Immuntherapie bei Krebs

Immunkontrollpunkt-Inhibitoren haben die Behandlung vieler Krebsarten revolutioniert. Diese Immuntherapie ermöglicht bei bestimmten Patienten mit fortgeschrittenem Krebs eine potenzielle langfristige Kontrolle oder sogar Heilung. Trotz der bemerkenswerten Fortschritte profitieren jedoch nur etwa 20 % der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung davon, und langfristig sind es sogar noch weniger. Die manchmal spät auftretenden und potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen erfordern Wachsamkeit und eine schnelle Behandlung in einem Fachzentrum. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, resistente Tumore für die Immuntherapie empfindlicher zu machen. Die Optimierung der Anwendung – in Bezug auf Dosierung, Dauer usw. – ist ein weiteres wichtiges Ziel.

Immune checkpoint inhibitors have transformed the management of many cancers. Immunotherapy can lead to prolonged disease control, and even cure, in some patients with advanced cancer. However, despite these notable advances, only about 20 % benefit from immunotherapy in the advanced setting, and even fewer in the long term. Adverse events, sometimes occurring late and potentially severe, require close monitoring and rapid management in expert centers. Among future challenges is the need to make resistant tumors more sensitive to immunotherapy. Optimizing its use – in terms of dose, duration, etc. – is another important goal.
Keywords: Immune checkpoint inhibitors; anti-tumoral immunity; oncology; PD1; CTLA-4

Einleitung

Obwohl der Begriff Immuntherapie verschiedene Ansätze umfasst, bezieht er sich meist auf Immun-Checkpoint-Inhibitoren, die wir hier beschreiben werden. Diese Immun-Checkpoint-Inhibitoren sind sicherlich der wichtigste Fortschritt in der Onkologie der letzten zwei Jahrzehnte. Bei bestimmten Patienten – beispielsweise bei Lungenkrebs oder Melanomen – hat sie dazu beigetragen, dass ehemals unheilbare metastasierende Erkrankungen langfristig kontrolliert werden können und manchmal sogar von einer Heilung gesprochen werden kann, selbst in ursprünglich extrem fortgeschrittenen Stadien. Diese günstigen Situationen gehören zwar mittlerweile zur täglichen Praxis, sind jedoch auf eine begrenzte Anzahl von Tumorarten beschränkt. Bei fortgeschrittener Erkrankung profitiert nur eine Minderheit der Patienten tatsächlich von der Immuntherapie. Darüber hinaus dürfen die Nebenwirkungen, die durch immunvermittelte Mechanismen praktisch jedes Organ betreffen können, nicht unterschätzt werden. Es ist für den Arzt von entscheidender Bedeutung, diese zu erkennen und zu behandeln. In dieser Arbeit gehen wir auf die biologischen Grundlagen, die klinischen Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der Immuntherapie sowie die für die Zukunft der Immuntherapie in Betracht gezogenen Richtungen ein.

Biologische Grundlagen

Jeder Mensch verfügt über eine natürliche Anti-Tumor-Immunität, deren Ziel es ist, abnormale Zellen zu eliminieren. Diese Immunität wird fein reguliert, damit sie weder übermässig noch unzureichend ist, insbesondere dank sogenannter Immun-Checkpoints. Es hat sich gezeigt, dass diese Kontrollpunkte von Krebszellen umgangen werden können, um sich der Immunüberwachung zu entziehen (1).

Unter diesen Kontrollpunkten haben vor allem die Interaktion zwischen PD-1 und PD-L1 sowie die zwischen CTLA-4 und Antigen-präsentierenden Zellen die Onkologie revolutioniert (2). Andere Kontrollpunkte wie LAG-3, TIGIT oder TIM-3 sind Gegenstand jüngster Entwicklungen, werden jedoch in diesem Manuskript nicht behandelt (3). Tab. 1 beschreibt die Namen der Moleküle und ihre Zielstrukturen, die in der Schweiz verfügbar sind.

Nehmen wir das Beispiel der Interaktion zwischen PD-1, das auf der Oberfläche von T-Lymphozyten exprimiert wird, und PD-L1, das von Tumorzellen exprimiert wird: Diese Interaktion hemmt die Lymphozyten und verhindert, dass sie ihre zytotoxische Anti-Tumor-Wirkung entfalten. Der Krebs kann sich so, insbesondere durch eine Überexpression von PD-L1, der Immunantwort entziehen und weiter wachsen. Dieser Mechanismus ist in Abb. 1 dargestellt.

Genau an dieser Stelle setzt die Immuntherapie an: Monoklonale Antikörper (monoclonal antibodies – «mab») blockieren diese Interaktion und stellen so die Fähigkeit der T-Lymphozyten wieder her, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Die Immuntherapie wirkt also nicht direkt gegen den Tumor, sondern indirekt, indem sie die Hemmnisse für die Immunantwort aufhebt (Immun-Checkpoint-Inhibitoren).

Daten zu metastasierten Erkrankungen

Eine umfassende Übersicht über die Daten zur Immuntherapie der letzten zwanzig Jahre würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es gibt jedoch eindrucksvolle Beispiele, die das Potenzial dieses neuen Therapieansatzes veranschaulichen.

Das Melanom war früher mit einer sehr schlechten Prognose verbunden, mit einer Lebenserwartung von nur wenigen Monaten in vielen metastasierten Fällen. In diesem Zusammenhang war die Immuntherapie am revolutionärsten. Mittlerweile liegen die 10-Jahres-Ergebnisse der CheckMate 067-Studie vor, in der eine Kombination aus Immuntherapie (Anti-CTLA-4 und Anti-PD-1), Anti-PD-1 allein und Anti-CTLA-4 allein als Erstlinientherapie bei Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung verglichen wurde (4). Bei den Strategien mit Anti-PD-1 (allein oder in Kombination) sind etwa 40 % der Patienten nach 10 Jahren noch am Leben. Bei diesen Patienten kann man wirklich von einer Heilung sprechen.

Auch bei anderen Krebsarten hat die Immuntherapie zu einer radikalen Veränderung der Behandlung geführt.

Beispielsweise wird Lungenkrebs, abgesehen von Sonderfällen, heute bei Metastasen bereits in der Erstlinienbehandlung mit Immuntherapie behandelt, wobei auch hier bei einem Ansprechen des Tumors ein sehr langfristiger Nutzen zu erwarten ist (5, 6, 7).

Das Beispiel des Melanoms verdeutlicht aber auch die Grenzen der Immuntherapie: Es handelt sich um eine im Vergleich zu anderen Krebsarten relativ seltene Krebsart im fortgeschrittenen Stadium. Dies erklärt, warum bis heute unter Berücksichtigung der Häufigkeit der einzelnen Krebsarten nur etwa 20 % der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung von einem Ansprechen des Tumors auf die Immuntherapie profitieren (8). Darüber hinaus wird nur ein Bruchteil dieser Patienten einen dauerhaften Nutzen daraus ziehen. Die Entwicklung der Anzahl der Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung, die für die Therapie in Frage kommen, d. h. bei denen eine Indikation für die Therapie vorliegt, und derjenigen, die auf die Therapie ansprechen, ist in Abb. 2 dargestellt. Mit anderen Worten: Obwohl die Immuntherapie für bestimmte Patienten eine Revolution darstellt, kommt sie bisher nur einer Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung zugute.

In neoadjuvanter und adjuvanter Situation

Nach den beeindruckenden Ergebnissen, die in bestimmten Situationen bei fortgeschrittener Erkrankung beobachtet wurden, war es logisch, die Auswirkungen der Immuntherapie in früheren Stadien zu untersuchen, insbesondere in neoadjuvanter (vor der Operation) und/oder adjuvanter (nach der Operation) Situation (9, 10).

Bei Lungenkrebs beispielsweise hat eine beträchtliche Anzahl von Phase-3-Studien einen Vorteil hinsichtlich des krankheitsfreien Überlebens gezeigt, und mehrere davon haben auch einen Vorteil hinsichtlich des Gesamtüberlebens aufgezeigt, der mit der Ergänzung der konventionellen perioperativen Chemotherapie durch eine Immuntherapie zusammenhängt (11, 12, 13). Heute kann die Immuntherapie bei vielen Tumorarten perioperativ angeboten werden.

Allerdings sind gewisse Nuancen zu berücksichtigen: Tatsächlich wurden mehrere Studien durchgeführt, die den frühzeitigen Einsatz der Immuntherapie unterstützen, darunter auch in einigen Ländern mit begrenzten Ressourcen. In diesen Ländern hatten die Patienten der Kontrollgruppe, bei denen ein Rezidiv auftrat, nach der klinischen Studie keinen optimalen Zugang zu Behandlungen (10). In diesen Fällen ist es schwierig zu sagen, ob der beobachtete Überlebensvorteil tatsächlich auf die frühzeitige Verabreichung der Immuntherapie zurückzuführen ist oder ob er das Ergebnis einer suboptimalen Behandlung in der Kontrollgruppe zum Zeitpunkt des Rückfalls ist. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Toxizität, die in einer Situation, in der die Patienten möglicherweise bereits von ihrer Krankheit geheilt sind, im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung noch sorgfältiger bewertet werden muss.

Toxizität und Lebensqualität: Erkennen und nicht herunterspielen

Die potenziellen Toxizitäten der Immuntherapie dürfen nicht unterschätzt werden. Obwohl sie nur in wenigen Fällen schwerwiegend sind und oft medizinisch kontrolliert werden können, können bestimmte Toxizitäten zu langfristigen Schäden (14) mit potenziellen Auswirkungen auf die Lebensqualität (15) oder sogar zu tödlichen Nebenwirkungen (16) führen.

Für den Arzt lauten die wichtigsten Botschaften wie folgt:

1. Immuninduzierte Toxizitäten sind Organschäden, die andere Erkrankungen imitieren können, was ihre Diagnose manchmal schwierig macht. Beispielsweise kann eine immunvermittelte Pneumonitis wie eine infektiöse Lungenentzündung erscheinen. Am häufigsten sind die endokrinen Drüsen (Thyreoiditis), die Lunge (Pneumonitis), der Dickdarm (Colitis), die Leber (Hepatitis), die Haut sowie eine ausgeprägte Asthenie betroffen.Seltenere, aber schwerwiegendere Beeinträchtigungen wie Herzmuskelentzündungen oder neurologische Beeinträchtigungen können ebenfalls auftreten (17).
2. Im Gegensatz zur Chemotherapie können die Nebenwirkungen der Immuntherapie erst spät auftreten, mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn oder sogar nach Beendigung der Behandlung (18).
3. Eine schnell eingeleitete hochdosierte Kortikosteroidtherapie bildet die Grundlage der Erstbehandlung und zielt darauf ab, eine übermässige Immunreaktion zu bremsen. Bei Resistenz können andere Immunsuppressiva erforderlich sein, wie Anti-IL6, Anti-TNF-alpha oder andere Moleküle (19) (20).
4. Die optimale Behandlung dieser Toxizitäten erfordert spezielle Fachkenntnisse. Die frühzeitige Einbeziehung des behandelnden Onkologen ist unerlässlich, um Verzögerungen bei der Diagnose oder Behandlung zu vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Immuntherapie zwar im Allgemeinen gut verträglich ist, aber schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen kann. Ihre schnelle Erkennung, ihre Behandlung in einem Fachzentrum und eine klare Information des Patienten und seines Umfelds sind Schlüsselelemente, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten.

Herausforderungen für die Zukunft

In Bezug auf die Wirksamkeit bleibt eine zentrale Frage offen: Ist es möglich, dass die Immuntherapie nicht mehr nur einer Minderheit, sondern einer Mehrheit der Patienten zugute kommt? Derzeit werden verschiedene Strategien untersucht, um dieses Ziel zu erreichen, insbesondere durch die gezielte Beeinflussung anderer Immun-Kontrollpunkte oder durch den Versuch, sogenannte «kalte» Krebsarten (die gegen die Immuntherapie resistent sind) in «heisse», d. h. empfindlichere Krebsarten umzuwandeln.

Gleichzeitig besteht eine weitere grosse Herausforderung darin, bereits zugelassene Behandlungen mit einem patientenzentrierten Ansatz zu optimieren (21). Zum Beispiel:
– Sind die derzeit verwendeten Dosierungen wirklich optimal? Einige Studien deuten darauf hin, dass mit deutlich niedrigeren Dosierungen eine vergleichbare Wirksamkeit erzielt werden könnte (22).
– Spielt der Zeitpunkt der Verabreichung eine Rolle? Mehrere vorläufige Daten deuten darauf hin, dass die Verabreichung am Morgen wirksamer sein könnte als am Nachmittag, aber diese Hypothese muss durch strenge randomisierte Studien validiert werden (23).
– Ist die Behandlungsdauer gerechtfertigt? Viele Protokolle sehen eine Immuntherapie über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren vor. Eine Bewertung, ob kürzere Behandlungsdauern eine gleichwertige Wirksamkeit bieten können, würde es ermöglichen, die Toxizität zu begrenzen und gleichzeitig die Kosten für die Gesellschaft erheblich zu senken (24).

Fazit

Immun-Checkpoint-Inhibitoren haben eine echte Revolution in der Onkologie ausgelöst und ermöglichen einigen Patienten eine dauerhafte Kontrolle der Krankheit oder sogar eine Heilung, während ihre Prognose ohne diese Behandlung schnell tödlich gewesen wäre. Dennoch betrifft dies immer noch nur eine Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung. Es bleibt eine grosse Herausforderung, zu verstehen, wie der Nutzen der Immuntherapie auf eine grössere Anzahl von Patienten ausgeweitet werden kann. Toxizitäten, also immunvermittelte Organschäden, die mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn der Behandlung auftreten können, müssen frühzeitig erkannt und unverzüglich behandelt werden (die Kortikosteroidtherapie ist die Behandlung der ersten Wahl), wobei der Onkologe schnell hinzugezogen werden muss. In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen müssen diese Toxizitäten sowie bestimmte methodische Verzerrungen, die manchmal in klinischen Studien auftreten, im Rahmen einer optimalen gemeinsamen medizinischen Entscheidung umfassend berücksichtigt werden.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Timothée Olivier

Service d’oncologie
Hôpitaux Universitaires Genève
Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4
1205 Genf

Prof. Dr. med. Alfredo Addeo

Service d’oncologie
Hôpitaux Universitaires Genève
Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4
1205 Genf

Timothée Olivier hat keine Interessenkonflikte anzugeben. Alfredo Addeo: Beratungs- oder Gutachtertätigkeit: BMS, Astrazeneca, Boehringer-Ingelheim, Roche, MSD, Pfizer, Eli Lilly, Astellas. Referent: Eli Lilly, Astrazeneca, Regeneron.

  • Die Immuntherapie ermöglicht bei bestimmten Krebsarten, einschliesslich in sehr fortgeschrittenen oder metastasierten Stadien, eine dauerhafte Kontrolle oder sogar Heilung – dies ist jedoch auf eine Minderheit der Patienten beschränkt
  • Immunvermittelte Nebenwirkungen können spät auftreten und verschiedene Organe betreffen; sie müssen schnell identifiziert und in einem Fachzentrum behandelt werden, wobei eine Kortikosteroidtherapie die erste Wahl ist.
  • In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen wird die Immuntherapie zunehmend angeboten, erfordert jedoch eine strenge Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung.
  • Um den Nutzen auf mehr Patienten auszuweiten, werden Möglichkeiten untersucht, resistente Tumoren in Krankheiten umzuwandeln, die empfindlicher auf eine Immuntherapie ansprechen.
  • Die Optimierung der Dosis, der Verabreichungsdauer und anderer Faktoren im Zusammenhang mit der bereits angewendeten Immuntherapie könnte möglicherweise deren Toxizität und Kosten reduzieren.

