen eingesetzt werden, dann ist die sorgfältige Motorisierung der potenziellen Nebenwirkungen, gerade bei betagten Personen, wichtig. Wenn alle Massnahmen scheitern und die Inkontinenz somit akzeptiert werden muss, dann ist von Beginn weg die Optimierung der Hilfsmittel zentral und kann bei richtiger Wahl und guter Pflege auch alleinig schon oft eine deutliche Verbesserung der Situation bewirken.

Zusammenfassung

Die Urininkontinenz ist bei älteren Patientinnen und Patienten ein häufiges und oft die Lebensqualität erheblich beeinträchtigendes Problem. Daneben stellt die Problematik durch die für die Pflege und Therapie notwendigen erheblichen materiellen und personellen Ressourcen eine reale und grösser werdende gesellschaftspolitische Herausforderung dar. Urininkontinenz gilt leider auch heutzutage immer noch an vielen Orten als Tabu-Thema. Dabei kann oft bereits mit einfachen Massnahmen die Lebensqualität Betroffener deutlich verbessert werden. Urininkontinenz muss nicht einfach hingenommen werden – sprechen wir mit unseren Patientinnen und Patienten offen darüber.

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med.Martin H. Umbehr

Klinik für Urologie
Stadtspital Zürich
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Prof. Dr. med. Michael Müntener

Klinik für Urologie
Stadtspital Zürich
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

Die Autoren haben keinen Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die Inzidenz der Urin-Inkontinenz steigt stetig mit ­zunehmendem Alter; die Prävalenz im Alterskollektiv über
    80 Jahren liegt je nach Setting zwischen 25–70 %.
  • Urin-Inkontinenz im Alter ist trotz der hohen Prävalenz kein
    «Normalzustand» und verursacht bei Betroffenen oft erheblichen Leidensdruck mit Auswirkungen nicht nur im somatischen, sondern auch im psychischen und sozialen Bereich.
  • Urin-Inkontinenz ist auch heutzutage leider immer noch an vielen Orten, auch im Gesundheitswesen selbst, ein Tabu-Thema. Dieses gilt es zu durchbrechen. Oft kann schon mit einfachen Mitteln die Lebensqualität Betroffener substanziell verbessert werden.

1. Promoting continence in older people. Mathias Schlögl et al, Age and Aging 2022; 51:1–5
2. Urinary incontinence in the Elderly. Tomas L. Griebling. Clin Geriatr Med 20 (2009) 445-457
3. The aging urinary tract. DuBeau CE. J Urol 2006; 175:S11–5
4. The impact of urinary incontinence on quality of life of the elderly.
Ko Y et al. Am J Manag Care 2005; 11:S103–11
5. “It always can happen”: the impact of urinary incontinence on elderly men and women. Teunissen D et al. Scand J Prim Health Care 2006; 24:166–73
6. Lower urinary tract symptoms, incontinence and falls in elderly people: time for an intervention study. Morris V et al. Int J Clin Pract 2007; 61:320–3
7. Albers C, Bojack B, Heckmann J, Kirschner-Herrmanns R, Kümmerle S, Mueller H, Mühlich S, Nemitz G, Pfisterer M, Schlusche-Flömer B, and Wiedemann A. Leitlinie Harninkontinenz der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. 2005 Jul 1. Report Nº.: Eur J Ger Suppl 7 Nº 2.

Kombinationstherapie von GLP1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Hemmern

Bei einem 67-jährigen Patienten ist seit 5 Jahren ein Typ 2 Diabetes mellitus bekannt. Zusätzlich hat der Patient in seiner persönlichen Anamnese eine koronare Dreigefässerkrankung mit mittelschwer eingeschränkter Ejektionsfraktion und einen Zustand nach Seminom vor 30 Jahren. Der Diabetes wird mit Basalinsulin (Levemir, 20 E täglich) und NovoRapid zu den Mahlzeiten behandelt (insgesamt ca. 7 E täglich). Aufgrund von gastrointestinalen Nebenwirkungen setzte der Patient Metformin ab. Wegen einer Herzinsuffizienz besteht zudem eine Therapie mit einem SGLT2-Hemmer (Forxiga).
Der Blutzucker ist gut eingestellt, das HbA1c beträgt 6.5%. Aufgrund der koronaren Dreigefässerkrankung wurde eine Therapie mit einem GLP1-Rezeptoragonisten (Ozempic, Semaglutid) angedacht.

Wichtiges aus der persönlichen Anamnese

Als Folgekomplikation seines Diabetes leidet der Patient unter einer koronaren Herzkrankheit, und es liegt zudem eine Herzinsuffizienz vor. Zu seinen kardiovaskulären Risikofaktoren zählen eine arterielle Hypertonie, eine Dyslipidämie, das Übergewicht sowie eine positive Familienanamnese.

Verlauf

Nach der Einführung von Ozempic konnte der Patient 3 kg Gewicht verlieren. Zudem war die Gabe von NovoRapid zu den Mahlzeiten nicht mehr erforderlich. Auch die Dosis von Levemir konnte schrittweise reduziert werden: ohne Ozempic spritzte der Patient noch 20E Levemir, mit Ozempic 0.25mg/Woche 12E Levemir, mit Ozempic 0.5mg/Woche 8E Levemir und mit 1,0 mg Ozempic/Woche konnte Levemir gänzlich gestoppt werden. Das HbA1c blieb stabil um 6.5%.

Schlussfolgerungen

Unter Ozempic kam es zwar nicht zu einem starken Gewichtsverlust, aber zu einer sehr guten Blutzucker-Kontrolle, was ein Absetzen der Insulintherapie ermöglichte. Die Kombinationstherapie GLP1-Rezeptoragonisten/ SGLT2-Hemmer ist aufgrund der koronaren Herzkrankheit, des kardiovaskulären Risikoprofils sowie der Herzinsuffizienz besonders vorteilhaft für den Patienten. Zu erwähnen ist, dass der SGLT2-Hemmer speziell unter der Indikation «Herzinsuffizienz» verschrieben wurde, wodurch eine zusätzliche Kostengutsprache für Ozempic nicht erforderlich war.

Frage

► Wie ist bei einer Kombinationstherapie von GLP1-Rezeptoragonisten/SGLT2-Hemmern vorzugehen,
da diese nicht automatisch von den Krankenkassen vergütet wird?
► Wie ist vorzugehen, wenn Ozempic aufgrund eines aktuellen Lieferengpasses in Apotheken nicht verfügbar ist?
► Welche besonderen Aspekte müssen bei der Verwendung von Rybelsus (orales Semaglutid) berücksichtigt werden?

Vorgeschlagene Massnahmen und Therapie

► Der SGLT2-Hemmer kann nebst der Indikation «Diabetes» auch aufgrund von Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz verschrieben werden.
► Als Alternative kann Semaglutid in oraler Form (Rybelsus) verschrieben werden, bei dem kein Lieferengpass besteht. Für Patienten, die bereits eine Dosierung von 1 mg Ozempic verwenden, könnte direkt die Höchstdosis von Rybelsus, 14 mg einmal täglich, verordnet werden. Dies entspricht ungefähr der wöchentlichen Dosierung von 0,5 mg Ozempic.
► Aufgrund der schlechten Bioverfügbarkeit muss Rybelsus nüchtern eingenommen werden, und zwar 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit und anderen oralen Medikamenten.
► Weiteres: Die Statin-Therapie sollte mit Ezetimib ergänzt werden bei einem Ziel-LDL von <1.4mmol/l.

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PD Dr. med. Claudia Cavelti-Weder

Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Die Autorin hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.