1. Chen DS, Mellman I. Oncology meets immunology: the cancer-immunity cycle. Immunity. 2013 Jul 25;39(1):1–10.
2. Ribas Antoni. Releasing the Brakes on Cancer Immunotherapy. New England Journal of Medicine. 2015;373(16):1490–2.
3. Borgeaud M, Sandoval J, Obeid M, Banna G, Michielin O, Addeo A, et al. Novel targets for immune-checkpoint inhibition in cancer. Cancer Treatment Reviews [Internet]. 2023 Nov 1 [cited 2025 Jun 22];120. Available from: https://www.cancertreatmentreviews.com/article/S0305-7372(23)00107-X/fulltext
4. Wolchok JD, Chiarion-Sileni V, Rutkowski P, Cowey CL, Schadendorf D, Wagstaff J, et al. Final, 10-Year Outcomes with Nivolumab plus Ipilimumab in Advanced Melanoma. New England Journal of Medicine. 2025 Jan 1;392(1):11–22.
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7. Desai A, Peters S. Immunotherapy-based combinations in metastatic NSCLC. Cancer Treat Rev. 2023 May;116:102545.
8. Haslam A, Olivier T, Prasad V. How many people in the US are eligible for and respond to checkpoint inhibitors: An empirical analysis. Int J Cancer. 2025 Jun 15;156(12):2352–9.
9. Boydell E, Sandoval JL, Michielin O, Obeid M, Addeo A, Friedlaender A. Neoadjuvant Immunotherapy: A Promising New Standard of Care. Int J Mol Sci. 2023 Jul 24;24(14):11849.
10. Olivier T, Haslam A, Prasad V. Postrecurrence Treatment in Neoadjuvant or Adjuvant FDA Registration Trials: A Systematic Review. JAMA Oncology [Internet]. 2024 Jun 20 [cited 2024 Aug 15]; Available from: https://doi.org/10.1001/jamaoncol.2024.1569
11. Han Y, Xiao X, Qin T, Yao S, Liu X, Feng Y, et al. Efficacy and safety of perioperative immunotherapy combinations for resectable non-small cell lung cancer: a systematic review and network meta-analysis. Cancer Immunol Immunother. 2024 Oct 9;73(12):262.
12. Spicer JD, Garassino MC, Wakelee H, Liberman M, Kato T, Tsuboi M, et al. Neoadjuvant pembrolizumab plus chemotherapy followed by adjuvant pembrolizumab compared with neoadjuvant chemotherapy alone in patients with early-stage non-small-cell lung cancer (KEYNOTE-671): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. The Lancet. 2024 Sep 28;404(10459):1240–52.
13. Forde PM, Spicer JD, Provencio M, Mitsudomi T, Awad MM, Wang C, et al. Overall Survival with Neoadjuvant Nivolumab plus Chemotherapy in Lung Cancer. New England Journal of Medicine [Internet]. [cited 2025 Jun 22];0(0). Available from: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2502931
14. Ghisoni E, Wicky A, Bouchaab H, Imbimbo M, Delyon J, Gautron Moura B, et al. Late-onset and long-lasting immune-related adverse events from immune checkpoint-inhibitors: An overlooked aspect in immunotherapy. European Journal of Cancer. 2021 May 1;149:153–64.
15. Olivier T, Haslam A, Prasad V. Informative censoring due to missing data in quality of life was inadequately assessed in most oncology randomized controlled trials. Journal of Clinical Epidemiology. 2021 Nov 1;139:80–6.
16. Wang DY, Salem JE, Cohen JV, Chandra S, Menzer C, Ye F, et al. Fatal Toxic Effects Associated With Immune Checkpoint Inhibitors: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Oncol. 2018 Dec 1;4(12):1721–8.
17. Thouvenin L, Olivier T, Banna G, Addeo A, Friedlaender A. Immune checkpoint inhibitor-induced aseptic meningitis and encephalitis: a case-series and narrative review. Therapeutic Advances in Drug Safety. 2021;12:20420986211004745.
18. Postow Michael A., Sidlow Robert, Hellmann Matthew D. Immune-Related Adverse Events Associated with Immune Checkpoint Blockade. New England Journal of Medicine. 2018 Jan 11;378(2):158–68.
19. Martins F, Sykiotis GP, Maillard M, Fraga M, Ribi C, Kuntzer T, et al. New therapeutic perspectives to manage refractory immune checkpoint-related toxicities. Lancet Oncol. 2019 Jan;20(1):e54–64.
20. Haanen J, Obeid M, Spain L, Carbonnel F, Wang Y, Robert C, et al. Management of toxicities from immunotherapy: ESMO Clinical Practice Guideline for diagnosis, treatment and follow-up. Annals of Oncology. 2022 Dec 1;33(12):1217–38.
21. Bouche G, Gilbert D, Quartagno M, Dehbi HM, Merrick S, Doorn-Khosrovani SB van W van, et al. Determining the optimal use of approved drugs in oncology. The Lancet Oncology. 2025 May 1;26(5):e282–94.
22. Patil VM, Noronha V, Menon N, Rai R, Bhattacharjee A, Singh A, et al. Low-Dose Immunotherapy in Head and Neck Cancer: A Randomized Study. JCO. 2023 Jan 10;41(2):222–32.
23. Özdemir BC, Bill R, Okyar A, Scheiermann C, Hayoz S, Olivier T. Chrono-immunotherapy as a low-hanging fruit for cancer treatment? A call for pragmatic randomized clinical trials. J Immunother Cancer. 2025 Mar 3;13(3):e010644.
24. Birkmire J, Haslam A, Olivier T, Fernandez E, Prasad V. Why the duration of cancer treatment requires a closer look: An empirical analysis of recent FDA approvals. JCO. 2025 Jun;43(16_suppl):11022–11022.

Insekten- und Zecken-übertragbare Infektionen

Einige Infektionskrankheiten werden durch «Vektoren» (Insekten oder Zecken) übertragen. Entscheidend ist eine sorgfältige Reise- und Expositionsanamnese. Hautveränderungen liefern wichtige Hinweise: Bei uns kommt das Erythema migrans relativ häufig vor. Ist die Einstichstelle zusätzlich nekrotisch, kommen Tularämie (bei uns) oder eine Rickettsiose (primär das Afrikanische Zeckenbissfieber bei Safarireiserückkehrern, selten andere Rickettsiosen) als Ursachen infrage. Bei febrilen Tropen- und Subtropen-Rückkehrern immer an die Malaria denken. Mückenübertragene «Arboviren» wie Dengue und Chikungunya nehmen zu. Bei Juckreiz an Fingern oder im Intimbereich immer an Skabies denken und niederschwellig behandeln – besonders in Asylunterkünften und bei Kindern in Kitas.

Certain infectious diseases are transmitted by «vectors» (insects or ticks). A careful travel and exposure history is essential. Skin lesions provide important clues: Erythema migrans is relatively common in Switzerland. If the site of the bite is also necrotic, tularemia (in Europe) or rickettsiosis (primarily African tick bite fever in travelers returning from a safari, rarely other rickettsioses) are considerations. In febrile travelers returning from the tropics and subtropics, always think of malaria. «Arboviruses» such as dengue and chikungunya are increasing. If fingers or intimate areas are itchy, always think of scabies and have a low threshold to initiate treatment, especially in asylum centers and children in daycare centers.
Keywords: Insekten, Zecken, Hautulkus, Erythema migrans, Tularämie, Dengue, Chikungunya, Malaria, FSME

Einleitung

Mücken- und Zeckenstiche gehören zum Praxisalltag und können ganz spezifische Infektionen verursachen. Hausärzte/-innen sollten die wichtigsten «vektorübertragenen» Krankheiten kennen (1). Durch den Klimawandel sowie zunehmende Reise- und Migrationsbewegungen werden sie vermutlich noch häufiger werden. Ob es einer Abklärung oder Therapie bedarf, hängt von der Reiseanamnese, dem Hautbefund und Begleitsymptomen wie Fieber ab. Meldepflichtig sind FSME, Dengue, Chikungunya, Tularämie, Diphtherie, Westnilvirus und Zika, nicht aber die Borreliose (2).

Rote Hautflecken bei Patienten ohne Reiseanamnese

Wir beschränken uns auf Hautbefunde. Für eine detaillierte Diskussion der Borreliose siehe unsere publizierten Artikel (3–5).

Ein 45-jähriger Patient kommt montags in die Praxis mit einer geröteten Stelle an der Wade. Am Sonntag war er im Wald und hat danach eine Zecke an der Wade entfernt.
Ist das eine Borreliose?
Nein. Die Inkubationszeit passt nicht: Ein Erythema migrans tritt frühestens 3 Tage (spätestens 32 Tage) nach Zeckenstich auf. Hier handelt es sich am ehesten um eine lokale allergische Reaktion, die in den ersten 1–2 Tagen nach Zeckenstich auftritt. Empfehlung: Beobachten, ev. antipruritisch behandeln, sollte innert weniger Tage verschwinden. Falls nicht: Wiedervorstellung (3, 6).

Wie weiss ich, dass eine Läsion sicher ein Erythema migrans (EM) ist?
100 % diagnostische Sicherheit gibt es nicht. EM bleibt eine klinische Diagnose der erfahrenen Ärztin, siehe Tab. 1.

Soll ich ein EM serologisch bestätigen?
Nein. Nur 30–80 % der EM sind zum Zeitpunkt der ärztlichen Vorstellung Borrelienseropositiv, und 20 % werden nie seropositiv. Eine negative Serologie heisst nicht, dass die Patientin kein EM hat und dass keine Antibiotika indiziert sind (eine Antibiotikagabe kann die Serokonversion zusätzlich verhindern) (3). Wichtig sind auch die 4–13 % Leute, die in der Schweiz wegen früherer Exposition bereits Borrelienseropositiv sind (7) – eine positive Serologie beweist also das EM nicht.

42-jährige Patientin in Baselland mit Fieber, Schüttelfrost, Abgeschlagenheit und einem 5 mm nekrotischen Ulkus nach einem Stich von einem «käferartigen Insekt» am Oberarm im April 2024 (Tab. 1/Bild 2).
Was hat sie?
Dies könnte eine Tularämie sein. Tularämie wird in der Schweiz meist durch Zeckenstiche übertragen. Seit 2004 ist sie meldepflichtig und die Zahl der gemeldeten Fälle nimmt zu (8). Daran sollte man bei einem Hautulkus mit nekrotischer Kruste (Eschar, Schorf, tâche noire) an der Einstichstelle denken. Eschar plus lokale Lymphadenopathie ist die häufigste Manifestationsart («ulzeroglanduläre» Tularämie), meist mit Fieber und Gliederschmerzen (9). Seltener sind Fieber ohne Hautulkus («typhoidale» Form), nur lokale Adenopathie ohne Ulkus («glanduläre» Form), Pneumonie (daran denken bei Exposition (beruflich oder privat) und ausgeprägter mediastinaler Adenopathie) oder Pharyngitis/Stomatitis (selten; bei oraler Ansteckung).

Wie kläre ich eine mögliche Tularämie ab?
Empfohlen sind die PCR aus Biopsie oder Abstrich (10) aus dem Ulkus und eine zweizeitige Serologie: also Antikörperbestimmung heute und in 3–4 Wochen wiederholen. Denn bei Präsentation kann die Patientin noch seronegativ oder erst IgM-positiv sein (Vorsicht: IgM gelegentlich falsch positiv!) – in der zweiten Serologie sollten IgG aufgetaucht sein; IgG sind diagnostisch zuverlässiger als IgM. Die Kultur wird nicht empfohlen (Ansteckungsgefahr im Labor) (10).

Gibt es eine Differenzialdiagnose?
Ja, bei schmerzhaftem Eschar am Kopf (meist verdeckt unter den Haaren) und zervikaler Lymphadenopathie, v.a. bei Kindern, liegt gelegentlich TIBOLA («tickborne lymphadenopathy») vor. Der Erreger heisst Rickettsia slovaca und tritt auch in Mitteleuropa auf (11).

Tularämie-Therapie?
Bei Tularämie-Verdacht sollte niederschwellig empirisch mit Ciprofloxacin oder Doxycyclin (10–14 Tage) behandelt werden – weil 1. unbehandelt möglicherweise schwerer Verlauf, und 2. erst später gesicherte Diagnose (Resultat der 2. Serologie liegt bei Präsentation noch nicht vor) (9, 12).

Treten zeckenassoziierte Infektionen vor allem im Sommer auf ?
Ja, Hauptsaison ist nach wie vor von April bis November. Neuerdings werden aber FSME- und Borreliose-Fälle vom BAG schon im Januar registriert – wegen der Klimaerwärmung werden wir selbst im Winter nicht mehr von den Zecken verschont: niederschwellig an zeckenassoziierte Infekte denken (13, 14)!

Insektenassoziierte Infekte bei Reiserückkehrenden

Was, wenn Tularämieähnliches Bild (Fieber, nekrotisches Hautulkus) bei einer Reiserückkehrerin aus dem Krüger Park in Südafrika auftritt?
Dann käme am ehesten ein Afrikanisches Zeckenbissfieber in Frage (Tab. 1), verursacht durch Rickettsia africae. Dieses ist nach Subsahara-Rückkehr, v.a. nach Safaris, gar nicht so selten (etwa 5 % der Rückkehrenden, bis zu 25 % der febrilen Rückkehrenden) (15)! Oft Beginn mit einem makulopapulösen Ausschlag, und im Verlauf Eschar an der Einstichstelle mit Umgebungsrötung (gelegentlich: mehrere Zeckenstiche bzw. Eschars). 85–90 % der Betroffenen haben Fieber und grippeähnliche Symptome (15, 16). Die klinische Diagnose (Trias aus Zeckenstich, Fieber und Hautbefund) ist nur in einem Drittel der Fälle korrekt (17). Daher ist – wie bei Tularämie und Rickettsiosen allgemein – eine Abklärung mittels PCR aus Abstrich/Ulkusbiopsie sowie eine zweizeitige Serologie erforderlich. Wiederum gilt: Bei der Präsentation ist die Serologie oft noch negativ, weshalb eine niederschwellige Behandlung mit Doxycyclin (100 mg 1-0-1 für sieben Tage) empfohlen wird (16, 18).

Wann soll ich noch an eine Rickettsiose denken?
Zahlreiche Zecken sind weltweit mit Rickettsien befallen (19), die entsprechenden Krankheiten beim Menschen in der Schweiz aber selten. Daran denken (wegen möglicher schwerer Verläufe) bei kürzlichen Immigranten oder Reisenden aus dem Balkan, Mittelmeerraum, Nordafrika, Nord-, Mittel- oder Südamerika mit Fieber, Kopfschmerzen, makulopapulösem Ausschlag oder lokalem Eschar – auch bei Hotelferien ohne Rucksack, Camping usw. (Tab. 1/Bild 3) (20–23). Die Diagnose erfolgt via PCR aus Ulkusabstrich, Biopsie eines Eschars oder Hautausschlag-Einzelläsion (v.a. Petechien) oder zweizeitigserologisch (Achtung: Kreuzreaktionen zwischen den einzelnen Rickettsien-Spezies) (24, 25).

Ein 42-jähriger Patient aus Kenia wohnt seit 20 Jahren in der Schweiz. Nun war er 3 Wochen lang in Kenia, wo er seine Familie besucht hat. Eine Malaria-Prophylaxe hat er nicht genommen. 5 Tage nach Rückkehr in die Schweiz hat er Fieber und fühlt sich sehr schwach.
Wie abklären?
Malaria ist die bei weitem häufigste Ursache für Fieber nach der Rückkehr aus Subsahara-Afrika (26) und deutlich seltener nach Rückkehr aus der Karibik, Lateinamerika oder Asien. Wichtig: Bei jedem febrilen Tropen-Rückkehrer Malaria suchen (Mikroskopie und Schnelltest, allenfalls PCR im Blut; Tab. 2)! Besonders gefährdet sind Migranten aus Endemiegebieten, die sich immun wähnen und daher auf eine Malariaprophylaxe verzichten. Sie besitzen oft eine erworbene Malaria-Teilimmunität. Diese geht nach Emigration (weil fehlende regelmässige Reinfektionen) über die Jahre verloren.

Eine 32-jährige Patientin fühlt sich seit ihrer Rückkehr aus Costa Rica fiebrig, krank, mit Kopf- und diffusen Gliederschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit.
Soll ich sie ins Spital einweisen?
Nicht unbedingt. Nach Ausschluss von Malaria kommen v.a. Arbovirosen wie Dengue, Chikungunya oder Zika in Frage; Dengue ist dabei mit Abstand am häufigsten (429 bzw. 19 bzw. 9 gemeldete Fälle im Jahr 2024 (27)). Importierte Fälle von Dengue und Chikungunya nehmen in der Schweiz zu (siehe Kasten «Insekten und Klima»), schwere Verläufe sind aber selten.

Ihre Leberwerte sind erhöht (AST und ALT beide 300-400) – an was denken?
Wir raten ab vor voreiligen Diagnosen. Dengue wäre gut möglich (Diagnostik siehe Tab. 2), aber auch akute Cholezystitis, infektiöse Mononukleose (EBV, CMV), akute HIV-Infektion, Leptospirose und Malaria.

Soll sich der 27-jährige Reiserückkehrer aus Brasilien auf Zika testen lassen, bevor er ungeschützten Sex hat? Seine Freundin hat einen Kinderwunsch.
Nein. Die grossen Epidemien von 2015–16 sind vorbei und vor einer serologischen Testung raten wir ab, auch wenn dies gelegentlich empfohlen wird (28, 29) – wegen falsch positiven (Kreuzreaktionen mit anderen Flaviviren und deren Impfungen wie FSME, Gelbfieber etc.) und bis zu 20 % falsch negativen Antikörper-Resultaten. Das Zika-Virus ist sexuell übertragbar, v.a. von Männern auf Frauen (denn: monatelange Viruspersistenz im Sperma möglich) und kann teratogen sein (Tab. 2): Daher sollen Reiserückkehrende (auch wenn asymptomatisch) zwei Monate nach Rückkehr nur geschützten Sex haben.

Was ist mit Gelbfieber?
Auch Gelbfieber ist durch ein Flavivirus verursacht und ist gefürchtet wegen der hohen Sterblichkeit (30). Gelbfieber tritt nur in Südamerika und Afrika auf. Trotz Ausbrüchen in Ländern wie Brasilien (31, 32) ist Gelbfieber bei uns selten – dank hoher Impfrate und meist lebenslangem Impfschutz (Ausnahme: Immunsuppression). Wichtig ist die Analyse der genauen Reiseroute (Impfung nicht nötig bei z. B. Strandferien in Kenia).

Fieber und Hautabszesse nach Reise­rückkehr

Meine Patientin kommt aus Thailand zurück und hat seit zwei Wochen mehrere nicht heilende, eitrige Wunden nach «Mückenstichen».
Ursache?
Nach Insektenstichen oder kleineren Hautverletzungen kommt es in den Tropen häufiger als hierzulande zu lokalen Abszessen. Die hohe Temperatur und Feuchtigkeit begünstigen bakterielle Besiedlung der Haut und Superinfektionen von banalen Wunden (wie nach Instektenstichen) mit Strepto- oder Staphylokokken. Die Diagnose ist klinisch und die Therapie erfolgt pragmatisch: Co-Amoxicillin für einige Tage (33). Abstrich/Kultur aus der Wunde/Abszess braucht es bei unkomplizierten Fällen nicht.

Seit fünf Wochen zeigt ein Asylsuchender aus Syrien zwei grössere Hautabszesse «nach Insektenstichen» an den Beinen.
Was abklären?
In einem ersten Schritt den Ball flach halten und ein paar Tage Co-Amoxicillin geben. Falls darunter keine Besserung, an resistente Erreger wie MRSA denken (bei prominenter Abszessbildung Suche nach PVL-Toxin Produktion). Bei Migranten kommt es gelegentlich zu Fällen von Hautdiphtherie (Herkunftsländer: v.a. Afghanistan, Syrien, aber auch Iran, Maghreb), Leishmaniose, und mykobakteriellen Infekten (34). Zur Abklärung entnimmt man eine Biopsie vom Wundrand – für Histopathologie, PCR, Kultur – am besten vorher Rücksprache (35,36). Bei Verdacht auf Hautdiphtherie rasch Rücksprache mit Infektiologie, Abnahme eines Nasen-/Rachenabstrichs (Diphtherie-Toxin-PCR) und Meldung an Kantonsarzt <48h (37,38).

Wann soll ich an eine kutane Leishmaniose denken?
V.a. bei Migranten aus dem Nahen/Mittleren Osten sowie bei Reiserückkehrern aus dem Mittelmeerraum und Lateinamerika, vereinzelt auch nach Südeuropa-Reisen (39). Die Evolution der kutanen Leishmaniose beträgt Wochen bis Monate, daher ist die Abgrenzung zu den sich meist in Tagen entwickelnden bakteriell superinfizierten Mückenstichen in den allermeisten Fällen einfach (39, 40). Die Therapie ist bei allen Formen (kutan, mukokutan, systemisch) komplex – am besten Rücksprache mit der Infektiologie oder Tropenmedizin (36).

Juckende Papeln

In einer Kita in Zürich sind zwei Kinder im Alter von 2 und 4 Jahren, die sich seit drei Tagen ständig an den Fingern kratzen. Dort sieht man rote Papeln, v. a. in den Fingerzwischenräumen.
Was tun?

Frühzeitig an Skabies denken, um Ausbrüche zu verhindern. Bei jedem Juckreiz, vor allem, wenn er nachts stärker ausgeprägt ist und sich an den Fingern, Händen und im Intimbereich lokalisiert. Die Diagnose erfolgt klinisch (41). Achtung: Lokal ist eventuell noch keine Abnormalität ersichtlich oder es sind nur wenige gerötete Papeln vorhanden. Wenn mehrere Personen ein «Ekzem» haben, immer an Skabies denken (Tab. 3).

Wie eng muss der Kontakt sein, um Skabies zu übertragen?
Geschätzt sind 10 bis 20 Minuten direkten Hautkontakts nötig. Ein- bis zweimal die Hand schütteln genügt nicht. Die Übertragung erfolgt oft innerhalb von Familien, in überfüllten, gemeinsam genutzten Räumen oder durch sexuellen Kontakt. Eine Übertragung ist auch via Bettwäsche oder Gegenstände möglich, daher sind die flankierenden Massnahmen bei der Behandlung wichtig (Tab. 4). Und: Gleichzeitig und niederschwellig alle engen Kontaktpersonen mitbehandelt (78)!

Könnte dieser juckende Ausschlag auch durch Filzläuse bedingt sein?
Ja, daran denken, wenn der Intimbereich betroffen ist. Die Übertragung erfolgt vor allem durch engen, meist sexuellen Kontakt. Die Diagnose erfolgt klinisch: Typisch sind juckende Papeln (vor allem an behaarten Stellen), dazu eventuell bläuliche Bissstellen. Auch Kopfläuse sind immer wieder Thema in den Medien, vor allem nach den Sommerferien. Hilfreiche Informationen dazu gibt es beispielsweise beim Schulärztlichen Dienst des Kantons Zürich (43, 44).

Eine Studentin mit juckenden Papeln am Oberarm ist eben aus Paris zurückgekehrt, wo sie in einem sehr günstigen Hotel übernachtet hat.
Was ist mit Bettwanzen?
Ja, Bettwanzen sind möglich. Die juckenden, erythematösen Papeln treten vor allem an unbedeckter Haut, also an den Extremitäten, im Nacken und am Kopf, auf. Aufgrund der zunehmenden Reisetätigkeit und Immigration nehmen die Fälle zu. Für 2023/24 gibt es zudem Hinweise auf russische Desinformationskampagnen bezüglich Bettwanzen in Frankreich (45, 46).

Können Milben, Läuse und Wanzen gefährliche Infektionskrankheiten übertragen?
Bei Skabies und Bettwanzen sind keine Erregerübertragungen bekannt. Läuse (allerdings nur Kleiderläuse) können u.a. Bartonellen und Rickettsien der Typhus-Gruppe übertragen, v.a. unter schlechten hygienischen Bedingungen (z. B. Obdachlose, Asylsuchende) (47, 48).

Neurologische Symptome

Ein Gärtner wurde vor ein paar Tagen von einer Zecke gestochen. Nun hat er Fieber und Kopfschmerzen.
Ist das FSME?
Vielleicht. Die FSME nimmt in der Schweiz zu (13, 49). Allerdings erkranken nur die wenigsten Menschen nach einem Zeckenstich: Schätzungsweise 35 von 10.000 Personen entwickeln nach einem Zeckenstich grippeähnliche Symptome, die auf eine FSME-Infektion zurückzuführen sind. Nur ein bis vier dieser 35 Personen entwickeln anschliessend neurologische Beschwerden (50). Die Diagnose erfolgt mittels IgM-Antikörper im Blut (bei Ungeimpften) oder mittels LP (bei Geimpften), siehe Tab. 5 und Abb. 1.

Ein 7-jähriges Mädchen war vor einigen Wochen mit den Pfadfindern im Wald. Nun stellt der Pädiater eine periphere Fazialisparese fest.
Ist sie durch Borrelien bedingt?
Ja, das könnte eine frühe Neuroborreliose sein. Zur Abklärung sollten Borrelien-IgM- und -IgG-Antikörper im Serum bestimmt werden. Eine Liquoruntersuchung ist bei Anzeichen einer ZNS-Beteiligung wie Meningitis erforderlich. Bei einer Beteiligung der peripheren Nerven (z. B. Radikulitis) fehlen die intrathekalen Antikörper oft (4), sodass auf die LP verzichtet werden kann. Die Prognose unter Doxycyclin ist sehr gut. Bleibende neurologische Defizite sind selten (51).

Ich dachte, Doxycyclin ist bei Kindern kontraindiziert?
Nicht mehr. Doxycyclin wurde fälschlicherweise mit den Nebenwirkungen von Tetrazyklin – wie Zahnverfärbungen und Zahnschmelzhypoplasie – in Verbindung gebracht. Bei einer Therapiedauer < 21 Tagen darf Doxycyclin auch Kindern unter 8 Jahren gegeben werden; das Risiko der genannten Zahnschäden ist sehr gering (52, 53).

Ein Lastwagenfahrer klagt über Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, eine Woche nach Rückfahrt aus Griechenland. Drei Tage später kommt eine Hüftflexionsschwäche links dazu. Ein Ausschlag ist nicht vorhanden.
Was abklären?
In Frage kommen FSME, virale (oft Varizella-Zoster-) Meningitis und Neuroborreliose. Aufgrund der Reiseanamnese ist auch das West-Nil-Virus (WNV) zu berücksichtigen. Am besten sollte eine Abklärung mittels Serologien im Blut und Lumbalpunktion erfolgen (Tab. 5 und Abb. 1).

Eine 44-jährige Patientin hat seit Jahren teils invalidisierende Kopf- und Nackenschmerzen. Weil ihr eine Naturärztin sagt, diese könnte eine Neuroborreliose sein, wünscht sie eine Borrelien-Serologie.
Soll ich sie machen?
Hier kommen wir an die Grenzen einer patientenzentrierten Medizin. Siehe unsere Artikel zur Borreliose (3–5). Wegen des Problems der falsch-positiven Befunde gibt es nur wenige gut etablierte Indikationen für eine Borrelien-Serologie. Chronische Kopf- und Nackenschmerzen gehören nicht dazu.

Mona Ruedin 1
Dr. med. Sandra Koehli Weber 2
Dr. med. Angelika Noethiger 3
Dr. med. Miriam Weissbach 4
Prof. Dr. med. Noémie Boillat Blanco 5
PD Dr. med. Andreas Neumayr 6,7
Prof. Dr. med. Philip Tarr 1,7 (Korrespondenz: philip.tarr@unibas.ch)
1 Infektiologie und Spitalhygiene, Universitäres Zentrum Innere Medizin, Kantonsspital Baselland, Bruderholz
2 Leiterin Schulärztlicher Dienst Kanton Zürich, Volksschulamt, Zürich
3 Kantonsärztlicher Dienst, Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, Zürich
4 FMH Allgemeine Innere Medizin, Gemeinschaftspraxis Mühleberg BE
5 Service des Maladies Infectieuses, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Lausanne
6 Swiss Tropical and Public Health Institute, Basel
7 Universität Basel, Basel

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Mona Ruedin

Infektiologie und Spitalhygiene
Universitäres Zentrum Innere Medizin
Kantonsspital Baselland
Bruderholz

PD Dr. med. Andreas Neumayr 

– Swiss Tropical and Public Health Institute
Basel
- Universität Basel
Basel

Prof. Dr. med. Philip Tarr

– Infektiologie und Spitalhygiene
Universitäres Zentrum Innere Medizin
Kantonsspital Baselland
Bruderholz
– Universität Basel, Basel

philip.tarr@unibas.ch

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Mücken wie die Tigermücke breiten sich aus und auch in der Schweiz könnte es zu lokal erworbenen «Arbovirus»-Infektionen wie Dengue und Chikungunya kommen. Die meisten Fälle werden bei uns aber noch viele Jahre reisebedingt auftreten.
  • Die FSME nimmt bei uns zu. Die wichtigsten zeckenübertragbaren Erkrankungen sind die Borreliose und seltener Tularämie und – meist reisebedingt – Rickettsiosen
    (v.a. Afrikanisches Zeckenbissfieber).
  • Nicht verpassen sollten wir die Skabies. Die Behandlung sollte bereits bei geringem Verdacht begonnen werden. Filzläuse und Bettwanzen kommen seltener vor.
  • Bei Fieber nach Tropenrückkehr immer an Malaria denken. Häufig sind auch Dengue und vor allem nicht insektenstichassoziierte Erkrankungen wie virale Atemwegsinfekte die Ursache.

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83. Andrea Schuhmacher. Tigermücke ist in Basel nicht mehr loszukriegen [Internet]. Basler Zeitung. 2025 [cited 2025 May 20]. Available from: https://www.bazonline.ch/tigermuecke-ist-in-basel-stadt-nicht-mehr-loszukriegen-701096948653
84. Humbel M. Person infiziert sich im Elsass mit Chikungunya-Virus [Internet]. BaZ. 2025 [cited 2025 Aug 27]. p. 1–3. Available from: https://www.bazonline.ch/basel-tigermuecke-who-warnt-vor-chikungunya-virus-218731301619
85. Agence Régionale de Santé Grand Est. Un cas autochtone de chikungunya et un cas importé de dengue dans le Bas-Rhin : les opérations de démoustication dans les zones concernées . 2025.
86. Naddaf M. Dengue is spreading in Europe: how worried should we be? Nature. 2023;1–7.
87. Heaney BD. GUEST ESSAY I ’ m a Doctor . Dengue Fever Took Even

Präzisionsmedizin beim Endometriumkarzinom

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern mit steigender Inzidenz. Die traditionelle binäre Einteilung in Typ I und II EC ist veraltet und reicht zur präzisen Risikoeinschätzung nicht mehr aus. Einen entscheidenden Fortschritt stellt die molekulare Klassifikation dar, die erstmals im Rahmen des The Cancer Genome Atlas (TCGA)-Projekts beschrieben wurde und eine differenzierte prognostische und prädiktive Einschätzung ermöglicht. Die Integration molekularer Marker in die überarbeitete FIGO Klassifikation von 2023 sowie die ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation von 2025 erlaubt individualisierte Therapieentscheidungen. Neue prädiktive Biomarker eröffnen zudem vielversprechende Perspektiven für zielgerichtete Behandlungsansätze. Dieser Beitrag bietet einen praxisorientierten Überblick über die klinische Relevanz molekularer Marker beim EC.

Endometrial cancer (EC) is the most common gynecological malignancy in industrialized countries, with a steadily increasing incidence. The traditional binary classification into type I and II EC is now considered outdated and insufficient for accurate risk assessment. A major advancement has been the introduction of molecular classification by The Cancer Genome Atlas (TCGA) project, allowing more precise prognostic and predictive stratification. The integration of molecular markers in to the revised FIGO classification in 2023 and the ESGO/ESTRO/ESP risk stratification in 2025 facilitates personalized treatment planning. Additionally, novel predictive biomarkers offer promising opportunities for targeted therapies. This article provides a practical overview of the clinical application of molecular markers in EC.
Key words: Endometrial cancer, molecular biomarkers, FIGO classification, personalized therapy, risk stratification

Epidemiologische Entwicklung: Eine wachsende Herausforderung

Steigende Inzidenz und Mortalität

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern. Das lebenslange Erkrankungsrisiko beträgt etwa 3 %, das mittlere Alter bei Diagnosestellung liegt bei 61 Jahren. Während die Mortalität vieler Tumoren sinkt, steigen Inzidenz und Sterblichkeit beim EC weiter an, es hat inzwischen das Ovarialkarzinom als führende Todesursache unter den gynäkologischen Malignomen abgelöst (1).
In den letzten drei Jahrzehnten ist die EC-Inzidenz in den USA um 132 % gestiegen. Diese Entwicklung ist vor allem auf den Anstieg von Adipositas, metabolischen Erkrankungen und die demografische Alterung zurückzuführen. Die höchsten Erkrankungsraten finden sich aktuell in Nordamerika, gefolgt von Osteuropa und Zentraleuropa. Besonders besorgniserregend ist der Zuwachs bei jungen Frauen: Bei 20–29-Jährigen hat sich die Inzidenz seit 2001 um 137 %, bei 30–39-Jährigen um rund 72 % erhöht (2, 3).

Adipositas: stille Pandemie mit onkologischer ­Relevanz

Adipositas ist ein unabhängiger Risikofaktor für EC. Pro fünf BMI-Einheiten steigt das Erkrankungsrisiko um etwa 50 % (4). Besonders bei jungen Frauen ist die Korrelation zwischen Körpergewicht und Erkrankungsausprägung deutlich. Laut aktuellen Prognosen werden im Jahr 2050 rund 59 % der Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös sein, mit weitreichenden Auswirkungen auch auf die EC-Epidemiologie. Besonders betrifft dies jüngere Altersgruppen, von denen ein Drittel der unter 25-Jährigen voraussichtlich von Übergewicht und Adipositas betroffen sein wird. Konsekutiv dürfte die EC-Inzidenz weiter deutlich zunehmen (5).

Molekulare Klassifikation: ein Paradigmenwechsel

Die Diagnostik und Therapie des EC befinden sich im Wandel. Fortschritte in der molekularen Tumorbiologie haben die traditionelle Risikostratifikation revolutioniert und den Weg zu personalisierten Therapien geebnet. Obwohl EC meist in frühen Stadien diagnostiziert wird – oft durch Blutungsbeschwerden – gewinnen molekulare Marker zunehmend an Bedeutung für die klinische Entscheidungsfindung.

Die klassische Zweiteilung in Typ I (östrogenabhängig, endometrioid) und Typ II (östrogenunabhängig, serös) reicht nicht mehr aus, um die biologische und prognostische Vielfalt des EC adäquat abzubilden. Einen Meilenstein setzte 2013 das TCGA-Projekt (The Cancer Genome Atlas), das durch umfassende molekulargenetische Analysen vier klar differenzierbare Subgruppen identifizierte, mit spezifischem molekularem Profil und prognostischer Aussagekraft (6).

Praxisgerechter Algorithmus zur molekularen Subtypisierung

Da umfassende Genomsequenzierungen in der klinischen Routine kaum umsetzbar sind, wurden Surrogatmarker etabliert. Ein praktikabler diagnostischer Algorithmus kombiniert:
• Gezielte Sequenzierung zur Detektion von POLE-Mutationen
• Immunhistochemie für p53 sowie die Mismatch-Repair (MMR) Proteine (MLH1, PMS2, MSH2, MSH6)
Ein Expressionsverlust bei MMR-Proteinen weist auf eine MMR-Defizienz (MMRd) hin, welche ein Surrogat für die Mikrosatelliten-Instabile-(MSI-H)-Gruppe ist. Pathologische p53-Expressionsmuster definieren die p53-abnorme Subgruppe, die weitgehend mit den «Copy-number high»-Tumoren des TCGA korreliert (2).
Diese diagnostischen Schritte ermöglichen eine robuste molekulare Einteilung im klinischen Alltag und sind eine Grundlage für differenzierte Prognose und individualisierte Therapie.

Die vier molekularen Subtypen – klinische Bedeutung

POLE-ultramutiert (POLEmut)

Typisch sind pathogene POLE-Mutationen mit extrem hoher Mutationslast («ultramutiert») bei meist jungen, metabolisch unauffälligen Patientinnen. Die Tumoren sind überwiegend endometrioid und zeigen selbst bei fortgeschrittenem Stadium eine exzellente Prognose mit < 1 % krankheitsspezifischer Mortalität. Eine adjuvante Therapie ist oft verzichtbar.
Häufigkeit: 5–10 %

Mismatch-Repair-Defizienz (MMRd / MSI-H)

Mismatch-Reparaturdefekte führen zu hoher Mutationslast. Ursachen sind Keimbahnmutationen (z. B. Lynch-Syndrom) oder epigenetische MLH1-Silenzierung. Die Tumoren treten in allen Altersgruppen auf. Die Prognose ist intermediär und abhängig von Zusatzfaktoren wie LVSI (Lymphovascular Space Invasion). MMRd-Tumoren sprechen gut auf Immuntherapie an.
Häufigkeit: 25–30 %

p53-abnorm (p53abn / copy-number high / serös-like)

Geprägt durch p53-Veränderungen, hohe genomische Instabilität und niedrige Mutationsraten. Diese aggressiven Tumoren (u. a. seröse und Karzinosarkome) verursachen einen Grossteil der EC-assoziierten Mortalität. Auch endometrioide Histologien können betroffen sein.
Prognose: ungünstig, hohe Rezidiv- und Metastasierungsrate
Häufigkeit: 15–20 %

NSMP (No Specific Molecular Profile)

Grösste, molekular unspezifische Gruppe. Hauptsächlich endometrioide Karzinome ohne definierende Marker. Die Prognose ist überwiegend günstig, aber stark abhängig von Grading, ER-(Estrogen Receptor) Status und LVSI. Besonders ER-negative Tumoren verhalten sich aggressiver.
Häufigkeit: 40–50 %

Ein Tumor kann aufgrund seines molekularen Profils in mehr als eine Subgruppe fallen. Diese «multiple classifiers» (ca. 4 % der EC) wurden in mehreren Studien untersucht und scheinen die Prognose der jeweils günstigeren Subgruppe zu behalten.

Prognostische Marker

Klassische Kriterien behalten ihren Stellenwert

Trotz aller Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleiben klassische histopathologische Parameter wie Tumorstadium, Grading, histologischer Subtyp und LVSI zentrale prognostische Faktoren im Management des EC. Insbesondere das Ausmass der LVSI korreliert eng mit dem Risiko für Lymphknotenmetastasen und Fernrezidive und beeinflusst die Therapieplanung massgeblich (7).

Molekulare Marker verbessern die Risikostratifikation

Histologische Merkmale allein reichen jedoch nicht aus, um das Rückfallrisiko verlässlich einzuschätzen. Die Integration molekularer Marker in die Risikoeinschätzung verbessert die prognostische Genauigkeit erheblich – erfordert aber ein Umdenken und eine Re-Klassifikation vieler Tumoren (Abb. 1A). Dies wurde eindrucksvoll durch die retrospektive Analyse der PORTEC-Studien belegt: Innerhalb der histologisch als «high-grade» klassifizierten endometrioiden Karzinome fand sich eine relevante Subgruppe mit POLE-Mutationen, die trotz ungünstiger Histologie eine exzellente Prognose aufwies (8). Ohne molekulare Typisierung wurden diese Patientinnen möglicherweise übertherapiert.

Solche Analysen zeigen, wie heterogen vermeintlich einheitliche Risikogruppen tatsächlich sind und dass molekulare Merkmale die klassischen Kriterien nicht nur ergänzen, sondern in vielen Fällen übertreffen (Abb. 1B und 1C) (9).

Klinische Konsequenzen: Neue Standards in der Risikoevaluierung

Die Kombination histopathologischer und molekularer Merkmale markiert den neuen Standard in der Prognosebeurteilung des EC. Dies spiegelt sich in der überarbeiteten FIGO-Klassifikation 2023 wider, die molekulare Marker systematisch einbezieht. In einer multizentrischen Vergleichsstudie mit der FIGO-Version von 2009 führte die molekulare Einteilung bei rund 25 % der Patientinnen zu einer Änderung des Tumorstadiums (23.7 % wurden auf-, 3.9 % abgestuft) (Abb. 2A) (10). Die neue Klassifikation erlaubt damit eine deutlich präzisere Einschätzung des Rückfallrisikos und hat direkte Konsequenzen für die Therapieplanung (Abb. 2B) (11).

Auch die aktualisierte Risikogruppen-Stratifizierung orientiert sich nun an molekularen Subtypen – mit konkreten Implikationen: von Therapie-Deeskalation bei POLEmut bis zur Eskalation bei p53abn.

Neue FIGO Klassifikation and Risikostratifikation

FIGO-Klassifikation 2023 – Integration molekularer Subtypen

Die überarbeitete FIGO-Klassifikation 2023 berücksichtigt erstmals molekulare Subgruppen (POLEmut, MMRd, NSMP, p53abn) in der Stadieneinteilung (12). Neben dem anatomischen Tumor-ausmass fliessen nun auch biologische Merkmale und prognostisches Risiko ein (Abb. 3). Ziel ist eine präzisere, klinisch relevante Klassifikation.

Wichtige Neuerungen:

• Molekulare Marker sollten frühzeitig bestimmt werden, möglichst bereits am Kürettagematerial, sofern qualitativ verwertbar.
• Die molekulare Testung wird für alle Patientinnen empfohlen.
• Bekannte Subtypen werden durch den Zusatz «m» und eine spezifische Kennung (z. B. FIGO IAmPOLEmut) im Stadium benannt.
• Zwei Subtypen beeinflussen das Stadium unabhängig von der Tumorinfiltration in den Uterus oder in die Zervix:
– POLEmut → Down-Staging auf FIGO IAmPOLEmut
– p53abn → Up-Staging auf FIGO IICMp53abn
– Dies hat direkte therapeutische Konsequenzen – von Deeskalation bis zur Indikation für Radiochemotherapie.

NSMP – Differenzierung durch Östrogenrezeptorstatus

Die NSMP-Gruppe ist heterogen. Jedoch beeinflusst der ER die Prognose wesentlich:
• ER-negativ und/oder Grad 3: ungünstiges Verhalten, ähnlich p53-abnorm
• ER-positiv: günstigerer Verlauf, insbesondere bei high-risk NSMP
Diese Erkenntnisse wurden in die neue Risikostratifikation übernommen. Ergänzend empfiehlt die WHO einen vierten Diagnoseschritt mit immunhistochemischer Bestimmung des ER-Status bei NSMP-Tumoren (13). (Abb. 4)

ESGO/ESTRO/ESP-Risikogruppen 2025 – neuer Standard für Therapieplanung

Die ESGO/ESTRO/ESP-Leitlinie 2025 verknüpft molekulare Marker, klassische histopathologische Merkmale und den ER-Status zu einer differenzierten Risikostratifikation. Daraus ergeben sich klar definierte Empfehlungen für die adjuvante Therapie, individuell abgestimmt auf das Rückfallrisiko.

Die überarbeitete Guideline wurde erstmals im Februar 2025 beim ESGO-Kongress in Rom präsentiert und im Juli 2025 veröffentlicht (18) (Abb. 3).

Molekulare Biomarker als therapeutisches Target

Die Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel bleibt Standard in der Erstlinie (ORR ca. 50 %), verliert aber in der Zweitlinie deutlich an Wirksamkeit (< 10 %). Es besteht Bedarf an individualisierten, wirksameren Systemtherapien. Moderne Therapiekonzepte orientieren sich zunehmend an molekularen Merkmalen statt am Tumorursprung. Prädiktive Biomarker ermöglichen gezielten Einsatz spezifischer Substanzen, unabhängig vom Organbefall.

Wichtige molekulare Targets beim EC

• MMRd/MSI-H: Hohe Mutationslast und somit hohe Immuntherapie-Ansprechrate. Kombination mit Chemotherapie (z. B. RUBY, NRG-GY018) verlängert PFS (HR 0.28 resp. 0.45) und OS (HR 0.32 resp. 0.55) deutlich (14, 15).
• HER2: Besonders bei p53abn EC relevant. Trastuzumab (± Chemotherapie) sowie T-DXd zeigen hohe Wirksamkeit (z. B. DESTINY-PanTumor02: ORR 85 %) (16).
• Hormonrezeptoren (ER/PR): Grundlage für endokrine Therapie. Kombinationen mit CDK4/6-Inhibitoren + Aromatasehemmer oder Fulvestrant zeigen vielversprechende Phase-II-Daten (17).

Zukünftige Entwicklung in der Behandlung des EC

Die Zukunft der EC-Therapie liegt in der präzisen, biomarkerbasierten Patientenselektion. Ziel der Forschung ist es, molekulare Tumoreigenschaften gezielter für die Individualisierung von Therapien zu nutzen, prädiktive Marker besser einzusetzen und Behandlungsstrategien weiter zu verfeinern.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Céline Montavon Sartorius

Frauenklinik, Universitätsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

PD Dr. med. Tibor A. Zwimpfer

Frauenklinik, Universitätsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Steigende Inzidenz: Das Endometriumkarzinom nimmt weltweit zu – besonders bei Frauen < 40 Jahren, begünstigt durch zunehmende Adipositas.
  • Molekulare Subtypen: Die Einteilung in POLEmut, MMRd, NSMP und p53abn bietet eine verbesserte prognostische und therapeutische Grundlage.
  • Individualisierte Risikoeinschätzung: FIGO-Klassifikation 2023 und ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation 2025 integrieren molekulare Marker systematisch und beeinflussen konsekutiv die Therapieplanung.
  • Therapiestratifizierung: ER-Status, HER2-Status und MMRd sind entscheidend für zielgerichtete Behandlungsstrategien.

1. Siegel RL, Kratzer TB, Giaquinto AN, Sung H, Jemal A. Cancer statistics, 2025. CA Cancer J Clin. 2025;75(1):10-45.
2. Crosbie EJ, Kitson SJ, McAlpine JN, Mukhopadhyay A, Powell ME, Singh N. Endometrial cancer. Lancet. 2022;399(10333):1412-28.
3. Francoeur AA, Liao CI, Chang J, Johnson CR, Clair K, Tewari KS, et al. Associated Trends in Obesity and Endometrioid Endometrial Cancer in the United States. Obstet Gynecol. 2025;145(3):e107-e16.
4. Onstad MA, Schmandt RE, Lu KH. Addressing the Role of Obesity in Endometrial Cancer Risk, Prevention, and Treatment. J Clin Oncol. 2016;34(35):4225-30.
5. Collaborators GBDAB. Global, regional, and national prevalence of adult overweight and obesity, 1990-2021, with forecasts to 2050: a forecasting study for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet. 2025;405(10481):813-38.
6. Cancer Genome Atlas Research N, Kandoth C, Schultz N, Cherniack AD, Akbani R, Liu Y, et al. Integrated genomic characterization of endometrial carcinoma. Nature. 2013;497(7447):67-73.
7. Bosse T, Peters EE, Creutzberg CL, Jurgenliemk-Schulz IM, Jobsen JJ, Mens JW, et al. Substantial lymph-vascular space invasion (LVSI) is a significant risk factor for recurrence in endometrial cancer–A pooled analysis of PORTEC 1 and 2 trials. Eur J Cancer. 2015;51(13):1742-50.
8. Santoro A, Angelico G, Travaglino A, Inzani F, Arciuolo D, Valente M, et al. New Pathological and Clinical Insights in Endometrial Cancer in View of the Updated ESGO/ESTRO/ESP Guidelines. Cancers (Basel). 2021;13(11).
9. Leon-Castillo A, de Boer SM, Powell ME, Mileshkin LR, Mackay HJ, Leary A, et al. Molecular Classification of the PORTEC-3 Trial for High-Risk Endometrial Cancer: Impact on Prognosis and Benefit From Adjuvant Therapy. J Clin Oncol. 2020;38(29):3388-97.
10. Schwameis R, Fanfani F, Ebner C, Zimmermann N, Peters I, Nero C, et al. Verification of the prognostic precision of the new 2023 FIGO staging system in endometrial cancer patients – An international pooled analysis of three ESGO accredited centres. Eur J Cancer. 2023;193:113317.
11. Matsuo K, Klar M, Song BB, Roman LD, Wright JD. Validation of the 2023 FIGO staging schema for advanced endometrial cancer. Eur J Cancer. 2023;193:113316.
12. Berek JS, Matias-Guiu X, Creutzberg C, Fotopoulou C, Gaffney D, Kehoe S, et al. FIGO staging of endometrial cancer: 2023. Int J Gynaecol Obstet. 2023;162(2):383-94.
13. Vermij L, Jobsen JJ, Leon-Castillo A, Brinkhuis M, Roothaan S, Powell ME, et al. Prognostic refinement of NSMP high-risk endometrial cancers using oestrogen receptor immunohistochemistry. Br J Cancer. 2023;128(7):1360-8.
14. Powell MA, Bjorge L, Willmott L, Novak Z, Black D, Gilbert L, et al. Overall survival in patients with endometrial cancer treated with dostarlimab plus carboplatin-paclitaxel in the randomized ENGOT-EN6/GOG-3031/RUBY trial. Ann Oncol. 2024;35(8):728-38.
15. Eskander RN, Sill MW, Beffa L, Moore RG, Hope JM, Musa FB, et al. Pembrolizumab plus chemotherapy in advanced or recurrent endometrial cancer: overall survival and exploratory analyses of the NRG GY018 phase 3 randomized trial. Nat Med. 2025;31(5):1539-46.
16. Fader AN, Roque DM, Siegel E, Buza N, Hui P, Abdelghany O, et al. Randomized Phase II Trial of Carboplatin-Paclitaxel Compared with Carboplatin-Paclitaxel-Trastuzumab in Advanced (Stage III-IV) or Recurrent Uterine Serous Carcinomas that Overexpress Her2/Neu (NCT01367002): Updated Overall Survival Analysis. Clin Cancer Res. 2020;26(15):3928-35.
17. Green AK, Zhou Q, Iasonos A, Zammarrelli WA, 3rd, Weigelt B, Ellenson LH, et al. A Phase II Study of Fulvestrant plus Abemaciclib in Hormone Receptor-Positive Advanced or Recurrent Endometrial Cancer. Clin Cancer Res. 2025;31(11):2088-96.
18. ESGO–ESTRO–ESP guidelines for the management of patients with endometrial carcinoma: update 2025. Concin, Nicole et al. The Lancet Oncology, Volume 26, Issue 8, e423 – e435

Präzisionsmedizin beim Endometriumkarzinom

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern mit steigender Inzidenz. Die traditionelle binäre Einteilung in Typ I und II EC ist veraltet und reicht zur präzisen Risikoeinschätzung nicht mehr aus. Einen entscheidenden Fortschritt stellt die molekulare Klassifikation dar, die erstmals im Rahmen des The Cancer Genome Atlas (TCGA)-Projekts beschrieben wurde und eine differenzierte prognostische und prädiktive Einschätzung ermöglicht. Die Integration molekularer Marker in die überarbeitete FIGO Klassifikation von 2023 sowie die ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation von 2025 erlaubt individualisierte Therapieentscheidungen. Neue prädiktive Biomarker eröffnen zudem vielversprechende Perspektiven für zielgerichtete Behandlungsansätze. Dieser Beitrag bietet einen praxisorientierten Überblick über die klinische Relevanz molekularer Marker beim EC.

Endometrial cancer (EC) is the most common gynecological malignancy in industrialized countries, with a steadily increasing incidence. The traditional binary classification into type I and II EC is now considered outdated and insufficient for accurate risk assessment. A major advancement has been the introduction of molecular classification by The Cancer Genome Atlas (TCGA) project, allowing more precise prognostic and predictive stratification. The integration of molecular markers in to the revised FIGO classification in 2023 and the ESGO/ESTRO/ESP risk stratification in 2025 facilitates personalized treatment planning. Additionally, novel predictive biomarkers offer promising opportunities for targeted therapies. This article provides a practical overview of the clinical application of molecular markers in EC.
Key words: Endometrial cancer, molecular biomarkers, FIGO classification, personalized therapy, risk stratification

Epidemiologische Entwicklung:

Eine wachsende HerausforderungSteigende Inzidenz und Mortalität

Das Endometriumkarzinom (EC) ist das häufigste gynäkologische Malignom in Industrieländern. Das lebenslange Erkrankungsrisiko beträgt etwa 3 %, das mittlere Alter bei Diagnosestellung liegt bei 61 Jahren. Während die Mortalität vieler Tumoren sinkt, steigen Inzidenz und Sterblichkeit beim EC weiter an, es hat inzwischen das Ovarialkarzinom als führende Todesursache unter den gynäkologischen Malignomen abgelöst (1).
In den letzten drei Jahrzehnten ist die EC-Inzidenz in den USA um 132 % gestiegen. Diese Entwicklung ist vor allem auf den Anstieg von Adipositas, metabolischen Erkrankungen und die demografische Alterung zurückzuführen. Die höchsten Erkrankungsraten finden sich aktuell in Nordamerika, gefolgt von Osteuropa und Zentraleuropa. Besonders besorgniserregend ist der Zuwachs bei jungen Frauen: Bei 20–29-Jährigen hat sich die Inzidenz seit 2001 um 137 %, bei 30–39-Jährigen um rund 72 % erhöht (2, 3).

Adipositas: stille Pandemie mit onkologischer ­Relevanz

Adipositas ist ein unabhängiger Risikofaktor für EC. Pro fünf BMI-Einheiten steigt das Erkrankungsrisiko um etwa 50 % (4). Besonders bei jungen Frauen ist die Korrelation zwischen Körpergewicht und Erkrankungsausprägung deutlich. Laut aktuellen Prognosen werden im Jahr 2050 rund 59 % der Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös sein, mit weitreichenden Auswirkungen auch auf die EC-Epidemiologie. Besonders betrifft dies jüngere Altersgruppen, von denen ein Drittel der unter 25-Jährigen voraussichtlich von Übergewicht und Adipositas betroffen sein wird. Konsekutiv dürfte die EC-Inzidenz weiter deutlich zunehmen (5).

Molekulare Klassifikation: ein Paradigmenwechsel

Die Diagnostik und Therapie des EC befinden sich im Wandel. Fortschritte in der molekularen Tumorbiologie haben die traditionelle Risikostratifikation revolutioniert und den Weg zu personalisierten Therapien geebnet. Obwohl EC meist in frühen Stadien diagnostiziert wird – oft durch Blutungsbeschwerden – gewinnen molekulare Marker zunehmend an Bedeutung für die klinische Entscheidungsfindung.

Die klassische Zweiteilung in Typ I (östrogenabhängig, endometrioid) und Typ II (östrogenunabhängig, serös) reicht nicht mehr aus, um die biologische und prognostische Vielfalt des EC adäquat abzubilden. Einen Meilenstein setzte 2013 das TCGA-Projekt (The Cancer Genome Atlas), das durch umfassende molekulargenetische Analysen vier klar differenzierbare Subgruppen identifizierte, mit spezifischem molekularem Profil und prognostischer Aussagekraft (6).

Praxisgerechter Algorithmus zur molekularen Subtypisierung

Da umfassende Genomsequenzierungen in der klinischen Routine kaum umsetzbar sind, wurden Surrogatmarker etabliert. Ein praktikabler diagnostischer Algorithmus kombiniert:
• Gezielte Sequenzierung zur Detektion von POLE-Mutationen
• Immunhistochemie für p53 sowie die Mismatch-Repair (MMR) Proteine (MLH1, PMS2, MSH2, MSH6)
Ein Expressionsverlust bei MMR-Proteinen weist auf eine MMR-Defizienz (MMRd) hin, welche ein Surrogat für die Mikrosatelliten-Instabile-(MSI-H)-Gruppe ist. Pathologische p53-Expressionsmuster definieren die p53-abnorme Subgruppe, die weitgehend mit den «Copy-number high»-Tumoren des TCGA korreliert (2).
Diese diagnostischen Schritte ermöglichen eine robuste molekulare Einteilung im klinischen Alltag und sind eine Grundlage für differenzierte Prognose und individualisierte Therapie.

Die vier molekularen Subtypen – klinische Bedeutung

POLE-ultramutiert (POLEmut)

Typisch sind pathogene POLE-Mutationen mit extrem hoher Mutationslast («ultramutiert») bei meist jungen, metabolisch unauffälligen Patientinnen. Die Tumoren sind überwiegend endometrioid und zeigen selbst bei fortgeschrittenem Stadium eine exzellente Prognose mit < 1 % krankheitsspezifischer Mortalität. Eine adjuvante Therapie ist oft verzichtbar.
Häufigkeit: 5–10 %

Mismatch-Repair-Defizienz (MMRd / MSI-H)

Mismatch-Reparaturdefekte führen zu hoher Mutationslast. Ursachen sind Keimbahnmutationen (z. B. Lynch-Syndrom) oder epigenetische MLH1-Silenzierung. Die Tumoren treten in allen Altersgruppen auf. Die Prognose ist intermediär und abhängig von Zusatzfaktoren wie LVSI (Lymphovascular Space Invasion). MMRd-Tumoren sprechen gut auf Immuntherapie an.
Häufigkeit: 25–30 %

p53-abnorm (p53abn / copy-number high / serös-like)

Geprägt durch p53-Veränderungen, hohe genomische Instabilität und niedrige Mutationsraten. Diese aggressiven Tumoren (u. a. seröse und Karzinosarkome) verursachen einen Grossteil der EC-assoziierten Mortalität. Auch endometrioide Histologien können betroffen sein.
Prognose: ungünstig, hohe Rezidiv- und Metastasierungsrate
Häufigkeit: 15–20 %

NSMP (No Specific Molecular Profile)

Grösste, molekular unspezifische Gruppe. Hauptsächlich endometrioide Karzinome ohne definierende Marker. Die Prognose ist überwiegend günstig, aber stark abhängig von Grading, ER-(Estrogen Receptor) Status und LVSI. Besonders ER-negative Tumoren verhalten sich aggressiver.
Häufigkeit: 40–50 %

Ein Tumor kann aufgrund seines molekularen Profils in mehr als eine Subgruppe fallen. Diese «multiple classifiers» (ca. 4 % der EC) wurden in mehreren Studien untersucht und scheinen die Prognose der jeweils günstigeren Subgruppe zu behalten.

Prognostische Marker

Klassische Kriterien behalten ihren Stellenwert

Trotz aller Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleiben klassische histopathologische Parameter wie Tumorstadium, Grading, histologischer Subtyp und LVSI zentrale prognostische Faktoren im Management des EC. Insbesondere das Ausmass der LVSI korreliert eng mit dem Risiko für Lymphknotenmetastasen und Fernrezidive und beeinflusst die Therapieplanung massgeblich (7).

Molekulare Marker verbessern die Risikostratifikation

Histologische Merkmale allein reichen jedoch nicht aus, um das Rückfallrisiko verlässlich einzuschätzen. Die Integration molekularer Marker in die Risikoeinschätzung verbessert die prognostische Genauigkeit erheblich – erfordert aber ein Umdenken und eine Re-Klassifikation vieler Tumoren (Abb. 1A). Dies wurde eindrucksvoll durch die retrospektive Analyse der PORTEC-Studien belegt: Innerhalb der histologisch als «high-grade» klassifizierten endometrioiden Karzinome fand sich eine relevante Subgruppe mit POLE-Mutationen, die trotz ungünstiger Histologie eine exzellente Prognose aufwies (8). Ohne molekulare Typisierung wurden diese Patientinnen möglicherweise übertherapiert.

Solche Analysen zeigen, wie heterogen vermeintlich einheitliche Risikogruppen tatsächlich sind und dass molekulare Merkmale die klassischen Kriterien nicht nur ergänzen, sondern in vielen Fällen übertreffen (Abb. 1B und 1C) (9).

Klinische Konsequenzen:
Neue Standards in der Risikoevaluierung

Die Kombination histopathologischer und molekularer Merkmale markiert den neuen Standard in der Prognosebeurteilung des EC. Dies spiegelt sich in der überarbeiteten FIGO-Klassifikation 2023 wider, die molekulare Marker systematisch einbezieht. In einer multizentrischen Vergleichsstudie mit der FIGO-Version von 2009 führte die molekulare Einteilung bei rund 25 % der Patientinnen zu einer Änderung des Tumorstadiums (23.7 % wurden auf-, 3.9 % abgestuft) (Abb. 2A) (10). Die neue Klassifikation erlaubt damit eine deutlich präzisere Einschätzung des Rückfallrisikos und hat direkte Konsequenzen für die Therapieplanung (Abb. 2B) (11).

Auch die aktualisierte Risikogruppen-Stratifizierung orientiert sich nun an molekularen Subtypen – mit konkreten Implikationen: von Therapie-Deeskalation bei POLEmut bis zur Eskalation bei p53abn.

Neue FIGO Klassifikation and Risikostratifikation

FIGO-Klassifikation 2023 – Integration molekularer Subtypen

Die überarbeitete FIGO-Klassifikation 2023 berücksichtigt erstmals molekulare Subgruppen (POLEmut, MMRd, NSMP, p53abn) in der Stadieneinteilung (12). Neben dem anatomischen Tumor-ausmass fliessen nun auch biologische Merkmale und prognostisches Risiko ein (Abb. 3). Ziel ist eine präzisere, klinisch relevante Klassifikation.

Wichtige Neuerungen:

• Molekulare Marker sollten frühzeitig bestimmt werden, möglichst bereits am Kürettagematerial, sofern qualitativ verwertbar.
• Die molekulare Testung wird für alle Patientinnen empfohlen.
• Bekannte Subtypen werden durch den Zusatz «m» und eine spezifische Kennung (z. B. FIGO IAmPOLEmut) im Stadium benannt.
• Zwei Subtypen beeinflussen das Stadium unabhängig von der Tumorinfiltration in den Uterus oder in die Zervix:
– POLEmut → Down-Staging auf FIGO IAmPOLEmut
– p53abn → Up-Staging auf FIGO IICMp53abn
– Dies hat direkte therapeutische Konsequenzen – von Deeskalation bis zur Indikation für Radiochemotherapie.

NSMP – Differenzierung durch Östrogenrezeptorstatus

Die NSMP-Gruppe ist heterogen. Jedoch beeinflusst der ER die Prognose wesentlich:
• ER-negativ und/oder Grad 3: ungünstiges Verhalten, ähnlich p53-abnorm
• ER-positiv: günstigerer Verlauf, insbesondere bei high-risk NSMP
Diese Erkenntnisse wurden in die neue Risikostratifikation übernommen. Ergänzend empfiehlt die WHO einen vierten Diagnoseschritt mit immunhistochemischer Bestimmung des ER-
Status bei NSMP-Tumoren (13). (Abb. 4)

ESGO/ESTRO/ESP-Risikogruppen 2025 – neuer Standard für Therapieplanung

Die ESGO/ESTRO/ESP-Leitlinie 2025 verknüpft molekulare Marker, klassische histopathologische Merkmale und den ER-Status zu einer differenzierten Risikostratifikation. Daraus ergeben sich klar definierte Empfehlungen für die adjuvante Therapie, individuell abgestimmt auf das Rückfallrisiko.

Die überarbeitete Guideline wurde erstmals im Februar 2025 beim ESGO-Kongress in Rom präsentiert und im Juli 2025 veröffentlicht (18) (Abb. 3).

Molekulare Biomarker als therapeutisches Target

Die Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel bleibt Standard in der Erstlinie (ORR ca. 50 %), verliert aber in der Zweitlinie deutlich an Wirksamkeit (< 10 %). Es besteht Bedarf an individualisierten, wirksameren Systemtherapien. Moderne Therapiekonzepte orientieren sich zunehmend an molekularen Merkmalen statt am Tumorursprung. Prädiktive Biomarker ermöglichen gezielten Einsatz spezifischer Substanzen, unabhängig vom Organbefall.

Wichtige molekulare Targets beim EC

• MMRd/MSI-H: Hohe Mutationslast und somit hohe Immuntherapie-Ansprechrate. Kombination mit Chemotherapie (z. B. RUBY, NRG-GY018) verlängert PFS (HR 0.28 resp. 0.45) und OS (HR 0.32 resp. 0.55) deutlich (14, 15).
• HER2: Besonders bei p53abn EC relevant. Trastuzumab (± Chemotherapie) sowie T-DXd zeigen hohe Wirksamkeit (z. B. DESTINY-PanTumor02: ORR 85 %) (16).
• Hormonrezeptoren (ER/PR): Grundlage für endokrine Therapie. Kombinationen mit CDK4/6-Inhibitoren + Aromatasehemmer oder Fulvestrant zeigen vielversprechende Phase-II-Daten (17).

Zukünftige Entwicklung in der Behandlung des EC

Die Zukunft der EC-Therapie liegt in der präzisen, biomarkerbasierten Patientenselektion. Ziel der Forschung ist es, molekulare Tumoreigenschaften gezielter für die Individualisierung von Therapien zu nutzen, prädiktive Marker besser einzusetzen und Behandlungsstrategien weiter zu verfeinern.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@gynäkologie 06/25

PD Dr. med. Céline Montavon Sartorius

Frauenklinik, Universitätsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

PD Dr. med. Tibor A. Zwimpfer

Frauenklinik, Universitätsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Steigende Inzidenz: Das Endometriumkarzinom nimmt weltweit zu – besonders bei Frauen < 40 Jahren, begünstigt durch zunehmende Adipositas.
  • Molekulare Subtypen: Die Einteilung in POLEmut, MMRd, NSMP und p53abn bietet eine verbesserte prognostische und therapeutische Grundlage.
  • Individualisierte Risikoeinschätzung: FIGO-Klassifikation 2023 und ESGO/ESTRO/ESP Risikostratifikation 2025 integrieren molekulare Marker systematisch und beeinflussen konsekutiv die Therapieplanung.
  • Therapiestratifizierung: ER-Status, HER2-Status und MMRd sind entscheidend für zielgerichtete Behandlungsstrategien.

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Hochsensitives kardiales Troponin

Kardiales Troponin ist ein strukturelles Protein des kontraktilen Apparats der Herzmuskelzelle und der spezifischste Biomarker zur Detektion eines Myokardschadens. Mit der Einführung hochsensitiver kardialer Troponin-Assays hat sich die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts (AMI) grundlegend verändert. Diese ermöglichen den Nachweis minimaler Troponinfreisetzungen bereits kurze Zeit nach Symptombeginn und haben die bisherige Diagnostik revolutioniert. Insbesondere die in den aktuellen Leitlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie verankerten 0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen erlauben einen raschen Ein- und Ausschluss des AMI bei Patientinnen und Patienten, die sich mit akuten Brustschmerzen auf der Notfallstation vorstellen. Hierdurch wird der klinische Workflow in der Notfallstation erheblich beschleunigt. Dennoch erfordert die Interpretation von kardialen Troponin-Erhöhungen stets die Berücksichtigung klinischer und kontextueller Faktoren, da zahlreiche andere Krankheitsbilder ebenfalls mit erhöhten Troponinwerten einhergehen können. Neben den laborbasierten Verfahren gewinnen zunehmend auch Point-of-Care Tests an Bedeutung.

Cardiac troponin (cTn) is a structural protein of the contractile apparatus of cardiomyocytes and the most specific biomarkers for the detection of myocardial injury. The introduction of high-sensitivity cardiac troponin assays has fundamentally transformed the diagnosis of acute myocardial infarction (AMI). These assays enable the detection of minimal troponin release within a short time after symptom onset and have revolutionized the diagnostic approach. In particular, the 0/1-h and 0/2-h algorithms endorsed by the European Society of Cardiology guidelines allow for rapid and reliable rule-in and rule-out decisions in patients presenting with suspected AMI, thereby substantially accelerating emergency department workflows. Nevertheless, interpretation of hs-cTn elevations always requires careful consideration of clinical and contextual factors, as numerous other conditions may also lead to elevated troponin levels. In addition to laboratory-based measurements, point-of-care tests are gaining increasing importance.
Keywords: high-sensitivity cardiac troponin; acute myocardial infarction; 0/1-hour algorithm; biomarker; point-of-care testing

Warum hochsensitives Troponin der kardiale Biomarker Nr. 1 ist

Das kardiale Troponin (cTn) ist ein strukturelles Protein des kontraktilen Apparats der Herzmuskelzelle und spielt eine zentrale Rolle in der Regulation der Myofilamentkontraktion (1, 2). Im Gegensatz zu Troponin C, das auch in der Skelettmuskulatur vorkommt, sind cTn T und I nahezu ausschliesslich im Myokard exprimiert und gelten daher als herzmuskelspezifische Marker (1–3). Die Freisetzung von Troponin in den Blutkreislauf ist ein direktes Zeichen für eine strukturelle Schädigung von Kardiomyozyten, unabhängig von deren Ursache (1–3). Damit ist Troponin der kardiale Biomarker zur Erfassung eines akuten oder chronischen Myokardschadens und essenzieller Bestandteil der Definition des akuten Myokardinfarkts (AMI) (4, 5). Vor der Einführung der hochsensitiven Assays konnten konventionelle Troponin-Tests nur deutlich erhöhte Konzentrationen nachweisen, sodass zur Diagnosestellung häufig serielle Messungen über 6–12 Stunden notwendig waren. Die Einführung der hochsensitiven Troponin-Assays (hs-cTn T und I) ab etwa 2010 markierte einen Paradigmenwechsel: Diese Methoden detektieren Troponinkonzentrationen, die bei bis zu 50–90 % gesunder Individuen messbar sind, und unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten von konventionellen Troponin-Assays (1, 6–8). Erstens ermöglichen sie den Nachweis von Troponin bei einem erheblichen Anteil gesunder Personen und zweitens erlauben sie eine präzisere Definition des Normalbereichs (entsprechend der 99. Perzentile), wobei die analytische Präzision der Assays durch den Variationskoeffizienten beschrieben wird, der idealerweise <10 % betragen sollte (1). So wird eine präzise Quantifizierung minimaler Freisetzungen bereits kurz nach Symptombeginn ermöglicht. In der aktuellen ESC-Leitlinie 2023 werden hs-cTn T und I als Biomarker der Wahl für die Diagnose des AMI empfohlen (5). Zusammen mit Anamnese, klinischer Untersuchung und 12-Kanal-EKG bilden sie die diagnostische Trias (5). Dank der hohen analytischen Sensitivität und Reproduzierbarkeit lassen sich dynamische Veränderungen (Anstieg/Abfall) bereits innerhalb von 1–2 Stunden erfassen, was die Grundlage der modernen 0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen bildet (6, 7, 9–12). Durch diese Innovation konnten die Infarktdiagnostik entscheidend beschleunigt und die Patientensicherheit verbessert werden (10). Frühe Rule-out-Entlassungen, rasche Identifikation von Hochrisikopatienten und eine zeitkritische Therapieeinleitung sind möglich.

Analytik

Hochsensitive Troponin-Assays zeichnen sich durch eine Messpräzision mit einem Variationskoeffizienten ≤ 10 % im Bereich der 99. Perzentile des oberen Referenzwerts sowie durch eine Nachweisrate ≥ 50 % bei gesunden Personen aus (1). Die Grosszahl der kommerziell erhältlichen hs-cTn T- und auch hs-cTn I-Assays erfüllt diese Kriterien. Wichtig ist zu beachten, dass die 99. Perzentile für jeden hs-cTn Assay in unterschiedlichen gesunden Populationen deriviert wird. Somit sind die Referenzwerte eines hs-cTn Assays nicht auf einen anderen übertragbar. Für eine valide Interpretation sind zudem präanalytische Faktoren wie korrekte Probenentnahme, zeitgerechte Zentrifugation und Vermeidung von Hämolyse entscheidend, welche einen Einfluss haben können (3, 13, 14). Auch wenn die analytischen Details komplex sind, ist die klinisch entscheidende Botschaft klar: Hochsensitive Troponin-Assays vereinen Genauigkeit mit hervorragender Reproduzierbarkeit und bilden damit die Grundlage für eine verlässliche und differenzierte Diagnostik des AMI.

Myokardschaden und Freisetzungskinetik

Die kardialen Troponine sind intrazelluläre Proteine, die im Zytosol und an den kontraktilen Myofibrillen der Herzmuskelzellen gebunden vorliegen (15). Kommt es zum Beispiel infolge einer ischämischen Schädigung zu einer gestörten Zellmembranintegrität, werden zytosolische wie auch gebundene Troponinanteile freigesetzt (15). Die Halbwertszeit von cTn T im Blut beträgt etwa 120 Minuten, wobei das verlängerte Nachweisfenster darauf zurückzuführen ist, dass während der zellulären Nekrose fortlaufend Troponin T aus dem myofibrillären Pool freigesetzt wird, während sich der kontraktile Apparat der Kardiomyozyten schrittweise abbaut (15). Die Freisetzung erklärt die Kinetik des hs-cTn-Anstiegs beim AMI: Der Troponinwert beginnt meist innerhalb von 1–3 Stunden nach Symptombeginn zu steigen, erreicht nach etwa 12–24 Stunden seinen Gipfel und fällt anschliessend über mehrere Tage wieder ab. Neben der Ischämie-induzierten Nekrose können auch andere Mechanismen, etwa Apoptose, Dehnung, Entzündung oder toxische Schädigung, zur Freisetzung von Troponin führen, wobei die Dynamik des Anstiegs meist geringer ausfällt. Die hochsensitiven Assays ermöglichen es, diese feinen Konzentrationsänderungen zu erkennen und damit zwischen akuter und chronischer Myokardschädigung zu unterscheiden, ein entscheidender Fortschritt für die differenzierte Interpretation erhöhter Troponinwerte.

Revolutionierte Infarktdiagnostik – Rolle des Troponins und der ESC-Algorithmen

Mit Einführung der hochsensitiven Troponin-Assays wurde die Diagnostik des AMI grundlegend verändert. Während frühere Testverfahren erst nach mehreren Stunden pathologische Werte zeigten, erlauben die hochsensitiven Assays den Nachweis minimaler Myokardschädigungen bereits kurz nach Symptombeginn (16–22). Damit wurde die Zeit bis zur gesicherten Diagnose deutlich verkürzt, was einen entscheidenden Vorteil mit sich bringt, denn weiterhin gilt: «Time is muscle».

Die aktuellen ESC-Leitlinien von 2023 empfehlen den 0/1-h-Algorithmus als bevorzugte Strategie zum schnellen und sicheren Ein- oder Ausschluss des AMI (Abb. 1) (5). Dieser Algorithmus basiert auf zwei Troponinmessungen: einer initialen Bestimmung zum Zeitpunkt 0 (Stunden) und einer zweiten Messung 1 Stunde später (5). Alternativ kann, etwa bei organisatorischen Einschränkungen oder verzögerter Blutabnahme, der 0/2-h-Algorithmus angewendet werden (5). Beide Verfahren sind für verschiedene Assays validiert und liefern eine ausgezeichnete diagnostische Sicherheit, wobei der 0/1-h-Algorithmus aufgrund seiner frühzeitigeren Entscheidungsmöglichkeit bevorzugt wird. Das Konzept beruht auf zwei zentralen Prinzipien: Erstens ist das Troponin eine kontinuierliche Variable, deren absolute Konzentration eng mit der Wahrscheinlichkeit eines Myokardinfarkts korreliert (23). Zweitens liefern frühe absolute Änderungen («Deltas») der Troponinwerte zwischen der Erst- und der Folgemessung entscheidende Informationen zur Dynamik des Myokardschadens (24, 25). Während relative Veränderungen (z. B. + 20 %) in der Vergangenheit häufig verwendet wurden, empfehlen die Leitlinien heute die Verwendung Assay-spezifischer absoluter Deltas, da diese weniger durch Messvariabilität beeinflusst sind und eine höhere diagnostische Genauigkeit bieten (5).

Ein Rule-out ist möglich, wenn der Troponinwert entweder bereits bei der ersten Messung sehr niedrig ist oder wenn der Ausgangswert niedrig bleibt und sich innerhalb von 1 Stunde keine relevante Dynamik zeigt (5, 26). In mehreren grossen Validierungsstudien lag der negative Vorhersagewert (NPV) dieser Strategien bei über 99 %, was eine sichere Entlassung vieler Patienten bereits nach kurzer Zeit ermöglicht (22, 27, 28). Ein Rule-in erfolgt, wenn der Troponinwert bereits bei Aufnahme deutlich erhöht ist, oder wenn innerhalb von 1 bzw. 2 Stunden ein klarer absoluter Anstieg beobachtet wird (5). Der positive Vorhersagewert (PPV) liegt zwischen 70 und 75 %. Patienten, die weder die Rule-out- noch die Rule-in-Kriterien erfüllen, fallen in die sogenannte «Observe-Zone» und benötigen eine dritte Troponin-Messung nach 3 Stunden und weitere Abklärung, wie zum Beispiel eine ergänzende bildgebende kardiale Diagnostik (5, 29).

Wie bereits erwähnt sind die Grenzwerte Assay-spezifisch und dürfen nicht zwischen verschiedenen Assays übertragen werden (Tab. 1). Für den weit verbreiteten Roche Elecsys hs-cTnT-Assay gelten nach ESC-Empfehlung folgende Schwellen: Ein Wert < 5 ng/L (bei Symptombeginn > 3 h) oder ein Ausgangswert < 12 ng/L ohne einen Anstieg von ≥ 3 ng/L nach 1 Stunde schliesst einen AMI aus (5). Ein Wert ≥ 52 ng/L oder ein Anstieg von ≥ 5 ng/L innerhalb 1 Stunde gilt als klarer Hinweis auf einen akuten Infarkt (5). Für den Abbott Architect hs-cTnI-Assay werden etwas andere Grenzwerte verwendet: Ein Wert < 4 ng/L (bei Schmerzbeginn vor > 3h) oder < 5 ng/L ohne Δ ≥ 2 ng/L nach 1 Stunde spricht für Rule-out, während Werte ≥ 64 ng/L oder ein 1-h-Δ ≥ 6 ng/L ein Rule-in definieren (5).

Bei Anwendung des 0/2-h-Algorithmus bleiben die Entscheidungsgrenzen ähnlich, die zulässigen Deltas sind jedoch etwas grösser, da die Zeit zwischen den Messungen länger ist und das Troponin kontinuierlich über die Zeit ansteigt (5). Auch hier liegt die diagnostische Sicherheit für den Ausschluss eines AMI bei über 99 %. In der Praxis wird der 0/2-h-Algorithmus insbesondere eingesetzt, wenn die 1-h-Blutabnahme organisatorisch nicht zuverlässig möglich ist.

Mehrere grosse prospektive Studien, darunter randomisierte Implementierungsstudien, haben gezeigt, dass der 0/1-h-Algorithmus im Vergleich zu älteren Strategien sowohl die Zeit bis zur Diagnose als auch die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme signifikant verkürzt, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen (22, 27, 28). Entsprechend wurde der frühere Algorithmus in den ESC-Leitlinien 2023 hinsichtlich des Empfehlungsgrades abgestuft, während der 0/1-h-Algorithmus eine Klasse-I-Empfehlung besitzt (5). Damit haben die hochsensitiven Troponin-Assays die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts revolutioniert: Sie ermöglichen eine frühe, hochpräzise Abgrenzung zwischen akuter und chronischer Myokardschädigung, reduzieren unnötige Hospitalisierungen und verbessern die Risikostratifizierung. In Kombination mit klinischer Beurteilung und einem 12-Kanal-EKG bilden sie heute das zentrale Fundament der modernen Infarktdiagnostik.

Altersabhängige Effekte und Einfluss der Nierenfunktion

Die 99. Perzentile der oberen Referenzgrenze (upper reference limit, URL) bildet die zentrale diagnostische Schwelle für die Definition eines Myokardschadens und eines AMI. Troponin-Konzentrationen oberhalb dieses Wertes gelten als erhöht (4). Diese Schwelle ist Assay-spezifisch und beruht auf Messungen in grosse Kollektiven gesunder Personen. Dabei zeigte sich, dass biologische Unterschiede, insbesondere Alter und Nierenfunktion, einen relevanten Einfluss auf die Troponin-Konzentration haben können.

Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz leicht erhöhter Troponinspiegel auch in Abwesenheit einer akuten Ischämie (31). Dieser Anstieg reflektiert meist subklinische strukturelle Myokardschäden, Fibrose, hypertensive oder diastolische Belastung. Dennoch wird derzeit kein altersadjustierter Grenzwert in den Leitlinien empfohlen, da die Sicherheit weiterhin gegeben ist und die Verwendung altersspezifischer Grenzwerte zu Herausforderungen in der klinischen Praxis führen könnte (32, 33).

Die chronische Niereninsuffizienz stellt einen weiteren häufigen und klinisch relevanten Confounder der Troponindiagnostik dar (34). Bei eingeschränkter glomerulärer Filtrationsrate finden sich häufig persistierend erhöhte hs-cTn-Konzentrationen, vermutlich bedingt durch eine Kombination aus verminderter renaler Clearance und chronischem Myokardschaden infolge Druck- und Volumenbelastung. Somit empfiehlt es sich, bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion (ebenso bei Patienten im fortgeschrittenen Alter) nicht den absoluten Ausgangswert, sondern vor allem die Dynamik (Anstieg oder Abfall) zwischen den Messungen zu bewerten (5). Ein signifikanter Anstieg über die Assay-spezifische Δ-Schwelle hinaus gilt auch in dieser Population als starkes Indiz für eine akute Myokardschädigung z. B. im Rahmen eines ischämischen Prozesses. Folglich sollte die Diagnose eines AMI in diesem Kontext nur bei nachweisbarer Dynamik in Verbindung mit Symptomen und/oder EKG-Veränderungen gestellt werden. Ein persistierend stabil erhöhter Troponinwert ohne Klinik hingegen spricht eher für eine chronische kardiale Schädigung und ist prognostisch bedeutsam, ohne zwingend auf ein akutes Koronarsyndrom hinzuweisen.

Klinische Szenarien und Pitfalls

Die Interpretation erhöhter hochsensitiver Troponinwerte erfordert stets eine enge Verknüpfung mit Anamnese, klinischem Kontext und EKG-Befunden (Abb. 2). Eine Troponinerhöhung weist grundsätzlich auf einen Myokardschaden, aber nicht zwingend auf einen AMI hin. Erst das Zusammenspiel aus klinischer Präsentation mit Symptomen, ischämietypischer Dynamik und ggf. korrespondierenden EKG-Veränderungen erlaubt die sichere Diagnose eines AMI (4, 5). Der Typ-1-Myokardinfarkt entsteht infolge eines (plaqueassoziierten) koronaren (teilweise)-Verschlusses mit Thrombusbildung und akuter Myokardischämie. Der Typ-2-Myokardinfarkt hingegen beruht auf einer Ungleichgewichts-Ischämie zwischen myokardialem Sauerstoffbedarf und -angebot ohne akute Plaqueruptur (35). Er tritt sekundär im Rahmen anderer Erkrankungen auf, die zu einem verminderten Sauerstoffangebot (z. B. bei Hypoxie) oder einem erhöhten Sauerstoffbedarf (z. B. Tachykardie) führen (35). Aggraviert kann dies werden durch bestehende, unter «normalen Umständen» nicht-signifikanten Stenosen. Typische klinische Konstellationen sind die Anämie (reduziertes Sauerstoffangebot bei stabiler KHK oder auch blanden Koronarien), das tachykarde Vorhofflimmern oder andere tachykarde Herzrhythmusstörungen (erhöhter Sauerstoffverbrauch und diastolische Minderversorgung) und die Lungenembolie (akute Druckbelastung und Dilatation des rechten Ventrikels mit subendokardialer Ischämie) (35). In all diesen Fällen kann das ­hs-cTn deutlich erhöht sein, ohne dass eine akute Koronarobstruktion vorliegt. Entscheidend ist die Gesamtinterpretation der klinischen Situation: Ein Typ-2-Infarkt ist kein primär koronar-interventionelles Krankheitsbild, sondern Ausdruck eines sekundären myokardialen Schadens, der eine kausale Behandlung der Grunderkrankung erfordert (35).

Neben ischämischen Mechanismen existieren zahlreiche nicht-ischämische Ursachen für erhöhte hs-cTn-Werte, die eine differenzierte Beurteilung erfordern. Ein möglicher Befund in der klinischen Praxis ist die Troponinerhöhung nach Liegetrauma oder bei ausgeprägter Skelettmuskelschädigung, etwa bei einer Rhabdomyolyse oder rheumatischen Erkrankung (36, 37). Dabei kann das Troponin T erhöht sein, das Troponin I bleibt in der Regel normal (36). Auch die Myokarditis präsentiert sich mit Troponinerhöhung und Brustschmerz und kann somit ein akutes Koronarsyndrom imitieren (38). Charakteristisch ist häufig eine moderate, teilweise länger anhaltende Troponinfreisetzung ohne koronares Korrelat (38). Die Differenzierung gelingt insbesondere durch die kardiale MRT, welche ein myokardiales Ödem und Spätkontrastmittelaufnahme (late gadolinium enhancement, vorwiegend subepikardial oder mittmyokardial in einem nicht-ischämischen Verteilungsmuster) nachweist (39). Nach perkutaner Koronarintervention (PCI) oder koronarer Bypass-Operation (CABG) treten Troponinerhöhungen häufig auf (40). Diese spiegeln in der Mehrzahl der Fälle prozedurale Myokardschäden wider, die definitionsgemäss erst ab Überschreiten des fünffachen 99. Perzentils (PCI) bzw. des zehnfachen (CABG) als prozedurbezogener Myokardinfarkt (Typ 4a/5 MI) gewertet werden (in Kombination mit neuen EKG-Veränderungen/ neuen Veränderungen in der Bildgebung, zum Beispiel Wandbewegungsstörungen im Echo) (4). Eine isolierte moderate Troponinerhöhung ohne klinische oder elektrokardiographische Hinweise auf Ischämie sollte hier nicht als Infarkt fehlinterpretiert werden (4). Ein weiterer häufiger Sonderfall betrifft intensiven Sport, bei dem transiente, meist moderate Anstiege des hs-cTn beobachtet werden können (41). Die zugrunde liegende Mechanik ist multifaktoriell und umfasst myozytäre Membranpermeabilität, Dehnung, zellulären Stress und Skelettmuskelschäden, ohne dass strukturelle Nekrose vorliegen muss (41). Zusammenfassend gilt: Nicht jede Troponinerhöhung ist Ausdruck eines AMI. Die differenzierte Betrachtung von Ursache, Dynamik, Begleitsymptomen und EKG-Verlauf ist entscheidend, um Überdiagnosen zu vermeiden und eine gezielte Therapie einzuleiten.

Point-of-Care-Assays

Neben den laborbasierten Hochdurchsatzsystemen gewinnen in den letzten Jahren Point-of-Care-(POC)-Assays zunehmend an Bedeutung (42, 43). Sie ermöglichen eine schnelle Messung von Troponin ohne zeitliche Verzögerung durch den Probentransport und Laborprozess. Ziel ist es, den diagnostischen Ablauf weiter zu beschleunigen und insbesondere in präklinischen oder ressourcenlimitierten Settings, wie im Rettungsdienst, peripheren Spitälern, ambulanten Praxen oder ländliche Regionen eine zeitnahe Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Moderne POC-Systeme verwenden Technologien, die in ihrer analytischen Leistungsfähigkeit den Labor-Assays zunehmend nahekommen (42, 43). Einige der neueren Geräte, etwa der Siemens Atellica VTLi, der Abbott i-STAT Alinity oder der Roche LumiraDx hs-cTnI-Assay, erfüllen bereits viele Kriterien für «high-sensitivity». Damit können sie, im Gegensatz zu älteren POC-Tests, in standardisierte 0/1-h- oder 0/2-h-Algorithmen integriert werden, jedoch sind auch hier die Assay-spezifischen Grenzwerte zu beachten (42, 43). Der Hauptvorteil dieser Systeme liegt in der Zeitersparnis. Es konnte gezeigt werden, dass sich mit POC-Assays die «door-to-troponin result time» um bis zu 54 Minuten verkürzen lässt, bei neueren POC-Systemen ohne relevante Einbussen in diagnostischer Sicherheit (42–44). Dadurch können Rule-out-Entscheidungen bereits innerhalb einer Stunde getroffen werden (bei Schmerzbeginn vor > 3h), ein Vorteil insbesondere in überlasteten Notaufnahmen oder präklinischen Situationen (42, 43). Insgesamt stellen POC-Assays eine vielversprechende Ergänzung der etablierten Laboranalytik dar. Sie können die Versorgung von Patienten mit Verdacht auf akutes Koronarsyndrom deutlich beschleunigen und sind insbesondere für den Einsatz in präklinischen und dezentralen Strukturen geeignet. Mit der fortschreitenden Miniaturisierung und Standardisierung dieser Technologien ist absehbar, dass hochpräzise POC-Systeme künftig einen festen Platz in der AMI-Diagnostik einnehmen und die zeitkritischen ESC-Algorithmen auch ausserhalb des Krankenhauses ermöglichen werden.

Ausblick: KI-gestützte Pfade und ­transdermale Messung von Troponin I

Mit der Einführung hochsensitiver Troponin-Assays wurde die Diagnostik des akuten Myokardinfarkts bereits erheblich beschleunigt und standardisiert. Dennoch beruhen die aktuell empfohlenen ESC-Algorithmen auf festen Schwellenwerten und Zeitpunkten, die individuelle Unterschiede, etwa Alter, Nierenfunktion, EKG-Veränderungen (ausser ST-Hebungen), Komorbiditäten oder Zeitpunkt des Symptombeginns, nicht berücksichtigen (5). Hier setzt der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) an: Machine-Learning-Modelle ermöglichen eine individualisierte Interpretation von Labor- und EKG-Daten und könnten die bisher starren Entscheidungsgrenzen ablösen.

Hierzu wurde der CoDE-ACS-Algorithmus (Collaboration for the Diagnosis and Evaluation of Acute Coronary Syndrome) entwickelt und in internationalen Kohorten validiert (45, 46). Dieses System kombiniert Troponinkonzentrationen, sowohl bei Aufnahme als auch in seriellen Messungen, mit klinischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Blutdruck, Herzfrequenz, Nierenfunktion, Hämoglobin, Symptombeginn und EKG-Befunden (45, 46). Aus diesen Informationen berechnet das Modell eine individuelle Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines Myokardinfarkts (0–100 Punkte). In einer prospektiven Analyse zeigte CoDE-ACS eine ausgezeichnete Diskriminationsleistung (AUC ≈ 0.95) und identifizierte deutlich mehr Patienten mit niedriger Infarkt-Wahrscheinlichkeit (61 vs. 27 %) bei gleichem negativem prädiktivem Wert (45). Die Folgestudie bestätigte diese Ergebnisse in über 4000 Patienten und zeigte, dass CoDE-ACS unabhängig vom Zeitpunkt der Messung (0, 1 oder 2 h) stabil performt und mehr Patienten sicher als «low probability» klassifizieren kann als die ESC-0/1- oder 0/2-h-Algorithmen (46). KI-gestützte Entscheidungssysteme wie CoDE-ACS könnten künftig Labor-, EKG- und klinische Daten in Echtzeit integrieren und die Wahrscheinlichkeit eines AMI patientenspezifisch quantifizieren. Damit eröffnen sie den Weg zu dynamischen, adaptiven Diagnosepfaden, die sich an individuellen Risikoprofilen orientieren und Über- wie Unterdiagnosen reduzieren. Ob dieser Ansatz im klinischen Alltag zu einer verbesserten Versorgung und Ressourcennutzung führt, bleibt abzuwarten.

Eine vielversprechende Weiterentwicklung stellt die transdermale Messung von kardialem Troponin mittels optischer IR-Sensoren dar (47). Das neu entwickelte, nichtinvasive Wearable-Device («Infrasensor») ermöglicht eine Troponin I-Bestimmung innerhalb von nur 3 Minuten und zeigte in einer multizentrischen Pilotstudie eine gute Sensitivität (90 %) und eine C-Statistik-AUC von 0.90 zur Identifikation erhöhter cTnI-Spiegel (47). Künftige Studien müssen klären, ob diese Technologie in der Notaufnahme oder sogar präklinisch eingesetzt werden kann, um den diagnostischen Prozess beim akuten Koronarsyndrom weiter zu beschleunigen.

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Dr. med. Michael Kunz

Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Prof. Dr. med.Christian Müller

Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

Dr. med. Jasper Boeddinghaus

Klinik für Kardiologie und
Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB)
Universitätsspital Basel
Petersgraben 4
4031 Basel

jasper.boeddinghaus@usb.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Hochsensitive Troponin-Assays (hs-cTnT und hs-cTnI) sind heute der zentrale Biomarker in der Diagnostik des AMI und ermöglichen den Nachweis minimaler Myokardschädigungen bereits kurz nach Symptombeginn.
  • Die ESC-0/1-h- und 0/2-h-Algorithmen haben die AMI-Diagnostik revolutioniert, indem sie eine schnelle und sichere Rule-out/Rule-in-Entscheidung mit hoher Sensitivität und Spezifität erlauben.
  • Die Interpretation der hs-cTn-Werte muss immer im klinischen Kontext erfolgen. Besonders Alter, Nierenfunktion und Begleiterkrankungen beeinflussen die Troponinkonzentration und erfordern eine individuelle Bewertung des Absolutwertes und auch der Dynamik.
  • Nicht jede Troponinerhöhung bedeutet einen AMI. Differenzialdiagnosen wie Myokarditis, Tachyarrhythmien, Lungenembolie oder Niereninsuffizienz sind häufige Fallstricke in der Interpretation.
  • KI-basierte Systeme wie CoDE-ACS kombinieren Labor-, EKG- und klinische Daten zu einem patientenspezifischen Risikoscore und könnten künftig die diagnostische Präzision und Effizienz weiter verbessern.

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Eskalation und Deeskalation der Therapie bei Hochrisikomelanomen

Das fortgeschrittene Melanom war lange Zeit eine schwer behandelbare Erkrankung ohne wirksame Überlebensstrategien. Mit der Entwicklung von Checkpoint-Inhibitoren und Kinaseinhibitoren im 21. Jahrhundert haben sich die Therapieoptionen erheblich verbessert. Neueste Studien zeigen, dass die adjuvante Therapie mit Anti-PD1-Antikörpern das rezidivfreie Überleben bei Patienten im Stadium IIB/C ohne Lymphknotenbefall signifikant verbessert. Allerdings besteht die Herausforderung, die richtigen Patienten für eine Langzeitbehandlung zu identifizieren, da viele durch chirurgische Massnahmen allein geheilt werden könnten. Die neoadjuvante Therapie, bei der die systemische Therapie vor der operativen Entfernung der makroskopischen Lymphknotenmetastasen erfolgt, hat sich als vielversprechend erwiesen. Neoadjuvante Ansätze, insbesondere mit Anti-PD1-Antikörpern, können die Rezidivrate signifikant senken. Die histologische Analyse des Tumorgewebes nach neoadjuvanter Therapie könnte zudem helfen, Patienten zu identifizieren, die keine zusätzliche adjuvante Behandlung benötigen, was die Nebenwirkungen und Kosten reduziert. Die Implementierung der neoadjuvanten Therapie in die klinische Praxis ist jedoch mit Herausforderungen wie der fehlenden Zulassung in der Schweiz und der Notwendigkeit spezialisierter histopathologischer Beurteilungen verbunden. Zukünftige Forschungsanstrengungen sollten sich darauf konzentrieren, Kriterien zur Patientenselektion zu entwickeln und die Rolle histopathologischer Untersuchungen in der Prognose zu validieren. Eine Deeskalation der Therapieansätze könnte zu einer patientenorientierteren, ressourcenschonenden Medizin führen.

For a long time, advanced melanoma was a difficult-to-treat disease with no effective survival strategies. With the development of checkpoint inhibitors and kinase inhibitors in the 21st century, treatment options have improved considerably. Recent studies indicate that adjuvant therapy with anti-PD1-antibodies significantly improves the recurrence-free survival in stage IIB/C patients without lymph node involvement. However, the challenge is to identify the right patients for long-term treatment, as many could be cured by surgery alone. Neoadjuvant therapy, in which systemic treatment is administered before the surgical removal of the macroscopic lymph node metastases, has proven to be promising. Neoadjuvant approaches, particularly with anti-PD1-antibodies, can significantly reduce the recurrence rate. Additionally, histological analysis of tumor tissue after neoadjuvant therapy could help identify patients who do not require further adjuvant treatment, thereby reducing side effects and costs. However, the implementation of neoadjuvant therapy in clinical practice faces challenges, such as the lack of approval in Switzerland and the need for specialized histopathological assessments. Future research efforts should focus on developing criteria for patient selection and validating the role of histopathological examinations in prognosis. A de-escalation of therapeutic approaches could lead to more patient-centered, resource-efficient medicine.
Keywords: Melanoma, high-risk, neoadjuvant, adjuvant, therapy

Einleitung

Das fortgeschrittene Melanom gehörte jahrzehntelang zu den Erkrankungen ohne Therapieansätze mit nachgewiesenem Einfluss auf das Überleben, bis im ersten und zweiten Jahrzehnt unseres Jahrtausends neue therapeutische Ansätze wie die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren oder mit Kinaseinhibitoren für diesen Tumor entwickelt wurden.

Die neuen therapeutischen Ansätze wurden inzwischen auch im adjuvanten Bereich erfolgreich etabliert. Zuletzt zeigten klinische Studien, dass die adjuvante Therapie mit Anti-PD1-Antikörpern auch im Stadium IIB/C (ohne Lymphknotenbefall) die Prognose deutlich verbessert. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass in dieser Situation zahlreiche Patienten behandelt werden, die durch die chirurgischen Massnahmen allein geheilt wären. Deshalb stellt sich hier die Frage, wie wir die richtigen Patienten für eine Langzeitbehandlung identifizieren können. Die neoadjuvante Therapie ist in diesem Zusammenhang eine interessante Option (1).

Aktuelle Studienergebnisse zur ­adjuvanten und neoadjuvanten Therapie beim Melanom

In der adjuvanten/neoadjuvanten Therapie des Melanoms haben vor allem Anti-PD1-Antikörper die Behandlungsergebnisse revolutioniert. Aufgrund prospektiv randomisierter Studien sind inzwischen die Anti-PD1-Antikörper Nivolumab und Pembrolizumab sowie die Kinaseinhibitor-Kombination Dabrafenib und Trametinib zur adjuvanten Therapie des Melanoms seit mehreren Jahren zugelassen. Während bei der adjuvanten Therapie zunächst sämtliche Tumormanifestationen chirurgisch entfernt werden und dann vorbeugend eine Therapie typischerweise für die Dauer von einem Jahr erfolgt, wird der ­Operationszeitpunkt bei der neoadjuvanten Therapie verschoben (Abb. 1). Das bedeutet, dass zunächst eine Systemtherapie eingeleitet wird, für etwa 8–12 Wochen. Danach wird die Tumormanifestation operativ entfernt.

Die Durchführbarkeit und der Langzeitnutzen dieser neuen, neoadjuvanten Strategie wurden für mehrere Medikamente bereits gezeigt. In grösseren Phase-II-Studien mit der Kombination von Ipilimumab und Nivolumab zeigte sich eine unerwartet hohe Rate von Rezidivfreiheit (2).
Inzwischen liegen auch prospektiv randomisierte Studien vor. So wurde zum Beispiel die intraläsionale Therapie mit dem gentechnologisch modifizierten Herpes-simplex-Virus TVEC prospektiv randomisiert untersucht (3). Dabei erhielt ein Teil der Patienten 6 Injektionen mit diesem Virus, bevor die Operation durchgeführt wurde. Die anderen Patienten wurden konventionell behandelt. Adjuvante Therapien konnten nach Ermessen der Studienzentren nach Wahl durchgeführt werden. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Patienten im Kontrollarm mehr adjuvante Therapien erhalten hatten. Für diese Studie liegen nun Langzeitergebnisse vor. Es findet sich ein deutlicher Vorteil bezüglich rezidivfreiem Intervall, aber auch eine verbesserte Überlebensrate nach 5 Jahren für die neoadjuvant behandelten Patienten.

Eine weitere grössere prospektiv randomisierte Studie hat die adjuvante Therapie mit Pembrolizumab direkt verglichen mit der neoadjuvanten Therapie (4). Im Rahmen dieser Studie waren die Zahl und die Dosis der Immuntherapie in beiden Therapiearmen gleich. Einzig wurde der Operationszeitpunkt im neoadjuvanten Arm um ca. 12 Wochen verzögert. Die Auswertung dieser Studie zeigte einen erstaunlichen Vorteil für die Patienten, die neoadjuvant behandelt wurden. Die Rezidivrate konnte um etwa 40 % ­gesenkt werden.

In der neuesten Phase-III-Studie wurden Patienten mit ­resektablem, makroskopischem Stadium-III-Melanom randomisiert in zwei Gruppen eingeteilt: Eine erhielt 2 Zyklen neoadjuvanter Therapie mit Ipilimumab und Nivolumab, gefolgt von einer Operation, während die andere Gruppe zuerst operiert wurde und anschliessend 12 Zyklen adjuvanter Nivolumab-Therapie erhielt (5). Mit der neoadjuvanten Therapie konnte eine signifikant überlegene Ereignisfreiheit im Vergleich zur adjuvanten Therapie erzielt werden. Die neoadjuvante Therapie führte bei der Mehrheit der Patienten zu einem erstaunlichen pathologischen Ansprechen (komplettes bzw. fast komplettes Ansprechen bei 59 %). Im Vergleich dazu lag die rezidivfreie Überlebensrate bei den neoadjuvant behandelten Patienten mit partiellem oder fehlendem pathologischen Ansprechen trotz anschliessender adjuvanter Therapie über 12 Monate deutlich niedriger (76.1 % bzw. 57 %).

Aufgrund dieser randomisierten Studien wird die neoadjuvante Therapie bereits heute standardmässig in verschiedenen Behandlungsguidelines empfohlen und wurde u. a. mit Anti-PD-Inhibitor bereits in Australien für diese neue Indikation zugelassen.

Während die neoadjuvante Behandlung mit den Tyrosinkinaseinhibitoren Dabrafenib plus Trametinib im Vergleich zur neoadjuvanten Anti-PD1-Therapie zu hohen pathologischen Ansprechraten führte, hatten Patienten mit komplettem pathologischem Ansprechen jedoch immer noch ein hohes Rezidivrisiko. Im Gegensatz dazu sind die Unterschiede zwischen BRAF-/MEK-Inhibitor-Therapie und Anti-PD1-Therapie im adjuvanten Ansatz nicht so markant, da sowohl die Kinaseinhibitor-Kombination als auch Anti-PD-1(Programmed cell death protein-1)-Antikörper das Rezidivrisiko in ähnlicher Weise verringern.

Wie in der Einführung erwähnt, liegt ein Problem in der adjuvanten/neoadjuvanten Therapie darin, dass viele Patienten unnötigerweise einer toxischen Therapie exponiert werden.

Hier bietet insbesondere der neoadjuvante Therapieeinsatz eine überzeugende Option zur präzisen Abschätzung der Therapiebedürftigkeit. Bei der operativen Entfernung nach der neoadjuvanten Therapiephase wird das entfernte Gewebe histologisch aufgearbeitet und der Anteil an Tumorgewebe bestimmt. Ein erheblicher Teil der Patienten zeigt bei dieser Untersuchung keine Tumorreste mehr, sondern nur noch entzündliche Veränderungen. Diese als histologisch komplette oder fast komplette Remission bezeichneten Phänomene erlauben es möglicherweise, die Notwendigkeit einer weiteren adjuvanten Therapie abzuschätzen. So weisen die Ergebnisse einer grossen internationalen Studie darauf hin, dass Patienten mit kompletter oder fast kompletter pathologischer Remission keiner zusätzlichen Behandlung mehr bedürfen. Damit könnte die adjuvante Therapie für diese Patienten verkürzt werden sowie potenzielle Nebenwirkungen und Kosten reduziert werden (2). Es ist jedoch eine längere Nachbeobachtungszeit erforderlich, bevor dieses Behandlungskonzept in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann.
Die Einführung der neoadjuvanten Therapie in die klinische Routine ist jedoch mit einigen Schwierigkeiten verbunden.

So ist zum Beispiel in der Schweiz die neoadjuvante Therapie nicht zugelassen. Da die Studien zu diesem Therapieansatz in der Regel nicht durch pharmazeutische Unternehmen gesponsert wurden, sind sie auch kaum in der Lage, die Zulassung dieser Therapieform zu beantragen. Ein weiteres Problem ist die korrekte Ausführung der Operation mit der Entfernung der wichtigen Referenzmetastase und die kompetente histopathologische Aufarbeitung. Dies erfordert sehr viel Erfahrung. Spezialisierte pathologische Zentren für diese wichtige Aufgabe gibt es kaum.

Trotz der beeindruckenden klinischen Daten zu neoadjuvanten Therapien beim Hochrisikomelanom bleiben zum aktuellen Zeitpunkt noch Fragen offen, wie zum Beispiel: Was für Daten sind erforderlich, um die klinische Praxis in der Chirurgie des Melanoms zu ändern?

Fazit und Ausblick

Die erfolgreiche Einführung der Immun- und zielgerichteten Behandlungen im Frühstadium des Melanoms führt zu einer grossen Patientenpopulation, die für diese Behandlungen qualifiziert. Je mehr frühere Krankheitsstadien diesen Behandlungen zugeführt werden, desto höher ist der Anteil an Patienten, die unnötig behandelt werden. Hier stellt sich definitiv die Frage der richtigen Patientenselektion. Die Aufgabe der akademischen Zentren heute besteht nun darin, Kriterien zu erarbeiten, wie Patienten selektioniert werden können. Neben zahlreichen molekularbiologischen Ansätzen (5) erscheint hier der neoadjuvante Ansatz vielversprechend, weil er die Reaktion des Tumorgewebes auf eine Behandlung histologisch analysieren kann. Aus den Ergebnissen kann abgeleitet werden, ob und welche therapeutischen Massnahmen später noch nötig sein werden. Wird die Verlässlichkeit der histopathologischen Untersuchungen für die Prognose weiter bestätigt, können vielleicht sogar bildgebende Verfahren in der Nachsorge dieser Patienten reduziert werden.

Deeskalation von therapeutischen Strategien ist eine wichtige Aufgabe der modernen personalisierten, ressourcenbewussten Medizin.

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer 1,2
Dr. med. Lara Valeska Maul 1
Dr. med. Egle Ramelyte 1
PD Dr. med. Joanna Mangana 1
1 Klinik für Dermatologie, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, 8091 Zürich
2 Kantonsspital Aarau, Hautkrebszentrum, Bahnhofplatz 3C, 5001 Aarau

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus Therapeutische Umschau 05/25

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer

– Senior Consultant
Klinik für Dermatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
reinhard.dummer@usz.ch

– Leiter Hautkrebszentrum
Kantonsspital Aarau, Hautkrebszentrum
Bahnhofplatz 3C
5001 Aarau
reinhard.dummer@ksa.ch

Dr. med. Lara Valeska Maul

Klinik für Dermatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Egle Ramelyte

Klinik für Dermatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer erklärt potenzielle Interessenkonflikte mit: Novartis, Merck Sharp & Dhome (MSD), Bristol Myers Squibb (BMS), Roche, Amgen, Takeda, Pierre Fabre, Sun Pharma, Sanofi, Catalym, Second Genome, Regeneron, T3 Pharma, MaxiVAX SA, Pfizer und Simcere. Er ist Senior Medical Advisor bei Oncobit.
Dr. med. Lara Valeska Maul erklärt potenzielle Interessenkonflikte mit: Almirall, Amgen, Bristol Myers Squibb (BMS), Canfield, Eli Lilly, Incyte, Merck Sharp & Dohme (MSD), Novartis, Pierre Fabre, Roche und Sanofi.
Dr. med. Egle Ramelyte erklärt potenzielle Interessenkonflikte mit: Bristol Myers Squibb, Merck Sharp & Dohme, Pierre Fabre, Amgen, Sanofi, Kyowa Kirin, Takeda, Elli Lilly, Leo Pharma.
Kongress/Reiseunterstützung: Sanofi, Pierre Fabre, Kyowa Kirin, Galderma.
PD Dr. med. Joanna Mangana erklärt potenzielle Interessenkonflikte mit: Merck/Pfizer, Merck Sharp & Dohme, Novartis, Roche, Pierre Fabre, Amgen, Bristol Myers Squibb.
Kongress/Reiseunterstützung: Ultrasun, L’Oreal, Merck Sharp & Dohme, Bristol Myers Squibb und Pierre Fabre.

  • Die Einführung neuer Medikamente hat die Heilungsaussichten beim Hochrisikomelanom deutlich ­verbessert. Der frühzeitige Einsatz vor allem im neo­adjuvanten Ansatz führt zur Reduktion chirurgischer Massnahmen und Verbesserung der Lebensqualität.

1. Garbe C, Dummer R, Amaral T, et al. Neoadjuvant immunotherapy for melanoma is now ready for clinical practice. Nat Med 2023;29:1310–2. https://doi.org/10.1038/s41591-023-02336-1.
2. Reijers ILM, Menzies AM, van Akkooi ACJ, Versluis JM, van den Heuvel NMJ, Saw RPM, et al. Personalized response-directed surgery and adjuvant therapy after neoadjuvant ipilimumab and nivolumab in high-risk stage III melanoma: the PRADO trial. Nat Med 2022;28:1178–88. https://doi.org/10.1038/s41591-022-01851-x.
3. Dummer R, Gyorki DE, Hyngstrom J, et al. Neoadjuvant talimogene laherparepvec plus surgery versus surgery alone for resectable stage IIIB-IVM1a melanoma: a randomized, open-label, phase 2 trial. Nat Med 2021;27:1789–96. https://doi.org/10.1038/s41591-021-01510-7.
4. Patel SP, Othus M, Chen Y, et al. Neoadjuvant-Adjuvant or Adjuvant-Only Pembrolizumab in Advanced Melanoma. N Engl J Med 2023;388:813–23. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2211437.
5. Blank CU, Lucas MW, Scolyer RA, et al. Neoadjuvant Nivolumab and Ipilimumab in Resectable Stage III Melanoma. N Engl J Med. 2024 Jun 2. doi: 10.1056/NEJMoa2402604.
6. Irmisch A, Bonilla X, Chevrier S, et al. The Tumor Profiler Study: integrated, multi-omic, functional tumor profiling for clinical decision support. Cancer Cell 2021;39:288–93. https://doi.org/10.1016/j.ccell.2021.01.004.